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Der Tanz auf dem Vulkan

1. KAPITEL

Wer konnte so spät noch etwas von ihnen wollen?

Beunruhigt eilte Briar Davenport durch die weitläufige Eingangshalle. Ihr Gefühl sagte ihr, dass Unheil im Anzug war.

Besuche am späten Abend bedeuteten selten etwas Gutes.

Wieder klingelte es an der Eingangstür, und am liebsten hätte Briar geschrien: Ich komme ja schon! Doch die Mitglieder der Familie Davenport schrien nun mal nicht, auch wenn sie gerade verzweifelt überlegten, welches Erbstück sie als Nächstes versteigern lassen mussten. Es war schon schlimm genug, dass sie neuerdings gezwungen waren, die Tür zu öffnen.

Einen Moment ließ Briar die Hand auf der Klinke liegen und atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Es musste ja nicht unbedingt etwas Schlechtes sein. Irgendwann würde ihre Pechsträhne doch aufhören. Warum nicht heute Abend?

Dann öffnete sie die Tür, und die Pechsträhne weitete sich zu einer echten Katastrophe aus.

„Sie!“

Diablo Barrentes lehnte lässig am Türrahmen. Er war ganz in Schwarz gekleidet und Briar musste an sich halten, um vor seiner mächtigen Gestalt nicht zurückzuweichen. Im Schein der Eingangsbeleuchtung schien er fast mit dem dunklen Nachthimmel zu verschmelzen und wirkte dadurch umso gefährlicher. Diesmal trug er das schulterlange Haar zurückgebunden, dennoch wirkte er beunruhigend männlich – wie ein Freibeuter. Es war jedoch das triumphierende Funkeln in seinen dunklen Augen, sein Lächeln, das Briar in Panik versetzte. Nur ihre gute Erziehung hielt sie davon ab, Diablo Barrentes die Tür vor der Nase zuzuknallen.

Sie warf das kupferrote Haar zurück und blieb hoch erhobenen Hauptes stehen. Dank ihrer hohen Absätze war sie fast so groß wie er.

„Was wollen Sie?“

„Ich bin überrascht“, erwiderte er amüsiert lächelnd. „Eigentlich hätte ich eher erwartet, dass Sie mir die Tür vor der Nase zuschlagen.“

Nichts hätte sie lieber getan! Briar packte die Klinke so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten, und zwang sich, gefasst zu bleiben. „Dann brauche ich Ihnen wohl auch nicht zu sagen, dass Sie hier nicht willkommen sind.“

„Ich bin trotzdem gekommen.“

Vier einfache Wörter, die Barrentes’ harter spanischer Akzent fast drohend klingen ließ. Briar bekam es mit der Angst zu tun.

„Warum?“

„Ich freue mich auch, Sie zu sehen, Briar“, erwiderte Diablo, ohne auf ihre Frage einzugehen. Aber ihm lag wohl auch nicht daran, höflich zu sein. Er sprach ihren Namen aus, als wollte er sie augenblicklich verschlingen.

Unwillkürlich erschauerte sie. Falls er das vorhatte, las er die falsche Speisekarte. „Glauben Sie mir“, es fiel ihr schwer, ruhig zu sprechen, „Sie sind hier der Einzige, der sich freut.“

Sein leises Lachen ging ihr unter die Haut. „Sí“, gab er ihr recht und betrachtete ihre wohlgeformte Gestalt genießerisch von Kopf bis Fuß.

Dann blickte er ihr tief in die Augen, und Briar konnte kaum noch atmen.

„Mir ist es jedenfalls ein Vergnügen“, versicherte er ihr leise.

Aufgebracht atmete sie ein. Eine Frechheit, sie so anzusehen – als ob sie sein Besitz wäre! Wenn er sich das einbildete, irrte er sich gewaltig!

Dennoch verschränkte Briar unwillkürlich die Arme vor dem Oberkörper, weil ihr bewusst wurde, dass ihre Brustspitzen unter Diablos Blick hart geworden waren. Auf keinen Fall durfte er merken, welche Wirkung er auf sie hatte!

„Sie haben mir immer noch nicht verraten, weshalb Sie hier sind.“

„Ich möchte Ihren Vater sprechen.“

„Das nehme ich Ihnen nicht ab. Nach allem, was Sie getan haben, um seine Firma zu ruinieren und unser Leben zu zerstören, können Sie wohl kaum davon ausgehen, dass er Sie wiedersehen will.“

Diablo zuckte die Schultern und zog gleichmütig die Brauen hoch, was Briar nur noch mehr aufbrachte.

„Ihre Zweifel interessieren mich nicht. Und Sie sollten lieber nicht versuchen, mich an der Ausübung meiner Geschäfte zu hindern. Wenn Sie mich jetzt also hereinlassen würden …“

Sie straffte die Schultern, rührte sich jedoch nicht vom Fleck. „Es ist schon spät. Und selbst wenn es nicht so wäre, verschwenden Sie nur Ihre Zeit. Sie sind der Allerletzte, mit dem mein Vater Geschäfte machen würde.“

Ironisch lächelnd beugte Diablo sich vor und blickte ihr in die Augen. „Sie scheinen nicht zu wissen, wozu Ihr Vater fähig ist.“

Sein warmer Atem streifte ihr Gesicht. War er nur forsch oder unverschämt …?

Oder grausam? Zum ersten Mal empfand Briar jetzt wirklich Angst. Es waren nicht nur sein Anblick oder seine harten Worte, alles an ihm attackierte ihre Sinne, versuchte, sie herauszufordern.

Das war zu viel!

Obwohl die nächtliche Augustluft angenehm warm war, erschauerte sie und ihre Muskeln spannten sich an. Jetzt galt es zu kämpfen oder fliehen.

Warum war der Mann gekommen – nachdem er alles getan hatte, um den Untergang ihrer Familie zu besiegeln?

Aber im Moment war das ziemlich unwichtig. Eins spürte Briar jedoch instinktiv: Was immer Diablo Barrentes wollte, es konnte nichts Gutes sein. Er hatte schon genug Leid über ihre Familie gebracht.

Somit stand für sie fest: Er würde diese Schwelle auf keinen Fall überschreiten!

„Briar? Wer ist da, Liebes?“

Überrascht, dass ihre Mutter noch wach war, drehte sie sich kurz um, ließ sich jedoch nicht dazu verleiten, den Teufel in Schwarz aus den Augen zu lassen. „Niemand Wichtiges. Ich habe das gerade erledigt.“ Zufrieden griff Briar nach der Klinke und wollte die Tür zuschlagen.

Sie hatte sich zu früh gefreut. Blitzschnell streckte Diablo Barrentes die Hand aus und stieß die Tür so weit auf, dass Briar sie nicht mehr erreichen konnte.

„Was soll das?“, rief sie empört, als er in der sperrangelweit aufgerissenen Tür wie ein schwarzer Panther vor ihr stand, bereit zum Sprung auf seine Beute.

„Briar!“, forderte ihre Mutter scharf. „Bitte Mr. Barrentes herein.“

Jetzt drehte sie sich voll zu ihrer Mutter um. „Das kannst du doch unmöglich ernst meinen! Schon gar nicht, nachdem …“

„Ich meine es ernst.“ Carolyn Davenport flüsterte nur noch und legte nervös die Arme um ihren mageren Oberkörper. „Dein Vater erwartet ihn. Bitte treten Sie ein, Mr. Barrentes. Cameron ist in seinem Arbeitszimmer. Entschuldigen Sie, dass meine Tochter so unhöflich war.“

Briar empfand das wie einen Schlag ins Gesicht. In einem hatte ihre Mutter dennoch recht: Eine Davenport blieb stets höflich. Doch sobald sie Diablo Barrentes vor sich gehabt hatte, war es um ihre gute Erziehung geschehen gewesen.

„Schon gut.“ Er nickte ihr knapp zu und ging an ihr vorbei. „Ich finde, es gibt nichts Erfrischenderes als eine Frau, die kein Blatt vor den Mund nimmt.“

Ihre Mutter schloss die Augen und schien einen Moment lang zu schwanken. „Ja“, sagte sie nur, nachdem sie sich wieder gefangen hatte, und konnte ihre besorgte Tochter nicht ansehen. „Wenn Sie bitte mitkommen würden, Mr. Barrentes …“

Nun verstand Briar überhaupt nichts mehr. „Was geht hier vor?“

Carolyn Davenport wandte sich ihr zu, konnte ihr jedoch immer noch nicht in die Augen sehen. „Bitte schließe die Tür, es kommt kühle Nachtluft herein. Und dann bringe Mr. Barrentes und deinem Vater bitte Kaffee und Cognac, ja? Sicher haben die Herren viel zu besprechen.“

Soll das ein Scherz sein? fragte Briar sich grimmig. Wenn es plötzlich kühl geworden war, lag das ja wohl nur an der schwarzen Gewitterwolke, die sie ins Haus gelassen hatte. Und auf keinen Fall würde sie den letzten Rest Cognac einem Menschen wie Diablo Barrentes servieren, dem Mann, der eine der ältesten und angesehensten Familien von Sydney mit einem Handstreich um ihr Vermögen gebracht hatte.

„Ich bringe meinem Vater, was er möchte“, erwiderte sie eisig und schloss die Tür. „Aber es tut mir leid, Mutter, Diablo kann sich selbst bedienen.“

Eine halbe Stunde später war Briar immer noch wütend auf den ungebetenen Gast, als ihre Mutter zu ihr ins Zimmer kam.

„Ist er weg?“, fragte sie und blickte vom Computer auf.

Carolyn Davenport schüttelte nur stumm den Kopf, und Briar wandte sich seufzend wieder dem Bildschirm zu. Es fiel ihr schwer, sich auf die Arbeit am Computer zu konzentrieren, weil ihre Gedanken immer wieder zu dem unverschämten Spanier abschweiften. Zum Teufel mit Diablo Barrentes! Was konnte er jetzt noch von ihrem Vater wollen? Es gab nichts mehr, das er an sich reißen konnte. Sogar das Familienanwesen, das Einzige, was sie noch besaßen, war bis unters Dach verpfändet.

„Was machst du da, Liebes?“ Ihre Mutter trat hinter sie und legte ihr die Hand auf die Schulter, um sie sanft zu streicheln. Die Liebkosung tat Briar gut, sie entspannte sich etwas.

„Eine Aufstellung der Möbel und Kunstgegenstände, die du und Dad zur Versteigerung freigeben wollt. Ich habe mit dem Auktionator gesprochen. Statt alles in einem Paket anzubieten, können wir alle zwei, drei Monate ausgewählte Stücke versteigern lassen und notfalls auch so unseren Verpflichtungen nachkommen.“

„Tatsächlich?“ Carolyn Davenport hielt inne und setzte sich auf den Hocker neben Briar. Zerstreut überflog sie die Posten auf dem Bildschirm und wirkte um Jahre gealtert.

Jetzt bereute Briar, dass sie sich an der Haustür so aggressiv verhalten hatte. In letzter Zeit war ihre Mutter nur noch ein Schatten ihrer selbst. Sie wirkte bleich und verhärmt, hatte jede Lebensfreude verloren. Der finanzielle Zusammenbruch forderte von ihnen allen seinen Tribut, am beängstigendsten jedoch von ihrer Mutter. Carolyn Davenport litt in mehr als einer Hinsicht: Nach wie vor hatte sie den Tod ihres ältesten Kindes vor zwei Jahren nicht verwunden. Inzwischen wagte sie sich auch kaum noch in die Stadt, weil sie laufend durch Zeitungsberichte gedemütigt wurden, die den Absturz der Familie ausschlachteten. Und selbst ihre früheren Freunde in der gehobenen Gesellschaft begegneten ihr nur noch mit mitleidigen Blicken.

Briar seufzte. Diablo Barrentes mochte der unmöglichste, arroganteste Mann der Welt sein, doch das rechtfertigte noch lange nicht, dass sie, eine vierundzwanzigjährige Frau, sich wie ein Teenager aufgeführt hatte.

Mit wenigen Tastengriffen speicherte sie die Datei und fuhr den Computer herunter. An die Familienerbstücke erinnert zu werden, die ihnen bald nicht mehr gehören würden, war das Letzte, was ihre Mutter jetzt brauchen konnte. „Mach dir keine Sorgen, Mom, ich bin sicher, es sieht schlimmer aus, als es ist. Wir schaffen es schon irgendwie. Und wenn ich den Job in der Galerie bekomme, geht es mit uns wieder aufwärts.“

Carolyn Davenport legte die Hand auf ihre und tätschelte sie leicht. „Lieb von dir, dich so für die Familie einzusetzen. Und wenn wir Glück haben, müssen wir vielleicht nicht alles verkaufen. Dein Vater hofft, dass es nun doch noch einen Ausweg aus der Katastrophe gibt.“

Jetzt wandte Briar sich ihrer Mutter voll zu. „Was bleibt uns noch? Wir haben die Banken und Finanzinstitute abgeklappert und alles, aber auch alles versucht. So wie ich es sehe, gibt es für uns keine Möglichkeit mehr.“

„Eine bleibt uns noch.“ In Carolyn kam Leben, ihre Augen leuchteten auf. „Erst heute hat uns jemand so etwas wie einen Rettungsring zugeworfen. Falls wir das Angebot annehmen, könnten wir unsere Schulden bezahlen und würden obendrein eine größere Geldsumme bekommen. Dann könnten wir das Personal wieder einstellen und unseren gewohnten Lebensstil wieder aufnehmen, statt alles verkaufen und verarmt leben zu müssen. Alles wäre dann wieder wie früher – als hätte es unseren finanziellen Absturz nie gegeben. Aber …“ Sie verstummte und blickte zum Arbeitszimmer, und in ihren grauen Augen erschien ein leerer, hoffnungsloser Ausdruck.

Briar wurde eiskalt. „Nein! Du kannst doch unmöglich Diablo Barrentes meinen! Bitte sag, dass es nichts mit diesem Mann zu tun hat!“

Verzweiflung übermannte sie, als ihre Mutter schwieg.

Unvermittelt sprang Briar auf und hob die Hände. „Letztlich ist er doch an allem schuld! Er war es, der gewissenlos den Ruin unserer Familie herbeigeführt hat! Warum sollte er jetzt plötzlich eine Kehrtwende machen und uns helfen wollen? Das wäre doch verrückt! Außerdem gibt es inzwischen nichts mehr, das er uns abnehmen könnte.“

Ihre Mutter stand auf und schob ihr eine widerspenstige Locke hinters Ohr, dann strich sie ihr liebevoll über die Arme. „In unserer jetzigen Lage können wir nicht wählerisch sein.“

„Aber er ist ein schrecklicher Mensch!“, rief Briar außer sich. „Und wie er sich aufführt – als würde ihm ganz Sydney gehören!“

Ihre Mutter zog die Brauen hoch und lächelte matt. „Mag sein. Aber ganz so schlimm kann er doch sicher nicht sein. Bestimmt hat er auch seine guten Seiten, meinst du nicht?“

Briar gab einen Laut der Verachtung von sich. „Wenn ja, versteckt er sie ziemlich gut.“

„Außerdem sieht er blendend aus.“

„Mag sein – wenn du auf Freibeuter stehst.“ Die Einwände ihre Mutter gefielen ihr nicht. „Vergiss nicht, wir sprechen von Diablo Barrentes, dem Mann, der darauf aus ist, die alteingesessenen Familien von Sydney zu vernichten – allen voran die Davenports. Da ist es doch gleichgültig, wie er aussieht.“

„Briar …“ Die Stimme ihres Vaters hinter ihnen unterbrach schroff ihr Gespräch. „Gut, dass du noch auf bist. Hast du ein, zwei Minuten Zeit für mich?“

Erleichtert atmete sie auf. Das Erscheinen ihres Vaters musste bedeuten, dass Diablo endlich gegangen war. Hoffentlich ein für alle Mal! Sie war es leid, im eigenen Haus wie auf glühenden Kohlen zu sitzen. Jetzt würde sie endlich erfahren, was los war. Und falls ihr Vater womöglich finanzielle Hilfe von Diablo annehmen wollte, hatte sie auch ein Wörtchen mitzureden.

„Geh mit deinem Vater“, drängte ihre Mutter mit einem Lächeln, das nicht sehr überzeugend wirkte, und deutete zur Tür. „Wir haben ja alles besprochen.“

Briar fiel auf, dass ihre Eltern einen bedeutsamen Blick wechselten. Was ging hier vor? Warum wirkten beide so bedrückt, obwohl Rettung in Sicht war?

Verlangte Barrentes zu viel?

Ihr wurde flau im Magen. Nichts konnte sie jetzt mehr überraschen. Diablo würde seinen Sieg bis ins Letzte auskosten, nachdem er ihren Vater in die Knie gezwungen hatte.

Zum Teufel mit dem Mann! Sie würde alles tun, um den Klauen dieses geldgierigen Menschen zu entkommen.

„Vielleicht sollte ich mitkommen“, erklärte ihre Mutter unvermittelt und nahm ihre Hand.

„Nein!“ Cameron Davenport stellte sich zwischen die beiden Frauen und trennte sie. „Du bleibst hier, Carolyn“, bestimmte er. „Was wir zu besprechen haben, dauert nicht lange. Danach könnte ich sicher noch einen Kaffee vertragen.“

„Willst du mir nicht endlich verraten, was los ist?“, fragte Briar ihren Vater wenige Augenblicke später, während sie ihm durchs Haus folgte. Sein Schweigen ängstigte sie. „Was wollte Diablo?“

Vor seinem Arbeitszimmer blieb er stehen, wandte sich ihr zu und ergriff ihre Hände. Niedergeschlagen sah er sie an, und erst jetzt bemerkte sie die dunklen Schatten unter seinen Augen. Auch an ihm waren die Ereignisse nicht spurlos vorübergegangen. Aus dem Arbeitszimmer tickte schicksalsschwer die alte Standuhr herüber.

„Briar“, begann er seufzend, „ehe wir uns unterhalten, sollst du wissen, dass ich das nicht gewollt habe. Du musst es mir glauben!“ Er sah sie so eindringlich an, dass sie spürte, wie verzweifelt er war; seine knochigen Finger fühlten sich kalt und feucht an.

Unwillkürlich wappnete sie sich. „Was hast du nicht gewollt?“

„Ich brauche deine Hilfe“, fuhr er fort, ohne auf ihre Frage einzugehen. „Und mir ist bewusst, dass ich möglicherweise zu viel von dir verlange.“

„Das ist schon in Ordnung, Dad“, erwiderte sie gespielt zuversichtlich und drückte seine Hände. Sie versuchte zu lächeln, obwohl ihr das Herz bis zum Hals schlug und eine böse Vorahnung sie beschlich. „Nun sag’s schon. Was erwartest du von mir?“

Eine Bewegung zog ihre Aufmerksamkeit auf sich, und eine Gänsehaut überlief sie.

Diablo! Er war also doch nicht gegangen! Locker an den Türrahmen gelehnt, stand er da und lächelte triumphierend.

Sieg! verkündete seine Miene, und seine Augen funkelten gefährlich.

„Es ist ganz einfach, Briar“, nahm er ihrem Vater die Antwort ab und löste sich von der Tür. „Ihr Vater erwartet, dass Sie mich heiraten.“

2. KAPITEL

„Wenn das ein Scherz sein soll, Mr. Barrentes …“ Briars Stimme klang erstaunlich ruhig. Nur der Ausdruck ihrer Augen verriet ihre maßlose Wut. „… dann sollten sie sich schleunigst eine andere Art von Humor zulegen.“

Sein schallendes Gelächter brachte sie nur noch mehr auf. „Was finden Sie daran so lustig?“

Er wurde ernst und blickte ihr in die Augen. „Dass es kein Witz ist. Ihr Vater hat einer Ehe mit mir zugestimmt.“

Im ersten Moment war Briar sprachlos. Doch nur einen Moment. Dann machte sie eine wegwerfende Handbewegung und begann ebenfalls zu lachen. „Sie müssen verrückt sein! Dad, sag ihm, dass das völlig lachhaft ist! Nie im Leben würdest du von mir etwas so Absurdes erwarten, wie ausgerechnet diesen Mann zu heiraten.“ Sie sah ihren Vater an, beschwor ihn stumm, ihr recht zu geben – doch er schwieg und blickte so trostlos drein, wie sie ihn noch nie erlebt hatte.

Ihr Lachen erstarb, und mit ihm die Hoffnung.

„Briar“, flüsterte Cameron Davenport endlich und wollte ihr die Hand auf die Schulter legen. „Du musst verstehen …“

In diesem Augenblick begriff sie. „Nein!“ Entsetzt wich sie vor ihrem Vater und dem zurück, was sein Blick ihr sagte. „Da gibt es nichts zu verstehen.“

„Bitte“, flehte Cameron, „deine Mutter darf uns nicht hören.“ Er deutete an, ins Arbeitszimmer zu gehen, und schloss die Tür hinter ihnen. „Du musst mir zuhören.“

Benommen ließ Briar zu, dass er sie mitten in den Raum schob, dann drehte sie sich zu ihrem Vater um und ließ ihren Gefühlen freien Lauf. „Wieso sollte ich mir so einen Unsinn anhören?“

„Und wie können Sie von Unsinn reden, wenn Sie sich nicht einmal anhören wollen, worum es geht?“, mischte Diablo sich von der Seite her ein.

Gereizt wandte Briar sich ihm zu. „Wenn ich Ihre Meinung hören wollte, würde ich es sagen.“

Doch er wirkte keineswegs beleidigt, schien sogar sehr mit sich zufrieden zu sein. Die Hände rechts und links von sich auf den Schreibtisch ihres Vaters gestützt, stand er da – ein unverschämt gut aussehender Mann! Sein maßgeschneidertes Hemd betonte den muskulösen Oberkörper. Die obersten Knöpfe waren lässig geöffnet, sodass die gebräunte Haut darunter zu erkennen war.

Briar musste sich zwingen, fortzublicken. Ihre Mutter hatte recht. Diablo Barrentes sah wirklich umwerfend aus. Warum musste sich hinter dieser atemberaubenden Fassade ein Unhold verbergen? In der Welt ging es nicht gerecht zu.

Nun lächelte er amüsiert, als hätte er ihre Gedanken erraten. „Sie sind tatsächlich so stachlig, wie Ihr Name signalisiert, Briar – meine wilde Rose.“

„Ich bin nicht Ihre wilde Rose! Und ich will Sie auch nicht heiraten! Nichts auf der Welt könnte mich dazu bringen.“

Aufgebracht wandte sie sich wieder ihrem Vater zu, und auf einmal war ihr Verschiedenes klar. Nun ergab auch die Bemerkung ihrer Mutter Sinn: Er muss doch auch gute Seiten haben. „Worum geht es hier wirklich, Dad? Warum hast du uns ins Arbeitszimmer geholt? Mutter weiß Bescheid, stimmt’s?“

Ihr Vater wurde aschfahl im Gesicht. „Ja. Sie weiß etwas von dem Heiratsantrag.“

Briar fühlte sich elend. „Etwas?“ Was konnte es sonst noch geben? Schon was sie bis jetzt gehört hatte, war unfasslich! Die bloße Vorstellung war ungeheuerlich, dass ihre eigenen Eltern – die beiden Menschen, die vorgaben, sie zu lieben und nur das Beste für sie zu wollen – ohne sie zu fragen über ihr zukünftiges Leben entschieden hatten!

„Ihr habt also alles miteinander besprochen. Ich kann mir gut vorstellen, wie die Unterhaltung gelaufen ist: ‚Wollen wir das Strandhaus verkaufen? Eventuell den alten Bentley in Zahlung geben? Oder vielleicht doch lieber Briar mit Diablo Barrentes verheiraten?‘“

Über die Schulter hinweg warf Briar ihrem Vater einen verächtlichen Blick zu. „Ihr habt euch darauf geeinigt, mich mit dem Menschen zu verkuppeln, den unsere Familie mehr als alles auf der Welt verabscheut. Wie konntet ihr so etwas tun?“

Ihre beleidigenden Worte schienen glatt an Diablo abzuprallen, nur in seinen Augen blitzte es auf.

Doch ihren Vater trafen sie zutiefst. „So beruhige dich doch, Briar. Uns bleibt keine andere Wahl.“

„Es gibt immer eine andere Wahl! Ich zum Beispiel habe eine! Ich denke nicht daran, Diablo Barrentes zu heiraten. Ihn würde ich nicht einmal heiraten, wenn er der letzte Mann auf der Welt wäre.“ Sie wandte sich ihm voll zu und sah ihm voller Hass in die Augen. „Lieber möchte ich tot sein!“

Ein feines Zucken an seiner Wange zeigte, dass er sich diesmal getroffen fühlte. „Wie ich sehe, haben Sie offenbar die Schauspielschule besucht“, bemerkte er ruhig. „Ich hatte wohl doch falsch getippt, was Ihre Ausbildung betrifft.“

„Es geht Sie zwar nichts an, Mr. Barrentes, aber ich war auf der Kunstakademie“, klärte Briar ihn schnippisch auf.

Erstaunt zog er die Brauen hoch. „Das überrascht mich, weil Sie unverkennbar zum Dramatischen neigen.“

„Und Sie neigen zu Hirngespinsten! Wie konnten Sie allen Ernstes glauben, ich würde Sie heiraten? Was haben Sie sich dabei gedacht? Dass Sie damit in die High Society von Sydney aufsteigen? Aber da haben Sie sich verrechnet. Die Leute vergessen nicht, dass Sie über Leichen gegangen sind und skrupellos jeden vernichtet haben, der sich Ihnen auf dem Weg nach oben entgegengestellt hat.“

Mit halb geschlossenen Augen betrachtete Diablo sie. „Sie hassen mich, weil ich mir aus eigener Kraft ein Vermögen aufgebaut habe, statt es wie Sie und Ihresgleichen geerbt zu haben?“

„Ich hasse Sie, weil Sie sich rücksichtslos an anderen bereichert haben. Unter anderem auch an meinem Vater.“

„Tatsächlich? Trotzdem biete ich Ihrem Vater jetzt die Möglichkeit, finanziell wieder auf die Beine zu kommen. Er findet mein Angebot vernünftig. Dennoch hassen Sie mich?“

„Ich werde Sie immer hassen.“

Verzweifelt wandte Briar sich an ihren Vater. „Bitte sag, dass es nicht wahr ist! Du kannst doch unmöglich von mir erwarten, dass ich die Frau dieses arroganten spanischen Einwanderers werde. Schließlich leben wir im Sydney des einundzwanzigsten Jahrhunderts, wo Eltern nicht mehr einfach ihre Töchter verheiraten.“

Traurig schüttelte ihr Vater den Kopf. „Briar …“ Ihm versagte die Stimme, er ließ sich in einen Sessel sinken und schlug die Hände vors Gesicht. „Meine Güte, was war ich für ein Narr.“

Sie stürzte zu ihm, kauerte sich vor ihn hin und legte ihm die Hände auf die Arme, als könnte sie ihm so etwas von ihrer Kraft einflößen. „Dad, hör mir zu. Wir brauchen Diablos Geld nicht. Ich habe alles gut durchdacht. Wir können auch so durchkommen, genau wie wir es ausgerechnet haben – ich bekomme diesen Job, und von Zeit zu Zeit versteigern wir einen Teil der wertvollen Möbel. Vor Leuten wie ihm müssen wir nicht zu Kreuz kriechen, wir kommen auch ohne sein Geld durch.“

„So einfach ist es nicht“, erwiderte ihr Vater matt und schüttelte den Kopf.

„Doch, Dad, es ist so einfach“, versicherte Briar ihm. „Wir müssen uns nicht auf diesen Handel einlassen. Ich hatte noch keine Zeit, mit dir darüber zu sprechen, aber wir schaffen es auch ohne Diablo Barrentes. Was macht es schon, wenn wir keine Angestellten mehr haben? Wir kommen auch ohne sie aus. Das tun wir doch schon. Und bald habe ich eine Stellung.“

„Wir kommen eben nicht aus! Sieh dir doch an, wie verwahrlost hier alles ist. Es quält deine Mutter, dass sie die Arbeit nicht allein schafft …“

Briar ließ ihn nicht ausreden. „Was macht es schon, wenn hier nicht täglich sauber gemacht wird? Bald wird alles besser, du wirst es sehen.“

Ihr Vater packte sie so fest bei den Schultern, dass es schmerzte. „Nein. So einfach ist es eben nicht“, wiederholte er. „Hör mir gut zu. Wir haben kein Geld mehr. Niemand gibt uns Kredit. Wir sind am Ende.“

„Nein!“ Beschwörend sprach Briar auf ihn ein. „Wir werden wieder Geld haben, und zwar genug, um die schlechten Zeiten überbrücken zu können. Das Geld anderer Leute brauchen wir nicht, schon gar nicht Diablo Barrentes’. Ich hole dir die Aufstellung, die ich gemacht habe, und beweise es dir.

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