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Der Sommer auf Usedom & Liebesquartett auf Usedom

Informationen zum Buch

Zwei Romane von einer der schönsten Inseln Deutschlands in einem E-Book!

Der Sommer auf Usedom:

Usedom sehen – und sich verlieben – Jasmin besucht ihre beste Freundin Gabi, die nach Usedom gezogen ist. Erstens haben sich die beiden Frauen versprochen, sich mindestens einmal im Jahr zu sehen. Und zweitens ist Jasmin Malerin und will einen Bilderzyklus erstellen, der die Sagen Usedoms zum Thema hat. Ihr erstes Ziel ist Lüttenort, wo sie das Atelier des Malers Otto Niemeyer-Holstein besichtigen will. Sie kommt gerade rechtzeitig, um noch an einer Führung teilzunehmen. Nicht nur sie, sondern ein Mann, der offenbar auch allein ist, schließt sich der Führung in letzter Sekunde an. Bei Koserow soll Störtebeker mit seinen Männern ein Versteck gehabt haben. Zwar glaubt Jasmin nicht daran, Spuren der berühmten Freibeuter zu finden, trotzdem sucht sie nach einem Motiv, das etwas mit Piraten zu tun haben könnte. Sie findet nicht nur einen perfekten Platz, an dem sie malen kann, sondern trifft auch den geheimnisvollen Mann aus dem Atelier wieder. Ein interessanter Typ, findet sie. Fortan scheint sie der seltsame Fremde nicht mehr aus den Augen zu lassen. Ob in Peenemünde oder Bansin – immer ist er in ihrer Nähe. Sie flirten sogar ein wenig, ohne dass er ihr seinen Namen verrät, Dann erfährt Jasmin, dass ein Kunstdieb auf der Insel sein Unwesen treibt – und ihr kommt ein schrecklicher Verdacht.

Liebesquartett auf Usedom:

Vier Singles auf einer Insel – Penelope, genannt Penny, pfeift auf die Liebe – sagt sie zumindest. Als Standesbeamtin muss sie schließlich jeden Tag Paare verheiraten, die schon auf den ersten Blick nicht zu einander passen. Auch ihre beiden Freunde Pit und Heiner haben allen amourösen Abenteuern abgeschworen. Mit ihnen pflegt sie eine strikt platonische Beziehung, die nie etwas aus dem Lot bringen könnte – meint sie jedenfalls. Pit, der Reetdächer repariert, war schon mal unglücklich verheiratet, und Heiner, der eine Fischräucherei in Heringsdorf betreibt, denkt ohnehin nur ans Geschäft. Doch alles wird anders, als aus Berlin die Journalistin Verena May auftaucht. Sie will eine Reportage über Usedomer Handwerkskunst schreiben und heftet sich an Pits und Heiners Fersen. Zuerst amüsiert sich Penny darüber, denn sie ist sicher: Es kann nicht lange dauern, bis die beiden von der aufdringlichen Dame schwer genervt sein werden. Doch das ist nur ein Irrtum unter vielen.

Über Lena Johannson

Lena Johannson, 1967 in Reinbek bei Hamburg geboren, war Buchhändlerin, bevor sie als Reisejournalistin ihre beiden Leidenschaften Schreiben und Reisen verbinden konnte. Seit ihrem ersten Roman „Das Marzipanmädchen“, der 2007 erschien, arbeitet sie als freie Autorin. Sie lebt an der Ostsee.

Bei Rütten & Loening und im Aufbau Taschenbuch sind ihre Romane „Dünenmond“, „Rügensommer“, „Himmel über der Hallig“, „Der Sommer auf Usedom“, „Die Inselbahn“, „Liebesquartett auf Usedom“, „Strandzauber“, „Die Bernsteinhexe“, „Sommernächte und Lavendelküsse“, „Die Villa an der Elbchaussee. Die Geschichte einer Schokoladendynastie“ sowie die Kriminalromane „Große Fische“ und „Mord auf dem Dornbusch“ lieferbar.  

Mehr Information zur Autorin unter www.lena-johannson.de.

Lena Johannson

Der Sommer auf Usedom
&
Liebesquartett auf Usedom

Zwei Ostsee-Romane in einem E-Book

Lena Johannson

Der Sommer
auf Usedom

Roman

Lüttenort

S. 5

Als Jasmin an der schlanken Taille der Insel ankam, um die sie Usedom zutiefst beneidete, musste sie kräftig Luft holen vor Glück. Mann, war das schön! Sie hatte ihr Auto in Koserow abgestellt und war die Hauptstraße bis Damerow entlangspaziert. Das Forsthaus, ein prächtiger Gebäudekomplex, der fast vollständig mit Reet gedeckt war, hatte ihr so gut gefallen, dass sie am liebsten gleich eine Skizze davon angefertigt hätte. Doch dann hatte sie sich mit einem Foto begnügt, das ihr später einmal als Vorlage dienen konnte. Sie war schließlich nicht nach Usedom gekommen, um Architektur zu malen. Jasmin wollte an einem Bilderzyklus über die Sagen und Legenden, über die Sitten und Gebräuche der Insel arbeiten. Vor allem aber wollte sie Zeit mit ihrer besten Freundin Gabi verbringen, die vor drei Jahren hergezogen war. Sie hatten einander in die Hand versprochen, sich mindestens einmal jährlich zu sehen. Zwar konnte Gabi sich nicht die gesamten zwei Wochen freinehmen, aber sie würden schon genug Nachmittage und Abende haben. Jede gemeinsame Sekunde war kostbar, und sie hatten es schon immer verstanden, diese zu genießen.

Ihr Weg führte Jasmin am Achterwasser entlang. Die Sonne ließ den Ausläufer des Gewässers, der sich vom Peenestrom bis hier hinaufzog, glitzern und tauchte den Tag in eine perfekte Temperatur. Dreiundzwanzig Grad, dazu eine seichte Brise, die das Schilf leise knistern ließ. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht, Ausdruck vollständiger Zufriedenheit, spazierte Jasmin dem Atelier des Malers Niemeyer-Holstein entgegen. Wo immer eine Reise sie hinführte, besuchte sie liebend gerne die Arbeitsstätten anderer Künstler. Vor allem, wenn diese so belassen worden waren, wie sie zu Lebzeiten des Künstlers ausgesehen hatten. Es gab wenig, was sie mehr inspirieren konnte. Zu sehen, wie die Glücklichen, die von ihrer Malerei hatten leben können, ihr Atelier gestaltet hatten, ihre Anwesenheit und unbändige Kreativität zu spüren, die durch ihren Tod keineswegs geringer zu werden schien, war für sie immer wieder ein beeindruckendes Erlebnis. Von Lüttenort und der Wirkungsstätte des berühmten Mannes, der von Kennern schlicht ONH genannt wurde, hatte sie schon viel gehört. Sie würde versuchen, möglichst viel darüber zu erfahren und dann ihre Eindrücke, ihre ganz eigene Geschichte über den preisgekrönten Küstenmaler auf Leinwand zu bannen.

Eine Möwe kreischte im Anflug auf den breiten Gürtel Rohrdickicht am Ufer und blieb, wie an unsichtbaren Fäden aufgehängt, über dem Achterwasser stehen. Dann drehte sie ab. Anscheinend war hier keine Beute zu machen.

Jasmin folgte dem gewundenen Steinweg, passierte ein blauweißes Boot und konnte endlich einen ersten Blick auf Atelier, Museum und Garten des Malers werfen. Sie seufzte wohlig. Schon jetzt spürte sie die Aura eines wahrhaft großen Künstlers. Jedenfalls war sie der festen Überzeugung, dass es das war, was sie spürte. Von weitem erkannte sie Skulpturen und einen Bogen, der womöglich aus alten Schiffsplanken oder gar Walknochen bestand. Im Hintergrund ein weißes, windschief aussehendes Haus. Am liebsten wäre sie sofort hineingestürmt, doch es blieb ihr nichts anderes übrig, als zunächst den gläsernen, für ihren Geschmack viel zu modernen Anbau rechter Hand zu betreten, um das Eintrittsgeld zu bezahlen. Unweit des Empfangstresens, an dem man eine Karte lösen konnte, stand eine Gruppe von Menschen, die auf etwas zu warten schien.

»Guten Tag, möchten Sie auch noch an der Führung teilnehmen?«

Jasmin zögerte einen Moment.

»Sie haben Glück. Es geht in zwei Minuten los, und es sind noch zwei Plätze frei.« Die Dame hinter dem Tresen, eine matronenhafte Person mit auberginefarbenem Haar und fröhlichen Augen, sah sie erwartungsvoll an.

»Gut, ja«, antwortete Jasmin zögerlich. Eigentlich entdeckte sie Orte wie diesen lieber auf eigene Faust.

»Sehr gerne!« Die Matrone mit dem violett schimmernden Haar ließ ihr keine Chance, es sich anders zu überlegen, nannte ihr den Preis und schob ihr bereits eine Karte auf dem Tisch herüber.

Also schön, schloss sie sich eben erst einer Gruppe an und sah sich anschließend noch alleine um. Jasmin war wild entschlossen, sich ihre gute Laune nicht verderben zu lassen. Sie nahm ihr Ticket entgegen. In dem Moment flog die Tür zu dem Wintergarten, dem Eingangsbereich der Ausstellungshalle, auf, und ein Mann stolperte im wahrsten Sinne des Wortes herein. Er war an dem Fußabtreter hängengeblieben.

»Hoppla«, sagte die Tresen-Matrone.

»Guten Tag«, antwortete er, als sei »Hoppla« eine gängige Begrüßungsformel.

»Möchten Sie auch noch an der Führung teilnehmen?«

»Ja, gerne, deswegen habe ich mich so beeilt.« Jasmin beobachtete, wie der Mann sich verstohlen Schweiß von der Stirn und seiner Oberlippe tupfte.

»Sie haben Glück. Es geht in einer Minute los, und es ist gerade noch ein Platz frei.«

Kaum hatte er seine Eintrittskarte bezahlt und entgegengenommen, wurde die Tür erneut geöffnet und lenkte alle Aufmerksamkeit der Wartenden auf die eintretende Person. Es handelte sich um eine kleine, sehr schlanke Frau. Sie trug ein weißes schwingendes Sommerkleid mit hellblauem Gürtel, dazu hellblaue Ballerinas und hatte schwarzes Haar. Wäre es goldblond gewesen, hätte Prinz Eisenherz diese Frisur tragen können. Der Pony war sorgsam zu einer Rolle nach innen geföhnt, ebenso die etwa kinnlangen Seitenpartien. Sie sah aus wie Schneewittchen, ging es Jasmin durch den Kopf. Schneewittchen stellte sich als Museumspädagogin vor, die nun die Führung durch das Haus von Niemeyer-Holstein leiten würde. Sie habe in Berlin Museumskunde studiert, sprudelte sie los. Im Brüder-Grimm-Haus in Steinau an der Straße habe sie schon gearbeitet und Erfahrungen im Chopin-Museum in Warschau gesammelt, worauf sie besonders stolz zu sein schien.

»Sie sehen, ich bin nicht auf Maler festgelegt«, verkündete sie und lachte melodisch. Jasmin hoffte, dass sie auch über ONH so viel würde erzählen können.

»Wir beginnen draußen«, sagte Schneewittchen und verließ auch schon den Wintergarten. In dem kleinen Park zwischen den Kunstwerken, die Freunde dem Maler geschenkt oder gegen Bilder getauscht hatten, begann sie mit ihrem Vortrag. Jasmin ließ sich von einem Eichhörnchen ablenken, das an den Zweigen eines Baumes turnte wie ein Artist, schließlich von einem Ast zum nächsten hüpfte und sich über den flachen Teil des Hausdaches davonmachte.

»Niemeyer-Holstein hat also nicht gleich ein Haus gebaut, sondern sich zunächst in einem S-Bahn-Wagen eingerichtet«, hörte sie Schneewittchen sagen und konzentrierte sich wieder auf die Führung, was ihr an diesem herrlich-sonnigen Junitag furchtbar schwerfiel. Außerdem gab es so viel zu sehen. Etwa die kleine Skulptur eines Reiters oder die eines nackten Mannes, vermutlich ein Diskuswerfer, dessen rechtes Bein von dem kräftigen Trieb eines Strauches mehrmals umschlungen war, als wolle die Pflanze den Sportler daran hindern, jemals aus ihrer Nähe zu verschwinden. Diesen S-Bahn-Wagen, den der Künstler 1932 für etwas über sechzig Mark gekauft und auf abenteuerliche Weise – das gute Stück hatte nämlich keine Räder mehr – hierhergeschafft hatte, gebe es noch, und man werde ihn auch betreten, drang die melodische Stimme der Museumspädagogin in Jasmins Bewusstsein.

»Sie können sich vorstellen, dass es etwas eng ist. Ich bitte Sie darum, gut darauf zu achten, wohin Sie treten. Und bitte nehmen Sie Rücksicht auf die anderen Teilnehmer der Besichtigung.« Wie viele Male mochte die Frau diesen Satz gesagt haben? Und wie recht sie damit hatte! Eng war eine glatte Untertreibung. Der ausrangierte Wagen mit seinem gewölbten Dach und den Schiebetüren war im Laufe der Jahre umbaut worden und bildete so den Mittelpunkt des Hauses. Jasmin war vollkommen fasziniert von den Gegensätzen, die hier zu ahnen waren. Im Winter mochte es nahezu unmöglich sein, dieses ungewöhnliche Gebäude warm zu kriegen. Die Küche war so winzig und spärlich eingerichtet, dass schon die Vorstellung, hier ein Mittagessen zuzubereiten, ihr Respekt vor der Dame des Hauses einflößte. Gleichzeitig wirkte alles so luftig und beinahe mediterran. Von dem Waggon ging es in eine Art Innenhof, in dem ein alter Olivenbaum seine knorrigen Äste mit den silbrigen Blättern von sich streckte. Wie schön musste es sein, an einem milden Tag wie diesem hier zu sitzen, ohne die Menschen natürlich, sondern ganz allein mit einer Staffelei und einer Farbpalette. Jasmin seufzte. Ja, an einem solchen Ort konnte man sich wahrhaft entfalten und sein ganzes kreatives Potential ausschöpfen. Sie sah sich selbst dort hocken und malen und die Zeit darüber so sehr vergessen, dass sie nicht einmal Lust auf Kuchen bekäme. Leider sah die Realität anders aus. Wenn sie nicht im Urlaub war, verbrachte sie ihre Tage streng nach der Uhr und hinter dem Schreibtisch in einer Steuerkanzlei. Und sie hatte jeden Tag Appetit auf Kuchen oder Torte. Sie schob den Gedanken beiseite. Jetzt war Urlaub, jetzt durfte sie ganz sie selbst sein. Verstohlen beobachtete sie den Mann, der als letzter Teilnehmer dieser Führung in den Wintergarten gestolpert war. Er sah gar nicht übel aus. Lachfältchen um den Mund und die braunen Augen, kurzes mittelbraunes Haar, das er mit etwas Gel aus der Stirn himmelwärts gezwungen hatte. Gerade so viel, um jung und frech auszusehen und noch nicht albern. Er trug eine ausgeblichene Jeans und ein T-Shirt und mochte etwa in ihrem Alter sein, also Anfang dreißig. Es war nicht zu übersehen, dass er Sport nicht nur im Fernsehen sah. Jasmin hörte Schneewittchen längst nicht mehr zu, sondern ärgerte sich darüber, dass sie Monat für Monat eine nicht unerhebliche Summe für ein Fitnessstudio ausgab, das sie zuletzt vor ungefähr neun Wochen von innen gesehen hatte. So würde sie nie die überflüssigen Pfunde loswerden, die aus ihr eine gedrungene kleine Kugel machten. Jedenfalls sah sie sich so. Gabi explodierte regelmäßig, wenn sie auf dieses Thema zu sprechen kamen.

»Du bist vielleicht einen Tick zu klein für dein Gewicht«, pflegte sie zu sagen. »Aber du bist ganz bestimmt nicht fett!«

Der Spätankömmling drückte sich ständig hinter der Gruppe herum. Wie in der Schule, wo immer alle in der letzten Reihe sitzen wollten. Auch jetzt wieder. Er stand eingezwängt zwischen einem Kaminofen und einem Möbel aus dunklem Holz in der Döns, dem Herzen des merkwürdigen Bauwerks. Hinter ihm an der mit Delfter Kacheln verkleideten Wand hatte Jasmin eben noch eine kleine Pendeluhr gesehen. Sie konnte nicht aufhören, zu ihm hinüberzustarren, weil sie befürchtete, im nächsten Moment würde er die Uhr mit dem Rücken vom Nagel drücken, und ihr letztes Stündchen hätte geschlagen.

»Und nun zum krönenden Abschluss gehen wir hinüber in das Atelier«, verkündete Schneewittchen mit Begeisterung. »Niemeyer-Holstein hat es ›Tabu‹ genannt, was nicht bedeutet, dass er dort niemanden empfangen wollte. Ganz und gar nicht.« Sie zählte seine Malerfreunde auf, die durchaus alle Zutritt hatten. »Für ihn war das Erschaffen von Bildern seine Arbeit, die er überaus ernst nahm. Mehr Inhalt, weniger Kunst, wie Shakespeare die Königin in Hamlet sagen lässt.« Schneewittchen lächelte zufrieden, hatte sie doch einmal mehr ihr Wissen außerhalb der Malerei bewiesen. Jasmin mochte das Zitat, fragte sich allerdings, ob es an dieser Stelle passte.

Doch schon sprach Schneewittchen weiter: »Und er argumentierte, dass er es einfach nicht ausstehen könne, wenn seine Ehefrau, die er Stüermann nannte, ihn wegen einer Nichtigkeit in seiner Konzentration unterbrach. Er pflegte zu sagen, dass auch niemand auf die Idee käme, die Tür zu einem Operationssaal einfach aufzureißen, um den Chirurgen zu fragen, was er am Abend gerne essen würde.« Sie zwinkerte und ging voraus in Richtung des Ateliers mit dem abweisenden Namen. Wie recht dieser Mann gehabt hatte, ging es Jasmin durch den Kopf. Ein letztes Mal sah sie sich in der Döns um, in der der Künstler so manchen gemütlichen Abend mit Stüermann und zahlreiche Begegnungen mit anderen Künstlern erlebt hatte. Dabei fiel ihr auf, dass der Spätankömmling wiederum wartete, um zum Schluss den Raum verlassen zu können. Ein sonderbarer Mensch.

Im Atelier angekommen, nahm Jasmin einen tiefen Atemzug, als könne sie dadurch die Atmosphäre und den Anblick aufsaugen, der sich ihr und den anderen bot. Überall Gemälde in dicken alten Rahmen, große und kleine. Was noch viel schöner war: Staffelei, Farbpalette, verbeulte Dosen mit gebrauchten Pinseln darin, ein Kaffeebecher, ja selbst Pantoffeln neben einem Stuhl erweckten tatsächlich den Eindruck, dass »der Alte« jeden Augenblick an seine Arbeit zurückkehren würde. Wunderbar! Jasmins Augen glitten über jedes winzige Detail. Da riss ein Poltern sie aus der geradezu magischen Stimmung. Der Spätankömmling war über einen Läufer gestolpert, hatte beinahe einen Vorhang mitgerissen, der neben der schmalen Eingangstür hing und ein Regal verdeckte, und ruderte nun hilflos mit den Armen, um nicht der Länge nach hinzuschlagen. Wenn es an diesem Ort nicht so gänzlich unpassend gewesen wäre, hätte Jasmin die Anwesenden gern gebeten, ihren Tipp abzugeben, ob dieser ungeschickte Kerl, der seine Füße anscheinend nicht unter Kontrolle hatte, auf selbigen bleiben oder tatsächlich stürzen würde. Entsetzt beobachtete sie, wie er gegen ein an der Wand hängendes Bord taumelte, das sich kurz vor und wieder zurück bewegte, woraufhin eine Miniatur, die darin gestanden hatte, ins Wanken geriet. Aus dem Augenwinkel erkannte er die Gefahr, riss seinen Oberkörper herum und fing das kleine Gemälde auf, bevor es zu Boden gehen konnte. Er bezahlte seine, für Jasmin völlig überraschende, Aufmerksamkeit und Reaktionsschnelligkeit mit einem Stoß seines Knies gegen die Kante eines Sessels, der ziemlich schmerzhaft gewesen sein dürfte.

»Entschuldigung«, stammelte er und stellte die Miniatur zurück an ihren Platz.

»Guckt der denn nicht, wohin er tritt?«, fragte eine kleine dralle Frau mit grauem streichholzkurzem Haar und einer runden Brille auf der Nase und schüttelte missbilligend den Kopf.

Jasmin musste schmunzeln. Natürlich musste sie der Grauhaarigen recht geben, aber irgendwie hatte der Tollpatsch etwas Sympathisches an sich. Außerdem war doch nichts passiert, und man musste zugeben, dass es bei ONH ziemlich eng war.

Drei Stunden später saß Jasmin vor einem Stück Apfelstrudel mit Vanille-Eis im Forsthaus und zeichnete mit dem Bleistift eine Skizze in ihr eigens dafür angelegtes Buch. Am Abend würde Gabi kochen, sie würden Wein trinken und vermutlich ein Dessert verspeisen oder zu später Stunde Käse und Oliven knabbern. Eigentlich hatte sie sich deshalb vorgenommen, tagsüber nichts zu essen. Andererseits bewegte sie sich hier auf der Insel viel mehr als in ihrer Steuerkanzlei, und schließlich hatte sie doch Urlaub. Wer mochte sich da schon kasteien? Wenn sie wieder zu Hause war, würde sie regelmäßig ins Fitnessstudio gehen, das nahm sie sich ganz fest vor und schob sich sehr zufrieden ein Stück Strudel mit Eis in den Mund.

Gabi wohnte in der sogenannten Usedomer Schweiz, dem Achterland am Südufer des Schmollensees. Hier gab es eine Holländerwindmühle, eine Kirche aus dem 13. Jahrhundert, sanfte Hügel und viel Wald. Ideal, um durch die Landschaft zu laufen. Nachdem Jasmin am Vorabend von ihrem ersten Ausflug zurückgekehrt war, hatte ihre Freundin Steak in Gorgonzolasoße aufgetischt, dazu Kroketten. Zum Nachtisch hatte es erst einen Eisbecher mit Eierlikör und später Käse gegeben. Es war also noch schlimmer gekommen, als Jasmin geahnt hatte.

»Bitte, Gabi, es war köstlich, aber du darfst mich auf keinen Fall zwei Wochen lang so mästen. Ich habe jetzt schon zu viel auf den Rippen, und ich bin nicht scharf darauf, dass noch drei oder vier Kilo dazukommen.«

»Also ehrlich«, hatte Gabi protestiert, »du hast wirklich Wahrnehmungsstörungen. Okay, vielleicht bist du für dein Gewicht etwas zu …«

»Klein«, fiel Jasmin ihr ins Wort. »Ich weiß. Dummerweise wachse ich auch nicht mehr.«

»Dann musst du eben an der anderen Stellschraube drehen, wenn du unbedingt etwas ändern möchtest, was du nicht wirklich müsstest, wenn du meine Meinung hören willst.«

»Will ich nicht.« Sie zog eine Grimasse.

»Dachte ich mir«, antwortete Gabi unbeeindruckt. »Geh joggen oder schwimmen oder fahr Rad! Mach, was du willst, nur geh mir bloß nicht mit deinen dauernden eingebildeten Figurproblemen auf die Nerven und werde vor allem nicht eine dieser unleidlichen Tanten, die mit verkniffenem Gesicht ein Salatblatt mümmeln und permanent schlechte Laune verbreiten.«

Jasmin hatte sich mehr schlecht als recht verteidigt und dann beschlossen, dass der Urlaub tatsächlich eine gute Gelegenheit war, sich mal wieder sportlich zu betätigen. Es gab Wander- und Fahrradwege, auf denen sie schon am Morgen eine Runde drehen konnte. Und genau das tat sie am zweiten Tag ihres Aufenthalts auf Usedom gleich nach dem Aufstehen.

Es würde ein warmer Tag werden, aber noch war es nicht zu heiß. Sie hatte sich von Gabi Stöcke geliehen, die für sie ein wenig zu lang waren, aber besser als nichts. Nordic Walking war für Untrainierte nun einmal erheblich günstiger als die Gelenke mit Jogging zu malträtieren. Man sah zugegebenermaßen ein wenig eigentümlich aus, aber sie war schließlich nicht auf dem Laufsteg, sondern auf einem Wanderweg, der sie jetzt in einen dichten Wald mit Erlen, Birken und Eichen führte. Sie hätte nicht erwartet, dass das üppige Laub so viel Sonnenlicht schluckte. Richtig düster wirkte der Pfad. Jasmin wurde sich mit einem Mal bewusst, dass sie ganz allein in einem Gebiet unterwegs war, in dem sie sich nicht gerade besonders gut auskannte. Am besten begnügte sie sich für den Anfang mit einer kleinen Runde. Jeden Tag konnte sie ein Stückchen weiter laufen, wenn sie erst eine brauchbare Karte der Gegend in ihrem Kopf gespeichert hatte. Kraftvoll schlug sie die Spitzen der Stöcke abwechselnd in den weichen Waldboden und lief mit großen Schritten voran. Plötzlich hörte sie ein Piepen irgendwo links des Weges, als hätte jemand sein Mobiltelefon eingeschaltet. Sie blickte zwischen Bäumen und Sträuchern hindurch. Blätter, die im vergangenen Herbst hinabgesegelt waren, lagen noch immer braun und vertrocknet wie Pergament herum und knisterten unter jedem ihrer Schritte. Da, wieder dieses Geräusch wie von einem Handy. Und dann gleich noch mal. Es klang doch eher nach einem Quietschen als einem Piepen. Wahrscheinlich nur ein Zweig, der sich vom Wind bewegt an einem Stamm rieb, sagte sie sich. Sie musste über sich selber schmunzeln. Schon immer hatte sie ein eher ängstliches Naturell gehabt. Doch hier in dieser idyllischen Gegend mitten im Naturpark waren nur Hundehalter oder harmlose Wanderer unterwegs. Es gab nun wirklich keinen Grund, eine Gänsehaut zu bekommen. Aber was war das? Ein kräftiges Schnauben, ganz eindeutig und nicht weit von ihr entfernt im Dickicht. Nicht wie von einem Stier, was sie auch nicht gerade beruhigt hätte, sondern ziemlich menschlich und an einen fiesen Schnupfen erinnernd. Sie hatte noch nie davon gehört, dass sich Rehe oder Wildschweine die Nase putzten. Instinktiv beschleunigte sie ihren Schritt. Jetzt wurde ihr doch mulmig, und das Schmunzeln verging ihr. Hatte es da nicht eben hinter ihr geknistert? Sie drehte sich um, doch da war nichts außer Bäumen und Sonnenstrahlen, die es hier und da zwischen den Ästen mit ihrem dichten Laub bis hinunter auf den Boden schafften. Wie gehetzt eilte sie durch den Wald über Wurzeln und Grasbüschel hinweg. Ihr fielen zwei kleine abgebrochene Zweige auf, die über Kreuz mitten auf dem Weg lagen. Ein geheimes Zeichen? Wieder blickte sie sich um. Sie spürte, wie sich die kleinen Härchen an ihrem Nacken aufrichteten. War nicht eben jemand zwischen den Bäumen verschwunden, als sie sich umgesehen hatte? Die Luft wurde ihr knapp, es begann in ihren Ohren zu rauschen. Hättest du dein Konditionstraining nur wichtiger genommen als Kino, Shoppen oder Treffen mit Bekannten, beschimpfte sie sich in Gedanken. Dann würde sie jetzt leichtfüßig dem Bösewicht entkommen, der hier ganz offensichtlich im Wald lauerte.

Schweißgebadet erreichte sie endlich das Haus ihrer Freundin. Die sah von ihrer Arbeit auf, als Jasmin keuchend die Loggia betrat, einen ehemaligen Freisitz, den der Vorbesitzer des Hauses mit Glas hatte schließen und zu einem voll nutzbaren Wohnraum umbauen lassen. Darin stand Gabis riesiger Zeichentisch, denn noch immer arbeitete die Architektin gern mit Papier und Bleistift. Der Teekessel pfiff, und die Uhr in der Diele stimmte mit ihrem tiefen Gong in das bescheidene Hauskonzert ein.

»Wie siehst du denn aus? Kann es sein, dass du es gleich bei deinem ersten Lauf ziemlich übertrieben hast?«

»Es war schrecklich!«, brachte Jasmin zwischen flachen, schnellen Atemzügen hervor. »Was du auf meiner Stirn siehst, ist der pure Angstschweiß.«

»Wie bitte? Ist etwa jemand hinter dir her gewesen?« Gabi sah sie über die Ränder ihrer halbrunden Brillengläser an und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

»Genauso war es. Glaube ich zumindest. Auf jeden Fall hat sich im Wald jemand herumgetrieben.«

»Das tun viele Menschen bei so schönem Wetter.« Gabi seufzte. »Sie gehen mit ihrem Hund spazieren oder treiben Sport, so wie du.«

»Nein, Gabi, der Kerl ist nicht spazieren gegangen. Der hat sich versteckt. Er hat gut aufgepasst, dass ich ihn nicht zu Gesicht kriege.« Sie wischte sich den Schweiß von der Oberlippe und musste an den Mann im Niemeyer-Holstein-Museum denken, der hereingestolpert war.

»Du hast ihn also nicht gesehen?«

»Nein, sag ich doch.«

»Und wieso weißt du, dass es ein Kerl war?« Gabi runzelte die Stirn.

»Eine Frau drückt sich doch wohl kaum im Unterholz herum«, gab sie aufgebracht zurück. »Ich kann dir sagen, ich bin um mein Leben gerannt.«

»Mit den Stöcken?«

»Die habe ich unter die Arme geklemmt.«

Jetzt musste Gabi lachen. Sie legte ihre Brille auf die Pläne, an denen sie gerade gearbeitet hatte. »Das hätte ich gerne gesehen!« Die Vorstellung schien sie sehr zu amüsieren. »Ich gieße uns mal einen Tee auf. Ich habe da eine Mischung aus Baldrian, Passionsblume und Melisse. Das ist jetzt genau das Richtige für dich.«

»Du hältst mich für überdreht, aber ich schwöre dir, auf eurer angeblich so friedlichen Insel treibt jemand sein Unwesen.«

»Da könntest du recht haben«, rief Gabi aus der Küche. »In der Zeitung steht heute, dass der Kunstdieb schon wieder zugeschlagen hat, der Galeristen und private Sammler seit Wochen in Angst und Schrecken versetzt.«

Jasmin hörte ihr nicht zu. »Das war’s«, murmelte sie vor sich hin. »Schluss mit der Lauferei durch den Wald. Lieber bin ich rund wie ein Goldhamster als mausetot!«

Gabi kam zurück. »Vorschlag: Du gehst erst mal duschen, dann trinkst du einen Tee, und danach ist es Zeit für meine Mittagspause. Was hältst du davon, wenn wir nach Heringsdorf fahren?«

Zwei Stunden später saßen die beiden Frauen in einem Lokal des beliebten Ferienorts, von dem sie einen schönen Blick auf die Seebrücke hatten. Der Strand war voller Menschen, die Ball spielten, mit ihren Kindern im Sand buddelten oder einfach nur in der Sonne lagen. Im Wasser war noch nicht viel los, die Ostsee war im Juni noch ziemlich frisch.

»Ich nehme nur ein Glas Wasser«, verkündete Jasmin und erntete einen erschöpften Blick ihrer Freundin. »Na schön, vielleicht esse ich doch einen kleinen Salat dazu.« Sie wandte sich an die Kellnerin. »Den mit Thunfisch und dreierlei Käse, bitte.« Den Schreck des Vormittags hatte sie vergessen und strahlte ihre beste Freundin überglücklich an. »Ich freue mich so, dass ich hier bin!«

»Ich freue mich auch.«

Sie schwiegen und hingen eine Weile ihren Gedanken nach.

Dann fasste Jasmin sich ein Herz. »Nun erzähl mal, wie hast du dich auf der Insel eingelebt?«, fragte sie, obwohl Gabi bereits seit drei Jahren hier wohnte und sie am Telefon und bei ihren früheren Treffen schon viel über die Umstellung, von Berlin nach Usedom zu ziehen, gesprochen hatten. Was sie wirklich wissen wollte, war, wie es Gabi seit dem Tod ihres Mannes ging. Die beiden waren für Jasmin ein Bilderbuch-Paar gewesen. Gabi hatte sich Thorsten mit vierzehn Jahren in den Kopf gesetzt und zehn Jahre später geheiratet. Sie hatten beide Architektur studiert, hatten dieselben Dinge geliebt und dieselben nicht leiden können. Als Thorsten vor etwas über vier Jahren plötzlich schwer krank wurde und dann so schnell starb, dass die beiden nicht einmal die Chance hatten, sich diesem Schicksal einigermaßen gefasst zu stellen, war auch Gabis Leben beendet gewesen. Jedenfalls ihr altes vertrautes Leben, das genauso war, wie sie es haben wollte. Sie musste ein neues beginnen, so viel stand fest. Darum der Ortswechsel, der Umzug auf die Insel.

»Toll! Stell dir vor, ich habe ein schönes altes Haus in toller Lage gefunden. Die Nachbarn sind nett, und ich habe herausgekriegt, dass Usedom kulturell einiges zu bieten hat. Gut, es ist nicht Berlin, aber nicht so übel, wie man denken könnte.«

»Sehr witzig, das weiß ich doch längst.«

»Warum fragst du dann?« Gabi schob sich die Brille mit den halbrunden Gläsern ins kurze volle Haar, das vor vier Jahren noch kastanienbraun gewesen war. Jetzt überwog der Grau-Anteil deutlich, obwohl sie nur zehn Jahre älter als Jasmin war.

»Ich meine, hast du jemanden kennengelernt?«

»Ich lerne laufend Leute kennen. Ich bin Architektin.«

»Du weißt schon, Männer …«

Da waren sie also wieder an ihrem wunden Punkt angekommen. Nicht, dass sie darüber jemals gestritten hätten, aber es war so ein Thema, wie es wohl in jeder Freundschaft vorkam. Der eine wollte es immer wieder ansprechen, wenn er auch nie so recht wusste, wie am besten. Der andere wollte es am liebsten für immer auf sich beruhen lassen. Jasmin war der Ansicht, dass Gabi mit ihren Anfang vierzig noch zu jung war, um den Rest ihres Lebens allein zu verbringen. Sie sah durchaus ein, dass es Zeit brauchte, den Verlust zu verarbeiten und für einen neuen Partner bereit zu sein, doch meinte sie, irgendwann sollte dieser Punkt erreicht sein. Also fragte sie jedes Mal beharrlich nach, wenn sie auch wusste, dass Gabi dieses Thema nicht leiden konnte. Die war nämlich davon überzeugt, dass sie und Thorsten nach ihrem Tod wieder zusammen sein würden. Da war es doch schier undenkbar, zwischenzeitlich einen anderen zu haben! Es wäre ja mehr als blöd, wenn die beiden Männer irgendwann einmal aufeinandertreffen und beide Besitzansprüche stellen würden. Da wäre gleich dicke Luft im Himmel. Nein, Gabi sah diese Sache völlig pragmatisch. Romantik war noch nie ihre Sache gewesen, obwohl Jasmin fand, die Liebesgeschichte zwischen Gabi und Thorsten war die romantischste gewesen, die sie kannte.

Die Kellnerin brachte das Essen.

»Genau im richtigen Moment«, stellte Gabi fest und warf Jasmin einen Blick zu, der zu sagen schien: Themawechsel, und zwar sofort!

Also beließ Jasmin es dabei. Sie tauschten ein paar Belanglosigkeiten aus und aßen ein paar Minuten schweigend. Dann forderte Gabi sie auf, genauer von ihrem Projekt zu erzählen.

»Du willst Sitten und Gebräuche malen? Habe ich das richtig verstanden?«

»So ungefähr, ja.«

»Wie passt ONH da hinein?«

»Gar nicht«, gab sie zu und lachte. »Du weißt doch, wie gerne ich Ateliers besichtige. Das war nur für mich sozusagen. Aber wer weiß, vielleicht erweitere ich meinen Bilderzyklus um berühmte Persönlichkeiten der Insel.«

»Klingt nicht schlecht. Und nächstes Jahr kommst du wieder und stellst hier aus. Ich könnte mir vorstellen, dass die Urlauber reges Interesse hätten.«

»Die Einheimischen nicht?«

Gabi wiegte nachdenklich den Kopf. »Doch, einige bestimmt. Aber es ist so eine Sache mit Projekten, die jemand vom Festland über Usedom macht. Das wird von vielen kritisch gesehen.« Sie nahm einen Schluck Sanddornschorle. »Außerdem ist es für sie nichts Besonderes. Ständig entstehen neue Kunstwerke, die im Zusammenhang mit ihrer Insel stehen. Das gucken sie sich nicht alles an.« Sie zuckte die Schultern.

»Morgen will ich mich auf Störtebekers Spuren heften«, verriet Jasmin.

»Ach du meine Güte«, sagte Gabi seufzend. »Du glaubst doch nicht etwa, du findest den berühmten Schatz, der in geheimen Gängen nahe der Störtebeker-Kuhle vergraben sein soll?«

»Quatsch«, gab sie ein wenig gekränkt zurück. »Ich bin Künstlerin, ich suche Motive und keine verbuddelten Schätze.«

»Auch damit wirst du nicht viel Glück haben, fürchte ich. Es sei denn, du kannst einem Stück Brachland zwischen Landesstraße und Hotelklötzen eine besondere Ästhetik abgewinnen.« Gabi rollte mit den Augen. »Aber guck es dir ruhig an. Ist ja nicht weit von hier. Du kannst einen schönen Spaziergang über die Strandpromenade machen und musst irgendwann rechts abbiegen. Ich glaube in den Neuen Weg oder Eichenweg. Ich weiß nicht genau.«

»Ich habe schon gelesen, dass es da nur noch ein kleines Wäldchen und ein paar Garagen gibt. Deshalb interessiert mich auch viel mehr der Streckelsberg.« Sie hatte sich gut vorbereitet.

Gabi beeindruckte das wenig. »Da gibt’s auch nur einen Haufen Bäume«, meinte sie gelangweilt. Dann überlegte sie es sich anscheinend anders. »Nein, stimmt nicht. Es gibt auch noch den Blick runter auf den Strand und die Seebrücke von Koserow. Das ist wirklich schön. Und auch der Wanderweg hinauf von Koserow aus lohnt sich.« Sie dachte nach. »Ein bisschen steil vielleicht, aber es ist der direkte Weg.« Sie wischte sich den Mund ab und legte ihre Serviette auf den Teller. »Ja, das solltest du wirklich machen. Wird bestimmt ein schöner Ausflug. Wenn du Glück hast, kannst du im Westen Mönchgut und im Osten den Leuchtturm von Swinemünde sehen.«

»Wirklich, so weit kann man gucken?«

»Bei guter Sicht schon.«

Störtebeker

S. 21

Es war so schön, wie Gabi es versprochen hatte. Jasmin hatte sich viel Zeit für den steilen Aufstieg auf den Streckselsberg gelassen. Immerhin war die gesamte Gegend der Sage nach das Revier des berühmten Freibeuters gewesen. Vielleicht sah die Rinde eines Baumes am Wegesrand aus wie ein Totenkopf. Oder sie entdeckte eine kleine Wasserstelle, die glitzerte wie ein Edelsteinschatz. Irgendetwas ließe sich schon finden, das, auf Leinwand gebannt, eine Piratengeschichte erzählen würde, dessen war sie ganz sicher. Eigentlich hatte sie mit dem Rad fahren wollen, wie Gabi es ihr vorgeschlagen hatte, doch mit der Staffelei war das ziemlich unpraktisch. Und sie hatte sich nun einmal entschieden, sie dieses Mal mitzunehmen, um an Ort und Stelle malen zu können. So musste sich der alte Otto gefühlt haben, dachte sie, der jeden Tag von Lüttenort an den Strand oder zum Ufer des Achterwassers gezogen war. Allerdings dürfte er weniger geschwitzt und geschnauft haben, denn er hatte es nicht mit einer der höchsten Erhebungen der Insel zu tun gehabt. Sie versuchte sich zu erinnern, wie hoch dieser Hügel war. Sechzig Meter? Nein, unmöglich, wohl eher hundertsechzig Meter, das erschien ihr realistischer. Oder sogar sechshundert? Ausgerechnet heute brannte die Sonne schon am Vormittag mit ganzer Kraft. Jasmin erreichte den Aussichtspunkt, stellte ihre Staffelei in den Sand und stützte sich mit den Unterarmen darauf, als lehnte sie am Sonntagmorgen im Fensterrahmen ihrer Küche, um mit der Nachbarin, die ihren Hund ausführte, ein paar Worte zu wechseln. Der Ausblick war traumhaft. Nicht zu vergleichen mit dem aus ihrer Küche auf den Berliner Bürgersteig. Wenn sie das Blau der Ostsee, den hellen Cremeton des Strandes und das Grün der dicht wachsenden Kiefern und Sanddornbüsche so auf Papier bringen würde, müsste man das fertige Bild zwangsläufig für unnatürlich bunt halten. Nur waren die Farben eben genau so, kräftig und leuchtend. Zusätzliche Akzente kamen durch blaue und rote, grüne und gelbe Strandmuscheln und Sonnenschirme ins Spiel.

Ein gutes Stück weiter machte Jasmin mehrere Reihen hellblauer Strandkörbe aus. Sie schob ihre Sonnenbrille ein Stückchen herunter, um über den Rand hinweg prüfen zu können, ob die Farbenpracht echt oder ihr doch nur von den rötlich getönten Gläsern vorgegaukelt worden war. Im gleißenden Licht der Sonne leuchtete sie sogar noch intensiver. Jasmin schob die Brille wieder hoch und stand noch eine Weile da, das Bild still in sich aufsaugend. Dann suchte sie einen Platz, der nicht von Urlauberscharen bevölkert wurde. Nun gut, hier oben waren an diesem sehr warmen Tag nicht viele Menschen unterwegs. Die meisten tummelten sich unten am Saum der Ostsee. Trotzdem hielt Jasmin nach einem besonders verschwiegenen Plätzchen Ausschau.

Sie fand es, den Zugang verborgen zwischen Hecken und niedrigem Gesträuch. Der Sand hier oben war fein und hell wie unten am Strand. Ein fröhlicher Wind wehte und trug immer wieder einige Körnchen fort von dem Hügel zum Meer hinab. Jasmin überlegte kurz, ob sie versuchen sollte, die Böen für sich arbeiten zu lassen, indem sie ihre Staffelei so aufstellte, dass der Wind den Sand auf die frische Farbe wehen und auf diese Weise nicht gekannte Effekte auf ihr Bild zaubern konnte. Doch sie verwarf den Gedanken wieder. Sie nahm ihre Flasche Wasser aus ihrem Rucksack und trank einen kräftigen Schluck. Dann sah sie sich voller Tatendrang um. Ein Platz für das hölzerne Gestell, das ihren bespannten Keilrahmen tragen würde, war schnell gefunden. Der Boden war weich. Sie überprüfte den festen Stand der Staffelei und war zufrieden. Solange kein allzu kräftiges Lüftchen wehte, würde schon nichts passieren. Ihren Rucksack lehnte sie ein Stück weiter an einen Baumstumpf. Sie holte die auf Holz gezogene Leinwand und einen weichen Bleistift hervor. Das Motiv war ideal, fand sie. Die Wurzel eines Baumes, den man vor Jahren abgesägt hatte, stand wie ein hochbeiniges Insekt vor ihr, dahinter das Meer mit einem knallblauen Himmel darüber. Durch das Fortwehen des Sandes war die Wurzel Stück für Stück freigelegt worden. Selbst kleine Verzweigungen, die einmal tief in der Erde gesteckt und die gewiss mächtige Pflanze mit Nährstoffen und Feuchtigkeit versorgt hatten, hingen nun frei in der Luft. Irgendwann einmal würde dieses knorrige Überbleibsel eines Baumes den Halt verlieren, zur Seite kippen, womöglich das Kliff hinunterstürzen. Jasmin würde das Bild Eingang zur Räuberhöhle nennen oder Schatzkarte. Sie brachte sich in Position, setzte die graue Mine auf die weiße Leinwand. Der Anfang war immer das Schwerste, fand sie. Ihre Augen wanderten im schnellen Wechsel von der Wurzel mit ihrer farbigen Welt um sich herum zu der leeren Fläche und wieder zurück. Gerade als sie zum ersten Schwung ansetzte, hörte sie ein lautes Rascheln und Knacken. Sie erschrak so sehr, dass ihre Hand ausrutschte und einen hässlichen dunklen Strich diagonal über die Leinwand zog.

Im nächsten Augenblick kam ein Mann aus dem Gesträuch, stolperte über den Baumstumpf, fing sich wieder, blieb aber mit dem Fuß an ihrem Rucksack hängen. Der fiel zur Seite, während der Unglücksrabe mit einem geschmeidigen Sprung gerade noch verhindern konnte, gegen ihre Staffelei zu stoßen. Dummerweise hatte er einen ziemlich kraftvollen Satz gemacht, der ihn direkt bis kurz vor die Steilkante des Kliffs befördert hatte, an der es hundertsechzig – oder waren es doch sechshundert? – Meter in die Tiefe ging. Der Wucht seiner Bewegung hatte der weiche Sand nichts entgegenzusetzen, so dass der Mann geradewegs auf den Abgrund zuschlitterte. Er ruderte mit den Armen und warf sich im letzten Moment zurück, wie Jasmin es in der Schule immer beim Weitsprung gemacht hatte, wo diese Strategie allerdings deutlich weniger zu empfehlen war. Der Mann landete auf dem Hinterteil, rollte auf den Rücken ab, als wolle er eine Rolle rückwärts machen, und blieb kurz liegen.

»Ist das eine Angewohnheit von Ihnen, mit spektakulären Auftritten auf sich aufmerksam zu machen?« Schon als er zum Sprung angesetzt hatte, hatte Jasmin den Spätankömmling aus dem Niemeyer-Holstein-Museum erkannt.

Er machte Anstalten, sich Sandkörner, die er selbst aufgewirbelt hatte, aus dem Gesicht zu wischen, drehte dann jedoch den Kopf und sah sie von unten herauf an.

»Sie schon wieder«, rief er aus, was irgendwie übertrieben klang wie bei einer schlechten Theateraufführung.

»Das könnte ich auch sagen«, entgegnete Jasmin.

»Stimmt.« Mit einer geschickten Drehung war er auf den Knien und im nächsten Moment auf den Füßen. »Hallo«, sagte er und lächelte sie an, wobei seine Grübchen zu tiefen kleinen Mulden wurden.

Statt zu antworten, schob sie ihre Sonnenbrille in ihr Haar und nickte ihm zu. »Haben Sie etwas gegen Kunst?«, wollte sie wissen.

»Nee, im Gegenteil. Wie kommen Sie auf diese Frage?«

»Na, gestern konnte man leicht den Eindruck kriegen, Sie hätten die Absicht, das Atelier von ONH zu zerlegen.«

»Ist doch nichts passiert«, entgegnete er und klopfte seine Hose sauber. Der Vorfall im Museum schien ihm nicht sonderlich unangenehm zu sein. »Und Sie sind selbst Künstlerin?« Er stand mit dem Rücken zur Steilküste, die Staffelei war zwischen ihnen.

»Ja, ich bin Malerin«, antwortete Jasmin und genoss es, das zu sagen. Dann hatte sie jedoch das Gefühl, ONH stünde neben ihr und blickte sie missbilligend an. »Nur in der Freizeit«, ergänzte sie darum und lachte unsicher.

»Schön. Darf ich gucken?« Während er fragte, beugte er sich bereits über das hölzerne Gestell.

»Es ist noch nichts zu sehen. Ich bin gerade erst gekommen.«

Er stellte sich auf die Zehenspitzen, dann ließ er sich wieder auf die Füße fallen und kam mit federndem Schritt zu ihr herum. »Meine Güte, wenn das der Horizont werden soll, wird es ein ziemlich schräges Gemälde.« Er hatte die Augenbrauen hochgezogen und starrte auf den Bleistiftstrich, der einmal quer über die Leinwand lief. Seine Frisur war ein wenig anders als am Vortag, fiel ihr auf. Der Pony stand heute nicht hoch, sondern war seitlich aus der Stirn gekämmt.

»Das war keine Absicht. Sie haben mich erschreckt, da bin ich ausgerutscht.«

»Oje, Entschuldigung.« Er zog die Nase kraus und sah sie verlegen an. »Das war auch keine Absicht.«

»Kein Problem. Wenn ich gerade zum finalen Pinselstrich ausgeholt hätte, wäre es bedeutend schlimmer gewesen. Dann hätte ich Ihnen vermutlich einen Tritt verpasst, als Sie eben Richtung Kante gerutscht sind.«

»In Ihnen schlummern kriminelle Energien«, stellte er fest und sah sie durchdringend an.

Sie lachte. »Nein, eher nicht. Hunde, die bellen, beißen nicht. Sagt man doch so.«

»Sagt man, stimmt aber nicht immer. Machen Sie hier Urlaub?«

»Ja, bei einer Freundin. Und Sie?«

»Ich nicht«, gab er knapp zurück. »Wie heißen Sie?«

»Jasmin Baumgarten«, antwortete sie automatisch und fragte sich im nächsten Moment, ob es klug war, ihren Namen preiszugeben. Es war ungewöhnlich, dass er überhaupt danach fragte, dachte sie und wollte ihn gerade nach seinem Namen fragen, doch er sprach schon weiter:

»Seit wann sind Sie schon hier?«

»Gerade erst angekommen.«

»Gestern waren Sie immerhin schon in Lüttenort.«

»Ja, das war mein erster Ausflug«, erklärte sie.

»So?«

Sie runzelte die Stirn. »Ja, wenn ich’s doch sage.«

Seine Miene entspannte sich. »Natürlich, Entschuldigung, ich hatte nur den Eindruck, dass Sie sich hier in der Gegend auskennen.«

»Ich besuche meine Freundin jedes Jahr«, erklärte sie und fragte sich, wie er auf diese Einschätzung kam. Schließlich hatten sie am Tag zuvor nicht ein einziges Wort gewechselt. Hatte er sie beobachtet?

»Wo wohnt Ihre Freundin?«

»Südlich des Schmollensees.«

»Schöne Gegend.« Er sah sich plötzlich um, als suche er etwas. »Mir hat jemand erzählt, dass es hier oben auf dem Streckelsberg eine Höhle geben soll, eine unterirdische Verbindung zum Strand.« Er sah ihr unvermittelt in die Augen und wirkte mit einem Mal sehr konzentriert. »Haben Sie davon gehört?«

»Deswegen bin ich hier.«

»Ach ja? Und, schon etwas gefunden?«

»Die Wurzel da.« Sie deutete auf die knorrige Skulptur, die die Natur geschaffen hatte. »Der Eingang zur Räuberhöhle.«

Er sah von ihr zu der Wurzel und wieder zu ihr. »Sie nehmen mich auf den Arm!« Ganz sicher schien er sich dessen nicht zu sein, er drehte sich um und war mit zwei Schritten an dem sonderbaren Gebilde.

»Nicht umkippen!«, rief sie. Tollpatschig wie er war, brachte er es fertig, ihr das Motiv zu verderben.

»Ich sehe nichts«, meinte er kopfschüttelnd.

»Das soll der Titel des Bildes werden: Eingang zur Räuberhöhle. Ist zumindest eine Idee. Finden Sie nicht, das könnte die Markierung zu Störtebekers unterirdischem Gang sein?«

»Die Markierung lasse ich gelten, aber wo soll hier bitte schön ein Eingang sein?« Wieder sah er sich um. »Ich suche eher nach einer Kuhle, über die jemand Bretter gelegt hat oder die von Sträuchern überwuchert ist.«

»Im Ernst?«

»Klar! Wo soll denn hier im weichen Sand der Eingang zu einem unterirdischen Labyrinth sein?«

»Nein, ich meine, Sie suchen tatsächlich danach?«

»Wieso nicht? Könnte doch ziemlich interessant sein, finden Sie nicht?«

»Der Störtebeker-Unterschlupf ist eine Sage. Der ganze Mann ist vermutlich ebenfalls nur eine Sage.«

»Sagen Sie!« Er lachte, als er das Wortspiel bemerkte. »Das heißt, alle denken das. Aber ich habe jemanden getroffen, der das Gegenteil behauptet. Und der, von dem ich spreche, ist immerhin hier aufgewachsen. Er hat beteuert, dass er schon als Kind in den Gängen gespielt hat. Natürlich hat er sich nicht weit hineingetraut und ist schon gar nicht einmal ganz hindurchgelaufen. Aber er hat behauptet, er sei vor nicht allzu langer Zeit wieder hier gewesen und habe den Eingang noch immer nahezu unversehrt vorgefunden.«

Jasmin wusste nicht, was sie von dieser Geschichte halten sollte. Wenn es aber wirklich Spuren einer Höhle oder Ähnliches gäbe, dann wäre das bestimmt ein wunderbares Motiv.

»Warum lassen Sie sich von diesem Mann den Eingang nicht einfach zeigen?« Sie tupfte sich den Schweiß von der Stirn und holte ihre Wasserflasche hervor.

»Das geht leider nicht mehr, er ist tot.«

»Oh, das tut mir leid«, sagte sie leise. »Sie sagten, er wäre vor nicht allzu langer Zeit hier gewesen.« Sie zuckte hilflos mit den Schultern, wusste nicht, was sie noch sagen sollte.

»Ja, und bald darauf ist er gestorben.« Wieder dieser durchdringende konzentrierte Blick. »Dumm, nicht wahr? Er hätte mir wirklich helfen können.«

Sie nickte, trank Wasser und betrachtete ihn von der Seite, wie er dastand und auf das Meer blickte. Er hatte etwas Geheimnisvolles an sich, fand sie.

»Warum müssen Sie dieses sagenhafte Labyrinth eigentlich finden?«

Er sah sie an, als hätte sie ihn gerade in bedeutenden Gedanken unterbrochen.

»Wie? Ach so, nein, ich muss das nicht finden. Hat mich bloß interessiert.« Er lächelte. Gerade eben hatte es noch den Anschein gehabt, es hinge etwas davon ab, ob der mysteriöse Höhlengang entdeckt wurde oder nicht, doch jetzt wirkte der Fremde so lässig, als sei das Ganze nur ein unwichtiges Spiel.

»Dann will ich Sie mal nicht länger stören, Sie wollten doch malen. Kommt es da nicht auf das Licht an? Ich möchte auf keinen Fall schuld sein, wenn Sie unverrichteter Dinge wieder abziehen, weil das Licht nicht mehr passt. Dann denken Sie am Ende doch noch, ich hätte etwas gegen Kunst, was aber nicht stimmt. Überhaupt nicht stimmt«, bekräftigte er. Er wischte sich die Hände an den ausgeblichenen Jeans ab, als wolle er ihr zum Abschied die Hand reichen, befürchtete aber, die wäre noch voller Sand. Dann hob er doch nur zwei Finger zum Gruß. »Also dann«, sagte er und ging einige Schritte seitwärts, ohne darauf zu achten, ob etwas in seinem Weg lag. Die Worte der Grauhaarigen kamen Jasmin in den Sinn: Guckt der denn nicht, wohin er tritt? – Offenbar nicht.

»Vorsicht«, rief sie. Gerade noch rechtzeitig.

Er blieb abrupt stehen und sah sie fragend an. Jasmin deutete auf den Baumstumpf, über den er schon bei seinem Erscheinen geflogen war. Müsste er ihn nicht allmählich kennen? Sein Blick folgte ihrem ausgestreckten Finger.

»Oh. Danke«, sagte er und lächelte wieder sein jungenhaftes Grübchenlächeln. »Wir sind uns zweimal zufällig über den Weg gelaufen, Jasmin. Wenn wir uns noch mal begegnen, müssen wir etwas zusammen trinken.«

»Müssen wir das?« Wie charmant, ein kleiner Flirt im Urlaub könnte ihr gefallen. »Ich gehe allerdings prinzipiell nicht mit fremden Männern etwas trinken. Und Sie haben mir Ihren Namen noch nicht verraten.«

»Das machen Sie genau richtig. Man kann nicht vorsichtig genug sein. Sehr gut.« Er nickte ernsthaft. »Also dann, vielleicht bis bald.« Er machte einen Schritt über den Baumstumpf hinweg und verschwand zwischen den Sträuchern.

Jasmin sah ihm nach und musste schmunzeln. Ein wenig kam er ihr vor wie ein zerstreuter Professor, der nur eine Hälfte einer Frage anhörte und schon derart mit der Antwort beschäftigt war, dass er den Rest nicht mehr mitbekam. Und dann diese Ungeschicklichkeit, die eigentlich gar nicht zu seiner sportlichen Figur und den ansonsten geschmeidigen Bewegungen passen wollte. Von diesem Hügel, dem Streckelsberg, erzählte man sich, Störtebeker habe ein Seil über den Weg gespannt, an dem ein Glöckchen befestigt war. Kamen arglose Bürger den Pfad entlang, blieben sie an dem Seil hängen, betätigten ungewollt die Glocke und riefen damit den Freibeuter gewissermaßen zu sich, der sie ausraubte. Wenn dieser Tollpatsch damals gelebt hätte, wäre Störtebekers Plan vermutlich nie aufgegangen. Der hätte das Seil zerrissen, ohne es zu merken, oder den Piraten aus Versehen umgerissen.

»Da bist du ja endlich. Ab unter die Dusche und dann hinein in den feinen Zwirn, wir haben eine Verabredung.« Gabi hatte sich bereits in Schale geworfen. Sie trug eine festliche schwarze Hose und ein weißes Leinenhemd.

Jasmin war irritiert. »Habe ich irgendetwas vergessen?« Sie überlegte, ob sie am Vorabend darüber gesprochen hatten, dass sie heute ausgehen würden, aber ihr fiel nichts dergleichen ein. Und mehr als ein Glas Wein hatte sie nicht getrunken.

»Nein, ist eine spontane Idee. Ein Kunde von mir, für den ich gerade einen Anbau plane, hat heute eine Veranstaltung. Ist doch gerade Musikfestival. Da richtet er jedes Jahr einen Abend mit musikalischen Neulingen aus, denen man eine große Karriere prophezeit. Ich habe in den letzten beiden Jahren teilgenommen. Die Musik war bisher nicht gerade spektakulär. Aber das Drumherum ist nett. Das Ganze findet nämlich in einer Käserei statt, in der es auch Wein gibt.« Sie zwinkerte Jasmin zu. »Sehr guten Wein!«

»Wann müssen wir los?«

»In einer Stunde. Ich bestelle uns ein Taxi, dann können wir uns einen richtig schönen Abend machen. Und morgen mache ich frei. Du kannst dir aussuchen, was wir dann unternehmen.«

»Wirklich? Ach, das ist toll, ich freue mich!«

»Erst beeilen, dann freuen«, ordnete Gabi an.

»Bin schon weg!« Eigentlich war Jasmin ein wenig enttäuscht, denn sie hatte ihrer Freundin ihr Bild präsentieren und von ihrem Tag erzählen wollen.

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