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Der Sohn des Donnergottes

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über den Autor
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Vorrede
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Kapitel 14
  21. Kapitel 15
  22. Kapitel 16
  23. Kapitel 17
  24. Kapitel 18
  25. Kapitel 19
  26. Kapitel 20
  27. Kapitel 21
  28. Kapitel 22
  29. Kapitel 23
  30. Kapitel 24
  31. Kapitel 25
  32. Kapitel 26

Über den Autor

Arto Paasilinna wurde 1942 im lappländischen Kittilä geboren. Der Journalist und Schriftsteller ist einer der populärsten Autoren Finnlands; für seine in mehrere Sprachen übersetzten Werke erhielt er zahlreiche Literaturpreise auch außerhalb seines Heimatlandes.

Vorrede

Der Himmel der Finnen wird von einem Weltnagel an Ort und Stelle gehalten, dessen Fixpunkt der Polarstern ist. Der Himmel an sich ist ein Schwindel erregend weitläufiges Firmament, erleuchtet von Tausenden von Sternen. Dort regieren die finnischen Götter und Schutzgeister, und dort wohnen die verstorbenen guten Finnen. Die größte Macht liegt in den Händen von Obergott Ukko, dem Donnergott.

Der Himmel der Finnen ist älter als die ganze restliche Welt, und die Götter der Finnen sind noch älter. Es gibt keine anderen Götter, die so alt sind. Der älteste von allen ist der Donnergott. Er ist so alt, dass noch nichts fertig und noch kein einziger Gott geboren war, als er sein jetziges Alter schon fast erreicht hatte. Der Donnergott ist nicht nur der älteste, sondern auch der strengste und stärkste. Er ist der beste.

Manchmal gibt der Donnergott im Sommer den Befehl, den Himmel mit einem Regenbogen zu verzieren, und zum winterlichen Himmelsfest wird das Firmament mit flackernden Nordlichtern garniert. Der Donnergott kann die Erde beben lassen, Orkane und Sintfluten hervorrufen, glühende Lava aus Vulkanen ausbrechen lassen, er kann explodierende Meteoriten auf die Erde schleudern, Satelliten aus ihren Umlaufbahnen bringen und Mond und Sonne verfinstern. Mit Blitz und Donner sendet er seine Botschaften auf die Erde. Dann fürchten die Menschen um ihr Leben.

Die toten Finnen, die in ihrem Leben böse Taten begangen haben, kommen in die Hexenküche. Dort kochen ihnen Lempo und Turja das böse Blut ab. Wenn die Verstorbenen das aushalten, dürfen sie auf einem Kiefernbrett den glühenden Unterweltfluss hinabfahren, durch viele siedend heiße Stromschnellen hindurch, bis sie in die Unterwelt Tuonela oder ins Totenreich Manala gelangen. Wer dabei in die heißen Fluten stürzt, ist nicht mehr zu retten. Der Hund von Tuonela zieht den jämmerlichen Leib ans Ufer, um ihn dort zu verschlingen. Nur die bleichen Knochen bleiben auf dem Uferkies zurück und erzählen vom Ende des Unglücklichen.

Vor langer Zeit, als nur Finnen auf der Welt lebten und es noch keine anderen Völker gab, herrschte der Donnergott über alles Lebende, im Himmel wie auf der Erde. Er war der König des großen Firmaments, der Herr des Wassers und des Landes. Und es war gut so.

Aber die Zeiten ändern sich, im Himmel wie auf Erden. Heutzutage gibt es auf der Welt Tausende von Völkern und Rassen, Tausende neue Religionen und Millionen von Göttern. Das finnische Volk, der finnische Himmel und die finnischen Götter sind nur ein geringer Bestandteil dieses unvorstellbar großen Ganzen.

Das Schlimmste ist, dass das Volk Finnlands seine Götter nicht mehr ehrt und ihnen nicht mehr opfert. Die Finnen haben sich dem christlichen Glauben zugewandt und verleugnen ihre eigenen Götter. Viele wissen nicht einmal, dass die Finnen immer noch einen eigenen Himmel und eigene Götter haben. Es gibt nur noch ungefähr fünfhundert Verehrer der alten Götter in Finnland, die aber trauen sich nicht, sich öffentlich zu ihrem Glauben zu bekennen, denn das würde ihnen ernsthafte Schwierigkeiten bereiten. Ruft ein Finne heutzutage den Donnergott um Hilfe, kann er wegen Götzenverehrung oder Verunglimpfung des christlichen Gottes verklagt werden. Er verliert seinen Arbeitsplatz, wird unter Umständen zu Gefängnis oder Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt verurteilt, und seine Kinder und die Gattin werden zum Ziel von Hohn und Spott.

Einer der wenigen, die noch den alten Göttern huldigen, ist Sampsa Ronkainen, ein vierzigjähriger Landwirt und Antiquitätenhändler. Er besitzt eine heruntergekommene Landwirtschaft in der Provinz Uusimaa, in der Gemeinde Suntio, und betreibt einen Antiquitätenladen im Helsinkier Stadtteil Punavuori in einer Straße namens Iso Roobertinkatu.

Seit kammkeramischer Zeit hat Ronkainens Familie an die wahren finnischen Götter geglaubt, ihnen gehuldigt und Opfergaben dargebracht. Sampsa ist geimpft, aber nicht konfirmiert. Er gehört nicht der evangelisch-lutherischen Kirche an und besucht auch nicht den Gottesdienst. Er hat die Angewohnheit, wenn es die Umstände erfordern, zu Ukko Obergott zu beten, denn er glaubt an die alten Götter, so wie seine Väter und Vorväter zu ihrer Zeit. Dennoch verheimlicht Sampsa seinen Glauben. Kein Mensch weiß davon, und darum kann Sampsa Ronkainen in Finnland seinem Broterwerb nachkommen, ohne von der Inquisition verfolgt zu werden.

Weil Sampsa Ronkainen ein gläubiger Mensch ist, fürchtet er sich bei Gewittern.

Im Himmel der Finnen herrscht neben Ukko Obergott dessen Frau Rauni, die auch Erdenmutter genannt wird. Einst verlieh sie den urfinnischen Menschen Kraft im Kampf gegen die Bergkobolde. Die Bergkobolde sind langschwänzige Kerlchen, die sich nicht die Zähne putzen und auch sonst schlechte Manieren haben. Wäre Rauni nicht gewesen, hätten die Kobolde Himmel und Erde erobert.

Von Zeit zu Zeit ist das Verhältnis zwischen Ukko und Rauni ein wenig durch Zänkereien getrübt. Rauni hat gelegentlich die schlechte Angewohnheit, zu schnauben und zu fauchen. Dann wird sogar auf der Erde das Klima drückend, und die Menschen sagen, es liegt ein Gewitter in der Luft.

Außer Ukko und Rauni haben die Finnen eine ganze Reihe weiterer einflussreicher Götter. Der bedeutendste von ihnen ist Ilmarinen, der Gott des Friedens und der Sonne. Ihm darf man für schönes Wetter und goldene Tage danken. Er freut sich über Werke des Friedens und ist traurig bei Kriegen. Im Jahr 1956 war es Ilmarinen, der am Ufer des Totenflusses bereitstand, um den Präsidenten der Republik Finnland, Juho Kusti Paasikivi, nach dessen Tod in Empfang zu nehmen. Ilmarinen sorgte dafür, dass Paasikivi nicht in die Hexenküche musste, sondern direkt in den Himmel gelangte, der extra für ihn mit Nord- und Irrlichtern beleuchtet war. Paasikivi, der kräftig fluchen konnte, stellte fest, das sei ja nun wirklich von einer verdammt höllischen Pracht. Als Erstes erkundigte er sich, ob es möglich sei, den sowjetischen Generaloberst Zdanov zu treffen, der nach dem Krieg als Vorsitzender der Kontrollkommission der Alliierten in Helsinki fungiert hatte. Zdanov war 1948 gestorben, erläuterte Paasikivi, und es sei nun interessant zu wissen, wie es dem alten Verhandlungskumpan anschließend ergangen war.

Ilmarinen kümmerte sich um die Angelegenheit. Es stellte sich heraus, dass Zdanov nicht anzutreffen war, denn er verbrachte seine Zeit bei minus 70 °C hinter der Hexenküche, in der so genannten russischen Hölle.

»Warum kann der alte Teufel mich nicht empfangen?«, murrte Paasikivi, nahm aber Abstand von dem Besuch, als er erfuhr, dass Zdanov weder ihn noch die Finnen im Allgemeinen gering schätzte, sondern allein aus persönlichen Gründen verhindert war.

Als die Zeit für den späteren finnischen Präsident Kekkonen gekommen war, holte Ilmarinen auch ihn am Totenfluss ab. Wäre Kekkonen allein und ohne Empfang dort angekommen, hätte Lempo ihn auf der Stelle in die Hexenküche gezerrt, und eine solche Behandlung war nach Ilmarinens Ansicht für einen Mann des Friedens keinesfalls angemessen.

Für Landwirtschaft und Viehzucht ist der langmähnige Gott Sampsa Pellervoinen zuständig. Zu seinem Tätigkeitsbereich gehört es auch, gegen die Macht des Winters anzukämpfen, keine leichte Aufgabe in Finnland, wo die Schneewehen zwei Meter hoch werden und die Seen einen Meter tief zufrieren können. Und erst die eisigen Moore und Sümpfe! Da einen Frühling zu organisieren ist Schwerstarbeit. Sampsa erledigt sie, indem er den Himmelsnabel mit aller Kraft so weit zu drehen versucht, dass die Sonne auf das vereiste Finnland scheinen kann und dadurch die Macht des Winters gebrochen wird, der Schnee schmilzt und das Land zu grünen beginnt. Die finnische Agrarpolitik verfolgt Sampsa Pellervoinen mit Besorgnis. Er kann nicht begreifen, dass landwirtschaftliche Überproduktion etwas Schlechtes sein soll, wie es die Finnen behaupten. Sampsa findet, die Menschen sollten umso glücklicher sein, je mehr Getreide und Fleisch sie produzierten. Falls es die Finnen tatsächlich nicht schaffen, alles selbst aufzuessen, müssen sie das, was übrig bleibt, eben in Länder schicken, wo Nahrungsmittelmangel herrscht.

Im Himmel der Finnen halten sich noch viele andere bedeutende Götter auf.

Der Gott des Bieres, Pelto-Pekka, ist der Schutzgeist der Trunkenheit und Zügellosigkeit. Seiner Meinung nach kommt es nicht darauf an, welche Marke man trinkt, Hauptsache man ist fröhlich und die Trinksitten sind einigermaßen anständig. Pelto-Pekka mag Gesang und Spiel, Sprücheklopfen und Armdrücken, und es versetzt ihn immer wieder in Erstaunen, dass man heutzutage in finnischen Wirtshäusern nicht mehr singen darf. Er kann auch nicht verstehen, warum man so ein Aufheben um das so genannte Mittelbier macht. Seiner Ansicht nach ist das Mittelbier derart leicht, dass es am ehesten für Frauen und Kinder taugt. Man könnte es für wenig Geld in Familienberatungsstellen und Kindergärten anbieten. Alleinerziehenden sollte das Mittelbier umsonst frei Haus geliefert werden.

Von den großen finnischen Göttern ist außerdem Ägräs zu nennen, der Gott der Fruchtbarkeit. Ägräs besitzt ein Gemächt in der Form einer Doppelrübe, ein flinkes Pferdchen und eine verführerische Stimme. Er ist für jede Art von Fruchtbarkeit zuständig. Verhütungsmittel kann er nicht ertragen, und Abtreibungen sind ihm ein Graus. Die Alt-Lestadianer, die keine Geburtenregelung akzeptieren, sind ganz nach seinem Geschmack, ungeachtet der Tatsache, dass sie nicht an Ägräs, sondern an einen ernsten christlichen Gott glauben, der nicht mal das Fernsehen erlaubt. Die Lockerung der sexuellen Umgangsformen hält Ägräs für eine großartige Sache. Die Hauptsache ist, dass Kinder geboren werden, uneheliche sind dabei genauso genehm wie alle anderen Sprösslinge.

Weniger wichtige Götter haben die Finnen unzählige. Ronkoteus ist der Gott des Roggens, als Schutzgeist der Gerste wirkt Virankanos. In der Hexenküche sind die Blutköche Lempo und Turja zugange, denen eine kolossale Schar Kleingeister zur Hand geht. Unter der Erde wohnen die zottigen Gnome, koboldartige Wesen, die immer ein ernstes Gesicht machen und ein wenig simpel, aber auch äußerst verlässlich und fleißig sind. Auf Friedhöfen und in Leichenhallen hausen die Wichtelmännchen. Sie sind fröhliche Gesellen, obwohl sie ständig ums Leben gekommene Menschen betrachten müssen und trauernde Angehörige untröstlich weinen hören. Viele von ihnen haben sich auch in städtischen Mehrfamilienhäusern niedergelassen, wo sie gemeinhin über das gesamte Treppenhaus herrschen und sich um die Familien kümmern, die ihre Kredite abbezahlen müssen.

Paara, der Schutzgeist der Bankenwelt, ist ein merkwürdiges Wesen, das vor langer Zeit mithilfe von Hexen dem Nachbarsvieh die Milch absaugte. Die gestohlene Milch wurde dann in Paaras Magen ausgebuttert, und das Resultat schied dieser seltsame Erdgeist als fix und fertige Butter direkt in das Butterfass des Besitzers aus. Heutzutage wuchert Paara mit überhöhten Zinsen, jongliert mit Aktien, setzt Menschen wegen des Verkaufs von Mietwohnungen auf die Straße und häuft den Gewinn, den er aus all dem gezogen hat, auf dem oftmals geheimen Bankkonto des Eigentümers an. Früher hieß es, »Paaras Scheiße ist weiß«, heute sagt man, sie »raschelt«. Als die größten Banken Finnlands ihre Aktienausbeute in Milliardenhöhe ablieferten, wäre Paara vor Glück fast verrückt geworden. Viele Monate lang galoppierte er ununterbrochen im Land umher, sein Magen wollte vor Anteilscheinen platzen, und aus seinem Mund troffen die Gratisausgaben, dass es das arme Volk völlig in Panik versetzte.

Oft hört man auch den Grenzteufel rufen. Er schrie laut auf, als 1940 der Friede von Moskau unterzeichnet wurde, und die schlimmsten Laute gab er von sich, als die finnischen Truppen in den Tagen des Fortsetzungskrieges die alte Ostgrenze überschritten. Im Jahr 1944 verstummte seine Stimme, als die Verteidigung der Karelischen Landenge zusammenbrach. Über den Verlust der Stadt Viipuri klagt der Grenzteufel immer noch, und heftigen Lärm machte er anlässlich des geteilten Berlins, des Libanons, wegen der Lage in Südamerika und Afghanistan. Während des Vietnamkrieges mussten seine Stimmbänder operiert werden, weil sie sich jedes Mal entzündeten, wenn wieder eine Nachricht von amerikanischen Bombardements den Himmel der Finnen erreichte.

Böse Geister und Totengeister aller Art flitzen mal im Himmel, mal auf der Erde oder gar unter der Erde herum. Ihtiriekko ist der Schutzgeist der unehelichen Kinder und ein fast ebenso lauter Schreihals wie der Grenzteufel. Liekkiö und Aarni kümmern sich um das Polarlicht, und sollten zufällig einmal ein paar Elfen in der Nähe sein, werden für sie die notwendigen Irrlichter angesteckt.

Ajattara, ein weiblicher Schutzgeist, ist immer irgendwohin unterwegs und in Eile. Sie ist unbeschreiblich schön und betörend, sie trägt ein durchsichtiges Irrlichterkleid, und es wird im Himmel eher für unpassend gehalten, sich öffentlich mit ihr in die Horizontale zu begeben. Nichtsdestotrotz galoppieren die männlichen Götter, allen voran Ägräs, der langhaarigen Ajattara im Wettlauf hinterher, und bis weit hinter die Sterne schallt das girrende Lachen dieser Göttin.

Von den wichtigen finnischen Göttern sollte man noch Tapio erwähnen, den Schutzgeist des Waldes. Er herrscht über den Wald mitsamt seinen Tieren, über das Wild und die Forstwirtschaft. Tapio ist ein sanftmütiger Herr, und sanftmütig sind auch seine Frau und seine Kinder: das Weib Nyrkytär, die Tochter Myyrikki und der Sohn Nyyrikki. Tapios Mutter, die sanfteste von allen, heißt Mieluutar. Ihr ureigenster Schützling ist das Eichhörnchen, und die Kiefer ist ihr Opferbaum. Vor langer Zeit, als es auf der Welt noch mehr Eichhörnchen als Finnen gab und in Finnland nur Laubbäume und Fichten wuchsen, hatte Ukko Obergott den Wunsch, mit Mieluutar zu schlafen. Ohne eine Morgengabe war Mieluutar dazu aber nicht bereit. Ukko fragte sie:

Woran fände Mieluutar Gefallen?

Bescheiden wie sie war, erbat Mieluutar nichts für sich selbst. Stattdessen dachte sie an ihre Eichhörnchen und sagte dem Donnergott einen beziehungsreichen Vers auf:

Das Eichhörnchen lebt in der Birke nicht,

noch klettert’s in der Fichte ...

So wurde Mieluutar der Sohn Tapio geboren, und in Finnland wuchsen von nun an mächtige Kiefern als Wohnbäume für die Eichhörnchen. Bis auf den heutigen Tag quartieren sich die Eichhörnchen am liebsten in Kiefern ein, und gerade diese Baumart gilt auf dem Exportmarkt als das meistgeschätzte Schnittholz.

Die Gräberwichtel, neugierige und muntere Wesen, wunderten sich über diese merkwürdigen neuen »Fichten«, die den alten über den Kopf wuchsen. Sie sprachen so eindrucksvoll darüber, dass man anfing, sie Fichtelmännchen zu nennen. Im Lauf der Jahrtausende hat sich daraus die heutige Form des Namens entwickelt: Die Schutzgeister der Friedhöfe und Leichenhallen sind die Wichtelmännchen. Kaum jemand kennt heute noch den wahren Ursprung dieser Bezeichnung trotz des hohen Niveaus der mythologischen Forschung.

Hittavainen ist Tapios Gehilfe, seine ursprüngliche Aufgabe bestand darin, Hasen für Tapios Tafel zu jagen. Heutzutage kümmert er sich um Abschussgenehmigungen für Elche sowie um Naturschutzangelegenheiten.

Der Schutzgeist des Wasser heißt Ahti. Er wird von einer Meerjungfrau namens Vellamo unterstützt. Manchmal spielen Ahti und Vellamo so hemmungslos im Meer und in den Seen, dass das Wasser schäumt, aber im Allgemeinen ist Ahti zurückhaltend und friedlich. Tapio, Hittavainen und Ahti verfolgen besorgt die Verschmutzung der Natur in Finnland und auf dem gesamten Globus. Sie haben Ukko Obergott von der alarmierenden Sachlage berichtet, doch der Donnergott hat gesagt, er könne die Menschheit keinesfalls zu besserem Benehmen zwingen. Zwar könne er die ganze Erdkugel aus der Umlaufbahn heben, wenn es darauf ankäme, aber selbst wenn damit das Umweltproblem gelöst sei, hätte man doch zugleich die ganze Erde zerstört.

Der Donnergott hat einen Sohn, Rutja, der stattlichste und jüngste von allen Göttern. Rutja ist mutig, fähig und geschickt, wenngleich noch ziemlich unerfahren. Manchmal hält er sich in der Unterwelt Tuonela auf, um seinen Stiefbruder Turja zu besuchen. Dann unterbricht Turja seine Blutkochgeschäfte mit den Sündern, und die beiden Götter fahren mit dem Floß den Totenfluss hinunter. Mit wildem Gebrüll schießen sie durch die kochenden Fluten, und wenn sie ruhige Wasser erreicht haben, lachen sie und schlagen sich gegenseitig auf den Rücken. So vertreiben sich junge, ungestüme Götter die Zeit! Im Himmel versucht Rutja, durch verführerische Reden Ajattara für sich zu gewinnen, aber die hektische Göttin lacht nur und läuft davon. Eigentlich hat Rutja nichts Besonderes zu tun und fragt alle deshalb ununterbrochen, was er anfangen könne. Er steckt voller Tatkraft und ist ruhelos.

Die ganze göttliche Organisation hat in den letzten fünfhundert Jahren mit verminderter Kraft gewirkt. Die Götter der Finnen haben betrübten Sinnes feststellen müssen, dass fremder Glaube und falsche Götter das finnische Volk komplett verdorben haben. Im Lauf der Jahrhunderte ist immer wieder über den Verfall des althergebrachten Glaubens nachgedacht worden, aber man konnte keine taugliche Lösung des Problems finden. Die Götzenverehrung hat in Finnland derart breite Unterstützung gefunden, dass nur noch ungefähr fünfhundert Finnen an Ukko Obergott und die anderen alten wahren finnischen Götter glauben.

Der Donnergott und Ilmarinen empfinden an und für sich nicht den geringsten Hass gegenüber Jesus und dem Gott der Christen. Im Gegenteil, mag an sie glauben, wer will. Aber den Christen steht es nicht zu, den Donnergott einen Götzen zu nennen und seine Verehrer als Heiden zu bezeichnen!

Seinerzeit, als der neue Glaube mithilfe der Kreuzzüge nach Finnland gebracht wurde, lachte der Donnergott amüsiert über das Treiben. Aber mit den Jahrhunderten hat die neue Lehre ihren Status gefestigt, und Ukko lacht nicht mehr. Schon seit hundert Jahren nicht mehr.

Nach Ansicht von Ilmarinen, Tapio, Ägräs und vieler anderer Götter sollte man trotzdem die Finnen nicht völlig vergessen, noch sollte man vor dem Christenglauben und dem verkappten Atheismus kapitulieren. Man müsste vielmehr sämtliche Kräfte bündeln und etwas unternehmen, das dem alten wahren Glauben seine frühere Bedeutung und seine Macht zurückgäbe.

Die Finnen sind Sturköpfe, das weiß man im Himmel nur allzu gut. Trotzdem sprechen Ilmarinen und die anderen Götter bei Ukko Obergott vor und bitten ihn, eine Götterversammlung einzuberufen, um über diese ernste Frage zu beraten. Ukko spricht:

»Seit fünfhundert Jahren bin ich nicht mehr der Gott, den die Finnen verehren ... Manchmal scheint mir, als geschähe es den Finnen gerade recht, wenn ich sie verstieße und das ganze Volk durch ein großes Erdbeben vernichtete ... aber da ihr nun einmal eine letzte Versammlung verlangt, so kann ich auch zustimmen. Leitet das Entsprechende in die Wege!«

Sampsa Pellervoinen schlägt vor, die Götterversammlung am 27. Juni abzuhalten, an seinem Geburtstag. Sampsa begründete den Vorschlag damit, dass dann das Getreide reif werde und so auch bei den zu behandelnden Glaubensangelegenheiten vielleicht fruchtbarere, ergiebigere Ergebnisse erzielt werden.

Der Donnergott akzeptiert das Datum und beruft sämtliche Götter, Gnome, Elfen und Wichtelmännchen zur Versammlung ein. Wie um der Sache Nachdruck zu verleihen, lässt er es für den Rest des Tages stürmen und in der Nacht einen Blitz in den Glockenturm der Kirche von Vieremä einschlagen, die daraufhin in Flammen aufgeht und niederbrennt. Keine Versicherung kommt für den Schaden auf.

1

Der Landwirt und Antiquitätenhändler Sampsa Ronkainen ging die Birkenallee seines Hofes entlang zum Briefkasten, der gut hundert Meter vom Haupthaus entfernt an der Landstraße stand. Das Johannisfest war vorüber, vielleicht lagen die vor den Feiertagen abgeschickten Briefe jetzt im Kasten.

Der Ronkaila-Hof im Dorf Pentele in der Gemeinde Suntio war ein alter Familienbesitz. In der Mitte stand das große, heruntergekommene Hauptgebäude, dahinter das neuere Wohnhaus, das zusammen mit dem Wirtschaftsgebäude – der ehemaligen Gesindestube – und dem Kuhstall eine in sich abgeschlossene Hofanlage hinter dem alten Haupthaus bildete. Im Hinterhof war vor Urzeiten ein Garten angelegt worden, der mittlerweile völlig verwildert war.

Sampsas Spaziergang wurde von den zwei Frauen auf der Veranda des neuen Gebäudes genau beobachtet. Die eine war Sampsas Schwester, die über fünfzigjährige Zahnärztin Anelma Ronkainen-Kullberg, die sich mithilfe eines langen Morgenmantels in Schale geworfen hatte. Die andere war Sampsas inoffizielle Ehefrau, Sirkka Leppäkoski, eine dreißigjährige magere, nichts sagende Person. Eine Lebensgefährtin der gefährlichsten Art.

Sampsas Schwester hatte seinerzeit dank der Erträge des Hofes studieren können. Außerdem hatte sie sich ihr Erbe auszahlen lassen, das ein Drittel des Besitzes ausmachte. Allerdings hatte sie ihren gesamten Besitz verloren, nachdem sie den Schwerenöter Fried Kullberg aus Suntio geheiratet hatte. Der Mann war zwar von niedrigem finnland-schwedischem Adel, jedoch verarmt und vulgär. Überdies war er zu einem gnadenlosen Säufer und Hurenbock geworden. Ohne mit der Wimper zu zucken, hatte er das Vermögen seiner Frau durchgebracht. Anelma Ronkainen-Kullberg war daraufhin für kurze Zeit geistig verwirrt, Kullberg seinerseits starb bald darauf an irgendeiner Trinkerkrankheit, doch der Besitz war verloren, und nun wohnte Anelma auf Ronkaila, ohne irgendetwas zu tun.

Noch vor dem Krieg war der Ronkaila-Hof ein beachtliches Anwesen: achthundert Hektar Grund, davon gut hundert Hektar Getreidefelder, sechzig Milchkühe, eine eigene Dreschmaschine und weiteres bedeutendes Gerät. Der alte Tavasti Ronkainen hatte das erste Elektrizitätswerk der Gemeinde Suntio gegründet, indem er einen kleinen Bach gestaut und im Staudamm einen Generator installiert hatte, um den Strom für seinen Hof und einen Teil des Dorfes zu produzieren. Nun war der Damm gebrochen und das Anwesen war heruntergekommen – nur noch ein Abklatsch dessen, was es einmal dargestellt hatte. Zuerst hatten die Umsiedler ihren Teil mitgenommen, und anschließend hatte Kullberg ein Drittel von dem, was noch übrig geblieben war, versoffen.

Die beiden Frauen auf der Veranda tranken lustlos ihren Kaffee. Sie hatten nichts zu tun, und sie taten auch nichts. Tagaus, tagein plauderten sie, »diskutierten« und »tauschten Meinungen aus«. Davon gedieh im Garten nichts und glänzte auch die Stube nicht. Jeden Herbst brachte der Garten tausend Kilo schorfige Äpfel hervor, doch niemand machte sich die Mühe, sie zu ernten, und so verfaulten sie im kniehohen Gras. Die Drosseln hielten die Johannisbeersträucher besetzt und flatterten als kackender Schwarm kreuz und quer auf Ronkaila herum. Um Mittsommer stand das Gras so hoch, dass der Rhabarber nicht wachsen konnte, und die alten, mehrjährigen Lupinen-Pflanzungen kämpften um ihr Leben, umzingelt von Brennnesseln.

Bremsen und Fliegen schwirrten um die Veranda herum, und die beiden Frauen rieben sich lustlos die Hautfalten unter ihren Morgenmänteln. Die Dusche in der Sauna war wieder einmal kaputt, und niemand mochte im Kessel Wasser heiß machen.

Sampsa öffnete den Briefkasten in der Hoffnung auf den ein oder anderen angenehmen Brief. Verflixt, nur zwei Rechnungen und ein paar Zeitungen! Für Anelma war der Rundbrief des Zahnärztebundes angekommen. Sonst nichts. Sampsa knüllte das Rundschreiben zu einer kleinen Kugel zusammen und ließ es in den zugewachsenen Graben hinter dem Briefkasten fallen. Er musste an seinen Vater denken, den alten Bauern von Ronkaila. Als Anelma den nichtsnutzigen Schweden zum Mann genommen hatte, war Tavasti furchtbar wütend geworden und hatte gebrüllt, er ließe es nicht zu, dass diese Sorte Mensch Ronkaila versäuft.

Aber der Alte war gestorben und ein Teil von Ronkaila versoffen worden. Vor seinem Tod hatte der Vater seinen Sohn in den alten Bräuchen unterwiesen. Als es in der Schule hieß, nun sei es Zeit für den Konfirmandenunterricht, nahm der Alte Sampsa mit in den Wald und lehrte ihn, Ukko Obergott, dem Donnergott, zu opfern.

»Deinen Konfirmandenunterricht bekommst du von mir«, hatte er mit einem Lächeln gesagt.

Hinter dem Haus von Ronkaila gab es damals schon einen dichten Wald, in dessen Mitte sich ein hoher Fels erhob. Sampsa erblickte auf dem Fels einen kleinen Steinhaufen, auf dem wiederum Fischgräten lagen. Tavasti Ronkainen nahm die Mütze ab und befahl Sampsa, es ihm gleich zu tun. Dann legte er ein halbes Kilo Speck auf den Fels, stellte eine halbe Flasche Schnaps daneben, schichtete aus trockenen Zweigen ein kleines Feuer auf und setzte es in Brand. Das Feuer bräunte den Speck, die Hitze ließ die Flasche zerspringen, und der brennende Schnaps lief den Fels hinab auf die Erde. Der Alte schlürfte den heißen Schnaps und befahl auch Sampsa, aus einer Mulde davon zu trinken. Das Zeug hatte eine Wirkung wie ein Hammer, und fast hätte sich Sampsa die Zunge verbrannt. Schließlich krochen Tavasti und Sampsa auf allen vieren im Kreis um den Fels herum und riefen mit lauter Stimme den Donnergott um Glückseligkeit an.

All das war Sampsa unheimlich, aber in Begleitung des Vaters war es noch zu ertragen.

Auf dem Rückweg teilte Tavasti seinem Sohn mit, dass er zu einem der Kirchenältesten der Gemeinde bestellt worden sei, weil er einen so großen Hof hatte.

»Zum Teufel mit der Kirche ... Ukko Obergott besitzt viel mehr Macht als so ein armer Pfarrer.«

In den fünfziger Jahren hatte Sampsas Vater einen Mähdrescher gekauft. Er war der größte im Dorf und enorm teuer. Eines Tages saß die Maschine in einem lehmigen Acker fest und war nicht einmal mit dem Traktor auf Anhieb freizubekommen gewesen. Da war der Alte entsetzlich zornig geworden und hatte mit zum Himmel erhobener Faust brüllend seine eigenen Götter beschimpft. In der folgenden Nacht war ein schweres Gewitter aufgezogen, und ein Blitz war ins Haupthaus eingeschlagen, sodass die Stromleitungen verschmorten und die Steckdosen in allen Zimmern zerbrachen. Im Schlafzimmer im Obergeschoss war der Blitz das Stromkabel entlanggelaufen bis in Tavasti Ronkainens Nachttischlampe, wo er explodiert war und bei der Gelegenheit den Bauern ums Leben gebracht hatte. Die Bäuerin war bereits zur Zeit des Zwischenfriedens an einer Lungenentzündung gestorben und entging dadurch dem Blitz.

Dieser Vorfall bestärkte Sampsa im Glauben an den Donnergott. Er machte es sich zur Gewohnheit, die altertümlichen finnischen Götter an der Stelle mit dem Felsen im Wald zu besänftigen, und wenn sonst Bedarf war, richtete er seine Gebete an den Donnergott. Samp-sa war der Meinung, dass es half. Ukko Obergott hatte ihn schon mehrfach aus heiklen Situationen gerettet. Auch wenn derselbe Gott seinen Vater getötet hatte, konnte er Ukko doch nicht hassen, denn Tavasti Ronkainen hatte über sein Schicksal selbst bestimmt, indem er seinem Gott drohte. Nach dem Begräbnis verkaufte Sampsa den Mähdrescher. Er wurde in Einzelteile zerlegt und weggeschafft. Im alten Teil von Ronkaila wurden neue Leitungen gelegt, und Tavastis angekohltes Bett wurde in den Schuppen getragen, wo Brennholz daraus gemacht wurde.

Vor langer Zeit hatte Sampsa das Gymnasium besucht, Abitur gemacht und eine Zeit lang an der Universität Kunstgeschichte studiert. Derlei Bücherweisheiten zogen ihn an, aber irgendwie kam er doch nicht vorwärts, weil er sich mit der Landwirtschaft abgeben musste und ihm auch schon die Gründung eines Antiquitätengeschäfts vorschwebte.

Eines Sommers kam Anelma auf die Idee, ihre Freundin mitzubringen, eine gewisse Sirkka Leppäkoski, die angeblich eine echte Künstlerin war und Applikationen anfertigte. Sie war jünger als Sampsa, ein zartes, zerbrechliches Wesen, das in Sampsa ein bisschen Mitgefühl und schwache Sympathien weckte. Sirkka war fast in allem das genaue Gegenteil von Anelma: still, mit wässrigen Augen. Sie lief dicht an der Wand auf und ab und hielt immerfort etwas in Händen, mit dem sie spielen konnte, mal einen getrockneten Grashalm, mal eine Haarspange. Anelma hingegen besaß eine raue Stimme, sie war kräftig gebaut, groß wie ein Mann, und ihre Haut erinnerte an Leder. Oft dachte Sampsa, dass die Patienten bestimmt schreckliche Angst hatten, wenn sie in Anelmas Zahnarztstuhl Platz nehmen mussten. Anelma war faul und gleichgültig, dazu auf eine männliche Art grob. Wenn sie einen Patienten am Kopf packte, gab es kein Entrinnen mehr. »Mund auf! Das Blut dort in den Napf spucken!«

Anelma brauchte Sirkka, und diese brauchte Anelma. Sirkka konnte sich mit ihren kläglichen Applikationen nicht über Wasser halten, und Anelma ging es nicht viel besser. Sampsa und sein Hof mussten für den Unterhalt der beiden aufkommen, und so waren sie wiederum abhängig von Sampsa. Anelma regelte die Angelegenheit, indem sie dafür sorgte, dass Sirkka Sampsas Frau wurde beziehungsweise seine Lebensgefährtin, denn der Bruder wollte partout nicht auf Befehl heiraten.

Die stille Sirkka Leppäkoski wuselte von morgens bis abends um Sampsa herum. Oft wollte sie mit ihm einen Spaziergang in den Wald machen, über die Felder oder auf die verwilderte Schafweide. Sirkka glitt häufig auf einem Stein aus, dann durfte Sampsa ihr aufhelfen. Und wenn ein paar Regentropfen fielen, suchte Sirkka unter Sampsas Anorak Schutz und zitterte an seiner Brust wie ein schreckhafter Schmetterling. Ging Sirkka vor Sampsa die Treppe hinauf, kicherte sie und raffte ihren Rock bis über die Knie, warum auch immer, und sie trug keine Strümpfe, soweit man sehen konnte. An lauen Sommerabenden trank Sirkka auf der Veranda Tee und vergrub ihre Hand in Sampsas Hand.

Auf eine merkwürdige Weise hing Sampsa an dieser zarten Frau, die rührende Applikationen nähte und mit der man sich über Kunstgeschichte unterhalten konnte.

Schließlich schnappte die Falle zu. Sirkka war angeblich schwanger, eine Abtreibung musste in die Wege geleitet werden und so weiter. Im Dorf wurde Sirkka als Sampsas Braut vorgestellt.

»Du hast Sirkka in eine schreckliche Lage gebracht«, erklärte Anelma ihrem Bruder. »Sie muss hier wohnen bleiben, ganz egal, was du dazu sagst.«

Vielleicht wurde bei Sirkka eine Abtreibung vorgenommen, vielleicht auch nicht. Ein Kind kam jedenfalls nicht zur Welt. Zu Beginn versuchte Sirkka, mit Sampsa im selben Bett zu schlafen. Das gefiel Anelma jedoch überhaupt nicht, und so zog Sampsa in den alten Teil hinüber, in das heruntergekommene Haupthaus, das sechzehn Zimmer hatte. In einem davon hatte der Donnergott einst Sampsas Vater umgebracht. Aber Sampsa fürchtete sich nicht vor dem Haus, er fürchte sich mehr vor den Frauen, die sich im neuen Gebäude herumtrieben. Auf dem Dachboden des alten Hauses knarrte es nachts, wenn die Wichtelmännchen auf der Jagd nach Elfen von einem Ende des Gebäudes zum anderen rannten. Im Haupthaus hatte Sampsa seine Ruhe vor den Frauen, denn sie trauten sich kaum hinein. Sie behaupteten, es spuke darin, bei Gewitter schlurfe der alte Tavasti Ronkainen mit der Nachttischlampe in der Hand durch die Zimmer.

In allen alten Häusern spukt es, da hatten die Frauen Recht.

»Ist das ein Leben!«, meinte Anelma mit einem unfreundlichen Blick auf Sampsa, der immer noch am Ende der Birkenallee neben dem Briefkasten stand. Sirkka stimmte zu. Auch sie fand, dass dies ein Leben sei.

»Heute machen wir mal nichts«, schlug sie dann vorsichtig vor.

»Ich hab auch auf nichts Lust«, stellte Anelma fest.

Als Sampsa vom Briefkasten zurückkam, trat ihm aus der Sauna Sirkka Leppäkoskis »Bruder« entgegen, ein junger Mann nur mit Jeans bekleidet und mit einem Handtuch über der Schulter.

»Morgen, Post?«

»Nicht für dich.«

Der Kerl hatte sich schon im Frühjahr auf Ronkaila eingenistet, angeblich um des brüderlichen Kontakts willen. Sampsa verabscheute den Mann, der nicht nur faul, sondern auch noch frech war. Mit seinen fünfundzwanzig Jahren hatte er in seinem Leben noch nichts zustande gebracht und würde es sicher auch in Zukunft nicht tun. Er hieß Rami oder so ähnlich. Auf den Oberarmen und auf der Brust hatte er stümperhafte Tätowierungen: Kreuz, Anker, Frau im Bikini, Kompassrose ... Sampsa wurde schlecht beim Anblick dieses nackten Oberkörpers. Aber so ist das. Der Mensch hat das Bedürfnis, Monumente zu errichten, dachte Sampsa. Der wohlhabende Mann baut ein Haus, vielleicht auch einen Turm in Blockbauweise und beackert das Land. Der gewöhnliche Geselle lässt sich eben seinen Körper tätowieren, weil er sonst nichts hat. Das ist sein Denkmal, ein primitives Bild auf der eigenen Tapete.

Sirkkas »Bruder« brachte Freunde mit nach Ronkaila, die wiederum ihre Bekannten mitbrachten, und so musste Sampsa auf seinem Hof andauernd Gartenfeste ertragen. Das ging ins Geld, die Gewinne aus der Landwirtschaft reichten dafür nicht aus, und das Antiquitätengeschäft in Helsinki brachte auch nicht viel ein.

In den Pausen zwischen den Festen fielen die Frauen in ihr träges Dahinvegetieren zurück. Sie konnten wochenlang in Morgenmantel und Pantoffeln vor sich hin leben. Mitunter standen sie gar nicht erst auf, und wenn es bewölkt war, gingen sie nicht aus dem Haus.

Sirkkas »Bruder« verschwand nun im neuen Haus, wohin sich auch die Frauen mit ihren Kaffeetassen zurückgezogen hatten. Bald drang schallendes Gelächter aus der Küche, weil Rami mit seinem Handtuch nach den Frauen schlug. Er war fest davon überzeugt, amüsant zu sein. Die Frauen mussten sehr lachen.

Sampsa war der Ansicht, es wäre nicht mehr als recht, wenn eines Tages der Blitz im Haus einschlüge, um diese widerlichen Personen zu Asche zu verkohlen. Ein Weilchen betete Sampsa zum Donnergott, damit dieser die Sache tatsächlich einmal in die Hand nahm, aber nichts geschah. Es war ein wolkenloser, windstiller Tag. Sampsa beschloss, am Nachmittag nach Helsinki zu fahren, wo der Antiquitätenladen für den Sommer in Ordnung gebracht werden musste. Der Laden sollte für ein paar Wochen geschlossen werden, denn Frau Moisander, Sampsas Ladenhilfe, fuhr in Urlaub.

Frau Moisander, eine ungestüme allein erziehende Mutter, war ein sehr viel schwieriger Fall als Anelma und Sirkka zusammen. Auch sie war der Ansicht, in gewisser Weise mit Sampsa in einem eheähnlichen Verhältnis zu leben. Sampsa hätte wegen Bigamie angeklagt werden können, wären diese Verhältnisse ebenso offiziell gewesen wie eine Ehe, und wenn Sampsa selbst die beiden eigenartigen Verbindungen als wahr bestätigt hätte. Wie auch immer, Sampsa wurde für alles Mögliche angeklagt. Er war das gewohnt. Manchmal kam es ihm dennoch so vor, als wolle Ukko Obergott ihn bestrafen, weil er Sampsa von so vielen Frauen schröpfen ließ.

2

Der Weltnagel bog sich unter dem Gewicht der Götter, als sich die alten finnischen Gottheiten um Ukko Obergott, den höchsten unter ihnen, versammelten. Es war der 27. Juni, der Tag des Sampsa Pellervoinen, die Zeit der Kornreife.

Ukko Obergott, der Donnergott, saß inmitten des großen Himmelsaals auf seinem Thron, über sich den Polarstern. Er trug Zobelfelle, eine Mitra, an der Irrlichter flackerten, und mit Austernperlen verzierte Schnabelstiefel, an deren Spitzen rote Edelsteine in der Größe der Zehen glänzten. An Ukkos Zepter in seiner linken Hand zischte ein nervöser Kugelblitz. In der rechten Hand hielt er eine Blitzwurzel, die von Zeit zu Zeit knisterte und zuckte und gelbroten, stechend riechenden Qualm ausspuckte. Als Thron diente Ukko eine bauschige Wolke, in dessen Flaum es sich gut und bequem saß. Scheue Polarlichter umringten den Thron und warfen ihr Licht auf den Gott, dessen väterliches und gelassenes Wesen in Gestalt eines Sterns bis auf die Erde reflektiert wurde. Die Menschen, die diesen Stern sahen, wurden sonderbar.

Hinter dem Thron des Donnergottes stand sein Weib Rauni, bekleidet mit dem schwarzen Pelz einer Wölfin und geschmückt mit blauen Spektrolithbändern, die sich um ihre Stirn und ihre Schultern rankten. Eine Hand hatte Rauni auf Ukkos Schulter gelegt, eine besitzergreifende Geste. Am Mittelfinger funkelte ein roter Stein, ähnlich denen an Ukkos Stiefelspitzen.

Angeführt von Ilmarinen erreichten die anderen Götter den Versammlungsort. Neben Tapio mit seinem Weib erschienen Sampsa Pellervoinen, Pelto-Pekka, Ägräs, Ronkoteus und Virankannos, außerdem Vellamo am Arm von Ahti; aus der Unterwelt kamen Lempo und Turja sowie eine Reihe zottige Kleingeister. Ajattara betrat strahlend und in einen durchsichtigen Umhang gewandet die Versammlung. Als letzter traf Rutja ein, der Sohn des Donnergottes. Er befahl den Kleingeistern, um den Thron herum Aufstellung zu nehmen und sich um das gleichmäßige Glimmen des Kugelblitzes und der Blitzwurzel zu kümmern.

Nachdem die Götter ihre Plätze eingenommen hatten, erschien eine Schar Gnome, die sich im hellen Licht des Himmels die Augen rieben, und nach ihnen hüpfte noch ein Schwarm Elfen herbei, zierliche, nur mit Nebelschleiern bekleidetet Jungfrauen. In den Händen hielten die Elfen Zauberreiser, an denen klitzekleine Glühwürmchen leuchteten.

Auch Wichtelmännchen und Hausgeister kamen hinzu, außerdem zahlreiche Spezialgottheiten wie Liekkiö, Äpärä und Ihtiriekko, die Schutzgeister der getöteten Kinder. Der Grenzteufel brüllte furchterregend bei seiner Ankunft und nahm dann weit entfernt vom Thron Platz, an der Grenze von Licht und Schatten, um von dort der Versammlung zu folgen. Auch Pökkö, Kluko und Kurko, die Schutzgeister der Verrückten und Taugenichtse gesellten sich dazu. Ihre Gesellschaft suchten Kyöpeli und Jumi, die wie die Höllengeister von den hellen Lichtern geblendet wurden. Hinter Paio platzierten sich Nyrkytär, Myyrikki und Nyyrikki sowie der ziemlich kleine Hittavainen, der bei jedem Geräusch und bei der kleinsten Bewegung wie ein Hase zusammenzuckte. Zu Füßen der Götter galoppierte ächzend Paara herum, den Mund voller Handelsbank-Aktien.

Ilmarinen, der Gott des Friedens, des guten Wetters und der windstillen Luft, der die Winde wiegte, gab ein Zeichen. Alle Götter sprachen mit hoher Stimme im Chor die Eröffnungsworte jeder Versammlung:

He ho, Ukko Obergott,

Donnerer am Wolkenrand,

Sprichst du ein Wort,

erschallen zwei!

Der Donnergott stand auf, hob den Kugelblitz mit der linken Hand empor und polterte.

»Ich bin Ukko Obergott, der älteste aller Götter. Wer daran zweifelt, dem schlage ich dieses Zepter aufs Haupt!«

Die Vorstellung, einen Schlag mit dem Kugelblitz abzubekommen, ließ die schüchternsten und kleinsten Geister zittern vor Angst, wenn auch unnötigerweise, denn Ukko wollte eigentlich niemandem drohen. Er vollzog lediglich einen uralten Ritus, der heutzutage keine praktische Funktion mehr besitzt.

Der Donnergott setzte sich. Er nickte Ilmarinen zu, damit dieser beginne.

Ilmarinen legte einen religiösen Lagebericht vor. Er erzählte, was bereits alle wussten: Die uralte finnische Religion war schlimmer in Gefahr als je zuvor. Insbesondere der christliche Glaube hatte über die Finnen eine unfassbare Macht gewonnen, aber damit nicht genug: Auch Agnostiker und Atheisten gab es im Volk. Nur ganz wenige Finnen glaubten noch an ihre ursprünglichen Götter. Auch unter den verwandten Völkern stand die Sache schlecht. Ostjaken, Wogulen und Tscheremissen, die heutzutage auf dem Gebiet der Sowjetunion leben, hatten begonnen, sich zu den Lehren des Sozialismus zu bekennen.

»Und an Sozialisten herrscht selbst in Finnland kein Mangel«, brummte Ilmarinen.

Ilmarinen zufolge hatte die Verehrung fremder Götter in Finnland fast schon absurde Ausmaße angenommen. In jedem Dorf stand eine Kirche, und in größeren Ortschaften gab es sogar mehrere dieser Kultstätten. Es handelte sich um große, für viel Geld errichtete Bauwerke mit fest installierten Orgeln, die tiefe Töne von sich gaben. Um die Kirchen herum erstreckten sich weitläufige Friedhöfe. Man nannte die finnischen Dörfer gar Kirchspiele – welch eine Schande! Am schlimmsten war, dass alle Finnen ein Zeichen des falschen Glaubens auf ihr Grab bekamen: Es wurden Kreuze aufgestellt, Emblem jener weit verbreiteten fremden Religion. Und wenn man sich nicht für ein Kreuz entschied, schleppte man zumindest einen schweren Stein heran, in den dann ein Kreuz hineingeritzt wurde, damit es noch nach Jahrhunderten als Zeichen tiefen Glaubens sichtbar war.

Ilmarinen sprach von der kolossalen Begeisterung der Finnen für den fremden Glauben, der ihnen erst vor sieben- oder achthundert Jahren fix und fertig gebracht und eingehämmert worden war. In so kurzer Zeit hatten die Finnen ihren einzig wahren Glauben verleugnet und sich den neuen angeeignet! Das Ganze ging sogar so weit, dass in Finnland spezielle Lieder, so genannte Choräle, zu Ehren des falschen Glaubens gesungen wurden. Man betete zum falschen Gott und dessen Sohn Jesus, schrieb Bücher über dieses Thema und verfügte sogar über eigene Lehrstühle an finnischen Universitäten, wo über die fremde Religion und ihre Kuriositäten völlig ernsthaft und angeblich wissenschaftlich nachgedacht wurde.

Ilmarinens Stimme bebte, als er einen Überblick über die Verehrung der alten Götter im heutigen Finnland gab.

»Im ganzen Land kann man keinen einzigen Opferhain mehr finden, wo uns Ochsen oder wenigstens kleineres Getier dargebracht würden! Die Verstorbenen werden mit dem Kopf nach Osten begraben, was ein lasterhafter Brauch ist, denn jeder weiß doch, dass die einzig richtige Methode die ist, die Toten so mit Erde zu bedecken, dass die Köpfe auf den Himmelsnabel und den Polarstern zeigen. Man legt den Verstorbenen nicht mehr ihre Lieblingswerkzeuge in den Sarg und auch sonst keine brauchbaren Gegenstände. Stattdessen verbleiben die teuren Sachen in der Obhut des Nachlasses, damit die gierigen Angehörigen sie nach dem Begräbnis mit großem Gezänk untereinander verteilen können. Es gibt weit und breit keine abgeästeten Fichten mehr, die dem Andenken dienen. Im fernen Lappland sind noch ein paar Kultstätten übrig geblieben, aber auch die verfallen, und selbst an den besten Fischplätzen entstehen keine neuen. Eine tiefe Undankbarkeit hat sich der Finnen bemächtigt, ein irdisches Spektakel. Die wenigen Hexentrommeln und Schamanenwerkzeuge, die es im Lande noch gibt, liegen unbenutzt in Museen herum, um vom ganzen Volk nur noch begafft zu werden. Zum Ernteschluss wird kein Bier mehr zu Ehren Pekkas getrunken, zu allen anderen Zeiten dafür umso mehr, aber der eigentliche Grund für die Sauferei ...

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