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Der Tempel Der Venus

Inhaltsverzeichnis

1. Verlangen - mit dem alles begann

2. Erster Mai

3. Zeit für Abenteuer

4. Die Jagd beginnt

5. Das Dessous

6. Verlockende Aussichten

7. In den Straßen

8. Die Ankunft

9. Die Statue

10. Das Tor schließt sich

11. Die Cocktailbar

12. Die Blicke kreuzen sich

13. Im Rausch der Sinne

14. Im Labyrinth

15. Am See

16. Chemieunterricht

17. Überwindung

18. Station für Station

19. Die Höhle

20. Rico in der Lounge

22. Die Kammertüren

1. Verlangen - mit dem alles begann

Der Geschmack ihrer salzig süßen Haut liegt auf meiner Zunge. Nach Vanille und Zimt riecht ihr weiches volles Haar. Ihr betörender Duft steigt mir in die Nase und vernebelt meinen kaum noch vorhandenen Verstand. Ich koste von ihr mit allen Sinnen. Mit den Fingerspitzen zeichne ich zärtlich auf ihren entblößten Rundungen einen Namen, den ich bisher nicht entziffern konnte.

Schon wieder kann ich an nichts anderes denken. Nur an sie. In jeder Nacht wird es schlimmer. Am Morgen greifen meine Hände ins Leere, tasten sehnsüchtig nach ihr, als hätte sie eben noch dort gelegen. Dann schlage ich die Lieder auf und versuche die Trugbilder aus meinem Kopf zu scheuchen. Doch ich gebe bald auf, denn es gelingt mir nicht. Sie haben von mir Besitz ergriffen. Egal ob ich wach bin oder träume, ich sehe immer nur diese Bilder von heißen wilden Nächten, in denen ihr betörender nackter Körper aus zügellosen Szenen vor mir auftaucht, der mein Blut in Wallung hält und mich den Rest des Tages an nichts anderes denken lässt.

2. Erster Mai

Der Himmel ist azurblau und wolkenlos. Ein Lufthauch weht den zarten Seidenvorhang zur Seite und gibt den Blick auf den kleinen See im Park frei. Die hereinfallenden Sonnenstrahlen sprenkeln wilde Muster auf den neuverlegten Parkettboden aus Wildbuche.

Coco lehnt an der offenen Küchenzeile mit einer dampfenden Tasse frisch aufgebrühtem Kaffee in der Hand. Sie schaut sich angetan in ihrem gemütlich eingerichteten Wohnzimmer um.

Das neue Parkett passt fantastisch zu ihren Möbeln. Der Vermieter hat nicht zu viel versprochen, als er meinte, sie werde ihr Wohnzimmer nach ihrer langen Lesereise nicht wiedererkennen. Ich muss ihn bald zum Essen einladen und mich erkenntlich zeigen, dass alles so reibungslos über die Bühne ging, denkt Coco voller Dankbarkeit. Nicht das kleinste Staubkörnchen ist zu sehen.

Sie ist froh, dass sie endlich nach zwei Wochen Herumreiserei in der Weltgeschichte wieder in ihrer geliebten neurenovierten Zwei-Raum-Wohnung angekommen ist. Alles ist perfekt hergerichtet. Selbst ein Strauß roter Rosen fehlt nicht. Ich hoffe, das hat nicht mehr zu bedeuten, so nett er auch ist! Ich muss mich auf jeden Fall erkenntlich zeigen, was auch immer dahinterstecken mag. Aber nicht heute.

Von innerer Unruhe getrieben stellt Coco mit Schwung die Kaffeetasse auf der Küchentheke ab, ignoriert die dabei entstehenden Flecken und huscht hinaus auf ihre kleine Terrasse im ersten Stock. Sie spürt die warmen Fliesen unter ihren nackten Füßen und schließt für einen kurzen Moment genüsslich die noch müden Augen. Die wärmenden Strahlen der Sonne schmeicheln ihrer Haut und tanken sie auf mit neuer Energie.

Bereit in den Tag zu starten, öffnet Coco die Lider und lässt ihren Blick über den kleinen verwilderten See schweifen. Die Sonnenstrahlen zeichnen mit den Schatten der alten knarrenden Bäume merkwürdige Muster auf die silbern glitzernde Fläche.

Coco versucht wie so oft, in sie Bedeutung rein zu dichten. Aber das fällt ihr heute noch schwer. Erst mal ins Bad und eine erfrischende Dusche genießen und die Bilder der letzten Nacht aus meinem Kopf scheuchen. Es braucht nicht jeder merken, wie elektrisiert ich davon bin.

Aus dem hell erleuchteten silbernen Spiegel schauen Coco müde aussehende Augen entgegen. Schon wieder der 1. Mai. Zum achtundzwanzigsten Mal in meinem Leben. Doch Coco macht sich keine Gedanken um ihr Alter, denn das braucht sie nicht. Sie ist hübsch, jung und knackig, eben ein Blickfang allererster Klasse. Aber sie meint, sie hätte schon mehr mit ihrem Leben anstellen können. Das würde sie jetzt endlich nachholen.

Ihre hellbraunen, sonst wellig bis lockigen schulterlangen Haare, hängen ihr zerzaust ins Gesicht. Coco bindet sie zu einem Dutt zusammen und steckt sie mit Klammern fest. Sie schmunzelt verführerisch, als ihr die letzte Szene vom Traum der vergangenen Nacht wieder einfällt und ihr ein sehnsüchtiges Ziehen im Unterleib beschert. Den drückt sie gedankenverloren genüsslich an den kühlen Rand des Beckens. Durch den dünnen Stoff ihrer kurzen Pyjamahose spürt sie wohltuend die Kälte durchdringen, die sich mit dem feuchten Gefühl ihrer Lust sofort vermischt. Eine Abkühlung wäre wohl das Beste, bevor ich mich nicht mehr beherrschen kann.

Seitdem Coco zurück ist, sind auch diese Träume wieder da. Sie hatte sie in den letzten zwei Wochen, so wie es einen Junkie ergehen würde, tatsächlich vermisst. Doch in dieser Nacht hat sie das Verpasste nachgeholt.

Schweißgebadet ist Coco aufgewacht, vom eigenen lauten Stöhnen. Sie ertappt sich Tag für Tag dabei, wie sie Ausschau nach dem großen Abenteuer hält. Nur zugeben kann sie es nicht und sieht ihr auch gar nicht ähnlich.

Mit großen moralischen Vorstellungen ist sie in jede Beziehung gegangen. Sie sind alle zerplatzt wie Seifenblasen. Was sie jetzt will, ist hemmungsloser Sex, statt brav zu sein, und trotzdem die große Liebe finden. Mit jedem Traum wird es ihr realer.

Coco schaut in den Spiegel. In ihren grün-braunen Augen funkeln die goldenen Sprenkel, die ihr ein Lächeln ins Gesicht zaubern, selbst wenn es nichts zu lachen gibt. Sie erscheinen ihr heute wie aus Flammen spritzende Funken - Funken des Feuers, das die heißen Träume in ihr entfacht haben.

Dieser Tempel, den es geben muss, da ist sich Coco inzwischen sicher, ruft sie auf seine Weise. Die unheimliche verführerische Macht des Tempels kann man selbst außerhalb seiner hohen Mauern spüren, zumindest, wenn man wie Coco, eine besondere Beziehung dazu fühlt. Doch was für eine genau? Coco weiß es nicht, auch wenn sie immer überzeugter davon ist, dass es diese Beziehung zum Tempel geben muss.

Am Anfang konnte Coco sich noch gegen die Anziehungskraft des Tempels wehren, die sie immer mehr in ihren Bann gezogen hat. Doch innerhalb der letzten Monate wurde ihre Neugier, was es damit auf sich hat, immer stärker.

Coco durchstöberte jeden Winkel der städtischen Bibliothek, suchte in Stadtführern, durchforstete staubige Wälzer über Mystik und machte sogar vor dem Bereich der Sagen und Märchen nicht halt. Sie wollte endlich wissen, wo sie diesen Tempel finden kann und damit Gewissheit bekommen, dass sie vor Sehnsucht nicht einfach nur verrückt wird. Diese Option gab es immerhin auch noch, zumindest in den Momenten, wo sie klar denken konnte.

In den anderen, wo das Denken nicht mehr zu funktionieren schien, stellte Coco das Internet auf den Kopf, auf der Suche nach einem Hinweis zum „Tempel der Venus“. Das ist sein Name, der wie eine Hintergrundmelodie ihre Gedanken begleitet, Tag für Tag und Nacht für Nacht, während sie Ausschau hält nach den Jägern, die sie finden und hinbringen werden.

Wenn sie dann vor ihr stehen, wird sie es geschehen lassen, nymphomanisch gierig nach fremder Haut, selbst wenn sich ihr Verstand dagegen verwehrt. Coco wird keine Chance haben, wenn die Jäger sie erst gefunden haben. Da ist sie sich inzwischen mehr als sicher, denn ihre Sehnsucht und Lust verraten es ihr. Sie erkennt sich selbst nicht mehr wieder.

In den letzten Wochen fiel es ihr immer schwerer, sich auf ihren Job zu konzentrieren. Bei jedem Mann, der ihre Phantasie anregte, hoffte sie, dass er einer der Jäger wäre und endlich ihre heißen Träume in die Realität umsetzen würde. Noch sind es ihre eigenen Hände, die sehnsüchtig über ihren Körper wandern. Schon bald werden es andere sein.

Coco zieht sich ihr Hemdchen aus und streift ihren wie immer zu knapp geratenen weißen Slip vorsichtig über den knackigen Hintern und betrachtet von allen Seiten ihr reizendes Spiegelbild. Dann streichelt sie sanft ihre Brüste, kneift sich in die hart gewordenen Nippel und findet sich so richtig scharf. Sie wirft ihrem Spiegelbild eine Kusshand zu und geht auf den warmen Kacheln zu ihrer bodengleichen Dusche, die wie an jedem Morgen, mit ihren verwöhnenden Strahlen auf sie wartet.

Sie genießt, wie das Wasser auf ihren Körper plätschert. Im Kopf spielen sich mal wieder Szenen ab, von einem heißen Duschabenteuer zu zweit und nach einer Weile sogar mit einem dritten Typen. Bis vor Kurzem wäre sie nie auf solch eine Idee gekommen. Heute ist sie süchtig danach, selbst wenn sie mehreren zur gleichen Zeit gehören sollte. Ihre riesige Duschkabine findet sie viel zu schade, um sie weiterhin allein zu nutzen.

Nach ihrer verführerischen Morgendusche zieht es Coco erneut hinaus auf ihre kleine Terrasse. Sie hat sich ihren Lieblingsmorgenmantel angezogen – seidig und leicht, der ihre sexy Rundungen eher zur Schau stellt, als diese zu verhüllen. Es wäre nicht ratsam, jemanden darin die Tür zu öffnen. Selbst für die Terrasse ist das zu gewagt.

Inzwischen traut sie sich darin immer öfter nach draußen. Jedes Mal erhält sie diesen Kick, der ihr mehr und mehr gefällt. Manchmal sinnt sie danach, es regelrecht zu provozieren, in diesem Aufzug erwischt zu werden. Bisher hat sie es nie absichtlich durchgezogen. Aber die Vorsicht schwindet - so auch heute.

Coco füllt sich frischen Kaffee nach, denn den braucht sie nach dem Aufstehen reichlich - eine blöde Angewohnheit, wie sie weiß. Bald wird sie aussehen wie eine vertrocknete Zitrone, wenn sie sich das Kaffeetrinken nicht wenigstens in solchen Mengen abgewöhnt. Was soll‘s, dieses kleine Laster werden wir später angehen!

Mit dem dampfenden zu großen Kaffee-Pott in der Hand, tritt Coco ins Freie und genießt mit frisch erwachten Lebensgeistern den sonnigen Frühlingsmorgen. Vögel zwitschern im Kanon. Die lang ersehnte warme Jahreszeit, lädt endlich wieder zum draußen sein ein.

Ihr kleines Luxusappartement liegt am östlichen Stadtrand mit Ausblick ins Grüne und auf den manchmal unheimlich wirkenden See. Er hat ihr schon viele Geschichten erzählt, wenn sie am Abend mit einem Glas Wein den Sonnenuntergang beobachtet hat.

Hier kommen ihr die besten Einfälle für ihre Geschichten. Beispielsweise von den drei verschwundenen Schwestern, die ein Geheimnis miteinander verbindet, was das Leben vieler Menschen zerstören würde, sollte es jemals ans Licht kommen. Oder über ein Geschenk, das ein Mädel ihrem Freund macht und danach nichts mehr ist, wie es vorher war.

Wenn Sie an diese Geschichten denkt, fühlt sie die Erregung in sich aufsteigen und sieht die Szenen wieder vor sich, die beim Schreiben in ihrem Kopf abgelaufen sind.

Nichts ist jedoch vergleichbar mit ihren jetzigen Träumen, die selbst am Tage nicht enden wollen. Mit den Erinnerungen daran genießt Coco die wärmenden Strahlen der Sonne, die man endlich wieder spürt. Alles ist saftig grün und sie fängt an, aufzublühen. Heute wird sie sich einmal mehr auf die Suche begeben.

Träumend schaut sie zum kleinen Wäldchen rüber. Sie spürt eine frische Brise zwischen ihre glattrasierten Beine fahren. Widerstehen vermag sie nicht und spreizt sie lustvoll auseinander und fühlt so die noch kühle Morgenluft intensiver, die ihre festen Schenkel streichelt. Ihr Rasierer hat heut Morgen nirgendwo haltgemacht. Sie empfindet den Luftzug daher viel intensiver, der jetzt in ihre nackte feuchte Schnecke kriecht. Das Kribbeln der Lust gedenkt sie zu verführen. Sie lässt es geschehen ohne Gegenwehr.

Verträumt greift sie sich an ihre vollen Brüste, die gerade so Platz in ihren warmen Händen finden. Sie bekommt Lust auf sich selber, auf ihren runden festen Busen und ihren knackigen Po.

Ihre Hand gleitet tiefer bis zu ihrem flachen Bauch und erlebt genussvoll, wie er vor Erregung bebt. Ungeduldig gleiten ihre Finger weiter, bis sie zwischen ihren feuchten Schamlippen stecken, den Kitzler finden und sie ungezügelt zum Höhepunkt bringen.

Keuchend hält sie sich mit zitternden Knien am Türrahmen fest. Ihr Morgenmantel steht weit offen und ist ihr halb von den Schultern gerutscht. Wer in diesem Moment einen Blick auf sie zu erhaschen vermag, sieht, dass sie nicht nur sportlich ist, sondern vor allem unheimlich sexy. Sie steht da, fast nackt im Sonnensegen.

Die liebkosenden warmen Strahlen machen ihr das viel zu spät bewusst. Erwachend aus der Ekstase, kommt sie langsam wieder zu sich.

Schon bald macht sich Coco um ihren aufreizenden Aufzug Sorgen, denn manchmal spaziert doch mal jemand am Wäldchen entlang. Leicht beschämt schaut sie zum Weg hinunter, hebt schnell ihren Gürtel auf, verhüllt ihre Blöße und verschwindet schleunigst in ihren vier Wänden - nicht, ohne sich nochmal zu vergewissern, dass niemand ihren kurzen Ausbruch der Gefühle beobachtet hat.

3. Zeit für Abenteuer

Ein immer lauter werdender schriller Piep-Ton reißt mich aus verwöhnenden zarten Frauenhänden. Nach einem Griff aufs leere Kopfkissen neben mir, haue ich verärgert auf meinen Wecker. Heute hätte er das nicht tun sollen und vor allem nicht jetzt. Hab wohl vergessen, ihn auszustellen, als ich am Abend nach einer halben Flasche Rotwein, ins Bett gefallen bin.

Sonnenstrahlen sickern durch den schmalen Spalt der weinroten Vorhänge ins ansonsten dunkle Zimmer und versprechen einen warmen Tag - der 1. Mai, Zeit für neue Abenteuer. Die Verärgerung schwindet.

Meine Gedanken sind immer noch beflügelt von der Brünetten. Von ihrer blonden Freundin natürlich auch. Beide sahen so bezaubernd aus und haben neckisch getuschelt, dass ich mich von ihnen nicht zurückzuhalten vermochte.

Was wäre, wenn das real werden würde? Es geistert immer wieder durch meinen Kopf. Dieser heiße Traum hat mir die Nacht ausgefüllt und statt mit dem ersten Wimpernschlag für immer zu verschwinden, begleitet er mich in den Tag hinein, lässt mich ständig daran denken und an: Was wäre, wenn?

Immer und immer wieder beschäftigt es mich und der Traum ist nicht der Erste dieser Art. Dermaßen intensiv sind sie geworden, dass die Wirklichkeit zu verblassen droht. Sie sind verlockend real, was sich augenblicklich unter meiner Decke zeigt. „Was wäre, wenn?“, ist für mich zur wichtigsten Frage geworden.

Gestern war ich entschlossen, mir endlich die Nummer der Frisöse geben zu lassen. Doch etwas hielt mich davon ab. Seit sie dort arbeitet, bin ich regelmäßig Kunde in diesem Salon und eigentlich viel zu oft. Sie hat mich sonst immer an frühere Tage erinnert, wo meine Träume mein Leben bestimmt haben, nicht das Leben mich. Und gestern hoffte ich auch darauf.

Ich saß vor dem Spiegel, doch es passierte nichts. Man war die süß, aber sie berührte mich nicht. Meine Gedanken waren ganz woanders, immer noch bei der letzten Nacht. Die Bilder wollten und wollten nicht verschwinden und ließen alles andere verblassen, selbst ein so bezauberndes Mädchen, wie die im Spiegelbild vor mir.

Krampfhaft versuchte ich, die Zeit zurückzudrehen. Es gelang mir nicht. Meine Phantasie malte stattdessen neue Dinge. Spätestens seit gestern, scheint mein altes Leben endgültig vorbei zu sein. Träume bestimmen es erneut. Nur, sind es auch meine?

Ich spüre, heute wird was ganz anderes passieren, da bin ich mir sicher. Am besten passiert es genauso, wie in der letzten Nacht - heiß, wild und leidenschaftlich. Was wäre, wenn?

Am ersten Mai hatte ich schon immer diese Aufbruchsstimmung, die jetzt von mir Besitz ergreift. Mit Schwung lande ich auf den Beinen. Hätte mir fast was abgebrochen. Nachdem ich mir kaltes Wasser über den Kopf gegossen habe, bekomme ich auch dieses Problem in den Griff.

Ein paar Minuten später sitze ich in der Küche. Das Radio verkündet für heute stolze 25 Grad bis in den Abend hinein und wir sollten das doch zum Angrillen nutzen. Musik aus den Achtzigern wird aufgelegt. Der Toaster spuckt mein Frühstück aus. Im Flug fange ich die Scheibe.

Vor acht Jahren bin ich in mein „kleines“ gemütliches Reich eingezogen, ein ganzes Stockwerk mit Loft-Charakter. Zum Glück habe ich so etwas gefunden und kann mein Loft mit dem eigenen schwer verdienten Geld bezahlen.

Früher war das mal eine Büroetage. Heute befinden sich hinter den riesigen hellen Schiebetüren, große sonnendurchflutete Räume, denen die kleinen Bürogruften dankbar gewichen sind.

Inzwischen wohne ich hier wieder allein, nachdem meine damalige Freundin meinte, ein muskelbepackter Adonis passt besser zu ihr. Von ihr blieben mir nur Erinnerungsfetzen, die mit der Zeit immer mehr verblassten.

Zu lange schon schweben durch die Räume kein zärtliches Wort und kein betörender Duft mehr. Vielleicht sollte ich endlich einen Untermieter nehmen – zum Beispiel einen ausgeflippten Studenten, denn die gibt es genügend in der Stadt. Dann kommt endlich wieder Leben in die Bude. Bald sollte ich die Annonce in die Zeitung setzen und es nicht Monat für Monat immer wieder aufschieben, als könnte sie doch noch plötzlich vor der Tür stehen: Meine Traumfrau - süß, jung, knackig, mit einer Krone auf dem Haupt. Was soll‘s, manche Illusionen halten einen am Leben.

Die Tür zur Terrasse steht weit offen und lässt den frischen Duft des Frühlings herein. Ich höre den Bach vorm Hause plätschern, auf denen langsam die letzten vertrockneten Blätter dahintreiben, die ein paar Kinder weiter oben hineingeworfen haben. Bald werden stattdessen wieder Forellen stromaufwärts schwimmen.

An der Rückseite des Hauses beginnt der Berg mit seinen steilen Felswänden. Wanderwege winden sich nach oben zu einer verfallenen alten Burg, deren Mauern nur noch bruchstückhaft vorhanden sind - heute ein begehrtes Liebesplätzchen.

Eine Prinzessin gibt es da schon lange nicht mehr, nicht mal eine hübsche Burgherrin, es sei denn sie geistert dort oben noch als Gespenst herum, wie einige Erzählungen es behaupten. Man könne ihr Geflüster zwischen den Bäumen hören - vielleicht auch nur das von verliebten Touristen.

Ich bin nur einmal den schmalen gewundenen steinigen Weg nach oben gekraxelt, um dort die Aussicht eng ineinander verschlungen zu genießen. Das war vor langer Zeit.

In diesem Städtchen, das ich richtig liebgewonnen habe, verbrachte ich meine bisher schönsten Stunden und verdammt heiße Abende zu zweit vor einem leise vor sich hin knisternden alten offenen Kamin. Drei Jahre lebe ich nun schon hier allein und werde täglich verrückter, verrückter nach fremder Haut. Jeden Tag ergreift sie mich mehr, diese Lust, die immer heftiger wird. Drei Jahre, seit sie mich verlassen hat. Drei Jahre allein mit meinen verruchten Träumen, die zumindest seit drei Monaten unheimlichen Charakter angenommen haben. Sie scheinen mich aufzuzehren, mich zu fressen, mich in eine andere Welt zu führen – weg von hier.

Bis jetzt weiß ich nichts von dem, was auf der vorderen Seite des Berges schon lange auf mich wartet, in einer großen prunkvollen Villa, einem Tempel gleich. Von der Burgruine aus schaut man darüber hinweg in ein herrliches Tal voller grasgrüner Wiesen, die drei Kilometer weiter an einem gewundenen Fluss enden. Von dem Tempel kann man nichts erkennen, außer man klettert bis ganz an den Rand über die Absperrung hinweg. Da geht es dann steil nach unten, wo der Tempel steht mit dem See vor dem Steinbruch und dem restlichen großzügigen Grundstück.

Im Tal konnte man schon immer Schafherden bewundern, die aus kleinen weißen Wollknäueln zu bestehen scheinen, wenn man von oben auf sie hinabblickt. Die Burg mit ihrem Ausblick wird der Stadt ihren Namen gegeben haben: „Irlend Sky“.

War es der Lord, der das Land so benannte? Er soll aus Irland gekommen sein, das früher mancherorts Irlend genannt wurde, so sagt man zumindest. Hier angekommen, ließ er die Burg bauen und den Park errichten, getreu den Vorbildern seiner Heimat – fast, denn die Felsen der Grünen Insel sind wohl eher hohe Klippen, unter denen der Atlantik dort wütet.

An manchen Tagen, meist in den Morgen- oder Abendstunden, scheint die Burg dafür am Himmel zu schweben, wenn der Nebel den Berg einhüllt. In diesen Momenten sieht sie aus, als wäre sie in den Wolken und hätte jeden Kontakt zum Boden verloren. Irlend Sky hat seinen Namen verdient und ich fühle mich wohl in diesem Städtchen, das selbst an Geheimnisvollem keinen Mangel hat. Schon bei seinem Namen kommt man ins Schwärmen.

Allerdings ist es an diesem Ort in den letzten Wochen schon fast unheimlich geworden, zumindest für mich. Für alle anderen scheint das Leben weiterzugehen, wie bisher. Ich kann zumindest nicht erkennen, dass jemand sonst ein ähnliches Problem wie ich haben könnten. Und wenn, würden sie es nicht genauso wie ich verstecken?

Hier ist etwas, dass seine Macht weit über die hohen Mauern trägt und sich am Fuße desselben Berges eingenistet hat, wo ich mein Zuhause habe. Und es hat es auf mich abgesehen.

Sein Geheimnis kennt vielleicht nicht mal der Erbauer des Tempels selber und stammt nicht mal aus diesem Jahrhundert oder gar Jahrtausend. Ich weiß nichts von dem, was mir diese Träume beschert, mich nachts ruft und entführt in eine andere Welt. Aber ich spüre Gier und Lust, wie ich sie früher nicht kannte, und das macht mir Angst. Ich sollte mich auf die Suche nach dem Ort machen, der mir immer klarer in meinen Träumen erscheint. Und jetzt offenbarte sich sogar sein Name.

Heute, am 1. Mai, will ich nicht schon wieder den ganzen Tag mit einem Buch in der Hand auf der Liege verbringen. Ich will endlich raus, zurück ins wilde Leben. Außerdem weiß ich schon längst, wer der Mörder ist. Nicht, dass ich das Spiel durchschaut habe. Es kommt sowieso meistens anders, als man denkt. Nein, ich habe diesmal gelangweilt das Ende schon vorweggenommen. Für also was jetzt noch lesen?

Ich ziehe die dunkelgraue knielange Lieblingshose über meine gut trainierten Beine, wie ich finde und bin froh, dass ich nicht faul war, meinen Hintern regelmäßig hochbekommen hatte und so auch keinen Winterspeck angesetzt habe. Täglich zwang ich mich zu meiner Standard-Joggingrunde, bei jedem Wind und Wetter und dass sogar bei Schneesturm, der in diesem Jahr nicht selten vorkam. Wenigstens fit und attraktiv bin ich noch, scheint zumindest mein Spiegelbild zu sagen.

Ich schaue in meine braunen, ja fast schwarzen Augen und erkenne die Pupillen kaum. Meine Seele finde ich nicht in ihnen, nur tiefe Schwärze. Ich fahre mir durch das wuschelige dunkle Haar, das ich mir gestern erst stutzen ließ. Dafür sieht es ganz schön wild aus, was mir da auf dem Kopf wächst. Die süße Frisöse hatte sich geweigert, noch mehr wegzunehmen. Wenn es den Frauen gefällt, soll es mir recht sein.

Ich probiere drei Hemden, aber meinem Spiegelbild stehen sie nicht wirklich. Ein braunes T-Shirt mit weißem Schriftzug macht schließlich das Rennen. Sowas hatte ich gestern getragen, als ich die beiden Mädels auf der Tanzfläche beobachtet hatte; natürlich nur in meinem Traum, denn zur Disco gehe ich schon lange nicht mehr.

Speziell hatte es mir die Brünette angetan, die meine Jugendzeit herbei zaubern konnte. Da stand ich auch nur an der Tanzfläche oder gammelte an der Bar rum - so wie gestern, als ich ihr Tuscheln bemerkte, das nur mir gelten konnte.

Mein Spiegelbild ist verblasst und verschwunden. Stattdessen tauchen die beiden wie aus dem Nichts darin auf. Nicht, dass das passiert wäre. Aber was wäre, wenn? Und dieser Gedanke gefällt mir und ich lasse mich weiter fallen.

„Du beobachtest uns schon eine ganze Weile, oder?“ Ich schaue erschrocken in das hübsche Gesicht mit der kleinen Stupsnase neben mir.

„Ihr seid ein Blickfang, entschuldigt bitte!“, antworte ich leicht verlegen.

„Waas haast Du gesagt? Sprich doch mal lauter. Bei diesem Krach kann ich dich nicht verstehen“, schreit mich die Blonde an.

„Ihr seid ein Blickfang, entschuldigt bitte“, krächze ich diesmal.

„Danke für das Kompliment. Das ist meine Freundin. Nenne sie einfach Joy, denn das ist sie - einfach: pure Freude. Und ich bin Juliette. Und wer bist Du?“

„Ich bin Rico. Schön, euch kennen zu lernen!“, antworte ich noch immer zu leise für die Lautstärke, die hier herrscht.

„Hast Du Lust, mit uns an die Bar zu kommen? Hier ist einfach zu viel Krach, der nichts mit Musik zu tun hat und wir brauchen eh eine Pause“, ruft mir Juliette entgegen.

„Warum nicht, wenn ihr nicht mehr tanzt, brauche ich auch nicht hier rumzuhängen“, schreie ich etwas mutiger.

An der Bar spendiere ich ihnen einen Cocktail. Immerhin haben sie für mich getanzt. Wir plaudern eine gefühlte Stunde, lachen viel und ausgelassen und ich werde schließlich auch ganz locker, als wären sie alte Schulfreundinnen von mir und nicht die begehrenswertesten Objekte meiner schlaflosen Nächte.

Irgendwann, so ganz nebenbei, sagt Joy zu mir: „Jetzt müssen wir uns revanchieren. Wir können dir aber keine teuren Cocktails spendieren als arme Studentinnen, die wir sind. Aber wenn Du willst, laden wir dich zu einem doppelten Mitternachts-Espresso ein. Juliette macht den vorzüglich!“

Ich schaffe es nicht, „Nein“ zu sagen. Ein mulmiges Gefühl im Magen und ein dicker Kloß im Hals verhindern, dass ich widersprechen kann. Und so ziehen wir fünf Minuten später los, zu einem Stelldichein in ihre winzige Mädels-WG.

Sie führen mich durch einen kleinen Flur mit großem Schuhschrank und Garderobe, vorbei an einem goldenen Bad mit hell erleuchteten Spiegeln zur der einen Seite und der gemütlichen Küche zur anderen, hin zum Wohnzimmer mit einer überdimensionierten Kuschelecke, die sie ihre Couch nennen. Zwei Lederhocker im selben Braunton und ein Glastisch stehen vor ihr.

Der Minifernseher auf dem Regal sieht neben der viel größeren Stereoanlage irgendwie verloren aus. Das Regal ist aus Backsteinen gebaut, auf denen jeweils ein Brett liegt, was insgesamt drei Ebenen bildet. Sehr einfach und praktisch, aber hübsch mit all den grünen hochrankenden Pflanzen und den vielen Büchern, die den unteren Teil füllen.

Etwas abseits steht der Schreibtisch aus massiver Eiche, der für Studentinnen ziemlich unbenutzt aussieht. Ich runzle die Stirn, doch sie zucken nur mit den Schultern.

Benutzter sieht schon eher der interessantesten Raum von allen aus. Ich hätte mir nicht erträumt, auch diesen zu Gesicht zu bekomme. Joy und Juliette hatten jedoch einen Plan, wie ich bald am eigenen Leib erfahren sollte. Und dieses Zimmer kam auch darin vor.

Da waren wir nun, im spannendsten Raum der ganzen Wohnung, in ihrem Schlafzimmer. Beim Anblick ihrer großen zerwühlten Spielwiese, die sich in den hohen Schiebetüren spiegelt, schlagen meine Gedanken Purzelbäume.

Ich zwinge mich, wegzuschauen. Aber was ich an der Decke erst erblicke, heizt mich noch mehr an. Eine reflektierende Glasfläche, vielleicht drei Mal drei Meter groß, gibt alles wieder, was sich darunter abspielen würde. Das da oben muss der Himmel auf Erden sein, wenn sich die beiden in einer stürmischen Nacht darin wiederfinden.

Hauchzarte Spitzendessous schmücken die Laken und meine Phantasiegebilde. Vor meinem Auge erscheinen die Bilder, die sie gesehen haben mussten, als sie dort ineinander verschlungen lagen. „Schlaft ihr abwechselnd oder zu zweit?“, rutscht es mir heraus.

Juliette findet nichts Besonderes an der Frage. Ich schon, vor allem an ihrer Antwort.

„Natürlich zusammen. Das macht doch mehr Spaß!“

Sie schaut mir tief in die Augen, als würde sich die Wirkung ihrer Worte, darin widerspiegeln.

Mir wird es mulmig zumute. Ihre Augen blitzen und ich fühle mich wie Jagdwild.

Das Gefühl vergeht. Meine weichen Knie bleiben. Mir weiter auszumalen, wie sie es in diesem Spiegelkabinett miteinander treiben, traue ich mir nicht und erst recht nicht, was heute auf dem Laken hier passieren könnte. Stattdessen bewundere ich ihren guten Geschmack, den sie bei der Einrichtung der Zimmer bewiesen haben.

Wenig später sitze ich auf der Couch in ihrem kleinen gemütlichen Wohnzimmer und versuche, durchzuatmen. Sie legen eine alte Platte leiser Schmusesongs auf, die von dem charakteristischen Knistern begleitet werden. Dann bekomme ich den versprochenen doppelten Espresso. „Damit Du nicht einschläfst, während Du auf uns wartest.“

„Wollt ihr euch nicht zu mir setzen?“, frage ich leicht irritiert.

Statt einer Antwort bekomme ich nur ein verschmitztes Lächeln und ein Schulterzucken. Sie drehen sich um und verschwinden ins Badezimmer.

Stocksteif bleibe ich sitzen und schaue ihnen ungläubig nach. Die Tür fällt ins Schloss. Eine Weile stiere ich auf die weiße Fläche, als würden sich ihre Silhouetten noch darauf abzeichnen, während sie schon dahinter kichern. Ich bekomme die Vorstellung, wie sie sich über meine lechzenden Blicke amüsieren, über mein nervöses Hin und Her Rutschen auf der Couch und darüber, wie ich mir einbilde, sie würden sich hübsch für mich machen und gleich rauskommen im supergeilen sexy Outfit.

Das Kichern verstummt und dann herrscht Stille. Eine Schiebetür schließt sich mit kratzendem Geräusch und einem dumpfen Klicken. Dann höre ich die Dusche rauschen, vielleicht fünf Minuten lang. Und wieder ein Klicken und ein Kratzen.

Die Dusche lief nur einmal. Zu zweit duschen macht wohl auch mehr Spaß, denke ich bei mir und versuche mir nicht die schaumbedeckten heißen Kurven vorzustellen, über die sie ihre Hände gleiten ließen.

Hinter der Tür ist es still. Durch sie hindurchschauen kann ich nicht, so sehr ich mich auch bemühe. Also warte ich, bis Joy und Juliette endlich rauskommen.

Ich prüfe meinen Pulsschlag. Über ihre reizenden Körper, die vielleicht nur leicht bekleidet erscheinen werden, ziehe ich vorsorglich einen flauschigen Jogginganzug. So werde ich sie sicher besser ertragen können.

Doch mein Verstand spielt mir einen Streich. Er macht daraus einen Bademantel, der von ihren Schultern über ihre Hüften rutscht, bis er nur noch ihre Füße einhüllt. Ich schnappe nach Luft und presse meine Schenkel zusammen, zwischen denen der Druck und das Kribbeln unerträglich werden.

Sie lassen mich zappeln. Jede Menge erregender Bilder provozieren meinen Verstand. Endlich öffnet sie sich vorsichtig, diese verfluchte Bad-Tür.

Zuerst stecken sie ihre Köpfe nach draußen. Sie wollen sich wohl vergewissern, dass ich brav gewartet habe - als ob ich mich weg gewagt hätte!

Bei dem Anblick der beiden, die nun im Türrahmen erscheinen, stockt mir nicht nur der Atem - Juliette im unschuldig weißen und Joy im verruchten roten Kimono. Der reicht ihnen knapp bis über den knackigen Po. Vom Schlabberlook keine Spur, wie ich es auch nicht erwarten sollte. Auf das Kichern warte ich trotzdem, das ich stocksteif über mich ergehen lassen werde.

Juliette hat hellblondes mittellanges Haar mit seichten Locken, die ihr hübsches Gesicht weich umrahmen. Ihre Augen sind mandelförmig, groß, rehbraun und geschmückt mit langen Wimpern. Joy hingegen hat lange braune glatte Haare und selbst im dämmrigen Licht blitzen ihre blauen Augen gefährlich.

Mit nackten Füßen stehen sie vor mir, wie Engel und Teufel in Mädchengestalt. Mir wird es so heiß beim Anblick der langen Beine und dem freizügigen Ausschnitt, dass ich verdampfen müsste.

„Du kannst auch eine Abkühlung haben, wenn Du sie brauchen solltest!“ Juliette beobachtet mich scharf und genießt es anscheinend, mich verrückt zu machen. Auf der Couch rutsche ich hin und her, kann nicht still sitzen bleiben, selbst wenn ich jeden Muskel anspanne und versuche, mich im Boden festzukrallen.

Mit einem nachsichtigen Lächeln reicht sie mir ein Badetuch. In der anderen Hand hält sie einen schwarzen

Kimono. Er ist samtig, gewagt und sicher auch aus ihrem Repertoire.

Warum rechne ich damit, dass sie mir den gleich mit überreichen wird? Ich schaue sie an und muss nicht nur wegen ihres freizügigen Anblicks schlucken.

Ihr Lächeln wandelt sich zu einem entschlossenen Blick. „Nimm das, damit du was Frisches zum Anziehen hast!“

Nach dem Badetuch habe ich gegriffen. Bei dem schwarzen Fummel schüttle ich jedoch mit dem Kopf. „So ein knapper Kimono passt vielleicht zu euch, aber bestimmt nicht zu mir. Ein ganz normaler Bademantel, wäre mir da lieber!“ Sie glauben doch nicht wirklich, dass ich so etwas anziehe?

„Den haben wir nicht!“, ist die schlichte Antwort.

„Mit dem Kimono kann ich aber nichts anfangen“, meine ich stotternd und sehe mich schon in dem Aufzug durch die Bad-Tür kommen. Ich schüttle den Kopf. Nein, das kann ich nicht. Da bräuchte ich gleich gar nichts anziehen!

„Auch gut! Mit der kalten Dusche kannst du aber schon was anfangen, oder?“ Joy grinst über das ganze Gesicht.

Ich nicke, während ich ansonsten immer noch stocksteif dasitze.

„Na gut, umso besser!“, antworten beide wie aus einem Munde.

Verunsichert verschwinde ich mit dem Handtuch, um bei einer eiskalten Dusche runterzukommen, denn mir ist heiß - so richtig heiß. Kurz überlege ich, was sie mit „umso besser“ meinen könnten. Ich beschließe, es war nur eine Floskel.

Kein Schlüssel an der Bad Tür. Verdammt! Ich traue mir kaum, mich auszuziehen. Es duftet verführerisch nach dem Shampoo der beiden, mit dem sie sich kurz vorher eingeseift hatten. In der Ecke liegen neckisch Slips und BHs und der Rest ihrer Sachen. Sie sind nackt, bis auf ihre Kimonos.

Ich rette mich unter die Dusche. Vor Erregung spüre ich die Kälte kaum, mit der die Wasserstrahlen herunter prasseln. Die Schwellung geht zurück und mein Puls wird ruhiger.

Ich lehne meinen Kopf in den Nacken und versuche entspannt zu werden und nicht dran zu denken, dass sie draußen auf mich warten. Doch die Sicherheit währt nicht lange. Nichtsahnend öffnet die Bad-Tür sich leise. „Muss nur schnell was holen!“, höre ich Joy, die ihren Kopf durch den Türspalt steckt. Ohne auf Erlaubnis zu warten, tritt sie ein, schnappt sich ihre Sachen und - verdammt, auch meine.

Gefangen zwischen den gläsernen Wänden, bringe ich kein Wort heraus. Mit den Händen versuche ich, das nötigste zu verbergen. Das kalte Wasser lässt die Scheiben nicht einmal beschlagen. Wenigstens ein paar Wassertropfen, die in kleinen Rinnsalen langsam nach unten laufen, verhindern eine klare Sicht.

Joy wirft noch einen ausgiebigen Blick zu mir rüber, bevor sie auf leisen Sohlen verschwindet – mit meinen Sachen. Ich zittere unter der Dusche und frage mich: Was war das denn?

Die Tür schließt sich. Es wird schwarz vor meinen Augen. Das kalte Wasser prasselt immer noch auf mich. Langsam unterkühle ich, auch wenn alles auf meiner Haut verdampfen müsste.

Schnell drehe ich die Temperatur herauf, falls eine von ihnen wiederkommt. Die durchsichtigen Scheiben beschlagen - endlich. Hätte ich früher dran denken sollen. Eine Abkühlung ist nicht immer eine Abkühlung, zumindest nicht so!

Ein paar Minuten später habe ich mich einigermaßen beruhigen können. Mit der Handkante wische ich den Dampf von der Scheibe und vergewissere mich vorsorglich, dass die Luft rein ist. Dann suche ich nach etwas, das aussieht wie Kleidung.

An der Tür hängt einsam der schwarze Kimono. Sie hat ihn dagelassen!

Ich schaue mich im Zimmer um. Er ist das Einzige an Kleidung, was ich entdecken kann. Alles andere hat sie mitgenommen. Anscheinend bestehen sie darauf! Nichts, was ich sonst anziehen könnte. Hab nur die Wahl zwischen nassem Badehandtuch und dem bisschen Stoff. Am liebsten würde ich mich nicht mehr von der Stelle rühren.

Dumpf dringt die Musik aus dem Zimmer nebenan in meine Duschkabine. Sie haben es sich bequem gemacht und werden vielleicht schon auf mich warten. Vielleicht wollen sie meinen großen Auftritt genießen und herzhaft lachen. Ich glaube nicht, dass sie darauf verzichten werden. Und wenn ich nicht selber rauskomme, werden sie mich rauszerren? Ich sehe es schon förmlich vor mir.

Schnell schnapp ich mir das Handtuch, um mich wenigstens abzutrocknen. Noch spiele ich mit dem Gedanken, es mir einfach umzubinden, denn ein Kimono steht mir nicht wirklich. Aber es ist kalt, schwer von der Nässe und viel zu klein, um an der richtigen Stelle zu halten. Ich schaue in den Schubladen nach, ob ich vielleicht Sicherheitsnadeln finde. Anscheinend haben sie aber auch daran gedacht. Es bleibt mir nur der Kimono, so wie sie es anscheinend wollten.

Bestürzt betrachte ich mich im Spiegel. Der Fummel ist kurz und ich zerre ihn so gut es geht nach unten. Erst als die Nähte knacken, höre ich auf. Mein Problem klemme ich unter den Gürtel, da er nirgendwo sonst Platz zum Verstecken findet. Zum Glück hat der Kimono wenigstens sowas.

Auf wackligen Beinen und mit mulmigem Gefühl im Magen wende ich mich der Tür zu. Noch einmal schaue ich mich um, als würde ich einen geliebten Ort verlassen, um in der Duschkabine ihre Körper erscheinen zu lassen und den Duft ihres Duschgels noch einmal einzuatmen, mit dem sie sich vorhin eingeseift hatten. Sie haben auch nicht mehr angehabt, als sie durch diese Tür gingen. Mein Auftritt wird schon OK sein, versuche ich, mir einzureden.

Nur hatten sie viel besser darin ausgesehen, als du das grade machst, warnt mich indes mein Spiegelbild. Ich schaue an mir abwärts, atme tief durch und drücke die Klinke herunter.

Gedämmtes Licht erwartet mich. Auf dem Tisch stehen Kerzen und eine Flasche Wein. Joy und Juliette sitzen eng ineinander gekuschelt auf der Couch, verliebt in ein halb volles Glas, an dem sie abwechselnd nippen, immer an derselben Stelle, wo ihr roter Kussmund vermischt mit den Spuren des Bordeaux ihren Abdruck hinterlassen hat.

Bei diesem Anblick bleibe ich wie gebannt in der Bad-Tür stehen. Hilfesuchend schaue ich mich um und finde eine Ecke, in die ich mich verdrücken könnte.

Ich schleiche zu dem Stuhl, der bei dem im gleichen Stil gehaltenen robusten Schreibtisch aus Eiche steht. Ein schönes Holz und sehr stabil. Bilder blitzen in meinem Kopf auf, für was dieses Möbelstück alles herhalten könnte. Ich verdränge sie sofort, im Versuch ruhiger zu atmen.

Der Kimono hat zwei kleine Seitentaschen. Ich greife in eine rein und umfasse das pulsierende Ding, da es ausbrechen möchte. Verklemmt setze ich mich hinter den schweren Tisch.

Erst einmal glücklich, es bis hierher überhaupt geschafft zu haben, versuche ich mir auszumalen, wie das weitergeht. Muss verdammt elektrisierend sein, so einen Hals zu küssen oder den heißen Atem zu spüren, der einem immer näherkommt, bis man die vollen Lippen spürt, die heiß auf der eigenen Haut brennen. Ich fasse mich an die Stelle, an der Juliettes Lippen gerade Joys Hals berühren.

Neidisch beobachte ich die beiden über den Rand eines Lehrbuches, dass ich mir in meiner Verzweiflung gegriffen habe. Das hilft mir, mich nicht so fehl am Platz zu fühlen, denn für sie scheine ich nicht da zu sein. Also versuche ich zu lesen oder wenigstens zu tun, als ob. Was? Keine Ahnung!

Verloren schauen sie sich in die Augen und ich sitze hier, um Beherrschung ringend, kann nicht mal das Weite suchen. Ohne Sachen käme ich kaum bis zur nächsten Straßenecke. Und wenn ich jetzt zu den beiden rübergehe, werden mir die Knie versagen, mein Hals austrocknen und mein Kreislauf kollabieren.

Und sie berühren sich und streicheln sich, küssen sich immer hemmungsloser und das vor meinen hungrigen Augen. Fehlt nur, dass sie sich die spärlichen Kleider vom Leib reißen. Vielleicht sollte ich noch eine Weile kalt duschen, bis sie fertig sind oder wenigstens in einem anderen Zimmer darauf warten. Da bleibt nur die winzige Küche oder … ihr Schlafzimmer. An das wage ich gar nicht erst zu denken.

Bevor sie hemmungslos übereinander herfallen und ich mich wieder ins Bad verziehen kann, schaut Joy auf, als wäre gar nichts gewesen. „Da bist Du ja endlich. Hast uns ganz schön lang warten lassen. Und jetzt sitzt du einsam in der Ecke?&

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