Logo weiterlesen.de
Der Sünde verfallen

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Eine Einführung
  6. Erstes Kapitel
  7. Zweites Kapitel
  8. Drittes Kapitel
  9. Viertes Kapitel
  10. Fünftes Kapitel
  11. Sechstes Kapitel
  12. Siebtes Kapitel
  13. Achtes Kapitel
  14. Neuntes Kapitel
  15. Zehntes Kapitel
  16. Elftes Kapitel
  17. Zwölftes Kapitel
  18. Dreizehntes Kapitel
  19. Vierzehntes Kapitel
  20. Fünfzehntes Kapitel
  21. Sechzehntes Kapitel
  22. Siebzehntes Kapitel
  23. Achtzehntes Kapitel

Eine Einführung

In der die Gründe für diese Geschichte erklärt werden
& auch gewisse Ansichten der Autorin
über die sinnliche Erziehung von Heldinnen

Die Unschuld von Frauen ist ein weit überschätzter Zustand, und zudem auch noch ein überflüssiger. Männer werden immer versuchen, das weibliche Geschlecht in diesem unwissenden Status zu halten, damit sie ihren Vorteil denen gegenüber wahren können, die von der Natur bereits ausgestattet sind, zärtlicher und sanfter zu sein, mehr Verzierung als Wirkung.

Und nun sage ich Ihnen, liebe Leser, schauen Sie mal in Ihr Herz und antworten Sie ehrlich auf diese Frage: Ist Unschuld nichts anderes als der Mangel an Wissen? Wie kann eine Frau sich auf den Pfad der Rechtschaffenheit begeben, wenn sie niemals von der Sünde in Versuchung geführt wurde oder wenigstens zu zweifeln begann, um dann klüger als zuvor auf den Weg zum Guten zurückzukehren? Und weiter: Warum ist es besser, dass Frauen unerfahren und uninformiert bleiben und niemals die Köstlichkeiten schmecken können, die Lüste und Freuden, die nur die Liebe bringen kann?

Da wir nun einmal in einer selbstgefälligen Welt leben, wird es jene geben, die die Heldin dieser Seiten nicht als wirkliche Heldin betrachten, sondern als ein niederes, unwürdiges Wesen verurteilen, sie werden in ihr eine Schlampe, ein Flittchen sehen, eine Konkubine und Kurtisane. Aber um fair zu bleiben: Miss Marianna Wren steht auch für viele andere Dinge, sie ist das leuchtende Beispiel einer Frau, die etwas aus sich macht, die über ihr Schicksal triumphiert und stets fröhlich ist.

Um es kurz zu fassen: Sie steht für den süßen Wirrwarr, in dem sich jede Frau befindet, und deshalb hat sie verdient, dass wir die Heldin in ihr sehen.

Und wie alle guten (und schlechten) Heldinnen es verdienen, beginnt ihre Geschichte mit einer verlorenen Unschuld und einer gefundenen Liebe …

Erstes Kapitel

In dem die Heldin vorgestellt wird & schon
bald die Bekanntschaft mit dem Helden
und mit dem schelmischen Gott Eros macht

Die Sommersonne hing noch tief am Himmel in Devonshire, und die Schatten der Eichen, die die Wiesen säumten, lagen schwer auf dem Tau der hohen Gräser. Aber es war kein gewöhnlicher Morgen, denn in diesen Gräsern lag ein schreiender, weiblicher Säugling.

Das bedauernswerte Neugeborene wusste noch nichts von Männern, und selbst sein Vater, der es gezeugt hatte, weigerte sich, ihm seinen Namen zu geben. Von der Liebe einer Mutter wusste unser Baby auch nicht viel mehr, denn die arme Frau wusste keinen besseren Ausweg für das Kleinkind, als es nach drei Tagen an einer einsamen Wegkreuzung auszusetzen.

Das zarte Baby hatte keine Nahrung mehr erhalten, und der einzige Schutz vor den Elementen war eine verschlissene Decke. Und wäre sie nicht für größere Dinge bestimmt gewesen, hätte sie nicht überlebt, sie wäre verhungert und ausgetrocknet, oder von wilden Hunden zerfleischt worden, und es würde keinen geben, der um das kleine Mädchen trauerte.

Aber an diesem besonderen Sommertag sandte das Schicksal Lady Catherine Worthy in ihrer Kutsche an diese Wegkreuzung. Verängstigt durch die donnernden Geräusche der mit Eisen beschlagenen Räder, schrie das Baby noch lauter, und die Stimme klang so schrill, dass Lady Worthy darauf aufmerksam wurde. Die Lady stieß den Kopf durch das Kutschfenster und war verärgert, weil sie das Babygeschrei für das Kreischen eines Achsenbruchs ihrer Kutsche hielt, der wahrscheinlich dem Stellmacher anzulasten war, weil er sie mit der letzten Rechnung übers Ohr gehauen hatte.

»Stopp! Bleib sofort stehen!«, rief sie dem Kutscher zu. »Halt sofort an!«

Die große Kutsche rumpelte zu einem quietschenden Halt, aber das Geräusch war immer noch da, es klang jämmerlich und irritierend. Ihre Ladyship lehnte sich weiter aus dem Fenster und winkte ihrem Diener zu, der die Reise hinten auf dem Kutschkasten zubrachte.

»Du da hinten«, rief sie. »Jemand hat einen jungen Hund ausgesetzt. Er hat sich da hinten im hohen Gras versteckt. Lauf zurück und bring ihn her, aber schnell! Ich hasse nichts mehr als diesen miesen Typen, der einen jungen Hund wie Abfall wegwirft.«

Der Diener trottete den Weg zurück und hob keinen Welpen auf, sondern einen Säugling. Bestürzt schaute er zur Kutsche, während er das zappelnde (und feuchte) Bündel auf Armeslänge hielt, damit seine piekfeine Uniform mit den silbernen Litzen nicht besudelt wurde.

»Es ist kein Hündchen, Mylady«, rief er. »Es ist ein Baby.«

»Ein Baby?«, sagte die Lady mit Enttäuschung in der Stimme. »Bestimmt kein Hündchen?«

»Nein, Mylady«, sagte der Diener und starrte vorsichtig auf das bedauernswerte Kind in seinen Armen. »Soll ich es trotzdem zu Ihnen bringen, Mylady?«

»Ein Baby.« Ihre Ladyship seufzte schwer. »Nun ja, ich schätze, wir können es nicht einfach da liegen lassen, sonst wird es von Wildschweinen gefressen, und dann hat der Himmel wieder eine Seele verloren. Ist es ein Junge oder ein Mädchen?«

Mit einem groben Finger hob der Diener die Windel an und vergewisserte sich mit Blick und Finger vom Geschlecht des Säuglings; er sollte der Erste von vielen sein, der diese Stelle des Kindes betrachtete. »Ein Mädchen, Mylady«, rief er.

»Ein Mädchen.« Ihre Ladyship seufzte wieder. »Wie auch immer«, sagte sie dann, »unsere Christenpflicht ist es, sich derer anzunehmen, die nicht für sich selber sorgen können. Wir werden sie deshalb behalten, und am kommenden Sabbat soll sie getauft werden.«

Und so kam der kleine Findling wegen der Wohltätigkeit von Lady Catherine in den Haushalt von Worthy Hall. Sie wurde von den Bediensteten betreut, und bei der Taufe gab man ihr den Namen Mary, und sie wurde der Mutter des Herrn gewidmet. Die Lady nannte alle ihre weiblichen Angestellten Mary. Als Nachname wurde ihr Wren gegeben, denn ihre Ladyship fand dies als einen passenden Namen für ein junges Waisenkind. Er klang kurz, bescheiden und fleißig.

Doch Lady Catherines sorgsames Planen ging nicht auf. Als Mary Wren aufwuchs, konnte man nur wenig von Bescheidenheit erkennen. Ihr Temperament ließ keine Demut zu, und obwohl sie häufig von ihren Höhergestellten mit dem Stock gezüchtigt wurde, konnte man sie nicht zum Schweigen bringen, wenn ihr selbst oder anderen Unrecht und Unfairness widerfuhr.

Mary selbst hatte am meisten unter der Ungerechtigkeit zu leiden. Während sie sich abplagte, alle Aufgaben zu erfüllen, die ihr als jüngste Küchenmagd aufgetragen wurden, und sie vor Anbruch des neuen Tages aufstehen und mit der Arbeit beginnen musste, hatten die Köchin oder Mrs. Able, die Haushälterin, nie ein gutes Wort für sie übrig. Egal, wie hart Mary arbeitete, sie konnte es niemandem recht machen, und sie verzweifelte, wenn sie daran dachte, welches Zeugnis man ihr geben würde, wenn sie sich mal traute, ihre Stelle zu verlassen und in einem anderen Haushalt zu arbeiten.

Am wenigsten bescheiden war Marys Kleidung. An ihrem sechzehnten Geburtstag war sie zu einer seltenen Schönheit herangereift, wunderhübsch anzuschauen. Sie hatte eine makellose Haut und blühte auf wie eine Damaszenerrose. Ihre Haare waren dunkel und gelockt; sie hatte ebenmäßige Zähne, und ihre Augen strahlten wie die hellsten Saphire.

Ja, aus ihr war eine gut aussehende junge Frau geworden; ihre Brüste waren groß und fest, und ihre Taille hätte man leicht mit beiden Händen umschließen können. Trotz ihrer schmucklosen Dienstmädchenkluft mit der Haube zog sie die Blicke der Männer jeden Alters an, ganz egal, wohin sie ging.

Man möge bitte zur Kenntnis nehmen, dass Mary im zarten Alter von sechzehn Jahren noch eine Jungfrau war, eine Unschuld im wahrsten Sinne des Wortes. Sie suchte nicht die Bewunderung, die ihr überall begegnete, und sie war ihr auch nicht einfach im Umgang. Stattdessen waren ihr diese Aufmerksamkeiten lästig, und manchmal schämte sie sich sogar, sodass sich ihre Wangen vor Verlegenheit rot färbten.

Es war also nicht überraschend, dass die Lakaien und Pferdepfleger und andere Männer des Personals diese Schwäche von Mary ausnutzten, wann immer sie eine Gelegenheit dazu erhielten. Sie quälten sie sogar jeden Sonntag in der den Dienern vorbehaltenen Bank in der Kirche, wenn sie heimlich in Marys Pobacken kniffen oder beim Hinknien flink das Brusttuch vom Busen fischten, damit neugierige Augen mehr von den weichen Rundungen sehen konnten.

Und als an einem schönen Sommermorgen die anderen Frauen in der Küche kicherten und sich Dinge über einen jungen Gentleman zuflüsterten, der zu einer Besuchergruppe gehörte, hielt sich Mary zurück und konzentrierte sich auf ihre Aufgabe, die Bohnen aus den Schoten zu drücken, die für das Mittagessen des Personals vorgesehen waren.

»Man sagt, dass Lady Nestor nirgendwo übernachtet, wenn Mr. Lyon nicht an ihrer Seite ist«, sagte Betty, ein Zimmermädchen, als sie mit der Geziertheit einer wahren Lady an ihrem mit Wasser verlängerten Tee nippte. »Ihre Ladyship meint, ihr Leben wäre wertlos ohne seinen Rat und seine Hilfe, so sehr ist sie auf den jungen Gentleman angewiesen.«

»Oh, ich kann mir vorstellen, wie seine Hilfe aussieht«, sagte Susannah, eine der Küchenhelferinnen. »Ich habe diesen Johnny Lyon gesehen, er ist ein gut aussehender Bursche, und ich habe auch gesehen, wie Ihre Ladyschaft um ihn herumscharwenzelt, obwohl sie alt genug ist, seine Mutter zu sein. Und seine Hilfe besteht in erster Linie darin, sie mit seinem strammen Schwanz zu beglücken.«

»Aber doch nicht vor dem Mädchen, Susannah«, raunte Betty, obwohl sie herzhaft lachte. »Verdirb Marys unschuldige Ohren nicht.«

Ob nun unschuldig oder nicht, Marys Ohren hatten genug gehört. Mr. John Lyon war eine Vollwaise wie sie, und er war von Lady Nestor aufgezogen worden, der ältesten Freundin von Lady Catherine. Aber während Lady Catherine aus ihrem Findling nur eine Dienerin heranzog, hatte Lady Nestor das ungewöhnliche Talent ihres Waisenkindes bemerkt, und sie hatte für seine Bildung gezahlt, die sich nicht von anderen jungen Gentlemen unterschied. Sie hatte ihn für den Dienst der Kirche vorgesehen, aber ihr Personal und auch die Frauen im Haushalt von Worthy Hall fanden, dass er viel zu gut aussah, um ihn auf der Kanzel zu verschwenden.

Das war alles, was Mary von Mr. Lyon wusste, und sie war nicht darauf aus, mehr über ihn zu erfahren. Sie hatte genug gehört. Sie senkte den Kopf und tat so, als lauschte sie nicht – eine List, die die beiden anderen Frauen sofort durchschauten.

»Diese unschuldigen Ohren?« Susannah warf ihr Messer in die Luft und fing es wieder auf. »Ha! Mary ist nicht besser als wir. Du wirst es noch erleben. Bald wird irgendein hübscher Junge scharf auf sie sein, dann kitzelt er sie zwischen den Beinen, und sie wird schon auf dem Boden liegen, die Röcke hoch gezogen, und alles geschieht schneller, als ich es erzählen kann.«

»Nein, so ist es nicht«, rief Mary, und ihr Kopf steckte immer noch tief über der Bohnenschüssel. »Ich habe Lady Catherine mit einer Hand auf der Heiligen Schrift versprochen, dass ich Jungfrau bleibe, bis ich heirate. Und ich lasse mich auch nicht zur Sünde verführen.«

»Versprechen, die so dümmlich sind, muss man einfach brechen, Mary«, sagte Betty freundlich. »Du solltest keine Schwüre leisten, die du nicht einhalten kannst, auch wenn Ihre Ladyship das verlangt.«

»Ich würde sie gern mal testen«, sagte Susannah. »Mr. Lyons Kaffee ist fast fertig, Mary. Du wirst ihm den Kaffee in den Salon bringen.«

Betty riss den Mund weit auf. »Mary kann unmöglich hinaufgehen«, rief sie empört. »Sie gehört zum Küchenpersonal.«

»Dieses eine Mal kann sie die Treppe hinaufgehen«, sagte Susannah, die sich den Test nicht entgehen lassen wollte. »Mr. Lyon wünscht sich Kaffee, er hat schon mehrfach danach geklingelt, und Mary ist die Einzige in der Küche, die seinen Befehl ausführen kann. Es sei denn, du bist zu schüchtern für eine solche Aufgabe, Mary?«

»Mr. Lyon jagt mir keine Angst ein.« Mary stellte die Bohnenschüssel geräuschvoll auf den Tisch und band ihre Schürze ab. »Er ist auch nur ein Normalsterblicher, ein Mann aus Fleisch und Blut, sonst nichts.«

»Oh, ja, er hat Fleisch genug«, sagte Betty und gluckste. »Reizvolles Männerfleisch. Aber ich wette, dass selbst ein Dienstmädchen wie du bald herausfindet, was sich mit diesem Fleisch alles anstellen lässt. Geh jetzt, nimm das Tablett und sieh zu, dass dir die Ladyship nicht über den Weg läuft.«

»Und denk dran, gleich zu uns zu kommen, wenn du deinen Auftrag abgeschlossen hast. Wir wollen alles hören, wirklich alles.« Susannah streckte ihre Zunge heraus und strich sich über die Lippen. Betty war von der Geste so überrascht, dass sie erneut in fröhliches Lachen ausbrach.

Sie krächzten wie zwei Krähen, was Mary verfolgte, als sie die Hintertreppe hinaufging, das Tablett in beiden Händen. Dass ihre Kolleginnen sich derart über sie amüsierten, verwirrte sie, und ihr gingen eine Menge von Sprüchen durch den Kopf, die sie hätte sagen sollen, um das Necken ein für alle Mal zu beenden. Bisher hatte sie noch kein Junge oder Mann verführen können. Warum sollte sie dieses Mal schwach werden?

Aber als sie die Halle betrat, hatte sich ihr Ärger über die beiden abgekühlt. Test oder nicht – sie hätte hier nicht sein dürfen. Deshalb hastete sie jetzt über die schwarzen und weißen Marmorfliesen, direkt auf den Salon zu. Ihr schlichtes Kleid aus grober Baumwolle passte nicht zur Pracht der Einrichtung, und selbst die gemalten Gesichter der Worthy-Ahnen an den Wänden schienen aus ihren Goldrahmen höhnisch zu lächeln über ihre Bekleidung.

Sie würde die Folgen ihres Tuns büßen müssen, wenn Lady Catherine sie erwischte. Noch mehr fürchtete sie die Bestrafung durch den Butler, der Mr. Punch hieß, und auch von Mrs. Able, der Haushälterin, denn diese beiden trugen ihre Nasen höher als ihre Herrin. Wenn sie von ihnen erwischt wurde, musste sie mit einer gehörigen Tracht Prügel rechnen, und außerdem würde man ihr zusätzliche Arbeit auferlegen.

Solche Bedrohungen trieben sie noch mehr zur Eile an, und als sie vor der Tür stand und gegen das Holz klopfte, war sie völlig außer Atem.

»Herein«, kam die tiefe Männerstimme von drinnen.

Sie balancierte das Tablett mit einer Hand, während die andere Hand den Türknopf drehte, und gleichzeitig drückte sie mit einer Hüfte gegen die Tür. Aber weil es ein warmer Tag war, oder auch, weil Mary sich ungeschickt anstellte – die Tür klemmte und ließ sich nicht öffnen. Mary fürchtete, von Mr. Lyon beschimpft zu werden, weil es so lange dauerte, bis er seinen Kaffee und die Kekse genießen konnte, deshalb schwang sie mit aller Kraft die Hüfte gegen die Tür.

Dies war freilich der Moment, in dem die Tür beschloss, sich nun ganz leicht zu öffnen, und Mary flog mit dem Kopf voraus in den Salon, und dabei hatte sie alle Mühe, das Tablett zu balancieren. Sie konnte die Kaffeekanne und die leckeren Kekse retten und stürmte tiefer in den Salon, den Blick unentwegt auf ihr Tablett gerichtet.

Auf dem Silber der Kaffeekanne konnte sie ihr entsetztes Gesicht sehen. Schließlich bekam sie ihre Beine wieder unter Kontrolle und hielt das Tablett mit einem glücklichen sanften Lächeln in beiden Händen. Sie hatte es geschafft und seufzte vor Erleichterung.

Aber oh, welche Gefahr erwartete sie jetzt erst, viel übler als ein Stolpern oder sogar als ein Hinfallen.

»Haben Sie sich verletzt, Miss?«, fragte er, seine Stimme voller Sorge um ihr Wohlergehen. »Haben Sie sich wehgetan?«

Mary schaute von der Kaffeekanne hoch, und wieder wäre sie fast gefallen, diesmal in die endlose Weite der grünen Teiche, die die Augen des Gentlemans waren. Sie brachte keinen Ton heraus und konnte nur nicken, um auf die Fragen dieses Herrn zu antworten, während sie mit großen Augen das Gesicht und die ganze Gestalt des Mr. Lyon wahrnahm.

Er war nicht so schön wie ein perfekter Adonis, und er hatte auch nicht die muskulöse Figur eines Kriegers, die ihn als Herkules hätte auszeichnen können, und doch besaß der junge Gentleman, der vor ihr stand, mehr Charme und maskuline Anmut als jeder andere Mann, dem sie bis heute begegnet war.

Vielleicht zwanzig Jahre alt, war er von hoher Gestalt und gut gewachsen, die Schultern breit, der Bauch flach. Mary bewunderte die festen Muskeln von Schenkeln und Brustkorb, die man häufig bei Reitern feststellen konnte. Er war elegant gekleidet und trug einen dunkelgrauen Anzug, der das Meeresgrün seiner Augen nur noch betonte, und statt der Londoner Mode zu folgen und eine Perücke zu tragen, zeigte er seine eigenen Haare; die vergoldeten Locken wurden von schwarzen Seidenbändern gehalten.

»Sind Sie sicher, dass Sie sich nicht verletzt haben?«, fragte er mit ernsthafter Sorge.

Wieder konnte Mary nur nicken. Mr. Lyon lächelte, und dabei sah man ein Grübchen in seiner Wange, und das arme hingerissene Mädchen fühlte, wie es zu schwanken begann.

Er spürte ihre Schwäche und nahm ihr das Tablett ab, um es auf einem kleinen Tisch hinter sich abzustellen. Dann nahm er mit großer Behutsamkeit ihren Arm und führte sie zum nahen Sofa, das neben einem hohen Fensterbogen stand.

»So«, sagte er, als er sich neben sie setzte. »Atmen Sie jetzt tief ein und aus, dann wird es Ihnen bald wieder gut gehen.«

Mary schloss die Augen und wandte sich dem offenen Fenster zu, während sie tief einatmete, wie er ihr geraten hatte. Als sie dann wieder bei Kräften war, schlug sie die Augen auf, und sie musste feststellen, dass die Brise das Halstuch weggeweht hatte, und ihre Brüste, die kaum von Mieder und Korsettstangen gehalten werden konnten, jetzt unverzeihlich entblößt vor ihm lagen.

Mr. Lyon hatte seine Augen weit aufgerissen und starrte auf dieses freche, schamlose Bild, das sich ihm bot. Seine Lippen waren fest zusammengepresst, sodass Mary fürchtete, er hätte das Atmen vergessen.

»Oh, oh, Sir, bitte verzeihen Sie mir«, stammelte sie, während sie hastig versuchte, die Blöße wieder zu bedecken. »Ich hatte nicht die Absicht, mich Ihnen so unanständig zu zeigen, vor allem, da Sie doch ein Mann der Kirche sind.«

»Noch nicht, meine Liebe, noch nicht«, sagte er und schaffte es nur mit Mühe, den Blick zu heben und in ihr Gesicht zu schauen. »Unserem Herrn zu dienen ist mein größtes Anliegen, aber ich muss noch eine Zeitlang studieren, bevor ich mich endgültig entscheide.«

»Ja, Sir«, sagte Mary, »ich habe gehört, dass Mylady großes Vertrauen in Sie setzt.«

»Ihre Ladyship ist allzu großzügig«, sagte er und strich mit den Fingerkuppen über seine Schläfe. »Ich kann nur hoffen, dass ich ihr Vertrauen auch erfüllen kann.«

Sie lächelte scheu. »Ich bin sicher, dass sie allen Grund hat, Ihre Fähigkeiten zu bewundern, Sir.«

»Ihre Ladyship ist zu gütig.« Er hob die Schultern und lächelte in seiner charmanten Bescheidenheit, die man selten bei attraktiven Männern findet. »Aber Sie können mir vielleicht helfen.«

Mary nickte eifrig, zu eifrig und bereit, ihm alle Wünsche zu erfüllen.

»Ich brauche Zuhörer, verstehen Sie?«, begann er. »Jemand, der mir zuhört und dann meine Arbeit kritisiert und mir aufzeigt, wo es noch Schwächen gibt, damit ich sie ausmerzen kann.«

»Oh, Sir«, sagte sie traurig, »ich bin nur das einfache Dienstmädchen, das in der Spülküche arbeitet, und ich weiß nichts von literarischen Dingen.«

»Unsinn«, widersprach er. »Selbst ein Einsiedler in seiner Höhle verfügt über einen bestimmten Geschmack. Sie sind geeigneter für diese Aufgabe, als es irgendein Student in Cambridge wäre, da bin ich mir sicher. Wie heißen Sie eigentlich?«

»Ich bin Mary, Sir«, sagte sie und errötete wieder, als er sie anschaute. »Mary Wren, Sir.«

»Und ich bin John Lyon, ganz der Ihre, Miss Mary Wren.« Er grinste und zwinkerte ihr zu, als wollte er ihr zeigen, wie albern es war, sich als Dienstmädchen gering zu schätzen.

»Ja, Mister Lyon.« Sie lachte vor Entzücken, denn bisher hatte niemand sie »Miss Wren« genannt. Wie angenehm das in ihren Ohren klang, und wie ganz besonders süß das klang, wenn es aus seinem Mund kam!

Er lachte mit ihr. »Eine bessere Zuhörerin kann ich mir gar nicht vorstellen.«

Zu Marys Kummer erhob er sich vom Sofa, aber dann wurde sie beruhigt, weil er nur ein paar beschriebene Seiten vom Schreibtisch nahm und sich dann wieder neben sie setzte. Es war ein kleines Sofa, und als er die Kissen zwischen ihnen ans Ende schob, damit er mehr Platz hatte, pressten seine Knie gegen ihre. Sie sagte nichts, denn sie wollte nicht unhöflich sein, und sie konnte auch nicht ausweichen, weil sie schon in der Ecke saß.

»Ich habe über die Versuchung Evas durch die Schlange geschrieben«, sagte Mr. Lyon und hob die Hand mit den Blättern. Er legte eine Pause ein und schaute Mary an. »Sie kennen doch die Geschichte von Eva und Adam, ihrem Mann?«

»Oh, ja, natürlich, Sir«, antwortete sie prompt. Es gefiel ihr, wie sein Knie gegen ihres drückte und wie eine solche Berührung eine wunderbare Erregung in ihr auslöste. »Adam und Eva lebten im Garten Eden, bis die Schlange Eva verlockte, in den Apfel der Sünde zu beißen. Da schickte Gott das Paar hinaus in die Finsternis.«

»Sehr gut, Miss Wren.« Er schien überrascht und erfreut zu sein, dass sie die Geschichte so präzise erzählte, wie es jeden Mann erfreut, wenn er eine Frau kennen lernt, die begreift, wie verlockend eine Sünde sein kann. »Das war eine gute und kurze Zusammenfassung.«

Sie lächelte und labte sich an seinem Lob. »Lady Catherine hat dafür gesorgt, dass ich lesen und schreiben lernte, daher konnte ich die Heilige Schrift lesen.«

»Dann haben Sie genug Wissen, um meine Zuhörerin zu sein, Miss Wren.« Er schaute wieder auf die beschriebenen Blätter und drehte sich zur Seite, damit das Licht durchs Fenster auf die Seiten fiel. Die Sonne sank unter die Bäume, und um die letzten Strahlen aufzufangen, musste er sich auf dem Sofa zur Seite neigen, und ein Arm ruhte auf dem Sofarücken, gleich hinter ihren Schultern.

»Nun denn«, begann er, das Gesicht zu einem akademischen Grollen verzogen. »Meine These ist, dass Eva nicht anders konnte, als sich der Versuchung zu ergeben, weil das in der Natur der Frauen liegt.«

»Es liegt in der Natur der Frauen, schwach zu sein?«, rief Mary. »Sie wollen den Fall der Menschheit und den Auszug aus dem Paradies auf die Schwäche einer Frau zurückführen?«

»Ja, so ist es, in der Tat«, sagte er. »Das ist allgemein anerkannt, Miss Wren. Adam besaß eine stärkere Entschlossenheit und hätte der Versuchung der Schlange widerstanden. Wenn ich nun fortfahren darf …«

»Nein, das dürfen Sie nicht«, rief Mary und vergaß sich fast in ihrer Empörung. »Nicht, ehe Sie zugeben, dass Männer genauso schwach sein können wie Frauen.«

»Ist das so?« Er lehnte sich näher an Mary, sodass sein Brustkorb gegen ihren Arm drückte. Ihre Gesichter berührten sich fast. »Halten Sie Ihre Behauptung für so stark, dass Sie einen Beweis riskieren wollen?«

»Einen Beweis, Sir?«, fragte sie und verstand seine Frage nicht. Ihre Unwissenheit ging nicht so weit, seine Nähe nicht zu spüren und das schnelle Schlagen ihres Herzens nicht zu bemerken. Ihre Haut begann sich an den Stellen zu wärmen, an denen sie sich berührten, und plötzlich fühlte sie sich zu ihm hingezogen und spürte eine Bereitschaft für etwas, was sie noch nicht kannte. »Und was meinen Sie damit, Sir?«

»Oh, es ist ein ganz einfacher Test, meine Süße.« Seine Stimme klang tief und verlockend, und seine Worte schienen wie Federn, die über ihre Wangen huschten. »Sie bemühen sich, so gut Sie können, mich in Versuchung zu führen, und ich werde mein Bestes geben, um Ihnen zu beweisen, dass der Mann das stärkere Geschlecht ist und Ihnen widersteht.«

Sie runzelte die Stirn für eine Weile, denn ein solches männliches Argument hatte sie noch nie gehört. Zugleich nahm sie wahr, dass sie immer tiefer gegen die nachgebende Sofalehne gedrückt wurde. Vielleicht lag das auch an Mr. Lyons Schmeicheleien.

»Runzeln Sie nicht die Stirn, Mary«, sagte er sanft, beinahe ein wenig besorgt. »Damit führen Sie doch keinen Mann in Versuchung.«

»Mir war gar nicht bewusst, dass ich die Stirn in Falten legte, Sir.« Sie schaute hoch zu ihm und lächelte ihn an, und gleichzeitig legte sie eine Hand auf seine Wange. »Gerade in Ihrer Gegenwart habe ich keinen Grund, die Stirn krauszuziehen.«

Er erwiderte ihr Lächeln und strahlte sie an. Wie ein Regenbogen nach einem Gewitter, dachte sie.

»Ah, Mary, Sie sind so süß. Sie bringen mich so weit, dass ich nicht nur an Verführung glaube, sondern auch an die Liebe.«

»An Liebe, Sir?«, fragte sie und war verdutzt, ein solches Wort aus seinem Mund zu hören, denn schließlich kannten sie sich erst seit kurzem. »Sind Sie verliebt, Sir?«

»In Sie, liebe Mary«, flüsterte er, und dann schob er einen Arm um ihre Taille, um sie festzuhalten. »Ich war verloren in dem Moment, in dem Sie durch diese Tür traten.«

Bevor Mary eine Antwort geben konnte, küsste er sie schon. Es war das erste Mal, dass sie einem Mann solche Freiheiten gestattete. Seine Lippen spielten mit ihren, und sie empfand eine glühende Hitze, die sie noch nie in ihrem Leben gespürt hatte. Sie keuchte vor Überraschung, als sie diese unbekannten Sensationen wahrnahm, und sie öffnete die Lippen weiter, um tiefer Luft holen zu können.

Er missdeutete die geöffneten Lippen und begriff die Geste als besondere Einladung. Er stieß die Zunge zwischen ihre Lippen und duellierte sich mit ihrer Zunge, sicher und unfehlbar wie Amors Liebespfeil.

Ja, Liebe, dachte Mary. So musste sich die Liebe anfühlen. Die Gedanken in ihrem Kopf drehten sich immer schneller, und sie fürchtete, jeden Moment ohnmächtig zu werden, während sie sich an Mr. Lyons klammerte, um nicht über die Armlehne des Sofas zu fallen. Ihre Finger gruben sich tief in seine Schultern, als ginge es um ihr Leben.

Sie spürte, wie seine Hand zwischen ihre Körper glitt und listig unter ihr Brusttuch schlich, und gleich darauf drangen die Finger unter das Mieder. Und obwohl ihr Gewissen aufschrie gegen solche Frechheiten, hatte ihr Herz das Wort ›Liebe‹ gehört, jenes zauberische Gefühl, das der Schlüssel zu den meisten Jungfrauenschößen war.

Bei Mary war das nicht anders. Sie spürte, wie er gegen ihre einengende Kleidung stieß, und sie fühlte, wie ihre heranreifenden Brüste von seinen Händen gedrückt und gerieben wurden. Sie hatte sich immer gewundert, warum Männer so fasziniert von diesen Hügeln waren, während sie wusste, dass sie dazu dienten, Babys zu ernähren.

Es dauerte nicht lange, bevor sie eines Besseren belehrt wurde. Sie seufzte auf, als seine kundigen Finger ihre Liebkosungen begannen und ihr zartes Fleisch neckten, bis die Brustwarzen steif und stolz hervortraten. Sie schmiegte sich an ihn, denn sie wollte mehr von ihm spüren, obwohl sie nicht wusste, worin dieses Mehr bestand. Sie hielt die Luft an und wand sich unter ihm. Was sie spürte, war unvorstellbares Entzücken.

»Sehen Sie doch, wie Sie mich in Versuchung führen, Mary«, sagte er, während sein Atem gegen ihre Kehle blies. »Ich möchte wirklich stark sein, aber die Liebe macht mich schwach. Ihre Liebe, Mary, und – oh, was ist denn das, meine Süße?«

Wieder weiteten sich seine Augen vor Überraschung, als er sich leicht zurücklehnte. Sie wusste sofort, was er wahrgenommen hatte, und auf der Stelle baute ihr Eifer ab. Sie versuchte verzweifelt, ihre Blöße zu bedecken.

»Keine falsche Scham, Mary, bitte. Unter Liebenden gibt es keine Scham«, sagte er und hielt ihr Handgelenk fest, damit sie ihre Hand nicht mehr schützend vor ihr Geschlecht halten konnte. »Was für ein köstliches Geheimnis hast du da versteckt, meine Liebe?«

»Aber Sie können mir doch nicht vorwerfen, mich bedecken zu wollen, Sir«, rief Mary und rutschte weg von ihm, um ihre Kleider zu ordnen. »Oh, bitte, Sir, ich schäme mich so.«

Er hatte ihr Muttermal entdeckt, ein wunderbares Mal in der Nähe der linken Brustwarze, das immer schon da gewesen war, seit sie sich erinnern konnte. Das Mal hatte die Form eines kleinen Herzens, nicht weit vom richtigen Herz entfernt, das gewaltig in ihr schlug.

Trotz Marys völliger Unschuld hatte sie immer geglaubt, dass Mutter Natur sich ausgerechnet für diese Stelle ihres Körpers entschieden hatte, weil sie Besonderes mit ihr vorhatte – sie nahm das Mal als Beweis für ihr lüsternes Temperament. Das Muttermal hatte sie immer schon gequält, und bis zu diesem Moment hatte sie sorgsam darauf geachtet, es anderen in ihrer Umgebung nicht zu zeigen.

Aber jetzt hatte sie – zu ihrem Entsetzen – zugelassen, dass Mr. Lyon ihr Geheimnis entdeckt hatte. Sie war leichtsinnig gewesen und würde dafür büßen müssen.

»Warum bist du nur so schüchtern? Es ist das schönste Muttermal, das ich je gesehen habe«, sagte er ehrlich. »Venus selbst muss sich diese Stelle an deinem Körper ausgesucht haben, denn dort wird es nur dein Liebhaber sehen können.«

Mary schaute ihn von der Seite an, die Arme über den Brüsten gekreuzt. Sie fühlte sich unbehaglich. »Dann finden Sie es nicht hässlich, Sir?«

»Ach, meine Ärmste, wie könnte ich so ein schönes Mal für hässlich halten?«, rief er. »Hat es jemals eine Frau gegeben, die Venus auf diese Weise ausgezeichnet hat? Hat sich jemals ein Mann so geehrt gefühlt, dass ihm dieses faszinierende Bild zuteilwurde?«

»Sind Sie sicher, Sir?«, fragte sie, immer noch zweifelnd. »Es ist nicht Mitleid, das Sie so sprechen lässt?«

»Natürlich nicht«, erklärte er von Herzen. »Komm, ich werde dir den Beweis für meine Aussage liefern. Zeige mir noch einmal das Mal, und ich werde nicht müde, es zu küssen. Das wird dir meine Bewunderung beweisen.«

Nun, sagte sie sich, das war eine Anfrage, die sie ihm durchaus gewähren durfte, und dann schob sie das Mieder mit zitternden Händen erneut zur Seite. Sie zeigte ihm nicht nur das herzähnliche Mal, sondern auch die linke Brust. Sie murmelte still vor sich hin, um ihre Ängstlichkeit zu überwinden. Er drückte seine Lippen auf diese Stelle.

Vom Mal huschte sein Mund zur Brust selbst und leckte über den rosigen Nippel. Zuerst saugte er die Brustwarze mit den Lippen in seinen Mund, dann wischte er mit der Zunge darüber, während er mit der Hand die andere Brust bespielte.

Überwältigt von Sensationen, schloss sie vor lauter Scham die Augen. Sie bemühte sich zu verstehen, was mit ihr geschah. Mr. Lyon hatte nichts gemeinsam mit den Lakaien und Pferdepflegern, die sie mit ihren Anzüglichkeiten ärgerten. Und für Mary stand jetzt auch fest, dass Mr. Lyon die spitzen Bemerkungen nicht verdient hatte, die von den älteren Frauen in der Küche stets zu hören waren. Er war ganz eindeutig ein Gentleman, der auf ihre Empfindsamkeiten achtete und sie mit großem Respekt behandelte.

Sie seufzte ganz lieb und überließ sich seinen Berührungen, während sie einen Arm um ihn legte. Sie hatte noch nie einem Gentleman (und auch keinem anderen Mann, muss man hinzufügen) diese intimen Vertraulichkeiten und Freiheiten erlaubt.

Es verwunderte sie, dass sich sein Körper so viel anders anfühlte als ihr eigener. Seine Muskeln fühlten sich härter an, als sie seine Muskeln in den Armen und Schultern spürte. Er hatte nichts dagegen, dass sie seinen Körper erforschte, und offenbar hatte er ähnliches Verlangen wie sie.

Sie traute sich weiter vor und schlüpfte mit der Hand unter sein Jackett bis hinunter zu den Breeches. Dabei entdeckte sie die runden, festen Backen seines Gesäßes, umschmiegt von der feinen Wolle seiner Breeches. Sie spreizte die Finger, und entzückt stellte sie fest, dass die Backen ihre Hände ausfüllten. Er begann, laut zu stöhnen, und hörte auf, an ihrem Nippel zu saugen.

»Oh, Sir, habe ich Sie verletzt?«, flüsterte sie atemlos. Es wäre schrecklich, wenn sie ihn nicht weiter erforschen könnte. »Habe ich irgendwas falsch gemacht?«

»Nein, nein, überhaupt nicht«, sagte er und atmete genauso schwer wie sie. »Komm, ich werde dich führen.«

Geschickt löste er sich von ihr, aber nur so lange es dauerte, bis er ihre Hand auf die Beule seiner Hose legen konnte.

»Da«, sagte er. »Da spürst du den Beweis für das, was du mit mir angestellt hast.«

Sie sah es, fasste hin und war beeindruckt. Sie hatte natürlich die Pferdepfleger und die Fuhrmänner gesehen, die zu betrunken oder zu faul waren, um ein stilles Örtchen aufzusuchen, und deshalb an den Mauern der Ställe ihr Wasser abschlugen, und dabei waren ihr die männlichen Glieder nicht unbekannt geblieben; es waren verschrumpelte, schlaffe Exemplare, die bestenfalls vom jeweiligen Besitzer als schön empfunden werden konnten.

Aber hier hatte sie nun den Beweis, dass Mr. Lyons Glied aus feinerem Fleisch und Blut zusammengesetzt war. Die Knöpfe des Hosenstalls waren geöffnet, und der harte Stab zuckte stolz und reckte sich. Eine solche Länge mit einem solchen Umfang hatte Mary noch nicht gesehen.

Angesichts dieser Entblößung errötete Mary, mehr aus Aufregung und weniger aus Schamgefühl. Wieder griff Mr. Lyon nach ihrer Hand und führte sie zurück zu seinem sich reckenden Schaft.

Sie berührte ihn behutsam aus lauter Neugier, und das reichte auch schon, um ihm ein neues Stöhnen zu entlocken. Diesmal zog sie sich nicht zurück, sondern strich mit der Hand an der zuckenden Schlange entlang. Sie konnte die Hitze durch das Tuch seiner Hose spüren. Er stieß mit dem Schaft von unten hoch, und mit jedem Anheben der Hüften konnte sie ein bisschen kräftiger seinen noch verborgenen Schatz streicheln.

Es verwunderte sie, dass ihre eigene Lust anstieg, während sie ihn massierte, als empfänden ihre sexuellen Mittelpunkte eine starke Sympathie füreinander. Ihr Herz schlug schneller, und ihre entblößten Brüste wurden schwerer und empfindlicher. Obwohl die Fenster des Zimmers geöffnet waren und eine leichte Brise hereinwehte, bildete sich in ihrem Bauch eine große Hitze aus, als würde ihr Unterleib von einem Fieber ergriffen, das die Sehnsucht in ihr noch vergrößerte. Sie fühlte sich seltsam geschwollen an, sogar klamm, und sie lechzte fast unerträglich danach, sich selbst zu berühren.

»Sie leiden, Sir«, flüsterte sie, die Augen weit geöffnet, das Atmen wie abgehackt, die Schenkel fest zusammengepresst, weil sie ihre eigene Ergriffenheit im Zaum halten wollte. »Aber mir geht es auch so. Mir ist, als ob ich durchs Feuer ginge, Sir, als leckten mich Flammen von innen …«

»Mary …«

Er brach ihren Satz mit Küssen ab, die jetzt fordernder kamen, nicht mehr nur zärtlich. Er drückte sie noch ein bisschen fester gegen die Sofalehne. Die Wolle seines Jacketts rutschte über ihre Nippel, und auch diese Berührung bot für einige Sekunden eine süße Qual.

Sie wand sich weiter nach oben gegen seinen Brustkorb und suchte nach mehr, obwohl sie das, was sie suchte, nicht beschreiben konnte. Sie fühlte den Wind durch die Fenster blasen und spürte ihn auf der nackten Haut oberhalb der Strümpfe, während Mr. Lyon versuchte, Schürze und Petticoats beiseitezuschieben, damit er sich an ihrem Geschlecht ebenso delektieren konnte wie an ihren Brüsten.

Als er seine Knie zwischen ihre Schenkel zwängte, um sie für sein Vorhaben weiter zu öffnen, hieß Mary ihn willkommen und rutschte ihm entgegen, damit er einen besseren Zugang zu ihrem kleinen Juwel fand.

Durch ihre fiebrige Not stellten sie sich beide ungeschickt an, und dann warfen sie ihre Vorsicht mit den Kleidern ab. Ihr Brusttuch und die weiße Mütze fielen zuerst auf die Kissen und dann auf den Boden. Sein Jackett verlor zwei Knöpfe, als er hastig versuchte, das Kleidungsstück abzulegen.

Niemand kümmerte sich darum, und niemand dachte an die möglichen Folgen des Leichtsinns. Noch vor einer Stunde hatte sie Mr. Lyon kaum gekannt, und jetzt konnte sie an nichts anderes denken als an die Lust, die der gut aussehende Gentleman bei ihr auslöste.

Mit großem Bedacht führte Mr. Lyon seine Finger zu den Innenseiten ihrer Schenkel, dann fühlte sie, wie er ihre Härchen kraulte, bevor er sich ihr kleines, brennendes Pfläumchen vornahm. Sie hielt die Luft an, als seine geschickten Finger sie teilten und öffneten. Das geschah auf eine Weise, die sie nie für möglich gehalten hatte.

Die Feuchtigkeit, die sie in sich gesammelt hatte, ließ seine Finger leicht in sie hineingleiten. Sie nahm ihn auf und führte ihn durch den glitschigen, honigsüßen Kanal. Sanft strich er über den kleinen Fleischknoten, der ihre Lust steuerte. Diese Berührungen ließen Mary immer wieder die Luft anhalten, und sie hielt seine Hand am Gelenk fest – jetzt nur nicht aufhören, überhaupt niemals aufhören. Sie kam sich wie eine Jägerin vor, die ihre Beute witterte.

Sie wölbte sich wieder seiner Hand entgegen, und er presste die Finger tiefer hinein in die Ritze. Mary hielt sich an seinen Schultern fest. Ihre Knie wurden von seinen kräftigen Unterarmen gehalten, und wenn ein Stöhnen über ihre Lippen kam, dann war es ein fröhliches Hosianna, weil sie dabei war, sich von ihrer Unschuld zu befreien.

Aber dann hörte sie ein anderes Geräusch, das von der Diele in dieses Zimmer drang. Eine Stimme, die Mary aufs Tiefste erschrecken ließ. Sie riss die Augen weit auf, stieß Mr. Lyon von sich und sprang auf die Füße. In aller Hast stellte sie ihr Äußeres wieder her, sie zupfte an den Röcken und arrangierte das Mieder und setzte sich die Mütze wieder auf.

»Was, zum Teufel …?«, wollte der Gentleman auf dem Sofa wissen. Seine Stimme klang harsch und enttäuscht, weil seine Lust nicht erfüllt werden konnte.

»Es ist nicht der Teufel, Sir, es ist der Butler«, rief sie verzweifelt mit ihrer Jungmädchenflüsterstimme. »Er geht durch alle Zimmer und lässt die Jalousien herunter, damit die Sonne nicht eindringen kann. Das macht er jeden Nachmittag, und falls er mich hier findet, so weit von der Küche entfernt, wird er mich ausschimpfen und verprügeln und …«

»Reg dich nicht auf, meine Süße«, sagte Mr. Lyon, und seine grünen Augen funkelten aus Verärgerung. Er erhob sich ebenfalls und knöpfte seine Breeches zu. »Ich sorge dafür, dass du keine Schläge von diesem garstigen Menschen ertragen musst, jedenfalls nicht meinetwegen.«

Aber Mary wollte es nicht darauf ankommen lassen, denn der Butler war von kräftiger Statur. Sie wollte lieber an weitere heimliche Zusammenkünfte mit Mr. Lyon denken, denn ihr wunderbares Kennenlernen hatte doch gerade erst begonnen.

»Bitte, unternehmen Sie nichts«, sagte sie atemlos und rückte ihr Mieder zurecht, damit es wieder ihre Brüste bedeckte. Hinter dem Sofa bückte sie sich nach dem Halstuch. »Denken Sie doch bloß an den Skandal, bitte, Sir. Ich könnte es nicht ertragen, wenn Sie meinetwegen Ihre glorreiche Zukunft in Gefahr brächten.«

Er blickte finster drein, aber plötzlich begriff er die Logik ihrer Argumentation.

»Dann musst du fliehen«, sagte er, Bedauern in der Stimme. »Aber du musst mir schwören, meine Liebe, dass du mich nie vergessen wirst.«

»Ich Sie vergessen?«, rief Mary und schüttelte den Kopf. »Niemals, Sir.«

»Dann komm doch diese Nacht zu mir, wenn alle anderen schlafen«, bedrängte er sie und griff wieder nach ihren Handgelenken. Er nahm sie in seine Arme. »Wir können uns im Garten treffen, oder im Obstgarten. Vielleicht auch auf dem Speicher über den Ställen.«

Sie schüttelte den Kopf. Ihre Ohren lauschten immer noch nach Mr. Punchs Schritten. »Ich kann mich an all diesen Orten nicht sehen lassen, Sir. Die anderen lassen mich nicht aus den Augen. Aber was ist mit Ihrem Schlafzimmer in der ersten Etage?«

Sein Ausdruck verfinsterte sich wieder. »Mein Zimmer liegt den Gemächern von Lady Nestor zu nahe. Sie ist eine herzensgute Frau und ist sehr auf mein Wohlergehen bedacht, aber sie ist wachsam wie eine Katze.«

Als er den Namen seiner Wohltäterin aussprach, musste Mary schuldbewusst an ihre eigene Retterin denken. Sie hatte Lady Catherine ein Versprechen gegeben, das nun wie ein schwerer Stein auf ihrem Gewissen lag. Es war Mary überhaupt nicht schwergefallen, ihre Jungfernschaft bis zur Hochzeit zu erhalten, denn sie hatte weit und breit keine Gefahr gesehen. Aber Mr. Lyon war eine Gefahr, so gut aussehend und klug und rücksichtsvoll, wie er war. Was Besseres konnte sich keine Jungfrau wünschen. Jetzt glänzten Tränen in Marys Augen, als sie an ihr gebrochenes Versprechen dachte.

Auf diesem Sofa hatte sie einen frommen Christenmenschen dazu verlockt, mit ihr zu sündigen. Lüstern hatte sie die Beine gespreizt, damit er sie aufgeilen konnte, und im Gegenzug hatte sie sein Glied gestreichelt, als wäre es ein unnachahmliches Spielzeug. Schlimmer noch war die Tatsache, dass sie ihr Tun nicht bereute – sie bedauerte nur die Unterbrechung durch die Schritte des pflichtbewussten Butlers. Ganz sicher würde ihre Seele schon in der Verdammnis schmoren.

»Oh, Sir, ich kann nicht«, flüsterte sie sorgenvoll. »Ich kann es wirklich nicht.«

Er schlug mit der Faust gegen seine Brust, genau an der Stelle seines Herzens. »Zweifelst du an mir, Mary? Zweifelst du an meiner Liebe?«

»Nein, nein, Sir, das ist es nicht«, versicherte sie ihm und hob seine Hand von der Brust an ihre Lippen. »Es ist nur … also, ich habe geschworen … oh, verdammt, da ist Mr. Punch! Ich muss gehen, Sir, sonst ertappt er mich, und ich muss das Haus verlassen.«

Sie beugte sich vor und küsste ihn rasch, ein gestohlener Kuss von ihm.

»Ich werde versuchen, dass wir uns noch mal treffen, lieber Sir, und das bald«, versprach sie im verzweifelten Flüsterton. »Das meine ich ganz ehrlich.«

Dann schlüpfte sie aus dem Zimmer, bevor der freundliche Gentleman noch etwas sagen konnte, vielleicht weitere süße Worte, die sie noch mehr verwirrt hätten. Aber schon während ihres Weglaufens überlegte sie, wann sie ihn das nächste Mal sehen könnte.

Sie konnte an nichts anderes mehr denken, denn Mr. Lyon war ihre große Liebe, und so plante sie auf jeder Stufe der Treppe zur Küche die Möglichkeiten einer weiteren Begegnung, und natürlich ahnte sie nicht, dass sie durch ihre Lüsternheit einen irreparablen Schaden nehmen würde.

Zweites Kapitel

In dem Mary über die amouröse Natur
der Schwäne erfährt,
was sie der selbstlosen
Unterrichtung von Mr. Lyon zu verdanken hat

Im Laufe der folgenden Tage nahm sich Mary vor, der Anziehungskraft von Mr. Lyon zu widerstehen; das war für sie selbst richtig, und auch für Mr. Lyon. In der kurzen Zeit, die sie miteinander verbracht hatten, war ihr bewusst geworden, wie sehr sie der Lust des Fleisches erlegen war. Sie hatte auch erkannt, dass ihr eigenes Fleisch sehr schwach und empfänglich war, was ihr deutlich wurde, als sie ihn so intensiv gestreichelt hatte. Deshalb würde es klüger sein, sich gar nicht in die Gefahr einer weiteren Begegnung zu begeben.

Dies war ein nobles Vorhaben, das sich auch leicht ausführen ließ, jedenfalls leichter, als man erwarten konnte. Obwohl Mary und Mr. Lyon beide unter dem breiten Schieferdach von Worthy Hall wohnten, hatten sie kaum eine Gelegenheit, sich tagsüber zu begegnen.

Als Küchenmädchen wurde von Mary erwartet, dass sie sich ausschließlich im Erdgeschoss aufhielt und sich niemals den Bewohnern oder den Gästen zeigte. Ebenso galt als selbstverständlich, dass Mr. Lyon als Gentleman – oder als jemand, der fast einer war – sich nie in der Nähe der Küche, der Vorratsküche oder irgendwo in den Räumen im Keller, in denen das Personal untergebracht war, sehen ließ.

Und wie Marys Tage und manchmal auch bis in die Nacht hinein von den Forderungen der Köchin beherrscht wurden, so war Mr. Lyon dazu verdammt, nach Lady Nestors Pfeife zu tanzen; er musste mal eine Stola holen, dann verlangte sie, dass er ihr laut vorlas oder das Fenster schloss, wenn sie über Durchzug klagte, oder sie wollte, dass er ihr einen Tee braute – jedenfalls lauter Dinge, die ihn davon abhielten, Mary zu suchen.

Doch wie die Dichter so klug geschrieben haben – die Liebe findet immer einen Weg. Und wenn zur Liebe noch die Sehnsucht kommt, wie es in diesem Fall zutraf, dann war kein Kraut dagegen gewachsen. Obwohl Mary und Mr. Lyon durch die Standesunterschiede und durch die Haustreppen voneinander getrennt waren, gelang es ihm trotzdem, ihr seine Verehrung zu beweisen.

Als er am Sonntagmorgen an der Bank des Dienstpersonals vorbeiging – Bewohner, Gäste und Gesinde trafen sich zum Morgengebet –, warf er Mary einen so feurigen, sehnsuchtsvollen Blick zu, dass es fast ein Wunder war, dass die kleine Kapelle nicht Feuer fing und abbrannte.

An einem anderen Morgen sah er von seinem Schlafzimmerfenster aus, wie Mary einen großen Kübel mit Spülwasser aus der Küche über den Hof trug. Er schrieb rasch einen Zettel mit den Worten ›Vergiss die Liebe nicht‹, faltete ihn und warf ihn hinaus aus dem Fenster. Der Zettel flatterte hinunter auf den Steinboden, auf dem sie stand.

Noch gefährlicher war ein weiterer Versuch, ihr seine ewige Liebe zu zeigen. Er hatte einen der Pferdepfleger als Helfer gewonnen, der einen kleinen Strauß mit Schlüsselblumen auf ihr Bett gelegt hatte, wo sie ihn abends finden würde.

Im Gegenzug unternahm Mary nichts, was ihn ermutigen könnte. Es wäre schön, wenn man daraus schließen möchte, dass ihr tugendhafter Entschluss über die Verlockung triumphiert hätte, die Mr. Lyon darstellte. Schön ja, aber es stimmte nicht. Denn trotz guter Absicht konnte Mary nicht aufhören, an Mr. Lyon zu denken, an sein Lächeln, an seine Küsse, sogar (schamloser Weise) an seinen zuckenden Penis.

Sie dachte an ihn, sobald Mrs. Able sie in der Stunde vor dem Einsetzen der Dämmerung weckte, und sie dachte an ihn, wenn sie Karotten schälte oder Zwiebeln hackte, und sie dachte natürlich jeden Abend an ihn, wenn sie sich schlafen legte und sich rastlos vor Verlangen von einer Seite des schmalen Betts auf die andere wälzte.

Ihre größte Angst wurde nicht von dem Gedanken ausgelöst, ob sie seiner Verführung würde bestehen können, sondern von der Möglichkeit, dass er gezwungen sein würde, Worthy Hall mit Lady Nestor zu verlassen, bevor ihre Sehnsucht erfüllt wurde. Und so bestanden ihre Tage aus Gram und fiebrigem Verlangen.

Aber dann erbarmte sich das Schicksal dieser beiden liebenden Menschen und sorgte dafür, dass die Situation erheblich gelindert wurde.

Eines Nachmittags trug das Hausmädchen Rebecca ein großes Teetablett die Treppe hoch, um Lady Catherine und Lady Nestor zu bedienen. Als sie den Salon betrat, das Tablett in beiden Händen, konnte sie Lady Nestors kleinen schwarzbraunen Spaniel nicht sehen, der auf sie zuschoss und zwischen ihre Füße krabbelte. Der Hund verfing sich in Rebeccas Röcken und brachte sie zu Fall, und so fand sich Rebecca auf dem Boden wieder, umgeben von einem Schauer teuren Porzellans, heißem Tee, der aus der Kanne lief und einem jaulenden Hund.

Der Spaniel musste einen guten Schutzengel haben, denn er entkam dem Chaos unverletzt, obwohl eine schluchzende Lady Nestor so entnervt über den Beinahe-Tod ihres Schoßhundes war, dass sie sich sofort auf ihr Zimmer begab und den ganzen Nachmittag im Bett verbrachte.

Rebecca hatte weniger Glück; sie litt an einem verstauchten Knöchel und hatte sich den Arm dicht am Gelenk gebrochen; das waren Verletzungen, die ihre Weiterbeschäftigung unmöglich machten. Lady Catherine blieb keine andere Wahl und sie schickte sie zurück zu ihrer Mutter, die sich um Rebecca kümmern und sie gesundpflegen würde.

Aber eines Menschen Unglück kann das Glück eines anderen sein. Wieder blieb Lady Catherine keine andere Wahl und sie erhob Mary in die Position eines Hausmädchens. Man gab ihr ein besseres Kleid, das noch nicht mit hässlichen Flicken besetzt war, und Schuhe, die eine Ledersohle hatten, damit sie nicht im Teppich hängen blieben und keine Löcher in den Holzboden drückten.

Man gab ihr auch eine hübsche Haube mit kleinen Rüschchen, die ihr Gesicht rahmten, und sie wurde gemahnt, ihre Haare stets unter der Haube zu verstecken. Es gab überhaupt viele Ermahnungen; sie durfte den Blick nicht heben, wenn sie einem aus der Oberschicht begegnete, und sie sollte darauf achten, dass Hals und Hände stets frisch gewaschen waren. Wenn sie gegen eine dieser Regeln verstieß, ließ man sie wissen, würde Lady Catherine nicht zögern, sie aus dem Haus zu schicken.

Keine dieser Warnungen lösten bei Mary irgendwelche Bedenken aus. Jetzt hatte sie sich aus der Küche über die Treppen erhoben, und sie hatte nicht die Absicht, jemals wieder zurückzugehen. Sie würde alles dafür tun, ihre wunderbare neue Position nicht zu gefährden. Wenn sie sich geschickt anstellte, würde sie eines Tages vielleicht sogar zur Kammerzofe befördert.

Als erste Arbeit wurde Mary verpflichtet, die Bücher des verblichenen Lord William (Lady Catherines Bruder) in der Bibliothek abzustauben. (Da sie jung und nicht verheiratet waren, hatte der Marquis of Conover das stattliche Worthy Hall an seine beiden Kinder vererbt. Dort konnten sie bis zum Ende ihrer Tage wohnen.)

Es war ein segensreiches Erbe, vor allem, weil die Geschwister beschlossen hatten, nicht zu heiraten, damit keine fremden Menschen je in Worthy Hall leben konnten. Die Bibliothek wurde stets in hohen Ehren gehalten, auch als Erinnerung an Lord William und seine Büchersammlung.

Für Mary, der noch nie gestattet worden war, auch nur einen Fuß auf den Boden des Zimmers zu setzen, war Lord Williams Bibliothek ein wundersamer Ort. Die hohen Rücken der Stühle waren mit rotem Leder bedeckt. Sie waren alle auf den offenen Kamin gerichtet, als wollten sie den Besucher locken, ein wenig länger zu verweilen.

Stumme Porträts von früheren Adligen und die besten Bilder von gefleckten Jagdhunden wechselten sich an den Wänden mit Spiegeln ab, die in goldenen Rahmen steckten. Die Fensterläden waren zugezogen, um Bücher und Bilder vor den Strahlen der untergehenden Sonne zu schützen, was für eine wunderbar gefilterte Luft sorgte. Hohe Regale waren mit in Leder gebundenen Büchern entlang der Wände zu sehen, und über jedem Regal thronte die kleine weiße Büste irgendeines berühmten Worthy aus längst vergangener Zeit.

Mit tiefer Ehrfurcht starrte Mary auf die vielen Bücher. Man hatte ihr das Lesen beigebracht, das gehörte zu Lady Catherines Verdiensten, denn sie bestand darauf, dass alle ihre Bediensteten in der Lage waren, die Heilige Schrift zu lesen.

Außer der Bibel hatte Mary noch ein anderes Buch gelesen (und das war ganz gewiss keine Heilige Schrift, sondern eine aufregende Romanze, deren Seiten vom vielen Lesen schon vergilbt waren. Eine Besucherin hatte den Roman zurückgelassen, und seitdem machte er die Runde unter den Haus- und Küchenmädchen). Und nun sah sich Mary mit so vielen Büchern konfrontiert, die vor Wissen wahrscheinlich nur so strotzten, ein Wissen, das sie nie haben würde, und das war schon eine entnervende Erkenntnis für Mary. Entnervend waren auch die Weisungen, die Mrs. Able ihr aufgetragen hatte.

»Ihre Ladyschaft möchte, dass wir die Bücher Seiner Lordschaft mit Gansfedern abstauben«, erklärte ihr die Hausdame. »Du lässt die Federn über die obere Kante der Bücher gleiten, aber nicht weiter, als du die Federn führen kannst. Du lässt alle Bücher stehen, wo sie sind, und niemals wirst du ein Buch herausholen. Ihre Ladyschaft würde sofort erkennen, welches Buch du an dich genommen hast, und dann würdest du aus dem Haus getrieben. Konzentriere dich auf deine Arbeit, und verrichte sie immer allein. Sollte ich erfahren, dass du dich hier mit männlichen Dienstboten triffst, dann fliegst du auch deshalb aus dem Haus.«

»Ja, Ma’am.« Feierlich nahm Mary den Wedel mit den Gansfedern an sich. Man sah ihm deutlich an, dass es sich wirklich um einen Gansflügel handelte, er war dem Tier entnommen und dann getrocknet worden. Mary fand es ziemlich grausig, den Flügel als Staubwedel zu benutzen, aber das würde sie niemals zu Mrs. Able sagen.

»Nimm dir zuerst die Bücher in diesem Regal vor«, sagte die Hausdame und beobachtete Mary bei der Arbeit. »Ich werde in einer halben Stunde zurückkommen, um mich über den Fortschritt deiner Arbeit zu erkundigen.«

Mary knickste respektvoll, als die Hausdame ging, und sie hörte, wie auf der anderen Seite der Tür ein Schlüssel umgedreht wurde; jetzt war sie eingeschlossen. Aber das Abstauben war weit weniger beschwerlich, als Pfannen zu schrubben, in denen eine Hammelkeule gebraten worden war. Bewaffnet mit einem Gansflügel, wandte sich Mary um und begann entschlossen mit ihrer neuen Aufgabe – aber diese Entschlossenheit sollte nur von kurzer Dauer sein.

Sie hatte gerade mit der Arbeit begonnen, als sie sich im goldgerahmten Spiegel sah, der zwischen zwei Fenstern an der Wand hing. Sie legte eine Pause ein und war vom eigenen Spiegelbild verdutzt. Sie lächelte scheu. Natürlich hatte sie ihr Bild schon mal in einem kleinen Taschenspiegel gesehen, und auch in den Scheiben der Fenster in der Küche. Aber sie hatte sich noch nie lange betrachten können, erst recht nicht von Kopf bis Fuß. Das kam ihr unbehaglich vor, als würde sie eine Fremde im Spiegel sehen.

Sie steckte den Gansflügel in die Tasche, wobei die Federn aus der Hüfttasche abstanden, als wäre es ihr eigener Flügel. Sie starrte in den Spiegel und drehte eine Pirouette, sodass ihre Röcke flogen. Sie verfolgte die Bewegungen im Spiegel. Ungeschickt, weil unerfahren, beugte sie sich vor und probierte einen Knicks, und dabei rauschten ihre Röcke, wie sie es bei den ehrenwerten Damen der Gesellschaft gesehen hatte.

Das verwaschene blaue Leinen ihres Kleids (denn es war nur für sie ein neues Kleid) ließ ihre Augen noch größer werden, und ihre Haut erinnerte an frische Sahne. Aber dann wurde ihr klar, dass es hier nicht um ihre Eitelkeit ging. Lady Catherine würde von ihr erwarten, dass sie fleißig mit dem Abstauben beschäftigt war, und stattdessen spreizte sie sich wie ein Pfau.

Doch sie konnte sich auch jetzt nicht zusammenreißen und fuhr mit den Handflächen an ihrem Mieder entlang. Sie freute sich über das Korsett, das nach ihren Maßen gefertigt worden war und ihre Taille auch unter der Schürze viel schmaler wirken ließ. Sie konnte es nicht erwarten, Mr. Lyon ihre neue Aufmachung zu zeigen.

Sie hatte zugesehen, wie sich die anderen Frauen in den Quartieren für die Bediensteten fein gemacht hatten, bevor sie ihre Freunde oder Ehemänner trafen, und sie war ihrem Beispiel gefolgt; sie zog den Halsausschnitt und das Halstuch ein wenig tiefer, damit sie noch verlockender aussah. Durch die engen Schnüre des Korsetts wurden ihre Brüste nach oben gedrückt, fast so, als würden sie dem Betrachter präsentiert. Eine tiefe Röte fiel auf ihr Gesicht, als sie sich daran erinnerte, wie Mr. Lyon sie bewundert – nein, sogar verehrt – hatte – mit Fingern, Lippen und Zunge.

Wieder einmal rief sie sich den Nachmittag mit ihm in Erinnerung. Ihr Herz schlug schneller, und ihre Lippen teilten sich, wenn sie sich die wunderbaren amourösen Erlebnisse immer wieder vorstellte.

Sie stand immer noch vor dem Spiegel, tauchte mit einer Hand unter das Mieder und schmiegte die Finger um die beiden stattlichen Bälle ihrer Brüste. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie sich vorstellen, dass es Mr. Lyons Hände waren, die sie streichelten.

Sie drehte sich ein wenig zum Spiegel, bis sie ihr Muttermal sehen konnte, das kleine Herz, und betrachtete es mit neuem Interesse. Mr. Lyon hatte es als Beweis für ihre Schönheit gehalten, und dass es zum Bewundern da war. Er hatte es geküsst und gesagt, dass sie es selbstbewusst tragen und nicht unter ihrer Kleidung verstecken sollte.

Jetzt besah sie sich das Mal noch einmal, und Mr. Lyon hatte Recht gehabt; es war nicht zum Schämen da, sondern eher zum Verlocken. Die Vorstellung, dass sie das herzförmige Mal demnächst zeigen würde, löste einen kleinen Schauer der Erregung bei ihr aus.

Leicht rieb sie ihre Handflächen über ihre Nippel, genau, wie Mr. Lyon es getan hatte.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der Sünde verfallen" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen