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Der Streit um den Sergeanten Grischa

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Inhaltsübersicht

Erstes Buch Babka

1. Kapitel Die Zange

2. Kapitel Ein Ausbrecher

3. Kapitel Der Waggon

4. Kapitel Der Wald

5. Kapitel Guter Rat

6. Kapitel Flußabwärts

7. Kapitel Das Gerücht

Zweites Buch Von Lychow, Exzellenz

1. Kapitel Merwinsk

2. Kapitel Das neue Gesetz

3. Kapitel Ein Rechtsanwalt

4. Kapitel Rückverwandlung

5. Kapitel Schön ist die Jugend

6. Kapitel Aus gutem Hause

7. Kapitel Bewegungen

Drittes Buch Schieffenzahn, Generalmajor

1. Kapitel Papiere allerlei

2. Kapitel Akten

3. Kapitel Bildnis eines Selbstherrschers

Viertes Buch Fülle der Zeit

1. Kapitel Alte Liebe

2. Kapitel Das Herrenfest

3. Kapitel Die Strippe

4. Kapitel Das Ziel

5. Kapitel Nicht ohne Schnaps

6. Kapitel Einiges hellt sich auf

7. Kapitel Urlaub fahren

Fünftes Buch »Vergeltung«

1. Kapitel Ein Sieg

2. Kapitel Eine Niederlage

3. Kapitel Schnee

4. Kapitel Neuigkeiten

Sechstes Buch Die Retter

1. Kapitel Babka rüstet

2. Kapitel Kriegsrat mit Musik

3. Kapitel Nach Canossa

4. Kapitel Gotteslehre, Menschenmut

5. Kapitel Ein Leutnant und ein Gefreiter

Letztes Buch Grischa allein

1. Kapitel Die Deuter

2. Kapitel Die Grableger

3. Kapitel Ein Letzter Wille

4. Kapitel Laurenz Pont

5. Kapitel Das schwarze Tier

6. Kapitel Auf dem Dienstweg

Letztes Kapitel Abgesang

Nachbemerkung

Nachwort

Zu dieser Ausgabe

Für die Frau Beatrice

Erstes Buch

Babka

Erstes Kapitel

Die Zange

Die Erde, Tellus, ein kleiner Planet, strudelt emsig durch den kohlschwarzen, atemlos eisigen Raum, der durchspült wird von Hunderten von Wellen, Schwingungen, Bewegungen eines Unbekannten, des Äthers, und die, wenn sie Festes treffen und Widerstand sie aufflammen läßt, Licht werden, Elektrizität, unbekannte Einflüsse, verderbliche oder segnende Wirkungen. Erde hat, umwallt von ihrer schweren, wolligen Lufthülle, auf ihrer elliptischen Bahn jene Phase hinter sich, die ihre Nordwestgefilde am weitesten vom Lebensquell der Sonne weghält; unaufhaltsam kreisend arbeitet sie sich in günstigere Stellung. Da prallen die Strahlen der großen Glut erregender in Europas Bereich; die Atmosphäre gerät in Gärungen, rasende Winde stürzen von den kalten Zonen überall zu den schon wärmeren Landgebilden, in denen es sich, gelockt von der Magie des wieder wachsenden Lichtes, zu regen beginnt, zu keimen. Die Welle des Lebens in den Nordländern steigt langsam an, in ihren Menschen vollziehen sich, wie Jahr für Jahr, befremdende Wandlungen.

Es steht ein Mann im dicken Schnee, unten am Fuße eines schwarz angekohlten Baumes, der spitzwinklig in gute Höhe ragt mitten im verbrannten Walde, schwarz auf vielfach zertretener Weiße. Der Mensch, gekleidet in viele Hüllen, versenkt die Hände in die Taschen der äußersten, blickt vor sich hin und denkt. »Butter,« denkt er, »anderthalb Pfund, und zweieinhalb Pfund Mehl von den Bauern, und ein gespartes Brot und die Erbsen. Ja, das wird’s tun. Dabei kann sie wieder eine Weile bestehen. Geb’s Fritzke mit, der morgen auf Urlaub fährt. Vielleicht tausch’ ich meinen Tabak gegen eine Büchse Schmalzersatz ein; wenn ich von der Löhnung eine Mark drauflege, rückt der Küchenbulle damit ’raus. Butter,« denkt er, »anderthalb Pfund«, und so breitet er den Inhalt eines Paketes, das er an seine Frau zu schicken plant, wieder in seinem langsamen, umständlichen Geiste aus, dies oder jenes in etwa noch entdeckte Lücken zu verstauen. Er möchte in dem grüblerischen Anfall seiner tiefen inneren Versenktheit gern die Füße aneinanderreiben, die ziemlich kalt sind, aber da sie in dicken Stiefeln stecken, umwickelt von Fußlappen und von dem unteren Teil der Hose, läßt er es sein. Seine Beine haften grämlich im hohen Schnee, nebeneinander wie die Hinterfüße eines Elefanten. Er hat einen eisengrauen Mantel an, mit sinnlosen roten Vierecken auf dem Kragen unterm Kinn und einem Streifen blauen Tuches mit einer Nummer auf jeder Schulter. Unter den Arm geklemmt steckt ihm, während er über Erbsen nachdenkt und Schmalz, ein langer schwerer Prügel, Holz gefügt an maschinenartig geformte Eisenteile, Gewehr genannt; damit vermag er geschickt gelenkte Sprengungen hervorzurufen, um andere Männer auf weite Entfernung hin zu töten oder zu verfehlen. Dieser Mann, die Ohren unter weichen schwarzen Klappen verborgen, im Munde eine kleine, zum Rauchen getrockneter Blätter eingerichtete Pfeife, deutscher Handwerker, hält sich unter diesem Baum des verbrannten Waldes nicht freiwillig auf. Seine Gedanken strömen ununterbrochen nach Westen, dorthin, wo in einigen würfeligen Räumen eines gemauerten Hauses Frau und Kind auf ihn warten. Er steht hier, sie hocken dort. Es drängt ihn heftig zu ihnen, aber da ist etwas zwischen sie geschaltet, unsichtbar, sehr mächtig: ein Befehl. Ihm ist befohlen, auf andere Menschen aufzupassen. Man schreibt Winter 1917, genauer: zweites Märzdrittel. Die Europäer sind in einen Krieg verwickelt, der sich schon einige Zeit auf ziemlich zähflüssige Weise abspielt. Mitten in einem Walde des Ostlandes hier, der den »Russen« genannten Weißen bis auf weiteres entrissen, grübelt dieser deutsche Soldat, der Landsturmgefreite Birkholz aus Eberswalde, und bewacht Gefangene, Krieger dieser Russen, welche nun für die Deutschen arbeiten müssen.

Gut siebzig Meter von ihm entfernt, auf den Schienen einer Eisenbahn, beladen sie große rotbraune und graugrüne Güterwagen mit zerschnittenen Hölzern. An jedem Wagen hantieren zwei Mann. Andere schleppen ihnen auf der Schulter ziemlich schwere, zweckmäßig bemessene Balken und Bretter zu, die wieder andere vor wenigen Tagen aus den erstorbenen Kiefern geschnitten haben, deren einst grün und braunrotes Meer von den Beilen und Sägen der gefangenen Menschen nach vielen Richtungen hin zerfressen worden ist. Viel weiter als Blicke sich zwischen Stämme drängen, Tageritte der Breite und Tiefe hin, ragt mit seinen schwarzen Säulen kraß gegen Schnee und Himmel ein Kadaver von Forst – zwanzigtausend Hektar. Die Brandbomben der Flieger und die Granaten der Feldgeschütze haben seinerzeit im Sommer ganz ausgezeichnet gearbeitet. Kiefern und Fichten, Birken und Buchen, einerlei: ausgebrannt, angesengt, von fern gedörrt oder totgequalmt – – hin sind sie, und nun dienen ihre Leichen. Noch riecht’s brandig aus den schorfigen Borken. Am letzten Wagen sprechen zwei Russen in ihrer Sprache von einer Zange.

»Es ist unmöglich«, zögert der schmälere von beiden, »wo werde ich sie dir geben? Zu solchen Dummheiten verhelfe ich dir nicht, Grischa.«

Der andere, zwei merkwürdig starke Augen von grauem Blau richtet er auf den Freund und lacht kurz. »Es ist, als hätt’ ich sie schon in der Tasche, Aljoscha.«

Dann legen sie wieder die gelblich weißen Pfosten, die dazu dienen werden, Unterstände – Menschenhöhlen – und Stollen zu stützen, nach einer bestimmten Ordnung in den Wagen, dessen vordere Wand heruntergeklappt hängt. Oben werkt dieser Grischa, verstaut die Ladung, unten Aljoscha und reicht ihm Mal um Mal die starkriechenden Bohlen hinauf. Sie sind etwas unter mannshoch, gut anderthalb Zoll dick, oben und unten mit einem Einschnitt versehen, einer Zarge; so kann man sie gut aneinanderfügen.

»Mir fehlt nichts weiter als die Zange«, beharrt Grischa.

Fünf oder sechs Gefangene in einer kurzen Reihe, jeder vier solcher Stützen auf der Schulter; sie schmeißen sie vor dem Wagen ab, das helldumpfe Klingen kalten Holzes prasselt auf, dann stehen sie alle sieben kurze Zeit nebeneinander. Sie reden nichts. Die Träger lassen ihre Arme hängen, betrachten den großen Haufen Holzes.

»Noch genug«, sagt Grischa, »geht, Kameraden, wärmt euch, es hat Zeit.«

»Gut, Grischa«, antwortet einer von ihnen, »wenn du so meinst, ist’s in Ordnung«, und sie nicken ihm zu. Drüben zwischen den Schienensträngen der beiden Bahnen, die sich an dieser Stelle treffen, einer schwachen Feldbahnspur und einem vollwertigen Hauptgeleise, brennt mächtig und duftend ein großes Feuer. Beständig sitzen und stehn an ihm auf hingelegten Schwellen, Klötzen, Brettern die bewachenden Mannschaften und die arbeitenden Russen mit ihren deutschen Vorarbeitern, Armierungssoldaten der Landsturmkompanie. Blecherne Kessel mit Kaffee werden an Stöcken in die Glut gehalten, der und jener röstet sich Brot auf einen frischen Ast gespießt an der Flamme. Mit knisternden Vorstößen, mit Fauchen und kleinen Knallen nährt sich das mächtige Element von den harzigen Zweigen.

Vor der Bahn weicht rechts und links der Wald zurück. Wie verrostet, Gespenster der Lebendigen, entwachsen die mächtigen Stämme dem Schnee, dem dicken, pulverig gefrorenen Märzenschnee des westlichen Rußlands, auf dem die Sonne überall blau und goldene Schatten und Lichter bewegt, und den die Spuren klobig benagelter Stiefel zerkreuzen. Vom weißbeflockten Gesparre tropft unterm Anprall des Lichtes Schmelzwasser und gefriert in schattigen Zonen. Ein hoher, sehr blauer Himmel zieht die Blicke der Männer aufwärts. »Es wird Frühling«, sagt Grischa bedeutungsvollen Tons.

»Was du vorhast, das wird nicht«, entgegnet Aljoscha bittend. »Frühling kommt, ja, dann geht’s uns besser, wir liegen im Moos, es gibt mehr zu essen. Sei kein Dummkopf, Grischa, bleib’ hier; verrückt, was du vorhast. Du läufst nicht fünfzig Werst weit. Das ganze Land wimmelt nur so von Deutschen: Feldwachen, Gendarmen, Kompanien und Kommandos. Bist du ausgerissen, und sie fassen dich wieder – paar Jahre nach Friedensschluß noch mußt du für sie arbeiten wie ein Ochs, Grischa.«

Grischa ordnet schweigend und auf ganz besondere Weise die Stempel an, die er allein auf dem Wagen verstaut. Unmöglich hat jemand diese Raumvergeudung befohlen: zwischen der hinteren Wand des Wagens und dem verladenen Gut hält er einen Gang frei, unten am Boden, wo das Schwergewicht der kurzen Balken die Ladung sichern müßte. Oben verdeckt diesen Gang dachartig ein geschickt gestapeltes Gewölbe.

»Schnell, Aljoscha! eh sie wiederkommen!«

Und Aljoscha gehorcht. Er weiß, warum der Freund ihn jetzt antreibt. In diesem Versteck will Grischa heute nacht mit dem scheinbar vollen Wagen flüchten. Er billigt die Flucht keinen Augenblick; er setzt seine ganze Seele daran, den Freund von einer Unternehmung abzubringen, die er für hoffnungslos und irrsinnig hält. Aber er gehorcht. In der ganzen Gefangenenkompanie, zweihundertfünfzig Mann, die seit drei Vierteljahren hier am Sägewerk des Gefangenenlagers Nawarischkij verwendet wird, gibt es nicht zwei Leute, die dem ehemaligen Sergeanten und jetzigen Gefangenen Nummer 173, Grischa Iljitsch Paprotkin, irgendeine Bitte abschlagen würden oder einem seiner Befehle widersprächen. Er hat einen Spaß für jeden, er trägt das Georgskreuz von der Einnahme von Przemysl her, vor allem: jeder einzelne weiß auch, daß umgekehrt Grischa Iljitsch ihm, wo’s ihm nur möglich ist, zu Diensten wäre und oft genug war.

Aljoscha reicht, leichten Schweiß auf der Stirn, mit der Schnelligkeit und Knappheit eines leidenschaftlich mitarbeitenden Kameraden einen der kantigen kiefernen Stempel nach dem andern diesem Mann hinauf, der sie ihm nahezu aus den Händen reißt und mit den schweren nassen Klötzern wie mit leichten Stöcken hantiert. Eins zwei, eins zwei; mit dem umwickelten Glockenton von Holz an Holz legen sich über das schlauchartige Versteck die Dachsparren, die verkappenden Bohlen. Grischa, auf dem vollbeladenen Teil des Wagens stehend, prüft sorgfältig mit der Fußspitze den hohlen: der hält. Da ward gute Arbeit geschafft. Er hat an der Wagenwand eine Schicht seiner Hölzer hochkant emporgeführt und damit zugleich die Kälte abgesperrt und den Dachsparren Halt gegeben. In diese Höhle will er heute nacht kriechen, will drin liegen wie ein Dachs in seiner Röhre; gegen Morgen, so um vier, wird eine Lokomotive den ganzen Zug aus dem Walde schleppen, ostwärts.

Und östlich strebt er hin. Mit vielen Güterwagen rollen diese Holzwaggons ziemlich dicht zur Front, und dorthin drängt es ihn. Man lebt, noch einmal, im Anbruch des Jahres 1917; die russischen Armeen, zahlloser Niederlagen und der gräßlichsten Menschenverluste müde, haben erst auf eigene Faust, dann unter Billigung neuer politischer Machthaber den Krieg in Ruhezustand gesetzt. In Petersburg vollziehen sich Wandlungen: der große Zar, Väterchen, Nikolai II. hat abgedankt, seinem Sohne die alte hohe Reichskrone zu retten; Großfürst Michael, zum Reichsverweser bestimmt, zieht vor, die Macht in die Hände der Duma zu legen, des so oft weggeschickten Parlaments; Soldaten schießen auf die Zarenpolizei, die rote Fahne weht im hungernden Petersburg, in Moskau, Jekaterinburg, Kronstadt, Kasan … Die Schlüsselburg gesprengt, Verbrecher befreit, Generäle gefangen, Minister verjagt, Admirale ersäuft, erschossen, geflüchtet – Leute, Leute! Jetzt leitet Rußlands Geschick ein Haufen Zivilisten, ein behäbiger Mann Rodzianko, ein Gutsbesitzer Fürst Lwow, ein Professor Miljukow und der kluge geschmeidige Arbeiteradvokat Kerenski – Rußland bildet sich um, Rußland erwartet Gewehr bei Fuß den Frieden. Zwischen den Gräben der Deutschen und denen der Russen werden Kugeln nicht mehr getauscht: Verbrüderung! Überläufer drängen, da der Krieg ohnehin gleich zu Ende ist, den heimatlichen Dörfern und Städten zu, in denen, bestenfalls, ihre Angehörigen so lange schon auf sie warten. Grischa Iljitsch Paprotkin, Sergeant, aber ist in Wologda zu Haus, weit hinten im Nordosten des mächtigen russischen Gebildes, und sucht er Frau und Kinder, muß er sie jenseits der russischen Front finden.

Das ist sein Plan. Er wird den Deutschen fortlaufen; er hält es nicht mehr aus. Mit dem Beginn des neuen Jahres, mit der Bestätigung vielfacher Gerüchte ist eine Unruhe in sein Herz getreten; langsame, schwerfüßige Gedanken haben sich Morgen für Morgen mächtiger in seinem Kopfe eingestellt: nach Hause. Er hat allzu lange ausgeharrt. Zwischen den Stacheldrähten, zwischen den karierten Befehlen der verrückten Deutschen, die aus Angst dem Menschen nicht einmal mehr Freiheit zum Atmen lassen, sondern ihm am liebsten noch befehlen würden: jetzt atme ein, jetzt atme aus, jetzt schneuz dir die Nase, jetzt geh auf die Latrine – zwischen den enggepferchten Schlaflagern in den Baracken, zwischen diesen stieräugigen Scharen von Vorgesetzten, zwischen all dem ist für ihn zum Atmen nicht mehr Raum. Er ist jetzt sechzehn Monate ihr Gefangener, und er wird es keinen neuen Morgen mehr sein. Heute nacht wird er seinen Weg zurück zu Marfa Iwanowna antreten und zu seiner kleinen winzigen Jelisawjeta, die er noch nicht einmal gesehen hat. Dies ist so beschlossen wie die Fallkraft eines Steins. Und weil er die Zange dazu braucht, und Aljoscha Hilfsmann des Werkzeugunteroffiziers ist, wird Aljoscha ihm diese Zange zum Durchbeißen der Drahtgitter ganz einfach stehlen.

Der hintere Teil des Ganges ist gute Arbeit. »Jetzt den Zugang, rasch, Aljoscha«, erwidert er unerbittlich den stummen Weigerungen seines Freundes. Um Aljoschas willen wird ihm die Flucht nicht ganz so leicht. Aber sie sehen sich nach Friedensschluß wieder. Er hat es ihm immer von neuem auseinandergelegt. Wenn er noch warten könnte, warum sollte er nicht warten? Aber in seiner Brust ist kein Platz mehr für Warten. In seinem Arm ist ein maßloser, immer dreisterer Drang, alles niederzuschlagen, zu zerreißen, beiseite zu hauen. In seinem Hirn tanzen bei jeder Gelegenheit eines frechen Unteroffiziers bunte Funken. Er muß weg, oder es gibt Schlimmeres; und das weiß Aljoscha. Die Griffe fliegen; sie bauen.

Endlich liegen im Schnee keine Bohlen mehr. Die beiden Arbeiter schlagen ihre Hände gegen die Oberarme, über Kreuz mit schlenkerndem Schwung, Grischa springt mit starren Beinen vom Wagen, und die mächtigen grauen Fausthandschuhe anziehend, die sie bei der Arbeit nicht brauchen können, stapfen sie zum Feuer. Inzwischen trotten die fünf Zuträger wieder zu ihrer entfernten Kolonne hin, die mit den kleinen Kippwagen und Plattformen der Feldbahn das frischgeschnittene Material anschleppt. Das Sägewerk (und das Gefangenenlager dicht bei ihm), ein kleines Barackendorf im ganzen mitten in dem mächtigen, menschenleeren Nawarischker Waldgebiet, steht ungefähr drei Kilometer entfernt auf einer Anhöhe; das Anschlußgleis der Hauptstrecke endet ehemaliger Fliegerdeckung wegen am tiefstgelegenen, dichtestbewachsenen Punkte des Waldgeländes. Bis dorthin kann, wer geschickt ist und mit einem Knüppel zwischen den Rädern zu bremsen versteht, diese »Loren« auch ohne Lokomotive das leichte Gleis hinunterdonnern lassen. Eben kommt der Gefreite Printz, ein blonder und unverbesserlicher Junge, der nach seiner Verwundung mit anderen dem Landsturmbataillon zugeteilt wurde, auf solcher Lore – Lowry – heruntergesaust, krachend wie der Teufel.

»Und mit dem Ding, das so lärmt, willst du heute nacht vom Lager türmen?« murmelt Aljoscha spöttisch zu Grischa, der sich eine Pfeife mit dem zweifelhaften Gefangenentabak stopft und seinen Beutel mit selbstverständlicher Gebärde dem Freunde hinhält. Grischa stößt ihn mit dem Ellenbogen gutgelaunt in die Seite: »Bist ein Dummkopf, Aljoscha, vergißt den Wind, wenn die Sonne erst unten ist, jeden Abend lärmen die alten Bäume, als kriegten sie’s von mir bezahlt, und in den Lüften heult der Teufel mit seiner Großmutter. Du brauchst mir die Zange nicht vor acht Uhr zuzustecken. Um halb neun, nach der Abendrunde, geh ich ihnen durch die Lappen. Bruder, Kamerad, wenn du mitkämst; Aljoscha! zu zweien! wir schlagen uns durch.«

Aljoscha lächelt. Näherten sie sich jetzt nicht gerade dem Feuer, so fiele dies Lächeln noch etwas trüber aus.

»Ich glaub’s nicht, Grischa, hab’ kein Zutrauen dazu.«

»Wozu hat der Kamerad kein Zutrauen?« fragt vom Feuer der Unteroffizier Leszinsky, der gut Russisch versteht, die beiden als Freunde bekannten und beliebten Gefangenen.

»Zum Wetter«, antwortet Grischa munter. »Er denkt, es wird Regen geben.«

Der Gefreite Birkholz, von seiner Kiefer her zum Feuer geschlendert – in fünf Minuten ist Mittagspause, die Gulaschkanone wird jeden Augenblick anrücken, und mit seinem Paket ist er inzwischen im Geiste ziemlich fertig, der Tischler Birkholz aus der Berliner Straße in Eberswalde – lehnt sein Gewehr an den Baum und hält die Hände in die Glut, indem er sich auf den Bretterstapel setzt, auf dem die Russen zusammenrückend ihm Platz machen. »Regen. Eh das regnet, das hat gute Wege, das mußt du mir glauben. Wind Abend für Abend, man denkt, die Baracke fliegt weg, und ein Lärm, beinah nicht zum Einschlafen. Aber frühmorgens sieht der Himmel aus wie Mutters Tischtuch am Sonntag, aber blank, Rußki.«

Grischa legt ein Stückchen glühenden Holzes mit den bloßen Händen auf den Tabak in seiner Pfeife und pafft. Aljoscha steht da und lächelt schüchtern. Nur das Krachen und Knattern der Flammen füllt die Pause nach diesen Worten, die in allen ohne Ausnahme den empfindlichen Punkt berührt haben: die Sehnsucht nach Hause. Alle diese Männer, ältere Leute, seit Jahren ihren Lebensgewohnheiten und nahen Menschen entfremdet, leiden an Heimweh. Da es aber eine ständige Einrichtung ihrer Seelen geworden ist, die Schwerkraft gewissermaßen ihrer Herzen, nach der sich alles in ihnen regelt, bemerken sie es vor sich selbst nur von Fall zu Fall. Kein einziger würde sich besinnen, wenn die Hemmungen nicht zu stark wären, die man in ihnen und um sie zu errichten verstand, heimwärts aufzubrechen wie Odysseus, der Heimkehrer des Trojanischen Krieges, und sich umhertreiben lassen in gefährlichen Spiralen wie er, magnetisch gezogen und im Innersten der Heimkunft gewiß. In Grischa arbeitet von ihnen allen die leidenschaftlichste Seele, und darum tut er, was Millionen verschieden bekleideter, ins Kriegshandwerk verwickelter Männer in diesem Augenblicke nur ersehnen. Aber dieser maßloser Drang, in ihnen allen einen Augenblick gegenwärtig geworden, schwingt wie der Rauch des Feuers über ihren Köpfen; plötzlich richten sich alle Augen gen Himmel; Trompetengeschrei befremdlicher Art, gleich dem wilden eisernen Knarren einer Tür, in der blauen Luft: »Gänse«, ruft einer und deutet mit dem Finger auf den Keil, weißschimmernd, der großen Vögel, die wie ein halboffener Meßzirkel durch die Luft geworfen werden, oben hoch, klein vor Höhe und blendend weiß. Unter den Wolken, über die Wälder hin, reißt der Frühling das Geschwader.

»Ja, die fliegen heime«, murmelt der Unteroffizier Leszinsky.

»Nach Osten«, spricht Grischa gelassen in das schwangere Schweigen der Deutschen und Russen, und zwar in russischer Sprache. Die Gänse verschwinden als ein blitzender Punkt in der durchstrahlten Atmosphäre, und die Stille ums Feuer wird beendet durch einen Ruf, der von fern her zu ihnen weitergegeben wird: die Gulaschkanone, auf den Schienen der Schmalspurbahn in Gestalt zweier großer Kessel soeben vorsichtig gelandet. »Fuffzehn!« ruft der Unteroffizier Leszinsky den Mittagsruf der Bauarbeiter, das herrliche Stichwort für Pause. Man langt nach den Kochgeschirren; alle diese Männer hier, Arbeiter in Uniform, lieben es, sich des Slangs zu bedienen, der sie an ihre Freiheit, an die Zeit des Zivils und der harten Kämpfe ums tägliche Brot erinnert. Manche stehen auf. Ins Klappern der Kochgeschirre – Aluminium oder Blech an Blech – sagt Aljoscha zu Grischa: »Um acht also.« Grischa schlägt ihm lachend leicht auf den Rücken. Beide wissen, was gemeint ist. Sie brauchen einander nicht einmal anzusehn.

»Was gibt’s zum Mittag? Her mit der Speisenkarte!« ruft der Gefreite Printz strahlend mit seinen Grübchen.

»Bohnen mit Speck«, antwortet der Küchenunteroffizier. »Dir werden sie hier noch fettfuttern, daß du nicht mehr in Mutters Bette paßt.«

Zweites Kapitel

Ein Ausbrecher

Ungeheures Sausen.

Aus den Schornsteinen, blecherne Röhren mit kleinen Kappen, fauchen und stieben Fuchsschwänze von Funken hin über die flachen, geduckten Dächer des Barackenlagers, schwarz in der mondlosen Schwachhelligkeit des Schnees. Undurchdringlich knetet sich in den Winkeln, Durchgängen, halben Nischen das Dunkel, besonders dort, wo aus schlecht verhängten Fenstern Lichtstrahlen und schmale Bänder ihm benachbart die tosende Luft durchkreuzen.

Um den weiten, unübersichtlichen, weil zufällig entstandenen Gebäudehaufen des Gefangenenlagers singt mit der leidenschaftlichen Inbrunst eines Irrsinnigen der Wind, der Frühlingssturm, in den Notensystemen der Stacheldrähte, die drei und vier Meter hoch mehrere Linien um die Wohnbaracken, die Vorgesetztenhäuser, die Lagerschuppen und die weiten Arbeitsspeicher des Sägewerks ziehen.

Zwischen ihnen stolpert und schlittert auf dem eisenhart gefrorenen Tauschnee des Tages der Mann, der hier gerade seine Runde abgehen muß. Er schiebt Wache, nennen sie das. In einem Ungetüm von weißem Schafspelz, das Gewehr, Mündung nach unten, über die Achsel gehängt, zermalmt er mit den Nägeln seiner gefetteten Stiefel die kleinen scharfen Grate und Kämme, die die Fußspuren des Tages im Nachtfrost zurücklassen. Unsicher vor Glätte, tief abwesend vor Unglück, horcht er in den Wind hinein, der schneidend an seiner Backe vorübersaust. Er verließ die beschützte Stelle, in der man bequem schlafen kann, um der Ablösung entgegenzugehen, die jede Minute fällig ist. Natürlich hat es nicht den mindesten Sinn, hier Wache zu schieben; denn niemand denkt daran, ins Lager etwas hineinzubringen. Und daß jemand in solcher Nacht auch nur ein Kommißbrot daraus stehlen oder seine werte Person daraus flüchten könnte – das kommt nicht vor. Flüchten, jetzt, wo der Krieg zu Ende geht, das gibt’s nicht. Dies ist nicht nur die Überzeugung des Landsturmmanns Heppke, sondern wohl so ziemlich der ganzen Besatzung – natürlich mit Ausnahme des Lagerfeldwebels, der ja, wie alle Feldwebel, sich sofort für geisteskrank hielte, wenn er nicht die überflüssigsten Angelegenheiten des Dienstes so ernst nähme wie jeder Mann die ihm gebührende Löhnung.

Eigentlich kocht Heppke vor Ungeduld, wo Kazmierzak, der ihn ablöst, nun zum Donnerwetter eigentlich stecke. Trotzdem überwältigt ihn der Katarakt von Getöse immer wieder, der die Luft erfüllt, vom Walde her, wo mit dem Brausen eines unermüdlichen Wasserfalls schwellend und stoßend der Wind den Schnee zu Wehen bläst, Zweige aneinanderschlägt und hin und wieder ein schußartiges Dröhnen verursacht, dadurch, daß unter seinem Ansturm und der Sprödigkeit des Frostes ein Baum einen seiner schweren Äste krachend hergeben muß. Unmöglich, Schritte zu hören bei dem Geheul; und so stößt, der Dunkelheit entwachsen, der Landsturmmann Kazmierzak, im schwarzen Mantel noch dazu, plötzlich auf den Posten. »Na. Mensch«, sagt Heppke erlöst, »Mährmichel, ziehst du endlich deine Beine unterm Skattisch ’raus!«

Der Landsturmmann Kazmierzak, die Pfeife dienstwidrig im Munde, nimmt ihm die Waffe ab. Augenblicklich entledigt sich der Abgelöste des schweren Wachtpelzes, und während Kazmierzak ihn anzieht, teilt er ihm vorwurfsvoll die Beobachtung mit, die er auf dem Wege vom Wachtlokal bis zu dieser Stelle hat machen müssen: »Die Fenster. Überall fingerbreit Licht aus den Fenstern. Schlecht zugehängt, und wenn der Feldwebel das sieht, wer kriegt den Krach?« Heppke, den er kameradschaftlich beim Vornamen Karl nennt – Karl möge drin veranlassen, daß man sie besser stopfe. Es sei ja Unsinn, nicht wahr? Unsinn, wie der ganze Krieg. Wegen Fliegern hier mitten in Polen, wo höchstens Wildgänse ihnen Dreckbomben aufs Dach schmeißen. Aber Befehl ist Befehl, und Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps, und das ganze Leben beschissen. »Augenblicklich die dämlichen Fenster abgedunkelt«, warnt er ihn noch einmal. »Träumst hier auf Posten, als kenntest du Klappka’n und Parole nicht.« Klappka, so heißt der Feldwebel, ein cholerischer Mensch mit außerordentlich gepflegtem Talent, sich bis in die Tiefe seiner Eingeweide über jeden Dreck zu ärgern.

»Emil«, sagt Heppke mit befremdender Stimme, »Mensch, mir ist anders. Mensch, nicht nach Haus zu gehen macht mich konfuse. Und der Wind, der so verrückt ins Ohr bläst. Emil, ich bin urlaubskrank. Nicht nach Haus zu gehen macht mich marode.«

Kazmierzak antwortet nicht. Bildet der Karl sich etwa ein, ihm oder irgendeinem Mann im Heere damit etwas Neues zu melden, so möge er sich seinen Gripps unter Glas setzen lassen. Aber Heppke, dessen Augen einen Blick nach innen bekommen haben, beichtet weiter: »Und singen, horch, singen die Rußki, wie Siebzig. Drüben wird Revolution, Emil, Friede, paß auf, nach Hause, Mensch, an meinen Schraubstock, Mensch, und meine Alte wieder im Bett nebenan, und das Jungchen kriecht ums Tischbein. Emil, man sollt’ die Knarre an jeden Ast hängen und heimlaufen – laufen, Mensch, auf den Stiefeln. Dasmal wird Frühling, riech mal, riech vom Walde her.«

Kazmierzak ist in seinen Mantel endlich einquartiert, behängt sich mit dem Gewehr, einer altmodischen Flinte, in die ein neumodisches Schloß eingebaut ist, und meint, da sei was dran, Revolution komme drüben, das mache eben auch die hiesigen Rußki singen. Das sei etwas zum Nachdenken auf Posten von acht bis zehn, lange auch noch von zwei bis vier. Kazmierzak wagt sich mit seinen Gedanken nicht weiter vor. Er hat was Polnisches in seiner Abstammung, wie sein Name sagt, und die Erfahrung von Kriegsbeginn her hat die preußischen Soldaten mit polnischen Namen mißtrauisch gemacht – nun, gegen das Unbestimmte. Sie werden noch ein bißchen schärfer behorcht als die anderen, Elsässer ausgenommen. Und obwohl Heppke Kamerad und seit Jahren Dienstgenosse ist, hält Kazmierzak mit seinen Empfindungen vorsichtig zurück. Aber um der Gesellschaft willen begleitet er den Abgelösten zum Wachtlokal, denn er hat jetzt zwei Stunden lang Zeit für sich, und da schwatzt es sich ganz gut noch ein paar Minuten. Und Heppke ist mit Mitteilung geladen. »Ich brauch’ mir nichts als mein Zuhause«, sagt er, »wieder Schlosser Heppke sein in Eberswalde und Sonntags ins Waldschlößchen und dann ein Helles, und der Junge schaukelt und Mutter strickt und erzählt sich eins mit der Roberten: und ich mit Robert und Wicke beim Skat – ach Gott, wo doch Robert vorige Woche im Lazarett mit Flecktyphus abgekratzt ist! Nee, nee, man wird konfuse, wenn man so geht und steht und denkt ins Dunkle hin und hat so gar nichts, was einen stärkt.«

Kazmierzak hat inzwischen eine Mitteilung aus seinem Vorrat losgeeist. Es scheint ihm ungefährlich, dem Kameraden zu sagen, mit Friede sehe es jetzt doch nicht so aus. Da sei Amerika in der Hinterhand, der Wilson habe noch reichlich Trümpfe, und das mit dem U-Bootkrieg könne auch noch ein paar Knoten machen, damit es ja nicht zu glatt gehe.

Aber Heppke hängt schon viel zu tief in sich, um für diese Sphäre noch Ohr zu haben. »Emil«, sagt er nah an der Tür des Wachtlokals, »ich hau’ mich hin und schlaf ’ mein Teil; dann merk’ ich vom Elend nicht so das Dickste. Und Traum, Mensch – vierzig Jahre muß einer werden und lebt dann von Träumen. Wenn’s noch lange geht, werd’ ich konfuse, Emil.«

Kazmierzak jedoch ärgert sich jetzt über diese Flucht in den Schlaf. »Träume sieß vom Paradies, auf Holzwolle und Papiersack mit Lause gratis!« schnauzt er den Kameraden verdrossen an. »Vielleicht gibt’s doch mal, daß Frieden wird. Auf unserer Front wenigstens. Aber auf unserer Front allein, das zieht nicht. Alle müßten’s wie Rußki machen, hinhaun die Knarre und Punktum Streusand.«

Und das trifft den Landsturmmann Heppke, denn das hat er schon lange gedacht. »Wir zuerst!« flüstert er, indem er sich scheu umblickt. »Aber wir riskieren’s nicht.« Und damit öffnet er die Windfangtür der Wachtstube, aus der ein breiter Brodem warmen Menschengeruchs Wolken in die Nachtluft schlägt, und läßt Kazmierzak allein seiner Pflicht, dem Rundgang ums Lager.

»Red’ doch laut«, denkt der, »’s kann jeder hören, ’s ist doch wahr, natürlich wir zuerst, natürlich trauen wir uns nicht. Die oben haben uns nicht schlecht an der Kandare.«

Seine Schritte knirschen auf dem Gefrorenen des Bodens, und so geht er, die Augen starr auf seine Stiefelspitzen gesenkt, und hört, hört den Chorgesang der Russen aus der Gefangenenbaracke Drei, in deren Nähe ihr Gespräch begonnen hat.

Dort, wo Drei und Vier in einem stumpfen Winkel aneinanderstoßen, bewegt sich jetzt aus dem tiefen Schwarz der Schatten eine Gestalt dem Drahtzaun zu – eine Gestalt, die vor Angst und Aufregung in den Knien schwach zu werden droht und die voll Inbrunst dem drohenden und verzweifelten Lied dankbar ist dafür, daß es das Dröhnen ihres Herzens übertönt. Die Russen singen jenes Lied, von dem ums Jahr 1905 die Gefängnisse erbrausten, wenn Verurteilte der Revolution zu Tode geführt wurden, eine Melodie, so einfach und rhythmisch so bezaubernd, wie sie nur das umgepflügte Gemüt eines tiefmusikalischen und geknechteten Volkes zu dichten vermag. Obgleich Grischa mit der äußersten Aufmerksamkeit den schwachhellen Weg, diese fünf oder sechs Meter bis zum ersten Stacheldraht hinkriecht, und während er mit der Kneipzange Drähte, drei, vier, fünf mit mächtigem Pressen seiner Fäuste durchbeißt, gehn ihm am inneren Ohr die Worte vorbei, die die Kameraden singen, dieses Gelöbnis, die Toten nicht zu vergessen und den Lebenden beizustehn. Klirrend springen schlaff hängende Stachelruten, wenn sie gelöst werden. Das Loch, in wenigen Sekunden groß genug, um erst den Rucksack und das Deckenbündel und dann den Mann durchzulassen, liegt geschickt im Schatten der Baracken.

Jetzt gibt es kein Zurück mehr, jetzt ist der Fluchtversuch bereits durch nichts mehr zu verstecken. Schweißtriefend und mit einem Zittern in der Brust läßt sich Grischa vorwärtsreißen bis zum nächsten Drahtwall, vor dem er am Lagerspeicher des Schanzzeugs eine Pause macht, um tief zu atmen. Jetzt verflucht er den Gesang – und zum Glück bricht er auch sofort ab –, denn er verhindert ihn, die Tritte des Postens zu hören, falls er sich etwa nähere. Er weiß, wer jetzt Wache schiebt. Kazmierzak ist, wie alle Bespitzelten, ein strenger Vorgesetzter für die Gefangenen, zumal er mit vielen von ihnen Polnisch zu sprechen vermag. Es tut Grischa trotzdem einen Augenblick leid, daß dieser Mann vielleicht – denn wer weiß, wann diese Flucht entdeckt wird – die Unkosten seiner Tat wird mittragen müssen. Aber Grischa arbeitet sich durch die Ostseite des Lagers, und wenn jemals Fluchtversuche vorkamen, in den letzten drei Vierteljahren viermal, drängten die Flüchtenden nach Westen, nach der Stadt zu, die etwa vierzig Werst entfernt mit ihrer gegen die Deutschen erbitterten Bevölkerung den Flüchtlingen bessere Zuflucht gibt. Die Zange klirrt und knipst an den Drähten, und der Wind tut das Seine, um jedes Geräusch unverdächtig zu machen, denn hier ist freie Strecke für ihn, und seine eisige Schärfe lähmt fast die Finger des Arbeitenden.

Nun droht der breite, fast leere Raum zwischen der äußersten Drahtbarrikade und den beiden Arbeitsschuppen. Lautlos sausen Funkenströme aus den kleinen Schornsteinen der überhitzten holzkrachenden Öfen, und ganz nahe tickt der Motor, der den Wohnräumen elektrische Beleuchtung sichert. Man hat einmal daran gedacht, das ganze Lager elektrisch mit Bogenlampen zu überflammen, damals, als die letzte Flucht zweier Ausbrecher den Feldwebel Busch die bequeme Stellung kostete. Aber da Fliegergefahr diese Maßregel damals noch wirklich verbot, und weil man inzwischen Befehl bekommen hat, mit Kohle zu sparen, ist diese sicherste Barre nicht errichtet worden. Wenn ich weg bin, denkt Grischa, werden sie hier hell machen. Und Aljoscha, lieber Kamerad, wegen der Zange rutscht er vielleicht in Kasten. Aber, erwägt er weiter, während er seine Sinne nach allen Seiten ins Dunkel tasten läßt – zwangsläufig rollen die Gedanken ab, ohne wahren Anteil seines innersten Ich, das ganz und gar nach vorwärts gespannt ist, wie der Schlagbolzen eines Gewehrs von seiner Feder – aber vielleicht schwindelt er sich frei oder auch fällt kein Verdacht auf ihn.

Damit zieht er die Luft ein, setzt die Zähne aufeinander, denkt: »Jetzt!« und schlüpft in seinen Stiefeln leise durch den großen hofartigen mitteldunklen Streifen Bodens; sein Ziel eine Stelle, die dem Waldrand, den da in ihren Schienen stehenden Loren der Feldbahn am nächsten ist. Hier lehnt schief an den Draht ein Stapel geschnittener Bretter für die morgige Ladung; um schneller zu arbeiten, haben kurz vor Feierabend die dazu befehligten Mannschaften die langen flachen Hölzer einander durch den Draht gereicht. So ward dort der Stachelgürtel von innen und von außen undurchsichtig; freilich nur bis zum Vormittag, wenn frischer Schnitt den Fortgang dieser Arbeit veranlaßt. Aber bis dahin wird niemand vorausrechnen, der etwas vom Leben versteht. Diese Bretter mögen, wenn morgen früh bei der Diensteinteilung der Gefangene Nummer Hundertdreiundsiebzig fehlt und wilde Aufregung das Lager um und um wühlt, vollständig in Vergessenheit geraten, sie können bis Friedensschluß dort liegen oder auch in scharfem Dienstbetrieb sofort wieder in Angriff genommen werden – laß Gott dafür sorgen. Im Augenblick, wo Grischa, indem er sich am Draht leicht ritzt, in diesen schwarzen Schattenwinkel taucht, darf er seine Flucht bis morgen früh um halb acht für geglückt halten.

Der Sturm martert sich in den Drähten. Der Landsturmmann Kazmierzak marschiert seinen Posten ab. Alles ist, wie es soll. Die Amerikaner werden noch verflucht viel hermachen. Er weiß, was die aufspielen. Er war drüben, hat dort gearbeitet, mit gesparten Dollars ist er, er Idiot, zurückgekommen, so um 1912. Er hat im Eastend gewohnt, mitten unter Juden, er hat gut verdient. Die Amerikaner packen zu und hängen, wo sie sich einmal verbissen haben, wie Bulldoggen fest. Sie haben die großen Eisenbahnen gebaut, sie haben Wolkenkratzer erfunden, den Niagara zum Turbinendrehn angestellt – sie dürfen sich sehn lassen. Mit solchen Gedanken, das Geheul des Windes in den Ohren, kann man an einem durchgeschnittenen Drahtzaun in der Nacht auf zwei Meter Abstand gut vorübergehn, ohne zu merken, daß in der Höhe etwa eines knieenden Menschen da Drähte durchbrochen sind, im innersten Ring, zwischen den Wohnbaracken und der ersten Barre.

Ein Mensch läuft auf Zehenspitzen gegen den Wind dem Walde zu, über freigelegtes Gelände, von Baumstumpf zu Baumstumpf. Welches Getöse in den Ästen! Fast dem Getöse im Herzen gleich. Es kommt manchmal vor, daß eine schlechtbefestigte Lore sich loslöst und mit oder ohne Ladung erst langsam, dann immer schneller die schwache Schrägung hinunterrollt, die vom hochgebauten Lager allmählich zur Verladestelle führt. Das Knattern der Räder auf den Schienen, auch das Knirschen und Schreien eisigen Eisens auf Eisen – selbst wenn da Ohren wären es zu hören, wie wollten sie es im allgemeinen Brausen unterscheiden. Der Wind kocht, pfeift und dröhnt in den Bäumen hoch oben.

 

Waggons, die fertig beladen mitten im Walde stehn, sollen der Vorschrift gemäß bewacht werden. Aber wo kein Kläger ist, wer wird da richten? In einer warmen, erleuchteten Stationsbaracke, wellblechgedeckt und gut verschalt, spielt es sich, wenn man zu dreien sitzt und etwas zu rauchen hat, wunderbar Skat, zumal man sich ja Tee kochen kann und drei Rumrationen, sparsam gebraucht, ziemlich vielen Grogzuschuß ergeben. Wer mit Küchenbullen Freundschaft hält, hat auch immer Zucker.

Ein Mensch klettert in einen Güterwagen ziemlich leicht, sofern er oben offen ist. In einer Höhle, einer von Holz umkapselten, harzriechenden Röhre, streckt er sich lang aus, nachdem er kieferne Stempel, kurze Bohlen mit einem Einschnitt an jedem Ende, über sich wieder sorgfältig zurechtgerückt hat; streckt sich aus und lacht, lacht laut los, durch und durch geschüttelt, schweißdurchtränkt das Hemd, fliegend an allen Gliedern in einer engen kantigen Rinne, die einem Sarge gleicht. Er liegt hart. Viel Bewegung kann er sich nicht machen. Aber er lacht, und seine Augen mögen in der Finsternis glänzen wie die eines ausgebrochenen, lange gefangenen Panthers.

Gegen halb zwölf erwacht Grischa von einem knirschenden und krachenden Stoß, fährt entsetzt empor von dem Rucksack, auf dem er, in seine Decken und den Mantel gewickelt, geschlafen hat – geschlafen, glücklich wie seit Jahrzehnten nicht mehr – und schlägt seinen Kopf hart an das Holz über seinem Scheitel. Aber schneller als der Schmerz weicht der Schreck aus seinen Nerven: so ruckt eine Lokomotive auf Güterwagen, wenn sie kommt, einen Zug von sechsunddreißig oder achtundvierzig Achsen davonzuschleppen. Heulen, Pfiffe, allmählich ein knirschendes und singendes Gleiten. Selig läßt sich Grischa wieder auf seine Kopfstütze sinken: der Zug fährt.

Stoßend und funkenspeiend – die Heizer fluchen gelassen über die elenden Preßkohlen – drängt sich die Brust der Lokomotive dem Winde entgegen, der um ihre Flanken faucht und sie aufhalten will auf ihrem Weg nach Osten, nach Rußland.

Drittes Kapitel

Der Waggon

Ein Mensch, der in einem Güterwagen reisen will, sollte zunächst bedenken, daß er nicht wie ein Menschenwagen gefedert ist, sondern harte Stöße gegen sein Hinterteil ausüben wird. Eisenbahnschienen haben durchschnittlich sechs Meter Länge, dann sind sie auf lockere Art aneinandergebündelt, auf jene verschmitzt einfache Art, die der Hitze erlaubt, ihre stahldehnende Wirkung auszuüben, ohne das Gleis zu sprengen. Alle sechs Meter also fährt der Wagen über einen solchen »Stoß«, so nennt man die Begegnung von Schienenteil mit Schienenteil, und es ist klar, warum. Fährt nun ein Güterwagen mit etwa dreißig Kilometer Stundenschnelligkeit ein paar Tage und Nächte, so kann, wer dem Rechensport ergeben ist, die ungefähre Zahl der Stöße mit Papier und Bleistift sich selber verdeutlichen.

»Du verfluchter Kriegsverlängerer, du verfluchter Kriegsverlängerer«, murmelt der Zug, indem er seiner Wege rattert, und skandiert diesen Satz im Gebein dessen, der in diesem Güterwagen liegt, ohne eine Schütte Stroh als Unterlage zu haben, wie man sie hinzubreiten pflegt, wenn man diese Wagen ihrer vorbestimmten Aufgabe zuführt, achtundvierzig Menschen – einfach Mann genannt – oder sechs Pferde von der Stelle zu schleppen. Um ebensoviel Offiziere zu verfrachten, braucht man mindestens acht Kupees zweiter Klasse – im Kriege nämlich.

Ein Mensch, der in einem Sarge liegt, kann sich nicht sehr ausgiebig bewegen, selbst wenn der Sarg dreimal so lang und so hoch als ein gewöhnlicher ist. Die Breite macht es; und ihr muß man vieles nachsehn.

Auch hat der in einem Sarg einquartierte Körper Gelegenheit, auf Holzwolle sich auszustrecken. Liegt man lange genug auf ihr, so besinnt sie sich ehrgeizig auf ihre Abstammung von einem Brett, dem sie, mit Waffengewalt entrissen, alsbald wieder an Dichtigkeit und Härte zustrebt. Selbst eine Zeltbahn als Leichentuch macht sie nicht wesentlich weicher. Denn eine Zeltbahn wärmt zwar und tut überhaupt mehr gute Dienste als in kurzem aufzählbar, ist aber doch schließlich ein Stück sehr harter Leinewand. Der Mann im Sarge – oder in dem, was man sehr gut mit einem solchen vergleichen kann – liegt bald auf dem Rücken, bald auf der Seite, bald auf dem Bauch. Er drückt sich die Ellenbogen, quetscht seine Schultern, fühlt einen Drang, seine Lage zu verändern, in allen Muskeln und darf gleichwohl nur mit Vorsicht sitzen, da sein Kopf sonst an die harten Bohlen stößt, die ihn auch oben einschachteln. Auf diese Weise vom Waggon gerüttelt, gleicht er nicht einem wilden Tiere, einem Panther etwa, der in einem Käfig dem Zoologischen Garten zufährt, in dem er sein Leben hinter eisernen Gittern beschließen soll? Nur, daß in einem wesentlichen Punkte dieser Vergleich irrt, und das gerade ist das Hübsche.

Der Mann im Sarg bleibt ganz und gar eingehüllt in die säuerliche, essigartige Atmosphäre frisch geschnittener Planken. Diese Luft muß auf die Dauer, da sie chemische Bestandteile von schädlicher Beschaffenheit enthält, einen Menschen schwindlig und ein bißchen übel machen; zum mindesten, da er nicht ins Freie darf, beschert sie Kopfweh, bohrendes. Auch Dunkel regiert in solchem Sarge. Zwar bricht in feinen Fäden Tageslicht durch die Bohlen überm Kopf; an ihnen erkennt man Tag oder Nacht und auch an der angenehmen Wärme, die, wenn die Sonne senkrecht überm Zuge steht, ins Innere der hölzernen Höhle dringt. So merkt man den Ablauf der fliehenden Stunden auch an einer mehr oder weniger regen Schärfe der Kälte, der Winterkälte eines Märztages und einer Märzennacht. Noch um eines anderen willen mag dieser Wechsel erwähnenswert sein. Am Tage nämlich verbietet sich Rauchen. Es könnten den Bremsern des Zuges leise blaue Wölkchen verdächtig werden, die, einem holzbeladenen Wagen entsteigend, möglicherweise einen Brand ankündigen und sie zum Umstapeln der Ladung anregen müßten. Und das käme uns aus gewissen Gründen ungelegen. Nachts aber, bei hinreichender Vorsicht, kann man sich den Genuß einer Zigarette oder einer Pfeife Tabak straflos gönnen.

Außerdem muß ein Reisender, der sein ganzes Gepäck auf dem Rücken zu schleppen und aus Gründen seiner Lage auf Proviantzuwachs nicht zu rechnen hat, mit der Stillung seines Hungers und gar des Durstes ein bißchen spartanisch gesonnen sein. Trinken kann man kalten Tee, den man in einer Feldflasche bei sich führt, schluckweise. Später, wenn der Marsch durch den Schnee beginnt, kann man mit recht wenig gesalzenem Schneewasser sehr weit kommen, Essen aber darf man das harte Brot oder die kleinen Zwiebacke, die man sich von Wachtsoldaten eingetauscht hat, nur äußerst mäßig. Und das hat sein Gutes, wenn sich die Bedürfnisse, die der menschliche Körper nach der Einnahme von Speise und Trank zu seiner Entlastung verspürt, nur unter Lebensgefahr im Freien befriedigen. Ja, dann ist es besser, man verläßt seine Höhle nicht und bezwingt den gröberen Teil des menschlichen Organismus durch den Willen.

Da man nämlich auf dem untersten Grunde der Gesellschaftspyramide als ein kleiner, von heftiger Selbstempfindung bebender Stein liegt, kommt es auf Einzelheiten der Lebensführung überhaupt nicht mehr an. Die deutschen Soldaten, die Gemeinen, mögen als niedrigste Schicht des Heeres bereits einem harten Druck ausgesetzt sein; aber sie geben diesen Druck weiter an die ungezählte Masse der Bürgerbevölkerung eines besetzten Landes, gegen die ein Soldat im feldgrauen Rock, der ein Seitengewehr umgeschnallt hat, immer noch als Herr wirkt. Und diese Bevölkerung selbst birgt einem gefangenen Russen gegenüber, gar wenn er sich auf der Flucht befindet, gefahrdrohende Möglichkeiten in sich. Ein Bauer, ein Jude, selbst ein Weib, dem man dann begegnet, trägt Leben, Schicksal, Freiheit des Gefangenen auf Gunst oder Ungunst in den Händen. Nicht tiefer kann man innerhalb der menschlichen Gesellschaft sinken, als zu solchem kriegsgefangenen russischen Soldaten – geflüchtet oder ausharrend. Denn eine Stufe tiefer langt man bereits beim Haustier an, das sich von den gefangenen Männern nicht etwa durch Arbeit unterscheidet – arbeiten müssen beide – sondern dadurch, daß es eßbar ist, welche Eigenschaft sich ja auf Katzen und Hunde bereits ausgedehnt hat, von Pferden zu schweigen.

Und dennoch: der Mensch, der unter diesen Umständen, eingepfercht zwischen scharfriechende Hölzer und lebendig begraben, im Dunkeln seinen Weg geschüttelt wird, der Mensch, der im Finstern in seinem Rucksack kramt, seine Lage wechselt, bald liegt, bald gekauert sitzt, dem alle Glieder schmerzen und dessen Stirn, Schläfen, Hinterkopf auf schwindelnde Art allmählich unerträglich zu schmerzen beginnen: dieser Mensch lacht und kichert in die Schwärze des Wagens vor sich hin. Es fehlt nicht viel, daß er sich eins singe oder pfeife. Er ist glücklich, dieser Mann Grischa, der Gefangenschaft entronnen zu sein, in das wilde und wahllose Abenteuer der Flucht hineingesprungen zu sein wie in eisiges Wasser. Das sprengt ihm, wenn es zu Bewußtsein kommt, nahezu das Herz. Denn da ist niemand mehr, der ihm kommandiere. Innerhalb seiner hölzernen Umwallung schläft er, wenn er will, und wacht, ißt und raucht, wann es ihm beliebt. Er fühlt das ungeheure Glück, endlich einmal mit sich allein zu sein. Besser die harten Hölzer am Ellenbogen zu spüren als alle Stunden des Tages und der Nacht rechts und links einen Nebenmann zu haben; tausendmal besser überm Kopf die harte splitterige Bohlenladung als Blick, Gegenwart und Druck des Vorgesetzten. Und daher mag kommen – vielleicht auch durch die Betäubung, die allmählich von den Dünsten der zerschnittenen Kiefernleiber ausgeht –, daß er seit Jahren nicht so geschlafen hat wie alle diese Tage und Nächte, benommen, schmerzenden Kopfes und doch heilsam wie der Schlaf eines Genesenden, dem die Gottheit ihr Angesicht wieder zuwendet.

 

Grischa hatte seine Flucht nicht ausgeklügelt; das Leben bestätigt umständliche Berechnungen selten, sprunghaft und willkürlich geht es mit jeder Stunde um, seinen Gesetzen gemäß, und wer weise ist, richtet sich nach seiner Willkür. Er hatte gelegentlich, hie und da, bei den Bahnmannschaften und den Zugbegleitern behutsam vorgefühlt, wohin solch ein Wagen das viele Holz bringe, das sie herrichteten; wie der Bahnhof heiße, auf dem die Wagen in neuen Zügen verteilt auseinanderglitten gleich den Geschicken von Menschen, die sich nach einer Zeit der Gemeinsamkeit trennen müssen; nach welcher Himmelsrichtung etwa diese Ladungen rutschten. Zur Front fuhren alle, und die Front zog sich in einer mannigfaltigen gebeulten Linie zwischen Dünaburg und den Österreichern östlich hin, den Leib des heiligen Rußland mit einem scheußlichen Riß nordsüdlich durchschneidend. Zwar galt ihm gleich, an welcher Stelle er den Übergang zwischen den Gräben bewerkstelligte; doch aber walteten auch hier Unterschiede. Er konnte – er mußte sogar auf dem kürzesten Wege ans Ziel zu kommen suchen, der Entdeckung und der Nahrung wegen; aber diese Wagen, gebunden an die Schienenstränge, fuhren vielleicht ungeheure Bogen nach Süden oder Norden bis zu ihrem östlichsten Punkte; auch standen sie manchmal halbe Tage. An den Rufen der Männer, am Stoßen und Zerren der Lokomotive, an ihren Pfiffen, am Vorwärts und Rückwärts des Rangierens erkannte er Orte, an denen der Zug sich teilte oder verlängerte. Er besaß eine Uhr; wenn sie auch im Dunkeln nicht leuchtete, gab es doch Streichhölzer, mit denen man zu gleicher Zeit seine Pfeife anstecken konnte. Durchschnittlich fünf, sechs Tage sollte solch ein Wagen laufen, bevor sein Inhalt wieder auf Feldbahnen umgeladen wurde. Grischa hatte die Absicht, in der vierten Nacht seine Fluchthöhle zu verlassen.

Aber er hielt so lange nicht aus. Sein Körper empörte sich. Gegen drei Uhr früh, am Morgen des vierten Tages, da der Zug schon zwei Stunden in einer Umgebung von völliger Lautlosigkeit gestanden, lüftete er vorsichtig die Deckplanken und spähte umher. Seinen Augen, an die starre Lichtlosigkeit des Grabes gewöhnt, erschien die Welt halbhell, im tiefsten Schweigen. Unerhört und beglückend strömte die eisige Luft in seine Nasenflügel, schmerzend vor Kälte, und in seine Lungen, die überhaupt nicht mehr gewohnt waren, wirklichen Sauerstoffs teilhaft zu werden. Zur Rechten ragte, wie der Abbruch einer Hochfläche steil abstürzend, durch die ein Fluß sich in Jahrtausenden gesägt hat, ein Waldrand. Zur Linken dieses Flusses, der Eisenbahn nämlich, lief eine Art Landstraße am Bahngleis hin, auch sie von der Mauer des Waldes begrenzt. Vorne ahnte er die Lokomotive sehr weit weg von sich; die Aussicht ward ihm von hochgebauten Güterwagen und einem Bremserhaus verstellt. Rückwärts, hinter ihm, mit einer sogenannten Plane aus wasserdichtem Leinen hart verschnürt, türmte sich der Berg eines mit Preßheu elefantenhaft bepackten Wagens.

Er hatte Decken und Zeltbahn bereits marschfertig aufgeschnallt. Jetzt ließ er das ungefüge Bündel an einem Rucksackriemen vorsichtig hinabgleiten, kletterte, einen Augenblick vollständig sichtbar, auf die Holzladung, schob auf dem Bauche liegend die Planken seiner Dachung wieder unverdächtig zur Fläche glatt und ließ sich neben seinem Rucksack in den Schnee fallen. Seine Füße, des Gehens ungewohnt und auf gewisse Weise blutlos, trugen ihn zunächst nicht. Die Stille, in seinen Schläfen brausend, ward alsbald zu der lautlosen Ruhe einer Winternacht. Ganz vorn funkelten Lichter, die Lampen eines Stellwerks, einer Hütte: ein kleiner Halteplatz, vielleicht eine Weiche, wie es ihrer Dutzende in den Wäldern gab. Grischa wußte weder, wo er sich befand, noch eine Himmelsrichtung. Er belud sich mit seinem Rucksack, dann sprang er im vollen Bewußtsein großer Gefahr in drei, vier Sätzen über die Straße. Dabei stieß sein Fuß an einen gebogenen Gegenstand, der Krücke eines Stockes gleich. Ein Stock, der fehlte ihm, er griff danach und riß aus dem Schnee das fast stofflose Gerippe eines alten großväterischen Schirmes, der von der bayrischen Mannschaft eines Truppentransports ein paar Tage als Faschingsspaß verwendet und endlich weggeworfen worden war. Grischa umklammerte das ungefüge Gestell, preßte die Speichen in seine Faust. Sekunden später schloß der Wald hinter ihm seine tiefverhangenen Schneeäste. Trotz vollkommener Dunkelheit, geringer allerdings als die Nacht seines Sarges, brach er sich herzklopfend und schweißüberströmt fast eine halbe Stunde zwischen den Stämmen durch.

Vorn an der Bude der drei Eisenbahnsoldaten, die diese Weiche verwalteten, standen die Bremser und der Lokomotivführer des Zuges und tranken heißen »Kaffee«.

»Habt ihr hier Wild?« fragte der Heizer.

»Wild? Abgemeldet«, antwortete der Mann am Klappenschrank des Bahntelefons, das Ankunft und Abfahrt der Züge durchsagt und Befehl empfängt und weitergibt.

»Das haben wir längst alle gemacht. Drin im Dickicht ist natürlich noch was zu holen. Aber da wag du dich nur rein! Felix, erzähl doch mal, wie du Weihnachten einen Braten besorgen wolltest, und wie wir dich nach vier Stunden mit Schießen und Pfeifen herauslotsen mußten.«

Felix, Rübenmus auf dem Kommißbrot verteilend, schauderte unwillkürlich. Obgleich er die Kameraden in der Nähe wußte und sich darauf verlassen konnte, sie würden ihn suchen gehn, graute ihn noch in der Erinnerung vor der Angst, mit der er im weglosen Walde plötzlich seiner eigenen Spur begegnete. Daß er auf ihr je zurückfinden könnte, schien ihm trotz hellen Tages unmöglich, bis er die Signale hörte, von der Hütte her gefeuert.

»Nee«, schloß der erste. »Braten is hier nich mehr.«

Der Bremser, der eben ein halbhohes Tier, Rehbock vielleicht, vom Heuwagen hatte naschen sehen, hütete sich, ein Wort davon zu verlauten. Die Kunst, durch stachlige Reden einem Menschen das Leben sauer zu machen, war im Heere bis zur Meisterschaft ausgebildet. Außerdem saß es sich hier am heißen Ofen bei gutem Lichte und süßem Malzkaffee viel zu gemütlich – bis das Zeichen: »Strecke frei« durchs Telefon klingeln würde. Man konnte ja später nach Spuren leuchten.

Natürlich ertrank binnen zwanzig Minuten sein Vorsatz in einer Aussprache über den Friedensschluß und einem Spielchen Sechsundsechzig, als das erwartete Fahrtzeichen sie mitten im Gewinnen weiterwarf.

Viertes Kapitel

Der Wald

Die alte, feurige Lüchsin in ihrem dichten graugelben Winterpelz hätte von selber nie daran gedacht, Mensch zu essen, und gar toten. Aber eines Tages hinter frischem Hasengeruch ihren Pirschpfad zwischen den Stämmen entlangtrabend, begegnete sie dem neunzehnjährigen Forsteleven August Säpsgen aus Tharandt in Sachsen nahe den viereckigen Höhlen, in deren einer sie mit ihren beiden weichen Lüchschen jetzt hauste, und die sich die Menschen damals in die Erde gewühlt hatten, als sie mit ihren ungeheuren Maschinen die Nächte hindurch den Wald als Donnerer erschütterten. Jener Tage war sie mit allen andern Tieren, die zur Nachtjagd Stille brauchen, weit nordwärts gewandert und erst vor einigen Monaten versuchsweise zurückgekehrt, als sich der Winter oben gar zu grimmig anließ. Die Menschen waren weg, die großen donnernden Schälle, aber die Höhlen standen noch, und in der abseitigsten machte es sich die Lüchsin für die Zukunft bequem.

Sie war dem jungen Säpsgen in einer für ihn durchaus unpassenden Haltung begegnet, die grimmige Lüchsin auf ihrer Fleischjagd. Der Mensch lag, nur von seiner eigenen Haut bekleidet, mit gespreizten Beinen und Armen mitten auf diesem Wege und war tot – noch nicht sehr viele Stunden tot, als die Lüchsin ihn anschnitt; und nach einigen Wochen fand dieser Tod mit dem Vermerk »Vermißt« seine Buchung. Die Gendarmen auf der Polizeistation Cholno hatten es ihm prophezeit, dem jungen, gerade ausgebildeten Dragoner, den ihnen das Bandenbekämpfungskommando zugeteilt hatte, damit er als geschulter Waldmann auf der kleinen ausgesetzten Polizeistation seinen Dienst tue. Sie hatten ihn gewarnt, sich allein auch nur eine Viertelstunde weit in den Wald zu wagen. Aber da der junge Mann sie, die ununterbrochen nach Frieden ausschauten, gründlich verachtete und hochfahrend belehrte, er pfeife auf Deserteure, feiges Gesindel, entlaufene Gefangene und all den Dreck, das Zivil – worauf sie, Schwaben aus der Gegend von Bietigheim, äußerst knurrige hinterhältige Spottreden gegen den jungen Dachs führten – gedachte er ihnen zu zeigen, was ein Jäger sei, und reizte damit seinen Schutzengel … Auf seinem hübschen gescheckten Wallach Viktoria, mit dem braven Polizeihund Lissi als einzigem Beistand, ließ er sich immer wieder zu heimlichen Sonntagnachmittagsritten verlocken, die schimmernd einsame Waldschlucht entlang, die zu der verlassenen Geschützstellung (von Anno Fünfzehn her) führen sollte. Nach zwei herrlichen Stunden Trabens gab da Lissi plötzlich scharf und zornig Laut, die Zähne fletschend nach der Urwalddickung hin, die rechts und links undurchdringlich die Schneise rahmte. Und anstatt sofort kehrtzumachen oder zum mindesten den Karabiner von der Achsel in den bewegten Busch zu feuern, tippte der arme Junge auf einen Fuchs und bückte sich, den Hund von der Leine zu lassen. Ja, und dann schmetterte ein Schuß, ein einziger leiser Pistolenschuß aus nächster Nähe gegen seine unglückliche Schläfe, und die beiden Fremden, die so unverschämt nahe bei Cholno jagten, zogen um einen Hundebraten, ein prächtiges lebendes Pferd, einen tadellos neuen Mantel mit Waffenrock, Hose, Stiefeln und Unterkleidung, einen Kavalleriekarabiner Modell Achtundneunzig nebst Munition und etwa zweiundzwanzig Mark baren Geldes reicher »nach Hause«, August Säpsgen als Hohn und Drohung für seinesgleichen in dem ewigen Kriege zwischen den Verfemten und den Landjägern mitten auf dem Pirschsteig liegen lassend.

Am Abend, als der Mond seine leicht angeknabberte Apfelgestalt über den Tannen enthüllte, schloß dann die Lüchsin auf ihre Weise mit August Säpsgen Bekanntschaft. Und so fanden am Montag früh die Württemberger Spuren der drei Sonntagsausflügler nur bis zu diesem bestimmten Punkte, wo die Stapfen des Pferdes und Fußspuren von Männern weiterhin unter Tannen zu verfolgen unratsam war, weil aus jeder Dickung plötzlich Gewehrfeuer des Kleinkriegs losbrechen konnte; während von Säpsgen und Lissi außer großen Blutungen im Schnee Zeichen nicht mehr zu finden waren. (Wilde Tiere verscharren in Hungerwintern sehr geschickt auch große Beute.) Natürlich erfolgte auf diese Frechheit der Banden hin Meldung nach Grodno und ein sorgfältiges Treiben durch den Urwald, soweit in seiner Unwegsamkeit, trotz des furchtbaren Frostes, davon die Rede sein konnte. Aber was richten neun Mann, selbst wenn sie außer sich vor Wut über diesen Mord ihr Letztes hergaben, in den kurzen Stunden hinreichender Helligkeit auch aus?

So kam es, daß die Lüchsin, die den Menschen gegessen hatte, vor einem neugewitterten Mann keine unbedingte Scheu empfand. Eines Nachts kreuzte sie zum ersten Male seine Spur; sie legte ihre Pinselohren flach und folgte ihr. Beunruhigt, zu gleicher Zeit verheißungsvoll des köstlichen Bratens gedenkend, leckte sie sich die Lippen, und ohne Jagd und Junge zu vernachlässigen, spähte sie ihn Abend für Abend aus – ihn, der sich krachend und stampfend, aus Gründen, die sie sich nur falsch deuten konnte, nach einer sie sehr beunruhigenden Richtung durch den Wald arbeitete. Dieser Mensch ist Grischa Iljitsch Paprotkin, Flüchtling und einstiger Bewohner eines lauschigen Güterwagens.

Er hatte geglaubt, was Wald sei, zu wissen; kein kleiner Irrtum, wie sich herausstellte. Durch ein Dickicht, an das niemand je die Axt gelegt zu haben schien, brach er sich im lautlosen Taglicht zwischen Morgen und Nachmittag nach einer Gegend durch, die er für Osten hielt. Längst wußte er ohnmächtigen und erbitterten Herzens, er habe das Lager zu früh verlassen; mitten im Winter stak er jetzt und mitten im Walde, und der kleine Kompaß an seiner Uhrkette allein bewahrte ihn, seine Kraft nicht vollständig in Kreisen zu erschöpfen und an der Bahnstation zu landen, von der aus er sich ins Gehölz geschlagen hatte. Er fiel beständig in Gruben voller Schnee und entrann ihnen wieder, stürzte über Baumstämme, die irgendwann niedergebrochen und langsam im Vermorschen vom Schnee in Fallen verwandelt wurden, und hing in alten Brombeersträuchern fest. Ohne Beil behalf er sich mit dem scharfen festen Dolche eines französischen Marinefähnrichs, den er in seinen Stiefelschaft gerettet, als man ihn an der Westfront zum Bergen und Begraben von Gefallenen verwandte; noch war er in seiner Mühsal auf jenen Weg nicht gestoßen, der von Cholno aus spiralig und gegen Fliegersicht nach Möglichkeit gedeckt, jetzt auch zum Teil schon verfallen, in die ehemalige Geschützstellung führte. Durch den unwegsamsten Ausschnitt des ungeheuren moorigen Waldgebietes brach er sich eigensinnig und ahnungslos seinen Weg. In den Bezirken entlaubter Buchen, Eschen und Erlen, die in den sumpfigeren Teilen weite Strecken füllten, kam er zwei Tage lang schnell vorwärts – da der Boden gefroren und hart wie Stein unter seinen Füßen von Wasser nichts verriet, wußte er nicht, weshalb er hier so oft ausglitt, stürzte, sich zerschlug. Dann, bei langsamem Anstieg des Waldbodens, fanden sich Kiefernschläge, durchsetzt mit riesigen Eichen und Fichten, und endlich mächtige Birken, deren Schlankheit erst weit über Mannshöhe aus dem schwarzen Borkigen der Rinden in das linnene Weiß des Stammes überging.

Nach der stumpfen Kälte des schüttelnden Waggons hatte er es jetzt mit der frischen, schneidenden der lebendigen Luft zu tun, aber er fürchtete sie nicht; wie überhaupt noch keine Minute lang Furcht oder Reue seine Seele überwältigt hatte. Dumpfer Grimm gegen die Schwierigkeiten, die sich ihm widersetzten, und darunter die unbiegsame Entschlossenheit eines Menschen, der ein Ziel hat, gaben seinen Stimmungen den Grundton. Seine Stiefel, mit der ganzen Wissenschaft eines alten Soldaten weich und wasserdicht durchfettet, die Schäfte gegen Schnee von oben mit Bindfaden zugebunden, und auch die spröde Pulvrigkeit des monatelang durchfrorenen Schnees sicherten ihm trockene Glieder. Und Abend für Abend entzündete er unter dem Schirm einer Fichte oder eines unterholzgesicherten Jungwuchses das Feuer, das ihn wärmte und ihm Fleisch gar briet.

Er war, aus der Kulturzeit längst ausgeschieden, zum Jäger geworden gleich dem wilden Litauer oder Weißrussen eines längst vergangenen Jahrtausends. Von Jungenstagen her und ihren Streifzügen durch die Felder um Wologda und die Steppe kannte er genau die Fährten von Kaninchen; Proviant würde ihm nicht fehlen. Seit einer Woche hinterließ er in der Wildnis und dem Schnee seine Stapfen und Feuerstellen. Und nicht nur die Lüchsin hatte seine Anwesenheit bemerkt.

Er jagte mit Bogen und Pfeilen; der Schirm, den er auf der Landstraße geerbt, wurde in seinen Fingern, wieder nach einem Rezept seiner Knabenjahre, zu einer sehr brauchbaren Waffe. Bündelt man nämlich fünf der langen stählernen Speichen mit Schnur, deren jeder Soldat längere oder kürzere Stücke im Rucksack führt, aufeinander, und spannt man aus besonders zähem Bindfaden eine Sehne zwischen den Enden des so entstehenden Bogens, so hält ein richtiger Junge eine Schußwaffe in Händen, mit der sich auch gegen Tiere mancherlei ausrichten läßt. Die übrigen Speichen und auch die kurzen des Schirms geben ausgezeichnete Pfeile, wenn man sie am oberen Ende abknickt, dort, wo eine Öse die Befestigung der Schirmseide ermöglicht: als Spitze eine winzige Gabel, die sich mit Steinen schärfen läßt. Als er den Schirm auflas, den er der Krücke nach zunächst für einen Stock gehalten, erhoffte er sich erst nur eine Stütze, dann ein Schlafdach über seinem Kopfe aufgestellt und mit der Zeltbahn behängt. Aber unter den lockeren Gerippen der Laubbäume unterschied er bald Tierspuren: neben vielen unbekannten, die er für Hunde hielt (wobei er sehr irrte, wie wir wissen), auch die von Hasen, Kaninchen und den kleinen Jägern, den Geflügeldieben – Iltis und Wiesel – in zarten Schnüren durch den Schnee gezogen; und da fertigte er sich den Bogen.

Er besaß noch eine hohe Büchse Rindfleischkonserve halbvoll und teuer bezahlt, einundeinhalbes Säckchen Zwiebacke und einen tüchtigen Kanten harten Brotes; im grünen Winkelgezelt einer Fichte, in dem er schon mittags sein Nachtquartier aufschlug, lauerte er wie ein anderer Jäger auf dem Anstand, den Pfeil an der Sehne, den schmalen Wildpfad beobachtend, der an ihr vorüberzog. Die Füße in die Decke gewickelt, auf dem Rucksack sitzend, den Rücken an den Stamm gelehnt, hielt man einige Zeit wohl aus.

Und als das frühe Nachmittagslicht vom gelben Himmel fiel, erlebte er den Triumph, einem ahnungslosen wohlwollenden Kaninchen den Pfeil durch die Kehle zu jagen, als es behäbig den gewohnten Pfad, der bei Tageslicht noch nie gefährlich gewesen, entlanghoppelte, um unten von jungen Birken zu äsen. Triumphgefühl des urmenschlichen Jägers, als Grischa die erste Beute an den warmen Ohren ins Dickicht zog! Erfahren genug, um zu wissen, daß ein Kaninchen selten allein in der Welt umherstrolcht, blieb er wachsam. Viel schneller, als er darauf antworten konnte, sauste mit zurückgelegten Löffeln ein anderes vorüber, hinter dem wie ein weißer Blitz ein Ding, ein Tier hinfuhr. Wiesel, dachte er ärgerlich; man durfte den Pfeil überhaupt nicht mehr von der Strippe lassen! Schließlich kam er in Besitz eines zweiten, kleineren Kaninchens, und nun genug und Feuer angemacht unter der Tanne, gerade dort, wo er sich befand. Er schnitt einen kräftigen Ast von ihr und fegte den Grund vom Schnee klar; aus einer Menge anderer grüner Wedel machte er sich eine Art Streu, über die er die Zeltbahn legte. Dann brach er sich einen Arm voll dürrer Äste, die, wenn sie ein Jahr tot sind, vom Schnee nur noch außen befeuchtet werden können, und ging im übrigen, mit seinem Stock unterm Schnee wühlend, auf Raub nach Brennholz aus: krachende Stämmchen, große Äste; sein Messer verschaffte ihm schließlich noch eine von Frost und Schnee niedergebrochene junge Birke, die nur noch an einem, allerdings armdicken Bündel von Fasern am Stumpfe haftete.

Nun war Feuermachen bis zu dem Punkte gediehen, wo der urzeitliche Jäger, zu dem er sich entwickelt hatte, in den Menschen der letzten Zivilisation umschlug. Kein Urjäger und Pfeilmann hätte so durchfeuchtetes oder außen nasses Geäst mit Feuerschwamm anzustecken vermocht. Grischa aber, von seiner Zeit in Frankreich her, kramte aus seinem Rucksack ein pralles, rundes Säckchen, tellergroß, Rohseide: schwärzlich-graue, runde Scheibchen enthielt es, an Größe, Dicke und Gestalt hörnernen Knöpfen einer Jägerjacke gleich – Haubitzpulver, um möglichst großer Ausnützung willen, um im Geschützrohr so langsam als möglich zu verbrennen, in diese Gestalt gepreßt. Zwei von ihnen, mit dem glühenden Ende einer Zigarette leicht berührt, ließen eine Zündflamme auffauchen, deren Hitze vorjährige, vielfach zerknickte Zweige keinen Augenblick widerstehen konnten. Noch bevor sie recht ins Prasseln kamen, schichtete Grischa behend grobe Prügel und zu oberst den Baum weislich über sie, mit jener Kunst des Feuermachens, die keinem Feldkämpfer unbekannt bleibt; so besaß er in wenigen Minuten alles, um eine Winternacht hindurch unter einer Tanne am Leben zu bleiben: Kochfeuer, Schlafenswärme – denn die zerbrannte Birke glühte und krachte und knisterte die Nacht durch leise weiter – und den Schutz vor Gefahren, die er allerdings nicht ahnte.

Die Lüchsin beobachtete ihn argwöhnisch von hohen Ästen, flach liegend, unsichtbar wie ein Gespenst. Daß er auf weithin treffen konnte, glaubte sie nicht; denn der Stock, den er besaß, erinnerte in nichts an jene Stöcke, aus denen sie Knall und Feuerstoß hatte springen sehen. Aber er störte sie. Wäre nur das dumme Glühen und Knistern und der beißende Qualm neben ihm nicht gewesen! Knurrend und fauchend legte sie ihre von Pinseln gekrönten Ohren zurück und starrte mit den runden, weißen Lichtern im Katzengesicht und dem runden Bartkranze hinab auf das furchtlose Ding, das dort in Decken gewickelt lag und dessen starke, helle Augen den ihren noch nie begegnet waren.

Anderthalb Tage später stand Grischa mit einem Ausruf des Staunens vor einer Lichtung mitten im Wald. Von Cholno aus hätte er die spiralige Schneise benützen können, auf der der arme Tharandter Forstjunge vor vier Monaten gelegen. So aber fand er sich erst vor geknickten Bäumen, dann vor dem Stämmewirrwarr gestreuter Volltreffer; weiter vorn, den ehemaligen Stellungen zu, vervielfältigten sich Trichter, gekappte Buchen, mit dem vollen Wurzelgeflecht umgelegte – und ein schmaler Fahrweg zwischen Baumstümpfen führte ihn zu der Hügelseite, in die jene deutsche Haubitzbatterie sich für einige Zeit eingegraben hatte. Erst stutzte er, spähte lang und horchend durch den lautlosen Nachmittag. »Gut«, murmelte er, »sehr gut«, als er erkannte, wie lang, Jahre alt, diese Einschläge zurücklagen. Abgesägte Buchen und Eichen! Hier warteten Unterstände auf ihn. Mitten im Walde würde er ein paar Tage lang in der herrlichen Gemütlichkeit des einsamen Menschen seine Wäsche waschen, sich von Läusen befreien und seine Beine ausruhen können. Über ihren Weg täuschen mochten sich andere Leute. Nordost, Südost – Osten jedenfalls witterte seine Nase. Laß ihn nur erst ein bißchen verschnaufen; dann würde sich ein Gewisser aus der erbitternden Unsicherheit, wo eigentlich er hier stak, schon befreien, und wie er seinen Weg weiter finden werde, ohne den Deutschen die Freude zu gönnen, Nr. 173 Nawarischkij-Lager wieder einzufangen!

Als er die Unterstände tief verschneit, sorgfältig eingerissen und alles Brauchbaren beraubt fand, spie er fluchend über diese deutschen Geizhälse und doch auch wieder lachend über seine Wut in den Schnee: kein Ofen, kein alter Feldkessel, nicht eine einzige Geschoßhülse spendierte ihm der Wust von Trümmern und Brocken zum Dank für sein Buddeln! Und den Unterstand des Beobachters, ziemlich weit ab in ein Hügelchen sorgfältig eingeschnitten, entdeckte er nicht in der weißen Welt, trotz ausdrucksvoller Tierfährten. Übrigens hatte ihn ein glücklicher Steilschuß der tüchtigen russischen Feldartillerie von der Eingangsseite her ganz und gar verschüttet; nur sein verschindelter Rauchfang bot Eingang ins Innere – freilich nicht für Menschen. Dort schleckten und spielten auf einem Bett von Holzwolle die pantherfleckigen Kätzchen der Lüchsin, der letzten Herrin der Wälder.

Dennoch beschloß Grischa, an dieser Stelle zu übernachten. Zu verlockend boten sich riesenhafte Holztrümmer zerschossener Bäume und beliebig lange Drahtreste von Telefonleitungen an, die sich außerordentlich gut eigneten, Tierschlingen aufzustellen und Kochgeschirre bequem über ein großes Feuer zu hängen. Als beim Mondaufgang die Lüchsin ihren Bau verließ, warf Wut und Entsetzen sie fast auf ihre Hinterkeulen zurück: der Mensch, dieses schweifende, gefährliche und wohlschmeckende Ding, so nahe ihrem Bau, sollte nicht voll böser Absichten hier umherstöbern? Sie hatte die Größe einer niedrigen, ausgewachsenen Bulldogge, Klauen aus Stahl und ein Gebiß, das dem eines kleinen Panthers um nichts nachgab. Aufgebäumt auf dem stärksten unteren Aste einer mächtigen Weißtanne, die in ihrem Wipfel noch die Kanzel des Mannes am Scherenfernrohr trug, verfolgte sie mit glühenden Blicken die nachlässig schlendernde und stochernde Gestalt des Feindes, der zwischen den großen Löchern der Hügelkette hin und her ging, sich bückte, sich aufrichtete und Hölzer schleppte, von denen sie schon wußte, daß sie das abscheuliche Feuer, diese große, rote, heiße Pflanze wachsen machten. Außerdem verschreckte er mit seinen trampelnden Hufen, ungeschickter als die jedes anderen Tieres einschließlich des Pferdes, all die kleinen Wühler, welche die Stollen in der Südseite des Hügels bewohnten, und an denen sie sich für vergeudete Stunden hatte entschädigen können. Tief unentschlossen in ihrem wilden, besorgten Herzen kauerte sie da, ununterscheidbar im Schattengrün des Nadeldickichts, und erwog die Jagd auf den Menschen. So nah an ihrem Bau hatte kein größeres lebendiges Wesen das Recht, sich umherzutreiben.

Jede Höhlung kannte sie in der zerfleischten Hügelseite, jeden Winkel, jeden Tümpel. Sie hatte zwischen dem blechernen Gerümpel der Konservenbüchsen, die nach Heringslake und ranzigem Fett appetitlich rochen, Mäuse und Ratten gejagt, die auf wunderbare Weise sich dort angesiedelt und vermehrt hatten, gejagt, bis nur noch sehr behutsam einer der pfiffigen, dreisten Nager seinen Schwanz zwischen den Drahtknäueln und dem Papierunrat zu zeigen wagte. Jeder Fußbreit Bodens dort wartete unterm Schnee mit Gegenständen auf, die beim Betreten Lärm machten, sich unversehens bewegten, die aber harmlos waren, keine Fallen. Der Mensch dort wanderte herum, bückte sich, sammelte. Bald würde der Feuerstrauch wieder in Blüte stehen. Geräuschlos ließ sie sich, auf ihre mächtigen Hinterkeulen gestützt, die känguruhähnlich den Luchs von allen Katzen unterscheiden, am Stamm hinab.

Der Himmel gelb überflammt gab dem Schnee seine sanften Farben und blauen Schatten. In den Spitzen der Tannen regten sich leise und silbrig die Abendstimmen der letzten Meisen, die sich im dichten Wipfelwerk der Kiefern und Tannen vor der großen Eule, deren jagendes »Huhu« eben hohl und drohend von irgendwoher herabfiel, nicht zu fürchten brauchten.

Grischa spähte neugierig nach der Gegend hin, aus der er den Eulenruf, den Jagdruf des großen grausamen Uhus, vernommen zu haben glaubte. Er hätte den mächtigen Nachtmahr gar zu gern erblickt. In ihm bohrte leidenschaftliches Verlangen nach all dem Tierleben, in das er seit einer Woche eingetaucht. Solange er nicht das Wintergeheul der Wölfe vernahm, mit deren Taten man seine Jugend das Fürchten gelehrt, die große Gestalt des murrenden Bären ihm nicht den Weg verlegte oder der schiefbeinige, hauerbewehrte Keiler seine unterlaufenen Blicke gegen ihn richtete, kannte er den Tieren gegenüber nur jene brennende Lust am Beobachten ihrer Spiele und Lebenswege, die mit dem tötenden Jäger versöhnen könnte. Aber Grischa fand in sich keine Jagdlust vor, seit ihn der Rock des Zaren erst zum Menschenjäger und dann zu gefangenem Wild verzaubert. Ohnehin neigte er zum Töten nicht mehr als jeder beschäftigte Mensch. Vollends jetzt nach seiner Befreiung – seiner Auferstehung, wie er es nannte – strahlte so viel guter Wille und Lebenlassen von ihm, daß er, von seinen Kaninchenbraten abgesehen, zum Umbringen lebendiger Dinge aus Übermut völlig unbrauchbar gewesen wäre. Er hätte etwas darum gegeben, wenn er aufwachend in den Nächten vorher die dunklen Laute verstanden hätte, die Rufe der Tiere im Walde! Eine gewisse Angst, in der Finsternis mit seinem Feuer allein zu sitzen, hätte er nicht gut leugnen können – und erst ohne es … Aber mit ihm hielt er ja gerade all die fern, die er so gern beobachtet hätte: die schmalen Rehe, die kleinen, bösen Jäger – Marder, Iltis, Wiesel – die lautlos fliegenden Eulen, die Baumkatzen, die es geben sollte, Wildkatzen nannte man sie, dickköpfig, schwarzgestreift die helleren Felle.

Langsam unter einem grünen Himmel fielen die Schatten blauer Dämmerung über den Schnee und verspannen den unregelmäßigen Abhang der Bäume gegen die künstliche und zerwühlte Lichtung zu einer Mauer bläulicher Schwärze. Zeit, zu dem Unterstand zurückzugehen, den er sich schließlich für diese Nacht wohnlich gemacht und vor dem er seinen Scheiterhaufen getürmt hatte: ein dreiseitiger Winkel, dem ein Stück Überdachung geblieben war. Nachdenklich hatte Grischa gemurrt, als er Geschützstände und ehemalige Keller so gut wie jeder Planke brauchbaren Bauholzes entblößt fand. Dies pflegten die Deutschen sonst nicht nötig zu haben; und welche abrückende Batterie konnte sich’s leisten, sich noch mit Bohlen zu beschweren? Gut, dachte er, hat sie der Teufel genommen, so wird er sie gebraucht haben; und mit seiner Schirmkrücke vorfühlend, Bogen und Pfeile quer durch den Brotbeutel geknöpft, erklomm er die Höhe, hinter der das vierte Geschütz der Stellung seine Granaten in die Luft geworfen hatte. Schon erkannte und vermied man die schneegefüllten Trichter leicht: eingesunken, von Mittagssonne getaut und wieder gefroren, zeichneten sie sich als leicht vertiefte Zirkel Eises.

Mit großem Erstaunen erblickte er dort im Schnee gut zwanzig Meter von ihm weg ein Tier, fahlgrau, das, als er auftauchte, bewegungslos geduckt, und mit dreisten Lidern stockte. Grischa wußte von Luchsen gar nichts. Daß das kein Hund sei mit seiner buckligen Kruppe, sah er sofort; also wohl eine arme Baumkatze, die halb verhungert auf die Knochen rechnete, wenn er sein Kaninchen abgeknabbert haben würde. Er lockte sie, indem er »Miau« rief und mit den Fingern zu schnalzen versuchte, was in Handschuhen aber schlecht ging. »Heute sollst du Fettlebe haben, du großes, festes Luder!«

So gekauert, in ihrer angstvollen Wut und Unsicherheit gelähmt, sah die Lüchsin nicht größer als eine gute Schäferhündin aus und nicht den fünften Teil so gefährlich wie sie war, mit ihren mächtigen Sprungkeulen, den gebogenen Messern vorn an den Tatzen eines kleinen Panthers und den Mordzähnen hinter den Lefzen, die sie mit leisem Knurren zurückzog. Dies gab ihrem Gesicht einen lachenden Ausdruck. Und Grischa, betroffen von der Haltung dieses unbekannten Biests, immer schärfer hinsehend, fand plötzlich, das Ding sei ihm, Grischa, ähnlich! Ungeheuer erheitert erkannte er sein eigenes rundes Gesicht, seinen Bartkranz rundherum, seine etwas schief stehenden, durchdringend hellen Augen, seine breite, kurze Nase und sein mächtiges Gebiß; und er brach in herzhaftes Gelächter aus, lachte wie ein Junge, die Fäuste auf die Schenkel gestützt, wie er seit Aljoschas Späßen nicht mehr gelacht hatte.

»Komm, Bruder«, schrie er, »komm zum Feuer, Brüderchen!« und ein neues Lachen rollte prächtig und mit Haha über den dämmerstillen abendlichen Ort.

Das sollte eine Lüchsin auch ertragen! Entsetzt fauchend machte sie kehrt; das schnatternde Gebrüll dieses Tieres und seine weißen Zähne verrieten ein Kraftgefühl, dem sie nicht gewachsen war, und mit der Schnelligkeit, dem lautlosen Sausen des höchsten Entsetzens verschwand sie den nächsten Augenblick im Dickicht. Bei ihren Kätzchen erholte sie sich von der unbeschreiblichen Verblüffung, die das erste menschliche Gelächter ihr bereitet hatte. Für diese Nacht gab sie noch Milch genug her, um ihnen den Magen zu füllen. An Jagd vom Lager weg war nicht zu denken, solange dieser Feind in der Nähe spukte; zum Glück hatte sie sich die letzten Wochen um ihre Ratten nicht gekümmert, und so liefen ihr auf kurzem Pirschgange zwei oder drei der fetten wohlschmeckenden Überlebenden eines einst fröhlichen Volkes in den Weg. Scheu sah sie von jenseits der beschneiten Hügel den Schein des großen Feuerstrauches und den Rauchbaum, der daraus erwuchs.

Da flammte nun der größte Brand, den Grischa sich jemals gestattet. Die Hitze in seinem Winkel erlaubte ihm, endlich einmal ohne Stiefel und Hosen bloß im Unterzeug zu schmoren und zu warten, daß seine Suppe im Kochgeschirr gar werde: Kaninchensuppe mit eingebrocktem Brot, richtig gesalzen! Bis dahin säuberte er sein Hemd von Läusen, besonders in den Falten am Halse und den Nähten der Ärmel wohnten sie wie Bienen. Es war herrlich, den schneeabgeriebenen Oberkörper nackt von der Glut anstrahlen zu lassen; trotz des Hungerwinters ballten sich ihm gute Muskelbündel. Manchmal kicherte er noch vor sich hin in Erinnerung an die Baumkatze, die erst mit ihrem hohen Hinterteil wie ein Weib oder ein Buckliger im Schnee kauerte und dann wie der Teufel davonprustete. Ging es ihm nicht großartig, hier einsam mitten im Walde?

So ganz allein saß er eigentlich nicht. Wenigstens hätten das die beiden Menschen finden können, die jenseits der Lichtung am Fuße einer großen Tanne nach ihm auslugten, dort, wo ein Waldbach im Sommer einen ansehnlichen Teich durchwässerte. Der eine, auf ein Infanteriegewehr gestützt, hatte sich sein Urteil über ihn gebildet; der andere, einen kleinen Karabiner, eine ausgezeichnete moderne Waffe, umgehängt, spähte scharf nach dem Lichtfleck des Feuers.

»Deutscher nicht«, sagte er dann. »Wozu brauchte er hier zu übernachten?«

»Ausgerückt sein«, meinte der andere.

»Ein größeres Feuer hätte sich ein Verrückter auch nicht leisten können, was meinst du, Koljä?« lächelte spöttisch der mit dem Karabiner.

»Man könnte ihm von hier aus die Kugel geben«, antwortete Koljä bedächtig, »aber es ist nicht nötig. Daß er zu uns gehört, riecht ein Hund mit dem Schwanze.«

Der Kleinere, eine deutsche Soldatenmütze mit Schirm – eine Offiziersmütze – tief über den Hinterkopf gezogen, sah aus beschatteten energischen Augen noch einmal lange hinüber. Er sei für Vorsicht, sagte er dann. Warum sollte das nicht ein Spion sein, von Cholno ausgeschickt als Lockvogel? Das wäre erst noch zu untersuchen.

Überrascht blickte Koljä dem kleineren und schmäleren Kameraden in die Augen – in hellgraue unbewegliche Blicke, zwischen denen eine Falte in der braunen Haut stand über einer merkwürdig breitgedrückten Nase.

»Glaubst du, sie liegen im Hinterhalt? Ach Babka!«

Der Babka genannte Mensch wiegte den Kopf hin und her. Daß sie im Hinterhalt lägen, glaube er nicht, meinte er mit tiefer, verrauchter Stimme – heiserem, unmännlichem Alt. Er glaube überhaupt nichts; sonst hätte er wohl vorhin nicht Koljäs Lauf beiseite gezogen, als der Bursche drüben vor seinem Feuer vergnügt hin und her spazierte und einen guten Schuß ermöglichte. Er wolle aber wissen. Es sei reichlich spät geworden heute abend, der Rückweg zur »Wohnung« werde ihnen ohnehin bei Mondlicht gegen Mitternacht leichter fallen als jetzt. Das beste sei, dem da drüben ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Entweder könne man ihn dann mitnehmen oder gleich beerben.

Obwohl Grischa durch die blendende prasselnde Wand solcher Flammen auch einen heranrückenden Mörser nicht gewahrt hätte, wandten die Fremden sich am Waldrand hin, überquerten schneeknirschend die Mündung des von Cholno heranführenden Weges und schritten gebückt, immer im Schatten der Bäume, einen Halbkreis, bis sie das Feuer nur noch als einen hervorbrechenden Schein von der Seite sahen.

Grischa schmeckte es köstlich: er schlürfte, schmatzte, leckte den Löffel ab. Dann zog er vorsichtig eine große alte Konservenbüchse von der Glut weg, in der unterdes Schneeklumpen zu heißem Wasser sotten, und bürstete mit einem tüchtigen Busch Kiefernadeln das Kochgeschirr wieder so fettfrei, daß er auf ziemlich klaren Tee hoffen durfte. Mit großem Schwung goß er das Spülwasser aus dem gereinigten Gefäß hinüber in die vom Feuer völlig unsichtbare Finsternis.

»Verflucht«, schrie russisch eine Stimme. »Ein guter Willkommensgruß, Kamerad!« und Koljä trat lachend in den Lichtschein. Ein großer blonder Mann im russischen Soldatenmantel und mit einer sehr vertragenen russischen Gardemütze.

Grischa stockte für eine Sekunde erblassend das Blut ums Herz. Gefangen! Waffen hingen an den beiden Ankömmlingen, er aber stand nackt vom Hosengurt aufwärts, und sein Dolch lag unterm Rock hinten in der Ecke.

»Noch Platz für uns, Kamerad?« fragte Koljä unbekümmert, zufrieden mit der Wirkung eines guten Auftritts. »Bist unterwegs wie wir, gottverlassen allein in der wilden Nacht. Komm, laß uns einen Schluck Tee haben und ein bißchen Wärme von deinem kleinen, kleinen Feuerchen.«

Grischa schlug sich vor die Stirn. Welch ein Esel, er. Mit solchem Feuer lockte man alles an, was Augen hatte! Und er gab mit resigniertem Schulterzucken und hängenden Armen den Eingang frei und sah mit Erstaunen den Zweiten, einen häßlichen Jungen, wie ihm schien, einen recht plumpen Jungen, der einen schönen grünen Reitermantel und eine Offiziersmütze trug, die zu seinem Gesicht paßte wie eine Halskrause zur Baumkatze. Da hatte er nun Gäste! Deutsche waren es nicht. Darüber machte er sich alsbald keine Gedanken mehr. Ihm wurde wieder leicht und warm. Ein paar Minuten saßen sie in unbehaglichem Schweigen und sahen zu, wie die Schneeballen im Topfe schmolzen, brodelten, schwammen.

»Kameraden«, begann Grischa dann herzlich, »immer besser, mit der Wahrheit vornweg zu sein. Spione der Deutschen seid ihr nicht, nicht wahr? Werdet mich nicht wieder ausliefern ihren Stacheldrähten und besessenen Befehlen. Waffen habt ihr, ich seh’s ja, und ich nackte Arme, aber eh ihr nun meinen Tee trinkt und wir Gäste sind miteinander, sagt mir ruhig, wie’s ist, denn ich bin ihnen ausgerissen, das ist die Wahrheit, und nach Hause will ich zu Marfa Iwanowna, meinem kleinen Weib, und ich habe genug von den letzten Jahren, und wenn jetzt drüben Frieden wird, will ich dabei sein.«

Tief überrascht sahen die beiden Bewaffneten einander an. Hier sprach ein Mensch mitten im Walde die Wahrheit – ein Mann, völlig bei Sinnen, mit Jungsaugen in einem redlichen Gesicht, eine russische Seele.

»Wirst weit kommen, Bruder, wenn du so überall deine Wahrheit betest«, meinte Koljä trocken, indem er ihm die Hand hinstreckte. »Bist du schon lange unterwegs, ist’s ein Wunder, daß sie dich noch nicht gekriegt haben.«

Grischa lachte und schüttelte seine Hand, und Koljä lachte und drückte sie, und dann sahen sie den dritten seinen Karabiner hinter sich in die Unterstandsecke stellen, das Koppel abschnallen, den Mantel ausziehen und im grünen Waffenrock des ehemaligen Dragoners Säpsgen, die Mütze auf dem Kopfe wie jeder rechte Soldat, dasitzen und sich die Beine vorsichtig wärmen, damit die Stiefel nicht litten.

»Gib mir auch die Hand, Junge«, sagte Grischa gemütlich, und der Babka Genannte streckte sie ihm hin, kleiner als eine Männerhand, hart, schwielig, von unzähligen kleinen Runzeln zerfurcht wie die Hand einer in Küchenarbeit verbrauchten Frau.

»Und gleich wird Tee sein«, sagte Grischa. »Wie kommt ihr hierher? Und da ihr nun wißt, wer ich bin, vielleicht erfahre ich. wer ihr seid? Es soll Banden von freien Männern im Walde geben«, schloß er vorsichtig. »Im Nawarischkij-Lager ging die Rede davon, aber ich dachte nicht …«

»Der Wald ist überall gut für Leute, die wissen, was sie wollen«, sagte der heisere Knabe. (Oder was du immer sein mögest, dachte Grischa, indem er ihn ansah, ein richtiger Mann bist du bestimmt nicht, häßlich siehst du aus, besonders siehst du aus, mit deinen Breitauseinander-Augen und der Flatschnase!) Und indem er Grischa kühl in die Lider sah, streifte er seine Mütze mit einem Ruck über den Hinterkopf ab und zeigte einen Strang von grauweißem Zopf, das lange, eng geflochtene Haar einer alten Frau.

»Babka bin ich« (Babka heißt Großmutter in der Kindersprache der Russen), »dies ist Koljä, und wie heißt du?«

Und Grischa nannte seinen ganzen Namen: Grischa Iljitsch Paprotkin, Vorarbeiter in der Seifenfabrik, Wologda; und dann tranken sie Tee und unterhielten sich von dem Geschäft, das die beiden herführte. Sie hatten einen Rehbock gejagt und bei dieser Gelegenheit prüfen wollen, ob die Balken und Bohlen des letzten Unterstandes, gerade dessen, in dem sie augenblicklich saßen, noch eine Fahrt mit dem Schlitten wert wären. Sie nämlich hatten die ehemalige Stellung der Deutschen hier so gründlich abgebaut; und Grischa erfuhr nun endlich, wo er sei: in einem mächtigen Bogen schon mit der Bahn nach Süden abgewichen war er, und wieder südlich durch den Wald – die Front lag Hunderte von Werst weiter östlich, buchtete aber an dieser Stelle ziemlich tief nach Westen aus. Südlich seiner Bahngeleise wäre er hoffnungslos der Feldpolizei in die Arme gelaufen. »Aber jetzt«, schloß Koljä die Erklärungen, »kommst du zu uns, und da wird es dir nicht schlecht gehen, armer Hund.«

Grischa verschwieg höflich seine Zweifel. Er betrachtete kritisch die alte Frau mit der jungen Stimme und den jungen Augen, ihre kräftigen dicken Knöchel in Stiefel und Reithose, die ihr gewiß nicht angemessen worden waren. Sie hat sie »geerbt«, dachte er in seiner Soldatensprache weiter; auch hier ist Krieg. Er wurde sehr schläfrig. Das Kochgeschirr, allmählich leer, stand schief im Schnee.

»Bist müde, Kamerad«, sagte diese Babka. »mach ein Schläfchen, du hast noch einen kleinen Marsch heute nacht bis zu unserer Wohnung.«

Was für eine junge Stimme, dachte Grischa, und junge Augen. Ein Weib immerhin! Aber sie hat recht: warum nicht ein paar Tage bei diesen Gejagten ausruhn? Er zog sich den Waffenrock an, wickelte sich in den Mantel und legte sich, Kopf auf dem Rucksack, schlafen, als wäre er allein. Koljä bat ihn lachend um eine seiner Decken und machte es sich neben ihm bequem. Babka, vorgebeugt auf dem glatten Baumstumpf sitzend, der mitten im Unterstand als Schemel oder Tisch aufragte, stieß die glühenden und krachenden Enden dicker durchgebrannter Scheite dem Glutherd zu, der weiter milde Hitze verstrahlte. Von Zeit zu Zeit gingen ihre Blicke zu den Gesichtern der schlafenden Männer, dem schnurrbärtig vertrauten von Koljä und dem rund von blondem Kraushaar umwucherten dieses neuen sonderbaren Grischa, der sich einbildete, mit der Wahrheit durch die Front zu kommen. Er läuft in den Tod, wenn man ihm nicht hilft, dachte sie. Wer sich vornimmt, was dieser große Junge da angefangen hat, muß zur Not schon mit der ganzen Welt fertig werden können. Mag er bei uns bleiben: es wird gut für ihn sein, und wir haben einen Schützen mehr. Sie zündete sich eine Pfeife an, und indem sie gelegentlich in die Glut spie, dachte sie über die Wege der Menschen nach, wie sie in dieser Zeit durch den Wald liefen und sich verknoteten. Sie war nicht älter als vierundzwanzig. Mancherlei hatte sie selber angetan und erlitten. Diese Lebenstage hingen nicht voller Rosen und Zuckerzeug.

Als über die schwarze Zackenkrone des Waldes drüben der Mond sein halbes Gesicht schob, erwachte sie aus leichtem Schlaf im Sitzen; den Zähnen entfallen lag die Pfeife zwischen ihren Absätzen. Sie weckte die Männer; der Weg auf dem Eis des gut gefrorenen Baches war jetzt im Halblichte nicht zu verfehlen.

Fünftes Kapitel

Guter Rat

»Gott wird mich schützen«, sagte Grischa ernst. Er lag wohlig sich ahlend auf der breiten hölzernen Pritsche in Babkas zerwühlten Decken und sah nicht aus wie einer, den Gott schützen wird.

Babka lachte denn auch. Ruß und Brodem des Lagers von den Backen gewaschen und von ihrer immer noch energisch durchfurchten Stirn, sah sie mit brauner Haut hellen Auges auf diesen Mann, um dessentwillen sie sich für einige Zeit in eine junge derbe Magd zurückverwandelt hatte: in Hemd und Unterrock, mit bloßen beschmutzten Füßen, muskelharte Brüste unter der Leinewand; und in zwei dünnen langen Zöpfen hing neben ihren Backen das altmachende Weißhaar. Zwischen ihren Lippen die Zigarette und die Arme im Nacken verschränkt, saß sie auf dem Rande des Bettes und lachte über Grischa.

»Gott wird dir helfen!« wiederholte sie. »Soldat, Idiot! Wer aber wird Gott helfen?«

Der Unterstand, mit seiner Rückseite in den Sandhügel gewühlt und umgeben von Birken und Buchen, die länger als zwei Jahrhunderte von nichts angefochten ihre Kronen im Herbst- und Frühlingssturm gestählt hatten, schien unter dem Prasseln der Regengüsse sich zu ducken. In der linken Ecke tropfte durch undichte Dachpappe Wasser gelblich in den aufgestellten Eimer. Im Waschen der Regenschauer erblindete von Zeit zu Zeit das kleine Fenster, das, schmal und lang, bevor es Babkas Bude erhellen durfte, dem Aborte eines Gutshauses gedient hatte.

»Warum soll man Gott helfen, Frau?« fragte Grischa weiter im unerschütterlichen Ernste seiner Gedanken. Er sah um gut fünf Jahre jünger aus; sein langer Bart, unter Fedjuschkas Messer gefallen, hatte ihn zurückversetzt in die Zeit vor der Gefangenschaft, und unter seinen Augen standen nicht mehr die hoffnungslosen Falten der sinnlichen Begierde und der Verzweiflung, und die Backenknochen hoben sich nicht mehr hart wie die eines Häftlings aus der Haut.

»Weil Gott längst nichts mehr zu sagen hat, Soldat, Idiot«, setzte sie, starr in die linke Ecke des Unterstands blickend, dort, wo der Wassertropfen regelmäßig in den Eimer klang, ihre theologische Belehrung fort. »Weil der Teufel ihn in den Ziegenstall gesperrt hat mitsamt dem Sohne, und der Heilige Geist im Taubenschlag gurrt und auf ihren roten Polsterstühlen im Himmelssaal der Teufel seine dreckigen Soldatenstiefel hinlümmelt. Ging es ihm je so gut? Daß er heute alles zu sagen hat und Gott nichts, das merkt doch ein Blinder.«

Grischa runzelte die Stirn. »Glaubst du an den Teufel statt an Gott, und bist du christlich auf den Namen der heiligen Mutter Anna getauft, Anna Kyrillowna?«

»Das ist es doch. Der verlangt ja gar nicht, daß man an ihn glaubt. Er will nichts weiter als seine Sache machen und läßt dich die deine machen und kümmert sich einen Dreck um Glauben und Nichtglauben. Meinst du, die Deutschen etwa glauben an den Teufel? Aber sie dienen ihm mit Schwung und Peitschenknall. Die Deutschen, will ich dir sagen, besuchen jeden Sonntag Gott in der Kirche mit Entschuldigungsvisite, weil sie nichts glauben, und gehn dann ihrer Wege und leisten sich, was sie für gut halten. Und wir anderen: die Russen glauben, und die Juden glauben, und die Litauer und die Polen – alle glauben und alle an Gott, und wie stehts mit ihnen? Das vierte Jahr schon winseln sie unter dem Stiefel des Deutschen, und wenn er ihnen das Geld wegnimmt und Saatgetreide und die letzte Kuh und ihnen verbietet, in ihrem eigenen Lande umherzureisen und die Polizisten an jedem Ort dir in den Hintern treten können und beim Verhör dich mit Peitschen schlagen oder mit Gewehrkolben, bekommst du nachher einen gestempelten Zettel, daß alles in Ordnung war, und diesen Zettel kannst du dir ins Gebetbuch legen, Soldat, Idiot, oder du kannst sonst was mit ihm machen. Der Deutsche aber glaubt, er hat durch diesen Zettel Recht und Gewissen im Lande. Nein, mein Lieber«, schloß sie grimmig, »als ich noch mit Zetteln und Polizisten und Beitreibungen geplagt wurde, da ging es mir wie uns allen im Lande und noch ein bißchen schlechter, kannst dir denken, denn um nichts und wieder nichts hat man nicht mit vierundzwanzig solches Werg am Kopfe hängen wie ich hier, weiß und grau, wie eine Katze in der Dunkelheit. Aber als ich begriffen hatte, was hier gespielt wird und, statt vor den Polizisten Angst zu haben, machte, daß vielmehr sie vor mir Angst haben und im Dämmern überhaupt nicht mehr auf meine Straßen kommen und am Tage nur zu zweien oder dreien, da ging es mir so gut, wie es einem eben gehn kann, wenn Gott im Ziegenstall eingesperrt ist und der Deutsche die Welt regiert.«

Grischa lauschte nachdenklich dem ungeheuren Brausen des Aprilsturmes in den Wipfeln, aus denen krachend Brennholz für morgen herunterbrach, und den Güssen, dumpf trommelnd und hell platschend, mit denen der Frühling den Schnee wegwusch von dem zernarbten Gesicht der guten alten Erde. Ihm atmete sichs fast unheimlich in diesem kleinen, ziemlich sauberen und mit Sorgfalt verschalten Raume hier, halb Unterstand und halb Baracke, ganz und gar errichtet aus den Überresten jener alten Artilleriestellung – Baumkatzenort nannte er sie in seinen Gedanken –, der in Deckung vor Wind und Wetter stand wie ein Feldgeschütz vor Fliegern. Er wäre lieber, anstatt solche Reden zu sagen und zu hören, hinüber in den großen Schlafraum gegangen, in dem er die ersten Tage mit all den andern gelebt, bis er hierher zum Geliebten des Häuptlings aufrückte. Oh, er wollte Anna Kyrillowna, die Babka, auch nur in Gedanken nicht preisgeben! Er hatte seit wieviel Jahren zum ersten Male wieder eine Frau in den Armen gehalten und den Schenkeln – und welch eine! – und alle Gedanken in ihrem Kopfe, soweit sie sich auf ihn richteten, waren gute Gedanken, mütterliche Gedanken; und seit Jahren, seit einer Schar von Monaten nicht mehr hatte so freundliche und stärkende Luft um ihn geweht. Warm, wie vom Ofen her, von einem Herzensofen, sprühte sie und machte ihn glücklich und kräftig und wieder neu. Aber was sie da sagte, diese Frechheiten – unheimlich, ein Weib so zu hören.

Babka fiel in seine Gedanken ein: »Unheimlich, ein Weib so zu hören, ja, Soldat, Idiot? Weißt du, was ein Wald ist? Oben stehen ruhig und manierlich die Bäume, einer neben dem andern, und wenn der Deutsche den Wald in der Mache gehabt hat, stehen sie sogar ausgerichtet und machen: Augen links. Unten aber, Grischa, wimmeln die Wurzeln durcheinander; verfilzt und verschmitzt wie Wollsträhnen fressen sie einander jede Stunde, und jede Minute würgen sie einander, verbissen wie Schlangen, die Wurzeln. Schabst du das bißchen Erde weg, auf dem wir krabbeln und die Tiere, dann stehst du auf einem Kuchen von Wurzeln, Meilen über Meilen über Meilen, und wenn sie Stimmen hätten, heulten sie Tag und Nacht und ächzten wie Männer, die eine Eisenbahnschiene schleppen, und wie die Wipfel jetzt, wenn der Wind mit ihnen nach Belieben macht wie ein Mann mit einem Mädel. Nein, mein Lieber, das ist keine gottgeschaffene Welt, wie der Priester uns erzählt hat und wie die Juden in ihrem Buche lesen. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, das kann sein, denn manchmal sieht sie ja hübsch aus, und man spürt was Gutes, wenn einen die Sonne bescheint, und man liegt im Walde, und der junge Wuchs macht mich betrunken mit Gerüchen, und die Eichkätzchen oben im Wipfel und die Krähen, die durch die Luft segeln, zeigen, daß hier manches in Ordnung ist; aber durchgeführt hat er sie nicht, diese Himmel- und Erdmacherei. Kannst mirs glauben, daß ihm einer dazwischengepfuscht hat und dem Menschen ins Gehirn gespuckt, daß es glühend wurde, und überhaupt das Lebendige angesteckt hat mit irgendwas. Denken kann ich nicht«, schloß sie, indem sie ihre Zigarette an der Tischkante ausdrückte und in die Ecke warf, und ihre nackten Arme spielten in einer völlig unbewußten tierhaften Anmut; »aber sehen!«

Grischa, der Liegende, blickte nachdenklich zur Decke empor, in deren Ritzen langbeinige Spinnen überwinterten. Vorsichtig stelzte ein großer Weberknecht, durch den Regen beunruhigt, an ihr entlang, und sein Leib, dieser Knoten lebendiger Substanz, wippte in dem geknickten Gestänge seiner acht Beine.

»Ja«, sagte er, »sieh dir nur die Bilder von den Kaisern und Königen und Generälen an – die Zeitungen streuen sie ja umher! – Hübsch sind sie nicht, und gesegnet schaun sie nicht gerade aus! Hast du Schieffenzahns Gesicht gesehn? Er nimmt sich wie eine Kröte mit einem Vogelschnabel aus«, und Grischa lachte, »aber er hat schon drei große Schlachten gewonnen. Und hier im Lande macht er, was er will, sagen die deutschen Soldaten.«

Babka blickte verloren zu dem Marienbild hinüber, das in der Ecke über einem kleinen roten Öllichtchen mit Tannen umsteckt seinen Altar hatte.

»Ich will es dir erzählen«, setzte sie ein blitzschnelles Selbstgespräch laut fort. »Wir waren vier und die Mutter; der Vater ein alter Mann, aber ein tüchtiger Pflüger, zwei Jungen und ich. Und drüben in Amerika noch zwei Brüder, die fleißig Dollar verdienten und uns manche schickten, als es uns schlecht zu gehn begann; geschickte Arbeiter. Einer sitzt auf dem Fahrsitz eines Dampfpfluges, weißt du, und pflügt dir in einem Tage das halbe Reich Litauen um, und der andere, in Chicago schlachtet er Schweine.

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