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Der Sandmann und andere Erzählungen

E. T. A. Hoffmann

Der Sandmann und andere Erzählungen





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Zum Buch

Verfilmt oder als Oper aufgeführt, sind Hoffmanns Werke auch heute noch aktuell.

Diese Ausgabe enthält:

Der Sandmann

Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbild

Rat Krespel

Klein Zaches

Die Elixiere des Teufels

Korrektur gelesen und in neuer deutscher Rechtschreibung.

Der Sandmann

Nathanael an Lothar:

Gewiss seid Ihr alle voll Unruhe, dass ich so lange – lange nicht geschrieben. Mutter zürnt wohl und Clara mag glauben, ich lebe hier in Saus und Braus und vergesse mein holdes Engelsbild, so tief mir in Herz und Sinn eingeprägt, ganz und gar.

Dem ist aber nicht so; täglich und stündlich gedenke ich Eurer aller und in süßen Träumen geht meines holden Clärchens freundliche Gestalt vorüber und lächelt mich mit ihren hellen Augen so anmutig an, wie sie wohl pflegte, wenn ich zu Euch hineintrat.

Ach, wie vermochte ich denn Euch zu schreiben in der zerrissenen Stimmung des Geistes, die mir bisher alle Gedanken verstörte!

Etwas Entsetzliches ist in mein Leben getreten! Dunkle Ahnungen eines grässlichen mir drohenden Geschicks breiten sich wie schwarze Wolkenschatten über mich aus, undurchdringlich jedem freundlichen Sonnenstrahl.

Nun soll ich Dir sagen, was mir widerfuhr. Ich muss es, das sehe ich ein, aber nur es denkend, lacht es wie toll aus mir heraus.

Ach, mein herzlieber Lothar, wie fange ich es denn an, Dich nur einigermaßen empfinden zu lassen, dass das, was mir vor einigen Tagen geschah, denn wirklich mein Leben so feindlich zerstören konnte!

Wärst Du nur hier, so könntest Du selbst schauen; aber jetzt hältst Du mich gewiss für einen närrischen Geisterseher.

Kurz und gut, das Entsetzliche, was mir geschah, dessen tödlichen Eindruck zu vermeiden ich mich vergebens bemühe, besteht in nichts anderem, als dass vor einigen Tagen, nämlich am 30. Oktober, mittags um 12 Uhr, ein Wetterglashändler in meine Stube trat und mir seine Ware anbot. Ich kaufte nicht und drohte, ihn die Treppe hinabzuwerfen, worauf er aber von selbst fort ging.

Du ahnst, dass nur ganz eigene, tief in mein Leben eingreifende Beziehungen diesem Vorfall Bedeutung geben können, ja dass wohl die Person jenes unglückseligen Krämers gar feindlich auf mich wirken muss.

So ist es in der Tat. Mit aller Kraft fasse ich mich zusammen, um ruhig und geduldig Dir aus meiner früheren Jugendzeit so viel zu erzählen, dass Deinem regen Sinn alles klar und deutlich in leuchtenden Bildern aufgehen wird.

Indem ich anfangen will, höre ich Dich lachen und Clara sagen: „Das sind ja rechte Kindereien!“

Lacht, ich bitte Euch, lacht mich recht herzlich aus! Ich bitt’ Euch sehr!

Aber Gott im Himmel! Die Haare sträuben sich mir, und es ist, als flehe ich Euch an, mich auszulachen, in wahnsinniger Verzweiflung, wie Franz Moor den Daniel.

Nun fort zur Sache!

Außer dem Mittagessen sahen wir, ich und meine Geschwister, tagsüber den Vater wenig. Er mochte mit seinem Dienst viel beschäftigt sein. Nach dem Abendessen, das alter Sitte gemäß schon um sieben Uhr aufgetragen wurde, gingen wir alle, die Mutter mit uns, in des Vaters Arbeitszimmer und setzten uns um einen runden Tisch.

Der Vater rauchte Tabak und trank ein großes Glas Bier dazu. Oft erzählte er uns viele wunderbare Geschichten und geriet darüber so in Eifer, dass ihm die Pfeife immer ausging, die ich, ihm brennendes Papier hinhaltend, wieder anzünden musste, was mir ein Hauptspaß war.

Oft gab er uns aber Bilderbücher in die Hände, saß stumm und starr in seinem Lehnstuhl und blies starke Dampfwolken von sich, dass wir alle wie im Nebel schwammen.

An solchen Abenden war die Mutter sehr traurig, und kaum schlug die Uhr neun, so sprach sie:

„Nun Kinder! Zu Bett! Zu Bett! Der Sandmann kommt, ich merk’ es schon.“

Wirklich hörte ich dann jedes Mal etwas schweren langsamen Tritts die Treppe heraufpoltern; das musste der Sandmann sein.

Einmal war mir jenes dumpfe Treten und Poltern besonders graulich; ich frug die Mutter, indem sie uns fortführte:

„Ei, Mama, wer ist denn der böse Sandmann, der uns immer von Papa forttreibt? Wie sieht er denn aus?“

„Es gibt keinen Sandmann, mein liebes Kind“, erwiderte die Mutter. ,,Wenn ich sage, der Sandmann kommt, so will das nur heißen, ihr seid schläfrig und könnt die Augen nicht offen behalten, als hätte man euch Sand hineingestreut.“

Der Mutter Antwort befriedigte mich nicht, ja in meinem kindlichen Gemüt entfaltete sich deutlich der Gedanke, dass die Mutter den Sandmann verleugne, damit wir uns vor ihm nicht fürchten sollten, ich hörte ihn ja immer die Treppe heraufkommen.

Voll Neugierde, Näheres von diesem Sandmann und seiner Beziehung auf uns Kinder zu erfahren, frug ich endlich die alte Frau, die meine jüngste Schwester wartete, was denn das für ein Mann sei, der Sandmann?

„Ei, Thanelchen“, erwiderte diese, „weißt du das noch nicht? Das ist ein böser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bette gehen wollen, und wirft ihnen Hände voll Sand in die Augen, dass sie blutig zum Kopf herausspringen. Die wirft er dann in den Sack und trägt sie in den Halbmond zur Fütterung für seine Kinderchen; die sitzen dort im Nest und haben krumme Schnäbel wie die Eulen. Damit picken sie die Augen der unartigen Menschenkindlein auf.“

Grässlich malte sich mir nun im Innern das Bild des grausamen Sandmanns aus; sowie es abends die Treppe heraufpolterte, zitterte ich vor Angst und Entsetzen. Nichts als den unter Tränen hervor gestotterten Ruf: „Der Sandmann! Der Sandmann!“ konnte die Mutter aus mir herausbringen. Ich lief darauf in das Schlafzimmer, und wohl die ganze Nacht über quälte mich die fürchterliche Erscheinung des Sandmanns.

Schon alt genug war ich geworden, um einzusehen, dass das mit dem Sandmann und seinem Kindernest im Halbmonde, so wie es mir die Wartefrau erzählt hatte, wohl nicht ganz seine Richtigkeit haben könnte; indessen blieb mir der Sandmann ein fürchterliches Gespenst, und Grauen – Entsetzen ergriff mich, wenn ich ihn nicht allein die Treppe heraufkommen, sondern auch meines Vaters Stubentür heftig aufreißen und hineintreten hörte.

Manchmal blieb er lange weg, dann kam er öfter hintereinander. Jahrelang dauerte das, und nicht gewöhnen konnte ich mich an den unheimlichen Spuk, nicht bleicher wurde in mir das Bild des grausigen Sandmanns.

Sein Umgang mit dem Vater fing an, meine Fantasie immer mehr und mehr zu beschäftigen. Den Vater darum zu befragen, hielt mich eine unüberwindliche Scheu zurück, aber selbst – selbst das Geheimnis zu erforschen, den fabelhaften Sandmann zu sehen, dazu keimte mit den Jahren immer mehr die Lust in mir empor.

Der Sandmann hatte mich auf die Bahn des Wunderbaren, Abenteuerlichen gebracht, das sich so schon leicht im kindlichen Gemüt einnistet. Nichts war mir lieber, als schauerliche Geschichten von Kobolden, Hexen, Däumlingen und so weiter zu hören oder zu lesen; aber obenan stand immer der Sandmann, den ich in den seltsamsten, abscheulichsten Gestalten überall auf Tische, Schränke und Wände mit Kreide, Kohle, hinzeichnete.

Als ich zehn Jahre alt geworden, wies mich die Mutter aus der Kinderstube in ein Kämmerchen, das auf dem Korridor unfern von meines Vaters Zimmer lag. Noch immer mussten wir uns, wenn auf den Schlag neun Uhr sich jener Unbekannte im Hause hören ließ, schnell entfernen. In meinem Kämmerchen vernahm ich, wie er bei dem Vater eintrat, und bald darauf war es mir dann, als verbreite sich im Hause ein feiner, seltsam riechender Dampf.

Immer höher mit der Neugierde wuchs der Mut, auf irgendeine Weise des Sandmanns Bekanntschaft zu machen. Oft schlich ich schnell aus dem Kämmerchen auf den Korridor, wenn die Mutter vorübergegangen, aber nichts konnte ich erlauschen, denn immer war der Sandmann schon zur Türe hinein, wenn ich den Platz erreicht hatte, wo er mir sichtbar werden musste.

Endlich, von unwiderstehlichem Drange getrieben, beschloss ich, mich im Zimmer des Vaters selbst zu verbergen und den Sandmann zu erwarten.

An des Vaters Schweigen, an der Mutter Traurigkeit merkte ich eines Abends, dass der Sandmann kommen werde; ich schützte daher große Müdigkeit vor, verließ schon vor neun Uhr das Zimmer und verbarg mich dicht neben der Türe in einem Schlupfwinkel. Die Haustüre knarrte, durch den Flur ging es langsamen, schweren, dröhnenden Schrittes nach der Treppe. Die Mutter eilte mit den Geschwistern an mir vorüber.

Leise – leise öffnete ich des Vaters Stubentür. Er saß wie gewöhnlich stumm und starr, den Rücken der Türe zugekehrt, er bemerkte mich nicht, schnell war ich hinein und hinter der Gardine, die vor einen gleich neben der Türe stehenden offenen Schrank, worin meines Vaters Kleider hingen, gezogen war.

Näher – immer näher dröhnten die Tritte – es hustete und scharrte und brummte seltsam draußen. Das Herz bebte mir vor Angst und Erwartung. Dicht, dicht vor der Türe ein scharfer Tritt – ein heftiger Schlag auf die Klinke, die Tür springt rasselnd auf!

Mit Gewalt mich ermannend gucke ich behutsam hervor. Der Sandmann steht mitten in der Stube vor meinem Vater, der helle Schein der Lichter brennt ihm ins Gesicht!

Der Sandmann, der fürchterliche Sandmann ist der alte Advokat Coppelius, der manchmal bei uns zu Mittag isst!

Aber die grässlichste Gestalt hätte mir nicht tieferes Entsetzen erregen können als eben dieser Coppelius.

Denke Dir einen großen breitschultrigen Mann mit einem unförmlich dicken Kopf, erdgelbem Gesicht, buschigen grauen Augenbrauen, unter denen ein Paar grünliche Katzenaugen stechend hervorfunkeln, mit großer, starker, über die Oberlippe gezogener Nase. Das schiefe Maul verzieht sich oft zum hämischen Lachen. Dann werden auf den Backen ein paar dunkelrote Flecke sichtbar, und ein seltsam zischender Ton fährt durch die zusammengekniffenen Zähne.

Coppelius erschien immer in einem altmodisch zugeschnittenen aschgrauen Rock, ebensolcher Weste und gleichen Beinkleidern, aber dazu schwarze Strümpfe und Schuhe mit kleinen Steinschnallen. Die kleine Perücke reichte kaum bis über den Kopfwirbel heraus, die Kleblocken standen hoch über den großen roten Ohren, und ein breiter verschlossener Haarbeutel starrte von dem Nacken weg, sodass man die silberne Schnalle sah, die die gefältelte Halsbinde schloss.

Die ganze Figur war überhaupt widrig und abscheulich; aber vor allem waren uns Kindern seine großen, knotigen, haarigen Fäuste zuwider, sodass wir, was er damit berührte, nicht mehr mochten.

Das hatte er bemerkt, und nun war es seine Freude, irgendein Stückchen Kuchen oder eine süße Frucht, die uns die gute Mutter heimlich auf den Teller gelegt, unter diesem oder jenem Vorwand zu berühren, dass wir, helle Tränen in den Augen, die Näscherei, der wir uns erfreuen sollten, nicht mehr genießen mochten vor Ekel und Abscheu.

Ebenso machte er es, wenn uns an Feiertagen der Vater ein gutes Gläschen süßen Weins eingeschenkt hatte. Dann fuhr er schnell mit der Faust herüber oder brachte wohl gar das Glas an die blauen Lippen und lachte recht teuflisch, wenn wir unseren Ärger nur leise schluchzend äußern durften.

Er pflegte uns immer nur die kleinen Bestien zu nennen; wir durften, war er zugegen, keinen Laut von uns geben und verwünschten den hässlichen feindlichen Mann, der uns recht mit Bedacht und Absicht auch die kleinste Freude verdarb.

Die Mutter schien ebenso wie wir den widerwärtigen Coppelius zu hassen; denn sowie er sich zeigte, war ihr Frohsinn, ihr heiteres unbefangenes Wesen umgewandelt in traurigen düsteren Ernst.

Der Vater betrug sich gegen ihn, als sei er ein höheres Wesen, dessen Unarten man dulden und das man auf jede Weise bei guter Laune erhalten müsse. Er durfte nur leise andeuten, und Lieblingsgerichte wurden gekocht und seltene Weine kredenzt.

Als ich nun diesen Coppelius sah, ging es grausig und entsetzlich in meiner Seele auf, dass ja niemand anders als er der Sandmann sein könne, aber der Sandmann war mir nicht mehr jener Popanz aus dem Ammenmärchen, der für das Eulennest im Halbmond Kinderaugen zur Fütterung holt – nein – ein hässlicher gespenstischer Unhold, der überall, wo er einschreitet, Jammer – Not – zeitliches, ewiges Verderben bringt.

Ich war festgezaubert. Auf die Gefahr entdeckt und, wie ich deutlich dachte, hart gestraft zu werden, blieb ich stehen, den Kopf lauschend durch die Gardine hervorgestreckt.

Mein Vater empfing den Coppelius feierlich.

„Auf – zum Werk“, rief dieser mit heiserer, schnarrender Stimme und warf den Rock ab. Der Vater zog still und finster seinen Schlafrock aus, und beide kleideten sich in lange schwarze Kittel.

Wo sie die hernahmen, hatte ich übersehen. Der Vater öffnete die Flügeltür eines Wandschranks; aber ich sah, dass das, was ich so lange dafür gehalten, kein Wandschrank, sondern vielmehr eine schwarze Höhlung war, in der ein kleiner Herd stand. Coppelius trat hinzu, und eine blaue Flamme knisterte auf dem Herde empor. Allerlei seltsames Gerät stand umher.

Ach Gott! Wie sich nun mein alter Vater zum Feuer herabbückte, da sah er ganz anders aus. Ein grässlicher krampfhafter Schmerz schien seine sanften ehrlichen Züge zum hässlichen widerwärtigen Teufelsbild verzogen zu haben. Er sah dem Coppelius ähnlich.

Dieser schwang die glutrote Zange und holte damit hell blinkende Massen aus dem dicken Qualm, die er dann emsig hämmerte. Mir war es, als würden Menschengesichter ringsumher sichtbar, aber ohne Augen – scheußliche, tiefe schwarze Höhlen statt ihrer.

„Augen her, Augen her!“, rief Coppelius mit dumpfer dröhnender Stimme.

Ich kreischte auf, von wildem Entsetzen gewaltig erfasst, und stürzte aus meinem Versteck heraus auf den Boden. Da ergriff mich Coppelius.

„Kleine Bestie! – Kleine Bestie!“, meckerte er zähnefletschend – riss mich auf und warf mich auf den Herd, dass die Flamme mein Haar zu sengen begann.

„Nun haben wir Augen – Augen – ein schön Paar Kinderaugen“, so flüsterte Coppelius und griff mit den Fäusten glutrote Körner aus der Flamme, die er mir in die Augen streuen wollte.

Da hob mein Vater flehend die Hände empor und rief:

„Meister! Meister! Lass meinem Nathanael die Augen – lass sie ihm!“

Coppelius lachte gellend auf und rief:

„Mag denn der Junge die Augen behalten und sein Pensum flennen in der Welt; aber nun wollen wir doch den Mechanismus der Hände und der Füße recht beobachten.“

Und damit fasste er mich gewaltig, dass die Gelenke knackten, und schraubte mir die Hände ab und die Füße und setzte sie bald hier, bald dort wieder ein.

„’s steht doch überall nicht recht! ’s gut so, wie es war! – Der Alte hat’s verstanden!“

So zischte und lispelte Coppelius; aber alles um mich her wurde schwarz und finster, ein jäher Krampf durchzuckte Nerv und Gebein – ich fühlte nichts mehr.

Ein sanfter warmer Hauch glitt über mein Gesicht, ich erwachte wie aus dem Todesschlaf, die Mutter hatte sich über mich hingebeugt.

„Ist der Sandmann noch da?“, stammelte ich.

„Nein, mein liebes Kind, der ist lange, lange fort, der tut dir keinen Schaden!“ So sprach die Mutter und küsste und herzte den wieder gewonnenen Liebling.

Was soll ich Dich ermüden, mein herzlieber Lothar, was soll ich so weitläufig Einzelnes hererzählen, da noch so vieles zu sagen übrigbleibt? Genug!

Ich war bei der Lauscherei entdeckt und von Coppelius misshandelt worden. Angst und Schrecken hatten mir ein hitziges Fieber zugezogen, an dem ich mehrere Wochen krank lag.

„Ist der Sandmann noch da?“

Das war mein erstes gesundes Wort und das Zeichen meiner Genesung, meiner Rettung.

Nur noch den schrecklichsten Moment meiner Jugendjahre darf ich Dir erzählen; dann wirst Du überzeugt sein, dass es nicht ein Fehler meiner Augen ist, wenn mir nun alles farblos erscheint, sondern dass ein dunkles Verhängnis wirklich einen trüben Wolkenschleier über mein Leben gehängt hat, den ich vielleicht nur sterbend zerreiße.

Coppelius ließ sich nicht mehr sehen, es hieß, er habe die Stadt verlassen.

Ein Jahr mochte vergangen sein, als wir der alten unveränderten Sitte gemäß abends an dem runden Tische saßen. Der Vater war sehr heiter und erzählte viel Ergötzliches von den Reisen, die er in seiner Jugend gemacht. Da hörten wir, als es neun schlug, plötzlich die Haustür in den Angeln knarren, und langsame eisenschwere Schritte dröhnten durch den Hausflur die Treppe herauf.

„Das ist Coppelius“, sagte meine Mutter erblassend.

„Ja! – Es ist Coppelius“, wiederholte mein Vater mit matter gebrochener Stimme.

Die Tränen stürzten der Mutter aus den Augen. „Aber Vater, Vater“, rief sie, „muss es denn sein?“

„Zum letzten Male!“ erwiderte dieser, „zum letzten Male kommt er zu mir, ich verspreche es dir. Geh nur, geh mit den Kindern! Geht – geht zu Bette! Gute Nacht!“

Mir war es, als sei ich in schweren kalten Stein eingepresst – mein Atem stockte!

Die Mutter ergriff mich beim Arm, als ich unbeweglich stehenblieb:

„Komm, Nathanael, komm nur!“

Ich ließ mich fortführen, ich trat in meine Kammer.

„Sei ruhig, sei ruhig, lege dich ins Bett! Schlafe – schlafe!“, rief mir die Mutter nach; aber von unbeschreiblicher innerer Angst und Unruhe gequält, konnte ich kein Auge zutun. Der verhasste, abscheuliche Coppelius stand vor mir mit funkelnden Augen und lachte mich hämisch an. Vergebens trachtete ich, sein Bild loszuwerden.

Es mochte wohl schon Mitternacht sein, als ein entsetzlicher Schlag geschah, wie wenn ein Geschütz losgefeuert würde. Das ganze Haus erdröhnte, es rasselte und rauschte bei meiner Türe vorüber, die Haustüre wurde klirrend zugeworfen.

„Das ist Coppelius!“, rief ich entsetzt und sprang aus dem Bette. Da kreischte es auf in schneidendem trostlosem Jammer, fort stürzte ich nach des Vaters Zimmer, die Türe stand offen, erstickender Dampf quoll mir entgegen, das Dienstmädchen schrie:

„Ach, der Herr! – Der Herr!“

Vor dem dampfenden Herde auf dem Boden lag mein Vater, tot, mit schwarz verbranntem, grässlich verzerrtem Gesicht, um ihn herum heulten und winselten die Schwestern – die Mutter ohnmächtig daneben!

„Coppelius, verruchter Satan, du hast den Vater erschlagen!“ So schrie ich auf; mir vergingen die Sinne.

Als man zwei Tage darauf meinen Vater in den Sarg legte, waren seine Gesichtszüge wieder mild und sanft geworden, wie sie im Leben waren. Tröstend ging es in meiner Seele auf, dass sein Bund mit dem teuflischen Coppelius ihn nicht ins ewige Verderben gestürzt haben könne.

Die Explosion hatte die Nachbarn geweckt, der Vorfall wurde ruchbar und kam vor die Obrigkeit, welche den Coppelius zur Verantwortung laden wollte. Der war aber spurlos vom Orte verschwunden.

Wenn ich Dir nun sage, mein herzlieber Freund, dass jener Wetterglashändler eben der verruchte Coppelius war, so wirst Du es mir nicht verargen, dass ich die feindliche Erscheinung als schweres Unheil bringend deute. Er war anders gekleidet, aber Coppelius’ Figur und Gesichtszüge sind zu tief in mein Innerstes eingeprägt, als dass hier ein Irrtum möglich sein sollte. Zudem hat Coppelius nicht einmal seinen Namen geändert. Er gibt sich hier, wie ich höre, für einen piemontesischen Mechanicus aus und nennt sich Giuseppe Coppola.

Ich bin entschlossen, es mit ihm aufzunehmen und des Vaters Tod zu rächen, mag es denn nun gehen, wie es will.

Der Mutter erzähle nichts von dem Erscheinen des grässlichen Unholdes.

Grüße meine liebe, holde Clara, ich schreibe ihr in ruhigerer Gemütsstimmung. Lebe wohl.

Clara an Nathanael:

Wahr ist es, dass Du mir recht lange nicht geschrieben hast, aber dennoch glaube ich, dass Du mich in Sinn und Gedanken trägst. Denn meiner gedachtest Du wohl recht lebhaft, als Du Deinen letzten Brief an Bruder Lothar absenden wolltest und die Aufschrift, statt an ihn, an mich richtetest:

Freudig erbrach ich den Brief und wurde den Irrtum erst bei den Worten inne:

„Ach, mein herzlieber Lothar“.

Nun hätte ich nicht weiterlesen, sondern den Brief dem Bruder geben sollen. Aber, hast Du mir auch sonst manchmal in kindlicher Neckerei vorgeworfen, ich hätte solch ruhiges, weiblich besonnenes Gemüt, dass ich wie jene Frau, drohe dem Haus der Einsturz, noch vor schneller Flucht ganz geschwinde einen falschen Kniff in der Fenstergardine glattstreichen würde, so darf ich doch wohl kaum versichern, dass Deines Briefes Anfang mich tief erschütterte. Ich konnte kaum atmen, es flimmerte mir vor den Augen.

Ach, mein herzgeliebter Nathanael, was konnte so Entsetzliches in Dein Leben getreten sein? Trennung von Dir, Dich niemals wiedersehen, der Gedanke durchfuhr meine Brust wie ein glühender Dolchstich.

Ich las und las! Deine Schilderung des widerwärtigen Coppelius ist grässlich. Erst jetzt vernahm ich, wie Dein guter alter Vater solch entsetzlichen gewaltsamen Todes starb.

Bruder Lothar, dem ich sein Eigentum zustellte, suchte mich zu beruhigen, aber es gelang ihm schlecht. Der fatale Wetterglashändler Giuseppe Coppola verfolgte mich auf Schritt und Tritt, und beinahe schäme ich mich, es zu gestehen, dass er selbst meinen gesunden, sonst so ruhigen Schlaf in allerlei wunderlichen Traumgebilden zerstören konnte. Doch bald, schon den andern Tag, hatte sich alles anders in mir gestaltet.

Sei mir nur nicht böse, mein Inniggeliebter, wenn Lothar Dir etwa sagen möchte, dass ich trotz Deiner seltsamen Ahnung, Coppelius werde Dir etwas Böses antun, ganz heiteren, unbefangenen Sinnes bin wie immer.

Geradeheraus will ich es Dir nur gestehen, dass, wie ich meine, alles Entsetzliche und Schreckliche, wovon Du sprichst, nur in Deinem Innern vorging, die wahre, wirkliche Außenweit aber daran wohl wenig Teil hatte.

Widerwärtig genug mag der alte Coppelius gewesen sein, aber dass er Kinder hasste, das brachte in Euch Kindern wahren Abscheu gegen ihn hervor.

Natürlich verknüpfte sich nun in Deinem kindlichen Gemüt der schreckliche Sandmann aus dem Ammenmärchen mit dem alten Coppelius, der Dir, glaubtest Du auch nicht an den Sandmann, ein gespenstischer, besonders Kindern gefährlicher Unhold blieb.

Das unheimliche Treiben mit Deinem Vater zur Nachtzeit war wohl nichts anders, als dass beide insgeheim alchemistische Versuche machten, womit die Mutter nicht zufrieden sein konnte, da gewiss viel Geld unnütz verschleudert und obendrein, wie es immer mit solchen Grüblern der Fall sein soll, des Vaters Gemüt ganz von dem trügerischen Drange nach hoher Weisheit erfüllt, der Familie abwendig gemacht wurde.

Der Vater hat wohl gewiss durch eigene Unvorsichtigkeit seinen Tod herbeigeführt, und Coppelius ist nicht schuld daran

Glaubst Du, dass ich den erfahrnen Nachbar Apotheker gestern frug, ob wohl bei chemischen Versuchen eine solche augenblicklich tötende Explosion möglich sei?

Der sagte: „Ei allerdings“, und beschrieb mir nach seiner Art gar weitläufig und umständlich, wie das zugehen könne, und nannte dabei so viel sonderbar klingende Namen, die ich gar nicht zu behalten vermochte.

Nun wirst Du wohl unwillig werden über Deine Clara, Du wirst sagen: „In dies kalte Gemüt dringt kein Strahl des Geheimnisvollen, das den Menschen oft mit unsichtbaren Armen umfasst; sie erschaut nur die bunte Oberfläche der Welt und freut sich wie das kindische Kind über die goldgleißende Frucht, in deren Innerem tödliches Gift verborgen.“

Ach, mein herzgeliebter Nathanael, glaubst Du denn nicht, dass auch in heiteren – unbefangenen – sorglosen Gemütern die Ahnung wohnen könne von einer dunklen Macht, die feindlich uns in unserem eigenen Selbst zu verderben strebt?

Aber verzeih es mir, wenn ich einfältiges Mädchen mich unterfange, auf irgendeine Weise Dir anzudeuten, was ich eigentlich von solchem Kampfe im Innern glaube. Ich finde wohl gar am Ende nicht die rechten Worte, und Du lachst mich aus, nicht weil ich was Dummes meine, sondern weil ich mich so ungeschickt anstelle, es zu sagen.

Gibt es eine dunkle Macht, die so recht feindlich und verräterisch einen Faden in unser Inneres legt, woran sie uns dann fest packt und fortzieht auf einem gefahrvollen, verderblichen Wege, den wir sonst nicht betreten haben würden – gibt es eine solche Macht, so muss sie in uns sich wie wir selbst gestalten, ja, unser Selbst werden; denn nur so glauben wir an sie und räumen ihr den Platz ein, dessen sie bedarf, um jenes geheime Werk zu vollbringen.

Haben wir festen, durch das heitere Leben gestärkten Sinn genug, um fremdes feindliches Einwirken als solches stets zu erkennen und den Weg, in den uns Neigung und Beruf geschoben, ruhigen Schrittes zu verfolgen, so geht wohl jene unheimliche Macht unter in dem vergeblichen Ringen nach der Gestaltung, die unser eignes Spiegelbild sein sollte.

Es ist auch gewiss, fügt Lothar hinzu, dass die dunkle physische Macht, haben wir uns durch uns selbst ihr hingegeben, oft fremde Gestalten, die die Außenwelt uns in den Weg wirft, in unser Inneres hineinzieht, sodass wir selbst nur den Geist entzünden, ,der, wie wir in wunderlicher Täuschung glauben, aus jener Gestalt spricht. Es ist das Phantom unseres eigenen Ichs, dessen innige Verwandtschaft und dessen tiefe Einwirkung auf unser Gemüt uns in die Hölle wirft oder in den Himmel verzückt.

Du merkst, mein herzlieber Nathanael, dass wir, Bruder Lothar und ich, uns recht über das Thema von dunklen Mächten und Gewalten ausgesprochen haben, das mir nun, nachdem ich nicht ohne Mühe das Hauptsächlichste aufgeschrieben, ordentlich tiefsinnig vorkommt. Lothars letzte Worte verstehe ich nicht ganz, ich ahne nur, was er meint, und doch ist es mir, als sei alles sehr wahr.

Ich bitte Dich, schlage Dir den hässlichen Advokaten Coppelius und den Wetterglasmann Giuseppe Coppola ganz aus dem Sinn. Sei überzeugt, dass diese fremden Gestalten nichts über Dich vermögen. Nur der Glaube an ihre feindliche Gewalt kann sie Dir in der Tat feindlich machen.

Spräche nicht aus jeder Zeile Deines Briefes die tiefste Aufregung Deines Gemüts, schmerzte mich nicht Dein Zustand recht in innerster Seele, wahrhaftig, ich könnte über den Advokaten Sandmann und den Wetterglashändler Coppelius scherzen.

Sei heiter – heiter!

Ich habe mir vorgenommen, bei Dir zu erscheinen wie Dein Schutzgeist und den hässlichen Coppola, sollte er es sich etwa beikommen lassen, Dir im Traum beschwerlich zu fallen, mit lautem Lachen fortzubannen. Ganz und gar nicht fürchte ich mich vor ihm und vor seinen garstigen Fäusten, er soll mir weder als Advokat eine Näscherei, noch als Sandmann die Augen verderben.

Ewig, mein herzinnigstgeliebter Nathanael.

Nathanael an Lothar:

Sehr unlieb ist es mir, dass Clara neulich den Brief an Dich aus – freilich durch meine Zerstreutheit veranlasstem – Irrtum erbrach und las. Sie hat mir einen sehr tiefsinnigen philosophischen Brief geschrieben, worin sie ausführlich beweist, dass Coppelius und Coppola nur in meinem Innern existieren und Phantome meines Ichs sind, die augenblicklich zerstäuben, wenn ich sie als solche erkenne.

In der Tat, man sollte gar nicht glauben, dass der Geist, der aus solch hellen hold lächelnden Kinderaugen oft wie ein lieblicher süßer Traum hervorleuchtet, gar so verständig, so schulmeisterlich belehren könne.

Sie beruft sich auf Dich. Ihr habt über mich gesprochen. Du hältst ihr wohl Vorlesungen in Logik, damit sie alles fein sichten und sondern lerne.

Lass das bleiben!

Übrigens ist es wohl gewiss, dass der Wetterglashändler Giuseppe Coppola keineswegs der alte Advokat Coppelius ist. Ich höre bei dem erst neuerdings angekommenen Professor der Physik, der wie jener berühmte Naturforscher Spalanzani heißt und italienischer Herkunft ist, Vorlesungen. Der kennt den Coppola schon seit vielen Jahren, und überdem hört man es auch seiner Aussprache an, dass er wirklich Piemonteser ist.

Coppelius war ein Deutscher, aber wie mich dünkt, kein ehrlicher. Ganz beruhigt bin ich nicht. Haltet Ihr, Du und Clara, mich immerhin für einen düsteren Träumer, aber nicht los kann ich den Eindruck werden, den Coppelas verfluchtes Gesicht auf mich macht. Ich bin froh, dass er fort ist aus der Stadt, wie mir Spalanzani sagt.

Dieser Professor ist ein wunderlicher Kauz. Ein kleiner rundlicher Mann, das Gesicht mit starken Backenknochen, feiner Nase, aufgeworfenen Lippen, kleinen stechenden Augen. Doch besser als in jeder Beschreibung siehst Du ihn, wenn Du den Cagliostro, wie er von Chodowiecki in irgendeinem Berliner Taschenkalender steht, anschaust. –So sieht Spalanzani aus.

Neulich steige ich die Treppe herauf und nehme wahr, dass die sonst einer Glastüre dicht vorgezogene Gardine zur Seite einen kleinen Spalt lässt. Selbst weiß ich nicht, wie ich dazu kam, neugierig durchzublicken.

Ein hohes, sehr schlank im reinsten Ebenmaß gewachsenes, herrlich gekleidetes Frauenzimmer saß im Zimmer vor einem kleinen Tisch, auf den sie beide Arme, die Hände zusammengefaltet, gelegt hatte.

Sie saß der Türe gegenüber, sodass ich ihr engelschönes Gesicht ganz erblickte. Sie schien mich nicht zu bemerken, und überhaupt hatten ihre Augen etwas Starres, beinahe möcht’ ich sagen, keine Sehkraft. Es war mir so, als schliefe sie mit offenen Augen.

Mir wurde ganz unheimlich, und deshalb schlich ich leise fort in den Hörsaal, der daneben gelegen. Nachher erfuhr ich, dass die Gestalt, die ich gesehen, Spalanzanis Tochter Olympia war, die er sonderbarer und schlechter Weise einsperrt, sodass durchaus kein Mensch in ihre Nähe kommen darf. Am Ende hat es eine Bewandtnis mit ihr, sie ist vielleicht blödsinnig oder sonst.

Weshalb schreibe ich Dir aber das alles? Besser und ausführlicher hätte ich Dir das mündlich erzählen können. Wisse nämlich, dass ich über vierzehn Tage bei Euch bin. Ich muss mein süßes liebes Engelsbild, meine Clara, wiedersehen. Weggehaucht wird dann die Verstimmung sein, die sich (ich muss das gestehen) nach dem fatalen verständigen Briefe meiner bemeistern wollte. Deshalb schreibe ich auch heute nicht an Sie.

Tausend Grüße …

Seltsamer und wunderlicher kann nichts erfunden werden, als dasjenige ist, was sich mit meinem armen Freunde, dem jungen Studenten Nathanael, zugetragen und was ich Dir, lieber Leser, zu erzählen unternommen.

Hast Du wohl jemals etwas erlebt, das Deine Brust, Sinn und Gedanken ganz und gar erfüllte, alles andere daraus verdrängend? Es gärte und kochte in Dir, zur siedenden Glut entzündet sprang das Blut durch die Adern und färbte höher Deine Wangen. Dein Blick war so seltsam, als wolle er Gestalten, keinem andern Auge sichtbar, im leeren Raum erfassen, und die Rede zerfloss in dunkle Seufzer.

Da frugen Dich die Freunde: Wie ist Ihnen, Verehrter? Was haben Sie, Teurer? Und nun wolltest Du das innere Gebilde mit allen glühenden Farben und Schatten und Lichtern aussprechen und mühtest Dich ab, Worte zu finden, uni nur anzufangen.

Aber es war Dir, als müsstest Du nun gleich im ersten Wort alles Wunderbare, Herrliche, Entsetzliche, Lustige, Grauenhafte, das sich zugetragen, recht zusammengreifen, sodass es wie ein elektrischer Schlag alle treffe.

Doch jedes Wort, alles was Rede vermag, schien Dir farblos und frostig und tot. Du suchst und suchst und stotterst und stammelst, und die nüchternen Fragen der Freunde schlagen wie eisiger Windhauch hinein in Deine innere Glut, bis sie verlöschen will.

Hattest Du aber wie ein kecker Maler erst mit einigen verwegenen Strichen den Umriss Deines inneren Bildes hingeworfen, so trugst Du mit leichter Mühe immer glühender und glühender die Farben auf und das lebendige Gewühl mannigfacher Gestalten riss die Freunde fort und sie sahen wie Du, sich selbst mitten im Bilde, das aus Deinem Gemüt hervorgegangen!

Mich hat, wie ich Dir, geneigter Leser, gestehen muss, eigentlich niemand nach der Geschichte des jungen Nathanael gefragt; Du weißt ja aber wohl, dass ich zu dem wunderlichen Geschlechte der Autoren gehöre, denen, tragen sie etwas so in sich, wie ich es vorhin beschrieben, so zumute wird, als frage jeder, der in ihre Nähe kommt, und nebenher auch wohl noch die ganze Welt: Was ist es denn? Erzählen Sie, Liebster?

So trieb es mich denn gar gewaltig, von Nathanaels verhängnisvollem Leben zu sprechen. Das Wunderbare, Seltsame davon erfüllte meine ganze Seele, aber eben deshalb und weil ich Dich, lieber Leser, gleich geneigt machen musste, Wunderliches zu ertragen, welches nichts Geringes ist, quälte ich mich ab, Nathanaels Geschichte, bedeutend, originell, ergreifend, einzufangen:

„Es war einmal“ – der schönste Anfang jeder Erzählung, zu nüchtern!

„In der kleinen Provinzial-Stadt S. lebte“ – etwas besser, wenigstens ausholend zum Höhepunkt.

Oder gleich mitten hinein: „Scheer’ er sich zum Teufel, rief, Wut und Entsetzen im wilden Blick, der Student Nathanael, als der Wetterglashändler Giuseppe Coppola …“

Das hatte ich in der Tat schon aufgeschrieben, als ich in dem wilden Blick des Studenten Nathanael etwas Komisches zu verspüren glaubte; die Geschichte ist aber gar nicht spaßhaft. Mir kam keine Rede in den Sinn, die nur im Mindesten etwas von dem Farbenglanz des Innern Bildes anzuspiegeln schien. Ich beschloss, gar nicht anzufangen.

Nimm, geneigter Leser, die drei Briefe, welche Freund Lothar mir gütigst mitteilte, für den Umriss des Gebildes, in das ich nun erzählend immer mehr und mehr Farbe hineinzutragen mich bemühen werde. Vielleicht gelingt es mir, manche Gestalt wie ein guter Porträtmaler so aufzufassen, dass Du es ähnlich findest, ohne das Original zu kennen, ja dass es Dir ist, als hättest Du die Person recht oft schon mit leibhaftigen Augen gesehen. Vielleicht wirst Du, lieber Leser, dann glauben, dass nichts wunderlicher und toller sei als das wirkliche Leben und dass dieses der Dichter doch nur wie in eines matt geschliffenen Spiegels dunklem Widerschein auffassen könne.

Damit klarer werde, was gleich anfangs zu wissen nötig, ist jenen Briefen noch hinzuzufügen, dass bald darauf, als Nathanaels Vater gestorben, Clara und Lothar, Kinder eines weitläufigen Verwandten, der ebenfalls gestorben und sie verwaist zurückgelassen, von Nathanaels Mutter ins Haus genommen wurden.

Clara und Nathanael fassten eine innige Neigung zueinander, wogegen kein Mensch auf Erden etwas einzuwenden hatte; sie waren daher Verlobte, als Nathanael den Ort verließ, um seine Studien in G. fortzusetzen. Da ist er nun in seinem letzten Briefe und hört Vorlesungen bei dem berühmten Professor der Physik, Spalanzani.

Nun könnte ich getrost in der Erzählung fortfahren; aber in dem Augenblick steht Claras Bild mir so lebendig vor Augen, dass ich nicht wegschauen kann, so wie es immer geschah, wenn sie mich hold lächelnd anblickte.

Für schön konnte Clara keineswegs gelten; das meinten alle, die sich von Amts wegen auf Schönheit verstehen. Doch lobten die Architekten die reinen Verhältnisse ihres Wuchses, die Maler fanden Nacken, Schultern und Brust beinahe zu keusch geformt, verliebten sich dagegen sämtlich in das wunderbare Magdalenenhaar und faselten überhaupt viel von Battonischem Colorit.

Einer von ihnen, ein wirklicher Fantast, verglich aber höchst seltsamerweise Claras Augen mit einem See von Ruisdael, in dem sich des wolkenlosen Himmels reines Blau, Wald- und Blumenflur, der reichen Landschaft ganzes buntes heitres Leben spiegelt.

Dichter und Meister gingen aber weiter und sprachen: Was See – was Spiegel! Können wir denn das Mädchen anschauen, ohne dass uns aus ihrem Blick wunderbare himmlische Gesänge und Klänge entgegenstrahlen, die in unser Innerstes dringen, dass da alles wach und rege wird? Singen wir selbst dann nichts wahrhaft Gescheites, so ist überhaupt nicht viel an uns, und das lesen wir denn auch deutlich in dem um Claras Lippen schwebenden feinen Lächeln, wenn wir uns unterfangen, ihr etwas vorzutrillern, das so tun will, als sei es Gesang, unerachtet nur einige Töne verworren durcheinander springen.

Es war dem so. Clara hatte die lebenskräftige Fantasie des heiteren, unbefangenen, kindlichen Kindes, ein tiefes, weiblich zartes Gemüt, einen gar hellen, scharf sichtenden Verstand. Die Nebler und Schwebler hatten bei ihr böses Spiel; denn ohne zu viel zu reden, was überhaupt in Claras schweigsamer Natur nicht lag, sagte ihnen der helle Blick und jenes feine ironische Lächeln: Liebe Freunde, wie möget ihr mir denn zumuten, dass ich eure verfließende Schattengebilde für wahre Gestalten ansehen soll, mit Leben und Regung!

Clara wurde deshalb von vielen kalt, gefühllos, prosaisch gescholten; aber andere, die das Leben in klarer Tiefe aufgefasst, liebten ungemein das gemütvolle, verständige, kindliche Mädchen, doch keiner so sehr als Nathanael, der sich in Wissenschaft und Kunst kräftig und heiter bewegte.

Clara hing an dem Geliebten mit ganzer Seele; die ersten Wolkenschatten zogen durch ihr Leben, als er sich von ihr trennte. Mit welchem Entzücken flog sie in seine Arme, als er nun, wie er es im letzten Briefe an Lothar verheißen, wirklich in seiner Vaterstadt ins Zimmer der Mutter eintrat.

Es geschah so, wie Nathanael geglaubt; denn in dem Augenblick, als er Clara wiedersah, dachte er weder an den Advokaten Coppelius, noch an Claras verständigen Brief, jede Verstimmung war verschwunden.

Recht hatte aber Nathanael doch, als er seinem Freunde Lothar schrieb, dass des widerwärtigen Wetterglashändlers Copolla Gestalt recht feindlich in sein Leben getreten sei.

Alle fühlten das, da Nathanael gleich in den ersten Tagen sich in seinem ganzen Wesen durchaus verändert zeigte. Er versank in düstere Träumerei und trieb es bald so seltsam, wie man es niemals von ihm gewohnt gewesen. Alles, das ganze Leben war ihm Traum und Ahnung geworden; immer sprach er davon, wie jeder Mensch sich frei wähnend, nur dunklen Mächten zum grausamen Spiel diene, vergeblich lehne man sich dagegen auf, demütig müsse man sich dem fügen, was das Schicksal verhängt habe.

Er ging so weit zu behaupten, dass es töricht sei, wenn man glaube, in Kunst und Wissenschaft nach selbstständiger Willkür zu schaffen; denn die Begeisterung, in der man nur zu schaffen fähig sei, komme nicht aus dem eigenen Inneren, sondern sei das Einwirken irgendeines außer uns selbst liegenden höheren Prinzips.

Der verständigen Clara war diese mystische Schwärmerei im höchsten Grade zuwider, doch schien es vergebens, sich auf Widerlegung einzulassen. Nur dann, wenn Nathanael bewies, dass Coppelius das böse Prinzip sei, was ihn in dem Augenblick erfasst habe, als er hinter dem Vorhange lauschte, und dass dieser widerwärtige Dämon auf entsetzliche Weise ihr Liebesglück stören werde, da wurde Clara sehr ernst und sprach:

„Ja, Nathanael! Du hast recht, Coppelius ist ein böses, feindliches Prinzip, er kann Entsetzliches wirken wie eine teuflische Macht, die sichtbarlich in das Leben trat, aber nur dann, wenn du ihn nicht aus Sinn und Gedanken verbannst. Solange du an ihn glaubst, ist er auch und wirkt, nur dein Glaube ist seine Macht.“

Nathanael, ganz erzürnt, dass Clara die Existenz des Dämon nur in seinem eigenen Innern zugab, wollte dann mit der ganzen mystischen Lehre von Teufeln und grausen Mächten hervorrücken.

Clara brach aber verdrießlich ab, indem sie irgendetwas Gleichgültiges dazwischen schob, zu Nathanaels nicht geringem Ärger. Der dachte, kalten unempfänglichen Gemütern verschließen sich solche tiefen Geheimnisse, ohne sich deutlich bewusst zu sein, dass er Clara eben zu solchen untergeordneten Naturen zähle, weshalb er nicht mit Versuchen abließ, sie in jene Geheimnisse einzuweihen.

Am frühen Morgen, wenn Clara das Frühstück bereiten half, stand er bei ihr und las aus allerlei mystischen Büchern vor, dass Clara bat:

„Aber, lieber Nathanael, wenn ich dich nun das böse Prinzip schelten wollte, das feindlich auf meinen Kaffee wirkt? Denn wenn ich, wie du es willst, alles stehen- und liegenlassen und dir, indem du liest, in die Augen schauen soll, so läuft mir der Kaffee ins Feuer, und ihr bekommt alle kein Frühstückt“

Nathanael klappte das Buch heftig zu und rannte voll Unmut fort in sein Zimmer. Sonst hatte er eine besondere Stärke in anmutigen lebendigen Erzählungen, die er aufschrieb und die Clara mit dem innigsten Vergnügen anhörte; jetzt waren seine Dichtungen düster, unverständlich gestaltlos, sodass, wenn Clara schonend es auch nicht sagte, er doch wohl fühlte, wie wenig sie davon angesprochen wurde. Nichts war für Clara tötender als das Langweilige; in Blick und Rede sprach sie dann ihre nicht zu besiegende geistige Schläfrigkeit aus.

Nathanaels Dichtungen waren in der Tat sehr langweilig. Sein Verdruss über Claras kaltes prosaisches Gemüt stieg höher; Clara konnte ihren Unmut über Nathanaels dunkle, düstre, langweilige Mystik nicht überwinden, und so entfernten beide im Innern sich immer mehr voneinander, ohne es selbst zu bemerken.

Die Gestalt des hässlichen Coppelius war, wie Nathanael selbst es sich gestehen musste, in seiner Fantasie verblichen, und es kostete ihm oft Mühe, ihn in seinen Dichtungen, wo er als grauser Schicksalspopanz auftrat, recht lebendig zu malen.

Es fiel ihm endlich ein, jene düstere Ahnung, dass Coppelius sein Liebesglück stören werde, zum Gegenstande eines Gedichtes zu machen. Er stellte sich und Clara dar, in treuer Liebe verbunden, aber dann und wann war es, als griffe eine schwarze Faust in ihr Leben und risse irgendeine Freude heraus, die ihnen aufgegangen.

Endlich, als sie schon am Traualtar stehen, erscheint der entsetzliche Coppelius und berührt Claras holde Augen; die springen in Nathanaels Brust wie blutige Funken, sengend und brennend.

Coppelius fasst ihn und wirft ihn in einen flammenden Feuerkreis, der sich mit der Schnelligkeit des Sturmes dreht und ihn sausend fortreißt. Es ist ein Tosen, als wenn der Orkan grimmig hineinpeitscht in die schäumenden Meereswellen, die sich wie schwarze weißhäuptige Riesen in wütendem Kampfe emporbäumen.

Aber durch dies wilde Tosen hört er Claras Stimme. „Kannst du mich denn nicht erschauen? Coppelius, hat dich getäuscht. Das waren ja nicht meine Augen, die so in deiner Brust brannten; das waren ja glühende Tropfen deines eignen Herzblutes – ich habe ja meine Augen, sieh mich doch nur an!“

Nathanael denkt: Das ist Clara und ich bin ihr Eigen ewiglich

Da ist es, als fasst der Gedanke gewaltig in den Feuerkreis hinein, dass er stehenbleibt, und im schwarzen Abgrund verraucht dumpf das Getöse. Nathanael blickt in Claras Augen, aber es ist der Tod, der ihn mit Claras Augen freundlich anschaut.

Während Nathanael dies dichtete, war er sehr ruhig und besonnen, er feilte und besserte an jeder Zeile, und da er sich dem metrischen Zwange unterworfen, ruhte er nicht, bis sich alles rein und wohlklingend fügte.

Als er jedoch endlich fertig geworden und das Gedicht für sich laut las, da fasste ihn Grausen und wildes Entsetzen und er schrie auf:

„Wessen grauenvolle Stimme ist das?“

Bald schien ihm jedoch das Ganze wieder nur eine sehr gelungene Dichtung und es war ihm, als müsse Claras kaltes Gemüt dadurch entzündet werden, wiewohl er nicht deutlich dachte, wozu denn Clara entzündet und wozu es denn nun eigentlich führen solle, sie mit den grauenvollen Bildern zu ängstigen, die ein entsetzliches, ihre Liebe zerstörendes Geschick weissagten.

Sie, Nathanael und Clara, saßen in der Mutter kleinem Garten, Clara war sehr heiter, weil Nathanael sie seit drei Tagen, in denen er an jener Dichtung schrieb, nicht mit seinen Träumen und Ahnungen geplagt hatte.

Auch Nathanael sprach lebhaft und froh von lustigen Dingen wie sonst, sodass Clara sagte:

„Nun erst habe ich dich ganz wieder. Siehst du es wohl, wie wir den hässlichen Coppelius vertrieben haben?“

Da fiel Nathanael erst ein, dass er ja die Dichtung in der Tasche trage, die er habe vorlesen wollen. Er zog auch sogleich die Blätter hervor und fing an zu lesen.

Clara, etwas Langweiliges wie gewöhnlich vermutend und sich darein ergebend, fing an, ruhig zu stricken. Aber so wie immer schwärzer und schwärzer das düstre Gewölk aufstieg, ließ sie den Strickstrumpf sinken und blickte starr Nathanael ins Auge.

Den riss seine Dichtung unaufhaltsam fort, hochrot färbte die innere Glut seine Wangen, Tränen quollen ihm aus den Augen.

Endlich hatte er geschlossen, er stöhnte in tiefer Ermattung – er fasste Claras Hand und seufzte wie aufgelöst in trostlosem Jammer:

„Ach! – Clara – Clara!“

Clara drückte ihn sanft an ihre Brust und sagte leise, aber sehr langsam und ernst:

„Nathanael – mein herzlieber Nathanael – wirf das tolle – unsinnige – wahnsinnige Märchen ins Feuer.“

Da sprang Nathanael entrüstet auf und rief, Clara von sich stoßend:

„Du lebloser, verdammter Automat!“

Er rannte fort, bittre Tränen vergoss die tief verletzte Clara.

„Ach, er hat mich niemals geliebt, denn er versteht mich nicht“, schluchzte sie laut.

Lothar trat in die Laube; Clara musste ihm erzählen, was vorgefallen; er liebte seine Schwester mit ganzer Seele, jedes Wort ihrer Anklage fiel wie ein Funke in sein Inneres, sodass der Unmut, den er wider den träumerischen Nathanael lange im Herzen getragen, sich zum wilden Zorn entzündete.

Er lief zu Nathanael, er warf ihm das unsinnige Betragen gegen die geliebte Schwester in harten Worten vor, die der aufbrausende Nathanael ebenso erwiderte. Ein „fantastischer wahnsinniger Geck“ wurde mit einem „miserablen gemeinen Alltagsmenschen“ erwidert.

Der Zweikampf war unvermeidlich. Sie beschlossen, sich am folgenden Morgen hinter dem Garten nach dortiger Studentensitte mit scharf geschliffenen Stoßrappieren zu schlagen. Stumm und finster schlichen sie umher.

Clara hatte den heftigen Streit gehört und gesehen, dass der Fechtmeister in der Dämmerung die Rappiere brachte. Sie ahnte, was geschehen sollte.

Auf dem Kampfplatz angekommen, hatten Lothar und Nathanael soeben düster schweigend die Röcke abgeworfen, blutdürstige Kampflust im brennenden Auge wollten sie gegeneinander ausfallen, als Clara durch die Gartentür herbeistürzte.

Schluchzend rief sie laut:

„Ihr wilden, entsetzlichen Menschen! Stoßt mich nur gleich nieder, ehe ihr euch anfallt; denn wie soll ich denn länger leben auf der Welt, wenn der Geliebte den Bruder oder wenn der Bruder den Geliebten ermordet hat?“

Lothar ließ die Waffe sinken und sah schweigend zur Erde nieder, aber in Nathanaels Innern ging in herzzerreißender Wut alle Liebe wieder auf, wie er sie jemals in der herrlichen Jugendzeit schönsten Tagen für die holde Clara empfunden. Die Mordwaffe entfiel seiner Hand, er stürzte zu Claras Füßen.

„Kannst du mir denn jemals verzeihen? Du meine einzige, meine herzgeliebte Clara! – Kannst du mir verzeihen, mein herzlieber Bruder Lothar?“

Lothar wurde gerührt von des Freundes tiefem Schmerz; unter tausend Tränen umarmten sich die drei versöhnten Menschen und schwuren, nicht voneinander zu lassen in steter liebe und Treue.

Nathanael war zumute, als sei eine schwere Last, die ihn zu Boden gedrückt, von ihm abgewälzt, ja als habe er, Widerstand leistend der finsteren Macht, die ihn befangen, sein ganzes Sein, dem Vernichtung drohte, gerettet. Noch drei selige Tage verlebte er bei den Lieben, dann kehrte er zurück nach G., wo er noch ein Jahr zu bleiben, dann aber auf immer nach seiner Vaterstadt zurückzukehren gedachte.

Der Mutter war alles, was sich auf Coppelius bezog, verschwiegen worden; denn man wusste, dass sie nicht ohne Entsetzen an ihn denken konnte, weil sie, wie Nathanael, ihm am Tod ihres Mannes Schuld gab.

Wie erstaunte Nathanael, als er in seine Wohnung wollte und sah, dass das ganze Haus niedergebrannt war, sodass aus dem Schutthaufen nur die nackten Feuermauern hervorragten.

Unerachtet das Feuer in dem Laboratorium des Apothekers, der im unteren Stocke wohnte, ausgebrochen war, das Haus daher von unter herauf gebrannt hatte, so war es doch den kühnen rüstigen Freunden gelungen, noch zu rechter Zeit in Nathanaels im oberen Stock gelegenes Zimmer zu dringen und Bücher, Manuskripte, Instrumente zu retten.

Alles hatten sie unversehrt in ein anderes Haus getragen, und dort ein Zimmer in Beschlag genommen, das Nathanael nun sogleich bezog. Nicht sonderlich achtete er darauf, dass er dem Professor Spalanzani gegenüber wohnte, und ebenso wenig schien es ihm etwas Besonderes, als er bemerkte, dass er aus seinem Fenster gerade hinein in das Zimmer blickte, wo oft Olympia einsam saß, sodass er ihre Figur deutlich erkennen konnte, wiewohl die Züge des Gesichts undeutlich und verworren blieben.

Wohl fiel es ihm endlich auf, dass Olympia oft stundenlang in derselben Stellung, wie er sie einst durch die Glastüre entdeckt, ohne irgendeine Beschäftigung an einem kleinen Tische saß und dass sie offenbar unverwandten Blickes nach ihm herüberschaute.

Er musste sich auch selbst gestehen, dass er nie einen schöneren Wuchs gesehen; indessen, Clara im Herzen, blieb ihm die steife starre Olympia höchst gleichgültig, und nur zuweilen sah er flüchtig über sein Buch hinüber nach der schönen Bildsäule. Das war alles.

Eben schrieb er an Clara, als es leise an die Tür klopfte; sie öffnete sich auf seinen Zuruf und Coppolas widerwärtiges Gesicht kam herein.

Nathanael fühlte sich im Innersten erbeben; eingedenk dessen, was ihm Spalanzani über den Landsmann Coppola gesagt und was er auch über den Sandmann Coppelius der Geliebten so heilig versprochen, schämte er sich aber selbst seiner kindischen Gespensterfurcht, nahm sich mit aller Gewalt zusammen und sprach so sanft und gelassen wie möglich:

„Ich kaufe kein Wetterglas, mein lieber Freund! Gehen Sie nur!“

Da trat aber Coppola vollends in die Stube und sprach mit heiserem Ton, indem sich das weite Maul zum hässlichen Lachen verbog und die kleinen Augen unter den grauen langen Wimpern stechend hervorfunkelten:

„Ei, nix Wetterglas! Hab auch sköne Oke!“

Entsetzt rief Nathanael:

„Toller Mensch, wie kannst du Augen haben? – Augen – Augen –?“

Aber in dem Augenblick hatte Coppola seiner Wettergläser beiseite gesetzt, griff in die weiten Rocktaschen und holte Lorgnons und Brillen heraus, die er auf den Tisch legte.

„Nu – nu – Brill’ – Brill’ auf die Nas’ su setze, das sein meine Oke – sköne Oke!“

Und damit holte er immer mehr und mehr Brillen heraus, sodass es auf dem ganzen Tisch seltsam zu flimmern und zu funkeln begann.

Tausend Augen blickten und zuckten krampfhaft und starrten auf zu Nathanael; aber er konnte nicht wegschauen von dem Tisch, und immer mehr Brillen legte Coppola hin, und immer wilder und wilder sprangen flammende Blicke durcheinander und schossen ihre blutroten Strahlen in Nathanaels Brust.

Übermannt von tollem Entsetzen schrie er auf:

„Halt ein! Halt ein, fürchterlicher Mensch!“

Er hatte Coppola, der eben in die Tasche griff, um noch mehr Brillen herauszubringen, unerachtet schon der ganze Tisch überdeckt war, beim Arm fest gepackt.

Coppola machte sich mit heiserem widrigen Lachen sanft los, und mit den Worten: „Ah – nix für Sie – aber hier sköne Glas“ hatte er alle Brillen zusammengerafft, eingesteckt und aus der Seitentasche des Rocks eine Menge großer und kleiner Fernrohre hervorgeholt.

Sowie die Brillen nur fort waren, wurde Nathanael ganz ruhig, und an Clara denkend sah er wohl ein, dass der entsetzliche Spuk nur aus seinem Innern hervorgegangen sowie dass Coppola ein höchst ehrlicher Mechaniker und Optiker, keineswegs aber Coppelius’ verfluchter Doppelgänger und Wiederverkörperung sein könne.

Zudem hatten alle Gläser, die Coppola nun auf den Tisch gelegt, gar nichts Besonderes, am wenigsten so etwas Gespenstisches wie die Brillen, und um alles wieder gut zu machen, beschloss Nathanael, dem Coppola jetzt wirklich etwas abzukaufen.

Er ergriff ein kleines, sehr sauber gearbeitetes Taschenfernrohr und sah, um es zu prüfen, durch das Fenster. Noch nie im Leben war ihm ein Glas vorgekommen, das die Gegenstände so rein, scharf und deutlich dicht vor die Augen rückte. Unwillkürlich sah er in Spalanzanis Zimmer hinein; Olympia saß wie gewöhnlich vor dem kleinen Tisch, die Arme darauf gelegt. Nun erschaute Nathanael erst Olympias wunderschön geformtes Gesicht. Nur die Augen schienen ihm gar seltsam starr und tot.

Doch wie er immer schärfer und schärfer durch das Glas hinschaute, war es, als gingen in Olympias Augen feuchte Mondesstrahlen auf. Es schien, als wenn nun erst die Sehkraft entzündet würde; immer lebendiger und lebendiger flammten die Blicke.

Nathanael lag wie festgezaubert im Fenster, immer fort und fort die himmlisch-schöne Olympia betrachtend. Ein Räuspern und Scharren weckte ihn wie aus tiefem Traum. Coppola stand hinter ihm:

„Tre Zechini – drei Dukat.“

Nathanael hatte den Optiker rein vergessen. Rasch zahlte er das Verlangte.

„Nick so? – Sköne Glas – sköne Glas?“, frug Coppola mit seiner widerwärtigen heiseren Stimme und hämischem Lächeln.

„Ja, ja, ja!“, erwiderte Nathanael verdrießlich.

„Adieu, lieber Freund!“ Coppola verließ, nicht ohne viele seltsame Seitenblicke auf Nathanael, das Zimmer. Er hörte ihn auf der Treppe laut lachen.

„Nun ja“, meinte Nathanael, „er lacht mich aus, weil ich ihm das kleine Fernrohr gewiss viel zu teuer bezahlt habe – zu teuer bezahlt!“

Indem er diese Worte leise sprach, war es, als halle ein tiefer Todesseufzer grauenvoll durch das Zimmer. Nathanaels Atem stockte vor innerer Angst. Er hatte ja aber selbst so aufgeseufzt, das merkte er wohl.

„Clara“, sprach er zu sich selber, „hat wohl recht, dass sie mich für einen abgeschmackten Geisterseher hält; aber närrisch ist es doch –ach, wohl mehr als närrisch, dass mich der dumme Gedanke, ich hätte das Glas dem Coppola zu teuer bezahlt, noch jetzt so sonderbar ängstigt. Den Grund davon sehe ich gar nicht ein.“

Jetzt setzte er sich hin, um den Brief an Clara zu beenden, aber ein Blick durchs Fenster überzeugte ihn, dass Olympia noch da saß, und im Augenblick, wie von unwiderstehlicher Gewalt getrieben, sprang er auf, ergriff Coppolas Fernrohr und konnte nicht los von Olympias verführerischem Anblick, bis ihn Freund und Bruder Siegmund abrief zur Vorlesung bei dem Professor Spalanzani.

Die Gardine vor dem verhängnisvollen Zimmer war dicht zugezogen, er konnte Olympia ebenso wenig hier als die beiden folgenden Tage hindurch in ihrem Zimmer entdecken, obwohl er kaum das Fenster verließ und fortwährend durch Coppolas Fernrohr hinüberschaute.

Am dritten Tage wurden sogar die Fenster verhängt. Ganz verzweifelt und getrieben von Sehnsucht und glühendem Verlangen lief er hinaus vors Tor. Olympias Gestalt schwebte vor ihm her in den Lüften, trat aus dem Gebüsch und guckte ihn mit großen strahlenden Augen aus dem hellen Bach an. Claras Bild war ganz aus seinem Innern gewichen, er dachte nichts als Olympia und klagte ganz laut und weinerlich. „Ach, du mein hoher, herrlicher Liebesstern, bist du mir denn nur aufgegangen, um gleich wieder zu verschwinden und mich zu lassen in finstrer, hoffnungsloser Nacht?“

Als er in seine Wohnung zurückkehren wollte, wurde er in Spalanzanis Hause ein geräuschvolles Treiben gewahr. Die Türen standen offen, man trug allerlei Geräte hinein, die Fenster des ersten Stocks waren ausgehoben, geschäftige Mägde kehrten und stäubten, mit großen Haarbesen hin und her fahrend, inwendig klopften und hämmerten Tischler und Tapezierer.

Nathanael blieb in vollem Erstaunen auf der Straße stehen; da trat Siegmund lachend zu ihm und sprach:

„Nun, was sagst du zu unserem alten Spalanzani?“

Nathanael versicherte, dass er gar nichts sagen könne, da er durchaus nichts vom Professor wisse, vielmehr mit großer Verwunderung wahrnehme, wie in dem stillen düsteren Hause ein tolles Treiben und Wirtschaften losgegangen.

Da erfuhr er denn von Siegmund, dass Spalanzani morgen ein großes Fest geben wolle, Konzert und Ball, und dass die halbe Universität eingeladen sei. Allgemein verbreite man, dass Spalanzani seine Tochter Olympia, die er so lange jedem menschlichen Auge recht ängstlich entzogen, zum ersten Mal erscheinen lassen werde.

Nathanael fand eine Einladungskarte und ging mit hochklopfendem Herzen zur bestimmten Stunde, als schon die Wagen rollten und die Lichter in den geschmückten Sälen schimmerten, zum Professor.

Die Gesellschaft war zahlreich und glänzend. Olympia erschien sehr reich und geschmackvoll gekleidet. Man musste ihr schön geformtes Gesicht, ihren Wuchs bewundern. Der etwas seltsam eingebogene Rücken, die wespenartige Dünne des Leibes, schien von zu starkem Einschnüren bewirkt zu sein. In Schritt und Stellung hatte sie etwas Abgemessenes und Steifes, das manchem unangenehm auffiel; man schrieb es dem Zwange zu, den ihr die Gesellschaft auflegte.

Das Konzert begann. Olympia spielte den Flügel mit großer Fertigkeit und trug ebenso eine Bravour-Arie mit heller, beinahe schneidender Glasglockenstimme vor.

Nathanael war ganz entzückt; er stand in der hintersten Reihe und konnte im blendenden Kerzenlicht Olympias Züge nicht erkennen. Ganz unvermerkt nahm er deshalb Coppolas Glas hervor und schaute hin nach der schönen Olympia.

Ach – da wurde er gewahr, wie sie voll Sehnsucht nach ihm herübersah, wie jeder Ton erst deutlich aufging in dem Liebesblick, der zündend sein Inneres durchdrang. Die künstlichen Töne erschienen Nathanael als das Himmelsjauchzen des in Liebe verklärten Gemüts, und als nun endlich nach der Kadenz der lange Triller recht schmetternd durch den Saal gellte, konnte er, wie von glühenden Armen plötzlich erfasst, sich nicht mehr halten. Er musste vor Schmerz und Entzücken laut aufschreien:

„Olympia!“

Alle sahen sich nach ihm um, manche lachten. Der Domorganist schnitt aber ein finstreres Gesicht als vorher und sagte bloß:

„Nun, nun!“

Das Konzert war zu Ende, der Ball fing an.

„Mit ihr tanzen! – Mit ihr!“

Das war nun für Nathanael das Ziel aller Wünsche, alles Strebens; aber wie sich erheben zu dem Mut, sie, die Königin des Festes, aufzufordern?

Doch er selbst wusste nicht, wie es geschah, dass er, als schon der Tanz angefangen, dicht neben Olympia stand, die noch nicht aufgefordert worden, und dass er, kaum vermögend einige Worte zu stammeln, ihre Hand ergriff.

Eiskalt war Olympias Hand, er fühlte sich durchbebt von grausigem Todesfrost. Er starrte Olympia ins Auge. Das strahlte ihm voll Liebe und Sehnsucht entgegen, und in dem Augenblick war es auch, als fingen in der kalten Hand an Pulse zu schlagen und des Lebensblutes Ströme zu glühen.

Und auch in Nathanaels Innerem glühte die Liebeslust höher auf, er umschlang die schöne Olympia und durchflog mit ihr die Reihen.

Er glaubte, sonst recht taktmäßig getanzt zu haben, aber an der ganz eignen rhythmischen Festigkeit, womit Olympia tanzte und die ihn oft ordentlich aus der Haltung brachte, merkte er bald, wie sehr ihm der Takt gemangelt.

Er wollte jedoch mit keinem andern Mädchen mehr tanzen und hätte jeden, der sich Olympia näherte, um sie aufzufordern, nur gleich ermorden mögen. Doch nur zweimal geschah dies.

Zu seinem Erstaunen blieb darauf Olympia bei jedem Tanze sitzen, und er unterließ nicht, sie immer wieder aufzufordern.

Hätte Nathanael außer der schönen Olympia noch etwas anders zu sehen vermocht, so wäre allerlei fataler Zank und Streit unvermeidlich gewesen; denn offenbar ging das halbleise, mühsam unterdrückte Gelächter, was sich in diesem und jenem Winkel unter den jungen Leuten erhob, auf die schöne Olympia, die sie mit ganz kuriosen Blicken verfolgten, man konnte gar nicht wissen, warum?

Durch den Tanz und durch den reichlich genossenen Wein erhitzt, hatte Nathanael alle ihm sonst eigne Scheu abgelegt. Er saß neben Olympia, ihre Hand in der seinigen, und sprach hoch entflammt und begeistert von seiner Liebe in Worten, die keiner verstand, weder er noch Olympia. Doch diese vielleicht; denn sie sah ihm unverrückt ins Auge und seufzte einmal übers andere:

„Ach – ach – ach!“

Worauf denn Nathanael also sprach: „O du herrliche, himmlische Frau! – Du Strahl aus dem verheißenen Jenseits der Liebe – du tiefes Gemüt, in dem sich mein ganzes Sein spiegelt“, und noch mehr dergleichen, aber Olympia seufzte bloß immer wieder:

„Ach, ach!“

Der Professor Spalanzani ging einige Mal bei den Glücklichen vorüber und lächelte sie ganz seltsam zufrieden an.

Nathanael schien es, unerachtet er sich in einer ganz andern Welt befand, mit einem Mal, als würd’ es hienieden beim Professor Spalanzani merklich finster; er schaute um sich und wurde zu seinem nicht geringen Schrecken gewahr, dass eben die zwei letzten Lichter in dem leeren Saal niederbrennen und ausgehen wollten. Längst hatten Musik und Tanz aufgehört.

„Trennung, Trennung!“, schrie er ganz wild und verzweifelt, er küsste Olympias Hand, er neigte sich zu ihrem Munde, eiskalte Lippen begegneten seinen glühenden!

Sowie er Olympias kalte Hand berührte, fühlte er sich von innerem Grausen erfasst, die Legende von der toten Braut ging ihm plötzlich durch den Sinn; aber fest hatte ihn Olympia an sich gedrückt, und in dem Kuss schienen die Lippen zum Leben zu erwärmen.

Der Professor Spalanzani schritt langsam durch den leeren Saal. Seine Schritte klangen hohl wider, und seine Figur, von flackernden Schlagschatten umspielt, hatte ein grauliches gespenstisches Aussehen.

„Liebst du mich – liebst du mich, Olympia? – Nur dies Wort! – Liebst du mich?“ So flüsterte Nathanael, aber Olympia seufzte, indem sie aufstand, nur:

„Ach – ach!“

„Ja, du mein holder, herrlicher Liebesstern“, sprach Nathanael, „bist mir aufgegangen und wirst leuchten, wirst verklären mein Inneres Immerdar!“

„Ach, ach!“, antwortete Olympia fortschreitend.

Nathanael folgte ihr. Sie standen vor dem Professor.

„Sie haben sich außerordentlich lebhaft mit meiner Tochter unterhalten“, sprach dieser lächelnd. „Nun, nun, lieber Herr Nathanael, finden Sie Geschmack daran, sich mit dem blöden Mädchen zu unterhalten, so sollen mir Ihre Besuche willkommen sein.“

Einen ganz hellen strahlenden Himmel in der Brust schied Nathanael von dannen.

Spalanzanis Fest war der Gegenstand des Gesprächs in den folgenden Tagen. Obwohl der Professor alles getan hatte, recht großzügig zu erscheinen, so wussten doch die lustigen Köpfe von allerlei Unschicklichem und Sonderbarem zu erzählen, das sich begeben, und vorzüglich fiel man über die todstarre stumme Olympia her, der man trotz ihrem schönen Äußern totalen Stumpfsinn andichten und darin die Ursache finden wollte, warum Spalanzani sie so lange verborgen gehalten.

Nathanael vernahm das nicht ohne inneren Grimm, indessen schwieg er; denn, dachte er, würde es wohl verlohnen, diesen Burschen zu beweisen, dass eben ihr eigener Stumpfsinn es ist, der sie Olympias tiefes, herrliches Gemüt zu erkennen hindert?

„Tu mir den Gefallen, Bruder“, sprach eines Tages Siegmund, „tu mir den Gefallen und sage, wie es dir gescheitem Kerl möglich war, dich in das Wachsgesicht, in die Holzpuppe da drüben zu vergaffen?“

Nathanael wollte zornig auffahren, doch schnell besann er sich und erwiderte:

„Sage du mir, Siegmund, wie deinem sonst alles Schöne klar auffassenden Blick, deinem regen Sinn Olympias himmlischer Liebreiz entgehen konnte? Doch eben deshalb habe ich, Dank sei dem Geschick, dich nicht zum Nebenbuhler; denn sonst müsste einer von uns blutend fallen.“

Siegmund merkte wohl, wie es mit dem Freunde stand, lenkte geschickt ein und fügte, nachdem er geäußert, dass in der Liebe niemals über den Gegenstand zu rechten sei, hinzu:

„Wunderlich ist es doch, dass viele von uns über Olympia ziemlich gleich urteilen. Sie ist uns – nimm es mir nicht übel, Bruder – auf seltsame Weise starr und seelenlos erschienen. Ihr Wuchs ist regelmäßig sowie ihr Gesicht. Das ist wahr!

Sie könnte für schön gelten, wenn ihr Blick nicht so ganz ohne Lebensstrahl, ich möchte sagen, ohne Sehkraft wäre. Ihr Schritt ist sonderbar abgemessen, jede Bewegung scheint durch den Gang eines aufgezogenen Räderwerks hervorgerufen. Ihr Spiel, ihr Singen hat den unangenehm richtigen, geistlosen Takt der singenden Maschine, und ebenso ist ihr Tanz.

Uns ist diese Olympia ganz unheimlich geworden. Wir mochten nichts mit ihr zu schaffen haben. Es war uns, als tue sie nur so wie ein lebendiges Wesen, doch habe es mit ihr eine eigne Bewandtnis.“

Nathanael gab sich dem bitteren Gefühl, das ihn bei diesen Worten Siegmunds ergreifen wollte, durchaus nicht hin, er wurde Herr seines Unmuts und sagte bloß sehr ernst:

„Wohl mag euch, ihr kalten prosaischen Menschen, Olympia unheimlich sein. Nur dem poetischen Gemüt entfaltet sich das Gleichgeartete!

Nur mir ging ihr Liebesblick auf und durchstrahlte Sinn und Gedanken, nur in Olympias Liebe finde ich mein Selbst wieder.

Auch mag es nicht recht sein, dass sie nicht in platter Konversation faselt wie die andern flachen Gemüter. Sie spricht wenig Worte, das ist wahr; aber diese wenigen Worte erscheinen als echte Zeichen der inneren Welt voll Liebe und hoher Erkenntnis des geistigen Lebens in der Anschauung des ewigen Jenseits.

Doch für alles das habt ihr keinen Sinn, und alles sind verlorne Worte.“

„Behüte dich Gott, Herr Bruder“, sagte Siegmund sehr sanft, beinahe wehmütig. „Aber mir scheint es, du bist auf bösem Wege. Auf mich kannst du rechnen, wenn alles … nein ich mag nichts weiter sagen –!“

Nathanael war es plötzlich, als meine der kalte prosaische Siegmund es sehr treu mit ihm, er schüttelte daher die ihm dargebotene Hand recht herzlich.

Nathanael hatte rein vergessen, dass es eine Clara in der Welt gab, die er sonst geliebt; die Mutter – Lothar – alle waren aus seinem Gedächtnis entschwunden, er lebte nur für Olympia, bei der er täglich stundenlang saß und von seiner Liebe, von zum Leben erglühter Sympathie, von physischer Wahlverwandtschaft fantasierte, welches alles Olympia mit großer Andacht anhörte.

Aus dem tiefsten Grunde des Schreibpults holte Nathanael alles hervor, was er jemals geschrieben. Gedichte, Fantasien, Visionen, Romane, Erzählungen. Das wurde täglich vermehrt mit allerlei ins Blaue fliegenden Sonetten, Stanzen, Canzonen, und das alles las er Olympia stundenlang hintereinander vor, ohne zu ermüden.

Aber auch noch nie hatte er eine solche herrliche Zuhörerin gehabt. Sie stickte und strickte nicht, sie sah nicht durchs Fenster, sie fütterte keinen Vogel, sie spielte mit keinem Schoßhündchen, mit keiner Lieblingskatze, sie drehte keine Papierschnitzel oder sonst etwas in der Hand, sie brauchte kein Gähnen durch einen leise bezwungenen Husten zu bezwingen – kurz:

Stundenlang sah sie mit starrem Blick unverwandt dem Geliebten ins Auge, ohne sich zu rücken und zu bewegen, und immer glühender, immer lebendiger wurde dieser Blick. Nur wenn Nathanael endlich aufstand und ihr die Hand, auch wohl den Mund küsste, sagte sie: „Ach, ach!“ Dann aber: „Gute Nacht, mein Lieber!“

„O du herrliches, du tiefes Gemüt“, rief Nathanael auf seiner Stube, „nur von dir, von dir allein werd’ ich ganz verstanden.“

Er erbebte vor innerem Entzücken, wenn er bedachte, welch wunderbarer Zusammenklang sich in seinem und Olympias Gemüt täglich mehr offenbare; denn es schien ihm, als habe Olympia über seine Werke, über seine Dichtergabe überhaupt recht tief aus seinem Innern gesprochen, ja als habe die Stimme aus seinem Innern selbst herausgetönt.

Das musste denn wohl auch sein; denn mehr Worte als vorhin erwähnt sprach Olympia niemals. Erinnerte sich Nathanael in hellen nüchternen Augenblicken, zum Beispiel morgens gleich nach dem Erwachen, wirklich an Olympias gänzliche Wortkargheit, so sprach er doch:

„Was sind Worte – Worte! Der Blick ihres himmlischen Auges sagt mehr als jede Sprache hinieden. Vermag denn überhaupt ein Kind des Himmels sich einzufügen in den engen Kreis, den ein klägliches irdisches Bedürfnis gezogen?“

Professor Spalanzani schien hoch erfreut über das Verhältnis seiner Tochter mit Nathanael; er gab diesem allerlei unzweideutige Zeichen seines Wohlwollens, und als es Nathanael endlich wagte, von ferne auf eine Verbindung mit Olympia anzuspielen, lächelte dieser mit dem ganzen Gesicht und meinte, er werde seiner Tochter völlig freie Wahl lassen.

Ermutigt durch diese Worte, brennendes Verlangen im Herzen, beschloss Nathanael, gleich am folgenden Tage Olympia anzuflehen, dass sie das unumwunden in deutlichen Worten ausspreche, was längst ihr holder Liebesblick ihm gesagt, dass sie sein Eigen immerdar sein solle.

Er suchte nach dem Ringe, den ihm beim Abschiede die Mutter geschenkt, um ihn Olympia als Symbol seiner Hingebung, seines mit ihr aufkeimenden, blühenden Lebens darzureichen. Claras, Lothars Briefe fielen ihm dabei in die Hände; gleichgültig warf er sie beiseite, fand den Ring, steckte ihn ein und rannte hinüber zu Olympia.

Schon auf der Treppe, auf dem Flur, vernahm er ein wunderliches Getöse; es schien aus Spalanzanis Studierzimmer heraus zu schallen. Ein Stampfen – ein Klirren – ein Stoßen – Schlagen gegen die Tür, dazwischen Flüche und Verwünschungen.

„Lass los – lass los – Infamer – Verruchter – Darum Leib und Leben darangesetzt? – Ha ha ha ha! – So haben wir nicht gewettet – ich, ich hab die Augen gemacht – ich das Räderwerk – dummer Teufel mit deinem Räderwerk – verfluchter Hund von einfältigem Uhrmacher – fort mit dir – Satan – halt — Peipendreher teuflische Bestie! – Halt – fort – lass los!“

Es waren Spalanzanis und des grässlichen Coppelius’ Stimmen, die so durcheinander schwirrten und tobten.

Hinein stürzte Nathanael von namenloser Angst ergriffen. Der Professor hatte eine weibliche Figur bei den Schultern gepackt, der Italiener Coppola bei den Füßen, die zerrten und zogen sie hin und her, streitend in voller Wut um den Besitz.

Voll tiefen Entsetzens prallte Nathanael zurück, wie er die Figur als Olympia erkannte; aufflammend in wildem Zorn wollte er den Wütenden die Geliebte entreißen, aber in dem Augenblick wand Coppola, sich mit Riesenkraft drehend, die Figur dem Professor aus den Händen und versetzte ihm mit der Figur selbst einen fürchterlichen Schlag, dass er rücklings über den Tisch, auf dem Retorten, Flaschen, gläserne Zylinder standen, taumelte und hinstürzte; alles Gerät klirrte in tausend Scherben zusammen.

Nun warf Copolla die Figur über die Schulter und rannte mit fürchterlich gellendem Gelächter rasch fort die Treppe herab, sodass die hässlich herunterhängenden Füße der Figur auf den Stufen hölzern klapperten und dröhnten.

Erstarrt stand Nathanael – nur zu deutlich hatte er gesehen, Olympias totenbleiches Wachsgesicht hatte keine Augen, statt ihrer schwarze Höhlen. Sie war eine leblose Puppe.

Spalanzani wälzte sich auf der Erde, Glasscherben hatten ihm Kopf, Brust und Arm zerschnitten, wie aus Springquellen strömte das Blut empor. Aber er raffte seine Kräfte zusammen.

„Ihm nach – ihm nach, was zauderst du? – Coppelius – Coppelius, meinen besten Automaten hat er mir geraubt. – Zwanzig Jahre daran gearbeitet – Leib und Leben darangesetzt – das Räderwerk – Sprache – Gang – mein – die Augen – die Augen dir gestohlen. – Verdammter – Verfluchter – ihm nach – hol mir Olympia – da hast du die Augen –!“

Nun sah Nathanael, wie ein paar blutige Augen auf dem Boden liegend ihn anstarrten, die ergriff Spalanzani mit der unverletzten Hand und warf sie nach ihm, dass sie seine Brust trafen.

Da packte ihn der Wahnsinn mit glühenden Krallen und fuhr in sein Inneres hinein, Sinn und Gedanken zerreißend.

„Hui – hui – hui! – Feuerkreis – Feuerkreis! Dreh dich, Feuerkreis – lustig – lustig! – Holzpüppchen hui, schön’ Holzpüppchen dreh dich –“ Damit warf er sich auf den Professor und drückte ihm die Kehle zu.

Er hätte ihn erwürgt, aber das Getöse hatte viele Menschen herbeigelockt. Die drangen ein, rissen den wütenden Nathanael auf und retteten so den Professor, der gleich verbunden wurde.

Siegmund, so stark er war, vermochte nicht den Rasenden zu bändigen; der schrie mit fürchterlicher Stimme immerfort: „Holzpüppchen dreh’ dich“ und schlug um sich mit geballten Fäusten.

Endlich gelang es der vereinten Kraft mehrerer, ihn zu überwältigen, indem sie ihn zu Boden warfen und ihn banden. Seine Worte gingen unter in entsetzlichem tierischem Gebrüll. So in grässlicher Raserei tobend wurde er nach dem Tollhaus gebracht.

Ehe ich, lieber Leser, Dir zu erzählen fortfahre, was sich weiter mit dem unglücklichen Nathanael zugetragen, kann ich Dir, solltest Du einigen Anteil an dem geschickten Mechaniker und Automat-Fabrikanten Spalanzani nehmen, versichern, dass er von seinen Wunden völlig geheilt wurde.

Er musste indessen die Universität verlassen, weil Nathanaels Geschichte Aufsehen erregt hatte und es allgemein für gänzlich unerlaubten Betrug gehalten wurde, vernünftigen Teezirkeln (Olympia hatte sie mit Glück besucht) statt der lebendigen Person eine Holzpuppe einzuschmuggeln.

Juristen nannten es sogar einen feinen und umso härter zu bestrafenden Betrug, als er gegen das Publikum gerichtet und so schlau angelegt worden, dass kein Mensch (ganz kluge Studenten ausgenommen) es gemerkt habe, unerachtet jetzt alle weise tun und sich auf allerlei Tatsachen berufen wollten, die ihnen verdächtig vorgekommen.

Diese Letzteren brachten aber eigentlich nichts Gescheites zu Tage. Denn konnte zum Beispiel wohl irgendjemandem verdächtig vorgekommen sein, dass nach der Aussage eines eleganten Teeisten Olympia gegen alle Sitten öfter genießt als gegähnt hatte?

Ersteres, meinte der Elegant, sei das Selbstaufziehen des verborgenen Triebwerks gewesen, merklich habe es dabei geknarrt und so weiter.

Der Professor der Poesie und Beredsamkeit nahm eine Prise, klappte die Dose zu, räusperte sich und sprach feierlich:

„Hochzuverehrende Herren und Damen! Merken Sie denn nicht, wo der Hase im Pfeffer liegt? Das Ganze ist eine Allegorie – eine fortgeführte Metapher! – Sie verstehen mich! Sapienti sat!“

Aber viele hochzuverehrende Herren beruhigten sich nicht dabei. Die Geschichte mit dem Automat hatte tief in ihrer Seele Wurzel gefasst, und es schlich sich in der Tat abscheuliches Misstrauen gegen menschliche Figuren ein.

Um nun ganz überzeugt zu werden, dass man keine Holzpuppe liebe, wurde von mehreren Liebhabern verlangt, dass die Geliebte etwas taktlos singe und tanze, dass sie beim Vorlesen sticke, stricke, mit dem Möpschen spiele und so weiter, vor allen Dingen aber, dass sie nicht bloß höre, sondern auch manchmal in der Art spreche, dass dies Sprechen wirklich ein Denken und Empfinden voraussetze.

Das Liebesbündnis vieler wurde fester und dabei anmutiger, andere dagegen gingen leise auseinander. „Man kann wahrhaftig nicht dafür stehen“, sagte dieser und jener.

In den Tees wurde unglaublich gegähnt und niemals genießt, um jedem Verdacht zu begegnen.

Spalanzani musste, wie gesagt, fort, um der Kriminaluntersuchung wegen des der menschlichen Gesellschaft betrüglicherweise eingeschobenen Automaten zu entgehen. Coppola war auch verschwunden.

Nathanael erwachte wie aus schwerem fürchterlichem Traum. Er schlug die Augen auf und fühlte, wie ein unbeschreibliches Wonnegefühl mit sanfter himmlischer Wärme ihn durchströmte. Er lag in seinem Zimmer in des Vaters Haus auf dem Bett, Clara hatte sich über ihn gebeugt, und unfern standen die Mutter und Lothar.

„Endlich, endlich, o mein herzlieber Nathanael – nun bist du genesen von schwerer Krankheit – – nun bist du wieder mein!“ So sprach Clara recht aus tiefer Seele und fasste Nathanael in ihre Arme.

Aber dem quollen vor lauter Wehmut und Entzücken die hellen glühenden Tränen aus den Augen, und er stöhnte tief auf:

„Meine – meine Clara!“

Siegmund, der bei dem Freunde in großer Not getreulich ausgeharrt, trat herein. Nathanael reichte ihm die Hand:

„Du treuer Bruder hast mich doch nicht verlassen.“

Jede Spur des Wahnsinns war verschwunden, bald kräftigte sich Nathanael in der sorglichen Pflege der Mutter, der Geliebten, der Freunde.

Das Glück war unterdessen in das Haus eingekehrt; denn ein alter geiziger Oheim, von dem niemand etwas gehofft, war gestorben und hatte der Mutter nebst einem nicht unbedeutenden Vermögen ein Gütchen in einer angenehmen Gegend unfern der Stadt hinterlassen. Dort wollten sie hinziehen, die Mutter, Nathanael mit seiner Clara, die er nun zu heiraten gedachte, und Lothar.

Nathanael war milder, kindlicher geworden, als er je gewesen, und erkannte nun erst recht Claras himmlisch reines, herrliches Gemüt. Niemand erinnerte ihn auch nur durch den leisesten Anklang an die Vergangenheit. Nur als Siegmund von ihm schied, sprach Nathanael:

„Bei Gott, Bruder, ich war auf schlimmem Wege, aber zu rechter Zeit leitete mich ein Engel auf den lichten Pfad! – Ach es war ja Clara –!“

Siegmund ließ ihn nicht weiterreden, aus Besorgnis, tief verletzende Erinnerungen möchten ihm zu hell und flammend aufgehen.

Es war an der Zeit, dass die vier glücklichen Menschen nach dem Gütchen ziehen wollten. Zur Mittagsstunde gingen sie durch die Straßen der Stadt. Sie hatten manches eingekauft, der hohe Rathausturm warf seinen Riesenschatten über den Markt.

„Ei“, sagte Clara, „steigen wir doch noch einmal hinauf und schauen in das ferne Gebirge hinein!“

Gesagt, getan! Beide, Nathanael und Clara stiegen hinauf, die Mutter ging mit der Dienstmagd nach Hause, und Lothar, nicht geneigt, die vielen Stufen zu erklettern, wollte unten warten. Da standen die beiden Liebenden Arm in Arm auf der höchsten Galerie des Turmes und schauten hinein in die duftigen Waldungen, hinter denen das blaue Gebirge sich wie eine Riesenstadt erhob.

„Sieh doch den sonderbaren kleinen grauen Busch, der ordentlich auf uns loszuschreiten scheint“, sprach Clara.

Nathanael fasste mechanisch nach der Seitentasche. Er fand Coppolas Fernrohr, er schaute seitwärts – Clara stand vor dem Glase!

Da zuckte es krampfhaft in seinen Pulsen und Adern – totenbleich starrte er Clara an, aber bald glühten und sprühten Feuerströme durch die rollenden Augen, grässlich brüllte er auf wie ein gehetztes Tier, dann sprang er hoch in die Lüfte, und grausig dazwischen lachend schrie er in schneidendem Ton: „Holzpüppchen dreh’ dich“ und mit gewaltiger Kraft fasste er Clara und wollte sie hinabschleudern, aber Clara krallte sich in verzweifelter Todesangst fest an das Geländer.

Lothar hörte den Rasenden toben, er hörte Claras Angstgeschrei, grässliche Ahnung durchflog ihn, er rannte hinauf, die Tür der zweiten Treppe war verschlossen – stärker hallte Claras Jammergeschrei. Unsinnig vor Wut und Angst stieß er gegen die Tür, die endlich aufsprang. Matter und matter wurden nun Claras Laute:

„Hilfe – rettet – rettet –“, so erstarb die Stimme in den Lüften.

„Sie ist hin – ermordet von dem Rasenden“, so schrie Lothar.

Auch die Tür zur Galerie war zugeschlagen. Die Verzweiflung gab ihm Riesenkraft, er sprengte die Tür aus den Angeln. Gott im Himmel – Clara schwebte von dem rasenden Nathanael erfasst über der Galerie in den Lüften – nur mit einer Hand hatte sie noch die Eisenstäbe umklammert.

Rasch wie der Blitz erfasste Lothar die Schwester, zog sie hinein und schlug in demselben Augenblick mit geballter Faust dem Wütenden ins Gesicht, dass er zurückprallte und die Todesbeute fahrenließ.

Lothar rannte hinab, die ohnmächtige Schwester in den Armen. – Sie war gerettet.

Nun raste Nathanael herum auf der Galerie und sprang hoch in die Lüfte und schrie:

„Feuerkreis dreh’ dich!“

Die Menschen liefen auf das wilde Geschrei zusammen; unter ihnen ragte riesengroß der Advokat Coppelius hervor, der eben in die Stadt gekommen und gerades Wegs nach dem Markt geschritten war.

Man wollte hinauf, um sich des Rasenden zu bemächtigen. Da lachte Coppelius, sprechend: „Ha ha – wartet nur, der kommt schon von selbst herunter“ und schaute wie die Übrigen hinauf.

Nathanael blieb plötzlich wie erstarrt stehen; bückte sich herab, wurde den Coppelius gewahr und mit dem gellenden Schrei: „Ha! Sköne Oke – sköne Oke“ sprang er über das Geländer.

Als Nathanael mit zerschmettertem Kopf auf dem Steinpflaster lag, war Coppelius im Gewühl verschwunden.

Nach mehreren Jahren will man in einer entfernten Gegend Clara gesehen haben, wie sie mit einem freundlichen Mann Hand in Hand vor der Türe eines schönen Landhauses saß und vor ihr zwei muntre Knaben spielten.

Es wäre daraus zu schließen, dass Clara das ruhige häusliche Glück noch fand, das ihrem heiteren lebenslustigen Sinn zusagte und das ihr der im Innern zerrissene Nathanael niemals hätte gewähren können.

Die Geschichte vom verlorenen Spiegelbilde

Endlich war es doch so weit gekommen, dass Erasmus Spikher den Wunsch, den er sein Leben lang im Herzen genährt, erfüllen konnte. Mit frohem Herzen und wohlgefülltem Beutel setzte er sich in den Wagen, um die nördliche Heimat zu verlassen und nach dem schönen warmen Welschland zu reisen.

Die liebe treue Hausfrau vergoss tausend Tränen, sie hob den kleinen Rasmus, nachdem sie ihm Nase und Mund sorgfältig geputzt, in den Wagen hinein, damit der Vater zum Abschied ihn noch herzlich küsse.

„Lebe wohl, mein lieber Erasmus Spikher“, sprach die Frau schluchzend, „das Haus will ich dir gut bewahren, denke fein fleißig an mich, bleibe treu und verliere nicht die schöne Reisemütze, wenn du, wie du wohl pflegst, schlafend zum Wagen herausnickst.“

Spikher versprach das.

In dem schönen Florenz fand Erasmus einige Landsleute, die voll Lebenslust und jugendlichem Mut in den üppigen Genüssen, wie sie das herrliche Land reichlich darbot, schwelgten.

Er bewies sich ihnen als wackrer Kumpan, und es wurden allerlei ergötzliche Gelage veranstaltet, denen Spikhers besonders muntrer Geist und das Talent, der tollen Ausgelassenheit das Sinnige beizufügen, einen eignen Schwung gaben.

So kam es denn, dass die jungen Leute (Erasmus, erst siebenundzwanzig Jahre alt, war wohl dazu zu rechnen) einmal zur Nachtzeit in eines herrlichen duftenden Gartens erleuchteter Laube ein gar fröhliches Fest begingen.

Jeder, nur nicht Erasmus, hatte eine liebliche Donna mitgebracht. Die Männer gingen in zierlicher altdeutscher Tracht, die Frauen waren in bunten leuchtenden Gewändern, jede auf andere Art ganz fantastisch gekleidet, sodass sie wie liebliche wandelnde Blumen erschienen.

Hatte diese oder jene zu dem Saitengelispel der Mandolinen ein italienisches Liebeslied gesungen, so stimmten die Männer unter dem lustigen Geklingel der mit Syrakuser gefüllten Gläser einen kräftigen deutschen Rundgesang an. – Ist ja doch Italien das Land der Liebe.

Der Abendwind säuselte wie in sehnsüchtigen Seufzern, wie Liebeslaute durchwallten die Orangen- und Jasmindüfte die Laube, sich mischend in das lose neckhafte Spiel, das die holden Frauen begonnen hatten, all die kleinen zarten Scherze, wie sie nur den italienischen Weibern eigen, aufbietend.

Immer reger und lauter wurde die Lust. Friedrich, der Glühendste von allen, stand auf, mit einem Arm hatte er seine Donna umschlungen, und das mit perlendem Syrakuser gefüllte Glas mit der andern Hand hoch schwingend, rief er:

„Wo ist denn Himmelslust und Seligkeit zu finden als bei euch, ihr holden, herrlichen, italienischen Frauen, ihr seid ja die Liebe selbst.

Aber du, Erasmus“, fuhr er fort, sich zu Spikher wendend, „scheinst das nicht sonderlich zu fühlen, denn nicht allein, dass du aller Verabredung, Ordnung und Sitte entgegen, keine Donna zu unserm Feste geladen hast, so bist du auch heute so trübe und in dich gekehrt, dass, hättest du nicht wenigstens tapfer getrunken und gesungen, ich glauben würde, du seist mit einem Mal ein langweiliger Melancholiker geworden.“

„Ich muss dir gestehen, Friedrich“, erwiderte Erasmus, „dass ich mich auf die Weise nun einmal nicht freuen kann. Du weißt ja, dass ich eine liebe treue Hausfrau zurückgelassen habe, die ich recht aus tiefer Seele liebe und an der ich ja offenbar einen Verrat beginge, wenn ich im losen Spiel auch nur für einen Abend mir eine Donna wählte. Mit euch unbeweibten Jünglingen ist das etwas anderes, aber ich, als Familienvater …“

Die Jünglinge lachten hell auf, da Erasmus bei dem Worte „Familienvater“ sich bemühte, das jugendliche gemütliche Gesicht in ernste Falten zu ziehen, welches denn eben sehr possierlich herauskam.

Friedrichs Donna ließ das, was Erasmus deutsch gesprochen, in das Italienische übersetzen, dann wandte sie sich ernsten Blickes zu Erasmus und sprach, mit aufgehobenem Finger leise drohend:

„Du kalter, kalter Deutscher! Verwahre dich wohl, noch hast du Giulietta nicht gesehen!“

In dem Augenblick rauschte es beim Eingange der Laube, und aus dunkler Nacht trat in den lichten Kerzenschimmer hinein ein wunderherrliches Frauenbild. Das weiße, Busen, Schultern und Nacken nur halb verhüllende Gewand, mit bauschigen, bis an die Ellbogen streifenden Ärmeln, floss in reichen breiten Falten herab, die Haare vorn an der Stirn gescheitelt, hinten in vielen Flechten heraufgenestelt.

Goldene Ketten um den Hals, reiche Armbänder um die Handgelenke geschlungen, vollendeten den altertümlichen Putz des Mädchens, das anzusehen war, als wandle ein Frauenbild von Rubens oder dem zierlichen Mieris daher.

„Giulietta“, riefen die Mädchen voll Erstaunen.

Giulietta, deren Engelsschönheit alle überstrahlte, sprach mit süßer lieblicher Stimme:

„Lasst mich doch teilnehmen an eurem schönen Fest, ihr wackern deutschen Jünglinge. Ich will hin zu jenem dort, der unter euch ist so ohne Lust und Liebe.“

Damit wandelte sie in hoher Anmut zu Erasmus und setzte sich auf den Sessel, der neben ihm leer geblieben, da man vorausgesetzt hatte, dass auch er eine Donna mitbringen werde.

Die Mädchen lispelten untereinander: „Seht, o seht, wie Giulietta heute wieder so schön ist!“ und die Jünglinge sprachen: „Was ist denn das mit dem Erasmus, er hat ja die Schönste gewonnen und uns wohl nur verhöhnt?“

Erasmus war bei dem ersten Blick, den er auf Giulietta warf, so ganz besonders zumute geworden, dass er selbst nicht wusste, was sich denn so gewaltsam in seinem Inneren rege.

Als sie sich ihm näherte, fasste ihn eine fremde Gewalt und drückte seine Brust zusammen, dass sein Atem stockte. Das Auge fest auf Giulietta geheftet, mit erstarrten Lippen saß er da und konnte kein Wort hervorbringen, als die Jünglinge laut Giuliettas Anmut und Schönheit priesen.

Giulietta nahm einen vollgeschenkten Pokal und stand auf, ihn Erasmus freundlich darreichend; der ergriff den Pokal, Giuliettas zarte Finger leise berührend. Er trank, Glut strömte durch seine Adern. Da fragte Giulietta scherzend:

„Soll ich denn Eure Donna sein?“

Aber Erasmus warf sich wie im Wahnsinn vor Giulietta nieder, drückte ihre beiden Hände an seine Brust und rief:

„Ja, du bist es, dich habe ich geliebt immerdar, dich, du Engelsbild: Dich habe ich geschaut in meinen Träumen, du bist mein Glück, meine Seligkeit, mein höheres Leben!“

Alle glaubten, der Wein sei Erasmus zu Kopf gestiegen, denn so hatten sie ihn nie gesehen, er schien ein anderer geworden.

„Ja, du – du bist mein Leben, du flammst in mir mit verzehrender Glut. Lass mich untergehen – untergehen, nur in dir, nur du will ich sein“ – so schrie Erasmus, aber Giulietta nahm ihn sanft in die Arme; ruhiger geworden setzte er sich an ihre Seite, und bald begann wieder das heitre Liebesspiel in munteren Scherzen und Liedern, das durch Giulietta und Erasmus unterbrochen worden war.

Wenn Giulietta sang, war es, als gingen aus tiefster Brust Himmelstöne hervor, nie gekannte, nur geahnte Lust in allen entzündend. Ihre volle wunderbare Kristallstimme trug eine geheimnisvolle Glut in sich, die jedes Gemüt ganz und gar umfing. Fester hielt jeder Jüngling seine Donna umschlungen, und feuriger strahlte Aug’ in Auge.

Schon verkündete ein roter Schimmer den Anbruch der Morgenröte, da riet Giulietta, das Fest zu enden. Es geschah. Erasmus schickte sich an, Giulietta zu begleiten, sie schlug das ab und bezeichnete ihm das Haus, wo er sie künftig finden könne.

Während des deutschen Rundgesanges, den die Jünglinge noch zum Beschluss des Festes anstimmten, war Giulietta aus der Laube verschwunden; man sah sie hinter zwei Bedienten, die mit Fackeln voranschritten, durch einen fernen Laubengang wandeln. Erasmus wagte nicht, ihr zu folgen.

Die Jünglinge nahmen nun jeder seine Donna am Arm und schritten in voller heller Lust von dannen. Ganz verstört und im Innern zerrissen von Sehnsucht und Liebesqual folgte ihnen endlich Erasmus, dem sein kleiner Diener mit der Fackel vorleuchtete. So ging er, da die Freunde ihn verlassen, durch eine entlegene Straße, die nach seiner Wohnung führte.

Die Morgenröte war hoch heraufgestiegen, der Diener stieß die Fackel auf dem Steinpflaster aus, aber in den aufsprühenden Funken stand plötzlich eine seltsame Figur vor Erasmus, ein langer dürrer Mann mit spitzer Habichtsnase, funkelnden Augen, hämisch verzogenem Munde, im feuerroten Rock mit strahlenden Stahlknöpfen. Der lachte und rief mit unangenehm gellender Stimme:

„Ho ho! – Ihr seid wohl aus einem alten Bilderbuch herausgestiegen mit Eurem Mantel, Eurem geschlitzten Wams und Eurem Federbarett. – Ihr seht recht schnakisch aus, Herr Erasmus, aber wollt Ihr denn auf der Straße der Leute Spott werden? Kehrt doch nur ruhig zurück in Euern Pergamentband.“

„Was geht Euch meine Kleidung an“, sprach Erasmus verdrießlich und wollte, den roten Kerl beiseiteschiebend, vorübergehen.

Der schrie ihm nach:

„Nun, nun – eilt nur nicht so, zur Giulietta könnt Ihr doch jetzt gleich nicht hin.“

Erasmus drehte sich rasch um.

„Was sprecht Ihr von Giulietta“, rief er mit wilder Stimme, den roten Kerl bei der Brust packend. Der wandte sich aber pfeilschnell und war, ehe sich’s Erasmus versah, verschwunden.

Erasmus blieb ganz verblüfft stehen mit dem Stahlknopf in der Hand, den er dem Roten abgerissen.

„Das war der Wunderdoktor Signor Dapertutto; was der nur von Euch wollte?“, sprach der Diener, aber Erasmus wandelte ein Grauen an, er eilte, sein Haus zu erreichen.

Giulietta empfing Erasmus mit all der wunderbaren Anmut und Freundlichkeit, die ihr eigen. Der wahnsinnigen Leidenschaft, die ihn entflammte, setzte sie ein mildes gleichmütiges Betragen entgegen.

Nur dann und wann funkelten ihre Augen höher auf, und Erasmus fühlte, wie leise Schauer aus dem Innersten heraus ihn durchbebten, wenn sie ihn manchmal mit einem recht seltsamen Blicke traf.

Nie sagte sie ihm, dass sie ihn liebe, aber ihre ganze Art und Weise, mit ihm umzugehen, ließ es ihn deutlich ahnen, und so kam es, dass immer festere und festere Bande ihn umstrickten.

Ein wahres Sonnenleben ging ihm auf; die Freunde sah er selten, da Giulietta ihn in andere fremde Gesellschaft eingeführt.

 

Einst begegnete ihm Friedrich, der ließ ihn nicht los, und als Erasmus durch manche Erinnerung an sein Vaterland und an sein Haus recht mild und weich geworden, da sagte Friedrich:

„Weißt du wohl, Spikher, dass du in recht gefährliche Bekanntschaft geraten bist? Du musst es doch wohl schon gemerkt haben, dass die schöne Giulietta eine der schlauesten Kurtisanen ist, die es je gab. Man trägt sich dabei mit allerlei geheimnisvollen, seltsamen Geschichten, die sie in gar besonderm Lichte erscheinen lassen.

Dass sie über die Menschen, wenn sie will, eine unwiderstehliche Macht übt und sie in unauflösliche Bande verstrickt, seh ich an dir. Du bist ganz und gar verändert, du bist ganz der verführerischen Giulietta erlegen. Du denkst nicht mehr an deine liebe treue Hausfrau.“

Da hielt Erasmus beide Hände vors Gesicht, er schluchzte laut, er rief den Namen seiner Frau.

Friedrich merkte wohl, wie ein innerer harter Kampf begonnen.

„Spikher“, fuhr er fort, „lass uns schnell abreisen.

„Ja, Friedrich“, rief Spikher heftig, „du hast recht. Ich weiß nicht, wie mich so finstere grässliche Ahnungen plötzlich ergreifen – Ich muss fort, noch heute fort.“

Beide Freunde eilten über die Straße, quer vorüber schritt Signor Dapertutto, der lachte dem Erasmus ins Gesicht und rief:

„Ach, eilt doch, eilt doch nur schnell, Giulietta wartet schon, das Herz voll Sehnsucht, die Augen voll Tränen. – Ach, eilt doch, eilt doch!“

Erasmus wurde wie vom Blitz getroffen.

„Dieser Kerl“, sprach Friedrich, „dieser Scharlatan ist mir im Grunde der Seele zuwider, und dass er bei Giulietta aus- und eingeht und ihr seine Wunderessenzen verkauft …“

„Was“, rief Erasmus, „dieser abscheuliche Kerl bei Giulietta – bei Giulietta?“

„Wo bleibt Ihr aber auch so lange, alles wartet auf Euch, habt Ihr denn gar nicht an mich gedacht?“

So rief eine sanfte Stimme vom Balkon herab. Es war Giulietta, vor deren Haus die Freunde, ohne es bemerkt zu haben, standen.

Mit einem Sprunge war Erasmus im Hause.

„Der ist nun einmal hin und nicht mehr zu retten“, sprach Friedrich leise und schlich über die Straße fort.

Nie war Giulietta liebenswürdiger gewesen. Sie trug dieselbe Kleidung wie damals im Garten, sie strahlte in voller Schönheit und jugendlicher Anmut.

Erasmus hatte alles vergessen, was er mit Friedrich gesprochen, mehr als je riss ihn die höchste Wonne, das höchste Entzücken unwiderstehlich hin, aber auch noch niemals hatte Giulietta so ohne allen Rückhalt ihn ihre innigste Liebe merken lassen. Nur ihn schien sie zu beachten, nur für ihn zu sein.

 

Auf einer Villa, die Giulietta für den Sommer gemietet, sollte ein Fest gefeiert werden. Man begab sich dahin. In der Gesellschaft befand sich ein junger Italiener von recht hässlicher Gestalt und noch hässlicheren Sitten. Der bemühte sich viel um Giulietta und erregte die Eifersucht des Erasmus, der voll Ingrimm sich von den andern entfernte und einsam in einer Seitenallee des Gartens auf- und abschlich.

Giulietta suchte ihn auf. „Was ist dir? – Bist du denn nicht ganz mein?“ Damit umfing sie ihn mit den zarten Armen und drückte einen Kuss auf seine Lippen.

Feuerstrahlen durchblitzen ihn, in rasender Liebeswut drückte er die Geliebte an sich und rief:

„Nein, ich lasse dich nicht, und sollte ich untergehen im schmachvollsten Verderben!“

Giulietta lächelte seltsam bei diesen Worten, und ihn traf jener sonderbare Blick, der ihm jederzeit inneren Schauer erregte.

Sie gingen wieder zur Gesellschaft. Der widrige junge Italiener trat jetzt in die Rolle des Erasmus; von Eifersucht getrieben stieß er allerlei spitze beleidigende Reden gegen Deutsche und insbesondere gegen Spikher aus.

Der konnte es endlich nicht länger ertragen; rasch schritt er auf den Italiener los.

„Haltet ein“, sprach er, „mit Euern nichtswürdigen Sticheleien auf Deutsche und auf mich, sonst werfe ich Euch in jenen Teich und Ihr könnt Euch im Schwimmen versuchen.“

In dem Augenblick blitzte ein Dolch in des Italieners Hand. Da packt Erasmus ihn wütend bei der Kehle und warf ihn nieder, ein kräftiger Fußtritt ins Genick, und der Italiener gab röchelnd seinen Geist auf.

Alles stürzte auf Erasmus los, er war ohne Besinnung – er fühlte sich ergriffen, fortgerissen.

 

Als er wie aus tiefer Betäubung erwachte, lag er in einem kleinen Kabinett zu Giuliettas Füßen, die, das Haupt über ihn gebeugt, ihn mit beiden Armen umfasst hielt.

„Du böser, böser Deutscher“, sprach sie unendlich sanft und mild, „welche Angst hast du mir verursacht! Aus der nächsten Gefahr habe ich dich errettet, aber nicht sicher bist du mehr in Florenz, in Italien. Du musst fort, du musst mich, die dich so sehr liebt, verlassen.“

Der Gedanke der Trennung zerriss Erasmus in namenlosem Schmerz und Jammer.

„Lass mich bleiben“, schrie er, „ich will ja gern den Tod leiden. Heißt denn sterben mehr als leben ohne dich?“

Da war es ihm, als rufe eine leise ferne Stimme schmerzlich seinen Namen. Ach! Es war die Stimme der treuen deutschen Hausfrau. Erasmus verstummte, und auf ganz seltsame Weise fragte Giulietta:

„Du denkst wohl an dein Weib? – Ach Erasmus, du wirst mich nur zu bald vergessen.“

„Könnte ich nur ewig und immerdar ganz dein sein“, sprach Erasmus. Sie standen gerade vor dem schönen breiten Spiegel, der in der Wand des Kabinetts angebracht war und an dessen beiden Seiten helle Kerzen brannten. Fester, inniger drückte Giulietta Erasmus an sich, indem sie leise lispelte:

„Lass mir dein Spiegelbild, du innig Geliebter, es soll mein und bei mir bleiben immerdar.“

„Giulietta“, rief Erasmus ganz verwundert, „was meinst du denn? – Mein Spiegelbild?“

Er sah dabei in den Spiegel, der ihn und Giulietta in süßer Liebesumarmung zurückwarf.

„Wie kannst du denn mein Spiegelbild behalten“, fuhr er fort, „das mit mir überall wandelt und aus jedem klaren Wasser, aus jeder hell geschliffenen Fläche mir entgegentritt?“

„Nicht einmal“, sprach Giulietta, „nicht einmal diesen Traum deines Ichs, wie er aus dem Spiegel hervorschimmert, gönnst du mir, der du sonst mein mit Leib und Leben sein wolltest? Nicht einmal dein unstetes Bild soll bei mir bleiben und mit mir wandeln durch das arme Leben, das nun wohl, da du fliehst, ohne Lust und Liebe bleiben wird?“

Die heißen Tränen stürzten Giulietta aus den schönen dunklen Augen. Da rief Erasmus wahnsinnig vor tötendem Liebesschmerz:

„Muss ich denn fort von dir? – Muss ich fort, so soll mein Spiegelbild dein bleiben auf ewig und immerdar. Keine Macht – der Teufel soll es dir nicht entreißen, bis du mich selbst hast mit Seele und Leib.“

Giuliettas Küsse brannten wie Feuer auf seinem Munde, als er dies gesprochen. Dann ließ sie ihn los und streckte sehnsuchtsvoll die Arme nach dem Spiegel aus.

Erasmus sah, wie sein Bild unabhängig von seinen Bewegungen hervortrat, wie es in Giuliettas Arme glitt, wie es mit ihr im seltsamen Duft verschwand.

Allerlei hässliche Stimmen meckerten und lachten in teuflischem Hohn. Erfasst von dem Todeskrampf des tiefsten Entsetzens sank er bewusstlos zu Boden, aber die fürchterliche Angst –das Grausen riss ihn auf aus der Betäubung. In dicker dichter Finsternis taumelte er zur Tür hinaus, die Treppe hinab. Vor dem Hause ergriff man ihn und hob ihn in einen Wagen, der schnell fortrollte.

„Dieselben haben sich etwas aufgeregt, wie es scheint“, sprach der Mann, der sich neben ihn gesetzt hatte, in deutscher Sprache. „Dieselben haben sich etwas aufgeregt, indessen wird jetzt alles ganz vortrefflich gehen, wenn Sie sich nur ganz mir überlassen wollen. Giuliettchen hat schon das Ihrige getan und mir Sie empfohlen. Sie sind auch ein recht lieber junger Mann und neigen erstaunlich zu angenehmen Späßen, wie Sie uns, mir und Giuliettchen, sehr behagen.

Das war mir ein recht tüchtiger deutscher Tritt in den Nacken. Wie dem Rivalen die Zunge kirschblau zum Halse heraushing – es sah recht possierlich aus – und wie er so krächzte und ächzte und nicht gleich abfahren konnte – ha – ha — ha –“

Die Stimme des Mannes war so widrig höhnend, sein Schnickschnack so grässlich, dass die Worte Dolchstichen gleich in Erasmus’ Brust fuhren.

„Wer Ihr auch sein mögt“, sprach Erasmus, „schweigt, schweigt von der entsetzlichen Tat, die ich bereue!“

„Bereuen, bereuen“, erwiderte der Mann, „so bereut Ihr wohl auch, dass Ihr Giulietta kennengelernt und ihre süße Liebe erworben habt?“

„Ach, Giulietta, Giulietta“, seufzte Erasmus.

„Nun ja“, fuhr der Mann fort, „so seid Ihr nun kindisch. Ihr wünscht und wollt, aber alles soll auf gleichem glattem Wege bleiben. Fatal ist es zwar, dass Ihr Giulietta habt verlassen müssen, aber doch könnte ich wohl, bliebet Ihr hier, Euch allen Dolchen Eurer Verfolger und auch der lieben Justiz entziehen.“

Der Gedanke, bei Giulietta bleiben zu können, ergriff Erasmus gar mächtig. „Wie wäre das möglich?“, fragte er.

„Ich kenne“, fuhr der Mann fort, „ein geheimnisvolles Mittel, das Eure Verfolger mit Blindheit schlägt, kurz, welches bewirkt, dass Ihr ihnen immer mit einem anderen Gesicht erscheint und sie Euch niemals wiedererkennen. So wie es Tag ist, werdet Ihr so gut sein, recht lange und aufmerksam in irgendeinen Spiegel zu schauen, mit Eurem Spiegelbilde nehme ich dann, ohne es im Mindesten zu versehren, gewisse Operationen vor, und Ihr seid geborgen, Ihr könnt dann leben mit Giulietta, ohne alle Gefahr, in aller Lust und Freudigkeit.“

„Fürchterlich, fürchterlich!“, schrie Erasmus auf.

„Was ist denn fürchterlich, mein Wertester?“, fragte der Mann höhnisch.

„Ach, ich – habe, ich – habe …“, fing Erasmus an.

„Euer Spiegelbild sitzenlassen“, fiel der Mann schnell ein, „sitzenlassen bei Giulietta? – Ha ha ha! Bravissimo, mein Bester! Nun könnt Ihr durch Fluren und Wälder, Städte und Dörfer laufen, bis Ihr Euer Weib gefunden nebst dem kleinen Rasmus und wieder ein Familienvater seid, wiewohl ohne Spiegelbild, worauf es Eurer Frau auch wohl weiter nicht ankommen wird, da sie Euch leiblich hat, Giulietta aber immer nur Euer schimmerndes Traum-Ich.“

„Schweige, du entsetzlicher Mensch“, schrie Erasmus.

In dem Augenblick nahte sich ein fröhlich singender Zug von Fackeln, die ihren Glanz in den Wagen warfen. Erasmus sah seinem Begleiter ins Gesicht und erkannte den hässlichen Doktor Dapertutto.

Mit einem Satz sprang er aus dem Wagen und lief dem Zuge entgegen, da er schon in der Ferne Friedrichs wohltönenden Bass erkannt hatte. Die Freunde kehrten von einem ländlichen Mahle zurück.

Schnell unterrichtete Erasmus Friedrich von allem, was geschehen, und verschwieg nur den Verlust seines Spiegelbildes.

Friedrich eilte mit ihm voran nach der Stadt, und so schnell wurde alles Nötige veranstaltet, dass, als die Morgenröte aufgegangen, Erasmus auf einem raschen Pferde sich schon weit von Florenz entfernt hatte.

 

Spikher hat manches Abenteuer aufgeschrieben, das ihm auf seiner Reise begegnete. Am merkwürdigsten ist der Vorfall, welcher ihn zuerst den Verlust seines Spiegelbildes recht seltsam fühlen ließ.

Er war nämlich gerade, weil sein müdes Pferd Erholung bedurfte, in einer großen Stadt geblieben und setzte sich ohne Arg an die stark besetzte Wirtstafel, nicht achtend, dass ihm gegenüber ein schöner klarer Spiegel hing.

Ein Satan von Kellner, der hinter seinem Stuhle stand, wurde gewahr, dass drüben im Spiegel der Stuhl leer geblieben und sich nichts von der darauf sitzenden Person reflektierte. Er teilte seine Bemerkung dem Nachbar des Erasmus mit, der seinem Nebenmann. Es lief durch die ganze Tischreihe ein Gemurmel und Geflüster, man sah Erasmus an, dann in den Spiegel.

Noch hatte Erasmus gar nicht bemerkt, dass ihm das alles galt, als ein ernsthafter Mann vom Tische aufstand, ihn vor den Spiegel führte, hinsah und dann sich zur Gesellschaft wendend laut rief:

„Wahrhaftig, er hat kein Spiegelbild!“

„Er hat kein Spiegelbild – er hat kein Spiegelbild!“, schrie alles durcheinander. „Ein schlechtes Subjekt, ein schändlicher Kerl, werft ihn zur Tür hinaus!“

Voll Wut und Scham flüchtete Erasmus auf sein Zimmer; aber kaum war er dort, als ihm von der Polizei angekündigt wurde, dass er binnen einer Stunde mit seinem vollständigen, völlig ähnlichen Spiegelbilde vor der Obrigkeit erscheinen oder die Stadt verlassen müsse.

Er eilte von dannen, vom müßigen Pöbel, von den Straßenjungen verfolgt, die ihm nachschrien:

„Da reitet er hin, der dem Teufel sein Spiegelbild verkauft hat, da reitet er hin!“

Endlich war er im Freien. Nun ließ er überall, wo er hinkam, unter dem Vorwande eines natürlichen Abscheus gegen jede Abspiegelung, alle Spiegel schnell verhängen, und man nannte ihn daher spottweise den General Suwarow, der ein Gleiches tat.

 

Freudig empfing ihn, als er seine Vaterstadt und sein Haus erreicht, die liebe Frau mit dem kleinen Rasmus, und bald schien es ihm, als sei in ruhiger, friedlicher Häuslichkeit der Verlust des Spiegelbildes wohl zu verschmerzen.

Es begab sich eines Tages, dass Spikher, der die schöne Giulietta ganz aus Sinn und Gedanken verloren, mit dem kleinen Rasmus spielte; der hatte die Händchen voll Ofenruß und fuhr damit dem Papa ins Angesicht.

„Ach, Vater, Vater, wie hab ich dich schwarz gemacht, schau mal her!“ So rief der Kleine und holte, ehe Spikher es hindern konnte, einen Spiegel herbei, den er, ebenfalls hineinschauend, dem Vater vorhielt. Aber gleich ließ er den Spiegel weinend fallen und lief schnell zum Zimmer hinaus.

Bald darauf trat die Frau herein, Staunen und Schreck in den Mienen. „Was hat mir Rasmus von dir erzählt?“, sprach sie.

„Dass ich kein Spiegelbild hätte, nicht wahr, mein Liebchen?“, fiel Spikher mit erzwungenem Lächeln ein und bemühte sich zu beweisen, dass es zwar unsinnig sei zu glauben, man könne überhaupt sein Spiegelbild verlieren, im Ganzen sei aber nicht viel daran verloren, da jedes Spiegelbild doch nur eine Illusion sei, Selbstbetrachtung zur Eitelkeit führe und noch dazu ein solches Bild das eigene Ich in Wahrheit und Traum spalte.

Indem er so sprach, hatte die Frau von einem verhängten Spiegel, der sich in dem Wohnzimmer befand, schnell das Tuch herabgezogen. Sie schaute hinein, und als träfe sie ein Blitzstrahl, sank sie zu Boden.

Spikher hob sie auf, aber kaum hatte die Frau das Bewusstsein wieder, als sie ihn mit Abscheu von sich stieß.

„Verlasse mich“, schrie sie, „verlasse mich, fürchterlicher Mensch! Du bist es nicht, du bist nicht mein Mann, nein – ein höllischer Geist bist du, der mich um meine Seligkeit bringen, der mich verderben will. – Fort, verlasse mich, du hast keine Macht über mich, Verdammter!“

Ihre Stimme gellte durch das Zimmer, durch den Saal. Die Hausleute liefen entsetzt herbei, in voller Wut und Verzweiflung stürzte Erasmus zum Hause hinaus. Wie von wilder Raserei getrieben rannte er durch die einsamen Gänge des Parks, der sich bei der Stadt befand. Giuliettas Gestalt stieg vor ihm auf in Engelsschönheit, da rief er laut:

„Rächst du dich so, Giulietta, dafür, dass ich dich verließ und dir statt meines Selbst nur mein Spiegelbild gab? Ha, Giulietta, ich will ja dein sein mit Leib und Seele. Sie hat mich verstoßen, sie, der ich dich opferte. Giulietta, Giulietta, ich will ja dein sein mit Leib und Seele.“

„Das können Sie ganz füglich, mein Wertester“, sprach Signor Dapertutto, der auf einmal in seinem scharlachroten Rock mit den blitzenden Stahlknöpfen dicht neben ihm stand.

Es waren Trostworte für den unglücklichen Erasmus. Deshalb achtete er nicht Dapertuttos hämisches hässliches Gesicht. Er blieb stehen und fragte mit recht kläglichem Ton:

„Wie soll ich sie denn wiederfinden, sie, die wohl auf immer für mich verloren ist!“

„Mitnichten“, erwiderte Dapertutto, „sie ist gar nicht weit von hier und sehnt sich erstaunlich nach Ihrem werten Selbst, Verehrter, da doch, wie Sie einsehen, ein Spiegelbild nur eine schnöde Illusion ist. Übrigens gibt sie Ihnen, sobald sie sich Ihrer werten Person, nämlich mit Leib, Leben und Seele sicher weiß, Ihr angenehmes Spiegelbild glatt und unversehrt dankbarlichst zurück.“

„Führe mich zu ihr – zu ihr hin“, rief Erasmus. „Wo ist sie?“

„Noch einer Kleinigkeit bedarf es“, fiel Dapertutto ein, „bevor Sie Giulietta sehen und sich ihr gegen Erstattung des Spiegelbildes ganz ergeben können. Dieselben vermögen nicht so ganz über Dero werte Person zu verfügen, da Sie noch durch gewisse Bande gefesselt sind, die erst gelöst werden müssen. – Dero liebe Frau nebst dem hoffnungsvollen Söhnlein.“

„Was soll das?“, fuhr Erasmus auf.

„Eine unmaßgebliche Trennung dieser Bande“, fuhr Dapertutto fort, „könnte auf ganz leichte menschliche Weise bewirkt werden. Sie wissen ja von Florenz aus, dass ich wundersame Medikamente geschickt zu bereiten weiß. Da hab’ ich denn hier so ein Hausmittelchen in der Hand. Nur ein paar Tropfen brauchen die zu genießen, welche Ihnen und der lieben Giulietta im Wege sind, und sie sinken ohne schmerzliche Gebärde lautlos zusammen.

Man nennt das zwar sterben, und der Tod soll bitter sein, aber ist denn der Geschmack bittrer Mandeln nicht lieblich, und nur diese Bitterkeit hat der Tod, den dieses Fläschchen verschließt Sogleich nach dem ...

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