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Der Spion des Königs

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Prolog
  8. 1. Kapitel
  9. 2. Kapitel
  10. 3. Kapitel
  11. 4. Kapitel
  12. 5. Kapitel
  13. 6. Kapitel
  14. 7. Kapitel
  15. 8. Kapitel
  16. 9. Kapitel
  17. 10. Kapitel
  18. 11. Kapitel
  19. 12. Kapitel
  20. 13. Kapitel
  21. 14. Kapitel
  22. Geschichtliche Anmerkungen

Über den Autor

Simon Beaufort lehrt als Historiker an der Universität von Cambridge in Großbritannien. Er hat zahlreiche Sachbücher verfasst. DAS GEHEIMNIS DER HEILIGEN STADT war der erste Band einer historischen Krimireihe um Sir Geoffrey Mappestone zur Zeit der Kreuzzüge. Simon Beaufort lebt mit seiner Frau, die ebenfalls eine erfolgreiche Schriftstellerin ist, in einem kleinen Dorf in Suffolk, England.

Simon Beaufort

Der Spion
des Königs

Historischer Roman

Aus dem Englischen von
von Linda Budinger und Alexander Lohmann

Prolog

An der walisischen Grenze, Mai 1100

Der frühe Morgennebel lag dick und weiß über dem Fluss, und die Luft war eisig. Der junge Priester zitterte unter der abgewetzten Kutte, während er auf den Grundherrn und seine Familie wartete, die durch das hoch stehende Gras des Friedhofs auf die Kirche zukamen. Er blickte zum blassblauen, wolkenlosen Himmel empor, der einen weiteren schönen Frühlingstag versprach. Hinter sich hörte er ein ungeduldiges Seufzen, dann zorniges Gemurmel.

»Nur noch einen Augenblick«, ermahnte er mit gedämpfter Stimme die wartenden Dorfbewohner. »Sie sind gleich da.«

»Wir müssen die Saat fertig kriegen«, ließ sich Tom Ingram mit gereizter Stimme vernehmen. Er war ein mürrischer Mann, der sich gerne beklagte. »Die da droben in der Burg finden vielleicht nichts dabei, wenn sie morgens nicht aus den Federn kommen. Aber uns läuft hier der Tag davon, während wir auf die hohen Herrschaften warten müssen.«

»Das ist wahr, Vater!«, schimpfte der Totengräber der Gemeinde. »Wir können nicht den ganzen Tag hier rumstehen und auf sie warten. Wir müssen auf die Felder, solange das Wetter hält.«

»Ich weiß«, erwiderte Vater Adrian. »Aber da sind sie schon. Und Lady Pernel ist auch dabei.«

Eigentlich hatte er nicht vorgehabt, diese Tatsache so zu betonen. Aber er war einfach zu überrascht, als er die Dame inmitten ihrer Verwandten auf die Kirche zukommen sah.

»Lady Pernel?«, wiederholte Tom Ingram ungläubig. Er drängte sich an dem Priester vorbei, um es mit eigenen Augen zu sehen. »Was will die denn hier? Die lässt sich doch sonst nie in der Kirche blicken!«

»Behalte deine Überlegungen lieber für dich, Tom«, warnte Adrian. »Wenn Lady Pernel sich entschieden hat, für ihre Sünden Buße zu tun, dann geht das nur Gott und sie selbst etwas an. Dir steht kein Urteil zu.«

Ingram schnaubte höhnisch. »Buße tun! Vermutlich will sie nachschauen, ob’s hier in der Kirche irgendwo Silber zu stehlen gibt! Diese Mappestones in der Burg erzählen ständig, sie haben kein Geld für unsere Dächer übrig. Aber sie selbst leben gut genug von dem, was die Ländereien abwerfen. Lady Pernel läuft immer nur in Kleidern rum, die auch einer Königin gut anstehn würden!«

Von den anderen Dorfbewohnern war zustimmendes Gemurmel zu hören, das erst verebbte, als die erhabene Gesellschaft von Burg Goodrich die Kirche erreichte. Mit distanzierter Würde schritten die Herrschaften zur Ehrenbank vor dem Altarraum. Adrian wartete ab, bis sie Platz genommen hatten. Ingram und seine Kumpane würden diese zusätzliche Zeitverschwendung sicher missbilligen, aber der Priester hoffte, dass sie ihren Unmut für sich behielten. Sir Godric Mappestone, der jähzornige Gutsherr und einstige Held der Schlacht von Hastings, duldete keine Unverschämtheiten von seinen Untergebenen, und Adrian wollte in seiner Kirche keine Schwierigkeiten.

Der Priester sah zu, wie es sich die Mappestones auf den harten Holzbänken so bequem wie möglich machten. Sir Godric saß auf dem besten Platz. Er blickte missmutig vor sich hin und spielte am silbernen Griff eines abgenutzten Dolches – angeblich ein Geschenk von Wilhelm dem Eroberer. In jüngeren Jahren war Godric ein kräftiger, hoch gewachsener Mann gewesen, mit dichtem, hellbraunem Haar. Aber in den letzten Jahren alterte er zusehends. Das Haar war ergraut, und das Gesicht wirkte ausgezehrt und grau von den Leiden einer Krankheit, die ihn nun schon seit Wochen plagte.

An seiner Seite saß Lady Enide, seine jüngste Tochter und nach Adrians Ansicht die beste aus der ganzen Sippschaft. Er lächelte ihr zu, und sie erwiderte das Lächeln. Ihre dunkelgrünen Augen funkelten fröhlich wie immer, und ein langer brauner Zopf baumelte ihr munter den Rücken hinunter – ihre übliche, eigenwillige Frisur.

Daneben saß ihre ältere Schwester Joan. Verglichen mit Enides liebenswürdiger Ausstrahlung wirkte Joan verbissen und schlicht, und sie umklammerte Besitz ergreifend den Arm ihres Ehemanns. Sir Olivier d’Alençon war ein gutes Stück kleiner als sie und erweckte stets den Eindruck, er wäre lieber irgendwo anders.

Ihre berüchtigte Schwägerin Pernel stellte in dieser Sitzreihe die Nachhut der Familie. Sie lehnte schmachtend am Arm eines schmuckvoll gekleideten Ritters, der ihre Annäherungsversuche anscheinend gerne duldete. Missbilligend stellte Vater Adrian fest, dass der Ritter in voller Rüstung zur Messe gekommen war, einschließlich eines mächtigen Breitschwerts. Kurz zog er in Erwägung, den Krieger darauf anzusprechen und ihn aufzufordern, die Waffe vor der Kirche abzulegen. Aber er fürchtete, dass eine zusätzliche Verzögerung unter den unruhigen Mitgliedern seiner Gemeinde unbedachte Bemerkungen provozieren könnte, und so schwieg er.

Pernel sah an diesem Morgen großartig aus. Ihre dunklen Augen schimmerten wie glühende Kohlestückchen, und ihre Haut war so hell und rein wie Alabaster. Üppige rabenschwarze Locken fielen über ihren Rücken und wurden von einem zarten Silberreif aus dem Gesicht gehalten. Das rotbraune Kleid umschmeichelte ihren Leib wie feinste Seide. Adrian bemerkte, wie Tom Ingram sie anstarrte – mit einem Gesichtsausdruck, den man nur als blanke Lust deuten konnte. Er hoffte, dass Godric oder Sir Olivier es nicht ebenfalls bemerkten.

Als es in der Kirche still geworden war, las Adrian die Messe und rezitierte mit kräftiger, klarer Stimme die lateinischen Sprechgesänge. Er war allerdings immer noch so abgelenkt, dass ihm mehrere Fehler unterliefen – was natürlich niemandem außer ihm auffiel. Die meisten Dorfbewohner waren entweder eingeschlafen oder ließen den Blick aus dem Fenster schweifen. Die gelangweilten Burgbewohner unterhielten sich flüsternd. Enide schien als Einzige am Gottesdienst teilzuhaben, und selbst bei ihr war Adrian nicht sicher, ob sie der Messe mit aller Aufmerksamkeit folgte.

Endlich war der Gottesdienst vorüber, und die Dorfbewohner verfolgten ungeduldig und verärgert, wie die Edelleute würdevoll aus der Kirche schritten. Sir Oliviers schrilles Lachen hallte über den Friedhof, begleitet von Sir Godrics tief dröhnender Stimme. Adrian trat zu ihnen, verneigte sich höflich und wünschte ihnen einen guten Tag. Aber obwohl Sir Olivier nickte und Enide lächelte, ließ sich sonst niemand herab, seine Anwesenheit zur Kenntnis zu nehmen. Lady Pernel gab vor, im Gras zu stolpern, und umklammerte mit kokettem Lächeln den Arm des hoch gewachsenen Ritters.

»Konnte Euer Gemahl heute nicht zur Kirche kommen, edle Dame?«, fragte Adrian und bemühte sich um einen unschuldigen Gesichtsausdruck. Enide unterdrückte ein belustigtes Prusten.

»Mein Gemahl ist beschäftigt«, erwiderte Pernel mit unangenehm berührtem Blick. Sie war nicht sonderlich erbaut, an ihre Ehe mit Sir Godrics zweitem Sohn erinnert zu werden, während sie hier einem hübschen Ritter schöne Augen machte. »Sir Malger ist zu Besuch aus der Normandie. Er hat mir angeboten, mich heute Morgen an Stephens statt zur Kirche zu geleiten.«

»Es ist mir ein Vergnügen«, verkündete Malger mit einer höfischen Verbeugung. Seine Augen funkelten, als er sie ansah.

»Vielleicht darf ich Euch zum Frühstück auf die Burg einladen?«, fragte Enide den Priester. »Sir Malger hat vor einigen Tagen einen Hirsch geschossen, und …«

Was auch immer sie noch sagen wollte, es war vergessen, als Pernel ein zweites Mal gegen Malger taumelte. In Adrian wallte Ärger auf. Diese Frau kam soeben aus der Messe – konnte sie nicht einmal auf geheiligtem Boden in ihrem unzüchtigen Treiben innehalten? Doch etwas war seltsam an der Art, wie Pernels Arme schlaff herabhingen, als Malger sie auffing. Dann bäumte sie sich unter einem heftigen Krampf auf, und Malger ließ sie erschrocken los. Sie stürzte zu Boden.

Die Mitglieder von Adrians Gemeinde drängten neugierig heran und vergaßen, dass sie sich eigentlich um die Aussaat kümmern wollten. Pernel zuckte und wand sich, rotfleckiger Schaum flog von ihren Lippen, während Adrian versuchte, sie festzuhalten.

»Hol Meister Francis, unseren Physikus«, trug der Priester Tom Ingram auf. Ingram rührte sich nicht, sondern verfolgte gebannt das Schauspiel, das sich ihm darbot.

»Ich glaube, es ist zu spät für Meister Francis«, stellte Enide fest. Sie kniete neben dem Priester im nassen Gras und versuchte, mit ihm gemeinsam die von Krämpfen geschüttelte Frau zu halten. »Betet für sie, Vater, rasch! Sie liegt im Sterben!«

»Das kann nicht sein!«, rief Adrian entsetzt. »Das ist nur ein Anfall. Er wird vorübergehen. Tom! Hol Meister Francis, und beeil dich!«

Aber Enide hatte Recht. Lange bevor der alte Arzt schließlich keuchend den Hügel zur Kirche emporkam, war Pernels verzweifelter Kampf vorüber, und sie lag schlaff und leblos zwischen den Grabsteinen.

»Es war die Fallsucht«, verkündete Francis im Brustton der Überzeugung. »Ich habe noch nie einen derartigen Anfall erlebt, der nicht mit dem Tod endete. Aber nachdem es anfing, dürfte sie nicht mehr viel davon mitbekommen haben.«

»Für mich sah sie aus, als hätte sie eine Todesangst«, entgegnete Sir Godric und blickte auf seine tote Schwiegertochter hinab. »Also erzähl mir nicht, dass sie nicht wusste, wie ihr geschah, Francis.«

Der Physikus blickte verdrossen drein. Es gefiel ihm nicht, dass Godric ihm vor dem ganzen Dorf widersprach. »Nun, einen Trost kann ich Euch zumindest anbieten: Sie starb auf geweihtem Boden! Es dürfte in diesem Kirchspiel nur wenige geben, die diesen Segen nötiger hätten.«

»Das ist allerdings richtig«, murmelte Godric. »Die liebreizende Pernel hat meinen Sohn Stephen als Eheweib schon ganz ordentlich genasführt. Ohne sie ist er besser dran.«

Enide bedachte ihn für seine Taklosigkeit mit einem vernichtenden Blick. Was auch immer Godric über das Benehmen seiner Schwiegertochter dachte: Es war nicht angemessen, es über ihrem Leichnam und vor dem gesamten Dorf auszusprechen. Godric bemerkte ihr Missfallen nicht. Er schritt davon, um die Diener zu holen, damit sie Pernels sterbliche Überreste zur Burg trugen. Die Übrigen blieben unsicher um den Leichnam herum stehen, beunruhigt von dem plötzlichen Tod in ihrer Mitte.

»Der Physikus hat Recht«, flüsterte Adrian Enide zu. »Lady Pernel hat nicht eben ein untadeliges Leben geführt, und womöglich mag ihre Seele einen Nutzen daraus ziehen, dass sie ihren letzten Atemzug auf geheiligtem Boden getan hat.«

Sir Olivier hörte diese Bemerkung zufällig mit an. »Also wirklich, Vater!«, rief er aus. »Mit solchen Behauptungen beschmutzt Ihr den guten Namen meiner Schwägerin.«

»Welchen guten Namen?«, murmelte Tom Ingram den versammelten Dorfbewohnern zu. »Sie war eine Teufelin! Gott hat sie gestraft, weil sie kein Recht hatte, ihre verderbten Füße auf Seinen Heiligen Grund zu setzen!«

Zustimmendes Raunen kam von der gaffenden Menge, und selbst Pernels Schwägerinnen waren wohl nicht gewillt, der allgemeinen Meinung zu widersprechen. Sir Olivier stotterte vor Entrüstung, aber Joan legte ihm beruhigend die Hand auf den Arm. Malger beschloss, nicht auf die Diener mit der Bahre zu warten. Er hob den Leichnam vom Boden auf und trug ihn zur Burg. Enide, Olivier und Joan folgten ihm schweigend. Die Dorfbewohner sahen ihnen nach.

»Ich an Eurer Stelle würde auf diesem Friedhof die bösen Geister austreiben, Vater«, merkte Tom Ingram weise an. »Der Teufel hat heute seinen Fuß darauf gesetzt, um das Seine zu holen!«

New Forest, England, 2. August 1100

Die Männer traten aus dem Wald und blickten sich prüfend um. Die Lichtung war eine lang gezogene und sumpfige Wiese, und die Bäume standen auf allen Seiten sehr dicht. Der König nickte dem Jagdmeister zu, der darauf im Wald verschwand, um den Treibern anzuzeigen, dass die Jagd beginnen sollte.

Der König und seine Begleiter trennten sich. Jeder suchte nach dem besten Aussichtspunkt, von wo aus er mit Pfeil und Bogen das Wild erlegen konnte. Der König wählte einen Platz zwischen den Bäumen im Osten, während die Übrigen sich für das Sumpfgelände im Süden entschieden. Walter Tirel, der Graf von Poix und ein Freund des Monarchen, war von der Entscheidung des Königs überrascht: Das Licht der tief stehenden Sonne fiel flach in die Lichtung ein, und er würde beim Zielen direkt hineinblicken müssen.

Aber es ging ihn nichts an, wo der König zu stehen wünschte. Also schob sich Tirel behutsam hinter das spärliche Buschwerk am Rand des Sumpfes und wartete. Nach einer Weile war der Lärm der Treiber zu hören – Rufe und Pfiffe und das Krachen von Stöcken gegen das Unterholz. Die Männer bewegten sich in einem großen Bogen durch den Wald und trieben Hirsche, Hasen und Vögel auf die wartenden Jäger zu.

Tirel drückte sich noch tiefer in das Buschwerk, damit die Tiere nicht seinen roten Überwurf bemerkten und in eine andere Richtung flohen. Er seufzte und wandte das Gesicht der untergehenden Sonne zu. Es tat gut, hier draußen im Wald zu sein, nachdem man einen ganzen Tag im Haus gewesen war und überhaupt gar nichts hatte tun können. Die uralten Bäume waren leuchtend grün und schimmerten in der Sonnenglut des späten Nachmittags. Neben den Rufen der Treiber und dem aufgeregten Hundegebell hörte er ringsum die Insekten summen.

Auf der anderen Seite der Lichtung verharrte der König in angespannter Erwartung. Sein Herz pochte vor Jagdfieber. Schon ruhte der Pfeil auf der Sehne, der Bogen musste nur noch gespannt und auf die Beute abgeschossen werden. Der König kniff die Augenlider zusammen und spähte gegen die blendende Sonne zu dem Waldrand an seiner Rechten. Der Lärm der Treiber kam näher. Jeden Augenblick konnten die Tiere aus dem Wald hervorbrechen. Zunächst würden ein paar Vögel kommen, panisch mit den Flügeln schlagen und eine Spur von Federn hinter sich zurücklassen. Aber an den Vögeln hatte der König kein Interesse. Sein Haushalt wollte versorgt werden, und ein Hirsch war das Mindeste, was er dafür mitbringen musste.

Ein plötzliches Rascheln in einem nahen Baum verriet, dass ein Fasan aufgeflogen war. Nun konnte es nicht mehr lange dauern. Hunde heulten auf, nicht weit entfernt, und er glaubte, zur Rechten einen der Treiber zu erspähen. Und dann brach ein Hirsch zwischen den Bäumen hervor.

Der König umfasste den Bogen fester und zog die Sehne zurück. Er wandte kurz den Blick ab und vergewisserte sich, dass Tirel bemerkt hatte, welche Beute er für sich beanspruchte. Unterdessen kam ein weiterer Hirsch durch die Bäume und stürmte auf die Lichtung. Tirel wird ihn erwischen, dachte der König zuversichtlich; immerhin war der Graf von Poix einer der besten Bogenschützen bei Hofe.

Der Pfeil des Königs sauste auf den davoneilenden Hirsch zu, und sofort tastete der Monarch nach einem weiteren Pfeil. Er fluchte still vor sich hin, als das Tier unvermittelt die Richtung wechselte und das erste Geschoss harmlos im Boden stecken blieb. Er lief ein paar Schritte vor und ließ sich auf ein Knie nieder, um einen zweiten Schuss abzugeben. Jetzt schien ihm die Sonne direkt in die Augen, und er konnte kaum noch etwas sehen, geschweige denn zielen. Hinter dem Hirsch erblickte der König flüchtig einen Mann, der sich vor dem rotgoldenen Sonnenglast undeutlich abhob. Dann aber wandte er seine Aufmerksamkeit der Beute zu, die nun direkt auf ihn zukam.

Der zweite Pfeil verließ die Sehne nicht mehr. Überrascht spürte der König, wie ihm etwas gegen die Brust schlug. Was war das? Ein Stein, aufgewirbelt von dem panischen Hirsch? Doch dann bekam er keine Luft mehr, und unvermittelt gaben seine Beine nach. Der König kippte nach vorn, und als das geschah, wurde ringsum alles dunkel. Er spürte noch, wie er sich durch den Sturz irgendetwas tiefer in die Brust rammte, und dann gar nichts mehr.

Der Hirsch preschte über die Lichtung und verschwand auf der anderen Seite im Dickicht. Tirels Tier folgte ihm. Es blutete aus einer leichten Schürfwunde am Rücken. Als die beiden Hirsche verschwunden waren, traten die Treiber auf die Lichtung. Sie bewegten sich sehr vorsichtig, denn es wäre nicht das erste Mal, dass man einen von ihnen mit der Beute verwechselte und in der Hitze der Jagd erschoss. Aber es war niemand zu sehen.

Verwirrt rückten sie weiter vor, setzten zaghaft einen Fuß vor den anderen. Sie riefen ängstlich nach den edlen Jagdgästen und schlugen ziellos mit den Stöcken gegen das lange Gras. Der Jagdmeister schob sich an ihnen vorbei und schritt auf etwas Gelbes zu, was er an der Seite hatte flattern sehen. Abrupt hielt er inne und wandte sich zu den verwirrten Treibern um. Er war totenbleich geworden.

»Der König!«, flüsterte er entsetzt. »Der König ist tot!«

Man tauschte verständnislose Blicke, ungläubige Rufe wurden laut. Dann fanden sich die anderen Edlen aus der königlichen Jagdgesellschaft ein. Sie blickten auf den zusammengesunkenen Leib des Königs hinab, der hingestreckt zu Füßen einer Eiche lag. Für ein paar fassungslose Augenblicke war die Luft erfüllt von einem Wirrwarr erschrockener Fragen – die allerdings niemand beantworten konnte. Voller Furcht und Entsetzen schauten die Jäger einander an. Doch dann zog lauter Hufschlag die Aufmerksamkeit auf sich.

»Das ist Tirel!«, rief jemand. Er zeigte auf einen einsamen Reiter, der auf einem der schmalen Waldwege davonritt.

»Und dort ist Prinz Henry!«, rief ein anderer. Er wies dorthin, wo der jüngere Bruder des Königs mit zwei seiner engsten Vertrauten in entgegengesetzter Richtung fortgaloppierte.

»Aber da liegt sein toter Bruder!«, flüsterte Robert Fitz-Hamon, der älteste und engste Freund des Königs entsetzt. »Wie kann er nur den Toten so zurücklassen?«

Niemand antwortete ihm, und sie alle blickten auf den leblosen Körper, der vor ihnen im Gras lag. Es wurde still im Wald. Die letzten Strahlen des goldenen Sonnenlichtes verblassten über der Lichtung und dem toten König.

1. Kapitel

Walisische Grenze, Januar 1101

Sir Geoffrey Mappestone sah sich unbehaglich um. Er hätte wohl doch mehr auf seine eigenen schwachen Erinnerungen an diese Gegend vertrauen sollen, als den Richtungsangaben seines Sergeanten Will Helbye zu folgen. Die dunstige Landschaft war still, abgesehen vom leisen Hufschlag der Pferde auf dem gefrorenen Gras und dem gelegentlichen Klirren der Rüstungen.

Geoffrey warf Helbye einen zweifelnden Blick zu. Vergebens versuchte er, in dem Nebel vertraute Geländemerkmale auszumachen. Er wusste nicht einmal, ob er sich noch auf englischem Boden befand oder womöglich unachtsam in die feindlichen Gebiete geraten war, die von den walisischen Fürsten beherrscht wurden.

»Seid Ihr gewiss, dass Euer Sergeant weiß, was er tut?«, wollte Sir Aumary de Breteuil wissen. Er trieb sein herrliches Streitross an, bis er Seite an Seite mit Geoffrey ritt. »Der König wäre nicht sehr erfreut, wenn er erfahren müsste, dass Ihr mich in die Irre geleitet habt.«

»Ich habe Euch nicht gebeten, mit uns zu reisen«, erwiderte Geoffrey, durch die dauernden Klagen des Ritters reizbar geworden. »Wenn Eure Nachrichten an den König so wichtig sind, weshalb ließ er Euch dann nicht von einer Eskorte in Portsmouth abholen?«

Aumary bedachte ihn mit einem frostigen Blick. »Geheime Staatsgeschäfte«, behauptete er wichtigtuerisch. »Ich wurde angewiesen, mein Erscheinen auf Burg Chepstow so unauffällig wie möglich zu gestalten. Niemand darf erahnen, welch bedeutsame Sendschreiben ich befördere.«

Nicht zum ersten Mal während ihrer sechstägigen Reise tätschelte Sir Aumary mit selbstgefälligem Lächeln den Lederbeutel, den er unter seinem Wappenrock verborgen trug.

»Wenn Euch an einem unauffälligen Auftreten gelegen ist, so habt Ihr das allerdings bewundernswert zuwege gebracht«, stellte Geoffrey trocken fest und musterte dessen Ross, den erlesenen Mantel und das funkelnde Kettenhemd. »Niemand würde darauf kommen, dass Ihr ein Ritter von Rang und Vermögen seid.«

»Allerdings nicht«, bestätigte Aumary stolz. Den ironischen Tonfall in Geoffreys Worten bemerkte er gar nicht. »Und es ist nicht leicht gewesen, das kann ich Euch sagen: Ich hatte keine Diener, die für meine Bedürfnisse sorgen, und ich musste in der Gesellschaft von Grobianen aus dem Heiligen Land reisen.« Er warf einen verächtlichen Blick auf Helbye und die beiden Krieger hinter ihnen, die wie Geoffrey das Zeichen der Kreuzfahrer trugen.

»Ich hoffe, damit meint Ihr nicht mich«, sagte Geoffrey sanft.

Er hob den Schild an, der über dem Sattelknauf hing, und schob den gepanzerten Arm durch die Halteriemen. Sir Aumary hatte Recht, wenn er in dieser Gegend besorgt war. Geoffrey dachte ernsthaft darüber nach, umzudrehen und den Weg zurückzureiten.

Aumary missdeutete Geoffreys Vorsichtsmaßnahme als Drohung und versicherte rasch: »Natürlich nicht!«

Geoffreys Erscheinung stand zu Aumarys makelloser Aufmachung in einem einzigen Gegensatz: Er trug einen robusten, zweckmäßigen Überwurf mit dem Kreuz der Kreuzfahrer, der nach der langen Reise fleckig war. Seine Kettenrüstung war stärker, schwerer und schon sehr viel öfter auf die Probe gestellt worden als die seines Begleiters, und die geschärften Schneiden von Geoffreys Breitschwert konnten eine Rüstung so leicht durchstoßen wie Butter – was Aumary sehr genau wusste. Der ältere Ritter hatte nicht die geringste Absicht, einen Kampf anzufangen, den er verlieren würde. Er wandte sich daher Helbye zu und entzog sich einem Gespräch, das zunehmend ungemütlich wurde.

»Wo sind wir hier? Wie weit ist es noch bis Burg Goodrich?«

»Wir sind auf der richtigen Straße«, beharrte Helbye, der Aumarys dauernde Nachfragen allmählich leid war. »Wir sind bei Penncreic rechts abgebogen. Geradeaus wären wir nach Lann Martin in Wales gelangt.« Er erschauderte. »Und da wollen wir bestimmt nicht hin!«

Dem stimmte Geoffrey gerne zu, während er weiterhin im dichten, ruhigen Wald nach vertrauten Wegmarken Ausschau hielt. Hatte er tatsächlich während der letzten zwanzig Jahre so viel über seine Heimat vergessen? Die Stille verursachte ihm Unbehagen: Er konnte sich nicht erinnern, dass das Land rund um die Güter seines Vaters so ruhig gewesen war, nicht einmal im Winter. Seine Wachsamkeit übertrug sich auf Robin Barlow und Mark Ingram, seine Kriegsknechte, und sie zogen ihre Dolche. Geoffreys Hund, der neben den Pferden lief, knurrte.

Plötzlich durchschnitt ein unchristliches Gebrüll die Stille. Geoffreys Pferd tänzelte erschrocken zurück, und nur das rettete ihn vor dem Pfeil, der an seinem Gesicht vorbeizischte. Sein erhobener Schild schützte Geoffrey vor dem nächsten, der daran abprallte. Hinter ihm kämpfte Sir Aumary um die Herrschaft über sein Streitross, das zwar großartig aussah, aber nur schlecht ausgebildet war. Es wieherte und scheute angesichts des unerwarteten Angriffs.

Geoffrey riss das schwere Breitschwert aus dem Gürtel und machte Anstalten, das Pferd herumzureißen. Er rief seinen Männern zu, sich auf demselben Weg zurückzuziehen, den sie gekommen waren. Aber Barlow blockierte ihm den Weg: Ein Pfeil steckte im Hals seines Pferdes, und das Tier war panisch vor Schmerz und Angst.

»Zurück!«, rief Geoffrey den anderen zu. Aumary, Helbye und Ingram konnten dem Hinterhalt vielleicht noch entkommen, selbst wenn er und Barlow das nicht mehr schafften.

Dann wurde er von seinen verwirrten Begleitern abgelenkt und musste um sein eigenes Leben kämpfen. Aus dem Wald stürmten Männer, die sich hinter Baumstämmen und unter Laubhaufen versteckt hatten. Geoffrey nahm sich nicht die Zeit, sie zu zählen. Er griff an und führte das Schwert mit der einen Hand, während er mit dem Schild in der anderen die Angreifer abwehrte.

Ringsum hallten Rufe und Gebrüll. Schmutzige Hände griffen nach Geoffreys Beinen und seinen Zügeln, versuchten, ihn aus dem Sattel zu zerren. Er klammerte sich mit den Knien fest und wusste genau, dass ein Sturz seinen Tod bedeutete. Ein normannischer Ritter zu Pferde war ein beachtlicher Gegner, aber zu Fuß war er langsam und wurde von der schweren Kettenrüstung behindert, die ihm Schutz gewährte.

Er ließ den Schwertknauf auf die Schulter eines Mannes krachen, der mit einem Messer am Sattelgurt herumschnitt. Einem anderen trat er mit so viel Wucht unter das Kinn, dass der Angreifer zurücktaumelte. Als die übrigen Wegelagerer ihren angeschlagenen Kameraden sahen, wichen sie zurück. Sie erkannten, dass sie gegen die überlegene Kampfkraft eines schwer bewaffneten normannischen Ritters nichts ausrichten konnten. So umringten sie ihn nur und schwangen mit drohendem Gemurmel ihre bunt zusammengewürfelten Waffen.

Das verschaffte Geoffrey einen Augenblick Zeit, und zum ersten Mal konnte er sich die Schar genauer ansehen. Es waren keine abgebrühten Gesetzlosen, sondern einfache Dorfbewohner. Sie umklammerten ängstlich eine bizarre Sammlung altertümlicher Schwerter sowie grob geschnittener Knüppel und schienen mit dem Gebrauch dieser Waffen nicht vertraut zu sein. Geoffrey nutzte ihre Unsicherheit, trieb sein Pferd an, dass sie auf der Flucht vor den donnernden Hufen in alle Richtungen auseinander liefen.

Inzwischen hatte Barlow sein sterbendes Pferd allein gelassen und war gegen einen Baum zurückgewichen. Dort hatte er alle Mühe, mit einem handfesten Knüppel die wütenden Stöße der Angreifer abzuwehren, die mit Messern und Hacken auf ihn einhieben. Geoffrey hielt im Galopp auf ihn zu und trieb mit dem Schwert davon, wer nicht schon vor seinem wütenden Ansturm geflohen war. Er zerrte den keuchenden Barlow hinter sich in den Sattel und drängte das Pferd dann den Pfad zurück, den sie entlanggekommen waren. Unterwegs hielt er nach seinen Gefährten Ausschau.

Helbye und Ingram waren nicht weit gekommen. Eine Horde triumphierender Dorfbewohner umringte sie, aber immerhin saßen sie noch im Sattel. Ohne langsamer zu werden, hielt Geoffrey auf sie zu. Er sah mit grimmiger Befriedigung, wie die Möchtegern-Wegelagerer ihre Waffen fallen ließen und um ihr Leben rannten.

Irgendwer rief etwas auf Walisisch. Geoffrey hatte die Sprache während seiner Kindheit gelernt und erinnerte sich noch gut genug, um die Worte zu verstehen: Es war ein verzweifelter Befehl zum Rückzug. Er hielt auf die Stimme zu und sprang aus dem Sattel.

Wenige Augenblicke später war alles vorüber. Als die Dörfler Geoffreys Schwert an der Kehle ihres Anführers sahen, senkten sie die Waffen, und der Hinterhalt endete so rasch, wie er begonnen hatte. Schwer atmend wartete Geoffrey, bis Helbye, Ingram und Barlow hinter ihm Stellung bezogen hatten. Dann musterte er das Gesicht seines Gefangenen.

Der Anführer war von stämmigem Körperbau, hatte lockiges schwarzes Haar und dunkle Augen. Seine Kleidung war einfach und zweckmäßig, allerdings sauberer und besser gearbeitet als die seiner Männer. Grimmig erwiderte er Geoffreys neugierigen Blick.

»Worauf wartet Ihr noch?«, flüsterte Ingram heiser, aber laut genug, dass die Dorfbewohner, die das Geschehen ängstlich und niedergeschlagen verfolgten, ihn verstehen konnten. »Warum erschlagt Ihr ihn nicht, Sir Geoffrey?«

»Ich hatte also Recht, als ich Euch angriff«, stellte Geoffreys Gefangener in normannischem Französisch fest, das er erbärmlich schlecht sprach. Er gab sich keine Mühe, seinen Hass zu verbergen. »Ihr seid tatsächlich Geoffrey Mappestone. Ich hörte, dass Ihr diesen Winter vom Kreuzzug zurückkehren wolltet.«

»Dann habt Ihr mir etwas voraus«, erwiderte Geoffrey ebenfalls auf Französisch. Er hielt das Schwert unverwandt auf den Hals des Mannes gerichtet. »Ich kenne Euch nicht.«

»Caerdig von Lann Martin«, entgegnete der Mann. Verächtlich blickte er auf Geoffreys Schwert. »Es wäre höflich gewesen, wenn Ihr zumindest meinen Namen in Erfahrung gebracht hättet, bevor Ihr uneingeladen mein Land betretet. Dieser Wald hier gehört mir, seit Euer Bruder Henry seinen unrechtmäßigen Anspruch vor Gericht nicht durchsetzen konnte.«

Also waren sie in Lann Martin – in der Gegend, die Geoffrey um jeden Preis hatte meiden wollen. Aus den Briefen seiner Schwester wusste er, wie umstritten dieser Landstrich war. Unerwartete Besucher mussten hier stets damit rechnen, unvermittelt den Tod zu finden, ohne dass man ihnen Gelegenheit gab, den Grund ihres Besuches zu erklären. Er warf Helbye einen vernichtenden Blick zu.

»Ich entschuldige mich für das unerlaubte Betreten«, sagte Geoffrey zu Caerdig. »Ich war schon viele Jahre nicht mehr in dieser Gegend und erinnere mich nicht an den rechten Weg zwischen Penncreic und Goodrich.«

Und was jetzt?, dachte Geoffrey. Er und seine Männer waren zumindest sechs zu eins in der Minderzahl. Geoffrey war sich zwar sicher, dass er jeden offenen Kampf gewinnen könnte, aber wenn sich Bogenschützen zwischen den Bäumen versteckt hielten oder jemand Fallgruben auf dem Weg ausgehoben hatte, würde er nicht weit kommen. Ihm blieben nur zwei Möglichkeiten: Er konnte die Dorfbewohner, die ängstlich im Halbkreis um ihn herumstanden, bis auf den letzten Mann niedermachen, um eine sichere Weiterreise zu gewährleisten, oder er konnte einen Waffenstillstand aushandeln.

Die meisten normannischen Ritter hätten sich wohl für das Erstere entschieden, aber Geoffrey hatte im Grunde keinen Streit mit diesen Leuten. Sie hatten nur versucht, ihr Dorf vor einem vermeintlichen feindseligen Übergriff zu schützen. Sir Aumary von Breteuil wäre gewiss der Ansicht, dass ein Angriff auf ihn zugleich auch ein unmittelbarer Angriff auf den König war. Aber wenn auch ein versuchter Hinterhalt gegen einen königlichen Boten seine Majestät gewiss nicht freuen würde, lag es doch am König selbst, dafür Vergeltung zu fordern, nicht an Geoffrey.

Geoffrey hatte die Gesellschaft des wichtigtuerischen Ritters während der langen Reise von Portsmouth zum Wald von Dene an der walisischen Grenze weder gewollt noch geschätzt, und ganz gewiss fühlte er sich für den Mann nicht verantwortlich. Eigentlich hatte Geoffrey gehofft, den unwillkommenen Reisegefährten schon viel früher wieder loszuwerden. Aber Aumary erkannte eine günstige Gelegenheit, wenn er sie sah, und die Begleitung des fähigen und klugen Kreuzritters und seiner kampferprobten Kriegsknechte konnte ihm nur nutzen.

Geoffrey traf seine Entscheidung und wies mit der freien Hand auf den Weg, als er Caerdig wieder ansprach: »Wenn Ihr uns freies Geleit gewährt, werden wir Eure Ländereien auf dem schnellstmöglichen Wege verlassen. Wir haben kein Interesse an einem Kampf.«

Geoffrey hörte, wie Ingram Barlow zuflüsterte: »Was? Aber der Sieg war uns sicher! Wir hätten das Landgut von Lann Martin für uns selbst haben können!«

»Was wollen wir damit?«, flüsterte Barlow zurück. Er warf einen geringschätzigen Blick auf den düsteren Wald und das dichte Unterholz.

Geoffrey brachte sie mit einem Blick zum Schweigen und wandte sich wieder Caerdig zu. »Wir wollen nur nach Hause zurück. Euer Streit mit meinem Bruder geht uns nichts an.«

Caerdig beäugte Geoffrey misstrauisch. Auf seinen Lippen zeigte sich ein bitteres Lächeln. »Was schlagt Ihr vor? Sollen meine Leute Euch gehen lassen, nachdem Ihr mich ermordet habt?«

Geoffrey schüttelte den Kopf. »Ich schlage vor, wir legen die Sache gütlich bei und jeder von uns zieht in Frieden seines Weges.«

Caerdig musterte Geoffrey eindringlich. »Und woher wollt Ihr wissen, dass meine Männer Euch nicht erschießen, sobald Ihr die Klinge von meiner Kehle nehmt?« Er wies auf den Waldweg, der sich in einem geisterhaften grauen Nebel verlor. »Ich habe dort Bogenschützen verborgen.«

Geoffrey musterte den Waliser prüfend, wie dieser ihn gemustert hatte. »Ihr sagt, Ihr seid von Lann Martin, also müsst Ihr ein Verwandter von Ynys von Lann Martin sein. An Ynys erinnere ich mich gut, und er ist ein Mann, dessen Ehrbarkeit über jeden Zweifel erhaben ist. Ich gehe davon aus, dass Eurem Ehrgefühl ebenso zu trauen ist. Ich verlasse mich auf Euer Wort, wenn Ihr es gebt.«

Caerdig bedachte ihn mit einem merkwürdigen Blick. »Ynys war allerdings ein tugendhafter Mann – bevor Euer Bruder Henry ihn im letzten Sommer ermordet hat. Wie es scheint, haben Eure Verwandten Euch nicht von diesem Verbrechen in Kenntnis gesetzt«, fügte er hinzu, als er Geoffreys überraschten Blick bemerkte. Er seufzte und schob Geoffreys Schwert von seinem Hals fort. »Aber ich gebe Euch mein Wort, auf Ynys Grab, dass Ihr und Eure Männer unbehelligt von dannen ziehen könnt. Und als Zeichen guten Willens werde ich Euch selbst bis zur Grenze begleiten – damit keiner meiner Männer auf den Gedanken verfällt, dass die Rache an einem der verruchten Mappestones mehr zählen könnte als die Ehre von Lann Martin.«

»Sind die Beziehungen zwischen meinem Vater und Lann Martin so sehr getrübt?«, fragte Geoffrey. Er steckte das Schwert weg und wandte sich seinem Pferd zu.

Er untersuchte das Tier sorgfältig. Für den Krieg ausgebildete Pferde waren teuer und nicht leicht zu bekommen: Kein Ritter, der etwas auf sich hielt, würde sich von einem Tier trennen, das stark genug war, ihn und seine schwere Bewaffnung in die Schlacht zu tragen, das im Kampf nicht den Kopf verlor und außerdem schnell genug für einen Sturmangriff war. Geoffreys Pferd hatte einen Kratzer an der Fessel, aber es war nichts Ernstes. Geoffrey war nicht übermäßig besorgt. Jetzt tauchte auch der Hund wieder auf, der sich zu Beginn des Scharmützels irgendwo verkrochen hatte. Er beäugte Caerdig böse.

»Getrübt wäre eine Untertreibung für unsere Beziehung«, erwiderte Caerdig mit einem kurzen, freudlosen Lachen. »Und in den letzten Monaten war es schlimmer denn je. Aber das lag nicht an Eurem Vater; es liegt an dem gierigen Haufen, der sich als seine Söhne bezeichnet – an Euren Brüdern.«

Er funkelte Geoffrey an, als wäre dieser persönlich dafür verantwortlich.

»Und mein Vater duldet dieses Verhalten?«, fragte Geoffrey. Er fragte sich, ob sein Vater sich wohl so sehr verändert haben konnte.

Sir Godric Mappestone war ein Mann, dem niemand gern über den Weg lief – und das hatten auch seine Söhne schon früh lernen müssen. Sein aufbrausendes Wesen und seine Streitlust waren berüchtigt, und nicht umsonst hatte Wilhelm der Eroberer ihn so großzügig belohnt – für seine Taten bei der Schlacht von Hastings und bei der darauf folgenden rücksichtslosen Unterwerfung der Sachsen.

In vielerlei Hinsicht war Geoffrey, der Jüngste von Godrics vier Söhnen, erleichtert gewesen, als man ihn mit zwölf für die Ausbildung zum Ritter in die Normandie geschickt hatte. Die düsteren Stimmungen seines Vaters zählten zu seinen frühesten Kindheitserinnerungen. Tagelang konnte der ganze Haushalt in völliger Stille verharren, aus Angst, dass das leiseste Geräusch Godrics Zorn auf sie herabbeschwören könnte.

»Euer Vater?«, gab Caerdig zurück. »Er ist gar nicht in der Lage, irgendwas gegen Eure Brüder zu unternehmen.«

»Warum nicht? Komme ich etwa zu spät? Ist er tot?«, fragte Geoffrey besorgt.

Er hatte im Oktober einen Brief seiner jüngeren Schwester erhalten, in dem es hieß, dass es ihrem Vater nicht gut gehe. Es hatte nicht sonderlich ernst geklungen, aber es dauerte Monate – und manchmal Jahre –, bis ein Brief aus England Jerusalem erreichte. Die Neuigkeiten waren dann meist veraltet.

Das war auch bei der Nachricht von Enides Tod so gewesen. Geoffrey hatte ihren Brief, in dem sie von der Krankheit ihres Vaters erzählte, am selben Tag erhalten, an dem auch eine knappe Nachricht seines Vaters eintraf, dass Enide selbst gestorben war. Als Geoffrey von ihrer Sorge über Vaters Gesundheit las, lag Enide schon seit über sechs Wochen in ihrem Grab.

Ihm wurde bewusst, dass Caerdig ihn beobachtete.

»Ihr wisst es nicht, oder?«, fragte der Waliser milde.

»Was weiß ich nicht?«, fragte Geoffrey zurück, als Caerdig nichts weiter sagte und die Dorfbewohner, die zuhörten, viel sagende Blicke tauschten.

»Euer Vater liegt im Sterben«, verkündete Caerdig unverblümt. »Schon seit Monaten wird er beständig schwächer, und der Arzt meint, sein Ende sei nahe. Die Gerüchte behaupten, eines Eurer Geschwister würde ihn allmählich vergiften.«

»Was wollt Ihr damit sagen?«, erwiderte Geoffrey kühl auf Caerdigs Behauptung. Helbye legte ihm warnend die Hand auf die Schulter. Geoffrey schüttelte ihn ab und hielt die Augen auf Caerdigs Gesicht gerichtet. »Was wollt Ihr damit sagen?«

»Nur die Ruhe«, entgegnete Caerdig. Nervös schaute er auf Geoffreys Hand, die auf dem Griff des Dolches ruhte. »Ich wiederhole nur, was in den Dörfern erzählt wird. Jeder meiner Männer hier kann es Euch bestätigen.«

Ein Mann mit einer sonderbaren schwarzen Mütze trat vor und verkündete feierlich: »Es ist wahr. Jeder weiß, dass Godric Mappestone vergiftet wird – er selbst eingeschlossen. Er hat mehrfach versucht, den Übeltäter ausfindig zu machen, aber vergebens. Seine eigenen Kinder sind die Hauptverdächtigen, wie selbst Godric weiß.«

»Ich verstehe«, sagte Geoffrey. Er beschloss, die Behauptungen der Dorfbewohner als gehässiges Gerede abzutun.

Geoffrey erinnerte sich nur noch undeutlich an seine drei älteren Brüder – Walter, Stephen und Henry – und an seine Schwester Joan. Die Erinnerungen waren nicht gerade schmeichelhaft, aber er konnte sich auch nicht vorstellen, dass einer von ihnen den eigenen Vater auf eine so langsame und heimtückische Weise ermordete. Es war vielleicht denkbar, dass einer im Jähzorn den alten Mann erschlug, aber Gift erforderte Vorsatz und sorgfältige Planung, und daran glaubte Geoffrey nicht. Wichtiger noch: Geoffrey konnte sich nicht vorstellen, dass ein herrischer Mann wie Godric so etwas überhaupt geschehen lassen würde. Vermutlich wollten Caerdig und seine Leute einfach nur in der Mappestone-Familie Zwietracht säen und einen Keil zwischen Geoffrey und seine Geschwister treiben.

»Glaubt ihnen nicht, Sir Geoffrey«, warf soeben Helbye ein. »Woher wollen diese Burschen wissen, was auf Burg Goodrich vor sich geht?«

Geoffrey schob den Helm auf den Kopf zurück und kratzte sich mit der freien Hand an der Nase. Er hatte sein Zuhause seit so vielen Jahren nicht mehr gesehen. War es wirklich klug, es jetzt wieder zu besuchen? Enide hatte ihm regelmäßig geschrieben, seit er Goodrich verlassen hatte. Ihre Nachrichten von zu Hause berichteten fast immer von irgendeinem unbedeutenden, aber gehässigen Streit innerhalb der Familie. Und jetzt wurde er schon mit Geschichten über Machenschaften der Bewohner von Goodrich konfrontiert, ehe er das Landgut auch nur erblickt hatte.

Er sah den Waldweg entlang und zog ernsthaft in Erwägung, auf die Freuden eines Familientreffens zu verzichten und stattdessen geradenwegs zurück zur Küste zu reiten und dort das erste Schiff nach Frankreich zu nehmen.

»Sir Godrics Gesundheit ist für uns alle hier sehr wichtig«, merkte Caerdig an, der sah, wie skeptisch Geoffrey seine Behauptung aufnahm. »Er ist hart und unnachgiebig, aber seine Herrschaft war noch harmlos im Vergleich zu dem, was Eure Brüder anrichten. Sie wenden sich gegen uns, um einander zu schaden.«

»Sie streiten sich also noch immer?«, fragte Geoffrey abwesend, während er über einen raschen Rückzug zur Küste nachdachte. »Anscheinend hat sich nur wenig verändert, seit ich fortgegangen bin.«

»Da täuscht Ihr Euch«, widersprach Caerdig heftig. »Es hat sich sehr viel verändert – vor allem in den letzten Monaten. Euer Bruder Walter beispielsweise verlangt einen Schilling von jedem Reisenden, der die Fähre über den Wye benutzen will.«

»Einen Schilling?«, wiederholte Geoffrey überrascht. »Das ist maßlos! Wie kann ein Bauer, der seine Waren auf den Markt in Rosse bringen will, so viel bezahlen?«

Caerdig stach mit dem Finger gegen Geoffreys Brust. »Ganz genau! Ihm bleiben zwei Möglichkeiten: Er kann versuchen, bei Nacht hinüberzuschleichen – unter beträchtlichem Risiko. Denn die Strafe, wenn man erwischt wird, ist entweder eine Kuh oder der Verlust eines Auges. Walter bevorzugt die Kuh, aber er gibt sich gerne auch mit dem Auge zufrieden. Oder man macht einen Umweg über Kernebrigges – dort beträgt der Zoll nur sechs Pence, zahlbar an Euren Bruder Henry, der die Vorherrschaft über diese Brücke und das zugehörige Landgut an sich gerissen hat.«

Enides Briefe hatten Geoffrey genug über Walters und Henrys Gier verraten, und daher glaubte er gerne, dass Caerdig in dieser Angelegenheit die Wahrheit sprach. Aber er wollte in diesem Streit keine Partei ergreifen und wechselte daher das Thema.

»Ich hole lieber Sir Aumary zurück, ehe er unseren Waffenstillstand bricht.«

Er gab sein Streitross in Helbyes Obhut. Dann ging er zügig den grasbestandenen Weg zurück und hielt nach dem Ritter Ausschau. Der Hund folgte ihm. Caerdig kam mit und überließ dem schwarz bemützten Mann das Kommando über die Dorfbewohner, während Barlow und Ingram immer noch unbehaglich mit den Griffen ihrer Waffen spielten.

Geoffrey und Caerdig schritten schweigend nebeneinander her. Geoffrey dachte darüber nach, was man ihm gerade über die Vergiftung seines Vaters erzählt hatte, und Caerdig konzentrierte sich darauf, seine Knöchel vor den gefletschten Zähnen des Hundes in Sicherheit zu bringen. Sie gelangten an die Stelle, wo Aumary sich zu Beginn des Hinterhalts aufgehalten hatte.

»Wo ist er?«, fragte Geoffrey verärgert, als er nichts außer Bäumen und Unterholz sah.

»Vielleicht ist er davongelaufen«, schlug Caerdig vor, belustigt von der Vorstellung, dass ein schwer bewaffneter normannischer Ritter vor den zerlumpten Dörflern die Flucht ergriffen hatte.

Vielleicht ist er das, dachte Geoffrey, obwohl selbst Aumary in der Lage sein sollte, sich gegen diesen ungeordneten und dürftig bewaffneten Haufen zu verteidigen.

»Aumary!«, rief er. Der Wald war still, und nicht einmal ein Vogelruf war zu hören. »Verflucht soll er sein! Wenn er sich allein im Wald verlaufen hat, dann ist er ein noch größerer Dummkopf, als ich dachte.«

Caerdig berührte Geoffrey am Arm und zeigte in eine Richtung. »Da ist sein Pferd. Was für ein wunderschönes Tier!«

»Wunderschön, aber unzuverlässig«, erwiderte Geoffrey. Er verließ den Weg und stapfte durch den kniehohen Bewuchs bis zu der Stelle, wo das Pferd graste. »Ein Streitross taugt wenig, wenn es bei dem geringsten Anlass scheut.«

Als er näher kam, wollte das Tier davonlaufen, aber einer der Steigbügel hatte sich in einem Ast verfangen. Das Pferd stieg und tänzelte und rollte die Augen, als Geoffrey näher kam. Er griff nach den Zügeln und beruhigte es, sprach sanft auf es ein und rieb ihm über die samtige Nase.

»Sir Geoffrey!«, rief Caerdig plötzlich aus, laut genug, um das Pferd erneut zu erschrecken. Es riss sich los und wollte durchgehen. Geoffrey warf dem Waliser einen verärgerten Blick zu. »Hier ist Euer Sir Aumary. Hier im Gras.«

Geoffrey überließ das Ross sich selbst und ging zu Caerdig, der sich niedergekniet hatte. Er schaute zwischen die langen Brennnesseln.

»Was zur Hölle …!«, fluchte Geoffrey, als er die ausgestreckte Gestalt von Sir Aumary mit dem Gesicht nach unten dort liegen sah. Zwischen dessen Schultern steckte ein schlanker Pfeil. Geoffrey drehte Aumary auf den Rücken, aber dem Mann war nicht mehr zu helfen: Die Pfeilspitze ragte vorn aus dem Kettenhemd, und die Augen starrten blicklos ins Leere. Geoffrey fluchte kräftig. Caerdigs missglückter Überfall war die eine Sache. Aber der Mord an einem Boten des Königs veränderte die Lage vollkommen.

»Wir waren das nicht!«, protestierte Caerdig leichenblass. »Schaut Euch den Pfeil an. Der gehört nicht uns!«

Geoffrey erinnerte sich an den Pfeil, der zu Beginn des Angriffs an seinem Gesicht vorbeigeflogen war, und an den zweiten, den er kurz darauf mit dem Schild abgewehrt hatte.

»Also hat ein Unbekannter Aumary erschossen, gerade als Ihr uns zufällig angegriffen habt?«, sagte er und schaute den Waliser stirnrunzelnd an. »Ich bezweifle, dass der König das glauben wird.«

»Der König?«, fragte Caerdig erschrocken. Er schluckte. »Was hat der König damit zu tun?«

»Aumary war ein Gesandter des Königs. Er beförderte Sendschreiben aus der Normandie«, antwortete Geoffrey. »Er stieß auf dem Schiff zu uns, mit dem wir von Harfleur nach Portsmouth segelten. Dort ließ er mich wissen, dass er mich begleiten würde, weil der Hof sich derzeit in Chepstow aufhält. Und das ist, wie Ihr wisst, nicht weit von Goodrich entfernt.«

Caerdig blickte den Toten entsetzt an. »Das ist alles nicht so verlaufen, wie ich es mir vorgestellt habe«, hauchte er. »Ich sah, wie ein schwer bewaffneter Trupp ungefragt auf mein Land ritt, und ich kannte die Gerüchte, dass Ihr bald vom Kreuzzug zurückerwartet werdet. Da konnte ich nur an eines denken: ein Mappestone, der dreist walisischen Boden betritt und dabei noch ein paar Halunken aus dem Heiligen Land mitbringt! Und jetzt sieht es so aus, als läge ein Bote des Königs erschlagen auf meinem Land.«

»Es sieht so aus?«, wiederholte Geoffrey. Er setzte einen Fuß auf Aumarys Rücken und zerrte mit beiden Händen den Pfeil heraus. »Das sieht nicht nur so aus, würde ich sagen. Was wollt Ihr nun machen?«

»Was macht Ihr?«, fragte Caerdig zurück. Er sah zu, wie Geoffrey das blutige Geschoss untersuchte.

Geoffrey zuckte die Schultern und drehte den Pfeil zwischen den Fingern. »Ich kann nur eines tun, nämlich Aumary und seine Briefe selbst zum König nach Burg Chepstow bringen. Gütiger Himmel, Mann! Wie konntet Ihr nur so dumm sein! Der Tod eines Ritters würde schon kaum ungestraft durchgehen, weder hier noch anderswo. Selbst wenn Ihr nur mich getötet hättet, hätte irgendwer davon erfahren. Glaubt Ihr wirklich, Ihr wäret ohne Vergeltung davongekommen?«

Caerdig schüttelte langsam den Kopf. »Ihr habt Recht. Ich war dumm. Ich habe nicht über die Folgen nachgedacht, wie ich es hätte tun sollen. Aber es nutzt mir nicht viel, dass ich es jetzt besser weiß. Mir droht eine Anklage und eine Strafe für einen Mord, an dem ich nicht beteiligt war.«

Geoffrey verzichtete auf eine Antwort.

»Aber es ist die Wahrheit!«, beharrte Caerdig. »Schaut Euch den Pfeil an! Wenn Ihr irgendwo auf meinen Ländereien einen ähnlichen findet, dann werde ich Euch meinen ganzen Besitz übertragen! Und Ihr kennt das Waldrecht – die Dorfbewohner dürfen keine Bögen besitzen, damit sie nicht in Versuchung geraten, das Wild des Königs zu schießen.«

»Aber Ihr habt mir gerade noch erzählt, dass Ihr Bogenschützen zwischen den Bäumen verborgen habt«, erinnerte ihn Geoffrey. »Womit schießen die, wenn nicht mit Bögen?«

Caerdig blickte verlegen drein. »Das war eine Lüge. Was erwartet Ihr? Ihr habt mir ein Schwert an die Kehle gehalten. Ich hätte sogar behauptet, dass der Erzengel Gabriel schussbereit zwischen den Bäumen steht, wenn ich nur geglaubt hätte, dass Euch das davon abhalten kann, mich zu töten. Aber ich sage es noch einmal: Keiner meiner Männer besitzt einen Pfeil wie diesen hier, oder den trefflichen Bogen, den man bräuchte, um ihn abzuschießen.«

Geoffrey wollte nicht länger darüber diskutieren. Er steckte den Pfeil in den Gürtel und wuchtete Aumarys Körper hoch, um ihn aufs Pferd zu legen. Caerdig packte mit an, und gemeinsam konnten sie die Leiche am Sattel festbinden. Geoffrey nahm den Beutel mit den Botschaften an sich, der um den Hals des toten Ritters hing, und steckte ihn vorne unter seinen Überwurf.

»Ich begleite Euch«, kündigte Caerdig schroff an, als Geoffrey das Pferd zurück zum Weg führte. »Ich werde zum König gehen und ihm den Fall selbst vortragen. Er wird mich anhören, und ich werde ihn davon überzeugen, dass wir nicht für den Tod des Ritters verantwortlich sind.« Er musterte Geoffrey mit zusammengekniffenen Augen und wirkte plötzlich nachdenklich. »Aber womöglich habt Ihr ihn ja selbst mit dem Pfeil getötet, bevor wir Euch überfallen haben.«

»Wie denn?«, fragte Geoffrey ungläubig und zog die Augenbrauen hoch. »Habe ich den Pfeil etwa mit einem Hammer durch seine Rüstung getrieben? Keiner meiner Männer trägt einen Bogen, und Aumary war noch sehr lebendig, bevor Ihr uns angegriffen habt.«

»Aber ich kann keinen Mappestone mit dieser Geschichte vor den König treten lassen«, rief Caerdig wütend. »Ihr werdet uns bestimmt alle an den Galgen bringen!«

Geoffrey zog den Pfeil aus dem Gürtel und untersuchte ihn noch einmal. »Er ist sehr sorgfältig gearbeitet«, meinte er nachdenklich. Er drehte den Schaft in die eine, dann in die andere Richtung. »Er ist gut ausgewogen und stabil. Ich vermute, er war teuer.«

»Allerdings«, pflichtete Caerdig ihm bei. Er nahm den Pfeil an sich, um ihn genauer zu betrachten. »Und meine Dorfbewohner sind arm – niemand könnte sich so einen ausgezeichneten Pfeil leisten. Außerdem nutzt ein guter Pfeil überhaupt nichts ohne einen guten Bogen, und ich kann Euch versichern, dass keiner meiner Leute überhaupt einen Bogen besitzt, weder gut noch sonstwie beschaffen. Wir haben mit diesem Verbrechen nichts zu tun, sage ich Euch!«

»Mal angenommen, Ihr habt Recht«, sagte Geoffrey. »Wer hat ihn dann abgeschossen? Warum sollte irgendwer Sir Aumary de Breteuil töten wollen? Trotz seiner Arroganz und seiner Selbstgefälligkeit glaube ich nicht, dass er für das Wohlergehen des Königreiches von großer Bedeutung war, oder dass die Botschaften, die er bei sich führte, besonders wichtig sind.«

»Wie könnt Ihr das sagen?«, wandte Caerdig skeptisch ein. Er wies auf Aumarys teure Kettenrüstung und den edlen Mantel. »Auf mich wirkt er ziemlich bedeutend.«

»Wenn die Botschaften tatsächlich so wichtig wären, wie Aumary behauptete, dann hätte er sich in Portsmouth gewiss nicht selbst eine Begleitung suchen müssen. Der König hätte eine Eskorte gestellt und für Aumarys sichere Ankunft in Chepstow gesorgt!«

»Und wer auch immer Sir Aumary getötet hat: Er hat diese Botschaften nicht an sich gebracht«, räumte Caerdig ein und wies auf die Beule in Geoffreys Übergewand. »Vielleicht war sein Tod ein Irrtum, und das eigentliche Ziel wart Ihr.«

»Ich?«, fragte Geoffrey überrascht. »Wieso? Ich war zwanzig Jahre weg, und davor kann ich mir in England kaum viele Feinde gemacht haben. Ich habe allenfalls ein paar Äpfel gestohlen oder vielleicht mal eine alte Dame durch eine Grimasse verärgert. Das sollte längst vergessen sein. Niemand kann noch einen Groll gegen mich hegen.«

»Eure Brüder schon«, widersprach Caerdig. »Glaubt nicht, dass sie Euch herzlich willkommen heißen werden, Geoffrey Mappestone. Jedem Eurer Brüder wäre ein Anschlag auf Euer Leben zuzutrauen. Wie es heißt, nehmen sie an, dass Ihr nach Goodrich zurückkehrt, weil der Tod Eures Vaters unmittelbar bevorsteht und Ihr sehen wollt, ob es dabei etwas zu holen gibt.«

»Das kann ich mir vorstellen. Ich weiß noch sehr gut, was meine Schwester mir geschrieben hat. Aber ich will nichts von meiner Familie. Ich möchte einfach nur meinem Vater einen Besuch abstatten und das Grab meiner Schwester sehen. Dann werde ich wieder abreisen.«

Sie erreichten die Lichtung, auf der Helbye mit den Bewohnern von Lann Martin plauderte. Dem Sergeanten fiel die Kinnlade herab, als er Aumarys Streitross und die grausige Last darauf bemerkte.

»Was ist geschehen?«, rief er.

»Ein verirrter Pfeil«, stellte Geoffrey vieldeutig fest. Er befestigte die Zügel von Aumarys Pferd an seinem Sattel.

»Ein Pfeil?«, wiederholte Helbye. Er wies auf den Mann mit der schwarzen Mütze, der unmittelbar neben ihm stand. »Aber ich habe gerade erst gehört, wie streng der König hier im Wald von Dene die Gesetze durchsetzt. Niemand besitzt mehr einen Bogen, nicht einmal, um Hasen und Füchse zu schießen!«

Caerdig bedachte Geoffrey mit einem triumphierenden Blick.

»Nun, Aumary hat sich gewiss nicht selbst erschossen«, stellte Geoffrey müde fest. »Irgendwer hat ihn ermordet. Und der König wird wissen wollen, wer es war.«

Sir Aumary war nicht das einzige Opfer des geheimnisvollen Bogenschützen. Auch Barlows Pferd war von einem dünnen Pfeil aus hellem Holz getötet worden. Geoffrey schätzte Pferde sehr, wie die meisten Normannen, und dass eines so beiläufig getötet worden war, störte ihn fast noch mehr als der Tod von Aumary. Aber Caerdig bestand darauf, dass seine Männer weder das Tier noch den Ritter erschossen hatten, und die verarmten, hohlwangigen Leute, die um sie versammelt standen, sahen auch nicht so aus, als hätten sie Geld für Pfeile übrig.

Der Mann mit der schwarzen Mütze wurde zum Dorf geschickt und holte einen Ersatz für Barlows Reittier sowie zwei Ponys für sich und Caerdig. Der Nachmittag neigte sich dem Ende zu, und die Sonne sank bereits zum Horizont herab. Deshalb machte Geoffrey sich sofort auf den Weg nach Chepstow und schlug einen geschwinden Schritt an. Aumarys Ross trabte mitsamt dem Leichnam hinter ihm her.

Helbye freute sich über die Gesellschaft von Caerdig und dem Schwarzbemützten, der Daffydd hieß. Unbefangen redete er mit ihnen über gemeinsame Bekannte aus den Tagen, als Goodrich und Lann Martin noch freundlicher zueinander gestanden hatten. Ingram und Barlow, die jung genug waren, um Helbyes Enkel zu sein, konnten sich an eine solche Zeit nicht erinnern. Sie beklagten sich bitterlich, dass die beiden Waliser mit ihnen nach Chepstow reisen sollten.

»Sie werden uns im Schlaf die Kehlen durchschneiden«, murrte Ingram.

»Wir werden nicht schlafen«, entgegnete Geoffrey. »Zumindest einer von uns wird Wache halten.«

»Außer ihnen habe ich niemanden im Wald gesehen«, bemerkte Barlow zweifelnd. »Sie behaupten, sie hätten mit dem Mord an Sir Aumary nichts zu tun, aber ich glaube ihnen nicht. Ihr etwa, Sir Geoffrey?«

Geoffrey zuckte die Achseln. »Darüber steht mir kein Urteil zu. Wir liefern Sir Aumarys Schreiben in Chepstow ab, und dann ist die Sache für uns erledigt. Was der König in Bezug auf Caerdig und seine Leute glaubt oder nicht glaubt, geht uns nichts an.«

»Ich war noch nie in Chepstow«, sagte Ingram. »Wie weit liegt es entfernt? Ich hatte gehofft, wir wären heut Nacht noch in Goodrich. Ich bin nun schon vier Jahre fort und habe die Reiserei satt.«

»Sir Geoffrey war mehr als zwanzig Jahre weg«, warf Barlow ein. »Also hör mit dem Gejammer auf.«

»Chepstow liegt vielleicht achtzehn Meilen entfernt«, erklärte Geoffrey. »Bei Einbruch der Dunkelheit sollten wir den Großen Dyke erreicht haben, und von da an gibt es eine gut ausgebaute Straße nach Chepstow.«

»Ich glaube, der König wird Caerdig hängen lassen«, spekulierte Ingram und wandte sich wieder dem ursprünglichen Thema zu. »Ich wüsste nicht, wie er unschuldig sein sollte. Und es geschähe ihm auch recht, weil er Lann Martin von Goodrich gestohlen hat. Caerdig behauptet zwar, er hat es rechtmäßig vor Gericht erstritten, aber ich wette, er hat die Richter bestochen.«

»Nach allem, was Enide mir in ihren Briefen geschrieben hat, war Goodrichs Anspruch auf Lann Martin immer schon zweifelhaft«, sagte Geoffrey, halb zu sich selbst. »Vermutlich hat Caerdig den Rechtsstreit einfach nur gewonnen.«

Ingram und Barlow tauschten entsetzte Blicke bei der Vorstellung, dass hier auch noch Recht und Gerechtigkeit erörtert werden könnten. Wie konnte ihr Anführer auch nur daran denken, etwas so Lächerliches laut auszusprechen? Ingram tippte sich mit dem Finger gegen die Schläfe, um Barlow zu zeigen, was er davon hielt.

»Vielleicht wird der König uns belohnen, weil wir ihm Sir Aumarys Mörder bringen«, sagte Ingram eine Weile später. Seine Augen leuchteten auf. »Vielleicht wird er uns im Austausch für Caerdig sogar Lann Martin zum Plündern überlassen.«

Beide junge Männer schauten Geoffrey hoffnungsvoll an. Der Ritter seufzte und fragte sich nicht zum ersten Mal, ob es wohl klug gewesen war, sie mit nach Hause zu nehmen.

Seit Papst Urban vier Jahre zuvor zum Kreuzzug aufgerufen hatte, hatten die Kämpfer des Christentums einen blutigen Pfad von Frankreich bis Jerusalem geschlagen und auf jedem Stück des Weges gemordet und geplündert. Barlow und Ingram waren nicht mehr die einfachen Bauern aus Herefordshire, die einst ausgezogen waren, um die Heilige Stadt von den Ungläubigen zurückzufordern. Sie waren zu skrupellosen und habgierigen Söldnern geworden, und ihre ausgebeulten Satteltaschen waren voll von den Schätzen, die sie mit Gewalt und Betrug den unglücklichen Leuten fortgenommen hatten, die ihnen über den Weg gelaufen waren. Geoffrey zweifelte ernsthaft daran, dass sie willig oder imstande waren, zu einem friedlichen Leben auf der Scholle zurückzufinden, auch wenn sie angeblich genau das vorhatten.

Er nickte ihnen nur unverbindlich zu und trieb das Pferd ein wenig an, damit er stattdessen an Helbyes Seite reiten konnte. Der alte Krieger grinste ihm kurz zu und fing dann an, über die alten Tage zu erzählen, bevor der Eroberer nach England gekommen war und als Goodrich noch unter der Herrschaft eines sächsischen Thans gestanden hatte. Caerdig und sein Begleiter ritten vor ihnen. Sie folgten einem wenig genutzten Trampelpfad durch den Wald, der, wie Caerdig ihnen versicherte, zur Straße nach Chepstow führte. Geoffreys Hund schlich hinter ihnen her und hielt nach Wild Ausschau, das er anbellen, jagen oder zerreißen könnte.

»Unsere Leute sind nicht glücklich mit dieser Übereinkunft«, beklagte sich Daffydd auf Walisisch bei Caerdig. Er war sich nicht bewusst, dass Geoffrey diese Sprache verstand. »Sie glauben, Ihr seid ein Narr, wenn Ihr die Reise mit einem Mappestone und seinen Handlangern riskiert.«

»Was bleibt mir denn für eine Wahl?«, fuhr Caerdig ihn an. »Entweder reite ich mit ihm, oder ich lasse ihn dem König erzählen, dass wir den Boten ermordet haben. Und dann würde Lann Martin ganz gewiss an die Mappestones fallen.«

»Man kann ihm nicht trauen«, stellte Daffydd fest und blickte Geoffrey finster an.

»Wer redet denn von Vertrauen? Aber mein Onkel Ynys meinte immer, der jüngste Sohn von Godric wäre als Einziger aus der ganzen Brut noch mit einem Funken Ehrgefühl versehen.«

»Damals mag das so gewesen sein«, gab Daffydd zu bedenken. »Aber schaut ihn Euch jetzt an. Er war auf dem Kreuzzug, und wir alle wissen, dass nur die stärksten und unbarmherzigsten Krieger diese Herausforderung überlebt haben. Wie ehrbar er auch immer gewesen sein mag, als er loszog: Es muss ihm ausgetrieben worden sein, lange bevor er noch das Heilige Land erreicht hat.«

Plötzlich fuhr Caerdig hoch und keuchte ungläubig: »He! Der Köter hat mich gerade gebissen!«

»Entschuldigt«, sagte Geoffrey verlegen. »Das ist eine Gewohnheit, die ich ihm anscheinend nicht austreiben kann.«

Es war nicht das erste Mal, dass der Hund eine friedliche Übereinkunft hintertrieb, indem er sich zur Unzeit feindselig zeigte. Mit einem Seufzer stieg Geoffrey ab und suchte nach dem Seil, mit dem er das Tier anzubinden pflegte, wenn dessen Benehmen mal wieder unerträglich wurde. Der Hund hatte Geoffrey in der Zitadelle von Jerusalem viele Feinde geschaffen, weil er stets gerne nach ungeschützten Knöcheln schnappte. Beim Anblick der verhassten Leine fletschte der Hund die Zähne und versteckte sich in einem dichten Flecken Unterholz. Helbye machte Anstalten, ihn herauszuzerren.

»Oh, lass ihn einfach da«, bemerkte Geoffrey verärgert. »Er kommt uns schon nach, wenn er was will.«

»Nun, Hauptsache er will sich nicht hier niederlassen«, warf Caerdig ein und rieb sich den Knöchel. »Ich möchte ihn nur ungern in der Nähe meiner Schafe haben.«

»Seid Ihr Ynys Sohn?«, fragte Geoffrey, um das Thema zu wechseln. Wenn Caerdig oder irgendwer sonst von den ruhmreichen Taten des Hundes unter den Schafen und Ziegen des Heiligen Landes erfuhr, würde er das Tier vermutlich unverzüglich ins Jenseits befördern – und das vollkommen zu Recht.

Caerdig schüttelte den Kopf. »Ich bin Ynys Neffe. Aber ich bin auch sein Erbe, und ich habe sein Land erhalten, nachdem Henry ihn im letzten Jahr ermordet hat.«

Geoffrey hatte anscheinend ein schlechtes Thema für zwangloses Geplauder gewählt. Er versuchte es noch einmal und lenkte sein Pferd direkt an Caerdigs Seite. »Wie lange ist mein Vater schon krank?«

»Seit dem vergangenen Sommer hat sich sein Zustand deutlich verschlechtert. Und seit November ist es noch sehr viel schlimmer geworden. Es heißt, er wird das nächste Osterfest nicht mehr erleben. Ihr seid gerade noch rechtzeitig zurückgekehrt – nun könnt Ihr dafür sorgen, dass Ihr nicht vergessen werdet, wenn die Mappestones die umfangreichen Ländereien Eures Vaters untereinander aufteilen.«

»Ich will nichts davon«, sagte Geoffrey. »Meine Mutter hat mir bei ihrem Tod das Rittergut von Rwirdin überlassen. Sollte ich mich jemals entschließen, wieder in England zu leben, würde mir das völlig reichen.«

Caerdig ließ ein höhnisches Schnauben ertönen. »Ihr könnt von Glück sagen, wenn Ihr das zurückbekommt! Euer Bruder Walter hat Rwirdin vor zwei Jahren Joan überlassen, als Teil ihrer Aussteuer. Rwirdin gehört nun Eurer Schwester und ihrem Ehemann, Olivier d’Alençon.«

Geoffrey glaubte ihm nicht, denn nicht einmal Walter würde sich so unverhohlen über Recht und Gesetz hinwegsetzen. Aber er empfand auch kein Bedürfnis, darüber zu streiten. Er setzte den Helm ab, der allmählich scheuerte, und strich sich mit den Fingern über sein kurzes braunes Haar. Er war erleichtert, kurz von dem schweren Metall befreit zu sein.

Caerdig sah ihm zu und streckte dann eine Hand aus, um das Material von Geoffreys Waffenrock mit dem Emblem der Kreuzfahrer auf dem Rücken zu befühlen. Das Kleidungsstück war inzwischen ausgebleicht und schmutzig von jahrelanger Beanspruchung, aber in der braunen Winterlandschaft von Wales war es ein exotisches Stück.

»Ich habe viel von dem Kreuzzug gehört«, sagte Caerdig. »Auch wenn nur wenige Engländer teilgenommen haben. Es soll viele Gelegenheiten gegeben haben, Ruhm zu erwerben, und noch mehr, um Wohlstand zu sammeln.«

»Dann habt Ihr nicht die Wahrheit gehört«, antwortete Geoffrey und setzte den Helm wieder auf. »Was wir getan haben, war überhaupt nicht ruhmvoll. Wir sind tausende von Meilen weit marschiert – manchmal in eisiger Kälte, andere Male in sengender Hitze –, und es sind mehr von uns an Krankheiten und feindlichen Überfällen während des Weges gestorben, als überhaupt im Heiligen Land ankamen. Am Ende gab es eine Menge Reichtümer zu plündern, so viel kann man wohl sagen. Aber wenn ein Laib Brot sein Gewicht in Gold kostet, dann haben solche Reichtümer nicht lange Bestand.«

»Eure Männer scheinen allerdings einiges mit heimgebracht zu haben«, wandte Caerdig ein und wies auf Helbye, Ingram und Barlow. »Ihre Satteltaschen sind bis zum Platzen gefüllt.«

Geoffrey verzog das Gesicht und erinnerte sich an den Vorfall in der Zitadelle, an dem die drei Engländer maßgeblich beteiligt gewesen waren und der fast zu einem Aufstand geführt hätte. »Das ist zum größten Teil das Ergebnis einer glücklichen Wette – unterstützt von Ingrams präparierten Würfeln – während ihrer letzten Nacht in Jerusalem. Ich nehme an, es reicht für ein kleines Stück Land, wie sie es hier angeblich erwerben wollen.«

»Großartig!«, murmelte Caerdig unbeeindruckt. »Noch mehr englische Grundbesitzer, gegen die man sich zur Wehr setzen muss, und Bauern, mit denen wir im Wettstreit stehen.«

»Das bezweifle ich«, entgegnete Geoffrey und lächelte ihm zu. »Sergeant Helbye ist zu alt, um noch mit der Landwirtschaft anzufangen, und ich kann mir nicht vorstellen, dass die anderen beiden ihre Tage mit endloser Feldarbeit füllen, solange es im Heiligen Land noch etwas zu plündern gibt.«

»Glaubt Ihr also, sie werden nicht bleiben?«

Geoffrey zuckte die Achseln. »Helbye vielleicht. Aber ich fürchte, er kann das eine Ende einer Kuh nicht vom anderen unterscheiden. Seine Konkurrenz müsst Ihr wohl kaum fürchten.«

Caerdig lachte. »Und Ihr? Was werdet Ihr tun, jetzt, wo Ihr wieder zu Hause seid?«

Geoffrey zuckte erneut die Achseln. »In Jerusalem sehnte ich mich nach den kühlen, grünen Wäldern von England. Jetzt, wo ich hier bin, sehne ich mich nach der Wärme der Wüstensonne.«

»Weshalb seid Ihr dann überhaupt zurückgekommen?«, fragte Caerdig. »Ich habe gehört, Ihr standet in den Diensten des mächtigen Tankred, des Fürsten von Galiläa. Gewiss ginge es Euch an seiner Seite besser als hier bei dem Schlamm und den Schafen. Und bei den Mappestones!«

Allerdings. Geoffrey war selbst überrascht von seiner Entscheidung, Tankred zu verlassen, gerade als das Glück dem mächtigen jungen Normannen gewogen schien. Tankred hatte ihn nicht ziehen lassen wollen. Mit Bitten, Schmeicheleien und sogar Drohungen versuchte er, Geoffrey zum Bleiben zu bewegen. Aber Geoffrey hatte seine Illusionen in Bezug auf den Kreuzzug verloren. Was mit den edelsten Motiven angefangen hatte, war rasch zu einem Wettstreit um Macht und Reichtümer entartet, der sich vom höchsten Adel bis zum einfachsten Krieger erstreckte.

Als einige seiner engsten Freunde in eine Verschwörung zur Ermordung des Herrschers der Heiligen Stadt verwickelt worden waren, hatte Geoffrey endlich genug gehabt und sich entschieden, Jerusalem zu verlassen. Die Nachricht von der Krankheit seines Vaters beschleunigte seine Entscheidung. Er fuhr mit einem Handelsschiff nach Venedig und ritt von dort aus nach Harfleur, wo er eine Überfahrt auf einem weiteren Schiff kaufte, das ihn nach Portsmouth brachte.

Es war eine lange Reise gewesen und nicht ohne Gefahren. Und doch hatte Geoffrey sie unbeschadet überstanden und deshalb mit ironischer Belustigung zur Kenntnis genommen, dass er nur wenige Meilen von zu Hause entfernt einem primitiven Hinterhalt hatte zum Opfer fallen sollen.

»Ihr habt auch keinen Anlass, meine Konkurrenz zu fürchten«, ließ Geoffrey Caerdig wissen. Er versuchte, nicht mehr an Caerdigs Überfall und Aumarys Tod zu denken. »Ich bleibe nicht lange.«

Sie ritten weiter, bis das letzte Tageslicht verblasste. Dann fanden sie einen kleinen Weiler auf einer Waldlichtung. Dieser Weiler bestand nur aus einem einfachen Holzhaus und drei Nebengebäuden für das Vieh. Die Bewohner waren vom Anblick eines schwer bewaffneten Ritters und seines Gefolges erschrocken. Ihre Besorgnis wuchs noch weiter, als sie den Leichnam von Sir Aumary über dem Sattel hängen sahen.

Es überraschte nicht, dass sie Geoffreys Bitte nach einer Unterkunft für die Nacht nur sehr zögernd nachkamen, aber zu eingeschüchtert waren, um es offen zu verweigern. Widerwillig bot man Geoffrey und seinen Begleitern schmutzige Decken und einen Platz nahe dem Feuer an, auf einem Fußboden aus festgetretener Erde. Die Pferde und Sir Aumary waren in den geräumigen und gut gelüfteten Ställen sehr viel besser untergebracht.

Unbewusst ließ Geoffrey sich in der Nähe der Tür nieder, wo er leicht entkommen konnte, wenn nötig, und gleichzeitig jeden bemerken musste, der hereinkam oder hinausging. Der Hund schnüffelte so hingebungsvoll an der schmutzigen Decke, dass Geoffrey sich schon fragte, wofür sie zuletzt verwendet worden war. Aber die Nacht war kalt, und er hatte sich in der Vergangenheit schon mit schlechteren Dingen warm gehalten.

Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand, wickelte sich in die Decke und döste vor sich hin. Der Hund schmiegte sich an seine Seite. Kurz darauf erhob sich Caerdig und rückte näher ans Feuer. Geoffrey beobachtete ihn im Licht der flackernden Flammen und schlief danach nicht wieder ein.

2. Kapitel

Geoffrey war lange vor Tagesanbruch wieder auf den Beinen und sattelte das Pferd. Die Übrigen hatten es mit dem Aufbruch ebenso eilig, und nach einem Frühstück aus fadem Haferbrei und ein wenig kaltem Wasser aus einer nahe gelegenen Quelle machten sie sich auf den Weg. Es war immer noch ziemlich dunkel, und Geoffrey fürchtete in der Finsternis einen Fehltritt seines Pferdes. Also führte er es, bis es heller wurde, am Zügel. Die walisischen Ponys brauchten keine solche Fürsorge und trotteten schnaubend und stampfend in der kalten Morgenluft hinter ihm her.

Der Tote war über Nacht steif geworden, eine Schwierigkeit, die Geoffrey nicht bedacht hatte. Sie konnten den Leichnam nicht mehr über den Sattel hängen. Geoffrey sah sich gezwungen, von den Bewohnern des Weilers einen klapprigen Karren zu kaufen. Er spannte Ingrams Pferd davor, und Ingram konnte stolz auf Aumarys Streitross weiterreiten.

Trotz des ernsten Anlasses ihrer Reise summte Geoffrey vor sich hin. Er genoss die frische Morgenluft und die friedlichen Wälder. Ein Hauch von Frost lag auf den Zweigen, und der Boden war hart wie Fels. Schließlich erreichte der Waldpfad die Straße, die an Offas Dyke entlangführte, und Geoffrey ließ das Pferd laufen und galoppierte an einem plätschernden Bachlauf entlang. Als das Tier allmählich müde wurde, zügelte Geoffrey es und ritt in bequemerem Tempo, damit die anderen aufholen konnten. Er legte den Helm ab, atmete tief durch und genoss nach der kalten Nacht die Sonnenstrahlen auf seinem unbedeckten Haupt.

Der Dyke war schon von alters her die Grenze zwischen verschiedenen Königreichen. Teile davon hoben sich hoch aus dem umgebenden Land, während er in anderen Gegenden Flüssen oder dichten Waldgebieten folgte. Daran entlang führte ein viel benutzter Weg, und die Reise war einfach. Schon am frühen Nachmittag verkündete Barlow, dass er die große Burg von Chepstow sehen könne.

Als sie näher kamen, hielt Geoffrey inne und bewunderte die trutzige Burg auf ihrem Horst hoch über den mäandernden braunen Fluten des Wye. Felswände ragten schroff aus dem Wasser und endeten in mächtigen Festungswällen, hinter denen der wuchtige, rechteckige Bergfried stand. Geoffrey und seine Begleiter umrundeten die Außenmauer auf der Seite, die den Steilhängen gegenüberlag. Ihr Fortkommen wurde aufmerksam von Posten beobachtet, die über die ganze Länge des Weges verteilt waren. Man hatte Bäume gefällt und Häuser niedergerissen, damit man sich aus keiner Richtung der Burg ungesehen nähern konnte – außer natürlich über die Steilwand. Dort allerdings war jeder Angriff zum Scheitern verurteilt, und nur ein sehr dummer Feind würde überhaupt wagen, sie zu erklimmen.

Schließlich erreichten sie das Hauptportal, das am Boden von einem Wachhaus geschützt wurde und von oben durch Bogenschützen, die in einer hölzernen Galerie auf der Außenmauer untergebracht waren. Der wachhabende Sergeant fragte nach Geoffreys Begehr und geleitete sie dann in den Burghof.

Als Geoffrey abstieg und die Zügel an einen Stalljungen weiterreichte, blickte er sich noch einmal beeindruckt um. Der gewaltige Bergfried stand in der Mitte eines lang gezogenen, dreieckigen Innenhofes und veranschaulichte in hervorragender Weise die Stärke der Normannen – aber auch ihren Sinn fürs Praktische. Was daran fehlte, waren Raffinessen, wie Geoffrey sie in Frankreich gesehen hatte. Allerdings war Chepstow auch ohne solch schmückendes Beiwerk eine großartige Festung, und es wunderte Geoffrey nicht, dass der König den Burgvogt nun schon seit mehr als einem Monat mit seiner Gegenwart beehrte.

Der Dienst habende Sergeant besorgte eine Bahre. Sie betteten Sir Aumary darauf und bedeckten ihn mit seinem feinen Mantel. Während Ingram und Barlow sich mit der toten Last abmühten, ging Geoffrey ihnen voran zum Bergfried. Der Eingang lag, wie bei allen normannischen Festungen, im ersten Stock und war nur über Treppen zu erreichen, die man bei Gefahr entfernen konnte: Ein weiteres Hindernis für Eroberer. Auf dieser steilen Holztreppe wäre ihnen Aumary beinahe von der Bahre gerutscht, und es gab ein kurzes, hektisches Durcheinander. Nur ein beherzter Sprung von Geoffrey verhinderte einen unglücklichen Zwischenfall.

Henry, der König von England und jüngster Sohn von Wilhelm dem Eroberer, war gerade erst von einer Jagd in den südlichen Ausläufern des Waldes von Dene zurückgekehrt. Sein Gesicht war von der Anstrengung und der frischen Luft noch gerötet, und er sonnte sich in der Anerkennung seiner Jagdgefährten, die den großen braunen Hirsch bewunderten, den er zur Strecke gebracht hatte. Der Hirsch und verschiedene Stücke Damwild wurden in der Halle zur Schau gestellt, ehe man sie in die Küche brachte und für den umfangreichen Haushalt des Königs zubereitete.

An einer Wand standen aufgebockte Tische mit Speisen, damit der König und seine Männer ihren Hunger schon einmal vorläufig stillen konnten, bis später das eigentliche Abendessen aufgetischt wurde. Geoffreys Hund wollt sofort geifernd die reich gefüllten Tische stürmen, aber Geoffrey erwischte ihn gerade noch am Genick. Er trug einem Pagen auf, das Tier hinauszubringen, ehe es dafür sorgte, dass man Geoffrey und seine Begleiter aus der königlichen Halle warf.

Der Dienst habende Sergeant flüsterte einem Pagen etwas zu, der sich daraufhin an den Burgvogt wandte. Der Vogt würde entscheiden müssen, ob Geoffreys Anliegen bedeutsam genug war, den König damit zu behelligen. Anscheinend war es das nicht, denn er begrüßte sie stattdessen selbst, während der König noch eine Weile die Gesellschaft der schmeichlerischen Höflinge genoss.

Der Burgvogt beugte sich über die Trage, die man am anderen Ende der Halle abgestellt hatte, und hob den Mantel an, um Sir Aumarys Gesicht anzusehen.

»Ich kenne den Mann nicht«, stellte er fest. »Er beförderte Briefe für den König, sagt Ihr?«

Geoffrey übergab den Beutel, den er unter dem Wappenrock verborgen getragen hatte. Der Vogt öffnete ihn und betrachtete die Dokumente darin.

»Das ist das Siegel von Domfront«, sagte er und hielt einen der Briefe verkehrt herum, was Geoffrey zeigte, dass der Mann des Lesens unkundig war. »Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Briefe besonders wichtig sind. Domfront ist nur eine kleine Burg in der Normandie, auch wenn unser König sie sehr schätzt. Hatte dieser Sir Aumary sonst noch etwas bei sich?«

Geoffrey zuckte die Achseln. »Der Beutel schien das Wertvollste zu sein – Aumary hat sich stets sehr besorgt darum gezeigt. Aber ich habe ihn auch nicht weiter durchsucht.«

Der Burgvogt blickte auf den verhüllten Toten hinab. »Ich werde den König bei passender Gelegenheit in Kenntnis setzen. Die Sache dürfte nicht wichtig genug sein, um ihn gleich zu belästigen. Bitte haltet Euch in der Nähe der Burg auf, bis ich eine Audienz für Euch vereinbaren kann.«

Er machte auf dem Absatz kehrt und schritt davon. Geoffrey und Caerdig blieben zurück und konnten nur darauf hoffen, dass der König sie nicht tagelang warten ließ. Geoffrey wäre am liebsten sofort wieder aufgebrochen, doch nun, da er vorgesprochen hatte, musste er warten, bis es dem König beliebte, ihn zu empfangen. Und damit reihte er sich unter die große Schar von Bittstellern ein, die ebenfalls auf eine Audienz warteten – in der Hoffnung, eine Zusammenkunft mit dem König könnte all ihre Schwierigkeiten lösen.

Geoffrey setzte sich auf eine Bank und schenkte dem verärgerten Seufzer von Caerdig keine Beachtung. Wie immer war er an Architektur und Kunst interessiert und sah sich um. Der Saal von Chepstow mochte groß sein, so dachte er, während er die Einzelheiten des Bauwerks genauer betrachtete. Aber verglichen mit den Bauwerken der Sarazenen, die Geoffrey während des Kreuzzuges in Jerusalem und Antiochia gesehen hatte, war die Halle weder sonderlich schön noch kunstvoll. Den normannischen Vorlieben entsprechend war Chepstow robust und zweckmäßig, aber ganz gewiss nicht …

»Sind dies die Männer, von denen Ihr gesprochen habt?«

Als die Stimme des Königs so unerwartet in seiner Nähe erklang, sprang Geoffrey auf. Er fiel auf ein Knie, in der üblichen ehrerbietigen Geste eines Ritters gegenüber einem König, und fragte sich, wie lange der König ihn wohl schon beobachtet hatte, während er ganz versunken die Halle gemustert und christliche und arabische Architektur verglichen hatte. Der König bedeutete ihm, sich zu erheben.

»Das ist der Leichnam von Sir Aumary de Breteuil«, erklärte der Vogt und wies auf den Toten. »Er brachte Euch Botschaft aus Frankreich, wurde aber von einem Unbekannten nur wenige Meilen entfernt von hier erschlagen.«

»Wie bedauerlich«, stellte der König fest und wandte seinen Blick Geoffrey zu. »Und wer seid Ihr?«

»Das ist Sir Geoffrey Mappestone«, stellte der Burgvogt ihn vor. »Er war bei dem Angriff an Sir Aumarys Seite.«

Der König musterte Geoffrey eindringlich aus seinen hellgrauen Augen.

»Tatsächlich? Und habt Ihr diesen unbekannten Angreifer gesehen, Geoffrey Mappestone?«

»Das habe ich nicht, Majestät«, antwortete Geoffrey. Er spürte, wie Caerdig hinter ihm den Atem anhielt. »Aumary wurde während des Angriffs von uns getrennt. Als wir später nach ihm suchten, streifte sein Streitross frei herum, und er lag tot im Gras.«

»Ich verstehe«, sagte der König, der seit der Erwähnung des Pferdes ganz munteren Anteil nahm. »Und wo ist dieses Ross jetzt?«

Der König sollte habgierig sein, so viel hatte Geoffrey bereits gehört. Aber er hatte nicht erwartet, dass sich die Gier so offensichtlich äußerte. »Wir haben es in Eure Ställe bringen lassen.«

»Fein«, erwiderte der König darauf und rieb sich erfreut die Hände. »Ist es ein gutes Tier?«

»Es sieht recht gut aus, aber es ist schlecht ausgebildet«, antwortete Geoffrey.

Aumarys Witwe in Frankreich würde offensichtlich nichts davon haben, dass ihr Gemahl in den Diensten des Königs getötet worden war.

»Eine schlechte Ausbildung lässt sich korrigieren«, tat der König den Einwand beiläufig ab. »Ich hörte, dieser Mann hatte ein Sendschreiben für mich?«

Der Vogt reichte ihm den Beutel, und der König erbrach die Siegel.

»Das sind Abrechnungen aus meiner Burg in Domfront«, stellte er fest, während er die Blätter rasch und zielstrebig durchging. Geoffrey fiel ein, dass man den König bereits »den schönen Gelehrten« nannte, weil er im Unterschied zu den meisten Edlen lesen und schreiben konnte. »Auch ein König hört es gern, wenn seine Landgüter einträglich wirtschaften. Aber das ist wohl kaum eine Nachricht, für die jemand morden würde.«

»Womöglich trug er noch weitere Briefe mit sich«, schlug der Vogt vor. »Mitunter lenkt ein Bote die Aufmerksamkeit von etwas Wichtigem ab, indem er Unwichtiges zur Schau stellt.«

»Ich nehme an, so muss es sein«, räumte der König skeptisch ein. »Vielleicht wollt Ihr den Leichnam für mich durchsuchen, wenn Sir Geoffrey das nicht schon getan hat?«

Geoffrey schüttelte den Kopf. »Aumary wirkte stets nur wegen der Schriftstücke in seinem Beutel besorgt. Ich nahm an, es wären die einzigen – er ließ mich wissen, sie seien von größter Wichtigkeit.«

Der König lächelte. »Je wichtiger die Botschaft, umso besser bezahlt der Bote«, stellte er trocken fest. »Aber was diesen Angriff auf Euch angeht, war Aumary das einzige Opfer?«

Geoffrey nickte. »Abgesehen von einem meiner Pferde. Das ist der Pfeil, mit dem Aumary getötet wurde.« Er hielt dem König den blutverschmierten Pfeil hin. Der Monarch nahm ihn gründlich in Augenschein, vermied es allerdings sorgsam, den Pfeil zu berühren.

»So, so«, sagte der König nach einer Weile. »Das ist alles sehr interessant. Habt Ihr die Angreifer gesehen?«

»Ich habe keine Bogenschützen gesehen«, erwiderte Geoffrey vieldeutig. Er war sich der Besorgnis bewusst, die Caerdig hinter ihm an den Tag legte.

»Es gibt da einen Godric Mappestone, dem das Landgut Goodrich und verschiedene andere einträgliche Ländereien nördlich des Waldes von Dene gehören«, stellte der König fest. Sein Blick wanderte zurück zu dem Pfeil, den Geoffrey in der Hand hielt. »Ist er ein Verwandter von Euch?«

»Mein Vater.«

»Ich verstehe«, sagte der König wieder. Er musterte Geoffrey von oben bis unten. »Euer Wappenrock bringt zum Ausdruck, dass Ihr auf Kreuzzug wart, genau wie mein Bruder, der Herzog der Normandie. Ich nehme an, Ihr seid nach England zurückgekehrt, um das Erbe Eures Vaters zu beanspruchen?«

Geoffrey schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht sein Erbe, Majestät. Ich habe drei ältere Brüder mit größeren Ansprüchen. Ich bin nur gekommen, um ihm einen Besuch abzustatten, und dann werde ich wieder abreisen.«

»Zurück ins Heilige Land?«

Geoffrey nickte.

»Ich war auch ein vierter Sohn, müsst Ihr wissen«, gab der König zu bedenken und betrachtete Geoffrey aus halb geschlossenen Augen. »Und jetzt bin ich König von England. Ihr solltet Eure Aussichten auf ein Erbe nicht unterschätzen, Sir Geoffrey. Ihr könnt nie wissen, was das Schicksal für Euch bereithält.«

»Aber ich habe kein Interesse an Goodrich«, entfuhr es Geoffrey, heftiger als beabsichtigt. »Selbst wenn es mir zufallen sollte, würde ich ablehnen. Ich möchte kein Gutsbesitzer sein.«

»Wie voreilig«, erwiderte der König und schürzte tadelnd die Lippen. »Ihr wisst nicht, was ich in dieser Angelegenheit wünsche, und ich bin Euer König.«

Geoffrey konnte sich nicht vorstellen, dass es den König auch nur im Mindesten kümmerte, wer Herr auf Burg Goodrich wurde. Aber er war klug genug, das nicht laut auszusprechen. Der König strich nachdenklich einige Male durch seinen dichten Bart und zeigte dann ein Lächeln, das Geoffrey nur als raubtierhaft beschreiben konnte.

»Zufällig bin ich sehr froh, Eure Bekanntschaft zu machen, Sir Geoffrey«, stellte er fest. »Es gibt da etwas, was Ihr für mich tun könnt.«

Widerstrebend folgte Geoffrey dem König in ein Vorzimmer unmittelbar neben dem großen Saal. Ein munteres Feuer prasselte dort im Kamin, und davor räkelten sich einige schlanke, übel riechende Hunde. Der König stieß ein paar von ihnen mit der Stiefelspitze aus dem Weg, wandte sich dann zu Geoffrey um und zog ihn näher an das Feuer heran, damit sie von draußen niemand belauschen konnte.

Geoffrey bemerkte den berechnenden Ausdruck in den grauen Augen des Königs, und ihm drehte sich schier der Magen um. Fast hätte er sich aus dem Griff losgerissen. Nicht schon wieder!, dachte er in plötzlicher Verzweiflung. Er hatte das Heilige Land und seine zänkischen Herren nicht zuletzt deshalb verlassen, weil er sich nicht mehr in ihre Intrigen und Verschwörungen hineinziehen lassen wollte. Und jetzt war er noch nicht einmal zu Hause angekommen, und schon warb ihn der König von England höchstpersönlich für eine Aufgabe an, die er ganz gewiss nicht übernehmen wollte!

»Ich sehe schon, Ihr wisst die Ehre, die ich Euch angedeihen lasse, nicht zu schätzen«, stellte der König angesichts von Geoffreys offensichtlichem Unbehagen fest. »Wollt Ihr Eurem König nicht von Nutzen sein?«

Geoffrey wollte das nicht, aber wenn er das laut aussprach, würde er wohl kaum noch frei von hier abreisen können – zumindest nicht gesund und in einem Stück. Seine Gedanken überschlugen sich.

»Ich stehe in den Diensten von Tankred de Hauteville, Majestät«, führte er an. »Doch die Sporen erwarb ich bei Eurem Bruder, dem Herzog der Normandie.«

Der König sah Geoffrey scharf an, dann zeigte er ein Lächeln, dem jede Heiterkeit fehlte. »Ich weiß genau, was Ihr denkt. Ihr wisst, dass das Verhältnis zwischen meinem Bruder und mir nicht ganz ungetrübt ist, und Ihr glaubt, ich würde Euch aus meinen Diensten entlassen, wenn Ihr Eure Treue ihm gegenüber eingesteht. Habe ich Recht?«

Das hatte er, aber das war wieder eine Sache, die Geoffrey kaum offen zugeben konnte. »Ich möchte Euch nur zur Vorsicht raten, Majestät, damit Ihr mir nichts verratet, was ein Gefolgsmann des Herzogs der Normandie besser nicht wissen sollte.«

Der König lachte. »An einen Ritter sind Eure Gaben verschwendet, Geoffrey Mappestone! Ihr solltet ein Höfling werden. Doch was ich von Euch will, wird Eure Loyalität zu meinem Bruder nicht infrage stellen. Ich sorge mich mehr um die Sicherheit Englands als um irgendwelche Staatsangelegenheiten der Normandie.«

»Und das bedeutet?«, fragte Geoffrey vorsichtig, als der König nicht weitersprach.

»Bevor ich Euch sage, was ich von Euch will, lasst uns erst ein wenig plaudern«, meinte der König. Er stocherte mit dem Fuß in dem Stapel Kaminholz. »Wie mir mein Burgvogt berichtete, wart Ihr nun schon einige Jahre von zu Hause fort. Daher habt Ihr gewiss manches nicht erfahren, was sich hier ereignet hat.«

Geoffrey hatte das Gefühl, dass er recht gut über die Geschehnisse auf Goodrich und in England Bescheid wusste. Seine Schwester Enide hatte ihn über alles auf dem Laufenden gehalten. Enide und Geoffrey hatten einander sehr nahe gestanden, bis er fortgeschickt worden war, um als Ritter ausgebildet zu werden. Aber auch danach war ihre Beziehung innig geblieben: Enide war, wie Geoffrey, des Lesens und Schreibens kundig, und sie hatten über die Jahre einen ausführlichen Briefwechsel gepflegt – bis zu dem Tag, da der Schreiber seines Vaters Geoffrey kurz angebunden wissen ließ, dass seine Schwester verstorben war. Geoffrey sagte nichts, und der König fuhr fort.

»Die Ländereien Eures Vaters sind recht ansehnlich, wenn man all seine Besitztümer zusammenrechnet. Godric Mappestone war ein treuer Gefolgsmann meines Vaters, des Eroberers, und dessen Großzügigkeit verdankt er auch seinen ganzen Besitz. Nach dem Tod meines Vaters wandte sich Godrics Ergebenheit meinem ältesten Bruder zu, dem Herzog der Normandie. Er hat meinen zweiten Bruder, William Rufus, als König von England nie ganz akzeptiert.«

Geoffrey schluckte. Bis zu seinem überraschenden Ableben im Sommer letzten Jahres war William Rufus König von England gewesen. Godric hatte ein gefährliches Spiel gewagt, wenn er den Herzog der Normandie gegen Rufus unterstützt hatte.

Der König bemerkte seine Besorgnis und klopfte ihm auf den Arm. »Schaut nicht so beunruhigt drein, Geoffrey. Rufus war kein sehr beliebter König. Euer Vater hatte Recht, wenn er dessen ungerechte Herrschaft ablehnte. Aber dann hatte Rufus diesen unglücklichen Unfall im New Forest, und viele Männer, die bis dahin den Herzog der Normandie vorzogen, hielten nun mich für den besten Herrscher von England. Daher haben sie ihre Ergebenheit für den Herzog aufgegeben und stattdessen mir den Treueeid geleistet.«

Geoffreys Unbehagen wuchs. Der König wollte doch hoffentlich nicht, dass er seinen Vater überredete, sich vom Herzog der Normandie loszusagen und stattdessen König Henry anzuerkennen? Godric Mappestone war für seinen Eigensinn und seine rechthaberische Art bekannt. Man konnte ihn von einer Meinung so wenig abbringen wie die Sonne von ihrem Lauf.

»Spielt nicht mit diesem Ding herum!«, schnauzte der König plötzlich, als Geoffreys Hände über den Pfeil strichen. »Werft es ins Feuer.«

Geoffrey gehorchte, und sie sahen beide zu, wie die Flammen an dem Pfeil hochzüngelten, bis das helle Holz braune Flecken bekam und sich schwärzte. Der König atmete tief durch und sprach weiter.

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass Euer Vater mir treu ergeben ist.« Geoffrey versuchte, sich seine Erleichterung nicht anmerken zu lassen. »Ich hatte ebenfalls Gelegenheit, mit Eurem dritten Bruder zu sprechen – er heißt ebenfalls Henry, wie ich selbst. Er versicherte mir gleichfalls seine Ergebenheit. Euer ältester Bruder Walter und Eure Schwester Joan andererseits haben sich deutlich gegen mich ausgesprochen. Sie behaupten, dass ich ein Thronräuber bin und die Krone von England rechtmäßig dem Herzog der Normandie zusteht.«

Geoffreys kurzzeitige Erleichterung schwand dahin wie ein Regentropfen in der Wüste. Allmählich verstand er, was der König von ihm verlangen würde, und seine Besorgnis wuchs.

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