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Der Test

1. KAPITEL

Die Taufgemeinde war totenstill, nachdem Robert Barbara von Heidenberg aus der Kirche geworfen hatte. Nur Valentina schrie noch immer wie am Spieß. Werner war trotz des Eklats ein bisschen stolz auf seinen Sohn – immerhin hatte Robert Barbara in ihre Schranken gewiesen. Charlotte und Hildegard sahen das allerdings anders. Man befand sich hier in einer Kirche, da führte man sich nicht so auf. Eva fühlte sich fassungslos und resigniert. Robert hätte die Kontrolle nicht verlieren dürfen. Damit spielte er der von Heidenberg letztlich doch nur in die Hände. Sie suchte seinen Blick, vergeblich. Er bemühte sich jetzt darum, die Situation zu überspielen, und bat den Pfarrer, mit der Taufe seiner Tochter fortzufahren.

Nach der Zeremonie sprach Eva als Erstes mit ihrer Tante. Und sie bat Hildegard darum, Roberts Benehmen in der Kirche dem Jugendamt gegenüber nicht zu erwähnen.

„Eigentlich ist sein Verhalten nur allzu verständlich“, fand sie. „Wenn man bedenkt, was diese Person ihm und seiner geliebten Miriam angetan hat …“

„Weißt du eigentlich, was Robert vorhin damit gemeint hat – die von Heidenberg hätte versucht, Valentina zu entführen?“, fragte Hildegard ernst. Das hatte Robert Barbara nämlich vorgeworfen. Eva blieb nichts anderes übrig, als Hildegard zu beichten, was geschehen war. Dass Götz Zastrow Robert vom Kinderwagen weggelockt hatte. Und Barbara den Augenblick genutzt hatte, um sich Valentina zu schnappen und sie auf die Treppe vor der Küche zu legen. Damit Hildegard die Kleine dort fand. Und so mit der Nase darauf gestoßen würde, was Robert Saalfeld für ein unfähiger Vater sei. Glücklicherweise hatte Eva das Baby noch vor ihrer Tante entdeckt. „Der Junge muss wirklich vorsichtig sein“, meinte Hildegard nun. „Gerade jetzt.“

„Ich sorge dafür, dass er das endlich kapiert“, versprach Eva. „Aber bitte … Ich habe dir alles erzählt. Können wir es einfach dabei belassen?“ Robert hatte doch nur ein paar Anlaufschwierigkeiten. Aber er war dabei, sich zu einem ganz tollen Vater zu entwickeln. Hildegard durfte ihm einfach keine weiteren Steine in den Weg legen.

Eva hoffte, dass sie Hildegard überzeugt hatte, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Es war schon ungünstig genug, dass Robert wieder die Nerven verloren hatte. Und sie selbst musste auch gut aufpassen, wie sie sich in Zukunft verhielt. Einerseits wollte sie natürlich alles dafür tun, dass Valentina bei ihm bleiben konnte. Andererseits…Eva durfte sich nicht zu sehr einlassen. Je mehr sie mit Robert zu tun hatte … Am Ende würde sie nur leiden. Aber warum war die von Heidenberg bloß so interessiert an dem Baby? Um Valentina konnte es dieser Frau doch nicht ernsthaft gehen …

„Ich freue mich jetzt schon auf das Heulen und Zähneklappern, wenn das Balg endlich bei mir ist.“ Barbara triumphierte, als sie zu Götz in die Wohnung zurückgekehrt war. „Zum Glück schaltet sich Roberts Hirn automatisch aus, wenn man ihn ein bisschen reizt.“

„Tut mir leid, dass ich erst skeptisch war“, sagte Götz mit einem bewundernden Lächeln. „Dein Plan, Robert als unfähigen, cholerischen Vater dastehen zu lassen, scheint wirklich zu funktionieren.“

„Es sei dir verziehen.“ Sie grinste diabolisch. Sie war sich sicher, dass sich Frau Sonnbichler sofort hinter die Geschichte mit der Entführung klemmen würde, die Robert Barbara in der Kirche vorgeworfen hatte. „Und schon gibt es ein weiteres Argument gegen ihn als treu sorgenden Papa.“

„Selbst wenn ihm das Sorgerecht für seine Tochter entzogen würde …“ Dass ausgerechnet Barbara dann das Sorgerecht für Valentina erhielt, konnte Götz sich nun beim besten Willen nicht vorstellen. „Glaub ja nicht, dass das einfach wird.“

„Wieso?“, säuselte sie. „Erstens habe ich den besten Anwalt, den man sich wünschen kann … Und außerdem bekomme ich immer, was ich will.“

Robert war sich darüber bewusst, dass die Szene in der Kirche ihm nicht unbedingt zum Vorteil gereichte. Auch wenn Tanja, Valentinas Taufpatin, gut verstehen konnte, dass er Barbara gegenüber so ausfällig geworden war.

„Seit dem Prozess sollten wir alle besser vorsichtig sein“, seufzte er. „Barbara gewinnt am Ende immer. Weil sie einfach nicht kleinzukriegen ist. Wie eine Kakerlake!“

Werner ereiferte sich Charlotte gegenüber mit denselben Worten.

„Die Frau ist einfach nicht kleinzukriegen! Skrupellosigkeit und Dreistigkeit gewinnen am Ende eben immer.“

„Vielleicht nicht immer“, erwiderte Charlotte erschöpft. „Aber oft.“ Sie ließ sich aufs Sofa sinken. Als Barbara von Miriams Tod erfahren hatte, war es ihr gelungen, sehr überzeugend Betroffenheit zu heucheln. Und Charlotte hatte ihr wieder einmal geglaubt. Es war zum Aus-der-Haut-Fahren. „Mit ihrem heutigen Auftritt wollte sie Robert ganz bewusst aus der Fassung bringen. Was sie ja leider auch erreicht hat.“ Sie flehte ihren Exmann an, etwas zu unternehmen. „Sonst steht Barbara irgendwann wirklich noch als Siegerin da! Wer weiß, wie lange Robert den Druck noch aushält. Womöglich tut er etwas Unbedachtes, sie schwärzt ihn beim Jugendamt an …“Vielleicht würde Barbara es sogar schaffen, dass das Jugendamt Robert das Sorgerecht für seine Tochter entzog! „Ich will das nicht erleben. Es wäre einfach zu viel!“ Werner musste dafür sorgen, dass Barbara und Götz Zastrow endlich aus dem Fürstenhof verschwanden. Und wenn er dafür schmutzige Tricks anwenden musste, dann sollte er das tun. Charlotte war am Ende ihrer Kräfte.

Hildegard besprach sich unterdessen mit ihrem Mann. Auch Alfons fand, dass sie in ihrem Bericht fürs Jugendamt den Vorfall in der Kirche und die Geschichte mit der Entführung verschweigen sollte. Aber Hildegard tat sich schwer damit. Man hatte sie mit dieser Sache beauftragt, damit sie im Sinne des Kindes urteilte. Nicht auszudenken, wenn Valentina etwas geschah. Außerdem hatten viel zu viele Zeugen den Vorfall in der Kirche mitbekommen. Da würde immer etwas durchsickern können. Alfons konnte seiner Frau nur raten, genau das zu machen, was sie für richtig hielt.

Jasper hatte sich vom ersten Schrecken erholt. Eben hatte seine Tochter ihm gestanden, dass sie in Deutschland nicht Önologie studiert hatte, sondern Flugzeugbau. Und nun machte er ihr schwere Vorwürfe.

„Ich habe dir dein Studium finanziert, deinen Aufenthalt in Deutschland!“, empörte er sich. „Wie konntest du mich so belügen? Deinen eigenen Vater!“

„Papa, es tut mir ehrlich leid, aber …“ Maike hatte ihn nicht verletzen wollen. Aber sie musste doch nun mal ihr eigenes Leben leben!

„Du hast dich also auf eine Stelle als Ingenieurin bei einem Flugzeugbauer beworben“, stellte er wütend fest. Sie nickte.

„Das ist mein absoluter Traumjob“, erklärte sie und nahm dann noch einmal all ihren Mut zusammen. „Ich kann nicht wieder heim nach Südafrika. Hier … Das ist das, worauf ich lange hingearbeitet habe.“

„Anderer Berufswunsch, still und heimlich heiraten, ohne deinen Vater vorher einzuweihen …“ Bitter lachte Jasper auf. „Was sagt denn dein Ehemann dazu, dass du deinen Vater so hintergehst?“

„Bitte!“, wehrte Maike ab. Was Simon davon hielt, war doch nun vollkommen nebensächlich. „Sieh mal …“ Sie atmete tief durch. „Ich hätte dir wirklich gern den Gefallen getan, das Gut zu übernehmen.“

„Weil es ja auch eine Zumutung ist, Erbin eines Vermögens zu sein“, bemerkte er sarkastisch. „Und eines angesehen Familienunternehmens.“

„Es ist dein Leben“, entgegnete sie bemüht ruhig. „Du hast den Betrieb zu dem gemacht, was er heute ist. Aber mein Leben ist hier. Ich kann mich nicht verbiegen.“

„Zum Glück muss deine Mutter das nicht mehr erleben!“, platzte er da heraus. „Sie wäre mindestens so enttäuscht wie ich. Sie wusste nämlich zu schätzen, was ich aufgebaut habe. Für euch … Für dich!“

Maike floh nach dieser Auseinandersetzung zu Simon und ließ sich von ihm trösten.

„Es tut mir leid, dass es so gekracht hat zwischen euch“, sagte er ehrlich. Aber trotzdem war er stolz auf sie, weil sie es endlich geschafft hatte, ihrem Vater die Wahrheit zu gestehen. Und er war sich sicher, dass Jasper wieder auf seine Tochter zukommen würde.

„Du kennst ihn nicht“, seufzte Maike. „Er war schon immer ziemlich autoritär. Aber seit dem Tod meiner Mutter …“ Dass er ausgerechnet ihre Mutter ins Spiel bringen musste, verletzte sie sehr. Dennoch hatte sie nun Angst, dass Jasper sie verstoßen würde.

„Dein Vater mag ein sturer, alter Knochen sein, dem du gar nicht so unähnlich bist“, meinte Simon mit einem liebevollen Lächeln. „Aber er liebt dich. Und will dich nicht verlieren. Ganz sicher.“ Er beschloss, selbst noch einmal mit seinem Schwiegervater zu reden. Jasper hielt schließlich große Stücke auf ihn.

Tanja staunte nicht schlecht, als Barbara von Heidenberg sie darüber informierte, dass sie nun zweite Direktorin am Fürstenhof sei. Das konnte ja heiter werden, dachte Tanja bei sich. Den Teufel persönlich als Vorgesetzte!

Auch Ben reagierte überrascht, als seine Mutter ihm von ihrem neuen Job erzählte.

„Bist du sicher, du hältst das aus?“, fragte er sie besorgt. Werner Saalfeld würde ihr das Leben doch zur Hölle machen. Aber Barbara winkte nur ab. Sie wollte mit ihrem Sohn nämlich etwas anderes besprechen.

„Du möchtest doch sicher nicht dein Leben lang Koffer schleppen, oder?“, begann sie. „Was ist mit deiner Karriere?“

Er zuckte die Achseln. Ihm gefiel der Job als Page eigentlich ganz gut. „Du wirst jetzt mein Trainee in der Geschäftsleitung“, beschloss sie da. „Dann bekommst du Praxis. Fängst gleichzeitig mit der Ausbildung zum Hotelkaufmann an.“ Sie sah ihn bereits auf dem Direktorenposten. Und Ben traute seinen Ohren nicht.

Simon gegenüber gab er zu, dass er nicht die geringste Lust dazu hatte, Hotelkaufmann zu werden.

„Das klingt doch superöde“, stöhnte er.

„Dann sag deiner Mutter das doch“, erwiderte Simon.

„Hast du schon mal versucht, meiner Mutter was zu sagen?“, entgegnete Ben resigniert. Außerdem war Barbara so eifrig gewesen – er wollte sie nicht gleich vor den Kopf stoßen. „Schließlich meint sie es nur gut.“

„Bei Maike hast du dich noch tierisch aufgeregt, weil sie ihrem Vater nicht sofort Kontra gegeben hat“, erinnerte ihn Simon. „Sie hat es inzwischen übrigens geschafft und ihm ihren wahren Beruf gebeichtet.“

„Echt?“ Ben machte große Augen. „Und jetzt?“

„Haben sie Zoff. Und ich soll die weiße Fahne schwenken.“ Simon fürchtete sich ein bisschen vor dem Gespräch mit Jasper. Aber er war felsenfest davon überzeugt, dass Maike das einzig Richtige getan hatte.

Eva redete Robert ins Gewissen, als Valentina ihren Mittagsschlaf hielt. Sie berichtete ihm, dass sie bereits mit ihrer Tante gesprochen hatte, und hoffte, Hildegard würde gewisse Vorkommnisse in ihrem Bericht fürs Jugendamt verschweigen.

„Aber du musst dich bedeckt halten, solange das Jugendamt dich überprüft“, mahnte Eva.

„Ich weiß“, gab er ehrlich zerknirscht zurück. „Und du darfst mich gern immer wieder ermahnen.“ Er bedankte sich für ihren Einsatz. Sie blickten einander für einen Moment schweigend in die Augen. Doch die Situation wurde dadurch unterbrochen, dass ein Page mit einem großen Karton in die Wohnung kam. Eine Spedition hatte die letzten Sachen aus der Pariser Wohnung gebracht. Die Dinge, die Robert von Miriam behalten wollte. Er hatte ganz und gar verdrängt, dass die Sachen auf dem Weg zu ihm waren. Und nun traf ihn die Erinnerung wie ein Schlag ins Gesicht.

Nachmittags erschienen Simon und André an Jasper Steenkamps Tisch im Restaurant. Maikes Vater war gerade mit geschäftlicher Korrespondenz beschäftigt und schnaubte abfällig, als er die beiden Konopkas bemerkte. Ihm war klar, dass sie mit Sicherheit eingeweiht gewesen waren in das böse Spiel, das Maike mit ihm getrieben hatte. Sie hatten ihm ja selbst lange genug eine Schmierenkomödie vorgespielt, indem sich André als Hoteldirektor ausgegeben hatte und Simon als Alleinerbe des Fürstenhofs.

„Du hast selbst zu mir gesagt, wie schwer es fällt, Kinder ziehen zu lassen“, setzte der Chefkoch nun zu Maikes Verteidigung an. „Du weißt also: Es kommt unweigerlich auf einen zu. Und du weißt auch, dass deine Tochter dich liebt. Genau wie du sie.“ Jasper rollte mit den Augen. Jetzt schaltete sich Simon ein.

„Wir …“ Er räusperte sich. „Also wir erwachsenen Kinder brauchen unsere Eltern nicht mehr so wie früher. Wir können und wollen vieles allein machen. Müssen wir auch. Sonst würden wir euch nämlich gewaltig auf den Keks gehen. Aber trotzdem brauchen wir manchmal eure Unterstützung. Und nichts wünscht sich Maike sehnlicher von dir als das.“ Jasper warf seinem Schwiegersohn einen anerkennenden Blick zu. Dessen Worte schienen ihn tatsächlich erreicht zu haben.

Robert graute davor, sich mit den Sachen, die aus Paris geliefert worden waren, auseinanderzusetzen. Den ganzen Abend und die halbe Nacht saß er vor dem großen Karton, wagte jedoch nicht, ihn zu öffnen. Auch so konnte er an nichts anderes denken als an Miriam. Und an das glückliche Leben, das sie miteinander geführt hatten. Und jetzt war sie tot. Tot. Für immer.

Charlotte riet ihrem Sohn am nächsten Morgen, den Karton doch einfach auf den Dachboden zu stellen.

„Valentina freut sich bestimmt einmal über Erinnerungsstücke an ihre Mutter“, sagte sie. Robert reagierte nicht. „Oder soll ich dir helfen?“, fragte sie schließlich. „Wenn du möchtest, packen wir die Sachen gemeinsam aus. Und dann entscheidest du, was du damit machen willst.“ Er warf ihr einen dankbaren Blick zu. Gemeinsam mit ihr würde er es unter Umständen schaffen, sich dem Inhalt dieser Kiste zu stellen.

Sie hatten bereits ein Schmuckkästchen und ein paar Pflanzenbücher ausgepackt, da stieß Robert auf Miriams und seine Hochzeits-DVD. Und obwohl Charlotte überhaupt nicht wohl dabei war, bat er seine Mutter, ihn jetzt allein zu lassen. Er wollte den Film ansehen.

Es zerriss ihn beinahe innerlich, noch einmal ihren Hochzeitsschwur zu erleben. Miriam sah so glücklich aus in dem Film. So unglaublich lebendig und voller Hoffnung. Robert konnte den Schmerz kaum ertragen. Am liebsten hätte er geheult und geschrien wie ein verwundetes Tier. Stattdessen schenkte er sich ein Glas Rotwein ein.

Werner wäre beinahe explodiert, als Barbara ihm den Vertrag zeigte, den sie für ihren Sohn vorbereitet hatte. Ben Sponheim sollte als Trainee in die Geschäftsleitung eingearbeitet werden?! Und dafür auch noch Geld bekommen?!“

„Sponheim ist als Page genau am richtigen Platz!“, giftete der Senior. „Für alles andere fehlt ihm die Qualifikation.“

„Kommt noch“, widersprach sie lässig. „Ich habe ihn bei der Hotelakademie angemeldet. Und seine Ausbildung hier übernehme ich selbst.“

„Absurd!“, polterte Werner. „Vollkommen absurd!“ Niemals würde er diesen Vertrag unterschreiben.

„Das ist auch nicht nötig“, gurrte sie. „Nur bei der Besetzung von Schlüsselstellen müssen wir beide zustimmen. Bei einem Trainee reichen meine fünfzig Prozent.“

„Es sind nicht deine fünfzig Prozent!“, entgegnete Werner wütend.

„Götz’, meine …“ Sie hob die Achseln. „Kommt alles auf dasselbe raus.“ Ihren Exmann so ohnmächtig zu sehen, bereitete ihr das allergrößte Vergnügen.

Nach dem gestrigen Gespräch mit Maikes Vater war sich Simon sicher, dass Jasper seiner Tochter verzeihen würde. Und als der heute Maike per Telefon in den Fürstenhof bat, machte Simon ihr Mut: Alles würde wieder gut werden. Ganz bestimmt. Hoffnungsvoll machte sie sich auf den Weg.

Und tatsächlich bot Jasper ihr an, ihr zu verzeihen. Allerdings knüpfte er eine Bedingung daran. Er holte drei Flugtickets aus seiner Tasche und drückte seiner verdutzten Tochter zwei davon in die Hand.

„Mein Flug geht heute Nachmittag“, sagte er dann. „Wann ihr fliegt, könnt ihr auf diesen Tickets selbst eintragen. Ich verstehe ja, dass es Zeit braucht, um hier alles abzuwickeln.“

Sie verstand nur Bahnhof. „Aber beeilt euch“, fuhr er lächelnd fort. „Ich kann es gar nicht erwarten, meinen Schwiegersohn in die Geschäfte einzuführen.“ Alles würde vergeben und vergessen sein, versicherte er. „Wenn ihr beide nach Kapstadt kommt. Und ich mich – wie geplant – eher früher als später aufs Altenteil zurückziehen kann.“ Maike fehlten zunächst die Worte. Doch dann stieg der Zorn unaufhaltsam in ihr hoch.

„Wir werden nicht mitkommen.“ Nur mühsam beherrschte sie sich. „Ich bleibe hier! Ich kann und will nicht auf meinen Traum verzichten.“

„An Flugzeugen rumzubasteln?“, erwiderte er abfällig. „Weißt du, was du mir antust? Und deiner verstorbenen Mutter?“

„Mama hätte sich gewünscht, dass ich glücklich werde!“, hielt Maike dagegen.

„Ist das dein letztes Wort?“ Sie nickte. „Du weißt, was das bedeutet?“Von jetzt an würde sie auf sich allein gestellt sein. Er würde ihr keine Unterstützung mehr geben.

„Ich brauche dein Geld nicht. Ich will, dass du mich verstehst.“ Er warf ihr einen bitteren Blick zu.

„Du verlangst etwas zu viel von mir. Sag dem Pagen, er soll mein Gepäck nach draußen bringen.“ Sein Taxi war schon bestellt. Und er fand kein Wort des Abschieds für seine Tochter. Am Boden zerstört blieb Maike zurück.

Simon schlug vor, ihrem Vater hinterherzufahren, um ihn noch am Flughafen zu erwischen und die Sache zu klären. Aber Maike wollte nicht.

„Ich lasse mich nicht erpressen!“, stellte sie bitter fest. Und sie würde demnächst ihr eigenes Geld verdienen. Sie war nicht mehr auf Jasper angewiesen.

„Ich unterstütze dich natürlich finanziell, bis du bei dem Flugzeugbauer anfängst“, versicherte Simon. Gerührt blickte sie ihn an.

„Ich weiß, du hättest gerne auf dem Weingut gearbeitet“, sagte sie leise.

„Und wenn schon.“ Er winkte ab. „Wenn du es nicht willst, will ich es auch nicht.“

„Danke. Für alles.“ Sie strich ihm über die Wange und ging dann davon. Voller Mitgefühl sah er ihr nach. Das war wirklich eine schlimme Situation.

„Ich kann einfach nicht verstehen, wie man seine Tochter so unter Druck setzen kann“, sagte Simon später zu seinem Vater. André konnte seine Empörung sehr gut verstehen. Auch wenn er sicher kein Mustervater war – niemals hätte er sich derart in das Leben seines Kindes eingemischt und mit solchen Konsequenzen gedroht.

„Wie geht es Maike denn jetzt?“, fragte er.

„Wie wohl?!“ Simon zuckte die Schultern.

„Gibt es denn wenigstens Fortschritte bei euch?“, forschte André weiter. Sein Sohn schüttelte stumm den Kopf. „Warum sagst du ihr nicht endlich, was du für sie empfindest?“

„Weil sie genau jetzt Tausend andere Sachen im Kopf hat, aber bestimmt keinen Nerv für ein Liebesgeständnis“, erklärte Simon leise.

„Ein bisschen mehr Selbstvertrauen, mein Junge!“, riet der Chefkoch. „Du bist eine prima Partie. Und ihr blasierter Vater ist weg.“ Simon nickte langsam. Ganz unrecht hatte sein Vater ja nicht.

2. KAPITEL

Hildegard hatte eine Entscheidung gefällt und ihren Bericht ans Jugendamt geschrieben. Darin war der Vorfall in der Kirche erwähnt.

„Aber insgesamt ist meine Beurteilung sehr positiv ausgefallen“, erklärte sie Eva. „Damit dürfte die Sache vom Tisch sein.“

„Wollen wir’s hoffen“, seufzte ihre Nichte.

Kurz darauf war Eva auf der Suche nach Valentinas Lätzchen und klopfte an Roberts Schlafzimmertür. Er antwortete nicht. Leise trat sie ein und entdeckte, dass er schlafend auf seinem Bett lag. Magisch angezogen trat sie zu ihm und setzte sich neben ihn. Zart strich sie ihm über die Wange. Im Schlaf nahm er ihre Hand.

„Miriam …“, murmelte er. „Bitte … Bleib bei mir …“ Mit einem Schlag war Eva ernüchtert. Robert erwachte.

„Was ist?“, fragte er.

„Ich … Ich hab nur Valentinas Lätzchen gesucht“, stammelte sie.

„Wo ist sie?“ Er sah sich im Zimmer um.

„Bei mir drüben.“ Sie hob das Lätzchen auf, das auf dem Boden lag. „Ich habe übrigens gerade noch einmal mit meiner Tante gesprochen. Sie schickt den Bericht ans Jugendamt. Aber sie ist sicher, dass du keine Probleme bekommst. Ganz bestimmt nicht.“ Desinteressiert sah er sie an und griff dann nach der Weinflasche, die neben seinem Bett stand. „Was soll das denn jetzt?!“, fuhr sie ihn ärgerlich an. „Wir waren uns doch einig, dass du damit aufhörst?!“ Er schluckte schuldbewusst.

„Ist ohnehin leer“, meinte er dann, stand auf und schlurfte mit hängenden Schultern Richtung Wohnzimmer. Empört sah sie ihm nach. Und dann erst bemerkte sie das Standbild auf seinem Fernseher. Es zeigte Miriam. Als strahlend schöne Braut.

Robert suchte im Wohnzimmer gerade nach einem Korkenzieher. Er wollte die nächste Weinflasche öffnen. Eva gelang es gerade noch, ihn zurückzuhalten.

„Hab ich irgendwas verpasst?“, giftete er. „Bist du plötzlich nicht nur Valentinas Kindermädchen, sondern auch meins?“ Sie sagte kühl, dass man in der Küche schon auf ihn wartete. Und dann ging sie, ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen.

Dieser Idiot! Eva kochte innerlich, während sie mit Valentina einen Spaziergang durch den Park machte. Da hatte Robert das zauberhafteste Baby der Welt, und ihm fiel nichts Besseres ein, als sich schon wieder zu betrinken?! Aber wie er ihre Hand genommen hatte … So warm, so liebevoll … Aber das war im Schlaf gewesen. Dazu noch angetrunken und von Miriam träumend. Was machte Eva sich eigentlich vor? Selbst wenn er sich irgendwann einmal in sie verlieben sollte – dann bestimmt nicht so bald. Nicht morgen oder übermorgen. Es war alles noch viel zu frisch, als dass Robert sich auf etwas Neues einlassen könnte. Wie war das denn nach Markus’ Tod bei ihr gewesen? Sie musste sich gedulden. Und Robert am besten nur als das sehen, was er war: ein Freund. Aber für ihn da sein – das durfte sie. Auch wenn sie ihm kaum helfen konnte. Denn durch diesen Schmerz, da musste man ganz allein durch …

Robert war inzwischen in der Küche erschienen. André machte ihn auf seine Verspätung aufmerksam, dann erst roch er Roberts Fahne.

„Schläfst du neuerdings in einem Weinfass?“, bemerkte er. Hildegard horchte auf.

„Ich tue neuerdings das, was ich schon immer getan habe“, ätzte Robert. „Was ich will.“ Niemandem gelang es, vernünftig mit ihm zu reden. Und so machten sich alle einfach wieder an ihre Arbeit. Auch wenn die Stimmung in der Küche einfach fürchterlich war.

Hildegard bezog Roberts Laune natürlich auf den Bericht, den sie fürs Jugendamt geschrieben hatte. Und sie begann, sich zu verteidigen, nachdem alle eine Weile schweigend vor sich hin gearbeitet hatten.

„Wenn ich die Wahrheit verschwiegen hätte, und es wäre herausgekommen, wäre auch niemandem gedient gewesen“, meinte sie. „Ich habe einzig und allein zum Wohle Ihrer Tochter gehandelt.“

„Schwachsinn!“, platzte Robert heraus. „Sie haben Barbara in die Hände gespielt. Genau so, wie sie es beabsichtigt hatte.“

„Das glaube ich nicht“, setzte sich Frau Sonnbichler zur Wehr.

„Das ist ja das Schlimme daran!“, empörte sich Robert. „Dass Sie noch nicht einmal erkennen, welchen Bockmist Sie fabriziert haben mit Ihrem Gutmenschentum!“

„Mir ist schon bewusst, zu was diese Frau fähig ist“, entgegnete Hildegard und bemühte sich um einen ruhigen Ton. „Aber ich habe auch gesehen, wie es Ihnen geht. Und wie unberechenbar Sie im Moment sind.“

„Ich möchte mal wissen, wie es Ihnen gegangen wäre, wenn Ihr Alfons bei Maries Geburt gestorben wäre“, schnaubte Robert.

„Das kann ich natürlich nicht sagen, aber …“ Sie zögerte, fuhr dann jedoch fort: „Aber ich hätte mich mit Sicherheit nicht betrunken. Und schon gar nicht, wenn ein Kind zu Hause auf mich wartet.“ Das hatte gesessen. Robert wusste nichts mehr zu erwidern.

„Der neue Anzug steht dir ausgezeichnet.“ Barbara war extra in der Dachkammer erschienen, um ihren Sohn an seinem ersten Arbeitstag als Trainee abzuholen. Und sie bemerkte vor lauter Eifer nicht einmal, wie gequält Ben wirkte. Er fühlte sich unwohl in dem Anzug, den sie ihm besorgt hatte. Und er wusste nicht einmal, wie man eine Krawatte richtig band.

„Das passt doch alles gar nicht zu mir“, murmelte er mutlos.

„Und wie das passt!“, widersprach sie begeistert. „Das ist eine Riesenchance für dich! Und du wirst sicher Gefallen daran finden.“

Werner machte sich hingegen lustig, als er Ben Sponheim in dem neuen Outfit im Büro antraf. Ohnehin hatte der Senior beschlossen, Barbaras Sohn zu schikanieren, wo er nur konnte. Also knallte er ihm einen Riesenberg Akten hin und verlangte, dass er ihn durcharbeiten sollte. Ben wurde augenblicklich mulmig zumute.

Tanja war vollkommen frustriert von ihrem Leben. Sosehr sie sich über den Job als Hausdame gefreut hatte – der Alltag begann sie aufzufressen. Rosalie Engel saß ihr im Nacken und würde sie tyrannisieren, wo sie nur konnte. Da war sich Tanja ganz sicher. Zudem war ihre Stelle als Zimmermädchen nicht neu besetzt worden, und eine andere Kollegin fiel wegen Krankheit aus. Diesbezüglich war der Fürstenhof also völlig unterbesetzt, und es blieb Tanja nichts anderes übrig, als neben ihren Pflichten als Hausdame auch wieder selbst zu putzen.

Herr Sonnbichler konnte es kaum noch mit ansehen, wie sie sich abschuftete. Diese Situation musste dringend geändert werden. Tanja musste einfach noch mal mit Frau Engel sprechen.

Sie fand Rosalie in ihrer Wohnung und kam sofort zum Thema.

„Wir brauchen dringend ein weiteres Zimmermädchen.“ Rosalie verzog keine Miene. „Es wird Ihnen ja wohl aufgefallen sein, dass wir unterbesetzt sind.“

„Mir fällt nur auf, dass Sie anscheinend nicht in der Lage sind, Ihr Personal vernünftig einzuteilen“, gab Rosalie genüsslich zurück. Tanja wollte schon an die Decke gehen, doch die Geschäftsführerin nahm ihr den Wind aus den Segeln. „Lesen Sie Zeitung? Vermutlich nicht.“ Sie hielt Tanja eine Stellenanzeige unter die Nase. „Unter den Stellenangeboten steht seit zwei Wochen jeden Tag ein Gesuch drin. Die ersten Bewerbungen liegen schon auf meinem Schreibtisch.“ Tanja schwieg erstaunt, stammelte dann ein paar zusammenhangslose Sätze und verabschiedete sich dann eilig. Immerhin – die Engel schien sich wirklich darum zu kümmern, dass der Fürstenhof neues Personal bekam.

Abends kam Werner ins Büro, als Ben gerade seinen Schreibtisch verlassen wollte.

„Wenn Sie denken, hier gelten dieselben Arbeitszeiten wie für Pagen, dann muss ich Ihnen leider mitteilen, dass Sie sich getäuscht haben“, wies der Senior ihn von oben herab zurecht.

„Aber ich sitze hier schon seit über sieben Stunden“, begehrte Ben auf.

„Willkommen in der Welt der Entscheidungsträger!“, spottete Werner. „Vielleicht merken Sie ja jetzt, wie angenehm Ihr bisheriges Leben war. Hier kommt man leicht mal auf sechzig Wochenstunden. Wenn Events anstehen, auch mal mehr.“ Zähneknirschend fügte sich Ben seinem Schicksal. Dann würde er eben so lange hier sitzen bleiben, bis er mit allen Akten fertig war. Und wenn es die halbe Nacht dauern würde.

Maike brachte Simon ein Geschenk in die Dachkammer: eine vollautomatische Saftpresse. Natürlich freute er sich über die Aufmerksamkeit, bemerkte aber, dass sie doch im Moment gar kein Geld mehr hatte.

„Mach dir keine Sorgen“, winkte sie ab. „Ich verdiene ja bald mein eigenes Geld.“ Er verstand.

„Dann … Ist das wohl so was wie ein Abschiedsgeschenk“, vermutete er mit wehmütigem Unterton in seiner Stimme.

„Dein Mitbewohner ist sicher froh, mich endlich los zu sein“, glaubte sie. „Ich bin euch lange genug auf die Nerven gefallen.“

„So schlimm war es nicht“, entgegnete er mit einem traurigen Lächeln. „Ist denn mit dir alles in Ordnung?“

„Klar!“ Sie lachte bemüht. „Ich lasse mich doch nicht von meinem Vater unterkriegen. Das hat er gar nicht verdient …“ Doch da waren ihr schon die Tränen in die Augen geschossen. „Hey …“ Sofort war Simon bei ihr und nahm sie tröstend in den Arm.

„Es geht schon“, schluchzte sie.

„Schon okay“, meinte er. „Man muss nicht immer tapfer sein.“ Sie lehnte sich an seine Schulter und ließ ihren Tränen freien Lauf.

„Was gibt’s?“ Eva war zu Robert ins Zimmer gekommen. Der stand schon wieder vor dem DVD-Player, die Hochzeits-DVD in der einen, eine verschlossene Weinflasche in der anderen Hand.

„Ein kleines Mädchen, das seinen Papa vermisst.“ Eva bemühte sich, die Situation zu überspielen, und streckte ihm Valentina entgegen. Voller Zärtlichkeit wandte er sich seiner Tochter zu. Dann stellte er entschlossen die Weinflasche weg und feuerte die DVD in den nächsten Mülleimer.

„Du hast recht“, erklärte er. „Das Leben geht weiter. Hier und jetzt, nicht gestern.“ Er nahm Valentina in die Arme. Eva hatte mit gemischten Gefühlen zugesehen, wie er die Hochzeits-DVD von sich und Miriam weggeworfen hatte. Sie war sich sicher, dass er das schon bald bereuen würde. Aber es stand ihr nicht zu, etwas dazu zu sagen. Robert bat sie, sich einen schönen Abend zu machen. Er würde sich um Valentina kümmern.

Im Personalraum begegnete sie Jacob, ihrem Bruder.

„Geht es dir nicht gut?“, fragte der sofort.

„Doch, alles in Ordnung“, behauptete sie. Aber Jacob ließ nicht locker, auch wenn er gleich ein Date mit einer vielversprechenden Dame namens Jaqueline hatte. Aber er war es gewohnt, dass ihm die Frauen zu Füßen lagen, sodass ihm ein paar Minuten Verspätung sicher verziehen werden würden. „Heute Morgen war Robert noch total am Boden“, erzählte Eva stockend. „Und jetzt … Es ist wie eine Achterbahnfahrt mit ihm. Vom höchsten Berg ins tiefste Tal.“

„Und momentan ist er gerade oben?“, hakte ihr Bruder nach. Er ahnte ohnehin, dass Eva mehr für ihren Arbeitgeber empfand, als für sie gut war. Aber seine Ermahnungen waren bislang nur auf taube Ohren gestoßen. Sie nickte.

„Aber irgendwie total übertrieben“, fügte sie dann hinzu und berichtete, wie Robert seine Hochzeits-DVD vor ihren Augen in den Mülleimer geschleudert hatte. „Richtig demonstrativ. Wem will er was beweisen? Mir? Oder sich selbst?“

„Irgendwann wird er es bereuen, solche Erinnerungen weggeworfen zu haben“, meinte auch Jacob. Aber Roberts Verhalten erinnerte ihn an Eva selbst. Sie hatte nach Markus’ Tod schließlich auch alle gemeinsamen Fotoalben weggeworfen …

Und tatsächlich: Schon am nächsten Morgen reagierte Robert panisch, als er bemerkte, dass die Mülleimer in der Wohnung geleert worden waren, während er im Bad gewesen war. Die Hochzeits-DVD! Wie war er nur daraufgekommen, sie nicht mehr haben zu wollen?! Wie ein Irrer wühlte er alle Müllkübel am Hintereingang des Fürstenhofs durch. Vergeblich. Die DVD bleib unauffindbar. Und dass er auch noch selbst für ihr Verschwinden verantwortlich war, deprimierte ihn zutiefst.

„Ist was passiert?“, fragte Eva vorsichtig, als sie ihn am Boden zerstört in der Wohnung antraf.

„Die DVD ist weg“, klagte er. „Die einzige Erinnerung. Miriams Lachen, ihre Stimme … Einfach alles.“ Schuldbewusst sah er Eva an. „Ich kann Valentina niemals zeigen, wie ihre Mutter war. Weil ich Volltrottel die DVD weggeworfen habe! Der Müll wurde bereits abgeholt, und es gibt keine Chance …“

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