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Der Tod hält keine Mittagsruhe

Inhalt

  1. Cover
  2. Über diese Serie
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Kapitel 14
  21. Kapitel 15
  22. Kapitel 16
  23. Kapitel 17
  24. Kapitel 18

Sofia und die Hirschgrund-Morde – Die Serie

Blaues Wasser, klare Luft, in der Ferne bei schönem Wetter die Alpen – das ist der Hirschgrund, ein idyllischer See mitten in Bayern. Nebenan der gleichnamige Campingplatz. Doch die Idylle trügt – denn diese Saison wird mörderisch.

Kaum ist die neue Besitzerin Sofia auf dem Platz angekommen, stolpert sie über den ersten Toten. Sofia ist entsetzt! Und dann neugierig. Bald schon entdeckt sie ihr Talent fürs Ermitteln und fängt an, in der bayerischen Idylle so einiges umzukrempeln …

Über diese Folge

Das Morden geht heiter weiter! Auffällig oft schleicht der unsympathische Immobilienmakler Holger Schwarz in letzter Zeit auf Sofias Campingplatz herum. Und nach einem heftigen Streit am Abend liegt er Sofia am nächsten Morgen zu Füßen. Tot. Mausetot. Passé sind damit auch seine Pläne, auf dem idyllischen Platz einen Hotelbunker samt Golfplatz hochzuziehen. Und für Sofia sieht es auch nicht gut aus: Sie hat ein Motiv und die Mordwaffe stammt aus ihrer Küche! Doch mit Evelyns Hilfe findet sie schnell heraus, dass eine ganze Reihe von Leuten den Makler am liebsten tot gesehen hätten. Aber wer von ihnen könnte tatsächlich einen Mord begangen haben? Sofia und ihre Camper sind fest entschlossen, den Täter zu überführen. Und zum Glück schlägt sich auch der fesche Kommissar wieder auf Sofias Seite …

Über die Autorin

Susanne Hanika, geboren 1969 in Regensburg, lebt noch heute mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in ihrer Heimatstadt. Nach dem Studium der Biologie und Chemie promovierte sie in Verhaltensphysiologie und arbeitete als Wissenschaftlerin im Zoologischen Institut der Universität Regensburg. Die Autorin ist selbst begeisterte Camperin und hat bereits zahlreiche Regiokrimis veröffentlicht.

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Kapitel 1

Der Sommer hatte seinen Höhepunkt schon fast überschritten. Es war August geworden. Der See war angenehm warm, und als ich nach meiner nachmittäglichen Schwimmrunde wieder an Land ging, klebten mir die ersten herbstlich gefärbten Pappelblätter am Bauch. Nach den letzten, kühleren Tagen hatten sogar ein paar der hartgesottenen Camper geunkt, dass nun der Herbst losging. Aber damit hatten sie sich Gott sei Dank geirrt!

Mein Campingplatz – den ich seit drei Monaten verkaufen wollte, aber es irgendwie nie schaffte – war nämlich gerade bis auf den letzten Platz belegt, und schlechtes Wetter wäre nicht das gewesen, was ich jetzt hätte brauchen können! Allein wenn ich an die vielen Eltern dachte, die hier ihren Zelturlaub verbrachten, überkam mich das kalte Grauen! Streitlustige Kinder auf so engem Raum bei Regen und Kälte war nicht wirklich Urlaub! Aber zum Glück für uns alle präsentierte sich der Spätsommer in voller Pracht.

»Ksch«, sagte ich zu Milo, meinem geerbten Hund, der schwarz und riesig auf meinem Badetuch lag. Doch der blieb auf dem Tuch liegen, den Kopf zwischen den Pfoten, und rollte die Augen treuherzig in meine Richtung. Milo war nicht nur alt, sondern auch taub. Und vielleicht hatte er auch eine andere Vorstellung von Nachmittagsgestaltung als ich. »Mach dir nicht die Mühe aufzustehen«, sagte ich schulterzuckend. »Ich hole dich heute Abend ab.«

Mit einem Stöhnen wuchtete sich Milo nun doch auf, und ich schnappte mir Nonnas uraltes zartrosa Badetuch mit den dunkelrosa Rosenblüten. Während ich meine Nase in den alten Frotteestoff drückte, erlaubte ich mir, ein paar Sekunden an meine geliebte Nonna zu denken, die mein Leben in den letzten drei Monaten so gehörig durcheinandergewirbelt hatte: Denn meine Großmutter hatte mir ihren Campingplatz vererbt und mich damit urplötzlich aus meiner Heimat Hamburg in die bayerische Provinz geholt.

Gemeinsam schlappten Hund und ich die Treppe hinauf zum Campingplatz. Dort knurrte Milo als Erstes einen winzigen Hund mit sehr haarigen Ohren an. Das fand ich ziemlich gemein, weil der Hund wahrscheinlich nur so viel wog wie drei Päckchen Zucker. Allerdings hatte er ein Ego, das an Milos herankam, wenn es das nicht sogar übertraf. Der Besitzer blieb stehen und tätschelte Milo den riesigen Schädel, obwohl Milo noch immer knurrte.

»Ach, du süßes Mäuschen«, sagte er. So hätte ich den knurrenden Milo, der steifbeinig drohend um den Kleinen herumging, nicht bezeichnet, und ich hielt ihn vorsichtshalber am Halsband fest.

Soviel ich wusste, hieß der Camper Sebastian Kern. Er war allein unterwegs und bestimmt ein paar Jährchen jünger als ich. Er hatte etwas von der Niedlichkeit seines Hundes – ein Papillon mit gepflegtem weiß-schwarzem Fell. Nicht nur der Hund sah sehr adrett aus, sondern auch Sebastian Kerns Wohnwagen, seine Tischdecke und sein Auto. Ich wünschte, mein Hamburger Noch-Ehemann Martin hätte unsere Wohnung so in Schuss gehalten!

»Nicht so süß wie Ihrer«, sagte ich zuvorkommend und zog Milo weiter, der sich das unwillig gefallen ließ.

Als ich fast bei der Rezeption angekommen war, sah ich, dass sich Evelyn gerade mit einem Mann unterhielt, der mit dem Rücken zu mir stand. Evelyn war eine meiner Dauercamperinnen. Das war vielleicht die falsche Umschreibung, denn von Camping hielt sie nicht viel. Seit drei Monaten schlief sie auch nicht mehr in ihrem Wohnmobil, sondern hatte sich in meinem Gästezimmer eingenistet. Der Mann, mit dem sie sich unterhielt, hatte Lederhosen an und ziemlich knackige Wadeln. Evelyn war wie so oft im Flirt- und Augenblinker-Modus. Im Vorbeigehen erkannte ich, dass es sich um den Schwarz handelte.

Der Schwarz!

Irgendwie enttäuschte mich das gewaltig. Schließlich war der Schwarz in den letzten drei Monaten zu unserem Erzfeind mutiert: er, der keine Intrige scheute, um an sein Ziel zu kommen – meinen Campingplatz kaufen! Wir vom Campingplatz – also alle Dauercamper, regelmäßigen Gäste und ich – waren uns einig, dass der Schwarz mit seinem Plan, den Campingplatz einzuplanieren und ein Luxus-Hotelresort darauf zu bauen, den Platz niemals in die Finger bekommen durfte.

Ich wickelte mich fester in Nonnas Rosenmuster-Badetuch, ignorierte die beiden und knallte die Rezeptionstür hinter mir zur. Mit klatschenden Flipflops rannte ich hoch in meinen Wohnbereich und zog mich um. Über dieses angeregte Gespräch vor meiner Tür würde ich später nachdenken!

Als ich mich gerade umgezogen hatte, hörte ich, wie unten die Tür energisch aufgerissen wurde. Ich kam gleichzeitig mit einer wutschnaubenden Evelyn zurück in die Rezeption.

»Ich bring ihn um«, zischte sie mir zu und wühlte beim kleinen Spülbecken nach Besteck. Ich wusste nicht, was mich mehr irritierte: dass ich nicht wusste, wen sie zu töten beabsichtigte, oder dass sie vorher noch etwas zu essen gedachte.

»Was machst du da?«

»Ha«, stieß sie hervor und hielt triumphierend eines meiner längsten Brotmesser in die Luft. Das mit dem schönen Holzgriff.

»Jetzt hat er seinen letzten Atemzug getan, das sage ich dir!«

»Wer?«, fragte ich fassungslos.

»Der Schwarz!«

Ich stellte mich ihr in den Weg. »Was hast du vor?«

»Geh mir aus dem Weg, ich bring ihn jetzt um!«

»Den Schwarz«, vergewisserte ich mich. »Gib mir das Messer! Für so etwas gebe ich nicht mein gutes, schönes Brotmesser her …«

»Scharfes Messer!«, konkretisierte Evelyn und wollte mich aus dem Weg schieben.

»Das ist mein einziges scharfes Messer!«, betonte ich. »Leg das weg! Das will ich nie wieder benutzen, wenn du damit Leute umbringst. Außerdem landet das dann bis zum Sankt Nimmerleinstag in der Asservatenkammer der Polizei … und ich kann mein Brot nur noch stumpf niedermetzeln.«

»Ich kauf dir ein neues«, tönte Evelyn.

Bevor sie tatsächlich aus der Rezeption stürmen konnte, hatte ich sie am Handgelenk erwischt.

»Lass mich los!«, sagte sie grummelig. Obwohl ich wusste, dass sie keineswegs vorhatte, irgendjemanden zu ermorden, war es mir lieber, wenn das Messer wieder in seine Schublade kam.

»Gib es mir!«, befahl ich. »Weshalb solltest du dich wegen so eines Kerls unglücklich machen?« Wegen Männern sollte man sich sowieso nie unglücklich machen, das war meine neueste Devise, nachdem mich mein Noch-Mann Martin mit der schönen, pinkfarbenen Stringtanga tragenden Nachbarin betrogen hatte.

»Weißt du, was er zu mir gesagt hat?«, fragte sie und ließ sich tatsächlich das Messer wegnehmen.

»Der Typ ist doch keinen Gedanken wert«, erwiderte ich, weil es mich überhaupt nicht interessierte, was der Schwarz so von sich gab. »Wir wissen alle, dass der Typ voll einen an der Waffel hat.«

»Er hat gesagt, ich sei eine alte Schabracke!«, empörte sie sich weiter, ohne auf meine Worte zu reagieren. »Kannst du dir das vorstellen, dass irgendjemand mich, Evelyn Kaminski, als alte Schabracke bezeichnet?«

Evelyn war siebenundfünfzig Jahre alt, und sie hatte sich echt gut gehalten. Mal abgesehen davon, dass sie etwas zu viel Ramazzotti trank – und so etwas sah man an der Haut –, zu oft Bräunungscreme aufgetragen hatte – auch das sah man an der Haut – und außerdem ohne Sex nicht existieren konnte. Das wiederum sah man nicht an der Haut, sondern nur an ihrem Verhalten Männern gegenüber. Ich kannte sie sozusagen nur flirtend. Zudem stand sie unglaublich auf Lycra und wahlweise sehr enge oder sehr durchsichtige Klamotten.

Jedenfalls war Schabracke kein nettes Wort für eine Frau, die jünger als er selbst war und noch dazu eine viel bessere Figur hatte! Aber Männer hatten seltsamerweise immer das Gefühl, dass sie viel langsamer alterten als Frauen im selben Alter. Oder vielleicht dachten sie auch, dass es bei ihnen auf ein bisschen Bauch hin oder her nicht ankomme.

»Der Typ hat doch keine Ahnung von richtigen Frauen«, sagte ich ablenkend. »Der steht wahrscheinlich auf blondierte Häschen, die vierzig Jahre jünger sind als er und mit Abwesenheit von Meinung und IQ glänzen.«

Evelyn seufzte wohlig.

»Und dazu gehörst du einfach nicht.« Anscheinend hatte ich die richtigen Worte gefunden. »Der ist doch die Worte nicht wert, die wir gerade seinetwegen sprechen«, schleimte ich weiter und seufzte erleichtert auf, als Evelyn schließlich zustimmte.

Im nächsten Moment hörte ich Gebrüll von draußen. Was für ein turbulenter Tag! Früher hatte ich immer gedacht, dass nur in der Stadt der Punk abging. Aber das konnten auch nur Stadtmenschen denken!

»Der Hetzenegger. Der macht den jetzt rund«, stellte Evelyn zufrieden fest. »Wahrscheinlich hat er gehört, was der Schwarz zu mir gesagt hat.«

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass der Hetzenegger deswegen so einen Aufstand machte. Allerdings sah ich mich bemüßigt, auch hier einzuschreiten. Eilig rannte ich mit klatschenden Flipflops zum Toilettenhäuschen, vor dem der Schwarz und der Hetzenegger standen und sich anschrien. Beide waren groß und hatten einen ordentlichen Bauch – mich zwischen die beiden zu stellen, kam irgendwie nicht infrage. Mit etwas Sicherheitsabstand lauschten bereits die Schmidkunzens und die Vroni, die Frau vom Hetzenegger. Auch ein paar weitere Camper wurden von dem Gebrüll angezogen.

»Was ist denn hier los?«, fragte ich mit erhobener Stimme.

»Hallo?«

Meine Worte wurden nicht gehört. Es klang danach, als beschuldigte der Hetzenegger den Schwarz, alle über den Tisch zu ziehen. Außerdem kündigte er an, mit allem, was ihm möglich war, gegen den Verkauf des Campingplatzes vorzugehen. Und der Schwarz schrie zurück, dass er hier alles plattmachen und sich nicht von einem Hetzenegger aufhalten lassen würde.

Was machte der Schwarz überhaupt auf meinem Campingplatz? Noch hatte ich nämlich überhaupt nicht auf sein überaus großzügiges finanzielles Kaufangebot reagiert.

»Schluss!«, schrie ich und trat nun doch zwischen die beiden Streithähne.

Das Gebrüll verstummte, und die zwei Männer sahen mich erschrocken an. Erfreut darüber, was für eine Autorität ich ausstrahlte, holte ich tief Luft. »Das reicht jetzt! Verlassen Sie meinen Platz, Herr Schwarz! Ich weiß überhaupt nicht, was Sie hier ständig zu suchen haben!«

Meine Nonna hätte jetzt noch ganz andere Dinge gesagt, allen voran vermutlich Và a morire ammazzato. Was wörtlich hieß: Auf dass du getötet wirst. Aber man konnte es auch schlicht als »Geh zum Teufel!« übersetzen.

Der Schwarz sah mich fast schon eingeschüchtert an, was mich ziemlich erstaunte, da ich noch gar nicht auf Italienisch geflucht hatte. Erst als ich sah, dass sein Blick zu meiner Hand schweifte, verstand ich meine Autorität: Ich hielt noch immer das lange Brotmesser meiner Nonna umklammert. Etwas verlegen senkte ich meine Hand. Der Schwarz warf mir einen bösen Blick zu, dann ging er schnurstracks hinunter zum See.

»Vai a cagare«, murmelte ich, um mich ein wenig zu beruhigen, was »Geh scheißen!« hieß und einer der Lieblingsausdrücke meiner Nonna gewesen war, wenn sie sich über jemanden aufregte. Ich hängte noch ein »Faccia di culo« an, was mir von Frau Schmidkunz, die offensichtlich Italienisch konnte, einen tadelnden Blick einbrachte. Der Hetzenegger sah mich ebenfalls grimmig an.

»Das hätte ich jetzt gerne ausdiskutiert.«

»Was?«

»Ich habe mir ein festes Vorzelt bestellt. Und ich werde nicht tatenlos zusehen, wie der den Campingplatz einplaniert.«

Die Leute um uns herum murmelten zustimmend.

»Ich kann Sie ja verstehen«, sagte ich besänftigend. »Aber ehrlich gesagt, ich kann den Platz nicht behalten. Ich muss Schulden bezahlen. Und mein Geld steckt in der Firma Klaus und Gruber.« Diese blöden Saftsäcke. Irgendwie war ich gerade in Fluch-Laune.

»Die müssen Ihnen doch das Geld wiedergeben«, knurrte der Hetzenegger.

»So einfach ist das nicht«, erklärte ich ihm. »Ich habe erst vor ein paar Tagen mit einem Rechtsanwalt telefoniert. Und der hat mir gesagt, dass mir da langwierige Prozesse ins Haus stehen. Die ich wahrscheinlich verliere.«

Dann war das Geld weg. Und der Campingplatz. Und ich konnte Privatinsolvenz anmelden.

»So ein Unsinn«, mischte sich der Schmidkunz ein. »Die Rechte Ihrer Großmutter gehen doch auf Sie über. Und sie hätte auch die Möglichkeit gehabt, den Vertrag aufzukündigen.«

»Aber der Rechtsanwalt hat gesagt, seit mir Klaus und Gruber das Häuschen auf den Campingplatz gestellt haben …« Die Firma hatte mir nämlich gegen meinen ausdrücklichen Willen ein kleines, süßes Häuschen auf den Platz gestellt. Quasi als Wiedergutmachung. Und seitdem schien es abgemacht zu sein, dass ich nichts mehr von der enormen Summe sehen würde, die meine Nonna vor ihrem Tod als Vorauszahlung für ein neues Klohäuschen überwiesen hatte.

»Welcher Rechtsanwalt?«, fragte der Hetzenegger in einem Tonfall, als hätte ich etwas falsch gemacht.

»Der Dr. Feuser«, sagte ich. Der sollte doch besser wissen, wie das rechtlich war, als Schmidkunz, der Apotheker, und Hetzenegger, der eine Steuerkanzlei hatte.

»Ha! Der Feuser«, sagten der Schmidkunz und der Hetzenegger gleichzeitig.

»Das ist ein abgekartetes Spiel«, erklärte mir die Vroni und tätschelte mir beruhigend die Schulter. Vielleicht wegen des langen Brotmessers in meiner Hand.

»Wieso?«

»Der Feuser ist garantiert auch der Rechtsanwalt von Klaus und Gruber«, fing die Vroni an.

»Außerdem ist der Feuser doch total abhängig vom Schwarz«, erklärte Frau Schmidkunz. »Der hat doch die Tochter vom Schwarz geheiratet und wäre schon längst pleite, wenn der Schwarz ihm nicht ständig Geld zuschustern würde.«

Fassungslos öffnete ich den Mund und schloss ihn wieder. Das hätte meine Nonna natürlich alles gewusst und wäre niemals auf diesen blöden Anwalt hereingefallen! Andererseits war meine Nonna auf die Klaus und Grubers hereingefallen. Wer um Himmels willen überwies schon im Vorfeld, Monate vor Baubeginn, den gesamten fälligen – und völlig überteuerten – Betrag an ein Bauunternehmen. Wo man doch wusste, dass dann dem Pfusch Tür und Tor geöffnet waren.

»Sie meinen, mir steht das Geld eigentlich zu«, fasste ich das Ergebnis zusammen.

»Natürlich«, sagte der Hetzenegger mit ernster Miene. »Die zwei versuchen Sie doch nur fertigzumachen.«

»Deswegen bekommst du auch keinen Handwerker«, verriet mir die Vroni strahlend. »Der Schwarz hat bestimmt jedem im Ort gedroht, dass er ihn in den geschäftlichen Ruin treibt, wenn er Aufträge von dir annimmt.«

Ich war einfach sprachlos! Wieso sagte mir das keiner?

»Der Klempner?«

»Ein alter Spezi vom Schwarz«, sagte der Hetzenegger mit zornesrotem Gesicht. »Der würde nie etwas gegen den Schwarz unternehmen!«

»Der Elektriker.«

»Auch«, bestätigte der Schmidkunz.

Wahnsinn! In mir brodelte der Unmut.

Da spürte ich die Hand von Vroni an meiner. Behutsam entwand sie mir das Messer. Hatte sie Angst, dass ich gewalttätig wurde? Ich überließ ihr das Messer und wandte mich wieder ihrem Mann zu.

»Und der Feuser hat mir nur eine falsche Auskunft gegeben, weil ihm der Schwarz das aufgetragen hat?«

»Natürlich«, nickte der Hetzenegger.

»Der konnte doch nicht wissen, dass ich zum Feuser gehe.«

»Na ja. Der Feuser ist ja naheliegend. Ist ja gleich vorne am Ort.«

Das hatte ich mir ehrlich gesagt auch gedacht. Wie praktisch. Gleich vorne am Ort.

»Ich bring ihn um«, sagte ich kraftlos. »Diesen blöden Sack!«

Eine Weile herrschte atemlose Stille, als hätten alle nur darauf gewartet, dass ich so etwas sagte.

»Das würde das Problem teilweise lösen«, stimmte Evelyn mir zu.

Alle strahlten mich aufmunternd an, Vroni tätschelte mir die Schulter. »Das mit dem Geld, das schaffst du schon. Die Campingsaison ist doch dieses Jahr echt super gelaufen.«

Da hatte sie recht.

»Und sobald wir den Schwarz loshaben, wird es hier richtig schnuckelig.«

Aber wie wollte sie das mit dem Schwarz machen? Inzwischen kam es mir vor, als würde er jeden Tag hier herumschleichen. Anfangs hatte ich noch gedacht, dass er das Gelände, das er kaufen wollte, inspizierte. Aber doch nicht täglich!

Nachdem nun alles gesagt, eine Morddrohung ausgesprochen und ich entwaffnet war, wurde es den Campern zu langweilig. Herr und Frau Schmidkunz, bereits in Badesachen, verabschiedeten sich und gingen zum See hinunter. Der Gröning kam gerade die Treppe herauf, nur in eine alte Badehose gekleidet, in der rechten Hand ein altes kleines Handtuch. Die Vroni lud mich zum Kaffeetrinken ein.

»Ich hätte noch ein Mohnschneckerl«, sagte sie deeskalierend. »Wir haben jetzt wirklich eine Stärkung nötig!«

Da hatte sie recht.

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Kapitel 2

Nach der Auseinandersetzung fühlte ich mich derart zittrig, dass ich das Mohnschneckenangebot freudig annahm. Ich durfte sogar auf dem extrakomfortablen Stuhl vom Hetzenegger sitzen. Die Vroni wuselte um mich herum, brühte frischen Kaffee auf, Evelyn holte sich ihren Klappstuhl mit dazu, und so saßen wir drei Frauen um den hübsch gedeckten Campingtisch der Hetzeneggers. Diese hatten sich nicht nur das feste Vorzelt bestellt, sondern auch einen neuen großen Campingtisch und dazu eine orange-rot gemusterte Tischdecke. Stil Provencal, wie mir Vroni stolz berichtet hatte.

»Mein Mann ist ja ein ganz ein Ruhiger«, erklärte die Vroni. »Aber die letzten Tage waren der reine Stress.«

Ich biss in die Mohnschnecke. Superlecker, was der Meierbeck da produzierte. Den musste man unterstützen!

»Ich war schon drei Tage nicht mehr groß am Klo«, verriet uns die Vroni. »Das ist dieser Psychoterror, dem wir ausgesetzt sind.«

»Welcher Terror?«, fragte ich. Ich sah die beiden immer nur gemütlich beim Essen sitzen. Außerdem wollte ich nichts über ihre Klogeschichten hören!

»Allein, dass dieser Schwarz die ganze Zeit herumschleicht, als würde ihm der Campingplatz gehören! Seit Tagen geht das nun schon so!«

Also war das nicht nur mir aufgefallen.

»Und da hat uns einfach mal interessiert, was das soll!«, erklärte die Vroni. »Aber der Schwarz ist ja gleich rot angelaufen, als der Franz gefragt hat. Also, ich bitte euch! Der ist einfach so ausgeflippt. Dabei war das eine ganz berechtigte Frage! Schließlich campt er hier nicht. Und Freunde hat er hier auch keine!«

»Der Schwarz ist einfach nicht ganz sauber«, bestätigte Evelyn zufrieden und schien damit die »Schabracke« aus der Welt geschafft zu haben.

»Ich bin ja so froh, dass wir heute Abend nach Regensburg fahren«, seufzte Vroni. »Wir sehen uns ein Stück im Turmtheater an. Und morgen gehen wir dann in die Kaisertherme.«

»Übernachtet ihr?«, fragte Evelyn und griff nach der letzten Mohnschnecke.

»Ja. Im Orphée.«

Evelyn und Vroni seufzten wohlig.

»Das ist sein Geburtstagsgeschenk für mich«, strahlte Vroni. »Und wenn ich weniger gestresst bin, dann kann ich vielleicht mal wieder groß aufs Klo.«

Ach du meine Güte!

Schnell lenkte ich vom Thema ab: »Ich brauche jedenfalls dringend Handwerker. Irgendwo im Nachbarort wird sich doch jemand finden lassen, der nicht mit dem Schwarz verbandelt ist!«

»Keine Ahnung«, erwiderte die Vroni und schenkte eine Runde Kaffee nach. »Dieser Depp setzt doch den ganzen Landkreis unter Druck. Wenn nicht was passiert, wird er noch Landrat, und dann kannst du deinen Campingplatz sowieso einstampfen.«

»Echt?«

»Ja«, sagte Vroni grimmig und nahm einen Schluck Kaffee.

»Machst du nicht gerade die Zwei-Mahlzeiten-pro-Tag-Diät?«, wollte ich mit vollem Mund von Evelyn wissen, um nicht weiter an die Klempner-Problematik denken zu müssen.

»Nein. Die bewirkt bei mir nichts«, erklärte Evelyn, ebenfalls mit vollem Mund. »Ich mach jetzt die Kraftsportler-Diät.«

Und die ging mit Mohnschnecken, oder wie? Gespannt warteten Vroni und ich auf die Erklärung.

»Da muss man möglichst viele Kohlenhydrate aufnehmen«, antwortete Evelyn.

»Und dabei soll man abnehmen?«, wollte Vroni kopfschüttelnd wissen.

»Ja. Man baut da Muskeln auf«, erklärte Evelyn.

Na ja. Eigentlich ging das mit Eiweiß und nicht mit Kohlenhydraten, und funktionierte vor allem, wenn man gleichzeitig Kraftsport betrieb. Davon hatte ich bei Evelyn noch nichts mitbekommen, aber ich hielt vorsorglich die Klappe. Praktischerweise begann Milo neben mir zu fiepen und wollte Gassi gehen.

Als Milo und ich kurz darauf lostrotteten, blieb ich auf der Treppe zum See hinunter stehen und beobachtete die kleinen Kinder, die dort im flachen Wasser spielten. Zwei Mütter standen dabei und schauten ihren Sprösslingen zu. Mein entspanntes Zusehen war abrupt zu Ende, als ein kleiner Junge in mich hineinlief und entsetzt kreischte. Er kicherte verlegen, als er mich erkannte, dann rauschte irgendetwas Dunkles knapp an meinem Kopf vorbei. Der kleine Junge und ich kreischten nun gemeinsam, während wir uns duckten.

»Meine Drohne!«, rief er und hob sie eilig vom Boden auf, als könnte er dadurch den Sturz ungeschehen machen. Mein Herz wummerte.

»Die kostet über tausend Euro«, erklärte er mir. »Und ich darf sie nicht abstürzen lassen, sonst krieg ich nie wieder eine. Die letzte ist mir in einen Fluss gefallen. Ich wäre beinahe ertrunken, als ich sie retten wollte. Meine Mama hat gesagt, sie versohlt mir das nächste Mal den Hintern, wenn ich die Drohne rette.«

Herr im Himmel, ging mir die Pumpe!

»Der Papa musste sie dann rausholen, und der ist auch beinahe ertrunken.«

Na prima!

»Die war dann kaputt.«

Mein Herz war auch gleich kaputt, wenn das heute so weiterging!

»O. k.«, sagte ich schwach. »Dann achte mal gut auf deine Drohne.«

Er hob zustimmend den Daumen und startete sein Fluggerät. Als es losflog, sah ich die Kamera an der Drohne.

»Pass mal auf«, sagte ich zu dem Kleinen. »Das Filmen mit der Drohne ist auf dem Campingplatz nicht erlaubt.«

Er sah konzentriert nach oben und ließ das Gerät über den Kleinkindern kreisen.

»Wie heißt du?«

»Maxl.«

»Maxl. Du kannst den Weg Richtung Dorf gehen, dort über dem Wasser kannst du deine Drohne toll fliegen lassen.«

»Wenn sie wieder ins Wasser stürzt, dann brennt unser Haus vielleicht ab. Wie das letzte Mal«, sagte er und ließ die Drohne nicht aus den Augen. »Da hab ich nämlich die Drohne im Keller getrocknet, und dann hat sie sich selbst entzündet. Kurzschluss, verstehen Sie?«

Nein, verstand ich nicht.

»Okay. Dann geh auf die andere Seite der Straße, dort kannst du sie über dem Feld fliegen lassen.«

»Ich darf nicht alleine über die Straße gehen. Da könnte mich ein Lastwagen überfahren«, sagte Maxl.

Ich seufzte und beschloss, mit den Eltern ein ernstes Wörtchen zu sprechen. Dann ließ ich mich von Milo hinunter zum Seeweg ziehen.

Milo und ich legten ein eher gemächliches Tempo vor – nach dem turbulenten Vormittag die richtige Geschwindigkeit. Trotzdem begann ich schon bald zu schwitzen. Auch wenn die Nächte schon kühler wurden, war es tagsüber noch richtig heiß, und ich konnte mit kurzer Hose und T-Shirt am Seeweg entlangschlendern. Trotz Mohnschnecken und Kaffee ging mir die Sache mit dem Schwarz immer noch nach, und ich hatte das starke Bedürfnis, meinen Spaziergang auszudehnen und wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Also ging ich nach unserer üblichen Runde mit Milo noch über die Brücke hinüber ans andere Ufer. Auf der Brücke überholte mich der Gröning mit beschwingtem Schritt. Trotz seiner fünfundachtzig Jahre war er schneller unterwegs als Milo und ich. Er grüßte mit einem Lächeln und verriet mir, was er vorhatte: Vogelbeobachtung im Moor.

Ich wünschte ihm viel Erfolg, blieb auf der Brücke stehen und stützte mich mit den Ellbogen auf das Holzgeländer. Milo war nämlich gerade damit beschäftigt, an ein paar auserwählten Baumstämmen zu schnuppern. Ich beobachtete die Fische unter der Brücke. In meiner Hosentasche piepte mein Handy, eine neue WhatsApp-Nachricht meldend. Ich ließ es piepen und genoss die Sonne auf der Haut und den Geruch von Fichtennadeln. Das WhatsApp-Gedingel wollte jedoch einfach nicht aufhören, also zog ich das Gerät schließlich doch aus der Hosentasche. Zehn Nachrichten von meinem Noch-Mann Martin. Was wollte der denn? Vielleicht die Scheidung per Kurznachricht abwickeln?

»Mein Schatz. Ich vermisse dich so sehr.«

Das war eine alte Nachricht. Die hatte er schon am Vortag geschrieben, wahrscheinlich hatte er zu viel Rotwein intus gehabt und seine Neue mit ihm Schluss gemacht.

»Es tut mir so leid, was ich getan habe! Was für ein Schwachsinn, mich mit dieser Frau einzulassen!«

Was hieß hier Frau. Das waren mindestens drei gewesen, denn ich hatte meine Spione in Hamburg. Meine Schwester und meine Freundin Klara hielten mich bestens auf dem Laufenden.

»I

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