Logo weiterlesen.de
Der Tod des Achilles

Boris Akunin

Der Tod des Achilles

Fandorin ermittelt

Roman

Aus dem Russischen
von Andreas Tretner

Aufbau

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel

Смерть Ахиллеса

erschien 2000 bei Sacharow-AST, Moskau.

Die Übersetzung wurde gefördert vom Literarischen Colloquium Berlin mit Mitteln des Auswärtigen Amtes und der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur Berlin.

ISBN 978-3-8412-0157-7

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, November 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2002 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG © B. Akunin 2000

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung Torsten Lemme unter Verwendung des Gemäldes »La Mondaine« von James Jaques Joseph Tissot, 1885, und des Gemäldes »Der Student« von Nikolai Alexandrowitsch Jaroschenko

Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

ERSTER TEIL
FANDORIN

ERSTES KAPITEL,

in welchem eine Kette von Zufällen

ihre gewichtigen Folgen hat

Der Frühzug aus Sankt Petersburg, eben am Perron des Bahnhofs Nikolajewskaja zum Stillstand gekommen, war noch nicht aus den Rauchschwaden der Lokomotive hervorgetaucht, die Wagenschaffner hatten kaum Zeit gehabt, die Trittbretter auszuklappen und Aufstellung zu nehmen, da kam aus der Ersten Klasse schon ein junger Mann auf den Bahnsteig gesprungen, dessen Äußeres sofort ins Auge fiel. Er wirkte wie einem jener Pariser Journale entstiegen, die die Sommermode des Jahres 1882 anpriesen: der Anzug aus sandfarbener Rohseide, der Strohhut mit breiter Krempe italienisches Fabrikat, die Schuhe spitz, dazu weiße Gamaschen mit silbernen Druckknöpfen und in der Hand ein elegantes Stöckchen mit silbernem Knauf. Jedoch wurde der eitle Aufputz des Reisenden durch die, man darf schon sagen: hinreißende Imposanz seiner körperlichen Erscheinung in den Schatten gestellt. Hochgewachsen und schlank, breit in den Schultern, blickte der junge Mann mit klaren blauen Augen in die Welt; ein geschwungenes Oberlippenbärtchen stand ihm ausnehmend gut, während das schwarze, sorgfältig geschnittene Haar eine Merkwürdigkeit aufwies, die stutzen machte: Die Schläfen schimmerten in silbrigem Grau.

Das Gepäck des jungen Mannes, von Trägern flink aus dem Abteil geladen, war ein Anblick für sich. Von diversen ledernen Reisekoffern und -taschen abgesehen, landeten auf dem Perron: ein Klappveloziped, mehrere Gymnastikhanteln sowie bündelweise Bücher in verschiedenen fremden Sprachen. Zuletzt entstieg dem Waggon ein krummbeiniger Mann mit gedrungenem Körperbau und asiatischen Gesichtszügen, pausbäckig, eine gewichtige Miene zur Schau tragend. Seine grüne Livree paßte herzlich wenig zu den hölzernen Riemchensandalen und dem bunten Papierfächer, der ihm an seidener Schnur um den Hals baumelte. In den Armen hielt der kleine Mann einen lackierten viereckigen Blumentopf, aus dem ein winziger Kiefernbaum wuchs – wie geradenwegs aus Liliputanien auf den Moskauer Bahnhof verfrachtet.

Inzwischen ließ der junge Mann den Blick über die wenig aufregenden Stationsbauten hingehen, sog in nicht ganz nachvollziehbarer Erregung die verräucherte Bahnhofsluft ein und flüsterte: »Sechs Jahre, o mein Gott!« Seiner Wehmut länger nachzuhängen war ihm indes nicht vergönnt, denn sofort wurden die Ankömmlinge aus der Hauptstadt durch die Horde von Fuhrleuten bedrängt, die größerenteils bei den Moskauer Hotels unter Vertrag standen. So sah sich der schwarzhaarige Beau, sichtlich ein lohnender Kunde, von den Kutschern jener vier Häuser umkämpft, die als die vornehmsten am Ort zu gelten hatten: »Metropol«, »Loskutnaja«, »Dresden« und »Dusseaux«.

»Ins ›Metropol‹, wenn der Herr belieben!« preschte der erste vor. »Neumodisches hôtel in bester europäischer Ausstattung! Und für Ihren Chinesen ein Kämmerchen inklusive!«

»Das ist k-kein Chinese, sondern ein Japaner«, erläuterte der junge Mann und verriet hiermit ein leichtes Stottern. »Ich möchte, daß er bei mir wohnt.«

»Dann kommen Sie zu uns ins ›Loskutnaja‹!« rief ein zweiter Kutscher, den Konkurrenten mit der Schulter beiseite drängend. »Wenn Sie ein Zimmer ab fünf Rubel mieten, fahre ich Sie kostenlos hin. So schnell wie der Wind!«

»Im ›Loskutnaja‹, ach ja, da war ich schon mal«, hatte der junge Mann mitzuteilen. »Nettes Hotel.«

»Was wollen Sie in dem Fuchsbau, mein Herr?« mischte ein dritter sich in den Handel. »Bei uns im ›Dresden‹, da haben Sie Prunk und himmlische Ruhe, die Fenster nach der Twerskaja, direkt auf das Anwesen Seiner fürstlichen Durchlaucht, des Gouverneurs.«

Der Ankömmling horchte auf.

»Tatsächlich? Das wäre äußerst günstig. Ich habe mich in die Dienste Seiner Durchlaucht zu begeben, müssen Sie wissen. Ja, also dann …«

»Warten Sie, mein Herr!« brüllte der letzte in der Reihe der Kutscher, ein junger Geck in himbeerroter Weste, mit so viel Brillantine in der Haartolle, daß man sich darin hätte spiegeln können. »Im ›Dusseaux‹ pflegen samt und sonders die allerbesten Schriftsteller zu nächtigen. Dostojewski, Graf Tolstoi – und sogar Herr Krestowski in Person.«

Der Köder dieses Hotelpsychologen, mit einem Blick auf die Bücherbündel ausgeworfen, war wohlgezielt; unser schöner junger Mann staunte.

»Graf Tolstoi? Sagen Sie bloß!«

»Was dachten denn Sie! Sobald die einen Fuß nach Moskau setzen, immer zu uns!« Der Kutscher hatte schon zwei Koffer gegriffen und gab dem Japaner geschäftig Anweisung: »Hopp-hopp, angefaßt, mir nach!«

»Na dann ins ›Dusseaux‹, von mir aus!« sagte der junge Mann achselzuckend – nicht ahnend, daß dieser Entschluß das erste Glied in einer fatalen Kette von Ereignissen war.

»Ach Masa, wie hat sich dieses Moskau verändert!« sprach unser Adonis seinen Diener ein um das andere Mal auf japanisch an, während er sich auf der lederbezogenen Kutschbank nach allen Seiten drehte. »Einfach nicht wiederzuerkennen! Die Straßen durchgehend gepflastert, ganz anders als in Tokio. Und wieviel adrette Leute! Schau, die Pferdebahn da, sie verkehrt linienmäßig. Und auf der oberen Plattform sitzt eine Dame! Früher durften Damen dort nicht hinauf, des Anstands wegen.«

»Wieso, Herr?« fragte Masa, der mit vollem Namen Masahiro Sibata hieß.

»Na, weil einer sonst von der unteren Plattform Stielaugen machen könnte, wenn die Dame die Treppe hinaufsteigt. Was dachtest du denn!«

»Europäische Dummheiten. Typisch Barbaren!« Der Diener zuckte mit den Schultern. »Hört, Herr, was ich Euch sage. Gleich wenn wir im Gasthaus sind, lassen wir eine Kurtisane für Euereins kommen, erste Sorte. Und für mich eine von der dritten. Hier gibt es feine Frauen. Groß und drall. Viel besser als die Japanerinnen.«

»Laß den Quatsch«, sagte der junge Mann wütend. »Das ist ja nicht zum Anhören.«

Der Japaner schüttelte mißbilligend den Kopf.

»Wie lange wollt Ihr Midori-san noch hinterhertrauern? Nach einer Frau zu schmachten, die man nie wieder zu Gesicht bekommen wird, das ist eine müßige Beschäftigung.«

Sein Herr seufzte dennoch, und gleich noch ein zweites Mal, worauf er, wohl um sich von den traurigen Gedanken abzulenken, dem Kutscher eine Frage stellte (sie fuhren soeben am Strastnoi-Kloster vorbei): »Wem haben sie d-d-… denn da ein Denkmal auf die Straße gestellt? Etwa Lord Byron?«

»Aber das ist doch der Puschkin! Unser Alexander Sergejewitsch!« klärte der Mann auf dem Bock ihn vorwurfsvoll auf. Errötend wandte der junge Herr sich wieder seinem schlitzäugigen kleinen Diener zu und plapperte etwas Fremdländisches. Dreimal hörte der Kutscher ein Wort heraus, das wie »Pusikin« klang.

Das Hotel »Dusseaux« konnte sich in seiner Ausstattung mit den ersten Pariser Häusern messen: vornehm livrierter Portier, geräumiges Vestibül, wo in Kübeln Azalien und Magnolien blühten, hauseigenes Restaurant. Der Gast aus St. Petersburg nahm ein ordentliches Zimmer zu sechs Rubeln, die Fenster auf den Teatralny Projesd hinausgehend, trug sich als Kollegienassessor Erast Petrowitsch Fandorin in das Empfangsbuch ein und trat neugierig an die schwarze Tafel heran, auf der nach guter europäischer Sitte die Namen der Gäste mit Kreide verzeichnet waren. Ganz oben stand in großen Schnörkeln das Datum: Freitag, 25. Juni – 7 juillet, vendredi1 – und ein Stück weiter unten, an honorigster Stelle und in kalligraphischer Ausführung: Generaladjutant Gen. d. Inf. Sobolew, M. D. – No47.

»Das kann doch nicht wahr sein!« jauchzte der Kollegienassessor. »Welch ein Zufall!« Und an den Portier gewandt, fragte er: »Sind Seine Hochwohlgeboren anwesend? Wir sind alte B-… Bekannte!«

»Anwesend, gewiß doch!« bestätigte der Bedienstete mit einer Verbeugung. »Gestern eingetroffen. Mitsamt der Suite. Haben den Ecktrakt gemietet, den ganzen Flur dort hinter der Tür. Aber jetzt schlafen Seine Hochwohlgeboren noch und wünschen nicht behelligt zu werden.«

»Michel? Um halb neun?« wunderte sich Fandorin. »Das sieht ihm aber g-gar nicht ähnlich. Na, mitunter ändert sich der Mensch. Bitte richten Sie dem G-… General aus, daß ich in No 20 wohne – er wird mich bestimmt sehen wollen.«

Während der junge Mann sich zum Gehen wandte, begab sich ein weiterer Zufall, das zweite Glied in unserer tückischen Kette. Die Tür, die auf den vom hochrangigen Gast bewohnten Flur führte, öffnete sich plötzlich einen Spalt, durch den sich der Kopf eines Kosakenoffiziers schob: zerzauster Haarschopf, schwarze Brauen, Adlernase und eingefallene Wangen, deren bläulicher Schimmer auf mangelnde Rasur hindeutete.

»He, Sie!« brüllte er mit donnernder Stimme und wedelte ungeduldig mit einem Blatt Papier. »Eine Depesche zum Telegrafen! Hurtig!«

»Nanu! Gukmassow!« Erast Fandorin breitete die Arme aus. »So sieht man sich wieder! Immer noch der Patroklos von unserem lieben Achilles? Und zum Jessaul befördert. G-g-… Gratuliere!«

Aber die freundschaftliche Zuwendung berührte den Offizier nicht im geringsten – und wenn doch, dann unangenehm. Er maß den jungen Hagestolz mit einem bösen Blick aus schwarzen Zigeuneraugen und schlug, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, die Tür hinter sich zu. Fandorin erstarrte in dämlicher Pose: mit ausgebreiteten Armen, so als hätte er anfangen wollen zu tanzen und es sich im letzten Moment anders überlegt.

»Nein, wirklich«, murmelte er verwirrt, »es hat sich doch v-v-… viel verändert. Die Stadt, und die Leute auch.«

»Belieben Sie das Frühstück aufs Zimmer serviert zu bekommen?« fragte der Portier, der die Verwirrung des Assessors geflissentlich übersah.

»Nein, nicht nötig«, kam die Antwort. »Lieber hätte ich einen Eimer Eis aus dem Keller. Oder besser z-zwei.«

In seinem Zimmer, das geräumig und komfortabel eingerichtet war, benahm der neue Gast sich reichlich eigenartig. Er zog sich splitternackt aus, stellte sich auf den Kopf und stemmte sich, beinahe ohne mit den Füßen die Wand zu berühren, zehnmal mit den Armen vom Boden weg. Derweil nahm der japanische Diener, den das Verhalten seines Herrn absolut nicht zu beirren schien, vom Etagendiener die zwei randvoll mit Eis gefüllten Eimer entgegen, schüttete die hübschen grauen Würfel vorsichtig in die Wanne, ließ kaltes Wasser aus dem kupfernen Hahn dazulaufen und wartete, bis der Kollegienassessor seine wunderliche Gymnastik beendet hatte.

Eine Minute später erschien Fandorin, puterrot von seinen Exerzitien, im Badezimmer und stieg entschlossen in das horribel eisige Becken.

»Masa, hol die Paradeuniform heraus. Und die Orden. In den Samtkästchen. Ich fahre dem Fürsten meine Aufwartung machen.«

Die Anweisung kam knapp, durch die zusammengepreßten Zähne. Offensichtlich kostete das Bad einige Willenskraft.

»Zum Statthalter des Zaren, Eurem neuen Dienstherrn?« fragte Masa ehrerbietig nach. »Dann bringe ich auch das Schwert. Ohne Schwert geht es nicht. Früher, beim russischen Gesandten in Tokio, wäre es angegangen, der hielt nichts von Zeremonien. Nicht aber beim Gouverneur solch einer großen, aus Stein gebauten Stadt. Keine Widerrede!«

Er verschwand und kam bald darauf zurück, den Paradedegen andächtig vor sich her tragend.

Fandorin, der wohl einsah, daß zu streiten nicht lohnte, seufzte nur.

»Und wie steht es mit der Kurtisane, Herr?« fragte Masa und blickte seinem Gebieter beunruhigt in das blaugefrorene Gesicht. »Gesundheit geht vor.«

»Zum Teufel damit!« Zähneklappernd erhob sich Fandorin aus der Wanne. »D-d-… das Handtuch und die Kleider.«

»Herein mit Ihnen, mein Bester, treten Sie ein! Wir warten schon auf Sie. Damit das Geheimsynedrion komplett ist, haha!«

Mit diesen Worten wurde der herausgeputzte Kollegienassessor von Moskaus allmächtigem Hausherrn Fürst Wladimir Andrejewitsch Dolgorukoi empfangen.

»Was stehen Sie auf der Schwelle herum? Kommen Sie, hier in den Sessel. Und die Uniform war ganz umsonst, erst recht der Degen! Vor mir dürfen Sie getrost im Rock erscheinen.«

In den sechs Jahren, die Erast Fandorin in der Fremde verbracht hatte, war der Generalgouverneur sehr gealtert. Die kastanienbraunen Locken (sichtlich ein Kunstprodukt) wollten sich wenig vertragen mit dem von tiefen Runzeln gefurchten Gesicht, das Fehlen grauer Haare in dem hängenden Schnurrbart und den üppigen Koteletten war eher auffällig, und die allzu jugendliche Statur ließ ein Korsett vermuten. Fünfzehn Jahre nun schon lenkte der Fürst die Geschicke der Stadt, führte ein mildes, doch unnachgiebiges Regime.

»Das ist also unser Gast aus Übersee«, sagte der Gouverneur zu zwei Herren, einem in Uniform und einem in Zivil, die in Sesseln neben dem ausladenden Schreibtisch saßen. »Mein neuer Sonderbeauftragter, Kollegienassessor Fandorin. Aus St. Petersburg zu mir beordert. Hat zuvor in unserer Gesandtschaft im Königreich Japan Dienst getan, am Ende der Welt. Ich darf vorstellen: Jewgeni Ossipowitsch Karatschenzew, Polizeipräsident von Moskau. Unterpfand von Gesetz und Ordnung in dieser Stadt.« Er wies auf einen rothaarigen General mit leicht glupschenden braunen Augen, die ihm gelassen, doch aufmerksam entgegenblickten. »Und das ist mein Petruscha, für Sie Pjotr Parmenowitsch Churtinski, Hofrat und Vorsteher der Geheimabteilung bei der Generalgouverneurskanzlei. Was immer in Moskau passiert, Petruscha bekommt es spitz und hinterträgt es mir.«

Ein rundlicher Herr um die Vierzig, das dünne Haar auf dem länglichen Kopf akkurat gescheitelt, mit prallen Bäckchen, die auf der steif gestärkten Kragenbinde aufsaßen, und schläfrig hängenden Lidern, nickte gravitätisch.

»Es ist mitnichten ein Zufall, daß ich Sie an einem Freitag zu mir bestellt habe, mein Lieber«, sagte der Gouverneur in jovialem Ton. »Freitags um elf geruhen wir in dieser Runde diverse Angelegenheiten vertraulich-delikaten Charakters zu erörtern. Heute zum Beispiel haben wir eine heikle Frage anliegen: Wo kriegen wir das restliche Geld für die Ausmalung der Kathedrale her. Eine hochheilige Angelegenheit, die mir seit Jahren schwer im Magen liegt.«

Der Gouverneur bekreuzigte sich fromm, bevor er fortfuhr: »Die Künstler intrigieren gegeneinander, und Diebereien geschehen zur Genüge. Wir werden überlegen, wie wir aus den Moskauer Geldsäcken noch ein Milliönchen für die gottgefällige Sache herausschütteln. Nun denn, meine Herren Konspiranten, Sie waren zu zweit, nun sind Sie zu dritt. Wünsche Glück und Eintracht, wie man bei derlei Hochzeiten zu sagen pflegt. Sie sind ja, mein lieber Fandorin, just in diskreten Angelegenheiten zu mir bestellt, nicht wahr? Allerbeste Reputationen, geradezu beachtlich für Ihre Jugend. Ein gestandener Mann, darf ich hoffen.«

Bei diesen Worten blickte er dem Neuling forschend in die Augen, doch der hielt dem Blick stand, zeigte nicht einmal ein Zittern.

»Ich kenne Sie doch!« entsann sich Dolgorukoi auf einmal, womit er sich sogleich in den lieben Onkel zurückverwandelte. »War ich nicht bei Ihrer Trauung zugegen? Aber ja! Ich weiß es noch ganz genau … Sie haben sich tüchtig rausgemacht, man erkennt Sie kaum wieder. Na, wir werden alle nicht jünger. Setzen Sie sich, mein Bester, setzen Sie sich, ich mag keine Umstände.«

Dabei zog er wie zufällig die Dienstliste des Neuen zu sich heran – zwar wußte er noch den Familiennamen, Vor- und Vatersnamen aber waren ihm entfallen. In derlei Dingen, das sagte dem Fürsten die Erfahrung, durfte man sich keine Blöße geben. Das konnte keiner gut vertragen, daß man ihn beim falschen Namen nannte, und Untergebene sollte man auf die Art schon gar nicht vor den Kopf stoßen.

Ach ja, Erast Petrowitsch – so hieß er, der schmucke junge Mann. Der Blick auf das geöffnete Dossier ließ den Fürsten jedoch die Stirn kraus ziehen, denn was es da zu lesen gab, war allerhand. Die Laufbahn seines neuen Mitarbeiters roch geradezu nach Komplikationen. Ein Eindruck, der sich auch bei näherem Hinsehen nicht verflüchtigte.

Was sollte man von einer solchen Akte halten. Sechsundzwanzig Jahre alt, russisch-orthodoxe Konfession, Vater höherer Offizier, Geburtsort Moskau. So weit, so gut. Nach Abschluß des Gymnasiums auf eigenes Gesuch von der Moskauer Polizeikanzlei als Kollegienregistrator im Amte bestätigt und zum Schriftführer im Kriminalpolizeiamt bestellt. Auch das ließ sich nachvollziehen. Doch von hier an: Wunder über Wunder. Für besonderen Eifer im Dienst und hervorragende Pflichterfüllung auf Allergnädigstes Geheiß außerplanmäßig zum Titularrat befördert und dem Außenministerium unterstellt. Wie ging das zu, nach nur zwei Monaten? Und weiter unten in der Spalte »Auszeichnungen« kam es noch dicker: Wladimirorden 4. Klasse für den Vorgang »Asasel« (Geheimfonds des Sondergendarmeriekorps); Stanislausorden 3. Klasse für den Vorgang »Türkisches Gambit« (Geheimfonds des Kriegsministeriums); Annenorden 4. Klasse für den Vorgang »Diamantenkollier« (Geheimfonds des Außenministeriums). Nichts als Geheimnisse!

Mit diskreter Aufmerksamkeit schielte Fandorin nach seinem hochrangigen Vorgesetzten und hatte schnell einen ersten Eindruck gewonnen, der alles in allem günstig ausfiel. Fürst Dolgorukoi war nicht mehr der Jüngste, schien die Gedanken jedoch noch gut beisammen zu haben und zudem recht pfiffig zu sein. Auch die Verwunderung im Gesicht Seiner Durchlaucht, während er in die Dienstliste Einsicht nahm, entging dem Kollegienassessor mitnichten. Fandorin seufzte mitfühlend: Zwar hatte er noch nie in seiner Akte gelesen, konnte sich jedoch ungefähr vorstellen, was dort stand.

Die anhaltende Pause nutzend, nahm Fandorin nunmehr auch die beiden Staatsdiener in Augenschein, denen es von Amtes wegen oblag, in alle Moskauer Geheimnisse eingeweiht zu sein. Churtinski zeigte ein serviles Blinzeln, ein Lächeln auch, das jedoch nur die Lippen betraf – dem Anschein nach freundlich, doch sichtlich nicht ihm, seinem Gegenüber, sondern einer ganz eigennützigen Phantasie zugekehrt. Auf das Hofratslächeln ging Fandorin gar nicht erst ein – er kannte diesen Menschenschlag nur zu gut und mochte ihn überhaupt nicht leiden. Da gefiel ihm der Polizeipräsident schon besser, ihm widmete er ein kleines Lächeln, das freilich jeder Schmeichelei entbehrte. Der General nickte höflich zurück, wobei sein Blick dem jungen Mann sonderbar mitfühlend vorkam. Fandorin beschloß, sich darüber nicht den Kopf zu zerbrechen (er würde schon noch erfahren, was dahinter steckte), und wandte sich wieder dem Fürsten zu. Der hatte inzwischen in das stumme, die Grenzen des Anstands wahrende Blickgeplänkel eingegriffen.

Auf der Stirn Seiner Durchlaucht stand eine steile, tiefe Falte, die für eine ausgeprägte Nachdenklichkeit sprach. Und im Zentrum dieser Nachdenklichkeit die besorgte Frage: Dich wird mir doch nicht die Kamarilla auf den Hals geschickt haben, mein Junge? Um mir womöglich ein Beinchen zu stellen? Das sähe denen doch sehr ähnlich. Ein Karatschenzew reicht wohl noch nicht.

Das Mitgefühl in den Augen des Polizeipräsidenten hatte indes ganz andere Ursachen. In dessen Tasche steckte nämlich ein Brief seines direkten Vorgesetzten, des Ministerialdirektors der Staatspolizei Wjatscheslaw Plewako. Darin schrieb ihm sein alter Freund und Wohltäter unter dem Siegel des Vertrauens, Fandorin sei ein gescheiter und verdienstvoller Mann, auf den damals Seine Majestät, Gott habe ihn selig, und insbesondere der Ex-Gendarmeriechef große Stücke hielten, doch in den Jahren seines Auslandsdienstes habe er den Anschluß an die große Politik verloren und sei darum nach Moskau geschickt worden, weil man in der Hauptstadt keine Verwendung für ihn habe. Jewgeni Karatschenzew kam der junge Mann auf den ersten Blick sympathisch vor – die Luchsaugen vor allem und die aufrechte Haltung. Der Ärmste! Er wußte nicht, daß man ihn höhererseits schon abgeschrieben hatte. Zum alten Eisen befördert, aufs Abstellgleis geschoben … Das war es ungefähr, was General Karatschenzew durch den Kopf ging.

Was unterdessen Pjotr Churtinski dachte, konnte keiner wissen. Die Gedanken dieses Mannes gingen allzu geheime Wege.

Dem stummen Intermezzo wurde durch den Auftritt einer neuen Person ein Ende bereitet, die lautlos aus einem der hinteren Gouverneursgemächer hereingeschwebt war: ein betagter Diener in abgewetzter Livree, lang und dürr, mit blankem Kahlschädel und gut geölten und gebürsteten Koteletten. Der Alte trug ein silbernes Tablett mit kleinen Fläschchen und Gläschen.

»Durchlaucht«, schnarrte der Diener in nöligem Ton, »jetzt wird es mal Zeit für den Trunk gegen die Verstopfung. Sonst beschwert Ihr Euch hinterher wieder und sagt, der Frol hat mich nicht dran erinnert, jaja. Schon vergessen das Ach und Weh von gestern? Auf das Mündchen!«

Genauso ein Tyrann wie mein Masa! dachte Fandorin. Obwohl von ganz anderem Schlag. Man hat’s nicht leicht mit seinen Dienern!

»Ja doch, mein lieber guter Frol!« streckte der Fürst sogleich die Waffen. »Ich trink ja schon, ich trink ja schon. Das hier, Fandorin, ist mein Kammerdiener Frol Wedischtschew. Hält mich seit Kindesbeinen an der Kandare. Und was ist mit Ihnen, meine Herren? Wollen Sie auch einen? Kräuter vom Besten. Schmeckt widerlich, hilft aber bei Hartleibigkeit ungemein, stimuliert den Darm in vorzüglicher Weise. Frol, schenk ihnen auch einen ein.«

Karatschenzew und Fandorin lehnten rundweg ab, während Churtinski sein Gläschen trank und sogar versicherte, der Geschmack habe etwas.

Frol kredenzte seinem Fürsten den Trunk mit süßem Fruchtlikör und einem Scheibchen Butterbrot (Churtinski bekam keines), dann wischte er Seiner Durchlaucht mit einer Batistserviette über die Lippen.

»Ich frage mich, mein lieber Fandorin, mit was für Sonderaufgaben ich Sie betrauen soll?« Dolgorukoi, dessen Augen vom Likörchen einen öligen Glanz angenommen hatten, hob ratlos die Arme. »Da fällt mir beim besten Willen nichts ein. Mit Geheimberatern bin ich gut versorgt, wie Sie sehen. Aber das muß Sie nicht verdrießen. Gewöhnen Sie sich erst mal ein bißchen ein, orientieren Sie sich …« – und derweil erkundigen wir uns, was für ein Vögelchen du bist! beendete er seinen Satz im stillen, während eine Hand vage in der Luft hängenblieb.

An dieser Stelle schlug die Standuhr elf Mal (ein uraltes Modell, dessen Front ein Basrelief mit Szenen von der Einnahme der Festung Ismail schmückte), das dritte Glied in der Kette unheilvoller Zufälligkeiten hakte sich ein.

Die Tür zum Vorzimmer ging, ohne daß zuvor angeklopft worden wäre, einen Spalt auf, darin erschien das verzerrte Gesicht des Sekretärs. Herein fuhr – unsichtbar, doch nicht zu verkennen – der Blitzschlag des Besonderen Vorkommnisses.

»Ein Unglück, Durchlaucht!« verkündete der Beamte mit bebender Stimme. »General Sobolew ist tot! Seine persönliche Ordonnanz Jessaul Gukmassow bittet vortreten zu dürfen.«

Die Wirkung dieser Neuigkeit auf die Anwesenden fiel, je nach ihrem Naturell, unterschiedlich aus. Der Generalgouverneur begegnete dem Überbringer mit einer abwehrenden Handbewegung – geh! mochte das heißen, ich glaube dir nicht! –, bevor er sich mit selbiger Hand bekreuzigte. Der Chef der Geheimabteilung riß die Augen nur für einen Moment weit auf, dann senkten sich seine Lider sogleich wieder. Der rothaarige Polizeipräsident war aufgesprungen. Auf dem Gesicht des Kollegienassessors schließlich gab es zwei widerstreitende Gefühle zu beobachten: Heftige Erregung wurde abgelöst von Skepsis, die im Verlauf der nachfolgenden Szene nicht von ihm wich.

»Ich lasse bitten, Innokenti!« befahl Dolgorukoi seinem Sekretär in gefaßtem Ton. »Was für ein Unglück.«

Ins Zimmer trat, gemessenen Schrittes und mit klirrenden Sporen, derselbe verwegene Offizier, der im Hotel partout nicht in Fandorins ausgebreitete Arme hatte sinken wollen. Er war nun wohlrasiert und trug die Paradeuniform eines Leibkosaken; die Ikonostase der Verdienstkreuze und Medaillen schien komplett.

»Jessaul Gukmassow, Oberordonnanz des Generaladjutanten Michail Dmitrijewitsch Sobolew, Durchlaucht! Eine betrübliche Nachricht …« Der Offizier hatte sichtlich mit sich zu kämpfen, zerrte an seinem schwarzen Räuberschnurrbart, ehe er fortfahren konnte. »Der Herr Kommandeur des Vierten Korps ist gestern auf der Durchreise von Minsk nach seinem Rjasaner Gut in Moskau eingetroffen und im Hotel ›Dusseaux‹ abgestiegen. Heute morgen, wie der Herr ewig nicht aus seinem Zimmer kam, fingen wir an, uns Sorgen zu machen, und klopften an seine Tür – keine Antwort. Also wagten wir uns einzutreten, und da …« – der Jessaul unternahm eine weitere heldenhafte Anstrengung, die Stimme im Griff zu behalten, es gelang ihm – »… da sahen wir den Herrn General im Sessel sitzen. Tot. Wir riefen den Arzt. Der sagte, er kann nichts mehr tun. Der Körper war schon kalt.«

»Ei-ei-ei!« Der Gouverneur stützte den Kopf in die Hand. »Wie kann das zugehen? Der General war doch ganz jung. Noch keine vierzig, oder irre ich mich?«

»Achtunddreißig, etwas über achtunddreißig«, bestätigte der Jessaul mit unverändert gepreßter, dem Brechen naher Stimme und zwinkerte sich die Tränen aus den Augen.

»Aber was ist die Todesursache?« fragte Karatschenzew mit gefurchter Stirn. »War der General denn krank?«

»Überhaupt nicht. Er war wohlauf und bester Dinge. Der Arzt vermutet einen Schlaganfall oder eine Paralyse des Herzens.«

»Gut, du kannst gehen, geh jetzt!« entließ der erschütterte Fürst die Ordonnanz des Generals. »Ich werde alles Nötige veranlassen und den Zaren in Kenntnis setzen. Geh!«

Als die Tür sich hinter dem Jessaul geschlossen hatte, ächzte er fassungslos.

»Auwei, meine Herren, das kann heiter werden. So ein Mann. Rußlands Liebling! Was sage ich, ganz Europa kennt den Weißen General … Ich wollte ihn heute noch visitieren … Petruscha, schick Seiner Majestät eine Depesche, du weißt, wie so was am besten … Das heißt, nein, zeig’s mir lieber vorher noch mal. Und anschließend kümmerst Du dich um die Staatstrauer, die Beisetzungsfeierlichkeiten und so weiter … Du kennst das ja. Sie, Karatschenzew, bitte ich für die Aufrechterhaltung der Ordnung zu sorgen. Wenn die Sache bekannt wird, kommt ganz Moskau vor das ›Dusseaux‹ geströmt. Sehen Sie zu, daß keiner in Ohnmacht fällt und erdrückt wird. Ich kenne meine lieben Moskauer. Daß mir alles Form und Anstand hat!«

Der Polizeichef nickte und nahm seinen Berichtsordner, der auf dem Sessel gelegen hatte, an sich.

»Sie erlauben, daß ich mich entferne, Durchlaucht?«

»Tun Sie das. Oje-oje, das gibt Aufregung, das gibt eine Riesenaufregung.« Der Fürst schrak auf. »Was, wenn es dem Zaren einfällt anzureisen, meine Herren? Bestimmt wird er das tun! Da hat nicht irgendwer das Zeitliche gesegnet. Der Held von Plewna und Turkestan, der Ritter ohne Furcht und Tadel, den man nicht umsonst Achilles nennt. Wir müssen den Kremlpalast herrichten. Darum kümmere ich mich selbst.«

Churtinski und Karatschenzew, bereit, den Anordnungen Folge zu leisten, waren schon auf dem Weg zur Tür, während der Kollegienassessor seelenruhig im Sessel sitzen blieb und den Fürsten etwas verwundert ansah.

»Ach ja, mein lieber Fandorin«, erinnerte Dolgorukoi sich an seinen Neuzugang. »Um Sie kann ich mich jetzt nicht kümmern, Sie sehen ja selbst. Richten Sie sich ein fürs erste! Und bleiben Sie in Reichweite. Vielleicht gibt es für Sie was zu tun. Arbeit ist für alle da. Oje-oje, was für eine Geschichte.«

»Aber sagen Sie, Eure Ho-Hoheit: Es wird doch wohl Ermittlungen geben?« reagierte Fandorin mit einer überraschenden Frage. »Ich meine, bei so einer Persönlichkeit von Rang. Und die seltsamen Umstände des Todes … Da muß doch ermittelt werden.«

»Wieso ermitteln?« Der Fürst furchte unwirsch die Stirn. »Sie hören doch, der Zar ist im Anmarsch!«

»Ich für meinen Teil habe allen Grund zur Annahme, daß die Sache nicht astrein ist!« versetzte der Kollegienassessor mit umwerfender Gelassenheit.

Seine Äußerung schlug ein wie eine Bombe.

»Was sind denn das für dämliche Phantasien!« schnauzte Karatschenzew. In dem Moment hatte der junge Mann sich alle Sympathien bei ihm verscherzt.

»Anhaltspunkte!« warf Churtinski verächtlich hin. »Hätten Sie dafür irgendwelche Anhaltspunkte? Wie wollen Sie überhaupt von der Sache eine Ahnung haben?«

Fandorin sah den Hofrat nicht einmal an; dem Gouverneur zugewandt, sagte er: »Ich bitte in Betracht zu ziehen, Durchlaucht, daß ich zufällig auch im ›Dusseaux‹ abgestiegen bin – Punkt eins. Den General Sobolew kenne ich seit langem. Er pflegt im ersten Morgengrauen aufzustehen. Sich vorzustellen, er könnte bis in die Puppen schlafen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Spätestens um sechs hätte sein Gefolge unruhig werden müssen – Punkt zwei. Jessaul Gukmassow, mir gleichfalls gut bekannt, bekam ich um halb neun zu Gesicht. Und zwar unrasiert – Punkt drei.«

Hier machte Fandorin eine vielsagende Pause – so als hätte sein letzter Punkt entscheidendes Licht in die Sache bringen müssen.

»Ja, und? Was hat das zu besagen?« fragte der Polizeipräsident verblüfft.

»Es hat zu besagen, Durchlaucht, daß es nie und unter keinen Umständen vorstellbar ist, Gukmassow um halb neun Uhr morgens in unrasiertem Zustand zu begegnen. Ich habe mit dem Mann die B-b-… Balkantour absolviert. Er ist in dieser Hinsicht absolut pedantisch und hat sein Zelt nie unrasiert verlassen, selbst wenn es kein Wasser gab und er zu diesem Zweck Schnee zum Tauen bringen mußte. Ich vermute, daß Gukmassow schon seit dem frühen Morgen vom Tod seines Vorgesetzten wußte. Wenn dem so ist – warum hat er so lange geschwiegen? Punkt vier. Das muß genauer untersucht werden. Erst recht, wenn der Z-z-… der Zar im Anmarsch ist.«

Die letzte Bemerkung schien den Gouverneur am allermeisten zu beeindrucken.

»Fandorin hat recht«, sagte der Fürst und erhob sich. »Es ist eine Staatsangelegenheit. Ich ordne hiermit eine vertrauliche Untersuchung der Umstände an, die zum Ableben des Generaladjutanten Sobolew geführt haben. Und um eine Obduktion werden wir da wohl nicht herumkommen. Aber ich bitte Sie, Karatschenzew, seien Sie vorsichtig, lassen Sie nichts Unnötiges verlauten. Es wird ohnehin genug Gerüchte geben … Petruscha, um die Gerüchte kümmerst du dich, ich möchte einen Sammelbericht darüber. Die Ermittlungen leiten selbstverständlich Sie, Karatschenzew. Und vergessen Sie nicht, die Einbalsamierung zu veranlassen. Es werden viele kommen, von ihrem Helden Abschied zu nehmen, und wir haben einen heißen Sommer. Da verdirbt er schneller, als man denkt. Was Sie angeht, Fandorin – wenn das Schicksal Sie schon mal im ›Dusseaux‹ einquartiert hat und Sie den Verstorbenen so gut kennen, versuchen Sie Ihr Glück und ermitteln Sie ein bißchen auf eigene Faust, partikulär sozusagen. Zum Glück kennt Sie in Moskau noch keiner. Hieß es nicht, Sie seien zuständig für besondere Aufgaben? Da haben Sie eine. Besonderer geht es nicht.«

ZWEITES KAPITEL,

in welchem Fandorin die Ermittlungen aufnimmt

Wie Erast Fandorin die Umstände, die zum Tod des vielgerühmten Heerführers und Lieblings der Nation geführt hatten, zu ermitteln anfing, war sonderbar. Nachdem der junge Mann sich unter größten Mühen zum Hotel durchgekämpft hatte, das mit einem doppelten Polizeikordon geschützt und von vielen trauernden Moskauern umringt war (seit eh und je breiten sich Hiobsbotschaften in der altehrwürdigen Stadt schneller aus als die gefräßigsten Brände), ging er, ohne nach links und nach rechts zu sehen, hinauf in seine No 20, warf dem Diener Mütze und Degen zu und schüttelte auf alle neugierigen Fragen nur kurz mit dem Kopf. So wußte Masa Bescheid, verbeugte sich und rollte auf dem Fußboden geschwind eine Strohbastmatte aus. Der kurze Degen wurde respektvoll in Seide gehüllt und im Chiffonier verstaut, dann trat der Diener wortlos auf den Korridor hinaus, nahm mit dem Rücken zur Zimmertür Aufstellung und stand da wie der grimmige Feuergott Fudo-myo. Kam jemand den Flur entlang, legte er vorwurfsvoll zischelnd den Finger an die Lippen und wies mit der anderen Hand abwechselnd auf die verschlossene Tür hinter sich und auf die Gegend um seinen Bauchnabel. Infolgedessen sprach es sich auf der Etage herum, in No 20 sei eine schwangere chinesische Prinzessin untergekommen und gar wohl schon am Kreißen.

Währenddessen saß Fandorin absolut reglos auf seiner Matte. Knie ebenmäßig gespreizt, Körper entspannt, Handflächen nach oben gekehrt. Den Blick hielt der Kollegienassessor auf den eigenen Bauch gerichtet – auf den untersten Knopf seiner Uniformjacke, um genau zu sein. Irgendwo dort, unter dem goldenen doppelköpfigen Adler, befand sich der magische Punkt Tanden, Quelle und Zentrum geistiger Energie. Wenn man sich frei macht von allen Gedanken und ganz auf das eigene Selbst konzentriert, dann wird die Seele erleuchtet, und noch das heikelste Problem erscheint einem einfach, verständlich und klar. Fandorin mühte sich nach Kräften um Freimachung und Erleuchtung, was durchaus nicht so leicht und überhaupt nur durch ausgiebiges Training zu erreichen war. Seine angeborene Beweglichkeit im Denken und die hieraus entspringende Ungeduld waren für diese Konzentrationsübungen von Nachteil. Doch der edle Mann geht, wie Konfuzius sagte, nicht den leichten, sondern den schweren Weg, und darum starrte Fandorin hartnäckig auf den vermaledeiten Knopf und wartete auf Ergebnisse.

Zunächst wollten sich die Gedanken durchaus nicht zurückdrängen lassen. Im Gegenteil, wie Fische im zu flachen Wasser klatschten und platschten sie hin und her. Aber allmählich traten die Geräusche der Außenwelt zurück, verschwanden ganz, die Fischlein glitten in tieferes Wasser, im Kopf wallte Nebel. Fandorin hielt den goldenen Kreis mit dem Wappen im Auge und dachte an gar nichts. Eine Sekunde oder eine Minute, vielleicht auch eine Stunde später war es soweit. Der kaiserliche Adler nickte kurz mit beiden Köpfen, die Krone funkelte auf, und Fandorin zuckte zusammen. Der Plan, nach dem vorzugehen war, stand fest.

Fandorin rief Masa herein, hieß ihn den Gehrock bringen, und während er sich umzog, erläuterte er seinem Vasallen kurz und knapp, worum es ging.

Die ersten Schritte unternahm der Detektiv innerhalb des Hotels. Vom Vestibül begab er sich zur Pförtnerloge und von da ins Restaurant. Was er mit der Dienerschaft zu besprechen hatte, war nicht in einer und nicht in zwei Stunden erledigt, so daß der Tag sich zum Abend neigte, die Schatten lang geworden waren und das Sonnenlicht zäh und dick wie Lindenblütenhonig, als Fandorin sich endlich vor der Tür zu dem Hotelflügel einfand, den man hier schon die Sobolew-Suite nannte.

Fandorin wies sich dem Gendarmen aus, der die Tür bewachte, und wurde in die Bannzone der Trauer vorgelassen, wo man nur im Flüsterton sprach und auf Zehenspitzen lief. No 47, das Appartement, wohin der tapfere General gestern eingezogen war, bestand aus Wohn- und Schlafzimmer. In ersterem drängten sich etliche Leute: Fandorin erkannte Karatschenzew inmitten weiterer Polizeibeamter, hinzu kamen die Adjutanten und Ordonnanzen des Toten, der Hotelchef, und in einer Ecke, still vor sich hinheulend, saß Lukitsch – Sobolews allseits bekannter Kammerdiener. Alle schienen sie auf etwas zu warten, schielten verstohlen nach der Tür zum Schlafzimmer. Der Polizeichef kam auf Fandorin zu und brummte halblaut: »Der Gerichtsmediziner Professor Welling ist drinnen und macht die Obduktion. Es zieht sich hin. Er könnte sich ruhig ein bißchen sputen.«

Wie um dem Wunsch des Generals zu entsprechen, ging in diesem Moment die weiße, mit geschnitzten Löwenköpfen verzierte Tür knarrend auf. Sofort wurde es im Raum still. Ein grauhaariger Mann, mürrisch blickend, mit hängender Unterlippe, erschien auf der Schwelle. An seiner Brust über der Lederschürze prangte das Annenkreuz.

»So, Exzellenz, ich bin soweit«, knurrte der Mann, augenscheinlich der Professor. »Ich kann Ihnen Bericht geben.«

Der General blickte sich im Zimmer um und sagte mit munter werdender Stimme: »Gut! Fandorin, Gukmassow und Sie« – er nickte dem Hotelchef zu – »kommen mit rein. Die anderen bitte ich hier zu warten.«

Das erste, was Fandorin beim Eintreten ins Totengemach sah, war der mit einem schwarzen Schleier verhängte Spiegel im verschnörkelten Bronzerahmen. Der Leichnam lagerte nicht auf dem Bett, sondern auf einem Tisch, den man offenbar aus dem Nachbarraum herübergeschoben hatte. Fandorin schaute auf die unter dem weißen Laken sich abzeichnende Kontur, bekreuzigte sich, und bei dem Gedanken an den schönen, starken und mutigen Mann, den er gekannt und der sich nun in diesen länglichen, unförmigen Gegenstand verwandelt hatte, vergaß er für einen Moment seine Ermittlungen.

»Die Sache ist klar«, begann der Professor nüchtern seinen Bericht. »Etwas Verdächtiges war nicht zu entdecken. Ich werde noch ein paar Analysen im Laboratorium anstellen, bin mir aber schon jetzt absolut sicher, daß die Lebensfunktionen infolge Paralyse des Herzmuskels zum Stillstand gekommen sind. Gleichzeitig liegt eine Paralyse des rechten Lungenflügels vor, die wir aber wohl eher als Folge denn als Ursache anzusehen haben. Der Tod ist augenblicklich eingetreten. Selbst wenn ein Mediziner in der Nähe gewesen wäre, hätte er nichts auszurichten vermocht.«

»Aber der Mann war doch das blühende Leben! Mit allen Wassern gewaschen!« Karatschenzew trat zum Tisch und schlug den Rand des Lakens zurück. »Der kann doch nicht einfach so gestorben sein!«

Gukmassow wandte sich brüsk ab, um seinem Vorgesetzten nicht in das tote Gesicht sehen zu müssen, während Fandorin und der Hotelchef näher traten. Das Antlitz des Toten wirkte ruhig und gefaßt. Selbst der berühmte wuchernde Backenbart, Zielscheibe des Spotts für die Liberalen im Lande und für die Karikaturisten in aller Welt, schien mehr denn je am Platz, gab dem wächsernen Gesicht einen Rahmen von Würde.

»Ach, was für ein Recke, ein echter Achilles«, murmelte der Hotelchef mit dem gurrenden R eines Franzosen.

»Was läßt sich über den Zeitpunkt des Todes sagen?« fragte Karatschenzew.

»Letzte Nacht zwischen ein und zwei Uhr«, gab Welling, ohne zu zögern, an. »Nicht früher und nicht später.«

Der General drehte sich nach dem Jessaul um.

»Gut. Nachdem die Todesursache festgestellt ist, können wir in die Einzelheiten gehen. Legen Sie los, Gukmassow. So ausführlich wie möglich.«

Ausführlichkeit schien Gukmassows Sache nicht zu sein. Sein Bericht geriet knapp, doch unmißverständlich.

»Gegen sechs sind wir vom Brjansker Bahnhof hier angekommen. Seine Exzellenz haben geruht bis zum Abendessen. Das gab’s um neun im Restaurant. Dann haben Seine Exzellenz noch eine Spazierfahrt gemacht. Moskau bei Nacht. Gehalten haben wir nirgends. Kurz nach Mitternacht hieß es, genug jetzt, zurück ins Hotel. Seine Exzellenz wollten noch ein paar Aufzeichnungen machen, weil, er hat ja an der neuen Schlachtordnung gearbeitet.«

Gukmassow schielte nach dem beim Fenster stehenden Sekretär, auf dessen ausgeklappter Schreibplatte Papiere verstreut lagen. Ein Stück zur Seite gerückt stand der Armstuhl. Karatschenzew ging hin, griff nach einem der beschriebenen Blätter, nickte ehrfürchtig.

»Ich ordne an, die Papiere sicherzustellen und Seiner Majestät persönlich zu übergeben. Fahren Sie fort, Gukmassow.«

»Den Herren Offizieren gestatteten Seine Exzellenz, über sich zu verfügen. Er wollte zu Fuß nachkommen, ihm war nach einem Spaziergang.«

Karatschenzew blickte erstaunt auf.

»Und Sie haben den General alleine ziehen lassen? Mitten in der Nacht? Äußerst merkwürdig.«

Er warf einen bedeutungsvollen Blick zu Fandorin hinüber, der sich um dieses Detail jedoch nicht im geringsten zu bekümmern schien. Statt dessen stand der Kollegienassessor vor dem Sekretär und fuhr mit dem Finger über den bronzenen Wandkandelaber.

»Da hat der General nie mit sich reden lassen.« Gukmassow lächelte bitter. »Wenn ich was gesagt hab, hat er mich angeschaut, als ob … Außerdem hatten Seine Exzellenz andere Spaziergänge hinter sich als im friedlichen Moskau. Mutterseelenallein durch die türkischen Berge und die turkmenischen Steppen.« Düsteren Blickes zwirbelte der Jessaul seinen Schnauzbart. »Ins Hotel haben Seine Exzellenz ja auch zurückgefunden. Nur den Morgen nicht mehr erlebt.«

»Wie fanden Sie den Leichnam vor?« fragte der Polizeichef.

»Er hat dort gesessen.« Gukmassow wies auf den Lehnstuhl. »Hintenüber gelehnt. Die Schreibfeder lag auf dem Fußboden.«

Karatschenzew ging in die Hocke und betastete die Tintenflecke auf dem Teppich.

»Tja. Gottes Wege …«, sagte er seufzend.

Die pietätvolle Pause wurde von Fandorin harsch unterbrochen. Während er nicht davon abließ, den vermaledeiten Kandelaber zu streicheln, raunte er vernehmlich zum Hotelchef hinüber: »Wie kommt es, daß Sie noch keine Elektrizität im Haus haben? Darüber wundere ich mich schon die ganze Zeit. So ein modernes Hotel, und G-g- … Gas gibt es auch nicht. Kerzenlicht auf den Zimmern!«

Der Franzose holte zu einer Erklärung aus, derzufolge Kerzenlicht immer noch bon ton sei, und im Restaurant habe man selbstverständlich elektrisches, und spätestens im Herbst würden die Leitungen im übrigen Haus gelegt – Karatschenzew unterbrach das nicht zur Sache gehörende Geschwätz mit zornigem Hüsteln.

»Und wie haben Sie die Nacht zugebracht, Gukmassow?« fragte er, sein Verhör fortsetzend.

»Ich habe einen alten Kampfgefährten besucht, Oberst Dadaschew. Wir haben gesessen und geredet. Im Morgengrauen kam ich zurück ins Hotel und bin gleich schlafen gegangen.«

»Richtig«, mischte Fandorin sich ein, »der Nachtportier sagte mir, es sei schon hell gewesen, als Sie kamen. Sie schickten ihn nach einer Flasche Selterswasser.«

»Das stimmt. Ich hatte, geb ich zu, einen über den Durst getrunken. Davon bekam ich einen trockenen Hals. Sonst stehe ich meistens sehr früh auf, aber ausgerechnet diesmal hab ich verschlafen. Da wollte ich gleich rüber zum General, zum Rapport – aber Lukitsch sagte mir, Seine Exzellenz seien noch nicht auf. Gut, dachte ich, wahrscheinlich hat er bis in die Nacht gearbeitet. Dann, wie es halb neun war, hab ich gesagt: Nein, Lukitsch, jetzt gehen wir ihn wecken, sonst nimmt er’s uns übel. Es war einfach nicht seine Art. Wir gehen also rein, und er sitzt so da« – Gukmassow ließ den Kopf in den Nacken kippen, klappte die Lider nach unten und öffnete den Mund halb – »und ist schon ganz kalt. Wir haben den Arzt gerufen, eine Depesche ans Korps geschickt … In dem Moment standen Sie vor mir, Fandorin. Entschuldigen Sie, daß ich Sie nicht so begrüßt habe, wie es sich ziemt für einen alten Gefährten. Sie können sich vorstellen, daß mir der Sinn nicht danach stand.«

Anstatt die Entschuldigung anzunehmen, die, mochte man meinen, unter den gegebenen Umständen gar nicht nötig gewesen wäre, hielt Fandorin nur den Kopf ein wenig schief, legte die Hände auf den Rücken und sagte: »Wie mir in der Restauration zu Ohren kam, hat gestern eine gewisse Dame für Seine Exzellenz gesungen und angeblich sogar bei ihm am Tisch gesessen. Irgendeine stadtbekannte Person? Wanda heißt sie, wenn ich mich recht entsinne. Und anschließend seien alle, der G-… General inklusive, mit ihr davongefahren. Ist das wahr?«

»Stimmt, eine Sängerin war dabei«, antwortete Gukmassow in knarzigem Ton. »Wir haben sie mitgenommen, irgendwo abgesetzt und sind weitergefahren.«

»Wo abgesetzt? Im ›Anglija‹ vielleicht, Stoleschnikow Pereulok?« fragte der Kollegienassessor nach, der erstaunlich gut informiert zu sein schien. »Ich habe gehört, F-frau Wanda logiert dort?«

Gukmassow schob die dunklen Brauen zusammen, und seine Stimme wurde noch hölzerner, man meinte es splittern zu hören: »Ich weiß in Moskau nicht Bescheid. Irgendwo in der Nähe, fünf Minuten Fahrt von hier.«

Fandorin nickte versonnen und schien gleich darauf jedes Interesse am Jessaul Gukmassow verloren zu haben – er hatte neben dem Bett die Tür zum Wandtresor entdeckt. Er ging hin, drehte am Knauf, das Türchen öffnete sich.

»Ist er leer?« fragte der Polizeichef.

»Jawohl, Euer Exzellenz. Der Schlüssel steckt von außen.«

»Auch gut.« Karatschenzew schüttelte sein rothaariges Haupt. »Was wir an Papieren noch finden, kommt unter Siegel. Wir sortieren später, was den Anverwandten zusteht, was dem Ministerium und was Seiner Majestät persönlich. Professor, Sie können Ihre Gehilfen rufen und sich ans Einbalsamieren machen.«

»Was denn, doch nicht etwa hier?« entrüstete sich Welling. »Einbalsamieren ist etwas anderes als Weißkraut einlegen, Herr General!«

»Verlangen Sie von mir, daß ich den Leichnam quer durch die Stadt in Ihre Akademie bugsiere? Schauen Sie aus dem Fenster, da fällt kein Apfel zur Erde. Nein, das müssen Sie schon hier zuwege bringen. Jessaul Gukmassow, ich danke Ihnen, Sie können gehen. Und Sie«, nun wandte er sich an den Hotelchef, »sehen zu, daß Sie alle Wünsche des Herrn Professor befriedigen.«

Allein mit Fandorin, nahm der General den jungen Mann beim Arm, führte ihn von dem Leichnam weg ein Stück beiseite und fragte halblaut, so als könnte der Tote es hören: »Nun? Was meinen Sie? Ihren Fragen und Ihren sonstigen Anstalten durfte ich entnehmen, daß Gukmassows Erklärungen Sie nicht zufriedenstellen. Glauben Sie, daß er mit etwas hinter dem Berg hält? Seine Nachlässigkeit in bezug auf die Morgenrasur hat er jedenfalls schlüssig begründet, finden Sie nicht? Er hat gesoffen und verpennt – die normalste Sache der Welt.«

»Gukmassow wäre gar nicht imstande zu verschlafen«, sagte Fandorin achselzuckend. »Das ginge gegen seine Natur. Und erst recht nicht käme er auf die Idee, bei Sobolew zum Rapport zu erscheinen, ohne sein Äußeres in Ordnung gebracht zu haben. Der Jessaul lügt, soviel ist klar. Aber das ist es nicht, Eure Exzellenz …«

»Sondern?« Karatschenzew horchte gespannt.

»Die Sache ist noch ernster, als ich vermutete. Sobolew ist nicht hier zu Tode gekommen.«

»Was soll das heißen, nicht hier?« staunte der Polizeichef. »Wo sonst?«

»Das weiß ich nicht. Aber gestatten Sie zu fragen, wieso der Nachtportier, mit dem ich gesprochen habe, Sobolew nicht hat heimkehren sehen?«

»Na, vielleicht hat er nicht aufgepaßt und will es nicht zugeben«, erwiderte Karatschenzew, mehr um der Polemik willen, als daß er ernsthaft daran glaubte.

»Das kann nicht sein, und ich werde Ihnen sagen, warum. Aber zuvor darf ich Ihnen noch ein Rätsel aufgeben, das Sie mir b-b-… bestimmt nicht lösen. Wenn Sobolew in der Nacht zurückgekommen wäre und an diesem Sekretär gesessen und geschrieben hätte, dann gewiß nicht, ohne sich ein Licht anzuzünden. Die Kerzen in den Kandelabern sind aber noch frisch, wie Sie sehen!«

»Tatsächlich!« Der General schlug sich mit der flachen Hand auf den in straffer Reithose steckenden Schenkel. »Fandorin, Sie sind ja ein Fuchs! Und aus mir wird wohl nie ein rechter Kriminalist.« Er zeigte ein entwaffnendes Lächeln. »Sie müssen wissen, ich bin erst seit kurzem zur Gendarmerie versetzt, war früher bei der Gardekavallerie. Aber sagen Sie doch, wie könnte die Sache sich zugetragen haben?«

Fandorins schöne Zobelbrauen zuckten vor Anspannung.

»Ich bin kein Wa-… Wahrsager. Aber eines steht fest: Der General ist nach dem Abendessen nicht auf seinem Zimmer gewesen, weil es zu der Zeit schon finster wurde, und Licht hat er, wie wir nun wissen, nicht gemacht. Auch nach Aussage der Kellner ist Sobolew mit seinem Gefolge vom Tisch weg aufgebrochen. Und der Nachtportier ist ein so gründlicher und auf seinen Ruf bedachter Mann, daß ich nicht glaube, er könnte sich von seinem Posten entfernt und die Rückkehr des Generals verpaßt haben.«

»Glauben oder nicht glauben, das ist kein Argument«, stichelte Karatschenzew. »Lassen Sie Tatsachen sprechen.«

»Bitte schön!« Fandorin ging lächelnd darauf ein. »Nach Mitternacht wird die Tür des Hotels zugesperrt. Es kommt hinaus, wer will. Wer aber herein will, muß schellen.«

»Gut, das ist schon einmal ein Fakt«, gab der General zu. »Aber machen Sie weiter.«

»Der einzige Moment, wo Sobolew hätte unbemerkt zurückkommen können, war, als unser braver Jessaul den P-… Portier nach Selterswasser schickte. Aber wie wir wissen, geschah das im Morgengrauen, also nicht vor vier. Wenn wir Herrn Welling glauben wollen – und warum sollten wir dem ehrenwerten Professor den Glauben verwehren? – dann ist Sobolew zu dem Zeitpunkt schon Stunden tot gewesen. Was läßt sich daraus schließen?«

Karatschenzews Augen blitzten.

»Ja, was?«

»Gukmassow hat den Portier weggeschickt, um Sobolews Leichnam unbemerkt ins Hotel zu befördern. Die übrigen Offiziere waren zu der Zeit außer Haus, nehme ich an.«

»Dann muß man diese Schufte ins Gebet nehmen, aber ordentlich!« polterte der Polizeipräsident so heftig, daß man im Nachbarzimmer offenbar aufhorchte – das von dort herüberdringende Gemurmel verstummte jäh.

»Das führt zu nichts. Sie haben sich abgesprochen. Darum sind sie mit der Nachricht vom Tod des Generals erst reichlich spät herausgerückt. So eine Absprache braucht Zeit.« Fandorin ließ sein Gegenüber ein Weilchen zur Ruhe kommen und das Gehörte überdenken, bevor er die Rede auf etwas anderes brachte.

»Wer ist eigentlich diese Wanda, die hier jeder zu kennen scheint?«

»Na, jeder vielleicht nicht, aber in gewissen Kreisen kennt man sie wohl. Eine Deutsche aus Riga. Sängerin, bildschön, nicht gerade eine Kokotte, aber etwas in der Richtung. Ein Kameliendämchen … Ich sehe, worauf Sie hinauswollen«, ereiferte sich Karatschenzew und nickte energisch. »Diese Wanda wird uns Licht in die Sache bringen. Ich werde Anweisung geben, daß man sie unverzüglich holen läßt.«

Der General ging entschlossen zur Tür.

»Das würde ich nicht raten«, erklang Fandorins Stimme in seinem Rücken. »Was immer vorgefallen ist – vor der Polizei wird die Person ungern auspacken wollen. Und mit den Offizieren steckt sie g-g-… garantiert unter einer Decke. Falls sie überhaupt etwas mit der Sache zu tun hat, versteht sich. Wenn Sie nichts dagegen haben, Herr Karatschenzew, fühle ich ihr selbst auf den Zahn. In meiner partikulären Eigenschaft, ja? Wo finde ich denn das ›Anglija‹? Stoleschnikow, Ecke Petrowka?«

»Genau. Fünf Minuten von hier.« Der Polizeichef betrachtete den jungen Mann mit sichtlichem Behagen. »Ich erwarte Ihren Bericht, Fandorin. Gehen Sie mit Gott.«

Und der Kollegienassessor, gestärkt durch den Segen seines hochrangigen Vorgesetzten, verließ das Zimmer.

DRITTES KAPITEL,

in welchem Fandorin die Münze werfen läßt

In fünf Minuten zum »Anglija« zu gelangen sollte Fandorin indes nicht gelingen. Auf dem Gang, direkt vor der unseligen Tür No 47, erwartete ihn ein düster dreinschauender Gukmassow.

»Ich hab ein Wörtchen mit Ihnen zu reden«, sagte er zu Fandorin, packte ihn fest beim Ellbogen und führte ihn in ein Zimmer, das gleich neben dem Appartement des Generals lag.

Dieses Zimmer glich dem, welches Fandorin bewohnte, wie ein Ei dem anderen. Auf Sofa und Stühlen hatte eine ganze Gesellschaft Platz genommen. Fandorin ließ den Blick schweifen und erkannte die Offiziere aus dem Gefolge des Toten, die er vorhin noch im Nachbarzimmer gesehen hatte. Mit einer leichten Verbeugung grüßte der Kollegienassessor in die Runde, worauf jedoch niemand einging – die Blicke der Anwesenden waren voll unverhohlener Feindseligkeit. Also verschränkte Fandorin die Arme vor der Brust, lehnte sich gegen den Türrahmen, und seine Miene, eben noch von höflicher Verbundenheit, wurde ebenso kühl und mürrisch.

»Meine Herren«, eröffnete Jessaul Gukmassow in strengem, beinahe festlichem Ton. »Ich darf Ihnen vorstellen: Erast Petrowitsch Fandorin, den zu kennen ich seit dem Türkischen Krieg die Ehre habe. Inzwischen ist er dem Moskauer Generalgouverneur unterstellt.«

Und wieder konnte man sehen, daß keiner der Offiziere auch nur ein Nicken für nötig hielt. Fandorin verzichtete gleichfalls auf eine zweite Verbeugung – gespannt, was da kommen mochte. Gukmassow sprach ihn an.

»Dies, Herr Fandorin, sind meine Kollegen Offiziere. Oberadjutant Oberstleutnant Baranow, Adjutant Oberleutnant Fürst Erdeli, Adjutant Stabshauptmann Fürst Abadsijew, Ordonnanz Rittmeister Uschakow, Ordonnanz Kornett Baron Eichholz, Ordonnanz Kornett Hall, Ordonnanz Fähnrich Markow.«

»Das werde ich mir kaum merken«, versetzte Fandorin.

»Wird auch nicht nötig sein«, entgegnete Gukmassow schroff. »Ich habe Ihnen die Herren vorgestellt, weil Sie uns allen eine Erklärung schulden.«

»Schulden?« fragte Fandorin spöttisch zurück. »Sagen Sie bloß!«

»Jawohl, mein Herr. Ich erwarte von Ihnen vor diesen Herren eine Erklärung, wie Sie sich erdreisten konnten, mich in Gegenwart des Polizeichefs einem derart erniedrigenden Verhör zu unterziehen.«

Ungeachtet der Drohung, die in der Stimme des Jessauls schwang, blieb Fandorin die Ruhe in Person, selbst sein übliches kleines Stottern war auf einmal verschwunden.

»Ich erlaubte mir, Ihnen einige Fragen zu stellen, Jessaul, weil der Tod General Sobolews ein Vorfall von nationaler Bedeutung, ich möchte gar sagen, von historischem Rang ist. Punkt eins. Und Sie«, wandte er sich mit einem säuerlichen Lächeln an Gukmassow, »haben uns zum Narren halten wollen, noch dazu nicht eben sehr geschickt – Punkt zwei. Fürst Dolgorukoi hat mir den Auftrag erteilt, in dieser Angelegenheit zu ermitteln – Punkt drei. Und Sie können sicher sein, daß ich die Ermittlungen zum Erfolg führe, so weit werden Sie mich kennen – Punkt vier. Aber vielleicht möchten Sie uns ja irgendwann die Wahrheit erzählen?«

Einer von den kaukasischen Fürsten auf dem Sofa – Fandorin wußte schon nicht mehr, welcher von beiden, er trug eine weiße Tscherkeßka mit silbernem Patronenbesatz – sprang auf.

»Punkt eins-zwei-drei-vier! Meine Herren! Dieser kleine Schnüffler, dieses Milchbübchen macht sich über uns lustig! Prochor, bei der Ehre meiner Mutter, den knöpf ich mir vor!«

»Setz dich, Erdeli!« schnarrte Gukmassow ihn an, und der Kaukasier fiel zurück in das Polster, sein Kinn ruckte nervös.

»Ich kenne Sie in der Tat, Fandorin. Ich kenne und ich achte Sie.« Gukmassows Blick war schwermütig und finster. »Und auch der General hat sie immer geachtet. Wenn Ihnen sein Andenken etwas wert ist, dann lassen Sie die Finger von der Sache. Sie machen alles nur noch schlimmer.«

Fandorins Antwort klang ebenso ernst und aufrichtig: »Wenn es nur um mich und meine pure Neugier ginge, ich käme Ihrer Bitte unbedingt nach. So aber, mit Verlaub, habe ich nicht die Wahl. Dienst ist Dienst.«

Gukmassow knackte mit den auf dem Rücken verschränkten Fingern, lief sporenklirrend im Zimmer auf und ab. Schließlich baute er sich wieder vor Fandorin auf.

»Dann habe auch ich nicht die Wahl. Ich kann nicht zulassen, daß Sie Ihre Ermittlungen fortsetzen. Die Polizei von mir aus, aber nicht Sie. Ihre Talente, Herr Fandorin, sind hier völlig fehl am Platz. Seien Sie gewiß, ich werde Ihnen mit allen Mitteln das Handwerk legen, ohne einen Gedanken an unsere gemeinsame Vergangenheit zu verschwenden.«

»Welche Mittel schweben Ihnen vor, Jessaul Gukmassow?«

»Ich weiß ein vorzügliches!« brüllte Oberleutnant Erdeli und war schon wieder auf den Beinen. »Sie, gnädiger Herr, haben die Offiziere des 4. Korps in ihrer Ehre beleidigt, und ich fordere Sie zum Duell. Hier und jetzt! Aug in Aug, auf Tuchfühlung!«

»Soweit ich den Duellkodex kenne«, gab Fandorin trocken zurück, »werden die Bedingungen des Zweikampfs von demjenigen diktiert, der herausgefordert worden ist. Ich spiele, wenn es sein muß, mit Ihnen dieses dämliche Spiel, aber erst, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind. Sie können mir Ihre Sekundanten schicken, ich wohne in No 20. Auf Wiedersehen, die Herren.«

Er kam nicht dazu, sich umzudrehen, denn Erdeli sprang mit dem Ruf: »So zwinge ich dich zum Duell!« auf ihn zu und wollte ihm eine Ohrfeige verpassen. Mit verblüffender Gewandtheit gelang es Fandorin jedoch, den ausgeholten Arm zu packen und das fürstliche Handgelenk mit zwei Fingern zusammenzupressen – dem Anschein nach nicht sehr kräftig, doch der Oberleutnant verzog das Gesicht vor Schmerz.

»Drrrecksack!« winselte er im Falsett und schwang nun den freien linken Arm. Fandorin, den penetranten Fürsten zurückstoßend, sagte verächtlich: »Geben Sie sich keine Mühe. Wir können die Ohrfeige als verabreicht ansehen. Ich werde Sie zum Duell fordern und die Beleidigung mit Blut büßen lassen.«

»Na wunderbar!« tat der phlegmatische Stabsoffizier, den Gukmassow als Oberstleutnant Baranow vorgestellt hatte, zum ersten Mal den Mund auf. »Nenn ihm deine Bedingungen, Erdeli!«

Dieser rieb sich das Handgelenk und zischte haßerfüllt: »Mit der Pistole. Sofort. Und auf Tuchfühlung.«

»Was heißt denn das, auf Tuchfühlung?« fragte Fandorin interessiert. »Ich habe von dem Brauch schon gehört, kann mir aber leider nichts Genaues darunter vorstellen.«

»Ganz einfach«, gab der Oberstleutnant liebenswürdig Auskunft. »Die Duellanten ergreifen mit der freien Hand je einen Zipfel eines gewöhnlichen Taschentuches. Sie können meines nehmen, es ist sauber.« Bei diesen Worten zog Baranow tatsächlich ein großes rot-weiß kariertes Taschentuch hervor. »Dann werden die Pistolen aufgenommen. Gukmassow, wo hast du deine LePage?«

Der Angesprochene nahm einen länglichen Kasten vom Tisch und klappte den Deckel auf. Die langen, inkrustierten Läufe blitzten.

»Die Duellanten losen die Pistolen aus«, fuhr Baranow gutmütig lächelnd in seinen Erläuterungen fort. »Dann wird gezielt – wobei es auf die Entfernung eigentlich nichts zu zielen gibt. Und auf Kommando wird geschossen. Das ist eigentlich alles.«

»Die Pistolen werden ausgelost? Heißt das etwa, eine ist geladen und die andere nicht?«

»So ist es.« Der Oberstleutnant nickte. »Darin liegt ja der Witz des Ganzen. Sonst wäre es kein Duell, sondern ein Doppelselbstmord.«

»Wenn das so ist«, sagte Fandorin achselzuckend, »tut der Herr Oberleutnant mir leid. Ich hab noch nie im Leben das falsche Los gezogen.«

»Es liegt in Gottes Hand. Passen Sie auf, daß Sie Ihr Unglück nicht beschreien!« wies Baranow ihn zurecht.

Augenscheinlich gibt er hier den Ton an und nicht Gukmassow! ging es Fandorin durch den Kopf.

»Sie benötigen einen Sekundanten«, sagte der verbiesterte Jessaul. »Wenn Sie wollen, kann ich als Ihr alter Bekannter Ihnen den Dienst erweisen. Und seien Sie unbesorgt, mit dem Losen hat alles seine Richtigkeit.«

»Das bin ich, mein lieber Gukmassow. Aber zum Sekundanten taugen Sie ganz und gar nicht. Denn sollte ich Pech haben, sähe das alles sehr nach einem Mord aus.«

Baranow nickte.

»Da hat er recht. Es ist angenehm, mit einem klugen Menschen Umgang zu haben. Und du hast auch recht, Prochor, so einer ist gefährlich. Wen schlagen Sie vor, Herr Fandorin?«

»Hätten Sie etwas gegen einen japanischen Staatsangehörigen einzuwenden? Sie müssen wissen, ich bin erst heute in Moskau angekommen und fand noch nicht die Zeit, Bekanntschaften zu knüpfen.«

Der Kollegienassessor hob entschuldigend die Hände.

»Von mir aus einen Papua!« rief Erdeli. »Hauptsache, es geht bald los!«

»Gibt es denn einen Arzt?« wollte Fandorin wissen.

»Ein Arzt wird nicht benötigt«, seufzte der Oberstleutnant. »Auf die Entfernung ist jeder Schuß tödlich.«

»Na, na. Nicht um mich mache ich mir übrigens Sorgen, sondern um den Fürsten.«

Empört rief Erdeli etwas in seiner georgischen Muttersprache und verzog sich in die entlegenste Ecke des Raumes.

Fandorin schrieb – in wunderlichen Zeichen, von oben nach unten und von rechts nach links – eine kurze Notiz, die er nach No 20 hinaufzubringen bat.

Masa beeilte sich nicht sonderlich zu erscheinen. Als er eine gute Viertelstunde später auftauchte, waren die Offiziere bereits nervös geworden und verdächtigten Fandorin des unlauteren Spiels.

Der Auftritt des Sekundanten machte auf die desavouierte Partei ordentlich Eindruck. Masa als ein großer Liebhaber von Duellen hatte sich für den Anlaß herausgeputzt: Er trug einen Paradekimono mit hohen, steif gestärkten Schultern, weiße Strümpfe und hatte seinen besten Gürtel mit Bambusspitzenmuster um die Hüften geschlungen.

»Was ist denn das für ein Makak!« entfuhr es Erdeli. »Na egal! Zur Sache!«

Masa verbeugte sich förmlich vor den Anwesenden und reichte seinem Herrn auf ausgestreckten Händen den Beamtendegen.

»Hier Euer Schwert, mein Herr.«

»Du fällst mir auf den Wecker mit deinem Schwert«, seufzte Fandorin. »Wir schießen uns mit Pistolen, der Herr da und ich.«

»Schon wieder mit Pistolen?« fragte Masa enttäuscht. »Was für eine barbarische Sitte. Und wen wollt Ihr erschießen? Den Struppigen? Der sieht ja aus wie ein Affe.«

Die Duellzeugen nahmen längs der Wand Aufstellung, während Gukmassow, den übrigen Männern den Rücken zukehrend, geheimnisvoll mit den Pistolen hantierte und die Duellanten alsdann wählen ließ. Fandorin sah zu, wie Erdeli, der sich zuvor bekreuzigt hatte, nach einer der Pistolen griff, und nahm sich lässig, mit zwei spitzen Fingern, die andere.

Den Anweisungen Gukmassows Folge leistend, packten die Duellanten die Taschentuchzipfel und entfernten sich voneinander, so weit es ging – es ging, selbst bei ausgestreckten Armen, nicht weiter als auf drei Schritt. Der Fürst hob die Pistole in Schulterhöhe und zielte mitten auf die Stirn seines Gegenübers. Fandorin hingegen hielt die Waffe irgendwo neben dem Oberschenkel und zielte überhaupt nicht, was die Entfernung ja auch wirklich nicht erforderte.

»Eins, zwei, drei!« zählte Gukmassow in rascher Folge und sprang zurück.

Die Pistole des Fürsten gab nur ein trockenes Klicken von sich. Dafür schoß aus Fandorins Waffe eine böse Feuerzunge, und im nächsten Moment wälzte sich der Oberleutnant auf dem Teppich, hielt sich die durchschossene rechte Hand, jammerte und fluchte zum Gotterbarmen.

Nach einer Weile, als der Jammer in dumpfes Stöhnen übergegangen war, konstatierte Fandorin in schulmeisterlichem Ton: »Mit dieser Hand werden Sie jedenfalls keinen mehr ohrfeigen!«

Vom Flur her ertönte Getrappel und Geschrei. Gukmassow öffnete die Tür einen Spalt und meldete nach draußen, es gebe einen peinlichen Vorfall, der Oberleutnant Erdeli habe sich beim Entladen der Pistole die Hand verletzt. Daraufhin wurde der Verletzte zu Professor Welling hinübergetragen, der glücklicherweise das Haus noch nicht verlassen hatte, um die Utensilien für die Balsamierung zu beschaffen, und ihm also einen Verband anlegen konnte; alsdann kehrte man in Gukmassows Zimmer zurück.

»Was nun?« fragte Fandorin. »Ist Satisfaktion gegeben?«

Gukmassow schüttelte den Kopf.

»Nun werden Sie sich mit mir duellieren. Zu den nämlichen Bedingungen.«

»Und dann?«

»Dann? Dann, sofern Sie davonkommen sollten, mit allen übrigen. Der Reihe nach. So lange, bis einer sie erschießt. Fandorin, ersparen Sie mir und meinen Leuten diese Tortur.« Jessaul Gukmassow schaute den jungen Mann beinahe bittend an. »Geben Sie Ihr Ehrenwort, daß Sie sich aus den Ermittlungen heraushalten werden, und wir scheiden als Freunde.«

»Ihre Freundschaft zu erwerben wäre mir eine große Ehre, doch Sie verlangen Unmögliches von mir«, erwiderte Fandorin mit Bedauern in der Stimme.

Masa hatte ihm etwas ins Ohr zu wispern: »Herr, ich weiß zwar nicht, was der Mann mit dem schönen Bart Euch da erzählt, aber mir schwant Böses. Wäre es nicht vernünftiger, den ersten Schritt zu tun und diese Samurais über den Haufen zu schießen, solange sie noch nicht mit sich zu Rande sind? Ich habe Euer kleines Pistölchen im Ärmel stecken und außerdem den Schlagring, den ich mir in Paris gekauft habe. Den würde ich zu gerne mal ausprobieren.«

»Masa! Halt dich im Zaum mit deinen Räubermanieren!« wies Fandorin den Diener in die Schranken. »Ich schlage mich mit den Herren auf ehrliche Art, immer schön der Reihe nach.«

»Och, das kann ja dauern!« maulte der Japaner und ließ sich, den Rücken zur Wand, auf dem Fußboden nieder. Fandorin unternahm einen Versuch, die Offiziere zur Vernunft zu rufen.

»Meine Herren! Glauben Sie mir, das führt zu gar nichts. Es ist die pure Zeitverschwendung.«

»Keine überflüssigen Worte«, schnitt Gukmassow ihm das Wort ab. »Weiß dein Japaner, wie man Duellpistolen lädt? Nein? Dann mach du es, Eichholz.«

Und wieder griffen die Kontrahenten zu den Pistolen, das Taschentuch straffte sich. Gukmassow wirkte düster und entschlossen, während Fandorin einen eher verlegenen Eindruck machte. Auf das Kommando, welches diesmal von Baranow kam, klickte Gukmassows Abzug leer. Fandorin hatte nicht abgedrückt.

»Schießen Sie, Fandorin, zum Teufel mit Ihnen!« zischte der Jessaul leichenblaß. »Und Sie, meine Herren, bestimmen gefälligst den nächsten. Die Tür verbarrikadieren, damit keiner schnüffelt! Und lassen Sie ihn ja nicht lebend davonkommen.«

»Schade, daß Sie mich nicht ausreden lassen wollen«, sprach Fandorin, die geladene Pistole schwenkend. »Und ich sage Ihnen, meine Herren, solange das Los zu entscheiden hat, sind Sie ohne Chance.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der Tod des Achilles" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen