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Der Sturm

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Zitat
    1. Dramatis personae
  7. Erstes Buch: Der Herzog
    1. 1. Der Sturm
    2. 2. Prospero
    3. 3. Miranda
    4. 4. Coraxa
    5. 5. Tonio
    6. 6. Julia
    7. 7. Miranda
    8. 8. Das Buch
    9. 9. Der Krieg und die Katze
    10. 10. Josepho
    11. 11. Miranda
    12. 12. Coraxa
    13. 13. Julia
    14. 14. Miranda
  8. Zweites Buch: Der Magier
    1. 1. Der Sturm
    2. 2. Verlorene Tage
    3. 3. Coraxa
    4. 4. Miranda
    5. 5. Licht
    6. 6. Tote Tauben
    7. 7. Angst
    8. 8. Der Fürst
    9. 9. Gewittersturm
    10. 10. Coraxa
    11. 11. Der Hexer
    12. 12. Miranda
  9. Drittes Buch: Der Verbannte
    1. 1. Nach dem Sturm
    2. 2. Die Insel
    3. 3. Bienen
    4. 4. Miranda
    5. 5. Vögel
    6. 6. Das Kind
    7. 7. Göttersohn
    8. 8. Winter
    9. 9. Grabmal
    10. 10. Caliban
    11. 11. Sarkophag
    12. 12. Maskenkind
    13. 13. Ariel
    14. 14. Sand
  10. Viertes Buch: Der Mensch
    1. 1. Nach dem Sturm
    2. 2. Frieden
    3. 3. Familie
    4. 4. Unterwerfung
    5. 5. Huldigung
    6. 6. Magdalena
    7. 7. Miranda
    8. 8. Sturz
    9. 9. Winter
    10. 10. Der Sturm
    11. 11. Nach dem Sturm
    12. 12. Brüder
    13. 13. Rache
    14. 14. Das Buch

Über das Buch

Prospero, der Herrscher von Milano, stürzt nach dem Tod seiner Frau in tiefe Verzweiflung. Mit Hilfe der gefangenen Hexe Coraxa und ihres Zauberbuches will er sie aus der Unterwelt heraufbeschwören. Doch der magische Akt führt zur Katastrophe – und zu seinem Sturz. Mit nur wenigen Vertrauten auf einer verlassenen Insel gestrandet, stößt Prospero bald auf Coraxas dämonischen Diener Taifunos und den Tiermenschen Caliban. Beide sind entschlossen, Prospero zu vernichten. Mit aller Kraft stemmt der sich gegen seinen Untergang …

Eine kraft- und fantasievolle Adaption frei nach Shakespeare

Über den Autor

Tom Jacuba ist das Pseudonym eines deutschen Autors. Jacuba war bis Mitte der 90er Jahre Diakon und Sozialpädagoge und schrieb vorwiegend Satiren, Kurzgeschichten und Kinderbücher. Seither ist er freier Autor und verfasst Fantasyromane, historische Romane, Spannungs- und Science-Fiction-Geschichten. Er erhielt 2001 den Deutschen Phantastik-Preis als Autor des Jahres.

Tom Jacuba

DER STURM

Roman

~~~

Die Geister, die ich rief, werd ich nun nicht los.

Aus dem Zauberlehrling von J. W. Goethe

Dramatis personae

Prospero Herzog von Milano
Miranda seine Tochter
Julia seine Gattin
Gonzo sein Berater
Tonio sein Bruder und Kanzler von Milano
Bruno sein Leibgardist
Jesu sein Kammerdiener
Buback ein Uhu
Arbosso König von Napoli
Feridan sein Sohn
Sebasto sein Bruder
Josepho ein Medikus
Felix sein Schüler
Caliban ein Halbmensch
Ariel ein Elf
Coraxa eine Hexe
Taifunos ein Fürst der Unterwelt
Rico ein Schwertmann
Stefano ein Schwertmann
Polino ein Bootsmann

Erstes Buch

Der Herzog

~~~

1

Der Sturm

Eine Frau saß in der Takelage des Großmastes. Ganz oben, neben dem Krähennest. Himmelblaues Kleid, zierliche Gestalt, langes weißblondes Haar. Sie bewegte Arme und Oberkörper wie zum Klang einer unhörbaren Musik.

Hübsch anzusehen – aber ein Trugbild.

Feridan blinzelte zu dem schönen Bild hinauf. Blinzelte, bis das grelle Flimmern der Vormittagssonne die Frau mit dem Segeltuch und dem wolkenlosen Himmel verschwimmen ließ. Die Sinnestäuschung löste sich in nichts auf.

Gott sei Dank!

Schade.

Feridan senkte den Kopf, umklammerte die Balustrade der Reling und kniff für einen Moment die Lider zusammen. Nach einem tiefen Atemzug wandte er sich wieder der krummen Gestalt des Herzogs zu. Und der Seekarte, die der Herrscher von Milano zwischen seiner linken Hand und dem Haken seines rechten Armes auf der Reling ausbreitete; dabei drückte er eine Seite des großen Pergaments mit der eisernen Prothese auf die Brüstung.

Herzog Tonio schüttelte ungläubig den Kopf. »Wohin um alles in der Welt hat es uns verschlagen? Was ist das für eine Insel da drüben? Das kann doch nicht wahr sein!« Der Herzog murmelte so vor sich hin, als würde er mit sich selbst sprechen. Oder mit niemandem. Eine Insel? Feridan blickte sich um. Er konnte nirgends Land entdecken. Nur Wogen und Möwen. Meinte der edle Tonio vielleicht dieses dunkle Etwas zwischen Ozean und Himmel da hinten am Nordhorizont? Ein weit abgetriebenes Schiff der kleinen königlichen Flotte wahrscheinlich. Oder eine aufsteigende Wolke oder ein Möwenschwarm. Aber niemals Land.

Oder doch?

Wieso wurde es eigentlich plötzlich so dunkel?

»Land! Backbords!«, schrie der Schiffsjunge vom Krähennest herab. »Eine Insel!«

Feridan blinzelte zu ihm hinauf. Nur eine Armlänge weit von dem Jungen entfernt saß eine Frau in der Takelage. Immer noch. Ganz oben, neben dem Ausguck mit dem Jungen. Diesmal verschwamm ihre Gestalt nicht mit Himmel und Segel, da konnte Feridan blinzeln, so oft er wollte. Der Atem stockte ihm, denn die Frau hielt sich nirgendwo fest, ließ die Beine einfach so baumeln, fuchtelte einfach so mit den Armen, als wollte sie ein Orchester dirigieren.

Schwachsinn! Feridan kniff die Augen zu. Frauen saßen nicht in Takelagen. Niemals! Frauen in Takelagen, die sich nirgendwo festhielten, die Beine baumeln ließen und mit den Armen fuchtelten? Das gab es überhaupt nicht! Das hatte es noch nie gegeben.

Feridan riss die Augen wieder auf und schüttelte sich. Der Wein. Sein Vater, der König, hatte zum Frühstück Wein ausschenken lassen. Viel Wein. Und jetzt saß eben eine Frau in der Takelage. Na und?

Feridan schaute lieber aufs Meer hinaus. »Na und?«, murmelte er.

Wieso rauschte und brauste und heulte es plötzlich von allen Seiten? Wieso zogen alle Möwen auf einmal ab? Wieso türmten sich die Wellen plötzlich haushoch vor dem Bug? Und wieso riss eine Sturmböe dem Herzog auf einmal die Seekarte aus den Händen? Das Pergament klatschte Feridan ins Gesicht. Er erschrak, griff nach der Reling und hielt sich fest.

Der Wein! Das hatte er jetzt davon. Wein schon zum Frühstück, und nun eine Frau in der Takelage; und Möwen, die in einem großen Schwarm nach Süden abzogen; und ein Schiff, das sich vor hohen Wellen aufbäumte; und einen schwarzen Himmel im Norden; und einen Kapitän, der plötzlich Befehle schrie, als gelte es sein Leben; und im Gesicht eine Seekarte.

Viel zu viel tunischen Wein schon zum Frühstück, und nun schaute er Sachen, die es gar nicht gab.

DIE ES GAR NICHT GAB!

Panik ergriff ihn. Als würde ein Windstoß in einen Haufen Flaumfedern fahren, so fühlte es sich hinter seinem Brustbein und unter seiner Schädeldecke an. Und schlecht war ihm auch.

Feridan klammerte sich an der Bugreling fest und versuchte, die Seekarte von seinem Gesicht zu ziehen. Der Sturm presste das Pergament so heftig in seine Augenhöhlen und in seinen Mund, dass er schwarz sah und kaum noch Luft bekam.

Was hätte er denn tun sollen? Wasser trinken? Sein Herr Vater, der König Arbosso, hatte befohlen Wein auszuschenken. Hatte trinken wollen, feiern, fröhlich sein, vergessen. Sein Vater, der König von Napoli, hatte seinen Abschiedsschmerz betäuben wollen, denn seine Tochter war in Tunisch zurückgeblieben – als Gattin des Königs von Tunischan, als unverbrüchliches Siegel unter dem Friedensvertrag, den sie viele Jahre zuvor geschlossen hatten. Schon bei der Hochzeitszeremonie im Tempel von Tunisch hatte der König seine Tränen kaum zurückhalten können.

Armer Vater. Aus Liebe zu ihm hatte Feridan mitgetrunken. Aus Mitleid mit dem Vater, genau. Dazu kam: Er selbst hatte Grund zum Feiern – er war seine ältere Schwester los, für immer. Also stürzte er genauso viele Becher wie die anderen, die geübter waren im Trinken als er, der Neunzehnjährige.

Und jetzt sah er eben eine Frau in der Takelage. Weißblond, zierlich, in himmelblauem Gewand. Das konnte schon mal passieren, wenn man ungeübt war im Trinken. Dann sah man schon mal derartige Dinge.

»Wir sind verloren!« Der Herzog riss Feridan die Karte vom Gesicht. »Es ist vorbei.«

Oben im Ausguckskorb brüllte der Schiffsjunge, vor dem Ruderhaus brüllte der Kapitän, auf dem Heckkastell unter dem Kreuzmast brüllte der Bootsmann, und unter dem Großmast brüllte Sebasto, Feridans Onkel. Alle brüllten sie gegen das Heulen des Sturmes und das Brausen des Meeres an, und die Seeleute rannten wie geköpfte Hühner kreuz und quer über das Oberdeck und brüllten ebenfalls. Feridan verstand kein Wort und begriff gar nichts mehr.

Verloren?, dachte er und wagte dann doch wieder einen Blick hinauf zum Hauptmast.

Der Himmel wölbte sich inzwischen wie eine schwarze Kuppel über der See. Der brüllende Schiffsjunge im Krähennest deutete auf die weißblonde Frau. Sah er sie also auch! Gab es sie also doch! Sie baumelte und fuchtelte weiterhin mit Beinen und Händen, als gebiete sie dem Tosen der Wellen, dem Knarren des Schiffsrumpfes, dem Heulen des Sturmes und dem Kreischen der abziehenden Möwen.

Ein Blitz zuckte, ein Donnerschlag krachte, eine haushohe Welle schlug über Feridan und Herzog Tonio zusammen. Die königliche Fregatte neigte sich nach Steuerbord, Feridans nasse Hände rutschten von der Balustrade der Reling ab. Er stürzte und schlidderte gegen die Bugkanone. Dort lag schon die bucklige Gestalt des Herzogs. Aneinander und an den Speichen der Kanonenräder hielten sie sich fest.

»Wir sind verloren!«, rief Tonio von Milano zum zweiten Mal. »Das ist nicht einfach nur ein Seesturm, das ist er

»Er?«

Wieder ein Blitz, und der ihm folgende, ohrenbetäubende Donnerschlag machte Feridans Stimme sogar für seine eigenen Ohren unhörbar. Aus dem Augenwinkel sah er die Seeleute zwischen den Masten umherlaufen und die Segel einholen. Andere folgten den Rufen des Kapitäns und machten sich an den Geschützen zu schaffen. Der Bootsmann gestikulierte wild, der Steuermann krallte sich am Steuerruder fest, Feridans Vater, der König von Napoli, klammerte sich an eine Tür in den Decksaufbauten und redete auf den Bootsmann ein. Hinter ihm tauchten des Königs Bruder Sebasto und der ohrenlose Hauptmann mit der Narbenglatze auf. Und der gute Gonzo. Der Bootsmann und seine Matrosen deuteten zum Großmast hinauf.

Die Frau saß in der Takelage, immer noch. Das Krähennest neben ihr jedoch war leer.

Jäh öffnete sich das schwarze Himmelsgewölbe, und Wassermassen stürzten auf Schiff und Mannschaft herab. Ein Platzregen? Nein – die Sintflut. Binnen weniger Atemzüge war Feridan nass bis auf die Haut. Ebenso Herzog Tonio.

»Wer ist ER?«, rief Feridan dicht an des Herzogs Ohr. »Von wem sprichst du?«

Der Herzog rief gegen den Sturm an, Feridan verstand kein Wort. Er schob sein Ohr an den Mund des Älteren. »Von meinem Bruder!«, schrie Tonio.

Von seinem Bruder also, aha. Der Regen prasselte auf den Helm des Herzogs, klatschte in sein bleiches Gesicht und auf seinen ledernen Brustharnisch. Feridan wischte sich das Wasser aus den Augen, drehte den Kopf, blinzelte in die Regenschleier, versuchte seinen Vater dahinter zu erkennen.

König Arbosso hielt sich noch immer vor der Treppe zum ersten Unterdeck an der im Sturm schwankenden Tür fest. Der gute Gonzo lag auf den Knien, raufte sich die weißen Locken und starrte zum Hauptmast hinauf. Des Königs Bruder, Feridans Onkel Sebasto, stritt mit dem Bootsmann, weil der offenbar befohlen hatte, die Masten zu kappen und sämtliche Geschütze über Bord zu kippen. Kapitän und Bootsmann deuteten auf die Treppe, wollten die Edelmänner zurück ins Unterdeck schicken. Doch Sebasto war keiner, der sich schicken ließ.

Hatte Herzog Tonio einen Bruder? Feridan schob sich das nasse Schwarzhaar aus dem Gesicht, blinzelte zur Spitze des Großmastes – die Frau war ein hellblauer Lichtfleck hinter Regenschleiern, mehr nicht. Doch sie war da, ruderte noch mit den Armen, musste sich noch immer nirgends festhalten. Obwohl Feridan sie nur verschwommen wahrnahm, jagte ihr Anblick ihm einen Eisschauer nach dem anderen über Nacken und Rücken.

Und wenn es nun gar keine Frau war? Wenn nun der Leibhaftige selbst dort oben saß?

Der König und dessen Bruder starrten nun ebenfalls zum Großmast hinauf. Zur Weißblonden. Und der gute Gonzo schlug die Hände vor den Mund. Der Regen trommelte auf die Deckplanken. Plötzlich hockte die Frau nicht mehr in der Takelage. Sie stand jetzt auf der obersten Spiere des Hauptmastes – und tanzte.

Gütiger Gott, sie schwang die Arme und tanzte!

Feridan schnappte nach Luft. Er hätte sich gern bekreuzigt, doch er wagte nicht, die Speiche des Kanonenrades und den nassen Umhang des Herzogs loszulassen. Seine Zähne klapperten plötzlich. Er riss seinen Blick von der entsetzlichen Tänzerin hoch über ihm los und wandte den Kopf. Der Herzog starrte ihn aus unnatürlich großen Augen an. Als würde er staunen, als würde er gleich schreien, als wäre er sicher, im nächsten Moment sterben zu müssen.

Natürlich hatte Herzog Tonio einen Bruder! Oder nein: Er hatte einmal einen Bruder gehabt. Lange her.

»Was redest du da?!«, schrie Feridan. »Was hat dieser Sturm mit deinem toten Bruder zu tun?!« Fast hätte er sich versprochen, denn in seinem Schädel raunte eine Stimme: Was hat dieser Sturm mit der tanzenden Frau in der Takelage zu tun?

»Ist Prospero denn tot?!« Tonios rechte Gesichtshälfte zuckte. Das tat sie immer, wenn er stark erregt war. »Niemand weiß es. Vielleicht treibt er sein Unwesen auf dieser Insel da. Ganz gewiss tut er das. Und jetzt hat er die königliche Flotte in seine Nähe gelockt! Jetzt rächt er sich!«

Nun war es Feridan, der den Herzog anstarrte. Himmelangst war ihm auf einmal. Verwirrte die Todesangst die Sinne des edlen Mannes? Oder zerstörte gerade Wahnsinn seinen Verstand? Oder hatte Feridan sich einfach nur verhört?

Der Bug bäumte sich himmelwärts, ihre Finger und des Herzogs Haken glitten aus den Speichen der Kanonenräder. Tonio von Milano hakte vergeblich nach den Holmen des Treppengeländers – aneinandergeklammert schlidderten sie über die Stufen des Bugkastells aufs Oberdeck hinunter und prallten gegen die Halterung des vorderen Rettungsbootes.

Mit seiner Hakenprothese riss der Herzog ein Tau unter dem Bootsrumpf hervor, daran fanden sie Halt. Die Fregatte stürzte ins Wellental hinab, sie glitten samt Tau zurück gegen die untere Stufe des Bugkastells und stießen mit den Köpfen dagegen.

Die Seeleute schrien, offenbar war jemand über Bord gegangen. Die Angst um den Vater schnürte Feridans Brust zusammen. Der Schiffsrumpf stöhnte, die Masten knarrten, Teile der Takelage brachen aufs Oberdeck nieder. Feridan wagte nicht, zum Hauptmast hinaufzublicken.

Er wollte leben, noch hundert Jahre, wenn möglich, noch tausend; und so gelang es ihm irgendwie, das Tau zweimal um einen Holm des Treppengeländers zu schlingen und einmal um seine und des Herzogs Hüften. Finstere Nacht herrschte jetzt auf dem schwankenden Schiff. Täuschte er sich, oder ließ das Heulen des Sturmes ein wenig nach? Brüllte und tobte die See nicht mehr ganz so wild? Feridan schöpfte Hoffnung.

Er hielt nach seinem Vater und seinem Onkel Ausschau. Der König schwankte noch immer an der pendelnden Tür hin und her. Sebasto, Hauptmann Stefano und dessen Fähnrich Rico halfen den Matrosen, eine Kanone über Bord zu kippen.

Jetzt entdeckte Feridan auch den Rotschopf des Medikus im Gewimmel auf dem Oberdeck. Er schwankte stark und blickte sich erschrocken um. Mit dem Onkel und dem Hauptmann hatte er nach dem Frühstück gleich weiter getrunken.

Eine Sturmböe rüttelte an der Fregatte, und die Tür, an der König Arbosso sich festhielt, riss unter dessen Gewicht aus dem Rahmen. Samt dem massigen König stürzte sie auf die Planken. Langsam rutschten beide auf eine Lücke in der zerbrochenen Reling zu. Feridan hielt den Atem an. Doch der Medikus und der gute Gonzo warfen sich auf den König und hielten ihn fest.

Erleichtert schloss Feridan die Augen und atmete tief. Als er die Lider wieder öffnete, schaute er dem Herzog von Milano ins nasse Gesicht. Das zuckte unablässig, war kantig und hart und hatte die Farbe schmutzigen Wachses. »Ich habe dich nicht verstanden!« Er zog den Älteren dichter an sich und rief ihm ins Ohr. »Dein Bruder soll die Flotte hierher gelotst haben? Ist es das, was du gerade gesagt hast? Zu seiner Insel? In dieses Unwetter? Dein Bruder will sich rächen durch diesen Sturm? Das hast du doch nicht wirklich gesagt, Tonio!«

»Das habe ich gesagt, Prinz!« In Tonios weit aufgerissenen Augen flackerte das Grauen. »Das habe ich gesagt, und das habe ich gemeint!«

Feridan sprach nicht aus, was er dachte, doch er schaute den anderen an, wie man einen Verrückten anschaute.

»Du warst noch so jung damals, Feridan!« Der Herzog drückte seine Stirn gegen Feridans Stirn, als wollte er in das Hirn des Prinzen hineinrufen. »Hat dir nie jemand erzählt, was mein Bruder getan hat?«

Wovon sprach der Herzog? Feridan versuchte, sich an Tonios Bruder zu erinnern. An Prospero, den ehemaligen Herzog von Milano. Vage stand ihm ein großer Mann in buntem Federmantel vor Augen, ein langes, kantiges Gesicht, ein Gesicht mit brennendem Blick. Deutlicher als an den Bruder des Herzogs erinnerte Feridan sich an die Eule, die meistens in dessen Nähe gewesen war. Feridan hatte Tonios Vorgänger auf dem Thron von Milano nur einmal gesehen, und da war er vier Jahre alt gewesen, höchstens fünf.

»Wovon sprichst du nur, Tonio?!« Blitze zuckten, Donner krachte. »Wie kann sich ein Sterblicher mit Seesturm und Sintflut an seinen Feinden rächen, frage ich dich?!«

»Du weißt ja nichts.« Entmutigt klang das, beinahe traurig. »Du weißt ja überhaupt nichts.«

»Dann erzähl’s mir, Tonio!« Feridan brüllte gegen das Tosen des Meeres und das Heulen des Sturmes an. »Los! Erzähl’s mir!«

Und Tonio von Milano erzählte …

2

Prospero

Siebzehn Jahre zuvor

Der Uhu drehte den Kopf. Der Herzog hob die linke Schulter ein wenig an; der Uhu hüpfte von ihr und hinunter auf die marmorne Fensterbank. Er äugte hinaus. Ein dunkler Schleier schwirrte durch den Himmel: Stare, ein gewaltiger Schwarm. Drei Atemzüge lang erlosch das gleißende Licht der Abendsonne auf Turmspitzen und Mauerzinnen, dann verschwanden die Stare hinter der Kathedrale von Milano und es wurde wieder hell.

Einige Vögel hatten sich aus dem Schwarm gelöst und segelten in den herbstlichen Burggarten hinunter. Die Augen des Uhus auf dem Fenstersims leuchteten orange. Er hüpfte vor die geöffnete Fensterhälfte. Der Herzog setzte das Fernrohr an.

»Wir hatten leichtes Spiel«, sagte irgendwo hinter ihm sein Bruder. »Zwei Salven schlugen kurz nacheinander auf ihrem Heckkastell ein. Dann drehten sie ab. Jedenfalls versuchten sie es. Die getroffene Galeere sank, drei weitere entkamen, die vierte holten wir ein. Du weißt ja, wie schnell unsere neuen Fregatten sind, Prospero. Wir rammten den Tunischen steuerbords. Du glaubst ja nicht, wie flink unsere Männer an Bord waren.«

Sie hatten ein tunisches Kriegsschiff geentert, weit draußen im Tirenomeer. Tonio schilderte den Kampf, als wäre er dabei gewesen. Gonzo stand bei ihm und nickte die ganze Zeit. Er war dabei gewesen.

Der Herzog sah die massige Gestalt seines Beraters im Glas des geschlossenen Fensterflügels. Er blickte sie durch das Spinnennetz hindurch an, das sich zwischen dem Fenstergriff und der Wand ausspannte. Die Spinne an ihrem Rand rührte sich nicht.

Der Herzog stellte das Fernrohr schärfer. Fünf Stare waren auf dem Dach der großen Vogelpagode neben dem Gartenteich gelandet. Unglaublich, wie ihr Federkleid im letzten Abendlicht schillerte! Grau und schwarz und unscheinbar für den flüchtigen Blick, staunte Prospero, und schaust du genauer hin: Was für eine Farbenpracht im nachtdunklen Gefieder!

Der Uhu stellte die Federohren auf. Vollkommen still verharrte er jetzt.

»Unsere Krieger fuhren unter die tunischen Soldaten wie Habichte unter eine Taubenschar.« Prosperos jüngerer Bruder redete und redete. »Der Kampf währte nur wenige Minuten. Der tunische Kapitän und seine Offiziere haben sofort kapituliert, als sie den Kampfesmut unserer Männer zu spüren kriegten.« Tonio redete sich in Begeisterung, und Gonzo nickte stumm.

In der Vogelpagode tummelten sich bereits Rotschwänze, Blaumeisen, Kleiber und Buchfinken. Keiner störte sich an den großen Neuankömmlingen, und die Stare störten sich nicht an den Stammgästen der herzoglichen Vogelkrippe.

»Wir haben keinen einzigen Mann verloren«, berichtete Tonio stolz. »Und nur zwei Verletzte zu beklagen – einem jungen Rekruten haben die Tunischen ein Ohr abgeschlagen und dem Zweiten Offizier den Oberschenkel mit einem Degenstich durchbohrt.«

»Sind die beiden wohlauf inzwischen?«, erkundigte sich der Herzog, ohne das Fernrohr zu senken.

»Das will ich meinen, Prospero! Wir hatten unseren Medikus an Bord, nicht wahr, Gonzo? Der hat das Ohr des Rekruten wieder angenäht. Hat heilende Hände, der Josepho.«

»Ich weiß.« Der Herzog richtete das Fernrohr auf die Sonnenblumen zwischen Vogelpagode und Teich. »Sorge dafür, dass die beiden Männer befördert werden.«

Ein Stieglitzpaar hing an einer radgroßen Sonnenblumenblüte. Prospero schnalzte mit der Zunge vor Entzücken – er liebte diese Vögel mit ihren blutroten Gesichtern, ihren schwarzen Masken und ihren gelben Federn in den schwarzen Schwingen. Und wie geschickt sie kletterten! Die Samenlast der Sonnenblumenblüte beugte den vergilbenden Blütenstil so weit über den Teich, dass sich Blüte und Stieglitzrücken im Wasser spiegelten.

»Die Tunischen dagegen haben eine Menge Blutzoll bezahlt, nicht wahr, Gonzo?« Prospero hörte, wie sein Bruder dem Berater erst auf die Schulter klopfte und sich dann die Hände rieb. »Drei sind mit der getroffenen Galeere auf den Meeresgrund gesunken, zwei haben unsere Männer erschlagen.«

Ein Dompfaff flatterte aus dem verwilderten Teil des Burggartens und landete in der Vogelpagode. Er tschilpte und hackte nach allen Seiten, bis auch der letzte Buchfink das Weite suchte. Sogar die Stare wichen vor dem feisten Vielfraß zurück; nur die Stieglitze unter den Sonnenblumenblüten kümmerten sich nicht um ihn.

Seelenruhig begann der Dompfaff, sich die fettesten Bissen aus der Körnervielfalt zu picken. Ein schöner Vogel, ja, doch Prospero konnte ihn nicht leiden: Der selbstsüchtige Feistling vertrieb ihm seine Vogelgäste, wann immer er auftauchte. Heute würde er seine Gier mit dem Leben bezahlen. Der Uhu duckte sich zum Abflug.

»Nur fünf tote Tunische?« Ein weißer Blitz schoss durch Prosperos Blickfeld und tauchte ins bunte Laub eines Apfelbaums ein. »Wie viele Gefangene habt ihr denn gemacht?«

Schweigen zunächst. Im Fensterglas des geschlossenen Flügels sah Prospero, wie Tonio dem Obersten Berater zunickte, damit der die Antwort gab. »Etwa hundertzwanzig«, sagte Gonzo daraufhin. Er räusperte sich. »Darunter eine eigenartige Frau, die hat verlangt, vor dich gebracht …«

»Nur fünf tote Tunische?« Prospero richtete sein Fernrohr auf den Apfelbaum. Im Licht der sinkenden Sonne konnte er die Umrisse des weißen Räubers erkennen: ein Gerfalke. Der Herzog legte dem Uhu, der schon die Schwingen ausbreiten wollte, die Hand auf den Rücken und zischte einen Befehl. »Und hundertzwanzig Gefangene?«, fuhr er fort. »Und du sprichst von einem Kampf, Tonio?«

»Der Kapitän und die Offiziere haben allzu schnell kapituliert, Prospero, ich sagte es doch.« Prosperos Bruder, der zugleich sein Kanzler war, klang ein wenig beleidigt. »Und die große Zahl der Gefangenen kommt zustande, weil wir natürlich die Besatzung der versenkten Galeere an Bord geholt haben.«

»Ihr habt was?!« Prospero erkannte die Gelegenheit, gleich zwei Feinde seiner geliebten Vogelschar auf einmal zu vernichten, und ließ die Hand auf dem Rückengefieder des Uhus liegen. Wie samtig und weich sich das anfühlte! »Warum um alles in der Welt habt ihr sie nicht ersaufen lassen?«

Schweigen zunächst hinter Prosperos Rücken. Schließlich räusperte Gonzo sich und sagte: »Weil ein solcher Akt ganz gewiss die Friedensverhandlungen zwischen unserm König Arbosso von Napoli und dem tunischen König gestört hätte, Prospero.«

»Erheblich gestört«, unterstrich Tonio. »Wegen der laufenden Verhandlungen haben die Tunischen auch so schnell kapituliert und sich in Gefangenschaft begeben. Anders kann ich mir das nicht erklären.«

»Und unter den Gefangenen ist eine tunische Frau«, sagte Gonzo, »sie hat nach dir gefragt, Prospero, sie will dich …«

»Nicht gestört, sondern beschleunigt hätte ein solcher Akt die Verhandlungen!«, sagte Prospero scharf.

Mit einem korngespickten Stück Fett in seinem klobigen Schnabel flog der Dompfaff aus der Vogelpagode und hinab auf einen der weißen Feldsteine, die das Teichufer säumten. Jetzt war er verloren, der gierige Feistling! Der Uhu duckte sich tiefer, wurde unruhiger.

»Warte noch, Buback«, flüsterte Prospero und drückte ihm die Hand schwerer ins Rückengefieder.

»Der König wäre erzürnt gewesen, hätten wir die Tunischen ersaufen lassen«, sagte Tonio.

»Verwüsten sie unsere Inseln oder die des Königs?!« Ein weißer Blitz schoss aus dem Apfelbaum und stieß auf den Dompfaff nieder. Prospero hielt den Uhu noch fester. »Verheeren sie unsere Küste oder die von Napoli?!« Der Gerfalke breitete die weißen Schwingen über seiner Beute aus und sicherte sie nach allen Seiten. »Antwortet!« Beide Männer schwiegen betreten. Der Greifvogel begann, seine Beute zu kröpfen. »Wie viele Fregatten habt ihr den tunischen Galeeren hinterhergeschickt?«

Jetzt erst ließ der Herzog den Uhu los. Der schwang sich aus dem Fenster, breitete die Schwingen aus und sackte dem Garten entgegen. Dicht über Hecken und Beete hinweg und zwischen Bänken und Springbrunnen hindurch schwebte er vollkommen lautlos zum Teich. Der kröpfende Gerfalke erspähte ihn erst im letzten Augenblick. Er warf sich auf den Rücken, sperrte den tödlichen Schnabel auf, schrie gellend und streckte dem Angreifer die gespreizten Fänge entgegen.

Zu spät. Die Wucht des Aufpralls presste den weißen Räuber in Blut und Gefieder des Dompfaffs. Sein letzter Schrei erstarb jäh.

Prospero lächelte zufrieden. Zwei mit einem Schlag. Sehr gut. Keiner mehr vorerst, der ihm seine geliebten Singvögel verscheuchte oder gar schlug.

Er setzte das Fernrohr ab und drehte sich zu seinem Bruder Tonio, dem Kanzler von Milano, und zu Gonzo, seinem vertrauten Thronrat, um. »Ich habe euch etwas gefragt!« Tonio musterte Gonzo von der Seite, und Gonzo betrachtete aufmerksam seine Stiefelspitzen. »Wie viele Fregatten ihr den tunischen Galeeren hinterhergeschickt habt, will ich wissen!«

Prospero, ein großer, hagerer Mann in den Vierzigern, trug einen aufgebauschten Umhang aus farbenprächtigen Pfauen- und Hahnenfedern über einem langen, schwarzen Lederhemd und weinroten Pumphosen. Seine nackten Füße waren schmutzig und so braun gebrannt wie sein schmales, kantiges Gesicht. Seine Bartstoppeln und sein langes, dichtes Haar waren kastanienrot und noch ohne jede Silbersträhne. Leuchtend grüne Augen und ein ernster, beinahe misstrauischer Zug beherrschten seine immer hellwache Miene.

Tonio, mit seinen weichen Zügen und kurzen schwarzen Haaren, war eher nach dem von beiden gehassten Vater geraten: nicht besonders groß, ein wenig untersetzt, helle, großporige Haut und dunkelbraune Augen. Seine stämmigen Beine steckten in weißen Seidenhosen und bis über die Knie in schwarzen Stiefeln. Unter einem grellroten Frack trug er ein hellblaues Hemd und eine goldfarbene Weste mit Perlmuttknöpfen. Diamanten funkelten auf seinem Schwertknauf.

Gonzo war beinahe ganz in schwarzes Leder gekleidet: Mantel, Hose, Wams, Barett – alles schwarz. Nur der Federbusch auf seinem Barett und die Strümpfe in seinen Sandalen leuchteten tiefrot. Hinter seiner linken Schulter ragte der Knauf seines Langschwertes auf. Gonzo hatte aschgraue und sehr dichte Locken.

Endlich hob er den Blick und sagte: »Keine, Prospero.«

»Ihr habt die Tunischen einfach so davonsegeln lassen?!« Die Adern an Prosperos Hals und Schläfen schwollen, sein Gesicht lief rot an. »Sie fallen über unsere Küsten und Inseln her und ihr verfolgt sie nicht?! Seid ihr von allen guten Geistern verlassen?!« Nicht Gonzo, sondern seinem plötzlich so wortkargen Bruder Tonio galt Prosperos brennender Blick.

Der hob in einer Geste des Bedauerns die Hände. »Wie gesagt, Prospero – Arbosso, der König von Napoli, strebt Frieden mit den Tunischen an.«

»Ich nicht!« Prospero schrie. »Die Tunischen sind erbarmungslose Schlächter, gerissene Diebe und faule Hunde! Sie behandeln ihre Frauen wie Vieh, verehren einen gnadenlosen Gott und verbreiten mit ihrem heiligen Buch Stumpfsinn und Langeweile bis an die Enden der Erde!«

Abrupt wandte er sich ab, blickte zum Fenster hinaus und sah seinem Uhu eine Weile bei seiner Mahlzeit zu. Dabei atmete der Herzog ein paarmal scharf durch die Nase ein, bevor er wieder herumfuhr und in die betretenen Gesichter seiner beiden Vertrauten schaute. »Außerdem komponieren sie schlechte Musik und keltern ungenießbaren Wein«, sagte er mit ruhigerer Stimme. »Die Tunischen sind meine Feinde. Und eure auch.« Wie ein Speer flog sein rechter Arm hoch und in Richtung Tür. »Schickt ihnen eine Kriegsflotte hinterher! Marsch!«

Tonio deutete eine linkische Verbeugung an und stelzte wortlos zum Bibliotheksportal. Der herzogliche Berater folgte ihm seufzend. Der hünenhafte Bruno, oberster Leibgardist des Herzogs, der die ganze Zeit stumm neben dem Eingang gewartet hatte, öffnete ihnen einen Portalflügel.

Wie ein Höhlenausgang wirkte das Portal, denn tiefe Bücherregale aus dunklem Eichenholz rahmten es ein. Selbst über dem Türsturz lehnte Buch an Buch und reichten die Regalböden bis zur Decke hinauf. Regale und Bücher füllten die gesamte lange Türwand der Bibliothek und beide Stirnwände aus. An vielen Stellen inmitten der Bücher und Regalböden über ihnen schimmerten Spinnennetze im Abendlicht auf.

Mitten in dem kleinen Bibliothekssaal stand ein großer Arbeitstisch und zwischen den drei Fenstern zum Burggarten hin zwei Sekretäre voller Folianten, Pergamentrollen, Tintenfässer, Federschalen und Mikroskope. Aus dem Durcheinander ragten Töpfe mit Zimmerpflanzen. Auf dem rechten Sekretär ein Rosenstock mit gelben Blüten, auf dem linken rote Dahlien. Zwischen den Sekretären erhob sich ein mannshoher, abgestorbener Birkenstamm aus einem Tonkübel. An ihm rankte dichtes Grün, in dem Blüten weiß-blauer Passionsblumen leuchteten.

Neben dem rechten Fenster erhob sich der Ansitz des Uhus, vor dem mittleren ein Teleskop. Zwischen dem Ansitz und dem Stativ des Teleskops spannten sich Spinnennetze bis zur Fensterwand und zur Tischkante der Sekretäre.

Der Herzog liebte Spinnen. »Sie halten das Ungeziefer von Büchern und Blumen fern«, pflegte er zu sagen. Niemand in der Burg wagte es, Spinnen zu töten oder ihre Netze zu zerstören. Das hatte der Herzog streng verboten. Nur in den Gemächern seiner Gattin gestattete er, die kunstvollen Gespinste zu entfernen. Die Tiere selbst jedoch wurden auch dort geschont.

»Warte, Gonzo!«, rief Prospero. Sein Berater, schon auf der Schwelle, blieb stehen und blickte zurück. »Was ist das für eine tunische Frau, die mit mir sprechen will?«

»Eine weise Frau«, murmelte Gonzo und senkte den Blick.

Prospero runzelte die Brauen, seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Als weise Frau bezeichnete man in Milano eine Hexe. Vor den Ohren des Herzogs sprach jedoch keiner dieses Wort aus – Hexe. Denn unter der Anklage, eine solche zu sein, hatte der Vater die Mutter in den Kerker und der Großvater sie schließlich auf den Scheiterhaufen gebracht.

Prospero und Tonio nannten ihre Mutter die weise Frau, wenn sie vor den Ohren Dritter von ihr sprachen. So hielten es alle Leute in Milano. Und sie taten gut daran.

»Woher stammt sie?«

»Aus Tunischans Hauptstadt selbst«, sagte Gonzo. »Aus Tunisch.« Tonios Schritte hatten sich längst entfernt. Der treue Bruno hielt die Türklinke fest und schien den Grauschopf des herzoglichen Beraters zu studieren. »Ein gefährliches Weib«, schob der hinterher.

»Wie heißt sie?«

»Coraxa.«

»Und warum hältst du sie für gefährlich?«

»Weil sie …« Gonzo unterbrach sich, rieb seinen Graubart, blinzelte zu Bruno hinauf, schien nach Worten zu suchen. »Alle Tunischen auf dem Schiff sind verstummt, wann immer sie das Wort ergriff. Alle hingen sie geradezu an ihren Lippen. Selbst der Kapitän des geenterten Schiffes. Das kennt man von denen aus Tunischan Frauen gegenüber sonst nicht.«

»Wo ist sie jetzt?«

»Liegt in Ketten. Im Kerker des Bergfrieds.«

»Bringt sie zu mir«, sagte Prospero. »Morgen. In den großen Gerichtssaal. Eine Stunde nach Sonnenaufgang.«

Gonzo nickte, wandte sich ab und verließ die Bibliothek. Bruno schloss die Türflügel hinter ihm. Prospero lauschte seinen sich entfernenden Schritten.

Eine weise Frau also. Eine, die sein Berater für gefährlich hielt. Was mochte die Tunische von ihm begehren? Prosperos Neugier regte sich.

Ein Windhauch fuhr durch sein Federgewand, er drehte sich nach dem Fenster um. Der Uhu war auf dem Sims gelandet und schüttelte die Schwingen. Eine weiße, von Blut getränkte Falkenfeder hing im Gefieder unter seinem Schnabel. »Gut gemacht, Buback.« Prospero sah ihm in die großen, orangefarbenen Augen und lächelte. »Sehr gut.«

Sein Blick fiel auf das Asternbeet unten im Garten. Die Blüten bewegten sich auf eine Weise, die keine Windböe, die nur ein Tier verursachen konnte. Er setzte das Fernrohr an und spähte hinunter. Ein Kater, rot getigert. Prosperos Gestalt straffte sich, und er murmelte einen Fluch.

Der Herzog hasste Katzen. Wie Sperber, Habichte, Falken und Elstern waren sie Todfeinde seiner geliebten Singvögel. Er ließ das Fernrohr sinken und sah dem Uhu in die orange glühenden Augen. »Buback, greif!« Prospero deutete in den Garten hinunter, pfiff und schnalzte. Der Uhu entdeckte den Kater sofort. Er blinzelte ein paarmal, breitete die Schwingen aus und flog zu seinem Ansitz neben dem rechten Fenster hinauf. Er war satt.

Hinter Prospero öffnete jemand die Tür, ohne zuvor geklopft zu haben. Er fuhr herum. Die schönste Frau der Welt stand auf der Schwelle: Julia, seine geliebte Gattin. Sie musste nicht klopfen, sie durfte zu ihm, wann immer sie wollte. Alles durfte Julia tun, alles, was sie begehrte.

Bruno verneigte sich vor ihr. In ihren Augen schien er zu lesen, dass sie allein mit dem Herzog sein wollte, denn er machte Anstalten, die Bibliothek gleich wieder zu verlassen.

»Warte, Bruno!«, rief der Herzog. »Ein roter Kater jagt im Burggarten. Schicke einen Bogenschützen hinunter.«

Bruno nickte und schloss das Portal hinter sich.

Prospero wandte sich seiner Gattin zu. »Meine Geliebte«, sagte er und breitete die Arme aus.

»Mein Geliebter!« Sie lief zu ihm und stürzte an seine Brust. »Ich habe eine wundervolle Nachricht!«

3

Miranda

Ich bin da. Ein großes Herz schlägt über mir. Ich lausche ihm, und ich weiß: Es ist gut, dass ich da bin.

Dunkelheit umgibt mich. Ich fühle, dass ich an einem guten Ort wachse, an einem warmen und lichten Platz. Alles fließt hier, alles strahlt auf wunderbare Weise, alles birgt mich. Viele Häute hüllen mich ein, viele lebendige Schichten. Dunkle Wärme umströmt mich; ich schwebe in Wärme, ich schwebe umgeben von pulsierenden Häuten. Ich werde gehalten, immer.

Ich schlafe, ich wache, ich lausche, ich träume. Alles ist gut.

Immer rauscht es, leise, stetig und sanft, immer und von allen Seiten. Ich höre ihm gern zu, diesem Rauschen, denn es umgibt mich zärtlich; es ist ein gütiges Wesen, das um mich ist. Das Schlagen des großen Herzens über mir, das Rauschen der vielen dunklen Ströme um mich herum, die Atemzüge des gütigen Wesens und immer wieder seine liebevolle Stimme – ich höre all das und ich weiß: Es ist gut, dass ich da bin.

Das gütige Wesen mit dem großen schlagenden Herzen trägt mich. In ihm lebe ich, wachse ich und werde ich größer und stärker. Es bewegt sich durch ein Jenseits meiner Geborgenheit, und überall, wo es hingeht, schwebe auch ich. Überall, wo es atmet, wo auch immer es mich mit seiner Wärme, seinem Klopfen, seinem Strömen und Rauschen einhüllt, gibt es mir die Gewissheit: Es ist gut, dass ich da bin.

Jetzt bewegen sich das große, schlagende Herz und das gütige Wesen, dem es gehört, in Richtung eines anderen Wesens, eines geliebten und starken Wesens. Geliebt und stark – das hat es mir nicht gesagt, das spüre ich, denn das große Herz schlägt kräftiger, während es zu dem geliebten Wesen eilt, das warme Strömen rauscht lauter.

Etwas knarrt. Knarrt jenseits der Wärme, die mich umströmt, jenseits meiner schönen Dunkelheit, etwas quietscht, etwas klopft. Dann Stimmen – ich lausche.

Meine Geliebte, sagt eine Stimme. Sie tönt tief und kraftvoll, sie summt rau, sie klingt wie aus dunkler Weite geraunt. Sie durchdringt das Strömen und Rauschen, die mich umhüllen, durchdringt das Klopfen und die Geborgenheit. Ich kenne die Stimme, auch wenn sie mir nicht so vertraut ist wie die Stimme des gütigen Wesens mit dem großen Herzen, das über mir schlägt. Ein Zittern durchbebt mich jedes Mal, wenn ich sie höre, eine lauschende Freude.

Meine Geliebte …

Die Laute, die das starke Wesen raunt – muss ich sie kennen, um sie zu verstehen? Spür ich nicht mit jeder Faser meines Werdens und Wachsens, was sie bedeuten? Schönheit bedeuten sie, Freude, Nähe und Entzücken. Ich spüre es, das reicht.

Mein Geliebter. Jetzt erklingt die Stimme des gütigen Wesens, dem das große Herz gehört, das über mir schlägt. Ich habe eine wundervolle Nachricht! Sie klingt viel heller als die raue Stimme aus dunkler Weite. Wie vertraut sie mir ist! Seit ich bin, gehört sie zu meinem Lauschen und Wachsen. Wäre ich überhaupt ohne diese helle Stimme?

Stell dir vor, sagt sie, wir bekommen ein Kind.

Muss ich die Bedeutung der Laute kennen, um sie zu verstehen? Sie klingen wie ein großes Lachen, sie klingen wie Glück, und auf irgendeine Weise haben sie mit mir zu tun. Das fühle ich, und das reicht.

Dann durchbebt wieder der tiefe Klang jener rauen, aus dunkler Weite geraunten Stimme das Rauschen und Strömen und Klopfen um mich herum. Ist das wirklich wahr? Ganz nah bei mir tönt sie auf einmal, als würde sie gleich hinter den Häuten und lebendigen Wänden erklingen, die mein Wachsen umhüllen. Ist das wirklich wahr, meine geliebte Julia? Als würde das starke Wesen, das da spricht, mitten in meiner Geborgenheit und Wärme sprechen, als wollte es sich in sie hineinbücken.

Dem Himmelsgott sei Dank, es ist wahr, erklingt die helle, lachende Stimme über dem großen, schlagenden Herz. Es ist wirklich wahr, mein geliebter Prospero, wir bekommen ein Kind …!

Jubel übertönt die vertraute Stimme. Das gütige Wesen lacht nun wirklich, und mir ist auf einmal, als würde eine Kraft es hochheben, es im Kreis wirbeln, es an sich drücken und fest umschlingen.

Wie Glück pulsiert es durch mein Werden und Wachsen, um mich herum gluckert, gurgelt und braust es. Ich schwebe, ich drehe mich, ich lausche, ich bebe, ich strample.

Auf einmal: Stille und Innehalten.

Es raschelt und haucht irgendwo jenseits meiner Geborgenheit, jenseits der Häute und lebendigen Schichten, die mich umhüllen. Ich lausche – Gemurmel und Geflüster. Das gütige Wesen mit der hellen und vertrauten Stimme und das starke Wesen mit der rauen Stimme – sie murmeln und flüstern und hauchen.

Schwer und warm umfängt Ruhe mich. Ich versinke in wohlige Wärme, in grenzenlose Geborgenheit. Ich schlafe, ich träume. Alles ist gut.

Irgendwann dringt Flüstern und Stöhnen in meine Wärme, ich lausche. Das gütige Wesen, das mich trägt, und das von ihm geliebte starke Wesen sind einander ganz nah. Das große Herz über mir schlägt schnell. Alles bebt um mich herum, alles schaukelt und schwingt. Jauchzen und Glück durchzittern mich. Danach Ruhe und wieder Murmeln und Flüstern. Alles, alles ist gut.

Schwere, Sattheit und wohlige Wärme umfangen mich erneut. Ich schlafe, ich träume, ich schlafe.

Bis Lärm mich weckt. Schreie gellen, Schritte stampfen, etwas klirrt wie von kalter, spitzer Härte. Alles in mir schnürt sich zusammen.

Das große Herz über mir schlägt schneller, der Atem des gütigen Wesens zischt und rauscht. Es ist allein, ich spüre es, das starke Wesen ist nicht mehr bei uns. Wieder Schreie, wieder Gepolter und Klirren. Das gütige Wesen, in dem ich schwebe, das mich trägt – es hat Angst.

Die Schreie durchstoßen die lebendigen Schichten und Häute, die mich umgeben. Ich habe Angst. Die Schreie fühlen sich an wie Risse in meiner Geborgenheit.

4

Coraxa

Schreie gleich nach Sonnenaufgang. Eben hatte der Herzog den Burggarten betreten, sein Falkner und sein oberster Kammerdiener begleiteten ihn zum Teich, und da hörte er sie: Wutschreie wie von einem räuberischen Meeresvogel ausgestoßen oder von einem wilden Tier, das sich ins Jagdnetz verstrickt hat.

Fenster wurden aufgestoßen, zwischen den Hecken richteten Gärtner sich auf. Prospero fuhr herum und spähte mit gerunzelter Stirn zurück zur Terrasse. Der Uhu schwang sich von seiner Schulter und schwebte zur Vogelpagode voraus. Vor der offenen Terrassentür stützte der Erste Leibgardist sich auf sein Schwert und lauschte wie sein Herzog, wie seine Begleiter, wie die Gärtner, wie alle.

Das Geschrei riss nicht ab, nahm noch zu an Lautstärke. Es drang aus dem Erdgeschoss des Burgpalas. Eine wütende Frauenstimme. Sie gellte dem Herzog in den Ohren, durchstach sein Hirn, bohrte sich durch seine Kehle tief hinab in seine Brust und verwandelte das Mark seines Brustbeins in Frost.

Prospero hörte Ketten klirren und Schritte wie von schweren Soldatenstiefeln. Er hielt sich die Ohren zu; nicht einmal der sterbende Gerfalke gestern Abend hatte solch mörderische Schreie ausgestoßen, nicht einmal eine Elster schrie so, wenn man ihr den Hals umdrehte!

Prosperos Augen wurden schmal, er zischte einen Fluch – der Lärm würde seine geliebte Julia wecken! Und das arme Kind unter ihrem Herzen! Der Hüne an der offenen Terrassentür, sein treuer Leibgardist Bruno, erkannte den Ärger in der Miene des Herzogs, beugte sich ins Innere des Wintergartens und forderte Ruhe, und das mit donnernder Stimme.

Schlagartig ging das Geschrei in Gelächter über, in krähendes Gelächter, das beinahe so laut und gellend klang wie die höllischen Schreie zuvor. Bruno rammte sein Langschwert in einen der beiden Oleanderkübel, bückte sich in den Wintergarten und stapfte in den Palas.

Das böse Frauengelächter hallte aus allen geöffneten Fenstern. Prospero schüttelte sich, zischte zornig und wandte sich wieder seinen beiden Begleitern zu. Die standen bereits zwischen Vogelpagode und Teichufer.

»Ist sie das?« Der Falkner kam ihm plötzlich blass vor.

»Beim Herz des Himmelsgottes – das ist sie.« Jesu, der oberste Kammerdiener, sprach seltsam leise. »Die halbe Stadt spricht schon von ihr.« Jesu stammte aus dem Gebirge im Norden. Er war klein, dürr und bucklig und so bleich, als würde er die Sonne meiden. »Dabei hat kaum einer sie gesehen. Sie liegt ja im Bergfried in Ketten.

»Zu überhören ist sie jedenfalls nicht«, sagte der Falkner, »hat lange vor Sonnenaufgang schon geschimpft und geflucht.«

Drinnen mischte sich nun das Schimpfen des Hünen in das gellende Gelächter. Bruno besaß eine tiefe und kraftvolle Stimme, und wenn er wütend war, wie jetzt, konnte er sie donnern lassen wie ein Sommergewitter. Das Frauengelächter ging erst in hysterisches Kreischen über und verstummte dann ganz. Prospero atmete tief ein.

»Wieso bringt man sie in den Palas?« Fragend schaute der Falkner seinem Herzog ins Gesicht.

»Weil ich mir ein Bild von ihr machen will.« Prospero deutete hinunter auf die Feldsteine. Blutige Fetzen zweier Vogelkadaver lagen dort. »Ich brauche die Federn.«

Ein Windstoß fuhr in verstreutes Gefieder und wehte graue Flaumfedern zu dem bunten Laub im Gartenteich. Der Uhu hockte auf dem Pagodendach und äugte gelangweilt nach rechts und links. Von den Mauerkronen und aus den Büschen und Bäumen beschimpften ihn die Vögel. Die Morgensonne löste sich gerade von der Turmspitze der Kathedrale. Vor allem weißes Gefieder bedeckte die Feldsteine zwischen Schilf und Vogelpagode. Vom Gerfalken erkannte man noch Flügel, Schwingen, Fänge und Schädel. Vom Dompfaff nur noch die über das ganze Teichufer verwehten Federn.

»Sammle sämtliche Federn ein, die größer sind als mein Fingerglied.« Prospero hielt seinen kleinen Finger hoch. »Reinige sie behutsam, aber gründlich. Wenn sie trocken sind, bringe sie in die Schneiderei.« Er wandte sich ab und lief mit energischen Schritten zurück zu Terrasse und Wintergarten. Seine Kappe und die Schulterstücke seines Federmantels waren aus schwarzem Leder; die linke Schulter hing ein wenig herab. Er ballte die Fäuste, denn dumpfe Wut wühlte in ihm – Wut auf die tunische Frau, diesen Schreihals, und Wut auf sich selbst, weil er sich von ihrem Gezeter hatte erschüttern lassen.

Ohne sich umzudrehen, stieß er einen leisen Pfiff aus, als er die Terrasse erreichte – der Uhu breitete seine Schwingen aus, flog seinem Herrn hinterher und landete auf dessen linker Schulter. »Ich werde sie maßregeln, Buback«, murmelte Prospero. »Wer Mutter und Kind dermaßen erschreckt, verdient eine harte Strafe.«

Er durchquerte den Wintergarten, trat in den großen Sommerspeisesaal mit seinen hohen Fenstern und von ihm aus in die breite Zimmerflucht, die von der Eingangshalle des Palas zum Gerichtssaal führte. Waffenkammern, Schreibstuben, Archive, Gästekammern, die Küche und Vorratsräume lagen hinter all den Türen hier.

Nach Dutzenden Schritten, an der Treppe ins Obergeschoss, blieb der Herzog stehen und lauschte hinauf. Noch kein Lautenspiel drang von oben herab, noch kein Gesang wie sonst um diese Zeit. Schlief denn seine geliebte Julia noch? Hatte der Höllenlärm sie doch nicht wecken können? Kaum vorstellbar. Wahrscheinlich war ihr vor lauter Schrecken die Freude am Morgengesang vergangen.

Prospero ging weiter, dachte an die zurückliegende Nacht, an Julias Küsse, Umarmungen und ihr Liebesgeflüster. Der Duft ihres Haares, ihres Nackens, ihrer Scham stieg ihm plötzlich wieder in die Nase, der Geschmack ihrer Lippen, ihrer Haut auf die Zunge. Eine Nacht der Verschmelzung wie so viele zuvor, eine Nacht im Paradies. Sein Herz schlug schneller, seine kantige Miene entspannte sich ein wenig.

Liebessatt war sie eingeschlafen, die süße Gattin. Er dagegen, Prospero, hatte kein Auge zugemacht. Freude über die wunderbare Neuigkeit hatte ihn aufgewühlt: Julia schwanger! Ein Kind wuchs unter ihrem Herzen! Er würde Vater werden, endlich!

Julia im Arm und die Rechte auf ihrem Bauch hatte er Hunderte schöne Bilder in die Dunkelheit über dem Liebeslager heraufbeschworen: Bilder einer Tochter, Bilder eines Sohnes, Bilder eines rauschenden Tauffestes, Bilder des Federmantels, den er seiner geliebten Frau zur Geburt ihres ersten Kindes schenken wollte. Eine Skizze hatte er noch bei Kerzenschein aufs Pergament geworfen, in seinen Gedanken jedoch war der Mantel bereits vollendet.

Raue Stimmen holten ihn zurück in die Gegenwart. Nur ein Portalflügel zum Gerichtssaal war geöffnet, Tonio und Gonzo standen dort, blickten zu ihm, traten von einem Fuß auf den anderen. Sie wirkten ungeduldig, vor allem Tonio. Aus dem Saal selbst: raues Männergebell und dumpfes Röcheln.

Sein Bruder kam ihm entgegen; in seiner ungewöhnlich düsteren Miene las der Herzog Ärger und Vorwurf. »Ein Fehler, das wilde Weib in die Burg bringen zu lassen, Prospero. Selbst Bruno hat es nur mit Mühe bändigen können.«

Prospero nickte ihm nicht einmal zu, schritt einfach weiter dem Portal entgegen. »Hast du den Tunischen eine Flotte hinterhergeschickt?«, fragte er beiläufig.

»Drei Fregatten und vier Galeeren.« Sein jüngerer Bruder lief neben ihm her. »Wenn du dieses Weib unbedingt sehen musst, hättest du es auch im Bergfried drüben tun können. Du weißt doch, dass solche Kreaturen hexen können.«

»Und du weißt, wie sehr ich jede Art von Kerker verabscheue.« Er nickte Gonzo zu, dem ein dickes und großes Buch unter dem Arm klemmte. Prospero nahm es nur flüchtig wahr; vorbei an seinem Berater und bedrängt von seinem Bruder schritt er in den Saal. »Hast du Angst vor dieser tunischen Frau, kleiner Bruder?«

Und dann sah er sie: Barfuß und die Hände auf den Rücken gefesselt kniete sie mitten im Gerichtssaal. Zwei Schwertmänner der Burggarnison flankierten sie. Bruno stand breitbeinig vor ihr, schwang einen Stock und zischte der Frau unverständliches Zeug zu. Drohungen oder Flüche oder beides. Der Leibgardist war ein Stotterer und manchmal schwer zu verstehen.

Einer der beiden Schwertmänner hielt die Kette fest, die den Hals der Gefangenen einschnürte, der andere drückte den Schaft seiner Lanze in ihren Nacken, so dass sie gezwungen war, ihr Gesicht bis fast auf die Knie hinunterzubeugen. Das Tuch, mit dem man sie geknebelt hatte, war zwischen ihren Lippen mit Blut getränkt und schnürte ihr langes Kraushaar ein wie rotes Band einen schwarzen Busch. Die Haut ihrer Schenkel und ihrer Schulter war bronzefarben wie ihr Gesicht, ihr ehemals weißes Gewand zerrissen und blutig am Rücken. Hatte Bruno sie also verprügelt. Die Vorstellung dämpfte Prosperos Wut ein wenig.

Ihre Augäpfel rollten und drehten sich, ihr Blick verfolgte Prosperos Schritte zum Podest mit dem Richtersessel. Er stieg hinauf, ließ sich in den Sessel fallen; der Uhu schwang sich von seiner Schulter und auf den Ansitz hinter der Sessellehne. Mit einer Kopfbewegung bedeutete der Herzog dem blutjungen Lanzenträger, das Holz aus dem Nacken der Tunischen zu nehmen. Der Schwertmann – er hieß Rico – gehorchte. Der andere, gut zehn Jahre älter und Stefano mit Namen, riss an der Kette; der Oberkörper der Frau schnellte hoch, der Kopf flog ihr in den Nacken. Prospero musterte sie; über ihm fauchte Buback.

Sie hatte ausgeprägte Wangenknochen, ihre Nase war schmal, ihre Stirn hoch, ihre schwarzen Augen standen leicht schräg, und ihr Blick war so durchdringend, dass Prospero glaubte, das Feuer dahinter in ihrem Schädel knistern zu hören.

War sie schon in den Dreißigern? Schwer zu sagen – Schwellungen und Blutergüsse entstellten ihr Gesicht. Er versuchte dennoch, in ihren Zügen zu lesen. Täuschte er sich oder lächelte sie? Wahrhaftig, sie lächelte! Ein wildes, ein böses Lächeln. Dem Herzog wurde kalt, dem Herzog wurde heiß und wieder kalt; doch er hielt ihrem Blick stand.

Gonzo trat zu ihm und räusperte sich. »Das trug sie an einer goldenen Kette zwischen ihren Brüsten.« Er hielt ihm ein bleiches, in Gold gefasstes Knochenstück hin, ein Bruchstück aus Stirn und Augenhöhle eines Schädelknochens. Prospero rümpfte die Nase, nickte unwillig und winkte ab. Was gingen ihn Knochen an?

Sein Berater steckte das Schädelstück weg und reichte Prospero das wuchtige Buch, das er an diesem Morgen aus irgendeinem Grund mit sich herumschleppte. Und wieder räusperte er sich. »Sie hat eine Kajüte ganz für sich allein bewohnt, Tür an Tür mit dem Kapitän. In ihrer Reisetruhe fanden wir dieses Buch. Ein Zauberbuch.«

Prospero zog die Brauen hoch und betrachtete es. Es war in weiches, schwarzes Leder gebunden. Zahllose goldene Sternchen bedeckten den Einband. In seiner Mitte prangte unter einem Schriftzug eine blaue Pyramide, die wirkte wie durchsichtig und umschloss ein geflügeltes Wesen. Einen Engel?

Der Herzog hob den Blick. Die geknebelte Frau beobachtete ihn. Keine seiner Bewegungen entgingen ihr, er spürte es. Sie hatte lange, sehnige Glieder und war von drahtiger Gestalt. Mit vollkommen geradem Rücken kniete sie zwischen Bruno und den beiden Waffenknechten und dachte nicht daran, auch nur ein Mal ihren lauernden Blick von Prospero zu wenden.

Wie konnte eine Frau in Ketten, der man die Kleider zerrissen, die man blutig geschlagen und in die Knie gezwungen hatte – wie konnte so eine derart furchtlos gucken? Derart stolz und unverschämt? Der Herzog biss die Zähne zusammen. Wieso fror er plötzlich? Und wieso war ihm schon wieder, als griffe ihm einer mit frostigen Fingern ins Herz?

Bruno schaukelte zu Tonio hinüber, hatte irgendetwas mit dem Kanzler zu flüstern.

Prospero senkte den Kopf, drehte das Buch in den Händen, betrachtete es aufmerksamer. Die unzähligen, goldglänzenden Sterne waren unterschiedlich groß und bedeckten den ledernen Einband mal dichter, mal weniger dicht. Ein Spiralnebel aus Sternen! Jetzt erst erkannte es der Herzog: Das Abbild der Milchstraße schmückte den ledernen Bucheinband.

In der Mitte der Rückseite erkannte Prospero vier rote Zeilen einer kleinen, fremdartigen Schrift. Buchstaben dieser Art hatte er nie zuvor gesehen. In gleichen tiefroten Zeichen, nur viel größer, standen vier Worte auf der Vorderseite geschrieben. Der Buchtitel, vermutete Prospero. Die durchsichtige blaue Pyramide darunter trug eine große goldene Mondsichel auf ihrer Spitze. Sie stand in Flammen, die rot nach oben loderten und deren Spitzen in die roten Buchstaben des Buchtitels übergingen.

Der Herzog hob das schwere Buch, beugte sich tiefer über das goldene Geglitzer des Spiralnebels, betrachtete das geflügelte Wesen innerhalb der Pyramide genauer. Nein, kein Engel – es war eine Frau. Oder ein Vogel?

Obwohl sie ein blutrotes Gewand trug, wirkte die eigenartige Frauengestalt nackt. Prospero ahnte ihr Geschlecht, konnte die Linien ihrer Brüste, ihrer Taille, ihrer Schenkel erkennen. Ihr Haar sah aus wie schwarzes Gefieder, Nase und Mund erinnerten an den Krummschnabel eines Habichts, und ihre schwarzen Schwingen reichten hinunter bis zu ihren Füßen. Genauer: bis zu ihrem rechten Fuß. Denn links ragte eine schwarze Vogelklaue unter dem Saum ihres roten Gewandes heraus, eine angehobene und tödlich gespreizte Vogelklaue; es sah aus, als hätte das monströse Wesen einer Beute aufgelauert und sei nun im Begriff, sie zu schlagen.

Prospero richtete seinen Blick wieder auf die kniende Frau. Es gefiel ihm nicht zu spüren, wie trocken sein Mund auf einmal war. Und es gefiel ihm nicht, dass die Gefangene ihn unablässig belauerte. Er fühlte sich wie ein aufgerolltes, jedem Blick preisgegebenes Geheimdokument. Die Frau kaute auf ihrem Knebel herum.

Tonio trat neben seinen Richterstuhl, beugte sich an sein Ohr und flüsterte: »Vorsicht, Bruder – ihre Augen. Bruno sagte mir …«

Prospero winkte unwillig ab. Mit einer knappen Geste bedeutete er seinem Ersten Leibgardisten, der Frau das nasse Tuch aus dem Mund zu nehmen. Bruno löste den Knebelknoten in ihrem Haar und befreite sie von dem Fetzen. Sie schüttelte ihre drahtige Mähne, spuckte Blut aus und fauchte einen tunischen Fluch zu Bruno hinauf.

»Wenn du wieder schreist, lasse ich dir die Zunge herausreißen«, erklärte Prospero mit ruhiger Stimme. Sie blitzte ihn an, Busen und Schultern senkten sich schnell im Rhythmus ihres fliegenden Atems. »Du heißt Coraxa?« Sie nickte. »Sie nennen dich eine ›weise Frau‹, Coraxa.«

»Weise?« Sie lachte trocken auf. »Schon möglich. Gewiss ist jedoch eines: Ich bin eine Hexe.« Wieder spuckte sie blutigen Speichel vor Brunos Füße. Der schlug ihr mit seinem Stock aufs Ohr. Sie gab keinen Laut von sich, schüttelte sich nur.

»Gut, dass du es selbst sagst.« Tonio ergriff das Wort. »Das erspart dir die Folter. Den Scheiterhaufen nicht: Hexen verbrennen wir.«

Ihre Augen wurden zu Schlitzen, sie belauerte ihn. »Wie man deine Mutter verbrannt hat, Kanzler von Milano?«

Tonio erbleichte, seine gedrungene Gestalt straffte sich. Einen Atemzug lang sah es aus, als wollte er sich auf die Gefangene stürzen. Aus dem Augenwinkel beobachtete Prospero, wie er mit sich rang. »Was weißt du schon von unserer Mutter!«, zischte er schließlich.

»Mehr als du ahnst.«

»Wo kommst du her?«, fragte Prospero.

»Aus dem Herzen des Großen Kontinents – vom Schwarzen Strom.« Die Frau sprach mit tiefer, rauer Stimme.

»Du bist keine Tunische?«

»O doch – mit jeder Faser meines Herzens! Nach dem Tod meiner Mutter jedoch, in früher Jugend, habe ich meine Heimat verlassen, um bei den mächtigsten Hexen und Magiern des Großen Kontinents die Kunst der Zauberei zu studieren.«

Prospero lauschte ihren Worten nach – um bei den mächtigsten Hexen und Magiern des Großen Kontinents die Kunst der Zauberei zu studieren. Er musterte sie aufmerksam. Und dachte an seine Mutter – deren Lehrer hatte lange in den wilden Flusswäldern des Großen Kontinents gelebt. »Und was hat dich von so weit her an die Küsten unseres Reiches getrieben?«

»Ein Zeichen am Himmel. Jahrelang habe ich darauf gewartet, und eines Morgens sah ich es. Es gebot mir, zurück nach Norden zu wandern, zurück ins Königreich Tunischan.« Sie neigte den Kopf ein wenig auf die Schulter und schaute neugierig zu ihm herauf; gerade so, als wollte sie die Wirkung ihrer Worte prüfen.

»Weiter!«, befahl Prospero mit herrischer Geste.

»Der König machte mich zu seiner Hofmagierin. Und gab mir Geleitschutz zu seinem größten Seehafen in Tunisch. Dort ging ich an Bord des Schiffes, das mich zu dir bringen sollte.«

Prospero verschlug es die Sprache. Hatte er richtig gehört? Er lehnte sich zurück, hielt das Buch fest, drückte es an seine Brust. Das Schiff, das mich zu dir bringen sollte – hatte die Hexe das gerade gesagt? Er ließ sie nicht aus den Augen, versuchte seine Gedanken zu ordnen, atmete tief. Niemand im Gerichtssaal merkte ihm seine Verblüffung an.

»Und jetzt bin ich hier«, sagte die Frau mit plötzlich sanfterer Stimme. »Bei dir, Prospero von Milano.«

»Du wolltest zu mir? Deswegen bist du an Bord eines tunischen Kriegsschiffes gegangen?« Sie nickte. »Seit wann wolltest du zu mir? Wann ist dir das in den Sinn gekommen?«

»Als ich im Schwarzen Strom badete und das Zeichen am Morgenhimmel sah.«

»Und warum?« Es war auf einmal sehr still im Gerichtssaal; so still, dass dem Herzog die eigene Stimme in den Ohren gellte: Und warum? Die Frau hielt seinem Blick stand. »Warum wolltest du zu mir?«, fragte er noch einmal. Und wieder lächelte sie, diesmal unverhohlen, und es schien Prospero etwas Triumphierendes in diesem Lächeln zu liegen.

»Der Herzog hat dich etwas gefragt!«, herrschte Tonio die Frau an. »Antworte!« Sie schwieg und lächelte. »Unverschämtes Hexenweib!« Tonio wurde laut. »Weißt du nicht, dass wir dich sofort töten lassen können?«

»Gar nichts könnt ihr, es sei denn, es ist euch gegeben!«

Über Prospero stieß plötzlich der Uhu glucksende Laute aus. Duugug, duugug, tönte sein schimpfendes Gackern. Prospero blickte zu ihm hinauf und pfiff leise und dumpf. Buback legte das gesträubte Gefieder wieder zusammen. Aus seinen großen, gelb-orange glühenden Augen spähte er auf die Hexe hinab.

»Er erkennt mich«, murmelte die, »genau, wie er eure Mutter erkannt hat.«

»Lass sie auspeitschen!« Tonio beugte sich zu Prospero herunter, griff nach seinem Arm. »Oder noch besser: Lass sie töten.«

Der Herzog hob abwehrend die Rechte und schob ihn weg von sich. »Was hast du von unserer Mutter zu reden?« Eine Zornesfalte drohte zwischen seinen dichten rotbraunen Brauen. »Du weißt gar nichts von ihr, du weißt gar nichts von ihm.« Er deutete zu seinem Uhu hinauf.

»Aber du weißt Bescheid, Herzog, nicht wahr?« Sie lachte spöttisch. »Man hat von deiner Mutter gesprochen am Schwarzen Strom, man kannte ihren Namen dort – Magdalena. Man hat sich die Geschichte erzählt, wie deine Mutter Magdalena diesen Eulenhahn dort über dir gerettet hat.«

Prospero sprang auf. »Was sagst du da?« Hin und her gerissen zwischen Verblüffung und Wut blickte er auf die Hexe hinab. »Man kannte ihren Namen am Schwarzen Strom?«

»Man kennt auch deinen Namen dort, Herzog.« Coraxa wandte sich an Tonio. »Deinen nicht, Kanzler.«

Tonio packte abermals Prosperos Arm und beugte sich an sein Ohr. »Sie treibt ihren Spott mit uns, Bruder. Merkst du das nicht? Lass sie verbrennen. Noch heute.«

Prospero machte sich los von ihm, drückte Gonzo das Zauberbuch in die Hände und stieg vom Richterpodest. »Du behauptest, aus dem Herzen des Großen Kontinents aufgebrochen zu sein, um zu mir nach Milano zu kommen.« Fünf Schritte, dann stand er vor ihr. »Du bist jetzt am Ziel, Coraxa, du bist beim Herzog von Milano angekommen. Was willst du von mir, sprich! Warum bist du hier?«

»Das fragst du dieses verfluchte Weib allen Ernstes?« Sein Bruder trat neben ihn. »Wir haben ihr Schiff geentert! Der Zufall hat sie uns in die Hände gespielt! Der Zufall und sonst gar nichts!« Und leiser: »Sei kein Narr, Bruder. Sie versucht uns mit Lügengeschichten zu umgarnen.«

Prospero streckte den Arm aus, als wollte er seinem Kanzler den Weg zur Hexe versperren. »Antworte, Coraxa!«

Ohne Furcht schaute die kniende Frau zu ihm herauf. »Ich kenne die Antwort selbst nicht, Herzog. Noch nicht. Wenn die Zeit reif ist, werden wir sie erkennen. Wir beide, du und ich.«

»Du wagst es?!« Der Zorn überwältigte Prospero. »Du hältst mich zum Narren?!« Mit einer Kopfbewegung bedeutete er seinem Leibgardisten zuzuschlagen. Brunos Stock fuhr auf den Leib der Gefangenen nieder. Zweimal, dreimal, und nicht einen Schmerzenslaut gab sie von sich, lauerte die ganze Zeit nur zu Prospero herauf.

»Sie muss auf den Scheiterhaufen!«, rief Tonio. »Sie muss noch heute brennen!«

Plötzlich sah Prospero seine Gattin am Portal des Gerichtssaals stehen. Julias schönes Gesicht war leichenblass, ihre Züge todernst, ihr blondes Haar matter als sonst. Er erschrak und hob die Rechte – Bruno ließ seinen Stock sinken.

Julia kam näher, schüttelte langsam den Kopf, schien vollkommen fassungslos. Die Hexe sah zu ihr hin, blähte die Nasenflügel, als würde sie Witterung aufnehmen, lächelte und nickte schließlich, als hätte sie die Lösung irgendeines Rätsels gefunden.

Tonio rief: »Auf den Scheiterhaufen mit ihr! Sie muss brennen! Sofort!«

Coraxa aber warf sich herum, sprang auf, lief los und prallte gegen Prosperos Brust. Den Schwertmann Stefano, der ihre eiserne Halskette hielt, riss sie ein Stück mit sich. Um nicht zu stürzen, hielt Prospero sich an ihr fest.

»Lass mich ziehen, Herzog«, flüsterte sie. »Lass mich ziehen, und dein Kind wird leben. Verbrenn mich, und dein Kind wird sterben.«

5

Tonio

Ihr Flüstern klang wie das Fauchen einer alten Katze. Kein Wort konnte Tonio verstehen, dabei stand er direkt neben seinem Bruder. Wie wütend ihn das Hexenweib machte! Ihr Geflüster, ihr verschlagener Blick, ihre verführerische Schönheit, die Art, wie sie in den Armen des Herzogs hing, und die Lügen, die sie um die Mutter gesponnen hatte – all das machte den Kanzler rasend. Er riss sein Schwert aus der Scheide, war entschlossen, das verfluchte Hexenweib niederzustechen.

Bruno kam ihm zuvor, packte die Hexe, riss sie aus Prosperos Armen und stieß sie zu Boden. Auf den rötlichen Lehmfliesen musste sie sich unter seinen Stockschlägen krümmen.

»Genug!«, befahl der Herzog schon nach drei Hieben. Der Hüne hielt inne.

Tonio traute seinen Ohren nicht. Sein Bruder achtete Frauen sogar höher als Singvögel, doch nun übertrieb er es. »Sei kein Narr, Prospero.« Von hinten drängte er sich an seinen Bruder, flüsterte ihm ins Ohr. »Sie ist eine Hexe. Nicht allein mit dem Stecken, mit dem Schwert muss man sie schlagen. Du musst sie …« Er unterbrach sich, denn jetzt erst entdeckte er Julia hinter den Schwertmännern. Wann um alles in der Welt war die Herzogin in den Gerichtssaal gekommen?

»Weg mit der Klinge, Kanzler!« Prospero drehte sich nach ihm um. Tonio erschrak, denn sein Bruder war aschfahl.

»Lass sie verbrennen, Prospero«, raunte er, während er sein Schwert zurück in die Scheide steckte. »Hast du nicht ihren bösen Blick gesehen?« Er schob sich noch näher an den Herzog heran, sprach noch leiser. »Bruno hat mir zugeflüstert, dass sie versucht hat, ihn mit diesem Blick zu fesseln. Er habe nicht halb so fest zuschlagen können, wie er eigentlich wollte. Sie wird versuchen, auch deinem Geist Fesseln anzulegen, Bruder.« Wahrscheinlich hatte sie es bereits getan, doch diesen Verdacht sprach Tonio lieber nicht aus.

»Niemand kann dem Herzog von Milano Fesseln anlegen.« Prospero nahm Gonzo das Zauberbuch ab, klemmte es unter den Arm und ging zu seiner Gattin.

»Ich beschwöre dich, Bruder, lass sie verbrennen!«, rief Tonio ihm hinterher.

Prospero drehte sich um und schaute ihm ins Gesicht. Selten hatte Tonio seinen älteren Bruder so hohlwangig gesehen, so ernst und so fahl. Was war auf einmal los mit ihm? Was hatte das Hexenweib ihm zugeflüstert?

Wie der Herzog da so reglos und kerzengerade neben seiner Gattin stand und schweigend und mit kantiger Miene zu ihm herüber stierte, erinnerte er Tonio plötzlich an den alten Tyrannen, den Großvater. Tonio war erst fünf Jahre alt gewesen, als der Großvater starb, doch niemals würde er dessen hartes Gesicht vergessen und seine hoch aufgerichtete, furchteinflößende Gestalt.

Der Herzog ließ Julia los, kam zurück zu Tonio und packte ihn bei der Schulter. »Seltsam, dass du auf einmal unseren König vergisst«, flüsterte er. »Arbosso von Napoli steht doch in Friedensverhandlungen mit ihrem König, sagtest du.« Mit einer Kopfbewegung deutete er hinter sich auf die Hexe. »Groß und breit hast du mir gestern erklärt, deswegen die Tunischen geschont und ihre Flotte nicht verfolgt zu haben. Und jetzt willst du die Hofmagierin des Königs von Tunischan verbrennen?«

Der Herzog ließ Tonio los. Während er zurück zu seiner Gattin schritt, verfolgte ihn der lauernde Blick des Hexenweibes. »In den Kerker mit ihr!«, rief Prospero. »Sie ist meine persönliche Gefangene!« Er warf Tonio einen letzten, warnenden Blick zu. Das Buch unter der Linken legte er den Arm um seine Gattin und führte sie aus dem Gerichtssaal.

Dicht über die Köpfe Tonios, Gonzos und der Schwertmänner hinweg segelte der Uhu zu seinem Herrn und ließ sich auf dessen Schulter nieder. Zuletzt eilte Bruno dem Herzog und seiner Gattin hinterher.

Das Portal fiel ins Schloss, Tonio lauschte den sich rasch entfernenden Schritten des Herzogpaares und des Gardisten. Niemand im Gerichtssaal sprach ein Wort. Auch die Hexe blieb stumm. Tonio musterte sie feindselig; schon lag seine Hand wieder auf dem Schwertknauf. Fragend blickte er zu Gonzo, dem herzoglichen Berater.

»Wir haben ihm zu gehorchen, Kanzler«, sagte der leise.

Tonio seufzte und wandte sich an die beiden Schwertmänner. »Ihr habt gehört, was der Herzog befohlen hat.« Er trat zu Stefano, dem Ranghöheren, und zog ihn zur Seite. »Stell eine Wachtruppe von sechzehn Mann auf. In vier Schichten sollen sie die Hexe bewachen, rund um die Uhr. Keiner von ihnen darf ihr in die Augen sehen, hörst du? Niemand!« Stefano nickte. »Und wenn sie schreit, gebt ihr die Peitsche.«

An der Kette riss Stefano das Hexenweib auf die Beine. Rico knebelte sie, danach führten sie die Gefangene zum Portal und aus dem Gerichtssaal. Der junge Rico stieß sie mit Tritten und Fausthieben in den Rücken vor sich her, Stefano zog sie an der Kette auf den Gang hinaus. Die Frau, die sich Coraxa nannte, leistete keinen Widerstand.

An Gonzos Seite folgte Tonio ihr und den Schwertmännern in etwa zwanzig Schritten Abstand. Kaum konnte er seinen Blick von der Gestalt der Gefangenen lassen; der Kanzler war noch unverheiratet, und ihre Schönheit hatte ein geradezu schmerzliches Verlangen in ihm entfacht.

»Hast du ihre bösen Augen gesehen, Gonzo? Ich mache mir Sorgen – der Herzog wird sich doch nicht verhexen lassen?« Er sprach von seinem Bruder und meinte sich selbst.

»Prosperos Geist ist hart wie ein Diamant, kein Mensch kann ihm seinen Willen aufzwingen.« Gonzos Gang war schleppend, seine Miene nachdenklich. »Davon abgesehen: eine bemerkenswerte Frau, diese Tunische.«

Tonio winkte ab und zischte verächtlich. »Ein verfluchtes Hexenweib, weiter nichts.« Er stierte in ihren schönen Rücken und langte schon wieder nach seinem Schwertknauf. Wie gern hätte er dieses Weib erschlagen. Oder besessen. »Ich werde erst wieder ruhig schlafen, wenn ich sie auf dem Scheiterhaufen in den Flammen schrumpfen und zu Asche zerfallen gesehen habe.«

Sie durchquerten die Eingangshalle der Burg. Eine Kuppeldecke überwölbte den hohen und weiten Raum, links und rechts führten breite, geschwungene Treppen ins Obergeschoss. Große Ölgemälde zierten die Wände, Porträts von Prosperos und Tonios Vorfahren. Dazwischen, an der Wand und auf Stelen, unzählige ausgestopfte Vögel jeder Größe.

»Seltsam, dass diese Tunische deine Mutter kennt.« Gonzo schloss das Portal des Palas hinter ihnen.

»Sie behauptet es nur, guter Gonzo. Jedes ihrer Worte ist doch gelogen. Sag bloß, du hast das nicht gemerkt?« Die Männer stiegen die breiten Stufen in den Burghof hinunter. Zwei schwarze, gusseiserne Uhus auf mehr als mannshohen steinernen Säulen säumten die Treppe. Davor standen Bewaffnete der Burggarnison; sie nahmen Haltung an und grüßten.

»Sie kennt den Namen eurer Mutter, Tonio.« Quer über den Burghof folgten der Kanzler und Gonzo den Schwertmännern mit ihrer Gefangenen. »Wundert dich das nicht?«

»Seit jeher sind die Herzöge von Milano und ihre Herzoginnen weit über die Grenzen des Reiches hinaus bekannt gewesen.«

»Doch nicht über das Tirenomeer hinaus!«, widersprach Gonzo. »Und schon gar nicht bis ins Herz des Großen Kontinents hinein. Diese weise Frau jedoch scheint sogar Bubacks Geschichte zu kennen.«

»Na und?« Tonio winkte ab. »Jedes Kind in Milano weiß, dass die Herzogin die Eule als Küken von einem Jagdzug mitgebracht hat.«

Sie blieben stehen, um ein Fuhrwerk vorbeizulassen, das Früchte und Gemüse in die Burg brachte. Von der Schmiede her hallten Hammerschläge über den Burghof. Wäscherinnen zogen Handkarren voller Laken zum Burgtor; sie lachten und plapperten. Ein Schwarm Stare schwirrte von der Kathedrale her durch den Himmel.

Die Schwertmänner hatten ihre Gefangene inzwischen bis zum Bergfried geschleppt. Der ragte beinahe so hoch in den Himmel über Milano wie außerhalb der Burgmauern der Doppelturm der Kathedrale. Tonio sah den jungen Rico die eiserne Turmtür aufschließen.

»Hast du ihr nicht zugehört?« Gonzo blieb stehen, hielt Tonio am Arm fest und schaute ihm in die Augen. »Die Hexe wusste, dass deine Mutter den Uhu gerettet hat. ›Gerettet‹ – genau dieses Wort hat sie gebraucht. Und völlig zu Recht. Doch kaum einer weiß von dieser Rettung. Du etwa?«

Tonio zögerte. »Meine Mutter hat ein aus dem Horst gestürztes Eulenjunges mit nach Hause genommen und großgezogen.« Er zuckte mit den Schultern. »Nennt man das nicht ›retten‹?«

»Falsch.« Sie gingen weiter. »Prospero hat den Uhu großgezogen – gegen den Willen eures Vaters und mit der Unterstützung eurer Mutter. Deswegen hängt dein Bruder so an dem Vogel. Und der Uhu ist auch nicht aus dem Nest gefallen. Merkst du etwas, Tonio? Nicht einmal du kennst die Geschichte.«

»Ich habe mich nie darum gekümmert. Geschichten interessieren mich nicht.«

»Ein Fehler«, murmelte Gonzo. »Das Leben besteht aus Geschichten.« Seufzend fuhr er sich durch seinen grauen Lockenschopf. »Aus vielen schönen und noch mehr hässlichen.«

»Ich war noch ein kleiner Junge damals, vergiss das nicht. Mich nahm unser Vater noch nicht mit auf die Jagd, Prospero dagegen schon. Er war ja von Anfang an der Kronprinz, nicht ich.« Tonio hielt dem herzoglichen Berater die Eisentür zum Bergfried auf. Eine schwarze Katze huschte aus dem Turm. »Doch du scheinst die wahre Geschichte zu kennen, guter Gonzo. Oder täusche ich mich?« Das große Tier wischte an ihnen vorbei und sprang in Richtung Burggarten davon.

Wenn Prospero sie entdeckt, ist sie so gut wie tot, dachte Tonio.

»Ich habe an jenem Jagdzug teilgenommen«, sagte Gonzo. »Natürlich weiß ich, was damals geschah. Obwohl es lange her ist, erinnere ich mich an jede Einzelheit.«

Tonio zog die Tür des Bergfrieds hinter sich zu. »Dann erzähl mir die Geschichte, guter Gonzo.« Hinter dem herzoglichen Berater her stieg er die Wendeltreppe zur Turmspitze hinauf. In Kopfhöhe steckten Kienspanhalter mit brennenden Hölzern zwischen den Mauerblöcken, flackerndes Licht zitternder Flammen lag auf den schwarzen Turmwänden und den ausgetretenen Stufen.

»Es war ein Frühsommer vor etwas mehr als dreißig Jahren«, begann Gonzo. »Dein Vater führte seinen Jagdzug nach Norden bis in die Waldhänge des Gebirges hinein. Seine Hundemeute hetzte einen Eber durch ein enges Flusstal. Das wilde Schwein war zäh, doch vor einer Felswand neben einem Wasserfall fand sein Fluchtweg ein Ende. Berittene Jäger töteten den Eber mit Lanzen. Die Freude deines Vaters über die Jagdbeute dauerte nicht lange, denn er musste entdecken, dass sein Lieblingshund fehlte.«

»Ein harter Schlag für einen wie ihn.« Tonio stieß ein freudloses Lachen aus, das gespenstisch durch den Treppenschacht hallte. »Er liebte seine Hunde mehr als unsere Mutter. Und mehr als uns, seine Söhne, sowieso.«

»Er ließ die Jäger und Diener ausschwärmen, um nach dem vermissten Hund zu suchen. Deine Mutter und ich fanden seinen Kadaver schließlich unter den Fängen eines Uhus. Als die Jäger die Großeule umzingelten, gab sie ihre Beute auf und flog weg. Die Pfeilbolzen der Jäger verfehlten sie. Dein Vater ließ sie verfolgen.«

»Zwei Tage lang? Drei?« Tonio grinste bitter. »Oder eine ganze Woche lang? Auf der Jagd konnte er verdammt hartnäckig sein, der Vater. Wenn es um Rache ging, sowieso. In dieser Hinsicht ist Prospero ganz nach ihm geraten.« Von weit oben drang das Quietschen der eisernen Kerkertür zu ihnen herunter.

Gonzos Schritte wurden langsamer, seine Atemzüge lauter. »Nach fünf Tagen fanden wir den Nistplatz des Uhus in einer Höhle«, fuhr er fort. »Die lag in einer steilen Felswand etwa dreißig Meter über dem Waldboden. Die Rufe aus der Höhle verrieten uns, dass Junguhus dort oben auf Futter warteten. Dein Vater ließ dem Brutpaar, das sich mit der Jagd abwechselte, auflauern. Armbrustschützen töteten den weiblichen Uhu noch am selben Abend und den männlichen am nächsten Morgen. Das war der Vogel, der den Lieblingshund deines Vater geschlagen hatte.«

»Und der Vater wollte keine Ruhe geben, bis er auch seiner Brut den Hals umgedreht hatte.«

»Richtig. Er befahl den Bogenschützen, Brandpfeile in die Höhle zu schießen.« Eine Fledermaus flatterte ihnen von oben entgegen – sie wichen ihr aus, duckten sich unter ihr weg. »Der Rauch trieb drei Junguhus aus der Nistgrotte und in die Felswand hinein. Die Nestlinge waren kaum sechs Wochen alt und konnten noch nicht fliegen. Zwei rutschten ab und schlidderten die Steilwand herab. Den einen schlug dein Vater tot, den zweiten ein Jäger. Der dritte Nestling aber flatterte in einen Baum, der auf halber Höhe der Wand aus dem Fels wuchs. Dein Vater griff zur Armbrust, stellte sich unter den Baum und zielte auf den Jungvogel. Und was tat der? Schiss vor lauter Angst. Und wohin schiss er? Deinem Vater auf den Kopf.«

Tonio brach in wieherndes Gelächter aus. »Großartig!« Er schlug sich auf die Schenkel, wischte sich die Augen aus, schüttelte den Kopf, und sein Lachen hallte den Bergfried hinauf und herunter. »Alle hätten’s gern getan, und wer hat’s gewagt? Ein Küken! Und das vor den Augen so vieler Untertanen! Eine großartige Geschichte! Der Vater hat sich sicher aufs Herzlichste bedankt.«

»In der Tat: Der Herzog raste. Und schoss daneben. Der Nestling stürzte dennoch aus dem Bäumchen und flatterte von dort in die Holunderbüsche herab. Einige Jäger, die deinem Vater gefallen wollten, stürzten hinterher, um das Tier zu töten. Unter ihnen auch dein Bruder.« Gonzo lehnte sich schwer atmend gegen die Turmwand und verschnaufte ein wenig; er war mehr als zwanzig Jahre älter als der Kanzler. »Keiner der Männer fand den Vogel.«

Tonio, der an seinen Lippen hing, blieb ebenfalls stehen. »Lass mich raten«, sagte er. »Mein Bruder hat den Jungvogel entdeckt und sofort versteckt.«

Gonzo nickte. »Und zwar unter seinem Mantel. Während dein Vater die Jäger beschimpfte und ihnen befahl, den Holunder abzuholzen, bis sie den Nestling gefunden hatten, zog Prospero sich zu seinem Pferd zurück. Ein Gardist sah das Gezappel unter dem Mantel deines Bruders und hörte es glucksen und jaulen – und machte den Herzog darauf aufmerksam.«

»Verräter!«, entfuhr es Tonio, der wie gebannt zuhörte.

»Der Herzog stürzte sich sofort auf Prospero, zerrte ihm den Mantel von den Schultern, sah den Junguhu und packte ihn. Prospero aber stieß seinen Vater von sich.«

»Das glaube ich nicht, guter Gonzo, das glaube ich niemals!«

»Es war das erste Mal, dass dein Bruder es wagte, sich gegen euren Vater zur Wehr zu setzen. Der aber riss sich den Gurt von der Brust und holte aus. In diesem Augenblick schob eure Mutter sich zwischen ihren Gatten und ihren Sohn.« Gonzo senkte den Blick und fuhr sich über die Augen und dann durch die grauen Locken.

Tonios Lippen waren bleich und schmal, seine Lider hatten sich zu schmalen Schlitzen verengt, seine Kaumuskeln bebten. »Erzähl weiter«, flüsterte er. »Was geschah dann?«

»Sie stand einfach nur da und schaute deinem Vater ins Gesicht. Lange. Bis er irgendwann die Hand mit dem Gurt sinken ließ. Du glaubst nicht, wie still der Wald war in diesen Augenblicken. Irgendwann forderte der Herzog deine Mutter auf, aus dem Weg zu gehen. Sie aber dachte gar nicht daran, blieb stehen, wo sie war, und schaute ihm weiter ins Gesicht, schweigend und ohne mit der Wimper zu zucken. Bis dein Vater zurückwich. Ich bilde mir ein, seine Beine und Hände zittern gesehen zu haben. Ob aus Wut oder Angst, vermag ich nicht zu sagen.«

»Aus Angst?« Tonio schnitt eine ungläubige Miene. »Vor meiner Mutter?«

»Der Junguhu sprang deinem Bruder aus den Händen und deiner Mutter auf die Schulter und tat, was deine Mutter schon die ganze Zeit getan hatte: Aus seinen großen, orange glühenden Augen musterte er deinen Vater.«

»Ist das wahr?«, flüsterte Tonio und schüttelte staunend den Kopf. »Ist das wirklich wahr?«

»›Der Vogel gehört mir‹, sagte deine Mutter schließlich mit ruhiger und fester Stimme. ›Prospero will ihn mir schenken.‹ Sie drehte sich nach Prospero um, lächelte und strich ihm übers Haar. ›Nicht wahr mein Sohn?‹ Dein Bruder nickte, dein Vater aber machte kehrt und hieß die Jäger aufzusitzen und den Heimweg nach Milano anzutreten.«

»Dafür hat Mutter später einen hohen Preis bezahlt«, sagte Tonio mit heiserer und bitterer Stimme.

»Dafür und für viele andere Gelegenheiten, bei denen sie sich eurem Vater und eurem Großvater widersetzte. Einen zu hohen Preis.« Gonzo seufzte, griff nach dem Treppengeländer und nahm die zweite Hälfte des Turmaufstieges in Angriff. »Sie starb zwei Jahre später auf dem Scheiterhaufen. Niemand konnte sie retten. Auch ich nicht. Der Himmel sei mir gnädig.« Gebeugt und langsam nahm er Stufe um Stufe.

»Und der Vater hat nie wieder versucht, den Uhu zu töten?« Tonio überholte den herzoglichen Berater. Leichtfüßig und kerzengerade schritt er vor dem Älteren her, und obwohl er die Treppe jetzt mit dem Rücken voran nahm, geriet er nicht einmal ins Straucheln.

Gonzo schüttelte den Kopf. »Dein Bruder hat die Eule ›Buback‹ genannt. Kannst du dir denken, warum?«

»Das ist der Name eines bösen Waldtrolls. Der Vater hat uns oft Angst gemacht mit diesem Ungeheuer. ›Buback ist ganz nah‹, hat er dann gesagt. ›Hört ihr ihn schnüffeln? Hört ihr ihn knurren? Er wird euch holen und fressen, wenn ihr mir nicht gehorcht.‹«

»Seit jenem Tag unter der Felswand hat dein Bruder keine Angst mehr gehabt. Weder vor dem Waldtroll noch vor eurem Vater. Deswegen hat er den Uhu ›Buback‹ genannt, dem Waldtroll und dem Vater zum Spott. Dein Vater wusste genau, was die Stunde geschlagen hatte – von nun an hatte er keine Macht mehr über Prospero. Und jeder, der ihn und euren Großvater hasste, wusste es auch. Das waren damals fast alle in Milano.«

»Tapferer Prospero.« Tonio schüttelte den Kopf, als könne er noch immer nicht fassen, was er da gehört hatte. »Er war erst dreizehn Jahre alt, als er den Uhu fand.« Er drehte sich um und ging weiter voran.

»Fast vierzehn. Drei Jahre später ließ er euren Großvater töten und euren Vater in Ketten legen. Wahrhaftig, er ist hart wie ein Diamant und hat den Mut eines Berglöwen.«

»Und der Gardist, der dem Vater verraten hatte, was sich unter Prosperos Mantel regte?«

»Der starb kurz nach deiner Mutter. Durch die Hand deines Bruders.«

»Wie?«

»Das willst du nicht wissen.«

Endlich erreichten sie die oberste Ebene des Bergfrieds. Zwei Kerker gab es hier. Einer stand offen, der sollte als Wachraum für die Schwertmänner dienen, die künftig die Gefangene zu bewachen hatten. Stefano und Rico machten sich dort an einer Tischplatte und Holzböcken zu schaffen.

Im zweiten Kerker kauerte die Hexe unter dem Turmfenster. Wie Teer glänzte ihr schwarzes Lockenhaar im einfallenden Licht. Die Ketten, mit denen man ihre Hände an die Wand gefesselt hatte, waren zu kurz, um bis zur Kerkertür zu kriechen, jedoch lang genug, um zu essen und sich an jeder Körperstelle kratzen zu können.

Tonio und Gonzo blieben vor der vergitterten Kerkertür stehen. Tonio zog eine Fackel aus der Wandhalterung, hielt sie hoch und beobachtete die Tunische. Wie schön sie ist, dachte er wieder, wie gefährlich schön.

Die Gefangene, die sich selbst als Hexe bezeichnet hatte, kniete im Stroh. Sie hatte die Lider zusammengekniffen, bewegte die Lippen, und eine tiefe Falte stand zwischen ihren gerunzelten schwarzen Brauen. Ihr Gesicht wirkte hochkonzentriert. Tonio erschauerte. Er fragte sich, zu wem sie betete.

»Mag schon sein, dass der Name der Herzogin damals über das Tirenomeer hinaus bis an den Schwarzen Strom bekannt geworden war«, sagte Gonzo leise.

Tonio schüttelte ungläubig den Kopf. »Wodurch denn?« Sein Blick wanderte über die Gestalt der Gefangenen.

»Gäste aus Übersee mögen die Kunde von der Weisheit und dem Mut deiner Mutter bis an ferne Küsten und darüber hinaus getragen haben. Nicht wenigen hat sie Glück und Unglück geweissagt.« Gonzo beugte sich näher an Tonios Ohr. »Doch was hat diese Gefangene gemeint, als sie behauptete, Buback würde sie erkennen? ›Genau, wie er eure Mutter erkannt hat‹, hat sie gesagt.«

Tonio winkte ab. »Hexengeschwätz.« Er streckte Gonzo die Rechte hin. »Gib mir das in Gold gerahmte Knochenstück.« Gonzo tat es, und Tonio klopfte damit so lange gegen das Türgitter, bis die Tunische die Augen öffnete und den Kopf hob.

Ihr Blick schien zu brennen, und unwillkürlich wich Tonio von der Kerkertür zurück. Gonzo rührte sich nicht, senkte nur den Kopf. »Warum trägst du dieses Schädelstück mit dir herum, Hexe?«, fragte der Kanzler.

»Rate, kleiner Kanzler, rate, rate.« Sie feixte.

»Freches Hexenluder, du …« Tonio presste die Lippen zusammen, scharf sog er die Luft durch die Nase ein. »Aus wessen Schädel stammt der Knochen, dass du ihn in Gold fassen musstest und wie ein Kleinod an einer Kette getragen hast?«

Ihr stechender Blick drang ihm in Hirn und Herz. »Es ist ein Stück vom Schädel meiner hochverehrten Meisterin, Kanzlerchen, einer Frau, der du niemals das Wasser wirst reichen können.«

Tonio verschlug es die Sprache – vielleicht aus Empörung, vielleicht vor lauter Schrecken, den Schädelknochen einer Hexe in der Hand zu halten; er wusste es selbst nicht. Arm und Hand ausgestreckt, hielt er den in Gold gerahmten Knochen von sich. Ekel überkam ihn.

Coraxa erhob sich, ihre Ketten rasselten. Drei Schritte in der Richtung der beiden Männer und der Kerkertür gelangen ihr, beinahe vier – dann strafften sich ihre Ketten und zwangen sie, stehen zu bleiben. »Schließ auf, Kanzlerchen.« In ihren Augen loderten rot-goldene Flammen. »Komm schon, nimm mir die Ketten ab und gib mir den Schädelknochen, dann kann ich dir eines der Wunder zeigen, die sie mich gelehrt hat.«

Tonios Blick klebte an ihr, alle Kraft wich aus seinen Knochen. Sein Herz geriet ins Stolpern, in seinem plötzlich heißen Kopf schien sein Hirn zu schmelzen. »Aufschließen«, flüsterte er, »schließ ihre Kerkertür auf, Stefano …«

Gonzo, den Blick noch immer gesenkt, um der Frau ja nicht in die Augen schauen zu müssen, warf sich mit seinem ganzen ...

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