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Der Schleier der Angst

Für meine Kinder
 
Für all jene Frauen,
die im Stillen davon träumen,
einmal ein anderes
Leben führen zu können.

INHALT

  1. Vorwort
  2. 1. Meine Kindheit
  3. 2. Meine Jugend
  4. 3. Meine Hochzeit
  5. 4. Was für eine Hochzeitsnacht!
  6. 5. Wieder in Paris
  7. 6. Die Entführung
  8. 7. Das Leben ohne meinen Sohn
  9. 8. Das dritte Kind
  10. 9. Meine Rückkehr nach Algerien
  11. 10. Die Begegnung
  12. 11. Die Flucht
  13. 12. Die ersehnte Scheidung
  14. 13. Ausnahmezustand
  15. 14. Irrwege durch Paris
  16. 15. Neue Hoffnung
  17. 16. Barcelona
  18. 17. Der Weg in die Freiheit
  19. 18. Willkommen in Kanada
  20. 19. Meine zweite Geburt
  21. Danksagung

VORWORT

Es war ein strahlender, eiskalter Januartag, an dem ich das Manuskript von Samia Shariff erhielt.

Man erklärte mir in aller Kürze, dass eine Frau algerischer Herkunft, Mutter von sechs Kindern und heute in Kanada lebend, darin ihr dramatisches Leben und ihre gewagte Flucht aus ihrem Land beschreibt.

Von Anfang an zog mich Samias aufwühlende Geschichte in ihren Bann. Sie enthielt viele verstörende Einzelheiten, aber ich musste diese bewegenden Seiten einfach zu Ende lesen. Und schließlich wusste ich ja, dass es der Erzählerin gelungen war, ihrem bedrückenden Schicksal zu entkommen.

Ich brauchte länger als erwartet, um die Flut von Frauenbildern zu bewältigen, die mir durch Samias Geschichte vor Augen getreten waren … Zu viele eigene Erinnerungen kamen an die Oberfläche wie bei einem aufgewühlten Fluss. Ich konnte mir Samias Empfindungen sehr gut vorstellen – als kleines ungeliebtes Mädchen; als Heranwachsende, die ihre weiblichen Formen verbergen musste; als Fehlleistung ihrer Mutter, die am besten niemals geboren worden wäre. Als einen Menschen, den man daran hindern wollte, zu sehen, zu wünschen, zu träumen. Schlimmer noch: Man versuchte sie davon abzuhalten, sich nach einem anderen Leben zu sehnen, in dem es kein Fluch war, als Frau geboren worden zu sein, in dem eine Frau nicht die »Versuchung«, der »Teufel« oder einfach ein Nichts ist.

Mit der Niederschrift dieses Berichts macht sich Samia zum Sprachrohr von Tausenden von Frauen dieser Welt, die unter ihrem Schleier oder auf andere Weise eine schreckliche Geschichte verbergen. Aber »Schleier der Angst« ist weit mehr als eine Schilderung von Leid und Unterdrückung. Es ist vor allem eine Geschichte außerordentlichen Mutes.

Samia Shariff überwindet mit ihren beiden beeindruckenden Töchtern Norah und Melissa, ihren liebevoll »Champions« genannten Zwillingen Elias und Ryan und dem kleinen Zacharias alle Grenzen und Hindernisse, die sich ihnen entgegenstellen. Nach erschütternden Erfahrungen finden sie schließlich in Montréal ihre Heimat, wo sie die höchsten aller Güter erlangen: die Freiheit und den Frieden.

Ein schönes Happy End, das uns bewegt und befreit aus einer fesselnden Geschichte entlässt.

Lynda Thalie

Schriftstellerin – Lektorin – Übersetzerin

www.lyndathalie.com

1. MEINE KINDHEIT

Soweit ich mich zurückerinnern kann, höre ich meine Mutter bei jeder Gelegenheit sagen: »Was habe ich nur getan, dass Gott mich mit einem Mädchen gestraft hat?«

Diese Worte waren ihre liebste Klage. Es schmerzte mich, sie zu vernehmen. Ich hatte mein Los nicht selbst gewählt und konnte nichts daran ändern, dass ich ein Mädchen war. Heute hat sich ihre bösartige Leier zu einem fernen Murmeln verflüchtigt, und ich bin stolz darauf, die zerstörerische Kraft dieser kränkenden Worte gebannt zu haben.

Seit dem ersten Augenblick meines Lebens bestimmte es mein Schicksal, dass ich als weibliches Wesen in eine muslimische Familie, noch dazu eine algerische, hineingeboren worden war. Es hat viel Zeit und Energie gekostet, um meine Identität und meine Freiheit zu erlangen. Heute aber bin ich stolz auf die Frau, die ich geworden bin!

Schon als ganz kleines Kind wusste ich, dass es nicht wünschenswert war, ein Mädchen zu sein, doch ich wusste nicht, warum. Als ich etwa fünf Jahre alt war, wollte ich mehr darüber erfahren.

»Warum liebst du mich nicht, Mama?«, fragte ich.

Meine Mutter warf mir einen verächtlichen Blick zu.

»Wie kannst du es wagen, mir diese Frage zu stellen! Als wüsstest du nicht, warum alle Mütter lieber Jungen als Mädchen haben«, antwortete sie, als sei das sonnenklar.

Sie sagte, ich solle mich neben sie setzen. Diese Gunst wurde mir nur sehr selten zuteil, also schien dies ein wichtiger Augenblick zu sein.

»Siehst du, Samia, Mütter möchten keine Mädchen haben, weil sie ihrer Familie nur Unehre und Schande bringen. Die Mütter müssen sie ernähren und darauf aufpassen, dass sie bis zu dem Tag ihre Ehre bewahren, an dem der Ehemann sie in seine Obhut nimmt. Mädchen bereiten einem ständig Sorgen.«

»Was ist das, Mama, die Unehre?«

»Scht! Sprich nicht vom Unglück! In deinem Alter geht dich das gar nichts an; du hast nur deiner Mutter zuzuhören und ihr zu gehorchen. Wenn die Zeit gekommen ist, werde ich es dir erklären. Sei ein braves Mädchen bis zum Tag deiner Hochzeit!«

»Meiner Hochzeit? Aber ich will nicht heiraten, Mama. Ich will euch nicht verlassen. Wenn ich erwachsen bin, will ich für dich und Papa sorgen.«

»Nein, das ist unmöglich. Wir haben schon vier Jungen, die sich um uns kümmern werden, wenn wir alt sind. Und mit Gottes Hilfe werden noch weitere hinzukommen. Deine Aufgabe wird es sein, für deinen Ehemann zu sorgen, wie es sich für ein Mädchen gehört.«

In den muslimischen Ländern und auf sehr ausgeprägte Weise in meiner Familie gilt es als ein Segen, einen Jungen zu bekommen, während die Geburt eines Mädchens offenbar ein Fluch ist. Ein Mädchen erhält hier niemals eine Vorstellung davon, was Selbstständigkeit ist. Ihr ganzes Leben lang untersteht sie der Verantwortung eines Mannes. Zunächst ist sie abhängig von ihrem Vater und danach von ihrem Ehemann. Deshalb stellt sie für ihre Eltern eine Last dar. Diese Auffassung wird von einer Generation an die nächste weitergegeben, und so nimmt sich bereits ein kleines Mädchen als Fluch wahr. Ich war also ein Fluch für die Familie, in der ich zwischen zwei älteren und zwei jüngeren Brüdern genau die Mitte einnahm.

Meine Eltern waren Ende der fünfziger Jahre als algerische Emigranten nach Frankreich gekommen. Sie hatten sich in einem der besseren Pariser Vororte niedergelassen, wo ich geboren wurde und die ersten Jahre meines Lebens verbrachte. Mein Vater war ein wohlhabender Industrieller, der in der Textilbranche zu Geld gekommen war und nun auch im Restaurantgewerbe tätig war.

Meine einzige Freundin war Amina. Ihre Familie war ebenfalls aus Algerien emigriert, aber sie war arm. Ihr Vater war Müllmann. Meine Mutter hasste es, wenn ich meine Freundin besuchte, denn sie hielt den Umgang mit deren Familie nicht für standesgemäß. Doch schon mit sechs Jahren war Amina für mich der Inbegriff eines glücklichen Kindes, denn ihre Eltern überhäuften sie mit Liebe und Aufmerksamkeit.

Als wir einmal mit unseren Puppen spielten, begann Amina eine lebhafte Debatte über die Bedeutung unserer Vornamen.

»Mein Name ist viel hübscher als deiner!«

»Nein, meiner ist viel schöner«, hielt ich sofort dagegen.

Eigentlich mochte ich meinen Vornamen nicht, denn er erschien mir altmodisch und unpassend. Doch ich hütete mich davor, dies zuzugeben, denn keinesfalls wollte ich ihr den Sieg überlassen.

»Meiner ist hübscher. Mama hat ihn gewählt, weil es der Vorname ihrer besten Freundin in Tunesien ist. Sie wollte, dass ich genauso schön und intelligent wie sie werde. Und ich bin es geworden, das hat meine Mutter mir gesagt!«, erklärte Amina triumphierend.

»Genau das Gleiche hat meine Mutter auch beschlossen«, erwiderte ich, von der Logik meiner Antwort überzeugt.

Um nicht ins Hintertreffen zu geraten, erfand ich eine wunderschöne Geschichte über die Herkunft meines Vornamens.

Ich war überzeugt, dass Amina mir die Wahrheit gesagt hatte, doch nun war auch meine Neugier geweckt.

Aufgeregt rannte ich zu meiner Mutter, um den Ursprung meines Vornamens zu erfahren.

»Erzähl mir bitte, wie ich auf die Welt gekommen bin, Mama!«

»Da gibt es nichts zu erzählen. Es war der schlimmste Tag meines Lebens!«, antwortete sie mürrisch.

Ich litt mit ihr.

»Mama, ich weiß, dass du meinetwegen sehr viele Schmerzen gehabt hast.«

Sie runzelte die Stirn und sah mich durchdringend an.

»Schmerzen? Ja, viele Schmerzen, aber vor allem hat es hier wehgetan«, sagte sie und wies auf ihr Herz. »An jenem Tag musste mich die Nachbarin ins Krankenhaus begleiten, weil dein Vater ein neues Geschäft kaufte. Als der Arzt mir mitteilte, dass ich eine Tochter geboren hatte, brach für mich eine Welt zusammen. Ich ahnte, wie enttäuscht dein Vater sein würde, und fürchtete, ihm die Freude über den frisch abgeschlossenen Kaufvertrag zu verderben. Deshalb habe ich meine Nachbarin gebeten, einen Vornamen für dich auszuwählen.«

»Ich hätte mir so sehr gewünscht, dass du ihn selbst ausgesucht hast. Bei meiner Freundin hat die Mutter beschlossen, dass sie Amina heißen soll.«

»Das spielt doch keine Rolle. Wichtig ist nur, dass du deinen Vornamen jetzt magst«, erwiderte meine Mutter gleichgültig.

All meine Hoffnungen waren zerstoben.

»Das ist es ja gerade, ich mag ihn nicht!«, gestand ich weinend.

Als ich einmal bei meiner Freundin war, brachte ihr Vater ihr eine schöne Puppe mit langen blonden Haaren mit, die er in einem Mülleimer gefunden hatte. Meine Freundin war so begeistert, dass sie ihrem Vater um den Hals fiel.

»Bist du glücklich?«, fragte er freudig.

»Ja, Papa. Du bist der liebste Vater der Welt. Sieh nur, Samia, wie schön meine Puppe ist.«

»Sie ist sehr schön, Amina, und dein Vater ist sehr lieb.«

Auf dem Heimweg dachte ich daran, wie glücklich Amina doch war. Bereits an der Haustür fing mich meine Mutter ab und packte mich am Ohr.

»Wo hast du dich wieder herumgetrieben?«

»Ich war bei Amina. Dort habe ich die Puppe angesehen, die ihr Vater ihr mitgebracht hat. Ich habe nichts Schlechtes getan, Mama!«

»Aha, nichts Schlechtes getan! Ich mag es nicht, wenn du zu dem Müllmann gehst. Ich wette, er hat die Puppe in einem Mülleimer gefunden … Habe ich nicht recht?«

»Ja, du hast recht, Mama. Aber sie ist ganz sauber. Ihre Mutter hatte sie doch abgewaschen.«

»Fändest du es denn etwa auch schön, eine Puppe aus dem Abfall zu bekommen?«

»Wenn mein Vater sie mir schenken würde und wenn sie genauso hübsch wäre, würde ich sie gerne nehmen«, antwortete ich aufrichtig.

»Dein Vater würde sich niemals so weit erniedrigen, dir eine solche Puppe zu schenken«, empörte sich meine Mutter mit hochmütigem Blick.

Damit wandte sie sich ab. Doch ich ließ nicht locker, denn ihre Antwort hatte mich neugierig gemacht.

»Warum schenkt mein Vater mir nie etwas? Er könnte mir doch auch etwas mitbringen, um mir eine Freude zu machen.«

»Dir eine Freude machen? Und du, hast du deinem Vater schon jemals einmal eine Freude gemacht?«

»Ja! Ich bin immer brav und gehorche ihm.«

»Weißt du, was deinem Vater wirklich Freude machen würde?«

»Nein, sag es mir doch bitte!«

»Wenn du niemals geboren worden wärest«, erklärte meine Mutter böse.

An diesem Abend beschloss ich, meinen Vater zu bitten, dass er mir eine Puppe schenkte. Als ich dies meinem ein Jahr jüngeren Bruder Malek eröffnete, riet er mir davon ab, vor allem dann, wenn mein Vater nach der Arbeit müde wäre.

»Spiel lieber mit meiner Garage!«, bot er mir eifrig an.

Aber ich hatte nur noch eines im Sinn: Ich wollte meiner Freundin auch eine Puppe zeigen können! Als mein Vater nach Hause kam, ging er sogleich ins Wohnzimmer und ließ sich in seinen Lieblingssessel fallen. Wie jeden Abend brachte meine Mutter eine Schüssel mit lauwarmem Wasser, in die er seine Füße tauchte.

Als ich eintrat, hatte mein Vater die Augen geschlossen, während meine Mutter vor ihm kniete und seine Füße wusch. Es war kein guter Zeitpunkt, um ihn anzusprechen, denn er konnte wütend werden und mich schlagen.

So ging ich auf mein Zimmer zurück, um ihm meine Bitte schriftlich anzutragen: »Papa, ich liebe dich, und ich möchte eine Puppe haben. Du bist der liebste Papa der Welt.« Dann versteckte ich meine Botschaft unter seinem Kopfkissen. Am Abend schlief ich in der Hoffnung ein, mein Vater würde mir die so heiß begehrte Puppe schenken. Kurz darauf trat meine Mutter unvermittelt in mein Zimmer.

»Hast du diesen Zettel geschrieben?«

»Ja«, antwortete ich verschlafen.

»Was steht darauf?«

»Ich bitte ihn, dass er mir eine Puppe schenkt.«

»Hast du vergessen, dass dein Vater kein Französisch lesen kann? Will das Fräulein jetzt, da es schreiben kann, etwa seinen Vater ärgern?«

»Nein, Mama. Ich dachte, Papa könnte mehrere Sprachen lesen.«

Alles, was ich tat, lieferte einen Anlass zu Verdächtigungen. Jetzt wurden mir bereits bösartige Hintergedanken unterstellt, wenn ich meinem Vater einen kleinen Zettel schrieb und ihn um eine Puppe bat! Mein Bruder riet mir, mich von diesem Wunsch zu verabschieden. Mein Vater verabscheute Puppen. Für ihn waren sie Abbilder des Teufels, die in einem ordentlichen Haushalt nichts verloren hatten.

Eines Tages weckte mich das Freudengeschrei meiner Brüder. Rasch stand ich auf und rannte in die Küche, aus der die Stimmen zu mir gedrungen waren. Unter der Aufsicht von Mama zogen meine vier Brüder ihre schönsten Sachen an. Erregt berichteten sie mir, dass sie zur Eröffnung des neuen Restaurants von Papa fahren würden. Da ich auch mitkommen wollte, lief ich in mein Zimmer zurück, um mich anzuziehen.

»Was hast du vor?«, rief meine Mutter mir nach.

»Ich ziehe mich für das Restaurant an.«

»Nein, nein. Du darfst nicht mit. Nur die Jungen.«

»Warum denn nicht?«

»Du bist doch kein Junge! An dem Tag, an dem du einen Penis hast, können wir noch einmal darüber reden. Aber jetzt bleibst du zu Hause«, befahl sie.

»Dann kaufe ich mir einen. Ich will einen Penis haben«, verkündete ich mit der gleichen Entschiedenheit.

Meine Mutter geriet außer sich. Sie griff nach einer halben Chilischote und rieb sie mit aller Kraft auf meine Lippen. Der Schmerz war unerträglich. Meine Beine sackten unter mir weg. Als ich mich zum Wasserhahn geschleppt hatte, um das Brennen zu lindern, riss sie mich mit Gewalt von dort fort und schloss mich in meinem Zimmer ein.

»Mama! Es tut so weh! Bitte, ich brauche Wasser«, schrie ich, so laut ich konnte.

Verzweifelt hörte ich, wie sie irgendwo im Haus vor sich hin summte. Sie verrichtete ihre Arbeiten im Haushalt, ohne sich um mich zu kümmern. Meine Schmerzen ließen sie vollkommen kalt. Da es Winter war und Raureif die Fensterscheibe bedeckte, presste ich meine Lippen an das kühle Glas. Allmählich ließ das Brennen nach, und ich schlief ein.

Dann kam Weihnachten, das bei den Muslimen als heidnisches Fest gilt. Trotzdem kaufen die meisten Eltern ihren Kindern Geschenke, damit kein Neid aufkommt, weil andere beschenkt werden. Da es ein gutes Jahr gewesen war, kaufte auch mein Vater Geschenke für alle. Meine Brüder erhielten eine beachtliche Zahl schöner Spielzeuge und durften Freunde nach Hause einladen.

Ich machte die Bekanntschaft von Câlin, einem schönen, dicken braunen Bären mit runden Augen, den ich vom ersten Augenblick an vergötterte. Er war mein erstes Geschenk, und ich war glücklich. Wie Amina wäre ich meinem Vater so gerne um den Hals gefallen, aber ich beherrschte mich. In unserer Familie schickte sich das nicht für eine brave Tochter. Ein solches Verhalten hätte ihn verstimmt.

Mit meinem Bären im Arm rannte ich zu meiner Freundin. Endlich konnte ich ihr gegenüber auftrumpfen und ihr das erste Geschenk meines Vaters zeigen.

»Schau dir meinen Bären an, Amina! Papa hat ihn für mich gekauft! Ist er nicht schön?«

»Ja, er ist wunderschön!«, antwortete sie und war glücklich, dass sie meine Freude teilen konnte.

Ihr Vater hatte ihr zwei sehr hübsche schwarze Puppen geschenkt. Aber Câlin blieb das schönste Spielzeug für mich, da mein Vater ihn mir geschenkt hatte. Ich nahm meinen Bären überallhin mit, außer in die Schule. Und am Abend freute ich mich stets, ihn wiederzusehen. Er war mein Spielgefährte und mein Vertrauter.

2. MEINE JUGEND

Eines Abends rief meine Mutter meine vier Brüder und mich ins Wohnzimmer. Sie eröffnete uns, dass mein Vater es in Frankreich mittlerweile zu einem ansehnlichen Vermögen gebracht habe und deshalb nach Algerien zurückkehren wolle, um dort neue, vielversprechende Projekte in Angriff zu nehmen.

»Wow! Wir werden noch reicher! Wir kehren in unsere Heimat zurück! Wir werden die Sonne und das Meer sehen! Was für ein schönes Leben liegt vor uns!«, riefen meine Brüder im Chor.

Wie sollte ich meiner Freundin diese Neuigkeit beibringen? Am folgenden Nachmittag kam sie mit ihrer Mutter zu uns und erfuhr von unserem baldigen Umzug.

»Wir werden uns niemals trennen, denn ich werde immer in deinem Herzen sein«, sagte sie und schloss mich in die Arme. »Immer, wenn du mit deinem Bären sprichst, wird er es meinen Puppen über jede Entfernung hinweg weitersagen, und sie werden mir alles wiederholen. Wenn du unglücklich bist, musst du es Câlin anvertrauen, und dann werde ich dir antworten.«

Die Vorstellung, dass wir uns bald trennen mussten, machte uns beide sehr traurig. Damals war ich sieben Jahre alt.

Eines Morgens weckte meine Mutter mich sehr früh.

»Beeil dich mit dem Anziehen. Wir nehmen heute das Schiff. Raus aus dem Bett!«

»Aber ich habe meiner Freundin noch nicht auf Wiedersehen gesagt!«

»Vergiss Amina! Zieh dich an, und trink dein Glas Milch. Wir sind bereits spät dran. Reize deinen Vater nicht noch mehr!«

Ich schlüpfte hastig in meine Kleider und trank meine Milch in einem Zug aus, da ich hoffte, mich vor unserem Aufbruch noch von Amina verabschieden zu können. Als ich zu ihr gehen wollte, hielt meine Mutter mich am Kragen fest.

»Bleib hier, du verdorbenes Ding! Amina schläft noch. Es ist erst fünf Uhr morgens!«, schrie sie aufgebracht.

Wieder einmal bot Câlin mir Trost. Ich musste mich damit abfinden, dass ich nicht von meiner besten Freundin Abschied nehmen konnte.

Zuerst verließen meine Brüder das Haus. Ihnen folgte mein Vater. Meine Mutter schob mich vor sich her und wiederholte, dass ich mich beeilen solle. Sie reichte mir einen Korb und griff im selben Augenblick nach meinem Bären.

»Ich will nicht, dass du dieses abscheuliche Ding mitschleppst. Du hast genug an dem Korb zu tragen.

Mit diesen Worten warf sie Câlin oben in den Schrank.

»Bitte, Mama, gib mir meinen Bären zurück!«, schrie ich.

Ich weinte, doch meine Mutter blieb unerbittlich. Sie schubste mich aus dem Haus und verschloss die Tür. Dann zog sie mich mit zu unserer Nachbarin, um dieser den Schlüssel zu geben. Als die Mutter von Amina die Türe öffnete, sah sie meine Tränen.

»Was hat denn meine schöne Samia?«

»Sie will nicht wegfahren, ohne sich von ihrer Freundin zu verabschieden.«

»Warte kurz, Warda! Ich wecke Amina. Das ist doch sehr wichtig.«

Meine Tränen flossen unaufhaltsam, und immerzu verlangte ich nach meinem Bären. Amina kam die Treppe heruntergeeilt. Sie warf meiner Mutter einen hasserfüllten Blick zu.

»Ich bin ja da, ich bin ja da, weine nicht mehr!«, wiederholte sie immer wieder.

Ich schluchzte nur noch mehr.

»Câlin liegt in dem Schrank, der im Flur steht. Ich darf ihn nicht mitnehmen. Ich werde ihm nichts erzählen können, was er deinen Puppen weitergeben könnte. Wie sollen wir denn dann in Verbindung bleiben?«

»Los jetzt, sonst wird es dir noch leidtun!«, drängte meine Mutter.

Amina konnte mir gerade noch versprechen, dass sie Câlin holen und immer auf ihn achten würde. Mit gesenktem Blick ging ich fort. Ich wollte nichts mehr sehen.

Dann stieg ich in das schöne neue Auto meines Vaters. Ich war so furchtbar unglücklich ohne Amina und nun auch noch ohne Câlin, der mich hätte trösten können! Meine Freundin fehlte mir schon jetzt, und wehmütig dachte ich an unsere Spiele und Erlebnisse. Wie ungerecht war das Leben doch zu mir!

Was würde in diesem Land dort unten geschehen, das ich überhaupt nicht kannte? Um mich herum lächelten alle, während mir das Herz brechen wollte vor Kummer. Meine Brüder sahen aufgeregt dem neuen Leben in Algerien entgegen. Auf den Vordersitzen redeten meine Eltern über unser neues Haus am Meer. Sie sprachen über Dinge, die sie dort unten verwirklichen wollten. Alle hatten Bilder der Zukunft vor Augen, während ich nur an die Vergangenheit dachte, der ich bereits jetzt nachtrauerte! Als ich an mein zukünftiges Heimatland dachte, erfasste mich eine unerklärliche Unruhe.

Meine Familie und ich gingen an Bord des riesigen Schiffes, das uns vierundzwanzig Stunden später in Algerien wieder an Land setzen sollte. Ich wollte die Kabine, die ich mit meinen jüngeren Brüdern teilte, nicht verlassen. Um die Mittagszeit, während meine Brüder über das Deck rannten, kam meine Mutter herunter, um mich zu suchen. Sie bestand darauf, dass ich in dem feinen Restaurant des Schiffes aß, aber ich weigerte mich aufzustehen. Sie wurde wütend und packte mich am Arm.

»Steh auf«, schrie sie und holte aus, um mich zu schlagen.

Ich hob die Hand schützend vor mein Gesicht, aber zu meiner Überraschung beruhigte sie sich plötzlich wieder.

»Weißt du, was der Hauptgrund für unsere Abreise aus Frankreich ist?«, fragte sie unvermittelt.

»Nein«, antwortete ich aufrichtig.

»Wir tun es für unsere Kinder und vor allem für dich«, verkündete sie feierlich.

»Für mich?«

»Ja, für dich! Frankreich ist kein Land, in dem wir unsere Kinder erziehen lassen möchten, und schon gar nicht unsere Tochter. Wir wollen dir eine gesunde Erziehung zuteil werden lassen, wie es sich für eine gute Muslimin gehört.«

Ich wusste nicht, was die Worte gute Muslimin bedeuteten, aber ich sollte es bald erfahren.

Als es Nacht wurde, ging jeder in seine Kabine. Meine Mutter deckte meine jüngeren Brüder zu. Nachdem sie das Licht ausgemacht hatte, verließ sie die Kabine.

»Glaubst du, dass es in Algerien sehr heiß ist, Samia?«, wollte mein jüngerer Bruder Kamel wissen.

»Ja, ich glaube schon.«

»Meinst du, dass die Leute dort unten nett sind?«, fragte er weiter.

»Ja, bestimmt. Und unsere Großeltern werden uns sicher verwöhnen. Schlaf gut, kleiner Bruder.«

Als ich die Augen schloss, sah ich Amina vor mir. Vermutlich hatte sie meinen Bären aus dem Schrank geholt und zu sich genommen. Dass Câlin in Sicherheit war, beruhigte mich, und ich schlief friedlich ein.

In aller Frühe wurden wir vom Geschrei meiner Mutter geweckt.

»Schnell, steht auf. Wir haben nicht einmal mehr zwei Stunden, um uns anzuziehen und zu frühstücken. Samia, hilf Malek und kommt uns dann nach ins Restaurant.«

Sie kümmerte sich um Kamel, während ich meinem ein Jahr jüngeren Bruder Malek behilflich war.

»Samia, ich liebe dich«, verkündete Malek mit tiefem Ernst. »Es tut mir weh, wenn Mama böse mit dir ist. Wenn ich groß bin, werde ich dich verteidigen und nicht zulassen, dass dich jemand schlägt.«

»Du bist so lieb, Malek! Komm jetzt, sonst schimpft Mama.«

Lachend und keuchend rannten wir durch die Gänge des Schiffes hinter den anderen her. Gemeinsam setzten wir uns an den Frühstückstisch. Gleich würden wir das Land unserer Vorfahren betreten.

»Vorwärts! Vorwärts!«, schrie der Kapitän und winkte hektisch. An Bord unseres schönen neuen Autos rollte die ganze Familie auf algerischen Boden.

Wir musterten die Leute unserer neuen Heimat: Sie wirkten ganz anders als die Franzosen, die wir bisher gekannt hatten. Schmutzige Kinder spielten auf den Quais, um sie herum standen Männer in Djellabas, den landesüblichen Gewändern der Muslime. Mein Bruder wollte wissen, warum die Männer lange Kleider trugen.

»Das sind keine Kleider«, antwortete meine Mutter lächelnd. »Die Männer tragen diese Gewänder, weil das bei der Hitze sehr angenehm ist.«

Mein Erstaunen wurde noch größer, als ich eine Frau sah, die mit einem weißen Tuch verhüllt war, das ihr ganzes Gesicht bedeckte und nur die Augen freiließ.

»Ist das ein Gespenst?«, wollte ich verängstigt wissen.

»Aber nein, du Närrin! Jede gute Muslimin kleidet sich auf diese Weise, in ein paar Jahren auch du!«

Um Zustimmung heischend sah sie zu meinem Vater hinüber. Er warf mir im Rückspiegel einen Blick zu.

Ich erinnere mich daran, dass ich in genau diesem Augenblick beschloss, mich niemals wie diese Frau zu kleiden, auch wenn das jede gute Muslimin tat.

Je weiter wir in die Stadt hineinfuhren, desto mehr wuchs meine Angst. Überall war es schmutzig, außerdem herrschte eine drückende Hitze. Die Leute um uns herum sprachen Arabisch. In den Straßen wimmelte es von guten Musliminnen, von Männern in langen Gewändern und von Kindern, die, auch wenn sie noch sehr klein waren, mitten auf den Straßen spielten. Sie ließen Kreisel tanzen oder warfen sich zwischen den vorüberfahrenden Autos Bälle zu.

Von Eseln gezogene Fuhrwerke beförderten Obst und Gemüse. Da Kamel noch nie zuvor einen Esel gesehen hatte, begann er zu weinen. Ich beruhigte ihn und streichelte seine Wange. Dabei erklärte ich ihm, dass der Esel ein sanftmütiges Tier sei und dem Pferd ähnele. Wir setzten unsere Fahrt fort, und die Umgebung veränderte sich. Die Straßen wurden breiter, der Verkehr ließ nach, und es wurde schattiger. Wir hatten das Zentrum von Algier hinter uns gelassen und die Vororte erreicht.

Eine winzige Straße führte zu unserem Haus, das ich riesengroß und prachtvoll fand. Etwas Vergleichbares hatte ich bisher nur im Fernsehen gesehen. Meine Brüder und ich waren furchtbar aufgeregt. Mit strahlenden Augen und freudig geröteten Wangen rannten wir in den Garten und um das wundervolle Haus herum.

Nachdem wir uns ausgetobt hatten, betraten wir unser Schloss. Es war überwältigend! Jedes Zimmer war riesengroß und strahlend hell, was durch die weißen Wände noch verstärkt wurde. Noch nie hatte ich so lichtdurchflutete Räume gesehen. Meine Brüder rannten durch das Haus, um sich ihre Zimmer auszusuchen. Ich folgte ihrem Beispiel, und meine Wahl fiel auf einen Raum, den ich besonders hübsch fand.

»Das ist mein Zimmer!«, rief ich so laut, dass alle mich hören mussten.

Mein Bruder Nassim erhob Einspruch.

»Nein, das will ich haben! Dieses Zimmer ist schön groß, da könnte ich gut meine elektrische Eisenbahn aufbauen.«

»Nein, ich will es! Ich habe es zuerst gesehen«, beharrte ich.

Schon gerieten wir uns in die Haare. Meine Mutter eilte herbei und griff ein.

»Hört auf zu streiten«, unterbrach sie uns, schob mich beiseite und schloss meinen Bruder in die Arme. »Mein Liebling, du wirst das Zimmer bekommen und dort deine schöne elektrische Eisenbahn aufbauen. Samia, du nimmst das Zimmer am Ende des Ganges neben dem von deinem kleinen Bruder Kamel. Dann hörst du, wenn er weint, und kannst ihn trösten.«

Als ich mich ins Bett legte, wurde mir klar, dass mein Zimmer das kleinste im ganzen Haus war. Das ärgerte mich, doch meine Wut verging rasch, als mir einfiel, dass ich ja gar nichts hatte, um das Zimmer einzurichten, nicht einmal meinen Bären. Ich war allein mit meinen Erinnerungen in diesem riesigen Haus.

Die Nacht war tiefschwarz, und als ich mich so allein in meinem Bett zusammenkauerte, erschrak ich vor der Finsternis. Das neue Haus flößte mir jetzt Angst ein. Also zog ich die Decke über den Kopf und versuchte, an etwas Schönes zu denken. Ich umschlang das Kopfkissen, als sei es mein geliebter Câlin, und summte die Melodie eines Liedes, das ich stets mit Amina gesungen hatte.

Plötzlich hörte ich Kamel schreien. Ich lief über den dunklen Flur zu seinem Zimmer, machte Licht und versuchte ihn zu beruhigen.

»Sei still, mein Kleiner! Alles ist gut, ich bin ja bei dir!«

Ich wiegte ihn in meinen Armen und summte ein Schlaflied, das Mama ihm oft vorsang. Er beruhigte sich, schrie aber jedes Mal von Neuem, wenn ich das Zimmer verlassen wollte. Als ich mir keinen Rat mehr wusste, beschloss ich, ihn zu meiner Mutter zu bringen. Doch der dunkle Flur versetzte ihn in eine regelrechte Panik, und er brüllte aus vollem Halse.

»Scht, Kamel! Scht! Mama kommt gleich!«

Da öffnete meine Mutter die Tür ihres Schlafzimmers. Sie stieß mich grob beiseite, sodass ich gegen die Wand geschleudert wurde. Dann packte sie meinen Bruder.

»Warum weinst du?«, fragte sie zornig.

»Er weint schon eine ganze Weile. Ich habe alles versucht, aber er hört einfach nicht auf.«

»Ab in dein Zimmer, ich muss mit dir reden! Mach schon!«, fuhr sie mich an und schob mich vor sich her zu meinem Zimmer.

Ich sagte kein Wort, denn ich kannte meine Mutter genau. War sie wütend, musste man sich hüten, ihr zu widersprechen.

»Setz dich und hör mir zu. Und sieh gefälligst zu Boden!«, befahl sie.

Ich folgte ihrem Befehl.

»Mit dir hat man ständig Ärger. Nicht einmal den Kleinen kannst du beruhigen, ohne das ganze Haus aus dem Bett zu holen. Vermutlich hast du ihn aufgeweckt, weil du Angst hattest. Ich kenne dich genau, du verdorbenes Ding! Leg dich unter deine Decke, ich will dich nicht mehr sehen! Möge Gott dich doch zu sich rufen!«, flehte sie und hob den Blick zum Himmel.

Ich kauerte mich unter meine Decke und machte mich ganz klein, um ihrer Wut zu entgehen. Nachdem sich eine Flut von Schimpfworten über mich ergossen hatte, verließ sie mein Zimmer. Ich war sehr aufgewühlt und musste tief durchatmen, um mich zu beruhigen. Dann bat ich um Gottes Hilfe für mich, meine Freundin und meinen Bären Câlin.

Am nächsten Morgen kam mein Bruder Malek ganz aufgeregt in mein Zimmer.

»Schnell! Steh auf! Wir wollen im Garten einen Schatz suchen!«

Das war eine gute Idee. Natürlich gab es keinen Schatz. Als wir das festgestellt hatten, rannten wir ausgelassen über die Wiese. Als Malek mich versehentlich schubste, fiel ich auf ein paar Glasscherben. Meine Knie bluteten so heftig, dass mein Bruder entsetzt meine Mutter holte. Doch der Anblick meiner blutüberströmten Knie rührte sie nicht im Geringsten.

»Das hast du gut gemacht! Jetzt hast du hoffentlich begriffen, dass du nicht wie ein ungezogener Junge herumtoben sollst, sondern dich still zu verhalten hast wie ein richtiges Mädchen. Kümmere dich selbst um deine Wunden!«, fuhr sie mich schroff an.

Damit ging sie davon, als sei nichts geschehen. Mein Bruder tauchte ein Papiertaschentuch in Wasser und säuberte meine Wunden. Dann erschien mein älterer Bruder Farid, legte einen Verband an und riet mir, ins Haus zurückzugehen.

Ein paar Tage später begann die Schule. Meine drei Brüder sollten die Schule der Weißen Väter besuchen, um ihre Französischkenntnisse zu pflegen und zu verbessern, während man mich auf einer Privatschule angemeldet hatte, wo der Unterricht in arabischer Sprache stattfand.

Ich konnte kein einziges arabisches Wort lesen. Es war eine sehr leidvolle Erfahrung. Der Lehrer überschüttete mich mit Vorwürfen und machte sich einen Spaß daraus, mich als dummes Ding zu beschimpfen, was meine Klassenkameradinnen immer wieder erheiterte. Daher fand ich keinen Anschluss und blieb eine Außenseiterin. Alle Mädchen sahen in mir eine Heuchlerin und warfen mir vor, mich als reiche Französin aufzuspielen. Sie nahmen es mir übel, dass ich anders als sie war. Heute weiß ich das, aber damals verstand ich ihr Benehmen nicht. In Frankreich warf man mir vor, Araberin zu sein, und hier warf man mir vor, Französin zu sein!

Von Tag zu Tag wurde die Schule immer unerträglicher. Als ich eines Abends allein in meinem Bett lag, beschloss ich, nicht mehr dorthin zu gehen. Der Chauffeur meines Vaters setzte mich jeden Morgen vor der Schule ab, aber ich schlängelte mich nur durch die Menge der Schüler, um diesen schrecklichen Ort wieder zu verlassen, ohne dass es jemand bemerkte. Ich wollte der Klasse nicht länger zum Gespött dienen.

Nun verbrachte ich die Tage damit, durch die Straßen von Algier zu streunen, ohne etwas zu essen und zu trinken, bis der Unterricht zu Ende war. Dann kehrte ich zur Schule zurück und tat so, als käme ich gerade aus dem Gebäude, sodass der Chauffeur keinen Verdacht schöpfte. Drei Tage lang schwänzte ich die Schule. Dann wurde mein Vater schriftlich in die Schule einbestellt. Da der Brief in französischer Sprache geschrieben war, musste mein Bruder Farid ihn übersetzen. Mir war klar, dass nun ein Unwetter bevorstand. Ich flüchtete in mein Zimmer und wartete.

Ich hörte, wie mein Vater mit schwerem Schritt die Treppe hinaufstampfte. Je näher er kam, desto stärker klopfte mein Herz. »Gott, verschone mich, Gott, hilf mir!«, flehte ich, sprang auf mein Bett und umklammerte das Kopfkissen, um mich zu schützen. Die Tür flog auf, und mein Vater stürmte wutentbrannt herein. In der Hand hielt er seinen Gürtel.

»Du verdorbenes Ding! Ich schufte mich zu Tode für dich. Ich wähle eine Privatschule für dich aus, damit du lesen lernst und eine anständige Erziehung erhältst. Und so dankst du mir das alles!«

Nun holte er mit seinem Gürtel aus und ließ ihn wie eine Peitsche auf mich niedersausen. Unaufhörlich prasselten die Schläge auf mich nieder, bis ich das Bewusstsein verlor. Ich erinnere mich, dass ich die Augen erst wieder in den Armen meiner Mutter aufschlug, die mir das Gesicht mit kühlem Wasser benetzte. Wie im Traum drang ihre Stimme aus weiter Ferne zu mir:

»Da siehst du, was du angerichtet hast! Bist du nun zufrieden? Schlaf jetzt und ruh dich aus. Morgen ist ein neuer Tag.«

Am nächsten Morgen kam Malek und sagte mir, ich solle im Bett bleiben. Mein Vater hatte beschlossen, mich in einer französischen Schule anzumelden, die von katholischen Nonnen geleitet wurde und für ihre Strenge und Disziplin bekannt war.

In dieser neuen Schule lebte ich mich rasch ein und fand zwei Freundinnen, die Französisch sprachen: Nabila und Rachida. Es gab vieles, das uns miteinander verband. Nabila kam ebenfalls aus sehr begüterten Verhältnissen, während Rachida einer mittelständischen Familie entstammte. Ihre Eltern waren bereit, alles zu tun, um ihrer einzigen Tochter ein erfolgreiches Leben zu ermöglichen. Sie nahmen sogar Schulden auf sich, um ihr eine gute Schulbildung zu bezahlen.

Wir erfanden Geschichten, die uns zum Lachen brachten, und so begann ich, die Schule zu lieben. Eines Morgens fragte meine Mutter mich, warum ich so glücklich sei, in die Schule zu gehen. Ich antwortete ihr, dass ich zwei Freundinnen gefunden hatte und wir viel Spaß miteinander hätten. Sie schärfte mir ein, den Unterricht ernst zu nehmen, da meine Schulzeit vermutlich nur sehr kurz sein würde. Ich überhörte ihre Andeutung, denn ich wollte meine Freundinnen ohne düstere Gedanken wiedersehen.

Als ich einmal aufgrund einer schlechten Note die Unterschrift meiner Eltern einholen musste, fragten meine Freundinnen mich, wie sie reagiert hätten. Ich log und behauptete, mein Vater hätte mir Fernsehverbot erteilt. In Wahrheit nahmen meine Eltern meine schlechten schulischen Leistungen gleichgültig hin. Immer wieder erklärten sie: »Die Schule ist nicht wichtig für ein Mädchen, das einmal seinem Ehemann dienen wird.«

Dank meiner Freundinnen war diese Phase meines Lebens recht glücklich, zumindest während der Schulstunden. Allerdings war es mir nicht erlaubt, andere Mädchen zu besuchen oder nach Hause einzuladen. Meine Mutter glaubte, sie könnten einen schlechten Einfluss auf mich ausüben, denn womöglich redeten sie auch über Jungen, was für ein ehrbares Mädchen wie mich ein absolutes Tabuthema darstellte. Ich durfte nicht einmal an Jungen denken, denn sie verkörperten das Böse, da sie mich und somit auch meine ganze Familie entehren konnten. Daher musste ich vor ihnen auf der Hut sein. In meinem Alltag kam ich nie mit Jungen in Kontakt, denn ich durfte das Haus nicht ohne Begleitung verlassen, und zur Schule brachte mich ein Chauffeur. Wenn meine Brüder Freunde nach Hause einluden, befahl meine Mutter mir, so lange bei ihr zu bleiben, bis die Freunde wieder fortgingen. Damit wollte sie verhindern, dass einer von ihnen mit mir sprach oder mich gar berührte.

In dieser Zeit brachte meine Mutter eine zweite Tochter zur Welt. Das war eine furchtbare Enttäuschung für meine Eltern! Aber ich liebte meine kleine Schwester. Nun war ich nicht mehr das einzige Mädchen; wir waren stärker, denn nun waren wir zu zweit. Ich war überzeugt, dass wir einander trotz der neun Jahre Altersunterschied beistehen konnten. Beim kleinsten Klagelaut lief ich zu ihr, um sie zu trösten.

Als sie etwa ein Jahr alt war, stieß sie sich einmal den Kopf an einem Stuhl. Ich versuchte sie zu beruhigen, als meine Mutter das Zimmer betrat.

»Oh! Was für ein rührendes Bild!«, spottete sie. »Ein Fluch in den Armen des anderen!«

Dann fügte sie noch hinzu:

»Du als Ältere trägst die Verantwortung für deine Schwester und musst ihr mit gutem Beispiel vorangehen. Wenn du eine gute Muslimin und gute Ehefrau wirst, wird deine Schwester deinem Beispiel folgen. Und wenn du vor nichts Achtung hast, wird sie ebenfalls nichts achten. Verstehst du, was ich dir sagen will?«

Ich nickte.

Die Zukunft meiner kleinen Schwester lag auf meinen Schultern. Ich wollte nicht, dass sie eines Tages wegen mir zu leiden haben würde. Also musste ich mich noch stärker bemühen, stillzuhalten, auf meine Eltern zu hören, ein braves Mädchen und vor allem eine gute Muslimin zu werden.

Als ich etwa zehn Jahre alt war, führte meine Mutter eine neue Kleiderordnung für mich ein. Sie zwang mich, von nun an lange, sehr weite Kleider zu tragen. Wenn ich eine Hose trug, musste ich eine lange Jacke darüberziehen, die meine Schenkel bedeckte. Meine Haare mussten nun immer zusammengebunden oder geflochten werden, um keinesfalls die Blicke der Jungen auf mich zu lenken.

Ich war etwa dreizehn, als meine Mutter mich bei der Rückkehr aus der Schule zu sich rief.

»Komm einmal her, damit ich dich genau ansehen kann!«

Mit prüfendem Blick musterte sie meine Brust. Ich verstand nicht, was sie wollte, denn auf meiner weiten Jacke waren keine Flecken.

»Was habe ich Gott nur angetan, dass ich das verdient habe? Sieh mich an«, befahl sie und schüttelte angewidert den Kopf. »Deine Brust zeichnet sich bereits ab! So etwas! Wenn dein Vater das sieht … Komm mit!«

Rasch zerrte sie mich ins Badezimmer. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen, denn sonst wäre ich hingefallen. Dort nahm sie einen Verband und hob meine Jacke hoch.

»Ab jetzt musst du deine Brust abbinden, und zwar so fest, dass man nichts sieht. Würde dein Vater eine Veränderung an dir bemerken, würde er böse auf mich werden«, sagte sie trocken.

Ich begriff ihre Angst. Für jedes meiner Vergehen machte mein Vater sie verantwortlich. Er warf ihr vor, dass sie mich nicht streng genug erzog. Nachdem mein Vater mich damals verprügelt hatte, hatte er auch sie geschlagen, denn schließlich hatte sie versagt.

Unter dem straffen Verband konnte ich kaum noch atmen. Als ich das zu meiner Mutter sagte, erwiderte sie:

»Wenn ich ihn lockere, besteht die Gefahr, dass man deine Brust sieht. Du musst den Schmerz also aushalten, um weitaus schlimmere Folgen für dich und auch für mich zu vermeiden.«

Ich konnte mir ausmalen, wie diese Folgen aussahen!

»Von nun wirst du jeden Morgen vor der Schule zu mir kommen, damit ich dir helfe, den Verband anzulegen. Später wirst du es dann allein können.«

Lange, viel zu lange musste ich diesen Verband tragen.

Als ich vierzehn Jahre alt war, bekam ich zum ersten Mal meine Regel. Beim Anblick des Blutes packte mich Panik. Für mich war das Blut ein Zeichen dafür, dass ich meine Jungfräulichkeit verloren und damit Schande über meine Familie gebracht hatte. Das wollte ich unbedingt vor meinen Eltern geheim halten. Als ich jedoch meiner Schulfreundin Nabila davon erzählte, lachte sie mich aus und erklärte, dass alle Mädchen in unserem Alter jeden Monat ihre Regel bekämen und ich dies meiner Mutter sagen müsse.

Ich wusste, dass sie nicht erfreut darüber sein würde. Noch am gleichen Abend nahm ich all meinen Mut zusammen, um ihr die Neuigkeit mitzuteilen.

»Ich habe meine Regel gehabt, Mama!«, gestand ich schuldbewusst.

Sie starrte mich an, als wäre ein furchtbares Unglück geschehen.

»Weißt du, was das bedeutet?«

»Nein«, antwortete ich verstört.

»Es bedeutet, dass du jetzt jeden Augenblick schwanger werden kannst.«

Hatte meine Mutter denn nichts anderes im Kopf als die Ehre der Familie?

»Was sollen wir mit dir anstellen? Gott sei Dank bist du vierzehn Jahre alt und damit bald heiratsfähig. Bis es so weit ist, wirst du dich anständig betragen. Du darfst keine Geheimnisse haben und musst mir alles sagen, was in deinem Leben geschieht. Hast du verstanden?«

Ich versicherte ihr, dass sie nichts zu befürchten hätte, da ich doch äußerst zurückgezogen im Schoß der Familie lebte.

Vom Fenster meines Zimmers blickte ich auf das Haus der Nachbarn. Dort wohnte ein ziemlich alter Mann mit seiner Familie. Wenn er das Haus verließ, begleitete ihn stets ein junger Mann. Beide trugen Militäruniformen. Das Fenster des jungen Mannes befand sich genau gegenüber von meinem, sodass ich sehen konnte, was er tat. Ich fand ihn in seiner Uniform sehr schön: Er war groß und schlank, hatte einen dünnen Schnurrbart und eine goldbraune Haut. Oft setzte er sich mit einem Buch ans Fenster und hob hin und wieder den Kopf, um zu mir hinüberzuschauen. Dann senkte ich schamhaft meinen Blick und tat, als sähe ich ihn nicht. Als er begriff, dass ich ihn beobachtete, stand er auf, um mich besser sehen zu können. Darüber erschrak ich fürchterlich, wenngleich ich gerne gewusst hätte, ob ich ihm gefiel.

Einmal kam mein Bruder in mein Zimmer. Hastig schloss ich das Fenster.

»Was willst du?«, fragte ich mit Unschuldsmiene.

Er trat ans Fenster, aber ich hatte mich vor ihn gestellt, sodass ich ihm die Sicht versperrte. Er sagte, ich solle zur Seite treten, denn er wollte seinem Freund unten auf der Straße etwas zurufen. Ich hoffte inständig, dass mein Nachbar inzwischen verschwunden sei! Als mein Bruder wieder fort war, blickte ich hinaus und stellte erleichtert fest, dass der junge Mann nicht mehr zu sehen war.

Eines Tages wollte meine Mutter mir zeigen, wie man Nudeln zubereitet.

»Eine gute Ehefrau muss für ihren Ehemann kochen können.«

»Ich will aber keine gute Ehefrau sein. Lieber will ich etwas lernen, damit ich später auch arbeiten kann.«

Sie lachte höhnisch und wiederholte spöttisch meine Worte.

»Ich wusste gar nicht, dass ich mit dir einen Jungen zur Welt gebracht habe! Du wirst tun, was ich dir befehle. Die Leute sollen später sagen, dass Warda ihre Tochter gut erzogen hat. Und damit ich stolz auf dich sein kann, musst du eine gute Tochter sein und eine gute Ehefrau, die den Mann ehrt, der sie einmal heiratet. Später wirst du mir dafür danken, dass ich dich gelehrt habe, eine gute Ehefrau zu sein. Los jetzt! Schütte die Nudeln in das Sieb, und tu ein wenig Butter dazu.«

In dieser Zeit versuchte ich das Verhalten meiner Mutter zu begreifen. Warum liebte sie mich nicht? Warum nahm sie mich niemals in den Arm, wie es andere Mütter taten? Warum liebkoste sie meine Brüder und mich nicht?

Manchmal dachte ich, ich sei ein Adoptivkind. Es schien mir einfach unvorstellbar, dass Eltern ihr eigenes Kind verabscheuen konnten und ihm keinerlei Aufmerksamkeit schenkten. Wie sehr beneidete ich meine Schulkameradinnen! Wenn ihre Eltern sie abholten, behandelten sie ihre Töchter liebevoll und fragten, wie ihr Tag verlaufen war. Alles hätte ich dafür gegeben, an ihrer Stelle zu sein, wenigstens für einen kurzen Augenblick!

Die Ferien rückten näher. Nachdem ich mein Zeugnis meiner Mutter vorgelegt hatte, trug sie mir auf, es abends meinem Vater zu zeigen.

»Er hat dir etwas mitzuteilen«, verkündete sie.

»Was denn, Mama?«, fragte ich neugierig.

»Das wirst du schon sehen. Warte bis heute Abend!«

Ich ging auf mein Zimmer, um Ausschau nach meinem schönen Nachbarn zu halten. Wie jeden Tag um diese Zeit stand er am Fenster. War das vielleicht Absicht? Ich konnte nicht glauben, dass ein so hinreißender junger Mann sich für ein Mädchen wie mich interessieren sollte. Nichts an mir wies darauf hin, dass ich ein hübsches Mädchen war. Außerdem war er viel älter als ich.

Ich sehnte mich nach dem Gefühl, wichtig für jemanden zu sein, und dieses kleine Spiel der Verführung verlieh meinem Leben einen gewissen Reiz. Bevor ich zum Fenster ging, löste ich mein Haar, um anziehender zu wirken. Ich war stolz auf meine langen glänzenden schwarzen Haare. Meistens trug ich sie jedoch, wie meine Mutter es mir befahl, zusammengebunden, geflochten oder zu einem Knoten hochgesteckt.

»Wenn du bei deinem Ehemann lebst, kannst du sie auf eine andere Weise frisieren, aber bei mir nicht«, wiederholte sie unerbittlich.

Als ich Schritte im Flur vernahm, schloss ich hastig das Fenster und band meine Haare zusammen. Mein Vater hatte Malek geschickt, um mich holen zu lassen.

Gott, hilf mir! Wenn mein Vater mich zu sich rufen ließ, ging es um etwas Wichtiges, das jedoch nicht unbedingt erfreulich für mich war. Mit gesenktem Blick trat ich zu ihm. Da er gerade fernsah, wartete ich schweigend. Mein Herz schlug so heftig, dass mir der Atem stockte.

Schließlich bemerkte er, dass ich neben ihm stand, und sagte, ich solle mich setzen. Es war also etwas Ernstes, denn diese Gunst wurde mir sonst nie zuteil, wenn er mit mir sprach. Er war es gewohnt, Befehle zu geben, denen wir widerspruchslos zu gehorchen hatten. Nun aber sollte ich Platz nehmen … Bitte, Gott, gib, dass es nichts Schlimmes ist, und hilf mir!

Mein Vater straffte seinen Körper und erklärte in feierlichem Ton:

»Ich werde mich kurz fassen. Farid hat mir dein Zeugnis erläutert. Du hast die Mittelstufe gut abgeschlossen und bist nun bald fünfzehn Jahre alt. Du kannst jetzt lesen und schreiben. Ich habe meine Pflicht als Vater erfüllt, und nun musst du deiner Pflicht als Tochter genügen. Wir brauchen jetzt keine Zeit mehr mit solchen Dummheiten wie der Schule zu verschwenden. Von nun an bleibst du zu Hause, und deine Mutter wird dir beibringen, wie du eine gute Ehefrau wirst. Ich möchte, dass die Leute sagen: ›Seht nur, die Tochter von Monsieur Shariff ist eine gute Tochter.‹ Dann weiß ich, dass ich meiner Pflicht als dein Vater nachgekommen bin, und kann in Frieden sterben. Du musst dich vorbereiten, denn bald wirst du deinen zukünftigen Ehemann kennenlernen.«

»Ja, aber, Papa, …«

»Aber was?«, unterbrach er mich. »Halt den Mund! Ich will nichts mehr von dir hören. Hilf lieber deiner Mutter, anstatt in deinem Zimmer vor dich hinzuträumen. Hast du etwa in der Schule gelernt, deine Zeit auf diese Weise zu vergeuden?«

Ich verließ eilig den Raum, aber ich konnte noch die Schimpfworte hören, die er mir nachrief. Wie gerne hätte ich ihm gesagt, dass ich nicht heiraten wollte, dass ich noch nicht einmal fünfzehn Jahre alt war und weiterlernen wollte, um später einmal arbeiten zu können. Aber leider waren derlei Diskussionen mit meinem Vater völlig unmöglich.

In der Küche warf meine Mutter mir einen drohenden Blick zu, während mir die Tränen in den Augen standen.

»Immer musst du dein großes Maul aufreißen«, warf sie mir zornig vor. »Du scheinst deinem Vater in keiner Weise dankbar zu sein, obwohl du die besten Schulen besuchen durftest. Er hat dir die Möglichkeit gegeben, dich zu bilden. Diese Chance habe ich nie gehabt. Zum Dank solltest du auf ihn hören und seinen innigsten Wunsch erfüllen. Bereite dich darauf vor, eine ehrbare Frau für deinen zukünftigen Ehemann zu werden. Wach auf, du verdorbenes Ding! Du bist schuld, wenn ich heute Abend die schlechte Laune deines Vaters ertragen muss.«

Einmal mehr bürdete meine Mutter mir die Verantwortung für ihre eigene Unterdrückung auf, aber wie schwer ich wirklich an dieser Last trug, wurde mir erst sehr viel später bewusst. Ich fühlte mich schuldig, denn ich wusste, dass mein Vater sie schlug, wenn es ihr nicht gelang, uns zum Gehorsam zu zwingen. Obwohl meine Mutter sich mir gegenüber so kaltherzig verhielt, liebte ich sie und wünschte ihr nichts Böses.

»Kann ich etwas tun, damit du keinen Ärger mit Papa hast, Mama?«

»Daran hättest du früher denken müssen. Du hättest ihm bis zum Schluss zuhören sollen, ohne ein Wort zu sagen. Jetzt ist es zu spät, du kannst deine Dummheit nicht mehr rückgängig machen. Geh mir aus den Augen, du verdorbenes Ding! Ich will dich nicht mehr sehen. Verflucht sei der Tag, an dem ich dich zur Welt brachte!«

Beschämt und verzweifelt flüchtete ich in mein Zimmer. Ich wollte nicht mehr leben! Was hatte ich von der Zukunft noch zu erhoffen? Nichts! Absolut nichts! Meine einzige Freude waren meine Schulfreundinnen, und nun sollten auch sie mir genommen werden!

Als Farid und Kamel, mein älterer und mein jüngerer Bruder, ins Zimmer kamen, sahen sie, wie verzweifelt ich war.

»Und wenn ich einmal mit Papa spreche?«, schlug Farid mitfühlend vor.

Doch ich wollte nicht, dass auch er den Zorn unserer Mutter auf sich zog.

»Was für ein Glück du hast, dass du nicht mehr zur Schule musst! Das wäre mein Traum!«

»Wein nicht, kleine Schwester! Glaub mir, es wird alles gut werden«, tröstete mich Farid.

Seine ermutigenden Worte taten mir gut, denn er sprach nur selten mit mir.

»Ich verstehe Papa nicht. Er müsste doch wissen, dass die Zukunft den gebildeten Menschen gehört.«

»Das stimmt nicht!«, wandte Kamel ein. »Papa ist fast überhaupt nicht zur Schule gegangen, und trotzdem ist er so reich.«

»Das ist wahr. Aber er braucht jemanden, der ihm seine Briefe vorliest.«

Die Unterstützung meiner Brüder tat mir gut, aber ich beendete das Gespräch, da uns jemand auf dem Flur hätte hören können. Meine Brüder gingen in ihre Zimmer hinauf, und ich blieb allein mit meiner Verzweiflung und meinem Kummer.

Wie würden meine Eltern wohl reagieren, wenn ich starb? Würde meine Mutter in Tränen aufgelöst sein und mein Vater sein Verhalten bereuen? Gerne hätte ich das geglaubt, aber es war auch das Gegenteil denkbar: Vielleicht wären sie froh, mich endlich los zu sein, da ich ihnen nur Sorgen bereitete!

Ich war eine schwere Last für meine Eltern. Und gewiss war das auch der Grund dafür, dass sie mich so schnell wie möglich verheiraten wollten. Nach und nach begann ich, von meinem zukünftigen Ehemann zu träumen: »Wenn es doch der schöne junge Mann von nebenan wäre …«

Als ich mich am nächsten Morgen anzog, erklärte meine Mutter, ich müsse den Verband über meiner Brust nun nicht mehr anlegen.

»Da du ab jetzt das Haus nicht mehr verlässt, wird kein Fremder sehen, dass du eine Frau geworden bist. Und auch dein Vater wird sich nicht darüber aufregen. Es kann ja nichts passieren, wenn du bis zu deiner Hochzeit im Haus bleibst.«

In der Schule warteten meine beiden Freundinnen bereits ungeduldig auf mich, um mir mitzuteilen, welche Schule sie nach den Ferien besuchen würden. Rachida und Nabila waren im Gymnasium Sainte-Geneviève eingeschrieben, einer sehr renommierten Schule, die nur sehr guten Schülerinnen aus reichen algerischen Familien vorbehalten war.

»Ich hoffe, du kommst auch dorthin, Samia. Wir drei sind doch Freundinnen fürs ganze Leben«, beschwor mich Rachida.

»Leider kann ich nicht mit euch nach Sainte-Geneviève gehen«, erwiderte ich traurig.

»Warum denn nicht?«, wollte Nabila wissen.

»Weil mein Vater nicht will, dass ich noch länger in die Schule gehe.«

»Aber du bist doch die Beste von uns dreien!«

»Meine Eltern finden, dass ich genug gelernt habe.«

In Algerien nehmen viele Eltern, ganz unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Status, ihre Töchter früh von der Schule.

»Für eine gute Muslimin gibt es drei heilige Orte: ihr Elternhaus, das Haus ihres Ehemanns und schließlich ihr Grab«, schärfte mir meine Mutter immer wieder ein. Wozu musste man da lesen und schreiben können?

»Was wirst du denn tun, wenn du nicht mehr zur Schule gehst?«, fragte Nabila mit Tränen in den Augen.

»Ich werde meinem Vater gehorchen und lernen, den Haushalt zu führen, bis ich heirate.«

»Heiraten? Wieso denn das? Dafür bist du doch noch viel zu jung!«

»Hat in deiner Familie noch nie jemand vom Heiraten gesprochen, Nabila?«

»Sicher. Aber meine Eltern wollen, dass ich studiere, bevor ich heirate.«

»Meine Eltern sagen das Gleiche«, bestätigte Rachida.

»Warum bin ich die Einzige, bei der das nicht so ist? Warum muss ich euch verlassen? Ihr seid das Beste in meinem Leben.«

Wir weinten alle drei, bis die Schwester Oberin uns nach dem Grund für unsere Traurigkeit fragte.

»Samias Vater nimmt sie von der Schule. Sie soll zu Hause bleiben«, schluchzten meine Freundinnen.

»Warum denn? Er wirkt doch wie ein gebildeter Mann. Möchtest du, dass ich mit deinem Vater rede, Samia?«

Ich flehte sie an, dies nicht zu tun, da ihre Einmischung alles nur noch schlimmer machen würde. Als der Nachmittag sich dem Ende zuneigte, umarmte ich traurig meine Freundinnen. Für mich brach eine Welt zusammen, und ich fand das alles furchtbar ungerecht. Aber sosehr ich meine Freundinnen auch beneidete, so glücklich war ich auch, dass sie von meinem Los verschont blieben.

Vor der Schule wartete wie gewöhnlich der Chauffeur auf mich. Er bemerkte meine roten Augen.

»Hast du geweint?«, fragte er sanft.

»Nein. Ich habe Staub ins Auge bekommen. Haben Sie eigentlich Kinder?«

»Ja, drei Töchter. Sie sind zwanzig, siebzehn und zwölf Jahre alt.«

»Zwanzig Jahre? Ist sie schon verheiratet?«

»Nein, noch nicht.«

»Wirklich? Aber warum denn nicht?«

»Ganz einfach, sie studiert noch. Wir sind arm, und ich will, dass meine Töchter auf eigenen Beinen stehen, denn das Leben heutzutage ist nicht einfach.«

»Ihre Töchter haben wirklich Glück mit ihrem Vater!«

»Du auch, mein Liebes. Du hast auch Glück, einen Vater wie Monsieur Shariff zu haben!«

»Ja, ich weiß«, erwiderte ich knapp.

Während ich ins Haus ging, dachte ich daran, dass der Chauffeur mein Liebes zu mir gesagt hatte. Es war das erste Mal, dass mich jemand so genannt hatte. Oft stellte ich mir die Frage: Nach welchen Gesichtspunkten wählt Gott die Eltern für ein Kind aus? Ist die Charakterstärke des Kindes für seine Entscheidung ausschlaggebend? Glaubt er, dass das eine Kind mehr Glück als das andere verdient?

Ich wollte mein Schicksal begreifen, doch ich zermarterte mir den Kopf, ohne eine Antwort auf meine Fragen zu finden.

Wenn ich meine süße kleine Schwester beobachtete, fragte ich mich, welche Zukunft ihr wohl bevorstand. Sie wirkte so zart, und meine Eltern behandelten sie so grob! Stürzte die Kleine oder stieß sie sich, so machte meine Mutter sich nicht einmal die Mühe nachzusehen, wie schlimm sie sich verletzt hatte. Dann eilte ich zu ihr, um sie zu beruhigen und zu versorgen. Ich fühlte mich ihr aufs Innigste verbunden, denn wir waren die einzigen Mädchen in dieser traditionellen muslimischen Familie.

Ich wollte meinen Schulfreundinnen ein Abschiedsgeschenk mitbringen. An einem der letzten Schultage suchte ich zwei Musik-CDs aus, die ich sehr gern mochte. Als ich weggehen wollte, packte mein Vater mich am Arm.

»Wo willst du mit diesen CDs hin?«, fragte er.

»In die Schule«, antwortete ich verstört.

»Aha, in die Schule? Tanzt das Fräulein jetzt auch schon in der Schule?«, zischte er spöttisch.

Ich schüttelte den Kopf. Er verdrehte mir den Arm und befahl mir dann, in mein Zimmer zu gehen und dort auf ihn zu warten.

Was hatte ich um Himmels willen getan, um eine solche Strafe zu verdienen? Was erwartete mich nun? Ich weinte heiße Tränen. Als mein Vater in der Tür erschien, hielt er den langen, dünnen Stock in der Hand, mit dem er uns zu züchtigen pflegte. Ich musste zwischen dem Gürtel und dem Stock wählen. Ich flehte ihn an, mich nicht zu schlagen, und versprach, immer gehorsam zu sein und nie mehr Musik zu hören. Doch meine Tränen und Bitten blieben ohne jede Wirkung.

»Du Schauspielerin«, schrie er mich an. »Immer schon hast du uns gerne etwas vorgespielt! Ich fordere dich noch einmal auf, wähle jetzt zwischen dem Gürtel und dem Stock!«

Widerwillig wies ich auf den Gürtel. Mein Vater hob den Arm und ließ ihn, Schlag auf Schlag, etwa zehn Mal auf mich niedersausen. Es schien ihm richtiggehend Spaß zu machen! Anschließend riss er meine CDs an sich und brach sie entzwei. Dann verließ er mein Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu.

Ich hörte, wie er meine Mutter anschrie:

»Deine Tochter nimmt jetzt auch schon CDs mit in die Schule! Das also lernt man heutzutage in der Schule! Tanzen! Nun gut! Du wirst auch noch tanzen, wenn ich es dir befehle!«

Von diesem Tag an durfte ich nie wieder in die Schule gehen. Die Erde hatte aufgehört, sich zu drehen. Ich musste zu Hause bleiben, konnte meine Freundinnen nicht mehr sehen, und auch sonst durfte ich an nichts mehr teilnehmen. Mein Leben hatte keinen Inhalt mehr! Man hatte mir nicht einmal erlaubt, mich von meinen besten Freundinnen zu verabschieden. Und da ich ihre Adressen nicht kannte, würde ich nie wieder etwas von ihnen hören! Was würden sie von mir denken, da ich sie ohne jedes Abschiedswort verlassen hatte? Sie würden mich für egoistisch und gefühllos halten!

Ich verlor jede Orientierung und fühlte mich völlig verlassen. Oft weinte ich in meinem Zimmer über mein Schicksal. Je länger dieser Zustand anhielt, desto dringlicher empfand ich das Bedürfnis, meinen Kummer mit jemandem zu teilen. An einem Nachmittag, als meine Mutter in der Küche beschäftigt war, vertraute ich mich ihr an. Aber statt mich zu trösten, machte sie sich über meine rot geweinten Augen lustig.

»Ach, nun heult das Fräulein auch noch! Warum denn? Jetzt brauchst du nicht mehr früh aufzustehen, um in diese unglückselige Schule zu gehen! Außerdem ist alles deine Schuld! Warum musstest du auch diese CDs mitnehmen! Hör auf zu flennen und uns etwas vorzuspielen! Eines Tages wirst du deinem Vater und mir noch dafür danken, dass wir dich gut erzogen haben. Jetzt bist du noch jung und dumm und weißt nicht, was du tust.«

Sah so tatsächlich eine gute Erziehung aus?

Zwei Frauen halfen meiner Mutter bei der Hausarbeit. Eine von ihnen war Selima, ein siebzehnjähriges Mädchen, mit dem ich mich rasch anfreundete. Wir unterhielten uns über alles Mögliche.

»Was für ein Glück, Samia, dass du so ein schönes Zimmer für dich ganz allein hast! Ich schlafe mit meinen sieben Geschwistern in einem einzigen Raum, der nicht größer als deiner ist«, sagte Selima, während sie mein Zimmer putzte.

»Da täuschst du dich, denn ich habe noch nie in meinem Leben Glück gehabt! Ich habe zwar ein großes Zimmer für mich allein, aber das ist nicht das Wesentliche!«

»Was ist denn das Wesentliche? Du hast zu essen, wenn du hungrig bist, du hast ein schönes Zimmer, und du musst nicht für andere arbeiten.«

»Das ist nicht das Wesentliche, glaub mir! Ich habe alles, aber ich darf das Haus nicht verlassen, darf nicht arbeiten und nicht mit anderen Leuten verkehren wie du.«

»Du darfst das Haus nicht verlassen?«

»Ich darf das Haus nicht verlassen, ich darf mich nicht anziehen, wie ich will, und ich darf meine Haare nicht tragen, wie es mir gefällt.«

»Warum denn nicht?«

»Weil ich eine gute Ehefrau und Muslimin werden muss. Kein Mann darf mich ansehen, denn ich muss mich für meinen zukünftigen Ehemann rein halten.«

»Verlangen deine Eltern das von dir?«, fragte sie erstaunt.

»Ja. Sieht so etwa das Glück aus?«

»Nein, dann möchte ich nicht mit dir tauschen. Du tust mir wirklich sehr leid. Dann bist du auch in niemanden verliebt?«

»Scht! Sprich nicht so laut! Ich habe Angst, dass uns jemand hört. Doch, ich glaube, dass ich in jemanden verliebt bin.«

»Du kleine Heimlichtuerin! Wo ist er?«

»Er steht die ganze Zeit am Fenster und sieht mich an.«

»Wie romantisch! Wie heißt er denn? Wie alt ist er? Wie könnt ihr euch treffen, wenn du das Haus nie verlassen darfst?«

»Du wirst es albern finden, aber ich weiß weder seinen Namen noch sein Alter, denn ich habe noch kein einziges Wort mit ihm gewechselt. Ich weiß, er ist beim Militär und schon fast dreißig Jahre alt.«

Selima lachte auf.

»Du hast noch nie mit ihm geredet und kennst nicht einmal seinen Namen! Woher weißt du dann, dass er dich liebt?«

»Ich weiß es einfach«, erwiderte ich verärgert. »Er stellt sich immer zur gleichen Zeit ans Fenster und blickt zu mir herüber. Ich finde ihn einfach wundervoll.«

»Deine Träume in allen Ehren! Aber glaub mir, das Entscheidende ist die Wirklichkeit. Soll ich ihm eine Botschaft von dir überbringen?«

»Nein, das ist viel zu gefährlich. Wenn meine Eltern das herausbekämen, würden sie mich umbringen.«

»Sind sie wirklich so streng?«

»Ja, denn für sie ist die Ehre das Allerwichtigste im Leben.«

»Du entehrst doch niemanden, wenn du mit einem Jungen sprichst«, wandte sie ein.

»So wie du die Dinge siehst, ist nichts Entehrendes dabei, aber für sie ist das anders. Ich darf auf gar keinen Fall ungehorsam sein.«

»Du Ärmste! Jetzt muss ich weiterarbeiten. Aber ich bin immer für dich da, wenn du mit mir reden möchtest.«

»Vielen Dank, Selima! Darüber bin ich sehr froh. Jetzt fühle ich mich nicht mehr so einsam.«

Ich trat ans Fenster in der Hoffnung, meinen Schwarm zu sehen, aber leider war er nicht da. Darüber war ich enttäuscht, denn schon sein Anblick tat mir gut. Ich malte mir Gespräche und leidenschaftliche Liebesszenen mit meinem schönen Prinzen aus. Auf diese Weise konnte ich der Grausamkeit meines Alltags entfliehen und mich für ein paar Augenblicke glücklich fühlen.

Meine Freundschaft mit der jungen Putzhilfe wurde immer enger, erregte aber den Argwohn meiner Mutter.

»Vergiss nicht, dass du die Tochter von Monsieur Shariff bist! Und die Tochter von Monsieur Shariff verkehrt nicht mit Putzfrauen. Außerdem könnte dieses Mädchen einen schlechten Einfluss auf dich haben. Hüte deine Gedanken und deine Vorstellungen! Du bist noch unschuldig, und ich will, dass du es bleibst. Nach deiner Hochzeit wirst du mit den Freunden deines Ehemanns verkehren – natürlich nur, wenn er es erlaubt.«

Während ich gemeinsam mit Selima mein Zimmer putzte, sprach ich heimlich mit ihr darüber. Sie war die Einzige im Haus, die sich dafür interessierte, wie es in meinem Herzen aussah.

Einige Tage später hatte meine Mutter eine gute Nachricht für mich: Ich sollte die Sommerferien in Frankreich bei einer Tante väterlicherseits verbringen, während der Rest der Familie zu unserem Ferienhaus bei Barcelona fuhr.

»Freust du dich?«

»Natürlich, Mama! Ich sehne mich so sehr nach Frankreich!«, erwiderte ich aufrichtig.

Urplötzlich stiegen meine Kindheitserinnerungen wieder in mir auf. Was für ein Glück würde es sein, meine beste Freundin Amina wiederzusehen! Seit langer Zeit war ich nicht mehr so beglückt gewesen, aber schon bald trübte Besorgnis meine Vorfreude. Warum nahmen mich meine Eltern erst von der Schule, um besser auf mich aufpassen zu können, und schickten mich nun so weit fort? Ich bat meine Mutter um eine Erklärung.

»Dein Vater will dir eine Freude machen«,

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