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Der Tanz der Möwe

Über den Autor

Andrea Camilleri ist der erfolgreichste zeitgenössische Autor Italiens und begeistert mit seinem vielfach ausgezeichneten Werk ein Millionenpublikum. Ob er seine Leser mit seinem unwiderstehlichen Helden Salvo Montalbano in den Bann zieht, ihnen mit kulinarischen Köstlichkeiten den Mund wässrig macht oder ihnen unvergessliche Einblicke in die mediterrane Seele gewährt: Dem Charme der Welt Camilleris vermag sich niemand zu entziehen.

Andrea Camilleri

Der Tanz der Möwe

Commissario Montalbano erblickt
die Wahrheit am Horizont

Roman

Aus dem Italienischen
von Rita Seuß und Walter Kögler

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BASTEI ENTERTAINMENT

Eins

Gegen halb sechs Uhr früh hielt er es nicht länger aus, mit offenen Augen im Bett zu liegen und die Decke anzustarren.

Das war wohl eine Alterserscheinung. Normalerweise legte er sich nach Mitternacht hin und las ein halbes Stündchen. Sobald ihm die Augen zufielen, klappte er das Buch zu und knipste die Nachttischlampe aus. Dann rollte er sich auf die rechte Seite, die Wange in die auf dem Kissen liegende Hand geschmiegt, schloss die Augen und schlummerte auf der Stelle ein.

Zum Glück schlief er oft bis zum Morgen durch. Manchmal aber, so wie heute, wachte er nach ein paar Stunden ohne jeden Grund auf, und dann war nichts mehr zu machen, es gelang ihm einfach nicht mehr einzuschlafen.

Einmal war er in seiner Verzweiflung aufgestanden und hatte eine halbe Flasche Whisky in sich hineingekippt in der Hoffnung, dass ihm die Augen zufallen würden. Mit dem Ergebnis, dass er am nächsten Morgen, als er ins Kommissariat kam, ordentlich einen sitzen hatte.

Er stand auf und öffnete die Verandatür.

Es versprach ein herrlicher Tag zu werden mit klaren, kräftigen Farben wie ein frisch gemaltes Bild.

Die Brandung toste allerdings stärker als gewöhnlich.

Als er hinaustrat, überkam ihn ein leichtes Frösteln. Es war Mitte November. Oft herrschte um diese Zeit des Jahres schon tiefer Winter, aber heute war es fast wie im September.

Im Laufe des Vormittags würde es sich aber wohl eintrüben. Rechts, vom Monte Russello her, zogen schon die ersten dunklen Wolken auf.

In der Küche kochte er sich einen Kaffee, und nach der ersten Tasse ging er ins Bad. Frisch geduscht und angekleidet setzte er sich mit der zweiten Tasse auf die Veranda.

»Sie sind aber früh dran heute Morgen, Commissario!«

Montalbano hob die Hand zum Gruß.

Es war Signor Puccio, der sein Boot ins Wasser schob, hineinstieg und aufs offene Meer hinausruderte.

Wie viele Jahre beobachtete Montalbano ihn nun schon bei seinen immer gleichen Bewegungen?

Dann schweifte sein Blick zu einer Möwe am Himmel.

Heutzutage sah man nur noch selten Möwen am Meer. Es war ihm ein Rätsel, warum sie in die Stadt umgesiedelt waren. Aber auch in Montelusa, zehn Kilometer von der Küste entfernt, gab es Hunderte von ihnen. Als wären sie des Meeres überdrüssig und darauf bedacht, den Wellen nur nicht zu nahe zu kommen. Was veranlasste sie, sich ihr Futter im Abfall der Städte zu suchen, statt sich frischen Fisch aus dem Wasser zu holen? Warum waren sie so tief gesunken, dass sie sich mit den Ratten um einen verfaulten Fischkopf zankten? Taten sie es aus freien Stücken, oder war die Ordnung der Natur aus den Fugen geraten?

Auf einmal legte die Möwe die Flügel an und glitt im Sturzflug auf den Strand hinunter. Was hatte sie entdeckt? Ihr Schnabel berührte fast den Boden, doch dann erhob sie sich nicht mit einer Beute wieder in die Luft, sondern sackte zu einem reglosen Häufchen Federn zusammen, die von der leichten Morgenbrise sanft bewegt wurden. Vielleicht hat jemand sie abgeschossen, überlegte der Commissario, obwohl er gar keinen Schuss gehört hatte. Aber wer kam auf die abartige Idee, eine Möwe abzuschießen? Der Vogel, dreißig Schritte von der Veranda entfernt, war mit Sicherheit tot. Doch dann, während Montalbano ihn so beobachtete, durchfuhr den Vogel plötzlich ein Zittern, und er rappelte sich hoch. Dann neigte er sich zur Seite, spreizte den Flügel, der den Sand berührte, und begann, sich um die eigene Achse zu drehen. Dabei beschrieb die Flügelspitze einen Kreis, und der Schnabel wies in einer unnatürlichen Verrenkung des Halses zum Himmel. Was war das, ein Tanz? Der Vogel tanzte und sang. Nein, es war kein Gesang, das Geräusch, das aus seiner Kehle drang, war ein verzweifeltes Krächzen, fast ein Hilferuf. Und während er sich immer weiter um sich selbst drehte, bog er den Kopf unnatürlich weit zurück und ruckte mit dem Schnabel. Es sah aus wie ein Arm mit einer Hand, die vergeblich etwas hochzuheben versuchte.

Montalbano lief zum Strand und näherte sich der Möwe bis auf einen Schritt. Ohne jedes Anzeichen, dass sie ihn wahrgenommen hatte, drehte sie sich immer unsicherer weiter, bis sie ins Torkeln geriet und schließlich den Halt verlor, weil ihr Flügel einknickte. Mit einem schrillen, fast menschlichen Schrei sank sie zur Seite und hauchte ihr Leben aus.

Sie hat ihren Todestanz vollführt, dachte der Commissario, erschüttert von dem Schauspiel, dessen Zeuge er geworden war.

Um den Vogel nicht den Hunden und Ameisen zum Fraß zu überlassen, hob er ihn an den Flügeln auf und trug ihn zur Veranda. Aus der Küche holte er einen Plastiksack und steckte den Kadaver hinein, dazu zwei schwere Steine, die zur Verschönerung im Haus herumlagen. Dann zog er Schuhe, Hose und Hemd aus, ging in der Unterhose ans Meer und watete fast bis zum Hals ins Wasser hinein. Er ließ den Plastiksack über seinem Kopf kreisen und schleuderte ihn so weit wie möglich aufs offene Meer hinaus.

Als er wieder ins Haus trat, war er ganz starr vor Kälte. Nach dem Abtrocknen machte er sich noch eine Kanne Espresso und trank den Kaffee dampfend heiß.

Auf der Fahrt zum Flughafen Palermo-Punta Raisi kehrten seine Gedanken zu der Möwe zurück, die er hatte tanzen und sterben sehen. Aus irgendeinem Grund hatte er immer geglaubt, Vögel seien unsterblich, und ein toter Vogel hatte ihn in Staunen versetzt wie etwas, das eigentlich gar nicht sein konnte. Er war sich jetzt sicher, dass die Möwe, die er hatte sterben sehen, nicht abgeschossen worden war. Fast sicher, denn vielleicht hatte eine einzige Schrotkugel ausgereicht, um sie zu töten, ohne dass sie auch nur einen Tropfen Blut verlor. Ob alle sterbenden Möwen einen so herzzerreißenden Tanz aufführten? Die Szene ging ihm nicht mehr aus dem Kopf.

Die elektronische Anzeigetafel am Flughafen empfing ihn mit der grandiosen Nachricht, dass die Maschine, auf die er wartete, mehr als eine Stunde Verspätung hatte.

Was hatte er denn erwartet? Als ob in Italien jemals irgendetwas planmäßig ankam oder abfuhr.

Die Züge hatten Verspätung, die Flugzeuge auch, und damit die Fähren den Anker lichteten, musste schon ein kleines Wunder geschehen. Von der Post ganz zu schweigen. Die Busse blieben im Verkehr stecken, und die öffentlichen Bauprojekte verzögerten sich grundsätzlich um fünf bis zehn Jahre. Es vergingen Jahre, bevor ein Gesetz endlich verabschiedet wurde, auch wenn es noch so unbedeutend war, und sogar die Fernsehsendungen fingen in der Regel mit einer halben Stunde Verspätung an …

Wenn Montalbano über diese Dinge nachdachte, geriet sein Blut in Wallung. Aber er wollte Livia nicht schlechtgelaunt empfangen. Er musste sich ablenken und sich die Wartezeit verkürzen.

Die Fahrt so früh am Morgen hatte seinen Appetit angeregt. Merkwürdig, denn er frühstückte sonst nie. Er ging zur Bar, wo sich eine Schlange gebildet hatte wie auf dem Postamt am Tag der Rentenauszahlung. Es dauerte eine Ewigkeit, bis er endlich an der Reihe war.

»Einen Espresso und ein Cornetto.«

»Cornetti haben wir nicht.«

»Sind sie schon aus?«

»Nein. Die Lieferung hat sich verspätet, die Hörnchen kommen in einer halben Stunde.«

Nicht einmal mehr auf die Cornetti konnte man sich verlassen!

Missmutig trank er seinen Espresso, kaufte sich eine Zeitung, setzte sich und fing an zu lesen. Nur Geschwafel und leeres Geschwätz.

Die Regierung schwafelte, die Opposition schwafelte, die Kirche schwafelte, der Unternehmerverband schwafelte, die Gewerkschaften schwafelten. Leeres Geschwätz über die Trennung eines VIP-Paares, über einen Fotografen, der fotografiert hatte, was er nicht fotografieren durfte. Leeres Geschwätz über den reichsten und mächtigsten Mann des Landes, den seine Gattin in einem offenen Brief wegen gewisser Bemerkungen einer anderen Frau gegenüber kritisiert hatte. Leeres Geschwätz über die Maurer, die wie reife Birnen vom Baugerüst fielen, über die Bootsflüchtlinge, die im Meer ertranken, über Rentner, die ein so armseliges Leben führten, dass sie mit Flicken am Hintern herumlaufen mussten, über Kindesmissbrauch …

Es wurde immer und überall über jedes Problem geredet, aber es war nichts als Geschwafel, ohne dass etwas Konkretes dabei herauskam oder irgendeine Maßnahme ergriffen wurde …

Montalbano beschloss augenblicklich, dass Artikel eins der Verfassung folgendermaßen geändert werden musste: »Italien ist eine auf illegalen Drogenhandel, systematische Verspätungen und Geschwafel gegründete Republik.«

Verdrossen warf er die Zeitung in einen Abfalleimer und verließ das Flughafengebäude. Er zündete sich eine Zigarette an und beobachtete die Möwen, die in Ufernähe ihre Kreise zogen. Sofort fiel ihm wieder die Möwe ein, die er hatte tanzen und sterben sehen.

Da ihm bis zur Ankunft des Flugzeugs noch eine halbe Stunde Zeit blieb, ging er zu Fuß den Weg zurück, den er mit dem Auto hergefahren war. Er kam fast bis zu den Klippen. Die würzige Meeresbrise erfrischte ihn mit ihrem Geruch nach Salz und Algen, und er sah den Möwen zu, die einander verfolgten.

Als er ins Flughafengebäude zurückkehrte, war Livia soeben gelandet.

Freudestrahlend kam sie auf ihn zu. Gut sah sie aus. Sie umarmten sich innig und küssten sich. Sie hatten sich drei Monate nicht gesehen.

»Gehen wir?«

»Ich brauche noch meinen Koffer.«

Das Gepäck, wie konnte es anders sein, wurde den Reisenden mit einstündiger Verspätung ausgehändigt, unter lautstarkem Geschrei, Flüchen und Protesten. Dabei konnten sie von Glück reden, dass ihre Koffer nicht in Bombay oder Tansania gelandet waren.

Im Auto nach Vigàta sagte Livia:

»Du weißt, dass ich das Hotel in Ragusa schon für heute Abend gebucht habe.«

Sie hatten sich vorgenommen, einen dreitägigen Ausflug ins Val di Noto und in die Städte des sizilianischen Barock zu machen, die Livia noch nicht kannte.

Das war keine leichte Entscheidung gewesen.

»Hör mal, Salvo«, hatte sie ihm eine Woche zuvor am Telefon gesagt, »ich habe vier Tage frei. Was hältst du davon, wenn ich zu dir runterkomme und wir uns eine schöne Zeit machen?«

»Ich wäre überglücklich.«

»Wir könnten ein bisschen in Sizilien herumfahren. In einer Gegend, die ich noch nicht kenne.«

»Eine glänzende Idee. Im Kommissariat ist im Moment ohnehin nicht viel los. Weißt du schon, wo du hinmöchtest?«

»Ja, ins Val di Noto. Da war ich noch nie.«

Ach du liebe Güte! Wie kam sie denn ausgerechnet auf diese Idee?

»Das Val di Noto ist großartig, klar. Aber glaub mir, es gibt andere Gegenden, die …«

»Nein, ich würde gern Noto sehen, die wiederaufgebaute Kathedrale soll eindrucksvoll sein. Und dann könnten wir einen Abstecher nach … was weiß ich, Modica, Ragusa, Scicli machen.«

»Ein schönes Programm, keine Frage, aber …«

»Du bist nicht einverstanden?«

»Grundsätzlich schon, selbstverständlich, ich bitte dich. Aber vielleicht sollten wir uns zuerst erkundigen.«

»Wonach?«

»Ich möchte nicht, dass sie gerade drehen.«

»Wovon redest du? Was drehen?«

»Ich möchte nicht, dass sie, während wir da sind, eine neue Folge dieser Fernsehserie drehen … Das tun sie nämlich gern an diesen Orten.«

»Entschuldige, was geht dich das an?«

»Wie, was geht mich das an? Was ist, wenn ich plötzlich dem Schauspieler gegenüberstehe, der mich spielt … wie heißt er noch mal … Zingarelli …«

»Er heißt Zingaretti, und jetzt tu nicht so, als wüsstest du das nicht ganz genau. Zingarelli ist ein Wörterbuch. Aber ich frage dich noch einmal: Was geht dich das an? Du hast doch nicht etwa frühkindliche Komplexe? In deinem Alter.«

»Was hat das jetzt mit dem Alter zu tun?«

»Außerdem seht ihr euch gar nicht ähnlich.«

»Das stimmt.«

»Er ist sehr viel jünger als du.«

Schon wieder dieser leidige, absolut nervige Seitenhieb auf sein Alter! Livia war ja geradezu fixiert darauf!

Und das ärgerte ihn. Was hatten denn die Jugend oder das Alter damit zu tun?

»Was willst du damit sagen, verdammt? Und wenn wir schon dabei sind: Er ist ein Glatzkopf, während ich volles, dichtes Haar habe!«

»Lass gut sein, Salvo, wir wollen nicht streiten.«

Und um des lieben Friedens willen hatte er sich überreden lassen.

»Ich weiß, dass du gebucht hast. Warum sagst du das jetzt?«

»Weil es bedeutet, dass du spätestens um vier aus dem Büro zurück in Marinella sein musst.«

»Ich hab nur ein bisschen Papierkram zu erledigen.«

Livia lachte auf.

»Was gibt’s da zu lachen?«

»Es wäre nicht das erste Mal, Salvo, dass …«

Sie brach ab.

»Nein, sprich weiter. Das erste Mal, dass was?«

»Vergiss es. Hast du deinen Koffer schon gepackt?«

»Nein.«

»Natürlich nicht! Du brauchst zwei Stunden, um zu packen, und bei deinem Schneckentempo kommen wir erst mitten in der Nacht in Ragusa an!«

»Schneckentempo! Du bist ja witzig! So einen Koffer packe ich doch mit links. Eine halbe Stunde, und die Sache ist erledigt!«

»Soll ich schon mal damit anfangen?«

»Um Himmels willen, nein!«

Als er sich einmal den Koffer von ihr hatte packen lassen, kam er auf der Insel Elba mit einem Paar Schuhe an, von denen einer braun und einer schwarz war.

»Was soll denn das heißen: um Himmels willen?«, fragte Livia gereizt.

»Nichts, gar nichts«, antwortete er. Er hatte keine Lust zu streiten.

Nachdem sie sich eine Weile angeschwiegen hatten, fragte Montalbano:

»Sterben die Möwen in Boccadasse?«

Livia, die wegen seiner Bemerkung über das Kofferpacken immer noch ein wenig schmollte, hielt den Blick stur auf die Straße gerichtet. Jetzt sah sie ihn entgeistert an, sagte aber nichts.

»Was schaust du mich so an? Ich habe nur gefragt, ob in Boccadasse die Möwen sterben.«

Livia starrte ihn weiter wortlos an.

»Willst du mir eine Antwort geben, ja oder nein?«

»Sag mal, ist das nicht eine dämliche Frage?«

»Kannst du die Frage nicht einfach beantworten, ohne gleich ihre Intelligenz zu bewerten?«

»Ich glaube, in Boccadasse sterben sie genauso wie anderswo auch.«

»Und hast du schon einmal eine sterben sehen?«

»Ich glaube nicht.«

»Was heißt: Ich glaube nicht? Das ist keine Glaubensfrage, weißt du? Entweder du hast es gesehen, oder du hast es nicht gesehen. Da gibt es nur Ja oder Nein.«

»Schrei doch nicht so. Ich hab’s nicht gesehen! Bist du nun zufrieden? Ich habe es nicht gesehen!«

»Jetzt bist du es, die schreit!«

»Aber nur, weil du solche Fragen stellst! Du bist echt komisch heute. Geht’s dir gut?«

»Mir geht’s ausgezeichnet! Großartig! Buttanazza della miseriazza buttana e figlia di buttanazza porca e futtuta, gottverdammte Scheiße, und wie gut es mir geht!«

»Sprich nicht im Dialekt, und hör auf zu flu…«

»Ich rede, wie’s mir passt, klar?«

Livia schwieg nun, und er hielt ebenfalls den Mund. Keiner von beiden sagte auch nur ein Sterbenswörtchen.

Warum nur gerieten sie sich schon beim geringsten Anlass in die Haare? Und warum kam keiner von ihnen jemals auf die Idee, die logische Konsequenz daraus zu ziehen, einander Lebewohl zu sagen und getrennte Wege zu gehen?

Sie schwiegen bis zu ihrer Ankunft in Marinella. Statt sofort ins Kommissariat aufzubrechen, hatte Montalbano plötzlich das Bedürfnis zu duschen. Vielleicht half das gegen die Gereiztheit, die ihn nach dem Streit mit Livia im Auto überkommen hatte. Livia hatte sich, gleich nachdem sie das Haus betreten hatten, im Bad eingeschlossen.

Er zog sich aus und klopfte vorsichtig an die Tür.

»Was willst du?«

»Beeil dich, ich will unter die Dusche.«

»Warte gefälligst, zuerst dusche ich.«

»Ach komm, Livia, ich muss ins Büro.«

»Hast du nicht gesagt, du musst nur ein bisschen Papierkram erledigen?«

»Ja, aber vergiss nicht, dass ich die ganze Strecke von Vigàta nach Palermo und zurück gefahren bin, um dich abzuholen! Ich brauche jetzt wirklich eine Dusche!«

»Und ich, bin ich etwa nicht die ganze Strecke von Genua bis nach Vigàta hergekommen? War ich nicht länger unterwegs als du? Ich bin zuerst dran!«

Fing sie jetzt an, die Kilometer zu zählen?

Fluchend suchte er nach einer Badehose, schlüpfte hinein und ging zum Strand.

Obwohl die Sonne inzwischen hoch am Himmel stand, war der Sand unter seinen Füßen kühl.

Im Wasser umfing ihn augenblicklich eine lähmende Kälte. Da half nur, sofort beherzt loszuschwimmen. Nach einer Viertelstunde kraftvoller Schwimmzüge legte er sich auf den Rücken und spielte toter Mann.

Am Himmel war weit und breit keine einzige Möwe zu sehen. Ein paar Tropfen Wasser liefen ihm über das Gesicht in den offenen Mund und benetzten Zunge und Gaumen. Es schmeckte eigenartig.

Er schöpfte mit der Hand etwas Wasser und kostete. Kein Zweifel, das Meer hatte einen anderen Geschmack als früher. Das Salz schien zu fehlen. Das Wasser schmeckte leicht bitter, wie abgestandenes Mineralwasser. Vielleicht war das der Grund, warum die Möwen … Aber warum hatten dann die Meerbarben, die er in der Trattoria mit großem Appetit verschlang, immer noch dieses herrliche Aroma?

Als er ans Ufer zurückschwamm, sah er Livia im Morgenmantel auf der Veranda sitzen und Kaffee trinken.

»Wie ist das Wasser?«, fragte sie ihn.

»Abgestanden.«

Er trat aus der Dusche, und plötzlich stand Livia vor ihm.

»Was ist?«

»Nichts. Musst du sofort ins Kommissariat?«

»Nein.«

»Dann …«

Er verstand. Wie von den Klängen eines Symphonieorchesters beschwingt, nahm er sie in die Arme und drückte sie fest an sich.

Es wurde eine wunderbare Versöhnung.

»Um vier, denk dran!«, mahnte sie und begleitete ihn zur Tür.

»Fazio soll sofort zu mir kommen«, sagte er im Vorbeigehen zu Catarella.

»Er ist nicht an seinem Platz, Dottori.«

»Hat er angerufen?«

»Nein, Dottori.«

»Sobald er reinkommt, schickst du ihn zu mir.«

Auf seinem Schreibtisch stapelten sich Akten und Unterlagen zu einem schwankenden Turm. Er verzagte. Die Versuchung, den ganzen Kram einfach sich selbst zu überlassen, war groß. Was konnte man ihm schon anhaben, wenn er nicht unterschrieb? Die Todesstrafe gab es nicht mehr, und die lebenslängliche Freiheitsstrafe sollte gleichfalls abgeschafft werden. Na also. Ein guter Anwalt würde es mit allerhand juristischen Winkelzügen schaffen, das Verfahren derart in die Länge zu ziehen, dass am Ende der Straftatbestand der Unterschriftsverweigerung verjährt war. Es gab sogar Ministerpräsidenten, die sich dieses System der Verjährung zunutze machten, um bei sehr viel schwerwiegenderen Delikten straflos davonzukommen. Aber am Ende behielt sein Pflichtgefühl doch die Oberhand.

Zwei

Augello trat ein, ohne anzuklopfen, er grüßte nicht einmal. Er wirkte bedrückt.

»Was ist los, Mimì?«

»Nichts.«

»Sag schon, Mimì.«

»Ach, lass nur.«

»Nun sag schon.«

»Ich hab die ganze Nacht mit Beba gestritten.«

»Und warum?«

»Sie meint, mein Gehalt reicht nicht, und will sich daher eine Arbeit suchen. Besser gesagt, sie hat schon eine.«

»Und du hast was dagegen?«

»Nein. Das Problem ist der Kleine.«

»Ja natürlich. Wie kann sie arbeiten, wo sie doch den Kleinen hat?«

»Für sie ist das kein Problem. Sie hat schon eine Lösung gefunden. Sie will ihn in den Kindergarten schicken.«

»Ja und?«

»Ich bin dagegen.«

»Warum?«

»Er ist zu klein. Mag ja sein, dass er das richtige Alter hat, aber er ist einfach noch zu klein. Er tut mir leid.«

»Hast du Angst, sie könnten ihn nicht gut behandeln?«

»Aber nein! Sie werden sich bestimmt bestens um ihn kümmern. Trotzdem tut er mir leid. Verstehst du, ich bin fast nie zu Hause, und wenn Beba jetzt auch noch den ganzen Tag arbeiten geht, wird der Kleine glauben, er sei Vollwaise.«

»Red keinen Unsinn, Mimì. Vollwaise zu sein ist noch mal was ganz anderes. Du weißt, ich spreche aus Erfahrung.«

»Entschuldige. Lass uns das Thema wechseln.«

»Gibt es irgendwelche Neuigkeiten?«

»Keine. Absolut tote Hose.«

»Weißt du, warum Fazio noch nicht da ist?«

»Nein.«

»Hör mal, Mimì, hast du schon mal eine Möwe sterben sehen?«

»Nein. Wieso?«

»Heute Morgen habe ich von meiner Veranda aus gesehen, wie eine starb.«

»Hat jemand sie abgeschossen?«

»Kann ich nicht sagen.«

Augello sah ihn mit prüfendem Blick an. Dann fischte er seine Brille aus der Brusttasche seiner Jacke und setzte sie auf.

»Erzähl mal genauer.«

»Zuerst musst du mir erklären, warum du deine Brille aufgesetzt hast.«

»Um dich besser zu hören.«

»Hast du denn eine mit eingebautem Hörgerät?«

»Nein. Ich höre sehr gut.«

»Und warum setzt du dann die Brille auf?«

»Um dich besser zu sehen.«

»Nein, Mimì, schummeln gilt nicht! Gerade hast du gesagt, dass du sie aufsetzt, um mich besser zu hören! Zu hören, nicht zu sehen!«

»Das ist dasselbe. Wenn ich dich besser sehe, versteh ich dich auch besser.«

»Und was willst du verstehen?«

»Worauf du hinauswillst.«

»Ich will auf gar nichts hinaus. Ich habe dir nur eine simple Frage gestellt!«

»Und ich kenne dich gut genug, um zu wissen, worauf diese simple Frage hinausläuft.«

»Und worauf läuft sie hinaus?«

»Dass wir Ermittlungen darüber aufnehmen müssen, wer die Möwe getötet hat. Das würde ich dir glatt zutrauen!«

»Red keinen Unsinn!«

»Ach nein? Und wie war das damals mit diesem Pferd, das du tot am Strand gefunden hast? Hast du uns da nicht allen so lange zugesetzt, bis …«

»Mimì, soll ich dir was sagen? Beweg deinen Hintern in dein Zimmer und tob dich da weiter aus.«

Eine halbe Stunde lang setzte er sein Kürzel unter irgendwelche Dokumente, dann klingelte das Telefon.

»Dottori, da wäre ein Signori Mizzica, der persönlich selber mit Ihnen sprechen will.«

»Am Telefon?«

»Nein, hier im Kommissariat.«

»Hat er gesagt, was er will?«

»Es geht um ein Problem mit Fischkuttern.«

»Sag ihm, ich bin beschäftigt, und schick ihn zu Dottor Augello.«

Aber dann überlegte er es sich noch einmal anders.

»Nein, ich will doch zuerst mit ihm sprechen.«

Wenn dieser Signor Mizzica mit Fischkuttern zu tun hatte, konnte er ihm vielleicht auch etwas über Möwen sagen.

»Ich bin Adolfo Rizzica, Commissario.«

Wäre ja auch ein Wunder gewesen, wenn Catarella sich einmal einen Namen richtig gemerkt hätte!

»Nehmen Sie Platz und legen Sie Ihr Anliegen dar. Aber ich sage Ihnen gleich, ich habe nur fünf Minuten Zeit. Sie erklären mir kurz, worum es geht, und anschließend können Sie die Sache mit Dottor Augello erörtern.«

Rizzica, ein gut gekleideter Sechzigjähriger mit tadellosen Manieren, hatte das wettergegerbte Gesicht eines Seemanns. Er setzte sich auf die Stuhlkante. Er wirkte ziemlich nervös, Schweiß stand ihm auf der Stirn, und er hielt ein Taschentuch in der Hand. Sein Blick war gesenkt, und er konnte sich nicht dazu entschließen, den Mund aufzumachen.

»Signor Rizzica, ich höre.«

»Ich bin der Besitzer von fünf Fischkuttern.«

»Das freut mich. Und weiter?«

»Ich will ganz offen mit Ihnen reden. Einer dieser fünf Kutter ist mir nicht ganz geheuer.«

»In welchem Sinn nicht ganz geheuer?«

»Der Fischkutter kommt ein- bis zweimal pro Woche spät zurück.«

»Ich verstehe immer noch nicht. Er kehrt später zurück als die anderen, meinen Sie?«

»Richtig.«

»Und wo liegt das Problem? Sorgen Sie dafür, dass …«

»Commissario, ich weiß, wo sie fischen und wie lange sie dafür brauchen. Außerdem stehe ich per Funk mit ihnen in Verbindung. Und wenn sie fertig sind, benachrichtigen sie mich, dass sie zurückkommen.«

»Und?«

»Auch der Kapitän dieses Fischkutters mit Namen Maria Concetta …«

»Der Kapitän ist eine Frau?«

»Nein, ein Mann.«

»Und warum trägt er dann einen weiblichen Namen?«

»Den weiblichen Namen trägt der Fischkutter, der Kapitän heißt Salvatore Aureli.«

»Gut, und weiter?«

»Aureli informiert mich über seine Rückkehr, aber dann kommt er mit ein bis eineinhalb Stunden Verspätung an.«

»Hat er einen schwächeren Motor?«

»Nein, Dottore. Im Gegenteil.«

»Und warum verspätet er sich dann?«

»Das ist es ja, Commissario. Ich glaube, die ganze Mannschaft steckt da mit drin.«

»Wo mit drin?«

»Dottore, heutzutage herrscht auf dem Wasser ein Verkehr wie auf der Autobahn, verstehen Sie?«

»Nein.«

»Ich schätze – aber das ist nur eine Vermutung –, dass er unterwegs irgendwo anhält, um Ladung aufzunehmen.«

»Was für eine Ladung?«

»Kommen Sie nicht von allein drauf?«

»Hören Sie, Signor Rizzica, ich habe keine Zeit für Ratespiele.«

»Meiner Ansicht nach schmuggeln sie Drogen, Commissario. Und ich möchte mit dieser Sache, wenn sie auffliegt, nichts zu tun haben.«

»Drogen? Sind Sie sicher?«

»Hundert Prozent sicher natürlich nicht. Aber … na ja.«

»Und wie erklärt Aureli diese Verspätungen?«

»Er findet jedes Mal eine andere Ausrede. Mal hat sich der Motor verschluckt, mal hat sich das Netz verheddert …«

»Vielleicht wäre es besser, wenn Sie gleich mit Dottor Augello sprechen. Aber vorher möchte ich Sie noch etwas fragen.«

»Bitte.«

»Haben Sie schon mal eine Möwe sterben sehen?«

Rizzica, der mit so einer Frage nicht gerechnet hatte, war sichtlich überrascht.

»Was hat das mit …«

»Nichts, es hat rein gar nichts damit zu tun. Es interessiert mich einfach persönlich.«

Der Mann dachte eine Weile nach.

»Ja, einmal, als ich nur ein einziges Boot hatte und selber rausgefahren bin, habe ich eine Möwe gesehen, die tot vom Himmel fiel.«

»Hat sie etwas gemacht, bevor sie starb?«

Rizzicas Überraschung wuchs.

»Was soll sie denn gemacht haben? Ihr Testament vielleicht?«

Montalbano ärgerte sich über die Bemerkung.

»Hören Sie, Mizzica …«

»Rizzica …«

»… spielen Sie nicht den Clown. Es war eine ernsthafte Frage.«

»Schon gut, schon gut, entschuldigen Sie.«

»Also, was hat sie gemacht, bevor sie starb?«

Rizzica dachte lange über die Frage nach.

»Nichts hat sie gemacht, Commissario. Sie ist wie ein Stein ins Meer gefallen und dann auf dem Wasser getrieben.«

»Ach so, sie ist ins Meer gefallen«, sagte Montalbano enttäuscht.

Wenn sie ins Meer gefallen war, hatte sie den Tanz ja gar nicht aufführen können.

»Ich bringe Sie zu Dottor Augello«, sagte der Commissario und stand auf.

Konnte es denn sein, dass er als Einziger eine Möwe gesehen hatte, die tanzte, bevor sie tot umfiel? Wen konnte er fragen?

Das Telefon klingelte. Es war Livia.

»Wusstest du, dass der Kühlschrank leer ist?«

»Nein.«

»Das ist garantiert ein Sabotageakt deiner geliebten Adelina. Als du ihr gesagt hast, dass ich komme, hat sie ihn leer geräumt, weil sie mich hasst.«

»Trägst du da nicht ein bisschen dick auf? Sie hasst dich nicht, Livia, ihr könnt einander einfach nur nicht ausstehen, das ist alles.«

»Du stellst mich mit ihr auf eine Stufe?!«

»Livia, ich bitte dich, fangen wir nicht schon wieder damit an. Es gibt keinen Grund, ein solches Theater zu machen, nur weil der Kühlschrank leer ist. Du kommst mit mir zum Mittagessen in Enzos Trattoria, und damit hat sich die Sache.«

»Und wie soll ich da hinkommen? Etwa zu Fuß?«

»Ich hole dich ab.«

»Wann denn?«

»Herrgott noch mal, Livia, wenn es so weit ist, komme ich dich abholen.«

»Aber kannst du mir nicht wenigstens ungefähr sagen …«

»Ich sag dir doch, ich weiß es nicht!«

»Komm mir bloß nicht wieder mit deiner üblichen Masche!«

»Welche Masche?«

»Dass du mir eine Uhrzeit nennst und dann drei Stunden später aufkreuzt.«

»Ich werde überpünktlich sein.«

»Aber du hast mir doch noch gar nicht gesagt, wann.«

»Livia, jetzt reicht’s! Du machst mich noch wahnsinnig!«

»Ich habe das Gefühl, das bist du schon!«

Er legte auf. Eine halbe Minute später klingelte es erneut. Er griff nach dem Hörer und brüllte wutentbrannt hinein:

»Ich bin nicht wahnsinnig! Hast du verstanden?«

Eine lange Pause, dann hörte er die zittrige Stimme Catarellas:

»Dottori! Ich schwöre Bein und Stein, ich hab nie gesagt, dass Sie wahnsinnig sind, und gedacht hab ich’s auch nie!«

»Catarella! Du bist’s! Ich hab mich vertan. Was gibt’s?«

»Dottori, ich hab hier die Frau von Fazio.«

»Am Telefon?«

»Nein, sie ist persönlich selber hier.«

»Bring sie zu mir.«

Warum hatte Fazio seine Frau geschickt? Wenn er krank war, konnte er doch telefonisch Bescheid sagen.

»Buongiorno, Signora. Was ist passiert?«

»Buongiorno, Dottore. Entschuldigen Sie die Störung, aber …«

»Sie stören nicht. Sagen Sie mir, was los ist.«

»Sagen Sie es mir.«

Um Himmels willen, was hatte das zu bedeuten?

Signora Grazia stand die Sorge ins Gesicht geschrieben.

Montalbano musste mehr aus ihr herausbekommen, um angemessen reagieren zu können.

»Setzen Sie sich doch erst einmal. Sie scheinen sich Sorgen zu machen.«

»Mein Mann ist gestern Abend um zehn Uhr aus dem Haus gegangen, nachdem Sie ihn angerufen hatten. Er sagte, er müsse sich mit Ihnen am Hafen treffen, und seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Normalerweise ruft er an, wenn er nachts nicht heimkommt. Das hat er diesmal nicht getan, und es beunruhigt mich.«

Darum ging es also! Tatsache war jedoch, dass er Fazio am Abend zuvor gar nicht angerufen hatte. Und er hatte sich auch nicht mit ihm am Hafen verabredet. Nur, wo war er denn dann hin, der gute Mann?

Zunächst musste er jedoch die Signora beruhigen. Und er lieferte eine oscarreife Vorstellung. Er stieß einen Klagelaut aus und schlug sich gegen die Stirn.

»Madonna mia! Ich habe es vergessen! Verzeihen Sie mir, Signora, aber ich habe es vollkommen vergessen!«

»Was denn, Dottore?«

»Dass Ihr Mann mich gebeten hatte, Sie anzurufen, weil er selbst verhindert war! Mein Gott, und wie eindringlich er es mir ans Herz gelegt hatte! Aber ich Trottel …«

»Ich bitte Sie, Dottore.«

»Mein Gott, ich bedaure zutiefst, Sie in Sorge gestürzt zu haben! Aber seien Sie beruhigt, Signora, Ihrem Mann geht es ausgezeichnet! Er steckt gerade in einer äußerst heiklen …«

»Das genügt mir, Dottore. Ich danke Ihnen.«

Sie stand auf und gab ihm die Hand.

Signora Grazia war wirklich ihres Gatten würdig. Sie sprach kein Wort zu viel und ließ sich nicht aus der Fassung bringen. Die zwei-, dreimal, als sie ihn zum Essen eingeladen hatte (was für eine miserable Köchin sie war!), war ihm aufgefallen, dass sie sich nie einmischte, wenn er und Fazio über die Arbeit sprachen.

»Ich begleite Sie hinaus«, sagte Montalbano.

Während er mit ihr zum Parkplatz ging, hörte er gar nicht auf, sich zu entschuldigen. Sie war mit dem Auto ihres Mannes gekommen. Folglich hatte Fazio nicht den Wagen genommen, um an sein Ziel zu gelangen.

Montalbano ging zurück ins Kommissariat, und vor dem Kämmerchen, in dem die Telefonzentrale untergebracht war, blieb er stehen und sagte zu Catarella:

»Ruf Fazio auf seinem Handy an.«

Catarella probierte es zweimal hintereinander.

»Er hat es nicht an, Dottori.«

»Augello soll sofort zu mir kommen!«

»Aber der Signor Mizzica ist noch bei ihm.«

»Den soll er zum Teufel schicken.«

Was konnte Fazio zugestoßen sein? Voll Sorge ging Montalbano in sein Büro.

Fazio hatte seiner Frau vorgeflunkert, er sei mit ihm, Montalbano, am Hafen verabredet. Warum ausgerechnet am Hafen? Das konnte alles und nichts bedeuten. Vielleicht hatte er einfach den erstbesten Ort genannt, der ihm gerade einfiel.

Bedenklich war allerdings, dass er seine Frau nicht angerufen hatte. Und ganz bestimmt hatte er deshalb nicht angerufen, weil … weil er offenkundig nicht dazu in der Lage war.

»Drück dich deutlicher aus, Montalbà«, sagte Montalbano zwei.

»Er hat Angst, sich deutlicher auszudrücken«, mischte sich Montalbano eins ein.

»Warum?«

»Wegen der Schlussfolgerungen, die er dann ziehen müsste.«

»Und wie lauten diese Schlussfolgerungen?«

»Dass Fazio nicht telefonieren kann, weil jemand ihn in seiner Gewalt hat. Oder weil er verletzt oder sogar tot ist.«

»Warum gehst du immer vom Schlimmsten aus?«

»Wovon soll ich sonst ausgehen? Dass Fazio mit einer anderen Frau durchgebrannt ist?«

Augello kam herein.

»Warum diese Eile?«

»Mach die Tür zu und setz dich.«

Augello gehorchte.

»Nun?«

»Fazio ist verschwunden.«

Mimì fiel die Kinnlade herunter.

Nach einer Viertelstunde reimten sie sich Folgendes zusammen: Fazio hatte auf eigene Faust Ermittlungen geführt, in die er niemanden einweihen wollte. Ähnlich genialische Anwandlungen hatte er schon öfter gehabt. Diesmal aber hatte er die Gefahr unterschätzt – merkwürdig bei seiner Erfahrung –, und jetzt saß er in der Klemme.

Eine andere Erklärung gab es nicht.

»Bis allerspätestens morgen müssen wir ihn finden«, sagte Montalbano. »Bis morgen kann ich seine Frau vielleicht noch hinhalten, denn sie hat großes Vertrauen zu mir. Aber dann werde ich ihr die Wahrheit sagen müssen, egal, wie sie lautet.«

»Was meinst du, wo soll ich anfangen?«

»Nehmen wir mal an, die Geschichte mit dem Hafen stimmt. Dort fängst du an.«

»Kann ich jemanden mitnehmen?«

»Nein, geh allein. Ich möchte nicht, dass Signora Fazio zu Ohren kommt, dass wir nach ihrem Mann suchen. Wenn wir morgen nicht weiter sind als heute, machen wir eine Großfahndung.«

Als Augello fort war, kam ihm eine Idee.

»Catarella, lass dich fünf Minuten vertreten, und komm zu mir.«

»Sofortestens, Dottori.«

Und sofortestens war er da.

»Hör zu, Catarè, ich brauche deine hilfreiche Hand.«

Freudestrahlend schlug Catarella die Hacken zusammen.

»Ich reiche Ihnen nicht nur die Hand, Dottori, ich reiche Ihnen den ganzen Arm.«

»Denk gut nach, bevor du antwortest. Fazio hat keine Direktdurchwahl, korrekt?«

»Korrektestens.«

»Und deshalb laufen alle Telefonate, die er bekommt, über die Zentrale, korrekt?«

Catarella antwortete nicht, sondern verzog das Gesicht.

»Was ist?«

»Fazio hat ein Handy, Dottori. Wenn ihn jemand – nehmen wir mal an, auf dem Handy – anruft, dann geht der Anruf von dem, der ihn anruft, nicht über ...

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