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Der Tanz des Schmetterlings

Über die Autorin

Marcia Willett, in Somerset geboren, studierte und unterrichtete klassischen Tanz, bevor sie ihr Talent für das Schreiben entdeckte und sich zu einer außergewöhnlichen Erzählerin entwickelte, die THE TIMES als »eine authentische Stimme ihrer Zeit« feierte.

Die Autorin lebt mit ihrem Ehemann in Südengland, dem Schauplatz vieler ihrer Romane.

Marcia Willett

Der Tanz
des Schmetterlings

Roman

Aus dem Englischen
von Sonja Schuhmacher

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Pam Goddard

PROLOG

Das Kind erwachte plötzlich, fuhr auf zwischen den Kissen und Decken seines behelfsmäßigen Bettes. Es hörte die Stimme seiner Mutter, die seltsam widerhallte; bald laut, bald leise flackerte sie auf und erstarb im murmelnden Duett mit einer tieferen Männerstimme. Das hörte sich so sonderbar an, dass das Mädchen aufstand und auf den Gang hinaustappte. Mit zerzaustem Haar und ohne Schuhe lief es, bis es in einer Märchenwelt landete, in der gemalte Gärten zu lauschigen Plätzen anstiegen, eine Treppenflucht ins Nichts führte und Wände lautlos auseinander glitten. Hoch oben sah es Lichter, sie erhellten einen Raum, so niedlich wie ein Puppenhaus mit Pappbüchern auf bemalten Regalen und künstlich glänzenden Speisen auf einem kleinen Tisch. Fast erwartete es, dass im nächsten Augenblick Schneewittchen erscheinen würde.

Reglos stand es außerhalb des Lichtkreises, spürte den kühlen Luftzug an den Beinen und beobachtete seine Mutter, die redete und lächelte und die Hände nach jemandem ausstreckte, dessen Arm und Schulter, in strenges Schwarz gekleidet, gerade noch zu erspähen waren. Aber bevor das Mädchen zu ihr laufen konnte, ließ ein dröhnender Lärm es erstarren. Das Geräusch schwoll an, ebbte ab, und ihm wurde schwindlig. Schon wollte es voller Angst aufschreien, da war es von Menschen umgeben, die es hochhoben, beruhigten und die kleine, sich sträubende Gestalt von der Frau wegtrugen, die auf der Bühne blieb, während der Vorhang sich immer wieder hob und senkte. »Angel!«, schrie das Mädchen, aber seine Stimme ging im regen Treiben hinter der Bühne unter. Noch einmal rief es, doch kein Laut kam aus seiner Kehle, und nun erwachte es wirklich.

Lizzies Kopf lag unbequem auf der Armlehne des Sessels, und ihr Mund war trocken. Die Angst aber ließ sie nicht los, die Bruchstücke des Traums weckten in ihr abgrundtiefe Trauer. Sie fuhr sich übers Gesicht, um die Panik zu verscheuchen.

Wenn du am Nachmittag schläfst, sagte sie sich, was erwartest du da? Hoffnungsvoll sah sie auf die Uhr. Zwei Minuten vor halb sechs. Früher, es war gar nicht lange her, da wäre das eine Zeit der Vorbereitung, der nervösen Spannung gewesen, sie hätte nun rasch eine Tasse schwarzen Kaffee getrunken, ein Brot gegessen, bevor sie ins Theater ging. Denn die Welt jenseits des Bühneneingangs birgt einen besonderen Trost. Der vertraute Geruch des Theaters – Staub, Schminke, Schweiß –, das Geplauder, das aus den Garderoben dringt; das Gefühl dazuzugehören; die Konzentration auf die Arbeit, die vor einem liegt. Nervös, o ja! Aber auch freudig erregt und Teil einer Familie: Man lauscht den Klatschgeschichten, während man vor dem Spiegel sitzt und die Schminke aufträgt.

Lizzie Blake räkelte sich in ihrem Sessel, lockerte die Schultern, um die Verspannung im Nacken loszuwerden, streckte ihre langen, schönen Beine. Summend stand sie auf. Sie hatte entdeckt, dass sich durch Summen Gedanken – und Ängste – im Zaum halten lassen, und Melodien kannte sie genug. Heute bediente sie sich aus dem Musical South Pacific: »This nearly was mine.« Im Tanzschritt ging sie in die Küche, steigerte den Rhythmus, sang und summte. Sie fühlte sich um fünfundzwanzig Jahre zurückversetzt.

Lizzie füllte den Wasserkocher und schaltete ihn an. Nicht dass sie jetzt unbedingt eine Tasse Tee brauchte, aber diese schauerlich leeren Stunden zwischen fünf und sieben mussten irgendwie gefüllt werden – vor allem jetzt, da Sam nicht mehr da war.

Sie verscheuchte den Gedanken sofort und summte wieder – diesmal »A cockeyed optimist« –, klopfte im Rhythmus mit dem Löffel auf die Teedose und überlegte, ob sie sich ein Ingwerplätzchen gönnen sollte: nur eins. Schließlich nahm sie nicht so leicht zu. Immer noch war sie so schlank und rank wie mit zwanzig – durch Arbeit und Selbstdisziplin war sie fit und gelenkig geblieben –, und in ihrem üppigen rotgoldenen Haar fand sich kaum ein Silberfaden. Wie immer hatte sie es zu einem phantastischen Knoten aufgesteckt, aus dem sich einzelne Locken und gelegentlich auch die hufeisenförmigen Nadeln lösten. Ihre Elfenbeinhaut war ein wenig sommersprossig, und ihre bernsteinbraunen Augen unter den zarten Brauen wirkten eher schüchtern. Mit den Jahren – sie war nun zu alt für Shakespeares junge Frauen wie die Beatrice oder die Bianca – hatte sie kleinere Komödienrollen bekommen, und auch in einer Sitcom-Serie für das Fernsehen hatte sie einige Jahre lang Erfolge gefeiert. Dank ihrer melodischen Stimme war sie auch in der TV-Werbung gefragt. Sie hätte jeden Abend drei- bis viermal hören können, wie sie eine bestimmte Gesichtscreme anpries. Oder sie hätte sich am Steuer eines viel gefahrenen Familienwagens bewundern können, in Begleitung von zwei kleinen Kindern und einem entzückenden Mischlingshund. Dieser Spot war nicht nur sehr amüsant, sondern auch beliebt, sodass man sie inzwischen auf der Straße erkannte – was während der langen Jahre auf der Bühne nie vorgekommen war. Allmählich gewöhnte sie sich daran, dass Passanten sich nach ihr umdrehten und riefen: »Ach, Sie sind doch die Dame aus der Werbung …« Sie hätte das gern mit einem blasierten Lächeln und einem Schulterzucken abgetan, aber ehrlich gesagt, gefiel es ihr, dass man sie ansprach, und sie ließ sich gern auf eine kleine Plauderei mit den freundlichen Bewunderern ein. Im tiefsten Innern schämte sie sich für das harmlose Vergnügen, mit dem sie ihr Selbstgefühl aufplusterte, aber immerhin stimmte es sie fröhlich, und das war etwas wert, vor allem da Sam 

Lizzie griff nach der Keksdose: Zwei Kekse und die neuen Ferienprospekte würden sie von den langen, öden Stunden ablenken, die vor ihr lagen. Vielleicht hatten ja ihre Freunde und ihr Agent Recht gehabt, als sie ihr rieten, in London zu bleiben und nicht nach Bristol zu fahren, in das Haus, wo sie bei Pidge und Angel aufgewachsen war. Nur war es in London ohne Sam so schrecklich gewesen – einfach unerträglich. Sie probierte den heißen Tee und blätterte in den bunten Prospekten, die für die Schönheit der britischen Westküste warben.

»Reisen Sie in Begleitung?«, hatte die junge Angestellte im Reisebüro gefragt.

»Nein, nein. Ganz allein.« Es hätte abenteuerlustig und fröhlich klingen sollen, aber es hörte sich so mitleiderregend an, dass die Frau sie fragend musterte.

»Ich habe vor drei Monaten meinen Mann verloren.« Die Worte rutschten ihr einfach heraus. Lizzie war so überrascht über sich selbst, dass sie das erschrockene Gesicht der jungen Frau kaum wahrnahm.

»Das tut mir schrecklich leid.«

Ihr Bedauern klang so mitfühlend, dass Lizzie sich zusammenreißen musste, um nicht auf der Stelle in hysterisches Gelächter auszubrechen. Sie atmete tief durch, konnte aber ein irres Grinsen nicht unterdrücken. Die junge Frau wich einen Schritt zurück.

»Mir auch«, erwiderte Lizzie fröhlich. »Schrecklich, schrecklich leid.«

Allmählich bekam es die Frau mit der Angst zu tun. Hastig suchte sie einige Broschüren zusammen und legte sie auf die Theke, ohne Lizzie anzusehen.

Bei dieser Erinnerung prustete Lizzie in ihren Tee, doch zugleich musste sie sich Tränen aus den Augen wischen. Weinte sie etwa? Energisch nahm sie ihre Tasse und die Reiseprospekte und setzte sich an den Tisch in der Wohnküche.

Das geräumige Zimmer im ersten Stock wurde durch ein Klavier in zwei Hälften geteilt: Wohnzimmer und Küche. Das Klavier wandte der Spüle, den Regalen und Schränken die Rückseite zu, an die ein Tisch gestellt war. Im Wohnbereich stand ein langer Esstisch, der von einem bunten Ensemble abgenutzter Holzstühle umgeben war. Eine Wand bedeckten Bücherregale, an der anderen hingen Gemälde. Außerdem gab es ein großes Sofa, das sich anheimelnd in den breiten Erker mit dem Fenster schmiegte, dazu drei Sessel, alles Einzelstücke, sowie eine niedrige Truhe, die als Kaffeetisch diente.

Lizzie setzte sich auf einen holzgeschnitzten Armstuhl, schob sich ein altes Seidenkissen in den Rücken, stellte ihre Tasse ab und öffnete die Keksdose. Dann wandte sie sich wieder den Prospekten zu. Die Platane vor dem offenen Fenster wiegte sich in der sanften Brise des Juniabends. Von unten drangen die Stimmen spielender Kinder herauf. Der Schein der Abendsonne drang durch das Laub der Platane und malte ein wechselvolles Muster auf das verblichene Leinen der Stühle. Lautlos löste sich ein tiefrotes Blütenblatt aus einem Rosenstrauß, dessen Duft den hohen Raum erfüllte, und schwebte auf das Klavier. Lizzie blätterte um.

»Hoch über dem Städtchen ragt Dunster Castle empor …«

Stirnrunzelnd betrachtete sie das Bild, glaubte sich zu erinnern: Die Sandsteinmauern des Schlosses im warmen Licht des Sonnenuntergangs; das Mosaik des rot-grauen Schieferdachs, das im Nieselregen silbrig glänzt; ein friedlicher, geschützter Garten; das Meer, das gegen graue Felsen brandet; die schmerzenden Füße auf dem langen Heimweg vom Strand … Und Angel, nervös, gereizt, kommt nie zur Ruhe.

Lizzie legte die Prospekte zur Seite. Ein winziger Moment aus der Vergangenheit tauchte vor ihr auf: eine Begegnung voller Spannung. Angel, die eine etwa gleichaltrige Frau anstarrt, Lizzie, die den kleinen Jungen an der Hand der Frau anblickt.

Das Telefon riss sie aus ihren Erinnerungen.

»Hallo, meine Liebe.«

Lizzie lächelte erleichtert, als sie die Stimme ihres Agenten erkannte, und ließ sich in einen bequemen Sessel sinken.

»Hallo, Jim. Wie steht’s?«

»Alles bestens. Der Urlaub, von dem du gesprochen hast – du fährst doch nicht zu weit weg?«

»Nein, nein.« Ihr Blick wanderte zum Tisch mit den aufgeschlagenen Prospekten, den Hochglanzfotos. »Ich dachte an die Westküste. Irgendwo ans Meer. Warum?«

»Du darfst überallhin, solange du am Montag in einer Woche in Manchester bist.«

Sie plauderten noch ein Weilchen, dann kehrte Lizzie an den Tisch zurück. Lange stand sie da und betrachtete das Foto.

Hoch über dem Städtchen ragt Dunster Castle empor.

Am nächsten Morgen schlief sie lange. Eine halbe Schlaftablette hatte sie endlich von den schmerzlichen Gedanken und Erinnerungen erlöst, die sie bis in die frühen Morgenstunden geplagt hatten. Ihre Träume waren merkwürdig lebhaft.

Pidge und Angel sitzen bei einer Flasche Wein am Tisch, Lizzie hockt mit ihren Spielsachen unter der langen Tafel auf dem Boden. Angel ist barfuß, sie kann nicht stillhalten, unentwegt reibt sie die Füße aneinander, dann wieder verschwinden sie unter der langen Baumwolldecke, die sie sich über den Schoß gebreitet hat. Pidge trägt spitze Schuhe aus dunkelblauem Leder; sie hat die Füße auf die Querverstrebung des Tisches gestellt.

»Ich habe ihn so geliebt«, sagt Pidge. Ihre Stimme ist voller Schmerz, aber zugleich spürt man, dass sie sich nichts sehnlicher wünscht, als verstanden zu werden, ja sogar Vergebung zu finden. Ihre schmalen Füße rühren sich nicht, stehen fest auf der Holzverstrebung, während Angels weiße, rundliche Zehen mit den leuchtend rot lackierten Nägeln immer in Bewegung sind. Gelegentlich hört man sie murmeln, beruhigende Einwürfe, mit denen sie Pidge trösten möchte.

»Schließlich hat er mir ja auch nicht gehört, Schätzchen. Oder?« Pidges Stuhl ächzt, als sie sich vorlehnt. Ein leises Klirren, sie trinkt einen Schluck. »Ehrlich gesagt, ist es ziemlich ungewöhnlich. Und noch dazu amüsant, finde ich jedenfalls …«

Pidge streift die Schuhe ab und rückt mit ihrem Stuhl ein Stückchen vor. Angel schlägt die Beine übereinander, zieht sich die Decke enger um die Knie und lehnt sich bequem zurück. Während über dem Kopf des Kindes Stimmengemurmel, Lachen und Ausrufe ertönen, spielt das Kind weiter unter dem schützenden Dach des ausladenden Esstischs, inszeniert mit seinen Spielsachen auf dem weichen Teppich eine Geschichte.

Lizzie schob ihre Steppdecke weg und setzte sich auf die Bettkante. Der Traum machte sie nervös. Hatte sie tatsächlich so unter dem Tisch gesessen, während Angel und Pidge redeten? War sie, so wie in ihrem gestrigen Traum, eines Abends allein und verängstigt durch das Theater gelaufen und hatte ihre Mutter gesucht? Solche Träume waren ihr nicht fremd, aber diese beiden wirkten beinahe wie Halluzinationen. Ihr Verhalten in letzter Zeit konnte Anlass zur Besorgnis geben, aber im Grunde war ihr das gleichgültig. Sie hatte ein schönes Steak in den Briefkasten vor der Metzgerei geworfen; sie hatte im Supermarkt einen fremden Einkaufswagen vor sich hergeschoben; sie hatte den Wagen auf dem Parkplatz stehen lassen und war zu Fuß von der Bibliothek nach Hause gegangen. Kleinigkeiten, die für sich genommen nichts besagten, aber diese Träume schienen in dieselbe Richtung zu gehen.

»Vielleicht bekomme ich einen Nervenzusammenbruch.«

Lizzie sprach laut, als erwarte sie eine Antwort. Dann stand sie auf und ging ins Bad. Wenn sie mit sich selbst redete, fühlte sie sich nicht so allein, und sie konnte auch ihre Ängste besser in Schach halten. Wenn sie etwas aussprach – laut und deutlich wie vor Publikum –, konnte sie es schon nicht mehr so ernst nehmen. Sie lächelte ihrem Spiegelbild zu, während sie ihr Gesicht wusch, Feuchtigkeitscreme auftrug und sich die hufeisenförmigen Nadeln ins Haar steckte.

Sie begann zu summen: »I’m gonna wash that man right outa my hair.«

Also immer noch South Pacific. Das war in Ordnung, eine Menge guter Songs, um sie durch den Tag zu bringen. Sie erinnerte sich an die Steppschritte, die zu diesem Lied gehörten, und probierte sie aus. Die Ledersohlen ihrer Hausschuhe klopften leise auf dem Linoleum, und sie dachte an ihre ersten Stunden im Souterrain des Tanzstudios.

Shuffle hop step tap ball change. Shuffle hop step tap ball change. Shuffle hop step, shuffle step, shuffle step, shuffle ball change.

Sie hörte noch, wie die Tanzlehrerin die Schritte rief, während die Steppschuhe klapperten; ihr Körper erinnerte sich an den Rhythmus, die Arme schwangen locker, Kopf hoch. Sie war damals höchstens sieben oder acht gewesen. Wie sie die Musik, die Bewegung, die Körperdisziplin geliebt hatte! Die Stange, die vor vierzig Jahren an der Wand der Dachstube angebracht worden war, gab es noch. Dort hatte Lizzie täglich geübt – pliés, battements, port de bras – und sich dabei im Spiegel an der Wand gegenüber beobachtet. Noch jetzt trainierte sie regelmäßig.

»Aber heute Morgen nicht«, murmelte sie, als sie rasch in eine Jeans und ein schwarzes T-Shirt schlüpfte.

Vor dem Friseur wollte sie noch einen Kaffee trinken und einen Toast essen. Der Prospekt lag aufgeschlagen da, aber sie wandte den Blick ab, summte wieder vor sich hin, konzentrierte sich darauf, was Jim ihr in Aussicht gestellt hatte: eine Tournee im Herbst. Ob sie damit zurechtkommen würde – mit dem anstrengenden Tagesablauf, den Reisen, derselben Vorstellung Abend für Abend?

»Genau das brauchst du jetzt, meine Liebe«, hatte er ihr versichert. Er war sehr nett, ein Profi, und er behauptete steif und fest, seine überspannte Ausdrucksweise und sein extravagantes Benehmen rührten nur von seiner langjährigen Zusammenarbeit mit Schauspielern her. Lizzie liebte ihn heiß und innig.

»Ich bin ein bisschen neben der Kappe«, hatte sie ihm erklärt, bevor sie abreiste. »Ich muss mal ausspannen, am besten in Bristol.«

»Heim in den Vogelkäfig?« Das war der Spitzname des hohen, schmalen Hauses, seit sich Anfang der sechziger Jahre bei der Agentur herumgesprochen hatte, dass dort drei Frauen wohnten und eine von ihnen Pidgeon, Taube, hieß.

Als Lizzie nun in der Küche stand, schwarzen Kaffee trank und darauf wartete, dass der Toaster seinen Inhalt ausspuckte, fiel ihr ein, wie sich Angel über den Scherz amüsiert hatte. Sie hatte sogar ihre Mitbewohnerin überreden wollen, die Adresse ganz offiziell zu ändern.

»Für dich mag das ja ganz nett sein«, hatte Pidge erwidert, »aber möchtest du Briefe bekommen, die an ›Fräulein Taube im Vogelkäfig‹ adressiert sind? Hab Erbarmen!«

Schließlich entdeckte Angel einen hübschen vergoldeten Käfig – aus der Requisite? – mit zwei bunt bemalten kleinen Holzvögeln auf der Schaukel. Kurze Zeit später kam noch ein winziges Küken mit weichem gelbem Gefieder hinzu.

»Das bist du«, sagte Angel zu Lizzie. »Siehst du? Du bist ein Küken und darfst schaukeln. Wie findest du das?«

Jahrelang hing der Vogelkäfig über dem Klavier in der Wohnküche. Er wurde zum Symbol, zum Insiderscherz.

»Das sind wir«, erklärte Angel den Gästen. »Drei kleine Vögel im goldenen Käfig. Also, ein Küken und zwei alte Schnepfen …« Sie wartete auf die unausweichlichen Proteste und Komplimente.

Der Vogelkäfig hatte zu ihrem gemeinsamen Leben gehört, und es schien kaum vorstellbar, dass Pidge oder Angel ihn weggeworfen hatten. Angel war an den Folgen einer Lungenentzündung gestorben. Einige Zeit später folgte ihr Pidge, nachdem sie mehrere Schlaganfälle erlitten hatte. Das Haus mitsamt der Einrichtung vermachte sie Lizzie.

»Ich kann es nicht verkaufen«, hatte Lizzie zu Sam gesagt. »Es geht einfach nicht. Noch nicht.«

»Das muss auch nicht sein«, antwortete er gelassen. »Es schadet nichts, wenn man einen Ort hat, wo man gelegentlich abtauchen kann.«

»Wie Recht du hast«, meinte sie. »Ich bin dort immer abgetaucht. Zwischen den Produktionen oder nach deinen verheerenden Affären. Immer wieder bin ich im Vogelkäfig bei Angel und Pidge gelandet.«

»So hatte ich das nicht gemeint«, erwiderte er und legte den Arm um sie, weil er wusste, wie sehr ihr Pidges Tod zu schaffen machte. Er zog eine Grimasse, verdrehte die Augen und setzte ein lüsternes Grinsen auf, um ihr ein Lächeln zu entlocken. »Ist das nicht eher ein Liebesnest als ein Vogelkäfig?«, hatte er gesagt und sie an sich gezogen. Sie hatte über seinen matten Witz gelacht und sich an ihn geschmiegt.

Zehn Jahre ist es bereits her, dass Pidge gestorben ist, dachte Lizzie nun und schluckte schwer. Und vor noch nicht einmal zwei Jahren waren Sam und ich gemeinsam hier. Und jetzt?

Sie räumte das Frühstücksgeschirr ab, um sich abzulenken, und dachte über den verschwundenen Vogelkäfig nach. Sie hätte ihn so gern wieder aufgehängt als Hommage an die Vergangenheit. Später würde sie gründlich danach suchen.

Das Foto ging ihr nicht aus dem Kopf. Widerstrebend, beinahe ängstlich trat sie an den Tisch und sah es sich noch einmal an. »Der achteckige Yarn Market stammt aus dem fünfzehnten Jahrhundert …«

Lizzie betrachtete das kleinere, eingefügte Bild. Eine weitere Szene blitzte vor ihrem geistigen Auge auf.

Der Yarn Market. Sie erinnerte sich, wie sie durch den offenen Torbogen rannte und nach Angel rief, die draußen im Sonnenschein auf dem Kopfsteinpflaster stand.

»Schau mal! Siehst du mich?«

»Ich sehe dich, mein Schatz, ich sehe dich.« Aber Angel war mit den Gedanken woanders, ihr Blick schweifte über die High Street, sie beobachtete die Ladentüren, musterte die Insassen eines Autos.

Lizzie spürte die weichen Falten ihres gelb-weißen Baumwollkleides, die nackten Füße in den Strandschuhen, ihren langen, dicken Zopf, der gegen ihren Rücken schlug, als sie neben ihrer Mutter über das holprige Kopfsteinpflaster hüpfte. Sie blieben am Hotel mit dem wuchtigen mittelalterlichen Portal stehen und überquerten dann die Straße zum Yarn Market. Unter dem schiefergedeckten Dach war es kühl und dunkel, und Lizzie tanzte, sang atemlos, eine kleine bunte Flamme inmitten der Schatten, während Angel wartete, angestrengt Ausschau hielt, aber nach wem?

Diese Frage beschäftigte Lizzie nun, als sie in die Stadt ging, mit dem freundlichen Mädchen plauderte, das ihr das Haar föhnte, und ihre Einkäufe erledigte. Unentwegt versuchte sie die flüchtige Erinnerung einzufangen. Wenn ihr doch nur einfallen würde, in welchem Jahr das gewesen war! Dann würde sich auch alles andere zusammenfügen. Aber wie war ausgerechnet Angel auf die Idee gekommen, in einer winzigen Stadt im Exmoor Urlaub zu machen? Angel liebte den Trubel, spontane Ausflüge in Restaurants oder Pubs, Freunde, die auf einen Drink hereinschneiten. Nach zehn Minuten droben im Park auf dem Brandon Hill wurde sie hingegen unruhig. Auch hatte sie es nicht für notwendig gehalten, mit Lizzie in die Ferien zu fahren, außer im Sommer dieses einen Jahres. Das Dunster-Jahr.

Zu Hause angekommen, streifte Lizzie die Schuhe ab, räumte die Einkäufe weg und legte sich die Zutaten fürs Mittagessen zurecht. Meistens machte sie sich nicht die Mühe, eine ordentliche Mahlzeit einzunehmen – für eine Person war das viel zu umständlich –, aber heute vollzog sie ein kleines Ritual zum Andenken an Pidge und Angel. Gerade heute hatte sie das Gefühl, dass die beiden ihr nahe waren: Angel, die sich mit geschlossenen Augen auf dem Sofa am Fenster räkelt, Pidge, die bei ihr sitzt und näht, über den Tisch hinweg mit ihr plaudert oder sich in der Küche zu schaffen macht. Pidge war hauptsächlich fürs Kochen zuständig. Angel experimentierte gern – und das Ergebnis war entweder verheerend oder großartig. »Das Durchschnittliche liegt mir nicht«, hatte sie großartig erklärt und die missratenen Gerichte in Zeitungspapier gekippt, während Pidge resigniert ein Omelett zubereitete. »Für halbe Sachen bin ich nicht zu haben.«

Weil Angel jeden Abend ins Theater musste, hatte es keine geregelten Essenszeiten gegeben. Pidge hatte sich immer flexibel gezeigt.

Als Lizzie nun den Tisch deckte, hatte sie das Gefühl, dass sie den beiden in einer schlichten kleinen Zeremonie eine Opfergabe darbrachte: Räucherlachs mit Zitronenscheibchen, Tomaten, mit Kräutern angemacht, Gurkenscheibchen in Mayonnaise und frisches braunes Brot. Sie wählte das Geschirr mit Bedacht: einen runden weißen Porzellanteller für den Lachs, blaue Keramik für die Tomaten, ein gelbes Schüsselchen für die Gurken.

Zufrieden schenkte sie sich kühlen Sancerre ein.

»Ich weiß, ich darf das eigentlich nicht essen, weil es für euch ist«, sagte sie laut, um die Schatten von Pidge und Angel zu beschwichtigen. »Es ist keine echte Opfergabe, aber das Beste, was ich zustande bringe.«

Das kleine Festmahl war köstlich. Danach nahm sie noch etwas Käse und machte sich Kaffee, stark und schwarz. Entspannt saß sie da, schaute durch die Zweige der Platane vor dem Fenster über die Dächer zum Himmel und lauschte den Stimmen der Vergangenheit.

Später stieg sie die steile Treppe zur Mansarde hinauf. Ihr ehemaliges Zimmer war nun mit Dingen voll gestopft, die man nicht hatte wegwerfen wollen. »Das könnte man noch mal brauchen«, hatte Pidge gern gesagt. Darin fand sich aber auch einiges, von dem sich Pidge und Angel aus Sentimentalität nicht hatten trennen können. Es war Jahre her, dass Lizzie den Raum zuletzt benutzt hatte. Nun hoffte sie, den Vogelkäfig hier zu finden. Hatte eine von beiden geglaubt, dass der Witz zu abgedroschen sei, und den Käfig deshalb abgehängt? Oder war sein Anblick für Pidge nach Angels Tod einfach zu schmerzlich gewesen?

Behutsam bahnte sich Lizzie einen Weg durch Pappkartons, pralle schwarze Plastiksäcke und kleinere Möbel. Alte Bücher mit gebrochenem Rücken, deren Seiten noch mit dem Papiermesser aufgeschnitten worden waren, füllten das kleine Regal, das ihr als Kind gehört hatte. Auf einem Stuhl mit gebrochenem Bein lag ein Hocker, dessen kunstvoll gewebter Bezug längst verblichen war. Vom Vogelkäfig keine Spur. Für die mit Filzstift klar beschrifteten Schachteln war er zu groß und zu wuchtig für die schwarzen Säcke mit den alten Vorhängen und Decken, die sie nun vorsichtig wegräumte, um zu sehen, ob er sich etwa darunter verbarg. Sie spähte in eine hölzerne Teekiste, die mit Notenblättern und Theaterprogrammen gefüllt war; dann blieb ihr Blick an einem Karton mit der Aufschrift »Lizzies Spielsachen« hängen. Er rief gemischte Gefühle in ihr wach, und um sich davon abzulenken, nahm sie die Bücher genauer in Augenschein. Unter den zerlesenen Bänden waren mehrere Buchclubausgaben: Elizabeth Bowens Das Haus in Paris, zwei Romane von Rumer Goddens, Somerset Maughams Theaterroman Julia, du bist zauberhaft und eine Iris Murdoch.

Lizzie blätterte die Bowen durch, bevor sie zu Julia griff. Sie erinnerte sich, dass es ein Geburtstagsgeschenk von Angel an Pidge gewesen war. Da sie die Schatten der beiden immer noch in ihrer Nähe spürte, beschloss sie, das Buch mit hinunterzunehmen, um es später zu lesen. Stirnrunzelnd sah sie sich um. Der Vogelkäfig war nirgends zu sehen, eine herbe Enttäuschung. Offenbar war er doch auf den Sperrmüll gewandert. In Angels Zimmer, das Lizzie jetzt bewohnte, gab es keinen Schrank, in den er hineingepasst hätte. Und Pidges Räume waren leer geräumt, renoviert und an eine junge Studentin vermietet worden.

Lizzie ging ins Wohnzimmer und streckte sich auf dem Sofa aus. Es verletzte sie, dass der Vogelkäfig einfach ohne ihre Zustimmung entsorgt worden war.

»Schließlich«, sagte sie ärgerlich, wie um die beiden Schatten zu schelten, »hatte ich auch meinen Platz darin.«

Er stand ihr deutlich vor Augen. Die beiden Holzvögelchen waren so kunstvoll bemalt, dass es schien, als würden sie gleich ihr Gefieder, blau, grün, gelb, aufplustern, die Flügel ausbreiten und losfliegen. Angel, die ein Händchen für Bühnenausstattung hatte, hatte ein Schälchen mit Körnern auf den Käfigboden gestellt und einen runden Spiegel neben die Schaukel gehängt. Pidge hinderte sie daran, ein zweites Schälchen mit Wasser neben den Futternapf zu platzieren.

»Das wird nur faul und stinkt«, erklärte sie streng, »oder die Leute werfen es um, wenn sie hineinsehen.«

Angel murrte, ihr künstlerisches Empfinden war verletzt. Aber Pidge blieb hart. Auf der Schaukel hatte das gelbe Küken gerade noch Platz, wahrscheinlich ein Osterspielzeug aus einem Papp-Ei. Es lehnte sich kühn nach vorn, seine orange leuchtenden Füße waren mit Draht an der Holzstange befestigt, die flaumigen Flügel hatte es ausgebreitet, als fürchte es, von seinem luftigen Sitz zu purzeln.

Wie Lizzie diese Vögel liebte! Obwohl sie für ihr Alter nicht gerade klein war, musste sie auf den Klavierhocker klettern, um sie richtig sehen zu können. Angels Vogel hatte den Kopf zurückgeworfen und trällerte ein fröhliches Lied, Pidge legte den Kopf zur Seite, als lausche sie. Lizzie hatte es wunderbar gefunden, dass sie zu diesem kleinen Tableau gehörte: das Küken, geborgen im Käfig, noch nicht ganz bereit für die ersten Flugversuche.

Lizzie regte sich. Hier in Bristol war der Drang, die Vergangenheit wegzuschieben und diese Träume und Erinnerungen durch Summen und Tanzen zu verdrängen, nicht mehr so stark. Allmählich meldete sich sogar eine gewisse Neugier. Die verrückte Vorstellung, dass Pidges und Angels Schatten hier bei ihr im Vogelkäfig weilten, erfüllte sie sogar mit einem gewissen Trost.

»Verrückt!«, rief sie all jenen zu, die sie hören mochten. »Durchgeknallt. Vollmeise. Schraube locker.«

Sie richtete sich auf, stellte fest, dass sie immer noch Julia in der Hand hielt, und schüttelte das Buch behutsam, um es vom Staub zu befreien. Eine Karte, die zwischen den Seiten steckte, löste sich und fiel zu Boden. Lizzie hob sie auf und betrachtete sie. Selbst in Schwarz-Weiß war der Yarn Market sofort zu erkennen. Die Türme und Zinnen der Burg ragten über den Bäumen des Castle Hill empor, und gegenüber vom Yarn Market war das Hotel Luttrell Arms mit dem hohen mittelalterlichen Portal zu sehen.

Ungläubig betrachtete Lizzie die Postkarte. Dass sie in diesem Augenblick auftauchte, war nun wirklich ein rätselhafter Zufall, oder gar ein Vorzeichen? Der kleine Schreck brachte sie aus dem Gleichgewicht, und es dauerte eine Weile, bis sie sich überwand, die Karte umzudrehen. Die Tinte war verblichen, aber Angels klare Handschrift ließ sich dennoch entziffern.

Liebste Pidge,

jetzt sind wir also hier, und das Cottage ist entzückend.

Wir haben wunderbares Wetter, aber der Weg zum Strand ist doch eine Strapaze für die Beine der armen kleinen Lizzie. Dunster ist umwerfend, aber – du hörst das sicher mit Erleichterung – weit und breit keine Spur von F. Die Hoffnung habe ich jedoch noch nicht aufgegeben!

Alles Liebe von uns beiden. Angel XX

Die Karte war nicht datiert, nur ganz oben stand »Dienstag«, und der Poststempel war verwischt. Lizzie las die Nachricht noch einmal sorgfältig durch, als gäben die Worte bei genauerer Betrachtung ihr Geheimnis, die Antwort auf ihre Frage preis: Warum diese Ferien in Dunster? Die ersten Zeilen klangen ja ziemlich unverfänglich; nur der Halbsatz »keine Spur von F.« konnte des Rätsels Lösung bergen.

Lizzie legte sich wieder hin, behielt die Karte in der Hand, schloss die Augen, überlegte. Behutsam, wie in der Spiegelzauberwelt hinter der Bühne mit den lautlos auseinander gleitenden Wänden und den Treppenfluchten, tastete sie sich Schicht um Schicht durch ihre Erinnerungen. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie den abendlichen Lärm draußen vor dem Fenster wahrnahm und bemerkte, wie kühl es im Zimmer geworden war. Fröstelnd griff sie nach Angels gelbem Seidenschal, den verträumten Blick immer noch ins Leere gerichtet.

Seltsam, dass ein Teil ihres Lebens, der einst so große Bedeutung hatte, völlig in den Hintergrund getreten war, verborgen unter dem Palimpsest späterer Erfahrungen. F. stand für Felix: Wie hatte sie nur jemanden vergessen können, den sie so sehr geliebt hatte? Sie wusste noch, wie er roch, wie er sich anfühlte. Jahrelang hatte er zu ihrem Leben hier im Vogelkäfig gehört, hatte mit Pidge gescherzt, der kleinen Lizzie Geschenke mitgebracht, war mit Angel ins Theater gegangen. Er kam immer an Sonntagabenden zu ihnen; Pidge machte sich Gedanken über das Abendessen, während sie dem Palm-Court-Hotel-Orchester im Radio lauschte. Durch nichts hätte sich Lizzie bewegen lassen, ins Bett zu gehen, bevor Felix eintraf; und häufig durfte sie zu diesem besonderen Anlass länger aufbleiben.

»Hallo, meine Vögelchen«, sagte er stets, überreichte Pidge eine Flasche, umarmte Lizzie mit dem anderen Arm und zwinkerte Angel zu, der schier das Herz stehen blieb. »Wie steht’s in eurem Käfig?«

Vielleicht war es ja gar nicht Angels Agent, sondern Felix gewesen, der sich den Namen ausgedacht hatte? Jahrelang – so schien es jedenfalls – war dieser eine Sonntag im Monat der Höhepunkt ihres Kinderlebens gewesen. Lizzie runzelte die Stirn, zog den Schal enger um sich, betrachtete die Ansichtskarte. Zweifellos stand F. für Felix – aber was hatte Felix Hamilton, der Liebhaber ihrer Mutter, mit Dunster zu tun? Sie setzte sich auf, tastete nach ihren Schuhen. Dann legte sie die Karte neben die Prospekte, ging in die Küche, schenkte sich etwas zu trinken ein und setzte sich mit dem Glas an den Tisch. Sie starrte auf die Karte, als könne sie durch schiere Willenskraft der Aufnahme von Dunster und den verblichenen Schriftzügen eine Antwort entreißen. Dann schloss sie die Augen und forschte nach Erinnerungen an Felix: der Geruch seines Tweedmantels; seine langen Finger, die ihre Hand umschlossen; das eigenartige Gefühl von Geborgenheit, das er in ihr weckte. Verrückt! Jahrelang hatte sie nicht mehr an ihn gedacht, und jetzt brachen aus irgendeinem Grund die Erinnerungen hervor, frisch und grün, und erfüllten sie mit einer unbestimmten Sehnsucht, dem Wunsch, ihn wiederzusehen. So seltsam war es ja nicht, dass sie hier in Bristol die Gegenwart von Pidge und Angel spürte – selbst ihr plötzliches Verlangen, den Vogelkäfig zu finden, war gar nicht so unvernünftig. Aber dieses heftige Bedürfnis, Felix zu suchen, mit ihm zu sprechen und manches zu klären, irritierte sie selbst. Und – warum Dunster?

Lizzie öffnete die Augen; all das gab ihr Rätsel auf. Als ihr Blick noch einmal auf die Postkarte fiel, erschien wieder jenes Bild vor ihrem geistigen Auge: Angel, die diese Frau im Lebensmittelladen anstarrt, während sie, Lizzie, und der kleine Junge einander mustern. Sie erinnerte sich an die gespannte Atmosphäre: Angels Hand, die sich fester um die ihre schloss, der finstere Gesichtsausdruck der Frau. Daran knüpfte sich eine weitere Erinnerung: wie Felix ihr erklärte, warum er nicht ihr Daddy sein könne, und von seinem Sohn mit dem merkwürdigen Namen erzählte, der auf dem Land lebte.

Erleichtert aufatmend lehnte sich Lizzie zurück, die Puzzleteilchen fügten sich zu einem Ganzen. Offenbar war Angel nach Dunster gefahren, weil sie mit Felix sprechen wollte, und auf jeden Fall hatte Pidge ihr davon abgeraten Du hörst das sicher mit Erleichterung – weit und breit keine Spur von F. Die Hoffnung habe ich jedoch noch nicht aufgegeben! Solche verrückten Vorhaben passten zu Angel. Womöglich hatte Felix keine Ausrede gefunden, nach Bristol zu fahren. Vielleicht war seine Leidenschaft ein wenig abgekühlt. Hatte Angel ihn unter Druck setzen wollen, indem sie bei ihm zu Hause auftauchte? Lizzie hätte gern gewusst, was sich zwischen Felix und Angel abgespielt hatte. Warum war er nicht mehr in den Vogelkäfig gekommen? Warum packte sie dieses Verlangen, die Vergangenheit zu enträtseln, ausgerechnet jetzt, da es zu spät war? Sie griff nach der Karte mit den verblichenen Zeilen. Sollten sie vielleicht noch dort leben, Felix und sein Sohn – und diese Frau mit dem verbitterten Gesicht?

Plötzlich fiel ihr ein, dass Felix genau wie Angel und Pidge tot sein könnte. Sie hatte ihn jung in Erinnerung, und darüber hatte sie vergessen, dass auch er gealtert war. Eine jähe, unerklärliche Verzweiflung trieb sie zum Handeln. Sie griff zum Handy und wählte eine Nummer, die im Prospekt angegeben war.

»Hallo«, meldete sie sich und schluckte mit trockener Kehle. »Ich nehme an, es sieht schlecht aus, aber haben Sie im Augenblick ein Zimmer frei? Ich möchte nächste Woche für ein paar Tage nach Dunster fahren … Ja, wirklich? Vier Nächte? … Nein, nein, so bald auch wieder nicht. Montag bis Freitag. Schön …«

Sie beantwortete die Fragen der Empfangsdame, legte auf und blieb reglos sitzen. Die Abendsonne schien herein, malte Muster auf Möbel und Wände, weckte Erinnerungen. Gleich würde Angel sich gähnend von ihrem Nachmittagsschlaf erheben und Lizzie zuwinken, die mit ihren Stiften am Tisch saß, während Pidge in der Küche hantierte.

»Ich brauche dich, Süße. Könntest du den dritten Akt mit mir durchgehen? Die Szene mit Orlando …« Und Pidge trocknete sich rasch die Hände ab, griff zum Skript, las die Rolle mit ruhiger, sachlicher Stimme, während Angel mit geschlossenen Augen auf dem Sofa lag und auf Stichwort ihren Text sprach.

»Euch ist doch sicher klar«, sagte Lizzie zu den beiden Schatten, »dass das vollkommen verrückt ist …« Aber ihre Stimme zitterte vor Aufregung. Sie wusste jetzt, was sie wollte. Nun musste sie entscheiden, was sie mitnehmen würde, die Straßenkarte herausholen, Jim mitteilen, wohin sie fuhr. Wenn sie am Montagmorgen in aller Frühe aufbrach, konnte sie schon zum Mittagessen in Dunster sein.

In Dunster – sie zitterte, als sie diese Worte aussprach. Den Kopf voller Pläne und Hoffnungen, stand Lizzie auf, griff nach der Postkarte und eilte in ihr Schlafzimmer.

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EINS

Dunster 1956

Als Marina Hamilton an diesem Nachmittag ihre Einkäufe erledigte, war es ruhig im Dorf. Piers hüpfte neben ihr her. »Geh anständig, Piers«, ermahnte sie ihn, aber er achtete nicht darauf. Heute wirkte sie glücklich, da musste er nicht so vorsichtig sein. Vergnügt schaute er zur Burg auf dem Hügel hinauf, deren Zinnen und Türme aus dem leuchtenden Laub der Baumwipfel ragten. Das Laub hatte dieselbe Farbe wie die neuen Pennys in seiner Hosentasche.

Er betastete die glatten, runden Pennys, die sich warm anfühlten, und fand die scharfkantige Dreipennymünze, die ihm sein Vater heute Morgen geschenkt hatte.

»Kauf dir einen Schokoladenriegel, Junge«, hatte er gesagt, während Piers das viele Geld bestaunte. »Schnell, steck’s weg!«

Hastig ließ Piers die Münzen verschwinden, denn er hörte den bereits vertraut klingenden Unterton in der Stimme seines Vaters, dessen Bedeutung ihm unklar blieb. Ebenso wie er manchmal spürte, dass zwischen seinen Eltern ein unangenehmer Zustand herrschte – nicht sichtbar, aber deutlich spürbar wie Kälte oder Hitze. Dann versuchte er den Bann zu brechen, indem er laut sprach, etwas vorzeigte, ein Buch, ein Spielzeug. Oder er führte etwas neu Erlerntes vor, machte einen Kopfstand, schlug ein Rad. Im Cottage, an der Mautstraße bei Porlock, hatten solche Kunststücke gelegentlich für Ärger gesorgt, da fiel schon mal ein Tischchen um, oder etwas ging zu Bruch.

Aber damit war es jetzt vorbei. Wenn sie nun von Dunster zurückkehrten, dann nicht zum Cottage, sondern nach Michaelgarth.

Wieder machte Piers einen Luftsprung, strahlte seine Mutter an, erinnerte sich, wie sie ihm die wunderbare Neuigkeit erzählt hatte.

»Großvater kommt nicht mehr allein zurecht«, hatte sie erklärt, »deshalb ziehen wir nach Michaelgarth und kümmern uns um ihn.«

Ihre Stimme klang fröhlich. Piers wusste, wie sehr sie an ihrem Elternhaus hing, in dem sie mit ihrem geliebten Bruder Peter aufgewachsen war: das große Steinhaus auf dem Hügel hoch über dem Meer, mit dem sonnigen Hof, den die Flügel des Gebäudes schützend umschlossen. Piers fand es dort wunderbar. Da gab es genug Platz zum Herumlaufen, da konnte man Geheimverstecke einrichten. Auf dem Kopfsteinpflaster des Hofes holperte sein Dreirad, aber draußen auf der Zufahrt sauste er los wie der Wind, während Monty, der Springerspaniel seines Großvaters, bellend neben ihm herrannte. Wenn er doch nur einen Bruder hätte, dann würden sie beide in Michaelgarth herrlich spielen können.

Heute Nachmittag stand er geduldig neben seiner Mutter, die bei Parhams Tee und Käse kaufte. Vielleicht war jetzt, da sie so glücklich zu sein schien, der richtige Zeitpunkt, sie um einen Bruder (oder notfalls auch eine Schwester) zu bitten? Doch eine innere Stimme warnte ihn, dass er damit den schönen Tag verderben könnte. Mit seinen sieben Jahren wusste er bereits, wie leicht das Glück zerbricht.

»Da ist Daddy!«, rief er begeistert. »Schau, er spricht mit Mrs Cartwright.«

Die Hand seiner Mutter schloss sich fester um die seine, ihre eben noch entspannten Züge verhärteten sich, und sie runzelte die Stirn. Es kam ihm vor, als wäre die Sonne hinter einer Wolke verschwunden. Piers spürte die Angst im Magen – als hätte er seinen Reispudding zu schnell gegessen.

»Daddy!«, rief er voller Panik quer über die Straße. »Hallo, Daddy! Hallo, Mrs Cartwright.«

Beide drehten sich um, und Mrs Cartwright lächelte, winkte. »Hallo, Piers. Wie geht’s, Marina?«

Sein Vater hob den Hut, als wolle er sich von Mrs Cartwright verabschieden, doch sie begleitete ihn über die Straße, wo Piers und seine Mutter vor dem Postamt warteten.

»Hallo, Darling«, sagte sein Vater unbekümmert. Piers sah, dass er sie auf die Wange küssen wollte, doch sie zuckte abweisend zurück.

»Guten Tag, Marina«, sagte Mrs Cartwright. Ihre Augen funkelten amüsiert, und Piers fand sie sehr hübsch mit ihrem kleinen Federhut und ihren Pumps. »Ich habe gehört, ihr seid zu deinem Vater gezogen.«

»Das stimmt. Wie geht’s dir, Helen? Und James?«

Piers zupfte seinen Vater am Ärmel. »Kommst du zum Tee nach Hause, Daddy?«, fragte er eifrig.

Sein Vater warf einen Blick auf die Uhr und sah seine Frau fragend an.

»Dein Vater muss bestimmt noch mal ins Büro«, erklärte sie. »Er kommt später heim.«

»Ich war bei der alten Mrs Baker in Myrtle Cottage«, sagte er zu Piers. »Das Dach ist völlig undicht. Na, ich muss dann mal los. Bis später.«

Wieder lüftete er den Hut und ging davon. Helen Cartwright schenkte Piers ein Lächeln.

»Dieser Junge ist seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten, Marina«, sagte sie. »Wie schön für euch, dass ihr jetzt wieder in Michaelgarth lebt. Auch wenn es mir leid tut, dass es deinem Vater nicht gut geht. Der Tod deiner Mutter war wohl ein schwerer Schlag für euch alle.«

»Ja, das war sehr traurig, aber ich hoffe, er kann sich nun ein bisschen erholen«, antwortete sie kühl, aber höflich. »Es wäre nett, wenn ihr zum Tee kommt, sobald wir uns eingerichtet haben.«

»Gerne.« Mrs Cartwright blickte immer noch amüsiert drein. »Felix meint, wir sollten abends auf ein Glas Wein vorbeischauen, aber ich komme gern zum Tee.«

»Na dann, auf Wiedersehen!« Seine Mutter wandte sich ab und zog Piers mit sich ins Postamt, doch er drehte sich noch einmal um und lächelte Mrs Cartwright an.

»Sie ist hübsch, nicht wahr?«, sagte er später, als er neben seiner Mutter herlief. »Ich mag sie.«

»Vielleicht hat sie deshalb gesagt, dass du wie dein Vater bist.«

Ihre Stimme klang bitter, das Glück war verflogen, und er verspürte einen Schmerz wie von einem kalten Nadelstich. Er befühlte die beiden Schokoriegel in seiner Tasche: einen für ihn, einen für seinen Großvater. Und er hatte sogar noch zwei Pennys übrig. Piers stieg ins Auto und kniete sich auf den Vordersitz, um besser sehen zu können. Als sie The Steep hinunterfuhren, fiel ihm ein, dass sie ja nun in Michaelgarth wohnten, und er war wieder glücklich.

Als sie über die vertrauten schmalen Feldwege zwischen den hohen Hecken fuhren, achtete Marina kaum auf den Zauber der herbstlichen Farben. Die Mehlbeeren leuchteten dunkelrot aus dem gelben Laub, dahinter verbargen sich leckere dunkle Brombeeren auf roten Sträuchern. Gerade ging die Sonne hinter den blau-schwarzen Hügeln des Dunkery unter. Doch Marina war blind für die Schönheit der Natur. In ihrem Kopf ging es drunter und drüber, sie war hin- und hergerissen zwischen Schuldgefühlen und Misstrauen. Sie sah Felix, wie er mit Helen Cartwright scherzte – und sofort packte sie die Angst. Natürlich konnte sie ihm nicht verbieten, mit einer alten Freundin zu reden, aber sie brachte es einfach nicht über sich, den beiden unbefangen einen Gruß über die Straße zuzurufen oder sich zu ihnen zu gesellen.

»Tag, Helen«, hätte sie sagen sollen, und »Hallo, Schatz«. Und dann hätte sie zulassen sollen, dass er sie küsste – eine kleine, liebevolle Geste. Stattdessen hatte sie sich aus Angst und Wut reserviert verhalten, ihn gehasst, weil er neben Helen Cartwright mit ihrem albernen Hut stand und ihr zweifellos Komplimente machte. Hätte sie es nur fertig gebracht, sich bei ihm unterzuhaken und Helen aus einer Position der Stärke heraus anzulächeln, statt sich hochmütig zurückzuziehen, weil sie ihren amüsierten Blick nicht aushielt.

Marinas Hände umkrampften das Lenkrad, sie fühlte sich elend und zugleich wütend. Immer wieder schwor sie sich, es das nächste Mal anders zu machen, aber immer wieder kam die Reaktion so heftig, so rasch, dass sie machtlos dagegen war, obwohl sie ihm doch vertrauen wollte. Sie liebte ihn – und hasste ihn –, weil er so gut aussah, weil er gerne lachte und ihm alle Herzen zuflogen. Jede Frau, mit der er sprach, erregte ihren Verdacht, und sie wollte ihn bestrafen für diese Wärme und Großzügigkeit, die Männer und Frauen magnetisch anzogen. Er bemühte sich, sie zu verstehen, ihr zu zeigen, dass dieses Misstrauen unbegründet war. Als er Piers mitteilte, er sei bei der alten Mrs Baker in Myrtle Cottage gewesen, war das eigentlich für sie, Marina, bestimmt gewesen und sollte heißen: »Nein, ich habe nicht mit Helen Cartwright zu Mittag gegessen.«

Marina biss sich schuldbewusst auf die Lippen, während sie bergauf fuhr. Beim Anblick von Michaelgarth, das mächtig und unerschütterlich auf dem Hügel thronte, wurde sie wieder etwas ruhiger. Wenn Felix nach Hause kam, würde sie ihn mit einem Aperitif begrüßen, etwas Besonderes zum Abendessen kochen, und später würden sie sich lieben. Sie entspannte sich ein wenig, schaltete herunter und lächelte Piers an, der neben ihr auf dem Beifahrersitz kniete und zum Haus aufblickte.

»Wir sind daheim«, sagte sie, und er strahlte erleichtert. Jetzt war alles wieder gut.

ZWEI

Der alte Morris holperte durch den steinernen Torbogen in den Hof und hielt vor der offenen Scheune. Piers öffnete mit beiden Händen die Autotür, dann war er draußen und rannte über das Kopfsteinpflaster in die Spülküche.

»Großvater!«, rief er. »Wo bist du?«

Er sah sich in der Küche um und ging in die Halle. Obwohl er es so eilig hatte, blieb er kurz stehen und ließ den Blick über die hohen Mauern schweifen, geblendet vom Licht, das durch die Bogenfenster hereinfiel. Die einen gingen nach Norden zum Meer, die anderen nach Süden über den Hof. Michaelgarth war auf den Ruinen eines alten Klosters errichtet, und hier hatte sich früher eine Kapelle befunden. Für Piers hatte die Halle etwas Ehrfurchtgebietendes, das ihn stets einen Augenblick innehalten ließ.

Als er hörte, dass seine Mutter hereinkam und ihren Korb auf den Tisch stellte, riss er rasch die Tür zum Salon auf, wo sein Großvater, die Zeitung auf den Knien, aus dem Schlaf schreckte.

»Was ist los? Wo brennt’s?«

Piers lachte in sich hinein, die Frage war einfach zu komisch. Es brannte schon, aber nur im großen Marmorkamin. Monty hatte es sich auf dem Teppich bequem gemacht, doch er klopfte zur Begrüßung mit dem Schwanz auf den Boden. Piers streichelte ihn, bevor er die beiden Schokoriegel aus der Tasche zog.

»Für jeden einen«, sagte er verschwörerisch und legte seinem Großvater einen Riegel aufs Knie. »Aber verrat es Mami nicht. Schokolade gibt’s bei uns nämlich nur am Samstag. Du kannst deinen später essen.«

Sein Großvater betrachtete die beiden kleinen Riegel in ihrer silbern und blau glänzenden Hülle und überlegte, ob er seinen Enkel tadeln sollte, weil er seine Mutter hinterging. Doch der sah ihn so vertrauensvoll und fröhlich an – graue Augen mit schwarzen Wimpern, genau wie sein Vater, dass David Frayn zwinkernd nach seiner Schokolade griff und sie in die Tasche steckte.

»Das ist hochanständig von dir, mein Kleiner. Den gönne ich mir dann später zur Aufmunterung.«

»So hab ich mir das auch gedacht.« Piers runzelte die Stirn. »Glaubst du, Mami möchte den anderen? Wir könnten sagen, dass du ihn gekauft hast. Sie hat vorhin ausgesehen wie sieben Tage Regenwetter.«

Auch der schöne Ausdruck »wie sieben Tage Regenwetter« stammte von seinem Großvater.

»Tatsächlich?« David Frayn betrachtete seinen Enkel nachdenklich und strich sich über die glatt rasierte Wange. »Warum nur, frage ich mich?«

Piers zuckte die Schultern. »Keine Ahnung.« Da fiel ihm etwas anderes ein. »Wir haben Daddy gesehen, wie er mit Mrs Cartwright geredet hat, als wir einkaufen waren, aber er kommt nicht zum Tee nach Hause.«

Er stützte sich mit den Ellbogen auf der Armlehne des Sessels ab, in dem sein Großvater saß, und ließ die Beine baumeln. »Sie hat gesagt, dass ich genau wie Daddy bin.«

»Helen Cartwright? Ein hübsches Mädchen.«

»Sie hatte einen Hut aus Federn auf. Ich finde sie auch hübsch, aber Mami sagt, dass Mrs Cartwright deshalb denkt, ich wäre wie Daddy.«

David Frayn faltete seine Zeitung zusammen und wünschte, sein Verdacht hätte sich nicht bestätigt. Er kannte die Eifersucht seiner Tochter, und das machte ihm zu schaffen. Ihre Mutter war ähnlich veranlagt gewesen, und er wusste, wie es ist, mit ewigem Misstrauen zu leben; sie hatte ihre ganze Kraft in ihren Sohn gesteckt. Peters Leidenschaft für Michaelgarth und Exmoor, sein Schalk, seine Streiche und seine unerschütterliche Freundlichkeit hatten die Gespenster der Eifersucht und Angst gebannt. Doch als Peter im Krieg fiel, war es, als endete damit auch das Leben seiner Mutter. David wollte nicht, dass sich die Geschichte mit Marina und Piers wiederholte. Er schätzte seinen Schwiegersohn, der als freier Gutsverwalter arbeitete, und war sehr stolz auf ihn. Als Felix nach dem Krieg in seine Wohnung in Dunster zurückgekehrt war, hatte er die Verwaltung mehrerer kleiner Anwesen in Somerset übernommen, darunter Michaelgarth. Bald war den Eltern klar, dass für Marina nur Felix und kein anderer in Frage kam. Sie liebte ihn über alles, zeigte das aber nicht einmal, wenn sie mit ihm allein war. Aber David Frayn kannte seine Tochter und fragte sich, ob es nicht besser wäre, wenn sie ihn ein bisschen weniger liebte. Als das Paar verheiratet war und Piers zur Welt kam, wurden Marinas Besitzansprüche und ihre Überwachungstendenzen immer deutlicher.

»Du sollst nicht gegen die Sessel treten, Piers, das habe ich dir schon öfter gesagt.« Marina kam in den Salon. »Möchtest du jetzt Tee, Vater?«

»Ich schon.« Piers ließ sich schwungvoll auf den Boden plumpsen. »Mrs P. sagt, sie hätte Schokoladenkuchen gemacht.«

»Und nenn sie nicht Mrs P. Sie heißt Mrs Penn.«

»So nennt Großvater sie auch«, hätte Piers gern erwidert, aber er wollte ihm keinen Ärger machen. Mrs Penn kam seit Jahren von Luccombe herauf, um das Haus zu putzen und beim Kochen zu helfen, aber allmählich wurde sie zu alt für den langen Weg über Felder und Wiesen. Jetzt, wo die Familie in Michaelgarth lebte, holte Mami sie mit Großvaters Morris ab. Piers mochte Mrs Penn, die sehr klein und energisch war und durch deren dünnes graues Haar die Kopfhaut rosa durchschimmerte.

»Wie alt bist du, Mrs P.?«, fragte er, obwohl sie stets die gleiche Antwort gab.

»So alt wie meine Zunge und ein bisschen älter als meine Zähne.«

Allerdings schien Mrs P. nicht mehr besonders viele Zähne zu haben. Wenn sie wusste, dass Piers zum Tee kam, machte sie ihm zuweilen Pfefferkuchenmännchen. Und da er jetzt in Michaelgarth wohnte, überlegte er, ob sie die nun jeden Tag für ihn backen würde.

»Ehrlich gesagt«, meinte Marina später, als sie vor dem Kamin saßen und Tee tranken, »wird sie allmählich zu alt, um ihre Aufgaben noch ordentlich zu erledigen. Vielleicht sollten wir jemand Jüngeren einstellen.«

Piers, der auf dem Lederpolster saß und etwas Mühe mit seinem Teller hatte, leckte sich vorsichtig die Krümel von den Fingern. Monty hatte den schweren Kopf auf seine Füße gelegt, ein angenehmes Gefühl, und gelegentlich spürte er die Hundezunge an seinen Knien. Mrs P. wäre bestimmt sehr gekränkt über die Worte seiner Mutter.

»Ich kann Mrs P. nicht kündigen«, sagte Großvater und nahm einen Schluck Tee. »Sie kommt seit ewigen Zeiten nach Michaelgarth. Das würde sie tief verletzen, die arme alte Seele.«

»Vielleicht wäre sie auch erleichtert«, meinte Marina.

»Niemand hört gern, dass er zu alt ist.«

»Sie ist so alt wie ihre Zunge und ein bisschen älter als ihre Zähne«, verkündete Piers.

Marina warf ihm einen entnervten Blick zu. Er hatte die Kuchenglasur im Gesicht verschmiert, strahlte seine Mutter aber zufrieden an: Der Schokoladenkuchen war ausgezeichnet. Sie schmolz dahin vor Mutterliebe, ließ es ihn aber nicht merken. Kinder durfte man nicht verwöhnen.

»Hast du denn kein Taschentuch?«, fragte sie und sah, wie sein Lächeln erstarb und er ängstlich in seinen Taschen wühlte.

»Hier ist es!« Triumphierend zog er es aus der Hosentasche, doch im selben Augenblick plumpste der Schokoriegel auf den Teppich. Piers gab einen Schreckenslaut von sich und biss sich auf die Lippe. Seine Wangen glühten.

»Was ist das?« Stirnrunzelnd hob Marina den Riegel auf. »Wer hat dir das gegeben?«

»Niemand. Ich hab ihn gekauft.« Piers klopfte das Herz bis zum Hals.

»Unsinn!«, entgegnete Marina. Für solche Lügen hatte sie nur Verachtung übrig. Sie erinnerte sich, wie er im Laden zurückgeblieben war, während sie draußen auf der Straße mit einer Freundin sprach. Hatte er den Riegel womöglich gestohlen? »Sag mir sofort die Wahrheit, Piers!«, forderte sie.

»Meine Güte!«, rief ihr Vater. »Was soll das Theater? Ich habe ihm den gegeben.«

Alle drei wussten, dass das eine Lüge war, und es trat unbehagliches Schweigen ein. Die fröhliche Teestunde war verdorben, und David Frayn schickte sich an aufzustehen.

»Der Kuchen war köstlich«, erklärte er fröhlich, als wäre nichts passiert. »Und jetzt, junger Mann, ist es Zeit, dass du deine Revanche beim Mensch-ärgere-dich-nicht bekommst. Und wo du so ein schönes Taschentuch hast, könntest du es eigentlich auch benutzen. Komm, ich helfe dir …«

Gefolgt von Monty, gingen sie in Davids Studierzimmer neben dem Salon, und Marina blieb allein auf dem langen Sofa vor dem Kamin zurück. Sie war sehr enttäuscht über ihren Vater. Mit seinem Verhalten hatte er Piers ein schlechtes Beispiel gegeben. Natürlich hatte Felix seinem Sohn das Geld zugesteckt, ohne es ihr zu sagen. Er besaß eben keinerlei Verantwortungsgefühl. Sie saß vor dem Feuer, während die Dämmerung hereinbrach, und wartete, dass Felix nach Hause kam.

DREI

Felix war etwas später dran als sonst, denn er rechnete mit einer Szene wegen Helen Cartwright und hatte sich für die Heimfahrt von Minehead Zeit gelassen. Noch war es ungewohnt, bei Headon Cross abzubiegen, statt wie nach Porlock zum Cottage weiterzufahren, in dem Marina und er ihre ersten Ehejahre verbracht hatten. Unterstützt von ihrer Mutter, hatte sich Marina in den Kopf gesetzt, dass sie das Cottage beziehen sollten, das zum Landgut ihrer Eltern gehörte. In Felix’ kleine Wohnung in Dunster war sie nie gekommen, auch nicht, als sie schon verlobt waren.

»Meine Mutter würde Zustände kriegen«, hatte sie gemeint. »Hier spricht sich doch alles gleich herum.«

»Was ist schon dabei?«, fragte er. »Schließlich heiraten wir in ein paar Monaten. Sollen die Leute doch reden. Ich möchte ja nur eine Tasse Tee mit dir trinken.«

Vermutlich befürchtete sie, dort Hinweise auf frühere Liebschaften zu finden, so stur war sie in diesem Punkt: Mit seinem Junggesellendasein wollte sie nichts zu tun haben. Manchmal war er gekränkt und sogar wütend, weil sie von seinem früheren Leben nichts wissen wollte, aber er sagte sich, sie sei eben nicht besonders selbstsicher und brauche Zeit.

Sie war ein bildhübsches Mädchen mit einem zarten Gesicht und schönen dunklen Haaren, sehr zurückhaltend und unglaublich schüchtern. Doch trotz dieser Scheu war von Anfang an klar zu erkennen, dass sie ihn wollte. Als ihr Vater sie ihm vorstellte, belegte sie ihn stillschweigend mit Beschlag, sodass die anderen Mädchen nicht mehr zum Zug kamen. Er fand das schmeichelhaft, und ihr stilles Wesen faszinierte ihn. Schließlich erwiderte er ihre Liebe, wollte ihr Vertrauen gewinnen und sie ein wenig aus der Reserve locken. Im Lauf der Monate gelangte er zu der Überzeugung, dass Marina, sobald sie verheiratet seien, unbefangener mit ihm umgehen würde, und später wartete er — überrascht und erfreut von ihrer körperlichen Leidenschaft – auf andere Zeichen der Zuneigung. Er sehnte sich nach Zärtlichkeit und Wärme, nach einer spontanen Umarmung, einem geflüsterten Liebesbekenntnis, aber in den sieben Jahren ihrer Ehe blieben Vorwürfe und stille Eifersucht die einzigen Hinweise auf die Anhänglichkeit seiner Frau – ein kühler Trost für einen warmherzigen Mann.

Er stellte den Wagen neben dem Morris seines Schwiegervaters ab, verweilte einen Moment im Hof und wünschte sich, er könnte nun die Treppe zu seiner kleinen Wohnung in Dunster hinaufsteigen. Dort, in diesem Zimmer mit Blick auf die High Street, hätte ihn kein Stress erwartet, es wäre nicht zu befürchten, dass ein unüberlegtes Wort zu einer frostigen Atmosphäre führte. Er blickte zu den hohen Fenstern der Halle hinauf und sah Licht im Ostflügel, das lange Schatten über den Hof warf. Bestimmt ging Piers gerade ins Bett und hoffte auf eine Gutenachtgeschichte. Und David erwartete ihn mit einem Whisky. Seine Stimmung hob sich, er pflückte eine späte Rose von dem Strauch an der Mauer und ging hinein.

Er legte seine Aktentasche und die Rose auf den Küchentisch und stieg die Treppe zum Ostflügel hinauf. Stimmen drangen aus dem Badezimmer, und durch die offene Tür sah er Piers im Pyjama, barfuß auf dem kalten Linoleum, die feuchten Haare wie ein Igelkamm. Von Marina waren nur die Hände zu sehen, die seine Haare bürsteten, doch Piers zuckte zurück.

»Nicht so fest«, jammerte er. »Ich habe gleich keine Haare mehr am Kopf, wenn du so weitermachst, Mami. Dann sehe ich aus wie Mrs P.«

»Ich möchte es nicht noch einmal sagen, Piers«, mahnte Marina kühl. »Ein Junge in deinem Alter müsste wirklich den Respekt aufbringen –«

Felix schob die Tür weiter auf, und Piers rief: »Da ist Daddy!«

»Hallo, mein Schatz.« Er küsste Marina auf die Stirn, dann nahm er Piers hoch und wirbelte ihn herum. Piers kreischte vor Vergnügen. »Komm, alter Junge, Zeit für unsere Geschichte. Bestimmt hast du vergessen, wo wir sind.«

Er trug ihn aus dem Bad, während Piers lauthals protestierte, dass er sich selbstverständlich erinnern könne, während Marina das Badetuch zusammenfaltete, die Plastikente und den aufziehbaren Dampfer aus der Wanne holte und das Wasser abließ. Als sie ins Kinderzimmer kam, saß Piers schon im Bett und kuschelte sich an Felix, der ihm Kapitel drei aus Der Wind in den Weiden vorlas. Felix’ unbefangene Zärtlichkeit empfand sie als peinlich. Felix sollte lieber auf dem Stuhl neben dem Bett sitzen, und sie gab vor, die Decke zurechtzuziehen, um die beiden zu trennen und Felix auf den Stuhl zu manövrieren. Doch Piers schaute missmutig und klammerte sich noch enger an Felix, der ihn in die Arme schloss und küsste. Marina zuckte die Schultern und sagte Piers Gute Nacht.

Piers war froh, als seine Mutter ging. Ihm war immer noch mulmig wegen der Schokolade und weil Großvater gelogen hatte, aber er wusste nicht, wie er die Sache erklären sollte. Die Gutenachtgeschichte zog ihn in ihren Bann, und schon hatte er den Schokoriegel vergessen. Schließlich schlief er ein, und Felix deckte ihn behutsam zu.

Leise ging er nach unten, beschloss aber, nicht bei seinem Schwiegervater Zuflucht zu suchen, noch nicht. Erst einmal wollte er mit Marina sprechen, die sich in der Küche zu schaffen machte.

»Er schläft«, sagte er. »So ein liebes Kerlchen. Könntest du jetzt nicht einen Aperitif vertragen?«

»Das heißt wohl, du könntest einen vertragen«, entgegnete sie, gab die Kartoffeln in eine Schüssel und schob sie in die Backröhre. »Du kommst spät. Wahrscheinlich bist du bereits unterwegs irgendwo eingekehrt.«

»Schon so spät?«, erwiderte er, als würde ihn ihr Kommentar überraschen. »Das habe ich gar nicht bemerkt. Schau, ist die nicht hübsch?«

Er reichte ihr die Rose, sie nahm sie verdutzt und vergaß für einen Augenblick ihren Groll. Sie hatte sich den Abend anders vorgestellt: Sie hatte sich vorgenommen, ihn freundlich zu begrüßen und eine harmlose Bemerkung über Helen Cartwright zu machen. Aber in der halben Stunde, die sie hatte warten müssen, hatte sie sich bereits ausgemalt, wie er in einem Pub mit Freunden scherzte und mit der Kellnerin flirtete. Als sie nun mit dem Finger über die Knospe strich, beobachtete er sie sorgenvoll, wünschte sich, sie würde ihm endlich vertrauen.

»Ich habe mir überlegt, dass du übers Wochenende mit mir nach Bristol fahren könntest«, schlug er vor.

Sie hasste seine monatlichen Besuche im Büro in Bristol, aber in den ersten Ehejahren, bevor Piers zur Welt kam, hatte er sie überreden können, ihn zu begleiten. Die Firma hatte ihm dort eine Wohnung über dem Büro zur Verfügung gestellt, und er hoffte, wenn Marina seine Kollegen und deren Frauen kennen lernte, würde sie begreifen, dass er diese beiden Tage nicht auf ausschweifenden Festen verbrachte. Aber seit Piers da war, konnte sie nicht mehr mitkommen, und sie begann einen neuen Groll zu hegen – dass sie als Mutter um ihre Möglichkeiten gebracht worden war.

»Musst du denn unbedingt fahren?« Sie legte die Knospe an die Lippen und sog ihren zarten Duft ein. »Wir sind doch gerade erst eingezogen, und wir haben noch so viel zu tun.«

»Du weißt doch, dass ich bei den Besprechungen der Partner nicht fehlen darf«, erwiderte er freundlich. »Komm doch mit, Marina. Früher hat es dir doch auch gefallen. Piers ist die zwei Tage bei deinem Vater gut aufgehoben, und er kommt ohnehin erst am Nachmittag aus der Schule. Vielleicht kann Mrs Penn ja hier übernachten. Wir könnten ins Old Vic gehen oder ins Hippodrome. Ich würde mich freuen.«

Er beobachtete, wie sie die Blüte liebkoste, einwilligen wollte, es aber nicht über sich ...

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