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Der Ruf des Abendvogels

Über die Autorin

Elizabeth Haran wurde in Simbabwe geboren. Schließlich zog ihre Familie nach England und wanderte von dort nach Australien aus. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen in Südaustralien, nahe dem Barossa Valley. Ihre Leidenschaft für das Schreiben entdeckte sie mit Anfang dreißig; zuvor arbeitete sie als Model, besaß eine Gärtnerei und betreute lernbehinderte Kinder.

Ihre fesselnden Australienromane erfreuen einen immer größer werdenden Kreis von Leserinnen und Lesern. Weitere Romane der Autorin in der Verlagsgruppe Lübbe sind in Vorbereitung.

BASTEI ENTERTAINMENT

VORWORT

Riordan Magee trat in das feuchte Dunkel des Chelms Wood in der Nähe von Goold’s Cross, Tipperary. Obwohl er die Geschichten über böse Geister in diesem Wald zuvor scheinbar unbeeindruckt als Aberglaube abgetan hatte, überlief ihn nun doch ein kalter Schauder, als er zwischen den hohen, alten, von Flechten überwucherten Bäumen entlangging, und unwillkürlich tastete er nach dem Griff seiner Pistole.

Dieser Wald, so viel hatte die Frau des Gastwirts ihm erzählt, gehörte zum Anwesen von Donaldbain Keefe, ein ewig schlecht gelaunter, stummer Einsiedler, der Eindringlinge oder Wilddiebe gern mit einer Salve aus seiner uralten Donnerbüchse erschreckte.

Dabei dürfte es seit dem Verschwinden des jungen Malachy Finn wohl kaum irgendwelche Eindringlinge gegeben haben. Der kleine Junge war zwei Jahre zuvor, im Bilderbuchsommer von 1920, verschwunden, als er im Chelms Wood gespielt hatte. Seitdem hatte nicht einmal die Aussicht auf einen Fasanenbraten die Anwohner dazu verleiten können, dort zu wildern.

»Die Suchtrupps haben damals merkwürdige Markierungen auf dem Boden gefunden«, hatte die Wirtsfrau in verschwörerischem Ton geflüstert, »und etwas in den Bäumen, was sie für zerstückelte Tiere hielten. Aber nicht eine Spur vom jungen Malachy. Hexenzauber, kein Zweifel!«

»Abergläubiges Gewäsch!«, hatte Riordan erwidert. »Die Zigeuner benutzen solche Tricks, um die Leute abzuschrecken und die Wälder und das Wild für sich zu behalten!«

»Aber was ist dann mit Malachy passiert?«

Darauf hatte Riordan keine Antwort gehabt.

»Denk an meine Worte, Junge«, hatte die Frau gesagt. »Bei Vollmond hört man die wilden Hunde heulen – wenn du in diesen Wald gehst, bist du auf dich allein gestellt!«

Obwohl es dunkel war und man nicht viel sah, wusste Riordan, dass es leichtsinnig gewesen wäre, eine Laterne anzuzünden. So tastete er sich seinen Weg über umgestürzte Stämme und um dornige Zweige herum, die an seine Hosenbeine schlugen und ihm die Beine zerkratzten. Er durchquerte einen kleinen Bachlauf, der im Mondlicht wie flüssiges Silber glänzte, und stieg dann einen rutschigen, moosbewachsenen Hang hinauf.

Oben angekommen, hörte er Musik wie von einem ausschweifenden Fest und lautes Gelächter, Geräusche, die zusammen mit dem Rauch eines Holzfeuers und dem verlockenden Duft gebratenen Fleisches zu ihm herübergetragen wurden. Doch wegen der dunklen Silhouetten der ihn umgebenden, dicht belaubten Bäume gelang es ihm nicht, irgendetwas zu erkennen.

Plötzlich erklang der Ruf einer Nachtigall genau über ihm und ließ ihn so heftig erschrecken, dass er blitzschnell seine Pistole zog. »Gütiger Gott!«, murmelte er, als der Vogel davonflatterte und er sein Herz wild pochen spürte. Mühsam kämpfte er den Gedanken an Malachy Finn nieder und erschauderte im Nachhinein bei dem Gedanken, was geschehen wäre, wenn er wirklich seine Pistole abgefeuert und die Zigeuner dadurch auf sich aufmerksam gemacht hätte.

»Ich muss komplett verrückt sein«, murmelte er im Weitergehen, denn ihm war klar, dass er sterben könnte, wenn er entdeckt würde – die Zigeuner schützten bekanntlich ihre Frauen mit ihrem Leben.

Seit Victoria Millburn ihm ein Bild ihrer Nichte Tara geschickt hatte, die ihrer Ansicht nach von dem fahrenden Volk geraubt worden war, quälte Riordan die Vorstellung, das Mädchen werde vielleicht misshandelt und vergewaltigt. Im Lauf der Zeit hatte ihn eine regelrechte Besessenheit überkommen, Tara aus einem, wie er es sah, erniedrigenden Dasein zu befreien. Seine Geschäfte hatten darunter ebenso gelitten wie sein Privatleben. Selbst seine Freunde zweifelten an seinem Verstand, seit er begonnen hatte, jedem Hinweis über Taras Aufenthaltsort nachzugehen und manchmal tagelang durch die Straßen zu wandern, egal ob in Matsch oder Schnee, und seit er außerdem jeden Schlupfwinkel untersuchte, an dem sich die Zigeuner aufhalten mochten.

Zum Glück war es trotz der drohenden Regenwolken trocken geblieben und der Vollmond schien. Während Riordan weiter auf den Lärm des Zigeunerfestes zuhielt, brachen einzelne Lichtstreifen durch die vorüberziehenden Wolken und die Baumkronen und erhellten kleine Flecke auf dem Waldboden.

Riordans Herz drohte zu zerspringen, als ein Hase direkt neben ihm aufsprang und im Schutz des Gebüschs verschwand. Er war am Ende seiner Nerven, als er schließlich hinter dunklen Bäumen den Schein eines Lagerfeuers entdeckte. Schrilles Frauengelächter, Gitarrenmusik und laute Männerstimmen drangen an sein Ohr.

Bunte Wohnwagen standen im Kreis am Rand der Lichtung, in deren Mitte ein Feuer brannte, das die Gesichter in der Runde mit seinem warmen Schein erhellte.

Die Augen der Zigeuner glänzten wie schwarze Opale und bildeten einen lebhaften Kontrast zum strahlenden Weiß ihrer Zähne und dem metallenen Glitzern ihrer Messer. Die Wärme der Nacht und die Hitze des Feuers verliehen ihrer Haut einen bronzenen Schimmer.

Riordan versteckte sich vorsichtig zwischen den Pferden der Zigeuner, und als er sicher sein konnte, nicht beobachtet zu werden, rannte er zu den Wohnwagen hinüber und versteckte sich zwischen den Rädern.

Er fand sich neben schlafenden Welpen wieder, die reichlich von Flöhen besiedelt zu sein schienen. Es stank nach Hundekot, altem Urin und faulenden Essensresten, doch Riordan wagte nicht, sich zu bewegen, weil er fürchtete, sonst entdeckt zu werden.

Über sich hörte er das Geräusch polternder Schritte und eine wütende Männerstimme, das Schreien eines Babys und das leise Summen einer Mutter, die versuchte, ihr Kind zu beruhigen.

Riordan ließ seinen Blick über das Lager wandern. Die Schatten auf den Gesichtern der Männer wirkten im Feuerschein düster und verzerrt. Er konnte den Schweiß auf ihren Körpern riechen und die säuerlichen Ausdünstungen der Überreste des Festes. Ihre Hemden lagen eng an ihren schlanken Körpern an, und die meisten trugen schwarze Hosen mit breiten, nietenbeschlagenen Gürteln.

Fast alle hatten sie lange, ölig wirkende Haare, und einige trugen Tätowierungen an den Oberarmen. Als Riordan sich vorstellte, wie sie Tara berührten, stieg kalte Wut in ihm auf und lag ihm wie ein schwerer Stein im Magen.

Ihm wurde bewusst, dass er nicht einmal einen Plan hatte, wie er vorgehen sollte. Blind und töricht war er seinen Gefühlen gefolgt.

Abrupt brach die Gitarrenmusik ab. Mit großer Spannung wartete Riordan auf das, was nun geschehen würde.

Ein paar Augenblicke später durchbrach das leise Schellen von Tambouringlöckchen die Stille, die sich über das Lager gelegt hatte. Er hörte die Anfeuerungsrufe der Männer, als eine Frau langsam mit schwingenden Hüften in den freien Raum am Feuer trat und das Tambourin, das sie hoch über ihrem Kopf hielt, mit aufreizenden Bewegungen zum Klingen brachte.

Riordan konnte nur ab und zu einen Blick auf die Frau erhaschen, weil die zusammenströmende Menge ihm teilweise die Sicht versperrte. Er kroch vorwärts, bis er das Geschehen wieder besser sehen konnte, und starrte erschrocken auf die langen, kupferfarbenen Haare der Frau, die ihr bis über die Taille reichten.

Auch Taras Haare waren von der Farbe polierten Kupfers, aber sie hätte doch sicher niemals für ihre barbarischen Entführer getanzt!

Die Frau bewegte sich weiter um das Feuer herum. Sie hatte ihm den Rücken zugewandt. Ihr Rock hing in bunten Streifen von den Hüften herab und ließ ihre langen, gebräunten Beine sehen. Ihre enge, rote Bauernbluse spannte sich über ihren Brüsten, und goldrote, im Feuerschein glänzende Haarsträhnen fielen ihr über die nackten Arme.

Nach allem zu urteilen, was Riordan von ihr sah, war sie eine Schönheit.

Als die Frau sich umwandte und er zum ersten Mal ihr Gesicht sah, erstickte er fast bei dem Versuch, den Ausruf des Erschreckens zu unterdrücken, der in ihm aufstieg. Denn was er am allerwenigsten zu sehen erwartet hatte, war der Anblick von Tara als Tänzerin vor den Menschen, die sie angeblich gefangen hielten. Man hatte ihn doch glauben gemacht, die Zigeuner hätten sie im Dunkel der Nacht aus der Geborgenheit ihres Elternhauses verschleppt.

Er kam zu dem Schluss, dass man sie wahrscheinlich zwang zu tanzen. Sein Zorn wuchs, als er an die Demütigung dachte, die Tara fühlen musste, während sie wie ein dressiertes Tier vorgeführt wurde.

Vollkommen gebannt beobachtete er, wie sie mit aufreizenden Bewegungen hin und her wirbelte. Sie schien wie hypnotisiert, und er fragte sich, ob sie vielleicht mit einem Zaubertrank gefügig gemacht worden war. Doch dann sah er ihr strahlendes Lächeln, als sie mit rhythmischen Schritten um das Feuer tänzelte.

Sie machte absolut nicht den Eindruck, als zwinge man sie zu dem, was sie tat. Obwohl jede Faser in Riordan sich dagegen sträubte, musste er zugeben, dass ihre erotische Ausstrahlung ihr offensichtlich angeboren war.

Doch wer hatte sie gelehrt, so aufreizend zu tanzen, wer hatte ihr beigebracht, ihren Körper so verführerisch einzusetzen? Sicherlich niemand aus ihrer strengen Familie. Victoria wurde von dem Gedanken gequält, Tara sei eine Gefangene der Zigeuner – doch die Wahrheit schien Riordan noch viel schlimmer. Victoria darf das nie erfahren, schwor er sich selbst – niemals!

Als die Musik schneller wurde, folgten Taras Bewegungen dem rascheren Rhythmus. Ihre nackten Füße wirbelten Staub auf, und sie warf den Kopf zurück, während sie ihren wohlgeformten Hals nach hinten bog und die langen Haare ihr als leuchtende Flut über die Schultern fielen.

Die Männer starrten sie mit unverhohlenem Begehren an, als ihre Bewegungen immer sinnlicher und erregender wurden. Riordan wurde wieder wütend – wütender als jemals vorher in seinem Leben. Er dachte an all die Tage und Wochen, die er mit der Suche nach ihr verschwendet hatte. Er hatte seine Geschäfte vernachlässigt und ebenso sein Privatleben. Wie unendlich töricht von ihm, jemals geglaubt zu haben, dass sie auf Rettung wartete! Tara war genau dort, wo sie sein wollte.

Plötzlich konnte er sich nicht länger zurückhalten; er kroch aus seinem Versteck und drängte sich durch die Menge nach vorn.

»Tara!«, schrie er. »Wie konnten Sie … das tun?«

Jemand packte ihn am Kragen, und er fühlte sich zu Boden gedrückt und von Männern umringt. Abrupt verstummte die Musik. Er griff nach seiner Pistole, doch die Zigeuner waren schneller. Hasserfüllte Blicke aus dunklen Augen durchbohrten ihn; das Letzte, das er bewusst wahrnahm, nachdem mehrere Faustschläge sein Gesicht und Fußtritte seinen Körper getroffen hatten, war Tara, die mit vor Schreck weit aufgerissenen Augen auf ihn herabblickte. Danach überkam ihn gnädiges Vergessen.

Fröhliches Vogelgezwitscher war die erste Wahrnehmung, die in Riordans Bewusstsein drang. Dann spürte er ein schmerzhaftes Pochen in seiner Schulter und hörte seltsame, halb erstickte Grunzlaute, die etwas Tierisches hatten.

Mit größter Anstrengung öffnete er eines seiner fast zugeschwollenen Augen und blinzelte ins Sonnenlicht. Ein hünenhafter, bärtiger Mann stand über ihn gebeugt und zielte mit einem alten Gewehr genau auf seinen Kopf. Riordan versuchte, seine Beine zu bewegen, und eine Woge der Panik überkam ihn, als er meinte, von der Taille abwärts gelähmt zu sein. Doch dann stellte er rasch fest, dass die untere Hälfte seines Körpers in einer grabähnlichen Vertiefung steckte und mit Erde bedeckt war.

ter, bärtiger Mann stand über ihn gebeugt und zielte mit einem alten Gewehr genau auf seinen Kopf. Riordan versuchte, seine Beine zu bewegen, und eine Woge der Panik überkam ihn, als er meinte, von der Taille abwärts gelähmt zu sein. Doch dann stellte er rasch fest, dass die untere Hälfte seines Körpers in einer grabähnlichen Vertiefung steckte und mit Erde bedeckt war.

Jeder Zentimeter seines Oberkörpers schmerzte höllisch, und sein Gesicht war geschwollen und blutverkrustet. Riordan wusste, es war ein Wunder, dass er überhaupt noch lebte. Doch er vermochte keine Erleichterung darüber zu verspüren, und noch weniger Freude. Als die Erinnerung an die nur wenige Stunden zurückliegenden Ereignisse in sein Bewusstsein drang, fühlte er nichts als tiefe Resignation. Die Zigeuner waren fort.

1

Sieben Jahre später

Als sich die Frau, die sich Lady Morna Bowers nannte, ihrem Ziel näherte, überprüfte sie nervös ihre äußere Erscheinung. Sie zupfte an ihrem Schleier, bis sie sicher war, dass er ihr Gesicht verbarg, und vergewisserte sich, ob sie nicht schon wieder einen der kleinen Zierknöpfe auf der Vorderseite ihres Witwenkleides verloren hatte.

Beim Anblick der Knöpfe musste sie unvermittelt an den letzten Abend denken, den sie mit ihrer Familie verbracht hatte. Es hatte ein festlicher Abend voller Fröhlichkeit werden sollen, doch die Erinnerung daran war furchtbar, die Ereignisse von damals genau der Grund, warum sie nun gezwungen war, harmlose Menschen zu betrügen, um an die Mittel zu gelangen, die sie zum Leben brauchte.

Lady Bowers umfasste ihr flaches, aber sperriges Paket mit festem Griff, was in den vornehmen Spitzenhandschuhen nicht eben einfach war. Dann blickte sie über die Grafton Street, eine der geschäftigsten Straßen von Dublin, hinweg in die Darby Lane, wo sie schon ihr Ziel erkennen konnte, die Harcourt Gallery. Nach einem tiefen Atemzug trat sie vom Gehweg auf die Straße.

»Vorsicht!«, rief jemand.

Zwei Kutschpferde scheuten vor der Hupe eines Automobils, gingen durch und preschten in hohem Tempo an ihr vorüber. Die Räder der Kutsche rollten durch eine Pfütze, und schmutziges Wasser spritzte an den Straßenrand.

»Sie ungeschickter Trottel!«, rief Lady Bowers dem Fahrer des Automobils zu. Sie war so außer sich, dass ihr das Paket entglitt.

»Diese verdammten Handschuhe!«, murmelte sie aufgebracht. »Nicht mal so ein verflixtes Ding kann ich halten. Und zur Hölle mit dem lächerlichen Schleier! Ich sehe ja kaum, wohin ich gehe!«

Sie hob den störenden Tüll, um das Paket zu begutachten, das zum Glück unbeschädigt schien, musste aber feststellen, dass der Saum ihres Kleides von übel riechendem Schlamm bedeckt war.

»Heiliger Moses«, stieß sie unterdrückt hervor, »ich hätte nicht gedacht, dass heute noch mehr schief gehen kann.«

An dem eleganten schwarzen Kleid, das sie günstig bei einem Wohltätigkeitsbasar erstanden hatte, waren zwei Knöpfe lose gewesen, sodass es über dem Busen nicht richtig schloss – was sie in letzter Minute behoben hatte. Ihre Schuhe waren nur geliehen und eine Nummer zu groß, weshalb sie Zeitungspapier in die Spitzen hatte stopfen müssen. Dann hatte ihr Pferd ein Hufeisen verloren, sie war in einen Wolkenbruch geraten …

Plötzlich bemerkte sie, dass jemand einen stützenden Arm um ihre schmale Taille gelegt hatte. »Lassen Sie mich sofort los!«, stieß sie ärgerlich hervor, den Blick noch immer auf den schmutzbedeckten Saum ihres Kleides gerichtet. »Das hat mir gerade noch gefehlt – jetzt stinke ich wie ein wandelnder Misthaufen!« Dann wandte sie sich halb um, bereit, den unverschämten Kerl zu tadeln, der es wagte, sie anzufassen. Doch ein amüsierter Blick aus graublauen Augen ließ sie sofort verstummen. Hastig bedeckte sie ihr Gesicht, jedoch nicht, ohne vorher festzustellen, dass die schönen Augen zu einem sehr gut aussehenden Mann gehörten. Er war vermutlich nur wenige Jahre älter als sie selbst und trug einen maßgeschneiderten Mantel aus sehr teurem, feinen Stoff.

»Oh, entschuldigen Sie bitte!« Erschrocken schlug sie die Hand vor den Mund, als ihr bewusst wurde, dass er jetzt sehr schlecht von ihr denken musste.

Er nahm seinen schwarzen Hut ab, unter dem dichte, blonde, gelockte Haare zum Vorschein kamen. Sein Schnurrbart war leicht rötlich und wohlgepflegt. Inmitten der vielen Arbeitslosen, die in schäbiger Kleidung vorübertrotteten, fiel seine Erscheinung umso mehr auf.

Der Mann maß sie mit einem fast unverschämten Blick von oben bis unten; ihre Aufmachung wirkte ein wenig altmodisch, sodass er eigentlich eine sehr viel ältere Frau zu sehen erwartet hatte. Ihre angenehme Stimme, ihr Auftreten und vor allem ihre sehr direkte Ausdrucksweise hatten ihn deshalb sehr überrascht. Zum Glück hatte er noch einen kurzen Blick auf ihr Gesicht werfen können, bevor sie diesen lächerlichen Schleier darüber gezogen hatte – sie war wirklich hübsch.

»Ich denke, Sie werden mir darin zustimmen, dass Pferdekutschen und Motorfahrzeuge nicht auf derselben Straße fahren sollten«, sagte er freundlich und zog ein schneeweißes Taschentuch mit Monogramm hervor. Ungläubig sah Lady Bowers zu, wie er begann, damit den Schmutz vom Saum ihres Kleides abzuwischen.

»Oh ja«, erwiderte sie leidenschaftlich. »Die Fahrer dieser Motorungeheuer scheren sich den Teufel um Fußgänger und noch weniger um die Pferde. Heute Morgen wäre ich beinahe im Straßengraben gelandet …« Sie verstummte jäh, als ihr klar wurde, dass er eher für die Automobile gesprochen hatte und dass sie sich besser wie eine Dame benehmen sollte – zwar in finanzieller Notlage, aber nichtsdestotrotz eine wirkliche Lady!

»Ich wollte sagen, ich musste auf meine Kutsche zurückgreifen, denn wie alles andere ist auch Benzin im Moment schwierig zu bekommen …«

Er blickte kurz auf, während er fortfuhr, am Saum ihres Kleides herumzuwischen, womit er allerdings den Schmutz nur weiter verschmierte. »Man kommt an alles heran, wenn man nur die richtigen Kontakte hat!«

Lady Bowers blickte auf seinen Kopf hinab und schnaubte leise. Wenn man nach seiner Kleidung urteilte, konnte er sich alles leisten! Jetzt richtete er sich auf, und sie zwang sich zu einem dankbaren Lächeln.

»Sind Sie wirklich nicht verletzt?«, forschte er, und trotz ihres leisen Ärgers fand sie den Klang seiner Stimme irgendwie faszinierend.

»Wirklich nicht«, erwidert sie und sah zu, wie er sich bückte, um ihr Paket aufzuheben. Plötzlich fühlte sie angesichts des zerknitterten braunen Papiers und der offensichtlich schon häufiger benutzten Schnur leise Scham in sich aufsteigen. »Ich hätte aufpassen müssen, als ich auf die Straße trat. Ich war wohl in Gedanken – das passiert mir sonst selten …« Sie schenkte ihm einen eindringlichen Blick unter ihren langen Wimpern, um den Eindruck wieder auszugleichen, den ihr ungeschicktes Benehmen bei ihm hinterlassen haben mochte.

»Sie sind ganz einfach das Opfer eines Zusammentreffens zwischen Vergangenheit und Zukunft geworden«, erwiderte er. »Würden Sie mir erlauben, Ihnen beim Überqueren der Straße beizustehen?«

Einen flüchtigen Augenblick lang genoss Lady Bowers das Gefühl, so respektvoll behandelt zu werden, doch dann rief sie sich zur Ordnung: Sie musste vor allem ihr Ziel im Auge behalten.

»Das wird nicht nötig sein«, gab sie spröde zurück und hoffte, er würde sich nun wieder seinen eigenen Angelegenheiten widmen. Genau das hatte sie ebenfalls vor, bevor sie völlig die Nerven verlor.

»Es ist viel Verkehr – und Ihr … Ihr Gemälde sieht ziemlich schwer aus.«

»Ich komme schon zurecht!«

»Aber es wäre mir ein Vergnügen!«

Da war es wieder, dieses verheerende Lächeln! Schon sah sie ihren ausgefeilten Plan in sich zusammenstürzen, doch sie musste sich zusammennehmen. Ihr Leben stand kurz davor, eine fatale Wendung zu nehmen, und sie musste schnell handeln, um nicht in eine schreckliche Situation zu geraten. Schließlich war sie auf sich allein gestellt und ohne jegliche finanzielle Mittel.

»Nein, danke. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden …«

»Sind das Ihr Wagen und Ihr Fahrer?« Er blickte zu einer glänzenden schwarzen Kutsche, die nur ein paar Schritte hinter ihr stand und die sie sich nicht einmal in ihren kühnsten Träumen hätte leisten können. Ihre Wangen überzogen sich mit tiefer Röte, und wieder war sie froh, einen Schleier zu tragen.

»Ja – aber ich habe meinem … Diener gesagt, dass ich durchaus imstande bin, allein über die Straße zu gehen!« Sie versuchte, ihr Gemälde an sich zu nehmen, doch er hielt es weiter fest. Sie war sich nicht sicher, ob er nun ein unerschütterliches Selbstbewusstsein besaß oder einfach nur schrecklich hartnäckig war. Jedenfalls stellte er ihre Geduld auf eine harte Probe!

»Diese mutige Selbstständigkeit ist eine bewundernswerte Eigenschaft, Madam«, sagte er, »besonders in der Situation, in der Sie sich bedauernswerterweise befinden – aber ich bestehe darauf, Ihnen zu helfen. Außerdem verfüge ich zufällig über einigen Einfluss in der Galerie. Es wäre mir eine Ehre, Sie persönlich dorthin zu begleiten und dafür zu sorgen, dass Sie mit äußerster Höflichkeit und Rücksicht behandelt werden.« Er war sicher, dass irgendetwas mit ihr nicht stimmte, und wild entschlossen herauszufinden, was es war.

Lady Bowers bedachte ihn mit einem zweifelnden Blick. »Auch wenn Sie anscheinend noble Absichten haben, Sir, kann ich nicht glauben, dass Sie in der angesehenen Harcourt Gallery wirklich über einen derartigen Einfluss verfügen!«

Jetzt wirkte er überrascht und irgendwie verwirrt, doch Lady Bowers fuhr unerbittlich fort: »Ich habe meinen eigenen Plan, um sicherzustellen, dass ich gerecht behandelt werde.« Sie hatte zunächst überlegt, sich ein Kissen unter das Kleid zu stecken, damit es aussähe, als sei sie schwanger, doch schließlich hatte sie ihre Meinung geändert.

»Wirklich? Ich bin gespannt«, erwiderte er, und sein Ton machte ihr schlagartig bewusst, dass sie nicht gerade wie eine trauernde Witwe klang.

»Ich meine, ich hoffe natürlich, dass man mir dort wegen meiner persönlichen Situation Mitgefühl entgegenbringt.«

»Unglücklicherweise, Madam, sind Mitgefühl und Geschäfte für gewöhnlich unvereinbar, besonders jetzt, seit dem Börsenkrach. Wenn Sie aber jemanden dort kennen würden, also Beziehungen hätten, könnte das eine große Hilfe sein. Darf ich fragen, ob Sie mit irgendjemandem in der Galerie bekannt sind?«

»Nun … nein.«

Er lächelte. »Erlauben Sie mir, mich vorzustellen: Riordan Magee, zu Ihren Diensten.«

»Ta…« Sie räusperte sich, um ihren Schnitzer als Hustenanfall zu tarnen, doch Riordan hatte es trotzdem bemerkt. »Lady Morna Bowers, Sir.« Sie erinnerte sich an ihre Benimmstunden und streckte ihm zögernd eine behandschuhte Hand entgegen. Er bemerkte sofort die gebräunte Haut zwischen dem Rand ihres Handschuhs und dem Ärmel ihres Kleides. Eine wirkliche Lady hätte sicher nicht so viel Zeit im Freien verbracht!

»Sehr erfreut, Lady Bowers.« Er beugte sich über ihre Hand. »Ich zweifle nicht daran, dass Ihr Plan wohl durchdacht ist, aber ich glaube trotzdem, es wäre von Vorteil, wenn ich Sie begleite. In diesem Unternehmen ist man ein wenig altmodisch und auf Etikette bedacht, und unglücklicherweise wird auf Trauernde dabei keine Rücksicht genommen. Es wäre mir eine Ehre, wenn Sie mir die Erlaubnis geben würden.«

Sie maß ihn mit einem langen Blick und gestand sich schließlich ein, dass sie jede Hilfe brauchen konnte.

»Gut«, erklärte sie, »solange Sie sich nicht in meine Geschäfte einmischen. Auch wenn es vielleicht dramatisch klingt, aber von dem Verkauf dieses Bildes hängt sehr viel für mich ab. Ich kann es mir nicht leisten, dass dabei etwas schief geht.« Sie sah Riordans neugierigen Blick, hätte sich jedoch lieber die Zunge abgebissen als zuzugeben, dass sie kurz davor stand, obdachlos und allein zu sein – nur weil sie ihrem oft abwesenden Ehemann kein Kind hatte gebären können. Stattdessen besann sie sich wieder auf ihre Rolle als trauernde Witwe. »Seit ich meinen Mann … verloren habe …«, sie schluchzte theatralisch in ihr Taschentuch, »muss ich für mich selbst sorgen; ich hoffe, Sie verstehen?«

»Natürlich, Lady Bowers. Es ist wirklich sehr bedauerlich, dass Ihr Mann nicht ausreichend für Sie vorgesorgt hat!«

Morna riss die Augen auf und unterdrückte nur mühsam ein hysterisches Lachen. Es war fast unmöglich, für eine Frau zu sorgen, während man in einer Gefängniszelle festsaß – und genau dort befand sich ihr wahrer Ehemann nur allzu oft.

»Auch wenn ich Lord Bowers nicht persönlich kannte«, fügte Riordan hinzu, »so habe ich doch gehört, dass er ein sehr wohlhabender Mann gewesen sein soll.«

Seine Worte brachten die angebliche Lady Bowers für einen Augenblick aus dem Gleichgewicht. Sie hatte nicht erwartet, dass Riordan irgendetwas über ihren vorgeblichen Ehemann Lord Bowers wusste, und rief sich hastig in Erinnerung, was sie sich zurechtgelegt hatte. »Das ist lange her, Mr. Magee. Seine Leidenschaft für Kartenspiele, vor allem für ›Black Jack‹, war sehr viel größer als sein Geschick in dieser Hinsicht. Wir mussten fast unseren gesamten Besitz verkaufen. An diesem Bild hier hänge ich sehr, aber ich habe eine Verantwortung für meine Bediensteten und bringe es nicht übers Herz, sie einfach auf die Straße zu setzen …«

Riordan war jetzt so gut wie überzeugt, dass ihre Geschichte erfunden war, doch ihre Schauspielerei bereitete ihm großes Vergnügen. Er beschloss, sie weiter zu verunsichern. »Ich verstehe – und vielleicht darf ich hinzufügen, ich bin zutiefst erleichtert, dass die Gerüchte um Ihren Mann nicht der Wahrheit entsprechen!«

Sie starrte ihn verwundert an. »Gerüchte? Was für Gerüchte?«

»Also, ich weiß nicht, ob ich sie Ihnen …«

»Erzählen Sie mir davon, Mr. Magee! Ich habe ein Recht darauf zu wissen, was die Leute über meinen … meinen lieben verblichenen Devlin reden.«

Riordan brachte es nur mit Mühe fertig, ein Lächeln zu unterdrücken. »Ich bin sicher, es ist kein Körnchen Wahrheit daran …«

»Natürlich nicht. Aber trotzdem sollte ich wissen, was hinter meinem Rücken geredet wird!«

»Also gut, Lady Bowers! Es wurde erzählt, Lord Bowers hätte mehrere Geliebte gehabt.«

Obwohl es sie kaum hätte berühren dürfen, fühlte sie sich in ihrem Stolz getroffen, und echte Empörung stieg in ihr auf. »Das stimmt natürlich nicht!«, stieß sie wütend hervor.

»Bitte entschuldigen Sie meine Unverblümtheit! Jetzt, da wir uns kennen, würde ich niemals glauben, dass diese Gerüchte zutreffen könnten. Darf ich fragen, wie Lord Bowers … so bedauerlich früh sein Ende gefunden hat? Auch darüber gingen zwar Geschichten um, aber wie ich soeben auf so plumpe Weise bewiesen habe, können solche Berichte sehr ungenau sein!«

»Er … er … war eine Zeit lang krank, und irgendwann hat sein Herz nicht mehr standgehalten …« Sie hoffte, die vage Formulierung würde auch fast alle anderen Krankheiten abdecken, an denen Lord Bowers gelitten haben könnte. Riordan hob erstaunt die Brauen.

»Wirklich? Wie gut zu hören, dass er nicht an Syphilis gestorben ist! Gerüchte können so grausam sein!«

Lady Bowers war sprachlos vor Entsetzen. Wie hatte sie sich nur jemand derart Verdorbenen als Scheinehemann aussuchen können? Sie war eben im Begriff, Riordans Andeutungen empört zurückzuweisen, als sie seinem Blick begegnete und das mutwillige Zwinkern darin sah. Ihr Verdacht, er wisse, dass sie nicht wirklich Lady Bowers war, erhärtete sich, aber sie hoffte, er werde Gentleman genug sein, sie nicht allzu offen des Betrugs zu beschuldigen. Außerdem hatte er offensichtlich Devlin Bowers nicht persönlich gekannt, sodass er ihr ihre Lügen nicht würde beweisen können, zumindest nicht, ohne vorher einige Nachforschungen anzustellen.

Wieder zwinkerte er ihr zu, und seine Lippen verzogen sich zu einem verschwörerischen Lächeln.

»Ich hege den Verdacht, Mr. Magee«, sagte sie, »dass bei Ihnen unter der glatten Fassade eines Gentleman das Herz eines Schurken schlägt. Ich muss Sie warnen: Man hält mich nicht ungestraft zum Narren!«

Riordan setzte eine gekränkte Miene auf, um dann zu erklären: »Bitte nehmen Sie es sich nicht zu Herzen, Lady Bowers, aber ich habe den Eindruck, dass ich es bin, der heute von Ihnen in der Kunst der Verstellung etwas lernen kann!« Ein weiteres verschmitztes Lächeln nahm seinen Worten die Schärfe.

Das Schellen einer Messingglocke ertönte, als Riordan Magee Lady Bowers an der Eingangstür der Harcourt Gallery den Vortritt ließ. Nach einem tiefen Atemzug gegen die plötzlich aufsteigende Nervosität ging sie hinein und fühlte sich augenblicklich eingeschüchtert angesichts der gediegenen Atmosphäre in Irlands berühmtester Kunstgalerie.

Ölgemälde und Aquarelle, manche davon in wertvollen Rahmen, schmückten die Wände, Skulpturen aus Bronze und Stein standen neben reich verzierten Säulen und Bögen. Die angebliche Lady Bowers fühlte sich sehr verunsichert; unter normalen Umständen hätte sie niemals gewagt, ein solches Gebäude zu betreten.

Da Riordan Magee an der Tür von einem Bekannten aufgehalten wurde, ging sie ohne ihn weiter auf einen gut gekleideten Gentleman im hinteren Teil der Galerie zu. Er beobachtete sie von seinem riesigen Sessel aus, während seine Miene mäßige Neugier und Herablassung spiegelte. Sie schluckte den Kloß in ihrer Kehle hinunter, als sie seinen Blick auf das in zerknittertes braunes Papier gewickelte Bild gerichtet sah, das Riordan im Flur abgestellt hatte, und auf den schmutzigen Saum ihres Kleides.

Der fremde Mann erhob sich, bevor Lady Bowers ihn erreicht hatte, und sie stellte fest, dass sein Sessel gar keine so riesigen Ausmaße besaß, wie es zuerst den Anschein gehabt hatte. Der Mann war nur sehr klein. Er wirkte unsympathisch und abweisend, und seine Worte bestätigten diesen Eindruck voll und ganz.

»Wenn Sie verkaufen wollen, Madam: Wir machen keine Geschäfte mit Kunden, die uns nicht persönlich empfohlen worden sind.« Seine Worte schienen in der Stille der Galerie nachzuklingen wie ein Echo und verstärkten die Woge der Scham, die in Morna aufstieg.

Ihr Kopf war plötzlich ganz leer, und es verstrichen einige seltsame Momente, bevor es ihr gelang, ihre Gedanken zu ordnen. Als sie schließlich sprechen konnte, klang ihre Stimme zaghaft. »Würden Sie mir bitte einige Minuten Ihrer Zeit schenken? Ich verspreche Ihnen, dass es lohnend für Sie sein wird.« Sie schluchzte in ihr Taschentuch, doch ihre offensichtliche Verzweiflung schien den Mann nicht zu rühren.

»Es tut mir Leid, Madam. Wir machen absolut keine Ausnahmen.« Seine Worte klangen nicht im Mindesten mitfühlend, und er entließ Lady Bowers durch einen Wink seiner kurzfingrigen Hand.

Lady Bowers fühlte sich zutiefst gedemütigt. All die Stunden, in denen sie für diesen Moment geprobt hatte, fielen ihr ein, und sie wollte nicht glauben, dass alles umsonst gewesen sein sollte. Obwohl ihr häufig mit Verachtung begegnet wurde, hatte sie sich nie daran gewöhnt. Hinzu kam, dass sie sich vor Riordan Magee ausgesprochen blamiert fühlte. Wenigstens war er nicht direkt Zeuge der erniedrigenden Abfuhr geworden!

»Es tut mir Leid, dass ich Sie warten ließ, Lady Bowers!«, sagte er in diesem Moment genau hinter ihr, und sie zuckte erschrocken zusammen. Zögernd wandte sie sich um, fieberhaft nach Worten ringend, um ihre Demütigung vor ihm zu verbergen. Doch ihr fiel absolut nichts ein. Um die ganze Sache noch schlimmer zu machen, fühlte sie, wie ihr die Tränen kamen.

»Was für ein herzloser Mensch …«, stammelte sie. Das Mindeste, worauf sie hoffen konnte, war ein wenig Mitgefühl. »Er ist anscheinend zu beschäftigt, um mir einen kurzen Moment seiner Zeit zu gewähren, nachdem ich stundenlang unterwegs war, um hierher zu gelangen! Mein lieber Devlin würde sich im Grabe umdrehen …«

Riordan hatte schnell erfasst, dass Lady Bowers wohl eher verlegen als enttäuscht war. Der Geschäftsführer hatte sich ihr gegenüber wohl recht brüsk verhalten.

»Lady Bowers«, meinte Riordan beschwörend, »so schnell werden Sie doch wohl nicht aufgeben! Ich hatte mich so darauf gefreut, die Ausführung ihres Plans mitzuerleben!«

Sie zögerte. Ihre missliche Lage rührte Riordan. Er war wirklich so enttäuscht darüber, ihre Vorstellung nun vielleicht doch nicht erleben zu können, dass er beschloss, ihr zu helfen. Mit einem Blick auf den Mann hinter dem Schreibtisch flüsterte er: »Vielleicht müsste er nur noch einmal darauf hingewiesen werden, wer Sie sind?«

Lady Bowers starrte den Mann an, der sie soeben wie einen Niemand hinausgewunken hatte. »Sie haben Recht!«, erwiderte sie, und ihre Entschlossenheit kehrte zurück. Sie hob den Kopf und straffte die Schultern, um dann wieder auf den Tisch zuzugehen. Dort blickte sie auf den Mann herab, der ganz auf einige Schriftstücke konzentriert zu sein schien.

»Ich bin Lady Morna Bowers«, sagte sie so eindringlich, dass der Mann überrascht aufblickte. »Darf ich Sie um Ihren Namen und Ihren Titel bitten?«

Sekunden lang wirkte der Mann verärgert, doch als Riordan hinter Morna auftauchte, malte sich Verwirrung auf seinen Zügen.

»Ich bin … Kelvin Kendrick, der Geschäftsführer der Galerie, Madam. Ich muss mich wohl für meine Unhöflichkeit entschuldigen … Ich wusste nicht, dass Sie …« Er räusperte sich nervös. Sein Blick ging einige Male zwischen Riordan und ihr hin und her. »Ich habe nicht einen Augenblick lang angenommen …« Sein Gesicht überzog sich mit tiefer Röte. »Bitte vergeben Sie mir meine unentschuldbare Anmaßung!«

Lady Bowers Lebensgeister kehrten zurück. »Wenn Sie die Freundlichkeit hätten, den Besitzer der Galerie zu verständigen, werde ich ihre Unhöflichkeit nicht erwähnen.«

Kelvin Kendricks Miene wirkte absolut ausdruckslos. Er starrte wieder an ihr vorbei. »Ich … ich bin nicht ganz sicher, ob der Besitzer zurzeit … verfügbar ist.«

»Dann versuchen Sie bitte, das herauszufinden. Ich kann hier nicht den ganzen Tag herumstehen!«

»Wenn ich kurz unterbrechen dürfte, Lady Bowers«, meinte Riordan, »würde ich vorschlagen, dass Mr. Kendrick Sie in ein Büro führt, wo Sie in Ruhe auf den Besitzer warten können.«

Sie wandte sich zu ihm um. »Vielen Dank, Riordan! Wie Sie sehen, habe ich die Situation unter Kontrolle.«

Kelvin hatte ihre Worte mitgehört und war so verlegen, dass sein Gesicht fast dunkelrot anlief. Lady Bowers wandte sich ihm wieder zu, während Riordan mit dem Lachen kämpfte. »Wenn Sie ein ruhiges Büro haben, dann führen Sie mich bitte dorthin«, kommandierte sie.

Kelvin zögerte nur einen winzigen Augenblick. »Sehr gern, Madam. Wenn Sie mir bitte folgen würden? Ich werde sehen, ob ich den Besitzer … finden kann.«

»Bitte teilen Sie ihm mit, dass ich über gute Beziehungen zur europäischen Kunstszene verfüge und nicht zögern würde, sie zu nutzen.«

Die Röte in Kelvins Gesicht breitete sich bis zu seinem Hals hin aus.

Morna drehte sich noch einmal zu Riordan um. »Sie können jetzt gehen, Mr. Magee. Ich habe wirklich alles unter Kontrolle.«

»Das sehe ich«, erklärte er. »Auf Wiedersehen, und viel Glück. Ich hoffe, wir begegnen uns bald wieder.«

Sein graublauen Augen zwinkerten amüsiert. »Vielen Dank, dass Sie mich hierher begleitet haben«, sagte sie. Dann nahm sie ihr Gemälde und folgte Kelvin Kendrick den Flur hinunter in ein großzügiges Büro. Er führte sie hinein und ging wieder fort.

Die Einrichtung des Privatbüros war schlicht, aber elegant. Ein antiker Tisch und zwei bequeme Ledersessel waren außer einem schmalen Bücherregal und einer Marmorbüste das einzige Mobiliar. Der Boden war mit geschmackvollen Teppichen ausgelegt, die den Raum gemütlicher wirken ließen. Wertvolle Kunstwerke zierten die Wände, die meisten davon Impressionisten und zu ausgefallen für ihren Geschmack.

In der Ecke hinter der Tür standen einige weitere Bilder, die teilweise mit einem Tuch verhängt waren. Neugierig zog sie das Tuch fort und schaute sich die Gemälde an. Bei den meisten Bildern handelte es sich um Landschaften und Porträtstudien … Plötzlich jedoch hielt Morna inne – und stutzte: Sie starrte auf ein Porträt, das sie selbst an einem Lagerfeuer zeigte, bekleidet mit einer sehr freizügigen ärmellosen Bluse und einem Seidenrock, der die ganze Länge ihrer wohlgeformten Beine sehen ließ. Der Feuerschein ließ ihr kupferfarbenes Haar schimmern und spiegelte sich in ihren großen, goldenen Ohrringen. Das blasse Oliv ihrer Haut schien förmlich zu glühen, und in ihrem Blick stand sehnsuchtsvolles Begehren. Das war eine kurze, sehr glückliche Zeit in ihrem Leben gewesen, doch dann hatte sich alles so schnell verändert …

Morna überlegte, wie das Bild wohl in die Galerie gekommen war. Es war ein Geschenk an ihre Tante gewesen, die geschworen hatte, sich niemals davon zu trennen. Allerdings war diese Tante einige Jahre zuvor angeblich nach Übersee ausgewandert. Ein Geräusch hinter ihr ließ sie zusammenfahren.

»Der Besitzer ist zurzeit nicht zu sprechen«, erklärte Kelvin Kendrick kühl. »Vielleicht kann ich Ihnen helfen?«

Sein Angebot klang gezwungen, aber im Grunde genommen war es ihr so eigentlich lieber, denn sie ahnte instinktiv, dass Kelvin Kendrick leichter zu manipulieren sein würde.

Lady Bowers stellte das eben entdeckte Bild vor die übrigen. »Könnten Sie mir sagen, wie der Galeriebesitzer an dieses Porträt gekommen ist?«, fragte sie, um einen sachlichen Ton bemüht.

Kelvin wirkte überrascht. Er hatte das Bild nie sehr gemocht. »Ich weiß nicht – ich glaube, er hat es in Übersee erstanden, Madam.«

Also musste ihrer Tante etwas zugestoßen sein! Sie beschloss, später noch einmal in die Galerie zu kommen, um mit dem Besitzer zu sprechen.

»Mr …« Kelvin hüstelte statt zu sagen, was er eigentlich hatte sagen wollen. »Entschuldigen Sie. Ich weiß zufällig, dass es nicht zu verkaufen ist«, fuhr er fort. Die Verachtung in seiner Stimme war nicht zu verkennen. »Meiner Meinung nach ist es technisch nicht besonders gut, aber ich glaube, der Besitzer hat persönliche Gründe dafür, das Bild zu behalten. Normalerweise führen wir solche … Arbeiten nicht in der Galerie.«

Sie wusste genau, was er meinte: Das Porträt einer Zigeunerin wurde nicht für würdig befunden, einen Platz in der Harcourt Gallery einzunehmen.

»Aus einem mir unbekannten Grund hat der Besitzer allerdings nach dem Künstler suchen lassen, um mehr von ihm anzukaufen«, fügte Kelvin hinzu.

»Tatsächlich?« Lady Bowers lächelte hocherfreut.

2

Die Dunkelheit brach schon herein, und die Straßenlaternen brannten bereits, als Lady Bowers und Mr. Kendrick ihr Geschäft abgeschlossen hatten. Er geleitete sie zur Tür der Galerie, an der gerade eine Zigeunerfamilie vorüberging.

»Diebisches Gesindel!«, murmelte Kelvin. »Warten Sie am besten hier drinnen, bis die vorbei sind, Lady Bowers, sonst werden Sie am Ende noch um die hübsche Geldbörse erleichtert, die Sie bei sich tragen!«

Morna erkannte die Zigeuner sofort. Rosa und Jasper hatten fünf Kinder zu ernähren. Wie viele andere, litten auch sie unter der allgemeinen Wirtschaftskrise, aber sie waren bemüht, alles zu tun, um irgendwie für die Kleinen zu sorgen.

»Die Zigeuner sind nicht so schlecht, wie die Leute glauben«, hörte sie sich plötzlich sagen. »Sie leben nach ihren eigenen Gesetzen, die vielleicht anders sind als Ihre und meine – aber ich glaube, die meisten von ihnen sind durchaus ehrenwerte Menschen.«

Erstaunt starrte Kelvin sie an. »Aber Sie kennen doch sicher keinen Zigeuner persönlich, Lady Bowers? Ansonsten würden Sie ganz gewiss nicht so großmütig über sie denken.«

»Mein Vater und mein verstorbener Onkel erlaubten den Zigeunern, auf ihrem Land zu lagern. Mein Onkel hatte ein gewisses künstlerisches Talent, und man sagte mir, dass ihm die Zigeunerfrauen Modell gestanden hätten. Da ich seine Werke nie sehen durfte, kann ich nur annehmen, dass die Bilder eher … gewagt gewesen sind.«

Kelvin Kendrick war völlig konsterniert, wie Lady Bowers zufrieden bemerkte. »Der Besitzer der Galerie muss das Gemälde in seinem Büro schon mögen«, fügte sie hinzu, »sonst würde er Sie doch wohl kaum beauftragt haben, andere Werke desselben Künstlers anzukaufen!«

Kelvins abweisender Blick sprach dafür, dass die Vorliebe des Besitzers für das Zigeunerbild ihm vollkommen unverständlich war. Oft schon hatte er seinen Arbeitgeber dazu bewegen wollen, es abzugeben, doch dieser hatte nichts davon hören wollen. Allerdings hatte er das Gemälde auch niemals aufhängen lassen, nicht einmal in seinem Büro. Es war, als hasse er es, könne sich aber trotzdem nicht davon trennen, und dieser Widerspruch verblüffte Kelvin.

»Dann auf Wiedersehen, Mr. Kendrick«, sagte Lady Bowers, als die Zigeunerfamilie vorüber war. »Es ist mir ein Vergnügen gewesen, mit Ihnen Geschäfte zu machen.« Diese Bemerkung war eine glatte Lüge. Ihre Dankbarkeit hatte nichts mit dem unfreundlichen Geschäftsführer zu tun, sondern entsprang einzig ihrer Zufriedenheit über das erfolgreiche Täuschungsmanöver.

Dass Kelvin Kendrick bereit gewesen war, so viel Geld für ein Bild zu bezahlen, dass ihm nicht gefiel und dem er jeden technischen Vorzug absprach, verwirrte sie, doch sie beschloss, nicht länger über den Grund für sein Handeln – oder ihr Glück – nachzugrübeln. Sie würde es eben einfach als lange überfällige Wiedergutmachung des Schicksals sehen!

Nachdem sie die Galerie verlassen hatte, wandte sich Lady Bowers ab und eilte die Straße hinunter. »Engstirniger kleiner Mann«, murmelte sie ärgerlich.

»So unzufrieden, Lady Bowers?«

Morna fuhr herum, überrascht, Riordan Magee hinter sich zu sehen.

»Konnten Sie Ihr Geschäft nicht zu Ihrer Zufriedenheit beenden?«, fragte er scheinheilig.

»Im Gegenteil – es ist sehr gut verlaufen. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden …!« Sie wandte sich zum Gehen.

Es gab eine ganze Menge Dinge, die Riordan an dieser Lady Bowers faszinierten, doch im Augenblick interessierte ihn vor allem das Bild, das sie in der Galerie verkauft hatte. »Das freut mich für Sie«, fuhr er beharrlich fort »aber dafür, dass Sie so viel Glück hatten, wirken Sie reichlich verärgert. Stimmt irgendetwas nicht?«

Morna blieb stehen, wandte sich um und sah ihm gerade in die Augen. »Ich hasse jede Form von Engstirnigkeit«, stieß sie wütend hervor, um dann hastig zu verstummen. Was tat sie eigentlich? Wollte sie unbedingt seinen Verdacht erregen?

Riordan hatte den Eingang der Galerie beobachtet, als die Zigeuner daran vorbeigelaufen waren, und den Ausdruck der Verachtung auf Kelvins Gesicht gesehen, als dieser Morna zurückhielt.

»Wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen …« Wieder wandte sie sich ab, doch sie spürte den Druck seiner Hand auf ihrem Arm.

»Darf ich Sie mitnehmen, Lady Bowers? Ihre Kutsche scheint Sie im Stich gelassen zu haben, und um diese Zeit weiß man nie, wer sich auf den Straßen herumtreibt!«

Lady Bowers’ Ungeduld wuchs, doch plötzlich sah sie einen Constable, der auf sie zukam. Ihre Augen weiteten sich vor Schrecken, als sie gleich hinter dem Polizisten Jake entdeckte. Er war der Anführer der Zigeunergruppe, die am Ufer des Liffey lagerte. Ihr waren Gerüchte zu Ohren gekommen, ihr Ehemann schulde Jake Geld, und ihr war klar, dass er nicht ruhen würde, bis er alles bekommen hatte, was sie besaß. Wenn er sie nun mit einem wohlhabenden Gentleman sprechen sah – oder Wind vom Verkauf des Bildes bekam!

»Vielleicht haben Sie Recht«, sagte sie deshalb. »Wo ist Ihre Kutsche?«

Riordan Magee deutete auf einen Ford Modell T, der ein paar Schritte vor ihnen am Straßenrand stand. Morna bekam große Augen. Sie hatte noch niemals in irgendeinem Fahrzeug gesessen, das mit diesem luxuriösen Wagen vergleichbar gewesen wäre. Trotz ihrer Ungeduld fühlte sie sich plötzlich von fast kindlicher Vorfreude erfüllt. Eilig lief sie zur Wagentür und rief dem Fahrer bereits durch das offene Fenster hindurch zu: »Zum Merrion Square, bitte!«

Während Riordan ihr folgte, bemerkte er den Constable und lächelte in sich hinein. Diese Lady Bowers war wirklich eine ungewöhnlich interessante Frau! Plötzlich wurde ihm bewusst, dass es viele Jahre her sein musste, seit er von einem weiblichen Wesen so angetan gewesen war.

Als der Wagen sich in den Verkehr einreihte, bat Riordan: »Würden Sie mir jetzt, wo wir unter uns sind, Ihren richtigen Namen verraten?«

Sie hatte nicht erwartet, dass er sie so unverblümt darauf ansprechen würde. »Ich verstehe nicht ganz«, erwiderte sie in der Hoffnung, Zeit zu gewinnen. »Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen, und außerdem sind wir nicht ganz allein!« Sie warf einen viel sagenden Blick auf seinen Fahrer.

»Sykes ist überaus diskret. Ich versichere Ihnen, Sie können offen sprechen.« Als sie nicht antwortete, fuhr er fort: »Sie können Ihre Verkleidung fallen lassen, denn wie auch immer Ihr Name lautet, Morna Bowers ist es auf keinen Fall. Ich kenne zufällig die echte Lady Bowers, und wenn sie auch ein sehr liebenswerter Mensch ist, so lässt sich ihre Größe allenfalls mit dem Attribut ›winzig‹ beschreiben, und dabei ist sie von beträchtlichem Umfang.«

Obwohl es sie verlegen machte, ertappt worden zu sein, musste sie beinahe lächeln. Riordan war offensichtlich zu sehr Gentleman, um Morna Bowers klein und dick zu nennen!

»Diese Beschreibung passt nun wirklich nicht auf Sie«, sagte er. »Ich würde Sie eher als schlank und wohlgeformt bezeichnen.«

Einen Augenblick lang fühlte sie sich geschmeichelt. Ihre Vorsicht schwand dahin, vor allem, weil sein Blick eher amüsiert als ärgerlich wirkte. Doch sie beschloss, zumindest so lange wachsam zu bleiben, bis sie herausgefunden hatte, was er von ihr wollte.

»Mornas Mann, der übrigens weder ein Spieler noch ein Don Juan war, ist vor vielen Jahren gestorben, und zwar auf sehr dramatische Art: Sie befanden sich auf ihrer Silberhochzeitsreise, als er vor der Küste Südafrikas vom Deck eines Kreuzfahrtschiffs ins Meer fiel. Ich nehme an, sein Herz hat versagt.« Seine Lippen formten sich zu einem leichten Lächeln. »Meins würde dasselbe tun, wenn ich einen Hai auf mich zuschwimmen sähe! Ich habe den Eindruck, dass Lord Bowers Morna in sehr guten Verhältnissen zurückließ. Wussten Sie, dass sie auf dem Kontinent lebt?«

Als seine Frage ignoriert wurde, fuhr er ungerührt fort: »Angeblich hat sie sich unsterblich in einen wohlhabenden Grafen verliebt. Ich mache mir sogar Hoffnungen, zu den Hochzeitsfeierlichkeiten eingeladen zu werden!«

»Ihre gesellschaftlichen Perspektiven interessieren mich nicht, Mr. Magee. Bitte, kommen Sie zur Sache und sagen Sie mir, weshalb Sie auf mich gewartet haben – denn jetzt bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass meine Sicherheit das Letzte ist, was Sie interessiert!« Sie warf einen Blick aus dem Fenster. Vom Liffey stieg Nebel auf und hüllte die Straßen ein, sodass Morna kaum erkennen konnte, wo sie sich gerade befanden. Sobald der Wagen den Merrion Square erreichte, wollte sie sich davonmachen.

»Werden Sie mir denn sagen, aus welchem Grund Sie sich für Morna Bowers ausgeben? Man könnte Sie immerhin sogar deswegen verhaften!«

»Ich habe kein Verbrechen begangen – aber falls Sie die Absicht haben, mich der Polizei zu übergeben, werde ich behaupten, Sie seien mein Komplize. Der Geschäftsführer der Galerie ist mein Zeuge.«

Riordan lächelte. Wenn sie nur wüsste!, dachte er. »Wenn Sie wirklich so unschuldig sind, warum wollten Sie dann dem Constable auf der Straße vor der Galerie aus dem Weg gehen?«

Jetzt wirkte sie doch ein wenig verunsichert. »Ich kann Ihnen versichern, dass ich keinem Constable aus dem Weg gegangen bin. Sie hatten mir angeboten, mich mitzunehmen, und ich habe dummerweise angenommen, weil die Straßen um diese Zeit, wie Sie schon sagten, wirklich von unangenehmen Subjekten bevölkert sind. Ich spreche zum Beispiel von diesem grobschlächtigen Kerl, der vor der Galerie auf uns zukam.«

Riordan erinnerte sich, einen Mann von unangenehmem Äußeren gesehen zu haben, der hinter dem Constable gegangen war. Ein Zigeuner! Jetzt begriff er: Der Zigeuner hätte die Maskerade der angeblichen Lady Bowers vielleicht auffliegen lassen können, weil er sie wahrscheinlich kannte!

»Sie haben mein Wort als Gentleman, dass ich nicht beabsichtige, Sie in Schwierigkeiten zu bringen. Ich bin einfach ungemein neugierig. Eine schöne Frau und ein großes Geheimnis bilden für mich eine unwiderstehliche Kombination.« Wieder glitzerte Mutwillen in seinem Blick, der Morna seinen Spaß an der ganzen Sache verriet. Und doch fühlte sie instinktiv, dass sie ihm trauen konnte – zumindest bis zu einem gewissen Grad.

»Ich muss Sie ja für einen Schuft halten, Mr. Magee! Würden Sie mir sagen, wovon Sie leben?«

Riordan setzte eine gekränkte Miene auf, während er fieberhaft nach einer Formulierung suchte, die ihr nicht zu viel über ihn verriet. Er amüsierte sich zu gut, um ihr jetzt die Wahrheit zu sagen. »Ach, ich kaufe und verkaufe … wertvolle Dinge«, meinte er unbestimmt. »Und ich glaube nicht, dass mich das schon zu einem Schurken macht. Ich selbst sehe mich eher als so etwas wie einen Opportunisten.«

»Dann muss man als Opportunist gut verdienen: Ihr Mantel ist aus sehr feinem Stoff, Ihre Taschentücher tragen Ihr Monogramm und dieses Automobil muss Sie ein Vermögen gekostet haben. Wenn ich mich nicht irre, gibt es in Dublin nicht sehr viele davon, besonders seit Beginn der Depression!« Ihr Scharfsinn überraschte Riordan. »Die meisten Menschen haben nicht einmal genug zu essen, Sie dagegen scheinen überhaupt keine Probleme zu kennen«, fuhr sie fort.

»Ich komme aus einer wohlhabenden Familie«, räumte er ein, auch wenn er mit seiner Familie im Moment kaum Kontakt hatte.

»Ihr Geld wäre an anderer Stelle sicher besser angelegt, aber ich bin erleichtert, dass Sie sich nicht in einer Notlage befinden, Mr. Magee. Wenn Sie mir nämlich aufgelauert hätten, um mich um Geld zu bitten … ich hätte Ihnen nicht einen Penny meines Erlöses gegeben.«

Fast hätte er laut gelacht. »Ich will Sie nicht kränken, Madam, aber ich kann Ihnen versichern, dass ich Ihr Geld nicht benötige. Ich will nur die Geschichte, die hinter ihrer Verkleidung steckt. Ich habe den Eindruck, dass sie sehr unterhaltsam sein muss, und bei meinem eintönigen Leben wäre ich für etwas Spannung und Aufregung sehr dankbar.«

Morna hob ihre dunklen, schön geschwungenen Augenbrauen und überlegte sichtlich, warum sein Leben eintönig sein sollte.

»Bitte, sagen Sie mir doch, wie kann der Verkauf dieses einen Bildes Ihr Leben verändern?«, bat er.

Morna hob den Kopf und starrte aus dem Fenster, innerlich betend, dass sie bald am Merrion Square sein würden. »Ich sehe keinen Grund dafür, Ihnen überhaupt irgendetwas zu erzählen!«

»In diesem Fall werde ich Ihnen sagen, was ich zu wissen glaube.« Riordan hatte in Gedanken alles zu einem Ganzen zusammengefügt. Seine Beobachtungen ebenso wie das, was sie ihm erzählt hatte, und seine Vermutungen über das, was sie ihm verschwieg.

»Ihre Haut ist nicht so makellos weiß wie die von bestimmten Ladys, die sich zum Teetrinken und Bridgespielen in ihren Häusern verstecken; deshalb nehme ich an, dass Sie viel Zeit im Freien verbringen. Das wiederum führt mich zu dem Schluss, dass Sie Ihre Handschuhe nicht ausziehen, weil Ihre Hände nicht so zart sind wie die einer Lady, deren Haut regelmäßig gepflegt wird. Wie mache ich mich bisher?«

Ihr Tonfall verriet ihr Erstaunen, als sie antwortete: »Fahren Sie fort, Mr. Magee!« Trotzdem glaubte sie fest daran, dass er die Wahrheit niemals erraten würde.

»Sie können fluchen wie ein Mann, obwohl auch irgendetwas Vornehmes in ihrem Benehmen ist. Ich glaube … Sie haben bei den Zigeunern gelebt. Vielleicht sind Sie als Kind aus ihrem Wagen geraubt worden?«

Morna war jetzt ehrlich beeindruckt. »Sehr scharfsinnig, Mr. Magee. Ich stamme wirklich aus einer vornehmen Familie«, erklärte sie. »Und ich habe tatsächlich mit den Zigeunern gelebt. Aber es stimmt nicht, dass sie Kinder rauben – davon haben sie selbst genug!« Diese Worte erinnerten sie daran, dass nicht einmal die Zaubertränke und Sprüche der fahrenden Leute ihr hatten helfen können, ein Kind zu empfangen. »Nein, ich bin als junges Mädchen mit den Zigeunern fortgelaufen.« Sie hatte keine andere Möglichkeit gesehen, doch sie wollte jetzt nicht über ihre Gründe sprechen. »Ich hatte mich in einen ihrer Männer verliebt«, sagte sie mit einer Spur von Traurigkeit in der Stimme. Es hatte ein ganzes Jahr gedauert, bevor sie vor sich selbst zugegeben hatte, dass sie Garvie Flynn liebte, auch wenn es nicht die leidenschaftliche Liebe gewesen war, von der sie immer geträumt hatte. Und erst nach einem weiteren Jahr hatte sie zugestimmt, ihn zu heiraten, nachdem eine der Zigeunerinnen sie davon überzeugen konnte, dass kein anderer Mann sie nehmen würde. Morna erwartete Hass oder Abneigung in Riordans Miene zu lesen, doch stattdessen wirkte er nur ehrlich erschrocken.

In Gedanken war er plötzlich wieder in jener Nacht, die viele Jahre zurücklag und in der er sein Leben riskiert hatte, um eine junge Frau zu finden, die von den Zigeunern entführt worden war.

Er hatte sie tatsächlich gefunden und dann feststellen müssen, dass sie sich überhaupt nicht in Gefahr befand. Sie war nicht einmal gefangen gehalten worden, sondern hatte im Gegenteil eher selbst die Zigeuner durch ihre Reize gefesselt.

»Wusste Ihre Familie, dass Sie mit dem fahrenden Volk gegangen waren?«, fragte er.

»Ich … bin sicher, dass sie es wussten. Ich habe sie seit damals nicht mehr gesehen, und das ist viele Jahre her.«

»Ihr Fortgehen hat sie gewiss sehr geschmerzt«, erwiderte Riordan, und seine Gesichtsausdruck wurde härter. Er kannte diesen Mark zerfressenden Schmerz nur zu gut und hatte Jahre gebraucht, um darüber hinwegzukommen.

Morna wandte sich ab und starrte wieder aus dem Fester. »Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich dieses Thema jetzt gern beenden.«

»Wie Sie wünschen.« Erleichtert wandte Riordan seine Aufmerksamkeit wieder dem Geheimnis zu, das diese aufregende Dame umgab. »Und woher haben Sie nun dieses Bild, Zigeunerlady? Ist es gestohlen?«

Sie fuhr ärgerlich auf: »Warum glauben Sie, dass ich eine Diebin bin? Nur weil ich das Leben einer Zigeunerin geführt habe?«

»Beruhigen Sie sich, Zigeunerlady! Ich habe doch gar nicht behauptet, dass Sie das Bild gestohlen hätten!«

»Das habe ich auch nicht, ebenso wenig wie irgendjemand anders. Und nennen Sie mich nicht immer ›Zigeunerlady‹!«, zischte sie ihn an.

Riordan wirkte verblüfft über ihren hitzigen Ton. »Es tut mir Leid. Ich wollte keinesfalls andeuten, dass Sie eine Diebin seien. Ich kann Sie mir nur sehr schwer als Künstlerin vorstellen, aber vielleicht irre ich mich auch. Bisher haben Sie schon viele verschiedene Talente bewiesen – sind Sie vielleicht auch die Malerin des Bildes, das Sie in der Galerie verkauft haben?«

Ihr Zorn fiel rasch in sich zusammen. Riordan besaß so angenehm höfliche Umgangsformen! »Nein. Ich war das Modell.« Sie sah die Betroffenheit in seinem gut geschnittenen Gesicht und fand es schwer zu verstehen, dass er bei der Vorstellung, sie habe einem Künstler Modell gestanden, so erschrocken war.

»Glauben Sie mir etwa nicht?«, fragte sie.

Er antwortete nicht; seine Gedanken zogen ihn mit unwiderstehlicher Macht in die Vergangenheit …

»Das Gemälde, das ich heute Abend verkauft habe, ist sehr gut«, sagte sie leise. »Der Besitzer der Galerie hat ein ganz ähnliches Bild in seinem Büro.« Es tat ihr gut, ihm das zu sagen. »Er hat anscheinend schon lange nach anderen Werken desselben Künstlers gesucht. Das war für mich sehr günstig.« Sie hatte es nicht einmal nötig gehabt, die trauernde Witwe zu spielen – es war alles überraschend leicht gegangen.

Riordan starrte sie ungläubig an und beugte sich leicht vor. Sein Herz hämmerte so heftig gegen seine Rippen, dass er kaum sprechen konnte. Er musste ganz sichergehen, dass er sie richtig verstanden hatte.

»Wollen Sie behaupten … es gäbe ein Bild von Ihnen in der Harcourt Gallery, im Privatbüro des Besitzers?«

»Schauen Sie mich nicht so erstaunt an!«, erwiderte sie, zutiefst gekränkt durch seine offensichtlichen Zweifel.

»Merrion Square, Sir!«, rief der Fahrer in diesem Moment, und nach einer Fehlzündung, die sie beide zusammenzucken ließ, blieb der Wagen abrupt stehen.

Bevor Riordan noch ein weiteres Wort herausbrachte, war sie ausgestiegen. Völlig verwirrt rief er ihr nach: »Warten Sie doch!« Ihm wurde klar, dass er keine Ahnung hatte, wie er sie erreichen konnte. Sie eilte in Richtung des St.-Stephen’s-Green-Parks, wo sie ihr Pferd angebunden hatte.

»Tara!«, rief Riordan, der inzwischen ebenfalls ausgestiegen war, und hob den Schleier auf, den sie verloren hatte. Es kam keine Antwort. Sie war im nebligen Dunkel der Nacht verschwunden.

Er starrte ihr nach, ohne recht zu begreifen, was soeben geschehen war. Die ganze Zeit über war er in Gesellschaft ebenjener Frau gewesen, die seine Träume beherrschte. Jene Frau, die ihn seinem Gefühl nach betrogen hatte, und er hatte es nicht einmal geahnt!

»Was hat sie sich nur dabei gedacht, einfach so durch den Park davonzurennen? Alle möglichen Personen treiben sich dort herum, und erst letzte Woche ist eine Frau ermordet worden … Das ist kein Ort für eine Lady!«

»Soll ich eine Lampe anzünden, Sir?«, fragte der Fahrer.

»Es hat keinen Sinn, Sykes. Sie ist längst fort, und wir würden sie ohnehin nicht mehr finden. Ich habe das Gefühl, sie kennt sich im Park sehr viel besser aus als wir.«

Er hielt ihren Schleier in den Lichtstrahl der Frontscheinwerfer seines Wagens. Sichtlich befremdet, beobachtet Sykes, wie Riordan einige lange, rötliche Haarsträhnen von dem Tüll zupfte und diese dann eingehend betrachtete.

»Sie ist wirklich Tara Killain! Nach all dieser Zeit muss sie förmlich wieder in mein Leben stolpern!« Riordan lächelte wehmütig, als ihm die Ironie der ganzen Sache aufging: Die einzige Frau, die ihn seit dem Zusammentreffen mit Tara, der Zigeunerin, vor so vielen Jahren hatte fesseln können, war ebendiese Frau: Tara Killain!

3

Der Himmel war an diesem frühen Morgen bleigrau, und ein Grollen aus schweren, dunkeln Wolken kündete ein Gewitter an, als Tara leise das Zigeunerlager am Ufer des Liffey verließ.

Das Lager war noch nicht zum Leben erwacht, doch in der frischen Morgenluft nahm Tara all jene Gerüche wahr, die ihr mittlerweile so vertraut geworden waren: den warmen Dampf der Pferdeleiber, frisches Heu und Lederseife, die Überreste der Fleischspieße, abgestandener Wein und nicht zuletzt der betörende Duft der Öle, mit denen die Zigeunerinnen ihre Körper einrieben.

Auf dem Weg zu ihrem Ziel, dem Mountjoy-Gefängnis, war Tara von einer seltsamen Vorahnung erfüllt. Alles, was ihr während der vergangenen Jahre so vertraut geworden war, würde für sie bald Vergangenheit sein. Obwohl ihr das Herz bei dem Gedanken daran schwer wurde und sie versucht hatte, das Unvermeidliche zu verdrängen, wusste sie doch, es war an der Zeit, weiterzuziehen.

Während der letzten beiden Wochen zuvor hatte sie unter den Zigeunern eine wachsende Spannung gespürt. Viele, besonders die Männer, verhielten sich ihr gegenüber plötzlich kühler, und sie hatte schon des Öfteren feindselige Blicke bemerkt und gesehen, dass hinter ihrem Rücken über sie getuschelt wurde. Auch die Frauen, mit denen sie normalerweise recht gut auskam, waren ihr gegenüber plötzlich verschlossen und hielten Abstand.

Tara war sich immer bewusst gewesen, dass der Zusammenhalt der Zigeuner untereinander unverbrüchlich war. Trotz ihrer Heirat mit Garvie Flynn hatten sie sie nur allzu deutlich spüren lassen, dass sie nicht von ihrem Blut war. Aber am meisten störte die Gruppe, vor allem in solch harten Zeiten wie dieser, dass sie ihnen kein Geld einbrachte.

Jetzt, wo Garvie wieder einmal im Gefängnis saß, war Tara für die anderen zu einer Last geworden. Und genau das war der Grund dafür, dass es sie forttrieb. Jake, der die Sippe anführte, seit Rory krank war, hatte Zwietracht gesät. Rory war älter und weiser, und bei ihm konnte man sich immer darauf verlassen, dass er in Entscheidungen, die die Gruppe betrafen, Gerechtigkeit walten ließ. Jake dagegen war anders: körperlich sehr stark und ebenso stur. In Rorys Abwesenheit wagte ihm niemand die Stirn zu bieten.

Am vorangegangenen Abend, als alle anderen schon geschlafen hatten, hatte Jake Tara vor ihrem Wohnwagen abgefangen. Sie glaubte, dass er sie beobachtet und dort erwartet hatte. Sie hegte sogar den Verdacht, dass er sie in der Grafton Street erkannt hatte. Die bloße Erinnerung an die Begegnung ließ sie erschaudern.

Auf dem Weg in die Stadt dachte sie noch einmal über das Gespräch mit ihm nach. Jake hatte sie in der Dunkelheit zu Tode erschreckt, als sie gerade einen Eimer neben ihrem Wohnwagen ausleerte.

»Dein Mann steht in meiner Schuld, und ich will mein Geld«, hatte er aus dem Dunkel heraus plötzlich gesagt. Tara hatte sich ihren Schrecken nicht anmerken lassen. Sie hatte sich langsam aufgerichtet und ihm so ruhig wie möglich entgegnet: »Er hat dir schon öfter Geld geschuldet. Du weißt, dass du es bekommst.«

Jake hatte einen Schritt auf sie zu getan und war aus dem Dunkel zu ihr ins Mondlicht getreten. Seine dunklen Augen waren schmal geworden, und er hatte seinen Blick langsam an ihrem Körper hinunterwandern lassen. Sie hatte die Art, wie er sie anstarrte, immer gehasst. Es war der gleiche Blick, mit dem man auf einem Viehmarkt Pferde taxierte, so taktlos und erniedrigend, dass er ihr eine Gänsehaut verursachte.

Die Tatsache, dass Garvie Jake angeblich Geld schuldete, war keine Überraschung für sie. Es hatte im Lager Gerüchte darüber gegeben, und ihr Mann hatte schon öfter etwas von Jake geliehen. Doch Tara fragte sich, warum Jake diesmal nicht warten konnte, bis Garvie zurückkam, wie er es sonst tat. Sie spürte seine fast mit Händen zu greifende Ungeduld, und das beunruhigte sie. Schließlich zahlte ihr Mann seine Schulden immer zurück, sobald er aus dem Gefängnis heraus war und Arbeit gefunden hatte – warum sollte das dieses Mal anders sein?

»Du kannst nächste Woche auf dem Pferdemarkt in Cork für mich tanzen«, schlug Jake in kühlem Ton vor. »Und auf allen anderen Märkten auch, bis die Schuld bezahlt ist.«

Seine Arroganz machte Tara zornig. Sie spürte, dass er die Gelegenheit nutzen wollte, Macht über sie zu gewinnen, etwas, was sie niemals zulassen würde. »Ich tanze nicht für Geld«, gab sie entschlossen zurück. »Und ich werde Dublin nicht verlassen, bevor Garvie nicht wieder frei ist.«

Jake wandte sich für einen Augenblick ab, die Kiefer fest aufeinander gepresst, als grüble er über etwas nach. Als er sie wieder ansah, war er sehr wütend. »Du wirst mich irgendwie bezahlen, Mädchen. Ich schlage vor, du überlegst dir, wie, bevor ich es tue!«

Die Bedeutung seiner kaum verhüllten Drohung erschreckte sie zutiefst. Sie hatte gehört, dass Frauen manchmal auf Pferdemärkten verkauft wurden, und sie traute Jake alles zu. Sie hatte ihn niemals gemocht, denn er und seinesgleichen trugen die Schuld am schlechten Ruf der Zigeuner. Jake streckte die Hand aus, und Tara spürte, wie ihr Körper sich versteifte, obwohl sie sich geschworen hatte, keine Angst zu zeigen. Sie trug noch immer das Witwenkleid, und er berührte den winzigen, cremefarbenen Knopf gleich unterhalb ihrer Kehle und ließ seinen Blick dann abwärts wandern, an der Reihe der Knöpfe entlang zwischen ihre Brüste.

»Ich habe dich vorhin in diesen teuren Wagen steigen sehen«, sagte er, während sein Finger zum nächsten Knopf wanderte und dann zum übernächsten. Er war ihr so nah, dass Tara seinen warmen, alkoholgetränkten Atem an ihrer Wange fühlen konnte.

Sie erstarrte, doch es gelang ihr, die aufsteigende Panik hinter einer unbewegten Miene zu verbergen. Und es war ihre äußerliche Ruhe, die Jake am meisten reizte. So sehr er sie auch zu erschüttern suchte, es gelang ihm nicht. Mit dem Zeigefinger folgte er weiter der Knopfreihe. »Ist der Besitzer des Wagens dein reicher Liebhaber?«

»Natürlich nicht!« Tara fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg. Jake nahm ihr Erröten als Beweis ihrer Schuld, und seine Augen wurden schmal vor Eifersucht. Viele schlaflose Nächte lang hatte er sich unruhig herumgeworfen und sich vorgestellt, wie es sein mochte, sie leidenschaftlich zu lieben.

Tara, der seine Nähe und seine vertraulichen Berührungen unerträglich wurden, stieß seine Hand von sich, blieb aber ruhig stehen, als er den Kopf hob. Sein Blick traf den ihren, in dem offene Rebellion stand.

»Warum solltest du in seinen Wagen steigen, wenn er nicht dein Liebhaber ist?«

»Das geht dich nichts an.«

»Hast du etwas zu verbergen?«

»Du bist nicht mein Ehemann, ich schulde dir keine Erklärung.«

So in seine Grenzen gewiesen, zog sich Jake zurück. »Aber ich will mein Geld«, stieß er zwischen den Zähnen hervor, »also siehst du besser zu, dass du es beschaffst. Mir ist egal, wie du es machst oder mit wie vielen Männern du ins Bett gehst, während dein Mann im Gefängnis sitzt. Besorg mir einfach nur das Geld!«

Als er davonschlenderte, zitterte Tara vor Wut. Niemals würde sie Jake das Geld vom Erlös des Bildes geben, denn obwohl Garvie oft Schulden machte, hatte sie nur Jakes Wort dafür, dass es diesmal wieder so war. Und ihr galt Jakes Wort ungefähr so viel wie der Flussschlamm unter ihren Füßen.

Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte Tara das Gefühl, sie müsse augenblicklich Pläne für ihre weitere Zukunft machen. Sie wollte aus dem Lager fort, weil sie ahnte, dass die Zigeuner ihr keine Wahl lassen würden. Zumindest hatte sie jetzt die Mittel, sich ein billiges Cottage zu kaufen und damit ein Dach über dem Kopf. Ein kleines Häuschen am Meer, so windschief es auch sein mochte, war immer ihr stiller Traum gewesen. Sie hatte vorgehabt, die Entlassung ihres Mannes aus dem Gefängnis abzuwarten und dann ein Heim für sie beide zu schaffen, doch war sie sich inzwischen nicht mehr sicher, ob es das war, was sie wirklich wollte.

Wenn sie sich ihre Zukunft mit Garvie vorstellte, sah sie sich immer allein und darauf wartend, dass er aus dem Gefängnis entlassen würde. Und obwohl sie nicht genau wusste, was sie mit ihrem Leben anfangen wollte, war ihr doch klar, dass sie mehr von einer Beziehung erwartete. Sie wollte und brauchte einen starken Partner, jemanden, auf den sie sich verlassen konnte. Wenn sie einen solchen Mann nicht fand, wollte sie lieber allein bleiben.

Als Tara sich den Außenbezirken von Dublin näherte, ließ sie ihr müdes, altes Pferd im Schritt weitergehen und dachte an ihren bevorstehenden Besuch bei Garvie. Es war noch immer früher Morgen, Taras bevorzugte Tageszeit, denn dann hatte sie das Gefühl, mit der Welt und ihren Gedanken allein zu sein. Sie grübelte eben über verschiedene Möglichkeiten nach, Garvie gegenüber, das Thema Jake anzuschneiden, als ihr ein Rauchschleier auffiel, der zwischen einigen Baumwipfeln in der Nähe aufstieg. Neugierig lenkte sie ihr Pferd von der Straße und auf die Baumgruppe zu. Hinter Brombeerranken erspähte sie das Heck eines Wohnwagens. An den aufgemalten Tieren sowie Mond und Sternen erkannte sie den Wagen, der Eloisa gehörte. Die alte Frau, von den Zigeunern ausgestoßen, galt allgemein als ziemlich verrückt. Viele fürchteten sie wegen ihres seltsamen Verhaltens und mieden sie, wodurch sie gezwungen war, das Leben einer Einsiedlerin zu führen.

Tara hatte sie immer Leid getan. Es ging das Gerücht, Eloisa sei von einer Hexe verzaubert worden, weil sie einer Tochter aus reichem Haus einen Trank gegen morgendliche Übelkeit verabreicht habe. Der Trank hatte eine Fehlgeburt ausgelöst und das Mädchen umgebracht.

Obwohl die Schwangere in Wirklichkeit gegen Holunder allergisch gewesen war, hatten die abergläubischen Zigeuner Eloisa von da an für alles Übel verantwortlich gemacht, das sie befiel. Sogar die Siedler fürchteten sie – doch nicht so Tara.

Wann immer sie allein war und die Ausgestoßene traf, hielt sie an, um mit ihr zu sprechen. An diesem Tag jedoch fühlte sie sich irgendwie befangen, und beim Absteigen wurde ihr plötzlich klar, dass sie sich vielleicht bald in derselben Rolle wieder finden würde wie Eloisa: von den Zigeunern ausgestoßen.

Die alte Frau trug ein helles Kopftuch, unter dem einige ihrer grauen Haarsträhnen und riesige Ohrringe hervorlugten. Sie war in ein dickes Tuch gewickelt und saß zusammengesunken am Feuer, einen Becher Tee in der Hand. Ihre Fingernägel waren einige Zentimeter lang und in der Farbe getrockneten Blutes lackiert. Auf dem Zinnbecher wirkten sie wie Klauen eines Adlers. Tief in Gedanken versunken klopfte sie mit einem ihrer vielen Ringe rhythmisch gegen das Metall des Trinkgefäßes. Während sie abwesend in die Flammen starrte, schien sie Tara überhaupt nicht zu bemerken. Über dem Feuer hing ein gusseiserner Topf mit Weizenbrei, dessen Duft Taras Hunger weckte.

»Hallo, Eloisa!«, sagte Tara leise. Zuerst glaubte sie, die alte Frau habe sie gar nicht gehört, doch dann wandte diese langsam den Kopf, ihre Augen weiteten sich und sie zuckte erschrocken zusammen.

»Ich bin es nur, Eloisa«, rief die Jüngere. »Tara Flynn. Wir haben uns schon öfter unterhalten …«

Die alte Frau ließ ihren Becher fallen, dessen Inhalt sich in die Flammen ergoss. Mühsam erhob sie sich mithilfe eines knorrigen Stocks. Sie schien auf etwas über Taras Kopf zu starren, dann fuhr sie mit der freien Hand auf deren Gesicht zu und murmelte etwas Unverständliches.

Tara wich vor ihren klauenartigen Nägeln zurück. »Eloisa!«

Plötzlich hielt die alte Frau inne, blickte Tara in die Augen, und ihr Arm fiel schwer herab. Ihre Krallen fuhren ziellos durch die Luft. »Du siehst es, nicht wahr? Du siehst, was niemand anders sehen kann!«

Tara schüttelte den Kopf.

Die alte Frau wandte sich um und ging zurück zum Feuer, wo sie sich wieder niederließ. Die Jüngere blieb stehen und starrte sie verwirrt an. Die unterschiedlichsten Gedanken schossen ihr durch den Kopf, und sie kam zu dem Schluss, dass die alte Frau bei ihrem Eintreffen über irgendetwas nachgedacht haben musste und nun verwirrt war.

Eloisa goss heißen, angenehm duftenden Tee in einen Becher und wandte sich ihr zu. »Willst du mit mir frühstücken?«

Tara fühlte sich noch immer ein wenig zittrig, doch sie antwortete: »Ja, gern, danke.«

»Wohin bist du unterwegs?«, fragte Eloisa plötzlich ganz vernünftig. Mit einem Löffel füllte sie den dickflüssigen Weizenbrei in eine Schale, um dann etwas darüber zu streuen, was aussah wie Teile von Fingernägeln, und einen Schuss Milch hinzuzugeben.

»Ich will meinen Mann besuchen«, gab Tara zurück. Plötzlich war ihr jeder Appetit vergangen.

Eloisa blickte sie an. »Ist er im ›Mount‹?«

Unsicher, was sie antworten sollte, und überrascht, dass Eloisa Garvies Aufenthaltsort kannte, nickte Tara. Die alte Frau hielt den eindringlichen Blick ihrer dunklen Augen auch weiterhin auf Tara gerichtet. Ihre Nase war schmal und gebogen, was ihr das Aussehen eines Raubvogels verlieh. »Dich bedrückt etwas!«, stellte sie fest.

Wieder nickte Tara. »Aber ich komme schon damit zurecht.«

»Das wirst du auch – und du weißt es, oder? Du weißt, was kommt?«

Tara sah Eloisa erschrocken an, bevor sie sagte: »Ja, du hast Recht. Die Zigeuner werden mich auffordern, die Gruppe zu verlassen.« Sie war erleichtert, endlich mit jemandem darüber reden zu können, jemandem, der sie verstehen würde. »Ich habe keine Ahnung, was ich tun werde.«

»Sie fürchten dich«, murmelte Eloisa.

»Nein«, gab Tara zurück.

»Oh doch, das tun sie!«

»Und warum?«

»Du bist eine Seherin – eine von den Auserwählten. Aber die Zigeuner haben Angst vor deinen roten Haaren – sie gelten als böses Omen.«

Tara war zutiefst verwirrt. So etwas hatte sie nie zuvor gehört, und sie lebte immerhin seit elf Jahren mit den Zigeunern. Ganz sicher spann sich Eloisa da etwas zusammen!

»Sie mögen mich nicht, weil ich keine von ihnen bin – kein Zigeunerblut in den Adern habe«, erwiderte sie, bemüht, Eloisa zu überzeugen.

Die alte Frau beugte sich zu ihr vor, und Tara spürte den Geruch von Knoblauch und Kräutern in ihrem Atem. »Und ob du Zigeunerblut in dir hast, meine Liebe – edles Zigeunerblut!«

Wieder fühlte sich Tara vollkommen verwirrt. Die alte Frau konnte wirklich nicht ganz bei Sinnen sein. »Nein, Eloisa – ich bin eine Killain. Mein Vater ist ein wohlhabender Landbesitzer!«

»Du hast Zigeunerblut in dir, mein Mädchen. Daher hast du auch deine seherische Gabe. Bevor du heute kamst, hatte ich eine Vision, und als ich aufblickte, habe ich um deinen Kopf eine Aura gesehen. Also warst du die Person in meiner Vision.«

Tara sprang hastig auf und warf dabei ihre Schale mit dem Weizenbrei um. »Ich muss gehen«, erklärte sie und eilte auch schon zu ihrem Pferd hinüber, um aufzusteigen. Das Herz hämmerte ihr wie wild gegen die Rippen, doch das lag nicht nur an dem, was Eloisa ihr gesagt hatte: Es war für sie wie ein Zwang gewesen, hierher zu kommen – sie hatte keine Wahl gehabt.

Im Davonreiten hörte sie Eloisa rufen: »Frag deine Mutter, Mädchen – sie weiß Bescheid.«

Tara ritt so schnell die Straße hinunter, wie ihr Pferd zu laufen imstande war, doch sie vermochte dem Nachhall von Eloisas Worten nicht zu entkommen. Fragen, auf die es keine Antworten gab, geisterten so rasch durch ihre Gedanken, dass ihr schwindelig wurde. Sie hatte sich immer gefragt, warum ihre Haut so dunkel war, doch ihre Mutter hatte ihr nur unbestimmt entgegnet, es müsse eben in irgendeinem Zweig der Verwandtschaft südländisches Blut gegeben haben.

Elsa hatte rote Haare, aber anders als ihr eigenes war es von eher blassem Ton. Elsas Augen waren hellgrün, ihre Brauen so blond, dass man sie kaum sah. Taras Haare dagegen glänzten in einem satten Kupferton, in den sich auch kastanienbraune Akzente mischten. Ihre Brauen über den smaragdgrünen Augen waren fast schwarz und schön geschwungen. Aber dass in ihren Adern Zigeunerblut fließen sollte, nein, das konnte doch nicht sein! Ihre Mutter hatte immer Vorurteile gegen das fahrende Volk gehabt. Sogar die bloße Erwähnung von Zigeunern hatte sie gestört. Tara schloss daraus, dass Eloisa sich geirrt haben musste. Was die alte Frau gesagt hatte, war ganz einfach nicht möglich.

Vor langer Zeit schon hatte Garvie Tara gebeten, den Gerichtsverhandlungen fernzubleiben, ihn auch nicht im Gefängnis zu besuchen, und in diesem Punkt blieb er absolut unnachgiebig. Zigeuner wurden in irischen Haftanstalten entsetzlich schlecht behandelt, und ihre Frauen mussten Kränkungen und Misshandlungen über sich ergehen lassen. Er selbst hatte keine andere Wahl, als alles zu ertragen, aber er wollte lieber verdammt sein, als Tara unter derselben furchtbaren Behandlung leiden zu sehen, wie andere Zigeunerfrauen sie erdulden mussten.

Tara war empfindsamer als die Romafrauen, obwohl sie niemals etwas davon hatte hören wollen. Solche Reden gaben ihr das Gefühl, eine Außenseiterin zu sein. – Nie hatte sie sich etwas so verzweifelt gewünscht, wie zur Gruppe zu gehören, die für sie eine große Familie darstellte. Doch ihr Wunsch war nie in Erfüllung gegangen.

Trotz ihres Eigensinns hatte Tara Garvies Wünschen gehorcht und ihn niemals zuvor besucht. Der Gedanke, ein Gefängnis zu betreten, und sei es auch nur ganz kurz, war ihr absolut zuwider. In der ersten Zeit ihrer Beziehung hatte sie Garvie jedes Mal furchtbar vermisst, sich jedoch schließlich an seine häufige Abwesenheit gewöhnt.

Heute aber hatte sie keine andere Wahl. Sie brauchte Garvies Rat und hoffte, herauszufinden, warum Jake auf einmal so ungeduldig geworden war. Außerdem meinte sie, ihr Mann habe ein Recht darauf, von ihren Plänen zu erfahren.

Das Mountjoy-Gefängnis verunsicherte Tara vollkommen. Garvie war auch schon in den Gefängnissen von Limerick und Cork gewesen, doch Mountjoy war bei weitem das größte Gefängnis in Irland. Hier saßen männliche Gefangene und Untersuchungshäftlinge ein. Die weiblichen Häftlinge waren in der benachbarten Anstalt St. Patrick untergebracht.

Mountjoy war etwa in der Mitte des 18. Jahrhundert erbaut worden und bestand aus vier Flügeln, die wie Arme eines riesigen Seesterns vom Hauptgebäude abgingen. Nachdem Tara sich in der stickigen Empfangshalle in die Besucherliste eingetragen hatte, wurde sie in einen der drei angrenzenden Besuchsräume geführt.

In der Mitte dieses Raumes stand ein Tisch, der von Wand zu Wand reichte. Über die gesamte Länge des Tisches verlief ein Drahtnetz, das Besucher und Häftlinge voneinander trennte.

Auch hier war die Luft abgestanden. Die beige Wandfarbe blätterte ab, und der Zementfußboden war fleckig. Das einzige Tageslicht kam von einem hohen Fenster mit starkem Gitter davor, und Tara nahm an, dass diese Atmosphäre völliger Hoffnungslosigkeit nichts mit dem Wetter zu tun hatte.

Obwohl sie die abstoßenden, überfüllten Zellen noch nie gesehen hatte, war sie sich sicher: Wenn sie auch nur für eine Minute im Mountjoy-Gefängnis eingesperrt gewesen wäre, hätte sie niemals wieder etwas getan, was sie in die Gefahr brachte, dorthin zurückkehren zu müssen.

Garvie erschrak, als er seine Frau auf der anderen Seite des Tisches stehen sah. Einige Augenblicke lang starrten sie sich verlegen an. Tara war zwei Stunden vor der offiziellen Besuchszeit eingetroffen und hatte draußen im Nieselregen warten müssen. Einer der Wärter war im Begriff gewesen, sie in einen Warteraum hineinzulassen. Als er jedoch feststellte, dass sie gekommen war, um den ›Zigeuner‹ zu besuchen, hatte sich seine Haltung sofort geändert. Er war feindselig geworden und hatte ihr gesagt, dass sie nun doch nicht hereinkommen dürfe.

An diese Art von Vorurteil hatte sich Tara niemals gewöhnen können. Es machte sie unendlich wütend, besonders, weil sie absolut nichts daran ändern konnte. Als sie jetzt ihrem Mann gegenüberstand, schämte sie sich plötzlich ihrer vom Regen durchnässten Erscheinung und hatte große Mühe, nicht zu zittern.

»Tara, was tust du denn hier?« Auf Garvies Zügen lag ein leidvoller Ausdruck. »Du bist ja vollkommen durchnässt, Mädchen!«

»Das ist ja eine feine Art, deine Frau zu begrüßen! Ich bin vom Regen überrascht worden«, sagte sie und versuchte, ihre Haare zu glätten, die immer widerspenstig waren, wenn sie feucht wurden. Dann trat sie ein Stück näher an ihn heran und fuhr mit gedämpfter Stimme fort: »Ich musste einfach kommen, Garvie. Sei mir bitte nicht böse!«

»Stimmt irgendwas nicht, Mädchen?«

Tara setzte sich auf die dafür vorgesehene harte Holzbank, und Garvie setzte sich ihr gegenüber, während ein Wärter mit grimmiger Miene neben ihnen Wache stand. Ihre Stimmen hallten in der Stille des Raumes wider, und Tara hatte große Hemmungen, in Gegenwart des Wärters zu sprechen, doch Garvie schien es nicht zu stören. Offensichtlich war er an das Leben im Gefängnis und den Mangel an Privatsphäre mittlerweile ausreichend gewöhnt. »Ich sollte dich mit meinen Sorgen nicht belasten, Garvie, ich weiß, du hast selbst genug davon. Aber ich brauche deinen Rat.«

Garvie war viele Jahre älter als Tara, und in der ersten Zeit ihrer Beziehung war er für sie wie ein Mentor, eine Vaterfigur gewesen. Vor allem hatte er niemals an ihren Worten gezweifelt. Seit sie jedoch erwachsen war, hatten die Dinge sich geändert, und nun war es Garvie, der häufig ihren Rat suchte. Doch in diesem Fall brauchte sie seine Hilfe.

»Worum geht es, Mädchen?«

All die vorbereiteten taktvollen Worte schienen mit einem Mal aus ihrem Kopf verschwunden zu sein. »Jake bedrängt mich wegen einer Geldsumme, die du ihm schuldest, wie er sagt«, stieß sie impulsiv hervor. »Ist das wahr? Ich habe ein bisschen Geld, das ich ihm geben könnte …« Sie hasste zwar den Gedanken, sich davon zu trennen, doch wenn ihr Mann es ihr befahl und es sich nur um eine kleine Summe handelte …

»Dieser hinterhältige Bastard«, erwiderte Garvie hitzig. »Du gibst ihm keinen Penny!«

»Ich war nicht sicher, ob er die Wahrheit sagte, und ich verstehe nicht, warum er nicht warten will, bis du entlassen wirst. Du hast ihn doch bisher immer bezahlt!«

Unfähig, dem vertrauensvollen Blick ihrer grünen Augen standzuhalten, senkte Garvie den Kopf und fuhr sich mit seinen kräftigen Händen über den kahl geschorenen Kopf. Es war ein Schock, ihn ohne seine dichten, gelockten Haare zu sehen, die Tara so liebte. Er sah aus wie ein Fremder. Natürlich hatte man ihm im Gefängnis jedes Mal die Haare abrasiert, doch waren sie immer schon wieder nachgewachsen gewesen, bis er zu seiner Frau zurückkehrte.

»Bist du okay, Garvie? Es tut mir Leid, dass ich mit meinen Sorgen zu dir komme.«

»Mir geht’s gut, Mädchen. Und diese Sorgen sind nicht deine, sondern meine.« Garvie war froh, dass Tara nichts von den Erniedrigungen wusste, denen er im Gefängnis ausgesetzt war. Niemals durfte sie davon erfahren. Die Rasur der gesamten Körperbehaarung und die Entlausung waren nur der Anfang. Privatsphäre, Selbstvertrauen und Selbstbestimmung gehörten der Vergangenheit an. In dem Augenblick, wenn der Gefangene durch das Gefängnistor schritt, war er für seine Umwelt nichts mehr als nur eine Nummer.

Mountjoy war das schlimmste der Gefängnisse, in denen Garvie bisher eingesessen hatte. Widerliches Essen – jeden Tag Fischabfälle für die Gefangenen, deren Willen die Wärter brechen wollten. Zigeuner galten in der Rangordnung weniger als die Küchenschaben, die ihre überfüllten Zellen bevölkerten. Waschgelegenheiten waren praktisch nicht vorhanden, und während andere Häftlinge einmal wöchentlich baden durften, wurde dies den Zigeunern höchstens einmal im Monat gestattet, wenn sie Glück hatten.

Garvie hatte schon das Gefängnis in Cork schlimm gefunden, doch immerhin hatte er dort zweimal in der Woche baden dürfen. Und als ob sein Leben nicht schon elend genug war, hatte er sich ausgerechnet in Mountjoy dazu hinreißen lassen, einen besonders bösartigen Wärter zu schlagen. Als Strafe musste er die Toiletteneimer von allen Zellen im Block leeren, jeden Morgen während der vergangenen drei Wochen, und es sah nicht so aus, als ob sich daran bald etwas ändern würde. Der Inhalt der Eimer unterschied sich kaum von dem widerlichen Brei, der ihnen als Essen aufgetischt wurde. Garvie war fast dankbar dafür, dass seine graue Häftlingsuniform vor seiner Frau verbarg, wie sehr er in nur wenigen Wochen abgemagert war.

»Behalt das bisschen Geld, das du hast, für dich, Tara«, sagte er. »Ich kann kaum fassen, dass er dich danach gefragt hat!«

Es lag Tara auf der Zunge, ihm von dem Verkauf des Bildes zu erzählen, doch sie zögerte. Irgendetwas verschwieg er ihr doch!

»Ist das alles, was Jake gesagt hat – dass er das Geld wollte?« Garvie runzelte die Stirn. Er befürchtete, Jake könne sein Versprechen gebrochen und ihn hereingelegt haben.

Tara erkannte deutlich, wie besorgt er war, und ihr Misstrauen wuchs. »Also … ja. Er schlug vor, ich solle tanzen, um das Geld zu besorgen, aber ich habe natürlich abgelehnt!«

»Dieses verdammte Schwein!«

Der Wächter trat näher heran, die Hand auf dem Griff seines Schlagstocks, den stumpfen Blick verächtlich auf Tara und Garvie gerichtet, als seien sie Abschaum.

»Still, Garvie!«, flüsterte Tara besorgt. Sie sah die dunkelblauen Blutergüsse in seinem Gesicht und die Schürfwunden auf seinen Unterarmen, doch sie wusste, dass er niemals zugeben würde, geschlagen zu werden. Das ›Schweigegebot‹ zu brechen, würde ihn das Leben kosten. »Ich werde das Gefühl nicht los, das da noch etwas ist, wovon ich nichts weiß!«

»Wenn er dich anfasst, dann schwöre ich dir, rufe ich alle zusammen, die mir einen Gefallen schulden, und such mir jemanden, der ihn umbringt …« Garvie wurde blass, als hätte er sich daran erinnert, weshalb er wahrscheinlich niemals wieder als freier Mann würde leben können. Doch dann kehrten seine Gedanken schnell wieder zu Jake zurück, der ihn drei Wochen zuvor besucht und ihm vorgeschlagen hatte, ihm seine Schulden zu erlassen, wenn er dafür Tara bekam.

Garvie war explodiert und hatte Jake gedroht, ihn umzubringen, wenn dieser seine Frau berührte. Sein Wutausbruch hatte ihm eine Woche Einzelhaft eingebracht, ständig von dem Gedanken gepeinigt, was Jake wohl in der Zwischenzeit Tara antun mochte.

Sie fühlte seinen Zorn und wurde immer unruhiger. »Ich gehe heute Nacht fort, Garvie.« Tara wollte ihm nicht sagen, dass sie erwartete, von den Zigeunern weggeschickt zu werden.

Wieder runzelte Garvie die Stirn. »Wohin willst du denn gehen? Wovon wirst du leben?« Das einzig Tröstliche an ihren Worten war die Gewissheit, dass sie dann vor Jake in Sicherheit sein würde, solange dieser nicht wusste, wo er sie finden konnte. Während der ersten Zeit ihrer Ehe hatte Garvies Besorgnis sie immer gerührt, doch mit den Jahren war sie klüger geworden: Seine Sorge um sie war nie groß genug gewesen, ihn von neuen Dummheiten abzuhalten. Sie beschloss, offen zu ihm zu sein.

»Du wirst es nicht glauben, Garvie – aber ich habe das letzte Bild, das du von mir gemalt hast, an die Galerie Harcourt verkauft. Sie haben mir einen sehr guten Preis bezahlt, sodass ich jetzt genügend Geld besitze, um ein kleines Cottage am Meer zu kaufen!«

Garvies Augen wurden groß vor Staunen, und der Wärter horchte sichtlich auf.

»Ich kann mir zwar nur ein kleines Häuschen leisten. Es wird auch sicherlich vieles repariert werden müssen, aber das macht nichts, solange ich genug Geld habe, um durchzuhalten, bis ich Arbeit gefunden habe.« Sie hätte beinahe gesagt, ›bis zu deiner Entlassung‹, doch sie wusste, dass Garvie niemals sesshaft werden würde.

Der Wächter grinste hämisch, und Garvie warf ihm einen finsteren Blick zu. Tara verstand nicht, was das zu bedeuten hatte.

»Ich freue mich wirklich darauf, etwas mehr Platz zum Leben zu haben und alles gemütlich einzurichten.« Sie sah, dass Garvie traurig wurde. Vermutlich glaubte er, dass sie sich auf ein Leben ohne ihn vorbereite. Sie hätte ihm so gern etwas gegeben, auf das er sich freuen könnte. Dennoch wollte sie ihm auch keine falschen Hoffnungen auf ein gemeinsames Leben machen. Sie war über ihre Beziehung zu ihm hinausgewachsen, obwohl es sie traurig stimmte. Sie hatte oft gedacht, dass er vielleicht ohne den Einfluss der Zigeuner anders wäre. Doch er wollte sein Leben nicht ändern, und sie konnte es nicht für ihn tun.

Garvie sah sie an, als ergebe nichts von dem, was sie sagte, einen Sinn. Sie nahm an, er mache sich Sorgen um sie.

»Es wird alles gut, du wirst schon sehen«, versicherte sie ihm und spürte ein starkes Verlangen, ihn zu berühren, ihm Trost zu spenden. »Ich weiß, du hast immer gesagt, du könntest niemals sesshaft werden, und ich verstehe das. Aber du musst auch verstehen, dass ich ein Dach über dem Kopf brauche. Ich kann nicht mit der ständigen Bedrohung leben, dass Jake mir alles nimmt, was ich besitze.«

Garvie schüttelte den Kopf, und sein Blick verdüsterte sich. Er wusste, dass er ihr nichts als Probleme gebracht hatte.

»Was ist los, Garvie?« Tara war verwirrt. »Ich habe gründlich über alles nachgedacht. Ich komme schon zurecht. Wenn du nicht ins Lager zurück möchtest, kannst du zu mir kommen. Aber du weißt selber, dass du auf Dauer dort nicht glücklich sein würdest. Wir können nichts daran ändern, wie wir sind …«

»Nein, Mädchen – du verstehst nicht«, unterbrach Garvie sie. »Ich kehre nicht ins Lager zurück – und auch nicht zu dir …«

Völlig durcheinander fragte Tara: »Was redest du da? Natürlich gehst du ins Lager zurück, Garvie!«

Als er ihr nicht sogleich zustimmte, frage sich Tara, ob man ihn vielleicht bedrohte. Er hatte sich niemals einem Stärkeren gebeugt, schon gar nicht irgendeiner Amtsperson, und das hatte ihn schon oft in ernste Schwierigkeiten gebracht. Oder, überlegte sie, war er etwa krank? Doch er sah nicht krank aus, höchstens ein bisschen schmal und abgemagert.

Dann schoss ihr ein ganz anderer Gedanke durch den Kopf. War es möglich, dass er eine andere gefunden hatte? »Hast du eine andere Frau?« Obwohl sie das überrascht und auch schockiert hätte, stellte sie verwundert fest, dass sie bei dieser Vorstellung gleichzeitig Erleichterung empfand. Wenn er wirklich jemand anderen gefunden hatte, brauchte sie nicht länger quälende Schuldgefühle zu hegen.

Sein Blick wurde weich, und sie las tiefe Trauer darin. »Für mich wird es niemals eine andere Frau geben, Tara. Ich bin nicht gut genug für dich, und ich werde nie begreifen, womit ich dich verdient habe. Meine Liebe zu dir werde ich mit ins Grab nehmen!«

Aus Taras Gesicht wich alle Farbe, und sie packte die Tischkante mit beiden Händen. Eine Vision stieg in ihr auf, doch sie zwang sie nieder. »Warum redest du so? Jake hat mir gesagt, du bist zu drei Monaten Gefängnis verurteilt – wegen Wilderei. Stimmt das etwa nicht?«

Garvie nickte, erleichtert, dass Jake wenigstens sein Wort gehalten hatte. »Wenn das alles wäre … aber da ist noch mehr, viel mehr.«

Einige Tage zuvor war er zu dem Schluss gelangt, dass Tara die Wahrheit erfahren musste. Nur so konnte er die Bänder zwischen ihnen zerschneiden und sie dazu bewegen, weiterzuziehen. Es brach ihm fast das Herz bei dem Gedanken, sie zu verletzen und ihr schönes Gesicht nie mehr zu sehen. Sie zu verlieren war schlimmer, als sein Leben zu verlieren. »Ich habe Jake gebeten, dir nichts zu sagen – er musste es mir sogar schwören, Liebes. Ich hatte gehofft, du würdest irgendwann dein Leben weiterleben, vielleicht jemand anderem begegnen … Ich bin froh, dass du Pläne für eine Zukunft ohne mich machst, ich wünschte nur, ich könnte dir dabei helfen!« In seinen dunklen Augen stand jetzt abgrundtiefer Schmerz, und er ließ den Kopf sinken.

Eine kalte Hand schien nach Taras Herz zu greifen, und wieder spürte sie Schuldgefühle in sich aufsteigen. Sie hatte tatsächlich Pläne für eine Zukunft ohne Garvie gemacht, ohne zu ahnen, dass ihm vielleicht eine lange Haftstrafe bevorstand – oder sogar Schlimmeres. Plötzlich sah sie die Dinge ganz anders, ihr Plan erschien ihr auf einmal vollkommen bedeutungslos. »Mach dich nicht lächerlich, Garvie – ich bin deine Frau, in guten und in schlechten Tagen …«

Er hob die Hand, um sie zum Schweigen zu bringen. »Meine liebe, süße, treue Tara! Du bist ein Engel, aber du musst jetzt allein weitermachen – und tapfer sein. Ich habe Jake gesagt, dass er sein Geld bekommt. Anscheinend glaubt er mir nicht …«

»Aber warum nicht? Das hast du mir immer noch nicht gesagt.«

»Es könnte sein, dass ich zwanzig Jahre hier drin bleiben muss – wenn ich Glück habe. Wenn nicht … werden sie mich in einer Kiste hier heraustragen.«

Tara hätte vor Entsetzen beinahe das Bewusstsein verloren. »Nein! Aber sie werden dich doch nicht … hängen?«

»Jake hat einen Anwalt für mich bezahlt – aber du weißt ja, die Rechtsprechung hier ist nicht günstig für Zigeuner, besonders für jemanden mit meiner Vorgeschichte. Ich hatte keine Chance. Jetzt schulde ich Jake fast fünfzig Pfund. Aber ich schwöre dir, wenn ich es schaffe, zahle ich sie ihm zurück. Wenn du einen Ort hast, wohin du gehen kannst, vielleicht dein Cottage am Meer, dann gib ihm den Wohnwagen, wenn es nicht anders geht, Tara. Vielleicht lässt er dich dann in Ruhe. Ich einige mich schon irgendwie mit ihm …«

Tara schob ihren Stuhl zurück und starrte Garvie an, als sei er ein Fremder. Erst jetzt fiel ihr auf, dass die Goldreifen aus seinen Ohren verschwunden waren und ebenso die Kette, die er immer um den Hals getragen hatte. Sie hatte ihn kaum jemals ohne diesen Schmuck gesehen. Er besaß fast keine Ähnlichkeit mehr mit dem Mann, den sie als ihren Ehemann kannte. »Vergiss den Wohnwagen und das Geld, Garvie – wir sprechen hier über dein Leben!«

Garvie erkannte Taras Entsetzen, und er bereute schon, ihr die Wahrheit gesagt zu haben. Sie war so sehr von Mitgefühl erfüllt, dass sie wahrscheinlich nichts unversucht lassen würde, seine arme Seele zu retten, bis sie krank davon wurde. »Mach dir keine Sorgen, Liebes. Vielleicht hängen sie mich ja auch gar nicht. Dann bekomme ich zwanzig Jahre, und ich bin noch nicht so alt, dass ich nie wieder Tageslicht sehen würde! Ich bitte dich, mach dir um mich keine Sorgen!« Er versuchte zu lächeln, doch es fiel nicht sehr überzeugend aus.

»Wie kannst du mir sagen, ich soll mir keine Sorgen machen? Ich könnte Jake dafür umbringen, dass er Geld von mir fordert statt mir zu sagen, dass ich meinen Mann vielleicht nicht wiedersehe! Dieser Kerl ist ein gemeiner Schuft!«

»Die Zeit ist um, Flynn!«, sagte der Wärter.

Tara erschrak. »Warten Sie – bitte nur noch ein paar Minuten!«

Der stumpfgesichtige Mann schüttelte den Kopf.

Tara griff in ihre Geldbörse und zog eine Zehn-Schilling-Note heraus, genau wie der Wärter es erwartet hatte. Diese schob sie ihm verstohlen zu, gerade, als andere Besucher den Raum betraten. Der Wärter hüstelte und griff hastig nach dem Geld, das er in seiner Jackentasche verschwinden ließ. Dann verschränkte er die Hände auf dem Rücken und starrte mit sehr zufriedener Miene geradeaus.

Tara wandte sich wieder ihrem Mann zu. Garvie war wütend, weil sie den korrupten Wärter bestechen musste, nur damit sie ein paar Minuten mehr miteinander verbringen konnten. Er hatte schließlich seit mehr als drei Wochen keinen Besuch mehr gehabt.

»Was hast du getan, was werfen sie dir vor, dass du ein so hartes Urteil befürchten musst?«, flüsterte Tara. Sie zweifelte kaum daran, dass Garvie schuldig war, denn er war noch nie völlig unschuldig gewesen, doch sie wollte ihn das nicht spüren lassen.

Garvie starrte sie an, und seine Gedanken gingen zurück zu dem Abend, an dem er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Das Bild stand so klar vor ihm, als sei es erst gestern gewesen. So schön, so verletzlich hatte Tara ausgesehen, und so vollkommen durcheinander und verzweifelt war sie gewesen! Ihre Seele war zutiefst verletzt, und er hatte nicht geglaubt, dass sie jemals wieder darüber hinwegkommen würde. Trotz der vielen Jahre, die seitdem verstrichen waren, stieg jedes Mal frische Wut in ihm auf, wenn er daran dachte, was Stanton Jackson ihr angetan hatte.

Stanton Jackson! Wenigstens hatte der keine Gelegenheit gehabt, je wieder eine lebende Seele zu verletzen. Garvie senkte den Blick auf die Tischplatte und schloss für einen Moment die Augen. »Ich schwöre dir, ich hatte keine Ahnung!«, flüsterte er.

»Keine Ahnung wovon, Garvie?« Taras Beklemmung wuchs. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, und sie wurde sich plötzlich der anderen Besucher bewusst, die nicht weit entfernt saßen.

»Erinnerst du dich noch an den Abend, als wir uns zum ersten Mal gesehen haben, Tara?«, fragte Garvie leise, ohne aufzublicken.

»Natürlich«, flüsterte sie verwundert. »Wie könnte ich das vergessen?«

Wieder nickte Garvie. »Du warst so verzweifelt. Ich wusste nicht, wie ich dir helfen konnte und was ich tun sollte …«

»Du hast mir aber geholfen, Garvie. Sehr sogar. Ich weiß nicht, was ich ohne dich getan hätte!«

»Es war nicht genug.«

»Du hättest sonst nichts tun können. Mein Vater war der Einzige, der die Möglichkeit gehabt hätte, aber er hat nichts unternommen.« Tara fühlte sich verwirrt. »Was willst du mir sagen, Garvie? Ich verstehe nicht …«

»Ich bin als Ehemann ein elender Versager gewesen, das weiß ich, aber du musst mir glauben, dass ich dir gegenüber nur gute Absichten hatte.«

Tara konnte nicht leugnen, dass er die Wahrheit sagte. Er hatte sie oft, sehr oft im Stich gelassen, aber sie hatte immer gewusst, dass er sie niemals hatte verletzen wollen. Er war nur einfach nicht der richtige Mann für sie gewesen. Er war im Grunde genommen kein schlechter Mensch, er war nur nicht für die Ehe geschaffen. Er hatte einen sicheren Instinkt für Schwierigkeiten, in die er oft – entschieden zu oft – hineingeriet.

»Was du sagst, ergibt keinen Sinn, Garvie. Ich weiß, dass du immer nur die besten Absichten hattest. Aber warum sprichst du jetzt von diesem ersten Abend?«

Seit jenem Tag hatten sie niemals mehr über das gesprochen, was geschehen war. Garvie hatte gefunden, dass man es am besten vergessen sollte. Er ahnte nicht, dass Tara fast jeden Abend, wenn sie die Augen schloss, an diese Nacht denken musste, jedes Mal, da er sie berührte. Aber sie sprach mit niemandem darüber.

»Dieser Abend hat viel damit zu tun, dass ich hier bin«, sagte Garvie. Er richtete sich auf und nahm die Hände auseinander.

Tara sah ihn an und wartete auf eine Erklärung. Entsetzliche Gedanken schossen ihr durch den Kopf, doch sie brachte sie nicht über die Lippen. Irgendwann konnte sie die Spannung nicht mehr ertragen. »Ist in dieser Nacht irgendetwas passiert, von dem ich nichts weiß? Hast du jemandem etwas … Du hast meinem Vater doch nichts getan, oder, Garvie?«

»Stanton Jackson«, sagte Garvie schlicht.

Tara erstarrte. Sie hatte diesen Namen seit vielen Jahren nicht gehört und nicht geahnt, dass Garvie sich überhaupt noch an ihn erinnerte. Allein ihn nur zu hören verursachte ihr körperliche Schmerzen, doch etwas anderes beunruhigte sie noch mehr. Sie hoffte und betete, Garvie möge nicht für sie Rache genommen haben! »Was ist mit ihm?«, flüsterte sie.

Garvie blickte auf, mit Augen, die seine Gefühle spiegelten. »Ich wollte ihn umbringen für das, was er dir angetan hat.«

Tara stieß erschrocken die Luft aus. »Nein … Garvie, nein!« In ihren Augen glänzten jetzt Tränen.

Garvies Miene war voller Verzweiflung, als er die Enttäuschung in ihrem Blick erkannte. Unfähig, sie weiter anzusehen, ließ er den Kopf wieder sinken. »Ich muss es dir sagen, Mädchen!«

»Nein!« Tara sprang auf und stieß dabei die Bank so heftig um, dass diese zu Boden fiel.

»Es tut mir Leid, aber ich sorge mich um deine Sicherheit«, beharrte er mit einem Seitenblick auf den Wärter, und Tara wurde von neuem bewusst, dass dieser jedes Wort ihres Gesprächs mithörte. Wieder sah Garvie sie an, und in seinem Blick stand die flehende Bitte um Verständnis.

An dem Abend, als sie sich zum ersten Mal begegnet waren, hatte Taras Familie eine Party für sie gegeben, die ihr Debüt in der Gesellschaft hatte werden sollen. Während sie draußen frische Luft geschöpft hatte, war sie von einem Mann überfallen worden, der für ihren Vater arbeitete. Blind vor Tränen und Schmerz war sie mit zerrissenem Kleid in den Wald gelaufen und schließlich im Zigeunerlager gelandet. Garvie hatte sich um sie gekümmert, bis sie sich beruhigt hatte, und sie dann überredet, wieder nach Hause zurückzukehren.

»Als ich dich damals heimbegleitete, habe ich dir noch vom Waldrand aus nachgeschaut, bis du im Haus verschwunden warst. Ich wollte gerade gehen, da bemerkte ich einen Mann, der im Dunklen um die Ställe herumschlich. Sein Verhalten führte mich zu dem Schluss, dass er wahrscheinlich derjenige war, der dich überfallen hatte. Als ich ihn im hintersten Stall verschwinden sah, folgte ich ihm. Aus dem Schatten der Heuballen gleich hinter der Tür heraus beobachtete ich, wie er eine Lampe anzündete und sein Hemd auszog. Er fing an, Wunden auf seinem Körper zu untersuchen, die wie Bisswunden aussahen. Mir fiel ein, dass du gesagt hattest, dein Hund sei dir zu Hilfe gekommen, als du überfallen wurdest. Dann entdeckte ich die Kratzspuren auf seiner Brust und seinen Schultern. Du musst sie ihm zugefügt haben, als du dich gegen ihn gewehrt hast.«

Tara schlug entsetzt eine Hand vor den Mund.

»Als ich daran dachte, was er dir angetan hatte, stieg blinde Wut in mir auf. Ich ging auf ihn zu, und wir stritten miteinander. Er war auch noch stolz auf das, was er angerichtet hatte. Er brüstete sich sogar damit, deinen Vater davon überzeugt zu haben, dass es ein Zigeuner gewesen wäre, der dich …«, er flüsterte nur noch, und Tara fühlte, wie sie vor Scham errötete, »vergewaltigt hatte. Ich schlug auf ihn ein, bis er zu Boden fiel. Ich war völlig erschöpft, mein Körper und meine Seele waren müde, und doch fühlte ich noch immer Wut in mir. Als ich so über ihn gebeugt stand und ihn aufforderte, wieder hochzukommen, hörte ich draußen die Stimmen von Menschen, die rasch näher kamen. Ich wusste zwar, dass die Wunden auf Stantons Körper Beweis genug für seine Schuld waren, aber man hätte trotzdem mich, den Zigeuner, verhaftet. Also versteckte ich mich wieder hinter den Heuballen und hoffte, wer immer dort draußen war, würde vorbeigehen. Zwei junge Männer, ich hielt sie für Lieferanten eines Restaurants, blieben an der Stalltür stehen. Sie sahen das Licht und Stantons am Boden liegenden Körper und kamen herein. Sie haben ihn untersucht und festgestellt, dass er noch am Leben war. Während einer von ihnen Hilfe holen ging, kümmerte der andere sich um Stanton, und so schlüpfte ich unbemerkt aus dem Stall und rannte davon. Als ich auf den Wald zulief, hörte ich deinen Vater in irgendeinem der oberen Räume herumbrüllen und dachte, er sei wütend wegen der Sache, die Stanton dir angetan hatte. Ich war froh, dass ich Stanton niedergeschlagen und damit an der Flucht gehindert hatte. Erst im Lager merkte ich, dass ich die Kette und das Medaillon verloren hatte, die ich immer trug. Ich dachte, die Kette sei vielleicht im Kampf mit Stanton zerrissen. Gerade als ich deshalb zurückgehen wollte, kamst du und sagtest, die Polizei sei zu uns unterwegs. Dein Vater glaubte, einer von uns habe dich vergewaltigt. Ich war wie vor den Kopf geschlagen und wütend auf deinen Vater, weil er dir nicht geglaubt hatte. Ich war sicher gewesen, dass er sich Stanton nur ansehen müsste und dass die Bisswunden auf dessen Körper ihm sagen würden, was wirklich geschehen war. Sonst hätte es bedeutet, dass der Mann ohne Strafe für das, was er dir angetan hatte, davonkommen würde! Ich wollte zurückgehen, um mit deinem Vater zu sprechen. Aber deine Worte überzeugten mich davon, dass nichts Gutes dabei herausgekommen wäre. Wenn er seiner eigenen Tochter schon nicht glaubte, hätte er schon gar keinem Zigeuner getraut. Du konntest an nichts anderes denken als an den Verrat deines Vaters, und ich dachte, es sei das Beste, dich mit uns zu nehmen. Nachdem wir damals weitergezogen waren, habe ich diese Goldkette und das Medaillon für lange Zeit völlig vergessen.«

Tara schüttelte den Kopf, unfähig, seine Worte wirklich zu begreifen.

»Die Zeit ist um, Flynn«, sagte der Wärter wieder.

»Bitte«, flehte Tara, »nur noch ein paar Minuten!« Sie öffnete ihre Börse und schob einige Münzen in seine Richtung. Nachdem er sich vorsichtig umgesehen hatte, steckte der Mann das Geld ein und wirkte sehr mit sich zufrieden.

Dieses Mal schien Garvie von dem unverschämten Handel nichts mitbekommen zu haben. Er musste seine Geschichte zu Ende bringen und sich dem Menschen gegenüber rechtfertigen, der ihm näher stand als alle anderen. Er hoffte inständig, dass Tara nicht unter den Folgen des damaligen Geschehens zu leiden haben würde, doch es war immerhin möglich, und deshalb musste er sie vorwarnen.

»Die Polizei hat mir bei meiner Verhaftung gesagt, dass Stanton zwei Tage später gestorben ist, an einem Blutgerinnsel in seinem Gehirn. Ich erinnere mich, dass er gegen die Stallwand fiel, wo auch eine Forke stand – aber ich habe kein Blut gesehen. Die Polizei glaubt, ich hätte ihn mit der Forke geschlagen, aber ich schwöre dir, so war es nicht. Jedenfalls haben sie meine goldene Kette und das Medaillon auf dem Boden im Stroh gefunden und sie ein paar Schmuckhändlern in der Gegend gezeigt. Einer hatte die Kette für mich angefertigt und hat ihnen eine Beschreibung von mir gegeben. Völlig ahnungslos ging ich vor ein paar Monaten, als ich wieder einmal in der Gegend zu tun hatte, zu demselben Juwelier in Maynooth und bat ihn, mir genau so ein Medaillon zu machen wie das, das ich verloren hatte. Er tat es, verlangte allerdings einen unverschämten Preis und ging zur Polizei, als ich die letzte Rate nicht aufbringen konnte. Ich hatte vorher auf einigen Farmen in der Gegend gearbeitet, Land gerodet und Holz gehackt. Einer der Farmer, ein Nachbar deines Vaters, erkannte die Kette und das Medaillon, und die Aussagen des Farmers und des Juweliers reichten der Polizei, um einen Haftbefehl gegen mich auszustellen. Und weil hinten auf dem Medaillon meine Initialen eingraviert waren, gab es für mich auch keine Ausreden – also hatten sie mich. Ich wurde wegen Mordes an Stanton Jackson angeklagt.«

»Oh, Garvie!« Tara begann leise zu schluchzen.

»Weine nicht, Liebste!«

»Es ist alles meine Schuld! Wenn ich in dieser Nacht nicht zu euch ins Lager gelaufen wäre, wäre all das nicht passiert.«

»Sag nicht so etwas, Tara! Du bist das Beste, was mir jemals widerfahren ist. Ich bin zu nichts nutze. Du musstest dich ohne eigene Schuld die meiste Zeit deiner Ehe allein durchschlagen!«

»Du hast sicherlich oft über die Stränge geschlagen, Garvie, aber du hast ein gutes Herz!«

»Kinder können über die Stränge schlagen, Tara. Ich bin einfach ständig in Schwierigkeiten, und du wärst ohne diese Schwierigkeiten besser dran!«

»Ich gehe zur Polizei und sage ihnen, was wirklich passiert ist. Wenn sie die ganze Wahrheit kennen, lassen sie die Anklage vielleicht fallen!«

»Das ist typisch für meine großzügige Tara – aber es gibt nichts, was sie dazu bringen kann, die Anklage fallen zu lassen. Was immer er dir angetan hat, er ist durch meine Schläge gestorben. Und wenn ich nicht wegen Mordes an ihm hier wäre, dann wegen etwas anderem. Du weißt, dass es so ist. Auf diese Weise erspare ich nur allen möglichen Leuten die Mühe, mich alle paar Monate vor Gericht zu bringen. Ich hatte genügend Zeit, über das nachzudenken, was geschehen ist, und ich halte es für wahrscheinlich, dass Stanton dieses Blutgerinnsel schon in seinem Kopf hatte, als er dich überfiel. Ich erinnere mich noch an das, was du mir in jener Nacht über ihn erzählt hast – dass er Schmerzen zu haben schien und immer wieder eine Hand an seine Schläfe legte. Du hast versucht, einen Grund dafür zu finden und gemeint, er habe vom Trinken Kopfschmerzen bekommen. Aber ich glaube, in Wirklichkeit gab es noch einen anderen Grund.«

Tara nickte. »Du dürftest nicht hier sein, Garvie.«

»Ich hatte zwar nicht vor, Jackson umzubringen, aber er ist tot. Ich habe mein Schicksal angenommen, und du musst dasselbe tun!«, war Garvies schlichte Antwort.

»Aber dies ist ein so schrecklicher Ort. Wie kannst du es nur ertragen, in der Nacht die Sterne nicht zu sehen – hier eingesperrt zu sein, statt am Lagerfeuer zu sitzen und Gitarre zu spielen?«

Eine Sekunde lang glaubte Tara, Verzweiflung in seinem Blick aufschimmern zu sehen. Sie hatte keine Vorstellung davon, wie sehr Garvie seine Freiheit vermisste. Jede Nacht träumte er in seiner Zelle von Reisen über einsame Landstraßen inmitten von blühenden Wiesen. Er sah sich neben einem hellen Lagerfeuer sitzen oder fühlte den Seewind auf seiner Haut. Er liebte Musik, und Tara tanzen zu sehen, erfüllte sein ganzes Inneres mit Leidenschaft. Er hätte seine Seele verkauft, um seine Frau noch einmal beim Tanzen zu betrachten, aber sein Wunsch würde nicht in Erfüllung gehen. In der kurzen Zeit, die ihm blieb, musste er mit seinen Träumen und Erinnerungen leben.

»Du bist es, um die ich mir Sorgen mache, Tara! Ich habe zwar der Polizei gesagt, dass du nichts mit Stantons Tod zu tun hattest, aber ich bin nicht sicher, ob sie mir glauben. Sie haben mich ständig gefragt, ob Stanton und ich deinetwegen miteinander gestritten haben. Als sie hörten, dass du mit mir fortgelaufen bist, dachten sie, Stanton sei vielleicht ein abgewiesener Verehrer. Ich wäre sehr beruhigt, wenn du irgendwohin gingst und ein neues Leben anfingst. Du warst nie für ein Leben unter den Zigeunern bestimmt; ich möchte, dass du mich und das Leben mit mir vergisst. Du bist eine echte Lady und verdienst so viel mehr, als ich dir geben konnte: ein großes Haus, einen netten Mann, viele Kinder … Ich weiß, dass du dir die Schuld daran gibst, mir keine Kinder geschenkt zu haben, aber viel wahrscheinlicher lag es an mir. Du weißt ja, dass unsere Ehe nur nach Zigeunerrecht gültig war. Betrachte dich als ungebundene Frau, die ein neues Leben anfängt!«

Tränen strömten Tara über die Wagen. Ja, sie hatte frei sein wollen, aber niemals um den Preis von Garvies Leben. Es war alles eine einzige Tragödie.

»Tu es für mich, Tara, bitte! Alles, was ich mir wünsche, ist, dich glücklich und in Sicherheit zu wissen!«

»Ich will dich aber nicht vergessen, Garvie! Verlang das nicht von mir. Du bist fast elf Jahre lang Teil meines Lebens gewesen, und neun davon mein Mann. Große Häuser und all dieses unnötige Zeug habe ich nie gebraucht …«

Garvie merkte, dass er nicht zu Tara durchdrang. »Vielleicht ist das so. Aber im Grunde wissen wir beide, dass ich der falsche Mann für dich bin.«

Tara schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht hören, was er sagte. Das Einzige, woran sie denken konnte, war, dass Garvie sein Leben verlieren würde, weil er sie gerächt hatte.

Sein Ton wurde hart. Er war fast sicher, dass man ihn hängen würde, und er konnte nicht zulassen, dass Tara ihr Leben damit verschwendete, um ihn zu trauern. »Du hast sogar deine eigene Familie vergessen, Tara. Wenn du das konntest, kannst du auch jemand so Unwürdigen wie mich vergessen. Wir werden keinen weiteren Kontakt miteinander haben.«

Tara starrte ihn zutiefst erschrocken an.

»Schreib mir nicht, denn ich werde niemanden bitten, mir deine Briefe vorzulesen. Besuch mich nicht, denn ich möchte dich nicht sehen. Jetzt geh, und beginne ein neues Leben als Tara Killain!«

Der Schock verschlug Tara die Sprache. Nie zuvor hatte Garvie in diesem Ton mit ihr geredet. Er stand auf, und seiner Miene war nicht anzusehen, wie sehr er litt. Er blickte in Taras schönes Gesicht, sah die Tränen auf ihren Wangen und ihr Bild brannte sich tief in sein Gedächtnis ein. Fast hätte ihr Anblick seine Entschlossenheit ins Wanken gebracht, doch er kämpfte darum, stark zu sein – um ihretwillen. Er liebte Tara von ganzem Herzen, aber er musste sie freigeben.

Unfähig, sich zu rühren, beobachtete Tara, wie er durch die Tür ging, zurück in seine Zelle. Er blickte sich nicht einmal um. Sie fragte sich, wie er so grausam und gefühllos sein konnte. Ihr Kopf weigerte sich, die Wahrheit zu begreifen, doch in ihrem Herzen kannte sie die Antwort: Er liebte sie.

Auch wenn Garvie Recht hatte und man ihn ganz sicher hängen würde, so änderte das nichts an dem unerträglichen Schmerz, der sie erfüllte.

4

Als Kelvin Kendrick an diesem kalten und ungemütlichen Morgen die Harcourt Gallery betrat, war es noch nicht ganz hell, und er hätte sich jetzt liebend gern in der Wärme irgendwo auf der anderen Hälfte der Erdkugel aufgehalten. An seinem Schreibtisch im hinteren Teil der eigentlichen Galerie sah er zu seinem Erstaunen den Schleier, den Lady Bowers am Tag zuvor getragen hatte, mitten auf seinen Papieren liegen. Verwundert blickte er sich um und stellte fest, dass die Tür zum Büro nur angelehnt war. Da die Galerie für Diebe ein willkommenes Ziel abgab und Kelvin Tapferkeit nicht zu seinen hervorstechendsten Tugenden zählte, erschrak er zutiefst.

Vielleicht handelte es sich bei der Person im Büro um Lady Bowers, die zurückgekehrt war, um das Porträt der Zigeunerin zu stehlen. Aus einem ihm unbekannten Grund schien sie sich Gedanken über das Bild gemacht zu haben. Er zog eine Pistole unter seinem Schreibtisch hervor und näherte sich ein wenig unsicher der Bürotür. Die Pistole war nicht geladen, weil der Gedanke an den Anblick von Blut, auch wenn es das einer anderen Person war, ihm Unbehagen bereitete, doch er hoffte auf die abschreckende Wirkung der Waffe.

Als er kein Geräusch vernahm, warf er einen vorsichtigen Blick in den Raum hinein. Rasch hatte er die Person, die vor dem Bildnis der Zigeunerin stand, erkannt und schüttelte verwirrt den Kopf. Was mochte es nur sein, das die Leute an diesem schrecklichen Gemälde so sehr faszinierte?

Kelvin schwankte zwischen Erleichterung und Ärger. »Mr. Magee, haben Sie mich aber … erschreckt! Sie hätten mir doch sagen können, dass Sie heute Morgen aufschließen würden – ich hätte fast einen Herzinfarkt erlitten!« Als Riordan nicht antwortete, betrat er das Büro.

Riordan war in Gedanken meilenweit entfernt gewesen, in einer mondhellen Nacht, in einem Wald in Tipperary. Er wirkte müde und verzagt.

»Kelvin … könnten Sie dieses Bild so einpacken, dass es als Seefracht aufgegeben werden kann?«, fragte er leise und reichte seinem Angestellten das Porträt der Zigeunerin.

»Dieses Bild, Sir? Hat es etwa jemand gekauft?«

»Ich möchte es seiner rechtmäßigen Besitzerin zurückgeben.«

»Ich dachte, Sie …« Kelvin war zutiefst verwirrt, doch er hielt sich davon zurück, seinen Arbeitgeber auszufragen. »Natürlich, Sir. Aber ich habe gestern doch noch eines gekauft …«

»Ich will es nicht sehen«, unterbrach ihn Riordan, in scharfem Ton. »Schicken Sie sie beide an Victoria Millburn, c/o Tambora Station, Wombat Creek, Südaustralien.« Riordan setzte sich an seinen Schreibtisch und nahm einige Papiere. Ein vergeblicher Versuch, um sich abzulenken. Kelvin spürte, dass ihn etwas bedrückte.

»Stimmt irgendetwas nicht, Sir? Sie sehen … so anders aus heute Morgen!« Der Geschäftsführer ahnte, dass Riordans eigenartige Verfassung etwas mit Lady Bowers zu tun haben musste, doch er hatte nicht den Mut, genauer nachzufragen. Kelvin starrte auf das Bild, das – noch immer in das braune Packpapier gewickelt – an der Wand lehnte. Vermutlich war sein Arbeitgeber einfach nicht neugierig genug gewesen, um es auszupacken. Er hatte keine Ahnung von den inneren Qualen, die Riordan seit mehr als einer Stunde ausstand, während der er mit dem fast unwiderstehlichen Drang gerungen hatte, das Porträt aus seiner Papierhülle zu befreien.

»Ein Riesenzufall, dass Lady Bowers ein Bild desselben Künstlers besaß, der auch die Zigeunerin gemalt hat, nicht wahr, Sir?«, meinte Kelvin, der nach Gründen für Riordans bedrückte Stimmung suchte.

»Das war kein Zufall«, gab dieser müde zurück. »Ich dachte, Sie hätten einen so guten Blick für Details?«

Die Kritik verblüffte Kelvin. Irgendetwas stimmte absolut nicht. Er verstand nicht, wie der Schleier auf seinen Schreibtisch gelangt war, und Riordan gab ihm ebenfalls Rätsel auf, weil er völlig verändert wirkte.

»Tut mir Leid!«, sagte Riordan jetzt, fuhr sich mit den Fingern durch die dichten, blonden Haare und stieß einen abgrundtiefen Seufzer aus. »Sie sind in dieser Sache nicht dümmer als ich gewesen, und der Fairness halber muss berücksichtigt werden, dass die Lady einen Schleier trug!« Kelvin sah die dunklen Ringe unter den Augen seines Arbeitgebers, deutliche Zeichen einer schlaflosen Nacht. »Haben Sie keinerlei Ähnlichkeit zwischen Ta … Lady Bowers und der Zigeunerin auf dem Bild entdeckt?«

»Eine Ähnlichkeit? Zwischen Lady Bowers und einer Zigeunerin?!« Kelvin konnte es nicht fassen, und seine Verwirrung steigerte sich von Minute zu Minute.

»Ihre Gesichtszüge, Kelvin! Ich weiß, sie waren kaum zu sehen, aber haben Sie nicht bemerkt, dass sie ähnlich aussah? Ich dachte, es wäre Ihnen vielleicht aufgefallen, weil die Beleuchtung hier sehr gut ist.«

Kelvin sah sich das Porträt genauer an. Dabei legte er eine Hand unter sein Kinn, eine seltsame, fast weibliche Pose, die er immer dann einnahm, wenn er sich ganz auf die Betrachtung eines Kunstwerks konzentrierte. »Als ich sagte, dass ich das Bild kaufen würde, hat sie ihren Schleier gelüftet … Ich fand es eigenartig …«

Riordan sah ihn an, und auf seinen Zügen lag plötzlich ein Ausdruck tiefer Traurigkeit. »Dann haben Sie also eine Ähnlichkeit bemerkt?«

Kelvin besah sich das Gemälde noch genauer. »Jetzt, wo Sie es erwähnen, sehe ich sogar eine verblüffende Ähnlichkeit. Vor allem die Augen …« Er wandte sich zu Riordan um, angestrengt nachdenkend. »Gestern habe ich überhaupt nicht darüber nachgedacht. Aber die Kleidung der Zigeunerin ist geschmacklos, fast obszön, während Lady Bowers standesgemäß und ordentlich gekleidet war – vielleicht ein bisschen altmodisch, aber gänzlich angemessen für ihre persönlichen Umstände. Ihre Haare konnte ich nicht sehen, aber es ist unwahrscheinlich, dass es dieselbe Farbe hat wie das der Zigeunerin – dieses dunkle Rotbraun«, fügte er hinzu, und es klang fast wie ein Kompliment. »Warum fragen Sie, Sir? Lady Bowers hat doch sicher nichts mit dieser … Frau zu tun, nicht wahr?«

»Das ist eine lange Geschichte, Kelvin – aber Lady Bowers und die Zigeunerin auf diesem Bild sind sogar ein und dieselbe Person.«

Kelvin stieß überrascht die Luft aus.

»Erinnern Sie sich noch daran, wie ich vor sieben Jahren eine ganz bestimmte Frau gesucht habe?«

Der Geschäftsführer nickte stumm. Es war sehr unwahrscheinlich, dass er diese dunkle Zeit jemals vergessen würde. Er hatte damals die Galerie allein geführt, sich um Ankauf, Katalogisierung und Verkauf gekümmert, während Riordan wie besessen gewesen war. Niemand hatte ihn zur Vernunft bringen können – er hatte weder Kelvin noch jemand anderem viel über die Einzelheiten erzählt, doch seine Suche hatte fast in einer Tragödie geendet, als er durch die Hände von Zigeunern beinahe sein Leben verloren hätte. Keiner von seinen Freunden wusste genau, was er im Chelms Wood, Tipperary, gemacht hatte, aber man vermutete, dass er einem Raubüberfall zum Opfer gefallen war. Die Einheimischen jener Gegend jedoch schrieben das Geschehen sehr viel dunkleren Mächten zu.

»Ich habe damals die Frau auf diesem Bild gesucht«, erklärte Riordan.

Kelvin starrte ihn fassungslos an. Er konnte nicht begreifen, dass Riordan für eine Zigeunerin sein Leben riskiert hatte. Sofort dachte er an das Bild, das er gekauft hatte, und seine Augen weiteten sich. »Ist das Gemälde denn eine … Fälschung?«

»Das Gemälde ist völlig unwichtig, Kelvin.«

»Unwichtig? Ich habe ihr eine Menge Geld dafür bezahlt!« Kelvin war sehr stolz darauf, dass ihm bislang niemand etwas hatte vormachen können, obwohl es schon viele versucht hatten – doch wie es schien, war es der Zigeunerin tatsächlich gelungen.

Zum ersten Mal, seit Kelvin für ihn arbeitete, und das tat er immerhin mittlerweile seit fast neun Jahren, erkannte Riordan, dass sein Angestellter wirklich ein engstirniger Mann war, ganz wie Tara es gesagt hatte – und diese Erkenntnis erschreckte ihn.

»Ich habe Sie selbst instruiert, jedes Bild des Künstlers zu kaufen, der die Zigeunerin gemalt hat, erinnern Sie sich? Aber das Gemälde ist wirklich unwichtig – Sie brauchen sich deshalb keine Gedanken zu machen, und es sollte Ihnen auch nicht den Schlaf rauben.«

Kelvin hörte gar nicht richtig zu. Der Gedanke, von einer Zigeunerin hereingelegt worden zu sein, schockierte ihn zutiefst. »Ich wusste doch, dass das Bild wertlos war. Ich verstehe nicht, warum Sie mich angewiesen haben, so eine Summe für etwas so Schlechtes zu bezahlen … So etwas könnte sogar unseren guten Ruf ruinieren!« Ihm fiel wieder ein, wie herablassend die Frau sich ihm gegenüber benommen hatte, und heiße Kränkung schoss in ihm hoch. »Die hat vielleicht Nerven, sich als echte Lady auszugeben!«

Riordan fühlte, wie er wütend wurde, doch er kämpfte seinen Ärger nieder. »Erstens, Kelvin, ist die Zigeunerin in Wirklichkeit Tara Killain und damit eine waschechte Lady. Ninian Killain war früher ein eifriger Kunstsammler, und seine Schwester, Victoria Millburn, ist eine gute Freundin von mir.«

Kelvin sank förmlich in sich zusammen, doch Riordan war noch nicht fertig mit ihm. »Sie sind immer ein loyaler und fähiger Mitarbeiter gewesen, Kelvin, aber manchmal muss man Sie, so scheint es mir, daran erinnern, dass Sie in einem kleinen Farmhaus mit nur zwei Zimmern zur Welt gekommen sind.« Er sah, wie sich sein Angestellter förmlich wand vor Scham. »Sie hatten das Glück, dass Ihr Onkel Ihnen eine Ausbildung bezahlte und dass Ihr Talent in der Kunstszene gefördert wird.«

Kelvin errötete tief und senkte den Blick.

Als er sah, wie sehr er den anderen gedemütigt hatte, schlug Riordan einen sanfteren Ton an. »Tara stammt aus vornehmen Kreisen und hätte normalerweise all die Privilegien beanspruchen können, die damit verbunden sind: eine gute Ausbildung, eine hohe Stellung in der Gesellschaft …« Er schloss die Augen und verstummte, als er daran dachte, was für eine Wendung ihr Leben genommen hatte und welcher Kummer dadurch über ihre Familie gekommen war. »Sie hat sich in einen Mann verliebt … der zufällig ein Zigeuner war. Wir haben nicht das Recht, sie deswegen zu verurteilen, ob wir nun mit ihrer Wahl einverstanden sind oder nicht.« Normalerweise hielt sich Riordan für einen einigermaßen offenen und mitfühlenden Menschen. Jetzt musste er jedoch feststellen, dass diese beiden Eigenschaften ihn im Stich ließen, wenn es um Tara ging. Er überlegte, ob sich das je ändern würde – aber zu seiner großen Erleichterung war es wohl eher unwahrscheinlich, dass er ihr jemals wieder begegnen würde.

Kelvin dachte, dass er lieber verdammt sein wolle, als sein Mitgefühl an jemanden zu verschwenden, der als Zigeuner gelebt hatte. Seiner Meinung nach waren sie nichts als Wilde. Hatte Riordan etwa schon vergessen, dass er von ihnen beinahe umgebracht worden war? Er hätte seine Gedanken gern ausgesprochen, hielt sich jedoch zurück, denn schließlich wollte er seine Stelle in der Galerie nicht verlieren.

»Victoria Millburn bat mich, ihre Nichte zu suchen, und schickte mir das Bild, damit ich sie erkennen konnte.« Riordan war unfähig, weiterzusprechen. Obwohl er Taras Tugend verteidigt hatte, empfand er bei dem Gedanken an ihr Handeln noch immer schmerzhafte Enttäuschung. Wenn er ehrlich war, musste er allerdings zugeben, dass es seine eigene Schuld war. Er hatte aus der Frau auf dem Bild eine Traumfigur gemacht, die darauf wartete, von ihm errettet zu werden. Doch diese Traumfrau hatte nur in seinem Kopf existiert, und nun hatte er sie losgelassen. Plötzlich konnte es ihm gar nicht schnell genug damit gehen, alle Gedanken an die Zigeunerin aus seinem Kopf zu verbannen, wozu er bisher nicht fähig gewesen war. Das Bild an Victoria zurückzuschicken würde der erste Schritt dazu sein.

»Würden Sie mich jetzt bitte allein lassen, Kelvin?«, bat er leise.

Als Tara ins Lager zurückkehrte, fand sie ihre Sachen durchwühlt und überall am Ufer des Liffey verstreut. Ihr Wohnwagen war fort, ebenso wie die Zigeuner. Ganz offensichtlich war Jake nicht bereit, auf sein Geld zu warten, und die Zigeuner wollten sie nicht länger unterstützen. Sie waren nicht ihre Familie und würden es niemals sein. Obwohl sie immer gewusst hatte, wie die anderen zu ihr standen, schmerzte sie ihre Ablehnung doch sehr.

Bei Einbruch der Dämmerung hatte Tara den Beschluss gefasst, sich für diese Nacht ein warmes Bett in einem einfachen Gasthof zu leisten und so ihre üble Lage zumindest für ein paar Stunden zu vergessen. Sie hatte keine Ahnung, wohin sie gehen oder was sie nun tun sollte, und niemanden, mit dem sie darüber sprechen und der ihr raten konnte. In ihrem ganzen Leben hatte sie sich noch nicht so allein gefühlt.

Trotz des bequemen Bettes fand sie fast die ganze Nacht keinen Schlaf. Sie dachte an ihre Tante und das Porträt, das sie in der Galerie entdeckt hatte. Der Schwur ihrer Tante, das Bild niemals aus der Hand zu geben, war ihr noch lebhaft im Gedächtnis. Es musste also einen sehr guten Grund gegeben haben, warum sie sich schließlich doch davon getrennt hatte. Die beiden Frauen waren sich in Taras Jugend sehr nahe gewesen, und nun konnte diese nicht einfach ihr Leben weiterleben, ohne herauszufinden, was aus der Älteren geworden war.

Riordan saß über einigen Papieren, als er in der Galerie ärgerliche Stimmen vernahm.

»Ich verlange zu wissen, wie Sie an diesen Schleier gekommen sind! Wo ist der Besitzer?«

»Bitte, gehen Sie, bevor ich einen Polizisten rufe und Sie hinauswerfen lasse!«

Riordan war gerade aufgesprungen, als seine Bürotür aufgestoßen wurde und Tara erschien, gekleidet als Lady Bowers. Sein Herz drohte auszusetzen, als er sie sah. Gleich hinter ihr erschien ein verlegener Kelvin Kendrick.

»Es tut mir Leid, Sir – ich konnte sie nicht aufhalten. Ich werde einen Constable rufen.«

So überrascht Tara war, Riordan zu sehen, hörte sie doch die Verachtung, die in Kelvins Ton mitschwang, und ihre Nackenhaare sträubten sich.

Riordan ließ sich wieder in seinen Sessel fallen. »Nein, Kelvin – ich werde mit Miss Killain sprechen!« Er barg das Gesicht für einen Augenblick in den Händen, um Kraft zu sammeln.

Mit einem letzten, wütenden Blick auf Tara verließ Kelvin das Büro.

Tara starrte Riordan aus großen Augen an. Er stellte fest, dass sie den Schleier in der Hand hielt, den sie am Abend zuvor weggeworfen hatte.

»Was haben Sie in diesem Büro zu suchen?«, fragte sie und schlug dann eine Hand vor den Mund, als ihr die Erkenntnis dämmerte. »Sie sind doch wohl nicht der Galeriebesitzer?« Tödlich verlegen dachte sie daran, wie hochnäsig sie sich am Tag zuvor ihm gegenüber benommen hatte. Warum hatte sie nur nicht gespürt, dass er der Besitzer war? Wieder einmal hatte ihre Gabe sie im Stich gelassen! Eloisa musste sich irren – sie war ganz sicher keine Seherin!

»Wie konnten Sie mich …«

Riordan unterbrach sie, und in seinem Ton schwang eisiger Sarkasmus mit. »Sie werden doch nicht so weit gehen und mich einen Betrüger nennen, oder?« Er hatte sich vorgenommen, ihr gegenüber freundlich zu sein, doch er schaffte es nicht.

Tara errötete vor Wut und Verlegenheit. »Sie haben mich vorhin Miss Killain genannt. Woher wussten Sie, wer ich bin, und woher haben Sie das Bild, das ich gestern hier gesehen habe?« Sie schaute zu den ausgepackten Gemälden auf dem Boden an der Wand hinüber: Das Bild der Zigeunerin war fort, doch das neue Porträt, das sie der Galerie verkauft hatte, stand noch dort.

Riordan folgte ihrem Blick. »Es ist schon verpackt, um zu Ihrer Tante zurückgeschickt zu werden«, sagte er. »Das hätte ich schon vor Jahren tun sollen! Sie können das andere wieder mitnehmen.«

Tara starrte ihn misstrauisch an. »Woher kennen Sie meine Tante? Und wie sind Sie an das Porträt von mir gelangt? Tante Victoria hat geschworen, es nie aus der Hand zu geben!«

Riordan seufzte und blickte auf die ordentlich gestapelten Papiere vor ihm auf dem Schreibtisch hinunter, ohne sie wirklich zu sehen. Tara kam auf ihn zu, entschlossener als je zuvor, die Wahrheit herauszufinden. Als sie am Schreibtisch angekommen war, blieb sie stehen und starrte auf ihn hinunter.

»Setzen Sie sich doch«, forderte Riordan sie auf, und seine Stimme klang plötzlich müde. »Zwar ist dieses Gespräch mit Ihnen, Miss Killain, das Letzte, was ich will, aber ich bin es Victoria schuldig.« Riordan hoffte, in Frieden weiterleben zu können, wenn die Dinge ein für alle Mal ausgesprochen waren. Tara Killain hatte ihm wahrhaftig genug Probleme bereitet.

Der unerwartete Umschwung in seinem Verhalten ihr gegenüber verwirrte diese. »Ich heiße Tara Flynn – Mrs. Tara Flynn«, erklärte sie in dem plötzlichen Verlangen, ihn zu ärgern, »und das Letzte, was ich will, ist ein Gespräch mit Ihnen. Aber ich denke, das sind Sie mir schuldig.« Sie ließ sich auf dem äußersten Rand des Stuhls nieder, der dem seinen gegenüberstand.

Riordan nickte, verwirrt über die Wirkung, die ihre Nähe auf ihn hatte, und schockiert darüber, dass sie verheiratet war, vermutlich mit einem der Zigeuner, und das verdoppelte seine Wut.

»Fangen Sie am besten damit an, woher Sie meine Tante kennen«, meinte Tara. »Das Letzte, was ich von ihr hörte, war, dass sie nach Übersee gehen würde.«

Riordan blickte auf, direkt in ihr Gesicht und ihre klaren, grünen Augen, und fand es plötzlich schwer, sich zu konzentrieren. Tara war noch genauso schön wie vor sieben Jahre. Bilder von ihrem aufreizenden Tanz tauchten vor seinem geistigen Auge auf, und er musste sich zwingen, zusammenhängend zu denken. Dass sein Körper auf sie reagierte, verärgerte ihn noch mehr. »Ich habe Ihre Tante in Paris kennen gelernt. Ich befand mich auf einer Einkaufsreise für die Galerie. Dann sind wir uns zufällig noch in vielen anderen europäischen Städten über den Weg gelaufen und gute Freunde geworden. Wir blieben sogar in Kontakt, als sie nach Indien ging, wo sie Tom Millburn, ihren späteren Mann, traf.«

Taras Augen wurden groß vor Verwunderung. Sie war so froh, dass ihre Tante endlich ihr Glück gefunden hatte! Riordan bemerkte ihre Freude und schloss daraus, dass Tara ihre Tante wirklich gemocht haben musste. Das machte es noch schwerer zu begreifen, warum sie ihr so ungerührt das Herz gebrochen hatte.

Riordan blickte starr auf einen Briefbeschwerer, einen aus Sandstein geschnitzten Elefanten, den er von einem Kunden geschenkt bekommen hatte. »Tom besaß ein ansehnliches Stück Land mitten in Australien.

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