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Der Tod sonnt sich im Campingstuhl

Inhalt

  1. Cover
  2. Über diese Serie
  3. Über diese Folge
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Kapitel 14
  21. Kapitel 15
  22. Kapitel 16
  23. Kapitel 17
  24. Kapitel 18
  25. Epilog

Sofia und die Hirschgrund-Morde – Die Serie

Blaues Wasser, klare Luft, in der Ferne bei schönem Wetter die Alpen – das ist der Hirschgrund, ein idyllischer See mitten in Bayern. Nebenan der gleichnamige Campingplatz. Doch die Idylle trügt – denn diese Saison wird mörderisch.

Kaum ist die neue Besitzerin Sofia auf dem Platz angekommen, stolpert sie über den ersten Toten. Sofia ist entsetzt! Und dann neugierig. Bald schon entdeckt sie ihr Talent fürs Ermitteln und fängt an, in der bayerischen Idylle so einiges umzukrempeln …

Über diese Folge

Die Camper vom Hirschgrund sehen die Apokalypse auf ihren geliebten Campingplatz zurollen: Eine Jugendfreizeit! Das kann nur laute Musik, Saufgelage und junge Menschen ohne Manieren bedeuten. Kurzerhand verfrachten sie die Jugendlichen mit ihren Zelten auf eine abgelegene Wiese. Doch statt eines verkaterten Teenagers liegt eines Morgens die junge Betreuerin in der Scheune - und zwar mausetot. Ein Stromschlag! Wie konnte das passieren? Sofia kommt das alles sehr verdächtig vor - wie auch dieser undurchsichtige Priester, der das Camp leitet. Ob sie auch diesmal mit dem gutaussehenden Kommissar gemeinsam ermitteln kann? Sie ahnt ja gar nicht, wie dringend sie seine Hilfe brauchen wird. Denn schon bald deckt sie mehr als ein dunkles Geheimnis auf und gerät dabei in tödliche Gefahr!

Über die Autorin

Susanne Hanika, geboren 1969 in Regensburg, lebt noch heute mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in ihrer Heimatstadt. Nach dem Studium der Biologie und Chemie promovierte sie in Verhaltensphysiologie und arbeitete als Wissenschaftlerin im Zoologischen Institut der Universität Regensburg. Die Autorin ist selbst begeisterte Camperin und hat bereits zahlreiche Regiokrimis veröffentlicht.

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Kapitel 1

Mit strahlendem Sonnenschein und angenehm warmen Temperaturen hatten die bayerischen Pfingstferien begonnen. Der See am Hirschgrund glitzerte still und friedlich zwischen den hohen Bäumen und lud zum Schwimmen ein, ein Buchfink saß in der hohen Birke und trällerte sein Lied. Nach dem ersten Ansturm auf den Campingladen, in dem ich jeden Morgen die knusprigen Semmelchen vom Meierbeck verkaufte, hatte ich mich vor die Rezeption gestellt und ließ meinen Blick schweifen. Der Campingplatz war fast vollbesetzt, was für mich als frischgebackene und verschuldete Campingplatz-Besitzerin Grund zur Freude war. Meine Dauercamper waren nicht gleichermaßen amüsiert, denn zusätzlich zu den unzähligen neuen Campern würde heute eine Jugendgruppe mit vierzig Jugendlichen und drei Betreuern anreisen. Noch hatte ich nicht entschieden, wo sie campen sollten, nachdem angeblich jeder Platz auf diesem Erdenrund zu nah an meinen anderen Campinggästen lag. Es war nämlich zu erwarten – jedenfalls nach Aussagen meiner werten Dauercamper – dass diese Jugendlichen in der nächsten Woche mit ihrem Lärm jeglichen Nachtschlaf unterbinden würden.

Der Einzige, der in diesem Augenblick wirklich laut war, war ein beleibter, großkotziger Mann, der über meinen Campingplatz schlenderte, als würde er ihm gehören. Obwohl ich bereits wieder im Campingladen stand, um weiter Semmelchen zu verkaufen, hörte ich ihn lautstark herumschwadronieren: Herr Schwarz, Eigentümer von Immobilien Schwarz, stand mit einem feisten Lächeln vor meinem verhassten Klohäusl, und ich konnte selbst von der Ladentheke aus sehr gut hören, wie er plante, es als Allererstes einreißen zu lassen.

Ich verkaufte »dem Österreicher« seine Frühstückssemmeln, einem Mann mit breitem österreichischem Dialekt, der sehr gemütlich klang. Der Mann war seit zwei Tagen hier und übernachtete mit seinen drei Söhnen und seiner Frau in einem uralten, leicht schäbigen »Knaus Südwind«. Außerdem hatte er an allem und jedem etwas auszusetzen. Ich hatte das Gefühl, als würde er schon einen ganzen Monat bei uns campen. Deswegen war ich froh, als er wortlos seine Semmeltüte packte und einfach wieder verschwand. Gestern waren nämlich die Brezen zu wenig gesalzen gewesen – aber einen Teufel würde ich tun und den Meierbeck bitten, beherzter in den Salztopf zu greifen. Dann hatte ich nämlich vierundzwanzig Stunden später drei besorgte Mütter an der Theke stehen, die mir erklärten, wie gefährlich Salz für Kleinkinder sei.

Evelyn kam von draußen in die Rezeption gestürmt.

»Mach was«, zischte sie mir zu. »Der hat hier nichts verloren.«

Natürlich meinte sie nicht den Österreicher. Ich packte die restlichen Semmelchen – die Hetzeneggers waren die Einzigen, die ihre noch nicht geholt hatten – in eine Papiertüte und versuchte, den Schwarz zu ignorieren. Was ganz schlecht ging, weil Evelyn in der Tür stand und über ihn schimpfte. Obwohl ich eigentlich fest vorhatte, diesem Mann den kompletten Campingplatz zu verkaufen, machte es mich richtig schaudern, wie verächtlich er sich über mein Klohäuschen äußerte. Gut, es war hässlich und unmodern. Und wahrscheinlich war es auch das Beste, es einfach einzureißen. Aber immerhin war es noch mein Eigentum!

Noch immer hielt Evelyn mit zornfunkelnden Augen ihre Arme vor dem Busen verschränkt, den sie heute in ein getigertes Lycra-Top gehüllt hatte. Dazu passend trug sie eine glänzend schwarze, hautenge Lycra-Hose mit seitlicher Netzoptik. Von unauffälliger Kleidung hielt Evelyn nicht viel. Gerade wirkte sie wie Lara Croft kurz vor einem Action-Stunt.

Als ich mich in Bewegung setzen wollte, um genau das zu verhindern und dem Schwarz auf friedliche Weise mitzuteilen, dass er noch nicht der Besitzer war, trat die Putzfrau Fanni mit einem alten Putzeimer voller Dreckwasser aus dem Klohäuschen. Wie jeder hier auf dem Platz – außer mir – war sie dagegen, dass der Schwarz den Campingplatz kaufte, um hier ein Luxus-Wellnesshotel zu bauen. Energisch stellte sie den Eimer ab und schien nach Worten zu ringen. Ich beschleunigte meine Schritte, weil ich schon ahnte, dass Fanni vorhatte, diesem blöden Kerl eine gehörige Ladung Dreckwasser in die Haarpomade zu schütten und mit Schimpfworten nachzuspülen. Meine Flipflops klatschten eilig über den Asphalt, während ich den Schwarz ziemlich abfällig sagen hörte, dass er der Menschheit einen Gefallen täte, wenn er dieses schreckliche Toilettengebäude abrisse.

Vorwurfsvoll sah mich Fanni an. »Unser Klohäusl!«, zischte sie mir zu. »Einplanieren! Das geht doch nicht!«

Na ja. So toll war das Toilettengebäude auch wieder nicht, und ich muss gestehen, dass auch ich mit der einen oder anderen Abrissfantasie schwanger gegangen war. Aber Fanni putzte dieses Klohäuschen jetzt seit sechzig Jahren, deswegen musste man auch darauf achten, ihre Gefühle nicht zu verletzen. Auf die Sauberkeit der Toiletten legte sie nämlich unglaublich viel Wert, und dass die Fliesen kackbraun waren, war ihr ziemlich egal. Vermutlich hatte sie zu Hause Fliesen ähnlicher Farbe im Badezimmer.

Der Schwarz drehte sich zu mir um. An seiner Seite hatte er einen Mann mittleren Alters, der aussah, als wäre er Jurist, und außerdem einen jüngeren Mann, der bestimmt sein Sohn war. Vater und Sohn sahen fast identisch aus, beide trugen einen riesigen Wohlstandsbauch mit großem Stolz vor sich her. Keiner von ihnen schien auf die Idee zu kommen, dass es komplett daneben war, schon jetzt abzustecken, wo das Hotel entstehen würde und wo der Swimmingpool, obwohl sie mir noch nicht einmal ein Angebot unterbreitet hatten.

Während ich eilig näher kam, beobachtete ich, wie sich Fanni energisch eine weiße Strähne aus dem Gesicht wischte. Diese hatte sich aus ihrem ursprünglich straff gedrehten Dutt gelöst, der zentral auf ihrem Kopf thronte, und umwehte sie jetzt wie eine weiße Aura. Für ihre achtzig Jahre war sie nämlich topfit, und ich traute ihr durchaus zu, dem Schwarz mit dem Schrubber eins über die Rübe zu hauen.

Mit einem ziemlich finsteren Blick auf den Immobilienfritzen nahm sie den Putzeimer und kippte ihn aus. Das dreckige Wasser spritzte bis zu den Füßen von Herrn Schwarz und hinterließ dunkle Wasserflecken auf dem dunklen Leder. Ich war ihr unglaublich dankbar, dass sie nicht noch besser gezielt hatte.

»Unglaublich, dieser Renovierungsstau«, sagte der Schwarz gerade, und in mir kochte plötzlich die Wut hoch. Mein Renovierungsstau ging ihn nämlich gar nichts an!

»Wenn ich Sie bitten dürfte, meinen Campingplatz zu verlassen«, sagte ich und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Gehen wir in Ihr Büro und besprechen das Geschäftliche«, ignorierte Schwarz mit seinem feisten Grinsen meine Aufforderung.

Als wäre es vollkommen klar, dass ihm schon alles gehörte! Fanni wrang den alten grauen Putzlumpen aus, und wieder spritzte das Wasser weiter als nötig. Seltsamerweise hatte ich plötzlich auch das Gefühl, Putzwasser auf Schuhe kippen zu müssen, und war froh, dass das Wasser schon entsorgt war. Dann sah ich vor meinem geistigen Auge den dreisten Kerl in meiner dürftig aufgeräumten Rezeption mit hohem Renovierungsbedarf sitzen, die er genauso einplanieren würde wie das unsägliche Toilettenhäuschen.

Obwohl erst zehn Uhr, war es schon brütend heiß, vielleicht war ich deswegen auch so extrem ärgerlich.

»Sie können telefonisch einen Termin bei meiner Sekretärin vereinbaren«, verlautbarte ich mit hochgezogenen Augenbrauen, obwohl ich keine Sekretärin hatte. »Bitte verlassen Sie jetzt das Campingplatzgelände! Mein Campingplatzgelände, das nur nebenbei«, setzte ich ziemlich eisig hinzu und drehte mich um. Direkt hinter mir standen fünf meiner Dauercamper: Herr und Frau Schmidkunz, Evelyn und auch die beiden Hetzeneggers waren inzwischen aufgestanden. Alle schienen kurz davor zu sein, mir zu applaudieren.

Evelyn hatte wieder gute Laune, machte mir einen Espresso macchiato, und trotz der schwülen Temperaturen strahlte sie größte Zufriedenheit aus. Ich verkaufte den Hetzeneggers ihre Semmeln, und die Vroni Hetzenegger tätschelte mir mütterlich die Hand. »Das kriegen wir schon hin«, sagte sie, und irgendwie war es auch ein tolles Gefühl, dass sie uns zusammen als »wir« empfand. Obwohl ich nicht genau wusste, wieso sie bezüglich des »Das kriegen wir schon hin« so positiv gestimmt war. Ihr mütterlicher Busen wogte, und kurz wirkte es, als wollte sie mich in die Arme schließen und an diese zwei überdimensionierten Brüste drücken.

»Das heißt nicht, dass ich NICHT verkaufe«, erläuterte ich, als die Vroni aus der Rezeption gegangen war. Was war ich auch blöd. Ich hätte jetzt gleich Nägel mit Köpfen machen und den Campingplatz sofort verkaufen können. Morgen schließen, keine Semmeln mehr holen, keine Brezen, die zu wenig oder zu viel gesalzen waren. Was mich da geritten hatte, den Schwarz rauszuwerfen, wusste ich nicht. Aber der Gedanke, dass hier alles einplaniert, ein schickes Hotel gebaut und das Moor zum Golfplatz gemacht werden würde, machte mich trotz allem traurig. Und wütend.

Mit einem strahlenden Lächeln reichte mir Evelyn den Espresso mit der perfekt geschäumten Milch.

»Natürlich, Schätzchen«, zwitscherte sie, wie immer meinen Namen ignorierend.

Bis jetzt hatte ich noch niemandem erzählt, dass ich es mir gar nicht leisten konnte, den Campingplatz zu behalten. Ich hatte den Campingplatz von meiner Großmutter geerbt, und ich musste noch tausend Rechnungen von Nonna bezahlen. Und alles Geld, das Nonna noch gehabt hatte, hatte sie vor ihrem Tod der Firma Klaus und Gruber überwiesen, um das Toilettengebäude renovieren zu lassen. Im Übrigen so viel Geld, dass man vermutlich nicht nur eines, sondern drei oder vier neu bauen könnte! Ein Klohäuschen weiterhin, bei dem eigentlich nur ein Abriss infrage kam, wenn man genauer darüber nachdachte. Dass der blöde Immobilien-Schwarz das genauso sah wie ich, machte mich noch wütender. Ich stellte mich mit meinem Kaffee in die Sonne vor die Rezeption und sah nach, ob der Schwarz tatsächlich verschwunden war. War er. Und ob die Campinggäste tuschelten. Taten sie nicht. Und ob die Fanni noch immer putzte – seit wir so viele Gäste hatten, putzte sie nämlich nicht nur um vier Uhr in der Früh, sondern auch noch um zehn Uhr – und ich kam jeden Tag in den Genuss, mich mit ihr über die Qualität der Schrubber zu unterhalten.

Trotz der ganzen Schwierigkeiten ließ ich meinen Blick wohlwollend über den Campingplatz schweifen. Vor vier Wochen erst hatte ich ihn geerbt. Die Wohnwägen standen in der Sonne glänzend in Reih und Glied. Die Gartenzwerge des Apothekers Schmidkunz sahen aus wie frisch lackiert. Und bei dem alten, halb tauben Gröning wehten eine fast schon historisch zu nennende dunkle Badehose und ein uraltes oranges Handtuch, das in der Mitte bereits reichlich durchsichtig war, an der Wäscheleine im Wind. Nicht, dass ich hierbleiben wollte, aber es war wirklich idyllisch zwischen den Pappeln und Weiden mit dem Blick auf den glitzernden moosgrünen See, der sich spiegelglatt vor dem dunklen Fichtenwald auf der anderen Uferseite erstreckte! Und in der Früh roch der gesamte Campingplatz immer sehr appetitlich nach Kaffee und frischen Semmeln. Mir knurrte der Magen.

Der alte Gröning kam auf uns zu, in seinem Gesicht ein Ausdruck von Unverständnis.

»Und wo sollen wir pieseln gehen, wenn das Häusl einplaniert wird?«, fragte er. Aufs Klo gehen war nämlich ein wichtiges Thema beim Gröning, das tat er jede Stunde einmal.

»Nix wird einplaniert«, stellte Evelyn in den Raum.

»Hat der aber gesagt«, ärgerte sich der Gröning. Also war er doch nicht so taub wie angenommen. Ich überließ das Gespräch Evelyn. Der Gröning war hier auf dem Campingplatz, seit er eröffnet worden war. Er musste inzwischen ungefähr fünfundachtzig Jahre alt sein, und es sah aus, als wäre der Mann geschrumpft, die Haut aber gleich groß geblieben. Sein ganzer Körper bestand nur aus Falten. Durch die zahllosen Spaziergänge war er aber unglaublich fit und drahtig und konnte bestimmt strammer marschieren als beispielsweise ich. Vielleicht sollte ich ihm meinen geerbten Riesenköter Milo schenken. Ich ließ meinen Blick erneut auf dem Campingplatz ruhen, wo alle ihren Morgentätigkeiten nachgingen. Die Männer waren hauptsächlich mit grauen Toiletten-Abwasserwägelchen unterwegs oder damit beschäftigt, den Müll wegzubringen. Beinahe mit Liebe sah ich ihnen dabei zu.

Neben uns ratterte eine Motorsense los, und ich sprang erschrocken einen Schritt in die Rezeption hinein. Ein Spritzer Kaffee landete auf meinem T-Shirt, und Evelyn schloss die Tür hinter mir. »Das ist dringend nötig, dass der Sepp mal wieder mäht.«

»Der Sepp«, echote ich. Richtig. Der Sepp war der Gärtner meiner Nonna gewesen. Als Kind hatte ich mich immer ganz schrecklich vor ihm gefürchtet, weil ich ihn für einen wahnsinnigen Magier aus einem fremden Universum gehalten hatte. Neugierig spähte ich durch die Gardinen nach draußen. Sah aus wie immer. Riesiger Schnauzer und grimmige Miene. Und auch heute noch wirkte es, als würde er nicht Rasen mähen, sondern etwas niedermetzeln.

»Mit dem werde ich gleich besprechen, wie es mit ihm weitergeht, wenn er sich eine neue Stelle ...«

»Mit dem Sepp kannst du nichts besprechen«, sagte Evelyn hastig und drehte sich von mir weg, um ihr Kaffeegeschirr zu spülen. »Momentan solltest du einfach nur froh sein, dass er wieder hier ist. Seine Mutter ist Anfang Mai gestorben, und seitdem ist er hier nicht mehr aufgekreuzt. Wir hatten schon die Befürchtung, dass er gar nicht mehr kommt.«

»Dann werde ich in ein paar Tagen mit ihm sprechen«, seufzte ich.

»Und eine neue Stelle kann sich der auch nicht suchen.«

»Wieso?«

»Sepp ist … wie soll ich sagen …« Sie formulierte es nicht, sondern drehte den Zeigefinger neben der Schläfe, um zu zeigen, dass er geistig nicht ganz auf der Höhe war. »Er unterhält sich nicht. Wenn du ihn entlässt, dann kommt er trotzdem wieder her und macht mit seiner Arbeit weiter.«

Das konnte ich mir nicht vorstellen.

»Er unterhält sich nicht«, echote ich verständnislos. Also, nicht, dass ich jemals mit ihm ein Gespräch geführt hätte, aber ich konnte mich deutlich erinnern, dass er mich einmal angeschrien hatte, weil ich neben dem Rasenmäher spielte, und dass er außerdem meine Barbiepuppe umgemäht hatte. Die war dann bein-, arm- und kopflos gewesen.

»Er gibt nur Laute von sich«, erläuterte sie. »Deswegen sind Bewerbungsgespräche auch nichts für ihn.«

Er sah tatsächlich ziemlich debil aus, was vielleicht daran liegen mochte, dass seine rechte Schläfe leicht eingedrückt war, als hätte sie einen ziemlichen Schlag abbekommen.

»Er schreit oder brummelt.«

Na prima! Ich hatte einen Campingplatz mit einer achtzigjährigen Putzfrau und einem debilen Gärtner geerbt. Außerdem mit einem abrissreifen Toilettenhäuschen, und all mein Geld lag bei einer Firma, die am liebsten senfgelbe Fliesen verbaute! Etwas frustriert stieg ich über meinen ebenfalls geerbten riesigen schwarzen Hund, der von all den Ereignissen heute noch gar nichts mitbekommen hatte, weil er direkt vor dem Computer lag und tief und fest schlief.

»Und jetzt schick ich den Sepp hinauf zur Wiese. Die soll er mähen, damit diese Jugendgruppe dort campen kann.«

»Auf der Wiese?«, fragte ich verständnislos, während ich den Computer einschaltete.

»Auf der anderen Seite der Straße. Da hört man sie nicht so laut. Bleib du hier, ich weiß nicht, was passiert, wenn der Sepp eine unbekannte Person sieht.«

Was sollte da schon passieren, fragte ich mich. Aber gut, dass Evelyn das alles in die Hand nahm. Eigentlich war es mir egal, wo diese Jugendgruppe ihre Zelte aufstellte. Wenn das auf der Wiese ging, war mir das auch recht. Ich sah Evelyn hinterher, wie sie mit einem gewagten Hüftschwung hinaus in die Sonne trat.

»Morgen!«, schrie sie dem Sepp zu, und der machte mit seiner Arbeit weiter, als hätte sie überhaupt nichts gesagt.

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Kapitel 2

Bis mittags hatte ich nicht groß was geleistet, vor allen Dingen, weil ich es noch nicht geschafft hatte, auf dem Computer wesentliche Programme zum Laufen zu bringen. Ein Campinggast hatte mich nämlich vor zwei Wochen fast ermordet und vorher noch mit einer Ladung Wasser den Computer geschrottet. Da mit dem Computer nichts mehr anzufangen war, hatte mir mein Jugendfreund Alex einen seiner alten Computer geschenkt, auf dem ich leider nicht installiert bekam, was ich brauchte. Deswegen hatte ich vormittags nur Milo ausgeführt und das Regal mit den Nudeln aus dem Campingladen ausgeräumt, gewischt und wieder neu eingeräumt. Neben mir türmten sich Nudelpackungen, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen war, und die ich trotzdem noch zu essen gedachte. Nudeln gingen doch nicht einfach kaputt, oder? Gerade als ich alles in eine riesige Plastiktüte steckte, hörte ich, dass bei der Schranke ein großes Fahrzeug hielt.

Der Bus mit der Jugendgruppe!

Ich wusch mir schnell die Hände und sah dann zu, wie die Jugendlichen brav und koordiniert aus dem Bus stiegen. Der Gröning, bekleidet mit einem ausgeblichenen, ursprünglich vermutlich grünen Hemd und einer kurzen Hose, die seine dünnen Beinchen umschlotterte, kam gerade aus dem Klohäuschen und blieb bei der Gruppe stehen, als würde er dazugehören. Ich stellte mich an die Tür und sah zu, wie der Busfahrer die Rucksäcke und Zelte auslud und die Jugendlichen vor ihm eine lange Schlange bildeten, um sich ihr Gepäck abzuholen. Wohlwollend stellte ich fest, dass es auch hier kein Gerempel und kein Geschubse gab. In meiner Jugend wäre das nicht so gewesen. Die Jungs hätten uns an den Haaren gezogen, uns ein Bein gestellt, und wir Mädels hätten gekreischt und zurückgeschlagen.

Aus der Gruppe lösten sich zwei junge Frauen, die eine sehr blond, die andere braunhaarig, und kamen auf die Rezeption zu. Als sie vor mir standen, fiel mir auf, dass sie älter waren als die Jugendlichen.

»Hallo«, sagte die Blonde mit einem freundlichen Lächeln. Sie hatte ein ebenmäßiges, wunderschönes Gesicht und glänzende Haare. »Wir sind die angemeldete Gruppe, Jugendcamp Sonne.« Sie hatten beide hohe Stapel mit Ausweisen in den Händen. »Brauchen Sie die Ausweise?«

Eigentlich waren mir die Ausweise egal, aber ich musste an meine erste Aktion hier auf dem Campingplatz denken, als ich keinen Ausweis verlangt hatte. Das war damals nicht gut ausgegangen.

»Ja, bitte«, sagte ich deswegen und nahm zwei der Stapel entgegen. Den dritten konnte ich nicht mehr tragen, weshalb wir gemeinsam in die Rezeption gingen.

»Das sind wir zwei«, sagte sie und deutete auf die obersten zwei Personalausweise.

Wohlwollend schlug ich sie auf. Sarah Weinzierl und Corinna Pfeiffer. »Wir leiten das Camp zusammen mit Jeremias. Wenn Sie irgendwelche Fragen haben oder wenn die Kinder etwas falsch machen, dann wenden Sie sich bitte an uns.«

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Kinder, die nicht einmal beim Aussteigen aus einem Bus Quatsch machten, irgendetwas falsch machen konnten.

»Ich zeige Ihnen den Platz«, sagte ich und drehte mich etwas unschlüssig mit dem Ausweisstapel im Kreis. Für einzelne Camper hatte ich ein Postfach für jeden Platz, wo ich auch den Ausweis aufheben konnte. Ich zog eine Schublade auf, in der meine Großmutter Kruscht aufgehoben hatte, und legte den Stapel auf die Paketklebebänder, die alten Zeitschriften, Adapter für Stecker und sonstige Dinge. Der Stapel kippte sofort, und die Ausweise verteilten sich in der ganzen Schublade. Ob ich die jemals wieder alle zusammengesucht bekam? Hastig schob ich die Schublade wieder zu.

»Wir haben auf der anderen Seite der Straße einen Platz für Zeltlager«, behauptete ich, obwohl ich dort noch nie jemanden hatte zelten sehen. »Er ist schön eben, es gibt allerdings nur einen Stromkasten ...«

»Strom brauchen wir nicht«, sagte Sarah freundlich. »Das ist wunderbar hier.«

Kein Strom? Und was war mit all den internetsüchtigen Jugendlichen, die achtzigmal am Tag ihre WhatsApp-Nachrichten checken mussten? Als wir über die Straße gingen, sah ich, dass der Sepp tatsächlich die Wiese wunderbar gemäht hatte, immerhin das stimmte!

»Leider ist auf der Seite kein Toilettenhäuschen«, sagte ich. Aber wahrscheinlich pieselten Jugendliche sowieso direkt neben das Zelt. »Dazu müssten Sie über die Straße gehen.« Ich deutete hinüber zu unserem wunderbaren Klohäuschen und nahm mir vor – wie immer, wenn ich an das Häuschen dachte –, gleich heute noch Klaus und Gruber anzurufen, diese unsägliche Firma, und ihnen erneut mit dem Rechtsanwalt zu drohen, wenn sie mir mein Geld nicht zurückgaben! Sie hatten schamlos die Naivität meiner Nonna ausgenutzt und sich einen horrenden Vorschuss bezahlen lassen! Und den Rechtsanwalt musste ich auch mal anrufen, um ihn zu fragen, was er in der Sache schon alles unternommen hatte. Mein Blick schweifte von dem Toilettenhäuschen zu der Gruppe von Kindern, die sich um einen schlanken dunkelhaarigen Mann versammelt hatten. Er trug trotz der Hitze eine lange dunkle Hose und ein dunkles Hemd und zeigte mit seinen Armen sehr umfassend in alle Richtungen.

»Danke. Das ist alles kein Problem«, antwortete Sarah mit einem so strahlenden Lächeln, dass ich ihr das sogar glaubte. Vermutlich war das in dem Alter wirklich alles kein Problem. Ich persönlich wollte nicht mitten in der Nacht über die Straße gehen und eine Weile marschieren, bis ich eine Kloschüssel fand.

»Wenn Sie Semmeln oder Brezen haben wollen, fürs Frühstück, bis um achtzehn Uhr ist die Bestellung für den nächsten Tag möglich.«

»Danke.«

»Dann viel Spaß hier bei uns«, sagte ich, weil mir nichts mehr einfiel, und überquerte die Straße. Der dunkel gekleidete Mann nickte mir freundlich zu. Was mir als Erstes an ihm auffiel, waren seine extrem weißen Zähne und sein strahlendes Lächeln. Auch er war wahnsinnig schön.

Danach widmete ich mich wieder meinem Campingladen, der in einem ähnlich katastrophalen Zustand war wie das Klohäuschen.

»Du hast keine Butter da«, stellte Vroni Hetzenegger hinter mir fest und zeigte auf das leere Kühlregal im Laden.

»Ja. Ich habe das Kühlregal ausgesteckt«, sagte ich und holte ein paar Dosen Fertignahrung aus dem Regal, um dahinter zu putzen.

»Milch und Butter müsstest du schon dahaben«, sagte sie. »Und Joghurt. Joghurt ist ganz wichtig für die Verdauung.«

»Gibt’s da nicht einen Supermarkt, irgendwo in der Nähe?«, wollte ich wissen, und Vroni fügte hinzu, als hätte ich nichts gesagt: »Und Eis für die Kinder.«

Am liebsten hätte ich die Dosen sofort in den Müll gepfeffert, aber hinter mir ging wieder mit einem Dingeln die Rezeptionstür auf, und Evelyn trat ein.

»Keine Butter«, informierte Vroni Evelyn.

»Butter ist ungesund«, erwiderte Evelyn und zeigte dann auf die Kekse, die ich schon wunderbar gestapelt hatte. »Genauso wie diese ganzen leeren Kohlenhydrate. Für mich sowieso nichts, weil ich meine Iss-nur-zweimal-am-Tag-Diät mache.«

Ich stemmte meine Hände in die Hüften. War ich hier Ernährungsberaterin, oder was? Offensichtlich hatte Evelyn ihre Low-Carb-Diät durch eine andere ersetzt.

»Hast du den Kerl gesehen?«

»Welchen Kerl?«, fragte ich, und Vroni und ich folgten ihr zum Fenster, von dem aus man zusehen konnte, wie die Jugendlichen ihr Gepäck über die Straße schleppten. Ohne zu murren, übrigens, was es zu meiner Zeit garantiert auch nicht gegeben hätte. Mindestens zwei Mädchen hätten auf ihre Fingernägel hingewiesen oder auf Mückenstiche.

»Der passt mir nicht«, erklärte Evelyn.

»Wer?«

Energisch zeigte sie mit dem Kinn in die Richtung des dunkel gekleideten Mannes, der mit einem strahlenden Lächeln die Jugendlichen überwachte. »Dieser Jeremias.« Sie betonte das Wort, als wäre an dem Namen etwas falsch.

Okay, es war etwas seltsam, dass er in Schwarz gekleidet war. Aber manche Leute hatten ein Faible für eine bestimmte Farbe. Und er sah auch nicht so aus, als würde er für ein Beerdigungsinstitut arbeiten. Mehr so distinguiert. Und, wie gesagt, wunderschön, das nebenbei. Dass Evelyn auf ihn nicht abfuhr, war etwas eigenartig. Evelyn fand nämlich fast jeden Mann in irgendeiner Weise erotisch, wahlweise hatte er einen knackigen Hintern ...

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