Logo weiterlesen.de
Der Todesengel

Jason A. Frost

Der Todesengel

PROLOG

„Detective Leroy, mein Tipp muss Gold wert sein, wenn ich Sie damit aus Ihrem sauberen Manhattan locken konnte. Das nenne ich wahre Verzweiflung.“

Duncan blieb stehen. Regen perlte ihm vom Gesicht. Die Lippen hatte er zusammengepresst. „Gnade dir Gott, wenn du gelogen hast, Jackson.“ Er drehte seinen Kopf leicht nach links. Im Schatten der hohen Mauern waren lediglich die Konturen des Informanten auszumachen.

Jackson Dufrey war eine Ratte, die andere Ratten ans Messer lieferte. Ein Kleinganove, der wusste, dass ein guter Hinweis manchmal mehr einbrachte als zehn gestohlene Handtaschen. „Ein Kollege von Ihnen sitzt mir zurzeit im Nacken, Detective. Ich will, dass der Typ sich jemand anders zum Spielen sucht.“

„Wenn dein Tipp wirklich so heiß ist – dann werde ich sehen, was sich machen lässt.“

Jackson zündete sich eine Zigarette an. „Ihr sucht einen weißen Van“, sagte er und inhalierte den Rauch. „Ich weiß, wo Sie ihn finden.“

„Warum bist du dir sicher, dass es der ist, nach dem wir fahnden?“

„Wer dort parkt, hat etwas zu verbergen.“

Duncan holte einen dicken Briefumschlag hervor und streckte ihn angewidert von sich.

„Vorverlegte Weihnachten“, sagte Jackson und streckte die Hand nach dem Umschlag aus. An jedem Finger trug er mindestens ein Pflaster. Als er die leicht zitternde Hand um das Papier schloss, seufzte er tief. Für Sekunden war nichts als der scharfe Laut hastig zerrissenen Papiers zu hören.

„Wo?“, wollte Duncan wissen. Er hasste es, mit Leuten wie diesem Jackson Geschäfte zu machen – aber New York war ein Dschungel, und manchmal blieb einem nichts anderes übrig. Es galt, ein Monster zur Strecke zu bringen, dafür mussten Opfer gebracht werden.

„Die Straße runter. Smith & Burton. Die stillgelegte Chemiefabrik. Der Van steht in der größten Halle.“ Jackson trat nun ganz aus dem Schatten. Er grinste und entblößte dabei zwei goldene Eckzähne. „Wünsche Ihnen noch einen schönen Abend, Detective. Und vergessen Sie nicht den kleinen Gefallen, um den ich Sie gebeten habe. Man sieht sich.“

Duncan sah ihn fest an. „Wenn du gelogen hast, sehen wir uns schneller wieder, als es dir lieb sein kann, Jackson.“

1. KAPITEL

Die Kugelschreibermine raste über das Papier und verwandelte jeden ihrer Gedanken in einen Teil der Geschichte. Sharon nannte es den kreativen Trancezustand. Während dieser Zeit war sie nicht einfach nur die Schriftstellerin – sondern die unsichtbare Begleiterin der handelnden Personen in ihrem Roman.

Ohne Vorwarnung wurde nach dem vollgeschriebenen Blatt gegriffen und es ihr praktisch aus den Händen gerissen.

„Mr. Fox“, sagte sie überrascht und musste mit ansehen, wie ihr Professor für Literaturgeschichte vor versammeltem Kurs ihr Manuskript las. Sie senkte den Kopf und stieß einen stillen Fluch aus. Wahrscheinlich waren alle Blicke auf sie gerichtet. Sharon Worrington, die neue Erstsemester-Auditoriumsattraktion. Na herzlichen Glückwunsch.

„Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie Ihr kleines triviales Hobby in Zukunft unterlassen könnten, solange Sie meinem Kurs beiwohnen“, sagte Fox und legte den ersten Teil ihres neuen Romans wieder zurück auf ihr Pult. „Gehe ich recht in der Annahme, dass es sich um einen Thriller handelt?“

„Äh … ja.“

„Zeitverschwendung.“ Mit diesen Worten wandte er sich von ihr ab und kehrte an die Tafel zurück.

Nach dem Ende der Vorlesung drängte Sharon sich mit geducktem Kopf an ihren Kommilitonen vorbei und war eine der ersten, die den Hörsaal verließen. Oh, wie demütigend, dachte sie und hastete Richtung Mensa, ohne auf ihre Umgebung zu achten.

Sharon konnte nur hoffen, dass es ihrer neuen Freundin Claire besser ergangen war. Vor allen Dingen, wenn man ihr loses Mundwerk …

„Hey! Kannst du nicht aufpassen, wo du hinläufst!“

„Ach, du je! Entschuldigung … Ich …“

„Momentchen mal. Worrington – ich fass es ja nicht!“

Sharon glaubte sich in ihrem schlimmsten Albtraum wiederzufinden, als sie erkannte, mit wem sie gerade zusammengestoßen war. Beatrice Lamont. Ausgerechnet ihre Erzfeindin aus Highschooltagen! „Was machst du denn hier?“, fragte sie überrascht.

Beatrice rümpfte die Nase und informierte beiläufig das Mädchen, das sie begleitete: „Das ist die, von der ich dir letztens erzählt habe.“

„Die mit dem Artikel?“

„Genau die.“ Sie machte einen provokanten Schritt auf Sharon zu. „Hast mir damals eine Menge Ärger bereitet.“

Sharon lächelte. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie gut es tut, das aus deinem Mund zu hören.“

„Pass bloß auf …“

Bevor Beatrice in der Lage war, den Satz zu beenden, brach in der Mensa plötzlich ein Tumult aus. Lautes Kreischen vermischte sich mit dem polternden Geräusch umstürzender Tische und Stühle.

Sharon fühlte sich mit einem Mal wie elektrisiert. Sie erklärte die Diskussion mit ihrer alten Erzfeindin für beendet und betrat die Mensa, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.

„Irgendwann bringt dich deine Neugierde noch unter die Erde!“, rief Beatrice ihr nach und fügte leiser hinzu: „Wahrscheinlich früher, als du denkst, Face.“

Sharon traute ihren Augen nicht. „Was zum …“ Fassungslos blieb sie neben einem Getränkeautomaten stehen, schüttelte den Kopf und presste sich die Hand vor den Mund.

Zwei mit Blut und Gedärmen besudelte Studentinnen stürmten an ihr vorbei aus der Mensa. Eine der beiden weinte.

Auf einem der Tische sah es aus wie nach einem Massaker. Überall verstreut fanden sich mal größere, mal kleinere Fleischbrocken. Sharon zählte vier Studenten, drei Jungs und ein Mädchen, die zwar auch einiges abbekommen hatten, aber bei Weitem nicht so schlimm aussahen wie die beiden, die den Raum soeben fluchtartig verlassen hatten. Während das Mädchen in einen kleinen Handspiegel starrte, redete sich einer der Studenten immer weiter in Rage.

„Egal, wer dafür verantwortlich ist …“ Er trat einen Stuhl um. „Dieses Schwein wird sich wünschen, niemals geboren worden zu sein!“

„Sam, jetzt beruhige dich doch.“

„Leck mich!“

Die Reaktionen der offenbar unbeteiligten Studenten unterschieden sich nur geringfügig voneinander. Die meisten wirkten ungerührt. Einige wenige waren geschockt, andere – und das waren die Ausnahmen – konnten sich vor Lachen kaum halten. Bei Letzteren handelte es sich ihrer Statur nach zu urteilen ausschließlich um Footballspieler.

„Findest das wohl lustig, Franklin!“ Sam ging in die Knie und hob einen der Fleischbrocken auf. Bevor ihn seine Freunde davon abhalten konnten, schleuderte er das blutige Geschoss einem der lachenden Footballspieler mitten ins Gesicht.

Wie auf ein Kommando hin verstummten alle im Raum.

„Mächtig großer Fehler“, sagte der Footballspieler und machte bereits Anstalten aufzustehen, als einer der anderen an seinem Tisch ihm etwas zuflüsterte. Die beiden starrten sich kurz an, dann nickte der Footballspieler und wischte sich mit einem Taschentuch das Gesicht sauber.

Einen Moment lang kam es Sharon so vor, als hätte der Friedensstifter sie direkt angesehen. Sie lächelte instinktiv – und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Schlachtbank.

Auch Sam schien sich langsam abzureagieren. Das Mädchen starrte noch immer in ihren Spiegel und verzweifelte zusehends daran, die nicht mehr vorhandene Frisur zu retten.

Sharons Blick schweifte zur Decke, wo sie eine aufgeplatzte, rot verfärbte Plane entdeckte. Sie war mit einem dicken Hanfseil am gekippten Oberlicht befestigt worden.

„Einfach, aber effektiv“, sagte sie nachdenklich. Fehlen nur noch die Schweineherzen.

Sie schüttelte den Gedanken ab und erinnerte sich daran, warum sie die Mensa betreten hatte: Claire. Suchend sah Sharon sich um und entdeckte ihre bisher einzige Freundin an einem der äußeren Tische, wo sie mit einer stoisch dreinblickenden Studentin redete. Als Sharon näher kam, fiel ihr auf, dass Claires Bekannte etwas auf einen auf ihren Knien liegenden Notizblock kritzelte.

„Sharon! Du glaubst ja nicht, was hier eben los war!“ Claire stieß den Jungen, der neben ihr saß, an und säuselte zuckersüß, ganz wie es ihre Art war: „Wärst du bitte so freundlich?“

Er blinzelte verwirrt.

„Dein Stuhl“, fügte sie erklärend hinzu. „Meine Freundin möchte sich gern hinsetzen.“

„Äh, okay.“

„Wie unreif“, sagte sie kichernd und beobachtete, wie er sich rasch entfernte. „Ist sogar richtig rot geworden.“

„Du bist manchmal unmöglich, Claire“, sagte Sharon.

„Wieso denn nur manchmal?“

Mittlerweile hatten einige Lehrkräfte die Mensa betreten. Unter anderem auch der Direktor des College, Liam Hedebrant.

„Jetzt gleich erlebt ihr einen Wikinger in Aktion“, murmelte die Studentin, mit der Claire sich unterhalten hatte, und rückte ihre Brille zurecht.

Sharon stutze. „Wieso denn Wikinger?“

„Hedebrant ist Schwede. Ist sogar dort geboren. Außerdem, wenn der Typ nicht wie ein Wikinger ausschaut … wer dann?“

In diesem Punkt gab Sharon ihr uneingeschränkt recht. Hedebrant war ein Koloss. Fehlen eigentlich nur noch Lammfellmantel und Vedelhelm, dachte sie, als sie ihn betrachtete.

„Das wird Konsequenzen nach sich ziehen – Herrschaften!“, brüllte er. Er hatte einen hochroten Kopf bekommen. „Sollte der Urheber dieses … schlechten Streiches … sich unter den hier Anwesenden befinden – so empfehle ich ihm einen guten Anwalt!“

„Das nenn ich doch mal eine klare Ansage“, sagte die Studentin. „Hört mal, ihr beiden. Ich muss los. Die Pflicht ruft.“ Sie warf sich ihre olivgrüne Tasche über die Schulter und meinte zu Sharon: „Claire hat mir von deinen Schreibkünsten erzählt. Bei Interesse habe ich vielleicht einen Job für dich.“

„Job?“, wiederholte Sharon.

„Äh, keine Zeit. Ich schick dir ’ne Mail. Bis dann.“

Sharon sah ihr stirnrunzelnd nach. „Wer zum Teufel war das, und wieso bis dann?“

Claire zuckte mit den Schultern. „Anna irgendwas glaub ich.“

„Du kennst noch nicht mal ihren Namen?“

„Sie geht auch in Eriks Kurs.“

„Erik?“

„Mr. Sanders!“

Die Art, wie Claire den Namen des Geschichtsprofessors aussprach, behagte Sharon überhaupt nicht. Sie wusste zwar, dass Sanders aufgrund seines unbestreitbar guten Aussehens bei den meisten Studentinnen sehr gut ankam – aber das täuschte nicht darüber hinweg, dass der Mann die Dreißig schon längst überschritten hatte. Vielleicht täusche ich mich ja auch, dachte Sharon und wollte Claire gerade darauf ansprechen. Da forderte Hedebrant sämtliche Studenten auf, die Mensa unverzüglich zu räumen.

Auf dem teils glitschigen Weg nach draußen fiel ihr Augenmerk auf einen besonders fies aussehenden Fleischbrocken, um den sich eine kreisförmige Blutpfütze gebildet hatte.

„Ein Schweineherz“, sagte Claire halb belustigt, halb angewidert. „Zufälle gibt’s.“

Sharon schauderte. Zufälle, dachte sie, waren mir schon immer suspekt.

Smith & Burton. Die verlassene Fabrikanlage hatte die Ausmaße eines Footballfeldes. Ein Schmiergeldprozess war der Firma zum Verhängnis geworden. Einer der Gründer – Duncan konnte sich nicht mehr daran erinnern, ob es sich um Smith oder Burton handelte – hatte wenige Tage nach den ersten Schlagzeilen Selbstmord begangen. Nach der Firmenschließung hatten Hunderte Arbeiter ohne Job dagestanden. Geschäfte waren danach Bankrott gegangen, Familien waren weggezogen. Die komplette Infrastruktur des Stadtteils war in sich zusammengebrochen und hatte ein düsteres Zerrbild der Vergangenheit hinterlassen.

Im Dunkel der Nacht erinnerte ihn die große Haupthalle mit ihren gewaltigen Schornsteinen und Rohren an die moderne Version eines abenteuerlichen Schlosses. Bleibt abzuwarten, ob mit oder ohne Drache, dachte Duncan.

Mittlerweile gingen sieben Morde auf das Konto des Herzkillers, der seit über vier Monaten die Titelseiten sämtlicher Zeitungen dominierte. Vor zwei Tagen war die Geschichtsstudentin Veronica Middelton um ein Haar Opfer Nummer acht geworden. Die Zweiundzwanzigjährige hatte sich auf dem Nachhauseweg befunden, als sie plötzlich von hinten gepackt und zu Boden gerissen worden war. Bevor es dem Täter gelingen konnte, sie zu betäuben, waren ihr zwei Männer zu Hilfe gekommen, die den Überfall von einem Garten aus beobachtet hatten. Der Täter hatte von seinem Opfer abgelassen und war in einem weißen Van vom Tatort geflüchtet. Neben den Zeugenaussagen hatten sie einen Stofffetzen. Ein wahrer Glücksgriff, überlegte Duncan. Sie hatten die hohe Konzentrationen eines Betäubungsmittels nachgewiesen, das auch im Blut der vom Herzkiller ermordeten Frauen gefunden worden war. Sein erster Fehler.

Da die Haupthalle keine Fenster hatte, blieb Duncan ein Blick ins Innere vorerst verwehrt. Er ging an mehreren verschlossenen Eingängen vorbei und rechnete bereits damit, einer Fehlinformation aufgesessen zu sein, als er auf ein halb offen stehendes Tor stieß.

Eine Sache noch, die ihm im Gedächtnis geblieben war … Laut Zeugenaussagen handelte es sich bei dem Gesuchten um einen wahren Riesen. Mindestens einen Meter neunzig groß, athletischer Körperbau, Bewegungen wie ein Footballspieler. Duncan lächelte bitter. Durchtrainierte Serienkiller sind uns doch die liebsten, nicht wahr?

Leise und vorsichtig näherte er sich dem Durchgang bis auf wenige Schritte. Der aus dem Inneren strömende Chemiegestank erinnerte ihn an die brennenden Ölfelder Bagdads. Duncans Herz raste. Er zog die Waffe aus dem Schulterholster und entsicherte sie.

Sieben Morde … Die Opfer waren zwischen siebzehn und dreißig Jahre alt gewesen. Weiblich.

Die Beretta im Anschlag, betrat Duncan die Halle. Er atmete jetzt nur noch durch den Mund, die Augen zu schmalen Schlitzen verengt. Hier drin herrschte eine andere Art von Dunkelheit. Weniger grau – dafür mehr Schatten. Die herumstehenden Maschinen waren bis auf die letzte Schraube ausgeschlachtet worden. Ein Sammelsurium leerer Hüllen. Die einzige Ausnahme bildete ein neben einem Dutzend mannshoher Fässer parkender weißer Van. Duncan zückte sein Handy.

„Dieser Fox ist ein Idiot. So wie die meisten Professoren. Ich meine, wie kommt er überhaupt dazu, deinen Roman schlechtzureden! Wenn der nur halb so gut wird wie deine Kurzgeschichten …“ Claire kratzte sich die Stirn. „Also, in meinen Augen ist der Typ ein Ignorant der schlimmsten Sorte … Äh … Hallo? Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?“

Sharon zuckte zusammen. „Tut mir leid, ich war gerade in Gedanken“, sagte sie entschuldigend. „Die Schweinerei in der Mensa will mir einfach nicht aus dem Kopf gehen.“

„Du meinst, wegen den Parallelen zu …“

„Sag’s doch noch lauter“, flüsterte Sharon und hob beide Arme. „Wenn irgendjemand Wind davon bekommt, dann weiß ich nicht, wie die Leute reagieren werden. Nachher kommt noch einer auf die Idee und schiebt mir den ganzen Schlamassel in die Schuhe. Darauf kann ich gut verzichten.“ Sie wandte sich wieder ihrem Computer zu und versuchte, sich auf die Vorlesung zu konzentrieren. In fast einem Drittel der Auditorien gab es moderne Computerplätze. Purer Luxus, fand Sharon.

„Da ist aber jemand gereizt“, bemerkte Claire kühl. „Gehe ich recht in der Annahme, dass deine schlechte Laune zum Teil auf die geheimnisvolle Frau zurückzuführen ist, mit der dein Vater sich seit einigen Wochen trifft?“

„Jetzt hör mir bloß mit meinem Vater auf.“

„Also doch. Hat er sie dir immer noch nicht vorgestellt?“

Sharon verdrehte die Augen. „Wie kann man nur so neugierig sein?“

„Das musst du gerade sagen“, sagte Claire lächelnd. „Jetzt erzähl schon, was es an der Seniorenfront Neues gibt. Wann ist die Hochzeit?“

„Claire!“

Eine Studentin mit asiatischen Gesichtszügen sah kurz von ihrer Tastatur auf und warf Sharon einen bitterbösen Blick zu. „Könnt ihr nicht mal Ruhe geben? Hier gibt es zufälligerweise auch Leute, die was lernen wollen.“

„Entschuldigung“, erwiderte Sharon.

Claire schüttelte sich theatralisch und unterdrückte ein Lachen. „Immer diese Streber.“

„Täte dir auch mal ganz gut, dich auf den Unterricht zu konzentrieren.“

Wie auf Kommando ertönte aus Claires Tasche der neue Muse-Song. „Entschuldige mich einen Moment“, sagte sie aufgeregt und holte ihr Handy hervor. „Wenn ich nicht sofort drangehe, beschalle ich noch den gesamten Hörsaal.“

„Es dauert nicht mehr lange und die werfen dich hier raus“, sagte Sharon. Sie wollte noch etwas hinzufügen, als auf ihrem Monitor das Briefkastensymbol aufleuchtete. Jeder Student des Marcus-Diggs-College verfügte über eine interne E-Mail-Adresse, über die sowohl die Lehrkräfte als auch die Studenten kommunizieren konnten.

„Von Anna Johnson“, murmelte Sharon.

In der Betreffzeile stand „Jobangebot – Beantworte die Frage.“ Seltsamerweise war das Textfenster leer. Was soll das? Sharon schaute zu Claire. Ihre Freundin hatte sich mittlerweile eines Besseren besonnen und führte die Anweisungen der Lehrkraft aus. Gut so.

„Beantworte die Frage“, las Sharon erneut. Einer Intention folgend, fuhr sie mit dem Mauszeiger über das Textfeld und klickte wahllos drauflos. Als an einer Stelle für kurze Zeit ein schwarzer Balken aufblinkte, markierte sie das komplette Textfeld und änderte die Schriftfarbe von weiß auf schwarz.

„Dein Name?“ war jetzt plötzlich zu lesen.

Sharon tippte ihren vollen Namen ein. Anschließend klickte sie auf Senden und begann nervös ihren Kugelschreiber zwischen den Handflächen hin und her zu rollen. Exakt zwei Minuten später erhielt sie die Antwort.

Gut gemacht! Untergeschoss, Raum U122. Heute nach dem Unterricht. Ich freu mich!

2. KAPITEL

„Du weißt schon, dass das Versenden von merkwürdigen E-Mails ein Markenzeichen von Serienkillern ist? Und wenn das Treffen dann auch noch in einem Keller stattfindet …“ Claire schüttelte den Kopf. „Also, für mich sieht das alles nach dem perfekten Rezept für Scream 4 aus.“

Sharon warf Claire einen vorwurfsvollen Blick zu. „Es zwingt dich ja niemand mitzukommen. Du darfst gern nach Hause gehen.“

„Hey! Freundinnen lassen einander niemals im Stich. Ich kann doch nicht zulassen, dass …“

„Was wollt ihr hier?“, fragte plötzlich eine Stimme aus dem Halbdunkel.

Im nächsten Moment trat ein griesgrämig dreinblickender Mann in einem blauen Overall aus einer offenen Tür. Zwischen seinen schmalen Lippen klemmte eine selbstgedrehte Zigarette, die schon zur Hälfte aufgeraucht war. „Ich fragte, was ihr hier wollt!“

Sharon rümpfte die Nase. „Wir wollten zu Anna Johnson. Raum U122.“

„Ach die.“ Er nahm einen kräftigen Zug und machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich dachte schon, ihr gehört zu einer dieser komischen Studentenverbindungen.“

„Wieso denn komisch?“

Die Augen des Mannes funkelten für Sekunden eisig. „Ihr seid wohl Frischlinge. Hab ich recht?“

Beide nickten.

„Tja, dann will ich euch die Freude nicht nehmen, selbst dahinterzukommen. Jetzt macht, dass ihr wegkommt. Ich habe zu tun.“

„Eins, zwei, drei, Freddy kommt vorbei“, sagte Claire wenig später fröstelnd. „Sag mal, herrscht hier nicht absolutes Rauchverbot?“

„Soweit ich weiß schon“, erwiderte Sharon und klopfte gegen die weiße Holztür. „Vielleicht gelten hier unten ja andere Regeln.“

„Auf jeden Fall ein seltsamer Typ.“

Als niemand auf ihr Klopfen reagierte, versuchte Sharon es erneut.

„Wenn niemand öffnet, dann können wir ja verschwinden“, meinte Claire mit Blick auf den scheinbar unendlich langen, düsteren Gang. „Ich wette, da hat sich jemand einen Scherz mit dir erlaubt.“

Als die Tür keine zwei Sekunden später nach innen aufschwang, biss Claire sich auf die Unterlippe und machte einen Schritt zurück. „Nach dir.“

„War ja klar“, sagte Sharon lächelnd und ging voraus.

Das Erste, was Sharon in den Sinn kam, als sie die vielen Ordner in den Regalen, Karten an den Wänden, Zeitungen auf den Tischen sah – war eine Untergrundbewegung. Fehlt eigentlich nur noch das typische Che-Guevara-Poster, dachte sie.

Anna stand vor einer grauen Tafel und übertrug ihre Notizen in ein chaotisches Schema, für das sie ein halbes Dutzend verschiedene Farben verwendete. „Fühlt euch ganz wie zu Hause“, sagte sie und kreiste dabei mehrere Worte rot ein.

„Da müsste hier aber erst mal aufgeräumt werden“, bemerkte Claire stirnrunzelnd.

„Claire!“, rief Sharon ermahnend.

„Ich meine doch nur.“

Kopfschüttelnd trat Sharon neben Anna und betrachtete das Schema. „Sieht kompliziert aus.“

„Es soll mir dabei helfen, ein paar Verbindungen zwischen einzelnen Personen aufzudecken.“

Sharon lächelte wissend. „Es geht um die Mensaaffäre.“

Annas konzentrierte Miene hellte sich schlagartig auf. „Richtig! Sehr gut, Sharon. Ich sehe schon, dass es richtig war, dich anzuwerben.“

„Ich verstehe nur Bahnhof“, murmelte Claire und ließ sich auf einen der wenigen freien Stühle fallen. „Vielleicht klärt mich mal jemand auf, was es mit diesem Jobangebot auf sich hat?“

Anna zog irritiert die Augenbrauen hoch. „Ich dachte, das wäre längst klar. Sharon soll für unsere Collegezeitung schreiben. Sie hat alle Eigenschaften, die für einen guten Journalisten unerlässlich sind: Intelligenz, Kombinationsgabe und eine …“

„… todsichere Feder.“ Claire grinste. „Die schreibt so erbarmungslos, dass ihre Charaktere sie regelmäßig auf Schadensersatz verklagen.“

Sharon war zu sehr mit dem Schema beschäftigt, als dass sie Claires Bemerkung aus der Ruhe gebracht hätte. Sie zählte neun eingekreiste Namen. Zu jedem Namen gab es eine kurze Charakterisierung sowie eine Auflistung von Aktivitäten, die außerhalb des Campus’ stattfanden. Rote Verbindungslinien kennzeichneten entweder Freundschaften, gemeinsame Kurse oder anderweitige Aktivitäten. Sharon stutzte. Einer der Studenten hatte zu praktisch jedem anderen im Schema angegebenen Namen eine Verbindung.

Sharon sprach ihren Gedanken laut aus: „Wer zum Teufel ist Jeff Caine?“

„Dein erster Interviewpartner“, erklärte Anna und lächelte ihr aufmunternd zu. Anschließend ging sie zu einem in der Ecke stehenden Aktenschrank und öffnete die oberste Schublade. „Der Typ ist ein wandelndes Mysterium. Fantastische Noten, guter Sportler.“ Anna zog eine blaue Akte aus der Schublade und überreichte sie Sharon. „Praktisch alles, was die Frauenherzen höher schlagen lässt, vereint in einem athletischen Körper.“

„Frei übersetzt“, fügte Claire hinzu. „Der Typ ist heiß.“

Sharon schlug die Akte auf und starrte auf ein passbildgroßes Foto, das einen jungen attraktiven Mann zeigte. Bei näherem Hinsehen identifizierte sie ihn als jenen Studenten, der die Schlägerei in der Mensa verhindert hatte. In der Akte lagen nur wenige, einseitig bedruckte Blätter. „Und was ist das Mysterium?“

„Seine Vergangenheit. Stell dir einen See vor, dessen Wasser immer schwärzer wird, je weiter du dich in sein Zentrum wagst.“

„Dann hat er etwas zu verbergen?“ Claire war mit einem Mal hellwach.

Sharon lächelte. Sie wusste, wie sehr ihre Freundin Seifenopern liebte. Tratsch und Geheimnisse wirkten bei ihr besser als jedes Riechsalz.

Anna zuckte entschuldigend mit den Schultern und senkte den Blick. Das lange hellbraune Haar fiel ihr dabei wie ein Vorhang ins Gesicht. Schnell strich sie es zur Seite. „Meine Informationen sind lückenhaft. Aber Fakt ist, dass niemand weiß, was er vor dem College getrieben hat. Der Gute hüllt sich in Schweigen.“

„Und ich soll jetzt Licht ins Dunkel bringen?“

„Noch nicht“, sagte Anna. „Aufgrund der aktuellen Ereignisse giert der Campus nach der Enthüllung eines ganz anderen Geheimnisses.“

„Der Drahtzieher der Mensaaffäre“, sagte Sharon, ohne zu zögern.

Es war merkwürdig. Auch wenn Anna und sie bisher keine Vereinbarung getroffen hatten und Sharon ihre Mitarbeit noch nicht zugesagt hatte, war es für sie so selbstverständlich, bei dieser ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der Todesengel" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen