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Der Tod kommt lautlos

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder
auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der
gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Erica Spindler

Der Tod kommt lautlos

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Margret Krätzig

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1. KAPITEL

Der Schrank war eng. Vollgestopft. Es war zu warm und finster, bis auf den Lichtstreifen vom Schlafzimmer dahinter. Im Schrank lauerte der Tod. Geduldig. Reglos. Lautlos.

Heute war die Nacht. Der Mann würde bald kommen. Und wie die anderen würde er zahlen.

Für ungesühnte Verbrechen. Begangen an Schwachen. Begangen an jenen, denen die Welt den Rücken kehrte. Der Tod hatte sorgfältig geplant, hatte nichts dem Zufall überlassen. Die Frau war mit den Kindern fort. Weit weg, in den schützenden Armen ihrer Familie.

Aus einem anderen Teil des Hauses ertönte ein Geräusch – ein Aufprall, dann ein Fluch. Eine Tür schlug zu. Angespannt presste sich der Tod enger an die Tür, spähte durch den schmalen Schlitz auf die Szene jenseits: ein ungemachtes Bett, überall verstreute schmutzige Wäsche, Abfall auf dem Boden.

Der Mann stolperte in den Raum, auf das Bett zu, offenbar betrunken. Sofort füllte sich der schmale Sehschlitz mit dem Gestank von Zigaretten und dem Schnaps, den er mit seinen Freunden in dieser Nacht konsumiert hatte. Lachend, Gott und der Gerechtigkeit eine Nase drehend.

Er verlor das Gleichgewicht und schlug gegen den Nachttisch. Die Lampe krachte zu Boden und zerbrach. Der Mann fiel bäuchlings auf das Bett, Gesicht zur Seite, Arme und Beine hingen herab.

Die Minuten verstrichen. Die Atmung des Betrunkenen wurde tief und gleichmäßig. Bald erfüllte sonores Schnarchen den Raum. Das Schnarchen eines Mannes im Alkoholkoma, aus dem er nicht so leicht erwachen würde.

Bis es zu spät war.

Die Zeit war reif.

Der Tod kam aus dem Schrank, ging zum Bett, blieb daneben stehen und blickte angewidert hinab. Rauchen im Bett war gefährlich. Es war töricht. Man sollte das Schicksal nie so herausfordern. Aber schließlich war dies ein dummer Mann, einer, der nicht aus seinen Fehlern lernte, einer, auf den die Welt verzichten konnte.

Mit der Schuhspitze schob der Tod, den Abfallkorb zu einer herabbaumelnden Hand. Die Zigarette war seine Marke, die Streichhölzer stammten aus der Bar, die er heute Nacht besucht hatte. Das Streichholz flammte beim ersten Reißen an der Reibefläche auf. Knisternd berührte die Flamme den Tabak und brachte ihn aufzischend zum Glühen.

Mit einem kleinen, zufriedenen Lächeln warf der Tod die glimmende Zigarette in den Abfallkorb, wandte sich ab und ging.

2. KAPITEL

Charlotte, Nordcarolina,

Mittwoch, 1. Mai, 2000.

Officer Melanie May verharrte an der Tür zum Motelzimmer, den Blick auf das Bett und das an Hand- und Fußgelenken gefesselte Opfer geheftet.

Die junge Frau war nackt. Sie lag, Gesicht nach oben, mit offenen Augen da, der Mund mit silbernem Klebeband verschlossen. Das Blut war aus dem Gesicht und den oberen Körperpartien in den Rücken gelaufen und hatte sich dort in rötlich blauen Verfärbungen gesammelt. Die Totenstarre schien vollständig eingesetzt zu haben, was bedeutete, dass die junge Frau seit mindestens acht Stunden tot war.

Melanie trat unsicher einen Schritt vor. Chief Greer hatte sie mit seinem Anruf bei der Morgendusche gestört. In ein Handtuch gewickelt, hatte sie ihn bitten müssen, seinen Namen zu wiederholen. Ihres Wissens hatte es in Whistlestop – einer kleinen Gemeinde am Rande von Charlotte – noch nie ein Tötungsdelikt gegeben, nicht nur in den drei Jahren, seit sie dem Polizeidienst hier angehörte.

Der Chief hatte sie umgehend zum Sweet Dreams Motel beordert.

Als Erstes hatte sie für die Betreuung ihres vierjährigen Sohnes Casey sorgen müssen. Das erledigt, hatte sie in aller Eile ihre Uniform angezogen, die Waffe umgeschnallt und ihr schulterlanges, noch feuchtes Haar zum Knoten geschlungen, als auch schon die Türglocke läutete und ihre Nachbarin kam, um Casey zu beaufsichtigen.

Jetzt, zwanzig Minuten später, starrte sie entsetzt auf ihr erstes Mordopfer und betete, dass sie sich nicht übergeben musste.

Um Fassung ringend, ließ sie den Blick über die Anwesenden schweifen. Nach deren Anzahl zu urteilen, war sie wohl die Letzte am Tatort. Ihr Partner, Bobby Taggerty – spindeldürr und mit einem Wust roter Haare, was ihm das Aussehen eines wandelnden Streichholzes verlieh – machte Tatortfotos. In einer Ecke des Raumes war ihr Chef mit zwei Männern, die sie als Kripobeamte erkannte, in eine hitzige Debatte verstrickt. Ein Mann, den sie nicht kannte, der aber wohl ebenfalls zum Hauptquartier CMPD gehörte – wahrscheinlich zum forensischen Team –, hockte neben dem Bett und untersuchte die Leiche.

Was macht das CMPD hier? wunderte Melanie sich stirnrunzelnd. Und warum dieser große Aufwand? Sicher, das Whistlestop Police Department war nur eine kleine Dienststelle, die innerhalb des großen Gebietes des CMPD arbeitete, eines Departments mit vierzehnhundert Beamten und modernsten Einrichtungen inklusive eines kriminaltechnischen Labors. Und natürlich hatte ihre Dienststelle ein Hilfsabkommen mit dem größeren CMPD. Trotzdem verlangte das Protokoll, dass die erste Untersuchung vom Whistlestop Police Department durchgeführt wurde, das wenn nötig Hilfe anforderte.

Das ist kein gewöhnlicher Mordfall. Hier geht es um etwas Großes.

Und sie hatte nicht vor, sich beiseitedrängen zu lassen. Auch nicht vom einschüchternden CMPD.

Um das zu verdeutlichen, trat sie entschlossen über die Schwelle und blieb erneut stehen, als ihr der Gestank des Raumes mit voller Wucht entgegenschlug. Kein Verwesungsgeruch – die Verwesung hatte noch nicht eingesetzt –, sondern Gestank als Folge von Ausscheidungen, wie sie bei gewaltsamem Tod gelegentlich vorkam.

Melanie presste eine Hand auf den Mund, ihr drehte sich der Magen um. Sie kniff die Augen zusammen und schluckte heftig. Sie wollte sich nicht übergeben, nicht vor den Jungs vom CMPD. Die nahmen die Whistlestop-Dienststelle ohnehin nicht ernst und hielten sie für ein Sammelbecken von Möchtegern-Polizisten und Versagern. Sie wollte dieses Vorurteil nicht bestätigen – auch wenn sie ihm teilweise zustimmte.

„He, Sie! Püppchen.“ Melanie schlug die Augen auf. Der Mann neben dem Bett winkte sie mit angewiderter Miene heran. „Wollen Sie zusammenbrechen oder Ihren Hintern hierher bemühen und Ihren Job tun? Ich könnte Hilfe gebrauchen.“

Aus den Augenwinkeln sah sie ihren Chef und die Kripoleute in ihre Richtung blicken und ging verärgert zu dem Mann. „Mein Name ist May. Officer May. Weder ‚He Sie‘ noch ‚Püppchen‘.“

„Wie auch immer.“ Er gab ihr ein Paar Latexhandschuhe. „Ziehen Sie die an und kommen Sie hier runter.“

Sie entriss ihm die Handschuhe, zog sie an und hockte sich neben ihn. „Haben Sie auch einen Namen?“

„Parks.“

Als er sprach, wehte ihr eine Alkoholfahne entgegen. Daraus und aus seinem Aussehen schloss sie, dass dieser Mord ihn von einem Besäufnis weggeholt hatte. „CMPD?“

„FBI.“ Er gab einen Unmutslaut von sich. „Können wir jetzt bitte anfangen. Das Küken hier wird nicht frischer.“

Melanie verbarg ihre Überraschung nicht und ließ Parks ihre Abneigung spüren, was ihm vollkommen gleichgültig zu sein schien. „Was soll ich für Sie tun?“

„Sehen Sie das? Unter ihrem Hintern?“ Er deutete auf die schimmernde Spitze von etwas, das unter dem Körper des Opfers hervorlugte. „Ich hebe sie hoch, und Sie ziehen es heraus.“

Melanie nickte. Obwohl die Tote nicht schwer war, würde sie schwierig zu bewegen sein, selbst für einen Mann von Parks’ kräftiger Statur. Aufstöhnend vor Anstrengung hob er den unteren Körperteil des Opfers an. Melanie zog das schimmernde Stückchen hervor. Die Folienverpackung eines Kondoms. Offen und leer.

Parks nahm es ihr ab und betrachtete es einen Moment nachdenklich. Melanie beobachtete ihn und fragte sich, was er am Tatort machte. Warum hatte dieses Mordopfer nicht nur zwei Polizeieinheiten, sondern auch noch das FBI auf den Plan gerufen?

Er richtete den Blick aus blutunterlaufenen Augen auf sie. „Haben Sie eine Vorstellung, was hier passiert ist, May? Denken Sie gut nach.“

„Nach den bläulichen Verfärbungen der Haut und dem offenkundigen Fehlen äußerer Verletzungen zu urteilen, vermute ich, dass sie erstickt wurde. Wahrscheinlich mit dem Kissen.“ Sie deutete darauf, es lag links neben dem Kopf der Frau. „Darüber hinaus weiß ich noch nichts.“

„Lesen Sie den Tatort. Alles, was wir wissen müssen, ist hier.“ Er deutete auf die Wäsche auf dem Sessel und die leere Champagnerflasche auf dem Boden. „Sehen Sie das? Es verrät mir, dass sie herkam, um ihren Spaß zu haben. Niemand zwang sie, in dieses Zimmer oder ins Bett zu gehen.“

„Und gefesselt zu werden war Teil des Spaßes?“

„Meiner Meinung nach, ja. Denken Sie nach. Es gibt keine sichtbaren Blutergüsse am Körper. Man braucht eine Menge Kraft, um eine sich wehrende Erwachsene an ein Bett zu fesseln. Selbst ein großer, kräftiger Mann könnte das nur, wenn er extreme Gewalt anwendet. Und überprüfen Sie ihre Fuß- und Handgelenke. Sie sind in fast tadellosem Zustand. Sie wären verletzt, wenn sie lange gekämpft hätte.“

Melanie tat, wie vorgeschlagen, und sah, dass er recht hatte. Es gab nur leichte Rötungen von den Seilen, Anzeichen eines kurzen Kampfes.

„Der Bursche dürfte Ende zwanzig bis Mitte dreißig sein. Gut aussehend. Wahrscheinlich erfolgreich. Fährt einen teuren Wagen, etwas Ausländisches, Sportliches. BMW oder Jaguar.“

Melanie sagte ungläubig. „Das können Sie unmöglich wissen.“

„Nein? Sehen Sie sich das Opfer an. Das Mädchen war nicht irgendeine Nutte. Sie hatte Klasse. Jung, bildhübsch, reich. Die beste Familie, die beste …“

„Warten Sie eine Minute“, unterbrach Melanie ihn. „Wer ist sie?“

„Joli Andersen. Cleve Andersens jüngste Tochter.“

„Grundgütiger Himmel!“, entfuhr es ihr. Jetzt verstand sie alles. Die Andersens waren eine von Charlottes ältesten und einflussreichsten Familien. Sie waren groß im Bankgeschäft und in der Politik vertreten und saßen in den Aufsichtsgremien vieler bekannter Bürger- und Wohlfahrtsorganisationen. Melanie zweifelte nicht, dass Cleve Andersen einen direkten Draht sowohl zum Büro des Bürgermeisters wie zu dem des Gouverneurs hatte.

„Deshalb sind Sie hier“, sagte sie. „Sie und die Typen vom CMPD. Weil sie eine Andersen ist.“

„Bingo. Bei so einem Opfer verbreitet sich die Nachricht wie ein Lauffeuer. Zimmermädchen findet die Leiche und rennt schreiend zum Hotelmanager. Dann wird’s interessant. Der prüft zunächst mal den Ausweis der Kleinen, gerät in Panik, ruft beim CMPD an und sagt dem Einsatzleiter nicht nur, was passiert ist, sondern auch, wer die Tote ist. Als Nächstes wird mein Hintern aus dem Bett gezerrt, damit ich Hilfe und Sachkenntnis beisteuere.“

„Dann weiß die Familie schon Bescheid?“

„Ja, zum Teufel. Ehe Sie und Ihr Chef es wussten, Püppchen.“

Er widmete sich wieder der Tatortanalyse. „Die Kette der Ereignisse unterstreicht nur meine Theorie. Dieses Mädchen war es gewohnt, von allem das Beste zu bekommen. Ausgeschlossen, dass sie mit einem Tankwart in die Koje steigt.“

„Und was ist mit Drogen oder Rebellion gegen die Eltern?“

„Es gibt keine Anzeichen für Drogenmissbrauch. Was die Rebellion angeht, sehen Sie sich ihre Kleidung an. Ihr Z3 ist draußen geparkt. Ihr Lebenslauf. Das passt nicht.“

Melanie dachte stirnrunzelnd an Zeitungsberichte über die jüngste Tochter der Andersens und musste zugeben, dass er recht hatte. „Warum ist sie dann mit einem Typen, den sie nicht kannte, in ein Motelzimmer gegangen?“

„Wer sagt, dass sie ihn nicht kannte?“

Melanie blickte auf Joli Andersens Gesicht, das einst mal hübsch gewesen war, jetzt im Tode erstarrt, die ängstlichen Augen weit offen, und stellte sich ihre letzten Lebensmomente vor. „Und dann hat er sie umgebracht.“

„Ja. Aber er wollte es nicht. Ich wette, sie fing an, sich zu beklagen, als das Spiel unangenehm wurde. Oder er hat vielleicht keinen hochgekriegt, und sie hat ihn ausgelacht und verspottet. Dieser Tätertyp ist der klassische Versager, ihre Kritik hat ihn ausrasten lassen. Er hat ihr den Mund verklebt, damit sie still war, aber da begann sie ernsthaft zu kämpfen. Das hat ihn noch mehr aufgebracht. Sie verhielt sich nicht so, wie sie sollte, nicht wie er es sich vorgestellt hatte. Also presste er ihr das Kissen aufs Gesicht, damit sie sich benahm und still war.“

„Wenn er es nicht geplant hatte, wieso hatte er das Klebeband dabei?“ Melanie schüttelte den Kopf. „Wie ich das sehe, war das Absicht. Er kam vorbereitet.“

„Wahrscheinlich hat er die Szene schon mal durchgespielt, Dutzende Male und meistens mit Nutten. Verstehen Sie, es ist wie ein Drehbuch, das in seinem Kopf abläuft, an das er sich hält und das er immer weiter verfeinert. Das hübsche Mädchen. Das Seil. Ihre Hingabe. Das Klebeband. Und heute Nacht der Mord. Hören Sie sich unter den Professionellen um. Es wird sich eine finden, die den Typen kennt.“

Melanie sah ihn halb ehrfürchtig, halb ungläubig an. Obwohl seine Analyse Sinn ergab, war ihr, als müsste er über hellseherische Fähigkeiten verfügen, um auf all diese Schlüsse zu kommen. „Ist das nicht ein bisschen gefährlich, was Sie da machen? Grundsätzlich stellen Sie ja nur Vermutungen an.“

„Was ist Polizeiarbeit denn anderes, als aufgrund von Vermutungen einen begründeten Verdacht aufzustellen. Und Glück natürlich. Außerdem bin ich ein verdammt guter Rater.“ Er blickte über die Schulter und hielt das Kondompäckchen hoch. „Hat einer von euch ein benutztes Gummi gefunden?“

Keiner. Einer der CMPD-Typen schlenderte heran. Er nahm das Päckchen, hielt es hoch und las blinzelnd das Kleingedruckte auf der Vorderseite. „Lammhaut.“ Er schüttelte verächtlich schnaubend den Kopf. „Man sollte meinen, die Leute hätten’s inzwischen kapiert. Nur Latex schützt.“

Parks legte die Stirn in Falten. „Ich bezweifle, dass er Sex mit ihr hatte. Jedenfalls nicht die Art von Sex, für die man ein Kondom braucht.“

„Nein? Das Päckchen ist doch offen, oder? Inhalt fehlt.“ Der CMPD-Mann gab das Päckchen in einen Beweisbeutel, verschloss und kennzeichnete ihn. „Das Kondom hat er offenbar mitgenommen oder in die Toilette geworfen.“

Parks schüttelte den Kopf. „Das Kondom hat sie mitgebracht, nicht er.“

Der Kripomann zog eine Braue hoch. „Woher wollen Sie das wissen?“

„Sicherheit war das Letzte, was er im Sinn hatte. Sehen Sie sich doch um. Er hat nicht versucht, sauber zu machen. Und die Fingerabdrücke auf der Champagnerflasche sehe ich von hier.“

„Also?“

„Also, warum sollte dieser unmethodische Versager ein benutztes Kondom in die Toilette werfen, aber die Fingerabdrücke auf der Flasche lassen. Ich wette, dass der Raum von biologischen und anderen Beweisspuren nur so wimmelt.“

Während Parks gegenüber dem Kripomann seine Theorie wiederholte, begutachtete Melanie den Bereich um das Bett. Vorsichtig, um keine Spuren zu vernichten. Wenn Joli das Kondom mitgebracht und der Killer es nicht benutzt hatte, befand es sich wahrscheinlich noch im Bett oder in seiner Umgebung, genau wie die Verpackung.

Ihre Ahnung war richtig, und Melanie hielt das noch aufgerollte Kondom hoch. „Habt ihr Jungs danach gesucht?“ Als die beiden Männer sie ansahen, fügte sie grinsend hinzu: „Der Spalt zwischen Matratze und Rahmen. Nächstes Mal solltet ihr da nachsehen.“

Parks lächelte, und der Kripobeamte nahm ihr ärgerlich das Kondom ab. „Er ist nicht mal dazu gekommen, in sie einzudringen. Kranker Bastard.“

„Ist er wohl“, widersprach Parks und riss sich die Handschuhe herunter. „Eben nur nicht auf die übliche Weise. Überprüfen Sie ihre Körperhöhlungen. Zweifellos hat er da was zurückgelassen. Haarbürste, Kamm, Autoschlüssel. Wenn Sie Glück haben, sind es seine.“

Melanie starrte ihn erschrocken an, als ihr das Entsetzliche seiner Worte bewusst wurde. In den letzten Minuten hatte sie sich auf ihre Arbeit konzentriert, weniger auf das Verbrechen. Sie hatte verdrängt, dass das Opfer, über das sie so leidenschaftslos sprachen, noch vor Stunden ein lebender, atmender Mensch gewesen war, der Hoffnungen, Ängste und Träume gehabt hatte wie sie.

Sie konnte nicht mehr.

Die Hand auf dem Mund sprintete sie aus dem Zimmer. Sie schaffte es bis zum ersten geparkten Fahrzeug, einem weißen Ford Explorer. Am Wagen abgestützt, beugte sie sich vor und übergab sich.

Parks trat hinter sie und hielt ihr einen Packen Toilettenpapier hin. „Alles okay?“

„Bestens.“ Sie nahm den Packen und wischte sich beschämt den Mund. „Danke.“

„Ihre erste Leiche?“

Sie brachte ein Ja heraus, ohne ihn anzusehen.

„Pech, dass es sie gerade in Whistlestop erwischen musste. Ein paar Blocks weiter, und die Unannehmlichkeiten wären Ihnen erspart geblieben.“

Sie sah ihn an. „Sind Sie immer so grässlich?“

„Meistens.“ Der Hauch eines Lächelns glitt über sein Gesicht und verschwand. „Es muss Ihnen nicht peinlich sein, wissen Sie? Einige Leute sind eben nicht für diese Arbeit geschaffen.“

„Leute wie ich meinen Sie? Die Sorte Polizisten, für die man die Whistlestop-Dienststelle eingerichtet hat?“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Das mussten Sie auch nicht.“ Sie straffte sich wütend, ihre Übelkeit vergessend. „Sie wissen rein gar nichts über mich! Sie haben keinen Schimmer, für was ich geschaffen bin oder nicht!“

„Sie haben recht, ich habe keinen Schimmer. Und dabei wollen wir es auch belassen, ja?“

Ohne ein weiteres Wort stieg er in den Explorer, ließ den Motor an und fuhr los.

3. KAPITEL

Gegen drei am Nachmittag funktionierte Melanie nur noch dank Nervenkraft und Koffein. Nach dem Erbrechen hatte sie sich aus dem Automaten des Motels eine Cola gezogen, sich damit den Mund ausgespült und war wieder an die Arbeit gegangen. Das forensische Team des CMPD war gekommen und hatte mit ihr und Bobby Beweise gesichert. Danach war der Gerichtsmediziner erschienen, zusammen mit dem Leichenwagen, der die Tote ins Leichenschauhaus brachte. Im Anschluss daran hatten sie in ihrer Dienststelle in Whistlestop Bericht erstattet, um danach ihre eigentliche Tagesschicht anzutreten.

Melanie schenkte sich noch eine Tasse Kaffee ein und ignorierte sowohl den übersäuerten Magen wie auch den dumpfen Kopfschmerz. Sie hatte keine Zeit für Übelkeit oder Müdigkeit. Der Fall fing gerade an zu kochen. Kein Wunder. Bei dieser Ermittlung würde es hoch hergehen. Das FBI war beteiligt, das CMPD, natürlich Charlottes einflussreichste Bürger und Whistlestops kleine Bande von Aufrechten. Die Tote war jung, schön und reich gewesen, ihr Tod grauenhaft und bizarr.

Das war Stoff für die Titelseiten.

„May!“, bellte Chief Greer aus seiner Bürotür. „Taggerty! In mein Büro. Sofort!“

Melanie sah Bobby an, der die Augen verdrehte. Etwas ließ ihren Boss rotieren. Und Chief Greer in Rotation war ein sehenswerter Anblick. Fast zwei Meter, Statur wie ein Bulle, mit der Hautfarbe dunkler Schokolade, war er sowohl Respekt wie Furcht einflößend. Doch trotz seiner überwältigenden physischen Präsenz, oder vielleicht gerade deshalb, verlor er selten die Geduld. Geschah das dennoch, standen alle stramm.

Melanie hatte in der Tat nur einmal erlebt, dass er zornig geworden war, nämlich als er entdecken musste, dass Beamte auf Nachtstreife Prostituierte als Gegenleistung für Liebesdienste unbehelligt ließen.

Melanie schnappte sich ihren Notizblock und eilte hinüber. Bobby folgte ihr. Der Chief forderte sie auf, Platz zu nehmen.

„Ich habe soeben mit Chief Lyons telefoniert. Dieser Mistkerl legte mir höflich nahe, mich aus der Ermittlung zurückzuziehen und zum Wohle aller Beteiligten alles dem CMPD zu überlassen.“

„Was?“ Melanie sprang auf. „Sie haben doch nicht etwa zugestimmt …“

„Nein, zum Teufel! Ich habe ihm gesagt, er soll mir meinen haarigen schwarzen Hintern küssen“, erwiderte er grinsend. „Damit war der alte Jack auf seinen Platz verwiesen.“

Melanie lächelte. Ihr Boss war selbst im Morddezernat des CMPD gewesen und war ein hochdekorierter Kripomann. Vor vier Jahren war er im Dienst niedergeschossen worden, was ihn fast das Leben gekostet hätte. Nach seiner Genesung hatte seine Frau ihm ein Ultimatum gestellt. Entweder der Job oder die Ehe. Er hatte sich für die Ehe entschieden. Da er mit sechsundvierzig zu jung war fürs Altenteil, hatte er die Leitung dieser Dienststelle übernommen. Äußerlich war er zufrieden mit seiner Entscheidung. Melanie argwöhnte jedoch, dass er sich, genau wie sie, nach echter, harter Ermittlungsarbeit sehnte.

„Die werden uns nicht hinausdrängen“, bekräftigte er und lockerte seine Krawatte. „Der Mord geschah in unserer Gemeinde, und ich bin den Bürgern hier verpflichtet. Ob es dem CMPD gefällt oder nicht, die müssen uns einbeziehen.“ Er presste die Lippen zusammen. „Das ist ein großer Fall. Aller Augen sind auf uns gerichtet. Der Ruf nach einer schnellen Aufklärung wird von allen Seiten kommen, und der Druck wird immens sein. Die Presse spielt schon verrückt, und Andersen hat bereits begonnen, Köder auszuwerfen. Bewahren Sie einen kühlen Kopf, und machen Sie Ihre Arbeit. Lassen Sie sich nicht von der aufgeheizten Stimmung anstecken.

Die Wahrheit ist jedoch“, fuhr er nach einem Moment fort, „das CMPD hat mehr Erfahrung. Sie haben mehr Einsatzkräfte, bessere Einrichtungen und mehr Mittel. Okay, also akzeptieren wir deren Hilfe. Weiter werden wir uns allerdings nicht beugen. Noch Fragen?“

„Ja“, sagte Melanie. „Dieser FBI-Typ, Parks, was hat der für eine Geschichte?“

„Ich habe mich schon gefragt, wann Sie sich nach ihm erkundigen.“ Der Chief lächelte. „Er ist ein kleines Arschloch, was?“

Bobby lachte. „Ein kleines? Der Mann ist eine wandelnde Zumutung.“

„Und dem Alkohol nicht abgeneigt“, fügte Melanie hinzu. Der Chief sah stirnrunzelnd von einem zum anderen. „Er hat getrunken?“

„Getrunken?“, wiederholte sie. „Nein, das Wort schließt Mäßigung und Zurückhaltung ein. Parks roch und sah aus, als käme er von einer einjährigen Sauftour.“

Ihr Boss nahm die Information mit ernster Miene hin. „Connor Parks ist Profiler. Bis vor einem Jahr war er ein großes Tier in Quantico, in der Abteilung für wissenschaftliche Verhaltensanalysen. Ich kenne keine Details, aber laut Gerüchten hat er das FBI öffentlich blamiert. Er wurde getadelt und degradiert.“

Ein Profiler. Kein Wunder. Vor etwa einem Jahr hatte Melanie an einem vom FBI geförderten Seminar über Profiling teilgenommen. Sie hatte es faszinierend gefunden. Wie der vortragende Agent es dargelegt hatte, hinterließ jeder Killer unabsichtlich seine typische Signatur am Tatort. Aufgabe des Profilers war es, diese Signatur zu entschlüsseln, sich in die Köpfe von Täter und Opfer zu versetzen, das Wie und Warum einer Tat zu enträtseln und damit den Täter zu entlarven.

Genau das hatte Connor Parks heute versucht.

„Was macht er also hier in Charlotte an einem unserer Fälle?“, fragte Bobby.

„Er wurde degradiert und nach Charlotte versetzt.“ Der Chief blickte von Melanie zu Bobby. „Täuschen Sie sich nicht. Alkohol hin oder her, der Mann macht gute Arbeit. Benutzen Sie ihn.“

„Wie der sich aufführt, sollte er wenigstens gut sein“, entfuhr es ihr. Sie machte sich eine Notiz, ihn anzurufen, und sah den Chief wieder an. „Was sonst noch?“

„Ich möchte, dass Sie Freunde, Familie und Kommilitonen des Opfers befragen. Finden Sie heraus, mit wem Sie sich getroffen hat, wo sie sich aufhielt und in was sie verwickelt war. Aber fahren Sie zuerst zum CMPD-Hauptquartier und vergewissern Sie sich, dass die nicht schon jemand rausgeschickt haben. Falls ja, finden Sie heraus wen, und folgen Sie ihm. Wir müssen nach außen hin als einheitliche Front auftreten. Andersen flippt aus, sollten wir einen anderen Eindruck erwecken. Und als Nächstes tritt mir dann unser Bürgermeister in den Hintern.“

Wäre ein netter Anblick. Um ihr Schmunzeln zu verbergen, sah Melanie auf ihre Notiz.

„Sonst noch was?“, fragte Bobby.

„Ja!“, bellte er. „Bewegt euch!“

Sie sprangen auf und verließen eilig das Büro. Als Erstes rief Melanie ihre Zwillingsschwester Mia an. Die war sofort am Apparat. „Mia, hier ist Mel.“

„Melanie! Mein Gott. Ich habe es gerade in Kanal 6 gesehen. Das arme Mädchen!“ Sie senkte die Stimme. „War es schlimm?“

„Schlimmer“, erwiderte Melanie bedrückt. „Deshalb rufe ich an. Du musst mir einen Gefallen tun.“

„Schieß los.“

„Hier geht es ziemlich verrückt zu, und ich glaube nicht, dass es sich rechtzeitig beruhigt, damit ich Casey aus dem Hort abholen kann. Würdest du das übernehmen?“ Melanie sah das Bild ihres vierjährigen Sohnes auf dem Schreibtisch an und lächelte unwillkürlich. „Ich würde Stan darum bitten, aber ich habe keine Lust auf weitere Vorhaltungen, ich solle meinen Job aufgeben und es schade Casey, dass ich Polizistin bin.“

„Der hat nur Mist im Kopf. Aber ja, ich hole Casey gerne ab. Und da ich schon mal in der Gegend bin, willst du sicher auch, dass ich gerade um die Ecke gehe und deine Uniform aus der Reinigung mitbringe.“

„Du rettest mir das Leben, in beiden Fällen.“ Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Bobby an der Tür auf sie wartete. „Wenn du Casey abholst, gib dich bitte nicht wieder für mich aus. Das macht die Betreuer wahnsinnig.“

„Diese Leichtgläubigen“, spottete Mia. „Was hat es denn für einen Vorteil, eineiiger Zwilling zu sein, wenn man nicht ein bisschen Spaß damit treiben kann. Außerdem, Casey mag das. Es ist unser Spiel.“

Melanie schüttelte nachsichtig den Kopf. Sie und Mia waren eineiige Zwillinge und zugleich zwei aus einem Drillingsgespann, zu dem noch ihre Schwester Ashley gehörte. Wenn sie das erzählte, hielten die Leute das meistens für einen Scherz.

Dass Ashley ihnen beiden verblüffend ähnlich sah, machte die Sache noch vergnüglicher. Wenn sie zusammen waren, zogen die drei blonden, blauäugigen, fast gleich aussehenden Schwestern die Blicke der Passanten auf sich. Sogar Freunde mussten manchmal verblüfft zweimal hinsehen, um sie auseinanderzuhalten.

„Weißt du noch, wie oft wir unsere Lehrer hinters Licht geführt haben?“, sagte Mia amüsiert.

„Ich bin zweiunddreißig und nicht zweiundneunzig. Natürlich weiß ich das noch. Du warst immer die Anstifterin, und mir gab man die Schuld.“

„Versuch es umzudrehen, liebe Schwester.“

Bobby räusperte sich, tippte auf seine Uhr und wies auf das Büro des Chefs. Melanie nickte. „Würde ich, wenn ich die Zeit dazu hätte. Im Moment muss ich einen Mordfall klären.“

Den Wunsch ihrer Schwester, „Viel Glück, Sherlock“, noch im Ohr, legte sie auf und eilte zu ihrem Partner.

4. KAPITEL

Das Büro des Bezirksstaatsanwaltes lag in der Innenstadt von Charlotte, im alten Gerichtsgebäude des Distrikts. Gebaut in den Tagen vor der Einführung von Bürohochhäusern – jener schmucklosen Rechtecke, vollgestopft mit niedrigen vanillefarbenen, absolut gleich großen Räumen –, war das Gerichtsgebäude heute Teil der Verwaltungs-Plaza, wo sich auch moderne Architekturwunder wie das „Law Enforcement Center“ befanden.

Karnickelställe nannte die Stellvertretende Bezirksstaatsanwältin Veronica Ford solche Hochhäuser. Monumente zur Entpersönlichung modernen Lebens. Im Gegensatz dazu besaß das alte Gerichtsgebäude die Aura verblassender Grandeur. Für Veronica passte das zum Bild eines Ortes, an dem die Mühlen des Gesetzes langsam, aber zuverlässig mahlten. Ein Ort, an dem, wenn auch manchmal durch ein fehlerhaftes, altmodisches System gestört, die Gerechtigkeit ihren Lauf nahm.

Und es passte zum Bild von Charlotte, einer Stadt des alten Südens und der Moderne, in der Bäume blühten und Wolkenkratzer wuchsen, wo alte Südstaatenherrlichkeit und hektischer Kommerz gepflegt wurden. Eine Stadt, in der sie sich zu Hause fühlte, seit sie vor neun Monaten hergekommen war.

Obwohl sie sich zu ihrer Teamkonferenz verspätete, mied Veronica den alten, aber zuverlässigen Fahrstuhl und nahm die breite, geschwungene Haupttreppe in den ersten Stock. Dabei ließ sie die Hand über das reich verzierte schmiedeeiserne Geländer laufen. Veronica liebte den Gerichtsbetrieb und ihre Rolle darin. Ihr gefiel die Vorstellung, dazu beizutragen, dass das Leben für die Menschen lebenswerter wurde. Daran glaubte sie fest – vielleicht naiverweise, vielleicht aus Dünkel.

Wenn sie nicht daran glauben würde, brauchte sie nicht für das Büro des Bezirksstaatsanwaltes zu arbeiten. Sie könnte eine Menge mehr Geld verdienen und sich einigen Stress ersparen, wenn sie sich mit Firmenrecht befasste.

„Tag, Jen!“, rief sie der Empfangsdame zu, sobald sie den oberen Flur betrat.

Schwanger mit ihrem ersten Kind, strahlte die junge Frau geradezu vor Glück. Sie lächelte Veronica an. „Auch Ihnen einen guten Tag.“

„Irgendwelche Nachrichten?“

„Einige.“ Die Frau deutete auf einen Stapel rosa Notizzettel. „Nichts Dringendes.“

Veronica kam an den Schreibtisch, stellte einen Deckelbecher von Starbucks ab und reichte der jungen Frau lächelnd eine Essenstüte aus demselben Geschäft. „Ich habe dem Baby eine Kleinigkeit mitgebracht.“

„Eines von den Cranberry-Nuss-Hörnchen? Das Baby liebt sie.“

„Genau das.“

Die Empfangssekretärin juchzte vor Vergnügen und langte in die Tüte. „Sie sind ein Schatz, Veronica Ford. Das Baby und ich danken Ihnen.“

Veronica sah lachend ihre Nachrichten durch und entdeckte nichts, was ihre sofortige Reaktion erfordert hätte. „Um wie viel komme ich zu spät? Ist Rick schon da?“

Rick Zanders war der Supervisor des „Personenteams“. Die Staatsanwälte im Personenteam, zu dem Veronica gehörte, befassten sich mit allen gegen Personen gerichtete Gewalttaten mit Ausnahme von Mord und Gewalt gegen Kinder. Dazu gehörten Vergewaltigung, tätlicher Angriff, Misshandlung, sexuelle Misshandlung und Entführung. Das Team traf sich jeden Mittwochnachmittag, um den Stand der derzeit laufenden Fälle zu bereden, Strategien zu diskutieren und Beistand anzubieten, wo nötig.

„Er kam ein paar Minuten vor Ihnen und hat vor dem Treffen noch einige Telefonate zu erledigen.“ Jen sah auf ihre Uhr, dann über die Schulter. „Ich wette, Sie haben noch zehn Minuten. Offenbar kennt Rick die Familie Andersen persönlich.“ Sie senkte die Stimme. „Sie haben von dem Mord gehört?“

„Habe ich.“ Veronica runzelte die Stirn. „Was redet man so? Gibt es etwas, das noch nicht in den Nachrichten war? Irgendwelche Verdächtige?“

„Nicht dass ich wüsste. Aber ich wette, Rick hat Details.“ Sie schauderte. „Es ist so grässlich. Sie war ein wirklich nettes Mädchen. Und so hübsch.“

Veronica dachte an die attraktive Blondine, deren Bild sie am Morgen im Fernsehen gesehen hatte. Sie war noch nicht lange genug in Charlotte, um die Andersens persönlich zu kennen, aber sie waren ihr ein Begriff. Soweit sie wusste, hatte man Joli Andersen eine glänzende Zukunft prophezeit.

„Im Fernsehen sagten sie, dass sie erwürgt wurde“, flüsterte Jen.

„Erstickt“, korrigierte Veronica.

„Glauben Sie, dass man den Typen kriegt?“ Die Empfangssekretärin legte schützend eine Hand auf ihren Leib. „Zu wissen, dass ein solcher Kerl durch die Straßen von Charlotte läuft, macht mir Angst. Ich meine, wenn jemand wie Joli Andersen umgebracht werden kann, kann es jede erwischen.“

Veronica wusste, dass Jen nicht allein war mit dieser Angst. Zweifellos waren in fast jedem Haushalt in Charlotte in den letzten Stunden dieselben oder ähnliche Bemerkungen gefallen. Ein Mord wie dieser, ein Opfer wie Joli Andersen, machte bewusst, wie gefährlich die Welt war. Und wie wankelmütig das Schicksal.

„Eines kann ich Ihnen versichern, Jen, das wird vermutlich die intensivste Verbrecherjagd, die Charlotte je erlebt hat.“ Veronica stopfte ihre Nachrichten in die Tasche und nahm Kaffeebecher und Aktentasche. „Und wenn man ihn fängt, werden wir ihn festnageln.“

Die Empfangssekretärin lächelte erleichtert. „Die Gerechtigkeit siegt.“

Nachdem sie zugestimmt hatte, ging Veronica weiter in den Konferenzraum. Mit Ausnahme von Rick waren dort bereits alle versammelt. Wie erwartet gab es nur ein Thema – Joli Andersens Ermordung.

Veronica rief ein allgemeines Hallo in den Raum, legte ihre Sachen auf einen freien Platz am Tisch und schlenderte zu einer Gruppe von Kollegen. Alle redeten sofort auf sie ein.

„Ist das nicht unglaublich?“

„Ich hörte, Rick ist ein paar Mal mit Joli ausgegangen. Das muss ihn furchtbar hart treffen.“

„Bist du sicher? Er ist doch um einiges älter als …“

„Hab gehört, dass das FBI eingeschaltet wurde.“

„Ein Topprofiler. Gerüchte besagen …“

„Irgendwie ging’s auch um bizarre Sexspiele in dem Fall.“

Veronica ging auf die letzte Bemerkung ein. Die erste Neuigkeit, die sie interessierte. „Wo haben Sie das gehört? Es kam nirgendwo in den Nachrichten.“

Der andere Staatsanwalt sah sie an. „Von einem Freund im Morddezernat. Er hat keine Details verraten, deutete aber an, dass es … unappetitlich war.“

Rick trat ein, das Gesicht aschfahl. Sofort stoppte die Unterhaltung, und die versammelten Staatsanwälte nahmen Platz. Er räusperte sich. „Ehe jemand fragt, ich weiß auch nicht mehr als Sie. Der Mord geschah in Whistlestop, in einem Motel. Sie wurde erstickt. Bisher gibt es keinen Verdächtigen, aber das FBI erstellt ein Profil des Killers. Offenbar gab es biologische Beweise am Tatort, allerdings weiß ich nicht, welcher Art. Mit Rücksicht auf die Familie Andersen hat sich die Polizei bereit erklärt, die laszivsten Details des Falles aus den Medien herauszuhalten.“

Er fuhr sich mit einer Hand über die Stirn, und Veronica sah, dass er zitterte. Seinem Aussehen nach zu urteilen war zu vermuten, dass die Gerüchte über ihn und Joli zutrafen. Sie fragte sich, ob die ehemalige Beziehung der beiden ihn ebenfalls zu einem Verdächtigen machte. Wahrscheinlich. In dieser Untersuchung würde jeder Stein umgedreht werden.

„Konzentrieren wir uns auf unsere Arbeit“, schlug Rick leise vor. „Was haben wir? Irgendetwas Neues?“

Laurie Carter ergriff das Wort. „Ich habe einen ziemlich guten Angriff mit einer tödlichen Waffe. Zwei Nachbarinnen gerieten in Streit wegen einer geborgten Tasse Zucker. Der Streit eskaliert, und Nachbarin eins schlägt Nachbarin zwei mit einer Bratpfanne.“

Gelächter am Tisch. Ein Staatsanwalt namens Ned House zog eine Braue hoch. „Ihre tödliche Waffe ist eine Bratpfanne?“

„He“, meldete sich eine Staatsanwältin zu Wort, „haben Sie je versucht, eine hochzuheben? Die Dinger sind schwer!“

„Jedenfalls erfüllte sie ihren Zweck“, bemerkte Laurie trocken. „Unser Opfer landete im Krankenhaus. Gehirnerschütterung, Platzwunden, gebrochene Nase. Die ganze Skala.“

Rick schüttelte den Kopf. „Sie machen Witze, oder?“

„Keineswegs. Und hier bekommt die Geschichte wirklich Biss. Wie sich herausstellte, hat Nachbarin zwei nicht nur Zucker von nebenan geborgt. Offenbar hatten sie und der Ehemann von Mrs Bratpfanne ein schönes Techtelmechtel, wenn keiner hinsah.“

Ned schnalzte mit der Zunge. „Und da denkt man immer, die Vororte wären sicher.“

„Verringern Sie die Anklage“, riet Veronica leise. „Klar, sie hat’s getan, aber die Geschworenen halten bestimmt zur betrogenen Ehefrau.“

„Es sei denn, es sind hauptsächlich Männer“, konterte Ned. Veronica schüttelte den Kopf. „Macht nichts. Dieses Land wurde von Puritanern gegründet. Im Hinterkopf werden die Geschworenen ungeachtet des Geschlechts die Vorstellung nähren, dass die Schlampe es verdient hat.“

Rick stimmte zu. „Einfacher Angriff ist das Beste, was Sie da herausschlagen können. Verringern Sie die Anklage.“

Sie machten weiter und besprachen zwei weitere Angriffe und eine Vergewaltigung. Jedes Mal sahen die anderen Staatsanwälte Veronica an, um ihre Meinung zu hören. Sie war erst seit neun Monaten im Büro des Bezirksstaatsanwaltes von Charlotte tätig, hatte aber bereits drei Jahre im Büro der Staatsanwaltschaft von Charleston hinter sich. Dort hatte sie sich den Ruf einer sorgfältig vorgehenden Anklägerin erworben, die jeden anhängigen Fall mit Nachdruck verfolgte.

Die Wahrheit war, sie hasste Tyrannen. Sie verabscheute die feigen Halunken, die auf der Suche nach schwächeren Opfern die Straßen durchstreiften. Opfer wie wehrlose Frauen, Kinder und ältere Mitmenschen. Sie hatte ihr Leben der Aufgabe gewidmet, diese Täter zur Rechenschaft zu ziehen.

Ihr Einsatz schlug sich in einer 97%igen Verurteilungsrate nieder. Sie merkte immer wieder erstaunt, mit welcher Ehrfurcht andere Ankläger diese Zahl zur Kenntnis nahmen. Für sie war das gar nicht schwer zu erreichen gewesen. Wenn sie mit einem Fall vor Gericht ging, war sie überzeugt zu gewinnen. Und sie ruhte nicht eher, bis sie gewann.

Rick wandte sich ihr zu. „Veronica, wie geht es mit dieser Alvarez-Geschichte weiter, der Vergewaltigung bei einem Rendezvous?“

Die anderen sahen sie erwartungsvoll an. Als dieser Fall hereingekommen war, hatte Rick geraten, ihn abzuweisen, er sei schwer zu gewinnen. Vergewaltigung bei einem Rendezvous war vom juristischen Standpunkt aus immer eine heikle Angelegenheit. In diesem Fall besonders, weil das Mädchen einen gewissen Ruf hatte und der Junge ein Student mit einem nationalen Stipendium und Captain seines Footballteams war und außerdem einer prominenten Familie entstammte.

Veronica hatte jedoch für den Fall gekämpft. Sie hatte Angie Alvarez’ Verletzungen gesehen. Sie hatte sich ihre Geschichte angehört und den echten Schock aus ihren Augen gelesen. „Wir leben in Amerika“, hatte Veronica Rick entgegengehalten. „Nur weil ein Junge einen Football werfen kann und sein Daddy Geld hat, stellt ihn das noch nicht über das Gesetz. ‚Nein‘ heißt für jeden ‚Nein‘.“

Sie hatte sich und Rick geschworen, diesen Fall durchzuboxen, und hatte es geschafft.

Schmunzelnd dachte sie daran, wie selbstgefällig der Junge sie bei der ersten Vernehmung angelächelt hatte. Arroganter kleiner Lümmel. Jetzt habe ich dich beim Wickel.

„Ich habe ein weiteres Mädchen aufgespürt“, erklärte sie.

Rick straffte sich. „Und sie ist bereit auszusagen?“

„Jederzeit.“

„Warum hat sie bisher geschwiegen?“

„Angst. Die Mutter hatte sie gewarnt. Sollte sie Gerechtigkeit verlangen, würde das Gegenteil passieren. Ihr Ruf wäre ruiniert, und kein anständiger Junge würde mehr etwas mit ihr zu tun haben wollen.“

„Was hat sich geändert?“

„Sehr einfach. Sie kam nicht darüber hinweg.“ Veronica ließ die Hände in den Schoß sinken, damit die anderen nicht sahen, wie sie die Finger verkrampfte. Niemand sollte wissen, wie tief dieser Fall sie bewegte. „Außerdem bietet die Menge Schutz. Und glauben Sie mir, der Knabe war emsig.“

„Es gibt noch mehr Betroffene?“, fragte Laurie und schüttelte angewidert den Kopf.

„Sieht ganz danach aus. Meine Zeugen haben Gerüchte gehört. Ich lasse gerade einige Namen überprüfen.“

„Nageln Sie ihn an die Wand“, riet Laurie.

„Schon erledigt.“ Veronica lächelte entschlossen. „Im Moment ist nur noch die Frage, wie hoch und mit wie vielen Nägeln.“

5. KAPITEL

Es war fast sieben Uhr abends, als Melanie ihre Arbeit beenden und ihren Sohn bei ihrer Schwester abholen konnte. Es war ein erhellender und zugleich erschöpfender Tag gewesen. In den letzten zwölf Stunden hatte sie mehr gelernt als auf der Polizeischule und aus den Polizeihandbüchern, in die sie sich bei jeder Gelegenheit vertiefte.

Eine Mordermittlung war ein ermüdender Prozess, der Geduld, logisches Denken, Intuition und Zähigkeit verlangte. Eigenschaften, die man verbessern, aber nicht notwendigerweise erlernen konnte. Mit Familie und Freunden des Opfers umzugehen, verlangte nicht nur Sensibilität und Geschick, sondern auch ein dickes Fell und rasche Auffassungsgabe.

Die, die Joli am nächsten standen, zeichneten das Bild einer glücklichen, ausgeglichenen jungen Frau, die Männer und Partys mochte. Aus diesen Gesprächen hatte Melanie zwei Listen. Eine mit Clubs, die Joli frequentiert hatte, und eine von Männern, mit denen sie im letzten Jahr ausgegangen war. Beide Listen waren umfangreich.

Jeder, mit dem Melanie gesprochen hatte, war schockiert und in Trauer gewesen. Damit umzugehen war für die Cops aus Whistlestop am schwierigsten und vielleicht aufwühlender als die Beweisaufnahme am Tatort. Melanie hatte keine kühle Distanz wahren können. Sie hatte in die Augen dieser Menschen gesehen und ihren Verlust schmerzlich nachempfunden. Nach einer Weile hatte sie sich irgendwann dabei ertappt, wie sie den Blicken auswich.

Melanie hielt vor der im Plantagenstil erbauten Villa ihrer Schwester Mia. Wie Melanies Ex-Mann hatte ihre Schwester es vorgezogen, im Südosten von Charlotte zu leben, einer Gegend der Reichen, wo eine mit Zäunen geschützte Gemeinde neben der anderen lag. Melanie erschien das zu protzig, eine zu aufdringliche Zurschaustellung des Reichtums.

Sie stieg aus dem Auto. Casey spielte auf der vorderen Veranda mit Actionfiguren. Mia saß auf der Hollywoodschaukel und sah ihm zu. Lächelnd betrachtete Melanie die zwei einen Moment. Der Wind bewegte Mias blondes Haar und das dünne Baumwollkleid. Die Schaukel schwang leicht, und Casey plapperte fröhlich. Nett. Häuslich und freundlich.

Melanie neigte den Kopf zur Seite. Meistens sah sie in ihrem Zwilling nur die Schwester, aber manchmal, so wie heute, hatte sie das Gefühl, sie erblicke sich selbst. Eine andere Version ihrer selbst, aus der Zeit vor ihrer Scheidung.

Casey sah hoch, entdeckte sie und sprang auf. „Mom!“, rief er und rannte die Stufen hinunter auf sie zu.

Sie breitete die Arme aus. Er warf sich lachend hinein und umarmte sie fest. Die Augen geschlossen, erwiderte sie seine Umarmung. Seine Zuneigung verdrängte alles Hässliche des Tages.

Sie liebte ihn so sehr, dass es schmerzte. Vor seiner Geburt hätte sie so etwas nicht für möglich gehalten. Doch dann hatte der Gynäkologe ihr den Kleinen in den Arm und ans Herz gelegt, und sie hatte die innige Bindung augenblicklich gespürt.

„Hattest du Spaß?“, fragte sie, lockerte die Umarmung und sah ihm in die Augen, die vom selben strahlenden Blau waren wie ihre und die ihrer Schwestern.

Er nickte eifrig. „Tante Mia war mit mir Eis essen. Danach waren wir im Park. Sie hat mir an der Schaukel Schwung gegeben, und dann bin ich die große Rutsche runtergerutscht, Mom!“

„Die große Rutsche?“ Melanie riss erstaunt die Augen auf, um zu zeigen, dass sie gebührend beeindruckt war. Seit Wochen hatte er bereits die große Rutsche in Angriff nehmen wollen. Doch schon beim Aufstieg hatte ihn jedes Mal der Mut verlassen.

„Ich hatte wirklich Angst, aber Tante Mia ist mit mir hochgestiegen und gleich hinter mir gerutscht, wie sie es versprochen hat.“

Sie küsste ihm die Wange. „Du bist ein großer, mutiger Junge. Du kannst ziemlich stolz auf dich sein.“

Er nickte heftig und grinste von einem Ohr zum anderen. „Aber man muss vorsichtig sein, sonst fällt man hin wie Tante Mia. Sie hat sich am Auge wehgetan.“

Melanie hob den Kopf und blickte zu ihrer Schwester, die sie von der Veranda her beobachtete. Mias rechtes Auge war schwarz und blau unterlaufen, die rechte Gesichtshälfte angeschwollen. „Bist du von der Rutsche gefallen?“

„Natürlich nicht.“ Sie lächelte Casey an. „Dumme Mommy, was? Nein, ich bin über einen Schuh gestolpert.“

„Über einen von Onkel Boyds großen blöden Stiefeln“, warf Casey ein.

„Wir sagen doch nicht blöd“, ermahnte Melanie ihren Sohn und richtete die Aufmerksamkeit wieder auf ihre Schwester. „Es sieht dir gar nicht ähnlich, so ungeschickt zu sein.“

Mia ignorierte den Kommentar. „Hast du Zeit für ein Glas Wein? Boyd hat heute Abend ein Treffen, also habe ich frei.“

Wie schon beim Telefonat vorhin entdeckte Melanie etwas in der Stimme ihrer Schwester, das ihr Sorge bereitete. „Nach diesem Tag?“, erwiderte sie munter. „Da schaffe ich mir Zeit.“

Sie wuschelte ihrem Sohn die Haare, ein Schopf störrischer blonder Locken, und schob ihn auf die Veranda zu. Nachdem das Spielzeug eingesammelt war, gingen die drei hinein. Melanie schaltete Casey den Trickfilmkanal ein und gesellte sich in der Küche zu Mia, die eine Flasche Chardonnay öffnete.

Sie ließ sich am Frühstückstresen auf einen Hocker aus Eisen und Korb sinken. „Möchtest du darüber reden?“, fragte sie.

„Worüber?“ Mia schenkte ein Glas mit eisgekühltem Wein ein, schob es Melanie zu und schenkte ein zweites voll.

„Ich weiß nicht. Was immer es sein mag, das ich in deiner Stimme höre. Etwas bedrückt dich.“

Mia betrachtete sie einen Moment, holte eine Packung Zigaretten aus dem Wandschrank, schüttelte eine heraus und zündete sie mit zitternden Händen an.

Melanie sah zu, wie ihre Schwester einen tiefen Zug machte und den Rauch einen Moment in den Lungen behielt, um seine Wirkung zu erhöhen. Sie sagte nichts, obwohl sie dieses Laster verabscheute. Eines, auf das Mia nur zurückgriff, wenn sie Sorgen hatte. „Es muss schlimm um dich stehen“, bemerkte Melanie leise. „Ich habe dich seit Monaten nicht rauchen sehen.“

Mia machte noch einen Zug und sah Melanie an. „Boyd geht fremd.“

„Oh Mia!“ Melanie legte auf dem Tresen eine Hand auf die ihrer Schwester. „Bist du sicher?“

„Ziemlich.“ Sie holte zittrig Atem. „Er ist nachts lange weg. Manchmal bis in die frühen Morgenstunden. Er hat immer eine plausible Erklärung dafür. Eine Versammlung in der Krankenhausverwaltung oder dem Aufsichtsgremium oder in einer der medizinischen Gesellschaften.“ Sie schnaubte verächtlich. „Immer ist irgendwas los.“

„Und du glaubst, er lügt?“

„Ich weiß es. Wenn er heimkommt … wie er aussieht … wie er riecht.“ Beschämt ging sie zum Spülbecken und senkte den Kopf. „Er riecht nach billigem Parfum und … Sex.“

Ärgerlich ließ Melanie die Hände in den Schoß sinken. Sie hatte nicht gewollt, dass Mia Boyd Donaldson heiratete, und hatte versucht, es ihr auszureden. Trotz seines guten Aussehens und seiner beruflichen Reputation schien ihr schon damals etwas an dem Mann nicht zu stimmen. Wie ein Bild mit leicht verzerrter Perspektive. Sie hatte ihm nie getraut und war gegen den Ehevertrag gewesen, den Mia vor ihrer Hochzeit auf sein Betreiben hin unterschreiben musste.

Jetzt wünschte sie, ihre Kritik nicht so deutlich geäußert zu haben. Wenn sie nichts gesagt hätte, hätte Mia sich vielleicht eher Hilfe suchend an sie gewandt.

„Hast du ihn überprüfen lassen?“, fragte Melanie. „Hast du jemand angeheuert oder das Krankenhaus angerufen, wenn er angeblich dort war? Etwas in der Art?“

„Nein.“ Sie drehte das Wasser auf, löschte den Rest der Zigarette und warf den Stummel in den Abfall. „Ich hatte Angst vor der Gewissheit.“

Denn mit der Wahrheit konfrontiert, müsstest du handeln. Nicht gerade deine starke Seite, Mia.

„Ich verstehe das, Mia, wirklich. Aber du kannst nicht den Kopf in den Sand stecken. Wenn er dich betrügt, musst du es wissen. Schon wegen deiner Gesundheit …“

„Fang nicht damit an, Melanie, bitte. Ich fühle mich so schon schrecklich genug.“ Sie fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht. „Es ist mein Leben, es ist meine Ehe, und ich wurschtel mich schon irgendwie durch.“

„Also soll ich mich raushalten?“ Melanie straffte sich gekränkt. „Fein. Aber erwarte nicht von mir, dass ich einfach nur zuhöre. Es ist nicht meine Art, mich passiv zurückzulehnen.“

„Aber meine, was?“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Das war auch nicht nötig.“

Die beiden sahen sich an. Mia senkte als Erste den Blick. „Ehrlich gesagt habe ich deinen Rat bereits befolgt. Ich dachte, okay, was würde Melanie tun? Also habe ich ihn mit meinem Verdacht konfrontiert, und weißt du was? Er drehte durch.“ Mia deutete auf ihr schwarzes Auge. „Du siehst das Ergebnis.“

Melanie starrte ihre Schwester einen Moment fassungslos an. „Soll das heißen … er hat dich geschlagen?“

„Genau das heißt es.“

„Dieser Hurensohn!“ Melanie sprang auf. „Dieser nichtsnutzige, hinterhältige … ich bringe den Mistkerl um! Ich schwöre, ich …“

Sie nahm sich zusammen und zügelte ihren Ärger. Mit geschlossenen Augen zählte sie bis zehn. Sie war immer ein Hitzkopf gewesen, und ihr aufbrausendes Temperament hatte sie als Jugendliche mehr als einmal in Schwierigkeiten gebracht – fast wäre sie in einem Erziehungsheim gelandet, hätte es da nicht einen verständnisvollen Sozialarbeiter gegeben.

Als Erwachsene hatte sie allerdings gelernt, ihre Emotionen zu beherrschen und nachzudenken, ehe sie handelte. Vor allem bedachte sie heute die Konsequenzen ihres Tuns.

Aber alte Gewohnheiten legte man schwer ab. Und wenn es um ihre Schwestern, besonders um Mia, ging, entwickelte sie einen heftigen, fast blindwütigen Beschützertrieb.

„Was wirst du tun?“, presste sie hervor.

Mia seufzte und klang jung und hilflos für eine 32-Jährige. „Was kann ich tun?“

„Was du tun kannst?“, fragte Melanie ungläubig. „Die Polizei rufen. Lass ihn abführen und verklage ihn. Verlasse ihn, um Himmels willen!“

„Das klingt so einfach, wenn du das sagst.“

„Es ist einfach. Tu es!“

„So wie du Stan verlassen hast?“

„Ja.“ Melanie kam um den Tresen herum auf ihre Schwester zu, nahm ihre Hände und sah ihr in die Augen. „Stan zu verlassen war das Schwierigste, was ich je getan habe. Aber es war das Beste. Das wusste ich damals, und ich weiß es heute.“

Mia begann zu weinen. „Ich bin nicht so stark wie du, Melanie. Ich bin nicht mutig. Das war ich nie.“

„Du kannst mutig sein.“ Sie drückte ihrer Schwester die Hände. „Ich helfe dir.“

Mia schüttelte den Kopf. „Nein, das kannst du nicht. Ich bin nur eine schniefende, dumme …“

„Hör auf damit! Du redest wie unser Vater. Und wie Boyd. Es stimmt nicht.“ Sie sah ihrer Schwester forschend in die Augen. „Denkst du denn, ich hätte keine Angst gehabt, als ich Stan verließ? Ich hatte panische Angst. Ich musste nie für mich selbst sorgen, geschweige denn für ein Kind. Ich wusste nicht, wie ich uns ernähren sollte. Und ich hatte Angst, dass Stan mir Casey wegnehmen würde.“

Melanie schauderte bei der Erinnerung an ihre ständigen Versagensängste. Jede Entscheidung hatte sie gründlich überlegt. Ihr Ex-Mann war ein prominenter Anwalt und Partner in einer von Charlottes besten Kanzleien. Er hätte ihr mit Leichtigkeit das Sorgerecht entziehen lassen können – und konnte es immer noch. Tatsächlich hatte er einige Fäden gezogen und ihre Aufnahme in die Polizeiakademie hintertrieben.

Dennoch hatte sie ihn verlassen. Um ihrer selbst willen. Und wegen Casey. Sie war nicht die Frau, die Stan brauchte oder wollte, obwohl sie sich lange bemüht hatte, es zu sein. Er brauchte jemanden, der sich an ihn lehnte, ihn bestimmen ließ und sich fröhlich mit der Arbeit in Haus und Garten begnügte.

Sie hatte in der Rolle kläglich versagt und war im Zuge dessen zu einem Menschen geworden, den sie weder kannte noch mochte. Ihre Ehe hatte sich zum Schlachtfeld entwickelt, und ein Schlachtfeld war kein Ort, ein Kind aufzuziehen.

„Du kannst es schaffen“, bekräftigte sie noch einmal. „Ich weiß das, Mia.“

Mia schüttelte entmutigt den Kopf. „Ich wünschte, ich wäre wie du. Aber das bin ich nicht.“

Melanie zog ihre Schwester in die Arme und hielt sie fest. „Es wird alles gut. Wir stehen das gemeinsam durch. Ich helfe dir. Das verspreche ich.“

6. KAPITEL

Als Melanie und Casey anderthalb Stunden später nach einem kurzen Stopp, um Fast Food mitzunehmen, zu Hause ankamen, wartete Ashley auf sie. Melanie war nicht überrascht. Als Pharmarepräsentantin, deren Gebiet Nord- und Südkarolina umfasste, schaute sie häufiger auf dem Rückweg in die Stadt bei ihnen vorbei.

„Sieh nur, wer da ist, Casey“, sagte Melanie, als sie in ihrer Zufahrt hielt. „Tante Ashley.“

Die Hamburger vergessend, sprang der Junge aus dem Wagen, sobald Melanie seinen Sicherheitsgurt gelöst hatte. „Tante Ashley, sieh mal, was ich von Tante Mia bekommen habe! Einen Megaman.“

Melanie lächelte, als ihr Sohn sich in Ashleys ausgestreckte Arme warf. Ihre Schwestern waren immer die wichtigsten Menschen in ihrem Leben gewesen, und deren Liebe zu Casey war herzerwärmend.

Melanie nahm die Tasche und die Tüte mit den Hamburgern und ging zu den beiden. „Hallo, Schwesterherz, hattest du eine erfolgreiche Geschäftsreise?“

Ashley nahm Casey hoch, setzte ihn sich auf die Hüfte und wandte sich lächelnd Melanie zu. „Du weißt schon, alles Chemie und künstliche Drogen, die gegenwärtige Welle.“

Melanie lachte. Ihre Schwester war ein Paradoxon. Obwohl sehr erfolgreich in ihrem Job, baute sie auf natürliche und ganzheitliche Heilung. Erkrankte jemand, riet sie zu Kräutern, Wurzeln und Tees anstatt zu den Medikamenten, mit denen sie ihren Lebensunterhalt verdiente.

Sie stiegen die Stufen zum Eingang hoch. „Du hättest hineingehen können. Weniger Mücken.“

„Ich weiß.“ Sie schob Casey höher auf die Hüfte. „Aber der Abend war zu schön, um drinnen zu warten.“

Melanie schloss die Tür auf und schaltete das Flurlicht ein. Auf dem Weg zur Küche betätigte sie weitere Schalter. Es war ein kleines Haus, ein Cottage eigentlich, mit zwei Schlafräumen, einem Wohnzimmer und einer Küche. Melanie liebte es, obwohl es nicht größer war als das Hauptschlafzimmer in der Villa ihres Ex-Mannes. Was dem Haus an Größe fehlte, machte es an Charme wett. In einem der ältesten Viertel von Whistlestop gelegen, wartete es mit vielen Fenstern, Hartholzböden und hohen Räumen auf.

Und was das Beste war, sie hatte es aus eigener Tasche bezahlt, ohne die Hilfe ihres Ex.

„Hast du gegessen?“, fragte sie ihre Schwester, als sie Casey an den Frühstückstresen setzte. „Ich wollte gerade einen Salat machen und habe genug für zwei.“

„Danke, ich verzichte.“ Ashley zog ihre Anzugjacke aus und hängte sie über eine Stuhllehne.“

Melanie sah ihre Schwester stirnrunzelnd an. Sie war dünn geworden. Etwas größer als sie und Mia, war Ashley auch mit einer kurvenreicheren Figur ausgestattet. Die maßgeschneiderte Hose hing heute jedoch regelrecht an ihr. „Warst du krank?“

„Nein, warum?“

„Du siehst so dünn aus.“

Ashley zog eine Braue hoch. „Verglichen mit was? Mit meiner üblichen Figur?“

„Nein, Dummchen, zu dünn.“

„So etwas gibt es nicht.“ Sie ging zum Kühlschrank. „Hast du ein kaltes Bier?“

„Denke schon. Bedien dich.“ Melanie wickelte den Hamburger ihres Sohnes aus und gab ihn auf einen Teller, zusammen mit Pommes frites, von denen sie eines stibitzte, ehe sie alles vor Casey hinstellte.

„Saft, Mom.“

„Milch“, konterte sie. „Dann Saft, wenn du immer noch Durst hast.“

Casey murrte nur ein bisschen. Er wusste, Widerstand war zwecklos und biss in seinen Hamburger. Melanie schenkte ihm Milch ein und holte die Salatzutaten aus dem Kühlschrank. „Hast du von Joli Andersen gehört?“

„Im Radio.“ Ashley goss Bier in ein Glas, nahm einen Schluck und gab einen genießerischen Laut von sich.

Melanie grinste. „Du klingst wie eine Reklame.“

„Stimmt. Vielleicht habe ich meinen Beruf verfehlt.“ Sie trank noch einen Schluck und stellte das Glas auf den Tresen. „Erzähl mir, was heute los war.“

Melanie putzte Eisbergsalat und rupfte die Blätter über der Schale in kleine Stücke. „Was möchtest du wissen?“

„Nur das Wesentliche. War es grauenhaft? Hast du dem großen CMPD in den Hintern getreten? Hast du deine Schuhe ruiniert, als du göbeln musstest?“ Das Letzte fragte sie lachend, legte sich jedoch eine Hand auf den Mund, als sie Melanies betretene Miene sah. „Oh Mel, ich habe nur Spaß gemacht. Du hast doch nicht wirklich …“

„Ob ich mich elendiglich blamiert habe? Kann ich dir sagen. Ich habe mir vor allen die Seele aus dem Leib gekotzt.“

„Schwesterherz, das tut mir leid.“

„Schon gut, ich …“ Sie hatte plötzlich einen Kloß im Hals und räusperte sich. „Es war das Schlimmste, was ich je gesehen habe, Ash. Aber für alle anderen war es wohl keine große Sache. Das ganz alltägliche Geschäft eben.“ Sie begann eine Gurke zu schälen. Nicht weil sie sie essen wollte, sondern weil sie ihre Hände beschäftigen musste. „Die redeten ganz nüchtern über das, was dem armen Mädchen zugestoßen war. Mit so wenig – ich weiß nicht – Mitgefühl. Das hat mir schließlich den Rest gegeben. Bis dahin habe ich mich gut gehalten und mich auf meine Aufgabe konzentriert.“

Ashley umarmte sie kurz. „Ausgespucktes Frühstück oder nicht, ich weiß, meine Schwester, der Supercop, war großartig.“

Melanie lächelte kopfschüttelnd. Ashley hatte mehr als jeder andere ihre Entscheidung, zur Polizei zu gehen, unterstützt. Sie hatte ihre Neigung zu diesem Beruf immer verstanden. „Ich sag dir was, die Arbeit war faszinierend. Da war dieser Typ am Tatort, ein Profiler vom FBI. Wie er arbeitete, war erstaun…“

„Mom, was ist das FBI?“

Melanie sah ihren Sohn an und bemerkte, dass er gebannt lauschte. „Das ist eine Polizeibehörde, Liebling. Eine große, wichtige.“

„Das habe ich mir gedacht.“ Er stopfte sich eines der Pommes frites in den Mund. „Redest du über diese Lady?“

Melanie fragte stirnrunzelnd: „Was für eine Lady?“

„Die ermordet wurde.“

Ermordet? „Was weißt du darüber?“

„Ich habe gehört, wie Tante Mia mit der Erzieherin sprach.“

Ashley stöhnte auf. Melanie sah auf den Teller ihres Sohnes. Da lagen noch die eingelegten Gurken, die er von seinem Burger gepult hatte, und ein halbes Brötchen. „Bist du fertig, Schatz?“

Er nickte und gähnte. „Darf ich jetzt Fernsehen gucken?“

Sie beugte sich über den Tresen und wischte ihm mit der Serviette den Mund ab. Sie hatte leichte Gewissensbisse, weil es so spät geworden war. „Tut mir leid, mein Süßer, Zeit für die Koje. Es ist schon eine halbe Stunde über deine Schlafenszeit hinaus.“

„Aber Mom“, quengelte er gedehnt, „ich bin nicht müde.“

„Sicher nicht, aber es ist trotzdem Schlafenszeit.“ Sie half ihm von dem hohen Hocker herunter und schob ihn auf die Tür zu. „Sag Tante Ashley Gute Nacht.“

Er tat wie gewünscht, entlockte Melanie jedoch das Versprechen auf drei Gutenachtgeschichten, ehe sie die Küche verließen.

Melanie sah ihre Schwester entschuldigend an. „Bin gleich zurück.“

Ashley lächelte. „Kein Problem. Ich warte.“

Als Melanie eine Viertelstunde später in die Küche zurückkehrte, stand Ashley am Spülbecken und blickte unendlich traurig aus dem Fenster.

Melanie machte besorgt einen Schritt auf sie zu. „Alles okay?“

Sie drehte sich zu ihr um, die Miene hellte sich auf. „Sicher. Schläft unser kleiner Tiger?“

„Noch nicht. Er war zu aufgekratzt.“ Sie zog die Stirn kraus. „Ich kann nicht glauben, dass ich vorhin so unvorsichtig war, einfach über meine Arbeit zu reden. Er hat alles mitgehört. Ich muss mehr darauf achten, was ich in seiner Gegenwart sage. Er ist kein Baby mehr.“

„Dann müssten unsere Schwester und die Erzieher ebenfalls achtsamer sein.“ Ashley fischte sich ein Stück Gurke aus Melanies Salatschüssel. „Und jetzt erzähl mir mehr über diesen FBI-Typ.“

„Es war faszinierend, wie er arbeitete, das ist alles. Er sah sich den Tatort an, analysierte ihn und zog Schlussfolgerungen über das Geschehen. Ich fand das einfach erstaunlich.“

Ashley grinste. „Adieu Hundehaufen-Patrouille, hallo Morddezernat.“

Melanie dachte an die Klagen verärgerter Nachbarn, die sie bearbeitet hatte, über Hunde, die in den Vorgarten machten, die Blumen zertrampelten oder die Katze den Baum hinaufjagten. Sie dachte an all die Strafzettel, die sie Verkehrssündern verpasst hatte, und an ihre Sehnsucht nach echter Polizeiarbeit. Jetzt hatte sie endlich ihre Chance.

Aber auf wessen Kosten.

Schuldbewusst sagte sie: „Ich fühle mich schrecklich, weil ich fast dankbar bin für diesen Mord. Du weißt, wie ich das meine.“

„Sei nicht albern.“ Ashley langte um sie herum nach einer kleinen Karotte. „Du hattest nichts mit Joli Andersens Ermordung zu tun.“

„Ich weiß …“ Seufzend griff sie nach dem Pfeffer. „Eines weiß ich bereits. Wenn der Fall gelöst ist, wird es schwierig sein, wieder zur normalen Polizeiarbeit beim WPD zurückzukehren.“

Ashley schnitt eine Grimasse. „Ohne diesen Macho, mit dem du verheiratet warst, würdest du nicht in dieser popeligen Dienststelle festsitzen. Jemand sollte diesem Mistkerl eine Lektion erteilen.“

„Ashley!“ Melanie sah warnend über die Schulter zum Wohnraum und den dahinter liegenden Schlafräumen. „Zunächst mal achte auf deine Ausdrucksweise. Casey könnte mithören. Zweitens erinnere dich bitte, dass Stan Caseys Vater ist.“

„Und das ist der einzige Grund, weshalb wir ihn leben lassen.“

„Sehr lustig.“ Melanie streute geriebenen Käse über ihren Salat und hielt ihrer Schwester die Tüte hin.

Ashley nahm sich etwas Cheddar. „Ich kann mir nicht helfen, Mel. Ich verabscheue ihn, weil er deine Aufnahme in die Polizeiakademie hintertrieben hat. Die Akademie war dein Traum, solange ich mich erinnern kann, und er hat ihn dir genommen.“

„Die Dienststelle von Whistlestop ist nicht das CMPD, aber ich mache trotzdem Polizeiarbeit.“ Sie ging zum Kühlschrank und holte italienisches Salatdressing heraus. Ein Lächeln zuckte um ihre Mundwinkel. „Was ein ständiger Stachel in Stans Fleisch ist. Er erträgt es nicht, dass die Ex-Frau des großen Stan May ein Cop ist. Meine Uniform macht ihn wahnsinnig. Es macht mir diebischen Spaß, uniformiert den Frauen seiner Kollegen zu begegnen.“ Sie lachte. „Die sehen mich immer völlig entgeistert an.“

In Wahrheit verabscheute sie die Uniform fast so sehr, wie Stan es tat. Aber nicht, weil sie wenig schmeichelhaft und zu maskulin wirkte, sondern weil die Uniform sie als unbedeutenden Kleinstadtcop auswies. In Whistlestop gab es im Gegensatz zum CMPD keine Zivilbeamten. Ihr Chef wollte, dass seine Leute für die Bürger sofort als allgegenwärtige Polizisten zu erkennen waren.

Sie gab Soße über den Salat. „Außerdem, wer weiß, was die Zukunft bringt. Wenn ich mich in Whistlestop hervortue, glaube ich kaum, dass Stans Einfluss beim CMPD ausreicht, mich für immer von dort fernzuhalten. Deshalb ist es für mich so wichtig, nicht nur irgendwie an diesem Mordfall mitzuarbeiten, sondern auch an seiner Aufklärung beteiligt zu sein. Einfach nur dabei zu sein bringt nichts.“

„Das tut es nie.“ Ashleys Lächeln schwand. „Klingt, als hättest du klare Vorstellungen. Natürlich, die hast du ja immer.“

Das Zittern in der Stimme ihrer Schwester ließ sie aufmerken. „Du doch auch, Ashley. Du hast deine Ziele immer mit Nachdruck verfolgt. Nur Mia …“ Melanie ließ den Satz unbeendet und dachte an das Ehedesaster ihrer dritten Schwester. Sie seufzte. „Du hast eine Weile nicht mit Mia geredet, oder?“

„Mindestens eine Woche nicht. Seit unserem letzten Kaffeeklatsch.“ Ashley zog die Brauen zusammen. „Wieso? Ist was passiert?“

Der Salat, der eben noch so verlockend gewirkt hatte, verdarb ihr plötzlich den Appetit. Melanie legte die Gabel beiseite und schob die Schüssel zurück. „Boyd hat sie geschlagen“, sagte sie und wiederholte die Unterhaltung mit Mia.

Zornige Röte stieg Ashley in die Wangen. „Dieser Mistkerl! Was hat sie getan?“

„Rate.“

„Nichts, was? Weil sie Angst hat.“

„Du hast es erfasst.“ Bekümmert stand Melanie auf und ging zum Fenster. Sie starrte einen Moment in die Nacht und drehte sich zu ihrer Schwester um. „Was sollen wir tun?“

„Was können wir tun?“ Ashley zuckte die Achseln. „Es ist ihre Ehe, Mel.“

„Aber er hat sie geschlagen! Wir können das nicht zulassen.“

„Sie lässt es zu, nicht wir.“

„Wie kannst du so etwas sagen?“ Melanie schüttelte den Kopf und ihre Wangen färbten sich rot vor Zorn. Ashleys Gleichgültigkeit ärgerte sie. „Du weißt, wie gefährlich das für sie ist. Das wäre es für jeden von uns. Wegen unserer Vergangenheit neigen wir zur Opfermentalität und sind nicht davor gefeit, uns in Beziehungen mit eskalierender Gewalt ziehen zu lassen.“

„Sprich nur für dich.“ Ashley fischte noch ein Gurkenstück aus dem Salat und stopfte es sich in den Mund. „Unser Vater war ein Monster. Aber er ist tot, und ich habe es überwunden.“

„Richtig. Deshalb machst du um Männer und feste Beziehungen einen großen Bogen.“

Ashley kniff die Augen leicht zusammen. „Es geht hier nicht um mich und meine Beziehungen.“

„Nein, es geht darum, unserer Schwester zu helfen. Etwas, woran du nicht interessiert zu sein scheinst.“

Ashley war einen Moment völlig still. Dann erhob sie sich. Melanie sah, dass sie zitterte. „Ich liebe unsere Schwester genauso wie du, aber untersteh dich einzugreifen.“

„Ich wollte nicht vorschlagen …“

„Doch, du wolltest. Auf deine Weise.“ Ashley sah ihr zornig in die Augen. „Willst du die Wahrheit hören? Du hast sie zu abhängig gemacht. Seit unserer Kindheit hast du sie behütet und vor Gefahren beschützt. Was erwartet sie diesmal von dir? Dass du ihre Ehe beendest? Dass du ihn verhaftest? Ihn erschießt?“

„Sehr witzig, Ash.“

„Ich lache nicht. Du musst sie erwachsen werden lassen.“

Melanie straffte sich und hatte Mühe, ihr Temperament zu zügeln. „Du findest also, ich sollte dastehen und zusehen, wie sie zum Opfer wird? Sehr nett. Sehr schwesterlich.“

„Ja, genau das solltest du tun, bis sie etwas unternimmt, sich selbst zu helfen. Sei für sie da. Berate sie. Aber hör auf, sie retten zu wollen.“

„Du kannst das vielleicht, ich jedoch nicht.“

Ashley schnappte nach Luft. „Hör auf, die Heilige zu spielen. Der Grund, warum du sie so beschützt, sind deine Schuldgefühle.“

„Schuldgefühle?“, wiederholte Melanie und riss übertrieben ungläubig die Augen auf. „Weshalb sollte ich Schuldgefühle haben?“

„Alberne Frage, Mel. Du fühlst dich schuldig, weil Dad Mia zum Sündenbock gemacht hat.“

„Das ist Unfug. Warum sollte ich …“

„Weil ihr genau gleich aussaht, hat er sie gewählt, um dich zu verletzen.“

Das traf sie wie ein Schlag. Melanie machte unwillkürlich einen Schritt zurück und wandte sich ab. Zitternd ging sie zur Zimmertür, lauschte nach Casey und schob die Tür drei Viertel zu. „Es war nicht meine Schuld“, erwiderte sie ernsthaft. „Sondern Vaters. Ich habe keinen Grund, mich deshalb schuldig zu fühlen.“

„Natürlich nicht. Aber du tust es trotzdem. Du versuchst immer noch, etwas an ihr gutzumachen, weil du das bevorzugte Kind warst.“

„Du verstehst das nicht. Das hast du nie.“

Ashleys Lippen wurden schmal. „Weil ich nie zu eurem kleinen Zwillingsclub gehört habe, was? Ashley gehörte nicht dazu, die war anders.“

„Wir haben keinen Club, und wir haben dich nie ausgeschlossen, Ash.“

„Oh bitte!“ Ihre Stimme bebte. „Ich war die dritte Schwester. Das fünfte Rad am Wagen. Das bin ich immer noch.“

„Du machst mich wahnsinnig, wenn du so bist!“

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