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Der Tag bricht an

Inhaltsübersicht

ERSTES KAPITEL

ZWEITES KAPITEL

DRITTES KAPITEL

VIERTES KAPITEL

FÜNFTES KAPITEL

SECHSTES KAPITEL

SIEBENTES KAPITEL

ACHTES KAPITEL

NEUNTES KAPITEL

ZEHNTES KAPITEL

ELFTES KAPITEL

ZWÖLFTES KAPITEL

DREIZEHNTES KAPITEL

ERSTES KAPITEL

»Mein Pierre«, sagte Miroul, als er mich am Freitag, dem 25. März, in aller Frühe weckte, »wollt Ihr wissen, was mir den ganzen letzten Tag und die ganze Nacht durch den Kopf ging?«

»Herr Junker«, sagte ich gähnend, »soll ich Euch das wirklich fragen? Verratet Ihr’s mir nicht sowieso?«

»Gut denn: Am 22. März ist Heinrich IV., unser Henri, in seine Hauptstadt und in den Louvre eingezogen. Aber Ihr, Herr Marquis, steht da wie zuvor, weil Euer Haus seit den Barrikaden1 noch immer von den Leuten der Liga besetzt ist.«

»Des einen Freud, des anderen Leid. Ich wette, dort hat sich irgend so ein Lausekerl von den ›Sechzehn‹ eingenistet wie ein Kuckuck, und ich werde ihn mit Büttelgewalt aus meinem Eigentum verjagen müssen.«

»Nicht nötig, Moussu2

»Ah, sieh an!«

»Habt Ihr vielleicht gehört, welches Ungemach drei ligistische Frauenzimmer vor Verdruß darüber traf, daß Paris sich Henri ergeben hat?«

»Diga me.«3

»Die erste, Dame Lebrun, Tuchhändlerin in der Grand’rue Saint-Denis, fiel vor Schreck tot um, als sie den König intra muros4 sah. Der zweiten, Kammerjungfer des Erzligisten Beri, blieb die Sprache weg. Die dritte, Ehefrau des Advokaten Choppin, verlor den Verstand. Wozu Monsieur de l’Etoile, der mich gestern mit seinen Neuigkeiten letzte, meint, daß diese wenigstens nicht viel verloren hat.«

»Guter Witz! Fahr fort. Mir schwant, wir nähern uns meinem Haus.«

»Da sind wir schon, Moussu. Besagter Choppin nämlich ist zufällig der Onkel eines gewissen Bahuet, welcher dank der ›Sechzehn‹ bis heute unrechtmäßig und unerlaubt in Eurem Hause sitzt.«

»Klein ist die Welt!«

»Winzig klein! Denn wißt Ihr, wer dieser Bahuet ist?«

»Ich höre.«

»Der ehemalige Sekretär des Chevalier d’Aumale.«

»Beim Ochsenhorn! Ein Glück nur, daß der König mir Stillschweigen darüber befahl, daß ich den Chevalier beseitigt habe. Sonst könnte man glauben, ich hätte ihn aus privater Rache erschossen. Aber diesen Bahuet, den werde ich jetzt schnellstens aus meinem Bau verscheuchen.«

»Nicht nötig, Moussu.«

»Miroul, du wiederholst dich.«

»Nein doch! Wie ich gestern hörte, steht dieser Bahuet auf der Liste jener 140 Personen, die der König als stärkste Parteigänger der ›Sechzehn‹ aus seiner guten Stadt verbannt. Das Edikt tritt heute zur Mittagsstunde in Kraft.«

»Dann brauche ich also nicht gleich hinzulaufen.«

»Im Gegenteil, Moussu. Seit gestern wimmelt die Stadt von königlichen Offizieren, die ein Dach überm Kopf suchen, und wer ein leerstehendes Haus sieht, der nimmt es in Beschlag.«

»Guter Gedanke, Herr Junker.«

»Herr Marquis, darf ich Euch erinnern, daß wir vereinbart hatten, untereinander nicht ganz so förmlich zu sein? Was mich angeht, so möchte ich für Euch ›Miroul‹ sein wie immer und nicht ›Monsieur de La Surie‹ oder ›Herr Junker‹.«

»Und ich für dich ›mein Pierre‹ und nicht ›Moussu‹, weil dein ›Moussu‹ noch immer nach dem perigordinischen Diener klingt, der du nicht mehr bist. Usted està de acuerdo?«

»Sí, señor. Quiero decir: Sí, Pedro.«

»Està bien.«1

»Mein Pierre«, sagte Miroul, »um beim Spanischen zu bleiben: Was macht Ihr mit Doña Clara?«

»Wenn sie will, kann sie hier, in der Rue des Filles-Dieu, wohnen bleiben. Schließlich möchte ich nicht, daß sie mit meiner Angelina zusammentrifft, falls meine Gemahlin einmal die Lust anwandelt, mein Gut Chêne Rogneux zu verlassen und sich in meinem Stadthaus aufzuhalten.«

»Und Héloïse?«

»Ha, Miroul! Schelm du! Sie bleibt natürlich in Doña Claras Diensten. Und Lisette ebenso.«

»Was Lisette betrifft, mein Pierre, tut Ihr nicht mir einen Gefallen, sondern Monsieur de l’Etoile. Aber, gerechter Gott, das alles auf Eure Kosten! Denn dann zahlt Ihr ja weiterhin Miete für ein Haus, das Ihr nicht mehr bewohnt!«

»Wozu hat man Freunde, wenn man ihnen nicht dient?«

»Mein Pierre, das ist tiefsinnig. Das schreibe ich mir auf.«

»Woher weißt du, daß dieser Bahuet verbannt wird?«

»Vom Schreinermeister Tronson, dem er Geld schuldet. Weshalb der es sich zurückholen will, bevor Bahuet die Stadt verläßt. Er würde uns gern begleiten.«

»Kann er nicht allein gehen?«

»Er traut sich nicht. Dieser Bahuet ist ein gewalttätiger Bursche, der sich mit üblem Gelichter umgibt.«

»Getreu den Manen des Chevalier d’Aumale.«

»Ha, mein Pierre! ›Den Manen des d’Aumale‹! Ein hübsches gioco di parole1 «

»Da es mir ungewollt unterlief, schenk ich es dir.«

»Danke. Ich bewahre es mir zu späterem Gebrauch.«

»Bitte. Aber nun Schluß mit der ›Kindbetterei‹, wie der König zu sagen pflegt. Schick Pissebœuf zu Tronson, mag er nur kommen, sobald er kann. Und ruf Lisette, daß sie mich ankleidet.«

»Das, mein Pierre, kann ich auch.«

»Nichts da! Ein Junker hat mich im Krieg zu wappnen, nicht mir die Hosen anzuziehen. Das ist Weiberpflicht.«

»Reizende Pflicht!« sagte Miroul, und sein braunes Auge blitzte ebenso wie sein blaues. Und zierlich und elegant mit seiner Wespentaille entfleuchte er nach diesem Stich.

Mein Nachbar in der Rue des Filles-Dieu, »Hauptmann« Tronson (was er lediglich in der Bürgermiliz war, die Herren von Handwerk und Handel hatten sich nämlich gegenseitig mit militärischen Titeln beehrt, als sie während der Belagerungszeit die Pariser Stadtmauern verteidigten, die der König allerdings gar nicht angriff), dieser »Hauptmann« also war, wie der Leser sich erinnern wird, ein wahrer Berg von einem Mann, so breit wie hoch, feist wie ein Mönch, großmäulig und prahlerisch wie sonst keiner guten Mutter Sohn in Frankreich. Vom Gewerbe her war er Sargschreiner, doch schlug er raffgierig Münze aus allem und verzehrte sich, seit es Frieden war, vor Sorgen, daß seine Särge nicht mehr in solchen Mengen begehrt sein könnten wie unter der Belagerung. Im übrigen ein waschechter Pariser, der wie so viele andere mit den Gezeiten unserer Bürgerkriege, ob Ebbe, ob Flut, obenauf geschwommen war: In der Bartholomäusnacht hatte er auf der Seite Karls IX. gestanden, unter Heinrich III. bei den Barrikadenbauern, unter Mayenne Ligist und Papist, ohne fromm zu sein, mit den »Sechzehn« war er scharf auf ein großes Massaker unter den »Politischen« der guten Stadt und auf die abschließende saftige Plünderung ihrer schönen Häuser. Und jetzt, da die Liga an Stand einbüßte und Henri Terrain gewann, vor allem als er sich zum katholischen Glauben bekehrte, bekehrte sich auch Tronson, warf die ligistische Haut ab und wandelte sich zum »Politischen«, indem er die weiße Schärpe anlegte und sich jenen anschloß, die den königlichen Truppen bei Nacht die Tore der Hauptstadt öffneten. Was ihn, zumindest in der Rue Saint-Denis, zum Jahrhunderthelden machte.

Von der Filles-Dieu-Kirche schlug es sechs, als unser Held, von Kopf bis Fuß gepanzert und gewappnet, vor meiner Haustür erschien; die zwei Gesellen, die ihn begleiteten, trugen zusammengestoppelte Waffen.

»Nanu, Herr Marquis!« sagte er mit einer Vertraulichkeit, die mich grätzte, »im bloßen Wams? Und nur mit dem Degen gegen eine verzweifelte Bande? Euch gilt Euer Leben wohl nicht viel!«

»Meister«, sagte ich, »mein Schwert und mein Recht, denke ich, sollten genügen.«

»Vorsicht! Dieser Bahuet war einer von den ›Sechzehn‹! Eine blutrünstige Brut!«

»Wahrlich«, sagte ich spöttisch, »wer kennte sie besser als Ihr, Gevatter? Es gab eine Zeit, da machtet Ihr den ›Sechzehn‹ Reverenzen mit nacktem Hintern.«

»Die Zeiten ändern sich«, sagte Tronson würdevoll.

»Und wer sich mit ihnen ändert, heißt Wetterfahne.«

»Herr Marquis«, sagte Tronson ernst, »es liegt nicht an der Wetterfahne, wenn sie sich dreht: Es liegt am Wind.«

Obwohl ich schmunzeln mußte, ging ich doch auf Abstand zu dem dreisten Schlawiner, der sich einbildete, er könne mir von oben herab kommen, weil er mich in meiner Verkleidung als Tuchhändler gekannt hatte. Und wohl wissend, daß seine Beleibtheit nicht mithalten könne, beschleunigte ich den Schritt, so daß ich ihm und seinen Gesellen bald zwei Klafter voraus war, neben mir Miroul und hinter uns Pissebœuf und Poussevent, einstige Arkebusiere der hugenottischen Truppe von Monsieur de Châtillon, die geruht hatten, meine Pferdeknechte zu werden, freilich unter der Bedingung, daß sie nicht so geheißen würden. Ihr steifer Gang verriet mir, daß Miroul sie angewiesen hatte, unter ihren Kleidern Kettenhemden anzulegen.

»Herr Marquis«, sagte Miroul, der mich in Hörweite der beiden nie anders ansprach, »mich beschäftigt ein Ehrenpunkt, den ich nicht zu lösen weiß.«

»Diga me.«

»Ihr wißt, wie geschickt ich immer im Messerwerfen war.«

»Und ob! Damit hast du mir mehr als einmal das Leben gerettet.«

»Danke für dieses Gedenken.«

»Der Dank ist ganz meinerseits, Monsieur de La Surie. Fahrt bitte fort.«

»Indessen«, fuhr Miroul fort, »ist das Messer eine ehrlose Waffe und das Messerwerfen eine Kunst (hier senkte er die Stimme), die ich in meiner Jugend als Landstreicher erlernte. Jetzt aber, da ich ein Gütchen besitze und dessen Namen trage, und nachdem der König mich geadelt hat, frage ich mich, ob ich mich des Messerwerfens nicht als schandbar und eines Edelmanns unwürdig enthalten muß.«

»Das ist zu bedenken«, sagte ich ernst. »Immerhin, Waffe ist Waffe. Nur ihr Gebrauch kann sie schändlich machen, von vornherein ist sie es nicht. Angenommen, irgendein Schuft, in jeder Hand eine Pistole, schießt mit der einen, ohne Euch zu treffen, und Ihr werft Euer Messer, bevor er mit der anderen schießen kann – was wäre daran verwerflich? Oder denkt an mein Duell mit der Vasselière im Hôtel Montpensier: Hätte sie mich verwundet zu Boden gestreckt und sich angeschickt, mir den Garaus zu machen – hättest du ihr dann nicht dein Messer zwischen die Schulterblätter geschleudert?«

»Mit Wonne«, sagte Miroul zähneknirschend.

»Entweder«, fuhr ich fort, »ist jegliche Waffe schandbar, und man begibt sich nackt und bloß unter die Wölfe – oder jede Waffe, die uns vor Übeltätern schützt, ist gut. Vergebens verbot die Kirche einst die Armbrust als verräterisch und heimtückisch: Sie blieb trotzdem noch vierhundert Jahre im Gebrauch. Und was, Monsieur de La Surie, ist denn der große Unterschied zwischen einem Pfeilschuß und einem Messerwurf?«

»Ihr habt recht«, sagte La Surie. »Herr Marquis, Euer Urteil erleichtert mein Gewissen und nimmt meinen Stiefeln den Stein, welchen die Lateiner scrupulum nannten. Nun weiß ich, daß ich meine Messer werfen kann, ohne gegen meinen Adel zu verstoßen.«

Das Haus, welches die »Sechzehn« mir vor sechs Jahren geraubt hatten, als ich mit meinem geliebten Herrn Heinrich III. aus der Capitale fliehen mußte, lag bequeme zwei Schritt vom Louvre, in der Rue du Champ Fleuri, die parallel zur Rue de l’Autruche verläuft.

Ich vermute, daß die Rue du Champ Fleuri, wie ihr Name erkennen ließ, auf Gelände erbaut wurde, das einst zu den Gärten des Schlosses gehört hatte, bot doch die ummauerte Hauptstadt nicht viel freien Raum. Ich hatte das schöne Anwesen von den Geldern gekauft, die ich zum Lohn für meine geheimen Missionen von Heinrich III. erhielt, dem großmütigsten und freigebigsten König, den es je gab. Nicht, daß ich hiermit andeuten will, daß Heinrich IV., unser Henri, geizig wäre, wie behauptet wurde. Höchstens könnte man sagen, daß er entschieden sparsamer war, weil er so viele Mittel benötigte, um den Krieg gegen die Liga und gegen Spanien weiterzuführen, und daß er seine Adligen weniger gut bedachte als seine Kriegsinvaliden oder auch deren Witwen.

Wie alle anderen Pariser Straßen (ausgenommen die Brücke Notre-Dame) hat die Rue du Champ Fleuri keine Hausnummern, so daß ein Briefbote einen nur findet, indem er sich bei den Nachbarn erkundigt. Um die Adresse auf einem Sendschreiben anzugeben, bedarf es darum eines Zusatzes. Zu der Zeit, als ich erst Chevalier war, lautete die meine:

 

Monsieur le Chevalier de Siorac

Edelmann

wohnhaft in Paris, Rue du Champ Fleuri

gegenüber der alten Nadlerei.

 

Wobei das Kuriose hieran war, daß die Nadlerei längst zugemacht, den Handel eingestellt und ihr Schild abgenommen hatte, so daß sie auch nicht leichter zu finden war als mein Haus.

Gewiß hatte ich während der ganzen Belagerungszeit in Paris gelebt, jedoch als Tuchhändler getarnt, und hatte es daher nicht gewagt, den Fuß in die Rue du Champ Fleuri zu setzen, damit die Gevatterinnen mich nicht etwa erkannten, die unter dem Vorwand, ihre Blumen vorm Fenster zu gießen, jedweden Passanten mit ebenso flinken Augen wie Zungen begutachten. Und so betrat ich meine Gasse an diesem hellen Morgen denn mit sehr beklommener Brust, doch wie pochte mir das Herz, als ich beim Näherkommen sah, daß mein Kutschentor weit offenstand! Weil ich nun dachte, Bahuet packe in meinem Hof seine Siebensachen, bat ich Miroul, am Haus vorüberzugehen und einen Blick durch besagtes Tor zu werfen, was er mit seiner gewohnten Behendigkeit tat.

»Moussu«, sagte er, als er wiederkam, »er packt nicht seine Sachen, er packt Eure!«

»Was sagst du?«

»Es ist die schiere Wahrheit, Moussu: Dieser Bahuet schafft Eure Möbel, Teppiche, Kisten und Kasten weg; er lädt alles auf zwei große Wagen.«

»Was für ein Schubiak! Beim Ochsenhorn, dem ziehe ich die Ohren lang!«

»Gemach, Moussu!« sagte Miroul. »Er hat an fünfzehn Kerle um sich, die ziemlich wild aussehen und allesamt bewaffnet sind.«

»Was höre ich?« sagte »Hauptmann« Tronson, der schnaufend zu uns stieß, »fünfzehn? Herr Junker, habt Ihr fünfzehn gesagt? Aber wir sind nur sechs!«

»Mädchen«, sagte ich zu einer schmucken Jungfer, die mit einem Henkelkorb am Arm des Weges kam, »weißt du, was das für Männer sind, die man im Hof des Herrn Bahuet sieht?«

»Wahr und wahrhaftig«, sagte sie sehr gedämpft in ihrem hurtigen Pariser Tonfall, »Taugenichtse sind es! Das könnt Ihr mir glauben! Schiffergehilfen, übles Volk. Und es ist eine Schande, daß derlei sich in einer so feinen Straße, zwei Schritt vom Louvre, herumtreibt. Aber, Monsieur«, fuhr sie fort, indem sie bald mein Gesicht, bald meine Kleidung ins Auge faßte, »auch wenn Ihr mit Eurem Degen vornehm ausseht, tragt Ihr doch ein Wams aus grobem Leder. Seid Ihr nun Edelmann oder nicht? Was sucht Ihr hier? Wer sind die anderen da? Und was wollt Ihr von Herrn Bahuet?«

»Mädchen«, sagte ich, indem ich ihr die Wange tätschelte, »auf den Mund gefallen bist du nicht, wie? Die anderen da sind gute Leute und ich ebenso. Hier hast du einen Sou, geh und trink ihn auf meine Gesundheit.«

»Einen Sou!« sagte sie und machte große Augen. »Ha, Monsieur! Dafür erzähl ich Euch alles, was Ihr wissen wollt, über sämtliche Bewohner unserer Gasse! Aber, Monsieur«, fuhr sie fort, »solltet Ihr eines Tages eine Kammerfrau benötigen, denkt an mich, ich heiße Guillemette und wohne in dem Haus rechts von der alten Nadlerei. Meine gute Herrin ist während der Belagerung gestorben, ich bin stellenlos und muß mit sechzehn Jahren noch meinen Eltern zur Last fallen.«

Hiermit machte sie lächelnd einen artigen Knicks und ging.

»Nettes Weib!« sagte Pissebœuf zu Poussevent. »Bei der möcht ich unterkriechen.«

»Arkebusier«, sagte Miroul, der gern den Moralapostel spielte, seit der König ihn geadelt hatte, »laß deine anzüglichen Reden! Herr Marquis«, fragte er, mir zugewandt, »was machen wir nun?«

»Miroul«, sagte ich, indem ich ihn unterhakte und beiseite zog, »offen gestanden, die Sache gefällt mir nicht: Ein schiefer Blick, und diese Strolche dort gehen aufs Ganze. Der Büttel, das siehst du ja, hat Angst vor ihnen. Und wenn es zum Handgemenge kommt, ist auf Tronson wenig Verlaß. Auf seine Gesellen noch weniger. Das heißt, wir wären vier gegen fünfzehn, und fünfzehn, das ist viel, Miroul! Soll ich unser Leben riskieren wegen ein paar Möbeln, so kostbar sie mir auch sind?«

»Aber was dann?« fragte Miroul. »Sie rauben lassen?«

»Nein, Miroul! Geh zum Louvre, such Vitry, und flüstere ihm, was hier los ist; sag ihm, er möge mit einem Dutzend Arkebusieren zu unserer Verstärkung kommen.«

»Mein Pierre«, sagte Miroul, und sein blaues Auge blickte argwöhnisch, sein braunes besorgt, »und was machst du, während ich fort bin?«

»Ich werde mit Bahuet reden.«

»Das ist gefährlich, mein Lieber. Vor allem, wenn du die Pfoten in den Rattenkäfig dort steckst.«

»Ich weiß, mein Lieber. Geh unbesorgt.«

Als ich nun sah, daß Guillemette mit ihrem leeren Korb neugierig um uns herumstrich, ging ich und faßte sie bei ihrem rundlichen Arm.

»Mädchen, zwei Sous für dich«, raunte ich ihr ins Ohr, »wenn du mir Schreibzeug und einen kleinen Laufjungen beschaffst.«

»Ha, Monsieur, zwei Sous! Ihr seid wahrlich kein Knauser! Ich bin im Nu wieder da.«

Wie der »Hauptmann« Tronson das hörte, trat er in seiner gepanzerten Gewichtigkeit auf mich zu.

»Herr Marquis«, sagte er mit völlig neuem Respekt, »ich verstehe all dieses Hin und Her nicht. Beliebt mir ein Licht aufzustecken.«

»Ich will Bahuet mit ein paar Zeilen bewegen, mich hier aufzusuchen.«

»Herr Marquis, Ihr begebt Euch in Gefahr!«

»Du mußt sie nicht teilen. Ich will ihn auf jeden Fall sprechen.«

»Dann, Herr Marquis, beliebt ihn an seine Schuldigkeit mir gegenüber zu erinnern.«

»Wieviel schuldet er dir?«

»Hundert Ecus. Er hätte sie mir schon vor drei Jahren zurückzahlen sollen.«

»Beim Ochsenhorn, drei Jahre! Warum hast du nicht gegen ihn prozessiert?«

»Herr Marquis, Ihr macht Witze! Niemals hätte der Gerichtshof mir gegen einen von den ›Sechzehn‹ Recht gegeben, nachdem die den Gerichtspräsidenten Brisson hingerichtet hatten. Und Bahuet hätte mich einsperren lassen!«

»Und jetzt, seit der Wind sich gedreht hat?«

»Das Gericht ist langsam. Bis dahin ist Bahuet längst über alle Berge. Und wer soll ihn fassen, wenn er zu Mayenne flüchtet oder zu den Spaniern nach Flandern?«

»Das stimmt. Gevatter, wenn der Bursche sich hergetraut, lege ich ein Wort für dich ein.«

Da sah ich Guillemette auch schon mit einem Jungen und Schreibzeug kommen, ich kehrte Tronson den Rücken, gab der Kleinen ihre zwei Sous, dann setzte ich mich auf einen der beiden Torsteine, welche die Einfahrten vor den Kutschenrädern schützen, und schrieb:

 

Maître Bahuet,

Ihr werdet mit Eurem Wagenzug außerhalb der Stadtmauern großen Ärger bekommen. Wenn Ihr mich zur Stunde vor der alten Nadlerei aufsuchen wollt, kann ich Euch einen Rat geben, wie Ihr diese Gefahren vermeidet.

S.

 

»Gnädiger Herr«, sagte Guillemette, die sich über meine Schulter beugte, »ich kann ja nicht lesen, aber es ist ganz wunderbar, wie schön Ihr schreiben könnt. Trotzdem, ein Edelmann seid Ihr nicht, auch wenn Ihr einen Degen tragt.«

»Warum nicht?«

»Wenn Ihr’s wärt, würdet Ihr das Billett einem Sekretär diktieren, anstatt Euch so anzustrengen.«

»Gut gedacht, Mädchen. Aber nun geh. Ich habe zu tun. Hier ist dein Schreibzeug.«

Sie legte es in ihren Korb und tat, als ob sie ginge, doch ein Haus weiter versteckte sie sich im Eingang.

»Laufbursche«, sagte ich zu dem Jungen, der noch keine zehn sein mochte, aber recht aufgeweckt dreinsah, »dieses Billett bringst du dem Herrn Bahuet. Du fragst nach ihm, übergibst es aber nur ihm persönlich. Hier ist ein Sou für dich.«

»Ein Sou!« rief Guillemette, indem sie aus ihrem Versteck hervorschoß, »Monsieur, das ist zuviel! Für einen so kurzen Auftrag reicht ein halber Sou.«

»Da seh sich einer diese Ziege an, will mir meinen Lohn beschneiden!« sagte der Junge entrüstet.

»Ziege!« keifte Guillemette, indem sie mit erhobener Hand gelaufen kam. »Bengel! Dir geb ich was hinter die Löffel!«

»Still, Mädchen!« sagte ich, faßte sie beim Arm und hieß sie kehrtmachen. »Mach du deine Einkäufe, Guillemette, und steck deine Nase nicht in fremde Angelegenheiten!«

Doch wie zuvor entfernte sie sich nur ein paar Schritte und versteckte sich abermals, die Szene zog sie an wie der Magnet den Feilspan. Womit sie nicht allein war, denn als die ersten Sonnenstrahlen die Taubenhäuser und Giebel der Rue du Champ Fleuri übergoldeten, öffneten die Frühaufsteherinnen ihre Fenster, beugten sich über ihre Töpfe mit Basilikum und Majoran und beäugten unsere kleine Truppe, wortlos, aber auch ohne sich irgend etwas entgehen zu lassen.

Der kleine Laufbursche war unterwegs, und ich hieß Tronson und meine Leute, sich noch weiter zurückzuziehen und sich möglichst gut zu verbergen, damit Bahuet sie nicht sähe, wenn er zu mir herauskäme; auch sollten sie sich nicht rühren, bevor ich sie riefe. Hierauf bezog ich, in voller Sicht der unbehaglichen Burschen, vor der Haustür der alten Nadlerei Posten, indem ich mich lässig gegen die hölzerne Tür lehnte und mir mit einer kleinen Schere die Fingernägel zu schneiden begann. Zugegeben, Leser, ich spielte ein bißchen Theater – nachdem ich mich zuvor freilich mit einem Griff unter mein Cape versichert hatte, daß die beiden Dolche, die ich nach italienischer Art rücklings im Gürtel trug, locker in ihrer Scheide saßen, denn sollte es unversehens zum Handgemenge kommen, das wußte ich, hätte ich weder Zeit noch Raum, den Degen zu ziehen, dann würde mir nur ein Dolch helfen. In derselben Voraussicht hatte ich auf ein Kettenhemd verzichtet, das einen im Kampf steif und schwerfällig macht, und lieber ein Wams aus Büffelleder angelegt, das eine Klinge aus nächster Nähe meines Erachtens nicht so leicht aufschlitzen und durchbohren konnte. Und schließlich hatte ich mich in die Türleibung gestellt, die schmal und tief war und mich also rechts wie links deckte, dazu war hinter mir die Tür. Doch weshalb, zum Teufel, setzte ich mich derweise schlimmster Gefahr aus, anstatt zu warten, bis Miroul wiederkam und Vitry mit seinen Männern eintraf? Was soll ich darauf erwidern, außer daß einer, der wie ich vom fünfzehnten bis zum vierzigsten Jahr ein abenteuerliches Leben geführt hat, dran gewöhnt ist, seine eigene Tapferkeit auf die Probe zu stellen und sich somit zu vergewissern, daß er mit dem Alter noch keinen Rost angesetzt hat.

Was nun die kleine Schere und meine Nagelschneiderei anging, so wollte ich mir damit beweisen, daß meine Hände nicht zitterten, und Bahuet von meiner Seelenruhe überzeugen. Doch als dieser, flankiert von zwei finster blickenden Strolchen, aus meinem Hoftor trat und auf mich zukam, steckte ich besagte Schere ein, und sowie sie auf zwei Klafter heran waren, zog ich meine ledernen Handschuhe an, damit sie mich vor versehentlichen Schnitten schützten, denn bekanntlich haben Dolche keine Garden.

Dieser Bahuet, den ich in aller Muße betrachten konnte, während er sich näherte, war mittelgroß, aber ziemlich breit in den Schultern, trug einen dicken schwarzen Schnauzbart, dessen Enden um die Mundwinkel herniederhingen, und seine Miene wirkte füchsisch und verschlagen. Mir fiel auf, daß er ein wenig seitlich ging wie eine Krabbe, während seine Augen scheel nach rechts und links spähten. Jedermann sichtbar trug er einen Dolch im Gurt und seine Leute Messer. Leser, war es nicht ein Skandal, frage ich dich, daß eine große Stadt wie Paris so schlecht überwacht wurde und der Büttel so schlapp und feige war, daß derlei Kniekehlenschneider zwei Schritt vom Louvre in Waffen herumspazieren konnten, ohne daß man sie an den Galgen schickte?

»Gevatter«, sagte ich lächelnd, indem ich wieder meine lässige Haltung einnahm, doch mit einer Hand rücklings den einen Dolchgriff umfaßte, »mein Name tut nichts zur Sache, da ich deinen weiß: Du heißt Bahuet, warst seinerzeit Sekretär des Chevalier d’Aumale, den Gott im Himmel bewahre! und hast dank der ›Sechzehn‹ das Haus von Monsieur de Siorac, einem notorischen ›Politischen‹, besetzt, welches du heute verlassen mußt, weil Navarra dich aus Paris verbannt.«

»Gevatter«, sagte Bahuet, und seine scheelen Augen verdüsterten sich, »das weiß jeder.«

»Aber ich weiß außerdem Dinge«, sagte ich mit bedeutungsvoller Miene, »die dir in deiner jetzigen Lage sehr nützlich sein könnten: Sie kosten dich nur fünf Ecus.«

»Fünf Ecus!« sagte Bahuet, indem er höhnisch auflachte und seinen Sbirren spöttische Blicke zuwarf. »Habt ihr gehört, Kameraden? Fünf Ecus verlangt der Schuft! Der will verkaufen, was er mir sowieso geben muß.«

Damit zückte er seinen Dolch und setzte mir die Spitze auf die Brust. Ich war leicht verdutzt, muß ich sagen, denn die fünf Ecus hatte ich lediglich verlangt, um meinen Schritt glaubhaft zu machen.

»Gevatter«, sagte ich, »übel lohnst du meine Mühe, dich vor Gefahren zu warnen, die auf dich lauern. Was, zum Teufel, habe ich dir getan, daß du mein Leben bedrohst, wo ich herkomme, um deins zu retten?«

»Sieh an!« sagte Bahuet, »du hast ein gutgeöltes Mundwerk, wie ich sehe, und eine flinke Zunge! Aber ich schätze es nicht, wenn einer seine Nase in meine Angelegenheiten steckt. Und ich glaube auch nicht, daß du hier bist, um mir zu helfen.«

»Na schön«, sagte ich, doch flatterten mir ein wenig die Schläfen, weil ich seine Klinge so bedrohlich nahe fühlte, »wenn ihr meine Hilfe verschmäht, schweige ich und gehe.«

»Gehen will er!« rief Bahuet lachend, einen bösen Funken in den falschen Augen. »Habt ihr gehört, Kameraden, verdrücken will sich der Gauner! Ohne uns seinen Namen zu nennen noch seinen Stand, noch die Botschaft, die er angeblich für mich hat.«

Und hiermit drückte er seinen Dolch fester gegen mein Wams, zwar ohne es wirklich zu durchbohren, doch spürte ich die Spitze durchs Leder hindurch, keinen Daumen breit von meinem Herzen.

»Los, Bahuet!« sagte der Rüpel zu meiner Rechten, der im übrigen schrecklich nach Schweiß und Knoblauch stank. »Bei Christi Tod, triff ihn in die Gurgel! Und daß du mir nicht das gute Büffelwams versaust: Da hab ich ein Auge drauf und will’s als meine Beute, wenn du den Kerl umgelegt hast.«

»Und ich die Stiefel«, sagte der zu meiner Linken.

»Und ich den Degen«, sagte Bahuet hämisch lachend. »Wir sind uns einig.«

»Beim Ochsenhorn!« sagte ich, »ihr Herren, was habt ihr vor? Einen ehrbaren Mann am hellichten Tag zu erdolchen, zwei Schritt vom Louvre und vor soviel Zeugen!«

»Dämlicher Hund!« sagte Bahuet. »In einer Stunde bin ich weg aus Paris und meine Leute mit.«

»Aus Paris, ja, aber nicht heil und unversehrt, wie ihr jetzt seid«, sagte ich prompt, »denn der Marquis de Siorac, dessen Haus ihr sechs Jahre besetzt habt und dessen Möbel ihr jetzt fortschafft, hat Spione an allen Pariser Toren aufgestellt, und sowie er euren Weg weiß, fällt er mit starker Reiterei über euch her und bläst euch das Licht aus.«

»Schuft!« rief Bahuet erblassend, »woher weißt du das?«

»Von einer Kammerfrau des Marquis, die mein Liebchen ist.«

»Und wer bist du, bei Gottes Tod?«

»Franz Müller, Lothringer, ehemals Sergeant des Herzogs von Guise zu Reims und derzeit stellenlos.«

»Ah! Daher hat er Degen und Wams«, sagte der Stinker zu meiner Rechten.

»Aber wieso will der mir dienen?« fragte Bahuet.

»Weil ich Geld brauche«, sagte ich.

»Das Lied kenne ich! Aber ich glaub es nicht, Halunke. Alles Schwindel. Du siehst nicht aus wie einer, der fünf Ecus nachrennt. Schluß mit dem Gefackel, Kameraden. Den nehmen wir mit und quetschen ihm die Würmer aus der Nase. Hopp, Bursche!« sagte er, indem er mich beim Schlafittchen packte.

Woraus ich ersah, daß es Zeit war, vom Honigseim zum Essig zu wechseln, ich stemmte mich gegen die Tür hinter mir und versetzte ihm einen Tritt in den Unterleib, daß er mitten auf die Gasse flog. Dann griff ich mir meine zwei Dolche, und vorgebeugt, fest auf meinen zwei Beinen, schwang ich sie rechts und links.

»Her zu mir, Leute!« schrie ich aus aller Kraft.

Nun wollten die zwei Strolche ihre Messer ziehen, doch schlug ich ihnen so scharf auf die Klauen, daß ihnen die Lust verging, sich mit mir anzulegen, zumal nun Pissebœuf und Poussevent mit blankem Schwert in der Hand gerannt kamen und ihnen derart über den Schädel droschen, daß sie Reißaus nahmen wie aufgescheuchte Hasen. Worauf Bahuet, der sich aufgerappelt hatte, sich aber noch immer gekrümmt die Eingeweide hielt, ihnen nachhinkte in meinen Hof und von seinen Spadaccini sogleich das Tor verrammeln ließ.

»Potztausend, Herr Marquis!« rief Tronson, der mit wackelndem Bauch und gezogenem Degen dem Sieg zu Hilfe eilte, »das läßt sich sehen! Die haben wir ganz schön verbleut!«

»Dank für deine willkommene Hilfe, Gevatter!« sagte ich kalt.

»Moussu lou Marquis«, fragte Pissebœuf auf okzitanisch, »soll ich dem Puter auch eins überbraten?«

»Nein, nein. Der ist doch nicht zum Kämpfen hier, nur zur Dekoration. Pissebœuf, lauf zum Louvre und sieh, warum der Herr Junker noch nicht kommt.«

»Nicht nötig, Moussu«, rief Pissebœuf, »der biegt eben um die Ecke von der Rue de l’Autruche, und hinter ihm kommt Monsieur de Vitry mit seinen Arkebusieren.«

»Gelobt sei die gebenedeite Jungfrau!« sagte Tronson.

»Die nichts mit unserem Geschäft zu tun hat«, sagte Pissebœuf leise auf okzitanisch, denn mein Pissebœuf, obgleich unverdrossener Schürzenjäger, war ein Hugenotte reinsten Wassers.

»Herr Marquis!« rief Miroul, indem er gelaufen kam, und sein braunes Auge sprühte vor Zorn, sein blaues starrte eiskalt, »was bedeutet das? Wer hat Euch das Wams zerschlitzt? Ha, Moussu!« setzte er auf okzitanisch hinzu, »Ihr habt Euch mit den Kerlen angelegt – ohne mich! Müßt Ihr denn immer vorpreschen wie ein verrückter Maikäfer?«

»Still, Miroul«, sagte ich leise auf okzitanisch. »Da kommt Vitry. Aber, beim Ochsenhorn, das ist ja gar nicht Vitry! Das ist Vic!«

Und ich lachte, denn Monsieur de Vic war Gouverneur von Saint-Denis gewesen, als der Chevalier d’Aumale bei Nacht die Stadt überfiel, dann aber im Glauben, er habe schon gewonnen, seine Truppen im Stich ließ, um mit der Raverie, einer hochklassigen Hure, zu vögeln. Worauf Vic im Gegenangriff die ihres Generals beraubten Ligisten in die Flucht schlug und Aumale von Miroul und mir aus einem Hinterhalt erschossen wurde. Das ärgerliche bei der Sache war nur, daß wir bei unserer Tat keine Zeugen gehabt hatten und der König mir hierüber Schweigen gebot, weil Monsieur de Vic sich schon allenthalben mit der Tat brüstete und zum Lohn auch die Abtei von Bec erhielt, deren Titular der Chevalier gewesen war. Doch als der König mir die zehntausend Ecus zurückzahlte, die ich ihm vorgeschossen hatte, um Monsieur de Vitry auf seine Seite zu ziehen – Monsieur de Vitry, sage ich jetzt, nicht Monsieur de Vic – , da verdreifachte er diese Summe.

»Ha, Sire«, sagte ich, »das ist zuviel!«

»Graubart«, sagte er damals (denn so hatte er mich getauft, weil ich mir einen Vollbart hatte stehenlassen, um bei meinen Geheimmissionen so echt wie möglich als Tuchhändler durchzugehen), »Graubart«, sagte er unter vier Augen zu mir, »das ist der Balsam auf deine Wunde, daß du nicht Abt von Bec geworden bist.«

»Ha, Monsieur de Vic!« rief ich, indem ich dem »Sieger über d’Aumale« lachenden Auges entgegenschritt und ihn herzhaft umarmte, »Ihr kommt zur rechten Zeit. Die Schufte haben sich in meinem Hof hinter geschlossenem Tor verschanzt. Es sind ihrer fünfzehn, allesamt gut bewaffnet, und sie wollen mir meine Möbel entführen.«

»Marquis«, sagte Monsieur de Vic lautstark und soldatisch, »der Fall ist klar wie Quellwasser: Ich schieb ihnen einen Sprengsatz unters Tor, und wenn das Tor in Stücke fliegt, beim Donner, wird alles niedergehauen und gehängt.«

»Hoho, Herr Abt von Bec!« sagte ich lächelnd, »das wäre nicht sehr christlich, abgesehen davon, daß der König bestimmt kein Massaker so nahe beim Louvre will, wo er doch ganz auf Milde setzt. Außerdem würde Euer Sprengsatz mein schönes Tor zerstören und meine Möbel beschädigen, die ich ja gerade retten will. Ich glaube, Seine Majestät wüßte mir Dank für den Gebrauch sanfterer Mittel.«

»Und welche, Sakrament? Welche?« rief mit seiner Stentorstimme Monsieur de Vic, der ebenso prahlmäulig war wie Tronson, doch, anders als der Schreiner, im Kampf die Tapferkeit selbst.

»Monsieur de Vic, ich habe eine Idee, wie es sanfter gehen könnte«, sagte ich, »beliebt nur, mir die Leine ein wenig locker zu lassen.«

»Wie Ihr wollt«, sagte Monsieur de Vic mürrisch. »Nur vergeßt nicht, Siorac, wenn es schiefgeht – ich bringe Euch die Bande im Handumdrehen an den Galgen.«

Ich trug also Pissebœuf auf, in die Rue du Chantre zu laufen, an welche ein Stück meiner Hofmauer grenzt, unter besagter Mauer zu wachen und mir durch einen Laufjungen zu vermelden, wie viele der Taugenichtse sich darüber flüchteten, sobald ich einen Aufruf an sie gerichtet hätte. Und als Pissebœuf davonschoß wie ein Pfeil, trat ich vor mein Hoftor.

»Bahuet!« rief ich mit starker Stimme. »Der Mann, dem du das Wams zerschlitzt hast, das bin ich selbst, der Marquis de Siorac, dessen Haus du unrechtmäßig besetzt hast und dem du jetzt die Möbel rauben willst. Bahuet, ich habe Monsieur de Vic bei mir, den Gouverneur von Saint-Denis, der aller Welt bekannt ist für seine Tapferkeit, und dazu gut zwanzig Arkebusiere. Monsieur de Vic will einen Sprengsatz ans Tor legen und euch wegen Rebellion alle ausräuchern. Bist du jedoch reuig und räumst meine Möbel wieder ein und öffnest uns, wird dir freier Abzug gewährt, ebenso deinen Leuten, soweit sie nicht mit dem Polizeileutnant angebandelt haben. Das schwöre ich bei meinem Edelmannswort!«

Kaum hatte ich dies gesagt oder vielmehr aus voller Kehle geschrien, gebot ich mit beiden Händen Stille, ganz unnütz allerdings, denn nicht allein unsere Männer, die Arkebusiere, Tronson, Miroul und Vic hielten den Atem an, auch die ganze Gasse – die Gevatterinnen und Gevatter an den Fenstern, meine ich, wagte sich doch niemand aufs Pflaster hinunter aus Furcht, in das Scharmützel verwickelt zu werden –, alles verharrte stumm und spannte das Ohr, um Bahuets Antwort zu hören – doch vergebens, denn lange Minuten verstrichen, und der Kerl gab keinen Laut.

»Schockschwerenot! Der Schuft will uns leimen!« sagte schließlich Monsieur de Vic und steilte seine Schnurrbartspitzen. »Arkebusier, eine Rakete! Dahin! Unters Tor! Und Beeilung!«

»Ach, meine Herren, meine Herren!« Tronson schob plötzlich seinen Schmerbauch zwischen Vic und mich, »ein so schönes Tor zu sprengen ist ein wahres Verbrechen! Ich, der Schreinermeister Tronson von der Rue Saint-Denis, sage Euch das! So gute Arbeit, beste Eiche, ohne Astlöcher, dicht gekörnt und massiv, mit schönem Gesims, nicht aufgebracht, sondern aus dem Holz herausgearbeitet! Ungeachtet, daß die Explosion auch die Eisenbeschläge verbiegen wird, die beste Schmiedearbeit sind, und Eure Mauer erschüttern wird, womöglich stürzt sogar das Gewölbe ein, wenn der Schlußstein verletzt wird! Meine Herren, hundert Jahre braucht es, bis ein Tor so wetterfest und beständig wird wie dieses, da bekämt Ihr nicht einmal einen Nagel hinein! Und ein solches Werk so langer Zeit in einer Sekunde zu vernichten, wahr und wahrhaftig, es wäre ein Jammer und eine höchst unheilige Zerstörung!«

»Die Pest über den Schwätzer!« sagte Monsieur de Vic. »Sollen wir ewig vor einem Tor Maulaffen feilhalten, nur weil ein Halunke es von innen versperrt?«

»Monsieur de Vic«, rief nun aus einem Fenster ein Gevatter, der einen ebenso stattlichen Schnurrbart hatte wie der Gouverneur von Saint-Denis, »hört auf den Schreinermeister, es ist reine Vernunft! Und das sage ich Euch, Tischlermeister Gaillardet! Ein so schönes Tor wie das da gibt’s auf der ganzen Rue du Champ Fleuri nicht mehr.«

»Monsieur de Vic!« rief aus einem anderen Fenster eine Matrone, deren Brüste auf dem Fensterbord lagen wie zwei Säcke Korn. »Wir wissen alle, Monsieur de Vic, was für ein tapferer Held Ihr seid! Aber eine Sprengung in der Rue du Champ Fleuri, das laßt schön bleiben! Uns würden ja alle Fensterscheiben zerspringen, und, Jesus! wer bezahlt uns die? Und woher soll man heutzutage Glas nehmen? Und zu welchem Preis?«

Hierauf erscholl von allen Seiten ein solcher Beifall, daß ich schon den Moment kommen sah, da meine guten Nachbarn mir um meines schönen Tores und ihrer Fensterscheiben willen verwehren würden, mein Eigentum überhaupt zu betreten.

»König Henri hat schon recht«, knurrte Vic an meinem Ohr. »Das Volk ist eine Bestie, besonders das Pariser Volk. Es gibt keins, das streitlustiger und aufsässiger ist. Wenn ich sprenge, macht mir das Pack hier einen Aufruhr. Und wenn ich schuld bin an einem Aufruhr, was sagt dann der König?«

»Meister Gaillardet«, rief ich zu dem schnurrbärtigen Gevatter hinauf, der zuvor gesprochen hatte, »ließe sich nicht ein Feld des Tores mit der Axt einschlagen, so daß man die Hand durch das Loch stecken und die Riegel öffnen könnte?«

»Vielleicht«, sagte Meister Gaillardet.

»Fünf Sous für dich, wenn du es versuchst!«

»Zehn, Herr Marquis, bei dem harten Holz.«

»Topp!«

»Herr Marquis«, flüsterte Guillemette, indem sie mich am Ärmel zupfte, »zehn ist zuviel. Der will Euch ausnehmen.«

»Schon wieder du, Guillemette!« sagte ich leise. »Was suchst du noch immer hier?«

»Es kommt ja nicht alle Tage vor, daß man auf unserer Gasse einen solchen Aufmarsch erlebt!« erwiderte die Schelmin. »Wer weiß, womöglich gibt es noch Tote!«

»Herr Marquis«, rief Gaillardet, indem er seine breiten Schultern zum Fenster hinauslehnte und seinen furchteinflößenden Schnurrbart strich, »ich muß nur mein Holzbein anschnallen und meine Axt holen, dann bin ich Euch zu Diensten!«

»Beim Ochsenhorn, Moussu!« sagte Miroul an meinem Ohr, »was macht Pissebœuf so lange? Er ist vor einer guten halben Stunde gegangen, aber von einem Laufjungen, der uns meldet, was in der Rue du Chantre passiert, ist kein Schwanz zu sehen!«

»Geduld!« sagte ich. »Pissebœuf ist kein Döskopf.«

»Herr Marquis«, rief aus einem Fenster eine hübsche Person mit tief ausgeschnittenem Mieder, »kennt Ihr mich noch? Ich bin es, Jeannette, die Haubenmacherin von Frau Angelina. Ich war vor sechs Jahren bei Euch.«

»Wahr und wahrhaftig!« ließ die großbusige Matrone sich vernehmen, »wenn man sieht, wie schamlos das junge Ding Haut zeigt, kann man wohl wetten, daß die was anderes macht als Hauben!«

»Ha, so spricht der Neid!« rief die Junge mit blitzenden Augen. »Wer hat, der hat!« Und flugs nutzte sie ihren Vorteil, um sich vor den Nachbarn damit zu spreizen, daß sie quasi zu meinem Gesinde gehört hatte. »Herr Marquis, wie geht es dem Waffenmeister Giacomi?«

»Er ist tot, leider, im Krieg gefallen.«

»Und seine Gemahlin, die Frau Larissa?«

»Auch tot, von einem Gehirnfieber dahingerafft.«

»Und Frau Angelina?«

»Gesund und munter. Unsere Kinder ebenso.«

Nachrichten, die sich augenblicks wie ein Lauffeuer in der Rue du Champ Fleuri verbreiteten, die ja von etlichen betuchten Bürgern und wohlgeborenen Edelleuten bewohnt war, welche sich dir, Leser, in dieser Erzählung bislang nur nicht zeigten, weil sie es unter ihrer Würde erachteten, am Fenster nach allem Neuesten Ausschau zu halten, sich hierin aber nichtsdestoweniger auf ihr zahlreiches Gesinde verließen.

»Sapperlot!« sagte Monsieur de Vic, die Schultern reckend, »wo zum Teufel bleibt dieser lausige Tischler? Wie lange braucht der, um seine Axt zu holen?«

»Meiner Treu, Monsieur de Vic!« rief die dicke Gevatterin aus ihrem Fenster, »wenn Ihr ein Holzbein hättet, würdet Ihr vielleicht auch eine Weile brauchen, bis Ihr die Treppe hinunterkämt.«

Alles lachte, und mit kaum verhohlener Schadenfreude, weil die gute Frau sich getraut hatte, einen königlichen Offizier zu rüffeln, ohne daß der etwas dawider tun konnte.

»Ich könnte rasen, Siorac!« sagte Vic, indem er mich beiseite zog. »Tagtäglich sehne ich mich nach meiner Guyenne zurück! Diese Pariser sind das unverschämteste Volk der Schöpfung, das hat vor nichts Respekt, nicht vor Adel noch König. Und man muß es erdulden, man kann doch nicht alle hängen.«

»Betet, Vic!« sagte ich lachend, »betet, daß der Himmel die rebellischen Instinkte ändere! Betet, wozu sonst seid Ihr Abt von Bec!«

»Aber ich bin gar nicht Abt von Bec!« versetzte Vic wie entrüstet. »Auf meine Bitte hat der König meinem Sohn die Abtei gegeben. Und meine Mutter war auch nicht Comtesse de Sarret! Comtesse war nur ihr Vorname. Und ich bin auch nicht Admiral von Frankreich, sondern Vize-Admiral.«

»Was ist der Unterschied?«

»Der, daß ich nie und nimmer den Fuß auf ein Schiff setzen werde, ich vertrage das Meer nicht.«

»Herr Marquis«, sagte Miroul, »da kommt Gaillardet.«

Und wirklich, majestätisch, eine große Axt in der Hand, kam der Tischlermeister aus seinem Haus über die Gasse gehumpelt, entbot Vic und mir ein kleines Kopfnicken (eine Verbeugung, nehme ich an, hätte sein Holzbein nicht mitgemacht), trat auf mein Tor zu und strich mit seinen Fingern langsam darüber, kräftigen, breiten Fingern und doch wundersam zart bei dieser Liebkosung, die sie dem Holz angedeihen ließen.

»Diese Eiche«, sagte er endlich nicht ohne Feierlichkeit und mit einem Ernst, wie wenn ein ehrwürdiger Doktor der Medizin seine Diagnose verkündet, »diese Eiche ist mindestens hundert Jahre alt und hart wie Eisen.«

»Hab ich’s nicht gesagt?« Tronson blickte befriedigt in die Runde.

»Jetzt spreche ich, Gaillardet«, bemerkte dieser kühl. »Und außer daß sie sehr hart ist, ist sie sehr dick. Ich laufe große Gefahr, wenn ich da mit der Axt hineinschlage, daß ich mir meine Schneide verderbe.«

»Die Schneide läßt sich wieder schärfen, Gevatter«, sagte Tronson.

»Aber nicht, wenn sie mir splittert.«

»Dann muß sie neu geschliffen werden«, sagte Tronson, »indem man tiefer ins Metall greift.«

»Wenn es wenig ist, ja! Aber wenn viel splittert, nicht! Dann kann ich den Keil wegwerfen. Und wo kriege ich in den heutigen Zeiten einen neuen her? Und zu welchem Preis, jetzt, wo alles so teuer ist?«

»Hab ich es doch geahnt!« rief Monsieur de Vic außer sich. »Beim Donner, Arkebusier, spreng mir sofort dieses Tor!«

Doch erhob sich hierauf ein so zorniges Schimpfen und Murren und schwoll von Fenster zu Fenster derart, daß der Arkebusier zauderte. Wahrscheinlich entsann er sich auch, wie die Pariser am Tag der Barrikaden, die Heinrich III. verjagten, wer weiß wie viele arme Schweizer erschlagen hatten, nur weil sie mit gezündeter Lunte auf ihren Arkebusen durch die Gassen gezogen waren. Und weil ich nicht wollte, daß meine Heimkehr in einen Aufstand ausarte, bei welchem meine Nachbarn blutige Nasen und zersplitterte Fensterscheiben ernten würden, legte ich meine Hand rasch auf Vics Arm.

»Erlaubt, Herr Vize-Admiral, daß ich Eurem Befehl widerspreche. Es hat keine Not. Solange das Tor geschlossen ist, kann Bahuet meine Möbel nicht entführen. Und vielleicht willigt Meister Gaillardet ein, seinen Axtkeil für einen Ecu aufs Spiel zu setzen.«

Diese wahrhaft unerhörte Freigebigkeit machte großen Eindruck auf sämtliche Bewohner der Gasse und namentlich auf den Tischlermeister.

»Was?« sagte er, und ihm zitterte der Schnurrbart, »einen Ecu, Herr Marquis? Was nennt Ihr einen Ecu? Einen Carolus?«

»Einen Carolus, bewahre! Einen Henricus! Auf die Hand und unbekaut! Hier ist er!« sagte ich, indem ich die Münze aus meinem Beutel zog. »Was meinst du? Gefällt er dir?«

»Darf ich ihn anfühlen?« fragte Gaillardet.

»Fang auf!« sagte ich und warf Gaillardet das Geldstück zu, der es in seinen großen Händen fing, die gegerbt waren wie Leder und die Münze doch mit großer Behutsamkeit, ja Zärtlichkeit streichelten.

»Wahr und wahrhaftig!« sagte er schließlich, indem er mit schmerzlicher Miene den Kopf seitlich neigte, »allerbesten Dank, Herr Marquis. Aber da lacht mir einmal ein Lohn wie nie, und ich muß vor dem schönen Ecu demütig die Augen niederschlagen. Denn, ehrlich gestanden, so gut meine Axt auch sei, die ich von meinem seligen Vater geerbt habe, zweifle ich doch sehr, daß sie ankommt gegen dieses Tor, oder es wäre ein Wunder!«

Kaum hatte er ausgesprochen und besagtes Wunder beschworen, da öffnete sich das Tor ganz von selbst, es taten sich beide Flügel auf, ohne daß man irgend sah, wer sie bewegte, denn bis auf die beiden Karren mit ihren Pferdegespannen stand der Hof leer.

»Warte«, sagte Miroul auf okzitanisch, »das kann eine Falle sein.«

Doch im selben Moment erscholl hinter einem der Flügel eine wohlbekannte Stimme.

»Monsieur de Vic, ich bin es, Pissebœuf, Arkebusier von Monsieur de Siorac. Beliebt Euren Männern zu befehlen, sie sollen nicht auf mich schießen, wenn ich zum Vorschein komme.«

»Komm schon, komm, verdammt!« rief Monsieur de Vic mit Donnerstimme. »Aber wer ist das, zum Teufel, der da hinter dem anderen Flügel hervorlugt?«

»Das ist Caboche, der Koch vom Herrn Bahuet«, sagte Pissebœuf. »Er hinkt auf einem Bein, darum konnt er nicht über die Mauer springen nach der Rue du Chantre, wie’s alle anderen nach dem Aufruf von Monsieur de Siorac gemacht haben.«

»Der Koch von Bahuet! Schockschwerenot, den hängen wir!« brüllte Vic.

»Mit Verlaub, nein, Monsieur de Vic«, rief Pissebœuf. »Er war unbewaffnet, und ich hab ihm das Leben versprochen! Man kann den armen Caboche doch nicht hängen, bloß weil er nicht auf die Idee kam, dem Bahuet Gift in die Suppe zu streuen.«

Der kleine Witz in gascognisch gefärbtem Französisch (was hoch in Mode war, seit Navarra in Paris den Ton angab) ergötzte die Leute an den Fenstern, zumal sie sehr erleichtert waren, daß die Geschichte ohne Schießerei, ohne Sprengung und zerplatzte Scheiben ausging.

»Gnade bewilligt!« entschied Monsieur de Vic, worauf er sich mir zuwandte. »Was bin ich froh, Siorac, daß ich diese Kiste erledigt habe! Zu Eurer Zufriedenheit und der Seiner Majestät. Ich werde ihm alles berichten.«

»Habt vielen Dank, Herr Vize-Admiral!«

»Auf meine Kosten«, setzte Pissebœuf auf okzitanisch hinzu, aber sehr leise für den Fall, daß der sich entfernende Vic, der aus der Guyenne stammte, unsere Sprache verstand.

»Herr Marquis«, sagte neben mir »Hauptmann« Tronson, »sind das alle Eure Möbel?«

»Ich glaube, ja«, sagte ich, nachdem ich die beiden Karren umrundet hatte.

»Tja«, meinte Tronson, »dann habt Ihr nicht nur Euer Eigentum wieder, sondern macht obendrein schöne Beute mit diesen zwei Karren und den vier Pferden, die Euch ja keiner mehr nehmen kann, wo Bahuet auf der Flucht ist und außerstande, sie jemals zurückzufordern.«

»Kann sein«, sagte ich kühl, weil ich sah, worauf er hinauswollte, »kann sein, daß ich schöne Beute mache, sofern mein Haus durch die Wirtschaft dieses Schufts nicht allzu großen Schaden genommen hat.«

Hiermit trat ich ein und unterzog die Räume einen nach dem anderen der genauesten Prüfung, wobei Tronson mir nicht von der Seite wich, noch auch Miroul, meine zwei Arkebusiere und wer, Leser, wer noch? Natürlich Guillemette, die mit ihrem noch immer leeren Henkelkorb überm Arm hinter dem dicken Poussevent hereingeschlüpft war und nun mit gespitzten Ohren und großen Augen flink wie ein Eichhörnchen in alle Ecken und Winkel spähte.

»Das Haus«, sagte ich endlich, »ist furchtbar schmutzig, aber wirklich beschädigt ist nichts.«

»Da seht Ihr’s«, sagte »Hauptmann« Tronson, »die Beute ist ganzer Profit für Euch, und der kann sich bei den Pferden, die jung und gut gebaut sind, auf tausend Ecus belaufen und bei den beiden Karren auf fünfhundert. Im ganzen bringt Euch das an fünfzehnhundert Ecus in den Beutel.«

»Gevatter«, sagte ich lächelnd, »willst du mein Schatzmeister werden?«

»Wie käme ich dazu?« sagte Tronson. »Nein, ich bleibe bei meinem Schreinergewerbe. Aber Ihr, Herr Marquis, beliebt Euch doch zu erinnern, daß ich bei Bahuet ein Sümmchen offen habe.«

»Das ich«, sagte ich frostig, »nicht verpflichtet bin, dir zu erstatten, schließlich bin ich nicht Erbe des Besagten und gelange in seinen Besitz durch Kriegs- und Beuterecht.«

»Das ist wahr«, sagte Tronson, seinen Speichel schluckend, »andererseits aber hatte ich mit Euer Gnaden während der Belagerung doch ehrbaren und freundschaftlichen Umgang, welcher Tatsache der Herr Marquis, wie ich ihn kenne, Rechnung tragen wird.«

»Und ob du mich kennst, Tronson«, sagte ich. »Also, nenn deine Forderung!«

»Zweihundert Ecus.«

»Zweihundert Ecus, beim Ochsenhorn! Auf einmal sind es zweihundert! Dein Sümmchen hat binnen Stundenfrist ja tüchtig zugenommen, Meister Schreiner. Vorher waren es noch hundert.«

»Das kommt, Herr Marquis, weil ich die Zinsen nicht mitgerechnet hatte, die in drei Jahren aufgelaufen sind.«

»Pest verdammte! Die Zinsen sollen das Kapital in drei Jahren verdoppelt haben? Es gibt keinen Juden, der zu solchem Wucherzins zu leihen wagte! Und erzähle mir nicht, Bahuet habe dem zugestimmt!«

»Herr Marquis, werd ich Euch mit Bahuet vergleichen? Wo ich für Euch so unterwürfige, dankbare und achtungsvolle Freundschaft hege?«

»Sankt Antons Bauch, deine Freundschaft kommt mich teuer zu stehen! Aber die Zeit drängt. Ich will nicht mit dir schachern. Nimm dir das schwarze von den Pferden und zieh ab, eh ich mich anders besinne. Poussevent, Pissebœuf, helft dem Meister Tronson beim Ausspannen!«

»Ha! Allerschönsten Dank, Herr Marquis!« rief Tronson, der mir ohne seinen Bauch und seinen Küraß wohl eine Verbeugung bis zur Erde gemacht hätte.

»Mein Pierre«, sagte Miroul, sowie der Schreinermeister fort war, »das war Torheit. Du schuldest diesem Kerl nichts.«

»Dieser Kerl wohnt dicht bei meinem Haus in der Rue des Filles-Dieu und genießt das Ohr der Nachbarschaft. Da ich das Haus behalte, will ich ihn nicht zum Feind.«

»Schöner Feind! Eine Memme!«

»Aber mit sehr redseliger Zunge!«

»Trotzdem, Pierre, seit du Papist geworden bist, finde ich, neigst du mehr und mehr dazu, deine gute hugenottische Sparsamkeit zu vergessen. Diesem Raffzahn das schwarze Pferd zu schenken, das beste der vier!«

»Braucht Ihr eine Brille, Herr Junker?« sagte ich aufgebracht. »Das schwarze Pferd hat einen Augenfehler und krumme Hinterbeine. Dafür bekommt Tronson keine hundert Ecus.«

»Allewetter, mein Pierre, du hast es hinter den Ohren!«

»Böse Katz, böse Ratz!«

»Was soll das heißen?« fragte Guillemette, die ihr hübsches Schnäuzchen kühn zwischen Miroul und mich steckte.

»Na«, sagte ich, »ist die Katze böse, wird es auch die Ratte. Und du, Mäuschen, was hast du hier zu knuspern?«

»Gnädiger Herr, ich habe mir Zimmer für Zimmer gut angesehen, und ich denke, ich werde acht Tage brauchen, bis das Haus sauber ist, denn alles ist schmierig, verrußt, verdreckt und stinkt.«

»Guillemette«, sagte ich, die Brauen rümpfend, »habe ich dich angestellt? Sind wir uns vielleicht schon handelseinig?«

»Sind wir, Herr Marquis!« sagte die Kleine ohne ein Wimpernzucken, »aber zu Bedingungen.«

»Zu Bedingungen, sieh einer an!« sagte ich auflachend. »Sie stellt mir Bedingungen! Und welche?«

»Daß Ihr mir vier Ecus im Monat zahlt, dazu Essen und Schlafen.«

»Das läßt sich hören.«

»Und daß Ihr Euren zwei Arkebusieren sagt, sie sollen mir nicht den Hintern tätscheln, wie sie es versucht haben.«

»Fuchtig ist sie auch noch! Bist du Jungfrau?«

»Nein, gnädiger Herr. Jungfrau bin ich nicht mehr, aber deshalb laß ich mich trotzdem nicht mit jedem ein.«

»Alsdann, nicht Pissebœuf, nicht Poussevent. Und Monsieur de La Surie?«

»Auch nicht.«

»Sehe sich einer die Frechheit an!« sagte Miroul lachend.

»Und ich?« fragte ich.

»Das bleibt zu überlegen«, sagte Guillemette, indem sie mich von Kopf bis Fuß musterte.

»Ha, mein Pierre!« sagte Miroul auf okzitanisch, »die ist resolut, sie redet zum Herrn wie eine Herrin. Hältst du es für weise, sie einzustellen?«

»Weise nicht. Aber muß man immer weise sein?«

 

Es war Ende März, als ich von Angelinas Hand – von ihrer Hand, sage ich, und der Leser weiß, warum ich das betone – einen wunderschön gedrechselten Brief erhielt, worin sie mir schrieb, daß sie mit unseren Kindern lieber nicht in Paris leben wolle, solange die Versorgung dort so schwierig sei – auf meinem Gut Chêne Rogneux dagegen so günstig – und solange in der Hauptstadt noch die Fieberseuche wüte, die angeblich schon mehr Opfer gefordert habe als während der Belagerungszeit der Hunger. Ich konnte Angelina für diese Entscheidung, die ich ihrem Ermessen anheimgestellt hatte, wahrlich nicht tadeln, zumal sie mich sehr lieb und inständig bat, sie, sooft ich könne, in Montfort l’Amaury zu besuchen, weil meine Abwesenheit, wie sie sagte, »ihre Tage grau und ihre Nächte trostlos« mache.

Ich verheimlichte ihr Nichtkommen vor Doña Clara, meiner spanischen Witwe, denn hätte sie es erfahren, hätte sie sicherlich verlangt, daß ich entweder in die Rue des Filles-Dieu zurückkehrte oder sie in der Rue du Champ Fleuri aufnähme.

Hatte ich mit ihr, wie Augustinus sagt, die lichte Schwelle der Freundschaft auch nie übertreten, fühlte ich mich ihr doch sehr verbunden, so wie sie mir, und nur zu gern hätte sie mich ganz für sich gehabt. Was ich nicht wollte, vor allem um meine Angelina nicht zu kränken, aber auch, weil Doña Clara sich bei all ihrer Hochherzigkeit im längeren Zusammenleben als wenig behaglich erwies, gehörte sie doch zu jenen leidenschaftlichen und herrschsüchtigen Damen, die, weil sie sich ständig durch irgend etwas gestochen fühlen, ihrerseits stechen und nichts dagegen tun, daß ihre Stacheln in der Wunde schwären, die sie einem zugefügt haben.

Gleichwohl wollte ich den Umgang mit ihr nicht abbrechen, auch nicht, daß sie heimkehrte nach Spanien, weshalb ich, wie gesagt, meine vorige Wohnung in der Rue des Filles-Dieu weiterhin zur Miete und Héloïse und Lisette im Dienst behielt, erstere, weil sie meinen Miroul über die Trennung von seiner Florine tröstete, der Gesellschafterin meiner Angelina, und die zweite, weil Monsieur de l’Etoile, der sie wegen der Eifersucht seiner Gemahlin nicht im Haus hatte behalten können, mich gebeten hatte, sie bei mir einzustellen, wo er sie täglich besuchen konnte. Gewiß beklagte ich in meinem hugenottischen Herzen die Kosten für diese zweite Wirtschaft, doch was blieb mir anderes übrig?

Am 24. Mai des Jahres 1594 erhielt ich von Madame de Guise, der Witwe des zu Blois Ermordeten, ein Sendschreiben, worin sie mich um einen Besuch in ihrem Stadtpalais bat. Daß ich mich dieses Tages und sogar der Stunde so genau entsinne, liegt daran, daß ich kurz vorher, nämlich gegen elf Uhr, als ich mich anschickte, mein Mittagsmahl einzunehmen, erfuhr, daß in der vergangenen Nacht, als eine Verirrung der Jahreszeit gleichsam, ein schrecklicher, tödlicher Frost die Weinberge um Paris getroffen und alles bis in die Wurzeln vernichtet hatte. Sofort bat ich meinen Miroul, nach den Hängen von Montmartre hinauszureiten und zu sehen, was daran sei, und als er mir die traurige Nachricht brachte, daß dort tatsächlich nichts mehr zu retten sei, ahnte ich, daß auch unsere Rebstöcke auf Chêne Rogneux und auf La Surie verloren seien: Eine Befürchtung, die sich nur zu bald bestätigte, das Unheil hatte, wie wir im darauffolgenden Monat hörten, nahezu ganz Frankreich heimgesucht, nur nicht die Provence und das Languedoc.

Nun baute ich auf Chêne Rogneux ja nur Wein für den Bedarf meines Hauses an, und so beklagte ich den Verlust für meine Tafel nicht zu sehr, denn ich gehöre nicht zu den Jüngern der »Göttlichen Flasche«, sowohl aus natürlicher Mäßigkeit wie auch, weil ich Bacchus für den schlimmsten Feind der Venus halte und nicht verstehe, wie ein Mann so schlappschwänzig sein kann, das Vergnügen an einem Krug Wein den Wonnen vorzuziehen, welche wir auf unserem Lager mit der schönsten Hälfte der Menschheit teilen.

Dennoch begriff ich, daß dieser erbarmungslose Frost zahllose Winzer ins Elend stürzte und mit ihnen das ganze Reich, war doch Wein eine der Waren, die den Hauptteil unseres Handels mit England, Holland und Deutschland ausmachten. Es war dies also der Gipfel des Unglücks und des Schadens für unser armes Land, das durch ein halbes Jahrhundert Bürgerkrieg schon verarmt genug war.

Mit dieser Nachricht und voll der schmerzlichsten Gedanken setzten Miroul und ich uns an jenem 24. Mai zu Tisch, ziemlich schweigsam beide, und in dieser melancholischen Stimmung wurde mir von einem kleinen Laufjungen, der an meine Tür klopfte, ein wunderliches Billett überbracht:

 

Monsieur de Siorac,

da ich mich erinnere, wie Ihr in der Verkleidung eines Tuchhändlers auf Befehl meines königlichen Cousins während der Belagerung von Paris mich sowie die Damen Nemours und Montpensier mit Lebensmitteln versorgtet und weil ich die Geschicklichkeit, mit welcher Ihr Euch dieser Aufgabe entledigtet, sehr bewundert habe, wünsche ich, daß Ihr mich heute nachmittag besucht – falls Euch dies genehm wäre –, damit ich Euren klugen Rat in einer Angelegenheit erfragen kann, die mir sehr am Herzen liegt.

Eure sehr gute Freundin,

Catherine, Herzogin von Guise.

 

Dieses Billett verdutzte mich, und weil ich zunächst nicht wußte, was ich davon halten sollte, schob ich es Monsieur de La Surie hin, der es mit gewölbten Brauen las.

»Sankt Antons Bauch!« sagte er, »man muß zugeben, daß diese hohen Damen recht zivile Formen haben, Euch zu befehlen. ›Wünsche ich‹ oder ›falls Euch dies genehm wäre‹ oder ›Eure sehr gute Freundin‹.«

»›Eure sehr gute Freundin‹«, sagte ich, »ist ein gebräuchlicher Ausdruck, wenn ein Fürst oder eine Fürstin sich an einen Edelmann wendet. Wenn Heinrich III. mir einmal schrieb, unterzeichnete auch er mit ›Euer sehr guter Freund‹. Aber«, setzte ich hinzu, indem ich das Schreiben abermals überflog, »Frau von Guise ist tatsächlich sehr höflich, so dringlich, ja sogar gebieterisch ihr Hilferuf auch anmutet.«

»Aber was drängt denn so? Was will sie von dir? Und welche Angelegenheit mag das sein, die ihr so am Herzen liegt?«

»Sie wird es mir, hoffe ich, in einer Stunde sagen.«

»Du gehst also hin?«

»Unverzüglich. Wie käme ich dazu, einer so hohen Dame nicht zu gehorchen?«

»Nimmst du mich mit, Pierre?«

»Nein, Miroul«, sagte ich, obwohl ich wußte, wie ihn das betrübte. »Es könnte sein, daß die Herzogin vor einem Zeugen nicht offen reden will, namentlich vor einem von mir mitgebrachten.«

Es verstand sich von selbst, daß die drei Lothringer Prinzessinnen (auch wenn zwei es nur durch Eheschließung waren) auf seiten der Liga standen. Doch obwohl sie dem feindlichen Lager angehörten, hatte der König mir seinerzeit, während der Belagerung der Stadt, den Auftrag erteilt, sie zu verproviantieren, sowohl aus natürlicher Gutmütigkeit und großer Liebe zur Weiblichkeit wie aus politischem Kalkül und weiser Voraussicht. Und so treulich ich meine Pflicht gegen jede der drei auch erfüllt hatte, hegte ich für sie doch sehr unterschiedliche Gefühle. Die erste betete ich an, die zweite verabscheute ich. Und wiewohl die dritte – jene eben, die jetzt meine Hilfe suchte – mir sehr gefiel, kannte ich sie nur wenig.

Die erste Frau von Nemours – Gegenstand meiner glühenden, platonischen Anbetung – hieß beim Pariser Volk, das ja gern über alles und alle lästert, die »Königinmutter«, weil sie Gemahlin, Mutter und Großmutter dreier Herzöge von Guise war, die alle drei unter der Ägide der Heiligen Liga nach dem Thron Frankreichs getrachtet hatten. Der einzige Überlebende dieser Dynastie war ihr Enkel Charles, dreiundzwanzig Jahre alt und just der Sohn jener Herzogin, die ich besuchen ging.

Die zweite war die Montpensier, Tochter von Madame de Nemours, die bei den »Politischen« nur die Hinkefuß hieß und die mich bei unserer ersten Begegnung regelrecht gezwungen hatte, zu ihr ins Bett zu steigen. Als sie indessen von Mademoiselle de La Vasselière erfuhr, mit welchem Eifer ich Heinrich III. diente, versuchte sie vergeblich, mich umzubringen, und setzte Jahre später die Ermordung meines sehr geliebten Herrn ins Werk, ein verbrecherisches Unterfangen, das ihr nur zu gut glückte.

Die dritte – aber muß ich über sie erst Worte verlieren, da ich eben an ihr Tor klopfe und von zwei langen Lakaien in Guise-Livree, mit einem großen Lothringer Kreuz auf dem Rücken, auch sogleich zu ihr geführt werde?

Die Herzogin erwartete mich nicht etwa im großen Saal, sondern in einem kleinen Kabinett, wo ein gutes Feuer brannte – schließlich war dieser Mai geradezu winterlich kalt –, und für eine Dame ihres Ranges war sie, möchte ich sagen, recht bescheiden gekleidet. Ihr mattgrünes Brokatgewand war mit wenigen Goldborten galoniert, den Ausschnitt zierte ein im Nacken aufgestellter Venezianer Spitzenkragen, und während die Prunkkleider unserer hohen Damen am Hof für gewöhnlich so mit Steinen überladen sind, daß die Ärmsten sich kaum bewegen können, ließ besagtes Gewand der Herzogin alle Bewegungsfreiheit, zumal Frau von Guise, wie mir schien, sich um des häuslichen Behagens willen auch nicht von Zofen in eine dieser unmenschlichen Baskinen hatte einschnüren lassen, welche die Taille unserer Schönen schmaler machen, ihren Busen anheben und ihre Hüften bauschen.

Was ihren Schmuck anging – ein großer, diamantenumkränzter Rubin an der rechten Hand, ein dreireihiges Perlenkollier um den lieblichen Hals, wippende goldene Ringe an den niedlichen Ohren –, so werden Sie einräumen, schöne Leserin, daß dies wenig war für eine Herzogin und daß Frau von Guise an diesem frühen Nachmittag anderen Prinzessinnen ein Beispiel erstaunlicher Schlichtheit gegeben hätte.

Drei Jahre älter als ich, war sie derzeit sechsundvierzig, und obwohl unsere entzückenden Galane am Hof behaupteten, eine Frau über Dreißig sei ihrer Aufmerksamkeit nicht mehr wert, gestehe ich unumwunden, wäre ich Herzog gewesen, ich hätte ihr die meine mit größtem Vergnügen zugewendet. Groß gewachsen war sie nicht – ihr Sohn, Charles von Guise, hatte ihre Kleinheit zu seinem Unglück geerbt –, doch bei ihr war diese ein zusätzlicher Reiz, so zierlich und dennoch rundlich, wie sie war, so lebhaft und ungekünstelt in ihren Manieren, dazu diese lavendelblauen Augen und ein geradezu naiver Freimut, ein Mund, der von Güte sprach, und herrliche blonde Haare, üppig und gelockt, in welche man gern zärtlich beide Hände getaucht hätte.

»Ha, Monsieur!« sagte sie, indem sie mir ihre Hand zum Kuß reichte, die zart, mollig und sehr klein war, »wie danke ich Euch, daß Ihr meinem Hilferuf so schnell gefolgt seid! Zumal ich Euch«, fuhr sie in ihrer unverblümten Art fort, »während der Belagerungszeit ja nur sah, wenn Ihr Proviant brachtet, da wart Ihr ja viel zu emsig um meine geliebte Frau Schwiegermama bemüht, als daß Ihr geruht hättet, mich zu besuchen. Aber, bitte, nehmt doch Platz, Marquis, im Stehen läßt sich schlecht reden.«

Ich verneigte mich abermals, und weil ich im stillen bemerkt hatte, wie sehr in diesen Worten die Herzogin hinter der Frau zurücktrat, die mich zunächst wohl ein wenig ins Unrecht setzte, aber auch einige Eifersucht auf Madame de Nemours verriet, verzichtete ich auf den mir gewiesenen Lehnstuhl und griff mir leichthändig ein Taburett, stellte es vor den Reifrock von Madame de Guise und ließ mich so demütig wie keck zu ihren Füßen nieder, was bei ihr gemischte Gefühle hervorzurufen schien, die sich indessen bald zu meinen Gunsten wendeten.

»Frau Herzogin«, sagte ich leise, während ich sie in verehrungsvollen Blicken badete, »ich bin Madame de Nemours allerdings sehr verbunden, denn bestimmte Dienste, die sie mir auftrug, erforderten einen häufigeren Umgang mit ihr als mit Euch oder mit Madame de Montpensier. Doch beteure ich, daß ich Euch ebensooft und mit ebenso großer Freude besucht hätte (wobei meine Augen zeigten, daß diese Freude noch größer gewesen wäre), hättet Ihr mich nur gerufen und meine Ergebenheit erprobt. Hierzu hätte meine persönliche Neigung mich nicht minder bewegt wie meine Pflicht, weiß ich doch, welch ungemein große Zuneigung mein Herr für Euch hegt.«

»Was? Hat er Euch das gesagt?« rief die kleine Herzogin und errötete unter dem Ansturm meiner Komplimente, die auf sie eindrangen wie Fußvolk unter der Deckung der königlichen Reiterei.

»Ha, Madame!« sagte ich, »mehr als einmal hörte ich Seine Majestät sagen, daß er keine Dame am Hof mehr liebe als Euch.«

»Marquis, ist das wahr?« rief sie auf dem Gipfel der Freude.

»Wahr wie das Evangelium, Madame«, sagte ich. »Das schwöre ich bei meiner Ehre.«

Hierauf schwieg die Herzogin einen Augenblick, um diese Milch erst einmal zu schlecken, und dabei hatte ich ihr nicht einmal alles eingeschenkt, denn der König hatte seiner Porträtskizze einen kleinen Zug hinzugefügt, den ich ihr besser vorenthielt, den ich zum Vergnügen meines Lesers aber hier anführen will: »Meine liebe Cousine«, setzte damals der König mit feinem Sinn hinzu (Frau von Guise war durch ihre Mutter Marguerite von Bourbon tatsächlich seine Cousine linker Hand), »ist in allem, was sie sagt und tut, von einer Direktheit, die viel mehr ihrem liebenswerten Naturell und ihrem Wunsch, zu gefallen, entspringt als etwa der Plumpheit, Dummheit oder dem Willen, zu verletzen, und gerade dieses Geradlinige macht mir ihre Gesellschaft erfreulich und angenehm.«

»Ha, Monsieur!« fuhr die kleine Herzogin, von dem königlichen Lob noch ganz durchdrungen, fort, »wie mich die liebreiche Gesinnung Seiner Majestät erfreut! Wie sie mich erleichtert und hoffen läßt! Um es Euch nämlich nicht länger zu verhehlen: Ich mache mir furchtbare Sorgen um meinen Ältesten, um Charles, den Prinzen von Joinville. Ich fürchte so sehr, daß er beim König schlecht angeschrieben ist, weil doch die Generalstände zur Zeit der Belagerung ihn zum König gewählt hatten, um Henri auszubooten. Ein gewählter König von Frankreich! Und dies auf Anregung, auf Anstiftung sollte ich besser sagen, des Herzogs von Feria und des päpstlichen Legaten. Eines Spaniers und eines Italieners! Unglaublich, nicht wahr? Mein Herr Sohn, habe ich ihm gesagt, wenn Ihr einwilligt, daß diese dämlichen Pariser Euch ›Sire‹ nennen, will ich Euch niemals wiedersehen! Ein gewählter König von Frankreich! Gewählt von einem Rumpf von Generalständen! Und unter Ägide zweier Ausländer! Wo, sagt mir, ist Eure Armee? habe ich zu ihm gesagt. Wo sind Eure Siege? Wieviel Adel habt Ihr hinter Euch? Seid Ihr wie Navarra ein großer Hauptmann, der seit zwanzig Jahren im Harnisch steckt? Auf wieviel beläuft sich Eure Kriegskasse? Ich werde es Euch sagen: auf vierhunderttausend Ecus Schulden, die Euer seliger Vater Euch hinterlassen hat. Denn was bezieht Ihr schon groß aus Eurem Gouvernat Champagne? Das Ihr übrigens unrechtmäßig innehabt, denn der abscheuliche Heinrich III. hat es nach der Ermordung Eures armen Vaters dem Herzog von Nevers gegeben. Und sagt mir doch, wer regiert denn wirklich in Reims? Ihr oder Hauptmann Saint-Paul, der noch spanischer ist als der Herzog von Feria? Und angenommen, Philipp II. hievt Euch tatsächlich auf Frankreichs Thron – wißt Ihr auch, daß er Euch dann mit seiner Tochter Clara Eugenia Isabella verkuppeln wird? Ihr werdet hispanisiert werden bis ins Ehebett, verflixt! Qué dolor! Qué vergüenza!1 Soll eine kastilische Möse den französischen Schwengel beherrschen? Und begreift Ihr nicht, daß diese lächerliche Wahl zum König von Frankreich Euch nichts als Neid und Haß seitens der Euren einbringen wird? Bei Eurem Onkel Mayenne, der den Thron für sich will oder wenigstens für seinen Sohn. Bei Eurer Tante Montpensier, die auf ihren Bruder Mayenne schwört. Bei Eurer Großmutter Nemours, die das Szepter für ihren Sohn Nemours haben will. Und nicht genug damit, daß Royalisten und ›Politische‹ sich lauthals über Euch lustig machen, schmäht Euch nun ungescheut auch noch die eigene Familie. Eure gute Großmutter nennt Euch einen ›kleinen Rotzbengel ohne Nase‹. Und Eure teure Tante Montpensier verbreitet, daß Ihr ins Bett scheißt, wenn Ihr mit ihren Ehrendamen schlaft.«

Diese lange Suada schmetterte die Herzogin mit einer Geschwindigkeit hervor, die mich sprachlos machte, sozusagen ohne Luft zu holen, wobei ihre blauen Augen funkelten und Wangen und Hals sich immer röter färbten.

»Was das Bettscheißen betrifft«, fuhr sie, zu Atem gekommen, leiser fort, »so ist es sogar wahr. Ein dummer Zufall, Marquis, eine Darmverstimmung, die dem Ärmsten nicht die Zeit ließ, sich zu erheben und den Nachtstuhl zu erreichen. Aber was seine Nase anlangt, Monsieur – Ihr kennt doch den Prinzen von Joinville, nicht wahr? –, ist das nicht die pure Verleumdung?«

»Unbedingt, Frau Herzogin«, sagte ich ernst. »Prinz von Joinville hat eine Nase – nicht so groß, nicht so lang und nicht so gebogen wie die Seiner Majestät, aber doch immerhin eine Nase.«

»Würdet Ihr sagen«, rief die kleine Herzogin, und ihr lebhaftes Gesicht verriet offene Besorgnis, »daß der Herzog eine Stumpfnase hat?«

»Durchaus nicht!« versetzte ich entschlossen. »Die Nase des Herzogs endet vielleicht ein wenig kurz, doch just dies gibt seiner Physiognomie etwas Liebenswertes und Gewitztes.«

»Ha, Monsieur!« sagte die Herzogin, »wie hübsch Ihr das ausdrückt!« Und indem sie dankbar niederblickte zu mir, dessen Kinn sich in Höhe ihrer Knie befand, reichte sie mir ihre Rechte, und zugleich ergötzt und gerührt von ihrer Naivität, nahm ich ihr Patschhändchen in meine großen Hände und bedeckte es mit Küssen, was die hohe Dame mit abwesender Miene zuließ, ehe sie mir ihre Finger wie verwirrt entzog und unvermittelt in ihrer leidenschaftlichen Rede fortfuhr. »Gott sei Dank«, sagte sie, »hat Charles sich gehütet, die Waffen gegen den König zu erheben, und ist nach der Champagne abgereist, um Reims wieder ganz in Besitz zu nehmen, bevor Hauptmann Saint-Paul die Garnison dort vollends hispanisieren kann. Aber reicht das, Marquis? Oh, nein, nein! Mein Sohn Charles muß sich um jeden Preis mit Seiner Majestät aussöhnen, damit er im Reich und am Hof den Platz einnehmen kann, der seinem großen Namen gebührt!«

»Madame«, sagte ich, »der Name Guise ist in der Tat groß. Er hat Widerhall in der Welt, und lange Zeit war er Stütze und Banner der sogenannten Heiligen Liga! Demzufolge wäre Seine Majestät sicherlich hocherfreut, wenn der Prinz von Joinville sich ihm anschließen würde. Indessen sollte dieser Anschluß so bald wie möglich erfolgen, ich meine, noch bevor Reims und die Champagne sich von selbst Seiner Majestät unterwerfen, über den Kopf Eures Herrn Sohnes hinweg, so daß er ohne Pfand dastünde wie zuvor.«

»Das ist es ja, wo mich der Schuh drückt«, rief die kleine Herzogin, die mir jetzt, da wir zur Sache kamen, gar nicht mehr so naiv vorkam. »Aber Ihr werdet mir doch wohl zustimmen, Marquis, daß der Herzog von Guise, wenn er dem König außer seinem Namen Reims und die Champagne mitbringt, entsprechende Entschädigungen erwarten kann?«

»Gewiß, nur sollte der junge Herzog nicht etwa so maßlose Forderungen stellen wie sein Onkel Mayenne, der für seine Unterwerfung nicht weniger als die Generalleutnantschaft verlangte! Worauf er vom König eine klare Abfuhr erhielt. Allerdings, Madame, gehen die Verhandlungen weiter, und unterwirft sich der Onkel, der immerhin eine Armee hat, könnte die Unterwerfung des Neffen in den Augen des Königs ein wenig an Wert verlieren.«

»Schon wahr«, meinte die Herzogin, »dennoch, Marquis, werdet Ihr hinsichtlich besagter Entschädigungen wohl einräumen, daß mein armer Charles im Königreich ja nicht nackt dastehen kann.«

»Madame«, sagte ich lachend, »das räume ich millionenmal ein. Natürlich muß der Herzog von Guise angemessen gewandet sein, fragt sich nur, auf welches Gewand er sich spitzt.«

»Das weiß ich nicht«, sagte die Herzogin, die es sehr wohl zu wissen schien, »das mögt Ihr den Herzog selber fragen, wenn Ihr mir die Gunst erweisen wollt, Monsieur, ihn in Reims zu besuchen, sofern es meinem königlichen Cousin genehm ist.«

Mir verschlug es die Sprache, muß ich sagen, wie geradezu und ungeniert sie dieses Ansinnen stellte, ich wußte gar nicht, was ich darauf erwidern sollte.

»Madame«, sagte ich, als ich mich faßte, »Reims liegt nicht zwei Meilen vor Paris, sondern mitten in ligistischem Gebiet! Überschwemmt zudem von spanischen Soldaten, die, weil Flandern gleich nebenan liegt, kommen und gehen wie bei sich zu Hause. Die gute Stadt zu erreichen ist keine Kleinigkeit und erst recht nicht, sie zu betreten und zum Herzog von Guise vorzudringen, denn Hauptmann Saint-Paul dünkt sich sehr erhaben und hält sich für den einzigen Herrn der Stadt.«

»Monsieur«, sagte die Herzogin mit der reizendsten Schmollmiene, »ich weiß doch, wie tapfer Ihr Eure geheimen Missionen immer bestanden habt, und denke, Ihr könnt mir diese nicht abschlagen, wo es darum geht, sowohl dem König zu dienen als auch mir. Falls man mich nicht belogen hat«, setzte sie mit verschmitztem Lächeln hinzu, indem sie mir abermals ihre kleine Hand hinstreckte, »als man mir sagte, Ihr wäret aus einem Stoff gemacht, daß Damen, wenn sie Euch nur recht bitten, alles über Euer Herz vermögen.«

Das war nun zwar mit grobem Faden genäht, schmeichelte mir aber trotzdem. Und, Leser, du kennst wie ich die Macht, welche die Schönheit dieses süßen Geschlechts über uns hat: Je offensichtlicher seine Künste, desto mehr verfangen sie bei uns.

»Madame«, sagte ich, indem ich ihre Hand küßte, doch etwas zurückhaltender als vorher, schließlich stand das Geschenk, das sie mir damit machte, in keinem Verhältnis zu den Gefahren, die sie mir damit aufhalsen würde, »man hat Euch nicht belogen. Erlaubt gleichwohl, daß ich Euren Auftrag nicht annehme, bevor ich meinen königlichen Herrn nicht gefragt habe, was er davon hält.«

»Aber«, sagte die Herzogin, sichtlich enttäuscht, daß ich ihr nicht schnurstracks gehorchte, »der König belagert zur Stunde das ligistische Laon, das sich ihm nicht ergeben will.«

»Laon«, sagte ich, »liegt nicht so weit von Reims, als daß ich, sofern Seine Majestät einwilligt, Eurem Herrn Sohn nicht einen Brief von Eurer Hand überbringen könnte, der mich vor ihm legitimiert.«

»Hier ist er«, sagte sie, indem sie aus ihrer Schoßtasche ein Schreiben zog und es mir, noch leibwarm, in die Hände legte. »Damit meinem Herrn Sohn keine Zweifel bleiben, daß er von mir ist, habe ich ihn eigenhändig geschrieben, in meiner eigenen Rechtschreibung, denn die kann niemand nachahmen, weil ich, wie mein seliger Mann sagte, noch mehr Fehler mache als Katharina von Medici.«

»Wie denn, Frau Herzogin!« sagte ich verdutzt, »Ihr habt meine Entscheidung schon vorweggenommen!«

»Marquis«, sagte sie lächelnd, indem sie aufstand, um mich zu verabschieden, »ich weiß recht gut, daß man mich am Hof für einfältig hält, weil ich rundheraus rede, ohne Umschweife und Hinterhalt. Aber so dumm bin ich doch nicht, daß ich Männer nicht einzuschätzen wüßte, und ich beurteile sie nicht nach ihren Worten, sondern nach den Augen. Die Euren, Marquis, sind bald zärtlich, bald schalkhaft, aber immer offen.«

Hiermit und um den Schmeicheleien, mit welchen sie mich überhäufte, noch eine hinzuzufügen, beliebte die kleine Herzogin mich vertraulich unterzuhaken und zur Tür ihres Kabinetts zu geleiten.

 

Die Reise von Paris nach Laon machte ich zusammen mit Monsieur de Rosny, was mir sehr behagte, weil seine Eskorte im Gegensatz zu meiner so stark war, daß ich bei Ansicht des kleinsten ligistischen Pelotons, das durchs Land strich, nicht sofort mit verhängten Zügeln Reißaus nehmen mußte.

Ich fand die Befestigungen, mit welchen der König die Stadt Laon umzingelte, um sie zur Aufgabe zu zwingen, weit gediehen, und als wir bei den Vorposten auf Monsieur de Vitry trafen (mit welchem ich, wie sich der Leser erinnern wird, die Übergabe von Meaux aushandelte), war er gern bereit, uns zum königlichen Zelt zu begleiten. Unterwegs nun erzählte er, Seine Majestät sei die Hänge und Steigungen der Berge, zwischen denen die Stadt liegt, derart oft abgelaufen, um alle Schanzgräben zu visitieren und zu begradigen, daß er jetzt darniederliege, zwar sonst gesund und munter, aber seine Füße seien wund, geschwollen und blutig vom vielen Kraxeln und Marschieren.

Monsieur de Rosny, der trotz seiner hohen Tugenden nicht ohne Dünkel war, hätte den König, glaube ich, lieber allein besucht, weil aber Vitry, der mich sehr liebte, Seiner Majestät hatte melden lassen, daß ich mitgekommen sei, empfing er uns beide gemeinsam. Und weil er da tatsächlich auf zwei Strohsäcken lag, einer über dem anderen, ohne jede Bettstelle – Henri Quatre lebte im Krieg immer spartanisch wie ein einfacher Hauptmann –, ließ er uns von einem Diener zwei Polster bringen, auf welchen wir an seinem Kopfende bequem knien konnten. Wie Vitry gesagt hatte, fanden wir ihn, Gott sei Dank, fröhlich und munter, das Gesicht wie gegerbtes Leder, die Augen lebhaft und unter der langen Bourbonennase den scherzenden, genießerischen und spottlustigen Mund.

»Ha, meine Freunde!« rief er, »seid mir sehr willkommen, zumal ich Eure Gesichter gerötet sehe vom Wind und lustig wie Krammetsvögel im Weinberg. Was mich anlangt, so geht es mir ganz vortrefflich, aber gewiß staunt Ihr nicht schlecht, mich hier so zu sehen, wißt Ihr doch, daß ich’s nicht gewohnt bin, die Kindbetterin zu machen, und daß ich vielmehr meine, wer zuviel schnarcht und zuviel frißt, wird nichts Großes zustande bringen. Denn woher sollen einer Seele, welche in trägen Fleischesmassen versackt, edle und großmütige Regungen kommen?«

Worauf er lachte und wir lachten, wohl wissend, daß er das Porträt Mayennes gezeichnet hatte, des schlagflüssigen und gichtigen Fettsacks, der mehr Zeit bei Tisch zubrachte als Henri in den Federn.

»Aber, bei Sankt Grises Bauch!« fuhr er fort, »damit ihr nicht denkt, daß ich hier den Weichling spiele, sollt Ihr meine Füße sehen.«

Hiermit zog er seine Beine aus dem Bett, die dünn und muskulös waren, und indem er dem Diener befahl, die Verbände abzunehmen, zeigte er uns seine Füße, die tatsächlich nichts als Blasen und Beulen, Schwielen und Schründen waren, und alles blutunterlaufen.

»Seht ihr«, sagte er mit einer Mischung aus Prahlerei und Gutmütigkeit, die mich entzückte, »das hab ich nun davon, daß ich gestern den ganzen Tag und die ganze letzte Nacht bergauf, bergab getrabt bin, lauter steile und steinige Pfade, um jedermanns Arbeit zu kontrollieren und zu berichtigen. Denn meine Befestigungen sollen so stark wie möglich werden, sowohl um die Stadt einzuschließen wie um gegen Angriffe Mayennes und des spanischen Mansfeld gerüstet zu sein, denn ich weiß doch, die wollen mich überfallen, sei es um der Stadt Lebensmittel und Verstärkung zu bringen, sei es um mich hier gänzlich zu vertreiben. Mein Freund«, fuhr er, an Monsieur de Rosny gewandt, fort, »Ihr müßt Euch unverzüglich ansehen, wie ich unsere Stellungen ausgebaut habe seit meiner Ankunft hier, die Forts und Redouten, die ich zur Deckung der Flanken habe errichten lassen, und vor allem die Batterie-Plätze, die Schanzen, die Plattformen und anderen Stellplätze für Geschütze, denn ich weiß doch, wie begierig Ihr seid, Euch in allen Kriegskünsten zu unterrichten und besonders im besten Gebrauch von Kanonen, worin ich Euch exzellieren sehen will, wie Ihr wißt.«

Worauf Monsieur de Rosny, dem der König bereits angedeutet hatte, daß er ihn zum Großmeister seiner Artillerie machen wolle, sobald der Posten frei würde, sich prompt erhob und wortlos ging.

»Graubart«, sagte der König mit feinem Lächeln zu mir, sowie Rosny fort war, »ich nehme an, ich sehe dich hier nicht ohne Grund, weil ich dir befohlen hatte, in Paris zu bleiben und Augen und Ohren offenzuhalten, falls in meiner Abwesenheit Intrigen gegen mich angezettelt würden.«

Also erzählte ich dem König meinen Vers, das heißt mein Gespräch mit Frau von Guise, und obwohl der König von seinen Dienern stets verlangte, ihre Berichte kurz und bündig abzufassen, erweiterte ich den meinen um nahezu alle Details, die der Leser kennt, weil ich wußte, wenn es um eine Frau ging und nun gar um seine teure Cousine, würde sein Ohr geduldig sein. Zum Schluß übergab ich ihm den Brief, den Madame de Guise mir für ihren Sohn mitgegeben, denn sie hatte ihn weder verschlossen noch gesiegelt, so daß ich mir ihres Wunsches gewiß sein durfte, der König möge ein Auge drauf werfen, bevor er über meine Mission entschied.

»Graubart«, sagte der König lächelnd, sowie er ihn überflogen hatte, »es ist ein Jammer, daß unsere Fürsten ihre Töchter nicht besser erziehen: Ich kann dieses Gekrakel kaum entziffern, so strotzt es von Fehlern, und so ungelenk ist die Schrift. Aber dumm ist meine liebe Cousine nicht, und von den Geschäften versteht sie mehr als ihr Sohn.«

»Sire«, sagte ich erstaunt, »beliebt mir zu erklären, was Euch zu diesem Urteil führt.«

»Zuerst die vortreffliche Wahl, die sie mit ihrem Gesandten getroffen hat. Sodann die Folgerungen, die sie aus der Tatsache zieht, daß die Einwohner von Troyes in der Champagne ihren Sohn und die Ligisten zum Tor hinausgejagt und sich mir ergeben haben.«

»Aber Sire, davon hat sie mir kein Wort gesagt! Vielleicht wußte sie es da noch nicht.«

»Sie wußte es. Ich hab es ihr durch Vic melden lassen.«

Es verschlug mir die Sprache, daß die kleine Herzogin mich hereingelegt hatte, und ich schaute stumm.

»Laß dich hängen, Graubart!« sagte der König, aus vollem Hals lachend. »Seit heute weißt du, daß auch die Naivsten ihre kleinen Listen haben.«

»Sire«, sagte ich, wieder gefaßt, »vielleicht kann man es Madame de Guise nicht ganz verübeln, daß sie mir die Übergabe von Troyes verschwiegen hat, denn wahrscheinlich dachte sie, wenn ich davon erführe, würde sie ihre Sache schmälern und mithin meine Lust, ihr zu dienen. Aber, Sire, wenn Ihr meint, daß die Mission, die sie mir auftrug, für Euch nicht mehr so wichtig ist – denn nur, um Euch nützlich zu sein, nahm ich sie unter dem Vorbehalt Eurer Zustimmung an –, dann lasse ich sie sofort fahren.«

»Tu das nicht, Graubart«, sagte der König ernst. »Wer weiß im Krieg je, ob er siegt? Und selbst wenn ich Mayenne und Mansfeld schlage und Laon nehme, und wenn auch die anderen picardischen Städte sich mir ergeben, ist es doch längst nicht gesagt, daß Reims es ebenso macht, vor allem, solange Hauptmann Saint-Paul dort stärker ist als der Herzog von Guise. Geh also, nimm Rücksprache mit dem Herzog und bewege ihn zum Übertritt, denn auch wenn er mir Reims nicht mitbringt, wird er selbst von unschätzbarer Bedeutung sein, in Frankreich sowohl wie in Rom, wo der Papst sich reichlich Zeit läßt, meine Exkommunizierung aufzuheben und meine Bekehrung anzuerkennen.«

»Sire«, sagte ich, ganz begeistert, daß Seine Majestät meiner Mission so großen Wert beimaß, »morgen früh breche ich auf.«

»Übermorgen«, sagte der König. »Zuerst mußt du deinen Schwager Quéribus bitten, daß er dich begleitet, er ist nämlich ein Verwandter von Guise, außerdem hat er eine schöne, starke Eskorte. Und dann läßt du dir vom Herzog von Nevers erzählen, wie es steht mit diesem Hauptmann Saint-Paul. Denn liebt er ihn auch nicht gerade, so kennt er ihn um so besser.«

ZWEITES KAPITEL

Obwohl sein Name in diesen Memoiren schon gefallen ist, tritt Ludwig von Gonzaga, Herzog von Nevers, hier zum erstenmal leibhaftig auf. Natürlich war ich ihm oft am Hof begegnet, wo er zur Zeit Heinrichs III. eine ebenso geschätzte wie ungewöhnliche Erscheinung war, strenger Katholik, doch nicht ligistisch, den Hugenotten feindlich gesinnt, aber ohne sie schlachten zu wollen, und dem Papst treu ergeben, ohne daß er indes bereit war, ihm die Rechte der gallikanischen Kirche zu opfern.

Von seinem Vater her, dem Herzog von Mantua, Italiener, wurde er Herzog von Nevers durch seine Vermählung mit Henriette von Kleve, welche besagtes Herzogtum geerbt hatte. Seitdem lebte er am französischen Hof, in der Entourage Katharinas von Medici, und betrachtete sich schließlich als Franzose. Loyal diente er Heinrich III. und Heinrich IV., unserem Henri, seit seiner Bekehrung und hatte sich im November vergangenen Jahres beim Papst um die Anerkennung ebendieser Bekehrung bemüht – doch vergebens, was ihn ziemlich gegrätzt hatte. Doch hätte es dieser Vergrätzung kaum bedurft, weil er schon an sich von essigsaurem und schrecklich pedantischem Wesen war, sehr eingenommen von seinem hohen Rang, streitsüchtig auf Teufel komm raus, kurz, ein Mann der Zwistigkeiten, Zänkereien und Prozesse. Oft dachte ich, daß bei ihm der Charakter von innen her Gesicht und Körper modelliert haben müsse, denn er war klein von Wuchs, engbrüstig und krumm, sein Gesicht hager und gefurcht, der Mund zynisch, die Zunge bissig, der Blick flammend. Allerwege schwarz gekleidet, schwieg er in Gesellschaft zumeist, hielt aber die Ohren gespitzt und sandte scharfe Blicke in die Runde. Wenn er einmal nicht mit diesem oder jenem prozessierte, haderte er mit dem eigenen Gewissen, mit welchem er zum Beispiel endlos debattierte, einst, ob er Heinrich III. noch dienen dürfe nach dessen Aussöhnung mit Heinrich IV., oder später dann Heinrich IV., nachdem dieser konvertiert war. Im übrigen war er ein geistvoller Mann und sehr gelehrt, vornehmlich im Ingenieurswesen, und hatte der Belagerungs- und Befestigungskunst viel Zeit und Studien gewidmet.

»Monsieur«, sagte er steif, als er mich endlich zu empfangen geruhte, nachdem ich eine volle Stunde in seinem Vorzimmer hatte warten müssen, »ohne die dringliche Bitte Seiner Majestät hätte ich Euch nicht vorgelassen, denn Euer Vater ist ein verstockter Hugenotte, und Ihr, Ihr seid gleichfalls ein Hugenotte, der nur katholisch getüncht ist.«

»Monseigneur«, sagte ich, mich knapp verneigend, nicht ohne Vehemenz, »auch wenn mein Vater Hugenotte ist, hat er doch Heinrich II. und Karl IX. auf den Schlachtfeldern ungemein tapfer gedient. Nie fand er sich bereit, die Waffen gegen Heinrich III. zu erheben, sooft die Chefs der Reformierten auch dazu aufforderten. Und bevor Heinrich IV. an die Macht kam, stand er dem legitimen Herrscher des Reiches trotz seines hohen Alters mit Armen und Talern großmütig zur Seite. Weshalb Ihr den Baron von Mespech denn zur Kategorie der ›nichtaufständischen Hugenotten‹ rechnen könnt, für welche Ihr in Eurem berühmten Bericht von 1572 eine mildere Sanktion vorsaht: nämlich den Einzug eines Sechstels von ihrem Vermögen. Doch, Monseigneur, mein Vater hat Heinrich IV. aus freien Stücken weitaus mehr gegeben, um seinen Kampf gegen die Liga und gegen Spanien zu unterstützen. Und was die anderen vier lebenden Kinder des Barons von Mespech und meiner Mutter Isabella, geborener von Caumont, betrifft, so sind sie heutigentags ebenso wie ich zum Katholizismus bekehrt. Und ich wage mit allem schuldigen Respekt zu sagen, Monseigneur, daß es keinen Grund gibt, an der Aufrichtigkeit dieser Bekehrung mehr als an der des Königs zu zweifeln.«

Der Herzog von Nevers hörte dies mit undurchdringlichem Gesicht an, während er mich mit Blicken durchbohrte. Doch sowie ich endete, schienen sich diese zu besänftigen, und als er zu sprechen anhob, klang seine Stimme nicht mehr ganz so schneidend.

»Monsieur«, sagte er, »Eure Rede ist gewandt und ehrenhaft gleichermaßen, und Ihr appelliert nicht vergeblich an meine Einsicht, bin ich doch stets bestrebt, mein Urteil nach Aufklärung gegebenenfalls zu ändern. Gleichwohl bezeichnete Euch Heinrich III. mir gegenüber als einen Edelmann, der ›die Segel gestrichen‹ habe, um ihm dienen zu können.«

»Mein armer, sehr geliebter Herr«, sagte ich mit einem Lächeln, »beurteilte es so, weil er selbst überaus fromm war, wie Ihr wißt, Monseigneur. Er wallfahrtete, er geißelte sich, er zog sich zur Meditation in Klöster zurück. Ich aber, der ich ein recht lauer Hugenotte war, wie sollte ich, als ich mich bekehrte, ein glühender Katholik werden? Immerhin waren meine Familie und ich von den Priestern grausam verfolgt worden! Und endlich, Monseigneur, da Ihr empfänglich seid für Vernunft, darf ich fragen, ob es vernünftig ist, meinen Glauben so genau erforschen zu wollen, wenn ich in Betracht nehme, daß Ihr bei Eurer kürzlichen Gesandtschaft in Rom den drei Bischöfen, die Euch begleiteten, zu Recht untersagtet, sich der Prüfung des Inquisitionskardinals zu unterziehen, wie es der Heilige Vater gefordert hatte?«

»Das ist doch wohl ein großer Unterschied!« sagte der Herzog von Nevers mit geschwelltem Kamm und Blitze schleudernden Augen. »Drei französische Bischöfe der päpstlichen Inquisition überantworten zu wollen, einzig weil sie zur Bekehrung des Königs Hilfe geleistet haben, das kam einer tödlichen Beleidigung sowohl des Königs von Frankreich wie auch meiner Person, seines Gesandten, gleich.«

»Sicherlich«, sagte ich. »Doch was mich betrifft, der ich nicht so hoch fliege und dessen gegenwärtige Mission keine geistliche ist, so sehe ich nicht, weshalb die Glut meines katholischen Glaubens legitimerweise in Frage gestellt werden müßte.«

»Sie wird es, wenn ich es entscheide«, sagte der Herzog von Nevers mit Augen, schwarz wie seine Kleider, und einem unerträglichen Hochmut.

»In dem Fall«, sagte ich, als ich mich faßte, »wolle Eure Exzellenz mich beurlauben, denn ich weiß nicht, ob mein königlicher Herr Euch Befugnis verliehen hat, mich Eurer Inquisition zu unterwerfen.«

Hiermit entbot ich dem teufelsschwarzen Herzog eine tiefe Verbeugung, und ohne seine Einwilligung abzuwarten, machte ich auf dem Absatz kehrt.

»Aber, bitte, bitte, Monsieur«, rief er, »nehmt doch Platz! Mein Reden bezweckte lediglich, Euer Metall zu prüfen, und es befriedigt mich, daß Euer Eisen dem meinen auf Biegen und Brechen standhält.«

Beim Ochsenhorn, dachte ich, se la scusa non è vera, è ben trovata1 und bezeugt einen beweglichen Geist. Doch was mich anging, so glaubte ich eher, der kleine Streithahn von Herzog fürchtete dem König zu mißfallen, wenn er mich weiterhin vor den Kopf stieß. Und mit diesem Gedanken kam ich Nevers’ verspäteter Höflichkeit nach und setzte mich, worauf ich zugleich entschlossen und entgegenkommend, mit einer Miene huldvollen Stolzes gleichsam, seinen guten Willen abwartete.

»Monsieur«, fuhr er fort, und nun war seine Stimme ein sanft fließender Bach, nicht ohne daß freilich etwas Spitziges und Stechendes in seinen Augen blieb, »zuerst möchte ich Euch in Erinnerung rufen, daß Ihr mich ›Eure Hoheit‹ anzureden habt und nicht ›Eure Exzellenz‹, denn ich bin regierender Herzog.«

»Monseigneur«, sagte ich, indem ich mich verneigte, »ich glaubte, Ihr hättet Euer Herzogtum Rethel Eurem Sohn abgetreten.«

»Ich habe es ihm zur Apanage abgetreten«, sagte der Herzog von Nevers, »aber die Regierung führe ich.«

»Dann bitte ich Eure Hoheit vielmals um Entschuldigung«, sagte ich mit neuerlicher Verneigung. »In der Tat«, fuhr ich fort, um die Initiative des Gesprächs endlich an mich zu ziehen, »hatte ich Eure Hoheit um diese Audienz ersucht, um mich über die Champagne samt Rethel zu unterrichten, ist diese nördliche Provinz für Seine Majestät doch von höchster Bedeutung, weil sie den flandrischen Spaniern Einfallsbahnen darbietet und sich derzeit in Händen des Herzogs von Mayenne, des jungen Herzogs von Guise und des Monsieur de Saint-Paul befindet.«

»Monsieur de Saint-Paul!« bellte plötzlich der Herzog wie rasend vor Wut und warf die Hände hoch, »Monsieur de Saint-Paul!« wiederholte er, indem er aufsprang und um sich selbst kreiselte wie ein kleines schwarzes Insekt in einem Glas, wobei er wie toll mit den Fingern schnippte. »Ha, Monsieur de Siorac! Ha, Marquis! Es heißt aus einem Teufel zwei machen und aus zwei Teufeln drei, diese unsägliche Person als Monsieur de und Saint zu bezeichnen, die weder Monsieur noch de, noch Saint ist, vielleicht nicht einmal Paul, sondern der widerwärtigste und unerträglichste kleine Wurm, der jemals auf Gottes Erden kroch!«

Das »ließ sich hören«, wie Tronson gesagt hätte, und sogleich beschwor ich den Herzog, diese erste Skizze Saint-Pauls zum vollendeten Porträt zu erweitern und ihn mir von Kopf bis Fuß zu schildern, denn daß Seine Majestät diesem nicht wohlwolle, könne er sich denken, und da ich in dieser Affäre nur Auge und Arm des Königs sei, bedürfe ersteres der Aufklärung und der zweite gehöriger Wappnung. Was nicht heißen soll, Leser, daß ich vorhatte, besagten Herrn umzubringen, eine so traurige Figur er auch sein mochte. Für solche Aufträge war ich nicht der Mann. Und wenn Miroul und ich den Chevalier d’Aumale in Saint-Denis erschossen hatten, so doch nur, weil er auf mich anlegte, bevor ich ihn zu loyalem Duell überhaupt hatte fordern können, denn ich hatte ihm nie vergessen, daß er bei der Plünderung von Saint-Symphorien ein armes Kind von zwölf Jahren geschändet hatte.

»Er ist ein Rüpel«, fuhr der Herzog von Nevers fort, indem er wieder Platz nahm und mir durch ein Zeichen bedeutete, es ihm gleichzutun (denn aus Respekt war auch ich aufgestanden, als er emporgesaust war wie ein Springteufel aus dem Kasten), »ein Rüpel ohne allen Glauben, ohne Gesetz, ohne Namen, ohne Habe – schlicht der Sohn eines Haushofmeisters des Herrn von Nangis, welcher die Schwäche hatte, ihn zum Pagen zu nehmen und im Waffenhandwerk auszubilden, worin der Schuft nun trefflich reüssierte, fehlt es ihm doch nicht an Kühnheit, Witz und Geschick. Und durch Gunst des Herzogs von Guise, des Narbigen meine ich, avancierte er schließlich zum Obristen der ligistischen Armee und heiratete – unter dem Namen eines Monsieur de Saint-Paul – eine reiche, schöne und sehr vornehme Witwe. Ihr lächelt, Monsieur?« unterbrach sich der Herzog, indem er mir einen zornigen Blick zuwarf.

»Beliebe Eure Hoheit, sich über dieses Lächeln nicht zu pikieren«, sagte ich, »mir ging nur durch den Sinn, wie viele dieser Ligisten leider Gottes dank unseren Bürgerkriegen aufsteigen konnten wie Schaum auf den Wogen. Ich brauche nur an die ›Sechzehn‹ zu erinnern, die sich während der Belagerung wie die wahren Könige von Paris benahmen.«

»Ach, die!« sagte der Herzog. »Es gibt schlimmere, viel schlimmere! Nach der Exekution des Narbigen zu Blois und der Verhaftung seines Sohnes, des Prinzen von Joinville, wurde ich von Heinrich III. zum Gouverneur der Champagne ernannt, sowohl zum Lohn für meine Treue wie auch, weil mein Herzogtum Rethel an diese Provinz angrenzt. Doch ich konnte mein Gouvernement gar nicht in Besitz nehmen, denn Mayenne und seine spanischen Verbündeten aus dem nahen Flandern hielten Reims und das gesamte Umland besetzt; ich konnte deshalb nicht einmal nach Rethel gelangen, das ich, wie gesagt, meinem Sohn zur Apanage gegeben hatte! Und weil nun der Prinz von Joinville von Heinrich III. und dann von Heinrich IV. gefangengehalten wurde, ernannte Mayenne besagten Widerling Saint-Paul zum Generalleutnant der Champagne und wenig später sogar zum Marschall von Frankreich. Ihr hört ganz recht! Dieser Niemand wurde Marschall von Frankreich, und im Rausch seiner neuen Glorie und seines unerhörten Aufstiegs brachte er die Champagne zum Zittern, riß mehrere Festungen meines Sohnes an sich und usurpierte den Titel Herzog von Rethel.«

»Beim Ochsenhorn!« rief ich, baß erstaunt. »Welch unerhörte Dreistigkeit!«

»Ha, Monsieur!« schrie der kleine Herzog, indem er, beide Hände um die Lehnen geklammert, auf seinem Sitz hin und her hüpfte, »was glaubt Ihr, was dieser Taugenichts in seiner maßlosen Schamlosigkeit noch fertigbrachte! Geschrieben hat er mir! Er hatte die Stirn, mir diesen Brief hier zu schreiben«, setzte er hinzu, indem er ein Blatt aus der Tasche zog, »›Monsieur‹ – beachtet, Marquis, daß für diesen Stallknecht ein regierender Herzog nicht einmal ›Monseigneur‹ heißt –, ›Monsieur‹ also, ›wenn Ihr wünscht, daß die Euren Rethel in Frieden genießen, so habt Ihr einen Sohn und eine Tochter zu verheiraten und ich ebenso. Verheiraten wir sie mitsammen, und wir können uns einigen.‹ Ihr hört ganz recht! Nicht allein, daß er meinem Sohn mein Herzogtum raubte, dieser Wurm wollte sich auch noch in meine Familie einschleichen!«

»Und was hat Eure Hoheit ihm geantwortet?« fragte ich. »Daß die Gonzaga ein ruhmreiches italienisches Fürstengeschlecht aus uralten Zeiten sind?«

»Oh, nicht doch!« sagte der Herzog, »damit hätte ich dem Rüpel zuviel Ehre erwiesen! Marquis«, fuhr er mit ernster Miene fort, »ich bin Christ, und ein konsequenter Christ, aber es gibt Situationen, meine ich, wo der Christ in mir hinter dem Herzog zurückstehen muß.«

»Sehr richtig«, sagte ich, indem ich meine Miene nach der seinen richtete.

»Ich antwortete also folgendes«, sagte der Herzog, indem er aufstand (was ich selbstverständlich auch gleich tat): »›Hauptmann‹ (Ihr könnt Euch wohl denken, daß ich ihn nicht Marschall anredete, der Titel wurde ihm schließlich nicht vom König verliehen), ›Hauptmann, Euer Schreiben stopfe ich Euch in den Rachen, sowie ich Euch in die Hand bekomme. Sodann werde ich meinen Männern befehlen, Euch an der erstbesten Eiche aufzuknüpfen, mit einer pappenen Herzogskrone auf dem Kopf.‹ Aber, leider, Marquis, so viele Hinterhalte ich dem Schuft auch bereitete, er entkam jedesmal. Und jetzt ist er in der Champagne so mächtig, daß sogar der Prinz von Joinville ihn sich nicht gefügig machen kann.«

Als ich Seiner Majestät diese Schilderung am nächsten Tag wiederholte, hörte er mir zu, indem er auf seinen kurzen, muskulösen Beinen unablässig durchs Zelt stapfte (im Sitzen hielt er es keine zwei Minuten aus), und als ich meinen Vers beendet hatte, verharrte er und wandte mir seine lange Nase zu.

»Graubart«, fragte er mit lauerndem Blick, »und wie denkst du jetzt über Saint-Paul?«

»Eines Tages, Sire, wird sich der junge Herzog von Guise Euch unterwerfen, und eines Tages vielleicht sogar Mayenne, aber dieser Hauptmann Saint-Paul nie und nimmer.«

»Warum, Graubart?«

»Weil er von so tief unten gekommen und so hoch gestiegen ist: Marschall von Frankreich, Generalleutnant einer Provinz und beinahe Herzog von Rethel – der weiß genau, daß er nicht einen dieser Titel behalten kann, wenn er mit Euch verhandelt. Deshalb hat er sich zum Spanier gemacht.«

»Gut räsonniert«, sagte der König. »Und der Herzog von Nevers?« frug er mit kleinem Blitzen in den Augen, »wie kamst du mit dem zurecht?«

»Anfangs schlecht. Dann gut.«

»Nevers ist eine Kastanie«, sagte lachend der König. »Außen nichts wie Stacheln. Aber innen zart. Außerdem ist er der einzige Große im Reich, der mir vollkommen loyal dient. Ha, diese Großen, Graubart! Je mehr man ihnen zugesteht, desto mehr Scherereien machen sie einem! Der Herzog von Bouillon, der mir so viel verdankt, hetzt die Hugenotten wegen meiner Bekehrung gegen mich auf. Der Herzog von Mercœur versucht, mit spanischer Hilfe die Bretagne von Frankreich abzutrennen, ein Tor, der die Uhr um ein Jahrhundert zurückstellen will. Der Herzog von Epernon ruft meine Feinde zu Hilfe, um sich aus der Provence ein unabhängiges Herzogtum herauszuschneiden. Und der Marschall von Biron …«

»Was, Sire? Biron?«

»Ja, ja, Biron!« rief der König. »Biron, Graubart, besteht nur aus Eitelkeit und Prahlerei und führt vor jedem, der es hören will, die ausgefallensten Reden! Fehlt nur noch, daß er behauptet, er hätte mir die Krone aufgesetzt! Und fordert quasi das Gouvernement Laon, sobald ich die gute Stadt genommen habe. Schon redet er davon, wie er sie befestigen will, und droht mir einen Tanz an, sollte ich sie ihm verweigern! Was ich übrigens tun werde: Ich setze doch nicht in eine Flandern so nahe Stadt einen derart anmaßenden Menschen, der imstande wäre, mir beim kleinsten Zwist mit spanischer Hilfe endlose Händel anzurichten … Ha, Graubart! Regieren ist kein Zuckerschlecken, vor allem in diesem Land.«

»Aber das Volk liebt Euch, Sire.«

»Ach, das Volk, das Volk«, sagte der König und schüttelte mit bitterer Miene den Kopf. »Gestern hat es dich beschimpft. Heute jubelt es dir zu. Und wirst du morgen geschlagen, feiert es den Sieger. Nein, Graubart, dem Volk kann man nicht trauen, den Großen auch nicht, aber vor allem«, setzte er gedämpft hinzu, indem er sich umblickte, »vor allem nicht den Jesuiten.«

»Sire«, sagte ich, »es fehlt Euch nicht an guten Dienern, die Euch sehr lieben und sehr treu ergeben sind.«

»Gewiß, gewiß!« rief Henri, ohne sich darum zu scheren, daß dieses Wort den Hugenotten verriet, »aber das ist persönliche Treue: Nur sehr wenige haben wirklich den Sinn für die großen Interessen des Reiches.«

»Ich hoffe, Sire«, sagte ich lächelnd und mit einer Verneigung, »Ihr werdet erlauben, daß ich mich eines Tages zu diesen zählen darf.«

»Das beantworte ich dir, wenn du von Reims zurückkommst!« Und wieder lachend, setzte der König hinzu: »Auf, Graubart, spute dich! Reite mit verhängten Zügeln! Und mühe dich zum Wohl des Reiches!«

 

Und wie ich mich sputete! Gemeinsam mit meinem Schwager Quéribus und seiner »starken und schönen Eskorte«, deren Befehl er mir überließ. Stark war sie durch ihre Anzahl, vierzig gute Pferde, und schnell. Ich schickte Aufklärer voraus und auch nach beiden Seiten, und als einer mir atemlos meldete, wir hielten geradewegs auf eine große ligistische Schwadron zu, schwenkte ich seitab und umrundete sie, ohne daß der Feind, der uns bald sah, uns einholen konnte und mehr von uns zu schnappen bekam als den Staub unserer Hufe.

Nach dieser unerquicklichen Begegnung drosselten wir das Tempo und bewegten uns vorsichtiger mit unseren vorzüglichen Tieren, und obwohl der Weg von Laon nach Reims nicht sehr weit war, höchstens eine Tagesreise, schlugen wir uns, sooft wir konnten, seitlich durch Busch und Wald, trabten nur vor Morgen und bei einfallender Dunkelheit, biwakierten über Tag im Freien und machten um Dörfer und Marktflecken einen großen Bogen.

Als wir dann vor Tau und Tag von einer Anhöhe fern in diesigem Grau die Mauern von Reims erspähten, ließ ich die Eskorte absitzen und die Harnische ablegen, um uns nicht kriegerisch gewappnet vor Reims zu zeigen und von den Wällen beschossen zu werden.

»Schön und gut, mein Herr Bruder!« sagte Quéribus, »aber wie kommen wir nun rein in die Stadt?«

»Wie jedermann: Wir bitten am Tor um Einlaß.«

»Was? Auf die Gefahr hin, daß man uns gleich bei der Ankunft den Garaus macht oder uns wenigstens einsperrt, um Lösegeld zu erpressen?«

»Bei solchen Missionen muß man viel wagen«, sagte ich lächelnd. »Immerhin spricht zweierlei für uns: daß Ihr ein Vetter des jungen Herzogs von Guise seid und daß ich ihm einen Brief seiner Mutter zu überbringen habe.«

»Ersteres«, sagte Quéribus, »wäre nur von Vorteil, wenn Saint-Paul ein Edelmann wäre. Aber ein Typ dieses Schlages achtet doch Blutsbande nicht!«

»Und was das zweite angeht«,

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