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Der Tod braucht keine Sonnencreme

Inhalt

  1. Cover
  2. Über diese Serie
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Kapitel 14
  21. Kapitel 15
  22. Kapitel 16
  23. Kapitel 17
  24. Kapitel 18

Sofia und die Hirschgrund-Morde – Die Serie

Blaues Wasser, klare Luft, in der Ferne bei schönem Wetter die Alpen – das ist der Hirschgrund, ein idyllischer See mitten in Bayern. Nebenan der gleichnamige Campingplatz. Doch die Idylle trügt – denn diese Saison wird mörderisch.

Kaum ist die neue Besitzerin Sofia auf dem Platz angekommen, stolpert sie über den ersten Toten. Sofia ist entsetzt! Und dann neugierig. Bald schon entdeckt sie ihr Talent fürs Ermitteln und fängt an, in der bayerischen Idylle so einiges umzukrempeln …

Über diese Folge

Familienfest mit Folgen … Horst Willemsen wird 70! Und natürlich will der passionierte Camper seinen Ehrentag auf einem besonders schönen Campingplatz feiern. Also hat Sophia ihren Platz am Hirschgrund schon vor Saisonbeginn geöffnet. Doch dann liegt das Geburtstagskind eines Morgens tot auf dem Steg am See. War es Mord? Na gut, Sofia hat Jonas, ihrem Kommissar, versprochen, sich nie wieder in seine Ermittlungen einzumischen. Aber was kann sie dafür, dass einfach jeder in der Familie Willemsen ein Geheimnis zu hüten scheint? Und außerdem ist Sofia selbst in Gefahr – immer wieder zieht sie dieselbe Karte aus Evelyns Tarot – den Tod!

Über die Autorin

Susanne Hanika, geboren 1969 in Regensburg, lebt noch heute mit ihrem Mann und ihren vier Kindern in ihrer Heimatstadt. Nach dem Studium der Biologie und Chemie promovierte sie in Verhaltensphysiologie und arbeitete als Wissenschaftlerin im Zoologischen Institut der Universität Regensburg. Die Autorin ist selbst begeisterte Camperin und hat bereits zahlreiche Regiokrimis veröffentlicht.

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Kapitel 1

Die morgendlichen Geräusche auf meinem Campingplatz hatten mich aufgeweckt. Oder waren es die Sonnenstrahlen gewesen, die mir ins Gesicht schienen? Draußen ratterte etwas über den Boden – vermutlich zog ein Camper sein Toilettenwägelchen zur Chemietoilette. Jemand rief einen Morgengruß, wahrscheinlich die Schmidkunz, die auf dem Weg zur Toilette dem alten Gröning begegnete, und es roch nach Kaffee. Ich reckte mich genüsslich in dem breiten Doppelbett meiner Nonna und schob die linke Hand tastend auf die andere Betthälfte. Dort fand ich eine ziemlich nasse Hundeschnauze vor.

»Milo!«, rief ich entrüstet, und Milo, mein geerbter Riesenköter, sah zu, dass er sich aus dem Bett verzupfte. Meinem Freund Jonas, der hier seine Nächte verbrachte, würde ich sicherlich nicht auf die Nase binden, wie Milo seine Abwesenheit ausnutzte.

Andererseits war Jonas von Beruf Kriminalkommissar, und die ganzen Indizien – massenhaft schwarze Hundehaare und Pfotenabdrücke – waren für den geschulten Blick eines Kriminalers wohl kaum zu übersehen.

»Jonas«, rief ich, aber es kam keine Antwort. Er war bestimmt joggen gegangen – als Polizist musste er sich natürlich fit halten. Ich hätte mich im Prinzip auch fit halten können, und Jonas war auch bereit, ganz langsam mit mir zu joggen – also quasi in Zeitlupe, wie er es nannte.

Ich sprang aus dem Bett. Vielleicht holte ich ihn noch ein! Denn auch wenn ich ein rechtes Faultier war: Wenn man mit Jonas gejoggt hatte, fühlte man sich richtig gut hinterher! Ich sprang in mein Joggingoutfit, das ich mir extra für diesen Zweck zugelegt hatte, und rannte die Treppe hinunter zur Rezeption, wo Evelyn gerade die Semmeln an die Schmidkunz verkaufte und noch einen gepflegten Ratsch anhängte. Beide waren Dauercamperinnen hier auf dem Platz, Evelyn mehr »Dauer« als »Camper«, denn seit wir in ihrem Wohnmobil eine Leiche gefunden hatten, schlief sie bei mir im Haus. Obwohl sie inzwischen die Matratze ersetzt hatte, auf der der Musch damals gestorben war, schien es sie nicht in ihr Wohnmobil zurückzuziehen.

»Schätzchen, wir sollten das jedes Jahr so machen!«, sagte Evelyn zufrieden in meine Richtung. »Haben wir gerade festgestellt.«

»Einfach mal eine Woche ohne andere Campinggäste, nur wir, der harte Kern«, erklärte die Schmidkunz, die Tüte mit den Semmelchen in der Hand.

Weil ich gerade so gut gelaunt war, nickte ich nur. Denn schließlich waren wir diese Woche nicht einfach »nur wir«. Ich hatte für eine Großfamilie aus dem Rheinland bereits zwei Wochen früher geöffnet, um eine ungestörte Geburtstagsfeier zu ermöglichen. Ich hoffte daher eher umgekehrt, dass die paar Dauercamper, die sich jetzt einfach eingeladen hatten, keinen störten!

»Habt ihr Jonas gesehen?«, fragte ich.

»Der ist rauf zur Straße gejoggt und Richtung Wald«, erzählte Evelyn.

Aha! Er nutzte die Gunst der Stunde und lief eine lange Runde. Ich würde ihm entgegenlaufen! Das hatte mehrere Vorteile, unter anderem, dass das morgendliche Joggen kurz ausfiel.

»Schätzchen, übertreib es nicht mit dem Sport!«, warnte mich Evelyn noch. »Ich habe da grässliche Dinge über Entzündungen der Achillessehne gelesen.« Aber ich band mir die Laufschuhe – auch nagelneu – und winkte den beiden zu. Milo sah sich die Schuhe an, drehte an der Tür um und legte sich zu Evelyn in den Campingladen.

»Vernünftiges Tier«, sagte Evelyn beifällig. »Die spüren doch instinktiv, was gut für sie ist und was nicht.«

Hinter ihr klingelte das Telefon, und sie nahm den Hörer ab. »Camping am Hirschgrund«, meldete sie sich professionell wie eine Empfangsdame. »Ah, Tanja«, sagte sie dann, und ich sah zu, dass ich schnell aus der Tür kam. Tanja war die Bäckerin vorne am Ort. Wenn die mal am Quasseln war, dann fand sie so schnell kein Ende mehr.

Mein Campingplatz!, dachte ich stolz, als ich die Tür hinter mir geschlossen hatte und den Blick kurz schweifen ließ. Danke, Nonna, dass du ihn mir vererbt hast!, wandte ich mich in Gedanken an meine verstorbene Großmutter. Unvorstellbar, dass ich ihn ursprünglich hatte loshaben wollen! Ich atmete tief die frische Luft ein und genoss den Anblick des Sees. Hinter den großen Pappeln schwebten zarte Nebelschleier über die seidenglatte Wasseroberfläche am Hirschgrund. Die Wohnwägen meiner Dauercamper waren größtenteils noch nicht bewohnt, wir machten offiziell erst in zwei Wochen auf, Mitte April. Noch war es daher still. Der Gröning kam gerade aus dem Klohäusl und schien einen Spaziergang machen zu wollen. Hinter mir kam die Schmidkunz aus der Rezeption, und die Semmelchen dufteten lecker, als sie sich neben mich stellte.

»Wann geht es mit dem Klohäusl weiter?«, erinnerte mich die Schmidkunz noch an die einzige Schwachstelle meines Platzes. Das Toilettengebäude war nämlich immer noch nicht fertig renoviert, und alle Camper mussten das Damenabteil benutzen.

»Sabrina wollte demnächst kommen und die Renovierung wieder in Angriff nehmen«, antwortete ich. Da ich lieber mit der Schmidkunz ratschte, als zu joggen, erzählte ich weiter: »Sie wollte ja schon vor zwei Wochen anfangen, aber die kleine Mia weint so viel in der Nacht.« Mia war die kleine Tochter von Sabrina, die an Silvester geboren worden war. »Und bei der Oma bleibt sie auch nicht.«

Momentan sah ich ziemlich schwarz, was Sabrinas Arbeitseinsatz betraf. Aber wenn ich jetzt noch ein wenig weiterratschte, musste ich vielleicht gar nicht joggen. Die Schmidkunz jedoch sagte etwas von Kaffeekochen und ging zu ihrem Wohnwagen.

Mir blieb nichts anderes übrig, als loszutraben. Vorbei an den Hetzeneggers, bei denen es noch still war, und dann an dem uralten Wohnwagen meines dienstältesten Campers und Naturfreunds Gröning. Kurz vor dem Abspülhäuschen, bei dem man zum See hinunter abbog, blieb ich stehen und sah neugierig zu der Geburtstagsgruppe hinüber. Sie hatten gestern spätabends noch eine riesige Wagenburg aufgebaut: Im Zentrum befand sich der Wohnwagen des Geburtstagskinds, Horst Willemsen, der morgen seinen siebzigsten Geburtstag feiern würde. Um den Wohnwagen herum standen ein großes, uraltes Steilwandzelt, ein olivgrünes Einmannzelt, das relativ neu aussah, und ein riesiges, blitzend neues Wohnmobil. Ein knallrotes, ebenfalls nagelneues Dreimannzelt sowie ein Wohnwagen von Knaus schlossen den Kreis. Der alte, aber sehr gepflegte Detfleffs-Wohnwagen von Horst Willemsen in der Mitte verriet deutlich, dass es sich bei seinem Besitzer um einen erfahrenen Camper handelte.

Gerade trat Willemsen aus seinem Vorzelt und fing sofort an, alles Mögliche zu kontrollieren. Ob alle Zelte und Vorzelte richtig abgespannt waren, Autotüren versperrt, und ob Kinderspielzeug ordentlich unter die Wohnwägen geschoben war. Willemsen war ein riesiger Mann mit dem leicht schwankenden Gang eines Elefanten, und wenn er sprach, hörte man seine Stimme auf dem gesamten Platz, so laut und polternd war sie.

Ich blieb in sicherer Entfernung beim Abspülhäuschen stehen. Worauf ich nämlich noch weniger Lust hatte als auf Joggen, war eine Unterhaltung mit ihm. Er war furchtbar anstrengend. Heute Morgen wirkte er außerdem ruhelos – wahrscheinlich wartete er ungeduldig darauf, dass die anderen Familienmitglieder endlich aufstanden.

Kurz nach ihm kam seine Frau aus dem Vorzelt, in einer dunkelgrauen Jogginghose, darüber ein Häkeltop in Grau mit aufgesticktem Wohnmobil, und winkte mir zu. Ich winkte zurück und tat, als hätte ich es furchtbar eilig. Denn auch sie, Hannelore, war unglaublich gesprächig. Sie schien in jeder Lebenslage zu stricken, sticken und zu häkeln. Und alles, was sie trug, war selbst gemacht. Auch ihre Enkelkinder waren in Selbstgehäkeltes gekleidet. Vielleicht aber auch nur, wenn sie mit der Oma zusammen campten.

»Ich weck die mal«, polterte Horst gerade los. »Noch viel zu tun!«

Ich sprang schnell über die Holzstufen hinunter zum See. Irgendwie war ich total glücklich darüber, dass ich nicht mit Horst Willemsen verwandt war und von ihm aus dem Bett geworfen wurde.

Der See sah aus der Nähe noch wundervoller aus! Die Sonne hatte die Nebeldecke schon licht und golden gemacht. Gerade als ich unten angekommen war, hörte ich Schritte, und Jonas kam locker am Uferweg angetrabt.

»Schade, dass du schon kommst«, log ich und strahlte ihn an. »Ich wollte mit dir joggen.«

Er lachte nur über meine Lüge, und wir knutschten so lange, bis sich der Nebel verzogen hatte und das Wasser des Sees funkelnd und glitzernd neben uns lag. Vom Campingplatz hörte man inzwischen Kinder heulen, lachen und schreien, eine Schubkarre quietschte laut. Inmitten von alldem die polternde Stimme von Horst. Hatte der eben »Blötschkopp« gesagt? Ich sah neugierig zum Frühstückstisch der Willemsens hinüber und hörte Horst schimpfen: »Nu aas nich so mit dem Zucker rum, sonst ham wer nix mehr für den Nachtisch!«

Jonas runzelte die Stirn. Vielleicht weil er genauso wenig verstand wie ich.

»Was ist?«, fragte ich besorgt.

Er nahm meine kalten Finger in seine warmen Hände und lächelte mich an. »Familientreffen!«, sagte er nur. »Lass uns Kaffee trinken.«

»Was hast du gegen Familientreffen? Ich dachte, du willst mir demnächst deine Geschwister vorstellen«, fragte ich neugierig.

»Bei solchen Treffen muss ich immer an Mord und Totschlag denken«, gab er zu und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Bei deinen Geschwistern?«, fragte ich nach.

»Nein, bei Familientreffen«, seufzte er und fügte ausweichend hinzu: »Ich muss jetzt duschen, sonst erkälte ich mich noch.«

»Lass uns zur Rezeption joggen«, flüsterte ich. »Dann brauchen wir keine Unterhaltung anzufangen.«

Wir trabten an Christian Willemsen vorbei, das war der älteste Sohn von Horst, vielleicht in meinem Alter. Er hatte es beruflich anscheinend zu etwas gebracht, denn ihm gehörte das blitzende Wohnmobil. Schon jetzt am Morgen sah er aus wie aus dem Ei gepellt mit seinem karierten Hemd und der grauen Treckinghose. Statt uns zu grüßen wischte er hektisch auf seinem iPhone herum. Hinter ihm trat mit unzufriedener Miene eine sehr blonde, sehr dünne Frau aus dem Wohnmobil. In ihrer gefütterten rosafarbenen Fleecejacke und der dunkelbraunen Jeans schaute sie aus, als würde sie Werbung für ein Outdoor-Bekleidungsgeschäft machen. Eigentlich sah alles, was die beiden besaßen, aus, als hätten sie es gerade erst gekauft und als spielte Geld keine Rolle. Für ihre zwei pubertierenden Mädchen beispielsweise hatten sie das knallrote, offensichtlich sauteure Kuppelzelt aufgestellt, in dem diese aber trotz Ausstattung mit nur den besten Isomatten und Schlafsäcken nicht schliefen. Sie lagen ganztags mit ihren Handys im Wohnmobil und pfiffen sich ein YouTube-Video nach dem anderen rein. Christian sah erst von seinem Handy auf, als sein Vater neben ihm stehen blieb und ein Gespräch anfing. Bestimmt über die hohe Qualität der Campingausrüstung. Schnell joggten wir weiter.

Aus dem Toilettengebäude kam gerade einer der anderen Söhne von Horst Willemsen, entweder Jan oder Matthias. Für mich waren die zwei nicht zu unterscheiden, es waren nämlich eineiige Zwillinge. Dieser hier – zweiunddreißig Jahre alt, wie ich aus den Personalausweisen wusste – trug ein enges rosa kariertes Hemd, eine graue Outdoorhose und Meindl-Wanderstiefel. Er stellte sich uns – beziehungsweise Jonas, um genau zu sein –in den Weg und sagte mit einem breiten Grinsen: »Ich habe gehört, Sie sind von der Kripo.«

Jonas wirkte etwas verzweifelt, und es war ziemlich gemein von mir, dass ich weiterlief, als wäre nichts gewesen. Aber Evelyn, die vor der Rezeption stand, winkte mir gerade zu. Sie hatte ihren Stil vollkommen umgestellt, statt mondän war sie plötzlich sehr hippiemäßig gekleidet: Eine weiße Carmen-Bluse mit viel Rüschen wurde von einem bunten, sehr langen Rock ergänzt, der fast auf dem Boden schleifte. Dazu jede Menge Ketten und riesige Ohrringe. Ihre Haare hatte sie sehr streng nach hinten gebürstet und zu einem Dutt gebunden. Nur eine Strähne ringelte sich in einer perfekten Locke an ihrer Schläfe entlang. Dafür hatte sie bestimmt mein Bad eine Stunde lang blockiert! Ihre riesige Kaffeetasse, die sie in der Hand hielt, trug den Spruch Des Campers Fluch ist Regen und Besuch. Auf Evelyn, die immerhin seit einem Jahr bei mir im Haus wohnte anstatt in ihrem Wohnmobil, traf diese Aussage zu.

»Auch ’nen Kaffee?«, fragte sie, den Blick auf die beiden Männer gerichtet.

»Au ja«, sagte ich begeistert. Mit Kaffee konnte man mich zu fast allem kriegen.

»Den armen Jonas würde ich mit Jan nicht alleine lassen«, sagte sie, während sie mich nach drinnen dirigierte.

»Wieso?«

»Der baggert ihn doch nur an. Ich an deiner Stelle hätte mit ihm zu knutschen angefangen, damit die Verhältnisse geklärt sind.«

»Mit Jan?«, fragte ich grinsend, aber Evelyn war schon im Haus verschwunden. Ich sah, dass Jonas seine Hände in die Seiten gestemmt hatte – das untrügliche Zeichen dafür, dass er das Gespräch gleich abwürgen würde.

»Der hat doch eine Frau«, rief ich Evelyn hinterher und folgte ihr in die Rezeption. Sie füllte geschäftig Kaffee in die Tasse mit der Aufschrift I love Camping und kredenzte mir eine der leckeren Meierbeck-Brezen auf einem Blümchenteller meiner Nonna.

»Nein. Der andere Zwilling hat eine Frau«, sagte sie. »Jan ist der mit dem Ohrring. Der hat aus gutem Grund keine Frau.«

Mir war das noch gar nicht aufgefallen. Ich bedankte mich für den Kaffee, den sie mir in die Hand gedrückt hatte.

»Ich muss nämlich was mit dir besprechen«, fügte Evelyn erklärend hinzu, und am liebsten hätte ich mein »Au ja« zurückgenommen.

»Auch ’nen Kaffee?«, fragte sie Jonas, den Meister im Abkürzen von Gesprächen, der eben bei uns ankam.

»Danke, ich muss unter die Dusche«, sagte er knapp.

Musste ich nicht auch dringend duschen? Mit Jonas duschen war nämlich ein Erlebnis … Aber ich hatte dummerweise schon den Kaffee in der Hand. Jonas, der meine verzweifelte Miene richtig interpretierte, grinste breit und verzog sich nach oben. Vermutlich als Rache, weil ich ihn mit Jan alleine gelassen hatte.

»Schätzchen«, fing Evelyn an.

»Ja«, sagte ich und nahm einen riesigen Schluck Kaffee.

»Gerade hat doch die Tanja angerufen.«

Aha! Inzwischen duzte sie sich mit der Bäckerin.

Evelyn legte eine Kunstpause ein, und ich ahnte Schlimmes.

»Sie hat eine ganz wunderbare Idee bezüglich des kleinen Bootshauses unten am See …«

Ich runzelte die Stirn. Natürlich wusste ich, dass ganz versteckt am Ufer noch dieses uralte Bootshaus vor sich hin moderte. Man sah es kaum, so sehr war es eingewachsen zwischen all dem Schilf und den Pappeln. Okay, und der umgestürzten Pappel, die vielleicht sogar auf dem Dach des Häuschens gelandet war. So genau wusste ich das alles nicht, denn meine Nonna hatte noch zu Lebzeiten die Tür zunageln lassen, damit keiner auf die Idee kam, es zu betreten. Das Häuschen war ein Sicherheitsrisiko von globalem Ausmaß, und wahrscheinlich hatte die Bäckerin das erkannt und wollte, dass ich es abriss.

Aber das kam gar nicht infrage. Ich hatte jetzt erst einmal ein Klohäusl zu finanzieren!

»Das ist versperrt«, sagte ich und biss in die Breze. »Und überhaupt keine Gefährdung des Campingplatzes.«

»Ja. Aber man könnte es ein bisschen herrichten.«

Herrichten? Wollte sie sich ein Boot zulegen?

»Ja, ich schenke es der Tanja Meierbeck«, schlug ich vor. »Dann kann sie das machen.«

»Es geht eigentlich darum, dass du es herrichtest und wir dann dort … ein Café eröffnen«, sagte Evelyn strahlend. »Ich finde das eine sehr gute Idee. Ein Café am See unten fehlt einfach noch. Das ist eine wunderbare Geschäftsidee.«

Evelyn nahm einen Stapel Karten in die Hand, der neben ihr lag, und begann ihn zu mischen.

»Sie kann gerne ein Café eröffnen«, nickte ich. »Ich schenke ihr auch das Bootshaus.«

Damit war das Thema für mich erledigt. Allerdings nicht für Evelyn, die mir in den höchsten Tönen anpries, wie wunderbar so ein Café auf unserem Campingplatz wäre, wie gut es von den Campinggästen angenommen werden und neue Gäste anlocken würde.

»Die machen sich doch den Kaffee in ihren Wohnwägen«, sagte ich und biss noch einmal in die Breze. »Da hat jeder Campingkocher dabei und Espressomaschinen.«

»Ja. Weil es kein Café gibt«, erklärte mir Evelyn das Problem und mischte weiter ihre Karten.

»Die Vroni hat sogar einen mit Kaffeekapseln.«

»Und ständig fliegt die Sicherung vom Campingplatz raus, nur weil alle ihre Kaffeekocher, Wasserkocher, Espressomaschinen und Vollautomaten einschalten.«

»Hm«, machte ich nur, weil das nämlich stimmte.

»Eine totale Umweltsauerei«, erklärte mir Evelyn, die sich eigentlich überhaupt nicht für Umweltschutz interessierte. »Und sie würden alle unseren Kaffee trinken, wenn es das Café gäbe.«

»Das Meierbecksche Café«, verbesserte ich sie. »Weil ich kein Café eröffnen werde.«

Evelyn schüttelte vehement den Kopf, und ich hatte den Eindruck, dass sie so schnell nicht aufgeben würde.

»Zieh eine Karte!«, sagte sie und strahlte mich an. »Entspann dich. Atme tief ein. Und konzentrier dich auf dich selbst.«

»Was ist das?«, fragte ich misstrauisch.

»Tarot«, erklärte sie mir und lächelte noch immer. »Für dich ist das auch gratis!«

Wie generös! Aber ich nahm trotzdem eine Karte und drehte sie um.

»Der Tod«, sagte ich verblüfft, als ich den reitenden Ritter mit dem Totenkopf sah. Oje! Das ließ sich jetzt gar nicht gut an!

Eine Weile starrte Evelyn ebenfalls auf die Karte, dann lächelte sie. »Trumpf Dreizehn. Du bekommst jetzt vielleicht ein bisschen Angst …«

Nein, eigentlich überhaupt nicht, weil ich an diesen Quatsch nicht glaubte. Aber ich nickte, um ihr den Spaß nicht zu verderben.

»Könnte man schon bekommen«, sagte ich also. »Man muss nur daran denken, dass ich im letzten Jahr vier Leichen gefunden habe. Und auf eine fünfte kann ich echt verzichten!«

Sie nickte. »Aber du musst keine Angst haben.«

Ach was.

»Denn die Karte kann auch etwas Gutes bedeuten.«

Ich trank meinen Kaffee aus, gespannt darauf, was sich Gutes aus dem Tod ergeben konnte.

»Es bedeutet auch Abschied von der Vergangenheit. Du solltest keine Angst vor Verlusten haben, sondern nach vorne denken!«

»Okay«, stimmte ich ihr zu.

»Es kann einfach darauf hindeuten, dass du dich von etwas Altem trennen musst«, erklärte sie mir, und ich musste an die alte Grünlilie von Nonna denken, die oben in der Küche vor sich hin starb.

»Zum Beispiel vom Bootshaus«, führte Evelyn weiter aus, »und dieses als Café wiederauferstehen lassen …«

»Vielleicht ist auch das Klohäusl gemeint«, sagte ich mit vollem Mund. »Von dem trenne ich mich nämlich gerade.«

Ich kicherte, begeistert über meine Fähigkeiten als Wahrsagerin. Nur Evelyn zog eine böse Miene und schob die Karten wieder zusammen. »Du wirst schon noch sehen«, sagte sie.

Ich nickte, stand auf und lief zu Jonas hinauf ins Obergeschoss.

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Kapitel 2

Nachdem ich mit Jonas geduscht hatte – das dauerte seine Zeit und rettete mir außerdem den Tag –, musste er leider in die Arbeit. Noch ließ er mich aber nicht los, sondern zog mich hinter sich her die Treppe hinunter in die Rezeption.

»Joggen macht mich richtig frisch«, behauptete ich, obwohl ich nur drei Schritte gelaufen war. Jonas lachte.

»Wir probieren es noch einmal«, sagte Evelyn, anscheinend fest entschlossen, mich von ihren Wahrsagerqualitäten zu überzeugen. Sie hielt mir den Fächer aus Tarotkarten vor die Augen. Jonas sagte irgendetwas, das ein bisschen wie »Oje!« klang, küsste mich schnell und verschwand mit einem »Bis heute Abend« nach draußen.

»Jetzt nicht«, wehrte ich ab. »Ich habe echt noch viel zu tun.« Schließlich ging die Saison in zwei Wochen los!

»Für bestimmte Dinge muss man sich Zeit nehmen«, ermahnte mich Evelyn streng. »Schließ kurz die Augen und sammle dich … Atme tief durch. Und dann ziehst du deine Tageskarte.«

»Das habe ich doch schon gemacht.«

»Ja. Aber vielleicht musst du es blind machen«, schlug Evelyn vor, »damit wirklich dein Innerstes die Wahl trifft. Wahrscheinlich hast du dich vorhin einfach ablenken lassen.«

Ich nickte.

»Und denk fest daran, was heute noch passieren wird.«

Ich tat ihr den Gefallen. Ich ließ meine Finger über die Karten gleiten, dachte dabei an Leberkässemmeln mit süßem Senf, und irgendwann schnappte ich mir eine Karte.

Wir starrten beide sprachlos auf das Tarot, denn schon wieder war es die Dreizehn mit dem Tod. Das fand ich jetzt doch ein klein wenig beunruhigend.

»Ich bin mir ganz sicher, dass das bedeutet, dass du ein Café eröffnen wirst. Obwohl du dich jetzt wie wild dagegen wehrst«, erklärte Evelyn und lächelte angestrengt.

Ich hoffte nur, dass sie damit recht hatte. Eine weitere Leiche konnte ich wirklich nicht brauchen!

Wir setzten uns auf das Bänkchen vor die Rezeptionstür. Evelyn bildete sich ein bisschen weiter bezüglich der Deutung von Tarotkarten; und ich hatte den Verdacht, dass das ihre neue Geschäftsidee war. Es kam mir nämlich nicht so vor, als hätte sie viel Kohle.

»Du brauchst ein Sitzkissen«, sagte Evelyn, während sie eine bequemere Position auf dem Bänkchen suchte.

»Sagen das deine Karten?«, fragte ich.

»Nein, das sagt mein Hintern«, verriet sie mir. »Ohne Kisschen ist das fast ein wenig zu kühl, obwohl es eigentlich schon recht warm ist.«

Ja. Denn eigentlich war es für April viel zu mild, es fühlte sich schon nach Sommer an. Eine Weile beobachteten wir einträchtig die Wagenburg von Horst Willemsens Familie. Seine Frau Hannelore saß auf einem bequemen Campingstuhl, der einen gehäkelten Überzug in Braun-weiß-Gestreift hatte, und häkelte eifrig weiter an irgendetwas in den Farben Braun-Hellbeige-Mokka. Horst Willemsen war schon wieder am Herumdröhnen. »Dem Dullmann hab ich abba so watt von die Meinung gegeicht«, hörten wir über den Platz schallen.

»So viele Kinder zu haben muss die Hölle sein«, mutmaßte Evelyn. »Vier Söhne! Deswegen häkelt die arme Frau den ganzen Tag. Das ist ihre Flucht vor der Realität.«

»Quatsch«, sagte ich. »Manche Leute häkeln gerne. Und haben gerne Kinder.«

»Die Jüngsten sind Zwillinge«, sagte Evelyn. »So aus der Entfernung kennt man die überhaupt nicht auseinander.« Ja, die Ähnlichkeit von Jan und Matthias war wirklich erstaunlich, sogar ihre Mimik war identisch. Matthias war mit Maike verheiratet, einer dünnen, mädchenhaften Frau mit riesiger Hornbrille, die anscheinend keine Lust auf Campingurlaub hatte.

Gerade blieb Opa Horst bei ihr stehen, sie kicherte, und er legte ihr den Arm um die Schulter. Ich runzelte die Stirn. Wie grässlich, so einen Schwiegervater zu haben. Ich hoffte ganz stark, dass der Vater von Jonas nicht so übergriffig war. Ich konnte das nämlich gar nicht leiden, wenn mir irgendjemand ungefragt den Arm um die Schultern legte. Im nächsten Moment rannte einer der kleinen Zwillingssöhne von Maike in die beiden hinein, und Opa Horst schimpfte: »Wat soll die Kujaxerei?«

Maike schien über die »Kujaxerei« heilfroh zu sein.

»Also, den schwulen Jan kannst du an dem Ohrring erkennen. Und die anderen an den Kindern«, bot Evelyn unvermittelt Orientierung. »Zu Matthias gehören die zwei Klonjungs und das Baby.«

»Zwillinge«, verbesserte ich sie und sah zu, wie die zwei zweijährigen »Klonjungs« zu ihrem Vater rannten und sich beide an ihn hängten, anscheinend etwas eingeschüchtert von ihrem Opa.

Die Namen der Kinder konnte ich mir überhaupt nicht merken. Es gab die pubertierenden Mädchen von Christian Willemsen, die ihren Blick nicht vom Handy abwenden konnten. Der zweitgeborene Sohn Dennis hatte drei kleine Kinder, die mussten so eins, drei und fünf sein. Dann noch die Klonzwillinge und das Baby von Maike und Matthias. Das einzige Kind, das mir schon gestern aufgefallen war, war die kleine Elisa von Dennis, seine Älteste. Sie war hauptsächlich damit beschäftigt, durch ein kleines Fernglas zu schauen. Ob es ein Spielzeug war oder ein richtiges Fernglas konnte ich nicht sagen. Meistens kicherte sie vor sich hin, und den ungelenken Schritten nach zu urteilen, schaute sie die ganze Zeit verkehrt herum in das Fernglas und sah alles winzig klein und ewig weit weg. Das stellte ich mir auch unglaublich witzig vor!

Gerade kam ihr Vater Dennis mit dem Jüngsten auf den Schultern und seiner Frau Julia an der Hand zu uns herauf.

»Was für ein reizendes Paar«, lobte ich.

»Bisschen hippiemäßig«, moserte Evelyn.

»Du bist auch ein bisschen hippiemäßig«, sagte ich mit einem Blick auf ihren Zigeunerrock.

»Aber ich habe Schuhe an«, wehrte sie sich.

Julia und Dennis waren nämlich barfuß. Sie trug einen weiten bunten Rock und er eine zerrissene Jeans. Ihre Tochter Elisa hatte noch ihren Blümchen-Schlafanzug an und war ebenfalls barfuß. Sie erreichte uns als Erste, blieb direkt vor mir stehen und sah mich mit ihrem Fernglas an. Der Anblick musste sehr eigenartig sein, denn sie lachte laut.

»Verkaufen Sie zufällig Zahnbürsten?«, fragte Julia.

»Nein«, sagte Evelyn.

»Ja«, korrigierte ich.

»Wir haben keine im Laden«, verbesserte mich Evelyn.

»Ich habe eine Reservezahnbürste«, erklärte ich. Evelyn verdrehte die Augen. »Die hole ich Ihnen.«

»Bist du eine Wahrsagerin?«, fragte Elisa und sah sich Evelyn mit dem Fernglas an.

»Ja«, behauptete Evelyn.

»Nein«, behauptete ich.

»Kannst du mir sagen, was morgen passiert?«, fragte Elisa.

Wortlos mischte Evelyn ihre Karten, was inzwischen sehr professionell aussah, und hielt dann dem kleinen Mädchen den Kartenfächer hin. Eine Weile betrachtete das Kind die Karten mit dem Fernglas.

»Ich hole Ihnen schnell die Zahnbürste«, verabschiedete ich mich, während Elisa nach der Karte griff.

Evelyn zog scharf die Luft ein, als die Karte umgedreht wurde.

Schon wieder der Tod!

Ich rannte hoch in meine Wohnung. Wahrscheinlich hatte Evelyn ein Tarotkarten-Set, das nur aus Todeskarten bestand, beruhigte ich mich selbst und kehrte nur wenige Minuten später mit der Reservezahnbürste zurück. Da hatte Evelyn die Karte schon interpretiert, vermutlich mit ihrem »Es stehen große Veränderungen ins Haus«,

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