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Der Schirm

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© 2018 Lewin Weber

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback:978-3-7469-0653-9
Hardcover:978-3-7469-0654-6
e-Book:978-3-7469-0655-3

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Kapitel 1

In einer kleinen, bescheidenen Wohnung mitten in einer Millionenstadt lebt ein kleiner Mann, der in unserer Geschichte jedoch keine kleine Rolle spielt. In seiner kleinen Wohnung, in seiner kleinen Küche flattert ein winzig kleiner Schmetterling. Dieses kleine Wesen stört den minuziös geplanten Tagesablauf des Bewohners dieser kleinen Wohnung.

Dieser Schmetterling? Was macht dieser Schmetterling in meiner Küche? Meine Küche, in der ich mir mein Essen, mein täglich Brot zubereite. Wie soll ich das Haus verlassen, mit dem Wissen, einen Schmetterling bei mir zuhause zu haben?

Vorsichtig schaufelt Ben dieses harmlose, zerbrechliche Wesen auf ein Stück Papier. Auf dem Weg zum Fenster faltet er das Blatt immer wieder aufs Neue in der Mitte. Zwei Mal. Drei Mal. Vier Mal. Um seinen Kopf wieder ins Reine zu bringen. Am Fenster angelangt, entfaltet er das Papier und wird sich der angerichteten Bluttat bewusst. Voller Schuldgefühle und ohne gross zu überlegen, nimmt Ben die Überreste des Schmetterlings und steckt sie sich in den Mund. Aus den Augen aus dem Sinn. Nicht so für Ben.

Salzig. Knusprig. Die Flügel merkt man kaum im Mund. Dieses Kitzeln, wenn man es schluckt. Lustig.

Tausend Gefühle empfindet Ben wegen diesem klitzekleinen, zierlichen Wesen. Ein Blick auf die Uhr, welche sich über der Eingangstür befindet, nicht ganz mittig, verrät Ben, dass es Zeit für ihn ist, seine Wohnung zu verlassen. Seine Wohnung mit seinem bequemen Sessel in der einen und seinem Bett mit dem grünen Überzug in der anderen Ecke.

Pullover, Jacke eingepackt. Schirm fehlt mir noch.

Ohne hinzuschauen, greift Ben hinter die Tür und will seinen schwarz-weiss gepunkteten Schirm hervorholen. Doch er ist nicht dort. Panik steigt in Ben hoch. Er stellt den Schirm immer dorthin, er muss ihn verloren haben.

Ohh nein, nicht mein Schirm! Alles nur nicht mein Schirm. Ich kann diesen Schirm nicht verloren haben. Ich darf ihn nicht verloren haben. Puh, er ist nur umgekippt, weshalb ich ihn nicht sofort greifen konnte.

Die weisse Wand. Wie sie es mir gesagt hat. Eine weisse Wand, an welcher die „Friedenstaube" von Picasso hängt. Genau so hat sie es mir gesagt, soll ich es mir vorstellen. Okay. Eins, zwei, drei!

Ben steht, wie jedes Mal, völlig verdutzt auf dem Trottoir vor seinem Wohnblock. Er ist kreidebleich, als ihm bewusst wird, dass er für Jedermann zu sehen ist. Langsam, Schritt für Schritt begibt sich Ben zögernd Richtung Stadtmitte.

Wieso schaut dieser Mann mich an? Warum muss er genau um diese Uhrzeit mit seinem Hund spazieren gehen? Was will diese Frau mit dem Schirm von mir? Dieses Kind mit dem Ballon, es schaut absichtlich von mir weg. Ich bin schon wieder der Mittelpunkt der Handlung. Dieses Jucken am Hals. Nicht kratzen. Die Leute würden denken, du seist krank. Jeder schaut dich an. Keine Fehler machen. Nichts Peinliches.

Der Mann mit dem Hund ist Architekt und schaut nur deshalb in Bens Richtung, weil er den Torbogen seines Wohnblockes architektonisch spannend findet. Anders als die Frau mit dem Schirm, die lediglich munter ihres Weges geht. Auch dem Kind mit dem Ballon ist Ben nicht aufgefallen. Es blickt bloss verträumt einem Schmetterling nach. Keinem dieser und den anderen Passanten ist Ben mehr aufgefallen als jeder andere, an dem man an einem Tag vorbeiläuft. Doktor Freihofers Praxis ist, wie jeden Tag, Bens Ziel. Um dorthin zu gelangen, nimmt Ben, wie üblich, immer das gleiche Tram Richtung Stadtmitte, steigt wie immer an der gleichen Station aus und geht vor die Tür der Praxis, wo er immer zehn Sekunden wartet, bevor er eintritt. Sechsunddreissig Stufen bis in den dritten Stock. Neben der Tür aus Eichenholz, die in die Praxis führt, setzt Ben sich im Warteraum auf den dritten Stuhl von links und wartet die zehn Minuten, die er immer zu früh kommt, bis sein Name von der lächelnden Sekretärin aufgerufen wird und ihn in das Zimmer führt, in dem Frau Doktor Freihofer ihn sitzend empfängt. Jeder Tag verläuft gleich.

„Guten Tag, Ben. Wie geht es Ihnen heute?“, begrüsst sie ihn freundlich. Sie erwartet schon längst keine Antwort mehr von Ben. Sie fragt ihn das nur aus reiner Höflichkeit. Zu ihrer Überraschung antwortet Ben heute, was in den zehn Jahren seiner Behandlung erst zum zweiten Mal vorkam.

„Könnten Sie bitte die Türe schliessen, Doktor?“. Nach längerer Pause verweigert sie seine Bitte mit einem simplen „Nein“. Verdutzt starrt Ben Doktor Freihofer an. „Gehen sie und schliessen Sie die Türe selbst“, klärt sie Ben auf. Verlegen starrt Ben auf den Boden. „Aber ihre Sekretärin beobachtet mich“, erwidert Ben, noch immer völlig erstaunt, dass seine Bitte so harsch abgelehnt worden ist. „Nein, tut sie nicht. Sie schaut auf den Computer. Nun schliessen Sie bitte die Türe selbst.“

„Sie beobachtet mich durch die Reflektion auf dem Bildschirm.“

„Nein, sie beobachtet lediglich den Terminplan. Nun schliessen Sie endlich die Türe, damit wir anfangen können.“

„Könnten sie die Sekretärin kurz wegschicken?“

„Nein, kann ich nicht. Aber wenn Sie sich so benehmen, bleibt die Türe erst recht geöffnet, sodass uns jeder sehen und hören kann.“

Bens Unbehagen ist ihm deutlich anzusehen. Langsam und mit Bedacht steht Ben auf und setzt vorsichtig einen Fuss vor den anderen. „Verhalte dich normal“, schiesst es Ben durch den Kopf. Er greift zögernd nach der Türklinke und schliesst die Türe blitzschnell und lautlos. Ben ist übel.

„Na, geht doch“, sagt Doktor Freihofer stolz. Sie sitzt bereits hinter ihrem Rechner und hat Bens Akte, die grösste Datei, die sie besitzt, schon geöffnet.

„Ist die...“, stottert Ben.

„Ja, die Webcam ist abgedeckt, kein Hacker kann uns zusehen“, beruhigt ihn die Doktorin.

So beginnt Bens siebte Therapiestunde diese Woche, dabei ist erst Mittwoch.

Kapitel 2

Wieso werde ich rot? Ich senke wohl lieber meinen Kopf, dann sieht mich niemand. Woher kommt all dieser Schweiss? Ich verstecke ihn besser unter einer Jacke. Alle werden sie mich auslachen. Ich will so schnell wie möglich von der Strasse, wo sie mich alle sehen können.

So, mit gesenkten Kopf und mit einer dicken Jacke, rennt Ben an einem der heissesten Tage im Jahr durch die Stadt nach Hause. Vorbei an der Haltestelle, an der er einsteigen sollte, vorbei an all den Menschen, die ihm wegen seines besonderen Auftretens nachschauen. Nach zehn Minuten Spurt bleibt er total verschwitzt in einer kleinen, verlassenen Gasse stehen.

Diese Gasse? Ich war noch nie wo anders als bei mir zu Hause, auf dem Weg zu Frau Doktor Freihofer oder in ihrer Praxis. Wo bin ich?

Kalt läuft es Ben den Rücken hinunter, als ihm bewusst wird, was es heisst, sich verlaufen zu haben. Er würde jemanden nach dem Weg fragen müssen. Im Bruchteil einer Sekunde stellt er sich alle möglichen Szenarien vor. Er wird ausgelacht, wenner nach dem Weg fragt. Er wird spöttisch angelächelt, geschlagen, getreten, als hässliches Monster bezeichnet. All dies stellt sich Ben vor. Überzeugt, dass er niemals den Weg nach Hause finden würde bleibt, er völlig überfordert, wie angewurzelt stehen.

Von links bin ich gekommen. Das heisst nach rechts geht es nach Hause. Wenigstens sind hier keine Leute. Zum Glück bin ich in einem verlassenen Stadtteil gelandet. Niemand darf sehen, dass ich mich verlaufen habe. Was würden sich die Menschen bloss denken? Ein verschwitzter, rot angelaufener Mann irrt in den Strassen umher.

Leider hat sich Ben da in einem Punkt getäuscht. Er befindet sich nicht in einem verlassenen Stadtteil. Die Leute sind momentan nur nicht auf der Strasse, weil es Mittagszeit ist. Aber nicht mehr lange, bis es ein Uhr schlägt und sich die Leute wieder auf die Strassen drängen und zur Arbeit, zur Schule oder sonst wohin stürmen. Noch zehn Minuten. Immer tiefer verläuft sich Ben im Strassenlabyrinth, immer aussichtsloser wird es, dass er jemals wieder seinen Rückweg findet. Abwechselnd biegt er einmal rechts, einmal links ab oder läuft geradeaus. Immer nervöser wird er mit fortschreitender Zeit. Immer verlorener kommt Ben sich vor. Und das ist er auch. Immer hoffnungsloser wird die Tragödie. Noch fünf Minuten.

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