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Der Teufelsvogel des Salomon Idler

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Erstes Buch – Das Manuskript
  5. Prolog
  6. 1.
  7. 2.
  8. 3.
  9. 4.
  10. 5.
  11. 6.
  12. 7.
  13. 8.
  14. 9.
  15. 10.
  16. 11.
  17. 12.
  18. 13.
  19. 14.
  20. 15.
  21. 16.
  22. 17.
  23. 18.
  24. 19.
  25. 20.
  26. 21.
  27. 22.
  28. 23.
  29. 24.
  30. 25.
  31. 26.
  32. 27.
  33. 28.
  34. 29.
  35. 30.
  36. 31.
  37. 32.
  38. 33.
  39. 34.
  40. 35.
  41. Zweites Buch – Die Flugmaschine
  42. 1.
  43. 2.
  44. 3.
  45. 4.
  46. 5.
  47. 6.
  48. 7.
  49. 8.
  50. 9.
  51. 10.
  52. 11.
  53. 12.
  54. 13.
  55. 14.
  56. 15.
  57. 16.
  58. 17.
  59. 18.
  60. 19.
  61. 20.
  62. 21.
  63. 22.
  64. 23.
  65. 24.
  66. 25.
  67. 26.
  68. 27.
  69. 28.
  70. 29.
  71. 30.
  72. 31.
  73. 32.
  74. 33.
  75. 34.
  76. 35.
  77. 36.
  78. 37.
  79. 38.
  80. 39.
  81. 40.
  82. Drittes Buch – Die Entscheidung
  83. 1.
  84. 2.
  85. 3.
  86. 4.
  87. 5.
  88. 6.
  89. 7.
  90. 8.
  91. 9.
  92. 10.
  93. 11.
  94. 12.
  95. 13.
  96. 14.
  97. 15.
  98. 16.
  99. 17.
  100. 18.
  101. 19.
  102. 20.
  103. 21.
  104. 22.
  105. 23.
  106. 24.
  107. 25.
  108. Epilog
  109. Danksagung

Prolog

Der Kampf spielte sich in über sechzig Fuß Höhe ab.

Idler folgte mit dem Blick dem Flug einer Taube, er kniff die Augen zusammen, als sie mitten durch die Sonne hindurchzuschießen schien und ihm für einen Augenblick außer Sicht geriet. Dann entdeckte er sie wieder, wie sie ruhig, ohne ein einziges Mal mit den Flügeln zu schlagen, über die Dächer hinwegglitt. Wie mühelos. Idler seufzte, als er an die Leichtigkeit dachte, mit der sie die Luft durchschnitt, während er hier auf dem lehmigen Boden der Vorstadt hockte und Schuhe besohlte. Sinnend sah er dem Vogel nach, als aus heiterem Himmel ein Sperber direkt aus der Sonne auf die Taube niederstieß. Erschrocken und neugierig, was geschehen würde, ließ Idler die Nähnadel auf den Kloben sinken und hielt den Atem an.

Wie ein Stein stürzte der Sperber auf die Taube herab, breitete kurz vor dem Zusammenstoß die Flügel auf und stieß einen heiseren Schrei aus, während er sich um sich selbst drehte und die Taube zu fassen versuchte. Graue Federn stoben. Die Taube legte die Flügel an den Körper und fiel beinahe senkrecht zur Erde. Idler starrte auf das stürzende, fast flugunfähige Tier, das sich rasend schnell seinem Verfolger entzog. Der Sperber stieß nach, taumelte hinter der Taube her in die Tiefe, den Kopf zum Zuhacken gesenkt, spreizte und schloss in schnellem Rhythmus die Schwingen. Idler erwartete, dass die Taube auf den Vorstadtdächern zerschellen würde, aber kurz bevor dies geschah, breitete sie ihre Flügel aus, glatt und schnittig, schlug zwei Haken, denen der Sperber nicht gewachsen war, und landete vor dem Taubenhaus, in das sie scheinbar sorglos spazierte.

Nur graue Federn schwebten langsam zur Erde. Salomon Idler stand auf, legte sein Schusterzeug auf den Schemel und sah in die Luft, um dem Spiel der Federn folgen zu können, die in der sich langsam erwärmenden Luft abwechselnd stiegen und fielen. Nur langsam näherten sie sich dem Erdboden. Idler seufzte. Stundenlang hätte er zusehen können, wenn die Vögel ihre Kunststücke in freier Luft zeigten. Er aber war an diesen Erdboden gebunden. Die Lehmklumpen an den Füßen zogen ihn abwärts, auch wenn er sich den Kopf frei machte.

Sanft segelten die Federn auf seine kräftigen, schwieligen Hände nieder. Idler ließ sie auf seinen offenen Handflächen ruhen und betrachtete sie neugierig. Wie genau sie gearbeitet waren, wie eng sich die einzelnen Fädchen ineinander verzahnten und verwebten, bis ein dichtes, steifes und doch hauchdünnes Geflecht entstand, das die Luft schnitt und imstande war, das Gewicht eines Vogels zu tragen.

Über ihm schrie der Sperber heiser gegen den Wind. Er war auf der Suche nach Beute und hatte noch nicht aufgegeben. Er kreiste mehrmals über dem Taubenhaus, als suche er nach einem ausreichend großen Einschlupfloch. Doch dann zog der Räuber mit wenigen Flügelschlägen davon.

Ohne dass Idler sie bemerkt hatte, war Maria aus dem Haus hinter ihn getreten. Sie blickte über seine Schulter auf die Federn und blies sie ihm aus der Hand.

»Dass du immer diesen Hirngespinsten nachjagen musst, Salomon!«

Idler lachte, fasste Maria um die Hüfte und hob sie vom Boden weg.

»Damit du mit mir eines Tages über diese Mauern hinausfliegen kannst.«

Er drehte sich mit ihr, bis sie kreischte.

»Es soll nur ein Vorgeschmack auf unsere zukünftigen gemeinsamen Flüge sein!«

Atemlos stellte er Maria ab, die ihre Kleider ordnete.

»Du bist verrückt! Bleib am Boden, Mann. Schaff lieber an deiner Arbeit, statt ehrbare Jungfern von der ihren abzuhalten.«

Idler trottete zu seinem Nähkloben zurück und hockte sich auf den Schemel.

»Du hast ja recht, Maria. Es ist nicht die Zeit für Scherz und Spiel.«

Dann nahm er wieder seine Arbeit auf und hämmerte in kurzen Schlägen Holzstifte in die Sohlen.

Maria kehrte zurück ins Haus. Idler sah aus dem Augenwinkel, dass sie sich an der Türschwelle nach ihm umdrehte und ihn musterte, wie er sich über die Arbeit beugte. Er wusste, dass sie jetzt dachte, er sei ein rechter Träumer.

1.

Idler schreckte vom Nähkloben hoch.

Der Fremde in seinem schwarzen Umhang hatte mit dem Fuß gegen die Lattung des Zauns getreten, so dass die schmale, höchstens fünf Brettchen breite Pforte aufsprang und gegen die Hauswand schlug, als würde er sein Kommen mit einem Musketenschuss ankündigen. Bedrohlich stand er einen Moment im Eingang zum Schusterhof, musterte das einstöckige Fachwerkhaus, das sich mit dem Schuppen der Werkstatt zusammen schief an die Stadtmauer lehnte, und spähte suchend unter den kleinen Vorbau. Dann schloss er die Pforte und eilte auf Idler zu.

»Ihr seid mir empfohlen worden, Meister Idler«, sagte der Magere und stolperte dabei über das uneben verlegte Pflaster.

»Fallt mir nicht in Eurer Eile, Fremder!«

»Magister Eduard!«

Der Schwarzrock deutete eine Verbeugung an. Er wollte eben anheben zu sprechen, doch zog in diesem Augenblick eine Gruppe Landsknechte grölend und fluchend die Gasse hinauf, schlug drohend mit ihren Waffen gegen die Holzlattung. Idler wusste, dass jeder Stadtbürger, der ihnen entgegenkam, aufgehalten, durchsucht und der mageren Groschen erleichtert wurde, die ihm in diesen Kriegstagen verblieben waren.

Wie erstarrt stand der hagere Fremde, fixierte die Hellebarden, die über den Zaun hinausragten, schien kaum mehr zu atmen.

»Wie ist Euch?«, flüsterte Idler.

Der Magister schwieg und starrte vor sich hin. Erst jetzt fiel Idler die schäbige Kleidung des Fremden auf. Regenfilz und Kapuze machten den Eindruck, als wären sie nicht nur lange, sondern auch über eine weite Strecke hin getragen worden. Der Filz war an manchen Stellen graugescheuert und speckig. Den Schuhen waren bereits mehr als einmal neue Absätze aufgenagelt worden, die Spitzen waren sogar durchgelaufen, und sein Unterrock starrte geradezu vor Dreck.

Dann entspannte sich die Haltung des Magisters, er atmete tief ein: Die Schweden waren vorübergezogen.

»Es ist nichts!«, krächzte er, räusperte sich zweimal und wiederholte, »nichts«.

»Nun zur Sache, Magister«, ermunterte Idler den Fremden. »Setzt Euch.«

»Wo können wir ungestört miteinander reden, Schuster? Ihr seid mir, wie gesagt, empfohlen worden.«

Magister Eduard streifte sich die Kapuze vom Kopf. Idler sah rote, übernächtigt fiebrige Augen, eine gerade, römische Nase, ein spitzes, ausladendes Kinn, der Mann war mager bis in die Fingernägel hinein, schmal und ausgehungert. Alles an ihm schien zu groß, der Überwurf, die Schuhe, der Kopf.

Idler blieb vorsichtig. Seit die Schweden in der Stadt lagen, seit Gustav Adolf Augsburg zur protestantischen Festung ausbauen ließ und die Arbeiten an den Fortifikationen das Gesindel in Scharen anzog, musste man umsichtig sein wie eine Eule.

»Es gibt nichts, was wir nicht hier im Hof besprechen könnten!«

Magister Eduard leckte mit der Zunge über seine Lippen, nickte bedächtig.

»Ihr seid ein misstrauischer Mensch, Schuster«, begann er langsam. »Richard hat mich hierher verwiesen, der Bettler, Ihr wisst, der vom Jakober Tor. Doch zur Sache«, dabei beugte sich die hagere Gestalt des Magisters biegsam wie ein Weidenzweig über den Nähkloben, die Adlernase zielte auf Idlers Gesicht, »passt mir ein Paar Schuhe an. Stiefel mit doppelter Sohle und Eisen an Spitze und Ferse. Wollt Ihr?«

Idler hatte sich wieder in seine Arbeit vertieft, setzte gemächlich die letzten Stiche in den Schuh, den er gerade bearbeitete.

Gut möglich, dass dieser Wunsch nur ein Vorwand war. Richard hätte ihn sonst nicht zu ihm geschickt. Jetzt galt es, nicht voreilig und unvorsichtig zu sein.

»Der Auftrag kommt nicht von der Zunft!«

Unwirsch fegte die Hand des Magisters durch die Luft:

»Der Bettler meinte, dass Ihr auch an der Zunft vorbei Stiefel –«

»Manchmal. Es ist gegen das Gesetz – aber setzt Euch, Magister Eduard, einen Augenblick Geduld.«

Resigniert schloss Idler die Augen. Stiefel, Stiefel – jeder wollte in dieser Zeit Stiefel von ihm haben. Als böten Stiefel die Garantie, den Pfaden dieser kriegslüsternen Zeitläufte entfliehen zu können. Kopfschüttelnd stach er die Ahle durch doppeltes Sohlenleder, führte die Krummnadel nach, fasste sie mit der Zange und zog den Zwirn hindurch.

Magister Eduard setzte sich auf die Holzbank, die unter dem Vordach stehend gegen die Hauswand lehnte, schränkte die Hände ineinander, biss sich auf die Lippen, sprang im Moment wieder auf, lief hinüber zum Zaun, schüttelte den Kopf, kam zurück, setzte sich wieder, starrte immerzu durch die Lücken der Bretter hinaus.

Idler ging ins Haus und holte seinen Leisten. Maria, die ihn innen empfing, hob fragend die Augenbrauen, aber Idler zuckte nur mit den Schultern. Er konnte den Magister nicht einschätzen. Bevor er hinausging, streichelte er ihr sanft die Wangen.

Als er wieder heraustrat, blieb er kurz an der Schwelle stehen und beobachtete die offensichtliche Unruhe des Magisters. Dann trat er auf diesen zu, zog den Schemel bis vor den Magister, ließ sich umständlich darauf nieder, setzte sich dessen Fuß auf die Kante und nahm Maß.

»Erwartet Ihr jemanden? Ihr seid so unruhig?«

»Erwarten? Ja, ich weiß nicht.«

Der Magister entzog ihm den Fuß, sprang auf.

»Kennt Ihr diesen Mann, der dort draußen steht?«

Idler sah von seiner Arbeit auf, blickte hinaus, konnte aber niemanden erkennen.

»Wer soll dort stehen?«

»Niemand, Schuster, niemand.«

Langsam setzte sich der Magister wieder, den Rücken dem Zaun zugedreht. Umständlich begann Idler wieder zu messen.

Idler fühlte, wie ihn der Magister von seinem höheren Standpunkt aus betrachtete, ihn abschätzte, einschätzte, wie er zögerte, sein eigentliches Anliegen vorzubringen. Idler unternahm nichts, fragte nicht, tat ruhig seine Arbeit, aber seine Sinne waren ganz bei der Unruhe des Fremden. Dieser langte endlich doch unter seinen Mantel, zog hastig ein verschnürtes Bündel hervor, eingeschlagen in ölgetränktes Papier, reichte es Idler unter dem Schutz des Umhangs und senkte die Stimme:

»Macht mir dafür ein Futteral aus hartem Leder, doppelt genäht, wasserdicht, wenn es möglich ist. Nehmt das Paket, bewahrt es so lange auf, bis ich es hole. Wann könntet Ihr fertig sein?«

Fast hätte Idler gelächelt. Das also war es. Nach außen hin zögerte er, gab sich unentschlossen.

»Ich bin kein Weißgerber, ich bin Schuster. Wenn die Zunftoberen erfahren, dass ich fremde Arbeit annehme, ist mir der Pranger sicher, wenn nicht Schlimmeres …«

Wieder griff Magister Eduard unter seinen Mantel, holte einen Beutel hervor, dessen Inhalt dumpfmetallisch klang.

»Genügen dreißig Kreuzer?«

»Ich kann nicht …«, wehrte sich Idler.

»Vierzig Kreuzer. Am Ende der Woche, Meister Idler, ich muss mich darauf verlassen können. Der Bettler versicherte mir, dass Ihr zuverlässig seid.«

Vierzig Kreuzer! Das waren zwei Wochenlöhne! Nur mühsam konnte Idler seine Freude unterdrücken. Geldkatze und Bündel wechselten den Besitzer, und Magister Eduard stellte sich bei der Übergabe so, dass sie von der Straße aus nicht gesehen werden konnten. Dann sah er Idler in die Augen.

»Hört mir genau zu, Schuster. Wenn ich am Ende der Woche nicht komme, behaltet das Futteral nicht, gebt es samt Inhalt weiter – an den Bischof. An niemanden sonst, habt Ihr verstanden? An niemanden!«

Eindringlich suchte er in Idlers Augen nach einer Bestätigung, so dass diesem unbehaglich zumute wurde.

»Ich verlasse mich auf Euch. Versteckt das Futteral – es könnte sein …«, weiter kam er nicht.

Ein Geräusch von der Straße schreckte den Fremden auf. Hastig erhob sich der Magister: Gruß, Handbewegung, wehender Mantelfilz, Schlagen der Pforte. Magister Eduard verschwand, als würde ihn der Erdboden verschlucken. Hätte Idler nicht sicher gewusst, dass der Teufel einen Pferdefuß besitzt, er hätte den Magister Eduard dafür gehalten.

Noch immer schlug sein Herz einen unregelmäßigen Takt.

2.

Flügelschlagen, Fauchen, Schreien. Federn füllten den Raum unter der Wehrüberdachung. Graue Blitze fuhren aus dem Balkenansitz, mit angelegten Flügeln schossen Tauben durch die Luft, leise surrend ließen sie sich in einiger Entfernung und im Schutz des Taubenschlages auf seinem Hof wieder nieder. Dort wo der Wehrgang der Stadtbefestigung verlief und eben noch die Vögel gesessen hatten, hockte jetzt der Sperber. Wie ein Komet war er in die Taubengruppe eingefallen, aber Beute hatte er nicht gemacht.

»Kometen«, dachte Idler, »bedeuten Unheil und Krankheit für die Zukunft.«

Trotzdem freute er sich, dass der Raubvogel wieder keine der Tauben geschlagen hatte. Hin und wieder kamen die Gejagten eben doch ungeschoren davon.

Langsam, als müsste er erst zu sich kommen, drehte sich der Sperber um, machte einen kleinen Satz ins Leere, ließ sich in den Raum des Innenhofs fallen, schlug zweimal, dreimal mit den Flügeln die Luft und verschwand aus dem Gesichtskreis von Idler, der interessiert und gespannt den Flugbewegungen zugesehen hatte.

Gern beobachtete er das Geschick der Tauben, sich in der Luft zu halten, zu segeln, ohne abzustürzen. Wenn sie ohne Flügelschlag die Straße kreuzten, über seinen Garten hinzogen, dachte er manchmal, dass es eine Lust sein musste, diese Kunst zu beherrschen, und dass er sie sich auch nicht von einem beliebig dahergestoßen kommenden Sperber nehmen lassen würde. Er lachte bei dem Gedanken zu den Tauben hinauf.

Geduckt saßen sie bereits wieder auf den hölzernen Simsen unter der Wehrüberbauung der Stadtmauer, dicht gedrängt wie die Mönche im Domchor und ruhten gurrend, die Köpfe im Gefieder verborgen.

Idler erschrak, als die Stimme anhub.

Durch die Spalten im Zaun starrte ihm ein dunkles Auge entgegen, das zu einer ebenso dunklen Gestalt gehörte.

Seit die Truppen der Bayern und die Kaiserlichen unter Tilly das Umland heimsuchten und der Wehrbau voranschritt, war die Stadt voller Gesindel. Überall bettelten sie, belästigten unbescholtene Bürger oder nahmen sich einfach, ohne lange danach zu fragen.

»Gebt um Gotteslohn. Gotteslohn!«, bettelte die krächzende Stimme, die etwas Lauerndes hatte. Kaum etwas von der Gestalt war zu sehen. Alles verhüllte ein erdfarbenes Kleid, von dem die Kapuze so übers Gesicht gezogen war, dass nur die Stimme zu vernehmen war. Zigeuner, schoss es Idler durch den Kopf. Liederliches Gesindel. Und doch stimmte etwas nicht mit der Erscheinung, aber Idler konnte nicht sagen, was. Idler fühlte, wie ihm eine Gänsehaut über den Rücken lief.

»Ich habe selbst nichts, verschwinde, Zigeuner«, rief er über den Zaun. Doch eine Hand schob sich durch eine Lücke zwischen den Latten, die Finger spreizten sich zu einem kralligen Griff. Am Unterarm zeigte sich als dunkler Fleck ein pelziges Muttermal. Sofort fiel Idler auf, dass die Hände für einen Bettler zu gepflegt erschienen, zu hell und schwielenlos waren.

Bevor er darüber nachdenken konnte, begann die Stimme wieder:

»Um Gotteslohn. Bitte um Gotteslohn!«

Jetzt wurde Idler ärgerlich. Vom Boden sammelte er einen Kiesel auf und warf ihn mit einer raschen Bewegung nach dem penetranten Menschen vor seinem Garten. Die Hand wurde sofort zurückgezogen, die Stimme hob sich, ging über in ein Kreischen, das Idler aber nicht verstand.

Dann schwang die Pforte auf, und der Zigeuner stand in der Lücke, eine gebeugte, gedrungene Gestalt ohne Gesicht, da seine Kapuze weit über die Stirn fiel und so einen Blick hinein verwehrte.

»Bist du nicht eben bezahlt worden, Schuster? Hast du nicht Geld? Wundre dich nicht. Sie werden dir das Fell noch über die Ohren ziehen! Warte. Du wirst noch an mich denken! Verflucht sollst du sein, Schuster.«

Steif saß Salomon Idler auf seinem Schemel, den Hammer mit dem breiten Kopf als Waffe fest umklammert, aber der Zigeuner trat bereits hinaus auf die Gasse, das Gatter fiel zurück. Nur ein schrilles, bellendes Lachen hing noch eine Zeit über dem Garten.

Idler fühlte, wie er am ganzen Körper zitterte, sah, wie die Knöchel seiner Finger blutleer liefen, weil er den Hammer weiter krampfhaft festhielt, bemerkte, wie sein Atem jagte.

Da fiel ihm das Paket wieder ein, das unter seinem Hemd steckte. Feucht fühlte es sich jetzt an, feucht von seinem Schweiß und seiner Furcht.

3.

Wie Stierna diese Stadt hasste, die Stadt und ihre Bewohner.

Vom Fenster seines Quartiers aus überblickte Ole Stierna das Jakober Tor, den Platz davor und einen Teil der engen Straße, die in die Vorstadt hinein, zur Jakober Kirche führte. Neben ihm, fast einen Kopf kleiner, stand der Cellerar des Franziskanerklosters vom Weiler Lechfeld, zwanzig Meilen vor Augsburg. Stierna entging nicht, wie dieser nervös mit der Unterlippe spielte. Ihm war sichtlich nicht wohl in seiner Haut, und er schwankte zwischen dem Wohlergehen seines Priors und dem Verrat, den er bereit war zu begehen. Stierna musste grinsen. Es war eine ausgezeichnete Idee gewesen, den Prior des Franziskanerklosters vom Lechfeld als Geisel zu nehmen, wenn sie auch nicht von ihm, sondern von seinem Adjutanten Ole Larsson stammte.

»Wir wissen nichts«, hatte ihm Johann Georg aus dem Winckel, der Stadtkommandant, zwei Wochen zuvor mitgeteilt. »Das sind für Sie die besten Voraussetzungen. Wir wissen nicht, wer Tilly – oder dessen Nachfolger – aufsuchen soll, wir wissen nicht, was er mit sich trägt, und wir wissen nicht, wann die Übergabe stattfinden wird. Einzig, dass das Material, das aus Rom heraufgebracht wird, kriegsentscheidend sein könnte, davon sind wir über Mittelsmänner aus Florenz und Bozen informiert worden, und dass es sich um das Manuskript eines Ingenieurs handelt. Strengt Euch also an, Stierna.«

Der Auftrag hätte kaum ungenauer sein können. Er hatte geflucht, nachdem er wieder in seinem Quartier gesessen hatte. Was sollte er mit dieser unsinnigen Botschaft anfangen?

Kriegsentscheidend. Was das schon bedeutete. Jeder angeworbene Landsknecht konnte kriegsentscheidend sein, wenn er zum richtigen Zeitpunkt das Richtige tat. Aber aus dem Winckel hatte ihm im Vertrauen gesagt, dass Augsburg nur deshalb von den Schweden eingenommen worden war, weil der Überbringer der Botschaft an die kaiserlichen Truppen unter Tilly hier hindurch musste. Er hatte also die Augen offenzuhalten.

Wie aber suchte man nach jemandem, den man nicht kannte?

Geahnt hatten er und Ole Larsson einiges: Der päpstliche Bote musste von Süden kommen, aller Wahrscheinlichkeit nach – und als Mann der Katholiken würde er in einem Kloster Herberge suchen. Und das letzte Kloster vor Augsburg war das bei Untermeitingen, an der Römerstraße. Also hatten sie sich des Priors versichert. Vierzehn Tage war keine Nachricht gekommen – und vorgestern war der Cellerar der Franziskaner vor ihm gestanden, hatte ihm die Ankunft des Boten verraten und eine Beschreibung geliefert. Auch den Namen kannte er: Magister Eduard.

An die Stadttore waren Befehle ergangen, die nächsten Tage niemanden einzulassen, einer Seuchengefahr wegen. Er streute aus, dass Pest und Blattern von Süden her auf die Stadt zukamen. Nur das Jakober Tor blieb für Flüchtlinge und Wanderer gleichermaßen geöffnet. Von dort musste der Magister Eduard irgendwann kommen.

Jetzt standen sie hier am Fenster, so dass sie Tor und Straße im Blick hatten und jeden Fremden, der in die Stadt gelassen wurde, mustern konnten.

Die Häuserzeile gegenüber lag noch im Dunst des verhangenen Morgens.

Vor dem Fenster zog ein endloser Strom an Kreaturen über den gepflasterten Torplatz: Bettler, Bauern, Geistliche, allesamt Menschen, die in der Stadt Zuflucht suchten. Marketenderinnen, farbig geschminkt und in grellbunten Kleidern, schoben ihre Wagen über das holprige Pflaster der Straße, schwedische Reiter durchquerten eben das Tor, bepackt mit Beute, die sie irgendeinem Bauern entrissen hatten.

Stierna musterte den Strom der Menschen vom Fenster aus und beobachtete gleichzeitig den Cellerar neben sich, ob dieser den Boten irgendwo erspähte.

Seine Gedanken schweiften nach Norden, nach Uppsala. In Morbaecksettern hatte er eine Familie zurückgelassen, Jule und die beiden Kinder, Ole und Marie. Die beiden mussten jetzt vierzehn und fünfzehn sein. Marie würde in nächster Zeit heiraten. Bis dahin war er sicher wieder bei ihnen. Schließlich musste dieser Krieg, der die Schweden durch halb Europa schickte, irgendwann einmal zu Ende sein.

Ole Stierna atmete tief die stickige Luft des Hauses ein. Es roch nach Schimmel und nassem Holz. Er wollte sich eben einen Stuhl heranziehen, als er bemerkte, dass der Cellerar zusammenzuckte und unruhig wurde. Sofort suchte er die Tordurchfahrt nach auffälligen Personen ab.

Eine Frau schleppte, zwei Kinder an der Hand, eine Kraxe mit Hausrat und Nahrungsmitteln auf dem Rücken und wartete immer wieder auf einen Mann, der sich an Krücken fortbewegte. Das linke Bein war ihm wohl aus der Hüfte gedreht worden, denn es hing an ihm wie ein Stück Stoff.

Dahinter folgte eine Hübschlerin in bunten Kleidern und mit Bändern in den Haaren. Dann blieb sein Blick an einem schwarzgekleideten Magister hängen, der eben den wachhabenden Soldaten am Tor in einen Disput verwickelte. Vielleicht war es die ungewöhnliche Art, wie er mit den Händen redete, die ihm fremd und südländisch erschien, vielleicht aber auch nur das Verhalten der hageren Gestalt, die unauffällig Blicke in alle Richtungen aussandte. Vielleicht war es auch nur der römische Schnitt der Kleidung, die auffiel unter all den Lumpen, die das Tor durchschritten.

»Ist er das? Der Magister in Schwarz?«, meinte Stierna eher beiläufig und schielte zum Cellerar hinüber.

Dieser kaute an seiner Lippe, vermied es, Stierna anzusehen, und nickte endlich.

»Ja.« Der Cellerar zögerte noch, dann blickte er Stierna direkt an.

»Kann ich jetzt wieder nach Lechfeld zurück?«

Stierna war in Gedanken bereits bei dem Magister, dessen heftige Armbewegungen darauf schließen ließen, dass er Schwierigkeiten hatte, in die Stadt zu gelangen.

»Ja, geht!«, meinte er zerstreut und wandte sich der Treppe zu. Jetzt hatte er es eilig. Stierna polterte die Holztreppe hinunter. Für den Hauptmann, der gut sechseinhalb Fuß maß, waren diese Treppenhäuser ein Gräuel. Zu niedrig und zu düster, verursachten sie in ihm eine Abneigung gegen die Erbauer. Häuser, die nicht großzügig angelegt waren, die sich duckten, konnten keine offenen Kreaturen hervorbringen. In ihnen musste den Menschen das Kreuz bereits schief wachsen, schief genug für Bücklinge und Beichtschemel.

Im Flur sprang ein Landsknecht vom Boden auf. Er hatte gedöst, wollte Stierna aber sofort folgen. Doch dieser deutete zum Cellerar hinauf und flüsterte:

»Folgt ihm! Ich will wissen, wohin er geht. Aber unauffällig!«

Dann trat Stierna auf die Straße hinaus. Trotz des diffusen Lichts, das Nebel und Regen über die Stadt legten, war es gegenüber den dunklen Zimmern der Häuser ungewöhnlich hell. Er brauchte eine Zeit, bis sich seine Augen daran gewöhnten.

Mit schnellen Schritten ging Stierna auf das Tor zu. Säbel und Geld schlugen gegen Stiefel und Hose, der Tritt krachte auf dem grauen Pflaster des Platzes. Erschrocken wichen die armseligen Gestalten zurück, die eben erst die Stadt erreicht und hinter ihren Mauern Schutz gefunden hatten.

Als er sich dem Torbogen näherte, erkannte Stierna, dass der Magister nicht mehr zu sehen war. Nur der junge Soldat stand noch und kontrollierte Mantelsäcke und Wagen.

»Soldat!«

Der Hauptmann war hinter den Jungen getreten und hatte ihm seine rechte Hand auf die Schulter gelegt. Erschrocken fuhr dieser herum, erkannte Ole Stierna und salutierte.

»Ihr habt eben mit einem Fremden gesprochen, einem Magister, ganz in Schwarz gekleidet, südländisches Aussehen.«

Der Soldat nickte, versuchte, seine Waffen klar und sauber zu präsentieren, zog an Jackenschoss und Weste, bevor er antwortete, während hinter ihm die Menschen warteten und Stimmen des Unmuts laut wurden, weil nur noch ein einziger Wachhabender kontrollierte.

»Jawohl. Der Mann wollte in die Stadt, konnte sich aber nicht ausweisen. Ich habe ihn zurückgeschickt. Er übernachtet vor den Mauern!«

Stolz grinste die Wache, der es sichtlich Freude bereitet hatte, den Fremden abzuweisen. Stierna wusste, dass die Entscheidung beinahe einem Todesurteil gleichkam, denn allerlei Gesindel lauerte vor der Stadt, das sich an dem wenigen der Armen noch zu bereichern suchte, wenn der Magister nicht draußen irgendwo unterschlüpfte, sich vielleicht im Wald versteckte. Nur der Zufall konnte dem Fremden über die Nacht helfen.

Ole Stierna nickte. Die Chance war verpasst. Er ließ den Soldaten stehen, der sich den Wartenden zuwandte.

»Ach ja«, Stierna drehte sich noch einmal um. Der Landsknecht erhob sich, dass beinahe sein Tisch umgefallen wäre, und salutierte erneut. Zwei Schritte ging Stierna wieder auf den Wachhabenden zu:

»Wie sprach er, welsch?«

Bereits der Blick des Landsknechts verriet Stierna, dass er keine Antwort erwarten durfte. Woher sollte der einfache Mann auch welsche Sprachen kennen, war er doch kaum alt genug, seine Muttersprache einigermaßen zu beherrschen.

Er drehte auf dem Absatz herum, und steuerte eher unbewusst als absichtlich den Bierschenk an, der dem Tor schräg gegenüber sein Geschäft betrieb. An einem Bettler vorbei, der ihm die leere Hand hinstreckte, betrat er den Schankraum. Dem Magister nachzulaufen, lohnte sich nicht. Sobald dieser sich verfolgt fühlte, würde er die Stadt meiden wie die Pest. Mit der Faust schlug er in die offene Handfläche. Beinahe hätte er den Kerl in seinen Fängen gehabt. Aber jetzt wusste er wenigstens, wie er aussah.

4.

Es hatte zu nieseln begonnen. Ein feiner Staub aus Wasserschleiern fiel über den Hof, über die Gasse, dunkelte Lehm und Steine ein. Ein leichter Wind strich durch die Lücken des Zauns.

Idler fühlte sich beobachtet.

Er saß unter dem Vordach, aber der Niesel sprühte bis hinunter und machte das Leder feucht und den Zwirn schwergängig. Idler wollte seine Werkzeuge, den angefangenen zweiten Schuh, Schemel und Schusterfuß packen, um in der Werkstatt Zuflucht zu suchen, aber das Bündel unter dem Hemd störte ihn. Er getraute sich nicht, es abzulegen, weil ihm ein unbestimmtes Gefühl sagte, dass ihn jemand ausforschte.

Statt in die Werkstatt zu gehen, rückte er nur seinen Arbeitsplatz weiter gegen die Wand zurück. Idler setzte sich so, dass er einen Blick auf die Straße und die gegenüberliegenden Häuser hatte, und musterte beides unauffällig.

Die Zunft hatte ihm bereits mehrfach Kontrolleure nachgeschickt, die seine Arbeit überprüften, die nachspürten, was und wie viel er bearbeitete. Aber sie waren bislang offen zu ihm gekommen, waren ihm nicht heimlich und verdeckt nachgeschlichen.

Während seine Augen über das lückenhafte Gebiss der Zaunlattung hinausspähten und forschend über Straße und Häuserfront wanderten, tobte eine Horde Kinder die Gosse entlang, die Kittel vom Dreck der ersten Pfützen bespritzt.

»Hungerleider, Hungerleider!«

Das Wort dröhnte ihm in den Ohren. Wie Fastnachtsfratzen pressten sich Kindergesichter, Kinderzungen, Kindernasen durch Spalten und Astlöcher. Spuckten und schrien, lachten und johlten, überschlugen sich an ihrer eigenen Freude am Wort.

»Hungerleider, Hungerleider«, riefen sie ihm in die Stille seines Werkhofes nach, warfen kleine Steine und Äste über den Zaun und vervollständigten den Vers:

»Hungerleider – Beutelschneider! Hungerleider – Beutelschneider!«

Idler lächelte. Mit gespielter Verärgerung fasste er in den Restekorb und entnahm eine Hand voll kleingeschnittener Lederschnipsel, sprang auf und eilte auf den Zaun zu. Schreiend wichen die Gören zurück, spotteten aber weiter, bis er die Fetzen mit einer schnellen Handbewegung über den Zaun schleuderte. Das Aufkreischen der hellen Stimmen zeigte ihm, dass er richtig gehandelt hatte. Draußen im schmierigen Seim der Gosse balgten sie sich jetzt um den Abfall, aus dem sie Spielzeug basteln würden.

Nicht aus den Augen gelassen hatte er währenddessen die gegenüberliegende Häuserfront. Aus dem Augenwinkel heraus nahm er hinter einem der Fenster im Haus der stummen Agnes eine Bewegung wahr, ein kaum merkliches Verschieben des Vorhangs in einem der Fensterlöcher. Unwillkürlich langte er an das Futteral unter seinem Hemd. War es deswegen?

Idler kehrte er auf seinen Schemel zurück, beugte sich über den Schuh, wartete. Nichts weiter geschah. Hinter dem Fenster blieb alles ruhig. Vielleicht hatte sich der Horchposten wieder verzogen. Das Nähen der Sohle nahm ihn in Anspruch, und langsam vergaß Idler die Erlebnisse.

Schwer ging ihm die Arbeit von der Hand. Obwohl gut eingefettet, ließ sich die Krummnadel nur mit Mühe durch das starke Sohlenleder führen und musste immer wieder geklopft werden. Es war zu feucht heute. Das Leder quoll, und die Nässe saß in dieser verfluchten Stadtbefestigung, als hätte man sie beim Bau mit eingemauert. Seine Gedanken schweiften ab zu dem Paket unter seinem Hemd und zu der Gestalt, die sich dort oben hinter dem Fenster verbarg, und wanderten schließlich hinüber zu den Tauben, die gurrend und ruckend unter der Wehrbedachung hockten.

Es war ein merkwürdiger Tag.

5.

Der Gastraum war beinahe leer. Zwei Männer, Kaufleute, die ein Geschäft halblaut beredeten, eine Frau auf einer der hinteren Bänke.

»Hoch, die Schweden!«, prosteten die beiden Männer Stierna zu, als er eintrat. Stierna nickte abwesend.

Das Holz der Täfelung war vom Rauch der offenen Feuerstelle speckig und teerig geworden und verdunkelte den Raum. Die Läden waren von innen geschlossen. Wenige Schlitkerzen brannten. Stierna setzte sich vor ein Fenster, öffnete einen Laden, und durch die Fensteröffnung fiel ein Balken Licht in die Schankstube. Mit einer nachlässigen Geste bestellte er ein Braunbier.

Erst jetzt musterte er das Frauenzimmer im Hintergrund, das ihn ebenso aufmerksam betrachtete.

Sie war hübsch, wenn man das bei diesem Menschenschlag sagen konnte. Die Augen hatte sie mit Ruß umschwärzt, die Lippen aufgerötet. Schlank war sie, mit einem eng geschnürten Mieder über dem Hemd. Die Finger deuteten an, dass sie an harte körperliche Arbeit nicht gewöhnt war. Eine Hübschlerin, vermutete Stierna, dem der Schankkellner das Bier auftischte, nicht ohne zuvor noch über die Eichenbohle gewischt zu haben.

»Wohl bekomm’s!«, murmelte der, sah aber dem Schweden nicht in die Augen.

Angst haben sie vor uns, dachte Stierna und stellte sich währenddessen den Körper der Schönen ihm gegenüber vor. Ihre Brüste zeichneten sich schwer unter der Kleidung ab. Die Beine konnte er nicht sehen. Sie saß da, sah ihn unverwandt an und folgte jeder seiner Bewegungen.

Stierna riss sich von dem Frauenzimmer los, überblickte die Straße und musterte die einströmenden Menschen. Alle waren sie gezeichnet vom Krieg, die Bauern und Handwerker, die Frauen und Kinder, die sich gegenseitig durch die Torgasse schoben, um rechtzeitig vor dem Einlassende hinter den Mauern geschützt zu sein. Die allermeisten würden morgen weiterziehen oder die nächsten Tage, um weiteren Flüchtlingen Platz zu machen.

Eine plötzliche Wärme und ein unsicheres Berühren seines Armes ließen ihn herumfahren. Neben ihm saß die Hübschlerin. Sie lächelte ihn an, so offen und frei, dass er nicht anders konnte, als ebenso zu lächeln.

»Das ist eine Überraschung!«, schmunzelte der Hauptmann und legte ihr seine Hand auf den Arm. Sie zog ihn nicht zurück. Stierna konnte erkennen, dass sie hinter ihrer Schminkfassade auch hübsch war.

»Was willst du von mir?«, fragte er, obwohl ihm die forsche Annäherung bereits ausreichend darüber verraten hatte.

Zu seinem Erstaunen hob die Frau die rechte Hand an ihren Mund, deutete auf ihr rechtes und linkes Ohr und zuckte mit den Schultern.

»Was ist mit dir? Was soll das bedeuten?«

Die Hübschlerin wiederholte aber nur ihre merkwürdigen Bewegungen, ohne ein Wort zu reden. Der Hauptmann begann zu begreifen. Er fasste der Frau unters Kinn, drehte ihren Kopf ganz zu sich her.

»Bist du stumm? Und taub auch?«, fragte er, wiederholte beide Fragen mehrere Male, bis er begriff, dass es nichts nützte.

Stierna griff zum Bierkrug, leerte ihn mit einem kräftigen Zug, wischte sich den Mund. Das war ein netter Tag! Zuerst entkam ihm dieser sonderbare Magister, und dann begegnete er auch noch einer taubstummen Hübschlerin, die ausnehmend ansprechend war.

Die Frau saß ruhig da, sah ihn nicht an. Stierna fühlte nur die Wärme ihres Oberschenkels. Er rutschte auf der Bank näher an sie heran und strich ihr über die Haare.

Unaufgefordert brachte der Schankkellner einen zweiten Krug, stellte ihn neben dem Hauptmann ab. Beim Weggehen sah Stierna, dass er die Hand der Frau berührte. Sie sah zu ihm hoch. Klar und deutlich, den Mund ihr zugewandt, fragte er:

»Du auch, Agnes?«

Der Kellner sah Ole Stierna und Agnes an. Beide nickten, das hieß, Stierna hatte gewartet, bis Agnes nickte, dann hatte er zu verstehen gegeben, dass er selbstverständlich zahlte. Wieder lächelte sie ihn an, zog ihren linken Arm zurück und verschwand damit unter der Tischplatte. Stierna fühlte, wie sich die Hand über seinen Oberschenkel schob.

Der Kellner brachte das Bier. Mit der Rechten hob Agnes ihren Krug an den Mund und prostete ihm zu.

Während sie tranken, wanderte Ole Stiernas Blick über den Schankraum. Inzwischen hatte er sich gefüllt. Durch die Türöffnung waren, laut über die Besatzung schimpfend, zwei Bauern eingetreten, die sofort verstummten, als sie den Schweden im Winkel am Fenster sitzen sahen. Ein junger Kurierreiter hatte sich dazugesellt, und die beiden Kaufleute hatten ebenfalls Bekanntschaft erhalten, Goldschmiede, wie aus den Zunftzeichen am Wams für Stierna ersichtlich war. Sogar ein korpulenter Mönch trat durch die Tür ein und setzte sich in einen der hintersten Winkel. Stierna fiel auf, dass er von dort aus zwar nicht gesehen werden konnte, aber die Tür im Blick hatte.

»Ein Hoch auf die Schweden in der Stadt«, rief einer der Goldschmiede und prostete Stierna mit dem ersten Schluck aus seinem Krug zu.

Der Schankwirt hatte zu tun und malte mit Kreide die Außenstände auf die Tische der Gäste. Strich um Strich kam hinzu.

Stierna legte den Arm um Agnes, versuchte mit der rechten Hand unter ihre Brüste zu greifen, die weiche, warme Form zu ertasten. Sie drückte sich an ihn, erleichterte seine Bemühungen, begann selbst wieder ihre tastende Suche. Stierna fühlte Agnes’ Hand an ihrem Ziel. Mit gespielter Langeweile sah er zur Fensteröffnung hinaus.

Stierna wollte sich ganz dem Genuss hingeben, als unerwartet eine Gestalt in der Türe stand, die er sofort wiedererkannte: der Magister. Offenbar hatte er einen Weg in die Stadt gefunden, der nicht über das Jakober Tor führte.

Mit einer heftigen Bewegung schob er Agnes aus seiner Umarmung, hieß sie abrücken und machte so Platz für den Magister, der im Türrahmen stand, sich an das Dunkel gewöhnte und nach einem freien Schemel Ausschau hielt.

»Setzt Euch, Fremder!«, rief Stierna, und der Magister wandte ihm den Kopf zu, lächelte unsicher, zögerte aber, den Platz einzunehmen. Sein Blick wanderte durch den Raum, als suche er etwas oder jemanden.

»Wollt Ihr Euch nicht einen Schluck genehmigen?«

Aus dem Augenwinkel sah Stierna Agnes in der Ecke sitzen und einen Schmollmund ziehen. Und dann fiel sein Blick an ihr vorbei auf den Mönch im Hintergrund. Der Magister musste den Mönch zur selben Zeit entdeckt haben, denn Stierna sah, wie er einen Schritt auf den Mönch zuging, dieser aber leicht den Kopf schüttelte, ohne den Magister weiter zu beachten. Sofort drehte sich der Schwarzgekleidete um und verließ den Schankraum.

Stierna zählte bis zehn, dann erhob er sich, warf eine Münze für das Bier auf den Tisch, strich der Hübschlerin übers Haar und folgte dem Magister. Aus dem Augenwinkel heraus bemerkte er, dass der Mönch ihn neugierig beobachtete.

Es war nicht leicht, dem schwarzgekleideten Fremden zu folgen.

Schließlich fiel er selbst auf in dieser Stadt mit seinen blonden Haaren, der blassen, nordischen Haut und seiner Größe. Der Magister gewann dadurch einen gefährlichen Vorsprung und verschwand eben hinter einer Ecke. Im Laufschritt überquerte Stierna die Straße, den Platz, hin zum Brunnen vor der Jakobskirche, und bog dann ein in den Winkel, der in das Viertel zwischen Domstadt und Jakober Vorstadt führte. Stierna kannte die Gegend flüchtig. Einige Schmiede hatten dort ihre Essen stehen, Schuster werkten in den engen Gassen, und zwei geheime Hurenhäuser boten ihre Dienste an.

Der Magister war ihm eine Straßenlänge voraus, gerade dass er immer den schwarzen Umhang um eine Ecke biegen sah. Was wollte der Magister in dieser Gegend? Wusste er, dass er ihm folgte, und führte er ihn in die Irre?

Plötzlich hielt Stierna im Schritt inne. Eben hatte er den Magister noch in eine Gasse einbiegen sehen, war ihm nachgesprungen, jetzt war er verschwunden. Ratlos darüber, ob er die Straße hinauf oder hinunter weitersuchen sollte, zögerte er. Dann vernahm Stierna hinter sich Schritte, drehte sich um, und hinter ihm stand der Magister und sah ihn mit einem merkwürdig flackernden Blick an, der ihm beim Schankwirt schon aufgefallen war. Er nickte kurz, schob sich an ihm vorbei und ging weiter. Ole Stierna war wie erstarrt. Entweder hatte der Magister damit gerechnet, dass er verfolgt würde, und wollte es nur überprüfen, um sicherzugehen, wer ihm folgte, oder er kannte sich nicht aus und musste suchen. Beides hielt Stierna für wahrscheinlich.

Jetzt wurde er noch vorsichtiger, vertraute auch auf sein Gehör und schielte zuerst um die Straßenecken. Tatsächlich konnte er wenige Straßen weiter sehen, wie der Magister Gassenkinder vertrieb und hinter einem Bretterzaun verschwand.

Stierna musste wissen, was der Magister in diesem Hof machte. Er stürmte zum gegenüberliegenden Haus und drückte die Klinke. Die Tür war nicht abgeschlossen. Er schlüpfte hinein und jagte in den ersten Stock hinauf.

Es war ein merkwürdiges Haus, in das er eingedrungen war. Niemand war zu Hause, aber der Geruch erschien Stierna vertraut, ohne dass er sich erinnern konnte, warum dies so war. Das Zimmer mit dem Fenster zur Straße hinaus war nur spärlich möbliert: Kisten mit Wäsche, ein Tisch, ein Stuhl, grob gezimmert, mehr nicht. Die Fensteröffnungen waren mit dünnem Leinen verschlossen. Stierna eilte ans Fenster, schob mit dem Finger eine der Stoffbahnen beiseite und blickte auf den Innenhof einer Schusterei.

6.

Idler mochte die Stimmung, wenn die Nacht über die Stadt herfiel wie ein Bussard über eine Maus, wenn sie, ungestüm und ohne Vorwarnung, die Sonne verdunkelte und ihr Gefieder aus Schattenflecken über die Vorstadt breitete.

Er zog sich zurück in seine Werkstatt, prüfte mehrmals, ob verriegelt war, setzte sich auf seinen Schemel, den Schusterfuß zwischen den Beinen, das Bandmaß in der Hand. Doch statt eines Stiefels lag auf dem Amboss das Paket, das in dunkles, halbzerfleddertes Ölpapier geschlagen war. Bislang hatte er seine Neugier bezähmen können, jetzt riss sie an ihm wie ein Seil.

Was mochte das Bündel enthalten?

Den Tag über hatte er an nichts anderes denken können, und jetzt, im Schutz der Dämmerung, in der Abgeschlossenheit seiner Werkstatt zog ihn dieses Paket an, als wäre es der Magnetberg der Sagen.

Auf dem halbhohen, gerade bis zur Höhe des Ambosses reichenden Tisch stand seine Schusterkugel, dahinter die Kerze, deren herabfließendes Wachs sich Säulen geschaffen hatte. Ruhig brannte das schwefelgelbe Licht und warf seine Helligkeit durch das Wasserglas. Es wurde gebrochen, gesammelt, verstärkt und als rötlicher Fleck auf den Gegenstand geworfen.

Rasch glitten Idlers kräftige Hände über das Ölpapier, bogen das Bandmaß um das Bündel, maßen, notierten Zahlen, rechneten. Flinke, geübte Striche entwarfen mit dem Spitzeisen auf einer gegerbten Haut ein Etui, in das er dieses Paket einschlagen wollte.

Sollte er das Bündel öffnen oder in geschlossenem Zustand ummanteln?

Die raue Innenseite seiner Hand fuhr über sein stoppeliges Kinn, strich die mageren Wangen hoch und glitt über die schmale, hohe Stirn. Er zögerte, besah sich die verschnürte Hülle genau.

Stockflecken auf der bereits abgeschabten, an manchen Stellen aufgequollenen Ummantelung gaben den Ausschlag, seiner Neugier nachzugehen.

Wenn er ein neues, wasserdichtes Etui anfertigen sollte, mussten die feuchten Stellen der alten Hülle entfernt werden.

Behutsam begann Idler, die ersten Knoten zu lösen. Dabei drehte er das Paket so, dass die verdichtete Helligkeit der Kerzenflamme seine Handgriffe ausleuchtete. Langsam entklumpte das Ölpapier. Es bekam lose Stellen, unter die er mit dem Nagel seines kleinen Fingers fuhr, um die Stärke des Papiers zu prüfen, das jetzt aufgehoben werden konnte.

Idler nahm die durch lange Pressungen versteifte Hülle, bog sie vorsichtig auseinander, schlug den Inhalt aus, einmal, zweimal, dreimal.

Dann gab das Paket sein Geheimnis preis: Braune Bögen, übersät mit einer Schrift, die er nicht zu entziffern vermochte, und mit Zeichnungen, Skizzen, die seinen Atem beschleunigten. Andächtig löste er Blatt für Blatt, legte sie sich einzeln nebeneinander auf die Werkbank, auf der sonst fertige Schuhe und Leder lagerten.

Die Blätter glänzten in mattem Gelb. Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete er sie. Noch konnte er sich keinen Reim darauf machen. Idler sortierte, versuchte eine Abfolge in die Manuskriptseiten zu bringen, steckte Blatt zu Blatt, verglich, trennte, ordnete.

Ein kaum wahrnehmbares Geräusch ließ ihn auffahren. Stille wieder. Unruhig flackerte jetzt das Kerzenlicht hinter der Kugel. Mit geschlossenen Augen horchte Idler hinaus aus seiner Werkstatt auf die Straße und ins Haus hinein zu Maria, seiner Frau.

Tatsächlich, auf der Gasse vernahm er Schritte, ein Schleifen, Stöhnen, dann wieder unterdrücktes Rufen. Gesindel gab es genug in den Gassen, seit die Stadt von Flüchtlingen aus der Umgebung überschwemmt wurde, seit Landsknechte nachts ihr Mütchen an den Bürgern kühlten.

Wieder hörte er deutlich ein Gurgeln. Idler riss die Augen auf. Es war ohne Zweifel die Stimme einer Frau. Behände griff er sich einen schweren Lederklöppel, trat zur Tür, hob den Riegel und öffnete sie spaltweit. Deutlich drangen von der Straße her die Geräusche eines stumm geführten Kampfes an sein Ohr.

Idler zögerte. Er fühlte, wie ihm die Hitze in den Kopf stieg. Dort draußen geschah Ungeheuerliches. Er wusste nicht, ob er sich zurückziehen und die Ohren verschließen oder ob er eingreifen sollte. Ihm krampfte die Luftröhre zu, so dass er nur noch stoßweise atmen konnte. Er war nicht der Mutigste, aber die Geräusche ließen keinen Zweifel übrig. Und bevor er noch nachdenken konnte, fasste er den Klöppel fester und schlüpfte durch die Tür. Rasch war er im Vorgarten, schlich zur Gartenpforte, spähte über den Zaun. Das Mondlicht leuchtete die Gasse bis in den letzten Winkel hinunter aus. Wenige Schritte entfernt hielt ein Landsknecht, deutlich an seiner Tracht zu erkennen, eine junge Frau umfasst. In der Linken einen Schnapskrug haltend, versuchte er, ihr den Rock hochzuschieben. Dann griff er ihr übers Gesicht, presste ihr den Mund zu, so dass es der Frau unmöglich war, laut zu rufen.

Niemand sonst war zu sehen.

Idler überlegte nicht. Es war eines, aus der Pforte herauszuschlüpfen, dem Landsknecht mit dem Lederklöppel einen Schlag zu versetzen und dem Mädchen zuzuflüstern, dass sie ruhig sein solle, um nicht weitere Schweden auf den Plan zu rufen. Der Landsknecht, dessen Gesicht durch eine Augenklappe halb verdeckt wurde, sackte in sich zusammen und rutschte an der Frau hinab in den Schlamm der Gasse. Rasch langte Idler ihm unter die Arme und schleppte ihn so einige Straßen weiter. Vor seiner Werkstatt sollte der einäugige Landsknecht nicht wieder erwachen. Das war zu gefährlich. Er flößte ihm noch einen kräftigen Schuss Schnaps ein und setzte den Krug, der bei allem heilgeblieben war, in den Schlamm daneben. Der Landsknecht sollte sich an nichts erinnern können.

Erst als er zurückkam, sah er, dass die Frau noch immer auf ihn wartete. Schnell hob und senkte sich ihre Brust.

»Was wolltet Ihr zu so später Stunde auf der Straße, Jungfer? Wisst Ihr nicht, dass es gefährlich ist in unserer Zeit?«

Sie nickte nur. Ihr Gesicht wurde vom Schatten verborgen, den das Mondlicht warf.

»Seid Ihr …? Ich meine, hat er Euch …? Tut Euch etwas weh?«

Idler wusste nicht, wie er das Gespräch beginnen sollte. Die Anstrengung fraß seinen Atem, und der Anblick der Frau verursachte einen Kloß im Hals.

»Kann ich Euch sonst helfen? Wohin müsst Ihr?«

Jetzt erst, nachdem sich Idler langsam in Richtung seiner Werkstatt bewegte, auch aus Furcht, der Einäugige könnte erwachen, fiel Mondschein auf das zerkratzte Antlitz der Frau. Tränen standen ihr in den Augen und liefen die Wangen hinab.

Sie mochte Anfang zwanzig sein, mit gerader Nase, dunklem Haar und weichen, fließenden Gesichtszügen. In der Gasse hatte der Schustermeister sie noch nie gesehen.

»Danke«, flüsterte sie, berührte leicht seinen Arm und lächelte ihn an. »Menschen wie Ihr sind selten!«

Dann raffte die Frau ihr Kleid, sprang über die Gasse und verschwand in einer Seitenstraße. Nur ihre Schritte hörte Idler, wie sie von den Wänden zurückgeworfen wurden und davoneilten.

»Wie heißt Ihr?«, rief er noch in das mondbeschienene Dämmerlicht hinter ihr her, doch die Frau konnte ihn nicht mehr gehört haben.

7.

Als Idler zurückkehrte, stand die Tür zu seiner Werkstatt offen. Ein Schatten bewegte sich im schwachen Lichtkegel, der in den Hof hinaus fiel. Idlers Augen weiteten sich. Aus dem Raum hinter der Tür drang jetzt ein eigenartiges Rascheln.

Er begann zu schwitzen. Einen kaum wahrnehmbaren Augenblick zögerte er, dann öffnete er entschlossen die Werkstatt. Eine Gestalt beugte sich eben über den Inhalt des Päckchens.

Rasch erfasste Idler die Situation. Mantel, Schuhe, die hellen Hände, die jetzt die Bogen des Pakets übereinander schoben, hatte er schon gesehen. Trotzdem die Gestalt ihm den Rücken zukehrte, konnte es nur der Zigeuner sein.

»Was wollt Ihr hier?« Idlers Stimme klang unsicherer, als er es wollte.

Langsam, dabei keineswegs ängstlich, drehte sich der Zigeuner um. Einen guten Kopf kleiner als Idler, in seinen Bewegungen geschmeidig und voll lauernder Energie, stand er vor ihm. Es war wirklich der Zigeuner, die Kapuze seines Mantels tief herabgezogen, so dass dort, wo üblicherweise ein Gesicht saß, nur ein schwarzes Loch in den Raum ragte. Aus diesem Nichts heraus murmelte eine heisere Stimme:

»Ihr habt interessante Neuigkeiten, Schuster. Für wie viel sind sie Euch feil?«

Zuerst verstand Idler die Frage nicht, dann aber schoss ihm die Hitze in den Kopf.

»Haut ab, Zigeuner, sonst mache ich Euch Beine. Und rührt mir die Blätter nicht an!«

Idler spielte mit seinem Lederklöppel. Drohend schlug er mit ihm in die Handinnenfläche. Die Hände des Zigeuners fuhren beschwichtigend nach oben, obwohl Idler das Gefühl nicht loswurde, als suche der Kerl nach einer Möglichkeit, ihn zu überwältigen.

»Ich verschwinde ja, Schuster.«

Dabei lachte der Zigeuner ein heiseres Lachen in sich hinein.

Idler beschloss, noch vorsichtiger zu sein und bei der kleinsten Bewegung, die ihm verdächtig vorkam, zuzuschlagen. Langsam ging der Zigeuner auf ihn zu. Idler wich ihm an der Tür aus. Sich beständig die Vorderseite zuwendend, glitten sie aneinander vorbei. Erst als er durch die Türe hindurch war, drehte sich der Zigeuner um, lachte laut auf und verschwand flink wie ein Wiesel durch die Gartenpforte. Idler atmete auf. Er war schweißgebadet. Er trat an die Regenwassertonne neben der Werkstattür und warf sich zwei Hände voll Wasser ins Gesicht, damit er abkühlte. Erst jetzt konnte er wieder klar denken.

Dann verschloss Idler rasch die Tür zur Werkstatt. Er setzte sich auf seinen Schemel, grübelte: Was hatte das Bündel an sich, dass nachts Zigeuner vor seiner Werkstatt lauerten, um die nächstbeste Gelegenheit abzupassen und dort einzudringen?

Sein Blick fiel auf die Blätter vor ihm – und sofort war sie wieder da, die Neugier, das Verlangen nach dem Neuen, dem Besonderen. Sein Atem beschleunigte sich.

Er nahm die Bögen in die Hand und studierte sie. Hängen blieb er bei der Betrachtung der unterschiedlichsten Zeichnungen: Ihm unbekannte Vögel waren mit wenigen, die Flugbewegung charakterisierenden Strichen skizziert. Spitz zulaufende Schwingen mit nur angedeuteten Körpern, nur Flügel, oft nur Teile von ihnen, standen nebeneinander, untereinander, durchdrangen sich. Vögel im Gleitflug, im Steigflug, bei Wendungen, im Fallen, beim Landen, Aufsteigen – alle Situationen des Vogelflugs hatte der Zeichner festgehalten, alle diese Stellungen kannte Idler aus eigenen Beobachtungen an seinen Tauben.

Die rötliche Kohle, mit der die Bilder ausgeführt worden waren, war an manchen Stellen schon verwischt, an anderen mit einer schwärzlichen Tinte nachgezogen, um die Konturen zu fixieren. Wasserflecken und das Fett, das durch häufige Berührungen das Papier in Mitleidenschaft gezogen hatte, begannen bereits, die Aufzeichnungen zu zerfressen. Noch einige Jahrzehnte, und die hier ausgeführten Ideen würden zerfallen.

Und da waren diese anderen Blätter, mit denen Idler zuerst nur wenig anfangen konnte. Es waren dies nicht die hohlen Knochen von Vögeln, es waren Fledermausflügel, ausgespreizt, offen gelegt, gefügt aus Holz und Leinwand, und dann Holzrollen, Holzverbindungen, Holzgelenke, Holzzüge, Holzgerüste, Holzkonstruktionen.

Inmitten dieses Holzgeflügels standen, mit verwischten Strichen hingeworfen, um ihre Anwesenheit anzudeuten, Menschen. Angewinkelte Arme, gebeugte Körper wie in den Treträdern der Holzkräne, wie die bei der Schanzwehr verwendeten, bewegten Flügelteile, drückten Hebel nieder, traten Pedale. Komplizierte Mechanismen ließen die gerötelten Flügel sich bewegen.

Idler schloss die Augen und hörte in sich hinein.

Die Erinnerung an seine Werkstatt verblasste, und undeutlich vernahm er in sich das knatternde Geräusch von Schwingen, wenn sie gegen den Wind anschlugen.

Kaum konnte er sich losreißen von den Hebeln und Holmen, den Segeln und Spanten, den Flügelmaschinen und Maschinenvögeln.

Wie von selbst ordneten sich die Seiten zueinander, erschienen bald nicht mehr wie die zufällige Kombination zufälliger Gedanken. Hier war ein Traum niedergezeichnet worden, ein Traum von Flügeln und vom Fliegen. Sie alle bewegten sich, alles bewegte sich – und in Idler stieg ein Gefühl des Glücks hoch, das ihm beinahe die Luft abschnürte. Hatte er nicht genau das gewollt, seit jeher, seit er als Junge von den Bäumen sprang, angetan mit Tuchfetzen, und Taube spielte oder Falke?

Er fühlte den Luftzug, der über die Spanten strich, fühlte das Zerren der Flügel – und erwachte, als die Kerze plötzlich aufflackerte und erlosch.

8.

Unruhig zuckten Idlers Arme, die Beine stießen nach dem Fußbrett. Die Augen rollten unter den Lidern, lasen Manuskripte, durchwühlten Manuskriptseiten voller unerklärlicher Zeichnungen. Ein Alp setzte sich ihm drohend und schwer auf die Brust. Der Mund öffnete sich leicht, als würde ihm im Traum die Kehle abgeschnürt. Die Haare verklebten mit Schweiß, der Kopf schlug rechts, links, rechts, links gegen das harte, rosshaargepolsterte Kissen. Der Alp stieß ihn hinein in eine wirre, bedrohliche Traumwelt, die angefüllt war von den seltsamsten Wesen:

Es war ein Schwan, der ihn verfolgte, ein Schwan, gewaltig in seinen Ausmaßen, wie der Vogel Roch, von dem ein durchreisender Geschichtenerzähler einmal gefaselt hatte. Doch dieser Schwan war nicht weiß, nicht wie die Jungtiere braungrau. Schwarz war er wie die Hölle und besaß die Fledermausflügel Luzifers.

Zwei Gesichter schob der Schwan vor sich her durch den Wind. Hölzern, starr das eine, mit pupillenlosen Augen, die Wimpern emporgezogen durch Fäden, die auf dem Rücken befestigt waren, ohne Schnabel, ohne Mund. Menschlich das andere, verzerrt vor Anstrengung und Mühsal, schwitzend und nass und rot, mit dem flüchtigen, getriebenen Ausdruck der Angst. So jagte dieser Schwan hinter ihm her.

Von einem Berg aus sah Idler ihn kommen, klein zunächst, wie der Fleck, den eine Fliege auf Scheiben und an der Wand hinterließ. Dann nahte dieser Riesenschwan mit leichtem Flügelschlag, aufwärtsgebogenen Schwingen und dem Knattern von Fahnentuch, das im Wind schlug. Wie ein Sperber fiel der Vogel auf ihn zu, stürzte sich ihm entgegen, als wolle er ihn mit seinen Schwimmfüßen gegen die Erde drücken oder mit hinauf in die Wolken reißen. So jagte der Schwan ihn durch seinen Traum, so dass er laut aufschrie und ihn seine Frau nur noch mit starken Armstößen von seinem Alp befreien konnte.

Als Idler sich, der Last des Traumes entledigt, im Bett aufsetzte, die warme Hand Marias noch in seiner feuchten, schweißklebrigen, und auf ihre ruhigen, unbeschwerten Atemzüge lauschte, blieb das Erstaunen über den leeren, durchscheinenden Körper dieses Flugtieres, dieses Sperberschwans, dieses … – er fand keinen Namen mehr dafür –, durch den er einen Teil des Himmel erkennen konnte.

»Schläfst du schlecht, Salomon?«

Maria lag ebenfalls wach auf dem Rücken, hielt seine Hand.

»Ich hatte einen Albtraum, Maria.«

Idler saß aufrecht im Bett und starrte in die Dunkelheit hinein, die alles aufsog.

»Du hast geschrien. Schlimm?«

Idler hockte vornübergebeugt, die Beine angezogen, die Arme um die Knie geschlungen.

»Es war vom Fliegen. Ich bin geflogen, Maria, und bin von einem riesigen Vogel verfolgt worden, einem künstlichen Vogel, einem Flugschwan. Kannst du dir das vorstellen?«

Maria neben ihm murmelte:

»Immer deine Fliegerei. Sie wird dir noch den Kopf verdrehen.«

Idler hörte nicht hin. Er wusste, was folgen würde. Was wusste sie schon von seinen Träumen? Sie war zu praktisch veranlagt, als dass sie teilhaben würde an seinen Gedanken.

»Richtig geflogen bin ich, mit einem Flügelapparat«, murmelte er mehr zu sich als zu Maria. »Als wäre nichts leichter, Maria. Im Traum natürlich. Aber das gibt es, das gibt es wirklich. Glaub mir.«

»Lass mich mit deinen Phantastereien in Ruhe. Ich bin müde.«

Sie ließ seine Hand los, drehte sich zur Seite und rollte sich ein.

»Wenn du dich um deine Arbeit ebenso bemühen würdest …«

Den Rest des Satzes vermurmelte sie bereits im Schlaf.

Mehr zu sich flüsterte Idler:

»Stell dir das vor. Ich bin geflogen. Kannst du dir das wirklich vorstellen, Maria?«

Dann schwieg auch Idler. Maria war wieder fest eingeschlafen. Ruhig atmete sie neben ihm. Über das Zimmer legte sich eine sanfte Stille, die Idler genoss. Jetzt konnte er seine Gedanken ordnen.

War es wirklich möglich, sich durch die Lüfte zu schwingen?

Warum stürzten die Tauben nicht wie die Äpfel zur Erde?

Warum glitten sie, als könne ihnen die Erdenschwere nichts anhaben, durch die Luft wie die Strahlen der Sonne, dass es einem schwindlig wurde beim Zuschauen?

Die Menschen fielen wie Steine, geradlinig, ohne Umwege. Idler hatte es beobachtet. Beim Buben des Fischer-Bauern hatte er es gesehen, unfreiwillig. »Stadtluft macht frei!«, hatte der geschrien, als er die Mauer hinabgesprungen war. Frei schon – der Junge hatte recht gehabt –, aber nicht schwerelos. Aus einem Menschen wurde kein Vogel, nur weil er glaubte, dieses Recht stehe ihm zu.

Geahnt hatte er das sicher, und dennoch war er lieber in den Tod gesprungen, als sich von den Schergen der Schwedischen in die Armee pressen zu lassen.

»Stadtluft macht frei!«, murmelte Idler. Seine Freiheit dachte er sich anders.

Damit warf er seine Bettdecke beiseite, stand auf – müde noch von den wenigen, unbefriedigenden Stunden Schlaf –, zog Hose, Schürze und Jacke über das knielange Hemd und trat aus dem Haus, streckte sich und atmete die feuchte, kühle Luft des nahen Morgens in tiefen Zügen ein. Er fühlte sich erstmals seit Jahren leicht und befreit.

9.

Behängt mit seiner Kraxe, einem Bündel bestellter Schuhe links und dem Schemel an einem breiten Tragriemen rechts, in der Hand seinen Kasten mit Flicken, Sohlenledern, Ahlen, Zwirnen, Nägeln, Holzstiften, Eisen und Hämmern, drängte sich Idler durch die Menge vor dem Weinmarkt. Viel fahrendes Volk hatten die Landsknechte mitgezogen. Rund um den Herkulesbrunnen lagerte es mit tanzenden Bären, mit Ziegen und Hunden, die auf Befehl bellten und zählten, mit doppelköpfigen Wunderpferden, Schlangen und noch abscheulicheren Kreaturen. Ein Wesen halb Tier, halb Mensch hatte Idler entdeckt, nur kleiner, schwarz behaart, verdicktes Maul und von Sinnen und Witzen. Seilläufer schlugen Purzelbäume, Artisten warfen Messer und Schwerter auf Menschen, ohne sie zu verletzen. Feuerspeier und Schwertschlucker boten ihre Kunst auf dem erhöhten Umlauf um den Brunnen herum dar, eine Wahrsagerin hockte auf einer der Schwellen, und es war ein Gekreische und Gejohle, dass einem ganz schwindlig davon wurde.

Vor einem Krüppel blieb Idler stehen. Vor wenigen Tagen hatte er ihn bereits an derselben Stelle bewundert. Der Mann war gelähmt an beiden Armen, jedoch so geschickt mit den Zehen wie mancher nicht mit den Fingern. Mit den Zehen hatte er Schach gespielt. Er hatte ein Messer zwischen den Zehen gehalten und auf jeden Punkt eines Holzbrettes geworfen, den die Umstehenden ihm bezeichnet hatten. Je weiter er der Mitte zu lag, desto teurer wurde die Demonstration seiner Geschicklichkeit. Idler war der Mund offen geblieben.

Heute nun hob der Lahme einen Humpen auf den Kopf, stellte ihn sich zurecht und schenkte denselben mit einem Fuße voll Wein. Dann stand er auf und übergab den Humpen an den Soldaten, der dafür bezahlt hatte. Danach überreichte ihm eine der Marketenderinnen eine Nadel, und der Lahme fädelte mit Geduld und Beweglichkeit einen Zwirn ein, knotete ihn am Ende und begann damit Löcher in seinem Hemd zu stopfen, bis die Frau lachend die Nadel zurückholte und ihm eine Münze in den Schoß warf.

Stunden hätte Idler diesem Treiben auf dem Weinmarkt zusehen können, Stunden sich durch dieses Gewühle schieben lassen wollen. Da erkannte er im Gedränge plötzlich die junge Frau von letzter Nacht. Sie war mit durchsichtigen Seidenschals in den verschiedensten Farben bekleidet. Ihr schwarzes Haar war streng nach hinten gekämmt und mit Öl getränkt. Um ihren Hals wand sich eine Schlange von derart gewaltigen Ausmaßen, wie er sie noch nie zu Gesicht bekommen hatte. In einer Hand hielt sie den Kopf des Untiers in Gesichtshöhe vor sich, und eben starrten sich die beiden an, die junge Frau mit dunklen, beinahe irislosen Augen, die Schlange mit ihrem starren, gelben Blick. Dann spitzte die Gauklerin ihre Lippen, schloss die Augen und näherte sich der züngelnden Mundöffnung der Schlange. Die Menge um sie herum verstummte, die Zuschauer wagten nicht mehr einzuatmen, aus Furcht, das Wagnis misslinge.

Ein vorsichtiger Kuss löste die Spannung im Publikum in Beifall auf. Die Schlangenbeschwörerin öffnete die Augen wieder, verbeugte sich, und jetzt, nachdem ihr Kunststück gelungen war, trafen sich ihr Blick und der Idlers für einen lidschlagschnellen Moment. Sie lächelte, zwinkerte mit beiden Augen, hob das Untier von ihren Schultern und ließ es in einen Bastkorb gleiten, den sie verschloss. Dann drückte sie sich mit einer Blechdose durch die Menge und sammelte Münzen als Lohn für ihre Darbietung.

Auch an Idler kam sie vorbei, knickste vor ihm, zog aber, als dieser einen Kupferpfennig aus der Tasche kramte und ihn einwerfen wollte, die Dose beiseite:

»Ihr habt bereits bezahlt. Danke, Schuster!«, flüsterte sie, dann war sie schon weiter.

Die Menschen drängten sich noch an den Bastkorb heran, aus dessen Deckel sich vorwitzig der Kopf der Schlange herausschob, als Idler für sich einen Platz suchte. Gegenüber einer Bühne ließ er die Kraxe zu Boden gleiten, stellte sich den Kasten zurecht und bot lautstark seine Dienste feil.

»Schuhe, Sohlen nähen, beschlagen!«

Hier ließ sich schnell und reichlich Geld verdienen. Soldaten trugen immer etwas, das geflickt oder bearbeitet werden musste. Zudem waren sie bei guter Arbeit nicht kleinlich.

»Schuhe, Sohlen nähen, beschlagen; Schuhe, Sohlen nähen, beschlagen!«

Recht bei der Sache war Idler allerdings nicht. Zu sehr beschäftigte ihn der Traum von letzter Nacht. Und über seinen Köpfen schwirrte ein Schlag Tauben in strenger Formation von der Traufe des Weinstadels herab, schlug über dem Brunnen exakte Haken in der Luft und ließ sich auf dem Dach des Fuggerhauses nieder.

10.

»Kund und zu wissen sei jedermänniglich, dass heut und zu den nächsten Tagen, hier vor Ort Spaß und Ernst, Freud und Leid zugetragen werden dem, der zwei Pfennige entrichtet und wissen will, was geschehen in der Geschichte gegenwärtig und vergänglich. Zu Lust und Erbauung und zu allgemeiner Warnung soll nun hier und heute das tragische Ende der Handwerker Daidalos und Ikaros explizieret werden.«

Neugierige sammelten sich vor der Bühne, auf der ein kräftiger Schauspieler in einem blauen Mantel stand und die Worte ins Publikum rief. Im Hintergrund stellten weitere Mitglieder der Komödiantentruppe große, mit Leinen verhängte Tafeln auf. Unter ihnen erkannte Idler mit einigem Erstaunen die Schlangenbeschwörerin wieder. Ein dunkles Rupfenkleid hatte sie jetzt übergezogen und unterschied sich nur durch ihre Haare von den anderen.

Starr stand der Künstler auf dem Bretterboden, mit gespreizten Beinen, sah über die Menge hinweg und ließ plötzlich den Mantel, den er vor die Brust gelegt hatte, mit einer ausladenden Gebärde über die Neugierigen hinwegfegen. Idler erhob sich und drängte sich neugierig unter die Zuhörer. Die Kraxe ließ er zu seinen Füßen auf den Boden gleiten.

Theater. Aber zwei Pfennige waren Idler zu viel. Woher sollte er die nehmen? Er packte Kraxe und Kasten und wollte sich eben aus dem Gedränge herauswühlen, als ihn ein Griff am Arm festhielt.

»Ruhig, Schuster!«, flüsterte es nahe seinem Ohr. »Seht Euch das Stück an. Hört dem Prinzipal zu. Ich bezahle. Erbaulich, Schuster, lenkt ab von unnützen Gedanken.«

Idler erkannte die Stimme Magister Eduards, ohne ihn sehen zu können.

»Haltet sie fest, die Münzen. Wer nicht bezahlt, stirbt. Sie haben gute Verbindungen zu den Mächtigen dieser Stadt.«

Er fühlte, wie ihm jemand zwei Münzen in die Hand drückte, die Finger darum schloss, dann ließ der Griff nach. Bis sich Idler umwandte, war der Magister verschwunden.

Was sollte er davon halten? Doch zum Nachdenken kam er nicht mehr. Eine herrische Geste des Prinzipals zwang die Zuschauer zu Ruhe und Aufmerksamkeit. Eine Leier hob an mit einer hochauffahrenden, kratzenden Melodie, und der Prinzipal im blauen Mantel begann mit einem reinen und deutlich gesprochenen Bariton die Geschichte eines griechischen Handwerkers und seines Sohnes zu erzählen.

»Der Athener Daidalos war weit über die Mauern seiner Vaterstadt hinaus berühmt. Niemand fand sich, der sich mit dem kunstreichen Handwerker messen konnte.«

Idler ließ sich von der Stimme und der Umgebung mitführen, während er die Schlangenbeschwörerin beobachtete, die ihn offenbar ebenfalls in der Menge entdeckt hatte und betrachtete. Sie blickte freundlich und ruhig von der Bühne herab, aber Idler konnte nicht unterscheiden, ob es ihm galt oder zu ihrer Rolle gehörte.

»So hätte er angesehen und in einem hohen Alter in seiner Vaterstadt sterben und den Ruhm seines Namens den Nachkommen vererben können, hätte er sich nicht durch Neid, Missgunst und Eitelkeit verleiten lassen. Sein Schüler Talos war ihm nämlich schon bald an Geschicklichkeit und Kunstsinn überlegen, und statt die Gaben des Knaben zu fördern und einen würdigen Nachfolger in ihm heranzubilden, stieß er diesen vom Dach des Athenatempels in den Tod.«

Für Idler war es, als stünde er selbst auf dem Dach dieses Tempels und fühlte die Hand des Meisters im Rücken, der eben den Entschluss gefällt hatte, Talos in die Tiefe zu stoßen.

Ihn schauderte. Für einen kurzen Augenblick breitete sich der blaue Mantel aus wie das Himmelsgewölbe über Athen. Die Münzen in Idlers Hand waren nass vor Schweiß. Atemlos folgte er dem Bericht des Komödianten.

Die drei Schauspieler hinter dem Erzähler entfernten die Leinwand von der ersten Tafel.

Idler sah die Schlangenbeschwörerin, sah sie die Leinwand einrollen, sah, dass sie ihn wieder betrachtete, fühlte ein merkwürdiges Schaudern – und schon griff die Geschichte wieder nach ihm.

Die Holzschnitte unterstrichen bildlich das dramatische Geschehen. Eine Gruppe Hoplitensoldaten, so wusste der Prinzipal, jagte den Schuldigen, der aber auf dem Schiff eines Freundes entkam und auf der Insel Kreta Zuflucht und eine zweite Heimat fand.

Minos, auf dem Bild als gewaltiger bärtiger Herrscher charakterisiert, nahm den Flüchtigen auf und betraute ihn mit der Aufgabe, für das grässlichste aller Ungeheuer ein Labyrinth zu bauen, für den Minotaurus, halb Mensch, halb Stier.

Idler wusste nicht mehr, ob er den Bilderfolgen nachblickte oder dem Text lauschte. Beides verwob sich in eins. Die Menschen standen so gedrängt, dass Idler Atembeschwerden bekam. Er lebte in einer anderen Welt, in einer anderen Zeit.

»Dem kunstreichen Handwerker gelang der Auftrag so vorzüglich, dass er der Hochachtung des Hausherrn sicher war. Minos überschüttete Daidalos mit Ehren, doch den Athener quälte der Gedanke an seine Heimatstadt jenseits des Meeres. Minos aber ließ den Künstler nicht gehen. Er umgab ihn mit Wachen, die jeden seiner Schritte beobachteten. So wurde ihm und seinem mittlerweile erwachsenen Sohn Ikaros die Insel zum Gefängnis, und die Mauern waren das Wasser, das dieses Eiland rings umschloss.«

Idler stand auf einer der hohen Zinnen des minoischen Palastes, starrte aufs Meer hinaus, ließ sich tragen von der Sehnsucht, die Daidalos in jeden seiner Atemzüge legte.

»Lieber tot als ewig gefangen auf dieser Insel!«, sprach er dem Erzähler nach und hinein in den weißen Äther über dem Mittelmeer, der den Wellenschlag träge und kraftlos machte.

Idler schliefen die Beine ein, so dass er versuchen musste, durch leichtes Stampfen das Blut wieder in Wallung zu bringen. Seine Augen kehrten zurück zur Bühne, suchten nach der Schlangenbeschwörerin, fanden sie neben den Bildern. Sie musterten sich lange. Dann nickte sie. Idler fühlte sich ertappt wie ein Junge.

Mit seiner volltönenden Stimme zwang ihn der Prinzipal wieder zurück in das Geschehen auf Kreta.

Der nächste Holzschnitt zeigte Daidalos, der dem Flug der Möwen nachblickte, die Arme ausgebreitet und über eine Idee nachsinnend, die nur ihm, dem genialsten aller Handwerker und Künstler, hatte in den Sinn kommen können, weil nur er sie zu verwirklichen vermochte.

»Daidalos’ Erfindergeist zwang die Natur unter seinen Willen«, sang der Bariton.

»Wenn der König mir Wasser und Land versperrt, bleibt mir nur der Weg über den Himmel und durch die Lüfte. Darüber kann selbst ein Minos nicht wachen, dort versagen Herrschaft und Gewalt der Könige«, ließ er den Griechen sagen.

Die zweite Tafel wurde von den schlanken Armen der Schlangenbeschwörerin enthüllt, und ein Zyklus von vier Bildern erläuterte die Idee des Atheners. Er fügte gesammelte Vogelfedern mit Wachs und Fäden zusammen. Dann bog er sie in eine Form, die den Schwingen der Vögel ähnelte. So baute er vier Flügel, je zwei für sich und seinen Sohn Ikaros. Je weiter das Werk wuchs, desto neugieriger wurde der Sohn, bis ihn Daidalos in sein Vorhaben einweihte. Schließlich war der Tag gekommen. Der Vater band dem Sohn die Flügel um die Arme und verrichtete dasselbe bei sich.

Bevor der Vater sich in die Lüfte schwang, mahnte er Ikaros, sich weder zu nahe an die Sonne zu wagen, sonst würde das Wachs schmelzen und er unweigerlich ins Meer stürzen, noch zu tief zu fliegen, sonst könnten die Wellen die Flügelfedern durchnässen. Dann hoben sich beide leicht in die Lüfte.

»Zwischen Wellen und Sonne halte deinen Flug, mein Sohn, folge stets meiner Führung!«, rief Daidalos Ikaros ein letztes Mal zu, erzählte der Schauspieler. Sein blauer Mantel blitzte wie das Meer, über das die beiden hinwegflogen, und glaste wie der helle Himmel, durch den sie segelten.

Idler wollte seine Arme ausbreiten, das Gefühl, das Ikaros und Daidalos ergriffen hatte, nachfühlen, aber er war zwischen die Menschen gepresst, die sich drängten, die schoben und stießen und ihn zum Schwitzen brachten, trotz der kühlen Temperaturen.

Was alle erwartet hatten, geschah: Die letzten Holzschnitte der dritten Tafel zeigten den Athener Daidalos, der seinem Sohn nachsah, die Hand nach ihm ausstreckte, während Ikaros unaufhaltsam dem Meer näher stürzte. Die Federn hatten sich unter der Einwirkung der Sonne gelöst, flatterten lose um ihn, und wie um Ikaros’ Schicksal zu verdeutlichen, hatte der Künstler eine fliegende und eine eben ins Wasser eintauchende Möwe dem Bild hinzugefügt.

Idler schloss die Augen, lauschte einzig dem Gesang des Prinzipals, unter den sich ein Chor mischte, gebildet von den Schauspielern. Idler hörte ihre Stimme heraus, die klang wie das Zirpen der Sphären, und versuchte, Hitze und Kühlung zu erfühlen, die Ikaros selbst gefühlt haben mochte, als er der Sonne zu nahe gekommen war und begann, ins Meer zu stürzen.

Plötzlich wurde die Masse der Zuhörer unruhig. Idler sah über die Schulter nach hinten. Ein Trupp Landsknechte in Waffen und Montur näherte sich der Menschenmenge, unter ihnen ein Feldwaibel, in dem Idler den Einäugigen der vergangenen Nacht erkannte, und Ole Larsson, die rechte Hand des schwedischen Stadthauptmanns Stierna. Beides Geißeln der städischen Katholiken.

11.

»He, Prinzipal!«, rief Idler dem Blaubemantelten zu und warf seine beiden Münzen zu ihm hinauf, während sich um ihn her die Menge aufzulösen begann. Für einen Moment sahen sich Idler und der Schauspieler in die Augen, der eine sehnsüchtig, der andere um des Geldsegens erstaunt. Dann schulterte Idler seine Kraxe, nahm den Kasten auf und enteilte in entgegengesetzter Richtung, um einer Kontrolle zu entgehen.

Idler schleppte seine Ausrüstung in Richtung St. Ulrich, umrundete mit ihr den Salz- und Weinstadel und spähte kurze Zeit später wieder von der anderen Seite her auf den Bretterboden, der eben noch Griechenland gewesen war.

Mit flinkem Auge überblickte er den Platz. Die Gefahr war vorüber. Die Landsknechte hatten sich über den Markt verteilt. Eine Gruppe von Soldaten betrat das Zelt einer Marketenderin. Der Feldwaibel, dem das rechte Auge fehlte und über dessen rechte Wange eine Narbe lief, die von einem Schwertstreich herzurühren schien, betrat die Bude einer Wahrsagerin. Zwei weitere Soldaten hatten sich vor einem Würfelspieler niedergelassen. Ole Larsson fehlte. Auch die Komödianten waren verschwunden, die Bühne blieb verwaist. Keine Spur des Schlangenmädchens konnte er entdecken. Zu gerne hätte der Schuster das Ende noch gehört, hätte wissen wollen, was mit Daidalos und Ikaros weiter geschehen war.

Sicher hatte der Alte Trauer empfunden um den Tod des Sohnes. Aber war es nicht gerecht gewesen, für den Mord an Talos, seinem Gehilfen, mit dem eigenen Sohn zu büßen?

Der Schuster suchte sich zögernd eine Lücke zwischen den Schaustellern und Handwerkern, stellte Kraxe und Kasten ab und bot erneut seine Arbeit feil. Die Menschen strömten wieder zurück auf den Platz. Die Schwedischen hatten nur Furcht verbreiten wollen. Idler vergaß sie.

Nicht vergessen konnte er die Geschichte. Davon musste er Maria erzählen, von diesem Daidalos, dem es eingefallen war, den Luftraum für seine Flucht zu nutzen. Erzählen musste er ihr, dass es ein Mensch gewagt hatte, sich über andere zu erheben, sich ganz seinen Ideen zu überlassen.

Idler schloss die Augen und ließ sich den Wind des Meeres durch die Haare wehen, roch das salzige Aroma der Wellen und lauschte dem entfernten ...

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