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Der Tod versteht auch Dialekt

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über diese Serie
  4. Über dieses Buch
  5. Über die Autorin
  6. Titel
  7. Impressum
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Kapitel 13
  21. Kapitel 14
  22. Kapitel 15
  23. Kapitel 16
  24. Kapitel 17
  25. Kapitel 18
  26. Kapitel 19
  27. Kapitel 20
  28. Kapitel 21
  29. Leseprobe
    1. Cover
    2. Prolog
    3. 1.
    4. 2.

Sofia und die Hirschgrund-Morde – Die Serie

Blaues Wasser, klare Luft, in der Ferne bei schönem Wetter die Alpen – das ist der Hirschgrund, ein idyllischer See mitten in Bayern. Nebenan der gleichnamige Campingplatz. Doch die Idylle trügt – denn diese Saison wird mörderisch.

Kaum ist die neue Besitzerin Sofia auf dem Platz angekommen, stolpert sie über den ersten Toten. Sofia ist entsetzt! Und dann neugierig. Bald schon entdeckt sie ihr Talent fürs Ermitteln und fängt an, in der bayerischen Idylle so einiges umzukrempeln …

Über diese Folge

Tod auf der Yogamatte! Evelyns Jugendfreundin Stella feiert ihren Junggesellinnen-Abschied auf dem Campingplatz am Hirschgrund – mit viel Yoga und wenig Alkohol. Ihr Mann und seine Kumpels feiern ebenfalls – auf dem anderen Campingplatz im Ort, mit wenig Yoga und viel Alkohol. Doch eines Morgens liegt der schöne Martin, ein Freund des Bräutigams, nackt und tot in seinem Zelt. Und Evelyn war die Letzte, die ihn dort besucht hat … Dummerweise finden sich immer mehr Beweise, die auf Evelyn als Täterin hindeuten. Ganz offensichtlich will jemand ihr den Mord in die Schuhe schieben! Das kann Sofia nicht zulassen! Kann sie ihre Freundin retten und sie von dem Verdacht befreien? Und was sagt ihr heißgeliebter Kommissar dazu, dass sie wieder einmal auf eigene Faust ermittelt?

Über die Autorin

Susanne Hanika, geboren 1969 in Regensburg, lebt noch heute mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in ihrer Heimatstadt. Nach dem Studium der Biologie und Chemie promovierte sie in Verhaltensphysiologie und arbeitete als Wissenschaftlerin im Zoologischen Institut der Universität Regensburg. Die Autorin ist selbst begeisterte Camperin und hat bereits zahlreiche Regiokrimis veröffentlicht.

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Kapitel 1

»Das mit der Schranke musst du jetzt wirklich mal in Angriff nehmen«, sagte der Schmidkunz neben mir und hielt sein Auto direkt vor der Absperrung an.

Da mochte er recht haben. Seit einiger Zeit schlossen wir die defekte Schranke zu meinem Campingplatz nämlich manuell. Mir selbst war es wahnsinnig wurscht, ob der Balken oben oder unten war, doch meine Camper fühlten sich bei dauerhaft offener Schranke einfach nicht wohl. Das Schließen indes ging nur mit größter körperlicher Anstrengung, und wir lebten in der steten Sorge, dass die Schranke beim nächsten Mal nicht mehr aufging.

»Hm«, machte ich und blieb auf dem Beifahrersitz sitzen, während der Schmidkunz ausstieg.

Ohne meine Krücken kam ich nämlich nirgendwohin, was seine Vor- und Nachteile hatte. Jetzt zum Beispiel, bei dem Nieselwetter, blieb ich gerne im Auto sitzen und schaute dem Schmidkunz zu, wie er schon zum zweiten Mal an diesem Tag die Schranke mit sichtbarer Anstrengung öffnete.

Ich blickte in die andere Richtung aus dem Beifahrerfenster und sah einen Lieferwagen beim Klohäusl stehen. Das waren die Handwerker, die im Männerabteil gerade Fliesen legten. Nicht mehr lange, und mein Klohäusl wäre endlich vollständig renoviert, freute ich mich.

Der Schmidkunz fuhr mich noch bis vor die Rezeption, und noch bevor sein Auto zum Stehen kam, wurde auch schon die Beifahrertür aufgerissen.

»Und, hast du die Mandelmilch bekommen?«, fragte mich Evelyn, während ich meine Beine aus dem Auto schwang. Zuvorkommend reichte mir Frau Schmidkunz, die neben Evelyn stand, meine Krücken. »Und den veganen Pizzakäse?«

Der Schmidkunz verdrehte die Augen zum Himmel und ließ den Kofferraumdeckel aufspringen. Er begann, die Kartons mit den Einkäufen herauszuwuchten, und drückte den ersten gleich seiner Frau in die Hände, während ich noch eine Weile mit den Krücken in der Hand sitzen blieb.

»Noch nicht«, sagte ich, als würde ich in zwei Sekunden motiviert aufspringen, um Pizzakäse ohne Käse zu organisieren.

»Der wäre aber wichtig, wir wollen morgen Pizza machen.«

Die Schmidkunz stemmte die Hände in die Hüften und sah ziemlich angekäst aus. Seit ich vom Scheunendach geplumpst war, war ich auf Krücken angewiesen. Und auf die Hilfsangebote sowohl meiner Dauercamper als auch von meinem Freund Jonas und meinem Jugendfreund Alex. Denn Autofahren ging noch gar nicht, und ich würde auch sicher die Schmidkunzens nicht dazu zwingen, mich nach Regensburg zu fahren, um gluten-, laktose- und tierfreie Lebensmittel einzukaufen!

»Ich bin hier die Campingplatzbetreiberin und nicht der Einkaufsdienst. Wenn deine Freundin lauter Sonderwünsche hat, dann kann sie ja ihre Nahrungsmittel selber mitbringen«, erwiderte ich mit bemüht freundlicher Stimme, obwohl meine Laune gerade echt im Keller war. Schließlich war es schon zwei Uhr am Nachmittag, und ich hatte noch nichts gegessen! Mühsam stemmte ich mich hoch und ging mit klackernden Krücken Richtung Rezeption. Es konnte doch keiner erwarten, dass ich für jede mögliche Lebensmittelmarotte gerüstet war!

»Das ist Stellas Junggesellinnenabschied«, merkte Evelyn eingeschnappt an, während die Schmidkunzens die Kartons mit den Lebensmitteln schleppten. »Der soll doch perfekt sein. Und wenn sie nun mal Veganerin ist und kein Gluten verträgt …«

Ich kommentierte Stellas Ernährungsmaximen nicht, sondern schlug mit freundlicher Stimme vor: »Du kannst dir gerne mein Auto ausleihen und losfahren.«

Hinter mir kamen Herr und Frau Schmidkunz mit den Kartons herein.

»Wir bräuchten das schon heute Abend«, beharrte Evelyn. Dem Schmidkunz rutschte der volle Karton halb aus der Hand und knallte auf den Tresen. Vielleicht wollte er damit andeuten, dass er vorhatte, in fünf Minuten Zeitung zu lesen und auf gar keinen Fall noch einmal mit zwei dauerquasselnden Frauen zum Einkaufen zu fahren. Das laute Geräusch ließ meinen geerbten alten Hund Milo hochschrecken, der gerade den Schlaf des Gerechten schlief. Hinter uns dingelte wieder die Tür, und Vroni, eine weitere meiner Dauercamperinnen, kam hereingesegelt, zwei meiner vollen Einkaufstaschen an ihren gewaltigen Busen gedrückt.

»Hast du Milch mitgebracht?«, fragte sie aufgeregt, da sie anscheinend schon in die Taschen gespitzt und keine entdeckt hatte. »Wir wollten gerade Kaffee trinken…«

»Sojamilch, Hafermilch oder Mandelmilch?«, leierte ich herunter, während ich in den Karton mit der Milch spähte. In meinem Knöchel pochte der Schmerz. Das lange Stehen war irgendwie noch nicht das Wahre.

»Milch halt«, sagte Vroni kopfschüttelnd. »Doch keinen so neumodischen Schmarrn!«

»Wo soll ich das abstellen?«, fragte der Schmidkunz, inzwischen eindeutig genervt.

»Vielen Dank für die Hilfe«, antwortete ich. »Den Rest macht Evelyn.«

Evelyn hob eine Augenbraue, trug aber widerstandslos den Karton mit dem »neumodischen Schmarrn« hinüber in den Campingladen.

»Kuhmilch hab ich vergessen«, sagte ich entschuldigend, während ich meine Krimskrams-Schublade zudrückte. Die musste ich echt mal entrümpeln, so schwer, wie sie zuging!

»Wie bitte?«, fragte Vroni entsetzt nach. »Und wie soll ich jetzt meinen Kaffee trinken?«

»Mit Hafermilch«, schlug ich freundlich vor. »Schmeckt ganz gut.«

»Zu süß für den Kaffee«, fand die Schmidkunz.

»Kommt nicht infrage«, hörte ich die Vroni mit einer Dringlichkeit schimpfen, als hätte sie vor, umgehend zum Supermarkt zu fahren und höchstpersönlich die Kuhmilchvorräte aufzufüllen.

Hauptsache keine Toten, dachte ich mir, während ich zu Evelyn humpelte. Das hatten wir nämlich schon ein paarmal auf meinem Campingplatz gehabt. Gemeuter wegen Milch war ja Peanuts im Vergleich zu einem Leichenfund! Und wie erfreulich, der Campingladen war geputzt und aufgeräumt. Evelyn kniete vor dem Kühlregal und räumte es gerade mit begeisterten Ausrufen ein. Erst verspätet kapierte ich, dass sie sich dabei filmte. Wollte sie mir damit zeigen, wie viel sie hier leistete?

»Ihr könntet doch in Regensburg Milch holen«, schlug Evelyn vor, jetzt mit ihrer normalen Stimme und ohne Video, dafür nur einen Bruchteil so fröhlich wie gerade eben. Ich humpelte ihr in die Rezeption hinterher. »Da kann man bestimmt veganen Pizzakäse kaufen. Den könntet ihr mir mitbringen.«

»Das ist doch einfach unglaublich«, schimpfte die Vroni gerade weiter und blickte mit in die Seiten gestemmten Fäusten aus dem Fenster. »Uns ein schlechtes Gewissen einreden mit ihrem komischen Essen! Die soll sich doch mal ansehen, wie sie aussieht!« Ich stellte mich neben Vroni und blickte ebenfalls hinaus. Stella, Evelyns Freundin aus Jugendtagen, die sich ausgerechnet meinen Campingplatz für ihren Junggesellinnenabschied ausgewählt hatte, scharte gerade ihre sieben Brautjungfern um sich. Stella war siebenundfünfzig Jahre alt, in etwa so alt wie Evelyn also, die aus ihrem Alter ein Riesengeheimnis machte. Allerdings war Stella drahtig und sportlich und komplett faltenfrei. Alles wegen ihrer veganen Ernährung und dem Yoga, wie sie behauptete, aber ich hatte den Eindruck, dass sie da OP- und Botox-technisch auch ein bisschen nachgeholfen hatte. Aber sie wirkte tatsächlich um mindestens fünfzehn Jahre jünger und war richtig fit!

»Sie sieht toll aus«, sagte Evelyn und stemmte ihre Hände in die Hüften. Seit Stella heute Morgen auf dem Campingplatz angekommen war, lief auch Evelyn nur noch in Sportklamotten herum – enge Lycra-Shirts, kombiniert mit knallengen, sehr bunten Hosen, die durchaus auch eine verschlankende Wirkung hatten. Obwohl Evelyn nie Yoga machte, zumindest bis jetzt nicht, sah sie nicht schlecht aus. Okay. Ihre Haare waren nach dem letzten Friseurbesuch irre rot. Auch wenn sie jetzt so tat, als wäre das Absicht gewesen, war ich mir sicher, dass sie den falschen Farbton ausgesucht hatte.

»Das kann nicht gesund sein!«, behauptete Vroni. »Den ganzen Tag nur Sport und dazu diese ekelhaften grünen Wirsing-Smoothies.«

Brokkoli, hätte ich am liebsten verbessert, aber ich machte mich lieber auf den Weg nach draußen zum Postkasten. Als ich vor die Rezeption trat, riss mir ein Windstoß die Tür aus der Hand und knallte sie zu, ein paar Regentropfen wehten mir ins Gesicht. Eigentlich hätte heute schon schönes Wetter sein sollen, aber dummerweise hielt sich das Wetter nicht an den Wetterbericht. Stella, die glückliche Braut, war mit ihren sieben Brautjungfern zur freien Fläche vor dem Klohäusl spaziert, und die Gruppe dehnte und streckte sich ausgiebig. Dabei ließen sie sich von dem leichten Sprühregen überhaupt nicht abschrecken. Vermutlich wollten sie gleich zu einer Joggingrunde aufbrechen.

»Und, schon eingerichtet?«, rief ich zu ihnen hinüber. Stella war nämlich mit drei ihrer Brautjungfern im »Gruber-Häusl« eingezogen, meinem »Tiny House«, das ich letztes Jahr auf dem Campingplatz hatte aufstellen lassen. Auch Evelyn hatte angekündigt, dort zu übernachten, aber noch keine Anstalten gemacht, ihr Bettzeug tatsächlich hinüberzutragen.

»Ja, es ist wunderschön! Und schade, dass du nicht mitjoggen kannst!«, rief Stella mit einem strahlenden Lächeln. »Jeder ist bei uns willkommen.«

»Oh. Danke!«, antwortete ich so begeistert, als würde ich am liebsten die Krücken wegwerfen und losrennen. »Das wäre toll.«

Schon wieder ein Moment, in dem ich mich über mein verstauchtes Gelenk freute.

»Evelyn?«, rief Stella lauter als nötig.

»Ich muss gerade den Campingladen einräumen!«, flötete Evelyn und steckte ihren Kopf nur kurz ins Freie. »Sofia ist ja leider total gehandicapt! Aber ein andermal sehr gerne.«

Am liebsten hätte ich erklärt, dass die verderbliche Ware schon eingeräumt war und sie sich gerne der Joggingrunde anschließen konnte. Aber ich wollte nicht gemein sein.

Mein Blick fiel auf die jüngste der Brautjungfern, Vanessa. Sie war dreiundzwanzig Jahre alt. Jeder Gast musste mir bei Anreise seinen Personalausweis vorlegen, deshalb war ich stets bestens informiert über das Alter meiner Gäste. Genau wie die anderen jungen Damen war Vanessa nicht nur Freundin, sondern auch Yogalehrerin und Angestellte von Stella. Vermutlich wirkte es sich auf ihr aller berufliches Fortkommen besonders positiv aus, dass sie sich bei dem Junggesellinnenabschied sportlich betätigten, auch wenn es gerade bei Vanessa so aussah, als hätte sie bei diesem Wetter auf alles andere mehr Lust. Die sechs anderen Brautjungfern, die seltsamerweise ebenfalls nicht in Stellas Alter waren, sondern um die dreißig, ließen sich nichts anmerken, auch wenn sie sich einen Junggesellinnenabschied sicher etwas anders vorgestellt hatten. Ich humpelte noch zum Briefkasten, klemmte mir die drei Briefe, die sich darin befanden, unters Kinn und verzog mich wieder in die Rezeption. Dort stellte Evelyn gerade die Campingtassen in Reih und Glied.

»Ich dachte, du räumst die Einkäufe weg?«, fragte ich mit hochgezogenen Augenbrauen, weil ihre Aktivität mehr danach aussah, als würde sie sinnlos Zeit totschlagen. Sie drehte sich zu mir, in einer Hand den Becher »The adventure begins«, mit einem stilisierten Wohnwagen darunter, und in der anderen die Tasse mit der Aufschrift »Camping ist der Zustand, in dem der Mensch seine eigene Verwahrlosung als Erholung empfindet«.

»Tja. Eine ordentliche Rezeption ist die halbe Miete«, sagte Evelyn etwas spitz. »Wie du sicherlich weißt, haben wir allein heute schon zwei Absagen erhalten, und wir dürfen uns einfach keine weiteren Fehler erlauben.«

»Schon wieder?«, fragte ich ungläubig. »Waren das Reservierungen für die Pfingstferien?«

»Ja«, nickte Evelyn und runzelte die Stirn. »Irgendetwas machen wir falsch.«

»Wir machen nichts falsch«, sagte ich, während ich mich über den Tresen beugte und die Briefe unter meinem Kinn fallen ließ.

»Wir waren vor zwei Wochen ausgebucht«, erinnerte mich Evelyn. »Und inzwischen haben wir nur noch halb so viele Reservierungen. Wenn das mal nicht heißt, dass wir etwas falsch machen.«

Ich runzelte die Stirn. Das hörte sich tatsächlich nicht gut an. Statt das Obst in den Laden zu räumen, ging ich hinter den Tresen und scheuchte Milo hoch. Vorwurfsvoll stand er auf und blieb mit traurigem Blick neben mir stehen. Milo hatte stets einen traurigen Blick drauf. Vor allen Dingen, seit ich mit Krücken herumhumpelte und Evelyn mit ihm spazieren ging. Das sah dann nämlich so aus, dass sie mit ihm kurz über die Straße ging und ihn an den erstbesten Baum pinkeln ließ. Und das, wo sein Lieblingspinkelbaum unten am Seeweg stand! Ich tätschelte Milos Kopf und versprach ihm, dass ich mit ihm, sobald es nur ging, eine Seeweg-Runde nach der anderen drehen würde.

»Ich glaube, dass unser Internetauftritt einfach nichts taugt«, sagte Evelyn.

»Wir haben keinen Internetauftritt«, verbesserte ich sie.

Evelyn sah etwas schuldbewusst aus, wie ich fand, vielleicht hatte sie auch spontan Zahnschmerzen bekommen.

»Außerdem muss die Rezeption entrümpelt und neu gestaltet werden«, erklärte mir Evelyn.

Ich nickte und warf gleich einmal zwei alte Kataloge in den Müll. Außerdem wunderte es mich, dass Evelyn nicht schon wieder das Café ansprach, das sie unbedingt im alten Bootshaus am See einrichten wollte.

Dann hörten wir plötzlich ein Hupen, und Vanessa rief draußen: »Martin!«

Sofort stürmte Evelyn zum Fenster, und auch ich wuchtete mich, neugierig, wie ich war, wieder auf meine Krücken. Vanessa wedelte gerade begeistert mit den Armen, und sie schien zur Abwechslung tatsächlich gute Laune zu haben.

»Ach, die Männer sind gekommen!«, rief Evelyn begeistert.

»Wie, die machen den Junggesellinnenabschied zusammen mit den Männern?«, fragte ich verständnislos.

»Nein, nicht zusammen. Die Männer sind drüben auf dem Campingplatz Steglmaier.«

Bei meiner Konkurrenz, diesem lahmarschigen Haufen!

»Hat alles Stella organisiert«, berichtete Evelyn zufrieden. »Das wird jetzt bestimmt lustig.«

Ich humpelte zur Tür und sah zu, wie aus einem VW-Bus oben an der Straße Männer ausstiegen. Voran ein gestählter junger Mann, solariumsgebräunt, mit blitzend weißen Zähnen und bekleidet mit einem Muskelshirt, das alles über seinen Trainingszustand sagte. Der Typ bestand nämlich aus Muskeln.

»Da heiratet sie ja einen heißen Kerl«, stellte ich fest. »Ist der nicht ein bisschen jung?«

»Das ist nicht Michael«, erläuterte Evelyn, und ihre Augen begannen zu blitzen. »Das ist Martin. Ein Freund des Bräutigams. Michael steht noch oben.«

Ich beugte mich neugierig nach vorne, um den Zukünftigen in Augenschein zu nehmen. Aus dem Auto stiegen noch drei Männer aus, die in etwa sechzig Jahre alt waren. Sie hatten nicht mehr so viele Haare auf dem Kopf und Bierbäuche. Als Allerletztes stiegen zwei aus, die wie verpeilte Computernerds wirkten.

»Und wer davon ist Michael?«, fragte ich nach, da ich niemanden erblicken konnte, der wirkte, als wäre er von Stella erhört worden. Stella legte nämlich unglaublich Wert auf eine gepflegte und sportliche Erscheinung.

»Der im blauen T-Shirt mit der Aufschrift ›It’s simple, but not easy‹.«

Ich will nicht behaupten, dass mir die Kinnlade herunterklappte, aber zumindest geistig war das so. Michael sah aus wie ein Buchhalter. Er wirkte sympathisch, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass er Stella auf Joggingrunden begleiten, Asanas praktizieren und sich auf ihre Ernährungsgewohnheiten einlassen würde.

»Echt?«, fragte ich nach ein paar Sekunden Verzögerung.

»Meinst du, ich lüge dich an?«, fragte Evelyn spitz.

»Nein. Aber er sieht so …«

»Spießig aus«, sagte Evelyn beipflichtend, obwohl ihre Augen auf dem feschen Martin ruhten.

»Was hat sie sich dabei gedacht?«

»Sie war schon zweimal verheiratet«, erklärte Evelyn mir. »Jedes Mal mit so Typen wie diesem Martin, und das ist immer schiefgegangen.«

»Aha.«

»Und jetzt heiratet sie eben ihre wahre Liebe. Und das wird dann natürlich gut gehen.«

»Und was war das dann vorher?«, fragte ich verständnislos.

»Stella hatte halt immer den Eindruck, sie müsse nach außen hin Jugend und Sportlichkeit demonstrieren. Und dass es schlecht fürs Geschäft sei, so einen Spießer wie Michael zu heiraten. Aber jetzt, in unserem Alter, da braucht man auf nichts mehr Rücksicht nehmen. Da kann man als erfolgreiche Businessfrau mit einem gut laufenden Yogastudio auch einen Mann haben, der wahrscheinlich in seinem ganzen Leben kein einziges Mal seine Füße berührt hat.« Sie machte eine kleine Pause. »Und auch so aussieht.«

»Die Ärmste«, sagte ich. Ich fand das gerade wirklich traurig.

»Stella braucht dir nicht leidzutun. Die hatte auch mit ihren Muskelmännern jede Menge Spaß. Im Übrigen finde ich, dass man gar nicht unbedingt heiraten muss. Schließlich kann man die ganzen Vorteile auch haben, wenn man nicht verheiratet ist«, erklärte mir Evelyn. »Stell dir vor, du würdest Jonas heiraten.«

»Wieso?«, wollte ich wissen. So schlecht war das nicht, wie ich fand. Jonas war mein Freund, und im Übrigen auch gestählt. Nicht zu vergessen, dass er Kriminalkommissar war, was auch nicht schlecht war, wenn man bedachte, dass ich bis jetzt alle Naselang hier auf dem Platz eine Leiche gefunden hatte. Zumindest im letzten Jahr war das so gewesen.

»Ja. Das frage ich mich auch, wieso eigentlich? Er hat doch auch Sex mit dir, wenn du ihn nicht heiratest. Und er lässt seine Socken nicht herumliegen.«

So würde ich das nicht sehen. Erst heute hatte ich einen einzelnen Socken von ihm aus dem Bett gefischt und den zweiten im Badezimmer gefunden.

Evelyn hatte jedenfalls keine Lust, das Gespräch zu vertiefen, denn sie segelte nun auch nach draußen. Nachdem Stella auf gleichaltrige Männer mit Bierbauch umgesattelt hatte, schmiss sich Evelyn pflichtschuldigst an den gut gebauten Martin ran. Etwas anderes hatte ich von ihr auch nicht erwartet.

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Kapitel 2

Evelyn hatte sich aufgemacht, den armen Männern den weiten Weg zum benachbarten Campingplatz zu zeigen – den die niemals gefunden hätten mit ihren sechs GPS-Handys und einem Navi –, und ich beschäftigte mich eine Weile schlecht gelaunt mit dem betrüblichen Stand meiner Reservierungen. Auf der Suche nach meinem Terminplaner zog ich wieder die Krimskrams-Schublade auf, in der ich alles aufhob, was nicht in der Rezeption herumfliegen sollte. Das war inzwischen schon ziemlich viel! Ich fand einen Winterschal meines längst verstorbenen Großvaters, die Ausweise meiner Großeltern und Kalender von 1972 und 1983. Die warf ich entrümpelungstechnisch gleich weg und drückte dann die Schublade wieder zu. Da Evelyn wohl noch ein Weilchen brauchen würde, musste ich zusehen, dass Milo endlich zum Pinkeln kam. Der hingegen fand es toll, dass ich mit Krücken noch langsamer ging als er, und nutzte gleich die Gunst der Stunde, um gegen den Strauch vor dem Hetzenegger’schen Wohnwagen zu pinkeln, was ihm eigentlich streng untersagt war. Ich ignorierte das und versuchte derweil, über die Treppe hinunter zum See zu kommen. Das war mit Krücken und Geländer nicht ganz so einfach. Begeistert pinkelte Milo, der vor Freude schon vorausgerannt war, unten am Ufer noch einmal gegen seinen Lieblingspinkelbaum, während ich auf halber Strecke eine kleine Pause einlegte und über den See blickte. Es war viel zu warm für die frühsommerliche Jahreszeit, deswegen war der See auch schön warm. Mein ältester Camper, der Gröning, nutzte das gerade, um über den See zu schwimmen. Das machte er, wenn das Wetter mitspielte, genau dreimal täglich. Einmal um halb neun, gleich nach dem Frühstück, dann um die Mittagszeit und das letzte Mal um halb vier, so wie jetzt gerade. Er schwamm so langsam, dass ich meinte, ihn retten zu müssen. Aber er erreichte ohne Schwierigkeiten das andere Ufer, wo er sich wie immer mit in die Hüfte gestemmten Händen ins Wasser stellte und Libellen beobachtete. Hinter mir hörte ich ein Auto. Der Hetzenegger, der Milch geholt hatte. Für seine Frau, die Vroni, war das Frühstück die wichtigste Mahlzeit des Tages, und ohne ihr Mohnschneckerl vom Meierbeck und ihren Kaffee war sie unleidlich und griesgrämig. Da nahm er alles auf sich und kaufte sogar ein. Ich schaffte auch noch die restlichen Stufen hinunter zum Seeweg, und obwohl mir die Hände schon wehtaten, wollte ich noch ein paar Schritte laufen. Direkt vor mir war die Badestelle, noch verwaist, aber normalerweise war in den Pfingstferien dafür umso mehr los. Die Mütter hockten dann an dem winzigen Sandstrand und sahen ihren kreischenden und wasserspritzenden Kindern zu, während die Vroni mit weißen Beinen im Schatten auf ihrem Liegestuhl thronte und Kreuzworträtsel löste. Die bayerischen Pfingstferien begannen in fünf Tagen. Und anhand der Reservierungslage konnte ich jetzt schon sagen, dass es wahrscheinlich keine Unzahl von kreischenden Kindern geben würde. Etwas bedrückt humpelte ich am Steg vorbei bis zu dem kleinen, verfallenen Bootshaus. Dort sah ich nämlich zwei bekannte Männer stehen: meinen Jugendfreund Alex, der im Übrigen ein wunderbarer Küsser war, wie ich aus eigener Erfahrung wusste, und sein handwerklich sehr geschickter Freund Tobi.

»… zwei Balken mehr«, hörte ich Tobi eben sagen.

»Hallo«, rief ich, und Alex drehte sich strahlend zu mir um. »Na du! Wie geht’s?«

Er nahm mich einen Tick zu lange in den Arm, und ich hätte am liebsten wohlig geseufzt. Er war auch ein irre guter Umarmer.

»Tut noch weh«, kommentierte ich meine Lage.

»Was springst du auch vom Scheunendach?«, fragte er.

»Was macht man nicht alles, auf der Jagd nach Mördern«, antwortete ich düster und gestand flüsternd: »Jonas hat sich dabei eine Rippe angebrochen.« Das war etwas missverständlich formuliert. Aber es hörte sich einfach nicht gut an, wenn man sagte: ich bin auf meinen Freund gefallen und habe ihm dabei eine Rippe angebrochen. Und der Rechtsmediziner Stein hatte deswegen am Arm einen blauen Fleck in der Form von Chile. Den hatte ich nämlich auch erwischt im freien Fall!

Alex und Tobi lachten.

»Was macht ihr da?«, fragte ich neugierig. »Soll ich das Bootshaus abreißen lassen?«

Das war eine Fangfrage, denn ich wusste natürlich, dass sie den Auftrag von Evelyn hatten, das Bootshaus auf seine Tauglichkeit als Café hin zu untersuchen. Aber einen Teufel würde ich tun, das tatsächlich umzusetzen, ich war nicht Evelyns Handlanger!

Wieder lachten Alex und Tobi nur.

»Stell dir das mal vor«, sagte Alex träumerisch und ließ seinen Arm weiter auf meiner Schulter ruhen. Mit der freien Hand zeigte er über den See. Auch ich ließ meinen Blick schweifen, sah das glitzernde grünblaue Wasser, die Kiefern am gegenüberliegenden Ufer und die zwei Schwäne, die gerade majestätisch an uns vorbeisegelten. Es war alles so frisch und grün geworden und ließ vergessen, dass jemals Winter gewesen war.

»Da sitzen wir dann, trinken unseren Kaffee und genießen diesen Ausblick. Hier ist es viel schöner als bei uns vorne auf der Terrasse.«

Alex war nämlich der Sohn vom Stöckl vorne im Ort, der eine Brauerei sowie einen riesigen, gut gehenden Gasthof mitsamt Seeterrasse hatte. Der Ausblick von dort war auch schön, nicht ganz so viel Natur vielleicht. Und der Kaffee war nicht der allerbeste, dafür die Schweinshaxe und das Bier.

Aber da ich nicht die Terrasse vom Stöcklbräu wischen musste und Milch und Kaffee kaufen, war das ein ganz anderes Ding! Mit einem Stöhnen ließ sich Milo neben uns plumpsen.

»Vielleicht muss man gar nicht so viel machen«, sagte Tobi. »Ich hätte richtig Lust.«

Ich nicht.

Mit einem Seufzen drehte ich mich zu dem Häuschen. So wie ich das einschätzte, konnte man die verfallene Baracke nur noch abreißen. Direkt neben der Holztür sah ich ein blitzendes Schild lehnen, das vintage wirkte, aber nagelneu war und hier wahrscheinlich noch keinen Tag stand. Es war altrosa, mit geschwungener Schrift, und darauf stand: Fräulein Schmitts Café. Darüber war ein stilisierter Cupcake zu sehen.

Verzeihung, Törtchen natürlich. Bei uns gab es nämlich keine Cupcakes, wie mir die Bäckerin im Ort, Frau Meierbeck, eingeschärft hatte. Und natürlich wusste ich, wer Fräulein Schmitt war. Auch wenn die Meierbeck noch nie in ihrem Leben Schmitt geheißen hatte.

»Ich fasse es nicht«, sagte ich ärgerlich.

»Ja. Dieses ganze Rosa lässt einem irgendwie die Eier schrumpfen«, sagte Alex und lachte, weil er wusste, dass ich etwas anderes gemeint hatte.

Da mich meine Arme schon stark schmerzten, humpelte ich zurück zur Rezeption. Vielleicht auch, um mich bei Evelyn über ihre Pläne zu beschweren, die sie so starrsinnig verfolgte, ohne auf mich Rücksicht zu nehmen. Die Rezeption war leer, die Brautjungfern-Runde und auch Evelyn waren noch nicht von ihrem Ausflug mit den Junggesellen zurück. Aber vor der Rezeption saßen die Schmidkunz und die Vroni, beide über ein Smartphone gebeugt, und die Vroni schnalzte mit der Zunge über das, was sie sah. Da Milo bei der Schmidkunz anhielt und sich den Kopf tätscheln ließ, blieb auch ich stehen.

»Und?«, fragte ich und versuchte, es wenig neugierig klingen zu lassen.

»Ich habe jetzt ein Handy«, sagte die Vroni.

»Ein Smartphone«, verbesserte die Schmidkunz sie.

»Ist doch das Gleiche«, erwiderte Vroni, wandte aber den Blick nicht vom Display.

»Und sie hat jetzt Instagram«, erklärte mir die Schmidkunz.

»Hat mir mein Sohn installiert«, ergänzte Vroni.

»Echt?«, vergewisserte ich mich.

»Ich poste natürlich nichts«, sagte sie.

»Aber du folgst den Reichen und Schönen des Landes?«, bohrte ich nach.

»Hauptsächlich folgt sie Evelyn«, lachte die Schmidkunz. »Diesem verrückten Huhn!«

»Evelyn ist bei Instagram?«, fragte ich noch fassungsloser.

»Ja. Erst seit ein paar Tagen. Natürlich nur, um den Campingplatz zu retten.«

»Wie bitte?«, fragte ich.

»Na, sie versucht halt, die Internetpräsenz von unserem Campingplatz auf Vordermann zu bringen.«

Ich beugte mich über das Smartphone von Vroni und erhaschte einen Blick auf Evelyn im getigerten Badeanzug auf meinem Steg unten am See. Das Foto sah klasse aus, Evelyn war um einiges schlanker, faltenfrei und blickte mit entrückter Miene ans andere Ufer. Außerdem hatte das Bild einen edlen orange-braunen Ton. Darüber stand in einer handschriftlich wirkenden Schrifttype geschrieben: I just need some time in a beautiful place to clear my head. Und daneben waren auch noch ein paar Herzchen gemalt.

Der Wasser leuchtete richtig türkisblau und hatte mit der Wasserfarbe unseres Sees keinerlei Ähnlichkeit.

»Das kann doch nicht wahr sein!«, stieß ich hervor. »Und wieso auf Englisch?«

»Das habe ich auch bemängelt«, sagte die Vroni, »das versteht doch überhaupt niemand.«

Sie klickte auf das neueste Video, das Evelyn im Campingladen beim Ausräumen meiner Einkäufe zeigte.

»Ganz wichtig ist mir gesunde Ernährung«, plauderte Evelyn, die eigentlich sehr gerne Fast Food in sich hineinstopfte, aber das nur nebenbei. »Deswegen verzichte ich momentan auf Kuhmilch.« Ihre Stimme klang zuckersüß und überhaupt nicht wie sonst. »Hier, da gibt es dann Hafermilch und Mandelmilch … Auch für unsere Campinggäste nur das Allerbeste! Und was haben wir denn hier?«

»Was um Himmels willen macht sie da?«, fragte ich kopfschüttelnd.

»Das ist ein Haul-Video«, erklärte mir Vroni und strahlte nur so vor digitaler Kompetenz. »Sie zeigt, was sie alles eingekauft hat. Ich finde das gut. Campinggäste sollen ja wissen, dass wir einen bestens ausgestatteten Campingladen haben und sie hier auf nichts verzichten müssen.«

»Außer auf Kuhmilch«, schränkte ich ein.

Und dann ploppte ein neues Bild hoch, das Evelyn anscheinend gerade eben hochgeladen hatte: Evelyn in einem knappen Blüschen und einem kurzen Rock, geschmiegt an die glänzenden Muskeln von Bodybuilder Martin. Das Bild war mit @BootcampMarty markiert, offensichtlich der Name, den sich Martin auf Instagram gegeben hatte. Er sah auch ziemlich Bootcamp-mäßig aus auf dem Bild, als käme er frisch vom Training. Auf dem rechten Oberarm war ein riesiger feuerspeiender Drache eintätowiert.

»Die Liebe meines Lebens«, stand darunter, »lass uns noch viele gemeinsame Campingstunden verbringen!« Getaggt war das Bild mit den Hashtags: #love, #forever, #SweetestCoupleForever und #CampingplatzAmHirschgrund. Und jetzt erst las ich den Namen ihres Instagram-Accounts: Sie nannte sich »Sexy_Hirschin«.

»Ich fange gleich zu heulen an«, brachte ich hervor. »Die kann doch nicht so tun, als wäre das der Instagram-Account von unserem Campingplatz.«

»Das ist doch nur ein Hashtag«, sagte Vroni routiniert. »Das bedeutet doch nix.«

Doch. Denn wenn man nach diesem Hashtag suchte, fand man als Erstes lauter Posts von Evelyn, so wie es aussah. Von einer, die sich Sexy_Hirschin nannte!

»Diesen Martin kennt sie doch erst seit einer Viertelstunde«, sagte die Schmidkunz, die sich mehr für die Liebesgeschichte zwischen Martin und Evelyn interessierte.

Als würde mich das beruhigen!

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