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Der Teufelsschatz

George Templeton

Der Teufelsschatz

1. KAPITEL

Todtraurig blickte ihr Spiegelbild ihr entgegen, und sie fühlte sich elend. Die blonden Haare waren etwas mehr als fingerlang geschnitten und standen wirr in alle Richtungen ab. Die Augen schimmerten feucht.

So ein Mist, dachte Jaclyn, jetzt fang ich auch noch an zu heulen.

Mit dem Finger wischte sie sich eine Träne weg. Wenn sie tatsächlich so elend aussah, wäre es wahrscheinlich am besten, das Haus gar nicht erst zu verlassen. Aber das stand natürlich nicht zur Debatte.

„Jaclyn, du wirst dich zusammenreißen“, ermutigte sie sich selbst. „Es sind ja nur noch ein paar Stunden, dann hast du es hinter dir.“

Doch kaum hatte sie das ausgesprochen, fühlte sie sich noch schrecklicher als vorher. Na prima! Das war mal wieder typisch. Nicht umsonst fragte niemand sie um Rat, wenn es Probleme gab. Jaclyns Ratschläge sind echte Schläge, das hatte sie oft genug zu hören bekommen. Der Gedanke machte sie noch trauriger. Ob überhaupt jemand sie vermissen würde? Außer Jacob vielleicht, und Maggy?

Nein, das hier war alles andere als ein guter Tag. Aber so war es eben, wenn einem von heute auf morgen das ganze Leben entrissen wurde.

Und zu allem Überfluss war es auch noch eisig kalt, weil das Fenster gekippt war. Bei diesen Temperaturen wuchsen beinahe Eiszapfen am Duschkopf.

Ihrem Vater war das egal, aber sie hatte es nun einmal gern warm und liebte es, heiß zu duschen. Ob er je lernen würde, Rücksicht auf sie zu nehmen? Er hatte nur noch seine Beförderung im Kopf. Oder seine Berufung, wie er es nannte.

Toll.

Zu ihrer Frustration gesellte sich ein gutes Maß an Ärger, was die Aussicht auf diesen Tag vollends trübte. Während sie das Fenster schloss, entschied Jaclyn sich dagegen, zu duschen. Sie drehte die Heizung auf Maximaltemperatur und nahm einen Waschlappen vom Regal. Dabei stieß sie gegen ihr Haargel.

Die Dose kippte um und fiel ihr auf den nackten Fuß, direkt auf die Zehen. Der Schmerz war zwar erträglich, aber er brachte das Fass zum Überlaufen – Jaclyn konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.

Im selben Moment hörte sie das Knarren der Treppe. Ihr Vater kam ins Obergeschoss. Natürlich ausgerechnet jetzt.

„Jaclyn?“

Als Antwort gab sie ein undeutliches Brummen von sich; Hauptsache, er hörte nicht, dass sie weinte. Ein einziges Wort hätte ihm das wahrscheinlich verraten. Ihre Stimme würde ganz erstickt klingen, und er kannte sie zu gut, um ihr nicht sofort jede Gefühlsregung anzuhören. Manchmal hasste sie ihn dafür. Aber so war das wohl mit Menschen, die einem wirklich nahestanden. Und wen außer ihm hatte sie schon?

„Kommst du mal?“, rief er.

Na klar. Du siehst mich heulen, und das wird alles auf jeden Fall viel einfacher machen. Sie räusperte sich und drehte rasch das Wasser am Waschbecken auf. „Ich bin nicht angezogen!“

„Dann wirf dir was über. Ich muss gleich los, und …“

„Schon gut.“ Sie klatschte sich den nassen Waschlappen ins Gesicht und wischte sich die Tränen weg. Dann eilte sie zur Tür, stellte sich schräg dahinter und öffnete sie nur einen Spaltbreit – gerade so weit, dass sie in den Flur spähen konnte.

Ihr Vater trug seinen besten Anzug. Die Krawatte war korrekt gebunden, das Hemd saß perfekt. „Wie sehe ich aus?“

„Piekfein. Alle werden begeistert sein.“

„Was ist mit der Krawatte?“

„Piekfein“, wiederholte sie, leicht genervt. „Was gibt’s?“

„Ich wollte dich nur sehen, Schatz. In zwei Stunden habe ich das Gespräch mit dem Dekan der Universität.“

Jaclyn versuchte zu lächeln. „Dann beeil dich.“

„Wir … na ja … Es ist unser letzter normaler Vormittag in diesem Haus. Dein letzter Tag. Morgen ist Wochenende, das heißt, um diese Uhrzeit packen wir schon die Kisten in den Van.“

Ach, wirklich? Hinter der Tür wurde es ihr langsam unbequem. Jaclyn stützte sich mit der rechten Hand an der Wand ab. „Ob du’s glaubst oder nicht, das ist mir auch schon aufgefallen.“

„Ich wollte dich nur fragen, wie es dir geht.“

„Fantastisch.“

„Ich weiß, dass es schwierig ist. Du verlierst all deine Freundinnen und …“

„Halb so wild“, log sie. „Was sollte ich schon vermissen? Außerdem: Meinst du nicht, dass es für dieses Gespräch ein bisschen zu spät ist?“

Auf einmal sah er traurig aus. „Es gibt eine tolle Highschool in Davenport. Die Bewertungen im Internet sind alle erstklassig, und …“

Das war so ungefähr das Letzte, was sie hören wollte. „Bewertungen im Internet?“, unterbrach sie. „Super. Ist das dein Ernst?“

Er atmete tief durch, wie er es immer tat, wenn ihm unbehaglich zumute war. „Es lässt sich nun einmal nicht ändern. Wir müssen umziehen. Ich wünsche dir trotzdem einen guten Tag. Und du weißt …“

„Ja, ich weiß.“

„Ich liebe dich.“

„Ich hab dich auch lieb“, antwortete sie, ohne nachzudenken. Ich liebe dich kam ihr nicht so leicht über die Lippen wie ihrem Vater. Soweit sie sich erinnern konnte, hatte sie es zuletzt zu ihrer Mutter gesagt, also vor mehr als zwölf Jahren, vor dem Unfall. „Aber Dad, ich muss mich jetzt fertig machen, sonst komme ich zu spät.“

„Deine Augen …“

„Was ist damit?“

„Sie sind gerötet.“

Warum war er nur so ein guter Beobachter? Ihre Freundinnen könnten sich alle wahrscheinlich farbige Kontaktlinsen einsetzen, ohne dass es ihre Väter bemerken würden. „Mir ist Seife reingelaufen. Kann ich jetzt bitte duschen gehen? Ich bin …“

„Nicht angezogen“, sagte er. „Ich weiß.“ Dabei schaute er auf den kleinen Teil ihres Unterarms, den er durch den Türschlitz sehen konnte.

Sie folgte seinem Blick. „Im Schlafanzug kann man mich wohl kaum als angezogen betrachten.“ Das klang wie eine billige Ausrede. Aber im Moment war ihr das völlig egal. „Du musst dich damit abfinden, dass ich nicht mehr dein kleines Mädchen bin.“

„Wie könnte ich auch nur eine Sekunde lang vergessen, wie alt du bist? Jaclyn, eins versichere ich dir: Wenn ein Vater eine siebzehnjährige Tochter hat, dann weiß er das ganz genau. Besonders an den Vormittagen, nachdem er am Abend vorher nicht zu Hause war.“

„Was willst du damit sagen?“

„Ach …“

„Ich werd mir schon keinen Typen ins Haus holen.“ Demonstrativ schloss sie die Tür. „Bis heute Abend“, rief sie ihm versöhnlich zu. Er hasste es, wenn sie mit ihm stritt. Meistens bekam er Probleme mit dem Magen, und sein Gesichtsausdruck wurde ungefähr so sauer wie das Sodbrennen, über das er dann klagte.

Aber egal, wie trübselig alles aussehen mochte: Jaclyn wusste, wie wichtig der neue Job für ihren Vater war. Deshalb wollte sie nicht, dass er die ersten Gespräche mit irgendwelchen vertrockneten Gelehrten der Universität in Davenport schlecht gelaunt führte.

Es reichte ja, dass sie schlechte Laune hatte. Vielleicht die schlechteste in ihrem ganzen Leben, obwohl sie allgemein sicher nicht unbedingt ein fröhlicher Mensch war.

Es regnete. Das passte wie die Faust aufs Auge. Genau das richtige Abschiedswetter für Costa Morica. Doch es konnte sie nicht trauriger machen, als sie ohnehin schon war.

Sie fuhr auf ihrem klapprigen alten Rad, dessen Schutzblech bei jeder Unebenheit im Boden schepperte. Ihre Jeans waren inzwischen klatschnass; die Regenjacke schützte wenigstens Kopf und Oberkörper. Ihre Frisur würde zwar völlig ruiniert sein, aber …

Ein Hupen holte sie brutal ins Hier und Jetzt zurück. Reifen quietschten laut auf dem Asphalt.

Jaclyn war gedankenverloren über die Kreuzung gesaust. Instinktiv bremste sie jetzt, das Hinterrad scherte aus.

Die Zeit schien stehen zu bleiben, als sie das Gleichgewicht verlor. Jaclyn kippte und stürzte auf den Asphalt. Irgendwo quietschten schrille Bremsen, doch am lautesten war das Knacken. Ihr Bein schmerzte furchtbar.

Dann ein Krachen. Wie im Kino, schoss es ihr seltsamerweise durch den Kopf. Das war das Geräusch von kreischendem Metall. Ein Auffahrunfall.

Aber vor allem ging ihr dieses Knacken nicht aus dem Kopf, das sie ganz nah gehört hatte, wahrscheinlich in ihrem eigenen Körper. Sie glaubte, es immer noch zu hören, aber aus einer seltsamen Distanz, als würde sie neben sich stehen und sich selbst beobachten. Na super. Hatte sie sich etwas gebrochen? Die Schmerzen waren jedenfalls stark genug.

Sie lag mitten auf der Straße, stützte sich ab und versuchte aufzustehen. Ihr war schwindelig. Unablässig platschten Regentropfen in die Pfützen auf dem Asphalt. Die weiße Seitenmarkierung lag nur einen Meter entfernt.

Ein Meter.

Viel zu weit.

Sie sackte wieder zusammen. Kein Wunder. Wie sollte sie auch auf einem gebrochenen Bein stehen?

Jemand packte sie erst an den Armen, dann um die Taille und zog sie auf den Bürgersteig.

„… was passiert?“

Wieder hupte es. Eine drahtige Frau in mausgrauem Rock hob das Fahrrad von der Straße. Das Schutzblech klapperte. Es hing zur Seite.

„Ist dir etwas passiert?“

Wieder diese Stimme. Jaclyn kniff die Augen zusammen und fühlte die Halsschlagader heftig pochen. Ihr war übel.

„Fragen Sie doch nicht so dumm – sie hat einen Schock. Das sieht man doch!“

Irgendwo tief in Jaclyn stieg ein Lachen auf. Redeten die über sie? Sie kam sich vor, als wäre sie gar nicht dabei. Sie fühlte sich wie in einer blöden Soap oder in einer Reality-TV-Show. Teenager im Straßenverkehr und ihre dümmsten Fehler.

„Sie blutet am Kopf.“ Das war wieder die erste Stimme, die kurz darauf fluchte und „Meine Hose“ murmelte.

Jaclyn schloss kurz die Augen. Sie hätte sich am liebsten übergeben. Aber irgendwie fehlte ihr die Kraft dazu.

Sehr seltsam.

Das ist alles sehr seltsam, dachte sie.

Sehr

„Sehr seltsam“, hörte sie. Diesmal war es aber eine bekannte Stimme.

Jaclyn wunderte sich, wie bequem sie auf einmal lag. So weich. Gar nicht wie auf hartem Asphalt, eher wie auf einem Bett. Sie zog die Beine an. Stoff raschelte.

„Es ist sehr seltsam, wenn ihr weggeht.“

Natürlich. Das war Jacob.

„Weißt du, Jaclyn, ich …“

Sie öffnete die Augen, und er verstummte. Als würde er nicht wollen, dass sie ihn hörte.

Er saß auf der Bettkante.

Es war tatsächlich eine Bettkante. Was hatte das zu bedeuten? Die Zimmerdecke über ihr war weiß getüncht. An der Wand vor ihr hing ein nichtssagendes Landschaftsbild mit einem Sonnenuntergang.

Jacob lächelte sie an. Es sah gequält aus. Die hellbraunen Haare glitzerten feucht, wahrscheinlich vom Regen. Denn es regnete doch. Oder? Ja, sicher, eben war sie noch nass geworden. Unwillkürlich blickte sie zum Fenster, an dem Tropfen in langen Streifen hinabliefen. Die Scheibe war beschlagen.

„Du bist im Krankenhaus, Jaclyn.“

„Krankenhaus?“ Ihre Stimme klang schrecklich. Rau wie die einer uralten Frau.

Offenbar entging das auch Jacob nicht – er grinste breit. „Hey, Oma, mach dir keine Sorgen. Ist fast nichts passiert.“

„Wie komme ich …“

„Du bist ohnmächtig geworden und auf deinen hübschen Kopf gefallen.“

„Meinst du?“

„Was gibt’s da zu meinen? Glaub mir, es war so. Die überwachen dich mit ihren ganzen Apparaten, aber es sieht gut aus. Reine Vorsichtsmaßnahme, hat der Doc gesagt.“

Der Trottel hatte also gar nicht verstanden, was sie meinte – und dabei war sie diejenige, deren Kopf in allen Details geprüft wurde. Bei dem Gedanken musste sie selbst lachen. Und so vergaß sie das seltsame Gefühl wieder, das sie empfunden hatte, als er von ihrem hübschen Kopf gesprochen hatte.

Sie hatte sowieso nicht verstanden, warum ihr dabei ganz anders geworden war. Schließlich war Jacob ein Freund, sonst nichts. Das war er schon gewesen, seit sie zusammen zum ersten Mal in ihrem Gitterbett gehüpft waren – damals hatten sie noch nicht mal richtig laufen können und sich an den Stäben festhalten müssen.

Langsam setzte sie sich auf. Einen Augenblick wurde es dunkel, und die Welt verschwamm. Es ging jedoch rasch vorbei. Nur ihr Nacken schmerzte immer noch.

„Du hast da …“, meinte Jacob und tippte an seine Unterlippe.

„Hm?“

„Egal.“ Er nahm ein Taschentuch von dem kleinen Beistelltischchen und tupfte ihr damit das Kinn ab. „Mach dir nichts draus.“

„Danke“, murmelte sie. Meine Güte, war das peinlich. Sie hatte gesabbert und es noch nicht einmal gemerkt. Wenn das irgendjemand außer Jacob gesehen hätte! „Wo ist eigentlich mein Vater?“

„Unterwegs. Sie haben ihn auf seinem Handy angerufen. Du hast doch diesen Zettel an deinem Rucksack. Und er hat mich gerade noch zu Hause erwischt und mich zu dir geschickt. Er braucht noch mindestens eine halbe Stunde.“

„Du bist direkt von zu Hause aus hierhergekommen? Aber … Wie viel Uhr ist es?“

Er winkte ab. „Hier ist es besser als im Seminarraum, oder? In so einem Notfall werden sie das schon verstehen. Wir hätten jetzt Englische Literatur. Romeo und Julia. Sieh es also so, Jaclyn: Du hast mir mit deinem Unfall das Leben gerettet.“

„Wenigstens ein Gutes hat es also.“ Sie schaute an sich hinab. „Ist irgendetwas gebrochen?“

„Gebrochen?“ Jacob schüttelte den Kopf. „Ein paar blaue Flecken, sonst nichts. Die beobachten dich vor allem, weil du auf den Kopf gefallen und ohnmächtig geworden bist. Reine Routine. Das machen die immer so, sagt der Doc.“

„Und das hat gute Gründe“, sagte plötzlich eine tiefe Stimme hinter Jacob.

Jaclyn linste an ihm vorbei in Richtung Tür. Dort stand ein Mann in weißem Ärztekittel.

„Ich bin Doktor Lemenecier“, stellte sich der mindestens zwei Meter große Hüne vor. Seine Schultern hätten einen Boxer vor Neid erblassen lassen. „Und ich brauche keine Patientinnen, die alles besser wissen.“

„Und Besucher?“ Jacob erntete für diese Frage einen vernichtenden Blick. Lemenecier schien nicht gerade bester Laune zu sein. Seine Geheimratsecken waren so groß, dass man schon fast von einer Halbglatze sprechen konnte. Oder von einem breiten Scheitel, wie ihr Vater seine eigene Frisur nannte.

Es fiel Jaclyn schwer, auf Jacobs Scherz hin nicht laut loszulachen.

Der Arzt kam näher. „Deine Werte sind in Ordnung. Du hast keine Gehirnerschütterung oder sonstige Schäden. Nichts spricht gegen eine Entlassung. Irgendwelche Fragen?“ Dabei sah er auf die Uhr, die an der Wand hing.

„Als ich gestürzt bin, habe ich etwas knacken gehört. Ich dachte, ich hätte mir das Bein …“, sagte Jaclyn.

„Dein Fahrrad“, unterbrach Jacob. „Sah wohl übel aus, habe ich gehört. Die abgerissenen Speichen kannst du jetzt als Gitarrensaiten verwenden.“

Elender Schrott, dachte Jaclyn. Vielleicht war das alte Rad nun endgültig hinüber. Dann brauchte sie es wenigstens nicht mit nach Davenport zu nehmen. Wieder etwas, das den Umzug unkomplizierter machte.

„Du hattest Glück, dass du nicht überfahren worden bist.“ Der Arzt wandte sich ab. „Pass das nächste Mal besser auf, Mädchen.“

Die wenig schmeichlerische Antwort, die ihr auf der Zunge lag, schluckte sie hinunter.

Kaum war der Arzt aus dem Raum, schüttelte Jacob den Kopf. „Der war ja vielleicht großkotzig.“

„Pass besser auf, Mädchen“, imitierte Jaclyn den Tonfall von Lemenecier.

Diesmal lachten sie beide.

Wenn Jaclyn später an diesen Moment zurückdachte, dann deshalb, weil er ihr als das letzte Mal schien, dass sie wirklich unbeschwert gelacht hatte.

„Du hättest nicht extra kommen müssen“, sagte Jaclyn einige Stunden später.

Sie saß auf dem Beifahrersitz des Wagens, den ihr Vater durch die Straßen lenkte, die mal wieder hoffnungslos verstopft waren. Alle Ampeln schienen nur eine Farbe zu kennen. Und es regnete immer noch; im Auto klang es, als spiele jemand Schlagzeug auf dem Dach.

„Unsinn!“ Er drehte sich zu seiner Tochter um. „Glaubst du, ich hätte da drüben auch nur eine ruhige Sekunde gehabt? Mich hat irgendeine Krankenschwester angerufen: ‚Mister Frank Barlington? Ihre Tochter hatte einen Unfall und liegt im Krankenhaus.‘ Ich dachte, mir zieht jemand den Boden unter den Füßen weg.“

Jaclyn verschränkte die Finger ineinander. „Hätte schlimmer kommen können. War aber voll blödes Timing, was? Tut mir leid.“

„Ich glaube nicht, dass du dir das ausgesucht hast, oder?“ Wieder mussten sie anhalten, weil der Verkehr völlig zum Erliegen kam.

„Was ist mit deinem Vorstellungsgespräch in der Uni von Davenport, Dad?“

Er trommelte auf dem Lenkrad. „Es wurde verschoben. War kein Problem, da hatten alle Verständnis.“

„Bestimmt?“

„Bestimmt.“ Als der Verkehr wieder anrollte, würgte ihr Vater den Motor ab. Der Wagen bockte, machte einen gewaltigen Ruck und kam schließlich zum Stehen.

Jaclyn wurde in den Gurt gedrückt und staunte über das Schimpfwort, das sie zu hören bekam.

„Heute klappt aber auch gar nichts!“, rief ihr Vater hinterher.

„Vielleicht hängt es mit dem Fluch zusammen.“

„Dem Fluch?“

„Du weißt schon, der Teufelsschatz.“

„Sehr witzig.“ Er drehte den Zündschlüssel. Der Motor jaulte zwei, drei Mal auf und sprang wieder an. Die Fahrer hinter ihnen hatten schon mit einem Hupkonzert begonnen, als könnten sie damit irgendetwas auch nur um eine Sekunde beschleunigen.

Kaum rollten sie wieder, begann ihr Vater mit einem seiner weithin gefürchteten Vorträge. „Das Gerede von einem Fluch ist Unfug, Liebes. Das ist dir hoffentlich klar. Oder glaubst du, dass dich irgendein Geist vom Fahrrad geschubst hat?“

Das sollte wohl witzig sein, aber ihr war nicht nach Lachen zumute. „Es war eher eine Hupe oder …“

„Uns hat es jedenfalls noch keinen Schaden gebracht, dass ich mich mit dem Teufelsschatz beschäftige. Ganz im Gegenteil!“ Mit einem Mal klang er verärgert, wie oft, wenn er unter Stress stand. In einem etwas versöhnlicheren Tonfall fuhr er dann aber fort: „Auch wenn du das vielleicht anders siehst, was ich durchaus verstehen kann. Entschuldige, wenn ich mich so aufrege. Es ist nur … ich – ich habe mir ziemliche Sorgen um dich gemacht, weißt du?“

Jaclyns Gedanken kreisten um den Teufelsschatz. Letztendlich war es ihm zu verdanken, dass der Umzug nach Davenport anstand … und das, obwohl er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht einmal existierte. Zumindest glaubten das die meisten Leute. Jaclyns Vater sah das anders.

Schon seit Jahren stellte er private Forschungen zu diesem Thema an; es gab wohl niemanden, der darüber besser Bescheid wusste als er. Bis vor wenigen Wochen war es nur ein Hobby neben seiner eigentlichen Arbeit gewesen; er arbeitete als Geschichtslehrer – und er war nicht gerade einer der unbeliebtesten. Nun jedoch hatten seine unkonventionellen Ideen unverhofft zu einer Berufung als Dozent an die Universität in dem Küstenstädtchen Davenport geführt. Der dortige Lehrstuhl für Heimatforschung hatte ihm einen Zweijahresvertrag angeboten. Zwei Jahre mit einem anständigen Gehalt, wie er nicht müde wurde zu betonen. Das ist auch für dich gut, Liebes.

Noch ehe Jaclyn etwas erwidern konnte, klingelte das Handy. Ihr Vater zog es aus seiner Tasche und hielt es Jaclyn hin, ohne draufzusehen.

„Ja?“

Auf seinen vorwurfsvollen Blick hin grinste sie nur – er predigte ihr immer wieder, sie solle sich mit ihrem vollen Namen melden.

„Genau dich wollte ich sprechen!“ Sofort erkannte sie Jacobs Stimme. Als ihr Vater im Krankenhaus eingetroffen war, hatte er sich auf den Weg zur Highschool gemacht, wo er wohl mit etwa zwei Stunden Verspätung eingetroffen war. „Wo bist du?“

„Unterwegs nach Hause“, antwortete sie.

„In einer Stunde bin ich bei dir, okay?“

„Mhm“, brummte sie.

„Bis gleich.“

Sie verabschiedete sich, legte auf und drehte das Handy nachdenklich. Das Display leuchtete noch eine kurze Zeit, bevor es erlosch.

„War das Jacob?“, fragte ihr Vater.

Sie nickte. Als ihr bewusst wurde, dass er es nicht sehen konnte, weil er auf die Straße schaute, sagte sie: „Er will später vorbeikommen.“

„Ein guter Junge.“

Sie schwieg.

„Wirst du ihn drüben in Davenport vermissen?“

„Klar.“

„Wie?“

Sie blickte ihn an. „Was meinst du damit – wie?

„Wie einen Freund oder … mehr?“

„Keine Ahnung.“ Noch vor einem Tag hätte sie die Frage albern gefunden. Nun wusste sie selbst nicht, wie sie darüber denken sollte. „Spielt ja aber auch keine Rolle. Morgen sind wir weg.“

„Es sind gerade einmal hundert Meilen von hier. Wir sind nicht aus der Welt, Schatz. Außerdem spielt es sehr wohl eine Rolle, was du für ihn empfindest.“

Das Thema wurde ihr von Sekunde zu Sekunde unangenehmer. Mit ihren Freundinnen hätte sie vielleicht darüber reden können, ja. Mit Maggy und Nadja ganz sicher, mit Sabsi vielleicht – aber doch nicht mit ihrem Vater. Nahmen die Peinlichkeiten an diesem Tag denn überhaupt kein Ende? „Ich freue mich auch irgendwie auf das neue Haus … die neue Highschool … das alles.“

„Jaclyn?“

„Ja?“

„Lüg nicht.“

Zu Hause angekommen, zog sie sich in ihr Zimmer zurück. Oder in das, was von ihrem Zimmer noch übrig geblieben war, und das war momentan nicht gerade viel. Die Regale hatte sie leergeräumt und abgeschlagen, Kisten stapelten sich an den Wänden.

Mit ihren persönlichen Sachen schien der Raum seine Seele verloren zu haben. Auf dem Boden lag noch die Matratze, auf der sie schon die letzte Nacht verbracht hatte; das Bett lag bereits in seinen Einzelteilen unten in der Garage.

Sie legte sich auf die Matratze, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und starrte an die Decke.

Im Krankenhaus war ihr Doktor Lemenecier noch einmal über den Weg gelaufen und hatte ihr auf seine unnachahmlich unfreundliche Art befohlen, sich den Rest des Tages zu schonen. Dass er ihr nicht gedroht hatte, ihr eine richtige Gehirnerschütterung zu verpassen, wenn sie sich nicht daran hielt, war auch alles gewesen.

An diesen Rat würde sie sich halten – zumindest so lange, bis Jacob kam. Wie sich der Abend dann entwickelte, würde sich zeigen. Ihr tat das Herz weh, als sie darüber nachdachte, dass dies der letzte Tag war, an dem es zu den selbstverständlichsten Dingen überhaupt gehörte, dass entweder er sie besuchte oder sie ihn. An den Tagen, an denen sie sich nicht getroffen hatten, hätte sie Kreuzchen in den Kalender machen können. So wäre keine allzu große Sammlung zusammengekommen.

Auch Maggy und die anderen würden ihr fehlen, aber Jacob war schon immer etwas Besonderes gewesen. Ihre beste Freundin, hatte sie immer gescherzt, so wie er sie auch als seinen besten Freund bezeichnet hatte. Die anderen hatten sie dann immer dumm angeschaut, aber das war ihnen egal gewesen.

Ohnehin hatten sie nie viel darauf gegeben, was die anderen sagten. Sprüche wie Ein Junge und ein Mädchen können nicht einfach so befreundet sein hatten sie tausend Mal gehört. Bewiesen hatten sie das Gegenteil.

Doch als sie jetzt an ihn dachte, während sie dem Rumpeln lauschte, mit ...

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