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Der Tod eines Geizkragens

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Inhaltsverzeichnis

  • Der Tod eines Geizkragens
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Der Tod eines Geizkragens

Kriminalroman von Walter G. Pfaus


Der Umfang dieses Buchs entspricht 217 Taschenbuchseiten.


Oma Dodel, die Großmutter von Hauptkommissar Hämmerle von der Ulmer Mordkommission, hatte mal wieder den richtigen Riecher: Der meistgehasste Geizkragen von Blaubeuren hatte einen Drohbrief bekommen, in dem jemand seine Ermordung ankündigt, und Oma Dodel bittet ihren Enkel, sich der Sache anzunehmen, weil der Bedrohte, Anton Grashofer, den Brief nicht ernst nimmt. Nur widerstrebend lässt sich Hämmerle überreden, aber als er den Mann am folgenden Morgen aufsuchen will, ist der tot – erschlagen. Es ist nicht leicht für den Kommissar, unter den zahlreichen Feinden des Ermordeten den Richtigen herauszufinden – denn alle scheinen über Grashofers Tod erfreut zu sein ...


1

Der Mann saß auf einem Widderkopf, der auf der Westseite des Ulmer Münsters aus dem dunklen Mauerwerk ragte. Er war etwa fünfunddreißig Jahre alt, hatte ein schmales Gesicht, dünne Lippen, eine spitze Nase und braunes, borstiges Haar. Er trug einen dunkelblauen Trainingsanzug und hellblaue Turnschuhe.

Unter ihm, auf dem Münsterplatz, hatte sich eine riesige Menschenmenge angesammelt. Ein paar Leute hatten sich Ferngläser besorgt, um den Mann in hundert Meter Höhe besser erkennen zu können. Der Mann starrte angestrengt in die Tiefe, als wollte er sich jeden Augenblick hinunterstürzen.

Hauptkommissar Hämmerle von der Ulmer Mordkommission hatte sich langsam vorgearbeitet. Er hatte jetzt bis hinter den Pfeiler, der unmittelbar über dem Widderkopf in die Höhe ragte, erreicht. Der Mann hatte schon fünfmal gedroht zu springen. Aber bis jetzt hatte er es noch nicht gewagt, und Hämmerles Hoffnung, er könnte ihn doch noch davor zurückhalten, stieg.

Vor zwei Minuten hatte ihm sein Mitarbeiter Holzinger zugeflüstert, dass dem Mann die Frau weggelaufen wäre. Jemand aus der Menge unten hatte den Mann erkannt. In wenigen Minuten war die Nachricht bis nach oben gelangt. Jetzt hatte er wenigstens einen Anhaltspunkt. Bisher hatte der Mann auf alle seine Fragen geschwiegen.

Der Kommissar blickte durch die Gitterstäbe zwischen den Pfeilern in das Genick des Mannes. Es begann langsam zu dämmern, aber er konnte ihn noch deutlich sehen. Er war keine zwei Meter von ihm entfernt. Wenn sich der Mann aufrichten würde, könnte Hämmerle ihn durch die Gitterstäbe am Kragen packen.

Aber es wäre der sichere Tod für den Mann, wenn Hämmerle es tun würde. Er könnte ihn nicht mit einer Hand so lange halten, bis Holzinger oder ein anderer über das hohe Stahlgitter geklettert wäre. Bestimmt würde ihm der Mann vorher zu schwer werden, oder der Trainingsanzug würde reißen. Also versuchte er es weiter mit reden.

„Ich nehme an, Sie sind verheiratet“, nutzte Hämmerle die neue Information aus.

Der Mann antwortete ihm nicht. Er sah weiter stur in die Tiefe.

„Sie ist Ihnen weggelaufen, nicht wahr?“, fuhr Hämmerle unbeirrt fort.

Der Mann sagte noch immer nichts.

Ohne den Mann aus den Augen zu lassen, lehnte Hämmerle sich an den Pfeiler. Er nahm den Tabaksbeutel aus der Tasche und begann, sich eine Zigarette zu drehen. Seine Hände zitterten ein wenig.

„Wollen Sie nicht mit mir sprechen?“, fragte Hämmerle.

„Ich will mit niemandem mehr sprechen“, sagte der Mann. „Ich werde mich jetzt fallen lassen, dann hat alles ein Ende.“

„Vielleicht sollten wir uns doch erst noch ein bisschen über die Frauen unterhalten“, sagte Hämmerle. Er befeuchtete die gummierte Seite des Zigarettenblättchens, wickelte sie fertig und zupfte die Tabakreste von den Enden. Dann fuhr er fort: „Frauen sind sicher die seltsamsten, undurchsichtigsten und geheimnisvollsten Wesen auf dieser Welt, und es ist wohl noch keinem Mann gelungen, sie ganz zu durchschauen ...“

„Ich habe sie durchschaut“, sagte der Mann. „Sie sind so falsch wie Schlangen und durch und durch schlecht. Ich will nichts mehr mit einer Frau zu tun haben. Ich will mit niemandem mehr etwas zu tun haben. Ich werde da hinunterspringen und aus ist es. Ich habe in meinem ganzen Leben immer nur Pech gehabt ... Es ist doch sinnlos, so ein Leben fortzusetzen. Ich habe zu viele Nackenschläge bekommen ...“

„Nichts ist sinnlos“, sagte Hämmerle. „Jedes Leben hat einen Sinn. Auch Ihr Leben. Und jede Pechsträhne hat einmal ein Ende.“

„Meine nicht“, sagte der Mann bitter. „Meine Pechsträhne fing schon bei der Geburt an. Ich habe mir nämlich die falsche Mutter ausgesucht. Sie wollte mich nicht haben. Sie hat mich in eine Holzkiste gelegt und vor eine fremde Haustür gestellt. Aber die Leute in dem Haus wollten mich auch nicht haben und gaben mich an die Polizei weiter. Im Alter von zehn Tagen verbrachte ich schon eine ganze Nacht auf der Polizeiwache. Dann kam ich in ein Waisenhaus. Mit sechs Monaten wollte mich ein Ehepaar adoptieren. Aber kurz bevor es so weit war, starb die Frau, und der Mann verlor das Interesse an mir. Später gab es dann noch ein Ehepaar, das mich adoptieren wollte, aber das Paar war dem Jugendamt dann nicht gut genug ... So ging es mein ganzes Leben lang weiter. Ich habe schon fünfmal unverschuldet meinen Arbeitsplatz verloren. Meine erste Frau verschwand über Nacht mit einem Österreicher. Die zweite ist jetzt auch verschwunden, nachdem sie mich ausgeraubt hat. Sie hat sämtliche Sparkonten geleert. Und sie hat meine Briefmarkensammlung mitgenommen. Das einzig wirklich Wertvolle, das ich jemals besaß. Nun habe ich gar nichts mehr. Keine Frau, keine Arbeit und keine Briefmarken. Nichts mehr, wofür es sich lohnt zu leben. Es gibt nicht einmal jemanden, der um mich weint, wenn ich tot da unten liege. Ich bin so überflüssig wie ein Kropf. Niemand wird mich vermissen ... Ich werde jetzt springen.“

„Sie sollten nicht springen, bevor Sie nicht eine Zigarette geraucht haben“, sagte Hämmerle. Er tat sehr gelangweilt. Aber seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Er hatte auf einmal das Gefühl, dass er den Mann doch noch umstimmen konnte. Er musste nur die Gelegenheit haben, eine Weile mit ihm zu reden.

„Sie wollen mich doch nur reinlegen“, sagte der Mann. „Wenn ich nach der Zigarette greife, packen Sie mich und zerren mich rein.“

„Ich denke gar nicht daran“, erklärte Hämmerle. „Ich möchte es Ihnen nur leichter machen. Ein letzter Wunsch, sozusagen.“

„Ich habe keinen Wunsch geäußert.“

„Aber ich sehe es Ihnen an, dass Sie eine Zigarette rauchen wollen. Ich zünde sie jetzt an, lege sie da auf den Mauervorsprung und trete drei Schritte zurück. Wenn Sie die Zigarette haben, trete ich wieder näher.“

Hämmerle zündete die Zigarette an, legte sie auf den Mauervorsprung und trat drei Schritte zurück.

Der Mann sah ihn zum ersten Mal voll an. Ohne den Blick von Hämmerle zu nehmen, tastete er vorsichtig nach der Zigarette und steckte sie sich zwischen die Lippen.

Hämmerle trat wieder ein paar Schritte vor. „Sehen Sie, ich unternehme nichts.“

„Warum sind Sie dann überhaupt hier?“

„Einfach nur, um mit Ihnen zu reden und mit Ihnen eine Zigarette zu rauchen.“

„Und Sie wollen mich nicht daran hindern, zu springen?“, fragte der Mann misstrauisch.

„Hätte ich eine Chance, Sie davon abzuhalten?“

„Nein.“

„Sehen Sie, deshalb versuche ich es erst gleich gar nicht. Ich kann Sie ja doch nicht zurückhalten.“

Wieder sah der Mann Hämmerle misstrauisch an.

„Sie sind ein komischer Polizist“, sagte er nach einer Weile langsam.

„Ja, das sagen meine Kollegen auch immer. Und meine Oma ist der gleichen Meinung.“

„Sie haben eine Oma?“

„Ja. Manchmal ist sie sehr nett. Und dann ist es wieder kaum auszuhalten mit ihr.“

„Sie müssen ein glücklicher Mensch sein.“

„Glücklich? Pah!“ Hämmerle schnippte die Asche seiner Zigarette ab. „Wie kann ein Mann glücklich sein, der mit Leib und Seele Polizist ist und zusehen muss, wie das Verbrechen auf dieser Welt immer mehr überhand nimmt? Glauben Sie mir, manchmal war ich auch nahe daran, hier heraufzusteigen und mich hinunterzustürzen.“

„Warum tun Sie es dann nicht?“

„Weil ich es nicht kann und nicht darf. Ich habe eine Aufgabe zu erfüllen ...“

„Ich habe keine Aufgabe“, sagte der Mann. „Niemand wird mich vermissen.“

„Sie täuschen sich. Jeder Mensch hat eine Aufgabe auf dieser Welt zu erfüllen. Wozu hätte ihm Gott sonst das Leben geschenkt?“

„Hören Sie mir auf mit Gott!“, sagte der Mann erregt. „Ich glaube nicht, dass es einen Gott gibt, denn wenn es ihn geben würde, warum lässt er dann zu, dass einer seiner Geschöpfe ein Leben lang nur herumgestoßen und herumgereicht wird? Warum lässt er zu, dass einer seiner Geschöpfe immer nur vom Pech verfolgt wird und andere sind verschwenderisch mit dem Glück ausgestattet? Warum tut Ihr Gott das? Können Sie mir das sagen?“

Darauf hatte Hämmerle keine Antwort. Aber ihm fiel etwas anderes ein, und er sagte: „ Haben Sie eigentlich eine Lebensversicherung abgeschlossen?“

Der Mann sah ihn erstaunt an. „Ja, das habe ich.“

„Haben Sie immer pünktlich Ihre Beiträge bezahlt?“

„Natürlich.“

„Wie hoch ist die Summe?“

„Vierzigtausend Mark.“

„Na, da wird sich Ihre Frau aber freuen.“

„Meine Frau? Weshalb sollte sie sich freuen?“

„Sie wird das Geld bekommen, wenn Sie tot sind.“

„Sie bekommt keinen Pfennig.“ Der Mann lachte. „Bei Selbstmord zahlt die Versicherung nicht. Keine Versicherung zahlt bei Selbstmord. Und wenn ich hier runterspringe, dann ist das Selbstmord. Oder wie würden Sie das bezeichnen?“

„Sie haben natürlich recht, wenn Sie sagen, dass es Selbstmord ist, wenn Sie hier runterspringen“, erklärte Hämmerle und ging ein paar Zentimeter näher heran. „Aber Sie haben unrecht, wenn Sie glauben, die Versicherung würde bei Selbstmord nicht ausbezahlen. Wie lange läuft die Versicherung schon?“

„Sieben Jahre.“

„Na, sehen Sie. In den Bedingungen der Lebensversicherung steht, dass bei Selbsttötung die volle Versicherungssumme ausbezahlt wird, wenn beim Ableben drei Jahre seit Einlösung des Versicherungsscheines verstrichen sind. Das heißt also, Ihre Frau bekommt vierzigtausend Mark. Wollen Sie, dass Ihre Frau, nachdem sie Sie ausgeraubt hat, auch noch vierzigtausend Mark als Belohnung bekommt?“

Der Mann wandte sich nach vorn und blickte in die Tiefe. Die Menschenmenge füllte inzwischen den gesamten Münsterplatz.

„Ich werde jetzt springen“, sagte der Mann. „Sie wollen mich auf den Arm nehmen. Sie machen sich lustig über mich. Sie lügen mir hier die Hucke voll ...“

„Nichts liegt mir ferner, als mich über eine so ernste Sache wie den Tod, lustig zu machen. Und wir sprechen doch über den Tod. Über Ihren Tod. Was ich Ihnen gesagt habe, ist die Wahrheit, und wenn Sie wollen, beweise ich es Ihnen.“

Hämmerle war bemüht, nicht überhastet zu sprechen und ruhig zu bleiben. Der Mann sollte glauben, es wäre ihm egal ob er sprang oder nicht. Aber in Wirklichkeit war es ihm ganz und gar nicht egal. Die Geschichte, die der Mann vorher erzählt hatte, war Hämmerle sehr nahe gegangen.

„Wie wollen Sie das beweisen?“, fragte der Mann. Er sah jetzt wieder zu Hämmerle herüber.

„Rund um den Münsterplatz gibt es sicher mindestens fünf oder sechs Versicherungsbüros“, sagte Hämmerle. „Ich werde einen meiner Mitarbeiter losschicken, damit er uns die Versicherungsbedingungen bringen kann. Und dann können Sie es schwarz auf weiß lesen.“

„Meine Versicherung liegt da drüben.“ Der Mann zeige zur Hirschstraße hinüber. „Elmar Schiff heißt der Mann. Ich habe alle meine Versicherungen bei ihm abgeschlossen.“

„Soll ich einen Mann hinüberschicken?“

Der Mann überlegte eine Weile.

Hämmerle überkam ein nervöses Kribbeln. Er fühlte, dass der entscheidende Augenblick gekommen war. Wenn der Mann ihm auch so glaubte, hatte er es geschafft.

„Ich glaube Ihnen“, sagte der Mann endlich. „Sie sehen nicht aus wie ein Lügner.“

„Dann kommen Sie jetzt sicher zu mir herüber.“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Aber ich dachte, wir hätten uns geeinigt. Oder wollen Sie das Geld Ihrer Frau nun doch schenken?“

„Nein, das möchte ich nicht.“

„Dann geben Sie mir jetzt Ihre Hand, und ich helfe Ihnen über das Gitter. Ich lasse mir ein Seil geben ...“

„Nein.“

Der Mann drückte sich mit dem Rücken an das dunkle Mauerwerk und starrte in die Tiefe.

„Ich weiß nicht, was ich jetzt noch sagen soll“, sagte Hämmerle. „Höchstens, dass Sie es da draußen nicht mehr lange aushalten werden. Bald werden Ihnen die Knie weich werden, und Sie werden hinunterstürzen, und Ihre Frau bekommt vierzigtausend Mark. Andererseits, wenn Sie sich von mir hereinhelfen lassen, dann halte ich es absolut für möglich, dass Ihre Frau wieder zurückkommt. Möchten Sie, dass sie wieder zurückkommt?“

„Sie wird nicht zurückkommen“, sagte der Mann bitter. „Zu mir kommt keine Frau zurück.“

„Oh, sagen Sie das nicht. Sie sind doch jetzt ein berühmter Mann. Alle Zeitungen werden über Sie schreiben, und sie wird es lesen und vielleicht reuevoll zurückkehren.“

„Glauben Sie wirklich, dass sie zurückkommt, wenn sie liest, dass ich mich wegen ihr ...“

„Ja“, sagte Hämmerle fest. „Ich glaube es.“

„Vielleicht, wenn ich Arbeit hätte ... Sie liebt es, immer schick angezogen zu sein und einen hübschen Wagen zu fahren. Sie ist sehr vom Geld abhängig. Im Gegenteil zu mir ist sie nicht der Meinung, dass Geld den Charakter verdirbt. Sie ist der Meinung, Geld festigt den Charakter, Geld festigt die Liebe, Geld festigt jede Bindung ... Geld regiert die Welt, sagt sie immer. Wer Geld hat ist was. Ich habe keine Arbeit und ergo auch kein Geld. Somit bin ich nichts, und sie hat mich verlassen...“

„Was sind Sie denn von Beruf?“, fragte Hämmerle.

„Ich bin Möbeltischler. Aber heutzutage kauft niemand mehr handgefertigte Möbel, weil sie zu teuer sind. Ich habe auch schon als Hilfsarbeiter auf dem Bau gearbeitet, und ich war Ausfahrer für eine Bäckerei. Aber entweder hat die Firma pleite gemacht, oder die Aufträge sind zurückgegangen und sie mussten Leute entlassen. Ich war immer der erste, der gehen musste. Aber bei meinem Pech ...“

„Sie sollten sich selbstständig machen“, schlug Hämmerle vor. „Sie sind jetzt ein sehr bekannter Mann. Alle Zeitungen werden über Sie schreiben, und wenn Sie denen sagen, dass Sie sich als Möbeltischler selbstständig machen wollen, werden Sie sich vor Aufträgen kaum retten können.“

„Das sagen Sie doch nur so daher ...“

„Ganz und gar nicht. Wenn Sie jeden Tag die Zeitung gelesen haben, dann wissen Sie, dass ich die Wahrheit gesagt habe. Es wird Aufträge regnen, und wenn Sie ein guter Möbeltischler sind, werden Sie bald sehr reich sein.“

Der Mann draußen auf dem Widderkopf begann plötzlich zu schwanken.

„Was ist los?“, fragte Hämmerle.

„Mir ist plötzlich schlecht“, stöhnte der Mann. „Ich glaube, ich habe Angst ... Ich möchte nicht mehr springen. Aber ich glaube, ich kann mich nicht mehr halten ...“

„Halten Sie noch ein paar Sekunden aus!“, schrie Hämmerle. Er sah, wie Holzinger, der alles mitgehört hatte, wie eine Katze über das Gitter kletterte. „Geben Sie mir Ihre Hand“, sagte Hämmerle. „Kommen Sie, geben Sie mir Ihre Hand.“

Zögernd hob der Mann die Hand. Sein Blick war nach unten gerichtet.

Und dann war Holzinger draußen. Er sicherte sich mit einem Karabinerhaken am Gitter, beugte sich zur Seite und packte die Hand des Mannes. Hämmerle kletterte ebenfalls auf das Gitter, und gemeinsam zogen sie ihn hoch. Dann waren plötzlich noch mehr helfende Hände da, und als der Mann drinnen war, klatschte die Menge unten Beifall.



2

Eine halbe Stunde später saßen sie im Wagen. Hämmerle blickte auf die Uhr. „Es ist ja schon nach neun Uhr. Ich glaube ich werde zu Fuß nach Hause gehen und mich ins Bett legen.“

Er öffnete die Tür, zog sie aber gleich wieder zu.

„Sag mal, wie heißt der Mann eigentlich?“, fragte er Holzinger. „Ich habe ihn nicht einmal nach dem Namen gefragt. Weißt du wie er heißt?“

„Er heißt Gähringer. Max Gähringer.“

„Komisch, dass ich ihn nicht nach seinem Namen fragte“, sagte Hämmerle nachdenklich.

„Du hast ihn eine Menge andere Dinge gefragt und du hast ihm eine ganze Menge Dinge gesagt. Sag bloß, du hast all das Zeug geglaubt, was du da gesagt hast?“

„Was habe ich denn gesagt?“, fragte Hämmerle verwundert. „Was soll man denn nicht glauben können?“

„Na, das mit den Aufträgen und dass seine Frau zurückkommen würde und so.“

„Es könnte doch sein, dass seine Frau zurückkommt. Wenn sie liest, dass er sich ihretwegen hatte umbringen wollen, könnte es doch sein, dass sie reumütig zurückkommt. Und es ist auch nicht ausgeschlossen, dass er eine Menge Aufträge bekommt, wenn in der Presse steht, dass er sich als Möbeltischler selbstständig machen will. Es wäre nicht das erste Mal, dass Leute sich irgendwelche Gags ausdachten, um ins Gespräch zu kommen.“

„Wenn ich es mir recht überlege, könntest du sogar Recht haben.“ Holzinger lachte. „Wenn ich mir vorstelle, wer alles berühmt wurde durch Fernsehsendungen wie ‚Deutschland sucht den Superstar’ und ‚Big Brother Shows’, dann ist eigentlich doch alles möglich.“

„Na, wer sagt’s denn?“, grinste Hämmerle. „Ich wusste doch, dass ich einen intelligente Mitarbeiter habe.“

„Glaubst du, er hat bloß deswegen eine Schau abgezogen?“, fragte Holzinger.

„Nein, der wollte wirklich springen. Aber ich habe ihn dazu überredet, es nicht zu tun.“

„Dafür müsstest du eigentlich von der Lebensversicherung eine Prämie bekommen“, grinste Holzinger. „Du hast denen immerhin vierzigtausend Mark gerettet.“

„Nein, ich habe ein Menschenleben gerettet, und das ist mehr wert.“ Er öffnete die Wagentür und stieg aus. “Und mach heute Nacht nicht wieder sämtliche Discos unsicher. Benimm dich endlich mal wie ein seriöser Kriminalbeamter.“

„Wie benimmt sich ein seriöser Kriminalbeamter?“, erkundigte sich Holzinger grinsend. „Geht der brav nach Hause, setzt sich neben seine Verlobte und hält Händchen?“

Hämmerle hob die Hand. „Ich hau dir gleich ...“

„Tu’s nicht!“, warnte Holzinger und grinste noch breiter. „Du weißt doch, dass du das Echo nicht verträgst.“

Hämmerle brummte etwas vor sich hin, das sich wie „Arsch“ anhörte. Dann warf er die Tür ins Schloss und marschierte los.




Jacqueline saß auf dem Sofa und sah ihm lächelnd entgegen. Auf dem Tisch stand eine Flasche Rotwein. Sie war schon entkorkt, und daneben standen zwei Gläser.

„He!“, sagte Hämmerle und küsste Jacqueline auf den Mund. „Was feiern wir denn heute?“

„Wir feiern den Lebensretter“, lächelte Jacqueline.

„Oh Scheiße“, seufzte Hämmerle und ließ sich auf das Sofa sinken. „Woher weißt du das schon wieder?“

„Ich habe unten in der Menge gestanden und mitgeklatscht, als du ihn hineingezogen hast.“

Aus Jacquelines Stimme klang unüberhörbarer Stolz mit.

„Erstens habe ich ihn nicht alleine gezogen, sondern Holzinger hat mitgeholfen“, klärte Hämmerle sie auf. „Und zweitens war es gar nicht so schwer, ihn dazu zu überreden, nicht zu springen.“

„Auf jeden Fall war es eine große Tat, und das muss gefeiert werden“, sagte Jacqueline.

Hämmerle sah sie von der Seite an. „Ich habe das Gefühl, du findest in letzter Zeit immer öfter einen Anlass zum Feiern. Hat das einen bestimmten Grund?“

„Ja.“ Jacqueline lachte verschmitzt. „Ich bin süchtig.“

„Süchtig nach was? Nach Rotwein?“

„Nein, auf das was hinterher kommt, wenn ich beschwipst bin.“

„Das ist ein legitimer Grund“, grinste Hämmerle und griff zur Flasche. Aber er kam nicht zum Einschenken, denn in diesem Augenblick klingelte das Telefon.

Hämmerle setzte die Flasche ab und schob Jacqueline zum Telefon. „Geh du ran. Wenn es jemand vom Neuen Bau ist, sagst du, ich wäre noch nicht zu Hause. Ich bin nämlich auch süchtig, weißt du.“

Jacqueline sprang lachend auf, ging zum Telefon und hob ab.

„Hier bei Hämmerle“, meldete sie sich. Und dann bedeckte sie die Sprechmuschel mit der Hand. „Es ist Oma Dodel“, flüsterte sie.

„Na schön“, seufzte Hämmerle. „Mit Oma werde ich ja wohl sprechen müssen.“

„Hallo, Oma! Wenn du anrufscht, um mir zu gratuliera, dann kann ich dir glei saga, dass du dir des spara kannsch.“ Es kam selten vor, dass Hämmerle ins Schwäbische verfiel und wenn, dann war Oma Dodel daran Schuld. „I hab nämlich nix ...“

„Gratulieren?“, fragte Oma Dodel verwundert. „Weshalb sollte ich dir gratulieren? Du hast doch nicht Geburtstag, und die Verlobung war auch schon ... Sag bloß, ihr wollt heiraten! Also Junge, eine größere Freude ...“

„Noi, Oma“, unterbrach Hämmerle sie grinsend. „Mir wellet no it heirata. I steh no immer auf dem Prüfstand. Und es isch au no it abzusehen, wann die Prüfung beendet sei wird.“

Jacqueline boxte Hämmerle kräftig in die Rippen.

„Ooooch, Junge, jetzt hast du mich völlig durcheinander gebracht“, beklagte sich Oma Dodel. „Du weißt, wenn es um dein Glück geht, vergesse ich alles andere. Und nun hätte ich fast vergessen, weshalb ich eigentlich bei dir angerufen habe.“

„Also, Oma, weshalb rufsch du an?“ Hämmerle lehnte sich zurück, klemmte sich den Hörer zwischen Schulter und Ohr und begann sich umständlich eine Zigarette zu drehen. Er wusste genau: Gespräche mit seiner geliebten Oma Dodel dauerten seine Zeit.

„Du musst sofort nach Blaubeuren fahren“, platzte Oma Dodel heraus. „Der Grashofer soll umgebracht werden. Er hat einen Drohbrief bekommen. Jemand kündigt in dem Brief seine Ermordung an.“

„Wer ist der Grashofer?“ Hämmerle hält die Sprechmuschel zu und sagt zu Jacqueline leise: „Sie hat wieder mal einen neuen Fall.“

Jacqueline hatte inzwischen eingeschenkt. Sie hob ihr Glas und grinste. „Prost.“

„Den kennt doch jeder“, klang es aus dem Hörer.

„I kenn den it“, sagte Hämmerle geduldig und befeuchtete die Gummierung des Zigarettenblättchens mit der Zungenspitze.

„Das ist der größte Geizhals weit und breit, und in Blaubeuren nennen ihn die Leute Entenklemmer. Das ist, glaube ich, die schwäbische Bezeichnung für einen Geizhals.“

„Richtig, Oma. Wer die sprichwörtliche Sparsamkeit der Schwaben auf die Spitze treibt, den nennt man im Volksmund en Entaglemmr. Und so einen gibt es also in Blaubeuren?“

„Ja. Er heißt Anton Grashofer, und er hat einen Drohbrief bekommen, in dem jemand seinen Tod ankündigt.“

„Wann hat er den Brief bekommen?“

„Er lag heute Morgen im Briefkasten.“

„Und wann hast du davon erfahren?“

„Vor fünf Minuten.“

„War der Mann, dieser Grashofer, war er bei der Polizei?“

„Das ist es ja, er ist nicht zur Polizei gegangen“, sagte Oma Dodel aufgeregt. „Er hat den Drohbrief – entschuldige bitte den Ausdruck – einen Scheiß genannt. Dann ist er aufs Klo gegangen und hat sich mit dem Brief den Hintern abgewischt.“

Hämmerle lachte. „Das ist zweifellos auch eine Art, mit Drohbriefen umzugehen. Er hat den Brief also nicht sehr ernst genommen.“

„Nein. Aber seine Frau nimmt ihn ernst. Sie ist der Meinung, das wäre absolut kein Spaß, und sie hat ihren Mann beschworen, zur Polizei zu gehen. Aber ihr Mann hat sie nur eine dumme Kuh genannt, hat den Brief ins Klo runtergespült und wollte nicht mehr darüber sprechen.“

„Und dann hat die Frau Grashofer dich angerufen“, erkundigte sich Hämmerle, während Jacqueline ihm Feuer reichte.

„Nein, nicht direkt mich. Sie hat meine Freundin Immi angerufen. Sie kennst du ja. Ich habe sie dir ja schon vorgestellt. Und die Immi hat eine Freundin in Blaubeuren, und die wiederum ist mit der Schwester von Frau Grashofer befreundet, und die Schwester ...“

„Hör auf, Oma“ stöhnte Hämmerle verzweifelt. „Bitte, hör auf. Verschone mich mit deinen verzwickten und verwirrenden Informationsquellen. Ich werde es ohnehin nicht begreifen. Was ich wissen möchte ist nur: Hast du mit der Frau Grashofer direkt gesprochen oder nicht?“

„Natürlich habe ich selbst mit Frau Grashofer gesprochen“, sagte Oma Dodel fast beleidigt. „Was denkst du denn von mir? Ich werde dich doch nicht mit Sachen belästigen, die ich nicht aus erster Hand habe.“

„Ich habe dich das auch nur gefragt, weil du sagtest, sie hätte deine Freundin Immi angerufen ...“

„Hat sie ja auch“, unterbrach ihn Oma Dodel hastig. „Aber die Immi hat mich sofort an ihr Telefon geholt, und ich konnte mit Frau Grashofer persönlich sprechen.“

„Okay, Oma, das wollte ich nur wissen. Also, was hat in dem Drohbrief gestanden?“

„Das wusste Frau Grashofer nicht mehr ganz genau. Zumindest nicht mehr wörtlich. Aber sinngemäß lautete der Brief ungefähr so: Das Maß Deiner Schandtaten ist nun endgültig voll. Nachdem der himmlische Richter offensichtlich die Macht über Dich verloren hat, und der Satan Dich noch nicht zu sich holen will, habe ich mich zum irdischen Richter erkoren. Auf dieser Welt ist kein Platz mehr für Dich. Ich werde Dich zum Teufel schicken, wo Du hingehörst. Ich lasse nicht mehr länger zu, dass du die Menschen mit Deinem krankhaften Geiz, Deiner Habgier und Deiner Boshaftigkeit quälst. Mach Dein Testament. Du bist schon so gut wie tot.“

„Und das hat alles in dem Brief gestanden?“

„Ja. Und noch ein paar Dinge mehr. Sie wusste es nur nicht mehr so genau, weil ihr Mann den Brief ja gleich ins Klo geworfen hat.“

„Und was kann ich da jetzt tun?“, fragte Hämmerle. „Der Mann möchte offensichtlich keine Polizei hinzuziehen, sonst hätte er es schon getan.“

„Du könntest mit der Frau sprechen.“

„Aber Oma, das hat doch nicht viel Sinn. Sie hat ja nicht einmal den Brief.“

„Aber sie ist völlig durcheinander, und du solltest wenigstens mit ihr sprechen. Vielleicht kannst du dann auch ihren Mann überzeugen, dass er Anzeige erstattet.“

„Na schön“, gab Hämmerle nach. „Das könnte ich ja versuchen, obwohl es nicht meine Aufgabe ist. Dazu sind die Kollegen in Blaubeuren zuständig.“

„Das verstehe ich nicht“, sagte Oma Dodel laut. „Hier geht es doch um Mord, und für Mord bist du zuständig.“

„Noch ist niemand ermordet worden“, sagte Hämmerle.

„Aber du könntest vielleicht einen Mord verhindern.“

„Soll ich etwa die ganze Nacht vor seinem Haus Wache schieben?“

„Natürlich nicht du. Dazu hast du doch deine Leute.“

„Was glaubst du, was Trautwein mit mir macht, wenn ich zur Bewachung dieses Mannes einen meiner Leute abstelle, und dann tut sich gar nichts?“

„Dieser Trautwein hat doch von Tuten und Blasen keine Ahnung.“ Oma Dodel war wieder bei ihrem zweitliebsten Thema. Ihr Lieblingsthema war die Hochzeit ihres Enkels. „Der ist doch nur Kriminalrat geworden, weil er einen guten Kommissar hat, der sehr erfolgreich ist in seinem Beruf. Wenn du Erfolg hast, dann sonnt er sich darin und tut, als wäre es sein Erfolg. Geht mal etwas schief, dann will er nichts damit zu tun haben, und du musst es alleine ausbaden. Weißt du was, ich werde diesem eingebildeten Kerl mal meine Meinung geigen ...“

„Du wirst gar nichts tun“, unterbrach sie Hämmerle. „Du wirst jetzt den Hörer auflegen und bald zu Bett gehen. Und morgen früh fahre ich zu diesem Grashofer hinaus und werde sehen, was ich machen kann.“

„Morgen früh ist es vielleicht zu spät“, sagte Oma Dodel. „Morgen früh ist er vielleicht schon tot, und du wirst dir Vorwürfe machen, weil du nicht schon heute zu ihm gefahren bist.“

„Ich glaube, Oma, du siehst einfach zu schwarz.“ Hämmerle zwinkerte Jacqueline zu. „Was glaubst du, wie viele Menschen schon solche Drohbriefe bekommen haben, und sie leben heute noch.“

„Du solltest das nicht auf die leichte Schulter nehmen“, tadelte Oma Dodel. „Ich habe das Gefühl, das war sehr ernst gemeint.“

„Wie kannst du das Gefühl haben, dass das ernst gemeint war, wo du doch die Leute gar nicht kennst und auch den Brief nicht gelesen hast?“

„Ich habe mit der Frau gesprochen, und die hat den Brief verdammt ernst genommen. Sie hat mir weinend gestanden, dass ihr Mann in der ganzen Stadt keinen einzigen Freund hat. Er hat sich in seinem langen Leben nur Feinde gemacht. Und von Jahr zu Jahr ist er ekelhafter geworden.“

„Oma, du kannst mir glauben, ich nehme die Sache nicht auf die leichte Schulter. Ich werde gleich morgen früh nach Blaubeuren fahren.“

„Na schön“, seufzte Oma Dodel. „Ich habe zwar der Frau Grashofer gesagt, du würdest heute noch vorbeikommen, aber ich hoffe, dass es morgen auch noch reicht.“

„Es reicht morgen sicher auch noch“, sagte Hämmerle.

„Gut, ich rufe sie an und sage ihr, sie soll heute Nacht Fenster und Türen gut verschließen.“

„Tu’ das, Oma. Und morgen früh fahre ich gleich als Erstes nach Blaubeuren. Gute Nacht, Oma.“

Hämmerle legte auf.

„Oma Dodels Fälle“, sagte er. „Sie kann es einfach nicht lassen.“

„Hat sie wieder einen Mordfall für dich?“, frage Jacqueline lächelnd.

„Nein, eine Morddrohung.“ Hämmerle berichtete ihr kurz um was es ging.

„Glaubst du, es ist eine erst gemeinte Drohung?“, fragte Jacqueline.

„So etwas ist immer ernst zu nehmen“, sagte Hämmerle. „Der Mann hätte mit dem Brief sofort zur Polizei gehen sollen. Stattdessen putzt er sich damit den Hintern. Damit hat er zwar demonstriert, was er von dem Brief hält. Aber er hat uns auch die einzige Möglichkeit genommen, dem Briefschreiber auf die Spur zu kommen. Eigentlich dürfte ich da gar nicht rausfahren, wenn es gar keinen Erpresserbrief mehr gibt.“

„Du wirst ihm schon auf die Spur kommen“, sagte Jacqueline zuversichtlich.

„Wenn mich der Mann nicht rauswirft“, sagte Hämmerle. „Das ist auch noch möglich.“

Er hob sein Glas und sagte: „Prost. Auf unsere Sucht. Jetzt darf ich auch mittrinken.“

Jacqueline lachte, hob ihr Glas ebenfalls und stieß mit ihm an. „Ex“, sagte sie.

Sie tranken beide in einem Zug aus.



3

Hämmerle war am nächsten Morgen um Viertel nach acht Uhr vor Grashofers Haus in Blaubeuren. Vor der Garage, die seitlich an das kleine Haus angebaut war, stand ein Polizeiwagen. Unter der offenen Haustür stand ein uniformierter Polizeibeamter und sah ihm entgegen.

Das sagte Hämmerle genug. Noch bevor er es gesehen hatte, war ihm klar, dass der Mann tot war. Er war zu spät gekommen.

Hatte er sich etwas vorzuwerfen?

Er hielt sich nicht lange mit Selbstvorwürfen auf. Er stieg aus und ging auf das Haus zu.

Der Beamte kam die vier Treppenstufen herunter.

„Verschwinden Sie!“, sagte er laut und unterstrich seine Worte mit heftigen Handbewegungen. „Hier gibt es nichts zu gaffen.“

Hämmerle sagte nichts. Er ging weiter auf ihn zu.

„Haben Sie nicht gehört? Sie sollen verschwinden.“

Der Hauptkommissar war jetzt nahe genug. Er zeigte dem uniformierten Kollegen seine Marke.

„Aber wir ... wir haben doch gerade ... wir haben gerade erst angerufen“, stotterte der junge Beamte. „Vor drei Minuten haben wir angerufen. Selbst wenn Sie geflogen wären, könnten Sie noch nicht hier sein.“

„Sie sehen doch, dass ich hier bin“, sagte Hämmerle ruhig. Er deutete mit dem Kopf zum Haus. „Ist er tot?“

„Ja. Mausetot. Jemand hat ihm den Schädel eingeschlagen.“

„Wurde ein Arzt benachrichtigt?“

„Er muss jeden Augenblick hier sein. Wir haben den Hausarzt des al... des Toten angerufen.“

„Gut“, sagte Hämmerle. „Haben Sie auch gleich die Spurensicherung angefordert?“

„Selbstverständlich.“

„Schön. Stellen Sie sich wieder an die Tür und lassen Sie außer dem Arzt und meinen Kollegen niemanden ohne meine Genehmigung herein.“

„Jawohl, Herr Hauptkommissar.“

Hämmerle ging ins Haus. Durch eine kleine Diele gelangte er ins Wohnzimmer.

Der erste Blick des Kommissars galt wie immer dem Opfer. Er betrachtete den Toten aus kurzer Entfernung, prägte sich jede Einzelheit ein. In den fünfzehn Jahren, die er nun schon in der Mordkommission tätig war, hatte er sich ein fast fotografisches Gedächtnis antrainiert.

Der Tote lag mitten im Wohnzimmer auf dem Boden. Er lag auf dem Rücken. Aus seinem weit geöffneten Mund wuchsen Geldscheine, und seine Augen waren mit Zwei-Mark-Stücken bedeckt. Seine Arme waren waagrecht vom Körper abgewinkelt, und seine rechte Hand war zur Faust geballt. Auf seiner linken Brustseite lag ein großer, schwarzer Stein. Unter seinem Kopf hatte sich auf dem hellen Teppichboden ein dunkler Fleck gebildet.

„Die Frau hat uns vor einer Viertelstunde angerufen“, sagte ein großer, schlanker Polizeibeamter der neben ihn getreten war. „Sie ist erst um acht Uhr aufgestanden und fand ihn hier auf dem Boden.“

„Hallo, Kümmerle?“, sagte Hämmerle, ohne ihn anzusehen. Sein Blick blieb auf den Toten geheftet. Er konnte sich nicht erinnern, jemals so etwas gesehen zu haben.

„Hallo, Hämmerle. Könntest du mir eine Frage beantworten?“

„Eigentlich bin ich gekommen, um selbst Fragen zu stellen. Aber bitte, erst du.“

„Ich habe praktisch gerade erst den Hörer aufgelegt. Wie ist es möglich, dass du schon hier bist? Hat die Frau vielleicht erst bei euch angerufen?“

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