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Der Tod des Schmetterlings

MATT DICKINSON

Der Tod des
Schmetterlings

Aus dem Englischen
von Alan C. Lyne

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BASTEI ENTERTAINMENT

Für meinen Sohn Greg

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1

21. Stock im Rohbau eines Bürogebäudes,
Sydney, Australien

Der Schmetterling war ein australischer Distelfalter, ein einsamer Überlebender eines wandernden Stammes. Erschöpft und am Ende seiner Kräfte durchlebte er das letzte Kapitel eines ereignisreichen und erschreckend kurzen Lebens. Die Flügel kündeten von Tausenden von Meilen einer anstrengenden Reise, die Ränder waren zerzaust und ausgefranst.

Ein paar Monate zuvor, während der ersten begeisterten Flüge seines jungen Lebens, hatte dieses Geschöpf zwischen den Fuchsschwanz-Palmen und den tausend Jahre alten Kauri-Bäumen der Wälder von Queensland getanzt, hatte vom Nektar der Illawarra-Flame-Blüten gekostet und sich an Orchideen satt gegessen, die die Färbung von Sahnebonbons und die Größe einer Faust hatten.

Jetzt war er entkräftet und allein, gefangen im einundzwanzigsten Stock des Rohbaus eines Bürogebäudes, hoch über Sydney, in einer staubigen Todesfalle ohne Flüssigkeit oder Pflanzen.

Es war erst kurz nach sieben Uhr morgens am 31. Dezember. Der letzte Tag des Jahres. Der australische Distelfalter schüttelte sich Mörtelstaub aus den zerfetzten Flügeln und warf sich immer wieder gegen die Glasscheibe, voller Verlangen nach Freiheit und Licht.

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2

Geschäftsbezirk in der Innenstadt,
Sydney, Australien

Einundzwanzig Stockwerke tiefer, auf dem Bürgersteig vor demselben Bürogebäude, richtete sich die siebzehnjährige Hannah einen Platz für den Tag her.

Alles, was sie bei sich hatte, war eine kleine Blechdose, die mit den Worten Ich habe Hunger. Bitte helfen Sie beschriftet war, ein verdreckter Schlafsack …

… und ein übermütiges Wollknäuel von einem Mischlingshund, der mit einem schmutzigen Stück Seil angeleint war.

Er hieß Fleabilly, ein schielender Kämpfer bis in die wilde Tiefe seines Herzens. Er war ein Hund im Taschenformat, ein Terriermischling, vermuteten die meisten Leute, aber er schlug sich weit oberhalb seiner Gewichtsklasse, wann immer er in einen Kampf verwickelt wurde. Hannah hatte schon ein paarmal erlebt, dass er es mit einem Rottweiler aufnahm, wenn ihm danach zumute war. Sie liebte Fleabillys streitlustiges Wesen und seinen merkwürdigen schielenden Blick. Sie wusste, dass er sie, wenn nötig bis zum bitteren Ende, verteidigen würde und dass sie dasselbe für ihn tun würde.

Ein Sozialarbeiter hatte Hannah einmal dazu aufgefordert, einen einzigen Satz aufzuschreiben, mit dem sich ihre Sicht der Welt zusammenfassen ließ. Hannah kaute eine Zeit lang auf dem Bleistift herum, ehe sie schrieb:

»Je mehr ich von den Menschen sehe, desto mehr liebe ich meinen Hund.«

Hannah und Fleabilly lebten bereits seit einigen Wochen als Obdachlose in den Parks von Sydney – lange genug, um zu lernen, dass ein solches Leben voller Gefahren für ein siebzehnjähriges Mädchen steckte. Nach Hause konnte sie nicht zurück. Allein der Gedanke, zu ihrem betrunkenen Tyrannen von Vater zurückzukehren, war zu viel, um ihn auch nur in Erwägung zu ziehen. Ihre Mutter war längst über alle Berge und hatte jeden Kontakt abgebrochen, und sogar ihr geliebter Bruder Todd war geflüchtet und reiste durch die Welt.

Hannah stellte die Blechdose vor sich auf den Bürgersteig. Fleabilly brauchte unbedingt etwas zum Frühstück.

3

Geschäftsbezirk in der Innenstadt,
Sydney, Australien

Der Sicherheitsbeamte hieß Markos Dean, doch seine Freunde nannten ihn Marko. Er war zweiundzwanzig Jahre alt und überbrückte mit seinem Gelegenheitsjob die Zeit, bis sich etwas Besseres fand.

Darauf, dass sich etwas Besseres fand, wartete er, seitdem er mit fünfzehn die Schule geschmissen hatte.

Marko wog um die fünfundneunzig Kilo und hielt sich gut in Form. Er arbeitete hier und da als Türsteher in den wilderen Nachtclubs von Sydney und sprang gelegentlich ein paar Stunden pro Woche als Rettungsschwimmer ein, wenn an den Stränden viel Betrieb war.

Heute hatte er die Morgenschicht. Von sechs Uhr früh bis zwei Uhr nachmittags war diese halb fertige Konstruktion von einem Gebäude Markos Revier, ein aufragender, vorgefertigter Monolith aus Stahlstreben und polierten Aluminiumscheiben.

Das Gebäude hätte bereits vor Monaten fertig sein sollen, aber dann war aus heiterem Himmel die globale Finanzkrise hereingebrochen, und die Bauarbeiten waren zum Stillstand gekommen. Geld, das zuvor wie Wasser hereingeströmt war, war plötzlich auf mysteriöse Weise nicht mehr verfügbar. Die Zuflüsse waren verstopft. Das System erstarrte. Die neue finanzielle Eiszeit war angebrochen, und niemand dachte daran, in glanzvolle neue Paläste in Sydney einzuziehen, egal wie imposant der Blick auf die Hafenbrücke auch sein mochte.

Die Bauarbeiter legten ihr Werkzeug nieder.

Und Marko begann mit seinen Schichten.

Er nahm den Fahrstuhl hinauf in den obersten Stock, den fünfundzwanzigsten, wo er seine stündliche Inspektionstour beginnen würde.

4

Geschäftsbezirk in der Innenstadt,
Sydney, Australien

Für Hannah begann der Tag erfreulich: Kaum hatte sie ihre Betteldose aufgestellt, da warf ein guter Samariter zwei Münzen hinein. »Danke, Kumpel«, rief Hannah ihm hinterher. »Und ein frohes neues Jahr!«

Sie sah die Straße hinunter und hielt Ausschau nach Polizisten. Und – was noch schlimmer wäre – nach ihrem Vater.

War er auf der Suche nach ihr? Das war ihr größter Albtraum.

Die Nacht vor Weihnachten war die schlimmste von allen gewesen. Zusammengerollt und an Fleabilly geschmiegt, hatte sie unten am Fluss auf dem Rücksitz eines ausgebrannten Autos gelegen.

Blasse Erinnerungen an die Tage, als ihre Familie – in gewisser Weise – noch funktioniert hatte, schwirrten ihr durch den Kopf. Die Tage, ehe ihre Mutter den Zusammenbruch erlitten hatte. Die Tage, ehe ihr Vater sich durch den Alkohol in ein Monster verwandelt hatte, seinen Job verloren und in die schwärzeste Tiefe einer Depression gestürzt war. Dann wurde er für drei Monate in die Besserungsanstalt von Long Bay gesteckt, für einen Kampf, der Hannah ein blaues Auge und einen abgebrochenen Zahn eingebracht hatte.

Hannah hatte versucht, ihre Mutter zu verteidigen. Ihr Vater schwor, dass er ihr das niemals vergeben würde.

Das Jugendamt hatte sich mit ihrem Fall befasst und sie für ein paar Tage in einem Obdachlosenheim einquartiert. Aber viele der anderen Bewohner hatten Drogenprobleme, und als Hannahs Zimmergenossin ihr Heroin anbot, floh sie hinaus auf die Straße.

Alles war besser als das.

Zwei weitere Münzen landeten in der Dose. »Noch zwei Dollar«, sagte sie zu Fleabilly. »Dann teilen wir uns ein Schinkensandwich.«

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5

Geschäftsbezirk in der Innenstadt,
Sydney, Australien

Marko fischte sein Handy aus der Tasche und tippte die Nummer seiner Freundin Denise ein, um sich die Langeweile während der Wachpatrouille zu vertreiben.

»Hi, Den. Guten Morgen. Wie geht’s dir?«

Das Gespräch war nur ein belangloser Schwatz am frühen Morgen, bis Marko den einundzwanzigsten Stock erreichte und sich flüchtig in den leeren Räumen umsah. Plötzlich sprang ihm eine flatternde Bewegung ins Auge. Marko ging hinüber, um sich die Sache genauer anzusehen. Einen Moment lang glaubte er, es wäre ein kleiner Vogel, doch als er näher kam, wurde ihm klar, dass er einen zerzaust wirkenden Schmetterling vor sich hatte, der wie ein Verrückter gegen eine Fensterscheibe flog.

»Ungeziefer gesichtet«, sagte er zu Denise. »Das ist so ungefähr das Aufregendste, was hier passiert, Schätzchen.«

Es war keine richtige Phobie, aber wenn es etwas gab, das Marko mehr als alles andere hasste, dann waren es Schmetterlinge und Motten. Etwas an ihren dicken, haarigen Körpern brachte ihn einfach zum Schaudern.

»Ich ruf dich später wieder an«, sagte Marko und legte auf.

Er zog sich einen seiner Lederhandschuhe an und trat an das Fenster. Mit der flachen Hand schlug er fest gegen die Glasscheibe, in dem Versuch, den Schmetterling zu treffen. Aber das Ding war schnell, und er verfehlte es um ein paar Zentimeter.

Stattdessen hatte der Aufprall die wohl überraschendste Wirkung: Die Glasscheibe sprang aus dem Rahmen und fiel aus dem Gebäude geradewegs in die Tiefe. Erschrocken beugte Marko sich vor und sah voller Entsetzen zu, wie die riesige Glasscheibe hinunter auf die Straße stürzte.

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6

Auf dem offenen Meer,
nahe Sydney, Australien

Bei dem Kreuzfahrtschiff handelte es sich um die MS Cayman Glory, die 45 000 Tonnen wog und mit einer Geschwindigkeit von achtzehn Knoten gerade auf den Hafen von Sydney zusteuerte. Sie gehörte zu einer neuen Generation von Super-Luxus-Schiffen, war exakt nach den Standards eines Fünfsternehotels ausgestattet und bediente eine internationale Klientel, die den Luxus liebte und sich nicht scheute, dafür zu bezahlen.

Der Kapitän hieß Stian Olberg, ein stämmig gebauter, sechsundfünfzigjähriger Norweger, der sein fünfundzwanzigstes Jahr auf See feierte.

»Geschwindigkeit reduzieren. Acht Knoten«, befahl Olberg seinem ersten Offizier. Er nickte dem Funker zu. »Hafenaufsicht informieren.«

Der Funker stellte seinen VHF-Transmitter auf den Kanal 13 ein. »Hafenaufsicht. Hier spricht MS Cayman Glory, befinden uns fünf Meilen südöstlich der Anlegestelle. Erwartete Ankunftszeit in zwanzig Minuten.«

Kapitän Olberg spürte, wie das Deck unter seinen Füßen leicht vibrierte, als die MS Cayman Glory ihr Tempo reduzierte. Er nahm einen Schluck von seinem schwarzen Kaffee und setzte sich die Sonnenbrille auf.

Es war ein schöner Tag für eine Kreuzfahrt.

7

Geschäftsbezirk in der Innenstadt,
Sydney, Australien

Wieder klimperte eine Münze in Hannahs Betteldose. Die Leute waren heute besonders großzügig, bemerkte sie. Das musste an der Feiertagsstimmung liegen.

Hannah konnte ihr Spiegelbild im Fenster des Bürogebäudes erkennen, aber der Anblick war so erschreckend, dass sie sich schnell wieder wegdrehte. Sie sah entsetzlich aus. Ihre Dreadlocks, auf die sie einst so stolz gewesen war, waren plattgedrückt und dreckig.

»Bilde ich mir das nur ein«, fragte sie Fleabilly, »oder braucht einer von uns dringend ein Bad?«

Zur Antwort schnüffelte er an ihrer Hand.

Hannah wusste, dass sie nicht ewig fliehen konnte. Auf der Straße zu leben war furchtbar. In der Nacht wurde sie von Betrunkenen belästigt, und tagsüber musste sie den Polizisten ausweichen, die ihr ständig auf den Fersen waren.

Sie hatte eine Tante in Brisbane, die sie gernhatte. Eine der wenigen Verwandten, die immer Liebe und Unterstützung für sie übriggehabt hatten. Hannah hatte das Gefühl, dass sie bei ihr ein neues Zuhause finden könnte, aber wie sollte sie ohne Geld dorthin kommen? Sie wusste nicht einmal, wie weit es bis nach Brisbane war. Ein paar hundert Meilen? Tausend?

Es war hoffnungslos.

»Zeit fürs Frühstück«, sagte sie zu Fleabilly.

Eine Sekunde später sah sie, wie etwas Blitzendes durch die Luft flog.

8

Geschäftsbezirk in der Innenstadt,
Sydney, Australien

Die Glasscheibe traf das Dach eines Lastwagens, der auf der darunterliegenden Straße vorüberfuhr. Die Geschwindigkeit der Fensterscheibe betrug etwa hundertvierzig Stundenkilometer. Im Flug drehte sie sich und befand sich parallel zum Boden, als sie auf die Stützen des verstärkten Stahlrahmens krachte, an dem die Plane des Lastwagens befestigt war.

Das Ergebnis war eine regelrechte Glasexplosion, bei der die riesige beschichtete Scheibe in Tausende rasiermesserscharfe Scherben zerbarst. Jede einzelne sauste auf ihrer eigenen, zufälligen Flugbahn davon, und die Straße – und die, die sie benutzten – wurde von einem Regenguss aus potentiell tödlichen Bruchstücken überschüttet, sodass die Passanten hektisch nach Deckung suchten.

Der Lärm war entsetzlich. Hannahs kleiner Hund war außer sich. In Panik sprang er auf die Beine und jagte blindlings auf die Straße.

»Fleabilly! Komm zurück!«

Eine der messerscharfen Scherben bohrte sich in den Reifen eines zu schnell fahrenden Taxis. Überrascht von dem plötzlichen Platzen des Reifens spürte der Fahrer, wie sein Fahrzeug zur Seite rutschte.

Fleabilly bekam einen heftigen Stoß ab.

Der Aufprall warf ihn in die Luft. Er überschlug sich zweimal, dann schlug er hart auf dem Asphalt auf und blieb reglos liegen.

Hannah war übersät mit Schnitten von den herumfliegenden Glasscherben, doch sie stürmte los und nahm Fleabilly auf den Arm.

Aus seinem Ohr lief ein Rinnsal von Blut.

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9

Geschäftsbezirk in der Innenstadt,
Sydney, Australien

Marko stürmte die Treppen hinunter. Er nahm fünf Stufen auf einmal, sodass die Taschenlampe und die Schlüssel, die an seinem Gürtel hingen, hinter ihm herflogen. Er achtete nicht darauf, sondern jagte in Kreisen das Gebäude hinunter. Er betete, betete so intensiv, wie er es seit einer Ewigkeit nicht mehr getan hatte, dass dieses tödliche Geschoss aus Glas noch niemanden umgebracht hatte …

Der achte Stock, der sechste, der zweite … was zum Teufel war nur passiert? Marko versuchte, sich vorzustellen, wie die Glasscheibe aus dem Rahmen herausgesprungen sein konnte. Sicher, er hatte ziemlich fest dagegengeschlagen, und er war ein kräftiger Bursche, aber warum war das Glas nicht ordentlich befestigt gewesen?

Wäre sein Gehirn nicht mit etwas anderem beschäftigt gewesen, hätte er es vielleicht herausbekommen: Die Bauarbeiter, die im einundzwanzigsten Stockwerk die Fenster eingesetzt hatten, hatten ihr Werkzeug mitten in der Arbeit niedergelegt, als sie von den Kündigungen erfuhren. Sie hatten sich in eine nahe gelegene Bar zurückgezogen, um ihren Kummer zu ertränken, und hatten eines der Fenster nur durch die Gummiversiegelung befestigt zurückgelassen, ohne den Kitt, der es sicher im Rahmen gehalten hätte.

Ein einfacher Fall von menschlichem Versagen.

Marko erreichte das Erdgeschoss. Er jagte durch den halb fertigen Korridor in das Foyer und zwängte sich durch die Drehtür hinaus ins grelle Sonnenlicht.

Der Verkehr war zum Erliegen gekommen. Eine Handvoll verwundeter Fußgänger presste sich Taschentücher und Servietten auf ihre Schnittwunden.

In der Nähe entdeckte er ein verwahrlost aussehendes Mädchen mit Dreadlocks. Sie hielt einen Hund in den Armen. Einen Hund, der merkwürdig still war.

»Bist du in Ordnung?«, fragte Marko.

Ausdruckslos und offensichtlich unter Schock starrte sie ihn an.

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10

Watson’s Bay Lotsenstation,
Sydney, Australien

Das robuste Lotsenboot war fünfzehn Meter lang und für Schnelligkeit und Manövrierfähigkeit unter rauesten Bedingungen auf See konstruiert worden. Wie die meisten Lotsenboote dieses Typs war es in einem knalligen Orange gestrichen.

Ella Andersen, eine von sieben Lotsen, die an diesem Tag Dienst hatten, war eine siebenunddreißigjährige Einwohnerin von Sydney mit klarer Haut und strahlendem Teint, was die Arbeit auf dem Meer mit sich brachte.

Wie die meisten Hafenlotsen verfügte Ella über nennenswerte Erfahrung als Kapitän und war über zehn Jahre für Lastschiffe auf den transpazifischen Routen verantwortlich gewesen, die von Australien an die Westküste der Vereinigten Staaten fuhren. Nachdem sie zwei Kinder zur Welt gebracht hatte, hatte Ella nach einem Job gesucht, bei dem sie mehr Zeit zu Hause verbringen konnte. Sie konnte sich gegen die Konkurrenten durchsetzen und hatte einen der begehrten Posten als Lotsin im Hafen von Sydney ergattert.

Gerade schnappte sie sich in der Kantine einen Kaffee und machte sich auf den Weg zum Lotsenboot, wo ihr Rudergänger den Motor bereits gestartet hatte.

»Morgen, Frank. Was steht auf der Liste?«

»Cayman Glory.« Ella konnte nicht anders, sie verspürte einen Anflug von Aufregung, als sie die Neuigkeit hörte. Alle Lotsen liebten die Herausforderung, ein großes Schiff in den Hafen zu bringen – und die Kreuzfahrtschiffe waren die größten von allen.

Ellas Rudergänger brachte den Motor des Schiffs auf Touren. Sie winkte dem Mann am Funkgerät zu, während sie aus der Lotsenstation des Watson Bay hinaus auf das offene Meer fuhren.

11

Geschäftsbezirk in der Innenstadt,
Sydney, Australien

Der Lastwagen, der die herabstürzende Glasscheibe abbekommen hatte, war ein Siebentonner-Tieflader mit aufgespannter Plane.

Er hatte Feuerwerksraketen geladen. Fast fünf Tonnen, um genau zu sein.

Die explosiven Sprengkörper waren in Kisten verpackt und einsatzbereit für das Silvesterfeuerwerk, das in dieser Nacht am Himmel von Sydney aufleuchten sollte.

Für die Feuerwerkskörper war Shaun Spencer verantwortlich, ein dreiundzwanzigjähriger Freak, der sich am besten als unverbesserlicher Feuerwerksfanatiker beschreiben lässt. Er liebte den großen Knall, seit er im Alter von sechs Jahren sein erstes Feuerwerk erlebt hatte. Seitdem hatte er den Wunsch, immer größere und noch größere Feuerwerkkompositionen zu planen, herzustellen und durchzuführen. Er besaß die Fantasie und definitiv die Leidenschaft, und mit seinen Ideen war er seinen Konkurrenten um Längen voraus.

Um eine solche Veranstaltung zu leiten, war er zwar noch ziemlich jung, aber es gab keinen Besseren für den Job. Seine Arbeitskollegen nannten ihn den Schießpulver-Freak, ein Spitzname, auf den er merkwürdigerweise sogar stolz war.

Shaun stieg zusammen mit seinem Fahrer aus dem Laster und löste die Knoten der Seile, sodass sie die Ladung inspizieren konnten. Die Glasscheibe hatte den LKW mit einem ohrenbetäubenden Knall getroffen. Shaun fragte sich, wie viele seiner kostbaren Feuerwerkskörper beschädigt worden waren. Auf jeden Fall war die Decke der Plane von zahlreichen Glasscherben durchbohrt worden.

»Was meinst du?«, fragte er den Fahrer.

»Vorsicht ist besser als Nachsicht.« Die beiden Männer sprangen auf die Ladefläche und begannen, die Kisten auf Schäden zu untersuchen.

12

Geschäftsbezirk in der Innenstadt,
Sydney, Australien

Marko lief ziellos auf der Straße umher. Geplagt von entsetzlichen Schuldgefühlen sammelte er größere Scherben auf. Ein hochgewachsener blonder Motorradfahrer tauchte auf, und Marko hörte ihn sagen, dass er Arzt sei. Er holte seinen Erste-Hilfe-Koffer aus der Hecktasche seines Motorrads, um die Verletzten zu versorgen.

Ein Verkehrspolizist hatte währenddessen den Ort des Geschehens erreicht. Er versuchte, sich irgendwie zusammenzureimen, was genau geschehen war. Ein Fernsehteam des örtlichen Nachrichtensenders fuhr vor und begann zu filmen.

Marko hätte sich einfach aus dem Staub machen können. Er hätte den Mund halten und jedes Wissen über eine herabgestürzte Glasscheibe leugnen können. Schließlich, so dachte er bei sich, musste die Scheibe dermaßen schlecht befestigt worden sein, dass sie genauso gut von einem Windstoß hätte herausgerissen werden können.

Aber das war nicht Markos Art. Er war ein ehrlicher Mensch. Als der Polizist auf ihn zukam und fragte: »Haben Sie vielleicht eine Ahnung, was hier passiert ist?«, erzählte Marko ihm die Wahrheit.

»Sie sind vielleicht ein Glückspilz«, sagte der Polizist zu Marko, während er an dem Gebäude hochsah. »Eine Glasscheibe, die diesen ganzen Weg runterknallt, und kein einziger Todesfall.«

Marko hörte ein schluchzendes Geräusch und drehte sich um. Er sah das Mädchen mit den Dreadlocks. Sie stand vor Schreck erstarrt da und hielt den reglosen Körper des kleinen Hundes noch immer in den Armen. Sie schien sich nicht bewegt zu haben, stand nur da und weinte und hatte einen Ausdruck völliger Zerstörung auf dem Gesicht.

»Das Mädchen kenne ich«, sagte der Polizist. »Wir haben ihr Foto auf unserer Webseite. Ich werde mal mit ihr reden.«

»Ich glaube, ihr Hund ist gerade gestorben«, platzte Marko heraus. »Meinen Sie nicht, Sie sollten …«

Aber der Polizist bewegte sich bereits auf Hannah zu.

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13

Sydney Bay, an Bord des Lotsenboots
mit dem Rufkennzeichen >Hafen sechs<, Australien

Das Lotsenboot war noch immer auf dem Weg zur Cayman Glory, als Ella sich an den Brief erinnerte, der an diesem Morgen bei ihr zu Hause eingetroffen war.

Ein Luftpostbrief aus Liberia in Westafrika. Neuigkeiten von ihrer Schwester Gwen, die inzwischen als Missionarin tätig war.

Sie öffnete den blauen Umschlag, indem sie ihren Daumennagel unter die Lasche schob. Darin befanden sich ein handgeschriebener Brief und eine Fotografie. Den Brief steckte sie weg, um ihn zu lesen, wenn sie mehr Zeit hatte.

Das Bild zeigte ihre Schwester Gwen. Lächelnd stand sie vor einer kleinen Kapelle im Dschungel, umgeben von einer Gruppe von Kindern, die begeistert mit ihr posierten.

Das Foto löste gemischte Gefühle in Ella aus. Sie wusste, dass Gwen mit ihrer neuen Aufgabe zufrieden war, aber Fakt war, dass in Liberia ein Bürgerkrieg ausgebrochen war und das Leben ihrer Schwester in Gefahr sein konnte.

Ella und ihre Schwester waren in einer streng religiösen Familie aufgewachsen. Ihr Vater war ein strikter Katholik gewesen, und das Schuldgefühl, weil sie »Gott leugnete«, hatte Ella bis in das Erwachsenenalter begleitet. Der bloße Anblick einer Kirche oder eines Bildes von Jesus am Kreuz war genug, um in Ella die Bilder einer chronisch unglücklichen Kindheit heraufzubeschwören.

Gwen dagegen hatte ihren Glauben behalten – sie hatte sogar eine Zeit lang an einem christlichen College studiert. Später war sie nach Westafrika gegangen und hatte dort einen Job als Koordinationsleiterin für eine christliche Schwesternschaft übernommen.

Ella seufzte. Sie vermisste ihre Schwester von Tag zu Tag mehr. »Zehn Minuten«, teilte der Rudergänger ihr mit. Ella steckte das Foto in die Tasche und griff nach ihrem Überlebensanzug.

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14

Geschäftsbezirk in der Innenstadt,
Sydney, Australien

Fleabilly.

Tot.

Hannah war daran gewöhnt, dass die Welt sich gegen sie stellte. Aber das hier war etwas anderes 

Sie war so in ihrem Schock gefangen, dass sie die Hand des Polizisten auf ihrem Arm kaum spürte. »Ich weiß, wer du bist«, sagte er fest. »Und ich möchte, dass du dich nicht von der Stelle rührst. Sobald ich Ordnung in dieses Chaos gebracht habe, bringe ich dich auf das Revier.«

Er ging und ließ Hannah stehen, die in diesem Moment das Motorrad entdeckte. Die Honda Transalp stand mit offener Hecktasche und laufendem Motor auf dem Bürgersteig.

Sie wusste, dass sie die Maschine fahren konnte, ihr Bruder Todd hatte es ihr beigebracht, und sie wurde sogar mit den großen Dirt Bikes auf schwierigem Boden fertig.

Irgendetwas in ihr setzte sich in Gang.

Eine Welle aus Trauer und Zorn schlug über ihr zusammen. Fleabillys Tod hatte sie völlig aus der Bahn geworfen.

Hannah legte den leblosen Körper in die Hecktasche, sprang auf die Maschine und setzte sie mit einem Tritt in Gang. Sie gab Gas und fegte in halsbrecherischer Geschwindigkeit über die Straße. Der Besitzer des Motorrades rief etwas – ein erschrockener Schrei –, als er entdeckte, dass seine Maschine davonfuhr. Der Polizist versuchte, ihr den Weg zu versperren, aber Hannah kurvte um ihn herum und schaffte es aus dem Gedränge hinaus.

Sie spürte den Wind, der ihr durch die Haare fuhr, als die Maschine mit einem kraftvollen Stoß beschleunigte. Noch immer liefen ihr die Tränen über das Gesicht, aber der Augenblick fühlte sich richtig an.

Sie musste einen Ort finden, an dem sie sich von Fleabilly verabschieden konnte. Und danach war es an der Zeit, die Stadt zu verlassen.

15

Haus der Gatelys,
Westen von Sydney, Australien

Als das Telefon klingelte, war Susannah Gately gerade damit beschäftigt, womit sie jeden Morgen beschäftigt war: Sie versuchte, ihre zwei Kinder im Vorschulalter zu füttern und anzuziehen, während die beiden brüllten, kämpften, um sich traten und das übliche Theater von Kleinkindern veranstalteten.

Susannah runzelte die Stirn. Die Rufnummer, die auf dem Display des Telefons angezeigt wurde, kannte sie nicht. Sofort wurde sie nervös. Niemand bekommt gern frühmorgendliche Anrufe von unbekannten Leuten. »Hallo?«

»Ich bin es.« Augenblicklich erkannte Susannah den ungewöhnlichen Ton in der Stimme ihres Mannes. Ihr kam das Motorrad in den Sinn. Hatte er einen Unfall gehabt?

»Mach dir keine Sorgen, mir geht es gut. Aber jetzt stell dir vor«, sagte ihr Mann, »irgendeine verrückte Jugendliche hat die Transalp gestohlen.«

»Wie bitte?«

»Ja. Ich habe angehalten, um bei diesem Unfall zu helfen, und ich habe den Motor laufen lassen. Aber es kommt noch schlimmer: Meine ganzen Sachen sind in der Hecktasche. Mein Laptop mit meinen Patientenakten, das Portemonnaie, die Papiere. Das Handy habe ich mir gerade von einem Mann hier geliehen. Wir müssen die Kreditkarten sperren lassen … und sag bei der Telefongesellschaft Bescheid, sie sollen die SIM-Karte von meinem Handy sperren.«

»Okay, Ash, ich kümmere mich darum, so schnell ich kann.«

»Noch etwas, Schatz. Ich habe meine Patientenakten auf einem USB-Stick gesichert. Er liegt auf meinem Schreibtisch. Kannst du ihn mir in die Stadt bringen? Ich brauche die Daten heute im Krankenhaus.«

Susannah holte scharf Luft und warf einen Blick auf die Uhr. Ihr Haus lag weit draußen am bewaldeten Stadtrand. Die Fahrt in die Innenstadt und zurück würde sie eine gute Stunde kosten, und sie musste die Kinder um zehn Uhr in den Kindergarten bringen.

»Okay, Ash. Wo bist du?« Sie griff nach einem Stift.

16

Sydney Bay, an Bord des Lotsenboots
mit dem Rufkennzeichen >Hafen sechs<, Australien

Ella hielt das Fernglas vor die Augen und stellte es mit einer entschlossenen Drehung ihrer Finger scharf.

Dort, stolz aufragend vor dem azurblauen Himmel, konnte sie die eleganten Umrisse der MS Cayman Glory erkennen, die gerade in den Manöverbereich der Lotsen einfuhr. Sie war pünktlich genau am Rand des Gebiets, das auf der Karte als Hafenbereich Alpha verzeichnet war.

»Eine echte Schönheit«, bemerkte Ella.

Sie nahm einen weiteren Schluck Kaffee und genoss den Energieschub des Koffeins verbunden mit dem süßen Hauch von Zucker, während das kleine Lotsenschiff durch die unruhige transpazifische See fuhr.

Es war kein starker Seegang, nur ein seichter Teppich aus zwei bis drei Meter hohen Wellen, aber der genügte, um das kleine Boot mit seinem flachen Kiel mit der Nase voran vornüberzuwerfen. Das bereitete Ella jedoch keine Sorgen – in den fünf Jahren als Lotsin war sie kein einziges Mal seekrank gewesen.

Wenig später fuhren sie an der Flanke des großen Kreuzfahrtschiffes entlang. Wie vorgeschrieben hielt es eine Geschwindigkeit von acht Knoten, um den Einstieg zu erleichtern. Ella schloss den Reißverschluss ihres Überlebensanzugs und trat hinaus auf das schmale Vorderdeck des Bootes. Währenddessen regelte ihr Rudergänger gekonnt die Geschwindigkeit, um sie genau dem Tempo des Kreuzfahrtschiffes anzupassen.

Etwa dreißig Meter über ihnen stand Kapitän Olberg auf der Brücke und beobachtete die Ereignisse mit wachsamem Blick. Das Lotsenboot war mit großen Fendern ausgestattet, aber der Seegang war heftig genug, um das kleine Boot mit gehörigem Schwung gegen seine glänzende weiße Bordwand zu schleudern.

Kapitän Olberg wünschte nicht den kleinsten Kratzer an seinem geliebten Schiff.

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17

Verlassenes Ödland,
Westen von Sydney, Australien

Hannah hatte das Motorrad auf einem vertrockneten Feld geparkt, direkt neben der zentralen Autobahn M5, die aus Sydney hinausführte.

Sie hob ein Grab für Fleabilly aus, während ihr noch immer Tränen der Verzweiflung und des Schocks die Wangen hinunterströmten. Das Werkzeug war alles andere als ideal: ein zerbrochener Zaunpfahl aus Metall, den sie aus einem Abfallhaufen herausgezogen hatte.

Es war anstrengend, aber der Zorn verlieh ihr die Kraft, manisch mit dem Rohr auf den Boden einzuhacken und dann die steinige Erde mit den Händen auszuheben. Endlich hatte sie ein Loch zustande gebracht, das groß genug war, und behutsam bettete sie Fleabillys Körper hinein.

»Nun haben wir uns doch kein Schinkensandwich gekauft«, sagte sie leise. »Mach’s gut, Kumpel.«

Sie füllte das kleine Grab wieder mit Erde auf und trat sie mit ihren Stiefeln fest.

Sie kehrte zu dem Motorrad zurück, und erst jetzt bemerkte sie, dass sich einige Dinge des Besitzers noch in der Hecktasche befanden. Darunter war eine Brieftasche aus teurem, gesticktem Leder. Mit zitternden Fingern klappte Hannah sie auf. Knapp über fünfhundert Dollar. Außerdem gab es einen Laptop, und dann fand sie das Handy des Motorradfahrers.

Hannah wusste, dass der Eigentümer genau in diesem Augenblick dafür sorgen würde, dass seine Kreditkarten und das Telefon gesperrt werden. Aber wenn sie sich beeilte, könnte es ihr noch gelingen, mit ihrem Bruder zu sprechen. Hannah gab die Nummer aus dem Gedächtnis ein.

Sie hörte, wie der Klingelton fünfmal schrillte, ehe die erstaunte Stimme ihres Bruders in der Leitung zu hören war. »Hallo?«

»Hallo, Todd«, sagte Hannah und versuchte, die Tränen herunterzuschlucken. »Ich dachte, du würdest dich vielleicht freuen, mal von deiner kleinen Schwester zu hören.«

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