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Der Schwur des Drachen

Elvira Zeißler

Der Schwur des Drachen

Aus den Chroniken der Drachenrüstung





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Der Schwur des Drachen

Eonur spannte den Bogen und zielte. Er genoss das Gefühl der Ruhe, das ihn jedes Mal dabei überkam. In so einem Augenblick zählte nichts außer dem Pfeil auf der Sehne des Bogens und dem Tier, das er jagte. Dieses Mal war es ein junger Hirsch, ein wunderschönes Tier mit einem ungewöhnlich hellen, fast weißen Fell, wie sie nur tief im Drachengebirge vorkamen. Der Hirsch wandte den Kopf und der junge Jäger lockerte die Spannung der Bogensehne. Der Augenblick für den perfekten Schuss war vorbei. Doch er würde wiederkommen. Eonur konnte warten. Er strich sich eine Strähne des schulterlangen, von der Sonne gebleichten Haares zurück und zielte erneut.

Seit drei Tagen war er nun schon auf der Jagd, so tief wie jetzt war er noch nie in die Berge vorgedrungen. Und seit über einer Stunde lauerte er nun schon dem weißen Hirsch auf. Er pirschte mal hierhin, mal dorthin um das Tier herum, stets auf der Hut, es nicht zu erschrecken, und wartete. Immer wieder spannte der Jäger den Bogen und ließ ihn dann wieder sinken. Er musste das Tier mit einem einzigen Pfeil erlegen, genau ins Auge, damit nichts dessen wunderschönes, seidiges Fell besudelte, das er seiner Alinera am Hochzeitstag zu Füßen legen wollte.

Eonur schlich einen Schritt zur Seite, spannte mit einer fließenden Bewegung den Bogen und schoss. Im selben Augenblick, als der Pfeil sirrend die Sehne verließ, zuckte der Hirsch zusammen und sprang davon. Enttäuscht sah Eonur zu, wie sein Pfeil ins Leere flog und schließlich in einem Baumstamm stecken blieb. Doch der junge Jäger rührte sich nicht. Etwas musste das Tier erschreckt haben und es war vermutlich immer noch da. Aufmerksam betrachtete er die Bäume und Felsen um ihn herum, doch er konnte keine Gefahr entdecken.

Gerade als er sich beruhigt erheben wollte, ging ein gewaltiges Rütteln durch die Erde, er wurde von den Füßen gerissen und prallte hart gegen einen Baum hinter seinem Rücken. Noch einmal und noch einmal bebte die Erde. Mit einem schrecklichen Tosen krachten riesige Steinbrocken von einem weiter oben gelegenen Felsmassiv herab und der Teil des Berges, auf dem Eonur sich befand, geriet plötzlich ins Rutschen. Voller Panik versuchte der Jäger, sich aufzurappeln und sicheren Boden zu erreichen. Er klammerte sich an Grasbüscheln fest, die er mit den Wurzeln herauszog, und riss sich die Fingernägel an der harten Erde ein, in dem verzweifelten Versuch, Halt zu finden. Es dauerte nur einige Augenblicke, doch Eonur kam es wie Tage vor, bis er schließlich einen größeren Baum erreichte. Er klammerte sich, so fest er konnte, an den knorrigen Baumstamm und schloss die Augen. „Bitte helft mir!“, flüsterte er den Guten Geistern zu. „Bitte lasst mich Alinera wiedersehen!“

Das Beben der Erde hörte bald auf und schließlich spürte er auch keine Erschütterungen durch herunterfallende Felsbrocken mehr. Vorsichtig öffnete Eonur die Augen und sah sich um. Die kleine Lichtung, auf der vor so kurzer Zeit noch der weiße Hirsch ruhig gegrast hatte, war verschwunden, von einem gewaltigen Erdrutsch weggerissen. Und überall lagen riesige Steine verstreut, von denen ein jeder genügt hätte, um ihn darunter zu begraben. Doch obwohl die Erde wieder stillstand, erfüllte ein fernes Donnern die Luft. Nein, kein Donnern, erkannte der junge Jäger schließlich mit einem Schaudern, sondern ein Brüllen. Er wagte es gar nicht, sich auszumalen, was für ein Wesen einen solchen Laut erzeugen konnte oder weshalb. Eonur zögerte. Es hieß, dass das Drachengebirge seinen Namen nicht umsonst trug. Dass es nicht nur wegen der steilen, spitz nach oben zulaufenden Felsklippen und der tiefen Erdspalten, die an die Rückenstacheln eines Drachen erinnerten, so genannt wurde. Natürlich hatte er selbst noch nie eines dieser unheimlichen Geschöpfe gesehen. Er spürte, wie Neugier und Furcht in seinem Herzen kämpften. Er war kein Feigling. Doch alle Menschen wussten, dass Drachen bösartig und hinterhältig sein sollten und dass man ihnen am besten nicht in die Quere kam. Sogar das Kopfgeld, das auf diese Wesen ausgesetzt war, verleitete kaum jemanden, sich auf die Suche nach diesen ihnen zu machen. Und selbst wenn einer töricht genug war, es zu versuchen, kam er nie wieder zurück.

Eonur lauschte erneut. Das Brüllen klang eindeutig schmerzerfüllt, auch wenn es langsam leiser wurde. Wer auch immer es war, wurde allmählich schwächer. Eonurs Entscheidung war gefällt. Die Jagd jetzt noch fortzusetzen, wäre leichtsinnig und gefährlich. Es konnte jederzeit ein weiteres Erdbeben geben. Es war ein Wunder, dass er überhaupt noch lebte. Er würde das Schicksal nicht zweimal am selben Tag herausfordern. Der Weg, auf dem er gekommen war, lag unter dem Erdrutsch begraben. Er musste sich also eine andere Stelle für den Abstieg suchen. Wenn er dabei das verletzte Geschöpf, ob Drache oder anderes Wesen, fand, dann sollte es so sein. Wenn nicht, dann nicht. Er würde es nicht unnötig riskieren, Alinera noch vor der Hochzeit zur Witwe zu machen.

Entschlossen klopfte er sich den Staub und heruntergefallene Blätter von der kurzen Jacke und machte sich mit einem Stoßgebet zu den Guten Geistern auf den Weg.

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