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Der Ton des Lebens

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© 2017 Freia Sol

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359
Hamburg

ISBN

Paperback:978-3-7439-7539-2

Hardcover:978-3-7439-7540-8

e-Book:978-3-7439-7541-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Zärtlich strich er über das Holz. Fuhr zitternd, als bestünde die Möglichkeit, dass sie bei stärkerem Druck zu Staub zerfällt, die Rundungen des Korpus nach. Er spürte jede Erhebung, jedes Absenken der Wölbungen, umfuhr die Hohlkehle, strich unsäglich langsam über den Hals hinauf zum Wirbelkasten, zur Schnecke, deren Einkerbung er gleich mehrfach der Spirale folgte.

Er prüfte den Sitz der Wirbel. Fest mussten sie in ihren Löchern harren und die Saiten halten. Gerade so fest, dass sich mit sanftem Druck der linken Hand, jeder Wirbel drehen ließ.

Die Minuten verstrichen.

Er schmiegte sie an seinen Hals und ließ den Kopf nach links sinken. Mit geschlossenen Augen, begann er das Instrument zu stimmen. Sein absolutes Gehör, entließ die reinen Quinten in den Raum.

Es erklang ein Fis mit angedeutetem Vibrato, der vierte Takt endet auf einem dreigestrichenen ‚D’, ersterbend, um eine Oktave tiefer wiedergeboren zu werden.

Der Ton schwoll an und rang mit der Luft trinkenden Lunge um den Platz. Schließlich löst der ätherische Klang des H’s, die bittere Süße auf.

Sein Herz schmerzte.

Ein letztes Mal wollte sein Innerstes berührt werden, ein letztes Mal sollte er eins mit seiner Violine sein, ein letztes Mal wollte er zitternd erschöpft auf seinem Stuhl zusammensinken, um sie dann in den Keller zu tragen, wegzusperren, seine Unfähigkeit nicht ständig vor Augen. Hendrik hatte mit zwei Fingern der linken Hand die Saiten gegriffen.

Mit verzerrtem Gesicht, welches im Widerspruch zu seiner ruhigen zärtlichen Handlung stand, umwickelte er die Geige sorgfältig, legte sie in den Koffer, die Scharniere klickten in den Schlössern ein, er nahm den Kasten auf und stieg die Treppe hinab.

Isabel, die in Erinnerungen an sein einstmals brillantes Spiel gelauscht hatte, ließ ihre Lektüre sinken.

Vor jenem verhängnisvollen Tag, strahlte sein ganzes Wesen eine ungemein anziehende Arroganz aus. Seine angenehmen Züge mit der leicht erhöhten rechten Augenbraue, seine dunkelbraunen, kaum zu bändigenden Haare, welche mittellang, stets in verwegener Unordnung waren, ließen nicht nur Frauenaugen auf ihm verweilen.

Und er wusste seinen Nimbus zu nutzen. Wie durch Zauberhand öffneten sich Türen, um in den Olymp der gefeierten Musiker aufsteigen zu können. War er auf einer Matinee oder Abendveranstaltung geladen, konnte man davon ausgehen, dass nicht nur die Zahl der Gäste höher als geplant ausfiel, sondern, dass es Dank seines charmanten unterhaltsamen Wesens, ein Erfolg wurde, von dem noch Tage später die Rede war. Bei einer dieser Gelegenheiten traf er seine zukünftige Frau.

Als Tochter des Gastgebers, der Handel mit fernöstlichen Stoffen tätigte, wurde sie ihm schon beim Empfang vorgestellt. Angetan von ihrem zerbrechlichen Wesen, ihrem Porzellanteint, den dunkelblauen, leicht asiatisch anmutenden Augen, sowie dem weichen blonden Haar, löste sie in ihm den Wunsch aus, sie an sich zu binden.

Ihr Liebreiz wurde durch eine leicht vorgeschobene Oberlippe vervollkommnt, die in Erregung zuckte und auf nette Art naiv wirkte. Ein hingehauchtes Grübchen, das ihr etwas zu spitzes Kinn abrundete, lud ein, ihren Kopf in die Hände zu nehmen.

An diesem Abend war er wenig beredt und erlag der Faszination des Beobachtens. Ihre ätherische Schönheit machte ihn stumm. Häufig hatten Herren bei ihrem Vater vorgesprochen, doch da das gewisse Etwas gefehlt hatte, wurden alle bisherigen Gesuche abgelehnt.

Ein jeder Bewerber hatte zwar ein ordentliches Auskommen, somit mangelte es nicht an Prestige und Ansehen, doch waren Vater und Tochter sich einig, dass es ein bisschen mehr sein durfte.

Als Isabels Vater Zeuge eines Gesprächs unter den zwei jungen Menschen wurde, bei welchem Hendrik mit belegter Stimme zu Isabel sagte, „Ich würde sie auf der Stelle gegen meine Geige eintauschen.“, kniff er die Augen zusammen und strich sich über den Schnauzbart. Dieser zukunftsträchtige Virtuose, über den er Erkundigungen eingeholt hatte, hatte zwar kaum Vermögen, jedoch eine baldige Option darauf. Er versprach Klasse und Esprit und deckte den Bereich ab, der der Familie noch abträglich war, den der Kunst.

Nach jenem Abend, verebbte der Fluss der Ondits nur langsam. Ein paar Monate später wurde aus Isabel Fallecker, Frau Isabel Faskes, sie neunzehn, er vierundzwanzig.

Doch Hendriks größter Traum und ihr größter Wunsch, sollte ihnen verwehrt bleiben.

Er, der so kurz davorgestanden hatte, zu einem der Spitzenvirtuosen zu zählen, der zum Vorspiel des größten Violinwettbewerbs geladen worden war, sollte zwei Wochen vor besagtem Wettstreit, Mittel- und Zeigefinger der linken Hand verlieren. Alles was seine Welt ausgemacht hatte brach zusammen. Von einer Sekunde auf die nächste erschien seine Existenz wertlos. Wofür er gekämpft, wofür er gearbeitet, hart gearbeitet hatte, manchmal nahe am Wahnsinn, in einer Art musikalischen Raserei, war zu Staub zerfallen und das Vergessen hatte sich über sein gebrochenes Talent gelegt. Gönner und Konzertorganisatoren waren äußerst konsterniert und übermittelten das Beileid über die Tragik seines Schicksals. Karl Joseph Hendrik Faskes war gebrochen. Übrig, war ein scharfer Splitter, des einst so stolzen genialen Musiker, der um seine Wirkung gewusst hatte.

Für Hendrik wurde eine Glatteisstelle unter der zarten Decke Neuschnees zum Verhängnis. Er stürzte und bei dem Versuch den Sturz abzufangen, fiel er auf die linke Hand. Es krachte.

Innerhalb von wenigen Minuten schwoll diese bis zur Unkenntlichkeit an. Die behandelnden Ärzte waren sich einig, dass die Finger den Handrücken fast berührt haben mussten. Alle Kapseln waren schwer geschädigt. Auch einige Knochen hatten den Sturz nicht unbeschadet überstanden. Als endlich Tage später die Operation erfolgen konnte, kapitulierten die Ärzte vor der Flut der Zerstörung an der Wurzel von Zeige- und Mittelfinger. Ihre ganze Kunst einsetzend, wussten sie wohl, dass ihr Patient die Violine nie wieder spielen sollte.

Hendrik schaffte es nach monatelangem Training die beiden Finger unter größter Willensanstrengung zu krümmen, doch blieben sie auch für den Alltag nahezu unbrauchbar. Als sich diese Gewissheit den Weg durch die sterbende Hoffnung gebahnt hatte, stürzte er in eine tiefe Depression.

Zu diesem Seelentief, gesellte sich ein nebulöses Grauen, das ihn den Rest seines Lebens begleiten sollte und ihn zum Obskurant machte.

Da Isabel aus wohlhabendem Haus stammte und allein durch ihre Mitgift das Einkommen sicherte, wurde der Wohlstand der Eheleute nicht geschmälert. Hendriks Eltern konnten zwar nicht mit dem Vermögen der Falleckers aufwarten, doch wurde zu ungleichen Teilen, ein ansehnliches Anwesen gekauft.

Hendriks Innerstes wehrte sich gegen die Abhängigkeit und anstatt seine Zukunft zu planen, gebärdete er sich unerträglich.

Auch Monate später, ignorierte er die Möglichkeit, sein Leben neu zu ordnen, etwas gänzlich anderes anzustreben.

„Hendrik, versuch es doch wenigstens. Auch wenn es dich nicht so glücklich machen kann wie das Geigen, wir haben uns und alles andere wird die Zeit heilen. Wie werde ich dich lieben können, wenn du dich so hasst?“

„Das kannst Du nicht verstehen. Bitte lass mich.“

Jahre vergingen und das Verhältnis des Paares kühlte ab. Jeder hing seinen eigenen Interessen nach. Man traf sich zu den Mahlzeiten und gelegentlich suchte Hendrik seine Frau des Nachts auf.

Bei einer solchen Zusammenkunft unterbreitete Isabel ihrem Mann, dass sie schwanger sei. Mit dieser Neuigkeit verließ er Isabels Gemach.

In seinem Arbeitsraum überdachte er die neue Situation, denn sie barg eine Möglichkeit, an die er vorher keinen Gedanken verschwendet hatte. Er war aus naiven Gründen der Auffassung gewesen, ein Kind wäre ausgeschlossen, als könne es nur als Zeuge von tief empfundenem Glück und Liebe in die Welt geboren werden.

Abends stellte Isabel an ihm eine Veränderung fest. Nicht die, welche sie heimlich erhofft hatte, doch schien er nun die Zukunft wieder ins Auge zu fassen. Er wollte seinen Schwiegervater, um das häufig angebotene Mitwirken im Falleckerschen Unternehmen, ersuchen.

Was Isabel beobachtete war, dass Hendrik einen Beruf nur deshalb nachgehen wollte, damit die Jahre schneller verflogen. Er wollte die Zeit mit dem Ausüben einer Tätigkeit totschlagen und so stürzte er sich in das kaufmännische Studium.

Einst, vor seiner Verzweiflung kapitulierend, resignierte Isabel jetzt angesichts des fast wütenden Arbeitens ihres Mannes und flüchtete sich ihrerseits in die Literatur. Isabel fand sich endgültig damit ab, neben ihrem Mann zu leben und nicht mit ihm. Zusätzlich beschwert wurde ihr Gemüt durch das Auftreten von Schwangerschaftskomplikationen, welche sie lange Zeit ans Bett fesselten. Hendrik nahm keine gesteigerte Notiz von Isabels Zustand, solange der Arzt bestätigte, dass das Kind nicht in Gefahr sei. Außenstehende mochten einiges übersehen und es als reizende Vaterschaftsängste werten, wenn der Arzt mehr als nötig konsultiert wurde, doch Isabel sah wohl, das Hendrik sich in keinem Augenblick um sie sorgte und begann eine Abneigung gegen das ungeborene Kind zu entwickeln.

Diese Eifersucht schien das wachsende Leben davon abzuhalten, geboren zu werden. Deutlich später als es die Berechnung ergeben hatten, fand die Geburt statt. Wider Erwarten, völlig unproblematisch und schnell.

Isabels Gefühle änderten sich durch die Gnade des Geburtsverlaufs allerdings nicht. Es befielen sie Wochenbettdepressionen und ihr ohnehin nicht übermäßig wohlwollendes Gefühl für das kleine Wesen, kam gänzlich zum Erliegen. Sie versorgte Jules Xaver gleichgültig und aufs Nötigste. Hendriks Desinteresse an seiner Vaterrolle, wurde nur durch Krankheiten des Kindes unterbrochen, die er mit großer Sorge verfolgte.

Jules Xaver Faskes, geboren am 18. Februar 1861, war ein leises Kind. Schon als Säugling erhob er selten seine Stimme, was Verwandte und Bekannte stets veranlasste zu witzeln, dass er wohl lieber verhungern würde, als ordentlich zu brüllen.

Das Interesse für sein Umfeld entwickelte sich zögernd. Manchmal schien es, als würde er sich auf den Raum reduzieren, dessen Ermangelung niemandem auffiel. Vielleicht ahnte der Junge, dessen Gestalt stets als zu klein und ausnehmend dünn betitelt wurde, dass er seine Kindheit mit der Geburt aufgegeben hatte.

Sein heller Teint ließ auf Stirn, Schläfen und Unterkiefer die Venen durchscheinen und die bläulichen Schatten um seine Augen unterschieden sich kaum von der blaugrauen Farbe derselben.

Dieses Blaugrau war von einer traurigen irritierenden Kälte, die gleichermaßen faszinierte, wie erschreckte. Seine feingliedrigen Hände schienen nur der Vollständigkeit halber vorhanden, denn er benutzte sie kaum. Im Schoß abgelegt oder neben dem Gedeck zu Tisch, fristeten sie ihr untätiges Dasein.

Seinen Vater beunruhigte dieser Zustand. Oft legte er ihm ein Säckchen bunt schillernde Murmeln, einen Kasten Holzbausteine oder Buntstifte und Papier vor und forderte ihn auf, damit zu spielen. „Ja, Vater.“, und die Hände blieben untätig. Sie konnten höchstens vom Dielenboden überredet werden, über ihn zu streichen.

Die Holzmaserung fühlend, verbrachte er manche Stunde damit, den Auftreibungen nachzuspüren, die Intensität der Abnutzung festzustellen, und mit mildem Blick wahrzunehmen, wie das Holz sich längs einrollte, als lehnte es sich gegen die Vielzahl von Tritten auf.

Sprach jemand ihn an, senkte sich sein Blick, die dunklen Wimpern warfen Schatten und seine weich geschwungenen Lippen, fühlten sich genötigt etwas zu sagen. Auf manchen Besucher wirkte seine Zurückhaltung aphasisch und anfängliche Aufgeschlossenheit wich einer größer werdenden Distanz.

Seine welligen dunkelblonden Haare fielen fast bis zur Schulter und unterlagen keinem Zwang, denn sein Vater wollte, dass auch sein Äußeres dem entsprach, was in ihm zu liegen habe, eine Künstlerseele.

Der Umstand, dass Jules mit seinen vier Jahren nicht kräftig gebaut war und auch nicht mit starker Präsenz seine Umgebung erkundete, bestätigten Hendriks Hoffnung.

Noch ein halbes Jahr, dann sollte Jules Xaver seine erste Violine bekommen.

Der Tag, den Hendrik so sehnlich erwartet hatte kam und Jules Xaver, nun viereinhalbjährig, lief an der Hand seines Vaters früh morgens zur bestellten Kutsche.

Isabels Vermutung wurde traurige Gewissheit und sie legte endgültig das Siegel der Resignation auf den Traum einer glücklichen Ehe und ihr Auge sollte in Zukunft, wenn nicht mit Liebe, dann mit einem ehrlich empfundenen Mitleid auf ihrem Sohn ruhen.

Hendrik gab dem Kutscher Anweisungen und die zwei Stunden währende Fahrt wurde angetreten. Jules wusste, dass es zu einem Herrn Reiter ging, einem Geigenbaumeister, soviel konnte er bei dem gestrigen Disput seiner Eltern am Tisch verstehen.

„Das verstehst du nicht, er muss ihn sehen. Der Mann kann in seine Seele sehen und die Beste auswählen. Es ist ausgeschlossen, dass ich einfach eine schicken lasse, das tut man nicht. Nicht bei derart wichtigen Entscheidungen.“

„Aber du hast dir selbst doch auch einst eine schicken lassen, bevor“, hier machte Isabel eine Pause, sie rührte an einem Ereignis, dass nie erwähnt wurde, „du weißt schon, bevor …“.

Hendrik schaute sie ausdruckslos an. Die Muskeln seines Kiefers kontrahierten.

„Reiter kennt mich. Er wusste, dass die Geige zu mir passen musste.“

Was Jules verstand, war, dass besagter Herr, früher für den einwandfreien Zustand des Instruments seines Vaters bestellt gewesen war. Doch welches Instrument? Es gab weder Worte der Vergangenheit, noch greifbare Zeugen, die dem Jungen je gegenwärtig gewesen wären und so konnte er der Diskussion nicht folgen, deren Ursache offensichtlich er, seine sonst wenig beachtete Person, war.

Lehrjahre

Die Fahrt führte über das Land und streifte ein paar kleinere Ortschaften. Bauern mähten mit der Sense, mit weit ausladenden, im ruhigen Rhythmus schwingenden Bewegungen Gras, welches durch den warmen, jedoch nicht an Niederschlägen mangelnden Sommer, frisch und kräftig den Wiesen ihr saftiges Grün verlieh. Grillen zirpten lockend, hier und da drehte ein Bussard seine Kreise. Idyllisch gleißte über der Landschaft das Licht des vormittäglichen Versprechens auf Wärme und Frieden.

Es wurde nicht gesprochen.

Jules, dessen Vater noch nie mit ihm allein das Haus verlassen hatte, wusste, dass dies ein besonderer Tag sein musste. Nicht ohne Scheu gedachte er der kommenden Stunden, denn das Befremdliche dieser Situation fuhr mit.

Ein Ereignis der näheren Vergangenheit hatte ihn gelehrt, den Vater nie auf Musik und Violinen anzusprechen.

Jules Gedanken wurden durch das Erreichen des Zielortes unterbrochen. Meister Reiter trat durch die geöffnete Werkstatttür ins Freie. Hendrik entstieg mit Jules der Kutsche und sprach mit dem Kutscher den Zeitpunkt der Rückreise ab. Die zwei Apfelschimmel setzten sich wieder in Bewegung.

Der Geigenbauer und Hendrik begrüßten sich mit herzlicher Zurückhaltung, in der Art, wie es gute Bekannte taten, die sich lange nicht gesprochen hatten.

„Schön Sie zu sehen, mein Lieber Hendrik. Mir dünkt, es wäre eine kleine Ewigkeit vergangen.“

„Ja, da haben sie Recht.“ Hendrik ließ seinen Blick schweifen. „Ich freue mich endlich wieder hier zu sein, wenn auch leider nicht aus eigennützigen Gründen.“ Um die staubige Belegung seiner Stimme abzuschütteln räusperte er sich, suchte mit der rechten Hand die Schulter seines Sohnes, den er hinter sich stehen spürte und mit erwartungsvollem Glanz in den Augen schob er Jules nach vorne und stellte ihn Herrn Reiter vor. Dieser reichte ihm mit einer freundlichen aufmunternden Geste die Hand.

„Hallo mein Kleiner.“

Jules, der die Dargebotene nur zögernd ergriff, wandte sich seinem Vater zu. Die liebenswerte Art überforderte ihn. Doch ihm kam keine Hilfe entgegen. Reiter milderte das Unbehagen des Kleinen selbst und strich ihm mit seiner rauen schwieligen, von Narben der handwerklichen Arbeit veredelten Hand, über den Kopf.

„Wohl denn, schauen wir mal, ob ich eine passende Violine habe. Mich dünkt, dass zwei oder drei zur Wahl stehen.“

Als sie die geräumige Werkstatt betraten, glitt sein prüfender Blick erneut über Jules.

Es roch nach Holz, Harz, Terpentin. Eine dünne Lavendelnote rundete, dass in seiner Intensität betörend angenehme Arbeitsbouquet ab. Auf dem Boden vor der Werkbank lagen Sägespäne, die an anderer Stelle zusammengekehrt Haufen bildeten. Fast jede Fläche schien von feinem Staub bedeckt und hüllte den Raum in eine mystische Aura, wie sie bisweilen betagten Gebäuden innewohnt, die in Jahren der Nichtnutzung, selbst senkrechten Flächen erlaubten, sich mit dem Staub der Zeit zu bedecken.

Regale, die mannigfach an den Wänden aufgestellt und angebracht waren, boten einen chaotischen Anblick, der jedoch bei näherer Betrachtung, selbst dem Unwissenden eine Systematik offenbarte.

Man fand Unmengen an Töpfen, Tiegeln und Gläsern, alle mit sauber angebrachter Etikettierung. Werkzeuge verschiedenster Bestimmung, teils hängend, teils liegend, der Größe nach geordnet, mit Leerräumen, die auf einen momentanen Gebrauch des Hilfsmittels schließen ließen. Pinsel standen zur Säuberung mit den Borsten in Lösungsmittel, daneben lagerten Baumwolllappen. In einem weiteren Regal, stapelte sich Holz verschiedener Herkunft und Größe, sowie Innenformen.

An Seilen, welche horizontal gespannt die Längsseite des Raumes durchliefen, hingen die Kinder dieser Werkstatt. Violinen über Violinen adelten die Stätte ihrer Geburt. Aufgereiht in der Einkerbung zwischen Schnecke und Wirbelkasten, harrten sie, das Sakrale ihrer Entstehung ausstrahlend, ihren zukünftigen Besitzern.

Meister Reiter näherte sich dieser Sammlung mit zögerlichem Schritt. Sein Blick glitt über die kleinsten Geigen. Er entnahm dieser Reihe eine Violine der Größe einsechzehntel.

Von den für Jules zur Wahl stehenden, sprach diese den Jungen besonders an. Jules barst innerlich vor Anspannung.

Es war das erste Mal, dass er einem Instrument so nahe war und somit beschränkte sich sein Geschmack auf die Vorliebe für Gebrauchtes. Die Geige schmückte ein tiefer, gelber Braunton wie er denen entsprach, die zumeist alt sind, schon Geschichte singen können. Der unregelmäßig geflammte Boden und die Ebenholzgarnitur, zu der erst jüngst der Kinnhalter gefunden hatte und zusammen mit den Wirbeln und dem Saitenhalter einen angenehm antiken Eindruck machte, ließen sein Herz höherschlagen.

In der Art, wie Meister Reiter die Geige ihrem Platz entnahm, lag die ganze Liebe seiner Arbeit. Mit der Rechten, den unteren Bereich des Korpus haltend, mit spitzem Zeigefinger und Daumen der Linken, den Hals greifend, nahm er sie vom tragenden Seil, um sie so behutsam, als reiche er einen Säugling weiter, an Hendrik zu übergeben. Dieser zuckte merklich zusammen und mit dünnen Lippen presste er hervor,

„Oh nein, danke. Übernehmen Sie das bitte.“

Einen kurzen Augenblick sahen sich die Männer in die Augen. Hendrik sah das schmerzhafte Verständnis, dass er so hasste.

„Selbstverständlich, dann wollen wir mal.“

Durch das Bewusstsein, die Erwartungen seines Vaters erfüllen zu müssen, senkte Jules seinen Blick und verschattete sein unsicheres Antlitz. Meister Reiter ging in die Knie und in ruhigem Bariton wandte er sich an das verunsicherte Kind.

„Du brauchst dich nicht fürchten, kleiner Jules, es ist ähnlich wie bei der Anprobe von Schuhen.“

Diese kleine Violine hatte ein Korpusmaß von 22,5 cm und musste auf einen Erwachsenen, der sich dem Instrument nicht verbunden fühlte, den Eindruck eines Spielzeugs machen. Auch die optische Wertigkeit, litt für den Ungeübten unter der Miniatur. Doch alle Beteiligten, diese drei Personen in der Werkstatt des Meisters, sahen in ihr das Wunder das es war. Eben, dass aus diesen, kunstvoll mit Zeit, Erfahrung und Liebe gearbeiteten und zusammengefügten Holzteilen, göttliche Töne erklingen konnten. Jules wohnte einst mit seiner Mutter dem Geigenspiel einer ihrer Freundinnen bei, deren Unterricht zum Zeitpunkt ihres Besuches noch nicht geendet hatte. Auch wenn die Etüdenfragmente nur mäßig und durch vielfache Unterbrechung des Lehrers, kaum genossen werden konnten, empfand er diese Erfahrung als ungemein ansprechend. Die zitternde Intensität dieser wenigen Minuten, machte soviel Eindruck auf ihn, dass er in den darauffolgenden Nächten kaum Schlaf fand.

Sein Vater sollte davon nichts erfahren. Jules verstand nicht die Notwendigkeit der Geheimhaltung, doch die Art, wie seine Mutter beschwörend auf ihn eindrang, bezeugte die Dringlichkeit. Die Angst seiner Mutter ging soweit, dass sie zwar fahrig, doch sanft sein Haar streichelte und auf dem Heimweg seine Hand nicht mit der Härte hielt und ihn hinter sich herzog, wie es ihrer Gewohnheit entsprach. Dieses Zupacken, als wenn man genötigt ist, etwas Unangenehmes anzufassen und darum lieber einmal fester zugreift, als es womöglich mehrfach tun zu müssen, erlag an diesem Tag ihrer Sorge, dass Hendrik vom Musizieren ihrer Freundin erfahren könnte. Jules Xaver nahm das Geschehen befremdet wahr. Zurück blieb der Wunsch, die weiche Hand seiner Mutter wieder spüren zu dürfen.

Nun, mit der Violine am Hals, begriff er, dass er diese Stimme nicht nur hören, sondern selbst hervorzaubern lernen sollte. Mit der Hilfe des Geigenbaumeisters, verstand er sie zwischen Schulter und Kinn zu halten. Das ungewohnte Gefühl und die Angst sie fallen zu lassen vergessend, harrte er mit geschlossenen Augen in tiefer Pose, welche angesichts seines Alters eine komische Komponente trug. Er bemerkte nicht, wie die zwei Männer vielsagende Blicke tauschten und ein zuckendes, weinerliches Lächeln um den Mund seines Vaters spielte.

Dieser stille Moment währte lange. Jules schreckte erst auf, als die Gegenwart der Erwachsenen in sein Bewusstsein zurückkehrte. Gütig schaute Reiter auf ihn herab, nickte wissend und sagte,

„Wir haben sie wohl schon gefunden.“

Das stumme Verständnis ließ Jules Herz schneller schlagen und Tränen des Glücks liefen seine Wangen herab. Während Reiter, mit seiner linken schwieligen Hand, ihm eine von der Wange wischte, umfasste er mit der anderen die Violine und nahm sie ihm ab.

Eine unaufdringliche Geschäftigkeit begann, in der der Meister, die Geige der Obhut eines eigens dafür vorgesehenen Kastens übergab, in dem auch ein Bogen verankert lag. Der finanzielle Aspekt wurde besprochen. Schnell waren die Männer sich einig und auf dem Weg zur Tür brachten sie den Besuch, Höflichkeiten austauschend, zum Ende. Die Kutsche stand bereit und stumm gab man sich unter angedeuteter Verbeugung die Hand.

Der Meister sah den Abfahrenden nach, sah wie der Junge zögernd seine Hand hob, um sachte zu winken. Die Kutsche bog um die Straßenkehre und entzog sich seinem Blick. Reiter blieb stehen. Er senkte seinen Blick und schaute sich seine schwieligen Handflächen an. Dann schob er sie in die Hosentaschen.

Es wurde auch auf der Heimfahrt kein Wort gewechselt. Beider Gedanken, drehten sich um das zukünftige Spiel. Wie stark die Vorstellungen voneinander abwichen, sollte Jules bald erfahren.

Jules, hatte die halbe Nacht vor Spannung wachgelegen.

Beim Frühstück stellte sich heraus, dass nicht nur Jules mit der Übermüdung zu kämpften hatte. Auch seine Mutter schien mit ihrem Brötchen solange beschäftigt, dass es den Eindruck erweckte, es könne sich regenerieren. Sein Vater hingegen aß regelrecht hastig, wenn auch nicht so üppig wie gewöhnlich und ließ die Zeitung, deren Lektüre er im Anschluss gewohnt war, unbeachtet bei Seite liegen.

Hendrik stand auf und ging zu dem für die Feierlichkeit seiner Schritte zu nahe stehenden Sekretär, auf dem seit ihrer Ankunft der Violinenkasten lag. Isabel, deren innere Unruhe, durch ihr bemüht ausdrucksloses Gesicht, Jules schon den ganzen Morgen in angespannter Beobachtung hielt, erhob sich vom Tisch, schob dabei den Stuhl nach hinten, ging um den Selbigen und setzte ihn an seinem angestammten Platz leise ab. Und ebenso leise, als wolle sie ihre vorherige Anwesenheit leugnen, verließ sie das Zimmer.

Der Tisch, mit dem Frühstücksgedeck versehen, bot ein ungewohntes Bild.

Der Vater hatte die Tafel aufgelöst und unter anderen Umständen wäre das Abräumen alsbald erfolgt. Doch entweder auf Grund der Tatsache, dass Isabel und Jules nicht geendet hatten oder, dass Hendrik im Hinblick auf die kommende Stunde für derart Aufhaltendes keine Zeit erübrigen wollte, blieb er vorerst in seiner Unordnung.

Jules wurde bei so viel feierlichem Ernst von Seiten seines Vaters mulmig. Ein ungutes Gefühl beschlich ihn. Ein Zerren ergriff seine Eingeweide und seine Atmung verkrampfte, seine Lippen pressten sich zusammen und seine Nasenflügel bebten.

„Steh auf mein Sohn und stell dich neben mich. Wir wollen sehen, was in dir steckt.“

Jules gehorchte. Seine Knie hatten zwar an Festigkeit verloren, doch brachten sie ihn, an den ihm zugewiesenen Platz. Die Geige fand, wie tags zuvor in der Werkstatt, ihren Weg auf die Schulter und an den Hals des Jungen, diesmal von der Hand des Vaters platziert. Automatisch senkte Jules seinen Kopf Richtung Korpus. Es wurde zwar von ihm erwartet, doch entsprach es auch seinem natürlichen Bedürfnis. Sanft begann sich die nebulöse Versenkung auf Jules zu legen, doch die Stimme seines Vaters löste diesen Zustand gleichwohl auf.

„Leichter! Dein Kopf ist zu schwer.“

Die plötzliche Schroffheit, als könne er mit heftigem Auftreten eventuelles Unvermögen im Keim ersticken, erschreckte den Jungen, so dass er den Kopf ruckartig anhob. Das Entgleiten des Instruments war die Folge und er griff nach der Violine. Sein Vater, auf den Fall vorbereitet, war schneller, fasste das Instrument mit der Rechten und schlug Jules mit unerwarteter Wucht seine entstellte Hand ins Gesicht. Mit blitzenden Augen griff er ihn bei der Schulter und presste hervor,

„Hast du eine Ahnung was dieses Instrument wert ist? Was ich bereit bin, für dich zu opfern? Konzentriere dich auf deine Haltung oder ich will dich lehren schneller zu begreifen.“

Völlig erstarrt verstand Jules die Heftigkeit des Geschehenen nicht. Doch was er begriff war, dass, solange sein Vater den Unterricht erteilte, die Violine ihm keine Freude schenken würde.

Er bekam Angst. Angst vor den unzähligen Übungsstunden, eingekeilt zwischen Vater und Geige. Er konnte sich nur auf eine Art schützen, er musste sich noch tiefer in sein Inneres zurückziehen, die Zeit für sich arbeiten lassen. Er musste geschehen lassen, dass das Instrument wieder den Platz auf seiner Schulter fand, er den Kopf diesmal auf Geheiß absinken lassen musste, um in dieser Pose zu verharren. Es fühlte sich anders an, fremder als die vorangegangenen Male.

Jules ging nun, der Aufforderung folgend, im Zimmer auf und ab, während er darauf zu achten hatte, dass die Violine nicht verrutschte. Eineinhalb lange Stunden musste Jules den Esstisch umrunden und den Raum durchschreiten. Hendrik setzte sich in den Ohrensessel, der am Fenster platziert den Blick in den Raum lenkte, und fing an, die Zeitung zu lesen. Ab und an, schaute er auf.

Nach Beendigung seiner Lektüre rief er den Jungen zu sich und nahm die Geige aus dessen Umklammerung. Die Angst sie fallen zu lassen und die lange Zeit, hatten Jules veranlasst den Hals zu verkrampfen und die Schulter anzuheben.

„Heute Abend üben wir dasselbe und das machen wir solange, bis du gelernt hast, sie zu halten, ohne, dass ich Angst haben muss, das Holz splittern zu hören. Nun geh auf dein Zimmer.“

Schulter und Nacken zusammengezogen und unter Schmerzen den Kopf langsam bewegend, verließ Jules den Raum. Sein Kiefer tat weh und er versuchte verschiedene Punkte mit den Fingern zu ertasten und dem ungewohnten Druckschmerz nachzuspüren. Auch am Schlüsselbein hatte die Violine Furchen gezogen, die er mit fragiler Bewunderung befühlte, einer Bewunderung deren Ursprung Hass war.

In seinem Zimmer angekommen, schloss er leise die Tür und legte sich rücklings auf das Bett. Die Polsterung gab nach und umrahmt vom Blumenmuster der Häkeldecke, die als Überwurf diente und florale Fröhlichkeit in den Raum zu bringen suchte, schloss er eingesunken die Augen und spürte dem dumpfen Schmerz nach. Er dachte an nichts. Solange es Tag war, entsprach es nicht seiner Natur, sich mit Belastendem zu peinigen. Doch nachts stiegen die Ereignisse empor und quälten ihn. Morgens mussten die Blässe und die dunklen Schatten unter den Augen zwangsläufig auffallen und Hendrik machte dafür stets Isabels mangelnde Fürsorge verantwortlich, was dazu führte, dass der Kleine noch ein bisschen mehr der Kälte empfing.

Da Jules keine elterliche Liebe kannte, konnte er sie auch nicht missen. Da war ein Hohlraum, der Platz für etwas barg, was er nie gekostet hatte. In seinen Augen war diese Leere zu lesen, die fälschlicherweise als etwas Unbestimmbares, Dunkles interpretiert wurde.

Die Tür öffnete sich und seine Mutter trat ins Zimmer. Sie setzte sich neben ihn auf das Bett und glättete die Falten ihres Kleides. Geräusche ließen ihren Blick Richtung Tür auffahren. Aus dem unteren Stockwerk waren Schritte zu vernehmen, die sich leiser werdend entfernten. Nur dem Drängen ihres Inneren gehorchend, sprach sie durch eine bleierne Erschöpfung hindurch, fast flüsternd,

„Es tut mir leid, Jules.“

Den Türknauf schon in der Hand, huschte ihr Blick mit einem unsäglich traurigen Ausdruck über das Kind.

Jules setzte sich auf und starrte die Tür an. Am liebsten wäre er seiner Mutter hinterhergelaufen, um sie festzuhalten und sie zu fragen, was ihr leidtue. Doch er blieb sitzen und sein verzweifeltes Unwissen, spürte wieder einmal diesen Hohlraum, der die Beziehung zu seiner Mutter war. Er wollte eine Stimme, eine Stimme, die zu ihm sprach, ihn beruhigte, sein Herz leichter machte und ihn mitnahm.

Am Mittagstisch wurde nicht gesprochen. Isabel entschuldigte sich alsbald, denn zwischen den Eheleuten war ein Abgrund entstanden, der das Essen aller Beteiligten erkalten ließ, bevor es gegessen war.

Jules ging, nachdem er die Erlaubnis erteilt bekommen hatte den Tisch verlassen zu dürfen, hinaus auf die Terrasse. Seine Mutter saß auf einem gusseisernen Stuhl, bei der Lektüre eines Buches.

Bei seinem Erscheinen, schaute sie auf und fragte,

„Hast du vor in den Garten zu gehen?“

Er war überrascht und bestätigte zögerlich die Frage. Seine Mutter zeigte normalerweise kein Interesse daran, an welchem Ort er sich aufhielt.

Jules verließ selten das Grundstück. Wenn das Wetter es zuließ, fand man ihn in eine Betrachtung vertieft im Garten, welcher sich hinter dem

Haus weitläufig erstreckte und abgesehen von wenigen Beeten und Blumenrabatten aus Wiese bestand, auf der alte Bäumen schattig und schützend ihre Äste über den hielten der sie besuchte.

Das Grundstück fiel ab, je mehr man sich vom Haus entfernte. Ein schmaler Bach kreuzte es auf seinem Weg zum Fluss und diente als natürliche Hürde zum Nachbargrundstück. Jules verlor sich in der Betrachtung der Vielzahl an Insekten die hier auf Schritt und Tritt zu finden waren und sich vor dem suchenden offenen Auge nicht lange versteckten.

Diese sammelte er gelegentlich in einer eigens dafür vorgesehenen Schachtel, um sie genau zu studieren und auf Arm und Hand krabbeln zu lassen. Manchmal krönte er die schönste der Blumen mit einem gefangenen Insekt, oder suchte vierblättrige Kleeblätter.

„Pass auf, dass dich keine Biene sticht.“

Auf Grund seines fragenden Blicks fügte Isabel an,

„Wegen des Übens.“

Sie senkte den Kopf und schien wieder in ihre Lektüre vertieft.

Ab und an, nachdem er in eine Biene getreten war, die zumeist im Klee nach Nektar gesucht hatte, schwoll sein Fuß gefährlich an und das Auftreten bereitete Schwierigkeiten. Tatsächlich wäre solch eine Situation des Vaters Stimmung nicht zuträglich. Doch da der Unterricht sich in Zukunft nicht leichter gestalten würde, hatte Jules den Gedanken, jeden Tag ein solches Insekt zu reizen, damit dieses sein Leben gab, um sein eigenes zu erleichtern. Diese Vorstellung ließen Jules wohlig schaudern.

Sich selbst zu verwunden barg für Jules wenig Schrecken. Vor einem Jahr, hatte er sich aus seinem, im ersten Stock befindlichem Zimmer, fallen lassen, nicht um sich ernstlich zu verletzen, sondern um der tagelang andauernden Ignoranz seiner Eltern etwas entgegenzusetzen.

Seine Gouvernante Anne war für mehrere Wochen in ihre Heimatstadt gefahren, um ihre kranke Mutter zu pflegen. Dies hatten seine Eltern gebilligt, doch weder für Ersatz gesorgt, noch daran gedacht, selbst die Rolle zu übernehmen. In diesen Tagen vermisste er schmerzlich die Gewohnheit, dass jemand seine Zeit mit ihm teilte.

Sie taten meist nichts Besonderes, sie waren einander wie Schatten. Saß Jules inmitten der Wiese und beschäftigte sich mit dem Getier und den Pflanzen, saß sie ebenfalls auf dem Rasen, freilich auf einer Decke und stopfte auszubessernde Kleidung, las ihm eine Geschichte vor oder tat einfach nichts. Hatte sie sich zusammen mit der Haushälterin, um das von den Herrschaften bestellte Essen zu kümmern, so nahm Jules auf einem Schemel neben dem Herd Platz und beobachtete das emsige Treiben der beiden Frauen, nicht ohne hier und da seine Finger in die Töpfe stecken zu dürfen. Es war keine direkte Zuneigung zwischen Pflegling und Kindermädchen, es war eine warme Symbiose, eine vertraute Zweckgemeinschaft, die in ihrer Art auf tiefe Weise eine schnörkellose Ehrlichkeit hatte, die beiden angenehm genügte.

Sein Fenstersturz hatte zur Folge, dass er sich beim Aufprall ein kleiner Ast in seinen Oberschenkel bohrte. Weitere Verletzungen, außer einer Schürfwunde, zog er sich nicht zu. Der Sturz blieb unbeobachtet, so dass er, durch den im Bein steckenden Stock, genötigt war, über den Vorfall selbst Meldung zu machen. Der Hausarzt entfernte daraufhin das Holzstück und seine Rebellion blieb folgenlos, außer, dass sein Fenster geschlossen zu halten war. Niemand registrierte den Grund des Geschehenen und bis zum Eintreffen seiner Gouvernante blieb alles beim Alten.

Er zog seine Lehre daraus und nahm Abstand von den Versuchen, sein Recht zu erzwingen. Nur gelegentlich genoss er solche Gedanken und Vorstellungen, die sein kindliches Verlangen kurzfristig schmälerten.

Ohne Insektenstich kam der Abend und die Familie fand sich am Tisch ein. Wie des Morgens und des Mittags, verabschiedete sich Isabel alsbald und abermals ohne den Tisch zu räumen, wurde der Unterricht aufgenommen.

Jules nahm auf Geheiß Aufstellung am Sekretär, dem Geigenkasten wurde die Violine entnommen und Jules trat mit dem am Hals platzierten Instrument seine Runden im Raum an, diesmal unter permanenter Beobachtung seines Vaters, welcher es sich bei einem Glas Sherry im Sessel bequem gemacht hatte. Hin und wieder musste er vor ihn treten und während sein Vater das Instrument hielt, hatte er seinen zu schwer gewordenen Kopf zu heben und zu senken. Die Druckstellen des morgendlichen Übens, ließen keine Minute verstreichen, ohne sich allzu deutlich ins Gedächtnis zu rufen.

Es war ein Teufelskreis. Tat er wie ihm geheißen und nutze nur das Eigengewicht des Kopfes um die Geige zu fixieren, waren die Schmerzen erträglich, doch die Dauer, in der er diese Pose halten musste, weckten seine Unsicherheit im Umgang mit der Violine, er verstärkte den Druck und der Schmerz schwoll an.

Diesmal musste er länger als am Vormittag die Übungen erdulden und wurde sogleich zu Anne geschickt, um sich von ihr ins Bett bringen zu lassen.

Am nächsten Morgen weckte sie ihn eine Stunde vor der gewohnten Zeit. Anne schien nicht erfreut über das baldige Erwachen und sprach nur das Nötigste. Hendrik hatte veranlasst, dass der Tag ab sofort eine Stunde früher zu beginnen habe, da er tagsüber seinen Geschäften nachgehen müsse, weswegen vor dem Frühstück, der erste Unterricht von Jules stattfinden sollte. Tagsüber musste Jules das Erlernte vertiefen, abends folgten die Überprüfung und die Fortsetzung. Isabel entzog sich der neuen Anordnung und ging sogar soweit, dem Frühstück fern zu bleiben.

Hendrik war von dieser Form des Protests gänzlich unbeeindruckt und so gestalteten sich die Tage von nun an anders. Sein Kindermädchen war angewiesen, die Übungsstunden in der Abwesenheit des Vaters zu überwachen und auf die Unversehrtheit der Violine zu achten. Vier volle Stunden waren vorerst anberaumt, ausschließlich für das Geigenspiel, eine Stunde jeweils morgens und abends, vom Vater unterrichtet und zwei Übungsstunden im Laufe des Tages.

Der Spätsommer wechselte allmählich sein Kleid und verfärbte das Laub der Bäume.

Jules war nun in der Lage, sämtliche Tonleitern im Pizzicato, mit den Fingern gezupft, vorzutragen, so dass Hendrik dazu übergehen wollte, die Lektionen zu erweitern und den Bogen mit ins Spiel zu bringen. Nach der Abendmahlzeit begann er wie gewöhnlich damit, das Instrument selbst zu stimmen, um Jules ein paar Tonleitern vortragen zu lassen. Anschließend sollte die Unterweisung auf die Bogenführung ausgeweitet werden, sowie auf das Stimmen der Geige, um sein Gehör auf den hellen leeren Klang der Quinten, in dessen Abstand die Saiten zu erklingen hatten, zu trainieren.

Hendrik wusste nicht, dass Jules in seinen Übungsstunden nicht ausschließlich seinen Anweisungen folgte. Obendrein interessierte sich keine der im Haus befindlichen Personen für die strengen Bemühungen des ehrgeizigen Vaters, ja, es herrschte sogar ein stillschweigendes Einverständnis darüber, sich nicht mehr als nötig mit Hendriks Obsession auseinanderzusetzen. Niemand billigte seine scharfe Vorgehensweise und dieses geteilte Unverständnis, wusste Jules zu nutzen, indem er eine komplette Stunde der angesetzten zwei Übungseinheiten mit dem Erproben des Instruments verbrachte, um so zu spielen, wie er es einst bei der Freundin seiner Mutter beobachtet hatte, nämlich mit Bogen und Melodie. Es dauerte kaum vierzehn Tage und Jules war in der Lage, erkennbare Melodien einfacher Kinderlieder zu spielen. Mitunter wurden die Versuche von der kräftigen Singstimme Annes begleitet, nur unterbrochen von beider Gelächter. Auf diese spielerische Weise, nahmen seine Fähigkeiten in der Bogenführung zu.

Zu Beginn zog er den Bogen im falschen Winkel über die Seiten, spielte zu nah oder zu weit vom Steg entfernt, rutschte ab oder hielt den Bogen ungeschickt am Frosch, jener Teil, welcher mit Perlmuttauge verziert und Ziegenleder ummantelt, zum Greifen vorgesehen ist. Bald lernte er den Bogen als Verlängerung zu begreifen. Sein Kindermädchen witzelte, „Es ist ein zu langer Finger.“ und so forderte sie ihn auf, seine vom Vater vorgegebenen Tonleitern beiseite zu legen und den langen Finger zu schwingen.

Im Zuge dieser Freuden kam es vor, dass er durch kindliches Ungestüm die Violine falsch griff und einen Wirbel lockerte, so dass die Töne plötzlich verzerrt wurden. Als dies das erste Mal geschah, erschrak Jules heftig und Tränen schossen in seine Augen. In Erwartung der Strafe seines Vaters, welcher mitnichten Abstand davon genommen hatte, Vergehen in Bezug auf seinen Unterricht mit Schlägen zu kommentieren, wurde ihm Angst.

Anne schaute ebenfalls entsetzt, ihrerseits im Glauben, das Instrument sei zu Schaden gekommen. Nachdem Jules ihr schluchzend erklärte, dass lediglich die Saite gelockert sei und somit verstimmt, entspannte sich ihr Gesicht und sie kommentierte das Aufheben der Tragödie mit den Worten,

„Wenn das so ist, dann stimm die Geige.“

Auf diese logische Schlussfolgerung war Jules nicht gekommen. Stimmte doch sein Vater obligatorisch mehrfach täglich das Instrument. Er fing an, zaghaft, den Wirbel der irre gelaufenen Saite, zu drehen. Es kostete etwas Anstrengung, denn das gleichzeitige Halten des Korpus und Drehen der Wirbel machte Schwierigkeiten. Er hatte aufmerksam zugesehen, wenn sein Vater die Geige auf seinen Schoß stellte und die Saiten abwechselnd anzupfte und spannte. Desgleichen tat er nun auch und nach wenigen Minuten war das Instrument spielbereit und der Schrecken vergessen.

Mutig geworden, verstimmte Jules bisweilen mit eigener Hand seine Gespielin. Er wurde immer sicherer und bestimmte die Quinten alsbald rein. Nur seine Finger umklammerten noch zu fest die Wirbel, so dass diese mit Unwillen die gewünschte Position einnahm.

Jules genoss die Stunden, in denen er frei mit seiner Geige die Welt der Töne erkundete.

Sein Vater stand, nachdem Jules seine Tonleitern gezupft und die Noten aufgesagt hatte, auf, um dem Kasten den Bogen zu entnehmen. Hendrik suchte zuerst nach dem Kolofonium, welches in Tuch eingeschlagen, in einem kleinen Extrafach lag. Er wollte die Haare des Bogens mit diesem Harz bestreichen, damit sie auf den Saiten haften konnten. Als er den Stoff zurückschlug, stellte er deutliche Gebrauchsspuren fest. Das Kolofonium musste rege Verwendung gefunden haben, war er sich doch sicher, ein unangetastetes Stück ausgehändigt bekommen zu haben. Jules beobachtete entsetzt, wie im Gesicht seines Vaters, die Erkenntnis sich den Weg bahnte, während sein Blick weiterhin fest auf dem Harz weilte. Sein linker Mundwinkel zuckte beunruhigend und seine zu Schlitzen verengten Augen hoben sich, um Jules ins Visier zu nehmen. Nach endlosen Sekunden kam die Frage.

„Hast du den Bogen benutzt?“

Jules wusste nichts zu antworten. Wie hätte er vorbringen können, dass er schon recht gut damit umzugehen verstand, dass es keinen Grund gab wütend zu sein, sondern Stolz, weil er, Jules, sich dies ganz allein angeeignet hatte. Er wünschte sich, den Bogen an sich reißen zu können, um eine Melodie vorzuspielen. Dann würde sein Vater erkennen, wie fleißig Jules jeden Tag war. Allein, er wusste, dass es darum nicht ging, sondern um das viel zitierte Prinzip, dessen Beschaffenheit er nicht verstand.

Aufbrausend schoss Hendrik auf den vor Verzweiflung Tränen überströmten Knaben zu und versetzte ihm einen solchen Schlag, dass er seitlich taumelnd gegen die Tischkante schlug und augenblicklich eine klaffende Platzwunde an der Stirn das Gesicht des Kleinen mit Blut überströmte. Seiner Sinne beraubt sank Jules zu Boden.

Hendrik riss die Tür zum Salon auf, in welchem sich das Kindermädchen, in Gesellschaft der lesenden Isabel, sogleich von der Stopfarbeit erhob. Sie lief an Hendrik vorbei aus dem Zimmer. Halb stolpernd, mit der Gewissheit, das Kind diesmal nicht nur weinend vorzufinden, fand sie Jules unter dem Esstisch liegend vor, den Kopf von einer Lache Blut umgeben. Sie prüfte seinen Puls und rief nach Frau Blum der Haushälterin, welche gerade im Begriff gewesen war, den Heimweg anzutreten. Diese lief herbei, erfasste die Situation und eilte in Richtung des Hausarztes davon.

Während Anne mit herbeigebrachten Binden Jules einen Druckverband um den Kopf wickelte und ihn danach in sitzender Position auf ihrem Schoß hielt, vernahm sie einen heftigen Streit zwischen den Herrschaften. Hendrik tobte immer mehr und die Gouvernante sorgte sich auch um Isabel. Sie vernahm laute harte Worte,

„Ich dulde es nicht, dass ihr Frauenzimmer euch gegen mich stellt. Meine Anweisungen werden nicht mit Füßen getreten. Denkt ihr, ich bin blind, ich würde nicht merken was hier vor sich geht? Ich lasse mich nicht hinters Licht führen. Meine Autorität wird nicht untergraben, weder von einem vierjährigen Knaben, noch von drei Weibern.“

Die Salontür krachte und Anne vernahm diesmal Isabels Stimme die in wilder Leidenschaft hinter ihren Mann herrief,

„Ja, ich war dumm, dass ich das neue Kolofonium, welches ich extra kaufte nicht schon austauschte! Aber höre! Ohne deine Anwesenheit ist der Junge schon in der Lage ganze Lieder frei aus dem Kopf vorzutragen und glaub mir, deine Quälerei wird aus ihm nicht das machen, was du erhoffst Dir zu schaffen!“

Als der Arzt keuchend eintraf, nahm Hendrik die letzten Stufen zum ersten Stock, in dem das Herrenzimmer lag. Er hatte auf der Treppe jedes Wort seiner Frau vernommen und schwindelnd flüchtete er in seine Räume.

Der Arzt nahm Jules den Druckverband ab, nickte Anne anerkennend zu und stellte fest, dass ein paar Stiche zur guten Heilung unumgänglich wären. Vor Mitgefühl zitternd, assistierten Anne und Frau Blum.

Als der Arzt den vierten und letzten Stich vollziehen wollte, schlug Jules die Augen auf. Er schaute dem Doktor in die Augen und nickte kaum merklich. Es wirkte so befremdlich bei einem Vierjährigen, wo doch selbst Erwachsene oft hysterisch wurden, angesichts von Nadel und Faden in dieser Profession.

Isabel war unbemerkt dazu getreten, lehnte im Türrahmen und umklammerte ihren Oberkörper, während sie versuchte ihre verzweifelte Wut zu bändigen. Aus Hoffnungslosigkeit angesichts dessen, was noch kommen mochte, wäre sie an liebsten dem Arzt ausgewichen. Als dieser seine Arbeit beendet hatte, wurde er auf Isabels Gegenwart aufmerksam. Auf seinen fragenden Blick schüttelte sie nur den Kopf und wich zur Seite, um ihm Platz beim Verlassen des Zimmers zu machen. Doktor Zärger ahnte sehr wohl, dass das kein normaler Kinderunfall war, doch konnte er nicht mehr tun, als seinem Beruf zustand. Mit gesenktem Kopf ging er zur Eingangstür. Er machte einen ungemein müden Eindruck, allerdings nicht wegen der fortgeschrittene Stunde. Bevor er das Haus verließ, kündigte er an, am nächsten Tag nochmals vorbei zu kommen.

Jules wurde von Anne in sein Zimmer getragen und um das Blut nicht im Kopfbereich zu stauen, auf ein Extrakissen gebettet. Derart gestützt, in der halb sitzenden Position, entkleidete Anne ihn, um ein frisches Nachthemd überzustreifen. Jules half so gut es ging durch Anheben von Armen und Beinen. Der Blutverlust ließ ihn schwindeln und erschöpft sank er zurück.

Um Wache zu halten setzte sich Anne in einen bereitgestellten Sessel, die Beine platzierte sie auf einem Hocker und hüllte sich in eine Decke. Als ihr der Kopf schwer wurde, lagerte sie ihn nach hinten auf die kurze Lehne und bald war nur der leise flache Atem beider zu vernehmen.

Wie es selten in der anbrechenden nassen Jahreszeit zu sehen ist, offenbarte das geöffnete Fenster ein diamantenes Firmament, und die reinigende Frische der Nacht schlich sich ins Zimmer.

Jules erwachte und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Die Sonne verfing sich im Ahorn, der unweit seines Fensters im Garten wuchs und dessen Laub die Farben des Oktobers angenommen hatte. Glitzernde Lichtpunkte huschten durchs Zimmer, alles gehüllt in die warme Honigfarbe des Herbstes, der endgültig das Zepter in die Hand genommen hatte.

Er atmete tief die kühle Morgenluft ein.

Anne öffnete einen Spalt die Tür. Im selben Augenblick standen die Bilder des vorangegangenen Tages vor seinem Auge. Ein dumpfes Pochen an seiner Stirn drang durch sein vom Schlaf noch träges Bewusstsein. Als Anne sah, dass er wach war, ging ein breites Lächeln über ihr vor Sorge gefurchtes Gesicht und sie zauberte eine große Tasse dampfenden Kakaos hervor.

Tatsächlich schien das Getränk Jules zu beleben und die blutarme wächserne Blässe wich seinem natürlichen Teint.

„Heute bleibst du im Bett. Ich lese dir Geschichten vor und stopfe dich voll mit Leckereien. Der Doktor kommt nachher und schaut sich an, ob du über Nacht brav die Wunde hast heilen lassen.“

Sie gab ihm einen Nasenstüber und verschwand in Richtung Küche. Jules fühlte der Berührung nach. Die überraschende Leichtigkeit der freundschaftlichen Geste ließen ihn tief atmen. Er hatte schon eine Weile den Eindruck, dass die Frauen des Hauses, einen imaginären Kreis um ihn gezogen hatten, welcher in solchen Berührungen Bestätigung fand. Sie konnten ihn zwar vor dem Starrsinn seines Vaters nicht bewahren, doch ließen sie ihn auf diese Weise weniger einsam zurück.

Anne kam nicht wieder. Diese Berührung und dieses Lächeln sollten das Letzte sein, was er von ihr empfing.

Hendrik stand am Treppenansatz und mit einer kurzen Geste seiner Rechten, wies er der Gouvernante den Weg in den Salon. Er eröffnete seinen Monolog mit den Worten,

„Ich will, dass sie dieses Haus unverzüglich verlassen.“

Dies brachte er merkwürdig resigniert, fast teilnahmslos vor, als wäre er zu dieser Entlassung genötigt worden, als hätte er sich nach erbitterter Diskussion einer höheren Macht gefügt.

„Sie wissen, warum diese Maßnahme zwingend geworden ist. Ich denke nicht, dass große Erklärungen von meiner Seite von Nöten sind, höchstens von der ihren. Doch möchte ich darauf verzichten. Das ist der noch offene Betrag dieser Woche. Den zahle ich ihnen hiermit aus, so können sie ohne Probleme die Heimreise antreten. Ich darf mich verabschieden und wünsche ihnen alles Gute.“

Beim Verlassen des Raumes fügte er an,

„Und suchen sie den Jungen nicht nochmals auf.“

Er verließ das Haus, um dem Schwiegervater im Comptoir behilflich zu sein und ließ eine Frau mittleren Alters stehen, die nun ohne Arbeit und auch ohne rechtes Heim war, da ihre Eltern verstorben waren und nichts hinterlassen hatten.

Anne fand rückwärtig tastend einen Stuhl, ließ sich fallen und starrte die Salontür an. Sie hatte mit einer Reaktion gerechnet, aber keinen Augenblick mit einer Entlassung. Irritiert stellte sie fest, dass sie nicht wütend war. Nein, sie empfand hingegen tiefes ehrliches Mitleid mit diesem Mann, welcher sich und sein Umfeld im Strudel des Selbstmitleides tyrannisierte.

„Oh lieber Gott, hilf den armen Leuten.“

Sie, Anne, hatte nicht viel. Kaum ein paar Dinge, die nicht Platz in zwei Koffern finden würden, doch um wie viel freier und glücklicher fühlte sie sich im Gegensatz zu den Eignern dieses Hauses, ihren nunmehr einstigen Arbeitgebern.

Anne war für das Leben und so war das Leben auch für sie.

Nun, im fünfundvierzigsten Jahr, stand sie auf, um ihre Habseligkeiten zu packen und zu sehen, welche Tür sich diesmal auftun würde. Dies tat sie mit einem Ruck und schritt mit erhobenem Haupt in Richtung Anbau, wo sich ihre Kammer befand.

Sie wurde von Isabel überrascht, die an dem kleinen zierlosen Tisch saß, den Anne gelegentlich nutzte, um ihrer Schwester ein paar Zeilen zu schreiben. Ihre Irritation währte nicht lange.

„Ich bin entlassen.“

Isabel hatte sich bei ihrem Eintreten erhoben.

„Ich weiß, deswegen bin ich hier.“

Eine kurze Pause entstand und etwas schneller fügte Isabel an,

„Eine Bekannte, ehemalige Nachbarin, sucht eine Gouvernante. Es sind zwei Mädchen, zweieinhalb und vier, soweit ich weiß. Sie wohnen seit geraumer Zeit in Schwaln. Wenn mich nicht alles täuscht, liegt das in Richtung ihrer Schwester. Wäre doch nett, wenn sie öfter Gelegenheit hätten sie zu besuchen. Von hier aus ist es doch sehr weit. Frau Vogelsang, meine Bekannte, hat bestimmt nichts dagegen.

Hier ist die Adresse.

Heute Morgen schickte ich ein Telegramm, somit sind sie unterrichtet bis sie eintreffen.

Ich habe ihre Arbeit sehr geschätzt.

Der Adresse liegt ein Empfehlungsschreiben bei.“

Sie schritt auf Anne zu, reichte ihr zögernd die Hand, als bestünde die Möglichkeit abgewiesen zu werden und verließ mit den Worten, „Es tut mir leid, für uns alle.“, den Raum.

Anne ging und sollte bei Jules eine Leere hinterlassen, wie damals als sie ihre Mutter pflegte. Isabel, immer noch unfähig das Kind anzunehmen und zu lieben, wollte sich dennoch mehr Mühe geben diese Kluft mit mehr Präsenz zu füllen.

Nachdem Doktor Zärger die Wunde untersucht und frisch verbunden hatte, machte er die Feststellung, dass sie wohl in Kürze verheilt sei und, wenn überhaupt, nur eine kleine Narbe zurückbleibe. Er lächelte Jules an, ohne ihm direkt in die Augen zu sehen. Dies vermied er nicht aufgrund der kühlen Farbe. Er wand sich gerade zum Gehen, als Jules Stimme fragend aus den Kissen erklang,

„Wo ist Anne?“

Der Arzt schaute fragend zu Isabel, die während der Behandlung auf dem Hocker Platz genommen hatte, den das Kindermädchen nächtens genutzt hatte.

„Jules, ich begleite Doktor Zärger zur Tür und komme dann wieder.“ Isabel erhob sich, um dem Arzt zu folgen.

„Nicht nötig, Madame. Ich finde den Ausgang allein. Guten Tag. Sie können jeder Zeit nach mir rufen.“ Er drehte sich um und ging.

Isabel setzte sich umständlich zurück auf den Hocker. Sie starrte eine Weile auf ihre Hände, die sie im Schoß gefaltet knetete, um sich endlich Jules bohrendem Blick zu stellen.

„Dein Vater hat sie nach Hause geschickt. Er meint, du seiest alt genug, würdest sie nicht mehr brauchen, könntest dich allein anziehen, im Garten spielen, … Geige üben.“

Sie schaute auf zur Zimmerdecke, die Augenbrauen nach oben gezogen und fuhr heftiger fort,

„Ich kann es nicht ändern, Jules!“, als hätte er laut sein Veto eingelegt, „Gott weiß, dass ich nicht so denke, nun müssen wir damit zurechtkommen. Heute und morgen bleibst du im Bett wie der Arzt es angeordnet hat und Frau Blum und ich schauen hin und wieder vorbei. Bis zum Mittagessen ist noch lange hin, ich lasse dir ein Frühstück bringen. Vielleicht schläfst du noch etwas, oder willst du Bücher anschauen, wie wäre es mit diesem?“

Sie trat zum Regal, in dem eine Fülle Bücher standen. Geschichten und Märchen, die Anne ihm vorgelesen hatte, Bücher, voll mit Abbildungen über Pflanzen und Tiere.

Jules nickte geistesabwesend. Vor einer Minute hoffte er noch, dass jetzt alles besser werde, dass sogar seinem Vater das Gewissen schwer sein könnte. Doch diese Vorstellung schien unter diesen Umständen mehr als unwahrscheinlich und jetzt, da sein Kindermädchen nicht mehr kommen sollte, das ohne ein Wort des Abschieds gegangen war, wurde sein Herz schwer und sein Geist flüchtete erneut in die Leere des Schlafes.

Als er weinend erwachte, hatte sich der dumpfe Schmerz an seiner Stirn verstärkt und von neuem wurden die Ereignisse des vorangegangenen Tages lebendig.

Isabel, die gewacht hatte, verließ das Zimmer, ohne ihn in die Arme zu nehmen und zu lügen, „Alles wird gut.“. Sie war dieses mütterlichen Aktes einfach nicht fähig.

Wenig später kam die Haushälterin mit einem üppigen Frühstück.

Es ist ein Seltsames mit dem Umstand, dass man alles bekommt, gerade dann, wenn man seiner am wenigsten bedarf. Jules war gar nicht nach essen und nun stand all das vor ihm, was er unter anderen Gegebenheiten liebend gerne verzehrt hätte, sogar ein Stück Torte, Kekse und Schokolade lagen neben den mit Konfitüre und Honig satt bestrichenen Brötchen. Er aß ohne rechte Lust, kaum den Geschmack wahrnehmend, die Schokolade und nur, weil ihm bisher ein so großes Stück verwehrt geblieben war.

Der Tag neigte sich dem Ende. Er hatte ihn vor sich hin dösend verbracht, hin und wieder das Spiel des Windes mit den Blättern des Ahorns beobachtet, unterbrochen von den Besuchen Frau Blums und seiner Mutter.

Am Abend, als die Sonne tief am Himmel stand und lange Schatten die nahende Dunkelheit ankündigten, wurde die angelehnte Tür seines Zimmers geöffnet.

Jules dämmerte vor sich hin und bemerkte sein Kommen nicht. Als er aus seinem Schlummer erwachte und die Augen aufschlug, sah er seinen Vater im Sessel sitzen. Hendrik musterte ihn eingehend. Er hatte einen Zug um den Mund, hinter dem ein Lächeln verborgen lag. Seine Haltung drückte Wohlwollen aus.

„Mein Sohn, ich tue dies alles nicht zum Spaß. Ich will, dass du ein großartiger Virtuose wirst und das geht nur durch Disziplin und Gehorsam. Glaub mir, eines Tages wirst du verstehen, dass ich Recht hatte in meinem Handeln.“

Sein Blick glitt aus dem Fenster und wie die Nacht gerade Einzug hielt, verdunkelte sich auch Hendriks Antlitz.

„Ich sollte kein Glück haben, wegen der Verletzung, damals, meine linke Hand…“

Mit einer fahrigen Bewegung, wischte er die Vergangenheit beiseite,

„Aber das tut nichts zur Sache. So wie ich hörte, musst du dich morgen noch schonen. Somit nehmen wir übermorgen den Unterricht wieder auf.“

Er erhob sich, schritt zum Bett, legte Jules die Hand auf den Kopf und mit den Worten „Schlaf jetzt.“, verließ Hendrik den Raum.

Jules schaute ihm nach und ihm war, als fiele all seine Angst von ihm ab. Der kommende Tag verlief gleichförmig. Jules beschäftigte sich eine Weile mit Büchern, in denen Insekten abgebildet waren. Einige versuchte er in ein Malheft zu übertragen. Dies fiel ihm schwer, da er den Umgang mit Buntstiften nicht gewohnt war. Unzufrieden mit seinen Ergebnissen, legte er die Stifte zur Seite und begnügte sich mit dem Betrachten der Abbildungen. Frau Blum, die am häufigsten nach ihm sah und auch für das Bringen der Mahlzeiten zuständig war, setzte sich immer für ein paar Minuten ans Bett und erzählte Geschichten von Abenteuern, die ihr anscheinend bei so mancher Reise widerfahren waren.

Es ging immer um besonders obskure Begegnungen, um grüne Nilpferde, die ihre Farbe, wie sich später herausstellte, durch einen Teppich von Wasserpflanzen erhielten oder es war von gestreiften Hühnern die Rede, die auf ähnliche Weise zu ihrem Kleid gekommen waren. Jules freute sich über die kurzweiligen Geschichten und tat kund, dass er sie gelegentlich aufsuchen wolle, um mehr von ihren Abenteuern zu hören.

Am nächsten Tag erwachte Jules spät. Die Sonne stand schon hoch am Himmel und mit Schrecken wurde ihm bewusst, dass heute seine Lektionen wieder aufgenommen werden sollten.

Warum hatte ihn niemand geweckt? Jules sprang hastig aus dem Bett. Sofort wurde er zum Sitzen auf der Bettkante genötigt, da sein Kreislauf, durch die zweitägige Bettruhe, nicht bereit war seiner Hektik zu folgen.

Langsam lief er die Treppe nach unten und fand seine Mutter, in ein Journal vertieft, am Frühstückstisch vor.

„Guten Morgen Jules, setz dich und iss etwas.“

Jules tat wie ihm geheißen und nahm, das für ihn schon vorbereitete Brötchen zur Hand.

„Wo ist Vater? Wegen des Unterrichts. Er sagte, wir würden heute wieder beginnen.“

Isabel schlug ihr Heft zu, einen Finger nutzte sie als Lesezeichen.

„Soweit ich weiß, will er erst heute Abend eine kleine Lektion durchnehmen und bis dahin brauchst du nichts zu üben. Ab jetzt kannst du die Geige spielen, wann und wie du willst.“

Jules schaute fragend auf.

„Ja Jules, ich werde nämlich nicht ständig daneben sitzen und aufpassen.

Das weiß dein Vater und deswegen gebe ich dir den Rat, nicht zu viel auf eigene Faust lernen zu wollen. Jedenfalls ist dein Vater der Ansicht, allein seine Lehrmethoden würden Erfolg versprechen. Sei es wie es ist. Von jetzt an bist du für dein Üben selbst verantwortlich, denn auch Frau Blum wird keine Zeit finden, für zwei Stunden am Tag dein Spiel zu beaufsichtigen. Und nun iss erst einmal. Ich bin auf der Terrasse, du solltest auch frische Luft schnappen, denn ein offenes Fenster ist nicht dasselbe.“

Somit verließ sie den Tisch.

An diesem Morgen erschienen Jules die zukünftigen Aussichten nicht mehr so schwarz. Dazu kam, dass er den Umgang mit dem Bogen nicht mehr verheimlichen musste, also stand seiner Spiellaune vorerst nichts im Weg.

Ihm schmeckte das Brötchen, langsam kauend genoss er die blumige Leichtigkeit des weißen Mehls.

Nach dem Frühstück ging er nach oben und suchte sich aus seiner Truhe eine wollene Hose und ein Hemd aus, zog wegen der Kühle, die das Haus umfing eine Weste darüber und lief zurück in das Speisezimmer. Er holte mit Hilfe eines kleinen Fußschemels den Geigenkasten vom Sekretär, entnahm diesem die Violine und prüfte wie verstimmt sie war. Überraschenderweise konnte er keine Dissonanz feststellen, sein Vater musste sie heute schon gestimmt haben. Er nahm den Bogen zur Hand und versuchte sich im Spiel einer Tonleiter. Es fiel ihm schwer, als hätten die zwei Tage der Untätigkeit seine Sicherheit geraubt. Doch nach wenigen Minuten fanden die Fingerkuppen zu ihren Plätzen und Jules begann kleine Melodien zu improvisieren.

Isabel schaute von ihrer Zeitschrift auf. Sie saß, wie gewöhnlich, wenn es das Wetter zuließ, im Stuhl auf der Terrasse, wegen der kühlen Morgenluft mit einer Decke geschützt und lauschte den Versuchen des Knaben. Sie fragte sich, was ein Kind in diesem Alter veranlassen konnte, das Geigenspiel zu üben, anstatt andere Welten zu entdecken.

Sie wusste, dass sie an dem kaum altersgerechten Verhalten ihres Sohnes, nicht ganz unschuldig war. Sah sie doch, wie andere Frauen mit ihren Kindern umgingen und wie bis vor kurzem, wenigstens in Ansätzen, Anne für Kurzweil und Interessenlandschaften sorgte. Sie schob diese Gedanken weg und vertiefte sich wieder in ihre Lektüre.

Die Unterrichtsstunde verlief ruhig und ohne Zwischenfall. Nach den obligatorischen gezupften Tonleitern sollte er dem Vater zeigen, wie er den Bogen führte, woraufhin Hendrik Haltung und Winkel korrigierte und Jules nun im Stande war die Töne wohlklingender hervorzubringen. Die restliche halbe Stunde wies er den Jungen an das Instrument zur Seite zulegen und begann ihm die Musik, geschrieben auf Papier, zu erklären.

Jules spielte bald Etüden, kleine Übungsstücke, die durchaus Charme hatten und mit der Zeit an Anspruch gewannen. Sein Vater schien unerschöpfliche Vorräte an Literatur zu haben. So manches Mal hatte Jules sie innerhalb weniger Stunden verinnerlicht und konnte sie fehlerfrei vortragen. Auch ließ Jules Taktgefühl keine Wünsche offen und machte ein Metronom unnötig.

Da er zu kalten Händen neigte, sah man ihn in den Wintermonaten oft mit Handschuhen im Haus umherlaufen. Er zog Fäustlinge an, um seine Finger geschmeidig zu halten. Auf sein Bitten strickte ihm Frau Blum Handschuhe ohne Finger, die er auch beim Spielen tragen konnte.

Als der Frühling Einzug hielt und die ersten Schneeglöckchen und Krokusse die weiße Decke vertrieben, lud das milder werdende Wetter die Zugvögel zur Rückkehr ein und langsam gesellten sich immer mehr Stimmen in den Garten, die jeden früher beginnenden Tag mit Freuden begrüßten.

Jules sog diesen Stimmungswandel in sich auf. Jeder neue Vogelgesang weckte sein Interesse und er verbrachte vormittags viel Zeit damit, die Stimmen der Natur zu sammeln. Er schrieb sie teilweise nieder und versuchte sie so getreu wie möglich nachzuspielen. Er entdeckte auf der Suche nach dem passenden Ton immerfort neue Klänge und brachte mitunter so täuschende Laute hervor, dass er der Natur Antworten entlockte.

Auch Personen ahmte er nach. So bedachte er zum Beispiel eine seiner Tanten mit dem d-Moll. Ihre Stimme neigte dazu, eine schleppende, manchmal sogar weinerliche Farbe anzunehmen, da sie ständig an Erkältungen litt, wenngleich sie für eine Frau über eine ungewöhnlich tiefe Stimme verfügte, was den Jammer fast schon angenehm zum Tragen brachte. Und so gönnte er sich des Öfteren den Spaß, auf seiner Geige spielend, mit Personen Gespräche zu führen.

Diese Possen wurden Jules nicht langweilig, so wie alles, was mit dem hölzernen Wunder zu tun hatte.

Hendrik bemerkte, dass der Kleine sich Tag und Nacht dem Spielen zuwenden würde und lockerte die Regeln dahingehend, dass er ihm erlaubte, das Instrument innerhalb des Hauses mit sich zu tragen.

Das Verhältnis zu seinen Eltern änderte sich indessen nicht. Der einzige Unterschied bestand darin, dass er immer seltener ihre Nähe suchte, das Bedürfnis nach ihrer Zuneigung kam fast gänzlich zum Erliegen. Er hatte einen Weg gefunden, diesen Hohlraum in seiner Brust zu füllen, indem er seine sonst stumme Freundin zum Singen brachte. Und wenn sie sang, dann sang auch er und war glücklich und fühlte, dass er am Leben war.

Der Sommer kam und verging allzu schnell und brachte eine Veränderung seines geordneten, monotonen Lebens mit sich, die Schule.

Er tat sich schwer im Umgang mit seinen Klassenkameraden, hatte er doch kaum Kontakt zu Gleichaltrigen gehabt. Sein nicht zur Bekanntschaft einladender Blick tat das Übrige. Allerdings traten in seinem restlichen Erscheinungsbild mit jedem Jahr mehr die Züge seines Vaters zum Vorschein, was ihm nicht zum Nachteil gereichte und die unnahbare Blässe und Feingliedrigkeit seiner Mutter unterstützten seine sinnliche Schönheit.

Das Lernen fiel ihm nicht schwer. Was er hörte, nahm er zur Kenntnis und musste kaum vertieft werden. Der Lehrstil seines Vaters, wo Unaufmerksamkeit mitunter erhebliche Folgen hatte, zeigte hier den wohl einzig positiven Effekt, er konnte sich über Stunden im gleich bleibenden Maß konzentrieren. Der Vorteil bestand nicht zuletzt darin, dass die Lehrer Jules keine besondere Aufmerksamkeit entgegenbrachten und sich mehr auf die Unbegabten und Unwilligen fixierten. Jules wurde zumeist nur gefordert, wenn der Lehrer eine schnelle richtige Antwort wünschte, gesättigt durch Unwissenheit und Gestotter vorangegangener Probanden.

Seine Mitschüler sahen in ihm einen Sonderling, doch fehlte es nicht an Respekt. So mancher überschritt mit den Wochen die Distanz und bat um die Abschrift von Hausaufgaben oder um die Lösungserklärung der einen oder anderen Aufgabe. Jules gewährte und half immer ohne mehr Worte als nötig zu gebrauchen. Diese ruhige Verhaltensweise führte bei seinen Mitschülern zu Verständnis und umso mehr sie durch ihn lernten, umso mehr genoss er ihre Ehrfurcht.

So eroberte er sich einen unantastbaren Rang. Während andere Neckereien und üblem Schabernack ausgesetzt waren, traute sich niemand, auch nur den kleinsten Streich auf seine Kosten zu reißen. Es war sein unergründlicher Blick, der nie seine Stimmung verriet, der selbst ältere Jungen davon abhielt, ihn zum Objekt ihres Spottes zu wählen.

Nach einer Weile gewöhnte er sich an die Schule und ging nicht ungern hin, wenngleich er die ruhigen Morgenstunden vermisste, in denen er seine Geige gespielt hatte.

Diesen Verlust milderte die Bekanntschaft zu einem der Jungen, der von den Späßen der Klassenrüpel nicht ausgeschlossen war. Als die Freundschaft auch für die anderen erkennbar wurde, ließen die Ärgernisse für Jules neuen Freund nach, um schließlich ganz zum Erliegen zu kommen.

Dieser Junge, Daniel Sebastian Krämer, war schlaksig und einen halben Kopf größer als seine Mitschüler. Dieser Umstand veranlasste ihn, den Kopf zwischen den Schultern zu tragen und einen gebeugten schlurfenden Gang anzunehmen, der etwas Unterwürfiges hatte, was unweigerlich dazu führte, dass er als Opfer behandelt wurde.

Vielleicht wäre die Freundschaft nie zustande gekommen, wenn die Schulbänke beider nicht nebeneinander gestanden hätten. Daniel empfand Jules genauso befremdlich wie die anderen Jungen, doch diese mächtige Unabhängigkeit die er ausstrahlte, wirkte auf ihn wie ein Magnet und ließ ihn nach und nach vorsichtig seine Nähe suchen. Jules befremdete Daniels Interesse. Er konnte nicht so recht verstehen, warum ausgerechnet jemand, der offensichtlich ängstlich durch die Welt ging, seine Aufmerksamkeit forderte, wo doch selbst die Vorwitzigen Abstand wahrten.

Schleichend wurde es zur Gewohnheit, die Pausen zusammen zu verbringen. Sie arbeiteten die aufgetragenen Hausarbeiten durch, was die schulischen Aktivitäten nach dem Unterricht teilweise ganz erübrigte und somit beiden mehr Zeit ließ ihrer Leidenschaft zu frönen. So unterschiedlich die Charaktere waren, die Muse fühlten sie beide. Der eine fand sie in der Musik, beim Spiel mit der Violine, der andere hatte die Begabung, den Pinsel auf der Leinwand zu führen und das Staunen der Betrachter hervorzurufen.

So vergingen die ersten Schuljahre und die Jungen profitierten von ihrer Freundschaft.

Jules tat es gut, bedingungslose Hingabe zuzulassen, denn einen loyaleren Freund hätte er nicht finden können. Auch das Verständnis für eine ungewöhnliche Freizeitbeschäftigung war Grund genug, an der Beziehung festzuhalten. Durch Jules lernte Daniel, aufrecht zu gehen und mit der Aufgabe der gebückten Haltung, gab er auch die Opferrolle auf.

„Lauf gerade, alles andere hilft dir in keinster Weise.“

Daniel tat sich schwer. Doch sein Freund mochte keine weiteren Erklärungen liefern und so handelte er zögernd. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten und Daniels Ansehen stieg. Die Größe, die sein vermeintlicher Fluch war, avancierte zu seiner Stärke. Manchmal wurde er Zeuge von Gesprächen, in denen Gleichaltrige sich neidvoll über seine Größe unterhielten und Äußerungen taten wie „Ich wäre gern so groß wie der Krämer!“.

Er vergaß nicht, wem er diese Erkenntnis verdankte und Jules genoss Daniels Selbstbewusstsein, da ihn weinerliche gebeugte Charaktere aufregten. Diese Menschen empfand er in ihrer Fügsamkeit lästig. Ihre anbiedernde Unterwürfigkeit, wie er sie bisweilen bei Geschäftspartnern seines Vaters beobachtete, kratzfüßig Komplimente verstreuend, von denen selbst er nicht verschont blieb, empfand er als äußerst unangenehm.

Daniel redete gern und übernahm in ihrer Beziehung den unterhaltenden Part. Jules genoss die Beredsamkeit seines Freundes und würzte dessen Monologe gelegentlich mit Einwürfen, denen zu mancher Gelegenheit ein spöttischer Witz innewohnte, den Daniel mit herzhaftem Auflachen quittierte.

Der eloquente Daniel schwieg allerdings, sobald er vor einer Leinwand stand. Seine Eltern versorgten ihn aus der Not heraus früh mit Malutensilien, da keine Fläche vor den Fingern ihres Sprösslings sicher schien und sogar schon die Wände ihres Hauses, unter den Heimsuchungen der kreativen Anfälle zu leiden hatten. Diese Leidenschaft musste daher schon früh in andere Bahnen gelenkt werden.

Es stellte sich heraus, dass Daniel tatsächlich Talent für Form und Farbe besaß und das nötige Equipment nicht umsonst angeschafft worden war.

Die Freunde, mittlerweile zwölfjährig und kunstfertig in ihrer Passion, übten ihre Vorlieben oft zusammen aus. Während Jules die Geige spielte, malte Daniel seine Bilder. Die Farben flossen zusammen und vereinten sich, wie das Geigenspiel von Jules Farbe enthielt und man meinte, in den Bildern, die so entstanden, eine Ahnung der Musik zu finden, die während der Schöpfung den Ton angab.

Bisweilen, wenn Jules ganz bei seiner Geige in der Welt der Musik versunken, sein Umfeld kaum wahrnahm, malte Daniel den abwesenden Freund, wie er entrückt zarte zerbrechliche Melodien spann, um zu einem anderen Zeitpunkt zu entbrennen. In solchen Situationen konnte man die intensive Liebe, die Jules der Musik entgegenbrachte, mit jeder Faser spüren, ja, man wurde regelrecht von ihr überschüttet.

Eines Nachmittags, die Freunde hielten sich im Zimmer von Jules auf und besprachen die Ereignisse des Schultags, trat Hendrik nach kurzem Anklopfen ein und mit wichtiger Miene erklärte er,

„Jules, in fünf Wochen ist dein dreizehnter Geburtstag. Ich habe für dich eine besondere Überraschung, die allerdings dein Mitwirken voraussetzt und weswegen ich genötigt bin, dich einzuweihen.“

Eine bedeutungsschwangere Pause folgte.

„Zu deinem Geburtstag gibst du dein erstes Konzert! Im Stadtanzeiger erscheint schon morgen eine erste Anzeige und du wirst sehen, wie die Leute zusammenströmen werden. In fünf Wochen haben wir ein anständiges Programm einstudiert, denn dein Repertoire ist mittlerweile ausreichend für drei oder gar vier solcher Veranstaltungen. Heute Abend wollen wir sehen was sich eignet, um Eindruck zu hinterlassen.“

Aus Jules Gesicht war jede Farbe gewichen. Da seinem Vater dies nicht auffallen wollte, verabschiedete er sich mit den Worten,

„Du darfst dich ruhig erst bedanken, wenn das Abebben der Freude dir die Sprache zurückgibt.“

Nachdem die Tür hinter Hendrik ins Schloss gefallen war, sagte Daniel, der das zusätzlich an Gesichtsfarbe aufwies, was Jules fehlte,

„Wer hat eigentlich Geburtstag? Mir scheint eher, dein Vater verlegt seinen vor.“

Unbeholfen legte er seinen Arm um Jules.

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