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Der Schönere gibt nach

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Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Susan Mallery

Der Schönere gibt nach

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Ivonne Senn

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An denjenigen, der mir jeden Tag versüßt, an dem ich schreibe. Du leistest mir Gesellschaft, sagst mir bei jeder Seite, wie brillant sie ist, und erinnerst mich daran, dass es hilfreich ist, ab und zu innezuhalten und ein wohlverdientes Nickerchen zu machen. Meine kleine Prinzessin. Meine süße Nikki.

Außerdem einen besonderen Dank an Bill Buchanan für seine technische Hilfe bezüglich der freiwilligen Feuerwehr. Er war großartig, und alle Fehler gehen allein auf mein Konto. (Ja, Bill, du musst die Widmungsseite tatsächlich mit meinem Pudel teilen.)

1. KAPITEL

Versteh mich nicht falsch, aber ein Kater von deiner Größe muss alle vier Pfoten auf dem Boden behalten.“

Charlie Dixon kletterte weiter die Leiter hinauf. Ihr war bewusst, dass Daytona sie mit geringschätzigem Blick aus seinen großen grünen Augen betrachtete. Ein sechsundzwanzig Pfund schweres, schwarz-weißes Bündel des Missfallens. Er mochte ein ausgezeichneter Kletterer sein, aber seine Fähigkeiten, einen Baum wieder hinunterzukommen, ließen einiges zu wünschen übrig. Mindestens einmal im Monat beförderte er seinen flauschigen Wanst auf den höchsten Ast von Mrs Coversons Ahornbaum und verlangte dann kläglich miauend, gerettet zu werden. Nach ungefähr einer Stunde bekam die alte Dame regelmäßig Panik und rief die Feuerwehr. Daytona, der seinen Namen Mrs Coversons Liebe für alles, was mit NASCAR zu tun hatte, verdankte, schaute böse und fauchte und drohte, aber am Ende ergab er sich jedes Mal und ließ sich brav auf die Erde zurücktragen.

„Komm her, du“, sagte Charlie und erklomm die letzten beiden Stufen der Leiter. „Du hast doch bestimmt schon wieder Hunger, und ich bin dein direkter Weg zum Futternapf.“

Wie auf Kommando legte die Katze die Ohren an und stieß ein beeindruckendes Knurren aus.

„Leere Drohungen, Großer.“ Charlie streckte die Hand nach dem Kater aus. Daytona versetzte ihr einen Schlag mit der Pfote, den man bestenfalls als halbherzig bezeichnen konnte, denn gleichzeitig robbte der Kater ein Stückchen näher heran und ließ sich anstandslos von ihr auf den Arm nehmen.

„Keine Sorge“, rief jemand von unten vom Bürgersteig. „Ich halte Ihre Leiter.“

Charlie seufzte schwer. „Zivilisten“, murmelte sie. „Wieso finden die immer ausgerechnet mich?“

Daytona enthielt sich eines Kommentars.

Charlie schaute nach unten und sah einen Mann am Fuß der Leiter stehen. „Alles in Ordnung“, rief sie. „Treten Sie zurück.“

„Aber jemand muss doch die Leiter halten“, erwiderte der dunkelhaarige Mann.

„Nein, eigentlich nicht.“

Charlie klemmte sich Daytona sicher unter einen Arm und begann den Abstieg. Sie kletterte schnell, weil sie wusste, dass Daytonas Stillhaltevermögen nur knapp bis zur Erde reichte. Wenn er anfing, sich zu winden, liefen sie beide Gefahr, von der Leiter zu fallen. Dieses Mal kam es fast dazu.

Daytona stemmte sich mit allen vier Pfoten gegen ihre Brust, dann drehte er sich in dem Versuch herum, den Rest des Baumes allein herunterzuklettern. Charlie hielt ihn und sich fest. Nicht nur, weil sie nicht von der Leiter fallen wollte, sondern auch, weil sie der alten Mrs Coverson auf gar keinen Fall einen ramponierten Daytona übergeben konnte.

„Hör auf damit!“, schalt sie den Kater.

„Soll ich raufkommen?“, fragte der Mann.

Charlie fragte sich kurz, wie viel Ärger sie bekommen würde, wenn sie ihn mit ihren Stahlkappenstiefeln treten würde, und ob es das wert wäre. Einige ihrer besten Freunde waren Zivilisten, aber bei Gott, es gab Leute, denen fehlte jeder Ansatz von Grips.

„Bleiben Sie zurück“, rief sie. „Treten Sie von der Leiter zurück und behindern Sie mich nicht bei meiner Arbeit.“

„Ich behindere nicht, ich helfe.“

Bevor Charlie reagieren konnte, passierten mehrere Dinge auf einmal. Daytona drückte sich mit aller Macht von ihr ab. Charlie beugte sich vor, um den sich windenden Kater festzuhalten. Die Leiter geriet ins Schwanken, der Idiot von unten fing an, die Stufen zu erklimmen, und alle zusammen durften sie einen Moment lang die pure Macht der Schwerkraft erleben.

Daytona kam damit am besten zurecht. Er schlug seine Krallen in die Rinde des Baumes und raste dann nach unten. Charlie kam als Zweite. Sie befand sich knapp zwei Meter über dem Boden, der zwar schnell näher kam, doch anstatt auf den Bürgersteig oder das Gras daneben zu stürzen, fiel sie auf den Kerl, der versucht hatte, ihr zu „helfen“.

Während sie auf ihm lag und nach Luft rang, kam Daytona zu ihr und fauchte noch ein letztes Mal. Dann stakste er davon, den Schwanz steil in die Luft gereckt. Charlie robbte von dem Mann herunter, wobei ihr auffiel, dass sie mit ihren muskulösen eins neunundsiebzig vermutlich mehr wog, als schicklich war. Ohne Zweifel hatte sie ihm den Atem verschlagen. Wenn sie Glück hatte, war nur sein Stolz ein wenig angeknackst, und sie könnte ihm eine Standpauke darüber halten, warum es nie klug war, sich dumm zu benehmen. Wenn sie Pech hatte, müsste sie einen Krankenwagen rufen.

„Alles in Ordnung?“ Sie kniete sich neben ihn und schaute den Mann zum ersten Mal an. „Haben Sie sich den Kopf gestoßen oder …“

Ach du heilige Scheiße! Das ist nicht einfach irgendein dummes Exemplar der Gattung Mensch, dachte sie und ließ den Blick über den perfekten Kiefer, die festen, vollen Lippen und – als er langsam die Lider öffnete – die dunklen Augen gleiten, die von dichten, langen Wimpern eingerahmt wurden. Dies hier war vermutlich der am besten aussehende Mann des gesamten Planeten.

Clay Stryker. Model. Hintern-Double. Seine Kehrseite war auf Anzeigen, in Kalendern und Filmen zu sehen. Er hatte einen umwerfenden Körper und ein noch umwerfenderes Gesicht. Er war ein Mann, für dessen Lächeln die Erde ihre Umlaufbahn ändern würde.

Sie hatte ihn schon ein paar Mal getroffen. Zum Beispiel auf der Hochzeit ihrer Freundin Heidi mit Clays Bruder. Außerdem wohnte Clay auf der Ranch, auf der sie ihr Pferd untergebracht hatte. Sie nickten einander über Stalltüren und Heuballen hinweg zu. Doch von so nahe hatte sie ihn bisher noch nie gesehen. Zumindest nicht in Fleisch und Blut. Überhaupt war sie einem so makellosen Menschen noch nie so nahe gekommen.

Widerstrebend musste sie zugeben, dass er sie ein wenig nervös machte.

Es zuckte um einen seiner perfekten Mundwinkel. „Hey“, sagte er. „Ich habe dich gerettet.“

Charlie schnaubte. „Wohl kaum. Hast du dir den Kopf gestoßen? Denn wenn ja, hoffe ich, dass dir dabei ein wenig Verstand eingebläut worden ist.“

Aus dem Zucken wurde ein Lächeln. „Gern geschehen.“ Er setzte sich auf.

Charlie legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Ganz ruhig, Hitzkopf. Bist du verletzt? Du lagst in unserem Haufen ganz unten. Wir müssen sichergehen, dass du dir nichts gebrochen hast.“

„Mein Ego ist nur ein wenig verletzt, weil du so gar nicht zu schätzen weißt, was ich für dich getan habe.“

„Du hast mich von der Leiter geschubst und uns beide damit beinahe umgebracht. Nein, dafür bekommst du tatsächlich keinen Keks.“ Sie stand auf und streckte ihm die Hand hin. „Kannst du aufstehen?“

Das Lächeln wurde zu einem Grinsen. Verdammt, der Kerl sieht aber auch gut aus, dachte sie versonnen. Trotz der Tatsache, dass es beinahe zehn Jahre her war, dass sie einen Mann attraktiv gefunden hatte, zog sie etwas an seiner gottgleichen Erscheinung irgendwie an.

Er ignorierte ihre Hand und stand in einer fließenden Bewegung auf. „Mir geht es gut.“

„Charlie, hast du dir etwas getan?“

„Alles gut, Mrs Coverson.“ Charlie versuchte, nicht die Zähne zusammenzubeißen. Ihre Zahnärztin hatte sie gewarnt, dass sie aufhören müsste, immer mit den Zähnen zu knirschen, sobald sie genervt war. Was die meiste Zeit des Tages zutraf.

Mrs Coverson stand mit Daytona auf dem Arm auf der vorderen Veranda. Hinter ihr stand Charlies Kollegin Michelle Banfield mit einem halb gegessenen Brownie in der Hand und einem etwas schuldbewussten Ausdruck in den Augen.

„Ich wollte gerade helfen kommen“, nuschelte Michelle. „Aber dann waren da diese Brownies.“

„Schon okay“, warf Clay ein. „Ich war ja da.“

Charlie musste sich zusammenreißen, um ihm nicht einen Klaps auf den Hinterkopf zu geben.

„Das hier ist allerdings der einzige Ort, an dem du dich nicht befinden solltest. Es ist illegal, einen Mitarbeiter der Feuerwehr bei der Arbeit zu behindern. Wenn du das noch einmal machst, werde ich dich verhaften lassen.“

Anstatt entsprechend beeindruckt zu sein, grinste Clay nur. „Du bist echt tough.“

„Du hast ja keine Ahnung.“

Er streckte ihr die Hand hin. „Freut mich, dass ich helfen konnte.“

„Du hast nicht …“ Sie schüttelte den Kopf. „Wie auch immer. Gut. Danke. Und jetzt geh.“

Sie schüttelte seine Hand und spürte jeden einzelnen seiner Finger. Er war mindestens zehn Zentimeter größer als sie. Alles interessante Fakten, aber keine, die irgendeinen Nutzen hätten.

Als Allererstes musste sie einmal ihre Männerphobie überwinden, und wenn sie beschloss, das zu tun, wäre es garantiert nicht mit einem Mann wie ihm. Sie würde nach jemandem Ausschau halten, der Sicherheit versprach. Nett war. Normal. Außerdem, wenn sie so dumm wäre, sich von ihm angezogen zu fühlen – was sie nicht war –, würde ein Mann wie er sich in einer Million Milliarden Jahren nicht für eine Frau wie sie interessieren. Männer verliebten sich in Supermodels und in … in … in Frauen wie ihre Mutter. Zumindest damals, als ihre Mutter noch jünger gewesen war.

Charlie machte sich nichts vor. Sie war stark und tüchtig. Sie konnte die fünfundzwanzig Kilo schwere Ausrüstung, die ihre Arbeit verlangte, tragen, ohne ins Schwitzen zu geraten. Sie konnte einen Schlauch ohne Probleme zehn Stockwerke hochschleppen. Sie war autark. Sie wusste, wie man einen Reifen wechselte und einen tropfenden Wasserhahn reparierte. Sie brauchte keinen Mann. Abgesehen vielleicht von einer winzig kleinen Sache.

„Äh, Charlie?“

„Was?“, gab sie angespannt zurück.

Clay schaute auf ihre immer noch miteinander verbundenen Hände. „Wolltest du nicht, dass ich gehe? Denn dann bräuchte ich die hier zurück.“

Verdammt. Sie ließ ihn sofort los. „Sorry.“

„Kein Problem.“ Er schenkte ihr ein Lächeln, das eine weniger robuste Frau in die Knie gezwungen hätte. „Wir sehen uns auf der Ranch.“

Die Ranch, dachte sie verblüfft. Ah, stimmt ja. Er wohnte dort. Sie hatte ihr Pferd da untergestellt. Sie würden einander über den Weg laufen. „Sicher.“

Er winkte den beiden Frauen auf der Veranda zu. „Einen schönen Tag noch, die Damen.“

Sie nickten beide, ohne zu sprechen. Als er davonschlenderte, sah Charlie, dass Michelle und Mrs Coverson ihre Augen nicht von seinem Hintern lösen konnten. Charlie gestattete sich selber noch einen schnellen Blick, bevor sie auf das Haus und einen frisch gebackenen Brownie zumarschierte.

Zucker ist einfach, dachte sie. Köstlicher Geschmack gefolgt von einem Anstieg des Blutzuckerspiegels. Aber Männer … das war eine ganz andere Geschichte. Und Clay war schlimmer als die meisten. Denn als er dieses letzte Lächeln hatte aufblitzen lassen, hätte sie für den Bruchteil einer Sekunde schwören können, tief in ihrem Inneren etwas zu spüren.

Keine Anziehung. Das wäre zu viel gesagt. Aber ein leichtes Flackern. Ein zartes Flüstern. Was bewies, dass ein gewisser Teil von ihr doch noch nicht tot war. Leider hatte ausgerechnet ein Pomodel mit dem Gesicht eines Engels diese Reaktion ausgelöst. Ein Mann, der jede Frau haben konnte, die er wollte. Und dafür nicht mehr tun musste, als sie zu fragen. Oder einfach nur anzuschauen.

In seiner Welt regierten die Makellosen. Sie hingegen war gebrochen. Vielleicht nicht so, dass alle es sehen konnten – was daran lag, dass sie gelernt hatte, Normalität vorzutäuschen. Doch sie selber kannte die Wahrheit.

Immerhin hatte sie Fortschritte gemacht. Heute ein leichtes Flackern, morgen ein winziges Kribbeln. Noch ein oder zwei Jahrtausende, und sie wäre vielleicht auch endlich so normal wie alle anderen.

Clay sicherte die große Leinwand, die das Zentrum seiner Präsentation darstellte. Er hatte Stunden damit verbracht, die Informationen auf ein paar leicht verständliche Grafiken und Diagramme zu reduzieren. Zu jeder Zahl hatte er unterstützende Forschungsergebnisse im Kopf.

Hier im Wohnzimmer des Farmhauses, in dem er die ersten Lebensjahre verbracht hatte, wollte er seiner Mutter und seinen beiden Brüdern einen Vorschlag unterbreiten.

Vor die Wahl gestellt, hätte er es lieber mit tausend unruhigen Aktienbesitzern zu tun gehabt. Sicher, die Familie sollte einen eigentlich unterstützen, aber Rafe und Shane waren beide erfolgreiche Geschäftsmänner. Sie würden sich nicht so leicht von emotionalen Bindungen ablenken lassen. Im Gegenteil, Rafe würde ihn vermutlich eher noch härter beurteilen, eben weil er sein Bruder war.

Clay konnte sich nicht mehr wirklich an seinen Vater erinnern. Der war noch vor Clays fünftem Geburtstag gestorben. Doch Rafe, sein ältester Bruder, hatte versucht, die Lücke auszufüllen, die der Tod ihres Vaters hinterlassen hatte. Er hatte sich für seine Geschwister verantwortlich gefühlt und sich für sie geopfert. Für Clay hätte er sich einen etwas traditionelleren Berufsweg gewünscht – College, danach ein sicherer, fester Job. Dass sein kleiner Bruder stattdessen Model geworden war, hatte Rafe überhaupt nicht gefallen, und er ließ keine Gelegenheit aus, ihm unter die Nase zu reiben, dass er sein Leben vergeudete.

Nun, gute zehn Jahre später, war Clay bereit, den Rat seines Bruders anzunehmen und sich niederzulassen. Nur wollte er seine eigene Firma aufmachen, und dazu bedurfte es der gesamten Familie.

Clay hatte sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Über ein Jahr lang hatte er mit verschiedenen Geschäftsmodellen gespielt, bis er sich schließlich für das entschied, das ihm am sinnvollsten erschien. Er wusste, was er wollte: denen nahe sein, die er liebte, mit seinen Händen arbeiten und sich in eine Gemeinschaft einbringen. Seine Idee erfüllte alle diese Wünsche und versprach noch dazu einen guten Gewinn. Bislang hatte er keine Nachteile erkennen können. Aber sollte es welche geben, würde Rafe ihn garantiert darauf hinweisen, da machte er sich keine Illusionen.

Rafe, Shane und ihre Mutter May betraten hintereinander das Wohnzimmer. Clay hatte das Sofa vor die Leinwand gerückt. Jetzt drückte er ein paar Knöpfe auf seinem Laptop, um die Präsentation zu laden.

„Setzt euch“, sagte er und deutete auf die Couch. Als seine Nerven anfingen zu flattern, rief er sich ins Gedächtnis, dass er gründlich recherchiert hatte und seine Idee verdammt gut war. Wenn seine Brüder nicht clever genug waren, das zu erkennen, würde er sich an jemand anderen wenden.

Er drückte einen weiteren Knopf, und das erste Bild erschien. Eine Familie bei einem Picknick. „Da immer mehr Technologie in unseren Alltag Einzug hält, wünschen sich viele Leute eine Möglichkeit, ab und zu die einfachen Freuden des Lebens zu genießen. In den letzten Jahren gewinnt eine alte Form der Ferien immer mehr Anhänger: Urlaub auf dem Bauernhof. Oder wie es heute heißt: Farmilienurlaub. Eine Möglichkeit für Familien, in schöner Umgebung Zeit miteinander zu verbringen und gleichzeitig das Leben so zu erfahren, wie es einst war. Sie arbeiten auf einer Farm oder einer Ranch mit, kommen in Kontakt mit der Natur und können endlich mal wieder abschalten.“

Clay klickte, und ein zweites Bild erschien. Eine Frau und ein Mann, die auf einem Traktor fuhren. „Die Durchschnittsfamilie verlangt etwas für ihr Geld: bequeme Unterkünfte, einen Ort, an dem Kinder und Eltern auf Entdeckungstour gehen können, ohne auf die Zeit, Verbrechen oder die neuesten Nachrichten aus aller Welt achten zu müssen.“

Er führte durch mehrere Grafiken, die zeigten, wie viel Urlaub Familien jedes Jahr machten, dann kam er zum Hauptteil seiner Präsentation. Er schlug vor, achtzig Hektar Land auf der anderen Seite der Castle Ranch zu kaufen. Dort würde er Heu und Alfalfa für die Pferde und die anderen Tiere der Ranch sowie biologisches Gemüse und Obst anbauen. Überwacht würde das Ganze von einem Farmmanager, und die Arbeit würde zum Großteil von den Urlaubern erledigt.

Wohnen könnten die Farmilienurlauber in den Ferienhäusern, mit deren Bau Rafe auf dem Grundstück angefangen hatte. Die Stadt war nah und bot genügend Attraktionen, falls es die Familien mal nach ein wenig Abwechslung verlangte. Mit Reitpferden, einem Gemeinschaftspool und dem perfekten Sommerwetter in Fool’s Gold würden sie bald ein beliebtes Urlaubsziel werden.

„Die Vorteile für die einheimische Wirtschaft sind offensichtlich“, sagte er. „Zusätzlich habe ich mit ein paar Lehrern der Middle- und Highschool gesprochen. Sie hätten gerne einen kleinen Garten für ihre Schüler, in dem sie landwirtschaftliche Projekte durchführen könnten.“

Er endete mit einer Übersicht über die Kosten und Einnahmeprognosen. Seinen Berechnungen zufolge würden sie im zweiten Jahr den Break-even-Point erreichen und ab dem dritten Jahr Gewinne machen.

Als er fertig war, schaltete er den Computer aus und stellte sich seiner Familie. Seine Mutter May sprang auf die Füße und umarmte ihn.

„Das war ganz toll“, sagte sie. „Ich bin so stolz auf dich. Wie viel Arbeit du dir gemacht hast. Wir sollten das auf jeden Fall umsetzen.“ Sie drehte sich zu ihren anderen Söhnen um. „Findet ihr nicht?“

Shane und Rafe tauschten einen Blick, den Clay nicht deuten konnte. Er gab seiner Mom einen Kuss auf die Wange. „Danke für die Unterstützung.“

May seufzte. „Ja. Ich weiß. Ich bin deine Mutter. Ich liebe alles, was du tust. Okay. Ihr Jungs besprecht die Einzelheiten.“ Sie drehte sich erneut zu den beiden Älteren um. „Und keinen Streit.“

„Wir?“, fragte Shane ernst. „Niemals, Mom.“

„Ha.“

Sie verließ das Wohnzimmer. Clay setzte sich auf den Stuhl neben der Leinwand und wartete darauf, dass seine Brüder etwas sagten.

Rafe nickte langsam. „Beeindruckend. Wer hat dir geholfen, die Präsentation zusammenzustellen?“

„Niemand.“

Rafes Augenbrauen schossen in die Höhe.

Clay lehnte sich entspannt zurück. Er würde das, was jetzt kam, genießen, das wusste er. „Ich habe einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften mit Schwerpunkt Marketing von der New York University. Außerdem habe ich vor ein paar Jahren eine Ausbildung in Farmmanagement auf einer Ranch in Vermont absolviert.“ Er zuckte mit den Schultern. „Als Model hat man viel Zeit zu überbrücken. Ich habe meine nicht vergeudet.“

Diane, seine verstorbene Frau, hatte ihn immer ermutigt, zu studieren. Die Idee einer Ausbildung war ihm später gekommen, nachdem sie gestorben war. Er hatte eine Weile aus der Stadt rausgemusst, und die harte körperliche Arbeit hatte ihm geholfen, über ihren Verlust hinwegzukommen.

Rafe blinzelte. „Wirklich?“ Er wandte sich an Shane. „Hast du das gewusst?“

„Klar.“

Rafe schaute wieder Clay an. „Wieso hast du es mir nicht erzählt?“

„Ich habe es ein paarmal versucht.“

Rafe schüttelte den Kopf. „Lass mich raten. Ich habe nicht zugehört.“

Clay zuckte mit den Schultern. „Eine erfolgreiche Firma aufzubauen benötigt viel Zeit und Aufmerksamkeit.“

Er hätte mehr sagen können, aber Rafe hatte sich in den letzten Monaten stark verändert. Der einst so streitbare, nur seine Sicht der Dinge akzeptierende Mogul war zu einem Menschen geworden. Das war eindeutig seiner Frau Heidi zu verdanken. Liebe hatte die Angewohnheit, Prioritäten neu zu ordnen. Eine Lektion, die Clay schon vor vielen Jahren auf die bestmögliche Weise gelernt hatte.

Nachdem sich Rafe, Shane und ihre Mutter alle in Fool’s Gold niedergelassen hatten, verspürte Clay den Wunsch, in ihre Nähe zu ziehen. Zumal es die perfekte Gegend für seine Idee vom Urlaub auf der Farm war. Die starke Gemeinschaft im Ort war noch ein zusätzlicher Bonus. Sein Unternehmen war ihm zwar wichtig, aber es würde nicht seine gesamte Zeit in Anspruch nehmen, sondern ihm ausreichend Gelegenheit lasen, sich in der Stadt zu engagieren. Er hatte auch schon ein paar Ideen – eine davon würde er mit einer gewissen Feuerwehrfrau besprechen, wenn er sie das nächste Mal sah.

Rafe blätterte die ausgedruckte Präsentation durch, die Clay ihnen beiden gegeben hatte. „Das sind eine Menge Informationen, die du da zusammengestellt hast.“

„Ich habe viel recherchiert.“

Shane schaute sich die Pflanzliste an. „Mir gefällt das Mitspracherecht beim Anbau der Pflanzen.“

Shane züchtete und trainierte Rennpferde. Nachdem er jahrelang Vollblüter gezüchtet hatte, hatte er gerade seinen ersten Araberhengst gekauft.

„Glaubst du, dass Menschen im Urlaub wirklich arbeiten wollen?“, fragte Rafe.

„Wer will denn nicht mit dem Trecker fahren?“ Clay grinste. „Wenn das nicht reicht, können wir immer noch Schüler oder Studenten aus der Gegend engagieren. Es gibt auch eine Gemeinschaft der Farmarbeiter in der Nähe. Ich habe schon mit ihnen gesprochen. Wir können jederzeit zusätzliche Arbeitskräfte von ihnen anheuern.“Shane schaute ihn an. „Mom wird dir eine Liste mit all ihren Wünschen geben.“

May war so begeistert davon gewesen, endlich Teilhaberin einer Ranch zu sein, dass sie sofort angefangen hatte, alle möglichen seltsamen Tiere aufzunehmen, um die sich keiner mehr kümmern wollte. Es gab ein ältliches Schaf, ein paar Lamas und eine alte indische Elefantendame namens Priscilla.

„Ich habe mich schon erkundigt, was Priscilla am liebsten frisst“, erwiderte Clay locker.

Sie sprachen noch eine Weile über die Zahlen. Rafe interessierte hauptsächlich, für wie viel Geld die Bungalows vermietet würden und was die Extras wie der Swimmingpool kosten sollten. Es wurde auch diskutiert, ob die Übernachtungskosten das Mittagessen beinhalten sollten – gegrillte Hamburger oder Hotdogs oder Sandwiches. Schließlich erhob Rafe sich.

„Das hast du gut gemacht, Kleiner“, sagte er. „Ich denke, wir sollten das umsetzen.“

Clay stand ebenfalls auf. Endlich verspürte er die Befriedigung, nach der er schon so lange suchte. Vor ihm lag harte Arbeit, aber er freute sich auf jeden einzelnen Schweißtropfen, den er vergießen würde.

„Ich bin dabei“, sagte Shane und gesellte sich zu ihnen.

Die drei Brüder schüttelten einander die Hand.

„Sind alle damit einverstanden, dass Dante die Papiere aufsetzt?“, wollte Rafe wissen. Dante war sein Geschäftspartner und Anwalt.

Clay legte seinem ältesten Bruder eine Hand auf die Schulter. „Kein Problem. Solange es dir nichts ausmacht, dass ich alles auch noch einmal von meinem Anwalt prüfen lasse.“

„Vertraust du mir etwa nicht?“ Rafe grinste.

„Doch, aber meine Mama hat keinen Dummkopf großgezogen.“

2. KAPITEL

Charlie überprüfte ein letztes Mal den Sattel, dann tätschelte sie Masons Flanke. „Bereit?“, fragte sie ihr Pferd.

Er schnaubte, was sie als Zustimmung nahm, und ließ sich von ihr aus dem Stall führen.

In der Morgenluft lag noch ein kühler Hauch, doch später am Nachmittag sollten die Temperaturen auf über dreißig Grad steigen. Blau wölbte sich der Himmel über ihr – der Anfang eines schönen Tages in einem schönen Leben. Sie hatte eine Arbeit, die ihr gefiel, Freunde, auf die sie sich verlassen konnte, und einen Ort, den sie Heimat nannte.

Aus dem Augenwinkel nahm sie eine Bewegung wahr und drehte sich um. Clay Stryker kam auf sie zu.

„Du reitest aus?“, fragte er lächelnd. „Hast du Lust auf Gesellschaft?“

Das Wort, das ihr als Erstes in den Sinn kam, war nein. Sie wollte keine Gesellschaft. Sie wollte alleine reiten, weil sie das lieber mochte. Doch er war neu in der Stadt, und eine ihrer besten Freundinnen war mit seinem Bruder verheiratet. Und ihre andere Freundin war mit seinem anderen Bruder verlobt. Sie würde ihm also noch oft über den Weg laufen. So war das Leben in Fool’s Gold.

Ihr Blick fiel auf seine eng sitzende Jeans, und sie fragte sich kurz, ob die mehr oder weniger als die monatliche Miete für ihr Haus gekostet hatte. „Kannst du reiten?“

Sein Lächeln wurde zu einem Grinsen. Ein amüsiertes Funkeln in den Augen verriet ihr die Antwort. „Ich denke, ich werde mich irgendwie oben halten. Gib mir fünf Minuten.“

Er ging zurück zum Stall. Charlie ertappte sich dabei, auf seinen Hintern zu starren, der immer noch genauso ansehnlich war wie beim letzten Mal. Es ist bestimmt interessant, körperlich perfekt zu sein, dachte sie und lehnte sich an Mason. Gedankenverloren kraulte sie ihn hinterm Ohr. Clay hatte es geschafft, ihre Aufmerksamkeit zu wecken, was beinahe unmöglich war. Vielleicht würde sie nach einem gemeinsam verbrachten Vormittag noch einmal dieses Flackern spüren. Da sie sich zum Ziel gesetzt hatte, ihr „Männerproblem“ zu lösen, wäre es ganz gut, ein wenig Flackern und Kribbeln zu fühlen. Wenn er sie dazu bringen könnte, sich wieder für normale Männer zu interessieren, umso besser. Sie könnte geheilt werden und endlich mit ihrem Leben weitermachen.

Innerhalb von fünf Minuten kehrte er mit einem gesattelten Pferd am Zügel zurück. Sie bewunderte seine langen Beine und sein perfektes Gesicht. Er war wirklich eine Augenweide.

„Ich erkenne da ein gewisses Misstrauen in deinen Augen“, sagte er im Näherkommen. „Sollte ich mir Sorgen machen?“

„Um mich nicht.“

Sie stellte den Fuß in den Steigbügel und schwang sich behände in den Sattel. Clay setzte seine Sonnenbrille auf und stieg dann ebenfalls aufs Pferd. Seine eleganten Bewegungen verrieten, dass er das nicht zum ersten Mal tat.

„Schöner Tag heute“, sagte er, als die Tiere sich in Bewegung setzten.

Charlie richtete ihren Hut. „Du wirst jetzt aber nicht die ganze Zeit vor dich hin plappern, oder?“

„Wäre das ein Problem?“

„Ja.“

„Du nimmst kein Blatt vor den Mund, was?“

„Öfter, als ich sollte. Wie letztes Mal. Dein Eingreifen war nicht hilfreich.“

„Ich habe deinen Sturz abgefedert.“

Sie verdrehte die Augen. „Wenn du nicht im Weg gestanden hättest, wäre ich gar nicht erst gefallen.“

„Gern geschehen.“

Sie unterdrückte ein Stöhnen. Es waren erst drei Minuten vergangen, und der Kerl machte sie bereits verrückt. Sie riet sich, ihn einfach zu ignorieren und sich auf die Schönheit der Landschaft zu konzentrieren. Die Castle Ranch lag im Westen der Stadt und südlich von dem noch im Bau befindlichen Kasino-Hotel-Komplex. Gute vierhundert Hektar unberührtes Land mit vielen Bäumen und Büschen. Vor vielen Jahren hatte der alte Castle auf diesem Land Rinder gehalten, doch als er starb, war die Ranch verfallen.

Sie und Mason folgten ihrem üblichen Weg. Er führte am Zaun entlang zu dem Grundstück, das Clays Bruder Shane für seine Rennpferde gekauft hatte. Von da ging es am äußerten Rand der Ranch entlang zurück zur Hauptstraße.

Sobald sie die Pferche hinter sich gelassen hatten, beschleunigte Mason den Schritt. Charlie berührte ihn leicht mit den Hacken, und er fiel in einen ruhigen Trab. Sie bewegten sich wie eine Einheit, so vertraut waren sie mit den Erwartungen des anderen. Aus dem Trab wurde ein Galopp, den er für eine Viertelmeile hielt. Charlie ließ ihn das Tempo bestimmen und wartete, bis er wieder in einen ruhigen Schritt verfiel.

Clay hatte die ganze Zeit mitgehalten und lenkte sein Pferd jetzt neben sie. „Ihr zwei kennt euch wohl schon länger?“

„Wir verstehen uns blind.“ Ihr fiel auf, wie entspannt er im Sattel saß und die Zügel hielt. „Du hast aber anscheinend auch schon die eine oder andere Stunde auf dem Pferderücken verbracht. Pass bloß auf, Shane wird dich sonst noch rekrutieren, um seinen Pferden Bewegung zu verschaffen.“

„Ach, es gibt schlimmere Arten, den Tag zu verbringen.“ Er schaute zum Horizont. „Ich bin hier aufgewachsen. Wir sind weggezogen, da war ich noch klein, aber ich erinnere mich, dass es mir hier sehr gut gefallen hat.“

Charlie kannte die Geschichte der Familie Stryker. Clays Mutter May hatte für den alten Castle als Haushälterin gearbeitet. Der missmutige Bastard hatte ihr praktisch kein Gehalt gezahlt und ihr versprochen, ihr nach seinem Tod die Ranch zu überlassen. Doch als es so weit war, musste May feststellen, dass irgendwelche entfernten Verwandten von ihm von der Ostküste die Ranch geerbt hatten. Sie hatte daraufhin ihre Kinder geschnappt und war weggezogen.

Vor ein paar Monaten hatten ungewöhnliche Umstände sie und ihren ältesten Sohn Rafe zurück auf die Ranch geführt.

„Bist du wegen dieser Erinnerungen hier?“, fragte sie.

„Auch. Ich will in der Nähe meiner Familie sein.“ Er schaute sie an. „Und ich ziehe hier ein kleines Geschäft auf. Farmilienurlaub.“

Davon hatte sie schon mal gehört. „Familien können eine Woche auf einer Farm leben und so tun, als wäre es 1899?“

Er grinste. „Bei mir wird es schon fließend Wasser und eine Internetverbindung geben.“

„Dann werden die Kinder dich lieben.“ Sie dachte an die Ferienhäuser, die Rafe baute, und die Reitpferde, die Shane kürzlich gekauft hatte. „Fool’s Gold ist ein sehr beliebter Ferienort. Deine Idee wird noch mehr Besucher herlocken. Und damit wird dich auch der Stadtrat lieben.“

„Das hoffe ich doch. Ich treffe mich Freitag mit ihnen.“

„Ein ganz schöner Sprung, vom Männermodel zum Anbieter von Farmurlauben.“

Er zuckte mit den Schultern. „Irgendetwas muss ich ja tun. Ich bin dreißig. Als Hinternmodel zu arbeiten ist was für junge Leute.“

Charlie klappte den Mund auf und wieder zu. „Ich weiß wirklich nicht, was ich dazu sagen soll.“

Clay lachte leise. „Vertrau mir, niemand will einen alten Knacker in Unterwäsche sehen.“

Das war bestimmt richtig, aber Clay war Lichtjahre davon entfernt, ein alter Knacker zu sein.

„Du hast aufgehört, bevor sie dich darum bitten mussten?“, fragte sie.

„So was in der Art.“ Er zeigte zu dem Flüsschen, das durch den nördlichen Teil der Ranch floss. „Wollen wir eine kurze Pause machen?“

„Klar.“ Sie ließ Mason anhalten und stieg ab.

Nachdem sie die Pferde im Schatten der Bäume angebunden hatten, schlenderten sie zum Ufer. Charlie war sich des Mannes neben sich sehr bewusst. Er war größer als sie, was sie sehr angenehm fand. Und durch seine breiten Schultern auch breiter als sie. Sie setzten sich nebeneinander ins Gras, ohne sich zu berühren. Er zog eine Packung Kaugummi aus der Brusttasche seines Hemdes und bot ihr eines an.

Sie nahm es und packte es langsam aus. „Du hast vorher in New York gewohnt?“

„Hm-hm.“

„Dann ist Fool’s Gold sicher eine ganz schöne Umstellung.“

„Ich bin bereit für eine Veränderung.“

Sie musterte sein Profil. Er sah seinen Brüdern sehr ähnlich, war jedoch ein klein wenig perfekter als die beiden. Sie wusste beinahe gar nichts über sein Privatleben, schätzte aber, dass es ihm an weiblicher Aufmerksamkeit nie gemangelt hatte. Zu schön für meinen Geschmack, dachte sie abwesend und steckte sich das Kaugummi in den Mund. Ein so makelloser Mann würde ihr eine Heidenangst einjagen.

Um ehrlich zu sein, würde das jeder Mann, der andeutete, mit ihr Sex haben zu wollen, doch das musste niemand wissen. Sie war fest entschlossen, ihre Schwäche zu besiegen. Sobald sie den richtigen Mann dafür gefunden hatte.

„Wie lange bist du schon bei der Feuerwehr?“, fragte er.

„Beinahe neun Jahre.“

„Immer hier in Fool’s Gold?“

„Nein. Ich habe in Portland angefangen.“ Sie lächelte. „Oregon, nicht Maine. Dort war ich ungefähr drei Jahre. Die Feuerwehr in Fool’s Gold habe ich während der Ferien gefunden. Während eines Urlaubs hier habe ich der Wache einen Besuch abgestattet und mich einfach vorgestellt. Drei Monate später haben sie mir ein Angebot gemacht.“

„Die Stadt scheint mehr weibliche Feuerwehrleute zu haben als üblich.“

„Die Stadt hat überhaupt mehr Frauen in traditionell männlichen Berufen als die meisten Städte“, erwiderte sie. „Bis vor Kurzem herrschte hier ein akuter Männermangel.“

Das leichte, unglaublich attraktive Grinsen kehrte zurück. „Davon habe ich schon gehört.“

„Ja, das glaube ich gerne.“

Er lehnte sich zurück und stützte sich auf den Ellbogen auf. „Du glaubst wohl, ich bekomme jede Frau.“

„Versuch gar nicht erst, mich vom Gegenteil zu überzeugen.“

„Ich würde nie auf die Idee kommen, dich von irgendetwas überzeugen zu wollen.“

„Wie bist du Model geworden?“

Er schob sich die Sonnenbrille ins Haar. Sein dunkler Blick ging an ihr vorbei zum Horizont. „Ich bin in einem Einkaufszentrum entdeckt worden.“ Er schaute sie an. „Ehrlich.“

„Ich dachte, so etwas gibt es nur im Film.“

„Dachte ich auch. Da lief gerade eine Modenschau. Ich bin hingegangen, weil ich auf ein paar hübsche Mädchen in kurzen Kleidern hoffte. Eines der männlichen Models war nicht aufgetaucht. Alle waren total panisch. Ich hatte seine Größe. Also haben sie mich in seine Klamotten gesteckt und mir gesagt, ich solle über den Laufsteg gehen. Das habe ich getan. Nach der Show kam ein Agent auf mich zu und hat mich überredet, Model zu werden. Eine Woche später zog ich nach New York.“

„Was für ein glücklicher Zufall.“

„Das fand ich auch. Ich war gerade mit der Highschool fertig und hatte keine Ahnung, was ich werden oder tun wollte. Ich habe sofort angefangen zu arbeiten. Innerhalb weniger Monate hatte ich die ersten Kampagnen an Land gezogen.“

Ah, ein Mann mit einem gesegneten Leben. Das sollte sie vermutlich nicht überraschen. „Und dann folgten Ruhm und Reichtum auf dem Fuß?“

„Mit dem Ruhm bin ich mir nicht so sicher, aber ja. Es lief gut. Während eines Unterwäsche-Shootings muss man sich oft umziehen. Niemand macht sich die Mühe, hinter einem Vorhang zu verschwinden oder so. Dabei hat jemand meinen Hintern gesehen. Ein paar Tage später erhielt mein Agent eine Anfrage, ob ich nicht Lust hätte, als Po-Double in einem Film mitzuwirken. Anfangs war mir das ein wenig peinlich, aber sie haben gut bezahlt und ich habe Ja gesagt.“

„Stimmt es, dass du deinen Hintern hast versichern lassen?“

Er lachte leise. „Inzwischen nicht mehr, aber ja. Ich habe verschiedene Körperteile versichern lassen. Was mit entsprechenden Einschränkungen einherging. Ich durfte keinen Sport treiben, der zu Entstellungen führen kann, musste ein bestimmtes Gewicht und eine bestimmte Körperform beibehalten. Keine Bräunungsstreifen. Keine Tattoos.“

So ein Leben konnte sie sich nicht vorstellen. „Und was jetzt? Hast du vor, fünfzig Pfund zuzunehmen und dir ‚Mama ist die Beste‘ auf den Allerwertesten tätowieren zu lassen?“

„Ich glaube nicht. Ich habe einfach nur das Bedürfnis, mich irgendwo niederzulassen.“

„Werden dir die Groupies, oder wie man sie nennt, nicht fehlen?“

„Nein. Die habe ich schon vor Jahren aufgegeben.“

„Nach den ersten hundert wird es langweilig, hm?“

„Ja, so in der Art.“

Unverbindlicher Sex. Davon hatte sie natürlich schon gehört. Allerdings verstand sie das Konzept nicht, was Teil ihres Problems war.

„Ich bin nicht sicher, ob du dich hier wohlfühlen wirst“, sagte sie. „Wir sind ziemlich konservativ. Familie, Freunde, viele Stadtfeste.“

„Ich mag Stadtfeste. Außerdem habe ich den Rest der Welt schon gesehen. Das hier ist genau das, was ich will.“

Während er das sagte, schaute er sie an. In seiner Stimme und in seinem Blick lag eine unglaubliche Intensität. Eine Sekunde lang verspürte sie wieder dieses Kribbeln, war sich seiner langen Beine und der muskulösen Brust und Arme nur zu bewusst.

Sie ermahnte sich, dass sich von Clay angezogen zu fühlen sie nun wirklich nicht zu etwas Besonderem machte. Sie wäre nur eine von Millionen und müsste sich ganz hinten anstellen.

„Viel Glück beim Einleben“, sagte sie und stand auf. „Ich muss zurück.“

Sie ging zu ihrem Pferd.

„Charlie?“

Sie drehte sich um und schaute ihn an.

„Ich würde gerne mit dir über die freiwillige Feuerwehr sprechen. Ich habe gehört, dass demnächst ein neuer Kurs anfängt.“

Er stand da, in Sonnenlicht gebadet. Die Pose war kraftvoll, der Körper wohldefiniert. Er sah aus wie ein Model auf einem Werbefoto. Was für ihn vermutlich total natürlich war. Er hatte die letzten zehn Jahre damit verbracht, gut auszusehen. Ohne Zweifel war ein harter Tag für ihn einer, an dem er einen Spraytan und einen neuen Haarschnitt bekam. Hübsch, aber nutzlos, dachte sie.

„Ich glaube nicht, dass du dafür infrage kommst“, sagte sie. „Das ist ein ziemlich rigoroser Auswahlprozess.“

Er schaute sie fragend an. „Willst du damit sagen, dass ich ihn nicht bestehen würde?“

„Ich sage, dass du gar nicht erst teilnehmen wirst.“

Das amüsierte Funkeln verschwand aus seinen Augen, und seine Miene wurde undurchdringlich. „Solche wie dich wollen wir nicht?“

„So in der Art.“

Sie wollte dem Bruder des Mannes ihrer besten Freundin gegenüber nicht unhöflich sein, aber wenn es um die Feuerwehr ging, verstand sie keinen Spaß. Es ging immerhin um Leben und Tod, und das nahm Charlie sehr ernst – denn wenn sie es nicht täte, könnte jemand dabei sterben. Wenn Clay mit ihrer Offenheit nicht zurechtkam, war das sein Problem.

Sie schwang sich in den Sattel und ritt davon.

Die Feuerwehr von Fool’s Gold arbeitete in Neuntageszyklen. In dieser Zeitspanne schoben sie drei Vierundzwanzigstundenschichten. Charlie absolvierte ihr Konditionstraining im Fitnessraum der Feuerwache, doch für das Gewichtstraining zog sie den örtlichen Fitnessklub vor. Beinahe jeden ihrer freien Tage fing sie mit einem zermürbenden Work-out an.

Um acht Uhr waren die Berufstätigen schon lange weg und die Mütter noch nicht da. Sie genoss die Ruhe dieser kleinen Pause. Die Maschinen überließ sie gerne den anderen; sie zog es vor, mit Freihanteln zu trainieren. Ihr Ziel war es, sich ständig herauszufordern, stark zu bleiben. Nicht nur wegen ihres Jobs, sondern auch für sich. Stark zu sein bedeutete, sicher zu sein. Abhängigkeit ist Schwäche, dachte sie, als sie sich mit einem Handtuch den Schweiß vom Gesicht wischte.

Doch heute gelang es ihr nicht, die übliche Ruhe zu finden. Ihre Bewegungen waren ungelenk, und es wollte ihr nicht gelingen, sich zu konzentrieren. Sie wusste, woran das lag. An Clay.

Es war gemein von ihr gewesen, ihn so abzukanzeln. Normalerweise entsprach das gar nicht ihrer Art, und sie fragte sich, ob das mit der Anziehung zu tun hatte, die er auf sie ausübte. Die machte ihr nämlich Angst, und wenn sie Angst hatte, wurde sie biestig. Das war ganz sicher nicht ihre beste Eigenschaft, aber sie konnte einfach nicht anders.

Das Verrückte war, sie wusste, dass sie sich ihrem Problem stellen musste, um sich emotional weiterzuentwickeln. Etwas zu empfinden, was sexueller Anziehung so ähnlich war, sollte also eigentlich gut sein. Doch ihr Intellekt schaffte es nicht, ihren Bauch von dieser Sichtweise zu überzeugen.

Es war eine Sache, zu wissen, dass sie einen Weg finden musste, um Sex mit einem Mann haben zu können. Das dann aber auch zu tun war etwas ganz anderes. Ursprünglich hatte sie es so machen wollen wie die Engländerinnen früher: Zähne zusammenbeißen und ans Vaterland denken. Doch wenn sie darüber nachdachte, wie zickig sie auf Clay reagiert hatte, sollte sie diese Strategie noch einmal überdenken.

Sie warf einen Blick auf den Punchingball in der Ecke und überlegte, ob sie versuchen sollte, ihre Unentschlossenheit an etwas weniger Menschlichem auszulassen. Bevor sie jedoch eine Entscheidung treffen konnte, betrat der fragliche Mann das Studio und drohte, ihren Tag zu ruinieren.

Noch ehe sie Clay sah, fühlte sie ein unterschwelliges Murmeln durch das Gebäude gehen. Eine Gruppe Frauen, die gerade den Aerobicraum verließ, blieb wie auf Kommando stehen und schaute ihm hinterher. Er ging an der Ecke mit den Hanteln vorbei auf die Cardiogeräte zu, und jeder im Studio drehte sich nach ihm um. Auch Charlie war von seinen langen muskulösen Beinen und starken Armen wie hypnotisiert.

Er trug genau das Gleiche, was die anderen Männer trugen. Shorts und ein altes T-Shirt. Und doch stach er heraus. Vielleicht lag das an seinem Gang oder seiner kraftvollen Haltung. Vielleicht war es das undefinierbare Etwas, das ihn so erfolgreich gemacht hatte. Was auch immer es war, Charlie hätte schwören können, jede Frau im Umkreis von fünfzig Metern seufzen zu hören.

Clay ging zu einem der Laufbänder, setzte Kopfhörer auf, schaltete seinen iPod ein und fing an zu gehen. Innerhalb einer Minute joggte er. Nach weiteren fünf Minuten lief er in einem Tempo, das Charlie an ihren besten Tagen herausfordernd gefunden hätte.

Sie riss ihren Blick von ihm los und machte sich an den Rest ihres Programms. Während der Trizepsübungen war sie sich seiner Anwesenheit ständig bewusst. Die laute Musik im Studio verhinderte, dass sie seine Schritte auf dem Laufband hörte, aber sie konnte sich den steten Rhythmus gut vorstellen und fühlte sich sowohl davon als auch von dem Mann unglaublich angezogen.

Sie legte die Hantel zurück ins Regal und schaute der Wahrheit ins Auge. Wenn es um Clay ging, neigte sie dazu, voreilige Schlüsse zu ziehen. So wie es die Menschen ihr ganzes Leben lang bei ihr gemacht hatte. Sie hatten einen Blick auf diese zu große Frau geworden, ihre großen Füße und ihre Kraft, und gedacht zu wissen, wer sie war. Vor allem nach der Vergewaltigung.

Immer war sie stolz darauf gewesen, nicht so zu sein. Sich Zeit zu lassen, einen Menschen kennenzulernen, bevor sie ein Urteil fällte. Doch bei Clay hatte sie das vergessen. Sie hatte sich von seiner Erscheinung blenden lassen. Hatte sich von dem leiten lassen, was er war, anstatt zu sehen, wer er war, und angenommen, dass die harte Arbeit eines Feuerwehrmannes nichts für ihn war.

Es gab nur eine Lösung. Also wischte sie sich erneut das Gesicht ab und ging zu ihm hinüber. Sie ging extra einen Bogen, damit sie gerade auf ihn zukam. Ihr Blick fing seinen auf und hielt ihn fest.

Er schaute nicht weg. Er lächelte auch nicht. Er lief einfach weiter. Seine langen Beine bewegten sich mit geübter Leichtigkeit und ließen Meile um Meile hinter sich. Als sie vor der Maschine stehen blieb, hielt er das Laufband an. Dann nahm er den Kopfhörer ab und wartete.

Sie räusperte sich. „Ich, äh, ich habe nachgedacht. Über das, was du da gesagt hast.“

Seine dunklen Augen waren wie die seiner Brüder, doch es fehlte das freundliche Willkommen, das sie normalerweise bei Rafe oder Shane darin sah. Schuldbewusst verlagerte sie ihr Gewicht.

„Na gut“, grummelte sie. „Ich habe mich geirrt. Wolltest du das hören? Ich habe dich vorverurteilt. Das passiert mir normalerweise nicht, aber du bist nicht wie die anderen.“

„Ist das deine Vorstellung von einer Entschuldigung?“

„Ja. Und du solltest sie akzeptieren, denn ich entschuldige mich höchst selten.“

„Das merke ich. Dir fehlt die Übung.“

„Leck mich“, knurrte sie und zuckte zusammen, als ihr auffiel, dass er das falsch verstehen könnte. „Demnächst fängt ein neuer Kurs für Freiwillige an“, fuhr sie schnell fort, bevor er etwas sagen konnte. „Dazu gehört die Vorbereitung auf den BFT. Oh, BFT steht für …“

„Basis Fitness Test, ich weiß. Ich habe mich vorbereitet.“

„Fein. Dann weißt du auch, dass du ihn bestehen musst, bevor du mit der Ausbildung anfangen kannst. Ich leite den Kurs.“

„Ich Glückspilz.“

Sie wusste nicht, ob er das sarkastisch meinte oder nicht, beschloss aber, nicht nachzufragen. „Wenn du Interesse hast, dich zu bewerben, solltest du das tun. Ich muss dir aber sagen, dass die Freiwilligen alle gut vorbereitet sind und wir hohe Erwartungen haben. Wenn du gewillt bist, hart zu arbeiten und alles zu geben, sollte es keine Probleme geben.“

„Bekomme ich einen Bonus, weil du mir was schuldig bist?“

„Nein. Ich schulde dir nichts, und es gibt keine Boni.“

Er lächelte. „War nur ’ne Frage.“

„Ich lasse mich nicht kaufen.“

„Ich mich auch nicht.“

Sie stieß die angehaltene Luft aus. „Das Bewerbungsformular findest du im Internet. Der Kurs fängt nächste Woche an.“

„Meinst du, es wird dir Spaß bringen, mir so richtig in den Hintern zu treten?“

Sie grinste. „Oh ja. Meine Kurse sind hart. Aber über neunzig Prozent der Teilnehmer bestehen am Ende den Test.“ Ihr Lächeln schwand. „Die Leute haben wohl meistens eine ziemlich vorgefasste Meinung über dich, oder?“

„Ständig.“

„Ich werde mein Bestes geben, damit das nicht noch mal passiert.“

„Bin ich jetzt dein neues Projekt?“

„Eher nicht.“ Es gäbe wohl kaum etwas, wobei er ihre Hilfe bräuchte. „Ich glaube an Fairness. Außerdem mag ich es auch nicht, wenn Leute mich falsch einschätzen. Wie gesagt, wenn du magst, kannst du dich gerne bewerben.“

„Danke.“ Er schenkte ihr ein Lächeln.

Ein Lächeln, das ein ganz besonderes Gefühl in ihrem Bauch hervorrief. Sie murmelte etwas, das, wie sie hoffte, wie „Wir sehen uns“ klang, und marschierte schnell davon.

Im Umkleideraum ließ sie sich auf die Bank sinken und stützte ihren Kopf in beide Hände. Selbst sie wusste, dass das Gefühl in ihrem Unterleib weit über ein bloßes Kribbeln hinausging. Sie konnte nur hoffen, dass Clay ein sehr beschäftigter Mann war und vergessen würde, sich für den Kurs anzumelden. Ansonsten würde sie sich ihm die nächsten acht Wochen lang zweimal die Woche stellen müssen.

Und zwar nicht nur für ein kurzes „Hey, wie geht’s“, sondern bei ernsthafter Arbeit und gemeinsamem Training. Es könnte sogar sein, dass sie einander dabei berühren würden.

Da jederzeit jemand die Umkleidekabine betreten konnte, verzichtete sie darauf, mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen, obwohl das im Moment der beste Plan zu sein schien. Sich von Clay angezogen zu fühlen – wie dumm konnte man eigentlich sein?

Sie richtete sich auf und straffte die Schultern. Nein, sagte sie sich. Sich zu Clay hingezogen zu fühlen war kein Problem. Das Ziehen war ein Zeichen dafür, dass sie sich endlich daranmachen sollte, einen Mann zu finden, der aus ihr wieder einen normalen Menschen machen würde. Oder zumindest einen halbwegs normalen Menschen. Sie würde sich einen Liebhaber nehmen, ihre Pflicht erfüllen und dann mit ihrem Leben weitermachen. So einfach war das.

Zu Hause würde sie als Erstes eine Liste mit potenziellen Kandidaten erstellen und dann einen Weg finden, einem davon zu erklären, dass sie es sehr zu schätzen wüsste, von ihm in die Feinheiten des gemeinen Sexlebens eingeführt zu werden. Oh, und auf dem Weg nach Hause könnte sie am Schnapsladen anhalten, denn für diese Unterhaltung würde sie mehr als nur ein wenig angeschickert sein müssen.

Clay hatte sich gut auf die Präsentation vor dem Stadtrat vorbereitet. Er hatte noch nie zuvor mit einer Behörde zu tun gehabt, aber für seine Idee vom Farmilienurlaub würde er das ändern. Er wollte, dass sein Unternehmen mit offenen Armen aufgenommen wurde, und würde seine Zeit nutzen, um zu zeigen, auf welche Weise die Touristen Geld in die Region bringen würden. Im Gegenzug hoffte er auf ein paar kleine Änderungen an den bestehenden Flächennutzungsplänen und etwas Entgegenkommen bei verschiedenen Genehmigungen.

Rafe hatte ihm erzählt, dass Fool’s Gold eine ausgesprochen unternehmerfreundliche Stadt sei und Bürgermeisterin Marsha Tilson sich persönlich sehr für alles interessierte, was in ihrer Stadt vor sich ging. Trotzdem wollte Clay vorbereitet sein. Er war der Neue und mehr als gewillt, härter zu arbeiten als die bestehenden Firmen. Es wäre die Anstrengung wert. Nächstes Jahr um diese Zeit würde der Farmilienurlaub schon auf festen Beinen stehen.

Nachdem er den Laptop aufgebaut hatte, ließ er sein Programm einmal auf der großen Leinwand im Konferenzraum durchlaufen. Dann wartete er darauf, dass das Meeting anfing.

Um fünf vor elf waren alle Stühle rund um den großen Konferenztisch besetzt. Charlie hatte erwähnt, dass in dieser Stadt viele Stellen, die normalerweise mit Männern besetzt waren, von Frauen eingenommen wurden. Als er jetzt seinen Blick über die Anwesenden schweifen ließ, stellte er fest, dass das wohl auch für die Stadtverwaltung galt. Es gab kein einziges männliches Mitglied. Das Alter der Frauen lag zwischen Anfang dreißig und „über das Alter einer Frau spricht man nicht“. Die Bürgermeisterin musste um die siebzig sein.

Clay saß ganz hinten im Raum. Die Assistentin der Bürgermeisterin hatte ihm erklärt, dass er zwar der Star des Morgens war, aber die Versammlung trotzdem vorher noch ein paar andere Sachen besprechen musste. In einer so dynamischen Stadt wie Fool’s Gold war immer irgendetwas los.

Er schaute sich um und ertappte sich bei dem Gedanken, wie schön es wäre, Charlie hier zu haben. Mit ihrer Entschuldigung vor ein paar Tagen hatte sie ihn vollkommen überrascht. Er grinste, als er sich daran erinnerte, wie sie sich beinahe an den Wörtern verschluckt hätte. Sie war zäh – sowohl körperlich als auch mental. Und fair. Beides Qualitäten, die er sehr zu schätzen wusste. Sie und Diane hätten sich bestimmt gut verstanden, dachte er überrascht. Denn rein vom Äußerlichen her hatten sie nichts gemeinsam. Doch im Inneren, dort, wo es wichtig war, besaßen sie die gleichen Charakterstärken.

Die Bürgermeisterin eröffnete die Sitzung.

„Wir haben uns hier versammelt, um die Präsentation von Clay Stryker anzuschauen. Doch zuerst würde ich gerne das Parkproblem hinter der Bücherei lösen.“

Bürgermeisterin Marsha nahm ein Blatt in die Hand und setzte ihre Lesebrille auf. Ihr weißes Haar war zu einem hoch sitzenden Knoten frisiert. Obwohl die meisten Bewohner von Fool’s Gold einen Kleidungsstil pflegten, den Clays Freunde aus der Modebranche als „kalifornisch lässig“ bezeichnen würden, trug sie ein maßgeschneidertes Kostüm.

„Wie die meisten von euch wissen, gibt es einen unteren Parkplatz, der als Ausweichparkplatz unter anderem für einige der Kaufhäuser genutzt wird“, fing sie an. „Vor ein paar Jahren haben wir beschlossen, Bäume als Sichtschutz zum Industriegebiet zu pflanzen.“ Sie hielt inne.

„Keine gute Tat bleibt ungesühnt“, sagte eine der älteren Damen. „Das solltest du am besten wissen, Marsha. Wir haben Bäume gepflanzt, um es hübsch zu machen, und jetzt werden sie gegen uns verwendet.“

Die Bürgermeisterin seufzte. „Deiner Theorie mit den guten Taten stimme ich zwar nicht zu, Gladys, aber es stimmt, wir haben unabsichtlich ein Problem geschaffen. Die Bäume verleihen dem Parkplatz eine gewisse Abgeschiedenheit. Die örtlichen Teenager haben daraufhin den Parkplatz zu ihrem …“ Sie hielt inne und hüstelte. „Zu dem Ort erkoren, an dem sie ungestört herummachen können.“

Eine ältere Dame im gelben Trainingsanzug lehnte sich zu Gladys hinüber. „Meinst du, wir könnten da auch noch unser Glück finden?“

Bürgermeisterin Marsha schaute die beiden streng an. „Eddie, wenn du mich unterbrichst, lasse ich dich in Zukunft nicht mehr neben Gladys sitzen. Ich möchte euch beide zwar nicht trennen, aber ich würde es tun.“

Eddie richtete sich auf und murmelte etwas, das Clay nicht verstand.

„Ich habe mit Chief Barns gesprochen“, fuhr Bürgermeisterin Marsha fort. „Sie wird dafür sorgen, dass die Abendschicht dort öfter patrouilliert. Das sollte helfen.“

„Aber irgendwo müssen die Teenies sich doch austoben“, warf Gladys ein. „Sei nicht so streng.“

Clay bemühte sich, ein Grinsen zu unterdrücken. Er hatte immer angenommen, Verwaltungen bei der Arbeit zuzuschauen wäre langweilig, doch er hatte sich geirrt. Dies hier war sehr amüsant.

„Nenn mich altmodisch“, sagte Marsha, „aber ich würde es ihnen lieber ein wenig schwerer machen.“

„Der Winter wird schon dafür sorgen“, sagte ein anderes Mitglied des Stadtrats. „Sobald es kalt wird, können sie nicht mehr allzu lange im Auto herumsitzen.“

„Wir Glücklichen“, murmelte die Bürgermeisterin.

„Beschallen wir den Platz mit Musik“, schlug Eddie vor. „Ich habe irgendwo im Internet gelesen, dass Teenager sich von bestimmter Musik verscheuchen lassen. Wir könnten die Lautsprecher aus dem hinteren Teil des Gebäudes voll aufdrehen und Musik spielen, die die Kiddies nicht leiden können.“

„Vielleicht Discomusik?“, sagte Bürgermeisterin Marsha mit einem leichten Lächeln.

Die Diskussion über die Art der Musik, die Teenager verschreckte, ging noch weiter. Eddie bot an, den Artikel ausfindig zu machen und sich direkt mit der Bürgermeisterin in Verbindung zu setzen.

Bürgermeisterin Marsha schaute auf ihren Zettel. „Was die ungelösten Themen angeht, da haben wir noch Ford Hendrix auf der Agenda stehen.“ Sie schaute über ihre Brillengläser in die Runde. „Ich muss euch nicht daran erinnern, dass das ein sensibles Thema ist, das diesen Raum nicht verlässt.“

Gladys ermahnte Clay mit erhobenem Zeigefinger: „Für Sie gilt das doppelt.“

„Ja, Ma’am.“

Der Name kam ihm bekannt vor. Damals, als Kind, hatte es mehrere Hendrix-Brüder gegeben. Und auch ein paar Schwestern, wenn er sich recht erinnerte. Doch als Fünfjähriger hatte er sich wenig für Mädchen interessiert.

„Ford ist jetzt beinahe zehn Jahre weg“, fuhr die Bürgermeisterin fort. „Soviel ich weiß, endet sein letzter Einsatz nächstes Jahr. Es ist an der Zeit, dass er nach Hause kommt.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob wir uns da einmischen sollten“, sagte eine der jüngeren Frauen. „Ist es nicht Fords Entscheidung – und vielleicht noch die seiner Familie –, ob er sich noch einmal meldet?“

Eddie schniefte. „Ihr jungen Leute verbringt zu viel Zeit mit eurem Kopf in eurem Hintern, wenn ihr mich fragt.“

Bürgermeisterin Marsha verzog das Gesicht. „Ich glaube nicht, dass jemand dich gefragt hat.“ Sie wandte sich an die jüngere Frau. „Natürlich hast du recht, Charity. Es geht uns eigentlich nichts an. Und normalerweise würde ich mich auch nicht einmischen, aber Ford muss nach Hause zurückkehren, wo ihn die Menschen lieben. In den Special Forces zu dienen hat seinen Preis. Er muss heilen. Und Fool’s Gold ist dafür der beste Ort.“

Es entspann sich eine kleine Diskussion darüber, wie man den mysteriösen Ford in den Schoß der Familie zurückholen konnte. Als alles besprochen war, bat die Bürgermeisterin Clay, seine Präsentation zu halten.

„Guten Morgen“, sagte er und ging nach vorne zu seinem Laptop. „Danke, dass Sie mich eingeladen haben, vor Ihnen zu sprechen.“

„Einen attraktiven Mann schauen wir uns gerne an“, sagte Eddie grinsend. „Ich weiß, wir sind fürchterlich oberflächlich.“

Die Bürgermeisterin seufzte, doch Gladys klatschte mit ihrer Freundin ab. Die beiden sind bestimmt ein heißes Duo gewesen, als sie noch jünger waren, dachte Clay.

Er verteilte die ausgedruckten Exemplare seines Businessplans und verband dann seinen Laptop mit dem Beamer für die Leinwand.

Sobald das erste Bild auftauchte, fing er an, seine Vorstellung vom Farmilienurlaub zu erläutern. Er zeigte Fotos von dem Land, das er gekauft hatte. Ein Diagramm, was wo gepflanzt werden würde. Ein paar Stimmungsfotos von Menschen auf Traktoren. Er erklärte, welche Anzahl an Familien er anzuziehen hoffte und welchen Einfluss das auf die örtliche Wirtschaft hätte. Er hatte eine grobe Vorstellung, wie er sein Angebot bewerben wollte, und wusste, wie viele Menschen aus der Stadt er ungefähr anzustellen gedachte.

Zwanzig Minuten später beendete er seine Präsentation mit der Bitte um drei kleine Änderungen im Flurnutzungsplan.

„Beeindruckend“, sagte Bürgermeisterin Marsha und lächelte ihn warmherzig an. „Wir wissen die Berücksichtigung der Stadtinteressen in Ihren Ausführungen sehr zu schätzen. Ich glaube, es gibt einige Geschäftsinhaber, die sich diese Präsentation auch gerne anhören würden. Vielleicht haben sie sogar einige hilfreiche Ideen und Vorschläge für Sie.“

„Das wäre großartig.“

„Wollen Sie sich hier dauerhaft niederlassen?“ Sie schaute ihn ruhig aus ihren stahlblauen Augen an.

„So ist der Plan, ja.“

„Das hier ist nicht gerade New York.“

Das hatte Charlie auch schon gesagt. „Ich bin bereit für eine Veränderung.“

„Wissen Sie“, rief Gladys, deren runzeliges Gesicht vor Vergnügen leuchtete, „wenn Sie der Stadt wirklich helfen wollen, hätte ich da eine Idee.“

„Nicht“, sagte Bürgermeisterin Marsha warnend.

Gladys ignorierte sie. „Sie könnten uns Ihren Hintern für eine Werbekampagne leihen.“

„Hör sofort auf!“, wies die Bürgermeisterin sie scharf zurecht. „Das ist nicht das Thema unserer heutigen Besprechung.“

„Er hat einen berühmten Hintern. Ich habe ihn schon im Kino gesehen. So wie wir alle.

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