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Der Tod soll auf euch kommen

Über Peter Tremayne

Peter Tremayne ist das Pseudonym eines anerkannten Historikers, der sich auf die versunkene Kultur der Kelten spezialisiert hat. In seinen im 7. Jahrhundert spielenden historischen Romanen löst Schwester Fidelma, eine irische Nonne von königlichem Geblüt und gleichzeitig Anwältin bei Gericht, auf kluge und selbstbewußte Art die schwierigsten Fälle. Schwester Fidelmas Abenteuer werden bisher in 10 Sprachen übersetzt. Wegen des großen internationalen Erfolgs seiner Serie wurde Peter Tremayne 2002 zum Ehrenmitglied der Irish Literary Society auf Lebenszeit ernannt.

Bisher bei AtV erschienen: Die Tote im Klosterbrunnen (2000), Tod im Skriptorium (2001), Der Tote am Steinkreuz (2001), Tod in der Königsburg (2002), Tod auf dem Pilgerschiff (2002), Nur der Tod bringt Vergebung (2002), Ein Totenhemd für den Erzbischof (2003), Vor dem Tod sind alle gleich (2003), Das Kloster der toten Seelen (2004),Verneig dich vor dem Tod (2005) Tod bei Vollmond (2005) und Der Tod soll auf euch kommen (2006).

Informationen zum Buch

Schwester Fidelma scheint kaum handlungsfähig, so sehr nimmt es sie mit, daß man ihr sechs Monate altes Baby entführt und dessen Amme ermordet hat. Geht es um Lösegeld, oder wollen die Entführer Gefangene freipressen? Eadulf übernimmt Fidelmas Part und stürzt sich in ein gefährliches Abenteuer, denn er will seinen Sohn finden, koste es, was es wolle. Doch von manchem am Hofe von Cashel wird sein großer Einsatz als Flucht betrachtet und gegen ihn verwendet.

»Schwester Fidelma – eine kluge, emanzipierte, mutige Frau.« SWR

Peter Tremayne

Der Tod soll auf euch kommen

Historischer Kriminalroman

Aus dem Englischen von Susanne Olivia Zylla

Für Pat und Andrew Broadbent

In immerwährender Erinnerung an Iona

und die außerordentliche Gastfreundschaft

im Jahre 2003

Wer nun aussätzig ist, des Kleider sollen zerrissen sein, und

das Haupt bloß, und die Lippen verhüllt, und er soll rufen:

Unrein, unrein. Und solang das Mal an ihm ist, soll er

unrein sein, allein, wohnen, und seine Wohnung soll außerhalb des Lagers sein.

3. Mose 13, 45 – 46

Personen

Schwester Fidelma von Cashel, eine dálaigh oder Anwältin an den Gerichten im Irland des siebenten Jahrhunderts

Bruder Eadulf von Seaxmund's Ham, ein angelsächsischer Mönch aus dem Lande des Südvolks

IN CASHEL

Colgú, König von Muman, Fidelmas Bruder

Finguine, sein Tanist und designierter Nachfolger, Cousin von Colgú und Fidelma

Ségdae, Bischof von Imleach

Brehon Dathal, oberster Richter von Muman

Cerball, Barde und Chronist an König Colgús Hof

Capa, Befehlshaber der königlichen Leibgarde, Gobnats Ehemann

Gobnat, Schwester der ermordeten Amme Sárait

Caol, Krieger von Cashel

Gormán, Krieger von Cashel

Conchoille, ein Holzfäller

Della, eine ehemalige Prostituierte

Bischof Petrán von Cashel

Bruder Conchobar, Arzt und Apotheker

Cuirgí, Cuán, Crond: Stammesfürsten der Uí Fidgente, als Geiseln im Kerker von Cashel

AM BRUNNEN VON ARA

Aona, der Gastwirt

Adag, sein Enkel

Cathalán, ein ehemaliger Krieger

IN DER ABTEI VON IMLEACH

Bruder Madagan, der Verwalter

Bruder Buite von Magh Ghlas, Anführer der Pilger

IN CNOC LOINGE

Fiachrae, der Stammesfürst

Forindain, ein Komödiant und Leiter der Wanderschauspieltruppe

IN RATH NA DRÍNNE

Ferloga, ein Gastwirt

IM TAL DES QUELLS VOM EICHENWALD

Conrí, Kriegsfürst der Uí Fidgente

IN SLIABH MIS

Corb, ein umherziehender Kräutersammler Corbnait, seine Frau

Uaman, Herr der Bergpässe vom Sliabh Mis

Basil Nestorios, Arzt und Heiler aus Persien

Ganicca, ein alter Mann

Nessán, Schäfer aus Gabhlán

Muirgen, seine Frau

Kapitel 1

Der Nebel wallte von den oberen Bergregionen herunter, stürzte wie eine leise weiße Flut auf die unteren Hänge und hüllte alles geräuschlos ein. Obwohl nur ein leichter Wind den Nebel so rasch tragen konnte, schien sich kein Lüftchen zu regen.

Die gefräßigen Nebelwolken umgaben schließlich den Schäfer Nessán, der flink den felsigen Hang entlang des reißenden Gebirgsbachs hinablief, der über ihm in den verhangenen Gipfeln entsprang. Als ihn die eisigen Nebelschwaden erreichten, hielt er einen Moment inne, denn plötzlich konnte er kaum noch etwas erkennen. Obwohl er sich in den Bergen gut auskannte, war er froh, daß ihm das Wasser zu seiner Rechten den Weg wies. Es floß erst ins Tiefland und dann weiter nördlich ins Meer. So würde er sich nicht verirren. Eigentlich war es schon ziemlich unüberlegt von ihm gewesen, bei diesem wechselhaften, unberechenbaren Wetter hier umherzustreifen. Schon viele hatten dabei ihr Leben gelassen.

War es aber wirklich so töricht gewesen? Wieder zitterte er, und das nicht wegen der Kälte. Auch wenn der neue Glaube das verurteilte, er hatte den Aufstieg in die oberste Bergregion gewagt, um die alten Götter anzuflehen. Niemandem hatte er seine Absicht anvertraut, nicht einmal seiner Frau Muirgen, obwohl er allein wegen ihr diese Gefahren auf sich genommen und die Drohungen der Priester Christi ignoriert hatte.

Im Morgengrauen war er aufgebrochen, war dem schäumenden Gebirgsbach hinauf gefolgt und hatte den dunklen, schwarzen glatt daliegenden See in der Senke passiert, bis er weiter oben am Bergkamm zu dessen Ursprung gelangt war. Dort ergoß sich das Wasser aus der Quelle in einem imposanten Wasserfall in den See und dann weiter den Berghang hinab. Hier war der oberste Punkt der Drei Senken, Barr Trí gCom, die Stelle, an der den Vorfahren zufolge das Diesseits und das Jenseits aufeinandertrafen und die Götter über das Schicksal der fünf Königreiche entschieden hatten.

Der Schäfer Nessán kannte diese Legenden sehr genau, denn die alten Weisen seines Volkes hatten sie stets vor den behaglich flackernden Feuern von einer Generation zur nächsten weitergegeben. An diesem Ort hier hatten auch die Söhne von Milidh mit den alten Göttern und Göttinnen der Kinder von Danu gekämpft, hatten sie besiegt und ins Gebirge getrieben, woraufhin aus den einst mächtigen Gottheiten kleine tückische Dämonen geworden waren. Doch zuvor waren drei Göttinnen von Danu – Banba, Fódhla und Éire – vor den Söhnen von Milidh erschienen. Eine jede erkannte den Sieg der Söhne von Milidh an, aber bestand darauf, daß man dem Land ihren Namen gäbe. Dem wurde entsprochen. Die Dichter priesen es meist als das Land von Banba und Fódhla, doch das einfache Volk nannte sein Land Éire.

Glaubte man den alten Geschichtenerzählern, so waren die Hänge ebenjener Berge einst blutgetränkt, denn der Sieg der Söhne von Milidh war nicht mit leichter Hand errungen worden. Auf diesen Hängen war Scota gefallen, die Tochter von König Nectanebus und Frau von Milidh, und auch ihr Druide Uar war hier gestorben. Fas, die Frau des großen Helden Uige, der dann Herrscher von Connacht wurde, war hier umgekommen, ebenso ihr Druide Eithiar und weitere dreihundert große Krieger, die den Söhnen von Milidh gefolgt waren. Doch es mußten auch zehntausend Anhänger der Kinder von Danu sterben, ehe die Schlacht zugunsten von Milidhs Söhnen entschieden wurde, wie die Legende berichtete.

Diese Hänge waren also mit dem Blut jener ehrwürdigen Kämpfer durchtränkt. Doch nicht das allein machte die Berge abschreckend, so daß die Leute sie mieden, die weiter unten in ihrem Schatten lebten.

Es heißt, daß zu Zeiten von Cormac, dem Sohn von Art dem Einsamen, dem einhundertsechsundzwanzigsten Hochkönig von Tara, die Armee von Dáire Donn, der sich selbst König der Welt nannte, versucht hatte, die fünf Königreiche von Éireann zu überfallen. Die furchterregende Streitmacht war auf der Halbinsel gelandet, auf der sich jenes Gebirge erhob. Cormac hatte daraufhin seinen obersten Feldherrn Fionn Mac Cumhail und seine besten Krieger, die Fianna, ausgesandt. Bei Fionntragha waren sie am Strand aufeinandergetroffen, und Fionn hatte die Feinde bis auf den letzten Mann niedermetzeln lassen.

Auf dem Schlachtfeld hatte sich auch Dáire Donns Tochter, ein Mädchen namens Mis, befunden. Sie hatte unter den Toten die Leiche ihres Vaters entdeckt, das Blut aus seinen Wunden geleckt und war, wahnsinnig geworden, in die Berge geflohen, die von da an nach ihr benannt wurden – Sliabh Mis. Dort trieb sie seitdem ihr Unwesen, tötete rachdurstig alle Tiere und Menschen, die ihr über den Weg liefen, und trank deren Blut.

Es gehörte eine große Portion Mut dazu, diesen bedrohlichen Bergen die Stirn zu bieten, doch Nessán war verzweifelt, und Verzweiflung verleiht selbst dem Zaghaftesten ungeahnte Kräfte.

Also war er zu dem schwarzen Wasserfall aufgestiegen und hatte – wie seine Vorfahren jahrhundertelang vor dem Einzug des neuen Glaubens – einen Hasen gefangen, um ihn der Göttin Dub Essa, der dunklen Herrin des Wasserfalls, zu opfern und sie um die Erfüllung eines Wunsches zu bitten. Aber sie sandte ihm kein einziges Zeichen als Antwort. Er wartete eine Weile und versuchte, seine Ungeduld zu zügeln. Doch wollte er die Nacht nicht in der unwirtlichen Bergregion verbringen. Ringsum war alles still, und er sah den Nebel vom Meer heraufziehen. Zunächst war er unschlüssig gewesen, hatte dann aber den Wasserfall hinter sich gelassen und war bergab gelaufen. Als der Nebel plötzlich ins Tal herabsank, befand er sich schon an den unteren Hängen.

Entschlossen lief er weiter. Er hörte das vom Nebel eigenartig gedämpfte Rauschen des Baches neben sich. Er vermochte nur noch knapp drei Meter weit zu sehen und mußte sich auf jeden einzelnen Schritt konzentrieren.

Jetzt näherte er sich dem Weg am Fuße der Berge, der nach links vom Bach fort und schließlich um die Berge herum zu seinem Heim führte. Er war erleichtert, die dunklen, verschleierten Berggipfel hinter sich gelassen zu haben.

Da vernahm er plötzlich vor sich den hohen schrillen Ton einer kleinen Glocke. Er war durchdringend, auch wenn der Dunst ihn ein wenig dämpfte. Erschrocken blieb er stehen. 

Neben einem dunklen Baumstamm gewahrte er einen Schatten, dessen Umrisse er in den Nebelschwaden kaum erkennen konnte.

Wieder erklang die Glocke.

»Mögen die Götter dich heute beschützen, Schäfer Nessán«, sagte eine hohe Stimme in eigenartigem Singsang. Man konnte sie kaum menschlich nennen, so sehr schien sie durch die feuchte schwere Luft entstellt.

Nessán kniff die Augen zusammen, um besser zu sehen. Ihn fröstelte genauso wie vorhin, als ihn der Nebel eingeholt hatte.

»Wer spricht da?« erwiderte er mürrisch und versuchte, seine Nervosität zu verbergen.

»Ich«, erscholl die Stimme. Ein glucksendes Kichern folgte. Wieder ertönte die schrille Glocke. »Salach! Salach!« rief der Schatten ihm unwillkürlich zu, als er sich näherte.

Nessán wich erschrocken einen Schritt zurück. »Bist du ein Aussätziger?«

Er konnte den am Baumstamm kauernden Mann auch beim Nähertreten nicht genau ausmachen, denn er trug einen Umhang mit Kapuze. Weder das Gesicht noch andere Körperteile waren entblößt, außer der weißen – beinah schneeweißen – klauenartigen Hand, in der sich eine kleine Glocke befand.

»So ist es«, war die Antwort. »Ich glaube, du kennst mich, Nessán von Gabhlán.«

Nessán zögerte. Als ihm dämmerte, wer der Leprakranke war, bekam er auf einmal Angst. Wer hatte nicht schon in den angrenzenden Tälern von dem Herrn der Bergpässe gehört, dessen Name in einem Atemzug mit Greuel und Schrecken genannt wurde?

»Ich kenne dich, Herr«, flüsterte er, »doch woher weißt du meinen Namen?«

Diesmal erklang ein Lachen durch den Nebel.

»Ich weiß viele Dinge, denn gehören das Land und die Menschen hier nicht mir? Wieso sollte ich nicht wissen, Nessán, Schäfer von Gabhlán, warum du auf dem Gipfel der Drei Senken warst? Wieso sollte ich nicht wissen, warum du die dunkle Herrin des Wasserfalls angefleht hast, obwohl es diejenigen, die den neuen Glaubens predigen, verbieten?«

Nessán holte tief Luft. »Woher weißt du das alles?« Er wollte fordernd klingen und dem Mann mutig entgegentreten, doch er wirkte eher eingeschüchtert.

»Das geht dich nichts an, Nessán.«

»Was willst du von mir, Herr? Ich habe dir nichts getan.«

Daraufhin lachte sein Gegenüber erneut auf.

Nessán straffte sich innerlich. »Wieso sollte ich glauben, daß du all die Dinge wirklich weißt, wie du behauptest?« Plötzlich faßte er mehr Mut. »Du meinst, du wüßtest, warum ich dort oben war? Vermutungen kann ja jeder anstellen, der einen von da absteigen sieht.«

Wieder läutete die Handglocke, als wollte sie ihn zum Schweigen bringen.

»Ich habe hier am Weg auf deine Rückkehr gewartet.« In der Stimme schwang nun etwas Bedrohliches mit. »Weshalb bist du losgezogen und hast der dunklen Herrin des Wasserfalls einen Hasen geopfert? Ich werde es dir sagen. Ganze zehn Jahre sind seit deiner Heirat mit Muirgen vergangen. Erst vor kurzem hat sie ein Kind zur Welt gebracht, aber es war eine Totgeburt. Die Hebamme hat euch erklärt, daß ihr nie wieder ein Kind haben könnt. Doch dein Weib hat immer noch die Milch, die für euer Kind bestimmt war. Muirgen wünscht sich nichts sehnlicher, als schwanger zu sein. Und da du ihr Hoffen und ihre Verzweiflung miterlebst, bist du selbst ganz verzweifelt.«

Nessán blieb wie angewurzelt stehen und lauschte mit wachsender Furcht den Worten.

»Erst letzte Woche bist du mit Muirgen in die kleine Kapelle an der Furt des Imigh gegangen, um dort zu beten. Du hast den Geistlichen gebeten, bei Christus und der Heiligen Mutter Maria Fürsprache für euch einzulegen. Aber du hast gewußt, daß eure Gebete und euer Flehen nicht erhört werden würden. Deshalb hast du dich wieder auf die alten Bräuche, auf den alten Glauben besonnen. Du bist losgezogen, um Dub Essa zu bitten, Muirgen durch ein Wunder zur Mutter zu machen.«

Nessán ließ den Kopf auf die Brust sinken, seine Schultern sackten zusammen. Er kam sich wie ein kleiner Junge vor, dessen Vergehen entdeckt worden war und der nun die unvermeidliche Strafe erwartete.

»Woher … weißt du das alles nur?« Er versuchte, selbstsicherer zu klingen.

»Ich habe schon gesagt, daß dich das nichts angeht. Ich bin Herr dieser dunklen Täler und der Gipfel darüber. Ich erkläre dir hiermit, daß du das nicht begreifen mußt. Kehr heim, und du wirst sehen, deine Gebete wurden erhört. Muirgens Wunsch ist in Erfüllung gegangen.«

Nessán hob sofort den Kopf.

»Du meinst …«

»Kehr heim. Kehr nach Gabhlán heim. Auf deiner Türschwelle wird ein Knabe liegen. Frage nicht, woher er kommt und weshalb er zu dir kam. Verrate niemandem, auf welche Weise er zu dir gelangt ist. Von nun an wird es euer Kind sein, und du wirst den Knaben Díoltas nennen. Du wirst ihn großziehen, damit er später Schäfer in diesen Bergen wird.«

Nessán runzelte erstaunt die Stirn.

»Díoltas? Warum sollte ein unschuldiger Knabe denn ›Rache‹ genannt werden?«

»Frage nicht, woher er kommt und weshalb er zu dir gelangt ist«, wiederholte der Aussätzige mit Nachdruck. »Man wird dich beobachten. Verstößt du gegen diese Regeln, wirst du bestraft werden. Hast du das verstanden?«

Nessán dachte einen Augenblick nach, dann neigte er zustimmend den Kopf. Warum sollte er mit den alten Göttern hadern, die seine Gebete erhört und diesen gespenstischen Kranken als Boten gesandt hatten?

»Ich habe verstanden«, erklärte er leise.

»So geh, aber verrate niemandem etwas von unserem Treffen. Vergiß, daß ich es war, der deine Gebete erhört hat. Vergiß, daß ich es war, der dir dieses Geschenk machte, erinnere dich einzig und allein daran, daß du in meiner Schuld stehst. Eines Tages werde ich dich vielleicht um einen Gefallen bitten. Bis dahin – geh nun! Geh rasch!«

Nessán zögerte noch einen Augenblick, doch da hob der furchteinflößende Mann einen Arm. Er sah das tote weiße Fleisch seiner Hand und den knöchernen Finger, der in dem trüben Dunst auf den Weg vor ihm zeigte. Ohne ein weiteres Wort von der sitzenden Gestalt entfernte sich der Schäfer. Nach drei, vier Schritten blickte er unvermittelt zurück. Ein leichter Wind war aufgekommen, bald würde der Nebel abziehen.

Nun konnte er sogar schon den Baum erkennen, doch niemand saß mehr darunter. Mit offenem Mund schaute sich Nessán weiter um. Offenbar befand er sich allein an dem Ort. Er spürte, wie eisige Kälte seinen Nacken hochkroch. Er drehte sich rasch um und eilte nach Hause.

Kapitel 2

»Bruder Eadulf, der König erwartet dich.«

Capa, der Krieger, der die Leibgarde des Königs von Muman befehligte, begrüßte den sächsischen Mönch, als dieser den Vorraum zu den königlichen Gemächern in der alten Burg von Cashel betrat. Er war ein großer und schöner Mann mit hellem Haar und blauen Augen und trug seinen goldenen Amtsschmuck mit zurückhaltendem Stolz. Als Eadulf betrübt durch den Empfangsraum schritt, warf er ihm kein Lächeln zu. Auch die Würdenträger, die einzeln oder in Zweiergruppen darauf warteten, zum König gerufen zu werden, taten nichts dergleichen. Sie kannten Bruder Eadulf, doch nun blickten sie bedrückt nach unten und vermieden die Begrüßung. In seiner Geistesabwesenheit bemerkte Eadulf sie gar nicht.

Capa trat auf eine hohe Eichentür zu, klopfte rücksichtsvoll an und öffnete sie, ohne auf Antwort zu warten.

»Tritt ein, Bruder Eadulf«, forderte er ihn mit leiser und sanfter Stimme auf, als würde er ihm sein Beileid bekunden.

Bruder Eadulf schritt über die Schwelle. Leise wurde die Tür hinter ihm geschlossen.

Colgú, König von Muman, noch jung und mit glänzendem rotem Haar, stand breitbeinig und mit auf dem Rücken verschränkten Händen vor einem großen Kamin, in dem ein Feuer knisterte. Sein Gesicht war ernst. Als Bruder Eadulf den Raum betrat, ging der König mit ausgestreckten Armen auf ihn zu. Er wirkte sehr besorgt, und seine grünen Augen, die sonst fröhlich funkelten, schienen farblos und leer.

»Tritt ein, Eadulf«, sagte er und griff nach der Hand des Sachsen. »Tritt ein, setz dich. Nicht so förmlich. Wie geht es meiner Schwester?«

Bruder Eadulfs Gesten wirkten etwas hilflos, als er mit eingesunkenen Schultern Platz nahm.

»Gott sei Dank, zum erstenmal seit Tagen schläft sie richtig«, sagte er. »Um ehrlich zu sein, ich mache mir große Sorgen um ihre Gesundheit. Seit wir aus Rath Raithlen zurück sind und deinen Boten mit der unheilvollen Nachricht vor dem Kloster von Finan dem Aussätzigen antrafen, hat sie kein Auge mehr zugetan.«

Colgú seufzte tief und ließ sich ihm gegenüber auf einen Stuhl sinken.

»Ich bin ebenfalls sehr besorgt. Meine Schwester läßt ihre Gefühle nie nach außen dringen, weil sie glaubt, es schicke sich nicht, andere an ihren inneren Regungen teilhaben zu lassen. Das ist unnatürlich.«

»Mach dir keine Gedanken«, erklärte Eadulf. »Unter uns gesagt, sie hat sich in den letzten beiden Nächten geradezu die Augen ausgeweint. Aber erwähne das ihr gegenüber bloß nicht, denn wie du schon sagtest, sie möchte gern vor anderen so wirken, als würde sie nie die Beherrschung verlieren.«

»Sogar vor ihrem eigenen Bruder?« Colgú verzog das Gesicht. »Nun, zumindest dir gegenüber hat sie ihren Gefühlen freien Lauf gelassen.« Er schwieg einen Augenblick, dann sagte er trübsinnig: »Ich glaube, ich bin für das große Leid verantwortlich, das unsere Familie getroffen hat.«

Eadulf zog fragend eine Augenbraue hoch. »Welcher Art sollte deine Schuld denn sein?«

»Habe ich nicht Fidelma dazu überredet, nach Rath Raithlen zu reiten und ihren Sohn der Obhut der Amme Sárait anzuvertrauen? Sárait wurde ermordet und Alchú, mein Neffe, wurde entführt.«

Bruder Eadulf schüttelte den Kopf. »Du hast das Unheil nicht voraussehen können, weshalb solltest du schuldig sein? Du wußtest doch ebensowenig wie wir, was in unserer Abwesenheit geschehen würde. Woher solltest du ahnen, daß unser Sohn«, ganz unmerklich betonte er Fidelmas Bruder gegenüber demonstrativ das Wörtchen ›unser‹, »entführt werden würde?«

Doch er konnte Colgú damit nicht beruhigen. Der ging nicht einmal näher auf Eadulfs Bemerkung ein.

»Fidelma schläft jetzt also?«

Bruder Eadulf nickte. »Mit Hilfe eines kleinen Beruhigungsmittels, das ich zubereitet habe – einem Aufguß aus wilden Stiefmütterchen, Helmkraut und Maiglöckchen.«

»Ich verstehe nichts von Apothekerkünsten, Eadulf.«

Eadulf lächelte. »Die wenigen Heilkenntnisse, über die ich verfüge, habe ich an der medizinischen Hochschule von Tuam Brecain gelernt, im Königreich von Breifne.«

Colgú lächelte müde. »Ach ja. Ich vergaß ganz, daß du an unserer größten medizinischen Hochschule studiert hast. Meine Schwester schläft also? In welcher Gemütsverfassung befindet sie sich?«

»Wie nicht anders zu erwarten ist sie zutiefst erschüttert und steht Todesängste aus. Am Anfang hat sie kaum begriffen, was geschehen ist, aber in den letzten beiden Tagen hat sie in der Gegend, wo Sárait ermordet und Alchú entführt worden ist, Nachforschungen angestellt. Sie hat mit verschiedenen Leuten gesprochen, doch dabei ist nichts herausgekommen. Es ist, als sei das Kind mitsamt dem Täter wie vom Erdboden verschluckt.«

»Was für ein finsteres Verbrechen«, sagte Colgú leise.

Er erhob sich und kehrte zum Kamin zurück. Wieder stand er breitbeinig und mit auf dem Rücken verschränkten Händen da, so wie er Eadulf empfangen hatte.

Nach einer Weile sagte er: »Eadulf, ich habe dich rufen lassen, weil ich in dieser Angelegenheit den Kronrat, meine engsten Berater, zu mir gebeten habe. Ich halte es für klüger, die Sache ohne meine Schwester zu erörtern.« Er zögerte. »Meine Schwester ist viel zu mitgenommen von dem Ganzen. Ich habe bemerkt, wie verstört sie in den letzten beiden Tagen herumgelaufen ist. Hierhin und dorthin ist sie geeilt und hat Aussagen überprüft, ohne je richtig über die Dinge nachzudenken. Ihr Herz ist von Sorge um ihr Kind erfüllt.«

Bruder Eadulf fühlte sich ein wenig schuldig. Zwei Tage lang hatte er alles versucht, um Fidelma zur Ruhe zu bringen. Colgú hatte recht, ihr Zustand grenzte fast an Raserei. Dennoch wandte er ein: »Fidelma ist eine ausgebildete und qualifizierte dálaigh, Colgú. Du weißt, welch hohes Ansehen sie genießt. Wenn Fidelma diesen Fall nicht lösen kann, wer dann?«

Der König gab Eadulf mit einer hilflosen Geste zu verstehen, daß er eigentlich recht hatte.

»Ja, ja. Meine Schwester wird inzwischen in allen fünf Königreichen von Éireann für ihre besonderen Fähigkeiten bei der Lösung von mysteriösen Kriminalfällen, die kein anderer sonst enträtseln könnte, hochgeschätzt. Und auch dein Name, Eadulf, ist unmittelbar damit verbunden. Doch wir reden hier von ihrem Kind.«

»Und meinem«, warf Eadulf nachdrücklich ein.

»Natürlich. Aber eine Mutter – jede Mutter – hat Gefühle, die manchmal jegliche Vernunft ausschalten können, wenn es um das eigene Kind geht. Als ich den Suchtrupp losschickte, mußte ich mich ganz auf deine Beschreibung der fehlenden Kindersachen verlassen, sonst hätten wir nicht gewußt, wie Sárait den Jungen an jenem Abend angezogen hatte. Fidelma brachte es nicht über sich, seine Kleidung durchzusehen.«

Stillschweigend stimmte Eadulf ihm zu. Er hatte die kleine Truhe durchforstet, in der Alchús Babykleider aufbewahrt wurden.

»Nun, Eadulf«, fuhr Colgú fort, »du bist der Vater. Das ist richtig. Ein Mann reagiert immer besonnener als eine Frau, und du im besonderen, Eadulf. Seit ich dich kenne, wirkst du wie ein Fels in der Brandung, gerade in stürmischen Zeiten. Ausgeglichen und beherrscht.«

Eadulf seufzte tief auf. Er fand nicht, daß er zur Zeit ausgeglichen und beherrscht war, aber er stimmte mit dem jungen König überein, daß Fidelma in den beiden letzten Tagen ihre ganze Professionalität als Ermittlerin von Verbrechen eingebüßt hatte. Da er sich aber mit Fidelma seelisch sehr verbunden fühlte, wäre es ihm wie ein Betrug an ihr vorgekommen, wenn er Colgú beigepflichtet hätte.

»Was schlägst du vor?« fragte er leise.

»Daß der Kronrat zusammentritt und wir gemeinsam – meine Ratgeber, du und ich – alles zusammentragen, was wir über den Tathergang wissen. Zuerst die Fakten. Dann reden wir über die Möglichkeiten, die zur Ergreifung des Täters führen können. Die anderen warten schon draußen. Ist das in deinem Sinne, Eadulf?«

Bruder Eadulf dachte einen Moment nach und zuckte dann mit den Schultern.

»Ohne Plan können wir nicht weitermachen«, sagte er. »Wir müssen auf jeden Fall etwas unternehmen. Ich bin mit deinem Vorhaben einverstanden.«

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren drehte sich Colgú um und griff nach einer kleinen Silberglocke. Kaum hatte er damit geläutet, öffnete sich die Tür und mehrere Männer traten ein. Eadulf stand auf. Obwohl er der Gatte von Colgús Schwester war, galt er im Königreich von Muman als Fremder; ein vornehmer Fremder zwar, aber dennoch ein Ausländer, ein Besucher aus dem Land des Südvolks, aus den Königreichen der Angeln und Sachsen.

Die Männer traten der Rangfolge nach ein. Zuerst der hübsche junge Prinz Finguine, Colgús Cousin, der Tanist und Nachfolger des Königs war. Dann kam der bejahrte Brehon Dathal, der oberste Rechtsberater und Richter bei Hofe. Mit ihm erschien Cerball der Barde, der ein Kenner aller Stammbäume und der Geschichte des Königreiches war. Er trug einen Lederbeutel. Als nächster folgte Ségdae, der Bischof von Imleach, comarb oder Nachfolger des heiligen Ailbe, der als erster das Christentum nach Muman gebracht hatte. Danach trat Capa ein, Befehlshaber der ausgewählten königlichen Leibgarde, deren Angehörige alle als Zeichen der Ehre einen goldenen Halsring trugen. Capa war zudem Schwager von Alchús Amme, die man ermordet hatte. Die engsten Regierungsberater von König Colgú im größten der fünf Königreiche von Éireann waren nunmehr versammelt.

König Colgú schritt zu einem runden Eichentisch am anderen Ende des Raumes und nahm Platz.

»Setzt euch. Wir werden ohne große Vorreden sofort zur Sache kommen und in dieser Runde alle wie Gleichberechtigte sprechen. Eadulf – du sollst neben mir sitzen, hier zu meiner Linken.«

Eadulf verbarg sein Erstaunen über diesen Vertrauensbeweis des Königs vor dem Kronrat. Die anderen Männer empfanden diese Ehrerbietung einem Fremden gegenüber weder ungewöhnlich noch fühlten sie sich ausgegrenzt. Es war vielmehr ganz allein Eadulfs Unsicherheit zuzuschreiben, daß ihn sein Status als Fremder immer wieder so vordergründig beschäftigte. Ständig ging ihm durch den Kopf, daß er zwar der Vater von Fidelmas Sohn, aber nur ihr fer comtha war und nicht ihr richtiger Ehegatte. Die Ehegesetze der fünf Königreiche waren kompliziert, es existierten mehrere Definitionen für den wahren Ehestand. So gab es tatsächlich neun verschiedene Formen von Partnergemeinschaften. Da man in Eadulfs und Fidelmas Fall den Status und die Rechte von Ehegatte und Ehefrau aus dem Gesetz des Cáin Lánamnus herleitete, handelte es sich hier um eine Ehe auf Probe für ein Jahr und einen Tag. Nach Ablauf dieser Frist könnten sich beide Partner schuld- und straflos trennen, wenn die Beziehung nicht glücklich verlaufen war. Eadulf war sich der zeitlichen Begrenztheit seiner Position sehr bewußt.

Die Ratsmitglieder nahmen um den runden Tisch herum Platz. Es herrschte ein unangenehmes Schweigen, während Colgú prüfend in die Runde blickte. Schließlich ergriff er das Wort.

»Ihr wißt alle, warum ihr hergebeten wurdet. So wollen wir mit den uns bekannten Fakten beginnen.«

Daraufhin räusperte sich Cerball, der Barde und Chronist. »Die Fakten liegen auf der Hand. Die Amme Sárait ist ermordet worden, und das Kind, das in ihrer Obhut war, wurde entführt. Es handelt sich um den kleinen Alchú, den Sohn von Fidelma von Cashel und Eadulf von Seaxmund's Ham. Dieses schreckliche Ereignis trug sich vor vier Tagen zu.«

Nun folgte eine Pause.

»Es gibt noch einiges zu ergänzen«, sagte Colgú. »Sárait hat fast sechs Monate als Amme hier auf der Burg gedient. Meine Schwester hatte sie in ihre Dienste genommen, weil sie nach der Geburt ihres Kindes eine Amme brauchte. Ist das richtig, Eadulf?«

Eadulf war überrascht, daß er im Kronrat vom König angesprochen wurde, und schaute auf. Colgú lächelte ihm ermutigend zu. Er ahnte, weshalb der Sachse zögerte.

»Dir ist gestattet, dich während der gesamten Sitzung sofort zu Wort zu melden«, sagte er.

Eadulf neigte den Kopf. »Also. Sárait wurde von mir und Fidelma sehr geschätzt. Fidelma vertraute ihr so sehr, daß wir sie zur Amme unseres Sohnes nahmen. Als man uns bat, wegen der Lösung eines komplizierten Falls nach Rath Raithlen zu reisen, gaben wir Alchú ohne Bedenken in ihre Obhut.«

Colgú blickte zu Capa. »Sárait war die Schwester deiner Frau, Capa. Was kannst du dem noch hinzufügen?«

Der Befehlshaber der Leibgarde schob mit einer etwas eitlen Geste seine blonden Haare nach hinten und lehnte sich zurück. Seine blauen Augen blickten eindringlich und ernst. Er wirkte betrübt.

»Sárait war eine hübsche Frau, eine reife Frau«, sagte er betont langsam und wählte seine Worte sehr sorgfältig. »Sie war weder leichtsinnig noch unbedacht, sie war sich ihrer Verantwortung voll bewußt. Sie war Witwe. Ihr Mann, Callada, starb als Krieger bei der Verteidigung des Königreiches gegen die Uí Fidgente in der Schlacht von Cnoc Áine. Für Sáraits Redlichkeit kann ich mich verbürgen. Ihre Schwester Gobnat ist, wie jeder weiß, meine Frau. Wir wohnen in der Stadt unterhalb des Felsens. Sárait hat im Schloß gedient, wie Bruder Eadulf schon sagte. Ihr eigenes Baby war gestorben, da stellte Lady Fidelma sie als Amme für ihr Kind ein.«

Colgú blickte in die Runde. »Als ich von Sáraits Tod erfuhr, habe ich mich gleich nach den näheren Umständen erkundigt. Man berichtete mir, daß ein Kind mit einer Nachricht für Sárait in der Burg aufgetaucht war. Angeblich stammte die Nachricht von ihrer Schwester Gobnat, die Sárait darum bat, sie sofort aufzusuchen.«

»Gab es einen Grund, warum Gobnat ihre Schwester so dringend sehen wollte?« meldete sich nun Brehon Dathal zu Wort.«Der Grund ist nicht bekannt«, erwiderte Colgú. »Offenbar fand Sárait niemanden, dem sie das Baby anvertrauen konnte, als sie die Burg verließ, deshalb nahm sie es mit. Weiterhin vermuten wir, daß sie tatsächlich in die Stadt gehen wollte, um Gobnat aufzusuchen. Ungefähr eine Stunde später entdeckte der Holzfäller Conchoille auf seinem Nachhauseweg Sáraits Leiche im Wald außerhalb der Stadt. Von dem Baby gab es keine Spur.«

Niemand sagte etwas. Was Colgú vorgetragen hatte, war bereits alles bekannt.

»Capa, für das Protokoll ist noch wichtig, was deine Frau über die Botschaft an Sárait auszusagen hat«, warf nun Brehon Dathal ein.

»Sie hat nie eine solche Nachricht an ihre Schwester geschickt. Sie und ich wußten von alldem nichts, bis wir von Sáraits Tod erfuhren«, antwortete Capa sofort.

»Und wann geschah das genau?« fragte der alte Richter.

»Conchoille klopfte gegen Mitternacht an unsere Tür und teilte uns mit, daß er Sárait tot aufgefunden hätte. Ich ging mit ihm mit, schickte aber zuvor einen Boten zur Burg, um die Wachposten zu alarmieren. Erst später erfuhren wir, daß Sárait die Burg mit dem Baby verlassen hatte.«

»Und was ist mit dem Kind, das angeblich eine Nachricht von deiner Frau überbrachte?« erkundigte sich Brehon Dathal.

Capa hob hilflos die Arme.

»Das Kind konnte nicht ermittelt werden, und bei der Suche in der Stadt und der näheren Umgebung fand man es auch nicht.«

»Aber gewiß hat doch der Wachposten, der das Kind einließ …?« fing Eadulf an.

Capa schüttelte den Kopf.

»Der Wächter erinnert sich nur an ein kleines Kind in einem grauen Wollumhang. Es hatte eine Kapuze auf, ähnlich wie die Mönche sie tragen. Außerdem schien es stumm zu sein, denn es reichte dem Wächter ein Stück Birkenrinde, auf dem geschrieben stand: ›Man schickt mich zu Sárait.‹ Dem Mann ist noch aufgefallen, daß das Kind recht stämmig war und einen eigenartigen Gang hatte.«

»So jemand ist doch gewiß nicht schwer zu finden«, murmelte Brehon Dathal.

»Trotzdem war die Suche vergeblich«, wiederholte Capa.

»Und das Stück Birkenrinde?« fragte Eadulf. »Ist das sichergestellt worden?«

»Nein.«

Eadulf schüttelte seufzend den Kopf. All das wußte er bereits.

»Und das Ganze hat sich in der Nacht abgespielt?« fragte Cerball, der Protokoll führte.

»Es war schon dunkel, denn nach dem Fest von Samhain Anfang November geht die Sonne rasch unter«, antwortete Capa.

»Man könnte Sárait wohl ihre Unbedachtheit vorwerfen, in jener Winternacht das Baby mitzunehmen, anstatt es im Schutz der Burg zu lassen.«

Diese Bemerkung kam von Brehon Dathal, dem alten Richter. Er nahm das Gesetz peinlich genau, und es hieß, daß er manchmal kein Pardon für menschliche Schwächen kannte.

Bischof Ségdae, oberster Bischof und Abt des Königreiches, stieß einen Laut aus, der einen verdächtig ironischen Unterton hatte.

»In einer Situation, in der sie eine dringende Nachricht von ihrer Schwester erhält oder dazu gebracht wird, das anzunehmen, und sie niemand für das Kind findet, ist es wohl verständlich, daß sie es mitnimmt«, machte er deutlich.

Wie Eadulf schon bemerkt hatte, bestand zwischen den beiden alten Männern eine gewisse Rivalität. Beide versuchten immer wieder, dem anderen gegenüber ihre Überlegenheit auszuspielen.

»Nun gut«, ergriff Colgú das Wort. »Ihr habt beide recht, aber Sárait hat schließlich für ihren Fehler mit dem Leben bezahlt!«

»Was ist mit dem Holzfäller, der die Tote gefunden hat?« fragte Eadulf.

»Conchoille? Alle wissen, daß er Cashel gegenüber loyal ist«, warf Capa sofort ein. »Er hat bei Cnoc Áine gegen die Uí Fidgente gekämpft.«

»Wir sollten dennoch mit ihm reden«, sagte Bischof Ségdae.

»Das hat Brehon Dathal bereits gemacht«, erwiderte Colgú. Dathal hatte als oberster Richter tatsächlich jeden, der mit dem Fall zu tun hatte, befragt, angefangen von dem Wächter, der das Kind mit der Botschaft in die Festung eingelassen hatte, bis hin zu Gobnat, Sáraits Schwester.

»Wie dem auch sei, und ohne Brehon Dathal in seinem Amt zu nahe zu treten«, erwiderte Bischof Segdáe etwas scharf, »die Aufgabe dieses Kronrats besteht darin, alle Hinweise zusammenzutragen. Ich habe daher nach Capas Frau Gobnat schicken lassen, ebenso nach Conchoille und dem Wächter, der vermutlich nichts Neues mitzuteilen hat. Sie warten draußen. Ich glaube, wir sollten das Ganze noch einmal aus ihrem Munde hören.«

Brehon Dathal war sichtlich verärgert.

»Das ist pure Zeitverschwendung. Ich kann euch deren Zeugenaussagen ganz genau wiedergeben.«

»Es mit eigenen Ohren zu hören ist etwas anderes«, entgegnete Bischof Ségdae. »Dann erst können wir sicher sein, daß die Aussagen nicht entstellt oder verzerrt wurden.«

Brehon Dathal zog die Augenbrauen zusammen.

»Willst du etwa damit sagen …?« fing er mit drohender Stimme an.

»Kürzlich gab es in Lios Mhór eine Verhandlung«, wandte Bischof Ségdae höflich ein und blickte zur Decke, als würde er nachdenken, »wo der Richter eine Aussage mißverstanden und daraufhin ein falsches Urteil verkündet hatte. Gegen das Urteil wurde Berufung eingelegt, und der Richter mußte eine Entschädigung zahlen …«

Brehon Dathal war inzwischen ganz rot vor Empörung. Er schnaubte vor Wut, fand aber nicht die richtigen Worte für eine Entgegnung.

»Wir müssen die Aussagen ohnehin zu Protokoll nehmen«, sagte Colgú und versuchte so, den gekränkten Brehon zu beruhigen. »Vielleicht ist es das beste, wenn wir nun alle die Zeugen anhören. Cerball wird ihre Aussagen festhalten.«

»Ich habe alles dazu bei mir, mein König«, versicherte ihm der Barde und holte aus seinem Lederbeutel Schreibtafeln – das waren hölzerne Rahmen, in denen sich weicher Ton befand – und einen Griffel heraus.

Brehon Dathal blickte Bischof Ségdae haßerfüllt an. Dann sagte er: »Wir sollten die Zeugen unbedingt nacheinander verhören. Beginnen wir mit dem Wächter.«

Capa sah zu Colgú hinüber, der dieses Vorgehen bestätigen sollte. Colgú nickte leicht. Es gab keinen Grund, den alten Richter noch weiter aufzubringen.

Einen Augenblick später hatte Capa einen mittelgroßen blonden Krieger hereingerufen. Mit unbeweglicher Miene blieb der vor ihnen am Tisch stehen.

»Dein Name, Krieger?« fragte Brehon Dathal.

»Caol, mein König. Fünfzehn Jahre im Dienst des Königs von Muman.«

»Wie ich sehe, Caol, trägst du den goldenen Halsring der Leibgarde von Cashel«, sagte Colgú.

Der Krieger war sich nicht sicher, ob es sich dabei um eine Frage oder die Feststellung einer Tatsache handelte, war doch das Symbol an seinem Hals deutlich zu sehen.

»So ist es, mein König«, erwiderte er.

»Wir haben erfahren, daß du an dem Tag Wache hattest, als Sárait umgebracht wurde«, sprach Colgú weiter.

»Ich stand als Wachposten am Haupttor der Burg, mein König.«

»Dann erzähle uns mit deinen eigenen Worten, was geschah.«

»Es war kurz nach Einbruch der Dunkelheit, am späten Nachmittag, als ein Kind zum Tor kam. Ich konnte es nicht genau sehen, da es dunkel war. Und auch der Schein der Fackeln am Tor half nicht, denn die Gestalt war unter dem Umhang völlig verborgen. Doch ich glaube nicht, daß ich ihn zuvor schon einmal gesehen habe.«

Eadulf runzelte die Stirn. »Du sagst ›ihn‹. Bist du sicher, daß es sich um einen Jungen handelte? In diesem Fall hast du wohl genug erkennen können, um auszuschließen, daß es ein Mädchen war, oder?«

Der Krieger blickte ihn an und zögerte, ehe er ihm antwortete.

»Sprich laut und deutlich!« fuhr ihn Brehon Dathal an.

»Das Kind war von oben bis unten in einen Umhang gehüllt, auf dem Kopf trug es eine Kapuze. Dennoch neige ich dazu, daß es ein Junge war.«

»Aber warum? Und warum sagst du auch, daß du das Kind nie zuvor gesehen hast, wenn du es nicht erkennen konntest?« fragte Brehon Dathal scharf.

»Meine Antwort bezieht sich auf beide Fragen. Das Kind wirkte trotz seines Umhangs eher stämmig, und es hatte einen eigenartig wankenden Gang. Ich glaube, daß ein Mädchen nicht so stämmig sein kann, und Gestalt und Gang wären mir bekannt vorgekommen, wenn ich das Kind schon einmal in der Stadt oder in der Burg gesehen hätte. Deshalb nahm ich an, daß es von außerhalb sein mußte.«

Brehon Dathal rümpfte gereizt die Nase.

»Es obliegt dir nur, die Tatsachen wiederzugeben«, warf er dem Krieger vor. »Alles andere ist reine Spekulation.«

»Trotzdem«, wandte nun Bischof Ségdae mit einem Lächeln ein, »war seine Schlußfolgerung logisch.«

»Capa hast du berichtet, daß das Kind stumm war«, fuhr Brehon Dathal mit leicht zynischem Unterton fort. »Wie kommst du darauf? Wieder durch Spekulationen?«

»Das ist ganz einfach, weiser Brehon. Das Kind hat nicht geredet, sondern mir ein Stück Birkenrinde gereicht, auf dem stand: ›Man schickt mich zu Sárait.‹ Durch Gesten und abgehackte Laute gab es mir eindeutig zu verstehen, daß es nicht sprechen konnte. Ich erklärte ihm den Weg zu ihrer Kammer.«

»Und das Stück Birkenrinde hast du nicht aufbewahrt?« fragte Eadulf.

Der Krieger schüttelte den Kopf. »Dafür gab es keinen Grund.«

»Um was für eine Art Schrift hat es sich gehandelt?«

Der Krieger schien verwirrt.

»War es die alte Form, die ihr Ogham nennt, oder war die Nachricht in der neuen Schrift aufgezeichnet?« erläuterte Eadulf.

»Ogham kann ich nicht entziffern«, erwiderte der Krieger. »Aber die Mönche von Lios Mhór haben mir das Lesen beigebracht. Die Nachricht war in der neuen Schrift geschrieben, die wir jetzt lernen, und in dicken Buchstaben.«

»Was geschah dann?« fragte Brehon Dathal.

»Kurze Zeit darauf kehrte das Kind durch das Tor zurück und erwiderte nichts auf meinen Gruß. Daraus schloß ich, daß es nicht nur stumm, sondern auch schwerhörig war. Es tauchte im Dunkel unter, und ich nahm an, daß es den Hügel abwärts in die Stadt eilte. Ein wenig später lief Sárait mit einem Baby auf den Armen durchs Tor und erklärte mir, daß ihre Schwester sie dringend zu sich gebeten hätte. Sie würde bald zurück sein, falls sich jemand nach dem Kind erkundigen sollte. Sie sagte mir, daß sie das Kind bei niemandem sonst in Obhut geben könne, also nähme sie es mit. Das ist alles, was ich darüber wußte, bis dann jemand auf Befehl von Capa aus der Siedlung zu mir kam und mich informierte, daß man Sáraits Leiche gefunden hatte.«

»Wann war das?« fragte Eadulf.

»Gegen Ende meiner Dienstzeit, kurz vor Mitternacht.«

»Sárait hatte dir aber gesagt, daß sie bald zurück sein würde, und bis Mitternacht war sie noch nicht wieder da. Hast du dir keine Sorgen um sie gemacht?«

Caol schüttelte den Kopf. »Sie hatte mir gesagt, daß sie ihre Schwester besucht. Jeder kennt Gobnat. Ihr Mann, der Befehlshaber der königlichen Leibgarde, befindet sich auch hier; Capa hätte sie sicher bis ins Schloß zurückgeleitet.«

Schweigen trat ein. Colgú entließ den Krieger und wandte sich an Capa.

»Du kannst deine Frau hereinholen.«

Die Frau, die nun hereinkam, war offenbar ein wenig eingeschüchtert durch die versammelten Männer. Sie war attraktiv, auch wenn man sie nicht schön nennen konnte. Vielleicht waren ihre Züge ein wenig zu hart und kantig. Eadulf konnte eine gewisse Ähnlichkeit mit Sárait feststellen. Doch in Gobnats Gesicht lag eine gewisse Energie, beinahe eine Art Trotz, der der toten Amme fremd gewesen war. Sárait war weicher gewesen, dachte Eadulf. Gobnat wirkte viel entschlossener. Rasch blickte sie ihren Mann an, als wolle sie sich bei ihm rückversichern, dann blieb sie steif vor dem König stehen.

»Du mußt nicht aufgeregt sein, Gobnat.« Colgú lächelte. »Du kennst uns alle, und wir haben uns in den letzten Tagen schon mehrmals mit dir unterhalten. Du weißt auch, daß wir an deiner Trauer über den Tod deiner Schwester Anteil nehmen.«

Es schien, als wolle die Frau einen Knicks machen.

»Ja, mein König. Vielen Dank.«

Brehon Dathal war strenger als der König.

»Wir wollen, daß du hier als Zeugin über die Vorgänge um Sáraits Tod aussagst. Wie wir erfahren haben, hat sie eine Nachricht erhalten, daß sie dich dringend aufsuchen soll. Da sie niemand anderen für das Baby fand, nahm sie es mit und machte sich auf den Weg zu dir.«

Gobnat schüttelte den Kopf. »Das stimmt nicht. Ich kann nur bestätigen, daß Conchoille zu mir kam und mir mitteilte, daß man die Leiche meiner Schwester gefunden hatte«, erklärte sie mit bebender Stimme. »Das wollte ich nicht glauben, da sie hier im Schutz der Burg lebte und arbeitete. Conchoille sagte noch, daß sie im Wald außerhalb der Stadt lag. Mein Mann schickte einen Boten zur Burg und begleitete Conchoille, um die Leiche zu bergen. Sie trugen meine Schwester in mein Haus.«

»Du hast an jenem Abend deiner Schwester nicht die Aufforderung zukommen lassen, dich zu besuchen?« fragte Bischof Ségdae ein wenig freundlicher als der alte griesgrämige Richter.

»Nein, das habe ich nicht.«

»Du hast nichts von einem Kind überbringen lassen?« meldete sich Brehon Dathal mit barschem Ton wieder. Er wollte nicht ausgeschlossen werden.

»Das habe ich schon gesagt. Nein.« Gobnat rang die Hände. Sie war empört über den Ton des alten Richters.

»Und du kennst auch jenes Kind nicht, das angeblich die Nachricht überbracht haben soll?« Brehon Dathal wollte das Verhör anscheinend allein in die Hand nehmen.

»Diese Frage ist falsch«, warf Bischof Ségdae schroff ein. »Die Zeugin war nicht anwesend, als Caol uns das Kind beschrieb.«

Brehon Dathal errötete, da griff Colgú rasch ein, um einen Streit zu verhindern.

»Hier tagt nicht das Gericht, also müssen wir nicht so formal vorgehen. Ich glaube, wir können Gobnats Aussage, daß sie zum fraglichen Zeitpunkt keine Nachricht an ihre Schwester sandte, so akzeptieren.«

»Wie spät war es, als du von Sárait erfuhrst?« wollte Eadulf wissen.

»Mein Mann und ich wollten gerade zu Bett gehen. Das war kurz vor Mitternacht.«

»Und seit wann war dein Mann zu Hause?« fragte Brehon Dathal.

Gobnat überlegte einen Moment, ehe sie antwortete.

»Er ist zum Abendessen aus der Burg gekommen. Wenige Stunden nach Einsetzen der Dämmerung. Dann aßen wir und unterhielten uns ein wenig und wollten zu Bett, wie ich schon sagte.«

Bischof Ségdae nickte verständnisvoll.

»Genauso wie Capa gesagt hat«, stellte er fest. Dann wandte er sich an den Krieger. »Ich nehme an, daß sowohl in der Stadt als auch in der angrenzenden Gegend alle Leute nach dem von Caol beschriebenen Kind befragt wurden?«

»Das habe ich gleich als erstes angeordnet«, erwiderte Capa.

»So, das ist dann alles, Gobnat«, erklärte Colgú. »Vielen Dank.« Dann sah er wieder zu Capa. »Bring nun Conchoille rein.«

Das Alter des Holzfällers war schwer zu schätzen, er schien weder jung noch alt. Unter seiner Lederweste wirkte er sehr muskulös. Und seine nußbraune Haut verriet, daß er vorwiegend unter freiem Himmel lebte. Es flößte ihm offensichtlich keine Furcht ein, vor den bedeutendsten Männern des Königreiches zu stehen.

»Wir wollen nur festhalten, unter welchen Umständen du Sáraits Leiche gefunden hast«, erläuterte Colgú.

Conchoille verschränkte die Arme vor seiner breiten Brust und blickte die Männer nachdenklich an.

»Das habe ich alles bereits mehrmals erzählt.«

Brehon Dathal zog finster die Augenbrauen zusammen. Er wollte schon etwas sagen, da kam ihm Bischof Ségdae zuvor, der den Holzfäller mit einem breiten Lächeln ansah.

»Sei so gut und erzähle es uns noch einmal, es soll das letzte Mal sein.«

Conchoille zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Da gibt es nicht viel zu erzählen. Ich habe Bäume gefällt an dem Ort, den man die Streitfestung nennt …«

»Den Ort kennen wir, Conchoille«, unterbrach ihn Brehon Dathal gereizt. »Er liegt ungefähr einen Kilometer südlich von hier.«

»Ich war gerade mit meiner Arbeit fertig geworden«, fuhr der Holzfäller ungerührt fort. »Als ich meine Sachen zusammengepackt hatte, war es dunkel, und ich machte mich auf den Weg in die Stadt.«

Brehon Dathal neigte sich schnell vor. »Zu dieser Jahreszeit wird es schon am Nachmittag dunkel. Wir wissen, daß du erst kurz vor Mitternacht an Capas und Gobnats Haus geklopft und ihnen die Nachricht überbracht hast. Betrachten wir also die Zeit zwischen deinem Arbeitsende bis zum Auffinden der Leiche. Selbst ein langsamer Wanderer wäre viele Stunden vor dir an Capas Haus angelangt. Das ist doch eklatant anormal.«

Conchoille blickte den alten Richter erstaunt an. »Solche schwierigen Wörter verstehe ich nicht. Darf ich den Bericht nicht auf meine Art forführen?«

Brehon Dathal war empört über diese Erwiderung. Wieder einmal mußte Colgú eingreifen.

»Uns geht es um die Wahrheit«, sagte er. »Brehon Dathal möchte von dir wissen, warum du so lange gebraucht hast, um von deinem Arbeitsplatz und der Fundstelle der Leiche bis zu Capas Behausung zu gelangen?«

»Gleich zu Beginn des dunklen Waldstücks liegt das Wirtshaus von Ferloga. Ich habe keine Frau mehr. Deshalb kehre ich immer, wenn ich in der Nähe bin, nach der Arbeit zum Abendessen in Ferlogas Wirtsstube ein. Also habe ich dort gegessen und mich ein wenig mit Ferloga unterhalten. Dann bin ich weiter Richtung Stadt gegangen. Das habe ich dir alles schon einmal erzählt«, sagte er in Brehon Dathals Richtung.

»Sprich weiter«, forderte ihn Colgú auf.

»Der Weg hinter der Laterne von Ferlogas Wirtshaus ist sehr dunkel, vor allem im Wald.«

»Hattest du kein Licht bei dir?« fragte Brehon Dathal.

Der Holzfäller verzog das Gesicht. »Nur ein Narr würde zu dieser Zeit ohne Laterne durch den Wald gehen. Bedenkt, daß es in diesen Wäldern eine Menge Wölfe gibt.«

»Ich möchte das nur für das Protokoll festhalten«, rechtfertigte sich Brehon Dathal schroff.

»Ich hatte ein Laterne bei mir, die auch leuchtete«, sagte Conchoille ernst. »Ich hatte fast die Stadt erreicht, da stieß mein Fuß gegen etwas auf dem Weg. Ich hob die Laterne und stellte fest, daß es sich um ein Schultertuch handelte. Das Tuch war zudem von guter Qualität. Also beugte ich mich hinunter und hob es auf. Als erstes bemerkte ich, daß es voller Blut war. Da fiel der Rand meines Lichtscheins auf etwas Weißes auf dem Boden. Es war ein Arm. Ich ging darauf zu und entdeckte die Leiche … Es war Sárait. Sie war tot.«

»Und du wußtest gleich, daß es Sárait war?« wollte Bischof Ségdae wissen.

Conchoille seufzte schwer. »Jeder in der Stadt kannte Sárait. Sie war eine schöne, attraktive Frau und Witwe dazu. Viele Männer, die ein Auge auf sie geworfen hatten, haben sicher nachgerechnet, wie hoch die coibche für sie sein würde.«

Die coibche war der Brautpreis, die Mitgift, die der zukünftige Ehemann an die Familie der Braut zu zahlen hatte. Nach einem Jahr mußte der Brautvater ein Drittel des Geldes seiner Tochter geben, in deren Besitz es dann überging.

»Konntest du erkennen, wie sie zu Tode gekommen war?« fragte Eadulf.

»Zu dem Zeitpunkt nicht. Ich sah nur das Blut an ihrem Kopf.«

»Was hast du dann gemacht?« fragte Brehon Dathal.

»Ich bin losgerannt, um Leute zu holen. Ich bin geradewegs zu Capas Haus gelaufen. Ich wußte, daß er mit Sáraits Schwester Gobnat verheiratet ist. Capa wies seine Frau an, zu Hause zu warten, und ging mit mir los. Unterwegs stießen wir auf jemanden, der zur Burg wollte. Capa trug ihm auf, die Wachen zu alarmieren. Dann schleppten Capa und ich die Leiche in sein Haus. Erst im Licht dort sahen wir, daß man Sárait den Schädel eingeschlagen und mehrmals in die Brust gestochen hatte. Als später Caol und seine Wachleute eintrafen, erfuhren wir, daß Sárait die Festung zusammen mit dem kleinen Alchú verlassen hatte. Also liefen wir zurück in den Wald, aber so sehr wir auch suchten, von dem Kind gab es keine Spur.«

Capa nickte.

»Das stimmt«, erklärte er. »Von dem vermißten Baby wußte ich nichts, bis uns Caol davon erzählte. Ein paar Nachbarn, die uns gehört hatten, halfen uns. Es war klar, daß Sárait nicht von wilden Tieren getötet worden war. Das hatten wir anfangs vermutet. Wie Conchoille schon gesagt hat, wir liefen zurück in den Wald und suchten mit Laternen nach dem kleinen Alchú, doch ohne Erfolg. Beim ersten Morgengrauen machten wir uns noch einmal auf die Suche, doch wir konnten ihn auch dann nicht finden. Schließlich wurden Männer ausgeschickt, die die Leute in der Gegend von dem Vorfall unterrichten sollten. Sie ritten ostwärts nach Gabrán, südlich nach Lios Mhór, westwärts nach Cnoc Loinge und nördlich nach Durlas.«

Bruder Eadulf hatte diese Aussage in den letzten beiden Tagen bereits mehrmals gehört. Jetzt war sein Kopf viel klarer, als während der aufwühlenden Gespräche mit Fidelma; es war, als vernehme er das alles zum erstenmal. Plötzlich fiel ihm etwas auf.

»Conchoille, du hast gesagt, daß du südlich der Stadt gearbeitet hast?«

»Ja.«

»Und du hast Sáraits Leiche am Waldrand südlich der Stadt gefunden?«

»Das habe ich so gesagt.«

Nachdenklich rieb sich Bruder Eadulf das Kinn.

»Was ist, Eadulf?« wollte Colgú wissen.

»Ich kann bestätigen, daß uns Conchoille an eine Stelle des Weges südlich der Stadt geführt hat«, warf Capa ein und blickte den Sachsen neugierig an.

»Scheinbar übersehen wir hier etwas«, äußerte Eadulf langsam.

»Ich sehe keinen …«, wandte Brehon Dathal ein.

»Die Burg steht im Norden der Stadt, nicht wahr? Man geht durch die Tore, so wie Sárait es mit dem Baby tat, und läuft den Weg entlang, der zur Stadt führt. Sie aber wurde südlich der Stadt gefunden, auf dem Weg dahinter?«

Brehon Dathal stieß einen ungeduldigen Laut aus. »Worauf willst du hinaus?«

Nun sprach Finguine, der Tanist, der in der Runde bisher noch nichts gesagt hatte. Er war offenbar etwas verblüfft.

»Ich habe begriffen. Sárait wurde dringend zu ihrer Schwester Gobnat gerufen. Gobnat lebt in der Stadt.«

»Aber Gobnat hat sie gar nicht zu sich gebeten«, stellte Brehon Dathal klar.

»Das ist wohl wahr. Doch das wußte Sárait nicht. Nun, sie ging also durch die Stadt und wurde tot im Wald aufgefunden. Warum sollte sie sich mit dem Kind so weit entfernen? Was brachte sie dazu, am Haus ihrer Schwester vorbeizugehen?«

Nun herrschte Schweigen. Brehon Dathal lächelte auf einmal, als wolle er einem Idioten etwas erklären.

»Entweder ist sie dazu gezwungen worden oder sie wußte, daß die Nachricht nicht von ihrer Schwester stammte.«

Rasch lehnte sich Eadulf vor. »Soll das heißen, daß Sárait den Wächter angelogen hat? Daß sie zu einem ganz anderen Treffen ging?«

»Bringt Gobnat noch einmal herein«, ordnete Brehon Dathal an.

»Bin ich fertig, mein König?« fragte Conchoille. Er hatte die Diskussion geduldig abgewartet.

»Du kannst nach draußen gehen«, erklärte Colgú abwesend.

Nun wurde Gobnat wieder in den Raum gerufen.

»Erkläre uns vielleicht noch eins«, fing Brehon Dathal an. »Du hast ausgesagt, daß du deine Schwester nicht zu dir gebeten hast?«

»Das stimmt, mein Lord.« Sie nickte kurz.

»Und hast du sie irgendwann an jenem Abend gesehen, also nach Einsetzen der Dämmerung?«

»Ich habe sie nicht rufen lassen.«

»Das habe ich nicht gefragt. Hast du sie gesehen?«

»Nein. Meine Schwester und ich hatten keinen engen Kontakt. Sie kam nur selten zu mir.«

Capa blickte sie stirnrunzelnd an und unterbrach sie.

»Hohe Herren, wir haben bereits festgestellt, daß meine Frau nicht nach ihrer Schwester geschickt hat. Das kann ich bestätigen.«

»Aber wenn Sárait geglaubt hat, Gobnat hätte sie gerufen, wäre sie dann nicht unverzüglich gekommen?« fragte Finguine.

Gobnat zuckte gleichgültig die Schultern.

»Wo genau befindet sich dein Haus?« fragte der Tanist weiter.

»Das weiß doch jeder«, erwiderte die Frau. »Es steht an dem Platz in der Nähe der Schmiede.«

»Um zu dem Weg zu gelangen, der südlich zu Ferlogas Wirtsstube und nach Rath na Drínne führt, muß man durch die ganze Stadt hindurch, oder?«

»Natürlich, und …«

»Und dort wurde deine Schwester tot gefunden«, stellte Bischof Ségdae ruhig fest, wobei sich sein Gesicht verfinsterte.

»Du bist sicher, daß deine Schwester an jenem Abend nicht in dein Haus kam, ehe sie den Weg weitergelaufen ist?« fragte Brehon Dathal. »Ist es möglich, daß sie vielleicht doch da war und ihr sie nicht gehört habt?«

»Nein, sie war nicht da. Capa und ich haben nichts gehört, bis Conchoille bei uns klopfte.«

»Ich verstehe nicht, warum ihr meine Frau mit solchem Nachdruck befragt, meine Herren. Bezweifelt ihr die Richtigkeit ihrer und meiner Worte?« erkundigte sich Capa.

Nun ergriff Eadulf wieder das Wort.

»Eine erfahrene dálaigh hat mir einmal erklärt, daß ein großer Rechtsgelehrter, Brehon Morann, gesagt hat, der Gedanke sei eine menschliche Waffe, mit der man die Wahrheit einfangen kann. In den letzten beiden Tagen haben wir uns bemüht, die Fakten zusammenzutragen. Wir haben die Fakten zwar zur Kenntnis genommen, aber nicht über sie nachgedacht. Wir waren zu sehr in unser Tun vertieft, doch nun müssen uns unsere Gedanken zur Wahrheit führen.«

Während ihn die anderen anstarrten, als spräche er in einer fremden Sprache, blickte ihn Colgú lächelnd an.

»Eadulf, das hätte meine Schwester gesagt haben können.«

Eadulf lächelte leicht. »Das ist ein großes Kompliment, Colgú, weil sie eben jene dálaigh ist, die ich zitiert habe.«

»Ich habe immer noch nicht verstanden, was du meinst, Bruder Eadulf«, sagte Capa.

Eadulf lehnte sich nach hinten und legte die Handflächen auf den Tisch.

»Wir sollten versuchen, unsere Gedanken mit den Tatsachen, die wir nun kennen, zusammenfließen zu lassen. Wenn wir über sie nachdenken, können neue Ideen auftauchen. Einige davon mögen wir verwerfen, andere könnten uns neue Lösungswege offenbaren. Zum Beispiel müssen wir uns fragen, warum Sárait nicht zu Gobnat gegangen ist, wenn sie die Burg mit dem Baby verließ in dem Glauben, ihre Schwester hätte nach ihr geschickt. Statt dessen scheint sie einen Umweg um die Stadt gemacht und das Haus ihrer Schwester ganz gemieden zu haben.«

»Doch wie uns schon gesagt wurde, Gobnat hat diese Botschaft nie gesandt«, stellte der alte Richter gereizt klar.

»Was hat Sárait also veranlaßt, in die andere Richtung zu laufen, wenn sie davon ausging, daß die Nachricht von ihrer Schwester kam und sie Caol nicht angelogen hat? Wen wollte sie aufsuchen und warum nahm sie das Kind mit?«

»Sie ist vielleicht dazu gezwungen worden«, bemerkte Capa.

»Wann soll das geschehen sein?« fragte Eadulf zurück. »Das Kind, das die Botschaft überbracht hat, hatte die Burg vor ihr verlassen. Caol sah auch niemanden, der sie hätte zwingen können, als sie das Tor passierte.«

»Möglicherweise hat sie jemand bedrängt, als sie durch die Stadt kam, noch bevor sie unser Haus erreichte«, verkündete Capa.

»Richtig«, stimmte ihm Eadulf zu. »Obwohl zu jener Stunde, selbst wenn es schon dunkel war, immer noch Menschen auf dem Marktplatz sind. Die eine oder andere Laterne hätte genügend Licht verbreitet. Wer auch immer sie gezwungen haben mag, er wäre das Risiko eingegangen, gesehen zu werden.«

»Der eine oder andere würde solch ein Risiko sicher eingehen«, erklärte Bischof Ségdae.

»Wir sollten über eine derartige Möglichkeit durchaus nachdenken«, erwiderte Eadulf. »Gehen wir nun die einzelnen Fakten durch, mit deren Hilfe wir zur Wahrheit vordringen könnten.«

»Hast du das Gefühl, daß du uns auf diesem Weg anführen solltest, Sachse?« fragte Brehon Dathal verächtlich.

»Das ist nicht fair«, fuhr ihn Bischof Ségdae an. »Eadulf hat als Vater des vermißten Kindes ein Recht zu sagen, was er denkt.«

»Genau das meine ich ja«, entgegnete Brehon Dathal. »Weil er der Vater ist, ist er nicht objektiv, sondern durch seine aufgewühlten Emotionen blind für das Eigentliche. Er sieht, was er sehen will, und es ist völlig sinnlos, Brehon Moranns Weisheiten zu zitieren, um sich selbst zu rechtfertigen. Das gleiche gilt für Fidelma. Sie mag eine dálaigh sein, aber alle Versuche, in diesem Fall selbst zu ermitteln, müssen scheitern. Ich werde den Fall übernehmen.«

»Das wirst du nicht«, sagte jemand scharf.

Eine hochgewachsene rothaarige Frau Ende Zwanzig war unbemerkt in den Raum getreten und blickte nun Brehon Dathal an. In ihren grünen Augen funkelte ein seltsames Feuer.

Eadulf stand besorgt auf.

»Fidelma!«

Kapitel 3

Schon war Fidelma durch den Raum geeilt und hatte sich unaufgefordert auf einen freien Stuhl an den Tisch gesetzt. Sie war nicht nur Colgús Schwester, sondern eine dálaigh, noch dazu vom Rang einer anruth, also durfte sie in Anwesenheit der Provinzkönige sowohl Platz nehmen als auch das Wort ergreifen. Eadulf sank betrübt auf seinem Stuhl zurück. War er denn der einzige, der ihre rot umrandeten Augen bemerkte und sah, wie abgehärmt sie war?

»Ich dachte, daß du tief und fest schläfst«, murmelte er.

Fidelma verzog das Gesicht. »Nein, dank deiner ungenießbaren Mixturen schlafe ich nicht«, erwiderte sie, aber ihre Stimme verriet, daß sie ihm nicht böse war. »Ich weiß, daß du es nur gut gemeint hast, Eadulf. Doch ich habe mich genug ausgeruht. Es gibt viel zu tun.«

Brehon Dathal war verärgert. »Das ist wohl wahr, aber dich können wir hier nicht gebrauchen. Du mußt die Arbeit jemandem übertragen, der von dem Fall nicht so emotional betroffen ist wie du.«

»Meinst du etwa, daß ich nicht in der Lage bin, meinen eigenen Sohn wiederzufinden?« fragte sie kühl zurück. »Und daß auch Eadulf sein logisches Denkvermögen eingebüßt hat, nur weil es hier um seinen Sohn geht? Viele Male sind wir mit Fällen betraut worden, von denen die Sicherheit des ganzen Königreiches abhing. Zählt das etwa nicht?«

Brehon Dathal wurde rot.

»Du und der Sachse, ihr seid viel zu erregt und aufgewühlt«, sagte er aufbrausend.

Fidelma schnaubte wütend. »Das beweist doch nur, daß wir den Fall übernehmen sollten.«

»Ich bin oberster Richter dieses Königreiches, und ich …«

Nun hob Colgú die Hand und gebot ihm zu schweigen. »Wir wollen jetzt nicht streiten, das hält uns nur auf. Diese Angelegenheit betrifft uns alle. Bruder Eadulf wollte gerade etwas Wichtiges sagen, als wir ihn unterbrochen haben. Hören wir wenigstens, worum es geht.«

Eadulf sah zu Fidelma hinüber, aber sie betrachtete immer noch Brehon Dathal mit unverhohlener Wut.

»Ich habe lediglich gemeint, daß sich beim Nachdenken über die Zeugenaussagen eine Reihe von Fragen ergeben werden«, sagte er.

»Und ist dem so?« erkundigte sich Bischof Ségdae. »Tauchen Fragen vor uns auf?«

»Nun«, erwiderte Eadulf, »fangen wir mit dem an, was wir alle zunächst vermutet hatten, als wir von dem Fall erfuhren. Wir dachten sofort, daß jemand, der Alchú entführen wollte, Sárait dabei attackiert hat. Wir gingen sofort davon aus, daß sie ermordet wurde, weil sie die Entführung verhindern wollte.«

»Was für Annahmen gibt es noch?« fragte Brehon Dathal, der immer noch gereizt war.

»Gehen wir Schritt für Schritt nach den Aussagen vor«, fuhr Eadulf fort und beachtete Dathals Einwurf nicht. »Ein Kind wird mit einer Nachricht für Sárait zur Burg geschickt, die angeblich von ihrer Schwester stammt, die sie dringend bittet, zu ihr zu kommen.«

»Und von meiner Frau und mir wißt ihr, daß wir nie eine solche Botschaft gesandt haben«, äußerte Capa rasch.

»R

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