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Der Sturm in meinem Kopf

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über das Buch
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Der Sturm in meinem Kopf

Über das Buch

Wer einem Engel die Flügel abschneidet, muss auch auf ihn achtgeben! Georg ist einer dieser Menschen, die es nicht schaffen, ihr Glück festzuhalten. Mit Eva hat er die Liebe seines Lebens gefunden, seinen Engel. „Ich hätte Eva beschützen müssen. Jetzt ist sie abgestürzt, liegt tot in der Grube, und ich weiß nicht, wozu ich lebe.“ Georg kann sich nicht eingestehen, dass er es ist, der Eva und Marie, die kleine Tochter, in den Unfalltod fahren ließ. Er wusste, dass die Bremsen defekt waren. Statt sich selbst gibt er Gott und der Welt die Schuld. Die Verzweiflung läßt Georg durchdrehen, er verstrickt sich tiefer und tiefer in das Geflecht von Schuld und Sühne und der Sehnsucht nach Erlösung. Als die Gerichte seine Forderung nach Gerechtigkeit nicht erfüllen, vollstreckt er sein Urteil selber. Ein furioses Psychogramm zwischen Zärtlichkeit und Mordlust, morbide und albtraumschön.

Über den Autor

Horst Sczerba, geboren 1947 in Krefeld, studierte Medizin und arbeitete mehrere Jahre als Arzt, bevor er Autor für Funk, Fernsehen und Film wurde. Nach Hörbildern und Dokumentationen entstanden ab 1990 Drehbücher zu viel beachteten Fernsehfilmen. Für das Drehbuch zu «Die Unschuld der Krähen» wurde Sczerba in der Kategorie «Bestes Buch» mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Horst Sczerba lebt als Autor und Regisseur in Köln.

Manchmal weiß ich nicht mehr, wer ich bin. Das dauert ein paar Minuten, dann ist es vorbei, und ich bin wieder der alte Georg Kupinski. Verwirrt reibe ich mir den roten Schleier von den Augen. Mit der Zunge befühle ich die wunden Stellen im Mund, es schmeckt süß, faulig und nach Eisen. Ich habe mich gebissen, was ich da schmecke, ist mein Blut. Wenn ich tief Luft hole, riecht es, als ob ein uralter Teufel vor meiner Nase mit einer Schachtel Schwefelhölzer zündeln würde.

Die Ärzte schoben mich durch ihre Apparate und stellten mich auf den Kopf. »Von all den Schlägen muss Ihr Gehirn was abgekriegt haben«, meinten sie. »Da können bei Ihnen schon mal die Sicherungen durchbrennen.«

Die Ärzte haben keine Ahnung. Was da in meinem Kopf zischt, ist kein simpler Kurzschluss. Peng! Das Licht geht aus, und es wird einem schwarz vor Augen. So viele Schläge habe ich gar nicht abgekriegt. Die meisten habe ich nicht einmal gespürt. Mag sein, dass sie die Schaltkreise in meinem Hirn gestört haben. Das Netz von Nervenströmen ist zerrissen, befreit überspringen die Impulse die Regeln der menschlichen Physiologie. Mein Hirn kümmert sich nicht um Regeln, die tintenpissende Wissenschaftler aufgestellt haben.

Ich staune. Eine kurze Zeit bin ich verwirrt, dann genieße ich es. Nehme Dinge wahr, die kein Arzt aufspüren kann. Sie mögen noch so viele Drähte an meine Schläfen kleben und meinen Schädel mit ihren elektrischen Wünschelruten abtasten, sie werden nichts entdecken. In meinem Nervenwasser suchen sie nach einer Erklärung, tranchieren eine Scheibe meines Hirns unter dem Mikroskop, um in der grauen Masse etwas zu finden. Sie sehen nichts von den Wundern, die mich staunen lassen. Meine Augen zucken auf und ab wie die Herzen aufgeregter Wasserflöhe und können sich nicht satt sehen. Dieser brodelnde Ball aus Magma und Gas! Er ist von einer Weißglut, die jedes blickende Auge zu Asche zerfallen lässt. Der Feuerball strotzt vor Kraft. Und weil er nicht weiß, wohin damit, stürmt er durch meinen Kopf. Die Glut kühlt ab. Schwarzer Ascheregen rieselt auf die Berge und in die Täler.

Die Glut erlischt nie ganz. Selbst nach Milliarden von Jahren lauert ein Glimmen in der Asche, das sich nicht ersticken lässt: ein kleiner Feuerball, hungrig, immer auf dem Sprung, alles zu versengen.

Bis die Gelegenheit kommt auszubrechen, stellt er sich kalt und tot. Niemand ahnt, dass er noch lebt. Er hat Zeit. Unendlich viel Zeit. In unendlicher Zeitlupe tippt der kleine Feuerball durch mein Hirn.

Die Jahreswende verbrachte ich im Krankenhaus. Während die anderen draußen Raketen in den Himmel schossen, als ob es da oben etwas zu treffen gäbe, stand ich am Fenster und sah dem Feuerwerk zu. Billige Silvesterraketen gaukelten erhabene Gefühle vor. Desert Storm vom Discounter. In jenem Jahr ging der Trend zum Systemfeuerwerk. Mit einer einzigen Zündschnur konnte man Dutzende von Raketen zünden und den Himmel zur bengalischen Wüste machen.

Sie hatten die Fenster vergittert. Dabei wäre ich nie durchs Fenster abgehauen. Einer wie ich geht durch die Tür, und zwar durch den Haupteingang. Der Dienstboteneingang ist für das niedere Volk da.

Manfred, den außer mir alle Manni nannten, stellte sich neben mich, starrte in den zuckenden Himmel und fragte: »Wo kann ich mich hier am besten umbringen?« Manfred war ein Träumer und glaubte noch an die große Liebe.

»Auf dem Klo«, habe ich ihm geraten. »Aber du musst dich beeilen. Wenn das Feuerwerk vorbei ist, kommen sie wieder rein. Dann hast du deine Chance verpasst.«

Manfred sah mich ängstlich an. »Hilfst du mir?«

Ich ging mit ihm aufs Klo. Manfred guckte an die Decke, ob der liebe Gott ihm nicht einen goldenen Strick herunterlassen würde, mit einer sternenbekränzten Schlinge, in die er nur den Kopf hineinstecken müsste, und Gott würde ihn sanft zu sich ins Himmelreich ziehen. Ich packte Manfred am Genick, drückte seinen Kopf in die Kloschüssel und ersäufte ihn.

Zum Schluss wehren sich alle, auch die Träumer. Wenn ihnen das Wasser in den Lungen steht und die letzten Luftbläschen aus ihnen raussprudeln, zappeln sie wie verrückt. Das ist ein normaler Reflex, die wenigsten können dagegen an. Das hat nichts damit zu tun, dass sie nicht wirklich sterben wollen. Wenn nicht, ist es mir auch egal. Was ich anfange, bringe ich zu Ende. Während sie draußen den Anfang des neuen Jahrs bejubelten, dachte ich: Gott, was bist du nur für ein grausamer Wicht!

Vor Gericht hatten sie es leicht. Ich erzählte ihnen, was sie wissen wollten. Warum auch nicht? Ich habe nichts zu verbergen. Das ist mein Leben, dazu stehe ich. Ich ärgere mich nur, wenn sie mir nicht glauben. Warum trauen sie mir nicht zu, dass ich diese Größe habe? Wie stellen die sich einen Typen vor, der zu so was imstande ist? Ich habe mich nie mit fremden Federn geschmückt. Das hat meinereiner nicht nötig. Ich gebe zu, ein paarmal habe ich mich geirrt. Aber das war keine Lüge, das war das Gedächtnis. Die Zwillinge, die ich mit ihren Lippen zu einem letzten Kuss zusammengenäht habe, die waren nicht von mir. Aber sie hätten genauso gut von mir sein können. Diesem perversen Anatom mit dem Filzhut habe ich auch nicht die Haut abgezogen und in Plastik gegossen. Ich weiß selber nicht, warum ich das behauptet habe. Vielleicht weil ich sein Bild in der Zeitung gesehen habe. An diesem leichengesichtigen Rattenfänger hätte ich sowieso keinen Geschmack gehabt.

Dafür habe ich andere Taten vergessen. Glanztaten, wie die drei Kinder, die mir zu Dreikönig als Kaspar, Balthasar und Melchior sternsingend ein Ständchen brachten und denen ich das Maul mit Mandarinen und Süßigkeiten stopfte, bevor ich sie an die Weihnachtsbeleuchtung des Kaufhofs knüpfte. Ihre Gesichter waren blauschwarz angelaufen, als sie am Morgen steif gefroren im Wind pendelnd gefunden wurden. Ich glaube, das eigene Entsetzen hat die drei erstarren lassen. Denn einen echten Winter mit klirrendem Frost und Schnee haben wir schon lange nicht mehr gehabt.

Ich erinnere mich noch genau, wie ich als Kind mit dem Schlitten gefahren bin. Wir sind die Müllkippe hinuntergerutscht. Haben Möwen und Krähen hochgescheucht, die unter der weißen Schneedecke nach Aas und Fraß suchten. Ich hatte damals eine Freundin. Das heißt, ich dachte, sie wäre meine Freundin. Wenn wir zusammen auf dem Schlitten den Berg hinunterrasten und die Vögel aufschreckten, war ich rettungslos verliebt und glücklich wie eine Krähenfeder im Wind.

Einen Menschen zu töten ist leicht, wenn man so weit ist. Ich war ein Frühentwickler. Schon im Mutterleib hatte ich diesen Killerinstinkt, versuchte, Löcher in die Gebärmutter zu reißen, sie durchzuboxen. Ich war zu schwach. Mit der Nabelschnur konnte ich mich nur selbst erwürgen und sie nicht um den Hals meiner Mutter schlingen.

Bei der Geburt zerriss ich ihr Innerstes, sodass sie noch im Kreißsaal verblutete. Meinen Vater traf der Schlag, als er mir das erste Mal in die Augen sah. Aber er war ein alter Mann, viel zu alt, Kinder zu zeugen.

Die Hebamme starb am Tag meiner Entlassung aus dem Krankenhaus am Wundfieber. Ich hatte sie gebissen, ohne einen einzigen Zahn. Schon damals merkte ich, welch giftige Kraft in mir steckt. Keiner hat mir an der Wiege gesungen, wie kinderleicht es ist, einen Menschen umzubringen. Und weil ich von der Macht des Todes, der allem ein Ende setzt, keine Vorstellung hatte, fürchtete ich ihn nicht. Dabei wäre ich so gerne ein guter Mensch geworden.

Ich wuchs bei meiner Tante Ruth auf. Nach außen spielte sie die Fromme, badete ihre knochigen Finger dreimal täglich im Weihwasserbecken der Kirche um die Ecke und ließ Rosenkranzperlen von ihren niveagecremten Lippen springen. Ein nie versiegender Strom geheuchelter Gebete. Zu Hause war sie der Teufel. Jemand anders als ich wäre zugrunde gegangen. Nicht weil sie mich dreimal täglich mit dem Rosenkranz schlug, das machte mir nichts aus. Ich hatte eine Lederhaut, eine glatte, weiße Lederhaut wie ein Sofa aus gefärbtem Büffelleder. Wenn sie mich in der Badewanne wusch, streichelte Tante Ruth meine Haut. Ich mochte das nicht. Als mir die ersten Schamhaare wuchsen und sie mich wie jeden Freitag in die Wanne stellte, um mir den Schwanz mit Haarshampoo zu waschen, drehte ich ihr den Hals um. Das offene Maul stopfte ich ihr mit dem Rosenkranz, mit dem sie mich drei mal drei plus drei Jahre lang traktiert hatte. Die Drei war nun einmal ihre heilige Zahl.

Tante Ruth hatte sich einen Sarg aus Eiche gewünscht und einen Priester, der ihr die Totenmesse las. Deshalb ließ ich sie verbrennen und spülte ihre Asche in die Kanalisation.

Schon als Kind hatte ich keine Freunde. Mich wundert das nicht. Ich habe etwas in den Augen, das jeden erschrecken lässt: ein Glimmen, an dem man sich eine Zigarette anzünden kann. Selbst Tante Ruths blinder Köter machte einen Bogen um mich. Er konnte mich nicht sehen, aber er roch den Schwefel, den ich ausatme.

Wer mich nicht riechen kann, läuft davon, wenn ich den Mund aufmache. Meine Stimme kann Glas zerspringen, Beton zerbröckeln und Stahl schmelzen lassen, Trommelfelle zerplatzen wie rohe Eier unter den Hufen einer Herde beschlagener Wildpferde.

Selbst wenn ich keinen Ton von mir gebe, im stockdunklen Keller sitze, sodass mich keiner sehen kann, in einem zugeschweißten Aquarium schwebe, das weder Wasser noch Gestank frei lässt, sie spüren, dass ich da bin. Sie fürchten, ich könnte aus meinem Gefängnis ausbrechen und sie umbringen.

Das war nicht immer so. Ich war ein liebes Kind. Und ein schönes Kind. Eines, bei dem die Leute auf der Straße stehen bleiben, sich umdrehen und mit seligem Grinsen blöken: »Nein, guck mal! So ein schönes Kind!«

Klar, dass ich ein eitler Pfau geworden bin. Es sind die Leute, die einen so werden lassen. »Ei, so einen hübschen Jungen habe ich ja noch nie gesehen! Und was hast du für eine feine Haut!« Ich habe mich meiner Haut gewehrt, mir schuppige Panzerplatten und schwarze Fliegenhaare zugelegt, die jede streichelnde Hand blutig stechen und jede Rasierklinge springen lassen.

Es war die erste große Liebe, die mich irre gemacht hat. Ich habe ihr mein Herz geschenkt. Sie hat kalt lächelnd mit ihren Fingernägeln hineingestochen. Es hat geblutet, sie hat gelacht. Sie hat mein Herz in die Hände genommen und kräftig hineingebissen. Ihr Mund war verschmiert, es gefiel ihr, wie ein Raubtier auszusehen, Fleischfasern zwischen den Zähnen, Blut um die Lippen. Sie hat mein Herz ausgespuckt, doch es war zu spät. Schon bekam sie keine Luft mehr, griff sich mit ihren rot lackierten Fingernägeln an den Hals, rollte die Augen und blickte verwirrt auf den Boden, wo mein zerbissenes Herz auf sie wartete. Komm schon, meine Liebe! Wer wie ich sein Herz zum Fraß anbietet, vergiftet es auch. Vergiftete Herzen suhlen sich im Dreck. Du kannst sie treten, ihnen tut nichts weh.

Aber du, meine Liebe, du spürst den Schmerz, die Luftnot. Das atemlose Verrecken geht schnell. Doch langsam genug, um zu spüren, wie weh das Sterben tut. Du hast mich umgebracht, jetzt nehme ich dich mit. Was ist? Deine Beine knicken ein, ich weiß. Das ist normal. Im Schlachthof sieht man das jeden Tag. Du hast mein Herz zerrissen, jetzt zerreißt es dich. Dein Leben läuft in Sekunden vor dir ab. Wie ein Film, du kennst das aus dem Kino. Du armes Ding! Der Tod hat kein Erbarmen mit dir, schon nach drei Sekunden wiederholt sich der Film. Mehr hat das Leben dir nicht geboten als diese drei Sekunden, genau die Zeit, die ich gebraucht habe, um Ich liebe dich! in dein Ohr zu stammeln. Du hast nur gegrinst. Armer Irrer! Und schon hattest du mich vergessen.

Ich vergesse nichts. Ich habe ein Elefantenherz, das keinen Schmerz vergisst. Egal, ob jemand einen blutroten Fingernagel oder eine brennende Zigarette hineinsteckt. Ich achte darauf, dass sich die Wunden nicht schließen, sie sollen mich an meine Rache erinnern. So ist das mit einer großen Liebe, wenn sie verschmäht wird. Dabei werde ich dich immer lieben, tot und lebendig. Du bist mein Ein und Alles. Spürst du, wie dein Herz pocht? Nein? Es hat aufgehört zu schlagen? Es ist aus? Zu Ende? Schade.

Nach der ersten großen Liebe kam die zweite: ein Engel, unschuldig wie aus dem Gebetbuch und dumm wie ein blauäugiges Kind. Kein Erzengel Gabriel mit dem flammenden Schwert in der Hand, der wie ein Türsteher vor der Prominenten-Disko das Tor zum Paradies bewacht.

Mein Engel! Du hast mich angelächelt, warm, nicht kalt. Du hast dich nicht an meinem Gestank gestört, hast ihn überhaupt nicht gerochen. Für dich war alles schön und gut. Du bist auf einem Bein in mein Herz gehüpft, Himmel und Hölle. Vorher hast du deine Schuhe ausgezogen, um mir nicht wehzutun. Du hast mich den Tod vergessen lassen. Alles änderte sich, als ich dir begegnete, du hast mich süchtig nach Leben gemacht.

Auch ich hatte Angst, dir wehzutun. Doch als du deine Finger in meine offenen Wunden gelegt und mich voller Staunen gefragt hast: »Tut das nicht weh?«, wusste ich, dass ich bleiben würde, was ich bin: ein Monster. Du hast mit Schmetterlingsflügeln meine Wunden geküsst, und sie haben sich geschlossen. Keine Narben, keine Spuren der Vergangenheit, ein reines Wunder. Meine Haut strahlte glatt und schön. Ich erkannte mich nicht wieder. Selig hüpfte ich mit dir durch die Straßen. Wir hüpften auf weißem Marmor, so glatt und weiß, dass sich unsere Träume in ihm spiegelten. Ich war verliebt in einen Engel und wusste nicht einmal seinen Namen.

Natürlich heißt du Eva. Wie sonst? Gott selbst hat dich aus meinen Rippen geschnitten. Du hast mich auf der Straße angesprochen. »Kann ich heute Nacht bei dir schlafen?«

Ich habe meinen Ohren nicht getraut. Du hast nicht wie eine Hure ausgesehen. Auch nicht wie eins von den kleinen Mädchen hinterm Bahnhof, die von zu Hause weggelaufen sind. »Ich habe mich verflogen und bin müde«, hast du mir erzählt. Du warst keine von den Verrückten, die man immer häufiger auf den Straßen trifft. Sie sprechen mit sich selbst, der Speichel läuft ihnen aus dem Mund. Sie haben nur Augen für das Straßenpflaster, als ob der Herr der Finsternis es jeden Moment aufreißen würde, um sie zu sich in den Abgrund zu holen.

Du warst so schön! Ich habe gespürt, dass dies das letzte Mal in meinem Leben ist, dass ich jemandem begegne, der alle meine Leiden lindern kann. Nein, nicht nur lindern, heilen!

»Ja, du kannst bei mir schlafen.« Du hast es wie selbstverständlich genommen und mir deine Hand gegeben, lächelnd wie ein Kind, das sich jemandem anvertraut, wenn es sich verlaufen hat. Ganz ohne Angst. Und ich habe gedacht: Sieht sie nicht den Aussatz auf meiner Haut? Riecht sie nicht die Fäulnis? Spürt sie nicht den Tod, der durch jede Pore meines Körpers tropft? Selbst mein Atem lässt die blaue Luft erblassen.

Du warst so unbefangen, so freundlich, so voller Vertrauen, dass ich an mir gezweifelt habe. Bin ich wirklich der böse Geist, der durch die Gossen stampft, suchend, wen er vernichtet?

Dein Lächeln hat mich wehrlos gemacht, sodass ich mir die Augen auskratzen wollte. Lieber ein blindes Monster sein, als deine Unschuld sehen zu müssen.

Zu Hause habe ich dir die Couch zurechtgemacht, aber du wolltest mit in mein Bett. Nicht weil du Mitleid mit meiner Geilheit hattest und dich für meine Gastfreundschaft erkenntlich zeigen wolltest. Ich glaube, du wusstest nicht einmal, was Geilheit ist. Du wolltest mit in mein Bett, weil ein Bett zum Schlafen da ist. Staunend hast du mir zugeschaut, wie ich die Couch mit einem Laken bezogen und dir eine Decke gegeben habe. Über dem Staunen bist du eingeschlafen. Als ich dich hochgehoben habe, warst du leicht wie eine Feder. Gerade wollte ich dich aufs Bett legen, als ich diese knöchernen Höcker auf deinem Rücken fühlte. Waren das deine Schulterblätter? Sie passten gar nicht zu deiner weichen Erscheinung, zu deinen Pausbacken und dem Mund, der im Schlaf so süß schmollte.

Ich habe dich ausgezogen. Als du nackt vor mir lagst, habe ich die zusammengeklappten Flügel gesehen. Ja, du warst ein Engel. Ich bin in die Küche gegangen und habe die Geflügelschere geholt. Du solltest mir nie mehr wegfliegen. Als ich dir die Flügel abgeschnitten habe, hat es nicht einmal geblutet, nur ein wenig geknirscht, ganz leise, du bist nicht einmal wach geworden.

Ich habe dich lange betrachtet. Mein nackter, flügelloser Engel! Dann habe ich mich zu dir gelegt. Du warst warm und weich, dein Atem ging ruhig und regelmäßig. Ich schlief das erste Mal in meinem Leben tief und fest, ohne die schrecklichen Träume, die mich schon im wachen Zustand wie Schmeißfliegen umschwirren und nur darauf warten, dass ich die Augen schließe, um mich zu überfallen.

Am nächsten Morgen warst du fort. Kein Zettel, keine Nachricht, nicht einmal ein Fluch. Du Schwein! Warum hast du mir das angetan? Fast habe ich gedacht, alles sei nur ein Traum gewesen. Doch dann habe ich deine Flügel im Abfalleimer gefunden, schmutzig und verklebt. Ich hatte den Aschenbecher über sie ausgeleert und sie mit leeren Flaschen zugedeckt.

Ich durchsuchte die Stadt nach dir. Jeden Sündenpfuhl, in den Gott seine Engel senden könnte, wühlte ich auf. Ich fand nur Schlamm, hier und da eine zerfledderte Taubenfeder. Ich suchte dich in den leeren Kirchen und fand nicht einmal dein Bild. Mein Gott, warum hat sie mich verlassen? Was habe ich schon Schlimmes getan? Einem Engel die Flügel abgeschnitten, na und? Der Mensch muss sein Leben lang ohne Flügel auskommen! Hat er sich je beschwert, dass er keine Flügel hat? Nein! Er hat davon geträumt, fliegen zu können. Und daran gearbeitet, dass sein Traum wahr wird. Die Maschinen, die ihn in die Lüfte tragen, rosten schneller als eine Geflügelschere, also was soll die Aufregung? Mein Engel, komm zu mir zurück! Bitte, ich tue es auch nicht wieder! Aber ich warne dich: Wenn du nicht zurückkommst, werde ich dich hassen bis an mein Lebensende.

In einer Absteige hinterm Bahnhof habe ich dich gefunden.

»Du bist dick geworden.«

»Das kommt davon, dass ich keine Bewegung mehr habe.«

Du hast deine fetten Oberarme angelegt und mit ihnen geschlagen, als wären sie gerupfte Engelsschwingen.

»Bist du mir böse?«

»Warum?«

»Weil ich dir die Flügel abgeschnitten habe.«

»Die habe ich schon lange vergessen.«

Du hast eine wegwerfende Handbewegung gemacht, und ich habe deine abgekauten Fingernägel gesehen, von denen der Lack absprang.

»Gibst du mir einen aus«, hast du mich gefragt. Du hast das Bier und den Schnaps in einem Zug runtergekippt.

»Noch einen«, hast du mich angeblinzelt.

Ich habe genickt, denn ich war schuld. Ich habe bezahlt, bin gegangen und habe geschworen, dich nie wiederzusehen. Ich habe mich nicht einmal umgedreht. Obwohl mich dein Lachen spitz und kalt wie ein Schwert ins Genick stach.

Vor der Tür atmete ich tief durch. Endlich schmeckte ich ihn wieder, den vertrauten Geruch von Schwefel, Pest und Hölle, meinen einzigen Freund, der mich immer begleitet hat. Komisch, dachte ich. War der die ganze Zeit fort, oder habe ich ihn nur nicht wahrgenommen?

Ich nahm ein Taxi, ließ mich ins Industriegelände fahren. Der Taxifahrer stank nach Knoblauch. Ich zerbiss ihm die Kehle. Abends fuhren die Taxifahrer schwarzen Trauerflor an ihren Antennen spazieren.

Ich bin doch wieder zu der Absteige gegangen. Du bist fetter geworden. Die Haare sind dir ausgefallen. Deine Zähne sind schwarz geworden, deine restlichen Haare grau. Mit deinen abgebrochenen Fingernägeln hast du dich gekratzt, alles hat sich entzündet. Das waren keine Tränen, die aus deinen Augen tropften, das war Wundwasser. Trotzdem hast du gelächelt. Ich hätte dir die Welt in einem Glas serviert, die Eisberge zu Würfeln gehauen, du hättest nur mit den Fingern schnippen müssen. Aber du wolltest nur ein Bier.

»Und noch eins, bitte.«

Deine Augen leuchteten noch immer, und ich bin in ihrem Blau ertrunken.

Etwas hat jeder, ein gebrochenes Jochbein oder ein gebrochenes Herz. Da helfen keine Schlaftabletten. Mein kleiner Engel, du hast gedacht, wenn du tot bist, stehen alle an deinem Grab und heulen. Und du stehst von den Toten auf. Alle sind glücklich, nehmen dich in den Arm und haben dich lieb. In Russland ziehen sie zum Jahresgedächtnis auf den Friedhof. Mit Tischen und Stühlen, Kartoffelsalat und Wodka. Die Mexikaner feiern mit ihren Toten gegen das Vergessen. Auf Madagaskar holen sie ihre toten Mumien aus den Gräbern und setzen sie mit an den Tisch. Prost! Auf das Leben! Auf die, die wir lieben! Wen soll der Tod da schrecken?

Die guten Zeiten sind vorbei. Wirtschaftskrise, kein Geld mehr, aus der Traum. Massengräber. Zu viele Massaker, zu viele Selbstmordanschläge, zu viele Tote. Die Engel lassen müde die Flügel hängen. Sie sind zu erschöpft, die hingemordeten Seelen ins Reich Gottes zu fliegen. Nach Luft schnappend liegen sie auf den Straßen der zerbombten Städte, auf den Schlachtfeldern und Friedhöfen und reiben sich den Pulverdampf aus den Augen. Kein Wunder, dass sie nicht mehr wissen wohin und sich auf der Suche nach dem ewigen Leben verfliegen.

Man muss sich auf Friedhöfen auskennen wie ich, um sie zu lieben. Dann gibt es keinen schöneren Ort auf der Welt. Man will nie mehr weg. Eva liebte es romantisch, auf dem Südfriedhof bei schwarzen Räucherkerzen und Weihrauch. Noch lieber war ihr ein wütendes Gewitter mit Blitz und Donner, mit der erregenden Angst, bei der innigsten Umarmung zusammen mit mir vom Blitz erschlagen zu werden. Eva glaubte, dass in einer einzigen Gewitterwolke die Seelen Millionen toter Lebewesen zusammengepresst sind. Sie warten nur darauf, ihren Hass auf alles Lebende mit einem Schlag zu entladen und so die ewige Ruhe zu finden. So ein verfluchtes Gewitter kann nur erlöst werden, wenn es auf ein glückliches Paar trifft, das sich im Zustand der Sünde liebt.

Wenn sich am Himmel schwarze Wolken zusammenziehen, nimmt Eva eine Spule mit Klingeldraht aus der Tasche und bindet ihn um unsere Fußgelenke. Wir liegen nackt auf einem großen Gräberfeld. Eva schwört, das Zischen und Flüstern der toten Seelen zu hören. Der Klingeldraht ist die Antenne, unsere nackten Leiber sind der Empfänger. Wir müssen uns nur in die richtige Position legen und die Wellenlänge des Gewitters erwischen, dann hören wir Millionen von Stimmen!

Ich habe nichts gehört. Ich habe nur Angst gehabt, dass der Blitz in den Klingeldraht einschlägt. Eva hat alles gehört. Sie war hingerissen. Was ihr die Stimmen erzählt haben, hat sie mir nie verraten. Das seien qualvolle Geheimnisse, nur ihr anvertraut, nicht zu ertragen. Für den Fall, dass sie vor mir sterben würde, musste ich Eva schwören, ihre Leiche zu verbrennen und die Asche übers Meer zu streuen. »Wer weiß, wie ich bin, wenn ich einmal tot bin. Niemand soll sich mein Gejammer und Wehklagen anhören müssen, wenn er über den Friedhof geht. Niemand soll sich vor mir fürchten müssen.«

»Und was ist mit den Fischen, wenn sie deine Asche fressen?«

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