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Der Spezialist

Über den Autor

Mark Allen Smith hat zehn Jahre lang Nachrichten und Dokumentationen fürs Fernsehen produziert. Dabei war er auch als Regisseur tätig. Seit über zwanzig Jahren schreibt er Drehbücher. Er lebt in New York mit seiner Partnerin Cathy und seinen drei Kindern Zachary, Lexie und Rachel. Zu jeder sich bietenden Gelegenheit mach Smith Musik oder spielt Softball.

MARK ALLEN SMITH

DER SPEZIALIST

ROMAN

Übersetzung aus dem Amerikanischen
von Dietmar Schmidt

BASTEI ENTERTAINMENT

PROLOG

Der Klient saß in einem quadratischen Raum von zweieinhalb Metern Kantenlänge und blickte durch einen großen Einwegspiegel in gleichförmige Dunkelheit. Aus den Lautsprechern in der Wand drang fortgesetztes nervöses Lachen, immer wieder unterbrochen von einem trockenen Husten, doch der Klient hörte nichts davon, weil er die Ohrstöpsel trug, die für ihn bereitgelegen hatten.

Er blickte auf die Armbanduhr. Sie zeigte 23.20 Uhr. Seit drei Stunden war er hier. Er nippte an seinem zweiten Scotch, als er nun den Blick schweifen ließ. Der fensterlose Raum hatte Wände aus altem, in gedämpftem Grau gestrichenem Holz und war teuer eingerichtet: Der Sessel stammte von Arne Jacobsen, der Perserteppich war antik. Die Chrombar war mit teuren Spirituosen gefüllt; dazu gab es einen Spätburgunder und einen Sancerre, der in einem von Tau beperlten Sektkühler ruhte. Von der Decke hingen vier kegelförmige Pendellampen aus gebürstetem Nickel. Ihr Licht brach sich in den Gravuren des kristallenen Scotchglases zu sternförmigen Mustern. Im unteren Fach der Bar blinkte das winzige rote Auge eines DVD-Rekorders.

Der Klient war Sicherheitschef eines großen US-amerikanischen Elektronikherstellers. In seiner Gehaltsklasse war er mit übermäßigem Luxus zwar nicht vertraut, doch bei den Personen, für die er arbeitete, sah es anders aus. Nun erwarteten sie seinen Anruf. Eine Woche lang hatte er Nachforschungen anstellen und Verbindungen spielen lassen, bis es in einem Restaurant in Little Italy zu einem Treffen mit einem elegant gekleideten, makellos gepflegten Mafiaboss namens Carmine Delanotte gekommen war. Bei einer Flasche Barolo und zwei doppelten Espressi hatte Delanotte den Klienten lange und gründlich ausgefragt, ehe er ihm einen Code fürs Internet sowie den Namen Geiger genannt hatte. Auch wenn es sich dabei offenkundig nicht um den richtigen Namen der Person handelte, war der Klient mit dem Code auf Geigers Website gelangt, DoYouMisterJones.com. Nachdem er dort »Delanotte« als Referenz angegeben hatte, waren die Dinge rasch in Gang gekommen. Heute hatte der Klient am frühen Abend die Zielperson – Matthew Gant von der Forschungs- und Entwicklungsabteilung seiner Firma – im Parkhaus entführt und, genau wie angewiesen, in das unauffällige zweistöckige Gebäude auf der Ludlow Street gebracht.

An dem Mann, den der Klient in diesem Raum als »Geiger« kennenlernte, war ihm als Erstes aufgefallen, dass er so gut wie nie blinzelte. Der Klient war stolz auf seine Nervenstärke, doch Geiger machte ihn unruhig, was vor allem an der seidigen Stimme, der monotonen Sprechweise und der starren Körperhaltung dieses Mannes lag. Geiger hatte ellipsenförmige Augen in einem scharf geschnittenen, kantigen Gesicht. Er wirkte mager und hart wie ein Langläufer oder Kampfsportler. Und er hielt sich leicht geneigt, als würde sein Skelett den Gesetzen der Schwerkraft auf ganz eigene, skurrile Weise gehorchen.

Geiger umgab eine Aura des Seltsamen – aber was sollte man von jemandem in seinem Gewerbe anderes erwarten? Der Klient hatte alle möglichen Geschichten über diesen Mann gehört: Geiger sei ein Irrer, der lange Zeit hinter Gittern gesessen habe; ein abtrünniger Agent der NSA; der verkorkste Sprössling einer stinkreichen Familie, der das Geld nicht nötig hatte und den Nervenkitzel suchte. Gemeinsam war diesen Gerüchten nur die Feststellung, dass niemand Geiger das Wasser reichen konnte.

Als sie einander die Hand reichten, hatte der Klient gesagt: »Es heißt, Sie sind der Beste. Hoffen wir, dass es stimmt. Die Pläne, die Matthew Gant vermutlich gestohlen hat, sind Millionen wert.«

Geiger hatte ihn ausdruckslos gemustert.

»Ich verkaufe hier keine Hoffnung«, hatte er gesagt und das Zimmer verlassen.

Während der ersten Stunde war es in dem Raum auf der anderen Seite des Einwegspiegels schwarz geblieben. Die einzigen Geräusche stammten von Matthew Gant, der abwechselnd schimpfte und fluchte. Dann drangen aus den Lautsprechern Geigers leise Worte an die Ohren des Klienten – wie ein Gespenst, das in den Raum trieb.

»Ab jetzt schweigst du, Matthew. Dir ist das Sprechen nicht mehr gestattet.«

Es war eine Flüsterstimme, doch ein so lautes Flüstern hatte der Klient noch nie gehört. Dann flammten die Lichter auf, und durch den Einwegspiegel sah er Geiger: In einen schwarzen Pullover und eine weite schwarze Hose gekleidet, lehnte er in einem kahlen Raum an der Wand. Alles in diesem Raum war vollständig mit weißem Linoleum beschichtet, und Dutzende versenkter Strahler in Decken und Wänden tauchten sämtliche Flächen in grelles Licht. An zwei gegenüberliegenden Wänden waren etwa einen halben Meter unterhalb der Decke mehrere kleine Videokameras installiert.

Nach einiger Zeit spielte dieser Anblick den Augen des Klienten einen Streich, und die Winkel des Raumes lösten sich allmählich auf, bis Geiger in der Luft zu schweben schien – eine schwarze erstarrte Gestalt in einer Szenerie aus strahlendem Alabaster.

Mitten im Raum saß Matthew Gant auf einem alten Friseursessel aus rotem Leder und blitzendem Chrom. Über seine Hüften, seine Brust, seine Fußknöchel und seine Handgelenke liefen metallverstärkte Gurte, auf denen helle Sterne tanzten, wenn er sich bewegte. Sein Gesicht war aschfahl; nur auf den Wangen sah man rote Flecken. Seine Brust war frei, seine Füße nackt.

Eine halbe Stunde lang hatte Geiger ihn schweigend angestarrt. Alle zehn Minuten hatte er sich aufgerichtet und war einmal den Raum abgegangen. Er hinkte leicht, hatte das Hinken jedoch in seine Körpermechanik integriert, sodass es nicht als Gebrechlichkeit erschien; bei ihm wirkte es ganz natürlich. Matthews Blick folgte argwöhnisch jeder seiner Bewegungen.

Geiger stieß den Sessel an und drehte ihn langsam immer wieder nach links um seine Achse. Dann verließ er den Raum. Das Licht erlosch wieder. Tonaufnahmen wurden abgespielt, eine Reihe von Akustik-Vignetten, jede ein paar Minuten lang. Der Klient hörte einen Verkehrsstau mit Hupkonzert und Reifenkreischen; eine Frau, die unmelodisch summte; das Klimpern einer einzelnen Saite auf einer verstimmten Gitarre; ein Telefon, das ununterbrochen klingelte, plötzlich verstummte und dann wieder zu klingeln begann, und schließlich nervöses, von Hüsteln unterbrochenes Lachen.

Zu Anfang hatte Matthew immer wieder gebrüllt: »Was soll die Scheiße?«, doch irgendwann war er verstummt. Der Klient wusste jetzt, warum: Als die Aufzeichnung der Geräusche zur Hälfte vorüber war, hatte er sich die Stöpsel in die Ohren gedrückt, sonst hätte er den Verstand verloren.

Das Licht ging wieder an, und Geiger kehrte in den Raum zurück. Er hielt die Hände hinter dem Rücken und stellte sich neben Matthew, der ihn mit unverhohlener Wut anstarrte.

Der Klient nahm die Ohrenstöpsel heraus, um mithören zu können.

»Matthew …«, sagte Geiger. »Schließ die Augen.«

Matthews Gesicht wurde noch wütender, aber er gehorchte.

»Stell dir vor, du bist in einen leeren Brunnenschacht gefallen. Dort unten ist es stockdunkel. Du kannst die Hand vor Augen nicht sehen. Dein eigenes Atmen ist das einzige Geräusch, was du hörst. Du hast Schmerzen am ganzen Leib. Vielleicht hast du dir ein Bein gebrochen, oder einen Arm.«

Geiger blieb ein paar Sekunden still, als wollte er sicherstellen, dass Matthew in der Schwärze seines Gefängnisses seinen eigenen Atem hörte.

»Die Schmerzen sind so schlimm, dass hinter deinen Augen ein Feuerwerk abbrennt. Du schmeckst Blut im Mund. Du streckst die Hände aus und tastest um dich. Die Wände sind kalt und feucht und glatt. Kein Spalt, keine Vertiefung, wo du Halt finden könntest. Kannst du dich dort unten sehen, Matthew? Am Grunde dieses Brunnens?«

Dem Klienten im Nebenraum lief ein Schauder über den Rücken. Selbst er sah Matthew dort unten.

»Du versuchst, Ruhe zu bewahren. Du fängst an, um Hilfe zu rufen. Du sagst dir: ›Jemand muss mich doch hören.‹ Aber nach einer Weile begreifst du, dass du wahrscheinlich dort unten sterben musst. Und als dir dieser Gedanke kommt, beginnt etwas in dir zu sterben. Nicht im Fleisch, sondern in der Seele. Weißt du, was ich meine, Matthew?«

»Wie oft soll ich es denn noch sagen, Mann! Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen!«

»Matthew … ich habe gesagt, dass dir das Reden nicht gestattet ist. Nicke nur, oder schüttle den Kopf. Erinnerst du dich, dass ich es dir gesagt habe?«

Matthew starrte ihm in die kalten, reglosen Augen und nickte. Geiger griff hinter sich und nahm ein kabelloses Mikrofon und einen Kopfhörer, den er Matthew über die Ohren stülpte.

»Ein Sennheiser 650«, sagte er. »Mir ist Sennheiser lieber als AKG. Die Wiedergabe ist strukturierter. Mach die Augen zu, Matthew.«

Matthew gehorchte. Mit einem rasselnden Seufzer hielt er den Atem an. Die Augäpfel zuckten nervös unter den Lidern hin und her.

Geiger hob das Mikrofon und schlenderte durch den Raum, während er leise hineinsprach. Er erinnerte den Klienten an einen dieser Selbsthilfegurus im Fernsehen, nur dass hier das Publikum aus einer einzigen Person bestand.

»Kannst du mich klar und deutlich hören?«, fragte Geiger.

Matthew nickte.

»Gut. Dann … zurück in den Brunnen, Matthew. Bist du dort?«

Matthew schluckte. Sein Adamsapfel zuckte auf und ab. Wieder nickte er.

»Gut.« Für den Klienten klang das Wort wie ein leises Gebet. »Es ist wichtig, dass du wirklich glaubst, unten im Brunnen zu sein, Matthew, denn es ist kein Gedankenspiel. Du bist wirklich da unten, und ich bin deine einzige Rettung. Ich bin das Seil, das dir zugeworfen werden kann, und ich bin der Arm, der dich hochziehen könnte.« Er legte Matthew sanft eine Hand auf die Schulter. Matthew erstarrte. »Und das Einzige, was dafür sorgen kann, dass dieses Seil nach unten geworfen wird, ist die Wahrheit.«

Der Klient lehnte sich näher an die Scheibe.

»Wahrheit ist etwas Wunderschönes. Die einzige perfekte Schöpfung des Menschen. Und ich erkenne die Wahrheit, wenn ich sie höre. Das liegt nicht daran, dass ich ein besonderes Einfühlungsvermögen besäße oder ungewöhnlich aufmerksam wäre, aber ich habe schon so viele Lügen gehört, dass ich es jedes Mal merke, wann die Wahrheit ans Licht kommt.«

Geiger beugte sich zu Matthews Gesicht hinunter. Der Klient sah, wie Matthews Kiefergelenke sich vor Angst spannten.

»Arturo Toscanini sagte einmal, er könne hören, ob eine Saite einer Violine im Streicherapparat des Orchesters falsch gestimmt sei. Er besaß nicht das absolute Gehör, aber er hatte so viele Millionen Töne gehört, dass er immer sofort sagen konnte, welcher richtig war und welcher nicht.« Geiger atmete ein. »Darum lüg mich nicht an, Matthew.«

Matthews Nasenflügel blähten sich wie bei einem Fohlen, das Rauch wittert. Geiger beugte sich noch näher, bis nur noch das Mikrofon seine Lippen von Matthews Mund trennte.

»Hast du verstanden? Lüg mich nicht an!«

Bei dem plötzlichen Gebrüll riss Matthew den Kopf mit solcher Gewalt zurück, dass der Klient befürchtete, er könnte sich das Genick brechen. Matthew riss die Augen auf und dehnte den Mund zu einem klaffenden Oval. Sein Aufheulen hielt gute fünf Sekunden an, dann verebbte es zu einem gurgelnden Stöhnen. Geiger drehte den Kopf auf die eine Seite, und der Klient hörte das leise Knacken der Halswirbel. Dann drehte Geiger den Kopf in die andere Richtung, und wieder erklang das Geräusch. Der Klient versuchte in Geigers Gesicht zu lesen, doch er konnte ihm keine erkennbare Regung entnehmen.

»Matthew«, sagte Geiger, »du musst die Augen geschlossen halten, mit dem Stöhnen aufhören und aufmerksam sein. Nicke, wenn du kannst.«

Matthew blieb das Stöhnen in der Kehle stecken. In einer marionettenhaften Reaktion hob er den Kopf, ließ ihn zurücksinken und schloss die Augen.

»Also … Für die einzelnen Szenarien gibt es zahlreiche Anwendungen des Schmerzes – in erster Linie körperlichen, psychischen und emotionalen Schmerz. Diese Kategorien zerfallen in zahlreiche Unterklassen. Im Bereich des Körperlichen gibt es Schall …«

Er klopfte mit den Fingerknöcheln gegen das Mikrofon, und Matthew zuckte mit dem Kopf und riss die Augen auf.

»Augen zu!«

Matthew heulte auf, und Geiger legte sanft je eine Fingerspitze auf seine zitternden Lider und drückte sie hinunter. Dann setzte er den Daumen an eine Stelle fünf Zentimeter links von Matthews Brustbein an.

»Es gibt Druck …«

Er versteifte seinen Daumen, und fast ohne eine Spur von Anstrengung presste er ihn nach innen. Matthew bellte heiser auf und verzog das Gesicht zu einer zähnefletschenden Fratze. Der Klient beobachtete gebannt und betastete die eigenen Rippen.

»Dann gibt es rohe Gewalt …«

Geiger hob den Arm, den Ellbogen im rechten Winkel abgebogen. Der Unterarm zuckte wie ein Hebel mit Rückstellfeder hinunter und knallte auf Matthews Brust, trieb ihm die Luft aus der Lunge und ließ ihn gierig und verzweifelt um Atem ringen.

»Schließlich das Durchbohren und Zertrennen des Fleisches …«

Geiger unterbrach sich kurz.

»Aber das ist mir zu mittelalterlich. Allerdings …«

Er hob die Hand hinter das Ohr und zog etwas silbrig Glänzendes, sehr Dünnes von etwa zehn Zentimetern Länge hervor.

»Mach die Augen auf.«

Matthew hob die Lider. Seine braunen Augen waren blutunterlaufen und von roten Fäden durchzogen.

»Weißt du, was das ist?«

Blinzelnd blickte Matthew auf den Gegenstand, den Geiger zwischen Daumen und Zeigefinger hielt, und schüttelte den Kopf.

Der Klient ertappte sich dabei, wie er nickte. Er hatte einmal einen Bandscheibenvorfall erlitten und damals alles versucht, um die Schmerzen zu lindern. Er wusste, was er da sah.

»Das ist eine Akupunkturnadel. Ihre eigentliche Funktion besteht darin, Impulse, die das Gehirn als Schmerz identifiziert, daran zu hindern, die Nervenbahnen zu durchlaufen. Die Nadel kann aber auch Schmerz erzeugen.« Zwischen seinen Fingerspitzen glitzerte die Nadel wie das winzige Schwert eines Spielzeugsoldaten. »Du siehst, mein Beruf hat eine unübersehbare ironische Seite.«

Die Bemerkung kam ohne eine Spur von Humor oder Bedrohlichkeit, und gerade das ließ dem Klienten eine Gänsehaut über den Rücken laufen. Mit der freien Hand griff Geiger Matthew ins Haar. Ein unterdrückter Aufschrei entfuhr dem Verhörten. Es war keine Reaktion auf Schmerz, sondern ein Schreckenslaut angesichts der Erkenntnis, was ihm bevorstand. Geiger führte die Nadel geschickt zwischen Matthews Halswirbel ein. Matthew zuckte nicht einmal zusammen, und sein Blick blieb starr auf Geigers unversöhnliches Gesicht gerichtet.

»Tatsache bleibt: Der Mensch ist ein bemerkenswert verletzliches Wesen. Diese Nadel wiegt weniger als eine Sperlingsfeder, Matthew. Die Träne eines Kindes, die darauf fällt, könnte sie verbiegen.«

Geiger wackelte leicht an der Nadel und löste damit eine Abfolge schriller Schreie aus. Dann zog er die Nadel heraus, und das Kreischen verstummte. Tränen liefen Matthew über die Wangen, und sein Atem ging in kurzen, gepressten Stößen.

»Hinzu kommt die Anwendung von Kraft auf Knochen und Gelenke, die Benutzung intensiver Hitze und Kälte, das erzwungene Schlucken von Flüssigkeit … Tatsache ist, Matthew, dass ich tagelang an dir arbeiten könnte, ohne auch nur einen einzigen Vorgang wiederholen zu müssen.«

Geiger nahm Matthew den Kopfhörer ab und legte ihn und das Mikrofon auf den Boden. »Was körperlichen Schmerz angeht, so glaube ich, dass deine Empfindlichkeit gegenüber physischen Stimuli es überflüssig macht, sich mit diesem Gebiet zu befassen. Was emotionalen Schmerz betrifft – deiner Akte zufolge bist du alleinstehend und ohne Beziehung; ein Einzelkind, dessen Eltern nicht mehr leben. Deshalb wüsste ich nicht, wo ich dort ansetzen sollte. Du glaubst es vielleicht nicht, Matthew, aber du hast wirklich großes Glück mit deinem Leben.«

Der Klient beobachtete gebannt das Geschehen. Eigentlich wollte er nur, dass Geiger auf Matthew einprügelte, damit der Kerl ein Geständnis ablegte und die Sache ein Ende fand. Anschließend konnte der Klient seine Anrufe tätigen und nach Hause gehen. Doch schon als er Geiger kennenlernte, hatte er gespürt, dass es so nicht ablaufen würde.

»Ich werde dich vorerst nicht befragen, Matthew«, sagte Geiger, »denn ich merke, dass du noch nicht bereit bist, die Wahrheit zu sagen, und ich möchte dich nicht zu einer Lüge verleiten.«

»Fragen Sie, was Sie wollen. Ich … ich kann nicht sagen, was ich nicht weiß.«

»Das ist richtig«, entgegnete Geiger. »Irrelevant, aber richtig.«

Dem Klienten kam ein Gedanke, bei dem sich ihm der Magen zusammenschnürte. Sagte Matthew vielleicht die Wahrheit? Wusste er wirklich nichts? War es möglich, dass ein anderer die Pläne gestohlen hatte? Alles hatte auf Matthew hingedeutet, aber …

»Der Brunnen, Matthew«, sagte Geiger. »Du bist unten im Brunnen, also mach die Augen zu.«

Geiger ließ die Hände an den Seiten hinunterhängen. Die Finger zuckten fortwährend. Der Klient fragte sich, ob ein Muster dahintersteckte; beinahe schien es, als spiele Geiger Luftklavier.

»Also gut. Du bist schon eine Weile dort unten, und wenn der Körper sich lange Zeit nicht bewegen kann, beeinträchtigt es den Geist. Dunkelheit, Klaustrophobie … sie verändern die Wahrnehmung, das Zeitgefühl, das Ichbewusstsein. Sie erschaffen eine Umgebung, in der emotionale Grenzen verschwimmen. Auf dem Rücksitz der Angst fährt der Schmerz mit. Hoffnung schwindet, Verzweiflung wird zum ständigen Begleiter. Sobald das geschieht, siehst du immer deutlicher, wer du wirklich bist. Du erkennst die Tiefen und Grenzen deiner Kräfte.«

Geiger kniete sich vor Matthew. »Und dann wirst du verändert, Matthew – geradezu auf molekularer Ebene umgeformt. Einen stärkeren Weckruf gibt es nicht.«

Geiger schloss die Augen und massierte sie in gemessenen, präzisen Bewegungen mit Daumen und Mittelfinger.

»Wir machen jetzt eine kurze Pause. Du bleibst im Brunnen.« Aus einer Tasche zog er eine schwarze Seidenbinde und legte sie Matthew über die Augen. »Noch eins: Ich habe gelernt, dass von dem Punkt an, an dem man bestimmte Arten von Schmerz erlebt hat, die Erwartung weiterer Schmerzen fast so stark wirkt wie ihr tatsächliches Empfinden. Ich glaube, mit der Zeit wirst du mir zustimmen.«

Geiger verschwand außer Sicht, und das Licht erlosch wieder. Ein paar Sekunden verstrichen; dann öffnete sich die Tür des Beobachtungsraumes, und Geiger kam herein. Ohne dem Klienten einen Blick zu gönnen, ging er zur Bar, schenkte sich ein Glas Wasser ein und trank.

»Ich mache mir Gedanken«, sagte der Klient. »Habe ich den Richtigen?«

Geiger nickte.

»Sind Sie sicher?«

Geiger nickte wieder.

»Woher wissen Sie das?«

»Ich habe es Matthew gerade erklärt.« Er setzte das leere Glas ab. »Sie haben doch zugehört, oder?«

»Sicher. Toscanini. Nur … warum hat er noch nicht gestanden?«

»Er ist noch nicht am Auslösepunkt. Aber es dauert nicht mehr lange.«

»Auslösepunkt?«

Geiger nickte erneut. »Noch immer hat Matthew mehr Angst vor dem, was geschehen kann, falls er gesteht, als vor dem, was geschehen wird, wenn er es nicht tut. Im Augenblick zieht er die Realität der Folter der Möglichkeit seines Todes vor. Aber das wird sich ändern.«

Der Klient fragte sich, wie Geiger wohl aussah, wenn er lächelte, falls er es überhaupt je tat.

»Wir müssen nur wissen, wem er die Daten verkauft hat«, sagte der Klient. »Wir möchten nicht, dass er getötet wird.«

Geiger blickte ihn mit seinen starren Augen an, die niemals blinzelten. »Aber Matthew weiß das nicht.«

Er ging hinaus. Der Klient seufzte und blickte wieder durch den Spiegel in den schwarzen Abgrund. Auf den zitternden Schwingen von Engeln übertrugen die Lautsprecher ihm Geigers sanfte Stimme.

»Matthew, bist du im Brunnen? Du darfst mir antworten.«

Matthews Stimme klang wie Sandpapier auf rauem Holz.

»Ja, bin ich.«

»Gut.«

In diesem Augenblick begann Matthew zu schreien, so laut, dass es verzerrt aus den Lautsprechern drang. Die Engel stoben in sämtliche Richtungen davon. Der Klient wandte sich ab und griff nach den Ohrenstöpseln.

ERSTER TEIL

1

Um vier Uhr morgens stand Geiger auf der kleinen Veranda hinter seinem Haus und beobachtete eine Spinne beim Weben ihres Netzes.

Es regnete. Der Himmel, aschgrau und bewölkt, ballte sich über der Skyline zusammen wie eine alte Flickendecke. Ein Regentropfen klammerte sich an einen Faden des neuen Netzes, das sich über einen Meter zwischen Verandadach und Geländer erstreckte. Der Wind zupfte daran wie an einer Gitarrensaite, und der Regentropfen zitterte, hielt sich aber. Dann kam die Spinne herunter und spannte mit schaukelndem Unterleib einen neuen Faden.

Geiger hatte seine Notizen zum heutigen Auftrag getippt, der »Sitzung« – wie eine Folterung nüchtern-geschäftsmäßig genannt wurde – mit Matthew Gant. Sergeant Pepper’s dröhnte aus den mannshohen Hyperion-Boxen mit ihrer unglaublichen Basswiedergabe, die selbst das Klicken von McCartneys Plektrum an den Gitarrensaiten hörbar machte. Der Kater lag wie üblich auf dem Schreibtisch, rechts von der Tastatur. Er hob eine Vorderpfote und tupfte Geiger damit auf die Hand, sobald mehr als eine Minute verging, ohne dass er gekrault wurde. Sein fast dröhnendes Schnurren war am lautesten, wenn Geiger an der Narbe über der leeren linken Augenhöhle des Tieres entlangstrich. Geiger wusste nicht, wie der Kater sein Auge verloren hatte; vor drei Jahren war er in diesem Zustand auf der Veranda aufgetaucht. Geiger kannte weder den Namen des Tieres, noch wusste er, woher es kam. In dieser Hinsicht glichen sie einander sehr.

Geiger verfasste stets in der ersten Nacht nach einer Sitzung seine Niederschrift; dann waren ihm Aktionen und Reaktionen noch frisch im Gedächtnis. Er hatte feststellen müssen, dass schon wenige Stunden Schlaf die Erinnerung unscharf werden ließen. Am nächsten Tag schickte ihm Harry, sein Partner, eine E-Mail mit einem Protokoll, das er anhand der DVD-Aufnahme der Sitzung angefertigt hatte, und Geiger ging es durch und fügte an relevanten Stellen Bemerkungen ein.

Er arbeitete in einem ergonomischen, eigens für ihn angefertigten Schreibtischsessel; trotzdem musste er alle fünfzehn Minuten aufstehen und umhergehen, oder sein linkes Bein schlief ihm bis hinunter zu den Zehen ein. Im Laufe der Jahre war er deswegen bei drei Spezialisten gewesen. Einer der Ärzte hatte es »Lahmfuß« genannt; es handelte sich um eine Ischiaserscheinung, und der einzige Ausweg sei rekonstruktive Chirurgie. Geiger hatte erwidert, dass bei ihm niemand eine Klinge ansetzen werde, egal aus welchem Grund.

Geiger ging auf die Veranda, um die Taubheit loszuwerden und eine Zigarette zu rauchen. Im Haus rauchte er nicht. Der Geruch nach abgestandenem Rauch störte ihn in seiner Konzentration.

Vor Monaten, als Geiger noch ein Neuling auf der Couch des Therapeuten gewesen war, hatten Dr. Corley und er diese Abneigung auf Geigers Vater und dessen Kettenraucherei zurückgeführt. Bis heute war es das einzige Bild des Vaters, das Corley aus Geiger hatte herausholen können: In einem Traum hatte Geiger in das steinerne Gesicht geblickt, das auf ihn herunterstarrte, die Camel zwischen den vollen Lippen; Rauchkringel quollen aus den Nasenlöchern. Geiger hatte sich erinnert, was er damals gedacht hatte: So sieht Gott aus. Nur größer.

Der Kater kam zur offenen Tür und rieb sich an Geigers Fußknöcheln. Geiger hob ihn hoch und legte ihn sich über die Schulter. Nächst dem Schreibtisch hatte er dort seinen zweiten Lieblingsplatz.

Geiger zündete sich eine Lucky Strike an und richtete den Blick wieder auf die Spinne. Besessen von der eigenen Zielstrebigkeit, übte sie ihre einzigartige Fertigkeit mit unzähligen, perfekten Beinstößen aus. Man stelle sich einen Zimmermann vor, der Nägel spuckt, die er in seinem Bauch erzeugt hat, und sie mit bloßen Händen einschlägt. Man stelle sich einen Musiker vor, dessen Instrument der eigene Körper ist.

Gibt es außer dem Menschen noch andere Wesen, die so emsig und erfindungsreich beim Ersinnen von Tötungsapparaten sind?, fragte sich Geiger.

***

Geiger war ein Vorkämpfer, ein Sklave der Präzision. Ständig zerlegte, destillierte und definierte er die Teile des Ganzen, denn auf die Einzelheiten kam es beim Information Retrieval an, dem Informationsabruf oder kurz IR. Geigers Ziel bestand darin, diesen Vorgang zu einer Kunstform zu entwickeln; darum besaß von dem Augenblick an, in dem er einen Raum betrat, jede Einzelheit ihre ganz eigene Bedeutung und durfte nicht unbeachtet bleiben: Das galt für jede Miene, jedes gesprochene Wort, jedes Schweigen, jedes Zucken, jeden Blick und jede Bewegung. In neun von zehn Fällen brauchte er nur eine Viertelstunde lang mit dem »Jones« – der Person, mit der er sich befassen musste – in einem Raum zu sein, um eher als der Jones selbst zu wissen, wie dessen Reaktion auf eine bestimmte Aktion ausfallen würde: Angst, Auflehnung, Verzweiflung, Herausforderung, Leugnen. Die Reaktionen des Jones folgten Mustern, Zyklen – Refrains des Verhaltens. Um sie alle zu sehen, musste man sehr aufmerksam sein. Wie man das anstellte, hatte Geiger erlernt, indem er Musik hörte – in der Erkenntnis, dass jede einzelne Note eine Rolle im Ganzen spielt und dass jeder Ton alle anderen beeinflusst und ergänzt. Von tausend Musikstücken konnte Geiger jede einzelne Note summen. Er hatte sie alle im Kopf. Wie bei IR war auch bei der Musik das kleinste Detail von Bedeutung.

Trotz der Vielzahl der Elemente, die ins Spiel kamen, war Geigers Sicht auf seine Arbeit ziemlich simpel. Was das Spannungsfeld zwischen dem Klienten und dem Jones betraf, ging es fast immer um eines von drei grundsätzlichen Szenarien:

1. Diebstahl

Der Jones hatte dem Klienten etwas gestohlen, und der Klient wollte es zurück.

2. Betrug

Der Jones hatte eine Untreue oder einen Verrat begangen, und der Klient wollte erfahren, wer die Komplizen waren und welches Ausmaß mögliche Folgen annehmen konnten.

3. Bedarf

Der Jones besaß Informationen oder Wissen, die der Klient erlangen wollte.

Alle Menschen unterscheiden sich, allerdings nur in bestimmtem Umfang. Geigers Protokolle bewiesen das immer wieder. Seit er mit seiner Arbeit begonnen hatte, waren sechsundzwanzig zehn Zentimeter dicke Ordner aus schwarzem PVC voller Aufzeichnungen zusammengekommen und standen nun aufgereiht auf seinem Schreibtisch. In diesen Notizen konnte er Querbezüge nach Beruf, Alter, Religion, Vermögen und – am wichtigsten – Bindung herstellen. Die Ordner bildeten eine Informationssammlung zur Reaktion auf Einschüchterung, Bedrohung, Angst und Schmerz. Niemals aber Tod. In elf Jahren war es kein einziges Mal zu einem Todesfall gekommen. Was das anging, war Geiger »der absolute Hammer«, wie Carmine Delanotte es ausgedrückt hatte.

Geigers Klienten waren Privatpersonen oder kamen aus der Wirtschaft, dem organisierten Verbrechen oder Regierungsbehörden. Vor vier Jahren hatte er sogar einmal für einen Geheimdienst in einer Black Site gearbeitet, einem Gefängnis außerhalb der USA, das offiziell gar nicht existierte. Die Leute dort hielten ihre Vernehmungstechniken für die besten, die es gab, doch Geiger hatte rasch erkannt, wie weit sie mit ihren Methoden dem neuesten Stand der Dinge hinterherhinkten: Sie zupften den Fliegen die Flügel aus und schwadronierten dabei über die Rettung der Welt.

Beim IR gab es für Erfahrung keinen Ersatz. Patriotismus, Religiosität, ein stählerner Glaube an Richtig und Falsch – dies alles musste man zur Seite schieben. Am Ende standen nur Lüge oder Wahrheit, und der Grat, der beides trennte, konnte so schmal sein, dass Rechtschaffenheit und Überzeugungen ein gefähr­licher Ballast sein konnten, der zum Absturz führte, wenn man über diesen Grat wandelte. An der Black Site hatten die Agenten in den dunklen Ecken gestanden und seine Arbeit beobachtet; auf Geiger hatten sie wie primitive Höhlenmenschen gewirkt, die ihm dabei zuschauten, wie er mit einem Sturmfeuerzeug eine Flamme entfachte.

Er war ein Student der Kunst des Folterns und ein Erforscher ihrer Geschichte. Wie die schwarzen Ordner die Summe seiner Arbeit enthielten, so war er selbst ein lebendiges Lehrbuch des Faches – seiner Ursprünge, seiner Prinzipien, seiner Methodologie und seiner Entwicklung. Der Mensch hatte die Folter immer schon angewendet, aus den verschiedensten Gründen. Im christlichen Abendland wurde die Folter ohne Reue seit 1252 eingesetzt, dem Jahr, in dem Papst Innozenz IV. ihre Anwendung gegen Ketzer erlaubte. Seit dieser offiziellen Sanktionierung hatte man unermesslich viel Zeit und Mühe darauf verwendet, immer neue Methoden zu ersinnen und zu perfektionieren, mit denen man Schmerz zu dem Zweck verursachte, Informationen oder Wahrheiten zu erlangen, die eine Person oder eine Gruppe von Personen als unverzichtbar betrachtete. Die Praxis zeigte keine kulturellen, geografischen oder ethnischen Tendenzen. Die Geschichte beweist, dass man schon früh wenig mehr benötigt hatte als einfache Werkzeuge – Hammer, Säge, Feile – und einfache Materialien – Holz, Eisen, Seile, Feuer. Sobald Grundkenntnisse der Physik und der Baukunst hinzukamen, war man im Geschäft.

Geiger hatte seine Ausbildung damit begonnen, die Instinkte und grundsätzlichen Entscheidungen der Pioniere in der Kunst des Folterns zu studieren. Einige Methoden und Techniken waren besonders effizient, darunter:

Spitze Gegenstände. Die Judaswiege erwies sich während der Inquisition als so erfolgreich, dass in ganz Europa eigene Versionen entstanden, ob man sie nun »Culla di Guida« oder »La Veille« nannte. Sie bestand aus einem pyramidenförmigen Sitz, auf den der Jones, von Seilen gehalten, abgesenkt wurde.

Einschließung und Druck. Die Eiserne Jungfrau war ein aufrecht stehender Stahlsarkophag, ausgestattet mit Stacheln und Öffnungen, die nach innen wiesen und durch die während der Vernehmung diverse spitze oder gezackte Gegenstände eingeführt werden konnten. Der Spanische Stiefel und die Malaiische Fußpresse wiederum bewirkten durch Verengung das Zerbrechen der Fußknochen; die Daumenschraube beschränkte sich auf einzelne Finger. Aber ein Vernehmungsbeamter, der sie in der Tasche mit sich trug, konnte jeden Ort zur Folterkammer machen.

Fesseln und Strecken. Die Streckbank bedeutete einen technischen Fortschritt; mithilfe von Rollen, Zahnrädern und Griffen gestattete sie, körperlichen Schmerz sehr rasch und sehr genau abgestuft zu erhöhen oder zu verringern.

Das Waterboarding gilt ebenfalls als Kind der Spanischen Inquisition, der das Wissen um die Technik des simulierten Ertränkens zu verdanken ist, wobei man dem Jones ein Tuch über Mund und Nase legt, das ständig mit Wasser begossen wird; indem der Kopf tiefer fixiert wird als der Rest des Körpers, wird zwar das Eindringen von Wasser in die Lunge verhindert, aber es wird ein Erstickungsreflex ausgelöst und die Todesangst drastisch erhöht.

Intensive Wärme war schon immer ein gängiges Mittel des Folterers gewesen – man denke nur an Redewendungen wie »jemanden zum Schwitzen bringen«. Gleiches galt für das Aufreißen und Abziehen der Haut. Nützlich war auch ein umfangreicher Satz an Werkzeugen, angefangen bei simplen Zangen zum Entfernen von Finger- und Fußnägeln bis hin zu komplizierten Konstruktionen wie der Birne, ein mit Scharnieren versehenes und oft kunstvoll graviertes Werkzeug aus Stahl, das in die Vagina oder den Anus eingeführt und dann langsam durch Drehung eines Schraubgriffs gedehnt wurde. Der Katalog war ausufernd: das Rad, der Gespickte Hase, der Spanische Bock, die Papageienschaukel, das Strappado. Sie alle, aber nicht nur sie, stammten noch aus vorindustrieller Zeit.

Geiger war zu dem Schluss gelangt, dass Folter keine Verirrung Einzelner darstellte. Wenn es erforderlich oder zweckdienlich erschien, hatte der Mensch stets seine eigenen Gesetze übertreten oder seine Überzeugungen verraten, um sein Vorgehen gegen diejenigen zu legitimieren, die diesen nicht anhingen.

Nach langer Recherche und Überlegung hatte Geiger eine Standardvorgehensweise entwickelt. Er arbeitete grundsätzlich nur auf Empfehlung. Wenn Firmen oder Einzelpersonen seine Dienste in Anspruch nehmen wollten, erhielten sie das Passwort und wurden auf die Website verwiesen. Harry, sein Partner, bearbeitete die Anfrage sofort; wenn er keine Ablehnungsgründe sah, bat er den potenziellen Klienten, erste Informationen über den Jones einzureichen. Dann begann Harry mit seinen Recherchen und erstellte innerhalb von zwei Tagen ein detailliertes Profil.

Mit Harry war nicht leicht umzugehen, aber niemand verstand sich besser auf diese Arbeit. Er fand Dinge über einen Jones heraus, die dessen Ehepartner oder der beste Freund nicht einmal ahnten, ja, die der Jones nicht einmal selbst wusste. Sobald Geiger die Akte gelesen hatte, ließ er Harry wissen, ob sie den Auftrag annahmen.

Geiger hatte drei Regeln: Er arbeitete nicht mit Kindern – allerdings hatte Harry diesbezüglich noch nie eine Anfrage erhalten. Ebenso wenig arbeitete er mit Menschen, die in der Vergangenheit Herzprobleme gehabt hatten. Und er arbeitete nicht mit Personen über zweiundsiebzig, weil Studien zeigten, dass die Wahrscheinlichkeit eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls ab diesem Alter in unverantwortbarem Ausmaß ansteigt.

Allerdings gab es eine Grauzone, den »Asap«, kurz für as soon as possible – einen Eilauftrag also. Geigers logische Schlussfolgerung aus dem Leitsatz »Alles ist wichtig« lautete: Ein Jones ist nicht die perfekte Summe seiner (oder ihrer) Teile. Deshalb lehnte Geiger oft ab, wenn ein Klient einen »Asap« wollte, denn bei der Durchführung eines Auftrags gab es sehr viel zu berücksichtigen – Körpersprache, stimmliche Reaktionen, Tonfall, Gesichtsausdruck. Es war ein nie abreißender Strom an Informationen, der Geigers Entscheidungen über das weitere Vorgehen beeinflusste, und ein falsches Kalkül, eine falsche Schlussfolgerung, ganz gleich, wie winzig oder zweitrangig, konnte eine Sitzung zum Scheitern bringen oder sogar ein Loch in sein privates Universum reißen. Deshalb bevorzugte es Geiger, von innen nach außen zu arbeiten und einem Plan zu folgen, der auf Harrys Recherchen beruhte.

Einige Profis, wie Dalton zum Beispiel, arbeiteten von außen nach innen und wendeten Brutalität entschlossener und direkter an. Bei diesem Vorgehen konnte sich der Klient nicht sicher sein, in welchem Zustand sich der Jones am Ende der Sitzung befand, auch wenn es manchmal als bedeutungslos angesehen wurde.

Wie jeder, der im IR-Geschäft tätig war, hatte auch Geiger eine Reihe von Geschichten über Dalton gehört. Die berühmteste stammte aus der Zeit der Operation Desert Storm. Kuwaitische Polizisten hatten einen Handlanger Saddam Husseins aufgegriffen, der sich über die Grenze absetzen wollte. Nachdem sie den Iraker eine Woche lang bearbeitet hatten, ohne etwas aus ihm herauszubekommen, zogen sie Dalton hinzu und gaben ihm freie Hand. Solche Sitzungen nannte man ein »Norell«, von no release likely, »vermutlich keine Freilassung«; es bedeutete, dass es aller Wahrscheinlichkeit nach unklug wäre, der Welt zu gestatten, den Jones noch einmal wiederzusehen, nachdem die Befragung beendet war.

Als Dalton dem Iraker die erste Frage stellte, grinste der nur, und Dalton schnitt ihm mit einem Rotationsmesser eine Lippe ab. Dann bearbeitete er den Jones mit einem Druckluftnagler – und der Jones erzählte Dalton alles, was er wissen wollte. Die Geschichte mochte unwahr sein, aber sie war die Grundlage für Daltons Karriere. Beim IR schadete es nicht, in dem Ruf zu stehen, man sei zu allem fähig, denn die meisten Klienten betrachteten den Jones als ihren Feind und wünschten sich in Wahrheit mehr als nur Schadensersatz oder Einsichten: Sie wollten ihr Pfund Fleisch.

In Geigers Augen waren Politik, Wirtschaft und Religion die drei verbliebenen Finger an einer vom Kampf verstümmelten Faust. Wahrheit hingegen war eine Waffe, die man selbst mit verkrüppelter Hand noch fassen und führen konnte. Wahrheit war ein bemerkenswert vielseitiges Handelsgut – mit ihr konnte gefeilscht werden; sie konnte ein Ziel näher bringen oder einen Profit erwirtschaften. Sie war aber auch ein instabiles Element mit kurzer Halbwertszeit und musste rasch eingesetzt werden, ehe sie dem Klienten vor der Nase in die Luft flog. Schon früh hatte Geiger begriffen, dass die Wahrheit nicht heilig war, sondern nur die heißeste Ware auf dem Markt, und jeder, der sich mit IR befasste und behauptete, sich dabei innerhalb mora­lischer Grenzen zu bewegen, saß im besten Fall einer Selbsttäuschung auf.

Der Kater sprang von Geigers Schulter auf das Verandageländer und begab sich auf seinen nächtlichen Streifzug. Gegen fünf Uhr morgens würde er zurück sein. Seine innere Uhr lief nahezu perfekt.

Die Spinne hatte ihr Werk vollendet. Mitten im Netz zappelte bereits ein großer gestreifter Nachtfalter, ohne zu ahnen, dass seine Fesseln sich umso enger zogen, je verzweifelter er freizukommen versuchte. Ohne Hast näherte sich die Spinne aus der rechten oberen Ecke ihres Netzes. Sie zeigte keine Eile, als wäre der Zweck zweitrangig gegenüber dem Mittel und die Mahlzeit nur ein Nebenaspekt der Kunstfertigkeit, mit der sie gefangen worden war.

Geiger zündete sich noch eine Lucky an, und als die Spinne ihre Beute erreichte, hielt er die Feuerzeugflamme an einen Tragfaden. Netz, Spinne und Nachtfalter vergingen in einem kleinen Feuerball.

Geiger entschied sich, im Augenblick nicht über sein Tun nachzudenken, und ging ins Haus. Morgen wollte er mit Dr. Corley darüber sprechen.

2

Dr. Martin Corley stand am Geländer seines Balkons im achtzehnten Stock und zog stirnrunzelnd an der Marlboro Light, die er sich zwischen zwei Sitzungen gönnte. Von den normalen Zigaretten auf die leichte Variante umzuschwenken, war die letzte in einer Serie unbefriedigender Selbstverleugnungen gewesen, mit denen Corley die Sterblichkeit auf Abstand halten wollte. Nicht der Meilenstein, sechzig Jahre alt zu werden, hatte seine Zielstrebigkeit untergraben und ihn von alten Gewohnheiten abgebracht, sondern die Nachwehen der Scheidung. Seine lange Ehe hatte ihm mit ihren zahllosen Traditionen, so fadenscheinig und statisch sie auch gewesen sein mochten, Kontinuität geboten, eine betäubende Gleichförmigkeit, die das Verstreichen der Zeit kaschierte. Seit Sara ihn verlassen hatte, informierte ihn seine Einsamkeit täglich über sein Alter und den bevorstehenden weiteren Verfall. Begonnen hatte es damit, dass er statt Sahne nur noch einprozentige Milch in seinen Kaffee gab. Als Nächstes wechselte er von normaler auf Cola Light und tauschte Aroma gegen chemischen Nachgeschmack. Dann kam Amstel Light, bei dem man schon ein gerüttelt Maß an Selbsttäuschung mobilisieren musste, um noch zu glauben, man trinke Bier. Und nun auch noch die Zigaretten. Das Rauchen war zu einem freudlosen Einziehen von dünnem Rauch und dem vergeblichen Warten auf die Beschleunigung des Pulses geworden, die stets ausblieb. Ohne den zugehörigen Genuss enttarnte sich das Rauchen als das, was es war – eine Sucht, von einem Geist aufrechterhalten, der zu träge geworden war, um sich selbst mit der gleichen Sorgfalt zu erforschen, die er für das seelische Terrain fremder Menschen aufbrachte.

Als Corley auf die West 88th Street hinunterblickte, sah er, wie Geiger um die Ecke bog und sich dem Seiteneingang des Gebäudes näherte. Vor acht Monaten hatte Geiger wegen eines Termins angerufen; er war auf einer psychiatrischen Website auf Corleys Namen gestoßen. Schon bei ihrer ersten Sitzung am darauffolgenden Nachmittag hatte Geiger den Grund für sein Kommen offengelegt: Zwei Monate zuvor habe er einen Traum von epischer Komplexität und Dramatik erlebt, dem eine schwere Migräne gefolgt sei. Seitdem, erfuhr Corley, hatte sich der gleiche Traum alle zwei bis drei Wochen in leicht unterschiedlichen Inszenierungen auf der Bühne seines Geistes wiederholt, jedes Mal gefolgt von der überwältigenden Migräne als zweitem Akt.

In den Sitzungen war Geiger stets präzise und frei von Arglist, ein Lieferant emotionsfreier Berichte. Corley empfand seinen neuen Patienten als bemerkenswert widersprüchlich – quasi als intelligenten Felsbrocken.

Als Geiger am Ende der ersten Sitzung beschloss, weiterzumachen, stellte er zwei Bedingungen: Erstens wollte er nur über den Traum sprechen, aber nicht über seine Vergangenheit oder das Leben, das er außerhalb von Corleys vier Wänden führte. Zweitens verlangte er einen Schlüssel zum Lieferanteneingang, damit er nicht durch die Lobby musste. Corley hatte sich zurückgelehnt, den grau melierten Bart gekratzt und nach dem Grund gefragt.

»Weil ich weiß, was für mich am besten ist«, hatte Geiger geantwortet.

Es sollte die erste von unzähligen Gelegenheiten sein, bei denen Geigers Tonfall Corley in Bann schlug. So gleichförmig er auch sprach – seine Stimme war tief in einer inneren Festigkeit verankert, die jede weitere Minidiskussion unnötig, ja sinnlos erscheinen ließ. Geigers erste Bedingung, das Gespräch auf die Ereignisse in einer Traumwelt zu beschränken, hatte eine spürbare Einengung der therapeutischen Möglichkeiten zur Folge, und seine Forderung nach einem Hausschlüssel ging weit über das akzeptable Maß hinaus. Kein Patient hatte je um einen Schlüssel gebeten.

Dennoch hatte Corley beidem zugestimmt. Geigers Traum, der Beweis für einen radikalen seelischen Aufruhr, über den der Mann eindeutig keinerlei Kenntnis besaß, hatte wie Benzin gewirkt, das auf die nahezu erloschene Glut von Corleys Leidenschaft gegossen wurde: Corley wollte unbedingt, dass Geiger wiederkam.

Von seinem Balkon aus beobachtete er, wie Geiger den Lieferanteneingang aufschloss und das Gebäude betrat. Corley ließ seine Zigarette in einen Tontopf ohne Blumen fallen und kehrte in sein Sprechzimmer zurück.

***

Corley starrte auf den Notizblock, der auf seinem Schoß lag. Erst in letzter Zeit machte er während der Sitzungen Notizen. Früher hatte er sich zwischen den einzelnen Patienten ein paar Stichpunkte aufgeschrieben und sie am Abend ausgearbeitet. Dann bemerkte er ein leichtes Stottern seines Gedächtnisses – eine leise Verzögerung beim Abruf von Einzelheiten – und versuchte es mit Ginkgoextrakt, hörte aber wieder damit auf, weil er ständig vergaß, ihn einzunehmen.

»Also …«, sagte er nun, »das Netz war fertig, ein Nachtfalter war darin gefangen, und Sie haben alles in Brand gesetzt. Was meinen Sie, worum ging es da?«

Geiger lag auf der Couch und starrte auf die Bücherregale an der Wand. Die literarische Skyline kannte er auswendig – jeden Titel, jeden Autor, jede Umschlagfarbe, jeden Zeichensatz. Mitten auf dem unteren Brett stand das gerahmte Foto eines großen, ausladenden Hauses auf einem Rasengrundstück unter majestätischen Bäumen. Die unkonventionelle Linienführung und das schräge Dach gefielen Geiger. Er hatte Corley in der Vergangenheit danach gefragt und nur knappe Antworten erhalten. Geiger wusste lediglich, dass das Haus hundert Jahre alt war und in Cold Spring stand, eine Autostunde entfernt.

»Was ich meine, worum es da ging?«, sagte Geiger. »Ich bin mir nicht sicher. Was meinen Sie?«

»Es könnte um Kontrolle gegangen sein«, antwortete Corley. »Um Macht.«

Geigers Fingerspitzen trommelten in wechselnden Kombinationen von Tonfolge, Tempo und Rhythmus auf die Couch. Für Corley waren diese Geräusche zu einem Teil der Sitzungen geworden, eine leise Begleitung zu den gesprochenen Wörtern. Während der ersten vier Monate der Therapie hatte Geiger immer nur nach einem Traum-Migräne-Ereignis wegen eines Termins angerufen, und es war das einzige Thema, über das er reden wollte. Allmählich aber hatte sich eine Regelmäßigkeit eingestellt, und er besuchte Corley wöchentlich, manchmal öfter. In letzter Zeit schien Geiger auch nicht mehr ganz so streng zu sein, was seine erste Bedingung betraf. Manchmal schilderte er auch Vorfälle aus dem wirklichen Leben, so wie heute.

»Vielleicht ging es um … Vollendung«, sagte Geiger.

»Interessant.«

»Finden Sie?«

»Durchaus. Sie hätten ›Vernichtung‹ sagen können, was man als das Gegenteil von Vollendung betrachten kann.«

»Ein guter Punkt, Martin.«

Geiger war der erste und einzige Patient, der Corley während seiner dreißigjährigen Berufspraxis je mit Vornamen angesprochen hatte. Als es zum ersten Mal geschah, hatte es elektrische Wellen zwischen ihnen hin und her gesandt, und Corley hatte unruhig seine Sitzposition im Sessel verlagert. Die Anrede mit dem Vornamen, diese ungezwungene Vertrautheit, die in so krassem Gegensatz zu Geigers Unnahbarkeit stand, hatte etwas in ihm aufgerührt. Doch Corley hatte den Widerspruch nie zum Thema gemacht und ihn letzten Endes als Teil der besonderen Dynamik zwischen ihnen akzeptiert.

»Alles ist ein Prozess«, sagte Geiger. »Anfang, Mitte, Ende. Ich komme am besten damit zurecht, die Dinge so zu sehen. Das wissen Sie. Vollendung.«

Geigers Blick schweifte zur Decke. Vor Jahren hatte es dort einen Wasserschaden gegeben. Immer wieder blieben seine Augen an dem kaum merklich veränderten Muster der ausgebesserten Stelle hängen. Er kannte jeden Schritt der erforderlichen Vorgehensweise, denn er hatte die gleiche Arbeit x-mal selbst ausgeführt.

»Was glauben Sie, weshalb wir uns über die Spinne unterhalten?«, fragte Corley.

Geiger beugte das rechte Knie und zog langsam das Bein an. Corley wartete auf das vertraute leise Knacken im Iliosakral­gelenk.

»Die Spinne hatte ihr Netz vollendet«, sagte Geiger. »Weshalb ich es in Brand gesteckt habe? Ich bin mir nicht sicher. Weil es sich auf meinem Territorium befand, vielleicht.«

»Und auf Ihrem Territorium entscheiden nur Sie, wann etwas abgeschlossen ist?«

»König von allem, was ich sehe?« Geiger gab einen leisen Laut von sich, der beinahe ein Seufzer hätte sein können. »Das ist ein Zitat, nicht wahr?«

»Richard der Dritte«, erwiderte Corley. »Oder Yertle, die Schildkröte.«

»Was?«

»Das Kinderbuch.«

Corley wartete. Er fuhr sich mit den Fingerspitzen über die eine, dann über die andere bärtige Wange, doch Geigers Schweigen war wie der Knall einer zugeschlagenen Tür.

»Erinnern Sie sich an irgendwelche Kinderbücher?«, fragte Corley. »Oder Kinderlieder? Fällt Ihnen da etwas ein? Spielzeuge vielleicht, oder …«

»Nein. Dazu fällt mir gar nichts ein.«

Im Laufe der Zeit hatte Corley Geiger immer mehr als einen verlorenen, unglücklichen Jungen betrachtet, dem sein Schicksal trotzdem nicht den Mut hatte nehmen können. Da Geigers Traum fast alles war, womit Corley arbeiten konnte, wusste er so gut wie gar nichts über seinen Patienten und konnte nur vermuten, was hinter den Grenzen ihrer Therapiesitzungen lag. Dennoch lieferten Geigers Geschichte von der Spinne und andere, ähnliche Gespräche wie das, welches sie gerade führten, deutliche Hinweise, dass das Kind in Geiger unter Tonnen von traumatischem Geröll begraben lag und mehr Gespenst als Wirklichkeit war. Manchmal kam Corley sich vor wie ein Medium, das bei einer Séance versucht, mit den Toten in Verbindung zu treten.

Corley blickte auf seine Armbanduhr. Die Uhr war das letzte Geschenk seiner Frau. Auf dem Deckel war eingraviert: Wohin geht die Zeit? In Liebe, Sara.

»Wir haben so gut wie keine Zeit mehr«, sagte er, »darum lassen Sie mich etwas ansprechen, über das Sie nachdenken können … was die Spinne betrifft.« Er strich den Notizblock auf seinem Knie glatt und schrieb: Empathisch? »Vielleicht ging es gar nicht um Vollendung oder Herrschaft, als Sie das Netz angezündet haben.« Ihm fiel auf, dass Geigers Finger sich intensiver bewegten. »Vielleicht wollten Sie nicht, dass die Spinne den Nachtfalter tötet.«

Geigers Finger kamen zur Ruhe, und er setzte sich auf. ­Corley beobachtete, wie die überentwickelten Trapezmuskeln sich unter dem Hemd bewegten. Geiger trug stets langärmlige Tennis­hemden aus gerauter schwarzer Baumwolle, die bis zum Hals geschlossen waren.

Geiger stand auf und schwenkte den Kopf erst nach links, dann nach rechts. Es knackte zweimal.

»Stoff zum Nachdenken«, sagte Geiger. »Erklären Sie mir etwas, Martin.«

Corley hatte diese Bemerkung erwartet. Sie war Teil des Prozesses geworden, Teil von Geigers Abschiedsritual. Gewöhnlich lautete die Floskel: »Erklären Sie mir etwas.« Dann folgte eine Frage, oder ein »Übrigens«, worauf eine scheinbar unwichtige Neuigkeit folgte. Corley wusste, dass dieser letzte Austausch Geiger half, einen Schlusspunkt für einen Schritt in einem Prozess zu finden, der von Natur aus ein offenes Ende hatte. Dadurch erlangte er das Gefühl von Kontrolle zurück, wenn er ging.

»Fahren Sie oft hinaus zu Ihrem Haus?«, fragte Geiger.

»Nein.«

»Wieso nicht?«

Corley legte den Block auf den Schreibtisch. »Wir müssen jetzt aufhören.«

***

Für Geiger war der morgendliche Gang zu Dr. Corley jedes Mal ein Fest für die Sinne. Central Park West war ein kaleidoskop­artiger Anblick für ihn – Taxis fintierten im Verkehrsstrom wie gelbhäutige Mittelgewichtler; übergewichtige Busse schnauften und pfiffen; Hunde und ihre Besitzer beschnüffelten und beäugten einander; Jogger dehnten beim Warten an der Ampel zum Park sinnlich die Achillessehnen, und Männer mit olivfarbener Haut schlurften durch die Rinnsteine und zogen wie reuige Büßer ihre Hotdog- und Souvlaki-Wägelchen hinter sich her.

Für Geiger bedeutete dies alles pure Stimulanz. Eine Explosion aus Farben und Formen, Geräuschen und Bewegungen. Nicht die subtilsten Nuancen an Farbe, Klang oder Gestik blieben unbemerkt, aber sie lösten nichts in ihm aus. Er nahm alles in sich auf und behielt trotzdem nichts zurück. Er war zugleich Vakuum und bodenloser Abgrund.

In New York lebte er seit fünfzehn Jahren, und seine Ankunft in dieser Stadt stellte den Beginn des Lebens dar, an das er sich erinnern konnte. Am 6. September 1995 war Geiger als ausgewachsener Mann unbestimmten Alters geboren worden, als der Fahrer des Greyhound-Busses ihn an der Endstation, dem New Yorker Hafenamt an der 42nd Street und 8th Avenue, an der Schulter wach rüttelte, nachdem er auf dem letzten Wegstück eingeschlafen war.

Geiger war sich selbst nicht weniger fremd gewesen als die Menschen, an denen er damals auf den Bürgersteigen der Stadt vorbeiging. Er war ein narbiger, schmerzender Leib mit einem unbefrachteten Geist, eine menschliche Maschine ohne Steuermechanismus, die rein instinktiv funktionierte.

Am nächsten Tag blieb er auf den Straßen Harlems kurz stehen und schaute dem Handwerker eines Sanierungsunternehmens zu, der für ein heruntergekommenes Reihenhaus aus rötlich braunem Sandstein einen neuen Fensterrahmen sägte; dann schritt er durch den türlosen Eingang und fragte nach Arbeit. Es geschah impulsiv; er hatte nie darüber nachgedacht. Als der Kolonnenleiter ihn fragte, ob er sich mit der Arbeit auskenne, bejahte er, ohne zu wissen, wie er dazu kam.

Drei Jahre lang machte er Renovierungs- und Sanierungsarbeiten. Er leistete Überstunden, ohne dass ihm eine Gewerkschaft hineinredete, vor allem in Brooklyn und SoHo, wo er heimlich in den Kellergeschossen der Gebäude übernachtete, an denen er arbeitete. Sein Geld sparte er.

Man bezahlte ihn bar, ohne dass es durch die Bücher ging. Keine Sozialversicherungsnummern, keine Abgaben. Zuerst benutzte er den Namen Grey, dann nannte er sich Black. Eines Tages kam er an einer Filiale von Barnes & Noble vorbei und entdeckte im Schaufenster ein Buch, das seine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog – einen Bildband über H. R. Giger. Die byzantinische Art der Bilder gefiel ihm, der Name mit den zwei Gs auch. Er fügte um der visuellen Symmetrie willen ein e hinzu und wurde zu Geiger.

Eines Nachts, nach einer Schicht in einem Mietshaus in Williamsburg, schlief er in einem Verschlag im Keller. Gegen drei Uhr morgens weckten ihn Schritte auf der Treppe, und er lag still, während Taschenlampenkegel über die Tragebalken strichen. Er belauschte das Gespräch zweier Männer, die über ihren Job redeten, während sie ihn ausübten: Hinter einer frischen Wand aus Gipskartonplatten legten sie Kabel für eine Wanze, mit der sie versuchen wollten, belastendes Material zu gewinnen, indem sie abhörten, was ein gewisser Carmine Delanotte sagte.

»Ich habe gehört, Delanotte gehört ein Dutzend von diesen Dingern«, sagte einer der beiden Männer.

»Mein Schwager ist Makler«, sagte der andere. »Er meint, sobald sie die Latinos und die Schwarzen weggeekelt haben, ist hier alles ein Vermögen wert. Billig kaufen, billig sanieren, teuer verkaufen, das ist die Devise.«

»Die Wanze ist Zeitverschwendung. Delanotte ist zu schlau für so was.«

»Vielleicht. Aber ich habe gehört, sie drehen gerade einen von seinen Unterbossen durch die Mangel.«

»Das versuchen sie oft, und meistens erfahren sie doch nichts. Sie stellen mit den Burschen alles Mögliche an – Psychospielchen, Erpressung, gelegentlich sogar Prügel. Aber die Scheißkerle sagen kein Wort.«

»Das muss ein merkwürdiger Job sein.«

»Was?«

»Jemanden zum Reden zu bringen. Harte Burschen weichzuklopfen. Du kannst es ja nicht einfach aus ihnen rausprügeln, oder? Ich meine … ein bisschen unauffälliger muss man schon vorgehen.«

»E

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