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Der Tanz unserer Herzen

1 Die Rückkehr

Tyler

Fünf Jahre ist es jetzt her, fünf lange Jahre…

Damals habe ich genau wie heute hier am Bahnhof gestanden und auf den Zug gewartet, der mich zum Flughafen bringen sollte. Damals wie heute stehe ich alleine hier. Niemand hat mich verabschiedet, noch steht jetzt jemand hier, um mich willkommen zu heißen. Letzteres liegt aber vermutlich daran, dass ich bisher niemandem von meiner Ankunft hier erzählt habe. Ich möchte meinen Bruder gerne überraschen, den ich ebenfalls in all den Jahren nicht gesehen habe.

Ich habe in den Staaten bei meinem Vater einen Neuanfang gestartet. Einen Neuanfang, den ich damals so sehr gebraucht habe und der mit ebenso verdammt gut getan hat. Ich habe dort das Leben geführt, dass ich mir hier immer so sehr gewünscht habe, aber hier nie leben konnte. Dinge, auf die ich ungern eingehe, wenn mich jemand danach fragt. Ich gehe dieser Geschichte gerne aus dem Weg, weil sie mir damals einfach viel zu wehgetan hat. Doch die Zeit bei meinem Vater und meinen neuen Freunden hat mir geholfen, um diesen Kummer zu verarbeiten und wieder nach vorne zu sehen.

Aber trotz allem stand für mich damals schon klar, dass ich irgendwann hierher zurück kommen werde. Denn meine Heimat ist hier. Oberhausen, eine schöne Stadt im Ruhrgebiet. Hier bin ich aufgewachsen, und hier möchte ich erneut einen Neustart ins Leben beginnen.

Also mache ich mich mit guter Laune auf den Weg zu meinem Bruder. Ich hoffe, dass er auch zu Hause ist und ich nicht noch stundenlang auf ihn warten muss. Aber wenn, dann bin ich ja selbst schuld und kann mich nicht einmal darüber beschweren. Wenn ich ehrlich bin, dann bin ich schon ein wenig nervös. Ich weiß ja nicht einmal, wie er auf mich reagieren wird. Klar, wir hatten immer Kontakt. Haben uns geschrieben und oft telefoniert. Aber fünf Jahre sind eben eine lange Zeit und wer weiß, wie sehr er sich in der Zwischenzeit verändert hat. Aber das werde ich ja gleich herausfinden …

♪ ♪ ♪

Eine gute halbe Stunde später stehe ich dann endlich vor dem großen Mehrfamilienhaus, in dem er immer noch wohnt. Alles sieht noch genauso aus wie früher. Die Fassade ist zwar nicht mehr die schönste, aber trotzdem macht das alte Haus eine ganze Menge her. Im Vorgarten haben die Mieter ein paar bunte Blumen gepflanzt, die hier alles sehr nett und einladend aussehen lassen.

Ich atme noch einmal tief durch, bevor ich mit klopfendem Herzen und zitternden Fingern auf die Türklingel drücke und immer noch hoffe, dass Mason auch tatsächlich da ist.

„Ja bitte?“, kommt es plötzlich vom anderen Ende und mir fällt ein großer Stein vom Herzen.

„Paketdienst“, lüge ich spontan, muss mir ein Lachen verkneifen.

„Sie sind doch Mason Bennett, oder?“

„Ja, der bin ich.“

„Dann habe ich hier ein Paket für sie.“

„Na dann … 3. Etage.“

Er drückt auf den Summer und ich muss mich immer noch zusammenreißen, nicht laut loszulachen. Mason auf den Arm zu nehmen hat mir früher schon immer sehr viel Spaß gemacht. Er macht es einem aber auch viel zu leicht.

Als ich oben ankomme, steht Mason mit großen Augen mitten in der Tür, sieht mich verwirrt an. Nun muss ich doch lachen, sein Blick ist zu göttlich.

„Was wird das jetzt? Willst du mich verarschen?“

Er ist genervt, aber was habe ich erwartet? Mir hätte klar sein müssen, dass er mich nicht erkennt und dennoch ziehe ich es vor, ihn noch ein wenig auf den Arm zu nehmen.

„Was wird was?“, frage ich grinsend.

„Was das hier jetzt soll, will ich wissen!“

„Ganz ehrlich Mason, du enttäuscht mich. Aber du bist immer noch genauso schnell genervt wie früher.“

„Ich verstehe nicht …“

„Mensch! Du erkennst nicht einmal deinen eigenen Bruder wieder!“

„Tyler? Ach komm hör auf, das kann doch gar nicht sein …“

„Ach nein? Der Postbote bin ich ja anscheinend nicht.“

Mittlerweile stehe ich einen guten Meter von ihm weg. Er starrt mich an, sagt kein einziges Wort mehr.

„Mason? Wer ist es denn? Warum kommst du denn nicht rein?“ Noch bevor ich ihm antworten kann, schaut plötzlich Marie um die Ecke. Marie ist Masons langjährige Freundin. Sieben Jahre sind die beiden nun schon zusammen und ich freue mich sehr darüber, sie endlich wieder zusehen. „Tyler? Bist das?“, fragt sie verwirrt. Na endlich, wenigstens eine, die mich wieder erkennt. Sofort kommt sie auf mich zu, schließt mich in ihre Arme. „Das ist ja eine tolle Überraschung. Seit wann bist du denn wieder hier? Wo kommst du überhaupt her? Wie lange bleibst du? Wie geht es dir denn?“

„Marie!“, sage ich lachend. „Lass mich doch erst einmal herein kommen.

Sie stellt mir eine Frage nach der anderen, holt zwischendurch kaum Luft.

„Entschuldige, aber ich freue mich so sehr, dich wiederzusehen. Das ist wirklich unglaublich!“

„Ich freue mich auch, endlich wieder hier zu sein“, sage ich lächelnd und gebe ihr einen Kuss auf die Wange.

„Lass uns hineingehen“, gibt sie fröhlich zurück und schiebt mich förmlich in die Wohnung.

Ich schmeiße meine Tasche in die Ecke, drehe mich zu den beiden zurück. Mason, der mittlerweile ebenfalls in der Wohnung steht, starrt mich immer noch an. Ihm fehlen anscheinend die Worte.

„Mason!“, sagt Marie lachend. „Was ist den nur mit dir los?“

„Kannst du mir mal bitte erklären, woran du ihn erkannt hast?“

„Na an seinen tollen Augen natürlich. Die sind einfach unverwechselbar.“ Sie grinst mich an, boxt Mason leicht vor die Schulter. „Komm schon, jetzt begrüße deinen Bruder endlich und hör auf ihn so anzustarren.“

Es dauert noch einen kurzen Moment, doch dann hat er sich tatsächlich wieder gefangen, schließt mich in seine Arme.

„Da hast du mich ganz schön auf den Arm genommen. Aber ich freue mich, dass du da bist kleiner Bruder.“ Er löst sich von mir, lächelt mich an. „Aber du hast dich ganz schön verändert. Wenn Marie nicht hier gewesen wäre, hätte ich dich glatt wieder hinaus geschmissen und dir kein Wort geglaubt.“

„Mason hat Recht, ich habe mich wirklich sehr verändert und das Gott sei Dank zum Positiven.Als ich damals von hier weg bin, hatte ich noch etwa 40 Kilo mehr, eine dicke Hornbrille auf der Nase und lange schwarze Haare. Das war damals mit ein Grund, warum ich von hier weg gegangen bin. Es war so schlimm, dass ich einfach keine andere Möglichkeit mehr sah, als mit 18 Jahren von hier wegzulaufen. Ja, ich bin weggelaufen, und da stehe ich auch zu. Ich wollte hier weg. Weg von den Leuten, die mich so sehr gedisst haben, dass ich kaum mehr damit leben konnte. Auch wenn das bedeutete, dass ich meinen geliebten Bruder hier zurücklassen musste.

Mittlerweile bin ich 23 Jahre alt, 1,90 m gro0 und wiege nur noch 80 Kilogramm. Meine Haare sind nicht mehr lang, sondern gehen mir nur noch bis zu den Ohren. Meine Brille habe ich gegen Kontaktlinsen ausgetauscht, damit meine ach so tollen Augen, wie Marie so schön sagte, besser zur Geltung kommen. Ja, ich fühle mich endlich wieder wohl in meiner Haut und das nicht zuletzt, weil ich mich für den Weg entschieden habe, der mit Sicherheit nicht der leichteste gewesen ist.

„Ich bin froh, wieder hier bei euch zu sein. Es ist, als wäre ich niemals weg gewesen.“

„Aber wieso hast du denn nicht Bescheid gesagt? Wir hätten dich doch vom Flughafen abholen können.“

„Ich wollte euch eben überraschen.“

„Ja, das ist dir auch wirklich gelungen. Mensch! Ich bin immer noch total aufgeregt.“

„Frag mich mal. Aber ich hoffe, ich störe euch nicht. Das Problem ist nämlich, dass ich …“

„Du hast keine Unterkunft, richtig?“

„Ja, ehrlich gesagt, habe ich mir da überhaupt keine Gedanken drüber gemacht.“

„Nicht schlimm. Du kannst natürlich hier im Gästezimmer schlafen, wenn du möchtest. Ich denke, Marie hat da auch nichts gegen, oder?“

„Natürlich nicht. Ich freue mich so sehr, dass du da bist, das glaubst du gar nicht.“

Erneut kommt sie zu mir, schließt mich in ihre Arme. Ich bin so unendlich froh darüber, dass die beiden mich so herzlich willkommen heißen und ebenso, dass ich fürs erste hier unterkommen kann. So kann ich langsam schauen, welche Möglichkeiten sich mir hier bieten und wie es in Zukunft weitergehen wird.

Etwas, auf das ich mich jetzt schon so sehr freue …

2 Die erste Begegnung

Tyler

Als ich am nächsten Morgen aufstehe, sitzen Marie und Mason bereits am Frühstückstisch. Der Geruch von warmen Brötchen und frischen Kaffee kommt mir entgegen, zaubert mir automatisch ein Lächeln ins Gesicht.

„Guten Morgen ihr zwei“, sage ich fröhlich, setze mich zu ihnen an den Tisch.

„Guten Morgen“, kommt es von beiden fast gleichzeitig zurück.

„Na, wie hast du geschlafen?“, fragt mich Marie.

„Sehr gut, aber irgendwie zu wenig. Die Zeitumstellung war doch heftiger, als ich zunächst gedacht habe. Ich hoffe echt, das wird in den nächsten Tagen wieder besser.“

„Ach bestimmt. Wenn du erst einmal ein paar Tage wieder hier bist, dann wirst du nichts mehr davon merken.“

„Ja ich weiß, das war ja damals nicht anders. Trotzdem muss man sich an die Umstellung erst einmal gewöhnen.“

„Sag mal …“, mischt sich jetzt Mason ein. „Hast du dir schon überlegt, was du jetzt machen möchtest? Hast du einen Plan gehabt, als du hier her gekommen bist?“

„Ich habe vorher mit einem alten bekannten gesprochen. Ich kann direkt am Montag zu ihm kommen und vorläufig bei ihm im Laden arbeiten. Er hat einen Getränkemarkt. Da kann ich mich über Wasser halten, bis ich einen richtigen Job gefunden habe.“

„Als was willst du arbeiten? Tanzlehrer?“

Ja, das ist genau das, was ich möchte. Tanzlehrer werden und Kindern und Jugendlichen das wiedergeben, was ich in den Staaten gelernt habe. Ich habe damals die Ausbildung in einer unglaublich tollen Tanzschule gemacht. Mit tollen Kollegen und allem drum und dran. Ich habe so viel gelernt, bin auf Wettkämpfen gewesen. Es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht.

„Entweder das, oder an einer Musikschule Gesangsunterricht geben. Das habe ich nebenbei nämlich auch noch gemacht.“

„Echt? Das wusste ich ja gar nicht.“

„Nein, das … habe ich dann mal für mich behalten“, sage ich lachend.

„Warum? So schlecht?“

Er lacht ebenfalls.

„Nein, aber du weißt doch … ich erzähle nicht so gern, was ich kann oder lasse den Larry heraushängen.“

„Ich weiß, aber trotzdem bestehen wir auf eine Kostprobe. Nicht wahr?“

Er sieht zu Marie, die ihm natürlich sofort nickend zustimmt.

„Definitiv! Aber mir fällt da gerade etwas ein. Vielleicht muss Tyler gar nicht lange suchen, um einen neuen Job zu bekommen.“

„Wie meinst du das?“, fragt er sie verwirrt.

„Daniel hat doch vor ein paar Wochen mal erzählt, dass sie bei sich dringend einen neuen Tanzlehrer suchen. Und soweit ich weiß, haben sie doch bisher niemanden gefunden, oder?“

„Stimmt … daran habe ich gar nicht gedacht.“

„Wer ist Daniel?“

„Daniel ist mein bester Freund. Er arbeitet in einer Tanzschule hier in der Stadt. Wenn du möchtest, dann kann ich ihn direkt mal anrufen und fragen, ob die Stelle noch zu vergeben ist.“

„Ja, das wäre natürlich perfekt.“

Er nickt, ruft direkt diesen Typen an.

Das wäre natürlich perfekt, wenn ich mich zumindest dort vorstellen könnte. Ich weiß was ich kann und ich könnte mich zumindest mit dem was ich tue, versuchen zu beweisen. Ob sie mich letztendlich sympathisch finden und ich ins Team passe, ist eine andere Geschichte.

„Also …“, beginnt er, nachdem er aufgelegt und das Handy in seine Hosentasche gesteckt hat.

„Komm schon, mach es nicht so spannend“, drängelt Marie, die nicht weniger aufgeregt zu sein scheint, wie ich es bin.

„Er sagt, die Stelle ist definitiv noch frei und wenn du Lust hast, dann kannst du dich direkt am Mittwoch bei seiner Chefin vorstellen.“

„Ernsthaft? Das ist ja klasse. Danke Mason, ich weiß das wirklich zu schätzen.“

„Ach Quatsch. Ich helfe dir, wo ich nur kann und beweisen kannst dich nur du selbst. Aber ich bin davon überzeugt, dass du dies gut hinbekommst.“

„Ich werde auf jeden Fall mein Bestes geben.“

„Davon gehe ich aus.“

Er grinst und ich kann in diesem Moment gar nicht in Worte fassen, wie glücklich ich gerade bin. Ich bin gerade mal einen Tag wieder hier und wurde nicht nur total toll aufgenommen, sondern habe in ein paar Tagen direkt ein Vorstellungsgespräch. Besser kann es nicht laufen, es ist eigentlich perfekt. Jetzt kann ich nur hoffen, dass es so weitergehen wird, und ich diesen Job auch bekommen werde …



Daniel

Das Wetter ist heute wieder unglaublich schön, eigentlich perfekt um noch ein bisschen durch die Stadt zu schlendern, ein Eis zu essen und sich einfach nur in die Sonne zu setzten. Ja, das liebe ich und darauf habe ich heute besonders viel Lust. Wie gut, dass wir heute nur bis 14 Uhr unsere Kurse haben, so kann ich das tolle Wetter wenigstens noch ein paar Stunden genießen.

„Daniel?“

Denise ist es, die mich ruft, als ich gerade zu einem meiner Tanzkurse gehen will. Es wird an der Zeit, dass wir noch einen Tanzlehrer mehr einstellen. Denn seit Sibylle weg ist, haben wir nur noch Stress. Ununterbrochen ist irgendetwas, ich muss ständig Überstunden schieben und kann kaum mehr etwas mit meiner Freizeit anfangen. Ein Zustand, der mir im Moment tierisch auf die Nerven geht.

„Ja?“, frage ich genervt.

„Kommst du mal bitte kurz? Da ist jemand für dich am Telefon.“

„Wer ist es denn? Ich habe gerade eigentlich überhaupt keine Zeit.“

„Mason.“

Natürlich ist es Mason, wer auch sonst. Denn er hat immer ein besonderes Talent dafür, zu den ungünstigsten Momenten anzurufen. Mason ist seit einigen Jahren mein bester Freund und einer der wenigen Menschen in meinem Leben, denen ich absolut vertraute. Lange hat es gedauert, bis die Freundschaft auch nur ansatzweise so war, wie sie jetzt besteht. Denn mir fällt es seit langen schon viel zu schwer, die Menschen näher an mich heranzulassen.

„Mason, wie immer sehr passend“, sage ich lachend, als ich ans Telefon gehe.

„Hey, ja ich weiß. Dauert auch nicht lange, ich habe nur eine kurze Frage.“

„Dann schieß mal los.“

„Also, mein Bruder ist seit gestern wieder hier in Deutschland.“

Ich kann die Begeisterung in seiner Stimme hören und ich mir sehr gut vorstellen, dass er wahnsinnig glücklich darüber ist. Mason hat mir oft von ihm erzählt und davon, wie sehr er ihn vermisst. Umso mehr freue ich mich darüber, dass die beiden sich endlich wieder gefunden haben.

„Hey das ist doch toll, ich freue mich riesig für dich.“

„Was glaubst du, wie sehr ich mich freue? Ich war wirklich baff, als er gestern Abend vor mir stand, ich hab ihn kaum wieder erkannt.“

„Das ist toll, wirklich.“

„Aber deswegen rufe ich gar nicht an, beziehungsweise, nicht nur.“

„Was hast du auf dem Herzen?“

„Du hast mir doch mal erzählt, dass ihr einen Tanzlehrer sucht.“

„Ja, den suchen wir ganz dringend. Hier geht wirklich alles drunter und drüber.“

„Ich hab da vielleicht eine Lösung für euch.“

„Ach ja? Schieß los.“

„Tyler hat sich in den Staaten in Gesang und Tanz ausbilden lassen und er sucht jetzt eine Stelle. Am liebsten wäre ihm eine als Tanzlehrer.“

„Weißt du denn, was er kann?“

„Nein, nicht wirklich. Aber er sagt er ist gut und ich vertraue ihm da voll und ganz. Was meinst du? Gibt es eine Chance, dass er sich bei euch vorstellen kann?“

„Ich würde sagen, das wäre perfekt. Sag ihm, er soll nächsten Mittwoch herkommen, die Uhrzeit sage ich dir dann noch. Ich spreche das dann mit meiner Chefin ab, falls doch was dazwischen kommt, melde ich mich auch. Aber ich denke, da wird es keine Probleme geben.“

„Super, da wird Tyler sich mit Sicherheit freuen.“

„Ich freue mich auch. Das wäre wirklich eine super Lösung. Ich muss jetzt aber auch Schluss machen, mein Kurs hat schon angefangen.“

„Alles klar, wir sehen uns die Tage Daniel.“

„Ja, bis dann Mason.“

Was soll ich sagen? Das wäre tatsächlich perfekt. Wenn sein Bruder so gut ist wie er sagt, dann haben wir in ein paar Tagen ein Problem weniger.

♪ ♪ ♪

Nach meinem Kurs suche ich erst einmal den Kontakt zu meiner Chefin, um ihr von Tyler zu erzählen. Ich hoffe, dass sie mit meiner spontanen Aktion, ihn direkt einzuladen, einverstanden ist und ich ihm nicht wieder absagen muss. Das wäre mir wirklich sehr unangenehm und für Masons Bruder mehr als nur doof.

„Frau Förster?“ Sie saß gerade über irgendwelchen Unterlagen, als ich in ihr Büro kam, sah mich nur fragend an.

„Was kann ich für dich tun Daniel?“

„Ein Freund von mir hat vorhin angerufen und mir erzählt, dass sein Bruder eine Stelle als Tanzlehrer sucht. Ich habe gedacht, angesichts der jetzigen Situation, wäre es doch ganz gut, wenn er sich hier mal vorstellt.“

„Kennst du ihn?“

„Nein, aber ich habe ihn am Mittwoch einfach mal herbestellt und dann kann man ja sehen, was er so kann.“

„Das ist eine gute Idee, im Moment wäre ich wirklich froh, wenn wir mal jemanden finden, der hier her passt. Es ist alles ganz schön eng zur Zeit und er wäre eine super Entlastung für euch.“

„Also kann ich ihm sagen, dass alles klar geht?“

„Ja, mach das. Er soll dann am Mittwoch um 15 Uhr hier sein.“

„Super und danke.“

„Ich habe zu danken Daniel.“

Das ist doch gut gelaufen. Jetzt kann ich Mason direkt anrufen und ihm sagen, dass Tyler zu uns kommen kann. Ich bin jetzt schon selbst total aufgeregt. Hoffentlich klappt das alles und wir haben demnächst wieder gute Unterstützung. Ich würde es mir wirklich wünschen.

„Daniel?“

„Denise?“ Ich muss lachen.

„Spinner! Was ist, hast du Lust mit mir in die Stadt zu gehen und ein Eis zu Essen? Im Einkaufszentrum haben sie ein neues Café eröffnet, das würde ich mir gern mal ansehen.“

„Das ist genau das, was ich heute auch vorhatte. Also ja, ich komme sehr gerne mit.“

„Sehr schön, dann hole ich noch eben meine Tasche und dann kann es los gehen.“

„Ist gut, ich bin auch noch mal eben hinten, bis gleich.“

„Bis gleich.“

Könnte der Tag perfekter sein? Eventuell ein neuer Tanzlehrer, schönes Wetter und ein leckeres Eis. Ja, so lasse ich mir den Sommer gefallen …



Tyler

Nach dem Frühstück haben Mason und ich beschlossen in die Stadt zu fahren und mir ein paar neue Klamotten zu kaufen. Ich habe nicht viel wieder mit hier her gebracht, da ich nicht so viel Gepäck mit mir herumschleppen wollte und die Preise für das Zusatzgepäck ebenfalls nicht von schlechten Eltern waren. Nur ein paar Dinge die mir wichtig sind habe ich in meinen Koffer gepackt und die Klamotten, die ich hier in Deutschland ganz sicher nicht bekommen werde.

Und so stehen wir knappe zwei Stunden später in einem riesigen Einkaufzentrum hier in der Nähe. Als ich damals von hier weg bin, hat es dieses Gebäude definitiv noch nicht gegeben. Hunderte von Läden reihen sich auf hunderten von Metern aneinander. Wahnsinn! Da wird sich doch sicherlich etwas finden, was mir gefällt.

Denn mit mir einkaufen gehen, ich ganz und gar nicht so leicht. Bis ich mal eine Hose finde, die mir meiner Meinung nach steht und mit der ich mich zufrieden gebe, vergeht viel Zeit. Seit ich in den USA war, lege ich sehr viel Wert auf mein Aussehen. Was nicht heißt, dass ich eingebildet bin oder so was. Aber mein Aussehen ist mir wichtiger, als es vor ein paar Jahren noch der Fall war und ich lege Wert darauf, dass einfach alles zusammenpasst.

Eine Tatsache, die auch Mason sehr schnell feststellen muss, der nach mittlerweile drei stündigem Shoppingmarathon nur noch genervt neben mir herläuft.

„Ich brauche noch Trainingsklamotten für Mittwoch“, fällt mir plötzlich noch ein, was Mason nur ein seufzendes Schnaufen entlockt.

„Oh Mann! Ich dachte, diese Tortur hat bald ein Ende.“

„Stell dich nicht so an, großer Bruder“, gebe ich lachend zurück. „Jetzt hast du mich fünf Jahre nicht am Hals gehabt. Da wirst du doch wohl die paar Stunden mit mir aushalten.“

„Du hast gut reden. Du musst ja auch nicht mit dir einkaufen gehen“, sagt er ebenfalls lachend, boxt mir leicht auf die Schulter.

„Blödmann … was hältst du davon, wenn wir erst einmal einen Kaffee trinken?“

„Das klingt doch mal nach einem super Plan.“

„Ist ja auch meiner“, gebe ich grinsend zurück. „Also ab in ein Café?“

„Ja, ab in ein Café.“

♪ ♪ ♪

Knappe zehn Minuten später sitzen wir in einem kleinen, aber sehr schönen Café am anderen Ende von Einkaufszentrum. Auf Grund der Hitze, haben wir uns lieber hineingesetzt. Hier ist es schön klimatisiert und nicht so wie draußen kaum auszuhalten. Der Sommer im Ruhrgebiet ist manchmal echt unerträglich.

„So Bruderherz, nun erzähl mal. Was gibt es bei euch neues? Wann steht die Hochzeit an?“, frage ich mit einem Grinsen im Gesicht.

Diese Frage brennt mir schon länger auf der Seele, ich hatte aber irgendwie nie die Gelegenheit, ihn darauf anzusprechen.

„Wie kommst du denn jetzt auf den Schwachsinn?“

„Schwachsinn? Ihr seid seit einer halben Ewigkeit zusammen, da ist es doch nicht so abwegig, dass man dich mal nach so etwas fragt.“

„Ja schon, aber darüber haben wir noch nicht gesprochen. Es war einfach noch kein Thema zwischen uns.“

„Na dann wird es wohl Zeit, oder? Immerhin will ich in diesem Leben noch einmal Onkel werden und der Jüngste bist du ja auch nicht mehr.“

Ich muss schon lachen, da habe ich den Satz noch nicht ganz ausgesprochen.

„Ich gebe dir gleich Onkel, und alt? Wer ist hier bitte alt?“

„War nur Spaß, keine Sorge. Aber dein Blick, der war wirklich einmalig.“

„Ja ja, mach dich nur lustig über mich.“

„Ich mache mich nicht lustig über dich. Und jetzt mal ehrlich, du liebst sie doch. Also warum nicht heiraten?“

„Natürlich liebe ich sie und ich werde sie bestimmt auch irgendwann heiraten. Aber nicht jetzt, und nicht in den nächsten Wochen. Damit ist das Thema jetzt durch.“

„Ich würde mich wirklich für euch freuen, ich mag Marie sehr.“

„Das ist lieb von dir, aber warten wir doch erst einmal ab, was die Zeit so mit sich bringt. Was ist überhaupt mit dir? Heiraten? Kinder kriegen? Du hast mir nie erzählt, wenn du mal eine Freundin hattest. Oder hast du aktuell eine, die du einsam und allein in den Staaten zurück gelassen hast?“

War ja klar, dass er den Spieß jetzt umdrehen muss, und damit habe ich durchaus gerechnet. Doch wenn ich ehrlich bin, weiß ich gar nicht so recht, was ich ihm sagen soll. Denn obwohl ich in den letzten Jahren immer mal wieder kurze Beziehungen hatte, ist nie das Mädchen dabei gewesen, bei dem ich dachte, dass ich mit ihr mein ganzes Leben verbringen würde. Diese Beziehungen waren nichts Halbes und nichts Ganzes, hielten nie länger als ein paar Wochen. Ich kann nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob ich eine von ihnen überhaupt richtig geliebt habe. Ja, so wie es aussieht warte ich wohl immer noch darauf, dass mir die große Liebe meines Lebens eines Tages über den Weg laufen wird.

„Tyler?“

„Hm?“

„Träumst du? Ich habe dich etwas gefragt“, sagt er lachend.

„Ja ich weiß, ich war nur in Gedanken …“

„Also? Gibt es eine Frau in deinem Leben?“

„Nein. Ich habe keine Freundin. Und ehrlich gesagt, gab es bisher noch keine Einzige, bei der ich mir so sicher war, wie du mit Marie.“

„Mach dir mal keinen Kopf. Die kommt irgendwann noch.“

„Na, davon gehe ich mal aus.“

Im Moment hätte ich vermutlich eh keine Zeit für eine Beziehung. Gerade in meinem Beruf muss man jemanden finden, der voll und ganz hinter einem steht. Die Arbeitszeiten sind für Außenstehende katastrophal und man selbst kommt nur damit klar, wenn man für das was man tut lebt. Es ist schwierig, zudem noch eine Beziehung zu führen. Aber diese Frage stellt sich momentan ja sowieso nicht.

„Tyler, was ist eigentlich mit unserer Mutter?“

Ich zucke zusammen, als er diese Frage ausspricht. Dies ist ebenfalls ein Thema, das ich nicht sehr gerne anschneide.

„Was soll mit ihr sein?“

„Willst du sie demnächst mal besuchen gehen?“

„Das hatte ich nicht vor, nein. Zumindest nicht in näherer Zukunft.“

„Meinst du nicht, dass du die Vergangenheit ruhen lassen kannst und ihr über alles reden könnt?“

„Im Moment ehrlich gesagt noch nicht, nein. Sei mir nicht böse. Aber das ist nicht drin.“

„Ist ja in Ordnung. Vielleicht kommt das mit der Zeit.“

„Das kann sein …“

„Okay, Themawechsel. Möchtest du noch etwas trinken? Ansonsten gehe ich jetzt bezahlen. Marie wartet bestimmt schon auf uns.“

„Nein danke. Aber bleib nur sitzen, ich bezahle schon.“

„Quatsch, das musst du nicht.“

„Ich möchte aber“, sage ich grinsend, stehe auf. „Eine kleine Entschädigung, weil du den halben Tag mit mir shoppen musstest.“

Er fängt an zu lachen. „In dem Fall gehe ich öfter mit die einkaufen.“

Lachend schüttle ich den Kopf. Ich bin so froh wieder hier zu sein und vor allem darüber, dass wir uns sofort wieder so gut verstehen. Es könnte nicht besser laufen. Alles ist perfekt …



Daniel

Eine knappe Stunde später sitze ich mit Denise endlich in dem kleinen, süßen Café und ich bestelle mir erst einmal einen großen Schokoladenbecher. Das ist echt das Beste, was man an diesem heißen Tag tun kann.

„Ich hab vorhin mitbekommen, da kommt sich jemand vorstellen?“

„Ja, der Bruder von meinem besten Freund ist seit gestern wieder hier und er hat in den Staaten eine Ausbildung zum Tanzlehrer gemacht..“

„Oh, in den Staaten, da hat er bestimmt was drauf. Wenn man das so im Fernsehen sieht …“

„Ich selbst weiß es nicht. Wie gesagt, er ist erst seit gestern wieder da. Aber es schadet mit Sicherheit nicht, wenn er mal vorbei kommt und wir ihn uns ansehen.“

„Ja, ich denke auch. Wird Zeit, dass wir jemand neuen finden.“

„Auf jeden Fall, das kann so nicht weiter gehen. Wir brauchen definitiv Entlastung.“

Sie nickt nur und ich selbst lasse meinen Blick ein wenig umherschweifen. Denise und ich sitzen draußen, doch die meisten anderen Leute haben sich ins Café verzogen. Vermutlich ist es ihnen in der prallen Sonne einfach zu heiß.

Eine ganze Weile lang sehe ich mir die Leute an, muss zwischendurch immer wieder schmunzeln. Leute zu beobachten zählt definitiv zu einer meiner Lieblingsbeschäftigungen.

Doch dann bleibt mein Blick plötzlich an einem Typen hängen und im nächsten Augenblick setzt mein Herz einen Schlag lang aus. Nur, um wenige Sekunden später wie wild weiter zu schlagen. Er sitzt zusammen mit noch jemandem an einem Tisch, spricht … lacht … und dieses Lachen zieht mich von jetzt auf gleich magisch an. Ich habe keine Ahnung, was so plötzlich mit mir los ist und so etwas habe ich definitiv noch niemals vorher erlebt. Alles in mir kribbelt, als ich in diese strahlend blauen Augen blicke. Mir wird heiß und kalt zugleich bei diesem wundervollen Lächeln, dass mich von Sekunde zu Sekunde mehr fasziniert.

Ich zucke ein wenig zusammen, erschrecke mich über mich selbst. Schon seit Ewigkeiten habe ich dieses Gefühl nicht mehr erlebt. Ach was, was erzähle ich? Dieses Gefühl habe ich noch niemals vorher erlebt und ich würde sagen, man nennt Liebe auf den ersten Blick. Liebe … das ist etwas, was ich nie, niemals wieder erleben wollte. Ich habe mir schon vor ein paar Jahren geschworen, mich nie wieder zu verlieben und genau aus diesem Grund niemanden mehr an mich herangelassen. Zu viel ist in den letzten Jahren passiert und ich habe nicht die Kraft dazu, all das noch einmal zu erleben oder durchzumachen.

Die letzten Beziehungen die ich hatte, waren allesamt die reinste Katastrophe gewesen. Vor allem die letzte war eine, die ich niemandem wünsche. Nicht einmal meinen schlimmsten Feinden. Ich habe diesen Typen über alles geliebt und was tat er? Er hat mich belogen, betrogen und hatte eine Affäre nach der anderen, über Jahre hinweg. Das Schlimme ist, dass ich Vollidiot nicht einmal etwas davon mitbekommen habe. Aber vielleicht wollte ich es auch gar nicht. Vielleicht habe ich die Augen mit Absicht verschlossen, war sozusagen blind vor Liebe. Es hat lange gedauert, bis ich dahinter kam, was er mir antat, wenn er nicht bei mir war. Ein Grund, warum es vermutlich noch zusätzlich wehgetan hat. Noch mehr, als es das ohnehin schon getan hätte.

„Alles in Ordnung mit dir?“, fragt mich Denise plötzlich.

„Was?“

„Ob alles in Ordnung ist? Du sieht auf einmal so … verwirrt aus.“

„Naja, ich …“

Wieder fällt mein Blick auf diesen Typen, was nun natürlich auch Denise nicht verborgen bleibt.

„Wer ist denn das?“

Sie dreht sich jetzt ebenfalls um, sieht in seine Richtung.

„Keine Ahnung“, gebe ich lachend zurück.

„Keine Ahnung? Warum starrst du ihn dann so an? Gefällt er dir?“

„Denise, bitte … Möchtest du noch etwas trinken?“

„Was denn? Jetzt lenk nicht ab. Gefällt er dir? Der sieht doch süß aus.“

„Ja, tut er. Aber er sollte mir nicht gefallen, also hör auf damit. Möchtest du noch einen Kaffee? Ich hole mir einen.“

Ich stehe auf, während sie leise seufzt, mir dennoch zustimmend zunickt. „Ja, ich nehme auch noch einen.“

„Okay, bis gleich.“

Ich muss erst einmal hier weg und mich von diesem Typen lösen. Liebe auf den ersten Blick. Was für ein Schwachsinn. Daran habe ich noch nie geglaubt und das wird in Zukunft ebenfalls nicht passieren. Man kann sich nicht in jemanden verlieben, mit dem man sich nicht einmal unterhalten hat. Nicht wahr ..?



Tyler

Immer noch mit einem Lächeln im Gesicht begebe ich mich an die Theke, um zu bezahlen. Ja, unter normalen Umständen sollten die Kellner an die Tische kommen, aber das ist meiner Meinung nach heute eine langwierige Sache. Es ist so voll hier, dass wir vermutlich noch eine gute halbe Stunde darauf warten müssen, bis sich endlich mal jemand zu uns begibt. Da kann ich mich besser direkt an die Kassiererin wenden. Das geht mit Sicherheit schneller.

Nachdem ich bezahlt habe, frage ich die junge Frau noch danach, wo sich die Toilette befindet und begebe mich auf direktem Weg dorthin. Allerdings bin ich noch nicht ganz um die Ecke gelaufen, als ich plötzlich mit jemandem zusammenstoße. Ich erschrecke mich total, höre im nächsten Augenblick nur noch etwas laut auf den Boden fallen und kurz darauf lief mir auch schon etwas verdammt heißes über den Oberkörper – Kaffee.

„Verdammte Scheiße!“, fluche ich, ziehe mein Shirt von meiner Haut, um den Schmerz ein wenig zu lindern.

„Mann, du Vollidiot! Kannst du denn nicht aufpassen?&

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