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Der Stern der Pandora

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Prolog
  5. Eins
  6. Zwei
  7. Drei
  8. Vier
  9. Fünf
  10. Sechs
  11. Sieben
  12. Acht
  13. Neun
  14. Zehn
  15. Elf
  16. Zwölf
  17. Dreizehn
  18. Vierzehn

 

Peter F. Hamilton

Commonwealth-Saga

Der Stern
der Pandora

ROMAN

Ins Deutsche übertragen von
Axel Merz

Prolog

Der Mars dominierte den Raum draußen vor der Ulysses, ein aufgeblähter schmutzigroter Halbmond von einem Planeten, der es nie ganz bis zu einer Welt geschafft hatte. Klein, kalt, öde, luftleer war er nicht mehr und nicht weniger als die kältere Version der Hölle des Sonnensystems. Und doch hatte seine leuchtende Präsenz am Himmel den größten Teil der menschlichen Geschichte dominiert: zuerst als Gott, der Generationen von Kriegern inspirierte, dann als Ziel für zahllose Träumer.

Und jetzt war er für NASA Captain-Pilot Wilson Kime festes Land geworden. Zweihundert Kilometer jenseits der schmalen, gebogenen Cockpitscheibe des Landefahrzeugs konnte er die dunkle Spalte des Valles Marineris ausmachen. Als Junge hatte er auf die Technofantasien der Aries Underground Group zugegriffen, verzaubert von der Vision, wie eines Tages in einer nicht näher spezifizierten Zukunft schäumendes Wasser durch dieses weite Tal schießen würde, während nicht zu bremsende menschliche Genialität das gefrorene Eis befreite, das unter der rostigen Landschaft eingesperrt lag. Heute würde er der Erste sein, der diese staubigen Krater durchwanderte, die er auf Tausenden von Satellitenphotos studiert hatte. Er würde der Erste sein, der den legendären roten Staub durch seine behandschuhten Finger rieseln ließ. Heute würde ein glorreicher Tag werden.

Wilson verfiel automatisch in eine Tiefenfeedback-Atemübung, um seinen Herzschlag zu beruhigen, bevor die Realität dessen, was im Begriff stand zu geschehen, seinen Metabolismus beeinflussen konnte. Er würde diesen gottverdammten Medizinern daheim in Houston ganz bestimmt nicht die Chance geben, seine Fitness in Frage zu stellen und die Steuerung über das Landefahrzeug zu übernehmen. Acht Jahre hatte er in der USAF gedient, einschließlich zweier Dienstzeiten im Kampfeinsatz in Japan für die Operation Deliver Peace, gefolgt von weiteren neun Jahren bei der NASA. All die Vorbereitungen und die Erwartungen, die Opfer, seine erste Frau und ein vollkommen entfremdetes Kind, das ewige VR-Training in Houston, die Pressekonferenzen, die nervenzerfressenden PR-Touren durch Fabriken – all das hatte er ertragen, weil es zu diesem einen Moment an diesem heiligsten aller Orte geführt hatte.

Zum Mars.

Endlich.

»Initiiere VKT Entfernungsmessung, vergleiche RL-Akquisitionsdaten«, befahl er dem Autopiloten des Landefahrzeugs. Die bunten Linien des holografischen Displays auf der Cockpitscheibe begannen, ihre geometrischen Muster zu ändern. Mit einem Auge behielt Wilson den Timer im Blick: acht Minuten. »Evakuiere BGA System und Verbindungstunnel zum Mutterschiff.« Mit der linken Hand legte er die Schalter auf der Konsole um, und winzige LEDs leuchteten als Bestätigung auf. Manche Dinge würde die NASA niemals einer Stimmerkennungssoftware anvertrauen. »Beginne nicht-propulsive BGA Evakuierung. Erwarte Bestätigung der Abtrennsequenz vom Primärschiff.«

»Roger that, Eagle II«, erklang Nancy Kressmires Stimme in Wilsons Kopfhörer. »Telemetrieanalyse zeigt Landefahrzeug voll einsatzbereit. Energiesysteme des Primärschiffs bereit für Abkoppelmanöver.«

»Bestätige«, meldete Wilson dem Captain der Ulysses. Türkis- und smaragdfarbene Spinnweben im Innern der Cockpitscheibe gerieten elegant in Bewegung und meldeten den internen Energiestatus des Landers. Die scharfen Primärfarben wirkten irgendwie befremdlich über der fahlen Einöde der rauen marsianischen Landschaft draußen. »Schalte auf volle interne Energiezellen. Ich habe siebenmal Grün für die Umbilikalabtrennung. Ziehe Verbindungstunnel zum Primärschiff ein.«

Alarmierend laute, metallische Geräusche dröhnten durch die kleine Kabine, als der Luftschleusentunnel des kleinen Raumfahrzeugs in den Rumpf gezogen wurde. Selbst Wilson zuckte unwillkürlich zusammen angesichts des aufdringlichen Lärms, und er kannte das mechanische Layout des Landers besser als seine Entwickler.

»Sir?«, fragte er. Laut den NASA-Vorschriften war der Lander nach dem Abtrennungsvorgang vom Mutterschiff rein technisch betrachtet ein vollkommen eigenständiges Schiff, und Wilson war nicht der kommandierende Offizier.

»Die Eagle II gehört Ihnen, Captain«, sagte Commander Dylan Lewis. »Bringen Sie uns runter, sobald Sie bereit sind.«

Im vollen Bewusstsein der aufzeichnenden Kamera im hinteren Teil der Kabine antwortete Wilson: »Danke sehr, Sir. Wir sind online und werden planmäßig in sieben Minuten vollständig abgedockt haben.« Er konnte die Aufregung in den fünf Passagiersitzen hinter sich förmlich spüren. Sie alle gehörten zu den Besten der Besten und hatten so viele Auszeichnungen und Belobigungen erhalten, dass man sie in Flaschen abfüllen konnte. Und doch, jetzt, wo der Augenblick tatsächlich gekommen war, vermochten sie sich nicht mehr zu beherrschen, sondern waren nervös wie eine Bande Schuljungen auf dem Weg zu ihrer ersten Strandparty.

Der Autopilot ging die verbliebene Preflightsequenz durch, während Wilson die Liste kontrollierte und die entsprechenden Befehle erteilte. Er hielt sich gewissenhaft an die Mensch-in-der-Kette-Tradition, die bis zu Mercury VII zurückreichte und ihren epischen Kampf darum, dass Astronauten mehr waren als nur lebendes Fleisch in einer Konservendose. Punktgenau auf die Sieben-Minuten-Marke wurde der Verriegelungsbolzen eingezogen. Wilson feuerte die RCS-Korrekturtriebwerke und schob die Eagle II sanft von der Ulysses weg. Diesmal gab es nichts, was er an seinem rasenden Herzschlag hätte ändern können.

Als sie sich vom Mutterschiff entfernten, war die Ulysses vollständig in der Cockpitscheibe zu sehen. Der Anblick ließ Wilson glückselig grinsen. Das interplanetare Raumfahrzeug war das erste seiner Art: eine unansehnliche Ansammlung zylindrischer Module, Tanks und Träger, die ein rundes Gitterwerk von zweihundert Metern Durchmesser bildeten. Aus dem Perimeter ragten lange pechschwarze Solarpaneele wie Plastik-Blütenblätter, die allesamt dem Lauf der Sonne folgten. Mehrere der Habittatmodule waren im Muster des Sternenbanners bemalt und wirkten neben dem silber-weißen Thermoschaum, der jeden Zentimeter der Aufbauten einhüllte, unmöglich schrill. Direkt im Zentrum des Fahrzeugs und umgeben von einem ausladenden Ring silberner Wärmeabstrahlpaneele befand sich die hexagonale Kammer, in welcher der Fusionsgenerator untergebracht war, der den zehn Wochen dauernden Flug erst möglich gemacht hatte, indem er die Plasmatriebwerke konstant mit Brennstoff versorgte.

Es war der kleinste Fusionsreaktor, der jemals gebaut worden war: original Made in America, ein echtes Stück modernster Hochtechnologie. Europa war immer noch mit dem Bau seiner ersten beiden kommerziellen Fusionsreaktoren unten am Boden beschäftigt, wohingegen die USA bereits fünf derartiger Kraftwerke in Dienst genommen hatten. Weitere fünfzehn befanden sich im Bau. Und die Europäer verfügten über nichts Vergleichbares zu dem hoch komplexen Generator der Ulysses.

Verdammt, manche Sachen kriegen wir noch immer richtig gut hin, wenn wir es wirklich wollen, dachte Wilson stolz, während die strahlende Ansammlung von Weltraum-Hardware immer weiter in der ewigen Nacht zurückblieb.

Es würde mit Sicherheit noch wenigstens ein Jahrzehnt dauern, bis die FESA so weit sein würde, ihre eigene Mars-Mission auf die Beine zu stellen. Bis dahin wollte die NASA eine selbsterhaltende Basis auf dem eisigen Sand von Arabia Terra errichtet haben. Hoffentlich würde die Weltraumagentur dann auch mit dem Einfangen von Eis-Asteroiden begonnen und vielleicht sogar eine Expedition zum Jupiter gestartet haben. Ich bin noch nicht zu alt, um daran teilzunehmen, dachte Wilson. Sie brauchen erfahrene Commander.

Ihn überkam ein Anflug von Neid angesichts dessen, was in der mittleren Zukunft noch alles kommen würde, die Ereignisse und Wunder, die ihm möglicherweise durch Beschränkungen im Budget und durch den Zeitplan knapp entgehen würden.

Die Europäer können es sich erlauben zu warten.

Während die USA dank des vorherrschenden Einflusses der religiösen Rechten im Verlauf der vergangenen Präsidentschaften jegliche genetische Forschung im Zusammenhang mit Stammzellen eingestellt hatte, hatte die Bundesregierung in Brüssel Unmengen von Geldern in die biogenetische Forschung gesteckt und spektakuläre Ergebnisse erzielt. Heute, nachdem die anfänglichen Mängel in der extrem kostspieligen Produktion ausgebügelt waren, hatte Europa angefangen Menschen zu verjüngen. Der erste Mensch, der der neuen Behandlung unterzogen worden war, war in einem Klimax globaler Publicity gestorben, doch im Verlauf der darauf folgenden sieben Jahre hatte es achtzehn erfolgreiche Behandlungen gegeben.

Weltraum und Leben. Die separaten Interessen sprachen Bände über die Art und Weise, wie sich die Kulturen der beiden größten westlichen Machtblöcke im Verlauf der letzten drei Jahrzehnte auseinander entwickelt hatten.

Heute begannen Wilsons amerikanische Zeitgenossen zögernd damit, ihre Einstellung im Hinblick auf genetische Manipulationen zu überdenken. Es gab bereits die ersten Gerüchte über karibische und asiatische Kliniken, die Multimilliardären Verjüngungsbehandlungen anboten.

Und das Vereinte Europa bemühte sich einmal mehr, den amerikanischen Vorsprung in der Weltraumforschung zu verringern, in dem verzweifelten Bemühen, der Welt zu beweisen, dass es den Amerikanern auf jedem Feld mindestens ebenbürtig war, wenn nicht gar überlegen. Angesichts des gereizten politischen Klimas, in dem der gesamte Planet gegenwärtig verharrte, hieß Wilson den Gedanken willkommen, dass die beiden Blöcke sich endlich wieder ein Stück weit einander annäherten – allerdings erst, nachdem die Amerikaner auf dem Mars gelandet waren.

»Erste deorbitale Bremszündung in drei Minuten«, meldete der Autopilot der Eagle II.

»Bereithalten«, befahl Wilson. Fast instinktiv überprüfte er den Druck der Treibstofftanks gefolgt von der Zündungsprozedur des Hauptantriebs.

Drei hypergolische Raketentriebwerke im Heck des kleinen Raumfahrzeugs feuerten einhundert Sekunden lang und schoben den Orbit auf eine Ebene hinunter, die durch die dünne Atmosphäre des Mars führte. Das sich daran anschließende Luftbremsmanöver dauerte über neunzig Minuten lang, während derer die Marsatmosphäre sich an den ausladenden Deltaflügeln des Landers rieb und auf diese Weise seine Geschwindigkeit aufzehrte. Im Verlauf der letzten fünfzehn Minuten konnte Wilson einen ganz schwachen hellrosa Schimmer auf der stumpfen Nase der Eagle II erkennen. Es war der einzige Hinweis auf die tobenden Gewalten ultraschneller Gasmoleküle, die auf den Rumpf einhämmerten. Der Abstieg verlief unglaublich sanft, und die Gravitation nahm nach und nach zu, während sie der kraterübersäten Landschaft von Arabia Terra immer weiter entgegen sanken.

Bei einer Höhe von sechs Kilometern aktivierte Wilson die dynamischen Profilflügel. Langsam fuhren sie bis auf ihre volle Spannweite von einhundert Metern aus und erzeugten auf diese Weise so viel Auftrieb, wie in der dünnen Marsatmosphäre nur irgend möglich war. Mit ihrer Hilfe war die Eagle II sogar richtig gleitfähig, sollte es erforderlich werden. Dann zündete der Turbinenantrieb und beschleunigte das Fahrzeug langsam bis auf eine Geschwindigkeit von konstant zweihundertfünfzig Stundenkilometern. Die westlichste Ecke des gewaltigen Schiaparelli-Kraters kam in der Ferne in Sicht, steile Wände, die sich aus dem zerklüfteten Boden erhoben wie ein vom Wetter zerfressener Gebirgszug.

»Visuelle Bestätigung des Landeplatzes«, meldete Wilson. Seine Systemdiagramme zeichneten grüne und blaue Sinuswellen auf das Cockpitfenster. Das Bodenradar begann, die Aussicht mit einem dreidimensionalen Gitter von Gräben und Spitzen zu überziehen, das sich fast mit dem deckte, was Wilson durch die Scheibe sehen konnte.

»Eagle II, Systemdiagnose bestätigt alles klar zum Landen«, kam das Signal von Mission Control. »Viel Glück, Jungs. Ihr habt ein recht großes Publikum hier unten.«

»Danke, Mission Control«, antwortete Commander Lewis in formellem Ton. »Wir können den Touchdown kaum erwarten. Hoffentlich bringt Wilson uns sanft nach unten.« Es würde noch vier weitere Minuten dauern, bis irgendjemand unten auf der Erde seine Worte hörte. Bis dahin wären sie bereits gelandet … wenn alles glatt lief.

»Kontakt mit Signal der Frachtlander«, berichtete Wilson. »Entfernung achtunddreißig Kilometer.« Er blinzelte durch die Cockpitscheibe, während der Autopilot eine rote Sichtlinie auf das HUD zeichnete. Der Kraterrand wurde stetig größer. »Ah, ich habe sie.«

Zwei staubige graue Punkte auf einem ausgedehnten, ebenen Stück Erde.

Für das letzte Stadium umkreiste die Eagle II langsam die robotisierten Frachtlander. Es waren einfache konusförmige Apparate, die bereits Tage zuvor von der Ulysses zur Oberfläche geschickt worden waren, beladen mit Tonnen von Ausrüstung einschließlich einer kleinen vorfabrizierten Basisstation. Die Frachtlander zu entladen und den geplanten Campus zu errichten sowie in Betrieb zu nehmen, war die Hauptaufgabe, die auf die Crew der Eagle II wartete.

»Bodenscan bestätigt Nutzbarkeit des geplanten Gebiets«, meldete Wilson. Er war fast ein wenig enttäuscht über das Radarbild. Als Neil Armstrong und Buzz Aldrin auf dem Mond gelandet waren, hatten sie hastig die manuelle Kontrolle über ihr Mondmodul übernehmen und es zu einer sicheren Zone steuern müssen, als sich herausstellte, dass der geplante Landeplatz mit Felsbrocken übersät war. Diesmal – einundachtzig Jahre später -hatten Satellitenaufklärung und Orbitalradar-Kartografie derartige Unsicherheitsfaktoren aus dem Missionsprofil eliminiert.

Wilson brachte die Eagle II auf dem vorausgeplanten Weg herum und aktivierte den Autopiloten. »Landegestell ausgefahren und verriegelt. VM Motoren unter Druck und einsatzbereit. Dynamische Flügel im Umformungsmodus. Bodengeschwindigkeit nähert sich einhundert Stundenkilometern. Abstiegsrate nominal. Wir sind exakt im Plan, Leute.«

»Gute Arbeit, Wilson«, sagte Commander Lewis. »Dann lassen Sie uns mal runtergehen.«

»Verstanden, Sir.«

Die Bremsraketen feuerten, und die Eagle II sank, langsam aus dem hellrosafarbenen Himmel. Es waren noch einhundert Meter, als Wilson die Geduld verlor. Er legte vier Schalter um und nahm den Autopiloten offline. Rote LEDs blinkten vorwurfsvoll auf der Konsole. Wilson ignorierte sie und brachte das kleine Raumfahrzeug manuell nach unten. Das war leichter als jede Simulation. Staub schwebte draußen vor der Scheibe hoch, dicht und haftend, als die Abgase aus den Raketenmotoren die Marsoberfläche aufwirbelten. Das Radar lieferte Wilson die finalen Annäherungsvektoren; durch die Cockpitscheibe war nichts mehr zu sehen. Sie landeten butterweich. Der Lärm der Raketenmotoren verhallte. Draußen wurde es allmählich wieder heller, als der aufgewirbelte Staub nach und nach zu Boden sank.

»Houston, Eagle II ist gelandet«, meldete Wilson. Er musste sich zu den Worten zwingen, so trocken war seine Kehle vor Aufregung und Stolz. Er konnte diesen wunderbaren Satz hören, wie er durch die Geschichte hallte, die der Vergangenheit und die der Zukunft. Und ich habe es getan, ich selbst, nicht irgendeine gottverdammte Maschine.

Hinter ihm in der Kabine brandeten Jubel und Hochrufe auf. Wilson wischte sich einen fehlgeleiteten Tropfen Feuchtigkeit mit dem Handrücken aus dem Auge. Dann war er plötzlich mit der Überwachung der Systeme beschäftigt und schaltete den Autopiloten wieder ein. Die externen Instrumente bestätigten, dass sie gelandet waren und sich in einer stabilen Position befanden. Das Raumfahrzeug musste in Oberflächen-Bereitschaftsmodus versetzt werden, um die Lebenserhaltungssysteme der Kabine zu versorgen und die Raketenmotoren warm zu halten, damit der Start nicht zu einem Problem werden würde, und der Status des Treibstofftanks musste kontrolliert werden. Eine schier endlose, langweilige Liste voller Aufgaben, die Wilson mit fehlerlosem Eifer abarbeitete.

Erst nachdem er damit fertig war, stiegen die sechs in ihre Anzüge. Angesichts der chronischen Enge in der Kabine war es ein schwieriger, langwieriger Prozess, bei dem jeder jeden anrempelte. Als Wilson fast fertig war, reichte Dylan Lewis ihm seinen Helm.

»Danke.«

Der Commander sagte nichts, sondern sah ihn nur an, ein unmissverständlicher Tadel für die manuelle Landung.

Zur Hölle mit dir, erwiderte Wilson lautlos. Wir sind der entscheidende Faktor, wir Menschen, die auf den Mars kommen, nicht die Maschinen, mit denen wir herkommen. Ich konnte nicht zulassen, dass uns ein Computerprogramm herunterbringt.

Wilson stand mit den anderen in einer Reihe, als der Commander die kleine Luftschleuse im hinteren Teil der Kabine betrat. Dritter. Ich gehe als dritter. Auf der Erde würden sie sich später alle nur an Commander Dylan Lewis erinnern. Der erste Mensch auf dem Mars. Es war Wilson egal. Ich gehe als dritter.

Auf dem Displaygrid in Wilsons Helm war das Bild einer Außenkamera zu sehen, die unmittelbar über der Luftschleuse angebracht war. Es zeigte eine schmale Aluminiumleiter, die bis in den Marssand hinunter reichte. Commander Lewis kam rückwärts aus der Schleuse und setzte den Fuß langsam und vorsichtig auf die oberste Sprosse. Herrgott noch mal, beweg deinen Arsch!, hätte Wilson ihn am liebsten angebrüllt. Die Telemetrie des Anzugs sagte ihm, dass seine Haut erhitzt und feucht war. Er versuchte sich wieder an einer Tiefenfeedback-Atemübung, doch diesmal schien sie nicht zu funktionieren.

Commander Lewis stieg hübsch vorsichtig eine Sprosse nach der anderen hinunter. Wilson und die anderen in der Kabine hielten den Atem an; Wilson fühlte förmlich, wie ein paar Milliarden Menschen auf der guten alten Erde das gleiche taten.

»Ich mache diesen Schritt für die gesamte Menschheit, auf dass wir eines Tages als ein Volk auf der Straße zu den Sternen wandern mögen.«

Wilson verzog das Gesicht, als er die Worte hörte. Lewis klang unglaublich gravitätisch. Dann kicherte jemand, kicherte laut und deutlich; Wilson hörte es über das allgemeine Kommunikationsband. Mission Control würde außer sich sein vor Wut.

Doch dann berührte Lewis’ Stiefel den Boden, und Wilson vergaß alles andere. Sein Fuß sank langsam in den roten Sand des Mars und hinterließ einen deutlichen Abdruck.

»Wir haben es geschafft!«, flüsterte Wilson in sich hinein. »Wir haben es tatsächlich geschafft, wir sind da!« Ein weiteres Mal jubelten alle in der Kabine, und von der Ulysses kamen Glückwünsche herein. Jane Orchiston kletterte bereits in die Luftschleuse. Wilson missgönnte es ihr nicht – um politisch korrekt zu sein, gab es gar keine andere Alternative, und die NASA war sehr darauf bedacht, es so vielen Menschen wie möglich recht zu machen.

Commander Lewis beschäftigte sich damit, eine hochauflösende Aufnahme seines historischen Fußabdrucks anzufertigen. Ein Erfordernis, das seit einundachtzig Jahren in den Handbüchern der NASA festgehalten war, seit Apollo XI nach Hause zurückgekehrt war und man dieses peinliche Versäumnis bemerkt hatte.

Lieutenant Commander Orchiston stieg die Leiter hinab – ein gutes Stück schneller als Commander Lewis -, und Wilson betrat die Luftschleuse. Er konnte sich nicht einmal mehr an die Zeit erinnern, die die kleine Kammer zum Evakuieren benötigte; in seiner persönlichen Wahrnehmung hatte sie nie existiert. Dann war er draußen und auf der Leiter. Sorgfältig prüfte er seinen Halt, bevor er all sein – verringertes – Gewicht auf die Sprossen setzte. Dann, auf der untersten Sprosse, hielt er kurz inne. »Ich wünschte, du könntest das noch sehen, Dad.« Schließlich stellte er den Fuß auf den Boden, und er war auf dem Mars.

Wilson bewegte sich von der Leiter weg, vorsichtig in der niedrigen Gravitation. Das Blut rauschte in seinen Ohren, und atmete laut in seinem Helm. Das Zischen der Helmbelüftung war allgegenwärtig. Geisterhafte Grafiksymbole der Anzugkontrollen flackerten Ärgernis erregend über sein Gesichtsfeld. Andere redeten ihm direkt in den Kopf. Er hielt inne und drehte sich einmal ganz um die eigene Achse. Der Mars! Dreckiges Felsgeröll und Staub bedeckten den Boden. Ein scharf umrissener Horizont. Eine kleine, grelle, kalte Sonne. Wilson suchte den Himmel ab, bis er den Stern gefunden hatte, der die Erde war. Dann hob er eine behandschuhte Hand und winkte ihr feierlich zu.

»Möchten Sie mir vielleicht dabei helfen?«, fragte Commander Lewis. Er hielt den Flaggenstab in der Hand, das Sternenbanner fest um den Kopf der Stange gewickelt.

»Jawohl, Sir.«

Jeff Silverman, der Geophysiker, war bereits auf der Leiter. Wilson ging zu Commander Lewis, um ihm mit dem Flaggenmast zu helfen. Auf dem Weg dorthin musterte er kritisch die Eagle II. Am Rumpf entlang gab es eine Reihe von Brandflecken, die sich von den Flügelwurzeln nach hinten zogen; allerdings waren sie nur sehr schwach. Ansonsten: Nichts. Das Schiff war in hervorragendem Zustand.

Der Commander versuchte, den kleinen Dreifuß an der Basis des Flaggenmastes auseinander zu klappen. Die dick gepolsterten Handschuhe machten das Unterfangen kompliziert. Wilson streckte die eigene Hand aus, um den Flaggenstab zu halten.

»Yo, Kumpels, wie geht’s denn so? Könnt ihr vielleicht Hilfe gebrauchen da unten?« Der Frage folgte ein Kichern, das gleiche Kichern, das Wilson schon früher gehört hatte.

Wilson kannte die Stimme von jedem Missionsteilnehmer. Wenn man so lange Zeit zusammen mit achtunddreißig anderen Menschen in einem so beengten Raum wie an Bord der Ulysses verbrachte, wurde die Stimmerkennung perfekt. Niemand musste sich mehr mit Namen melden.

Wer auch immer gesprochen hatte, er gehörte nicht zur Crew, und trotzdem wusste Wilson, dass die Stimme in Echtzeit gesprochen hatte und es sich nicht um einen Pirat von der Erde handelte, der sich in den NASA-Funkverkehr gehackt hatte.

Commander Lewis war wie erstarrt. Das Dreibein des Flaggenmastes war noch immer nicht vollständig ausgeklappt. »Wer war das?«

»Das war ich, Kumpel. Nigel Sheldon, stets zu Diensten. Insbesondere dann, wenn Sie ganz schnell nach Hause zurückwollen.« Erneut dieses Kichern. Dann eine zweite Stimme. »O Mann, mach das nicht! Du machst sie echt stinksauer auf dich!«

»Wer spricht da?«, fragte Lewis in scharfem Ton.

Wilson hatte sich bereits in Bewegung gesetzt. Er glitt-ging so schnell, wie es in der niedrigen Schwerkraft gefahrlos möglich war, in Richtung des Hecks der Eagle II. Er wusste, dass sie ganz nah sein mussten, und auf dieser Seite des Raumfahrzeugs konnte er ungehindert bis zum Horizont sehen. Kaum war er an den glockenförmigen Abstrahlöffnungen der Raketenmotoren vorbei, blieb er wie angewurzelt stehen. Dort war jemand anderes, den Arm zu einem fast entschuldigenden Winken hoch erhoben.

Jemand in etwas, das aussah wie ein selbstgebastelter Raumanzug.

Was eine irrwitzige Interpretation war, doch es handelte sich definitiv um eine Art von Druckanzug, möglicherweise eine modifizierte Tiefseeausrüstung. Das Außengewebe bestand aus einer Art stumpfem braunen Gummi mit dicken, wulstigen Nähten und stand in ausgesprochenem Kontrast zu Wilsons schneeweißem Zehn-Millionen-Dollar-Marsanzug.

Der Helm sah aus wie ein klassisches Goldfischglas aus den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts, und darin war der Kopf eines jungen Mannes mit einem spärlichen Bart und langen, fettigen Haaren zu sehen, die hinten zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden waren. Kein Strahlenschutz, dachte Wilson dümmlich. Auch kein Tornister, kein tragbares Lebenserhaltungssystem … stattdessen ein Bündel von Druckschläuchen, die sich vom Rücken des Jugendlichen zu einem …

»Ich werd’ verrückt!«, murmelte Wilson.

Hinter dem Eindringling war ein zwei Meter durchmessender Kreis von einem anderen Ort.

Er hing über dem marsianischen Boden wie ein bizarres, überlagertes Fernsehbild, mit einem seltsamen Rand aus wabernden Beugemustern, Licht aus einem grauen Universum. Eine Öffnung durch den Weltraum, ein Gateway, ein Tor zu etwas, das aussah wie ein heruntergekommenes Physiklabor.

Die andere Seite war durch dickes Glas abgetrennt. Ein unangepasster intellektuell aussehender College-Typ mit einem wilden Afro-Haarschnitt drückte das Gesicht dagegen und starrte auf den Mars hinaus. Er lachte und lachte und deutete mit der Hand auf Wilson. Über ihm schien die helle kalifornische Sonne durch die offenen Fenster des Physiklabors herein.

Eins

Der Stern verschwand einfach so aus dem Zentrum des Teleskopbilds, innerhalb eines Zeitraums, der kürzer war als ein Herzschlag. Es gab keinen Irrtum. Dudley Bose hatte genau auf den Stern gesehen, als es passierte. Er blinzelte überrascht und trat vom Okular zurück. »Das kann nicht sein«, murmelte er leise.

Dudley erschauerte wegen der kalten Luft ringsum und schlug sich mit den behandschuhten Händen auf die Arme. Seine Frau Wendy hatte darauf bestanden, dass er sich zum Schutz gegen die Kälte der Nacht dick anzog, und pflichtbewusst hatte er das Haus in einem schweren Wollmantel und stabilen Wanderhosen verlassen. Wie immer, wenn die Sonne hinter dem Horizont von Gralmond versank, verflüchtigte sich jede Wärme aus der unterdurchschnittlich dünnen Atmosphäre des Planeten beinahe augenblicklich, und bei dem offenen Teleskop um zwei Uhr morgens war die Temperatur weit genug gesunken, um jeden Atemzug vor Dudleys Gesicht zu grauem Nebel kondensieren zu lassen.

Dudley schüttelte den Kopf, um die aufkeimende Müdigkeit zu vertreiben, und beugte sich wieder vor, um wieder durch das Okular zu blicken. Das Sternenmuster war das Gleiche wie vorhin – die Ausrichtung des Teleskops stimmte also noch -, doch Dyson Alpha war nach wie vor verschwunden. »Es kann unmöglich so schnell gegangen sein«, sagte Dudley.

Er beobachtete das Dyson-Paar nun seit vierzehn Monaten auf der Suche nach den ersten Hinweisen der Umhüllung, die das Emissionsspektrum so dramatisch verändern würde. Bis heute Nacht hatte es keinerlei Veränderung bei dem winzigen gelben Fleck aus Licht in zwölfhundertvierzig Lichtjahren Entfernung gegeben, der Dyson Alpha genannt wurde.

Dudley hatte gewusst, dass es eine Veränderung geben würde; es war die astronomische Fakultät der Oxford University auf der Erde gewesen, die im Jahre 2170 bei einem Routinescan des Sternenhimmels zuerst die Veränderung bemerkt hatte, vor zweihundertzehn Jahren. Seit dem vorhergehenden Scan vor zwanzig Jahren hatten zwei Sterne, ein K- und ein M-Typ in einem Abstand von drei Lichtjahren, ihr Emissionsspektrum völlig verändert; beide strahlten nun in unsichtbarem Infrarot. Für ein paar kurze Monate hatte die Entdeckung unter den Resten der astronomischen Gemeinde für erregte Debatten darüber gesorgt, wie es denn möglich sein könne, dass beide Sterne so rasch zu roten Riesen verfielen, sowie über die statistische Unwahrscheinlichkeit, dass zwei stellare Nachbarn simultan diese Verwandlung durchliefen. Dann hieß es in Berichten von einer neu besiedelten Welt fünfzig Lichtjahre weiter außerhalb, dass das Sternenpaar noch immer in seinem ursprünglichen Spektrum sichtbar sei. Indem Astronomen die Distanz rückwärts abarbeiteten und das Spektrum in verschiedenen Entfernungen von der Erde überprüften, fanden sie heraus, dass die Veränderung beider Sterne in einem Zeitraum von vielleicht sieben oder acht Jahren stattgefunden haben musste.

Angesichts dieser kurzen Zeitspanne hörte die Natur der Veränderung auf, eine Frage der Astronomie zu sein – Sterne jener Kategorien benötigten einen sehr viel längeren Zeitraum, um sich in rote Riesen zu verwandeln. Die Emission der beiden hatte sich also nicht aufgrund irgendwelcher natürlicher stellarer Prozesse vollzogen. Sie war das direkte Resultat technologischer Intervention im größten nur vorstellbaren Maßstab.

Irgendjemand hatte eine massive Hülle um jeden der beiden Sterne errichtet. Das war eine Leistung, deren Maßstab nur noch durch den kurzen Zeitraum übertroffen wurde, in dem sie bewerkstelligt worden war. Acht Jahre waren unvorstellbar kurz, um eine so gigantische Konstruktion zu errichten, und die fremde Zivilisation hatte offensichtlich zwei davon gleichzeitig gebaut. Nichtsdestotrotz war das Konzept der menschlichen Rasse nicht gänzlich neu.

Im einundzwanzigsten Jahrhundert hatte ein Physiker namens Freeman Dyson postuliert, dass die Artefakte einer technologisch fortgeschrittenen Zivilisation letzten Endes einen Stern völlig umhüllen würden, um all seine Energie auszunutzen. Und jetzt hatte jemand diese uralte Hypothese in die Realität umgesetzt. Es war unausweichlich, dass die beiden bis dahin namenlosen Sterne offiziell auf den Namen Dyson-Paar getauft worden waren.

Nach der Veröffentlichung aus Oxford wurden massenweise spekulative Theorien darüber publiziert sowie theoretische Studien, die sich damit beschäftigten, wie man einen jupitergroßen Planeten zerlegen konnte, um eine derartige Schale zu produzieren. Doch es gab keine wirkliche Dringlichkeit hinter der Entdeckung. Die menschliche Rasse war bereits verschiedenen intelligenten Alien-Spezies begegnet, ausnahmslos beruhigend harmlos, und das Intersolare Commonwealth expandierte stetig. Es war eine Frage von höchstens ein paar Jahrhunderten, bis ein Wurmloch zum Dyson-Paar geöffnet werden würde. Jede ungeklärte Frage bezüglich der Dyson-Sphären konnten die Erbauer anschließend persönlich beantworten.

Und nun hatte Dudley erlebt, dass die Umhüllung nahezu augenblicklich vonstatten gegangen war. Daraus hatte sich eine ganze neue Serie höchst unbehaglicher Fragen über die Zusammensetzung der Sphäre ergeben. Eine acht Jahre währende Konstruktions- und Bauphase für eine massive Sphäre jener Größenordnung war als höchst bemerkenswert eingestuft worden, doch offensichtlich möglich. Als Dudley mit der Observation des Dyson-Paares begonnen hatte, war er davon ausgegangen, eine jährliche Abnahme der Helligkeit beider Sterne beobachten zu können, während mehr und mehr Segmente produziert und an Ort und Stelle geschafft wurden.

Das hier änderte jedoch alles.

So abrupt, wie die Sphäre den Stern eingehüllt hatte, konnte sie nicht materieller Natur sein. Es musste sich um eine Art Energiefeld handeln. Aber warum sollte irgendjemand einen Stern mit einem Energiefeld umgeben?

»Sind wir auf Aufzeichnung?«, fragte Dudley seinen E-Butler.

»Sind wir nicht«, antwortete der E-Butler. »Gegenwärtig sind im Brennpunkt des Teleskops keine elektronischen Sensoren aktiv.« Die Stimme klang ein wenig dünn, bassverstärkt, ein Ton, der im Verlauf der letzten Jahre immer unangenehmer geworden war. Dudley vermutete, dass sein OCTattoo an seinem Ohr allmählich degenerierte; organische Schaltkreise waren stets empfänglich für Angriffe durch Antikörper, und das OCTattoo war über fünfundzwanzig Jahre alt. Nicht, dass die glitzernde purpur-türkisfarbene Spirale auf seiner Haut sich verändert hätte. Ein klassischer Anfall juveniler Dynamik nach seiner letzten Rejuvenation hatte ihn dazu verleitet, ein sichtbares Muster zu wählen, damals todschick und angesagt. Heute war es ziemlich peinlich für einen Professor mittleren Alters, mit so etwas über den Campus zu laufen. Natürlich hätte Dudley das alte Muster auslöschen und es durch etwas Diskreteres ersetzen lassen sollen, doch irgendwie war er nie dazu gekommen, trotz der wiederholten Bitten seiner Frau.

»Verdammt!«, grunzte Dudley bitter; doch die Vorstellung, dass sein E-Butler vielleicht die Initiative ergriffen haben könnte, war im Grunde genommen nicht mehr als eine letzte vergebliche Hoffnung gewesen. Dyson Alpha war erst vierzig Minuten zuvor hinter dem Horizont aufgestiegen. Dudley hatte sich auf die Observation vorbereitet und seine Standardverifikation durchgeführt, eine essentielle Arbeit dank der schlecht gewarteten mechanischen Systeme, die das Teleskop steuerten. Er befahl niemals die Aktivierung der Aufzeichnungssensoren, bevor er seinen abschließenden Systemcheck beendet hatte. Vielleicht hatte diese gewissenhafte Vorbereitung ihn soeben das gesamte Observationsprojekt gekostet.

Dudley beugte sich über das Okular und warf einen weiteren Blick durch das Teleskop. Der kleine Stern war im visuellen Spektrum nach wie vor nicht wahrzunehmen. »Aktiviere jetzt bitte die Sensoren«, befahl Dudley seinem E-Butler. »Ich möchte wenigstens ein paar Minuten Aufzeichnungen von heute Nacht haben.«

»Ich zeichne auf«, meldete der E-Butler pflichtbewusst. »Die Sensoren könnten von einer Rekalibrierung profitieren; die Bildqualität liegt beträchtlich unterhalb dessen, was als Optimum erreichbar ist.«

»Ja. Ich kümmere mich darum«, antwortete Dudley geistesabwesend. Der Zustand der Sensoren war ein Hardware-Problem; ein Problem, mit dem er seine Studenten betrauen sollte (alle drei). Zusammen mit hundert anderen Aufgaben, dachte Dudley müde.

Er stieß sich vom Teleskop ab und benutzte die Füße, um auf dem schwarzen Ledersessel quer über den nackten Betonboden des Observatoriums zu rollen. Das klappernde Geräusch der alten Laufrollen hallte dünn durch den höhlenartigen Raum. Es gab genügend freien Platz für eine Vielzahl von ausgeklügelten Hilfssystemen, die das Observatorium auf nahezu professionellen Standard gebracht hätten; sogar für ein größeres Teleskop war genug Freiraum da. Doch die Gralmond University verfügte nicht über die nötigen Mittel für solch ein Upgrade, und bisher war es auch nicht gelungen, die CST – Compression Space Transport, die einzige Gesellschaft, die wirklich an derartigen Dingen interessiert war – als kommerziellen Sponsor zu gewinnen. Die astronomische Fakultät überlebte mit Hilfe magerer Regierungsstipendien und ein paar Zuwendungen seitens verschiedener Stiftungen für Grundlagenforschung. Sogar eine auf der Erde ansässige Bildungsgesellschaft überwies einmal im Jahr eine Spende.

Neben der Tür befand sich die lange Holzbank, die de facto der gesamten Fakultät als Büro diente. Sie war vollgestellt mit altem, gebrauchtem elektronischem Gerät und Hi-Rez Displayportalen. Auch Dudleys Aktentasche mit seinen Mitternachtssnacks und einer Kanne Tee lag dort.

Dudley öffnete die Tasche und begann, auf einem Schokoladenplätzchen zu kauen, während die Sensorbilder in den Displayportalen aufflackerten. »Leg das Infrarotbild auf das Primärdisplay«, befahl er seinem E-Butler.

Holografische Punkte auf dem großen Primärportal veränderten ihre Farben und lieferten ein Falschfarbenbild des Sternenfelds rings um das Dyson-Paar herum. Dyson Alpha gab eine schwache infrarote Signatur ab. Ein wenig abseits und zwei Lichtjahre weiter entfernt leuchtete Dyson Beta noch immer in seinem normalen M-Klasse-Spektrum.

»Das war also tatsächlich das Umhüllungsereignis«, sinnierte Dudley. Es würde noch zwei weitere Jahre dauern, bevor irgendjemand beweisen konnte, ob das gleiche Ereignis simultan auch bei Dyson Beta stattgefunden hatte. Wenigstens würden die Leute zugeben müssen, dass das Dyson Alpha Ereignis sich in weniger als dreiundzwanzig Stunden vollzogen hatte, seit Dudleys letzter Observation. Es war ein Anfang, wenngleich kein guter. Schließlich hatte Dudley soeben etwas unglaublich Erstaunliches beobachtet – doch ohne eine Aufzeichnung zur Untermauerung würde sein Bericht wahrscheinlich nur Unglauben hervorrufen und einen gewaltigen Kampf um seinen ohnehin nicht sonderlich guten Ruf nach sich ziehen.

Dudley war zweiundneunzig, in seinem zweiten Leben, und der Zeitpunkt für die nächste Rejuvenation rückte rasch näher. Obwohl sein Körper das physische Alter eines Fünfzigjährigen besaß, war die Aussicht auf eine langwierige, kräftezehrende Kampagne innerhalb der Akademie etwas, wovor er sich fürchtete. Für eine vorgeblich fortschrittliche Zivilisation konnte das Interstellare Commonwealth manchmal entsetzlich konservativ sein, ganz zu schweigen von grausam.

Aber vielleicht wird es ja gar nicht so schlimm, sagte er sich. Die Lüge tröstete ihn genug, um ihm durch den Rest der Nachtschicht zu helfen.

Der Carlton AllLander fuhr Dudley kurz nach Sonnenaufgang nach Hause. Das Fahrzeug war genau wie der Astronom alt und abgenutzt, doch es war durchaus imstande, seine Arbeit zu erledigen. Es besaß einen billigen Dieselmotor, einfach genug für eine Semi-Randwelt wie Gralmond, auch wenn ein hochmoderner photoneuraler Prozessor als Steuereinheit fungierte. Mit dem höhergelegten Fahrwerk und den grobstolligen Reifen konnte es bei jedem Wetter und in jeder Jahreszeit den Feldweg zum Observatorium bewältigen, einschließlich dem meterhohen Schnee in Gralmonds Wintern.

An diesem Morgen musste es jedoch lediglich mit anhaltendem leichtem Nieselregen kämpfen sowie einer dicken Schlammschicht auf dem Weg. Das Observatorium lag im Hochmoor neunzig Kilometer östlich von Leonida City, der Hauptstadt des Planeten. Nicht gerade ein hoher Aussichtspunkt, doch es war die höchste Erhebung innerhalb einigermaßen vernünftiger Entfernungen, und es war höchst unwahrscheinlich, dass es hier jemals so etwas wie Lichtverschmutzung geben würde.

Es dauerte vierzig Minuten, bis der Carlton begann, in die tieferen Täler hinunter zu fahren, wo der Haupt-Highway sich am Fuß der Hänge entlang wand. Erst dort gab es die ersten vereinzelten Anzeichen menschlicher Besiedlung. Ein paar Gehöfte waren in geschützten Falten der Landschaft errichtet worden, wo schmale Flecken dunkler einheimischer immergrüner Cynomel-Bäume den Boden über jedem Rinnsal und jedem Wildbach bedeckten. Man hatte Weiden an den nackten Hängen angelegt, wo Vieh im kalten Wind zitterte, der vom Moorland herunter wehte.

Während der Carlton unermüdlich und vorsichtig den Weg entlang hüpfte, sinnierte Dudley darüber, wie er realistischerweise die Neuigkeiten publizieren konnte. Selbst ein dreiundzwanzig Stunden währender Umhüllungsprozess war ein Konzept, das die kleine Bruderschaft professioneller Astronomen des Commonwealth sofort von der Hand weisen würde. Und die Behauptung, dass sich die Umhüllung im Bruchteil einer Sekunde vollzogen hatte, würde Dudley der Lächerlichkeit preisgeben und unausweichlich eine Untersuchung seitens der Universität nach sich ziehen. Was die Physiker und Ingenieure anging, die seine Behauptung vernahmen … sie würden mit hämischer Freude gegen seine Aussagen Stellung beziehen.

Hätte Dudley am Anfang seiner beruflichen Laufbahn gestanden, er hätte es vielleicht dennoch getan – und wäre bis zu einem gewissen Grad berühmt-berüchtigt geworden, bevor er schließlich den Beweis für die Richtigkeit seiner Behauptungen hätte vorlegen können. Der kleine Mann, der sich gegen alle stemmte, eine semiheroische oder wenigstens romantisch poetische Gestalt. Doch heute, in seinem Alter, war das Risiko einfach zu groß. Dudley brauchte weitere acht Jahre in einem ununterbrochenen Arbeitsverhältnis, auch wenn das Universitätshonorar erniedrigend klein war, bevor seine R&R-Pension voll war – und ohne dieses Geld konnte er sich eine Rejuvenation beim besten Willen nicht leisten. Außerdem: Wer würde schon heutzutage, in den letzten Jahrzehnten des vierundzwanzigsten Jahrhunderts, einen Astronomen beschäftigen, der in Misskredit geraten war?

Dudley starrte durch die Fahrzeugfenster nach draußen auf die vorbeiziehende Landschaft, während er unbewusst das OCTattoo an seinem Ohr abtastete. Fahles Licht erhellte die vorbeiziehende Umgebung voll lehmfarbenem, nassem Kordgras mit den elend dreinblickenden terranischen Kühen und den Herden einheimischer Nygine-Schweine dazwischen. Irgendwo dort draußen musste es so etwas wie einen Horizont geben, doch der trübe, graue Himmel machte es schwer zu erkennen, wo er begann. Was Aussichten anging, so musste dies einer der deprimierendsten Anblicke auf sämtlichen bewohnten Welten sein.

Dudley schloss die Augen und stieß einen Seufzer aus. »Und sie bewegt sich doch!«, flüsterte er.

Was Rebellionen betraf, so war Dudley ziemlich erbärmlich. Er wusste, dass er nicht ignorieren konnte, was er dort draußen zwischen den ewigen, unveränderlichen Konstellationen gesehen hatte. Einigermaßen dankbar wurde ihm bewusst, dass er noch immer genügend Würde übrig behalten hatte, um dafür zu sorgen, dass er die Sache nicht einfach auf sich beruhen ließ. Trotzdem, die Veröffentlichung der Tatsache, dass die Umhüllung praktisch in Sekundenbruchteilen stattgefunden hatte, würde das Ende seiner eigenen kleinen Welt nach sich ziehen. Was andere als seine grundlegende Schwäche betrachteten, sah er gerne als Vorsicht, die mit dem Alter kam. Im Grunde genommen war das sogar eine Art Weisheit.

Alte Gewohnheiten lassen sich nur schwer ablegen; also zerlegte Dudley das Problem in mehrere Stadien, genau so, wie er es seine Studenten lehrte, und machte sich daran, jedes einzelne mit so viel Logik zu lösen, wie er zusammen brachte. Ganz einfach – seine wichtigste Priorität war es, die Geschwindigkeit zu bestätigen, mit der die Umhüllung stattgefunden hatte. Eine Wellenfront von Beweisen, die sich gegenwärtig mit der Geschwindigkeit des Lichts von Gralmond entfernte. Und Gralmond lag fast am äußersten Rand des Commonwealth in diesem Abschnitt des Weltraums. Fast … aber nicht ganz.

Das Interstellare Commonwealth umfasste ein annähernd kugelförmiges Volumen Weltraum mit der Erde im Zentrum und einem Durchmesser von vierhundert Lichtjahren. Gralmond lag zweihundertvierzig Lichtjahre von der Erde entfernt, zählte zu den letzten Planeten, die während der zweiten Expansionsphase besiedelt worden waren. Es erforderte keinen hohen Aufwand an Berechnungen für Dudley, um festzustellen, dass der nächste Planet, auf dem die Umhüllung zu sehen sein würde, Tanyata war, direkt am Rand des Phase-Zwo-Raums. Tanyata war noch weniger entwickelt als Gralmond – es gab beispielsweise ganz bestimmt nach wie vor keine Universität dort -, aber eine Unisphären-Datasuche förderte eine Liste mit einheimischen Amateurastronomen zu Tage. Na ja, Liste war übertrieben, denn sie umfasste eigentlich nur einen einzigen Namen.

Fünf Monate und drei Tage nach der Nacht, in der Dudley Dyson Alpha hatte verschwinden sehen, winkte er seiner Frau nervös zum Abschied zu, während der Carlton aus der Auffahrt fuhr. Sie glaubte, seine Reise nach Tanyata sei legitim, von der Universität sanktioniert. Selbst nach elf Jahren Ehe hatte Dudley nicht den Mut, seiner Frau die absolute Wahrheit zu erzählen … oder vielleicht lag es auch daran, dass er nach fünf Ehen schlicht wusste, was man sagen konnte und worüber man besser Schweigen bewahrte.

Der Carlton brachte ihn direkt zur planetaren CST Station auf der dem Universitätscampus gegenüberliegenden Seite von Leonida City. Der Frühling stand vor der Tür und brachte lebendiges Grün über die terranischen Schösslinge in den Parks der Stadt. Selbst die vollständig ausgewachsenen einheimischen Bäume reagierten auf die länger dauernden, helleren Tage: Ihre dunkelrote Rinde besaß einen neuen, leuchtenden Glanz, während sie Vorbereitungen trafen, ihre Blätterdächer zu entfalten. Dudley beobachtete die Einwohner der Stadt von seinem Sitzplatz aus: Geschäftsleute, die zielstrebig durch die Straßen eilten; Eltern, die tolerant oder ungeduldig mit ihren Kindern sprachen; Firstlife-Erwachsene, also solche ohne Rejuvenation, die draußen vor den Caféhäusern und den Eingängen von Einkaufszeilen durcheinander liefen, hoffnungslos linkisch und trotzdem erfolgreich in ihrem Bemühen, wie Mitglieder der tödlichsten Banden in der menschlichen Geschichte dreinzublicken. Sie alle waren so hell und so normal. Dudley hatte sich erst spät in seinem zweiten Leben entschieden, nach Gralmond zu gehen, weil Randwelten stets von einer ansteckenden Aura aus Erwartungen und Hoffnungen umgeben waren; hier konnten neue Träume Fuß fassen und in Ruhe gedeihen. Und Dudley hatte so wenig aus seinem zweiten Leben gemacht. Sein von leichter Verzweiflung getriebener Umzug hierher war ein Eingeständnis dieser Tatsache gewesen.

Die CST hatte ihre planetare Station auf Gralmond vor mehr als fünfundzwanzig Jahren in Betrieb genommen. Tatsächlich ungefähr um die Zeit, als Dudley sein farbenprächtiges OCTattoo erhalten hatte – eine Ironie, die ihm keineswegs entgangen war. Der Planet hatte sich während des ersten Vierteljahrhunderts menschlicher Besiedlung wacker geschlagen. Farmer hatten ihre Traktorbots und ihre Herden auf das Land losgelassen. Städter hatten ihre vorgefertigten Gebäude hergebracht und in sauberen Blocks aufgestellt, die sie Städte nannten als Hommage an die großen Metropolen der Erde, und sie hofften, dass aus den bescheidenen Anfängen eines Tages etwas Gleichartiges entstehen würde. Auf der starken Flut von Investitionskapital wurden Fabriken hereingeschwemmt, und Krankenhäuser, Schulen, Theater und Regierungsgebäude vervielfältigten sich fruchtbar in ihrem Umkreis. Straßen expandierten vom Bevölkerungszentrum nach außen und sandten ihre forschenden Tentakel über den Kontinent. Und wie stets kamen in ihrem Gefolge die Züge, die bald den Großteil der Waren transportierten.

Dudleys Carlton steuerte entlang der Mersy Rail Route, während er sich der planetaren CST Station näherte. Ein einfacher Maschendrahtzaun und eine Sicherheitsbarriere aus Plastik war alles, was den zweispurigen Highway von den dicken Karbonstahlschienen trennte. Die Mersy Rail Route war eine von fünf größeren Strecken, die sich bisher vom Bahnhof aus in alle Richtungen erstreckten. Gralmonds Einwohnerschaft war zu Recht stolz darauf. Fünf Strecken in fünfundzwanzig Jahren: ein deutliches Zeichen für eine gesunde, expandierende Ökonomie. Drei der Strecken – einschließlich der Mersy Rail Route – führten zu großen Industrieparks am Stadtrand von Leonida City, während die verbliebenen beiden das Land durchzogen und sich dabei wieder und wieder gabelten und die Hauptstadt mit den wichtigsten landwirtschaftlichen Erzeugergemeinden verbanden. Tag und Nacht floss ein steter Strom von Gütern in die planetare CST Station hinein und aus ihr heraus, ein Strom, der im Verlauf der Jahre langsam zunahm, während Geld, Material und Maschinerie zu neuem Land hin zirkulierten und die Grenzen menschlicher Besiedlung Monat für Monat weiter nach außen verschoben.

Ein schwerer Frachtzug rumpelte neben Dudley her; er fuhr nur wenig schneller als der Carlton. Dudley blickte bei dem Geräusch zur Seite und sah lange, olivfarbene Waggons mit schwefelgelben, sonnengebleichten und verwitterten Schriftzügen. Es waren sicherlich fünfzig Stück, gezogen von einer gigantischen zwanzigrädrigen Maschine. Wahrscheinlich eine der GH-7-Maschinen, dachte Dudley, obwohl er nicht mit Sicherheit zu sagen vermochte, welche Marke. Diese Ungetüme kamen seit inzwischen fast achtzig Jahren zum Einsatz, ein fünfunddreißig Meter langer Rumpf voll mit supraleitenden Batterien, die massive elektrische Nabenmotoren antrieben. Gralmond würde keine größeren Loks sehen, bevor der Planet nicht vollständigen Industrialisierungsstatus erreicht hatte, vielleicht in weiteren siebzig Jahren von heute an.

Schon jetzt schien ein Monster wie dieses, das durch die aufblühende Stadt rumpelte, irgendwie widersinnig. Dieser Bezirk bestand noch zu großen Teilen aus den ursprünglichen Fertiggebäuden, zwei- oder dreistöckigen weiß korrodierten Aluminiumwürfeln mit Solarpaneelen auf den Dächern. Abriss und Neubau waren kaum notwendig auf einer Welt, wo die Regierung jedem Land zur Verfügung stellte, der danach fragte. Gralmonds gesamte Einwohnerschaft hatte kaum achtzehn Millionen erreicht; hier gab es keine drangvolle Enge. Die Prefabs blieben als nützliche Behausungen und kommerzielle Zentren für die jüngsten und ärmsten Neuankömmlinge, doch viele Blocks in der Stadt waren niedergerissen und durch neue Gebäude aus Stein und mit Glasfassaden ersetzt worden, während die einheimische Wirtschaft sich weiter im Aufschwung befand. Gewöhnlicher jedoch war das Vordringen der Drycoral, einer Pflanze, die ursprünglich von Mecheria stammte. Neue Bewohner pflanzten sie entlang der Fundamente ihrer Häuser. Sie zogen die langen, flachen Stränge aus schwammigem, bimsartigem Stein, die rasch an den Wänden nach oben wuchsen, sorgfältig um ihre Häuser herum; auf diese Weise entstand rasch eine organische Schale um das gesamte Gebäude herum. Einfaches Zurückschneiden hielt die Fenster frei.

Das Passagierterminal war nur ein kleiner Teil der zehn Quadratkilometer, die von der planetaren CST Station eingenommen wurden; der größte Teil der Fläche gehörte Rangieranlagen und Werkstätten. Am einen Ende befand sich das Gateway selbst, geschützt vor Wind und Wetter unter einem breiten, gewölbten Dach aus Kristall und weißem Beton. Dudley konnte sich kaum noch daran erinnern, wie es bei seiner Ankunft vor elf Jahren ausgesehen hatte – nicht, dass sich seither etwas verändert hätte.

Der Carlton hielt am Abfahrtsteig vor dem Terminalgebäude, und kaum war Dudley ausgestiegen und hatte sein Gepäck abgeladen, setzte er sich wieder in Bewegung, um nach Hause zurückzufahren. Dudley betrat die Station und fand sich augenblicklich in einer Menschentraube wieder, die in alle möglichen Richtungen unterwegs zu schienen, nur nicht in die, in die Dudley wollte. Obwohl die Halle relativ neu war, hatte sie ein altmodisches Erscheinungsbild: Hohe Marmorsäulen stützten ein Glasdach, und in den Torbögen waren Franchise-Stände untergebracht. Die kurzen Treppen zwischen den einzelnen Ebenen waren unglaublich breit, als führten sie zu einem verborgenen Palast. Hohe, tief eingelassene Alkoven boten Platz für Statuen und Skulpturen, und jede freie Oberfläche war von Vogelkot bedeckt. Große, transparente, holografische Projektionen schwebten in der Luft, purpurne und smaragdfarbene Schilder mit den Fahrplaninformationen, für jedermann lesbar, der kein Interface zum lokalen Netzwerk besaß. Kleine Vögel jagten ununterbrochen durch die Hologramme hindurch und zirpten überrascht angesichts der Farbschauer, die ihre membranartigen Flügel aufwirbelten.

»Der Zug nach Verona geht von Bahnsteig Neun ab«, meldete Dudleys E-Butler.

Dudley machte sich durch die Halle auf den Weg in Richtung des benannten Bahnsteigs. Verona war ein reguläres Ziel, und alle vierzig Minuten fuhr ein Zug ab. Es gab eine Menge Pendler von oder nach Verona, mittleres Management von den Finanz- und Investmentgesellschaften, die mit dem Aufbau und der Unterhaltung von Gralmonds ziviler Infrastruktur betraut waren.

Der Zug nach Verona bestand aus acht Doppeldecker-Waggons an einer mittelgroßen PH54 Lok. Dudley schob seine Koffer in das Gepäckabteil des fünften Waggons und stieg ein. Er fand einen freien Sitzplatz an einem der Fenster im Oberdeck. Dann gab es nichts mehr für ihn zu tun außer dem Versuch, die wachsende Anspannung zu ignorieren, während das Timerdisplay in seiner virtuellen Sicht die Zeit bis zur Abfahrt herunter zählte. Der Posteingang seines E-Butlers hatte sieben Nachrichten für ihn gesammelt, die Hälfte davon von seinen Studenten und bestehend aus Audio- und Datenclustern.

Die letzten fünf Monate waren für die kleine astronomische Fakultät der Universität außerordentlich geschäftig gewesen, auch wenn es in all der Zeit keinerlei stellare Observationen gegeben hatte. Dudley hatte erklärt, dass der Zustand des Teleskops und der Instrumente nicht länger akzeptabel sei und dass sie die praktische Seite ihres Berufs vernachlässigt hätten. Unter seiner Aufsicht waren die Stellmotoren einer nach dem anderen zerlegt und gewartet worden, dann die Lager und schließlich die gesamte Sensorbatterie. Und während das Teleskop außer Dienst gestellt war, hatten sie zugleich die Gelegenheit genutzt, die speziellen Analyse- und Kontrollprogramme zu aktualisieren und integrieren. Zuerst hatten Dudleys Studenten die Möglichkeit begrüßt, sich die Hände schmutzig zu machen und die vorhandenen Systeme zu verbessern. Doch diese anfängliche Begeisterung war rasch verklungen, während Dudley immer wieder neue und essentielle Aufgaben für sie fand, welche die Wiederinbetriebnahme verzögerten.

Dudley hasste es, seine Studenten zu täuschen, aber es war ein legitimer Weg, das gesamte Projekt der Observation des Dyson-Paars zu suspendieren. Wenn es ihm gelang, den Beweis zu sichern, so sagte er sich, dann würden die Auswirkungen dieser Entdeckung auf die Fakultät und ihr Budget sein kleines Täuschungsmanöver mehr als rechtfertigen. Erst während der letzten beiden Monate, während Dudley ununterbrochen all ihre Beschwerden entgegen genommen und sie beruhigt hatte, hatte er angefangen, darüber nachzudenken, welche Konsequenzen der verifizierte Beweis der Umhüllung auf seine eigene Karriere und sein Vermögen haben würde. Versagte er, wäre er ruiniert; war er andererseits erfolgreich, so würde ihm das eine ganze Palette neuer Aussichten und Chancen eröffnen. Gut möglich, dass er sich weit über alles hinaus entwickeln würde, was die Gralmond University ihm zu bieten imstande war. Es war ein angenehmer Tagtraum, in dem er sich gerne verlor.

Der Zug setzte sich in Bewegung, entfernte sich vom Bahnsteig und fuhr in die Frühlingssonne hinaus. Dudley konnte durch sein Fenster nichts außer der Industrielandschaft des Stationsgelände sehen, mit Hunderten von Gleisen, die sich über den Boden wanden und sich kreuzten und wieder zurückkreuzten wie ein riesiges abstraktes Labyrinth. Einzelne Waggons und Güterwagen wurden von kleinen Rangierloks, die dicke Rußwolken ausstießen, hierhin und dorthin bewegt. Der einzige sichtbare Horizont schien aus Lagerhäusern und Ladestationen zu bestehen, wo spinnenartige Kräne und Containerstapler jede Sektion der Gerüste ausfüllten. Tieflader und fette Tanker wurden fast völlig von den mechanischen Systemen umschlossen, die sie entweder be- oder entluden. Technikercrews und Wartungsbots krochen an den Schienen entlang, kontrollierten sie und führten falls nötig Reparaturen durch.

Der Verkehr ringsum nahm nach und nach zu, je näher sie dem Gateway kamen. Lange Frachtzüge wechselten sich mit kürzeren Passagierzügen ab. Sie alle krochen in schlängelnden Bewegungen über Weichen und Kreuzungen und näherten sich unaufhaltsam dem letzten Stück Gleis. Auf der anderen Seite des Waggons konnte Dudley einen nahezu kontinuierlichen Strom von Zügen erkennen, die aus dem Gateway kamen.

Es gab lediglich zwei Gleise zum Gateway – eines für die ankommenden, das andere für die abfahrenden Züge. Endlich reihte sich Dudley Zug nach Verona auf dem Abfahrgleis ein, unmittelbar hinter dem Passagierzug nach EdenBurg und vor einem Frachtzug nach St Lincoln. Ein leiser Warnton hallte durch den Waggon. Dudley konnte gerade den Rand des hoch aufragenden geschwungenen Dachs erkennen, als sie auch schon darunter waren. Das Licht wurde eine Spur dunkler, und dann war da nur noch das weite, hell erstrahlende Gateway direkt voraus, das so verblüffend einer Tunneleinfahrt ähnelte. Der Zug glitt direkt hinein.

Dudley spürte ein leichtes Kitzeln auf der Haut, als sie den Druckvorhang passierten, der verhinderte, dass sich die verschiedenen Atmosphären der beiden Welten mischten. Das Wurmloch selbst besaß keine innere Länge, obwohl es einhundertachtzehn Lichtjahre überbrückte. Die Maschinerie, von der es erzeugt wurde, war gigantisch, jedoch war der größte Teil davon in den massiven Betonbauten hinter dem Dach untergebracht. In dem großen ovalen Bogen des Gateways selbst mit seinem Durchmesser von mehr als dreißig Metern waren lediglich die Emissionseinheiten untergebracht. Angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich der Zug bewegte, huschte selbst das in einer Sekunde vorbei.

Wundervolles kupferfarbenes Zwielicht strömte durch die Waggonfenster. Dudleys Ohren knackten, als die neue Atmosphäre durch die Ventilationsöffnungen im Dach flutete. Er blickte auf die gewaltige Anlage der planetaren CST Station von Verona hinaus. Es gab kein erkennbares Ende, keinen noch so winzigen Ausblick auf die Megacity, von der Dudley wusste, dass sie sich jenseits der Station erstreckte. Eine Seite der Station bestand aus einer massiven Wand von Gateways unter geschwungenen Dächern, und jeder der ovalen Rahmen umhüllte einen leicht unterschiedlich gefärbten Nebel abhängig von der spektralen Klasse des Sterns, um den die jeweilige Zielwelt kreiste. Doch der gesamte Rest bestand aus nichts als Zügen und Gleisen, so weit das Auge reichte. Gewaltige Frachter rollten mit Zugmaschinen über die Anlage, gegen die die GH7 geradezu winzig wirkte, die Dudley so beeindruckt hatte: nuklearbetriebene Loks, die zwei Kilometer lange Ketten von Waggons zogen. Schnittige weiße Passagierzüge rasten vorüber mit Dutzenden von Waggons voller Pendler aus den verschiedensten Welten, deren Fahrtstrecke sie über zwanzig oder mehr verschiedene Planeten führen würde, während sie in einem nicht enden wollenden Kreis von einem Gateway zum anderen huschten. Kleine einfache Regionalzüge wie der, in dem Dudley saß, ratterten zwischen ihren größeren, großartigeren Vettern dahin. Die Station von Verona hatte einfach alles zu bieten.

So, wie die Erde ein Knotenpunkt für sämtliche Planeten im Phase-Eins-Raum des Intersolaren Commonwealth war, so bildete Verona einen der großen Knotenpunkte für diese Sektion des Phase-Zwo-Raums, mit Gateways zu dreiunddreißig verschiedenen Planeten. Verona gehörte zu den sogenannten Fünfzehn Großen, den Big 15 – Industriewelten entlang des Randes von Phase Eins, in einer Entfernung von etwa einhundert Lichtjahren zu Sol. Von Konzernen gegründet, von Konzernen finanziert und von Konzernen geleitet.

Die Verona Station besaß sieben Passagierterminals; Dudleys Zug hielt in Nummer drei. Erneut wurde ihm der Maßstab der gesamten Anlage bewusst. Dieses Terminal allein war fünfmal so groß wie die gesamte planetarische Station auf Gralmond. Veronas dichtere Atmosphäre und leicht höhere Schwerkraft trug ihren Teil zu Dudleys Gefühl von Bedeutungslosigkeit bei, während er auf der Suche nach dem Verbindungszug nach Tanyata durch die von Menschen überfüllte Bahnhofshalle wanderte. Schließlich fand er ihn auf Bahnsteig 18 b, drei einstöckige Waggons, gezogen von einer Ables RP 2 Lok, dieselbetrieben. Dudleys Gepäck ging in ein Gestell über ihm, und er nahm darunter auf einem Doppelsitz Platz. Der Waggon war zu weniger als einem Drittel gefüllt, und es gab nur drei Züge täglich nach Tanyata.

Als Dudley schließlich dort eintraf, sah er auch den Grund dafür. Tanyata war definitiv eine Randwelt, die letzte, die im Verlauf von Phase Zwo für die Besiedelung freigegeben worden war. Es war einfach nicht wirtschaftlich, Wurmlöcher zu errichten, die noch weiter hinaus reichten. Verona würde keine weiteren von Menschen bewohnbaren Welten miteinander verbinden; diese Ehre fiel an Saville, das weniger als zehn Lichtjahre von Gralmond entfernt lag. CST hatte dort bereits mit der Errichtung seiner neuen Forschungsbasis begonnen und bereitete die Öffnung von Wurmlöchern zu einer ganz neuen Generation von Welten vor: den Phase-Drei-Welten der nächsten Welle menschlicher Expansion.

Die CST Tanyata Station bestand aus nicht mehr als ein paar hastig miteinander verschweißten Bahnsteigen aus Borstahl unter einem provisorischen Plastikdach. Ein Kran und ein Lagerhaus bildeten die gesamte Frachtsektion, die sich auf einem ausgedehnten, schlammigen Hof befand, wo gestapelte Metallcontainer und Tanks in langen Reihen auf der schlecht gepflegten, ungemähten Vegetation standen. Waggons und Trucks rumpelten durch die Zwischengänge und wurden mit Vorräten be- oder entladen. Bei der Siedlung selbst handelte es sich um eine primitive Ansammlung standardisierter, mobiler Hütten für die Bautrupps, die mit der Errichtung der Infrastruktur für das erste Stadium der planetaren Besiedlung beschäftigt waren. Gleichzeitig wurde eine ganze Reihe von Fertighäusern zusammengebaut, und Männer und große Manipulatorbots schoben verstärkte Aluminiummodule in eine Matrix aus Karbonträgern. Die größten Maschinen waren die Straßenbauer, fahrende Minifabriken mit großen Schwingklingen auf der Vorderseite, die Dreck und Vegetation fraßen. Anschließend verarbeitete ein Reaktor das Material zu enzymgebundenem Beton, der hinten aus dem Heck gepresst wurde und eine topfebene Oberfläche bildete. Dichte Dampf- und Rauchwolken wirbelten um die Maschinen herum auf und machten es praktisch unmöglich, sie zur Gänze zu erkennen.

Dudley trat auf den Bahnsteig hinaus und griff augenblicklich nach seiner Sonnenbrille. Die Siedlung lag irgendwo in den Tropen, und hier herrschte eine alles durchdringende Feuchtigkeit, zusätzlich zum grellen, blaustichigen Licht der Sonne. Im Westen konnte Dudley den Ozean neben einer Reihe sanft geschwungener Hügel gerade so erkennen. Er zog sein Jackett aus und fächelte sich Luft zu. Der Schweiß strömte ihm bereits aus sämtlichen Poren.

Jemand am anderen Ende des Bahnsteigs rief Dudleys Namen und winkte. Dudley zögerte einen Augenblick lang, bevor er ebenfalls die Hand hob und zurückwinkte. Der Mann war knapp über einsachtzig groß und besaß jene schlanke Art von Körperbau, die Marathonläufer auszeichnete. Das physische Alter war schwer zu schätzen. Seine Haut war stark OCTattoed, Muster und Bilder in dunstigen Farben leuchteten auf sämtlichen Gliedmaßen. Goldene Spiralgalaxien formten eine sich langsam bewegende Konstellation auf seinem kahl geschorenen Kopf. Ein perfekt gestutzter, ergrauender Kinnbart war der einzige echte Hinweis auf ein mittleres Alter. Der Mann grinste und kam Dudley über den Bahnsteig entgegen, wobei sein Kilt um die Knie schlotterte. Das Karomuster war mutig in Amethyst und Schwarz gehalten.

»Professor Bose, nehme ich an«, sagte der Mann.

Dudley beherrschte sich und strich nicht über sein eigenes OCTattoo. »Äh, ja.« Er streckte die Hand aus. »Äh, LionWalker Eyre?« Er wusste gleich, dass er es falsch ausgesprochen hatte. Er hoffte nur, dass die Hitze sein Erröten verbarg.

»Das bin ich, jepp. Aber die meisten Leute nennen mich schlicht Walker.«

»Äh, großartig. Okay, also Walker.«

»Erfreut Sie kennen zu lernen, Professor.«

»Dudley. Nennen Sie mich Dudley.«

»Guter Mann.« LionWalker versetzte Dudley einen herzhaften Schlag auf die Schulter.

In Dudley erwachten ernste Zweifel. Er hatte nicht über den Namen des Astronomen nachgedacht, als die Datasuche ihn ausgespuckt hatte. Andererseits war wahrscheinlich jeder zumindest ein wenig exzentrisch, der genügend Geld besaß, um ein Vier-Fuß-Spiegelteleskop zu kaufen und es nach hier draußen zu einer Randwelt zu verschiffen und dort damit zu leben.

»Es ist wirklich sehr freundlich von Ihnen, mir das Teleskop für eine Nacht zur Verfügung zu stellen«, sagte Dudley.

LionWalker lächelte knapp, während sie den Bahnsteig in Richtung Ausgang hinunterwanderten. »Nun ja, es war schon eine sehr ungewöhnliche Bitte. Muss ja ziemlich wichtig sein für Sie, diese Observation heute Nacht, eh?«

»Sie könnte sehr wichtig werden, ja. Ich hoffe es zumindest.«

»Ich hab mich gefragt: Warum nur diese eine Nacht? Was können Sie da draußen möglicherweise beobachten, das nur eine einzige Nacht lang dauert? Und eine ganz bestimmte Nacht obendrein.«

»Und?«

»Aye, nun ja, was soll ich sagen? Mir ist nicht eine einzige Möglichkeit eingefallen, nicht ein einziges stellares Ereignis, das in so kurzer Zeit stattfinden könnte. Und ich weiß auch, dass keine Kometen erwartet werden, wenigstens habe ich selbst keine gesehen, und ich bin der einzige auf dieser Welt, der den Himmel beobachtet. Werden Sie mir erzählen, wonach Sie Ausschau halten?«

»Meine Fakultät führt eine ständige Observation des Dyson-Paars durch; einige unserer Wohltäter interessieren sich für sie. Ich möchte lediglich eine Beobachtung bestätigen; das ist alles.«

»Ah.« LionWalker grinste weise. »Ich verstehe. Also keine natürlichen Ereignisse, richtig?«

Dudley entspannte sich ein wenig. LionWalker mochte ja exzentrisch sein, aber er war auch scharfsinnig und nicht auf den Kopf gefallen.

Sie erreichten das Ende des Bahnsteigs, und der große Mann verdrehte plötzlich sein Handgelenk und malte mit ausgestrecktem Zeigefinger einen Halbkreis in die Luft. Die OCTattoos auf seinem Unterarm erstrahlten in einem komplizierten Farbenwirbel, und ein Toyota Pick-up Truck steuerte zum Straßenrand und hielt unmittelbar vor ihnen.

»Das ist ein interessantes Kontrollsystem«, bemerkte Dudley.

»Aye, nun ja, es ist das jenige, das ich bevorzuge. Werfen Sie Ihr Gepäck einfach nach hinten.«

Sie fuhren über eine der neu extrudierten Betonpisten in Richtung Stadtrand der geschäftigen Siedlung davon. LionWalker schnippte alle paar Sekunden mit den Fingern, was ein weiteres Aufwallen von Farben bei seinen OCTattoos bewirkte, und das Lenksystem des Pick-up gehorchte ohne merkbare Verzögerung.

»Könnten Sie der Elektronik nicht einfach ein paar verbale Instruktionen erteilen?«, fragte Dudley.

»Und was sollte das für einen Sinn ergeben? Auf meine Weise habe ich die Kontrolle über die Technologie. Die Maschinen machen das, was ich ihnen befehle, und so sollte es auch sein. Alles andere ist Mechanthropomorphismus. Man behandelt einen Klumpen fahrendes Metall nicht als etwas Gleichgestelltes und fragt ihn, ob er denn bitteschön tut, was man möchte. Wer hat hier das Sagen, diese Maschinen oder wir, eh?«

»Ich verstehe«, erwiderte Dudley; der Mann war ihm schon deutlich sympathischer geworden. »Ist Mechanthropomorphismus ein richtiges Wort?«

LionWalker zuckte mit den Schultern. »Das sollte es zumindest sein, ehrlich. Das ganze verdammte Commonwealth praktiziert ihn wie eine Religion!«

Rasch ließen sie die Siedlung hinter sich, während der Toyota in stetigem Tempo parallel zur Küste ein paar Kilometerweit landeinwärts fuhr. Dudley erhaschte immer neue Ausblicke auf den wunderbar klaren, sauberen Ozean hinter den kleinen Sanddünen unmittelbar am Wasser. Weiter landeinwärts erhob sich in der Ferne eine Hügelkette. Es war nicht eine Wolke am Himmel und vollkommen windstill. Das intensive Licht verlieh dem büscheligen Gras und den Küstensträuchern einen satten Farbton und den Blättern beinahe die Farbe von Jade. Kleine Bäume wuchsen am Straßenrand, Bäume, die auf den ersten Blick terrestrischen Palmen ähnlich sahen, wären da nicht die Blätter gewesen, die eher Kaktuszweigen glichen, komplett mit gewaltigen roten Dornen.

Fünfzig Kilometer nachdem sie die Siedlung verlassen hatten bog die Straße vom Meer ab und führte landeinwärts. LionWalker vollführte ein paar kunstvolle Handbewegungen, und der Wagen bog gehorsam von der Straße ab und steuerte auf einen schmalen Feldweg. Dudley kurbelte das Fenster herab und sog die frische Seeluft ein. Sie war nicht annähernd so salzig, wie er es erwartet hätte.

»Haben Sie gesehen, wie weit die Straße landeinwärts verlegt wurde?«, rief LionWalker über das Rauschen des Fahrtwindes hinweg. »Reichlich Platz für erstklassige Grundstücke zwischen Straße und Strand. Noch dreißig Jahre, wenn die Stadt fertig ist, und das Land wird für zehntausend Dollar den Morgen verkauft. Diese ganze Gegend hier wird vollstehen mit den Strandhäusern der Reichen und Schönen.«

»Ist das denn schlimm?«

»Nicht für mich«, antwortete LionWalker und lachte. »Ich werde dann nicht mehr hier sein.«

Es waren noch weitere fünfzehn Kilometer bis zu LionWalkers Haus. Er hatte eine weite Bucht für sich in Beschlag genommen, abgeschirmt durch Dünen, die sich mehrere Kilometer tief landeinwärts erstreckten. Bei seinem Haus handelte es sich um einen flachen Bungalow aus perlweißem Drycoral auf einer flachen Düne nicht mehr als einhundert Meter vom Ufer entfernt, mit einer breiten Veranda aus Brettern zum Ozean hin. Die große Kuppel seines Observatoriums lag ein kleines Stück weiter abseits vom Meer, eine Standardkonstruktion aus Beton und Metall.

Ein goldener Labrador sprang ihnen entgegen und begrüßte seinen Herrn schwanzwedelnd und überschwänglich. LionWalker spielte mit dem Tier, während sie zum Haus gingen. Dudley hörte den Lärm eines wütenden Streits, als sie noch gut zwanzig Meter weit weg waren.

»Mein Gott, die sind ja immer noch dran!«, murmelte LionWalker.

Die dünne Holztür wurde aufgestoßen, und eine junge Frau stürmte heraus. Sie war unglaublich schön, selbst in Dudleys Augen, der an den Anblick eines Campus voller junger Mädchen gewöhnt war.

»Er ist ein Schwein!«, spie die junge Frau LionWalker entgegen, während sie an ihm vorbei eilte.

»Ja, wahrscheinlich hast du Recht«, sagte LionWalker mit leiser Stimme.

Die Frau hatte es wahrscheinlich nicht gehört; sie war bereits auf dem Weg zu den Dünen. Ihr Gesicht strahlte dabei eine Entschlossenheit aus, die klar machte, dass sie erst anhalten würde, wenn sie das Ende der Welt erreicht hatte. Der Labrador sah ihr sehnsüchtig hinterher, bevor er sich wieder seinem Herrn zuwandte.

»Schon gut, mein Junge«, sagte LionWalker und tätschelte dem Tier den Kopf. »Sie wird schon rechtzeitig wieder zurückkommen, um dir dein Abendessen zu geben.«

Sie hatten die Tür fast erreicht, als sie erneut aufflog. Diesmal kam ein junger Mann heraus. Mit seinen androgynen Zügen war er fast genauso schön wie das Mädchen. Wäre sein Oberkörper nicht nackt gewesen, Dudley hätte wahrscheinlich sein Geschlecht in Frage gestellt.

»Was glaubt sie eigentlich, wo sie hinrennt?«, jammerte der junge Mann.

»Ich weiß es nicht«, antwortete LionWalker resigniert. »Sie hat es mir nicht gesagt.«

»Nun, ich werde ihr jedenfalls nicht hinterherlaufen!« Der junge Mann marschierte mit hängenden Schultern in Richtung Strand und trat unterwegs mit nackten Füßen wütend nach dem Sand.

LionWalker öffnete die Tür und winkte Dudley einzutreten. »Tut mir Leid, dass Sie den kleinen Zwischenfall miterleben mussten.«

»Wer sind die beiden?«, fragte Dudley.

»Meine gegenwärtigen Lebensgefährten. Ich liebe beide wirklich sehr, aber manchmal frage ich mich, ob es die Sache wert ist. Sind Sie verheiratet?«

»Ja. Offen gestanden sogar schon mehrmals.«

»Aye, nun, dann wissen Sie ja selbst, wie das ist.«

Das Innere des Hauses war in einem klassisch-minimalistischen Stil gehalten, was perfekt zur Umgebung passte. Eine große kreisrunde Feuerstelle diente als Mittelpunkt des Wohnzimmers. Breite, geschwungene Fenster ermöglichten einen unverstellten Blick auf die Bucht und das Meer. Eine Klimaanlage bot wohltuende Kühle.

»Setzen Sie sich«, lud LionWalker seinen Besucher ein. »Ich schätze, Sie könnten einen Drink vertragen. Ich bringe Sie gleich rüber zum Teleskop; dann können Sie schon einmal alles überprüfen. Aber ich bin sicher, Sie werden zufrieden sein.«

»Danke.« Dudley ließ sich auf eines der breiten Sofas sinken. Er fühlte sich langweilig und farblos in dieser Umgebung. Das lag nicht nur am Reichtum des Hauses und der Landschaft, sondern an der Lebhaftigkeit der Menschen, die hier wohnten.

»Das hier hatte ich offen gestanden nicht erwartet«, sagte er ein paar Minuten später und nach einem sehr exquisiten fünfzig Jahre alten Scotch, den LionWalker ihm angeboten hatte.

»Sie haben wohl geglaubt, ich sei mehr so wie Sie. Das soll keine Beleidigung sein, mein Freund.«

»Keine Sorge, ich bin auch nicht beleidigt. Was machen Sie hier?«

»Nun ja, ich wurde mit einem ziemlich großen Treuhandfond geboren. Als ich alt genug war, habe ich auf dem Rohstoffmarkt nur noch mehr Geld gemacht. Das liegt inzwischen zwei Rejuvenationen zurück. Seither ziehe ich durch die Gegend und schlage die Zeit tot.«

»Aber warum ausgerechnet hier, auf Tanyata?«

»Das hier ist die Grenze. So weit weg vom Anfang, wie wir gekommen sind – na ja, mit Ausnahme von Far Away, heißt das. Es ist eine wunderbare Sache, auch wenn jedermann es als abgedroschen betrachtet. Ich kann Abends hier sitzen und nach draußen sehen, wohin wir gehen. Sie beobachten die Sterne, Dudley, Sie wissen, welche Wunder dort auf uns warten. Und diese Kretins hinter uns, die sehen niemals nach vorn. Dort, wo wir heute sind, war für unsere Vorfahren der Himmel. Und ich sitze im Himmel meiner Vorfahren und kann von hier aus in unsere Zukunft blicken. Halten Sie das nicht auch für wunderbar?«

»Das ist es, ohne Zweifel.«

»Hier draußen gibt es Sterne, die man mit dem bloßen Auge von der Erde aus nicht sehen kann. Sie scheinen Nachts aus dem Himmel herab, und ich möchte sie alle kennen lernen.«

»Ich auch.« Dudley prostete ihm mit seinem Kristallglas zu, das hundert Jahre älter war als der Scotch darin, und kippte den Inhalt in einem Schluck hinunter.

Die beiden jungen Leute kehrten ein paar Stunden später wieder zurück, nachdem sie sich wieder beruhigt hatte. LionWalker stellte sie als Scott und Chi vor, und sie begrüßten Dudley verlegen. Zur Buße mussten sie aus dem Treibholz einheimischer Bäume ein großes Freudenfeuer am Strand errichten, das eine eigenartig matte Maserung besaß. Sie zündeten das Feuer an, als die Sonne gerade hinter dem Ozean versank. Helle orangefarbene Funken stoben hoch in den Himmel hinauf. Sie schoben Kartoffeln in die Glut, und ein Barbecuegrill wurde für den Zeitpunkt vorbereitet, da die Flammen erloschen.

»Können wir das Dyson Paar von hier aus sehen?«, fragte Scott, als die ersten Sterne am Nachthimmel zu leuchten begannen.

»Nein«, antwortete Dudley. »Nicht mit bloßem Auge, dazu sind sie zu weit entfernt. Man kann die irdische Sonne kaum von hier aus erkennen, und das Dyson Paar ist noch einmal fast tausend Lichtjahre weiter weg.«

»Und wann wurden sie umhüllt?«

»Das ist eine sehr gute Frage … Wir waren bisher nicht imstande, die exakte Konstruktionszeit der Sphären zu ermitteln; aber genau diese Frage soll mein Observationsprojekt beantworten helfen.« Selbst jetzt war Dudley noch nicht bereit zu gestehen, was er beobachtet hatte.

Die Astronomie hatte nach 2050 effektiv aufgehört, eine reine Wissenschaft zu sein. CST hatte sämtliche größeren Tiefraum-Observatorien übernommen, um sie für kommerzielle Zwecke zu nutzen. Aber wie dem auch sein mochte, wenn man Sterne jeden nur denkbaren Spektraltyps besuchen und direkt beobachten konnte, dann war es recht sinnlos, gewöhnliche Astronomie zu betreiben. Nur wenige Forschungsinstitutionen im Commonwealth machten sich überhaupt noch die Mühe, Observatorien zu unterhalten; selbst das Teleskop von Oxford war schon mehr als hundert Jahre alt gewesen, als mit seiner Hilfe das Dyson Paar entdeckt worden war.

Eine Stunde nach Sonnenuntergang spazierten Dudley und LionWalker durch die Dünen zum Observatorium. Das Innere der Kuppel unterschied sich nur wenig von dem Teleskop auf Gralmond: ein großer leerer Raum mit einem dicken Rohr, dem Teleskop, in der Mitte, auf einem komplexen Gestell aus Metallträgern und Elektromuskelbändern. Die Sensorgehäuse rings um den Brennpunkt sahen sehr viel moderner aus als alles, was sich die Universität leisten konnte. An der Wand neben dem Eingang stand eine ganze Batterie eleganter, moderner Displayportale.

Dudley betrachtete die professionelle Ausrüstung und spürte, wie ein Teil seiner Anspannung verflog. Es gab keinen praktischen Grund, warum die Observation nicht planmäßig ablaufen sollte. Das einzige Problem stellte seine eigene Erinnerung an den Vorgang dar. Konnte es tatsächlich so gewesen sein? Fünf Monate nach der Umhüllung schien der Augenblick irgendwie flüchtig, wie die Erinnerung an einen Traum.

LionWalker stand dicht vor der Basis des Teleskops und begann mit etwas, das aussah wie eine Roboterpantomime. Seine Arme und Beine zuckten in kleinen, präzisen Bewegungen. Als Reaktion darauf öffnete sich das Teleskoptor oben in der Kuppel. Elektromuskelbänder auf dem Teleskopgestell spannten sich lautlos, und der dicke Zylinder begann, sich zu drehen und richtete sich auf jene Stelle am Horizont aus, wo das Dyson Paar aufgehen würde. LionWalker setzte seinen eigenartigen Tanz fort; dann schnippte er mit den Fingern zu einem unhörbaren Rhythmus. Eines nach dem anderen erwachten die Portale zum Leben und übertrugen die Sensorbilder.

Dudley eilte zu den Portalen. Die Bildqualität war makellos. Er starrte auf das Sternenfeld und bemerkte die gleichen minimalen Veränderungen, die er bereits von Gralmond her kannte und gewöhnt war. »Was für eine Verbindung haben wir?«, fragte er seinen E-Butler.

»Der planetare Cyberspace ist zu vernachlässigen; allerdings gibt es eine direkte Leitung zur CST Station. Die verfügbare Bandbreite ist mehr als ausreichend für die geplanten Erfordernisse. Wann immer es gewünscht wird, kann ich eine Verbindung zur Unisphäre herstellen.«

»Sehr gut. Fang eine Viertelstunde vor dem geschätzten Zeitpunkt der Umhüllung mit der Übertragung an. Ich möchte eine komplette SI Datavault Speicherung sowie eine offizielle Verifikation des Datenstroms seitens der Unisphäre.«

»Verstanden.«

LionWalker hatte mit seinen Verrenkungen aufgehört, und das Teleskop war zur Ruhe gekommen. Er betrachtete Dudley mit erhobenen Augenbrauen. »Sie gehen wirklich mit vollem Ernst an die Sache ran.«

»Ja.« Eine Datavault Speicherung mitsamt offizieller Verifikation war eine kostspielige Angelegenheit. Zusammen mit seinem Ticket hierher hatte sie einen beträchtlichen Teil ihres sorgsam angesparten Urlaubsgelds verschlungen – noch etwas, das Dudley seiner Frau nicht erzählt hatte. Doch es war nötig gewesen. Wenn der Datenstrom vom Teleskop auf diese Weise authenthifiziert war, konnte niemand mehr die Observation anzweifeln.

Dudley saß in einem billigen Plastiksessel neben dem Teleskop, das Kinn in die Hände gestützt, und betrachtete das holografische Licht in den Portalen. Zwanghaft beobachtete er den dunklen Himmel und den Augenblick, an dem das Dyson Paar über den Horizont stieg. LionWalker machte ein paar Korrekturen, und Dyson Alpha leuchtete im Zentrum eines jeden Portals. Achtzig Minuten lang blieb der Stern dort, ohne das etwas geschah. Ein gewöhnlicher Lichtpunkt, und jedes Spektralband enthüllte eine konstante Intensität.

LionWalker unternahm ein paar Versuche, Dudley in ein Gespräch über das zu verwickeln, was er erwartete. Jedes Mal wurde er mit einer Handbewegung zum Schweigen gebracht. Dudleys E-Butler stellte eine Breitbandverbindung zur Unisphäre her und bestätigte, dass der SI Datavault aufzeichnete.

Es war beinahe ein Antiklimax, als Dyson Alpha genau zum vorherberechneten Zeitpunkt verschwand.

»Ja!«, rief Dudley. Er sprang auf, und der Plastiksessel kippte nach hinten. »Ja! Ja! Ja! Ich hatte Recht!« Er drehte sich zu LionWalker um, und auf seinem Gesicht stand ein absurd breites Grinsen. »Haben Sie das auch gesehen?«

»Aye«, grunzte LionWalker mit vorgetäuschter Ruhe. »Ich habe es gesehen.« »Ja!« Dudley erstarrte. »Haben wir alles aufgezeichnet?«, fragte er seinen E-Butler ängstlich. »Die Unisphäre bestätigt die Aufzeichnung. Das Ereignis ist im SI Datavault gespeichert.« Dudleys Grinsen kehrte zurück.

»Ist Ihnen bewusst, was das war?«, fragte LionWalker. »Aber ja doch.«

»Das war unmöglich! Vollkommen und absolut unmöglich! Niemand kann einen Stern einfach so ausschalten! Niemand!«

»Ich weiß. Wunderbar, nicht wahr?«

Zwei

Adam Elvin verließ den planetaren CST Bahnhof in Tokat, der Hauptstadt von Velaines. Er ließ sich Zeit damit, die Sensoren zu passieren, die in den kannelierten Marmorsäulen entlang der Bahnhofshalle eingelassen waren. Wenn seine Tarnung auffliegen und er verhaftet werden sollte, dann lieber jetzt, bevor auch der Rest der Mission aufgedeckt werden konnte.

Der durchschnittliche Bürger des Commonwealth hatte keine Ahnung, dass derartige Überwachungssysteme existierten. Adam hingegen hatte den größten Teil seines Erwachsenenlebens damit zu tun gehabt. Verständlicherweise paranoid was Sabotage betraf, benutzte CST die Systeme, um jeden zu überwachen, der ihre Transporteinrichtungen nutzte. Die gewaltigen Prozessor-Arrays waren mit einer visuellen Charaktererkennungssmartware geladen, die jeden Passagier mit einer langen Liste von bekannten und mutmaßlichen Rezidivisten abglich.

Adam hatte zellulares Reprofiling häufiger benutzt, um seine Größe und sein Aussehen zu verändern, als er sich erinnern konnte, wenigstens einmal pro Jahr, häufig sogar zwei- oder gar dreimal. Die Behandlung war zwar nicht gerade dazu geeignet, den Alterungsprozess zu verhindern, der Adams Organe und Gelenke allmählich erstarren ließ, doch sie entfernte Narbengewebe, wovon Adam im Lauf der Jahrzehnte mehr als genug angesammelt hatte. Außerdem ermöglichte sie ihm, auf eine große Auswahl unterschiedlicher Gesichtszüge zurückzugreifen. Er hatte immer geglaubt, dass der Versuch, seine fünfundsiebzig Jahre zu verbergen, sinnlose Eitelkeit sei. Eine ältere Person mit dem Gesicht eines Heranwachsenden war ein wirklich erbärmlicher Anblick. Der Rest ihres Körpers verriet sie trotzdem: Sie waren einfach zu langsam, zu unbeweglich.

Adam erreichte den Taxistand draußen vor der Abfahrtsebene und benutzte seinen E-Butler, um ein Taxi zu rufen. Es hatte keinen Alarm gegeben. Oder wenigstens keinen erkennbaren Alarm, sagte er sich; doch man konnte nie wissen, wenn man mit ihr zu tun hatte. Sie war smart, und sie war Adam im Verlauf der Jahre immer näher gekommen. Aber falls sie hier auf Velaines eine Falle für ihn vorbereitet hatte, würde sie heute nicht zuschnappen – nicht zu dem Zeitpunkt, den er vorgezogen hätte.

Für den Augenblick war er jedoch noch frei und konnte sich an die Durchführung seiner Mission begeben. Heute war er eine neue Person, bis zu diesem Tag unbekannt im Commonwealth. Laut seiner Bürgerakte war er Huw North, geboren auf Pelcan, ein First-Live Siebenundsechzigjähriger und Angestellter der Bournewell Engineering Company. Sein Äußeres war übergewichtig, beträchtlich übergewichtig sogar angesichts der Tatsache, wie ernst Bürger des Commonwealth heutzutage ihre Gesundheit nahmen. Er wog knapp einhundertfünf Kilogramm, begleitet von einem runden, erschlaffenden Gesicht, das viel schwitzte. Dünner werdendes graues Haar zierte seinen Kopf, das auf wenig modische Weise in die Stirn gekämmt war. Er trug einen weiten braunen Regenmantel mit breitem Revers, der vorne offen stand und den Blick freigab auf einen zerknitterten grauen Anzug. Ein dicker Mann mit einem kleinen, bedeutungslosen Leben, jemand, den niemand beachtete. Zelluläres Reprofiling war eine kosmetische Behandlung für die Armen und die Eitlen und keine Methode, um die Haut teigig zu machen und den Anwender fetter. Als Irreführung hatte es noch nie versagt.

Was bedeutet, dass es wahrscheinlich an der Zeit ist, etwas zu ändern, dachte Adam, während er seinen übergewichtigen Leib in ein Taxi wuchtete und sich zum Westpool Hotel fahren ließ. Er checkte ein und bezahlte für zwei Wochen im Voraus. Er hatte ein Doppelzimmer im achten Stock, mit Fenstern, die sich nicht öffnen ließen, und einer Klimaanlage, die für seinen Geschmack zu kalt war. Er hasste das – er hatte einen leichten Schlaf, und der Lärm der Klimatisierung hielt ihn immer stundenlang wach. Jedes Mal.

Adam packte die Kleidung aus, die er im Koffer mitgebracht hatte; dann holte er die kleine Schultertasche hervor, die seine Notfallausrüstung enthielt. Zwei Garnituren Kleidung, eine davon mehrere Nummern zu klein, ein Erste-Hilfe-Kit, Bargeld, ein CST Rückfahrschein von EdenBurg nach Velaines mit bereits benutzter Hinfahrt, ein paar extrem hochentwickelter tragbarer Arrays mit ungewöhnlich stark gesicherter Kaos-Software sowie eine legale Ionen-Stun-Pistole mit einer getarnten Verstärkung, die die Waffe auf kurze Reichweite tödlich machte.

Eine Stunde später verließ Adam das Hotel und ging fünf Blocks weit zu Fuß durch die Nachmittagssonne, während er sich einen Eindruck von der Hauptstadt des Planeten verschaffte. Der Verkehr auf den Hauptstraßen fuhr dicht an dicht; Taxis und Lieferwagen beherrschten das Bild. Keines der Fahrzeuge benutzte Verbrennungsmotoren; alle wurden von Supraleiterbatterien und Elektromotoren angetrieben. Dieses Viertel der Stadt war noch respektabel; dafür lag es nahe genug an den zentralen Finanz- und Wirtschaftsdistrikten. Rings um Adam herum befanden sich Läden und Büros, und in den Seitenstraßen gab es Reihenhäuser mit Appartementwohnungen, keines mehr als drei, vier Stockwerke hoch. Öffentliche Gebäude mit Fassaden im spätimperialistischen russischen Stil rahmten hübsche kleine Plätze ein. In der Ferne, die vollkommen geraden Straßen hinunter, standen die Türme, die das Herz der Stadt markierten. Alle paar Blocks unterquerte Adam eines der Hochgleise, die sich durch das Straßennetz der Stadt wanden – dicke Betonarterien auf hohen Pfeilern, auf denen die wichtigsten Verbindungen in die planetare CST Station verkehrten.

Velaines lag im Phase-Eins-Raum, kaum fünfzig Lichtjahre von der Erde entfernt. Der Planet war im Jahr 2090 für die Besiedlung freigegeben worden, und seine Wirtschaft und Industrie hatte sich seither genau nach den Vorhersagemodellen entwickelt. Velaines besaß heute eine Bevölkerung von mehr als zwei Milliarden Bürgern mit einem entsprechend hohen Lebensstandard. Velaines war genau die Art von Welt, die auch alle Phase-Zwo- und Phase-Drei-Planeten eines Tages werden wollten.

Angesichts der Länge seiner Geschichte war es unausweichlich, dass sich einige Anzeichen des Niedergangs in die Gesellschaft des Planeten eingeschlichen hatten. In dem schnelllebigen Kapitalmarktmodell, dem die Wirtschaft von Velaines folgte, konnte nicht jedermann genügend Reichtum ansammeln, um beliebig viele Rejuvenationen zu genießen. Die Gegenden, in denen die Menschen lebten, reflektierten ihren finanziellen Status. Die Straßenbeläge bekamen zunehmend mehr Sprünge und Risse, während das effiziente, stadtweite Netz von Metro Trams weniger Haltestellen ansteuerte und ältere Waggons einsetzte. Dies waren die Gegenden, in denen der echte Niedergang einsetzte, wo Verzweiflung und Sackgassen vorherrschten, wo menschliche Leben verschwendet und dem Gott der Ökonomie geopfert wurden.

In diesem Zeitalter und diesen Tagen galt so etwas als unerhört. Es war genau die Art von Umgebung, die auszurotten sich Adam schon vor langer Zeit zum Ziel gesetzt hatte – und heute die Art von Gegend, die er für seine übrigen Aktivitäten am besten gebrauchen konnte.

Adam suchte sich ein A&A Hotel am Ende der Fifty-third Street und checkte mit falscher Identität als Quentin Kelleher ein. Das A&A war eine Franchisekette billiger, voll automatisierter Hotels, wo der Manager zugleich der Hausmeister und das Zimmermädchen war. Das Rezeptionsarray nahm den Transfer in Augusta-Dollars von Adams CreditTattoo entgegen und gab ihm einen Kode für Zimmer Nummer 421. Es war ein einfaches Quadrat von drei Metern Seitenlänge mit einem Dusch-Toiletten-Alkoven und einem Dispenser Outlet. Darüber hinaus gab es ein Jellmattressbett, einen Stuhl und ein einziehbares Regal. Allerdings lag das Zimmer an einer Ecke des Gebäudes, was bedeutete, dass es zwei Fenster hatte.

Adam forderte vom Array des Dispensers einen Schlafsack, drei verpackte Mahlzeiten, zwei Literflaschen Trinkwasser und eine Tüte mit Toilettenartikeln an. Die Kosten wurden allesamt von seinem Konto abgebucht. Der Mechanismus begann, leise zu surren, und eine Minute später fielen die bestellten Dinge in den Auffangkorb. Anschließend versetzte Adam einen seiner tragbaren Arrays in den Wachmodus und ließ ihn unablässig den Raum scannen. Falls jemand einbrach, würde das Array unverzüglich den E-Butler mit einer kodierten Nachricht von Seiten einer Einmal-Unisphären-Adresse alarmieren. Die Wahrscheinlichkeit eines Einbruchs war jedoch denkbar gering. Velaines rühmte sich seiner niedrigen Kriminalitätsrate, und wer in einem A&A Hotel wohnte, hatte sowieso nichts Wertvolles bei sich. Die Chancen standen zu Adams Gunsten.

An jenem Abend nahm Adam eine Metro Tram quer durch die Stadt in einen anderen leicht heruntergekommenen Distrikt. Zwischen zahlreichen geschlossenen Läden und offenen Bars fand er eine Tür mit einem kleinen Schild darüber:

Intersolar Socialist Party
Velaines, 7th Chapter

Sein E-Butler nannte der Tür den Mitgliedskode von Huw North, und das Schloss summte. Im Innern fand er so ziemlich genau das vor, was er erwartet hatte: eine nackte Holztreppe, die nach oben zu einer Reihe von Räumen mit hohen, vor langer Zeit vernagelten Fenstern führte. In einem der Räume befand sich eine Bar, in der billiges Bier aus Mikrobrauereien ausgeschenkt wurde sowie gefährlich aussehende Spirituosen aus Keramikflaschen. Ein Spieleportal nahm den größten Teil des zweiten Raums ein, mit reichlich Zuschauerstühlen entlang den Wänden.

Mehrere Männer saßen auf Hockern an der Bar. Sie verstummten ausnahmslos, als Adam den Raum betrat. Keiner von ihnen trug einen Anzug, und Adam mit seiner Garderobe, so billig sie auch war, gehörte nicht hierher.

»Ein Bier bitte«, sagte er zu dem Barmann. Er legte ein paar irdische Dollarnoten auf den Tresen, eine Währung, die auf den meisten Welten ohne Fragen akzeptiert wurde.

Die Flasche wurde vor ihn hingestellt. Alles beobachtete ihn, während er den ersten Schluck trank. »Nicht schlecht.« Es gelang ihm sogar, keine Miene zu verziehen. Er konnte ja verstehen, dass ein Sozialistenclub nicht bei einer der großen Brauereien einkaufte, aber es war doch wohl möglich, unter den kleineren eine zu finden, die ein trinkbares Bier herstellte.

»Neu in der Stadt, Kamerad?«, fragte der Barmann.

»Heute angekommen.«

»Bleibst du länger?«

»Eine Weile, ja. Ich suche nach einem Kameraden namens Murphy. Nigel Murphy.«

Der Mann am anderen Ende des Tresens erhob sich von seinem Hocker. »Das bin ich, Kamerad.« Er war schlank und größer als Adam, mit einem schmalen Gesicht, das irgendwie misstrauisch wirkte. Adam schätzte, dass er noch im ersten Leben steckte: Sein Kopf war nahezu kahl mit lediglich einem Mönchskranz grauer Haare über den Ohren. Seine Kleidung war die eines gewöhnlichen Arbeiters: Jeans und ein kariertes Hemd mit einer offenen Fleecejacke darüber und einer Wollmütze, die er in eine der Taschen gestopft hatte. Alles war dreckig, als wäre er gerade erst von der Baustelle oder aus der Fabrik gekommen. Doch die Art und Weise, wie er Adam ansah – die Einschätzung, für die er nur einen kurzen Blick benötigte – verriet ihn als einen Anführer.

»Huw North«, sagte Adam, als sie sich die Hände schüttelten. »Einer meiner Kollegen war letzte Woche hier.«

»Ich bin nicht sicher, ob ich mich an ihn erinnere«, antwortete Nigel Murphy.

»Er hat gesagt, Sie wären der Mann, mit dem man reden müsste.«

»Kommt ganz darauf an, worüber Sie reden möchten … Kamerad.«

Adam seufzte. Er hatte dieses Ritual im Verlauf der letzten Jahre so oft praktiziert. Inzwischen hätte er wirklich einen Weg finden müssen, wie er den ganzen Mist umgehen und direkt zum Kern der Sache kommen konnte; doch wie stets blieb ihm nichts anderes übrig, als es bis zum Ende durchspielen. Der lokale Anführer musste sich vor seinen Freunden als Chef profilieren.

»Ich hab ein paar Probleme«, sagte Adam. »Kann ich Sie zu einem Drink einladen?«

»Sie gehen sehr freizügig mit Ihrem Geld um, Kamerad«, sagte einer der anderen, der hinter Nigel Murphy saß. »Sie haben wohl eine Menge davon, wie? Glauben Sie vielleicht, Sie können unsere Freundschaft kaufen?«

Adam lächelte den Sprecher ausdruckslos an. »Ich möchte Ihre Freundschaft nicht, und Sie möchten ganz bestimmt nicht mein Freund sein.«

Der Mann drehte sich grinsend zu seinen Kollegen um. Er sah aus wie Mitte dreißig, und er hatte die Art von Impulsivität, die sein Alter echt erscheinen ließ. »Warum denn nicht?«

»Wer sind Sie?«

»Sabbah. Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet. Warum denn nicht?«

»Nun, Sabbah, wenn Sie mein Freund wären, würde man Sie durch das gesamte Commonwealth hindurch jagen, und bekäme man sie zu fassen, würden Sie sterben – permanent sterben, Sabbah.«

Jetzt grinste niemand in der Bar mehr. Adam war froh über die kleine Beule in seiner Jackentasche, die von der manipulierten Ionen-Stun-Pistole herrührte.

»Erinnert sich einer von Ihnen vielleicht an den 21. November 2344?« Adam blickte herausfordernd in die Runde.

»Abadan Station«, sagte Nigel Murphy leise.

»Das waren Sie?«, fragte Sabbah.

»Sagen wir einfach, ich war zu der Zeit zufällig in der Gegend.«

»Vierhundertachtzig Menschen wurden getötet«, sagte Murphy. »Ein Drittel davon permanent. Kinder, die zu jung waren für Memorycell Inserts.«

»Der Zug hatte Verspätung«, sagte Adam. Seine Kehle wurde trocken, als er sich an die Ereignisse erinnerte. Noch immer sah er sie mit schrecklicher Deutlichkeit vor seinem geistigen Auge. Er hatte sich nie das Gedächtnis editieren lassen, nie den einfachen Weg aus seinem Dilemma gesucht. Lebe mit den Folgen deiner Handlungen. Also träumte er jede Nacht von der Explosion und der daraus resultierenden Entgleisung direkt vor dem Gateway, Waggons, die über Weichen sprangen und über parallel liegende Gleise im betriebsamsten Teil des Bahnhofs. Fünfzehn Züge wurden getroffen, aufgeschlitzt, auseinandergerissen, explodierten und schleuderten radioaktives Material umher. Und Leichen, überall Leichen. »Er war zur falschen Zeit im falschen Teil des Bahnhofs. Meine Gruppe hatte es auf den Getreidezug aus Kilburn abgesehen.«

»Sie wollten die Leute am Essen hindern?«, fragte Sabbah mit schnarrender Stimme.

»Ist das hier ein Sauflokal oder eine sozialistische Zelle?«, entgegnete Adam. »Wissen Sie nichts über die Partei, die Sie unterstützen? Den Grund, aus dem wir existieren? Es gibt bestimmte Getreidezüge, die durch Zero-End-Gateways geschickt werden. CST bewahrt Stillschweigen über diese Züge, genauso wie über Zero-End selbst. Die Company gibt Millionen aus für Waggons, die in Schwerelosigkeit und im Vakuum funktionieren. Millionen von Dollars für die Entwicklung von Maschinen, deren einzige Aufgabe darin besteht, ihren Inhalt in den Weltraum zu kippen. Sie gehen durch ein Zero-End-Gateway und kommen auf einem Gleis heraus, das mitten im interstellaren Raum hängt. Niemand weiß wo. Es spielt auch keine Rolle. Sie existieren, damit wir alles Gefährliche in sicherer Entfernung von H-kongruenten Planeten verklappen können. Also schicken sie ihre Züge mit den Spezialwaggons durch und öffnen die Luken, um den gefährlichen Inhalt auszuschütten. Nur dass an diesem Getreide überhaupt nichts Gefährliches ist. Es sind lediglich Zehntausende Tonnen perfekten Getreides, die ins Nichts hinaus strömen. Die Waggons haben einen cleveren Mechanismus, der das sicherstellt. Lediglich die Luke zu öffnen, reicht nämlich nicht aus. In der Schwerelosigkeit bleibt das Getreide einfach da, wo es ist. Man muss es aus dem Waggon stoßen. Und wissen Sie, warum man das alles macht?«

»Der Markt«, antwortete Nigel Murphy mit einem Hauch von Überdruss in der Stimme.

»Verdammt richtig. Der Markt. Sollte es je einen Nahrungsüberschuss geben, gehen die Preise in den Keller. Die Rohstoffhändler können das nicht tolerieren; dann würden sie beim Verkauf nämlich nicht mehr genügend Profit für das Spiel machen, das sie mit der Arbeit anderer spielen. Der Markt verlangt, dass weniger Nahrung im Umlauf ist. Also rollen die Getreidezüge durch die Zero-End-Gateways, und die Menschen zahlen höhere Preise für ihre Grundnahrungsmittel. Eine Gesellschaft, die so etwas zulässt, irrt auf fundamentale Weise. Und Getreide ist nur der unbedeutendste Teil von Missbrauch, den die Menschen dank der kapitalistischen Marktwirtschaft erdulden müssen.« Adam starrte Sabbah direkt in die Augen in dem Wissen, dass er wieder einmal zu weit ging, dass er wieder einmal aus seiner eigenen Überzeugung zu viel Aufhebens machte. Es war ihm egal, denn das war es, dem er sein Leben verschrieben hatte. Selbst jetzt, angesichts all der anderen Prioritäten, trieb ihn die größere Sache der Menschlichkeit immer noch an. »Das ist der Grund, warum ich der Partei beigetreten bin: um genau diese Sorte von monströser Ungerechtigkeit zu beenden. Und das ist der Grund, warum ich als Mitglied dieser Partei sterben werde und zwar einen permanenten Tod. Weil ich daran glaube, dass die menschliche Rasse etwas Besseres verdient hat als diese Bastarde von Plutokraten, die über uns herrschen, als wären wir Leibeigene. Wie steht es mit Ihnen, Kamerad? Woran glauben Sie?«

»Danke für die Aufklärung«, beeilte sich Nigel Murphy zu sagen. Er stellte sich zwischen Adam und Sabbah. »Wir alle hier sind gute Parteimitglieder, Huw. Wir mögen ihr vielleicht aus verschiedenen Gründen beigetreten sein, aber wir haben die gleichen Ziele.« Mit einer Hand signalisierte er Sabbah und den anderen, am Tresen zu bleiben. Die andere lag auf Adams Schulter und steuerte ihn auf eine kleine Tür zu. »Kommen Sie.«

Das Hinterzimmer wurde als Lagerraum für Bierkisten und allen möglichen anderen Plunder benutzt, der sich in einer Bar im Lauf der Jahre ansammelt. Ein einzelner Polyphotostreifen war an der Decke befestigt und sorgte für Licht. Als die Tür geschlossen war, informierte Adams E-Butler seinen Besitzer, dass seine Verbindung mit der Cybersphäre unterbrochen worden war.

»Tut mir Leid deswegen«, sagte Nigel Murphy, während er zwei leere Bierkisten hervorzog, auf die sie sich setzen konnten. »Die Kameraden sind nicht an neue Gesichter hier in der Gegend gewöhnt.«

»Sie meinen, die Partei steht in Velaines auf verlorenem Posten?«

Nigel Murphy nickte zögernd. »An manchen Tagen sieht es tatsächlich danach aus, ja. Bei den Wahlen kriegen wir heutzutage kaum noch zwei Prozent, und eine Menge Stimmen sind reine Proteststimmen gegen die großen Parteien. Jede direkte Aktion unsererseits gegen die Konzerne ist … Ich weiß es nicht. Kindlich? Es ist, als würden wir mit einem Gummihammer auf einen Planeten einschlagen. Wir hinterlassen keine Spuren, keine Schäden. Und ständig besteht das Risiko eines weiteren Fehlers wie Abadan. Beim Sozialismus geht es schließlich nicht um das Töten von Menschen. Es geht um Gerechtigkeit für alle, nicht wahr?«

»Ich weiß. Es ist hart, glauben Sie mir, und ich arbeite schon sehr viel länger für unsere Sache als Sie. Aber Sie müssen daran glauben, dass sich all das eines Tages ändern wird. Das Commonwealth von heute basiert auf reiner imperialistischer Expansion. Expansion ist stets eine Zeit, die den Marktökonomen liegt, weil sich ständig neue Märkte öffnen; doch dieses System wird irgendwann versagen. Die Expansion in den Phase-Drei-Raum geht nicht so rasch und aggressiv voran wie die erste und zweite Phase. Der gesamte Prozess verlangsamt sich. Irgendwann wird der ganze Irrsinn aufhören, und wir können damit anfangen, unsere Ressourcen auf echtes soziales Wachstum zu konzentrieren statt auf physisches.«

»Hoffen wir es.« Nigel Murphy hob seine Bierflasche. »Und was kann ich für Sie tun?«

»Ich muss mit ein paar Leuten reden. Ich suche nach einer Gelegenheit, Waffen zu kaufen.«

»Dann jagen Sie immer noch Getreidezüge in die Luft oder wie?«

»Ja.« Adam zwang sich zu einem Lächeln. »Ich jage noch immer Getreidezüge in die Luft. Können Sie einen Kontakt für mich herstellen?«

»Ich kann es versuchen. Ich habe im Laufe der Jahre selbst ein paar kleinere Waffen für mich gekauft.«

»Ich suche nicht nach kleineren Waffen.«

»Die Händlerin, bei der ich gekauft habe – sie müsste Ihnen weiterhelfen können. Ich werde sie fragen.«

»Danke sehr.«

»Über was für Waffen reden wir genau?«

Adam reichte Murphy eine ausgedruckte Liste. »Mein Angebot ist Folgendes: Sie können hinzufügen, was auch immer diese Sektion der Partei benötigt, bis zu zehn Prozent der Gesamtsumme. Betrachten Sie es als eine Art Finderlohn.«

»Das sind verdammt ernsthafte Waffen.«

»Ich repräsentiere eine verdammt ernsthafte Sektion.«

»Also schön«, sagte Nigel Murphy. Es gelang ihm nicht, den besorgten Gesichtsausdruck zu verbergen, während er die Liste durchging. »Geben Sie mir den Zugriffskode für Ihren E-Butler. Sobald ich ein Treffen vereinbart habe, melde ich mich bei Ihnen.«

»Gut. Eine Sache noch … Sind in letzter Zeit irgendwelche neuen Mitglieder hinzugekommen? Im Laufe der letzten zwei, drei Monate?«

»Nein. Seit inzwischen neun Monaten nicht mehr, leider. Ich sagte Ihnen doch bereits, wir sind im Augenblick nicht sehr salonfähig. Wir werden wohl nicht umhin kommen, eine neue Rekrutierungsaktion bei den Arbeitergewerkschaften zu starten. Aber bis dahin werden noch Wochen ins Land ziehen. Warum fragen Sie?«

»Einfach so. Routine.«

Sabbah hasste sich selbst für das, was er zu tun im Begriffstand. Der Kamerad verfügte offensichtlich über gute Verbindungen innerhalb der Partei, wahrscheinlich im Exekutivkader, was bedeutete, dass er fest an das glaubte, was er tat – insbesondere, wenn er über den Getreidezug die Wahrheit erzählt hatte.

Es war ja nicht so, dass Sabbah nicht an die Sache der Partei glauben würde. Er hasste die Art und Weise, wie jeder andere auf der Welt erfolgreicher zu sein schien als er, und die Tatsache, dass seine Herkunft ihn zu einem einzigen Leben in miesen Umständen verdammte. Er hasste die Art und Weise, auf die die Gesellschaft strukturiert war und ihn daran hinderte, sich zu verbessern. Das war es, was ihn in erster Linie zu den Sozialisten getrieben hatte: die Tatsache, dass sie an einer Veränderung arbeiteten, damit Leute wie er eine Chance bekamen, ein anständiges Leben in einer Welt zu leben, zu der sie gehörten.

All das machte es nur noch schlimmer. Der Kamerad arbeitete aktiv am Sturz der Konzerne und des plutokratischen Staates, der sie unterstützte. Was eine Menge mehr war, als Sabbah je auf die Reihe gebracht hatte. Die siebte Sektion schien nichts anderes zu tun als endlose Meetings abzuhalten und stundenlang untereinander zu streiten. Und dann waren da die Wahlveranstaltungen, Tage, die sie damit verbrachten, sich beschimpfen und beleidigen zu lassen und mit der größten Verachtung behandelt zu werden und zwar von genau jenen Menschen, denen sie zu helfen versuchten. Und natürlich die Demonstrationen vor den Fabriken und Büros der Konzerne und die Überfälle auf Politiker. Sabbah wusste schon längst nicht mehr, wie oft er bereits am falschen, am empfangenden und sehr, sehr schmerzhaften Ende einer Schockpeitsche der Polizei gestanden hatte. Der wirkliche Grund, warum er dieser Tage immer noch weitermachte, war der Rest der Sektion. Seine Freunde. Er hatte keine Freunde außerhalb der Partei. Nicht mehr.

Doch ihm blieb keine andere Wahl. Diesmal nicht.

Es war nun neun Jahre her, dass er der Frau zum ersten Mal begegnet war. Der Job in jener Nacht hatte so einfach ausgesehen, dass es kriminell gewesen wäre, ihn nicht zu machen. Er war mit zwei alten Kameraden losgezogen, die er noch aus seiner Zeit in einer der Straßenbanden kannte, als sie alle von der Reform Academy abgehauen waren, um die Straßen unsicher zu machen. Die beabsichtigte Beute war ein Lieferwagen gewesen, unterwegs auf einer nächtlichen Tour vom planetaren CST Bahnhof zu verschiedenen umliegenden Warenhäusern. Er war mit Gütern von Augusta beladen, alles beste Qualität. Und der Lieferwagen war alt gewesen, seine Alarmanlage ein Witz.

Dank einer anständig ausgerichteten Kaos-Software, die sie von einem Kontaktmann gekauft hatten, war es ihnen gelungen, den Lieferwagen anzuhalten und seine Ladung innerhalb von zehn Minuten in ihren Besitz zu bringen. Sabbah hatte zusätzlich zu seinem Anteil sogar zwei Maidbots unter dem Arm, als er schließlich nach Hause ging.

Sie wartete bereits auf ihn, als er durch die Wohnungstür kam: eine asiatische Frau mittleren Alters, schulterlanges Haar, durchsetzt mit grauen Strähnen, in einem schicken Geschäftsanzug. Wie sie dort in seinem Wohnzimmer gesessen hatte, hatte sie ausgesehen, als gehöre sie viel mehr in dieses schäbige Zwei-Zimmer-Appartement, als er es je tun würde.

»Sie haben die Wahl«, hatte sie gesagt, als Sabbah sie mit vor Überraschung offenem Mund angestarrt hatte. »Entweder ich erschieße Sie in Notwehr, weil Sie eine Regierungsbeamtin in Ausübung ihrer Pflicht angegriffen haben, oder wir machen einen Deal, und ich lasse Ihnen ihren Schwanz.«

»Whooo …« Sabbah blickte mit verkniffenem Gesicht zur Tür und verfluchte seine Alarmanlage dafür, dass sie ihn nicht vor dem Eindringling gewarnt hatte.

»Oder glauben Sie, die öffentlichen Krankenkassen von Velaines kommen für einen neuen Schwanz auf, Sabbah? Auf den ziele ich nämlich, für den Fall, dass Sie es noch nicht bemerkt haben sollten.«

Voller Entsetzen sah Sabah, dass sie eine Art kleines schwarze Rohr in der Hand hielt und damit tatsächlich auf seinen Unterleib zielte. Er ließ die Kisten, in denen die Maidbots waren, unauffällig sinken, bis sie seine Hüften und das unendlich wertvolle Organ bedeckten, das sich in dieser Region befand.

»Wenn Sie von der Polizei sind, werden Sie nicht …«

Das heftige Krachen ihrer Waffe ließ ihn unwillkürlich zusammenzucken. Fetzen von Verpackungsschaumstoff segelten durch die Luft, während die Überreste eines Maidbots zu Boden polterten. Die krabbenartigen Elektromuskelgliedmaßen der kleinen Maschine zuckten noch eine Weile, bevor sie erschlafften. Sabbah starrte den zerstörten Maidbot an. »Heiliger Jesus an einer Krücke«, flüsterte er und packte die verbliebene Kiste noch fester.

»Wissen Sie jetzt, wo wir beide stehen, Sabbah?«, fragte die Polizistin.

»Ja, Ma’am.«

»Ich möchte nicht mehr und nicht weniger, als dass Sie etwas für mich tun. Eine kleine Sache nur. Werden Sie das für mich machen?«

»Was denn?«

»Eines Tages wird jemand bei Ihrer Sektion auftauchen, und ich möchte darüber informiert werden. Ich kann Ihnen keinen Namen geben, weil er ihn jedes Mal ändert. Aber er wird Dinge kaufen wollen, höchstwahrscheinlich Waffen oder Kaos-Software oder Proben von Krankheiten oder Komponenten, die den Spezifikationen nicht genügen und die Maschinen beschädigen, in die sie eingebaut werden. Er ist diese Art Mensch. Ein sehr unangenehmes Individuum. Er wird behaupten, ein Mitglied der Partei zu sein und dass seine Taten einem noblen Zweck dienen; doch das ist gelogen. Er ist ein Terrorist. Ein Anarchist. Ein Mörder. Und deswegen möchte ich, dass Sie mich informieren, sobald er Sie besucht, okay?«

Sabbah wollte gar nicht erst an die Alternative denken. Sie zielte noch immer mit der Waffe auf seinen Unterleib. »Ja, sicher, mache ich.«

»Gut.«

»Wann kommt er?«

»Das weiß ich nicht. Es könnte schon morgen sein. Es kann aber auch erst in dreißig Jahren geschehen. Vielleicht kommt er nie. Oder vielleicht schnappe ich ihn, bevor er Velaines erreicht.«

»Oh. Ja. Okay.«

»Und jetzt drehen Sie sich um.«

»Was?«

»Sie haben mich schon verstanden.« Sie erhob sich, während die Waffe unablässig auf ihn gerichtet blieb. Sabbah drehte sich zögernd zur Tür um. Seine Hände wurden gepackt, und er musste die Kiste mit dem Maidbot fallen lassen. Ein kaltes Band aus Malmetall schlang sich um seine Handgelenke und machte sie bewegungsunfähig. »Was zur Hölle …?«

»Ich verhafte Sie wegen Diebstahls.«

»Das ist doch wohl ein verdammter Witz! Ich habe gesagt, dass ich Ihnen helfen werde! Das war der Deal!« Er drehte den Kopf, um sie anzusehen. Der Lauf der Waffe drückte sich in seinen Kiefer.

»Es gibt keinen Deal. Sie haben eine Entscheidung getroffen, weiter nichts.«

»Natürlich gab es einen Deal!«, brüllte er wütend. »Ich habe gesagt, dass ich Ihnen helfen werde, und Sie lassen mich laufen! Jesus!«

»Sie irren sich«, antwortete die Frau mitleidlos. »Das habe ich nicht gesagt. Sie haben ein Verbrechen begangen. Sie müssen die Konsequenzen tragen. Man wird Sie vor Gericht stellen.«

»Fick dich, Miststück! Fick dich! Ich hoffe, dein Terrorist jagt hundert Krankenhäuser und Schulen in die Luft! Ich hoffe, er löscht deinen ganzen verdammten Planeten aus!«

»Das wird er nicht. Er interessiert sich nur für einen Planeten, und mit Ihrer Hilfe können wir ihn daran hindern, weiteren Schaden anzurichten.«

»Mit meiner Hilfe?« Die Worte kamen nur als Quieken heraus, so schockiert war Sabbah. »Du dämliches Miststück, du kannst mich am Arsch lecken! Ich werde dir nie im Leben helfen! Wir hatten einen Deal!«

»Wie Sie meinen. Ich werde dem Richter eine Nachricht zukommen lassen und ihn darum bitten, Milde walten zu lassen.«

»Häh?« Das war so unheimlich, dass sich in seinem Kopf alles zu drehen begann. Die Frau hatte ihm gleich von Anfang an Angst gemacht. Er war nicht einmal mehr sicher, ob sie tatsächlich von der Polizei war. Eher eine Serienmörderin oder so.

»Ich werde dem Richter sagen, dass Sie vollständig kooperiert und sich einverstanden erklärt haben, als Informant für mich zu arbeiten. Ich werde die Datei nicht verschlüsseln, wenn sie an Ihre Akte geheftet wird. Glauben Sie, Ihre Freunde werden daraufzugreifen, wenn sie sehen, dass Sie nur eine leichte Strafe erhalten haben? Und werden sie glücklich über das sein, was sie dort zu lesen bekommen? Meine Kollegen haben sie übrigens bereits festgenommen für den Raubüberfall heute Nacht. Ich schätze, sie werden sehr neugierig sein zu erfahren, woher wir alles wussten.«

»Oh, gottverdammt!« Sabbah war den Tränen nahe. Er wollte, dass dieser Albtraum endlich vorbei war. »Das können Sie doch nicht tun! Sie werden mich umbringen, permanent! Sie wissen nicht, wie diese Leute sind!« »Ich denke, das weiß ich sehr wohl. Werden Sie mich jetzt informieren, wenn diese Person auftaucht?« Und so hatte Sabbah mit zusammengebissenen Zähnen »Ja« gesagt.

Und so war es nun in den letzten neun Jahren gewesen. Er hatte eine Bewährungsstrafe für den Raubüberfall erhalten und musste zweihundert Stunden gemeinnützige Arbeiten leisten. Es war das letzte Mal gewesen, dass er ein Ding gedreht hatte – jedenfalls irgendetwas größeres. Höchstens den ein oder anderen Kleinbetrug, weiter nichts.

Und alle drei Wochen hatte er eine Nachricht im Eingangsfile seines E-Butlers vorgefunden, in der sie ihn danach fragte, ob der Mann gekommen sei. Jedes Mal hatte er mit »Nein« geantwortet.

Neun Jahre, und dieses Supermiststück hatte ihn nicht gehen lassen. »Zeit«, hatte sie ihm damals auf dem Weg zur Polizeiwache gesagt, »Zeit verringert keine Schuld. Zeit verringert überhaupt nichts.« Sie hatte nie gesagt, was mit ihm geschehen würde, sollte er sie nicht informieren. Andererseits war es auch nichts, was er unbedingt herausfinden wollte.

Also marschierte Sabbah mehrere Blocks weit und ließ das Sektionshaus hinter sich. Auf diese Weise würde sein E-Butler durch einen Cybersphäre-Nodus operieren, der nicht mit dem Gebäude in Verbindung stand. Die Sektion hatte mehrere Techno-Typen – alles Idealisten, was den totalen Zugriff anging, hingen sie fast anarchistischen Vorstellungen nach. Sie glaubten, jegliche Information sollte frei sein. Sie rauchten auch Sachen, die man nicht rauchen sollte, und spielten den größten Teil des Tages sensorische Immersionsspiele. Doch sie verfügten über das unfehlbare Talent, ihre Aufgaben zu erfüllen, wenn eine Datenbank um der Sache Willen geknackt werden musste. Sabbah hielt es nicht für abwegig, wenn der Seniorkader der Partei eine einfache Überwachungsoperation rings um das Sektionshaus herum laufen hatte.

Sein E-Butler aktivierte den Kode, den sie ihm gegeben hatte. Die Verbindung kam augenblicklich zu Stande, was ihm gehörig an die Nerven ging und ihn völlig überraschte. Sabbah atmete tief durch, bevor er sagte: »Er ist da.«

Adam Elvin ließ sich Zeit in der Lobby des Scarred Suit Clubs, während sich die Hostess mit seinem Mantel beschäftigte. Seine Retina-Implantate passten sich mit Leichtigkeit an das schwache Licht an und erzeugten ein Infrarot-Profil, das die Schatten für ihn verbannte. Dennoch nahm er die Szenerie sorgfältig in sich auf. Es war ein recht gewöhnlicher Club; Nischen ringsum an den Wänden, jede mit einem E-Seal-Vorhang für Privatsphäre, Tische und Stühle im Hauptraum, eine lange Theke mit einer ausgedehnten Sammlung von Flaschen auf den Regalen dahinter und eine kleine Bühne, wo die Boys, Girls und Ladyboys der Sunset Angels Truppe tanzten. Die Beleuchtung war schummrig, mit topas- und purpurfarbenen Spots, die ihre Lichtkegel auf das dunkle Holz der Einrichtung warfen. Die Musik war laut, eine langweilige Software-Komposition, die einen konstanten Beat aufrecht erhielt, zu dem die Akteure auf der Bühne ihre Kleidung ablegten. Es ist mehr Geld hier in diesem Laden, als eigentlich sein dürfte, dachte Adam. Was bedeutete, dass er geschützt war.

Gegen ein Uhr morgens war jeder Tisch besetzt, und die Menge aus Lowlifes rings um die Bühne winkte begeistert mit Banknoten in Richtung der Gesichter oder des Schritts der beiden Tänzerinnen. Mehrere Nischen waren durch schimmernde Kraftfelder von innen verschlossen. Adam betrachtete das Geschehen stirnrunzelnd, doch es war nicht anders zu erwarten gewesen. Während er hinsah, wurde einer der Sunset Angels vom Manager zu einer Nische geführt. Das Kraftfeld funkelte und ließ die beiden durch. Adams tragbares Array war imstande, das E-Seal zu durchdringen, doch die Sonde wäre aller Wahrscheinlichkeit nach entdeckt worden.

So viele Versteckmöglichkeiten bedeuteten ein Risiko – ein Risiko, an das er gewöhnt war. Und in einem geschützten Club reagierte man nicht freundlich auf die Polizei.

»Entschuldigen Sie bitte«, sagte der Türsteher. Er war freundlich – nicht, dass das eine Rolle gespielt hätte: Zelluläres Reprofiling hatte ihm die gleiche Masse wie Adam verliehen, nur dass es in seinem Fall kein Fett war.

»Sicher.«

Der Türsteher tastete Adam mit den Händen von oben bis unten ab. Seine Hände waren stark mit OCTattoos überzogen, und die Schaltkreise fluoreszierten bordeauxrot, während sie nach irgendetwas Gefährlichem suchten.

»Ich bin hier, um Miss Lancier zu treffen«, sagte Adam der Hostess, nachdem der Türsteher mit ihm fertig war. Sie führte ihn durch den Hauptraum und zu einer Nische ein kleines Stück vom Tresen entfernt. Nigel Murphy war bereits dort.

Für eine Waffenhändlerin war Rachael Lancier nicht gerade unscheinbar. Sie trug ein hellrotes Kleid mit tief ausgeschnittenem Dekolletee. Das lange kastanienbraune Haar war kunstvoll in Wellen gelegt, und kleine lumineszierende Sternchen glitzerten zwischen den einzelnen Strähnen. Eine Rejuvenation hatte sie zu ihren frühen Zwanzigern zurückentwickelt, als sie eine sehr attraktive Frau gewesen war. Adam wusste, dass es eine Rejuvenation gewesen war, vielleicht sogar die zweite oder dritte. Ihr Verhalten verriet sie. Keine echte Zweiundzwanzigjährige besaß ein derartiges Selbstbewusstsein, das an Gletschereis grenzte.

Ihr Leibwächter war ein kleiner dünner Mann mit einem angenehmen Lächeln, genauso unauffällig wie sie aufdringlich war. Er aktivierte das E-Seal, kaum dass Adams Bier eingetroffen war, und die offene Seite der Nische wurde in einen stumpfen platinfarbenen Schleier gehüllt. Sie konnten nach draußen in den Club sehen, aber die Gäste vor der Nische sahen nichts als einen blanken Schild.

»Das war eine ziemlich lange Liste«, sagte Rachael zur Begrüßung.

Adam wartete einen Moment, um zu sehen, ob sie fragen würde, wofür er die Sachen brauchte, doch sie war kein Amateur. »Ist das ein Problem für Sie?«

»Ich kann alles besorgen; aber ich muss Ihnen sagen, der Combat-Panzer braucht seine Zeit. Es ist ein Ausrüstungsartikel, der nur für die Polizei zugänglich ist. Normalerweise versorge ich Kundschaft mit weniger Ambitionen als Sie mit kleinen Handfeuerwaffen.«

»Wie lange brauchen Sie?«

»Für den Panzer? Zehn Tage, vielleicht zwei Wochen. Ich muss zuerst ein autorisiertes Benutzerzertifikat erwerben.«

»Ich brauche keins.«

Die Frau hob ihr Cocktailglas und trank einen Schluck, während sie Adam über den Rand hinweg beobachtete. »Das hilft mir nicht weiter, weil ich eines brauche. Hören Sie: Der Rest Ihrer Liste ist entweder auf Lager oder zirkuliert irgendwo auf dem Schwarzmarkt; ich kann alles innerhalb der nächsten paar Tage organisieren. Aber dieser Panzer, der kommt von legitimen Ausrüstern, und die wollen ein Zertifikat sehen, bevor sie ihn auch nur aus ihrer Fabrik lassen.«

»Können Sie das Zertifikat besorgen?«

»Kann ich.«

»Wie viel?«, fragte Adam, bevor sie mit ihrer Verkaufsstrategie anfangen konnte.

»In Velaines-Dollars? Einhunderttausend. Ich muss mit einer Reihe von Leuten verhandeln, und keiner von ihnen ist billig.«

»Ich zahle Ihnen achtzig.«

»Es tut mir Leid, aber das hier ist kein Marktstand. Ich verhandele nicht über den Preis. Er steht fest.«

»Ich zahle Ihnen achtzig, und ich zahle auch dafür, dass Sie den Rest auf der Liste so verpacken, wie es für mich erforderlich ist.«

Sie runzelte die Stirn. »Was für eine Verpackung?«

Adam reichte ihr einen Memorykristall. »Jede der Waffen ist in ihre Einzelteile zu zerlegen. Anschließend werden die Teile in verschiedene zivile und landwirtschaftliche Güter eingebaut, die ich in einem Lagerhaus bereit halte. Die Komponenten werden nicht identifizierbar sein, ganz gleich, wie genau die Apparate gescannt oder untersucht werden. Entsprechende Instruktionen befinden sich auf dem Kristall.«

»Angesichts der Länge Ihrer Liste wird das eine Menge Arbeit.«

»Fünfzehntausend. Und ich verhandle nicht.«

Sie leckte sich über die Lippen. »Wie wollen Sie bezahlen?«

»Irdische Dollars, bar, keine Überweisung oder dergleichen.«

»Bar?«

»Ist das ein Problem?«

»Ihre Liste kostet Sie siebenhundertzwanzigtausend. Das ist eine ganze Menge Bargeld, die Sie da mit sich herumtragen müssen.«

»Kommt darauf an, was man gewöhnt ist.« Adam griff in sein Jackett und zog ein dickes Bündel Banknoten hervor. »Das sind fünfzigtausend. Es reicht, um Sie anfangen zu lassen und meine Ernsthaftigkeit zu beweisen. Sobald Sie die Liste beisammen haben, nennen Sie mir die Koordinaten Ihres Lagers, damit ich meine Maschinerie zu Ihnen schicken kann. Wenn sie dort eintrifft, zahle ich ein Drittel der verbliebenen Summe. Sobald die Komponenten nach meinen Spezifikationen eingebaut sind, erhalten Sie den Rest.«

Rachael Lanciers arrogante Haltung bekam einen leichten Knick. Sie warf ihrem Leibwächter einen Blick zu, woraufhin dieser den Kristall an sich nahm. »Es ist mir eine Freude, mit Ihnen Geschäfte zu machen, Huw«, sagte sie.

»Ich möchte tägliche Updates über den Status der Operation.«

»Die sollen Sie bekommen.«

Chief Investigator Paula Myo verließ ihr Büro drei Minuten nach dem Eintreffen von Sabbahs Nachricht. Sie benötigte achtzehn Minuten, um die Stadt zu durchqueren und zum CST Station zu gelangen. Weitere acht Minuten musste sie auf ihren Expresszug warten. Vierzig Minuten später traf sie auf Velaines ein.

Zwei Senior Detectives, Don Mares und Maggie Lidsey von der Tokat Metropolitan Police erwarteten sie bereits, als sie vor ihrem Hauptquartier aus dem Taxi stieg. Angesichts der Kooperationsanfrage von Seiten des Intersolar Serious Crimes Directorate hatten die beiden Detectives keine Schwierigkeiten, einen Konferenzraum in Beschlag zu nehmen sowie genügend Arrayzeit des Departments. Ihr Captain hatte außerdem deutlich gemacht, dass er von ihnen erwartete, dass sie dem Chief Investigator echte Hilfe leisteten. »Sie wird einen Bericht über unsere operativen Fähigkeiten schreiben, wenn diese Sache vorbei ist«, sagte er, »und das Direktorat hat politischen Einfluss; also seien Sie freundlich, und machen Sie sich nützlich.«

Während Don Mares nervös neben ihr saß, benutzte Maggie Lidsey ihren E-Butler, um die Akte des Chief Investigators aufzurufen. Breite Spalten durchsichtigen grünen Textes scrollten über den virtuellen Sichtschirm, den ihre Retinaimplantate erzeugten. Sie ging die Informationen hastig durch; es war mehr eine Auffrischung als eine detaillierte Bewertung. Jeder Mitarbeiter der Exekutivorgane kannte den Namen Paula Myo.

Das Array des Hauptquartiers informierte die beiden Detectives darüber, dass ihr Gast eingetroffen war. Maggie konzentrierte sich auf die Lifttüren, als diese sich öffneten, und verbannte die geisterhaften Textzeilen aus ihrem Sichtfeld. Der Konferenzraum in der achtzehnten Etage des Metropolitan Police Headquarter besaß Glaswände, wie jedes andere Büro auf der Etage auch. Von ihrem Standpunkt aus konnte Maggie das gesamte Layout überblicken. Zuerst schenkte niemand dem Neuankömmling sonderliche Beachtung, als Paula Myo den Hauptkorridor entlang marschierte, gefolgt von zwei Kollegen aus dem Serious Crimes Directorate. In ihrer weißen Bluse, dem strengen Geschäftsanzug und den zweckmäßigen schwarzen Schuhen passte sie perfekt in die geschäftige, aufgegliederte Arbeitsumgebung. Sie war ein wenig klein nach heutigen Standards, wo achtzig Prozent der Bevölkerung auf die eine oder andere Weise genetisch verändert waren. Nicht, dass es ihr an physischer Statur gemangelt hätte; sie hielt offensichtlich entschlossen eine Trainingsroutine durch, die ihre Fitness eine Größenordnung über allem hielt, was die Metropolitan Police von ihren Beamten verlangte. Ihr dichtes rabenschwarzes Haar war glatt gekämmt und reichte ihr bis über die Schultern. Die Human Structure Foundation auf Huxley’s Heaven, die ihr Genom so sorgfältig entwickelt hatte, hatte eine Mischung aus Filipino- und Europidengenen als Grundlage ausgewählt und ihr eine natürliche Schönheit verliehen, die unglaublich anziehend wirkte. Eine Rejuvenation vor fünf Jahren wiederum ließ sie aussehen wie Anfang Zwanzig.

Obwohl Maggie Lidsey wusste, dass sie niemals nach dem äußeren Erscheinungsbild urteilen sollte, fiel es ihr schwer, die junge Frau ernst zu nehmen, der sie soeben die Hand schüttelte. Angesichts ihrer Größe und ihres frischen Aussehens hätte man Paula Myo leicht für einen Teenager halten können. Was sie verriet, war ihr Lächeln. Sie schien keines zu besitzen.

Die beiden anderen Ermittler vom Direktorat wurden als Tarlo vorgestellt, ein großer, blonder Kalifornier, und Renne Kempasa, eine Lateinamerikanerin aus Valdivia, die halbwegs durch ihre vierte Rejuvenation hindurch war.

Die fünf nahmen am Konferenztisch Platz, und die Wände wurden milchig. »Danke sehr für Ihre rasche Reaktion«, begann Paula. »Wir sind hier, weil ich einen Tipp erhalten habe, dass Adam Elvin auf Velaines eingetroffen ist.«

»Einen Tipp von wem?«, fragte Don.

»Von einem Kontakt. Nicht dem zuverlässigsten aller Kontakte, das gebe ich zu; trotzdem muss die Information näher untersucht werden.«

»Ein Kontakt? Das ist alles?«

»Mehr müssen Sie nicht wissen, Detective Mares.«

»Sie waren vor neun Jahren schon einmal hier«, sagte Maggie. »Wenigstens steht das in Ihrer offiziellen Akte. Also schätze ich, dass Ihr Kontakt ein Mann namens Sabbah ist. Er ist Mitglied der Sozialistischen Partei, genau wie Elvin es früher einmal war.«

»Sehr gut, Detective.«

»Okay, wir sind hier, um Ihnen zu helfen«, sagte Maggie. Sie hatte das Gefühl, soeben eine Art Test bestanden zu haben. »Was brauchen Sie?«

»Fangen wir mit zwei Überwachungsoperationen an. Elvin hat Kontakt zu einem Mann namens Nigel Murphy von der siebten Sektion der Sozialistischen Partei hier in der Stadt aufgenommen. Wir müssen ihn unter ständiger Observation halten, virtuell und physisch. Elvin ist hier, um Waffen für Bradley Johanssons Terroristenzelle zu besorgen. Dieser Murphy wird seine Verbindung zu einem einheimischen Waffenhändler sein; also kann er uns zu beiden führen. Sobald wir die Verbindung haben, können wir Elvin und den Waffenhändler bei der Übergabe abfangen.«

»Das klingt alles ganz einfach und routinemäßig«, bemerkte Maggie.

»Das wird es nicht, keine Sorge«, erwiderte Tarlo. »Elvin ist sehr gut. Nachdem wir ihn identifiziert haben, brauche ich ein Team von Detectives, das mir hilft, jede seiner Bewegungen bis zum Augenblick seiner Ankunft auf Velaines zurückzuverfolgen. Er ist ein verschlagener Hundesohn. Das erste, was er getan hat, wird das Festlegen einer Fluchtroute sein, für den Fall, dass der Deal hochgeht. Wir müssen diese Fluchtroute finden und versperren.«

»Offenbar kennen Sie sich ja bestens aus«, bemerkte Don Mares. »Was er tut und wo er steckt und alles. Ich bin überrascht, dass Sie uns überhaupt brauchen.«

Paula musterte ihn flüchtig; dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf Maggie. »Gibt es ein Problem damit?«, fragte sie.

»Ein wenig mehr Informationen wären schon nett«, antwortete Maggie. »Beispielsweise: Sind Sie sicher, dass er auf Velaines ist, um einen Waffenhändler zu kontaktieren?«

»Es ist genau das, was er tut. Tatsächlich ist es das Einzige, was er heutzutage noch macht. Er hat die Partei aufgegeben. Oh, sicher, er wird der lokalen Sektion den ein oder anderen Knochen hinwerfen, damit sie mit ihm kooperiert; aber er hat sich seit Abadan nicht mehr aktiv an der Bewegung beteiligt. Der Exekutivkader der Partei hat ihn und seine gesamte Widerstandszelle nach dem Fiasko von Abadan praktisch entmachtet. Damals hat er sich mit Bradley Johansson zusammengetan. Niemand sonst wollte noch etwas mit ihm zu schaffen haben. Er war einfach zu heiß. Seit damals war er der Quartiermeister der Guardians of Selfhood, der Wächter des Menschseins. Die Taten, die diese Gruppierung auf Far Away begangen hat, machen Abadan geradezu zu einem Bagatelldelikt.«

Don Mares grinste. »Ist es Ihnen schon gelungen, einen Teil des Geldes wiederzubeschaffen?«

Tarlo und Renne starrten ihn feindselig an. Paula Myo schwieg. Don begegnete ihrem Blick gleichmütig. Er zeigte keine Spur von Gewissensbissen.

»Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass er bewaffnet ist?«, erkundigte sich Maggie. Sie funkelte Don wütend an; manchmal konnte dieser Kerl ein richtiges Arschloch sein, und heute schien er das krampfhaft unter Beweis stellen zu wollen.

»Elvin wird wahrscheinlich eine kleine Waffe bei sich tragen«, sagte Renne Kempasa. »Seine wichtigste Waffe ist seine Erfahrung und seine Heimtücke. Wenn es zu einer Auseinandersetzung kommt, dann bestimmt nicht, weil er damit angefangen hat. Wir müssen den Waffenhändler sorgfältig durchleuchten – unserer Erfahrung nach neigen sie viel eher zur Gewalt als jemand wie Elvin.«

»Also kein Geld«, hakte Don nach. »Selbst nach – wie lange ist das jetzt her? Selbst nach hundertdreißig Jahren noch nicht.«

»Ich brauche Ihre Abteilung außerdem für den Versuch, Elvins Exportroute herauszufinden«, sagte Paula. »Die CST Sicherheitsdivision wird auf diesem Gebiet vollständig kooperieren.«

»Wir werden mit unserem Captain über einen Personalaustausch sprechen«, sagte Maggie. »Wir haben bereits ein Büro für Sie bereitgestellt sowie Rechenzeit beim Array des Departments.«

»Ich danke Ihnen. Ich würde die Observationsteams gerne in zwei Stunden treffen, um ihnen ihre Instruktionen zu geben.«

»Das wird ziemlich eng, aber ich denke, wir können das für Sie einrichten.«

»Danke sehr«, wiederholte Paula. Sie hatte Maggie die ganze Zeit über ununterbrochen angesehen. »Nein, ich habe bisher noch nichts von dem Geld wiederbeschafft. Der größte Teil davon wird für Waffengeschäfte wie das bevorstehende ausgegeben, was die Aufspürung und Wiederbeschaffung besonders erschwert. Und ich war ihm seit zwanzig Jahren nicht mehr so dicht auf den Fersen. Sie können sich also denken, wie enttäuscht ich sein werde, sollte einer von Ihren Leuten Mist bauen. Er kann seine Karriere abhaken, das verspreche ich Ihnen.«

Don Mares schnaubte verächtlich in dem Versuch, die Drohung einfach so abzutun. Es gelang ihm nicht wirklich. Maggie vermutete, dass er den gleichen Verdacht hegte wie sie selbst. Paula Myo lächelte niemals, weil sie einfach keinen Sinn für Humor besaß.

Adam beendete soeben ein recht reichhaltiges Frühstück im Westpool Hotel, als sein E-Butler ihn darüber informierte, dass eine ungekennzeichnete Nachricht in seinem Posteingang gelandet sei. Sie stammte von einer Einmal-Unisphären-Adresse, und der Text war mit einem Kode verschlüsselt, der den Absender augenblicklich identifizierte: Bradley Johansson.

Nach außen hin ruhig und gelassen trank Adam seinen Kaffee, während die Kellner umher eilten und sich um die übrigen Gäste kümmerten. In seiner virtuellen Vision jedoch bereitete er die Nachricht für die Entschlüsselung vor. Er trug sein Handgelenks-Array am linken Arm, ein einfaches Band aus stumpf glänzendem Malmetall, das sich ununterbrochen dehnte und zusammenzog, um den größtmöglichen Kontakt mit seiner Haut zu behalten. Die innere Oberfläche des Bands enthielt einen I-Spot, der mit Adams OCTattoos verbunden war, welche wiederum mit den Nervenfasern in seiner Hand vernetzt waren. Das Interface erschien in seiner virtuellen Vision als eine geisterhafte Hand in blassem Blau mit spitzen, purpurnen Fingernägeln. Für jede winzige Bewegung, die er mit seiner Hand aus Fleisch und Blut machte, vollführte die virtuelle Hand eine maßstäblich angepasste virtuelle Bewegung, die Adam gestattete, Sinnbilder auszuwählen und zu manipulieren. Das System war quasi ein Standard im gesamten Commonwealth und verschaffte jedem, der sich ein OCTattoo leisten konnte, direkten Zugriff auf die planetare Cybersphäre. Adam schätzte, dass die meisten Geschäftsleute, die rings um ihn herum frühstückten, im Stillen bereits mit den Arrays ihrer Büros in Kontakt standen. Sie hatten jenen verträumten Ausdruck auf ihren Gesichtern.

Adam zog den entsprechenden Schlüssel aus dem Speicher in seinem Handgelenks-Array, repräsentiert durch das Icon eines Rubik’s Cube, eines Zauberwürfels, den er verdrehte, bis die kleinen bunten Quadrate auf der Oberfläche ein bestimmtes Muster angenommen hatten. Der Würfel öffnete sich, und Adam ließ das Nachrichtenicon hineinfallen. Eine einzelne Zeile schwarzen Textes glitt über seine virtuelle Sicht: PAULA MYO IST AUF VELAINES.

Adam hätte fast seine Kaffeetasse fallen lassen. »So eine Scheiße!«

Mehrere Gäste blickten von den Nachbartischen zu ihm. Adam verzog die Lippen zu einem entschuldigenden Lächeln. Das Array hatte die Nachricht bereits wieder gelöscht, und nun führte es eine komplexe Überschreibungsroutine durch für den Fall, dass jemals eine forensische Wiederherstellungssoftware auf die Datenreste angesetzt werden sollte.

Adam hatte nicht die geringste Ahnung, woher Bradley seine Informationen bezog, doch sie hatten sich stets als äußerst verlässlich erwiesen. Er sollte seine Mission an Ort und Stelle abbrechen.

Doch andererseits … Die Planung und Organisation bis hierher hatte achtzehn Monate in Anspruch genommen. Auf einem Dutzend verschiedener Welten waren Briefkastenfirmen gegründet worden, um die Exporte der getarnten Maschinen nach Far Away zu bewerkstelligen, sie immer wieder umzuleiten, damit es keinen Verdacht und keine Spur gab. Eine Menge Geld war für die Vorbereitungen ausgegeben worden, und die Guardians würden keine weitere Waffenlieferung erhalten, wenn Adam keine arrangieren konnte. Bevor er das tat, musste er jedoch herausfinden, was diesmal schiefgelaufen war.

Sie waren so nah dran gewesen, so verdammt nah. Rachael Lanciers letzter Anruf hatte bestätigt, dass sie bereits zwei Drittel der Liste zusammen hatte. So verdammt nah.

Maggie Lidseys Wagen brachte sie eine Stunde vor dem eigentlichen Beginn ihrer Schicht auf den unterirdischen Parkplatz des Hauptquartiers. Sie machte Überstunden, seit sie mit dem Fall beauftragt worden war. Sie tat das nicht nur, um Paula Myo zu Gefallen zu sein; sie lernte auch eine ganze Menge von dem Chief Investigator. Die Aufmerksamkeit, die diese Frau den scheinbar unbedeutendsten Kleinigkeiten widmete, war atemberaubend. Maggie war überzeugt davon, dass sie Array-Implantate besaß, zusammen mit supplementären Memoryzellen. Kein Aspekt der Operation war zu unbedeutend, als dass sie sich nicht dafür interessiert hätte. Die Gerüchte um ihre Person hatten ihren Eifer ganz sicher nicht übertrieben dargestellt.

Der Aufzug zur Lobby scannte Maggie, um ihre Identität zu bestätigen; erst dann fuhr er in die fünfte Ebene hinunter, wo das Operationszentrum lag. Das Elvin-Team hatte den Kodenamen Round-Up erhalten und war im Raum mit der Nummer 5A5 untergebracht. Maggie wurde erneut gescannt, bevor die schwere Metalltür zur Seite glitt und sie einließ. Das Innere des Raums lag im Dämmerlicht und wurde von drei Reihen von Konsolen beherrscht mit großen holografischen Portalen, die den Operator mehr oder weniger einhüllten. Jedes der Portale zeigte ein Raster von Bildern, Diagrammen und Fließtexten. Laserlicht verbreitete einen fluoreszierenden Nebel. Ein schneller Blick zum nächsten hängenden Portal neben der Tür zeigte Maggie die vertrauten Bilder der Gebäude, die Rachael Lancier für ihre Waffengeschäfte nutzte, zusammen mit Aufnahmen der beiden Beschattungsfahrzeuge des Teams, auf denen Adam Elvins Taxi auf seinem Weg durch die Stadt zu sehen war.

Maggie bat um ein Update und ging rasch die über Nacht angesammelten Daten durch. Was hervorstach, war eine verschlüsselte Nachricht, die Elvins E-Butler über den Nodus des Westpool Hotels zugestellt worden war. Sie sah Paula Myo an ihrem Schreibtisch am anderen Ende des Raums sitzen. Der Chief Investigator schien mit zwei Stunden Schlaf täglich auszukommen. Sie hatte sich eine Pritsche in ihr Büro bringen lassen und benutzte sie erst, wenn sich die beiden Hauptziele der Operation selbst schlafen gelegt hatten. Und sie war stets eine Stunde vor der Zeit wieder auf den Beinen, zu der der erste der beiden üblicherweise aufstand.

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