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Der Tod macht keine Schneeballschlacht

Inhalt

  1. Cover
  2. Über diese Serie
  3. Über diese Folge
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Kapitel 14
  21. Kapitel 15
  22. Kapitel 16
  23. Kapitel 17
  24. Kapitel 18
  25. Kapitel 19
  26. Kapitel 20

Sofia und die Hirschgrund-Morde – Die Serie

Blaues Wasser, klare Luft, in der Ferne bei schönem Wetter die Alpen – das ist der Hirschgrund, ein idyllischer See mitten in Bayern. Nebenan der gleichnamige Campingplatz. Doch die Idylle trügt – denn diese Saison wird mörderisch.

Kaum ist die neue Besitzerin Sofia auf dem Platz angekommen, stolpert sie über den ersten Toten. Sofia ist entsetzt! Und dann neugierig. Bald schon entdeckt sie ihr Talent fürs Ermitteln und fängt an, in der bayerischen Idylle so einiges umzukrempeln …

Über diese Folge

Winterzauber auf dem Campingplatz: Der Hirschgrund ist tief verschneit, der See zugefroren, die Sonne scheint. Kein Wunder also, dass es Sofias Dauercamper nicht zuhause auf dem Sofa hält. Mit Glühwein, Lebkuchen und Spekulatius im Gepäck reisen sie kurzerhand zum Wintercamping an. Die Stimmung ist ausgelassen – bis Sofia beim Schlittschuhfahren über einen Mann stolpert: Tiefgefroren und mausetot! War es ein eiskalter Mord? Die Polizei geht davon aus, denn offenbar hatte fast jeder auf dem Platz ein Motiv. Sofia aber ist fest entschlossen, den Beamten von der Kripo zu beweisen, dass sie und ihre Camper unschuldig sind. Da mag der Kommissar noch so fesch sein!

Über die Autorin

Susanne Hanika, geboren 1969 in Regensburg, lebt noch heute mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in ihrer Heimatstadt. Nach dem Studium der Biologie und Chemie promovierte sie in Verhaltensphysiologie und arbeitete als Wissenschaftlerin im Zoologischen Institut der Universität Regensburg. Die Autorin ist selbst begeisterte Camperin und hat bereits zahlreiche Regiokrimis veröffentlicht.

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Kapitel 1

»Da muss geräumt werden«, stellte der Taxifahrer mit bayrischem Pragmatismus fest.

Begeistert stieg ich aus dem warmen Auto – die Kälte prickelte mir im Gesicht – und schaute auf meinen Campingplatz, den eine dicke Schneedecke in eine märchenhafte Zauberlandschaft verwandelt hatte.

»Ja«, konnte ich ihm nur zustimmen und gab ihm sein Geld. Während das Taxi wendete, ließ ich den Koffer einfach im Schnee stehen und staunte ein bisschen über mein Glück, dass ich wieder hier sein durfte, am Hirschgrund-See in Bayern, auf meinem geerbten Campingplatz. Kaum zu glauben, dass inzwischen nur ein Dreivierteljahr vergangen war. Noch unglaublicher, dass ich ihn zunächst vehement hatte loshaben wollen und mich glücklicherweise dazu entschieden hatte, ihn zu behalten. Jetzt, im Winter, war er natürlich geschlossen, was ihn vielleicht noch märchenhafter erscheinen ließ, als er in Wirklichkeit war. Ich beglückwünschte mich dazu, dass ich in Hamburg den frühesten Zug genommen hatte. Denn es war erst halb drei, die Sonne schien noch mindestens eineinhalb Stunden und ließ alles um mich herum glitzern. Sogar mein Klohäuschen! Dieses war zwar noch nicht fertig renoviert, sah mit seinem funkelnden Schneedach jedoch ausgesprochen malerisch aus. Und auch die winterfest eingepackten Wohnwägen meiner Dauercamper hatten Schneehauben bekommen und glichen verwunschenen kleinen Burgen.

Wie still es hier war! Wie friedlich! Wie romantisch, schwärmte ich in Gedanken. Und nach dem nasskalten Schmuddelwetter in Hamburg war die trockene Kälte hier eine wahre Wohltat! Ich zog die Handschuhe aus und holte mein Handy aus der Jackentasche.

»Bin wieder zu Hause!«, whatsappte ich meiner Freundin Klara, die ich über Weihnachten besucht hatte. Die Antwort kam prompt, schließlich lag sie krank im Bett, einer der Gründe, weshalb ich viel zu früh wieder abgereist war. »Gratulation! Hoffe, ich habe dich nicht angesteckt.«

Und weil sie so krank war, schickte sie mir nicht gleich irgendetwas, das mit gebräunten, nackten Männern zu tun hatte.

»Bin wieder zu Hause!«, whatsappte ich nun meinem Freund Jonas, seines Zeichens Kriminalkommissar bei der Kripo Regensburg. Hier bekam ich nicht sofort eine Antwort, wahrscheinlich war Jonas mit weihnachtlichem Daueressen bei seinen Eltern beschäftigt oder hatte kein WLAN. Vielleicht hätte ich statt meiner etwas frustrierenden Hamburg-Fahrt, bei der ziemlich alles schiefgegangen war, was schiefgehen konnte, mit zu Jonas’ Eltern fahren sollen. Denn meine Eltern hatten über die Feiertage eine Karibik-Kreuzfahrt gebucht, meine Schwester feierte bei ihren Schwiegereltern, genau wie mein Bruder. Meine liebste Freundin war krank geworden, und mit meinem Ex-Ehemann Martin konnte ich ja schlecht Weihnachten verbringen. Wollte ich auch nicht.

Eigentlich jedoch war ich ganz froh darüber, mir bis zum Jahreswechsel ein paar gemütliche Tage machen zu können. Außerdem hatte mir Evelyn stündlich geschrieben, ob ich nicht doch nach Hause kommen wolle, sie könne sich nicht vorstellen, dass das Wetter dort in Hamburg gesund sei. Als Begründung warf sie diverse Erkrankungen wie Nasennebenhöhlenentzündung in die Waagschale. Vielleicht langweilte sich Evelyn auch einfach nur gründlich, so allein in meinem Haus. Eigentlich war Evelyn Dauercamperin auf dem Platz meiner Nonna gewesen, aber seit wir eine Leiche in ihrem Wohnmobil gefunden hatten, wohnte sie bei mir im Haus. Und es sah nicht danach aus, als hätte sie in absehbarer Zeit vor auszuziehen.

»Bin wieder zu Hause«, whatsappte ich jetzt auch noch Architektin Sabrina Gruber, die ich bei den Umbauarbeiten hier am Campingplatz kennengelernt hatte und die eine richtig gute Freundin geworden war. Von ihr kam eine prompte Antwort, ein Foto, das sie in ihrem momentanen Zustand zeigte: mit monströsem Bauch. Vielleicht war es nur die Perspektive, oder es waren doch Zwillinge, wie ich schon länger unkte. Aber vermutlich lag es daran, dass das Kind schon vor sieben Tagen auf die Welt hätte kommen sollen und bereits die Größe eines Kindergartenkindes hatte.

»Ruf mich an, wenn du was brauchst!«

»Jemanden, der mir den Bauch trägt«, schrieb sie zurück. Es folgten ein Tränen-lachen-Smiley, ein Zorn-Smiley und ein Guckt-verzweifelt-Smiley.

Ich steckte das Handy weg und beschloss: Jetzt ein idyllischer Spaziergang am See und danach ein heißer Tee! Mit einem zufriedenen Seufzen hob ich den Koffer hoch. Da keiner die Einfahrt zum Campingplatz geräumt hatte, stapfte ich durch den Tiefschnee auf die Rezeption zu. Er knirschte wunderbar unter meinen Schuhen, und die letzten Meter schlitterte ich mehr, als dass ich ging. Die einzige Spur, die es gab, war die meines Autos: Ich hatte es direkt vor der Rezeption geparkt, aber jetzt war es nicht da, die Reifenspuren führten hinauf zur Straße. Gerade als ich die Tür aufdrücken und ein lautes »Hallo, ich bin wieder da!« hineinrufen wollte – eigentlich sinnlos, weil Evelyn offensichtlich mit meinem Auto unterwegs war –, hörte ich gedämpftes Motorgeräusch. Da kam auch schon ein uraltes Hymer Wohnmobil in die Einfahrt gebogen. Der Motor gab ein seltsames Gebrumme von sich, fast als hätte er Bronchitis, und das Wohnmobil kam rutschend zum Stehen. Der Motor soff ab, und ein Mann Ende dreißig stieg aus. Er hatte ein rotes Gesicht – ganz klar zu hoher Blutdruck –, seine Haare hätten einen Haarschnitt vertragen können und seine Kleidung auch eine Wäsche. Ich trat automatisch einen Schritt zurück, als er auf mich zukam. Vorsichtshalber platzierte ich meinen Koffer zwischen ihn und mich.

»Brauch einen Platz für ein paar Nächte«, sagte der Mann ohne Gruß. Seine Stimme klang, als hätte er in seinem Leben schon viel zu viel getrunken und auch heute schon ordentlich was gebechert.

»Tut mir leid«, sagte ich höflich, obwohl mir gar nichts leidtat, und hielt ein bisschen die Luft an wegen der Alkoholfahne, die mir entgegenschlug. »Wir haben geschlossen.«

Glücklicherweise, fügte ich in Gedanken hinzu.

»Jetzt stell dich nicht so an!«, fauchte er zurück. »Ich weiß doch, dass ihr geöffnet habt!«

Vorsichtshalber nahm ich meinen Koffer wieder hoch und griff schon einmal nach der Türklinke, um mich möglichst schnell verdünnisieren zu können. Er schien kein angenehmer Zeitgenosse zu sein, und er wirkte, als wäre seine Frustrationstoleranz eher gering ausgeprägt.

»Das ist leider eine Fehlinformation«, sprach ich sehr bestimmt, obwohl mir der Kerl ziemlich Angst einjagte und ich am liebsten zu allem Ja und Amen gesagt hätte. »Wir haben im Winter nie geöffnet.«

Wo war eigentlich Evelyn, wenn man sie brauchte?

Der Typ schnaubte vor Wut. »Das sagst du mir jetzt nur, weil ihr mich nicht haben wollt!«

Aha! Er war also derart alkoholisiert, dass er mich schon als mehrere Personen ansah! Außerdem haben wir nicht im Sandkasten miteinander gespielt, hätte ich am liebsten gesagt, weil ich keine Lust hatte, mich mit dem Kerl zu duzen. Stattdessen antwortete ich freundlich: »Wir müssen im Winter das Wasser abdrehen und den Strom ausschalten. Deswegen können wir keine Camper aufnehmen.«

Wie jeder sehen konnte, der Augen im Kopf hatte. Die Schneedecke, die sich über den Campingplatz gelegt hatte, war unberührt. Der Mann schimpfte weiter, ziemlich unflätig, wie ich fand, und ich ergänzte noch schnell: »Vielleicht verwechseln Sie uns ja auch mit dem Campingplatz weiter vorne … da gibt es noch einen. Vielleicht hat der im Winter offen.«

Das glaubte ich zwar nicht, aber vielleicht wurde ich ihn dann schneller los. Die Tür hinter mir war Gott sei Dank nicht versperrt – wieso eigentlich nicht, Evelyn? –, und ich schob meinen Koffer schon einmal hinein. Nachdem mich der Typ mit zwei Schimpfwörtern bedacht hatte, die noch nie irgendjemand zu mir gesagt hatte, sah ich das als Anlass, jede Höflichkeit außer Acht zu lassen und mich wortlos in die Rezeption zu flüchten. Hastig und mit hämmerndem Herzen knallte ich die Tür hinter mir zu. Glücklicherweise steckte der Schlüssel von innen, und ich drehte ihn mit zitternden Fingern herum.

In meiner Eile stieß ich mit einem Rumpeln und Klirren gegen ein paar braune Pappkartons. Ups! Vorsichtig umschiffte ich den offensichtlich zerbrechlichen Inhalt und ging zum kleinen Fensterchen mit den rot karierten Vorhängen. Der Typ stand eine Weile nur da und schien zu überlegen, ob er die schneebedeckte Schranke mit seinem Wohnmobil niederwalzen sollte. Dann stieg er schimpfend und zeternd in sein altes Gefährt und startete den Motor. Eine dichte Abgaswolke kam aus dem Auspuff und färbte den weißen Schnee schwarz. Eine Weile sah es so aus, als könnte er nicht losfahren, denn das Fahrzeug rutschte, aber nach mehreren Anläufen rangierte er es aus meiner Einfahrt und fuhr zurück Richtung Dorf.

Ich hasste es, unflätig beschimpft zu werden. Außerdem verabscheute ich physische Auseinandersetzungen, und der Kerl sah ganz danach aus, als würde er auch seine Fäuste einsetzen, um seine Meinung darzulegen.

Wenn er ein etwas freundlicherer Mensch gewesen wäre und ich nicht so viel Angst vor ihm gehabt hätte, hätte ich ihm vielleicht sogar erlaubt, sein Wohnmobil abzustellen. Aber nun hing nur noch die Abgaswolke seines Wohnmobils wie ein böses Omen vor der Rezeption.

Nach ein paar Minuten, als klar war, dass er nicht wiederkommen würde, drehte ich mich aufatmend vom Fenster weg. Mit gerunzelter Stirn betrachtete ich die Kartons, über die ich gerade gestolpert war. Was war das eigentlich?

»Zwölfer-Set Sektgläser, ungeeicht«, stand auf allen drei Kartons.

Kopfschüttelnd schob ich die Kartons von der Tür weg. Ich hatte garantiert keine Sektgläser bestellt! Auf dem Tresen der Rezeption thronte ein Korb mit etlichen Flaschen. Rum, Bacardi, Contreau, Bananensaft. Und daneben eine Schachtel, in der sechs Sektflaschen waren. Du meine Güte, was hatte Evelyn denn vor?

Ich öffnete die Tür zum Campingladen und schaute hinein. Evelyn und ich hatten die Regale bis auf ein paar Artikel, die man noch in der nächsten Saison verkaufen konnte, leer geräumt. Auf einem Campingtisch standen eine Kochplatte und ein Topf, aus dem alkoholischer Geruch kam, eindeutig Glühwein. Ich musste grinsen. Im Winter war sie wohl von Ramazzotti auf Glühwein umgestiegen. Ich ging zurück in die Rezeption, nahm die Briefe in die Hand, die neben den Alkoholika lagen und ging hinter den Tresen. Dort fand ich Milo, meinen geerbten Riesenköter, im Tiefschlaf. Er hatte überhaupt nicht mitbekommen, dass ich da war.

»Milo!«, brüllte ich, und das hatte er jetzt gehört. Er wuchtete sich hoch und kam auf mich zugetrottet. Er freute sich wirklich rasend, mich wiederzusehen, denn nach kurzer Zeit war meine Hose von seinem Sabber triefnass.

»Ich liebe dich auch!«, sagte ich und klopfte ihm den Rücken. Er sah mich an, als hätte er nicht damit gerechnet, mich jemals wiederzusehen. »Du bist eine treulose Tomate«, warf ich ihm vor, während ich ihn liebevoll streichelte. »Der hätte mich umbringen können, und du hättest einfach weitergepennt!«

Ups, dachte ich mir. Denn ich wollte das Wort »umbringen« eigentlich die nächsten tausend Jahre nicht mehr hören! Milo leckte mir ungeachtet dieses Versprechers die Hand und fiepte begeistert. Mich zu retten war noch nie sein Ding gewesen, obwohl er mir immer bezeugte, dass er mich wirklich gernhatte.

»Du tickst ja wohl nicht richtig«, ermahnte ich ihn trotzdem, und wischte mir meine angesabberten Hände an seinem Rücken ab. »Das ist kein Grund zur Freude!«

»Es gibt einen Mann, der mich noch mehr liebt als du«, whatsappte ich Jonas. »Milo ist kurz davor, vor Freude ohnmächtig zu werden!«

Vielleicht hatte sich Milo auch nur so gefreut, weil er dringend rausmusste. Denn er stapfte sofort begeistert mit mir los, durch den unberührten Schnee an den Wohnwägen meiner Dauercamper vorbei. Bei Hetzeneggers hingen sehr malerisch Eiszapfen an dem kleinen Dach über dem Wohnwagen. Als ich schließlich den Seeweg erreichte, ging mir endgültig das Herz auf. Wie malerisch die verschneite Landschaft war! Wie idyllisch der zugefrorene See! Ich bedauerte lediglich, dass ich das alles alleine erlebte. Hand in Hand mit Jonas wäre alles viel schöner gewesen. Auf der Brücke, die an der engsten Stelle des Sees die zwei Ufer verband, blieb ich stehen und sah hinüber zu meinem Campingplatz. Obwohl meine Finger vor Kälte bitzelten, zog ich mir die Handschuhe aus, holte mein Handy aus der Jackentasche und machte ein malerisches Bild vom winterlichen See, mit den verschneiten Bäumen im Hintergrund und dem spiegelglatten Eis, auf dem sich die winterliche Sonne spiegelte und die Eiskristalle zum Funkeln brachte. Direkt hinter der Brücke parkte ein dunkler Pick-up. Der sollte natürlich nicht aufs Bild. Das Foto schickte ich sofort Jonas, um ihm zu zeigen, dass er es an meiner Seite auf jeden Fall besser hätte. Ich träumte ein paar Sekunden von idyllischen Spaziergängen im Schnee, Knutschen auf dem Wohnzimmer-Sofa und Ausschlafen unter der warmen, schweren Daunenbettdecke.

»Was muss ich machen, damit du früher zurückkommst?«, schrieb ich unter das Bild. »Das Wetter ist einfach fantastisch!«

Diesmal kam seine Antwort prompt: »Vielleicht eine Leiche finden«, schrieb er.

Und das ganz ohne Zwinker-Smiley! Zugegeben, ohne die drei Leichen, die ich so nach und nach letzten Sommer entdeckt hatte, hätte ich Jonas niemals kennengelernt, und wir wären heute kein Paar. Aber trotzdem war das echt nicht lustig! Doch gleich darauf kam die nächste Nachricht – Jonas hasste Smileys: »War nur ein Witz. Wir sehen uns bald wieder! Ich liebe dich auch.«

Ja. Aber alleine im Schnee stapfen war trotzdem nur halb so lustig. Ich lief weiter. Die Zweige der Bäume bogen sich unter der Schneelast, und als ich gegen einen stieß, wurde ich schön von Schnee berieselt. Ich musste wie ein kleiner Schneemann aussehen.

»Na, wen haben wir denn da!«, hörte ich eine vertraute Stimme hinter mir und drehte mich um.

»Alex!«, rief ich aus, und im selben Moment packte er mich schon und wirbelte mich herum. Das war eine seiner Spezialitäten. Mich herumzuwirbeln. »Was machst du da!«, quietschte ich, weil ich immer quietschte, wenn er mich herumwirbelte.

»Dich zum Kichern bringen«, grinste er und freute sich dann: »Du bist wieder da!« Als er mich wieder abstellte, holte ich erst einmal Luft. Er sah richtig gut aus in seinem orangefarbenen Anorak, seiner grünen Schnittschutzhose und den klobigen Arbeitsschuhen. Seine dunklen, lockigen Haare waren etwas lang und standen in alle Richtungen ab.

»Ich meinte eher, was du im Wald machst«, erklärte ich atemlos meine Frage, obwohl ich es mir eigentlich denken konnte. Denn im selben Moment entdeckte ich hinter ihm einen Schutzhelm und eine Motorsäge, die er abgelegt hatte, bevor er mich herumgewirbelt hatte.

»Ich schaue nach, ob der Wanderweg frei ist. Da sind gestern Äste abgebrochen, und ein Baum ist umgestürzt«, erwiderte er und grinste noch immer breit, während er Milos Kopf tätschelte. »Ein paar der alten Bäume halten die Last des Schnees nicht aus. Aber was für ein tolles Wetterchen!«

Für Alex war jede Wetterlage toll. Ich hatte noch nie gehört, dass er sich über irgendetwas Wettermäßiges beschwert hätte. Ihm fielen auch immer tausend Dinge ein, die man beim betreffenden Wetter machen konnte.

»Das ideale Wetter für Wintersport!«, stellte er prompt fest und lächelte noch breiter. »Was hältst du davon, morgen Schlittschuhlaufen zu gehen?«

»Ich weiß nicht, ob ich noch welche habe«, antwortete ich bedauernd. Vermutlich hatte ich welche, weil meine Nonna eine Meisterin im Aufbewahren von Dingen gewesen war, auch von komplett nutzlosen.

»Welche Größe?«, wollte er nur wissen.

»39«, antwortete ich.

»Ich hol dich ab«, sagte er, als wäre es vollkommen klar, dass er bis morgen Schlittschuhe Größe 39 organisiert bekäme. Ich musste lächeln. Alex war nämlich mein allerbester Jugendfreund, mit dem ich in den Ferien meiner Kindheit ganze Tage mit Nichtstun verbracht hatte. Gut, als Erwachsener hatten wir auch miteinander zu tun gehabt. Und ja, wir hatten auch schon geknutscht. Er zog mich noch einmal in seine Arme, sodass unsere kalten Nasen aneinanderstießen und ich schon wieder lachen musste. Als wir uns voneinander lösten, sah ich, wie ein Mann in roter Skijacke und mit dunkler Wollmütze auf unseren Weg einbog. Seine Mütze war schneebedeckt, als wäre er quer durch den Wald gelaufen und hätte überall Schnee abgeräumt.

»Hi, Tobi«, sagte Alex und hob grüßend die Hand.

Bei näherer Betrachtung musste dieser Tobi unser Alter haben. In seine Stirn hatte sich eine steile Falte gegraben, und er sah gerade nicht besonders begeistert aus, uns hier zu treffen. Seine Stimme klang ziemlich grummelig, als er die Begrüßung erwiderte.

»Wie geht’s?«, wollte Alex wissen.

»Passt schon. Und dir?«

»Gut«, sagte Alex, und damit war die Unterhaltung auch schon zu Ende. Schnellen Schrittes stiefelte Tobi auf die Brücke zu, über die man zum Seeweg am anderen Ufer kam.

»Komischer Kerl«, stellte ich fest, während wir ihm nachsahen.

»Tragische Geschichte«, seufzte Alex. »Der ist nie wieder der Alte geworden, seit seine Schwester gestorben ist.«

»Kenne ich den Tobi von früher?«, überlegte ich.

»Wahrscheinlich nicht. Vor zehn Jahren ist seine Zwillingsschwester bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Sie war ausgerechnet mit einem seiner Kumpel befreundet gewesen. Und der hat volltrunken mit dem Auto einen Unfall gebaut. Dabei ist dem Kumpel nix passiert, aber die Schwester war so schwer verletzt, dass sie ein paar Tage später im Krankenhaus gestorben ist.«

Alex stopfte die Hände in die Taschen seiner Daunenjacke und kniff die Lippen aufeinander. »Daran ist die gesamte Familie zerbrochen. Was für ein Riesenmist. Die Eltern haben sich getrennt, der andere Bruder ist ausgewandert. Nur Tobi ist noch hier, aber er ist einfach nicht mehr derselbe. Aber kein Wunder. Sie war seine Zwillingsschwester, und die beiden waren wirklich total eng.«

»Stimmt. An den tödlichen Autounfall kann ich mich auch noch erinnern. Einer der Gründe, weshalb Nonna nie ihr Auto rausrücken wollte«, sagte ich.

»Vielleicht kennst du die Stelle mit der leichten Rechtskurve, wenn man von dir aus ins Dorf fährt, da steht auch ein kleines Kreuz, das haben sie dort aufgestellt.«

Ich konnte mir zwar vorstellen, wo das war, aber ich hatte das Kreuz noch nie wahrgenommen.

»So. Ich muss weiter«, sagte Alex wieder mit munterer Stimme. »Morgen früh. Schlittschuhlaufen!«, erinnerte er mich.

Er hob den Daumen in die Luft und zwinkerte mir zu, dann schnappte er seine am Boden liegende Ausrüstung, und ich schlug den kleinen Weg zur anderen Seite des Sees ein. Jonas wäre jetzt supereifersüchtig auf Alex, das war mir klar. Aber ich wollte deswegen trotzdem nicht auf Schlittschuhfahren mit Alex verzichten.

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Kapitel 2

Milo hatte zwar keine rechte Lust mehr, aber ich ging dennoch den schmalen Pfad am Ufer gegenüber vom Campingplatz weiter. Den Weg schien auch dieser Tobi gegangen zu sein, denn man sah die großen Fußabdrücke eines Mannes im Schnee. Ich versuchte, genau in die Fußabdrücke zu steigen, damit mir der Schnee nicht oben in die Stiefel fiel, aber der Typ machte riesige Schritte, und ich musste von einem Fußabdruck zum nächsten hüpfen.

Gerade als ich direkt gegenüber von meinem Campingplatz angelangt war, hörte ich es neben mir ziemlich laut krachen. Vor Schreck machte ich einen Satz und landete beinahe im Schnee.

Direkt neben mir stand das alte Hymer Wohnmobil des aggressiven Kerls von vorhin, und gerade flog aus der Eingangstür ein Campingstuhl. Offensichtlich war der Kerl allen Ernstes den schmalen Waldweg entlanggefahren und hatte dabei sämtliche verschneiten Äste abgeknickt! Milo knurrte finster neben mir. Diesem Typen wollte ich ganz sicher nicht noch einmal begegnen, und so kehrte ich hastig wieder um.

»Wenn den der Gröning erwischt, der bringt den um«, murmelte ich kopfschüttelnd, als ich endlich außer Sichtweite war. Ich jedenfalls würde diesem aggressiven Kerl nicht erklären, dass man einen Winterwald in Ruhe zu lassen hatte!

Auf dem Rückweg traf ich zum Glück niemanden mehr. Ich stapfte den Seeweg entlang bis zur Treppe hoch zu meinem Campingplatz. Dort blieb ich auf halber Höhe noch einmal stehen und blickte gerührt über die Seeidylle. Hoffentlich trug das Eis tatsächlich! Ich hatte wirklich große Lust, mit Alex hier meine Schlittschuhrunden zu drehen! Das Eis sah spiegelglatt aus, der eisige Wind hatte den Schnee vor sich hergetrieben und ans Ufer geweht. Mein Blick blieb am anderen Ufer des Sees hängen, wo ich den komischen Kerl mit seinem Wohnmobil sah.

»Ach was«, sagte ich zu Milo, der mich gerade überholte und zielsicher den Weg zur Rezeption einschlug. »Bestimmt verliert er morgen die Lust auf Campingurlaub. Diese Nacht soll es minus fünfzehn Grad haben.«

Wie als düstere Vorahnung schob sich eine eisgraue Wolkenbank vor die Sonne, und die Temperatur schien sofort um mehrere Grad zu sinken. Erneut fiel mein Blick auf das Wohnmobil, aus dem gerade sein Besitzer trat. Er hatte erstaunlicherweise nur ein rotes T-Shirt und eine Jeans an, obwohl es auch jetzt deutlich unter null Grad hatte. Der hatte vielleicht eine innere Hitze! Das verringerte leider wohl auch die Wahrscheinlichkeit, dass er aus Kältegründen die Flucht ergriff.

»Wir ignorieren ihn einfach«, erklärte ich Milo. »Und hoffen, dass er doch friert.«

Milo interessierte das nicht die Bohne. Denn in der Rezeption war der Thermostat der Heizung kaputt und heizte immer volle Pulle. Quasi wie Sauna.

Schon von Weitem sah ich, dass mein Auto wieder an seinem zugedachten Platz parkte. Evelyn stand mit in die Hüften gestemmten Fäusten davor und sah mir entgegen.

»Na endlich«, empfing sie mich, als hätten wir eine Uhrzeit ausgemacht, zu der ich da zu sein hatte. Dann umarmte sie mich herzlich und tätschelte meinen Rücken. »Schätzchen, schön, dass du wieder da bist!«

Seltsamerweise fand ich es auch schön, dass sie da war. Auch wenn sie unglaublich nerven konnte und ständig Dinge tat, die ich nicht wollte. Trotzdem fühlte es sich gerade an, wie nach Hause zu kommen. Wie immer war ihr Outfit mehr als extravagant. Im Moment schien sie auf »Sankt Moritz im Winter« zu machen, denn sie trug eine weiße Strickmütze mit Fellbesatz, einen einteiligen weißen Skianzug mit diversen glitzernden Applikationen und um den Hals einen Loop-Schal in Knallpink. In so einem Outfit in den Supermarkt zu gehen erforderte ein gesundes Selbstbewusstsein!

»Du kannst mir helfen, die Einkäufe reinzutragen.«

Mithelfen hieß bei Evelyn, dass ich trug und sie redete. »Ich würde sagen, den Weißwein geben wir gleich in die Kühlung. Ich hab den Kühlschrank im Laden wieder eingesteckt, der Platz reicht uns sonst nicht.«

Mein Kühlschrank war eigentlich ausreichend für zwei Personen, aber ich widersprach nicht.

»Sag mal, für wie viele Wochen hast du dir eigentlich Alkohol gekauft?«, wollte ich keuchend wissen, während ich durch die Rezeption in den Campingladen ging.

»Für unsere Party«, sagte sie in einem Tonfall, als hätten wir das schon seit Wochen geplant, und ich Schussel hätte es mal wieder vergessen.

»Welche Party?«

»Na ja. Silvester am Hirschgrund.«

Krachend stellte ich die Schachtel mit dem Weißwein ab und drehte mich zu ihr um.

»WAS willst du machen?«, fragte ich mit aufgerissenen Augen.

»Ich dachte an Pineapple Champ«, sagte Evelyn. »Habe ich noch nie gemacht, soll aber ganz gut sein.«

»Pineapple Champ«, echote ich verständnislos.

»Champagner, Weißwein, Ananassaft und Orangensaft«, erklärte mir Evelyn. Als ich sie nur sprachlos ansah, sagte sie: »Was hältst du davon, Schätzchen …« Das klang überhaupt nicht nach Frage, und wie immer ignorierte sie meinen Namen.

»Gar nichts«, antwortete ich atemlos auf die Nicht-Frage.

»Zuckerrand und eine Orangenscheibe, und es sieht auch noch toll aus«, machte Evelyn weiter, als hätte ich nichts gesagt.

»Aha«, sagte ich säuerlich.

»Weiß nicht, ob der Gröning das mag, aber für den könnten wir auch Glühwein machen. Oder irgendetwas mit Rum, den habe ich auch schon gekauft.«

»Und wen hast du eingeladen?«

»Den harten Kern«, erklärte Evelyn, womit sie wohl die Dauercamper meinte, die die meiste Zeit im Sommer hier am Campingplatz verbrachten.

»Du kannst nicht einfach Leute einladen.«

»Was heißt hier einfach einladen«, sagte Evelyn mit dramatisch aufgerissenen Augen. »Das sind Dauercamper. Die sind sowieso da.«

»Aber nicht im Winter«, beharrte ich.

»Deine Nonna hätte das gewollt!«, betonte Evelyn, packte den Karton mit Weißwein und ging damit hinüber zum Kühlschrank.

»Pineapple Champ?«, fragte ich mit hochgezogenen Augenbrauen, obwohl ich wusste, was sie meinte.

»Ihre Camper lagen ihr sehr am Herzen. Und das sollte bei dir auch so sein.«

Ich hörte ein leises Klirren, als Evelyn die Weißweinflaschen »schon mal kühl lagerte«. Ich bezweifelte, dass Nonna, meine vor Kurzem verstorbene Großmutter, jemals für ihre Camper irgendwelche hochprozentigen Getränke gemischt hatte. Und Evelyn hätte sie bestimmt auch aus dem Haus geworfen, da war ich mir ganz sicher! Niemand, der bei Trost war, ließ eine Camperin mit einem superbestimmenden Wesen das Regiment im eigenen Haus führen!

Ich blieb vor der kleinen Kochplatte auf dem Campingtisch stehen und schaute Evelyn fragend an.

»Mein Versuchslabor«, erklärte Evelyn mit einem zufriedenen Lächeln. »Ich arbeite gerade an dem leckersten Glühwein aller Zeiten.«

Ich nickte nur, ging rüber in die Rezeption, um mich zu beruhigen, und schaltete den Wasserkocher ein. Sorgsam füllte ich Earl Grey in einen Teefilter. Direkt neben dem Wasserkocher lag ein ganzer Stapel Rezepte, die sich Evelyn ausgedruckt hatte. Von meinem Rechner. Mit meinem Drucker. Das nur nebenbei.

»Himbeergeist und Blue Curacao in eine Schale geben und unter leichtem Rühren anzünden«, überflog ich das erste Rezept und hatte schon wieder das vertraute Gefühl, dass mir alles über den Kopf wuchs. Alles der Reihe nach, beschloss ich. Bestimmt konnte man die ganzen Alkoholika noch zurückgeben.

»Was sind das für Cocktailrezepte?«, fragte ich.

»Auch ein Projekt von mir«, trompetete Evelyn stolz. »Du wirst sehen, ich werde Cocktails mischen, die die Welt noch nicht gesehen hat!«

»Und wo sollen die Camper aufs Klo gehen?«, fragte ich mit erhobener Stimme, damit auch Evelyn im Campingladen es hörte. Vorsichtig goss ich das Teewasser in die Teekanne. »Und abwaschen? Und duschen?« Soweit ich mich erinnerte, war nämlich das Klohäuschen in Ermangelung offener ...

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