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Der Ruf der Wollust

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. Kapitel 12
  18. Kapitel 13
  19. Kapitel 14
  20. Kapitel 15
  21. Kapitel 16
  22. Kapitel 17
  23. Kapitel 18
  24. Kapitel 19
  25. Kapitel 20
  26. Kapitel 21
  27. Kapitel 22
  28. Kapitel 23
  29. Kapitel 24

Über die Autorin

Susan Squires wuchs in Kalifornien auf und studierte an der UCLA englische Literatur. Nachdem sie jahrelang einen »ordentlichen« Job ausgeübt hatte, entdeckte sie ihre Liebe zum Schreiben wieder. Ihre außergewöhnlichen Liebesromane wurden mehrfach für Romance-Preise nominiert.

 

Ich mache es kurz:
Dieses Buch ist für Jennifer Enderlin.
Ich frage mich jeden Tag,
womit ich das Glück verdient habe,
sie zur Verlegerin zu haben.

Kapitel 1

Im Tal der Loire, Gallien, 1180

Der Mann lag nackt auf dem dicken türkischen Teppich, der in einem komplizierten Muster aus Rot und Gold gewebt war. Er schwitzte vor Anstrengung. Sein Körper glänzte im Feuerschein. Beatrix beobachtete, wie Asharti mit den Fingern durch sein blondes Haar strich und seinen Kopf nach hinten zog. Die Darbietung seiner Kehle erregte den Gefährten in ihr. Sie zitterte vor der Macht seines Verlangens.

Asharti sah sie an. Ihr Lachen war lüstern. »Willst du ihn ausprobieren?«, fragte sie mit ihrer tiefen, heiseren Stimme, die nach Hitze und Wüstensand klang. Ihre Nase war schmal und gerade, ihre Augen waren gefährliche, von Kajal gerahmte schwarze Seen, ihre Lippen voll, und ihr Körper wirkte geschmeidig und schimmerte golden. Jeder hätte sie schön genannt. Asharti trug ein Gewand aus schwerem rotem Samt, das sie vor der feuchten Kälte dieses abgelegenen Außenpostens schützen sollte, der von den Römern aufgegeben worden war. Aber heute Nacht vor dem flackernden Feuer hatte sie es geöffnet, um ihre schweren Brüste zu enthüllen, deren dunkle Brustwarzen sich vor Erregung aufgerichtet hatten.

Beatrix schaute auf den muskulösen männlichen Körper herunter. Ein englischer Ritter, der ins falsche Dorf geraten war. Sein Geschlecht lag schwer auf seinem Bauch. Sein hungriger Blick war auf Asharti gerichtet, die noch immer sein Haar streichelte. Die Luft war gesättigt vom Geruch von Blut.

Beatrix gelang es, den Kopf zu schütteln, obwohl ihre Adern vor Verlangen schmerzten.

Asharti zuckte mit den Schultern; ein spöttisches Lächeln lag um ihre Lippen. Die einzige Frau, die Beatrix’ quälendes Verlangen verstand, ließ ihre kajalgeschminkten Augen rot aufglühen – so rot wie der Samt ihres Gewandes.

London, März 1811

Beatrix zitterte, ihr Puls pochte. Sex und Blut, miteinander verwoben. Es waren nur Erinnerungen. Sie durfte nicht zulassen, dass diese Bilder aus der Vergangenheit sie überwältigten. Sie schüttelte den Kopf, um wieder klar zu denken. Es war so lange her. Fast schien es, als wären jene Dinge jemand anderem widerfahren, aber gewiss nicht ihr. Wer war sie? Sie schaute sich um, als sei die Antwort auf diese Frage in ihrem luxuriös ausgestatteten Salon zu finden. Unter den Lüstern aus venezianischem Glas und Gemälden in schweren vergoldeten Rahmen rauchten Männer genussvoll ihre Zigarillos, unterhielten sich miteinander und tranken dazu einen 87er Claret aus ihrem Weinkeller. Beatrix’ Blick blieb an den runden Formen von Regnaults Venus hängen. Die Statue strahlte Ruhe aus, Sicherheit. Beatrix holte tief Luft, um ein wenig von dieser Gelassenheit in sich aufzunehmen.

Ja, jetzt war es besser. Sie blinzelte. In diesen Tagen war ihr Name Beatrix Lisse, Gräfin von Lente, und heute hielt sie in ihrem eleganten Haus am Berkeley Square Hof, wie sie es an jedem Dienstag und Donnerstag tat. Fast jeder, der Einfluss in der Londoner Gesellschaft hatte, fand sich hier ein – jedenfalls die männliche Hälfte davon. Und nicht einer dieser Männer sagte etwas, das Beatrix nicht schon Tausende Male zuvor gehört hatte. Aber egal. Sie unterdrückte ihre Verzweiflung. Und war überrascht – es war doch Verzweiflung, oder nicht?

Einige der jüngeren Männer starrten sie an. Sie hatten ihre Stühle dicht an das Sofa herangezogen, auf dem Beatrix ruhte. Einige der Gesichter glänzten vor Erwartung, und der Ausdruck auf ihnen grenzte an Verzückung. Dumme Kreaturen! Sie glaubten ihrem Ruf als Kurtisane. Einige andere der männlichen Gäste runzelten besorgt die Stirn. Das waren jene, die bemerkt hatten, dass Beatrix heute zerstreut wirkte. Vielleicht war es der Hunger, der sie verletzlich machte. Besser das als Wahnsinn. Um sich von diesen Gedanken abzulenken, begann Beatrix eine Unterhaltung.

»Sie haben mir doch den berüchtigtsten Mann Englands versprochen, Melly«, tadelte sie den eleganten jungen Müßiggänger neben sich. Vielleicht würde ein legendärer, verruchter Frauenheld sie von der Dunkelheit ablenken können, die sie in sich anschwellen spürte. »Wo ist er?« Sie lehnte sich mit all der lässigen Ungezwungenheit und dem spöttischem Überdruss zurück, die man von ihr erwartete. Diese grünen Jungen hatten doch keine Ahnung, was wahre Ausschweifung war.

Im Kreis der Bewunderer wallte Besorgnis auf. Ihre Göttin war verärgert. Gekleidet in die albernsten Auswüchse der Mode, kopierten sie Beau Brummell, waren dabei aber nicht imstande zu begreifen, dass seine Kunst in der Beschränkung lag. Ihre Krawattentücher waren so gewaltig, dass sie kaum noch den Kopf bewegen konnten, und ihre engen Hosen glänzten in blassem Gelb oder Taubengrau. Außerhalb dieses Kreises an unreifen Schönlingen hielten sich die höherklassigen Vertreter der englischen Gesellschaft auf, Minister und Lords, Modeikonen und Künstler. Sie kamen in Beatrix’ Salon, um sich zu unterhalten, dabei Champagner zu trinken und gesehen zu werden. Alles wartete darauf, Bonmots mit der Kurtisane auszutauschen, die zurzeit nicht nur die begehrteste war, sondern darüber hinaus auch noch als gebildet galt. Einige wollten jedoch mehr als das. Einer von ihnen würde heute Abend mehr bekommen, wenn auch nicht das, was er erwartete.

»Er … wird gewiss noch kommen, Gräfin«, versprach der sehr reiche und sehr beeindruckende Lord Melford. »Er gab mir seine Zusage, bevor er zu seinem Landsitz aufgebrochen ist.«

»Ich glaube nicht, dass dieser Unvergleichliche existiert.« Beatrix verzog die Mundwinkel nach unten.

»Oh doch, es gibt ihn«, protestierte Alvaney. »Er hat eine Wohnung in Albany House. Ich wohne dort in Nummer vier und sehe ihn gelegentlich.«

»Aber haben Sie ihn heute gesehen?«, fragte Beatrix gedehnt. Sie durfte sich ihre Qual nicht anmerken lassen.

Alvaney wirkte niedergeschlagen. »Verdammt! Ich kann nicht behaupten, dass ich das hätte.«

Beatrix brachte ein Schulterzucken des Missvergnügens zustande. Falls es ihr Hunger war, der sie anfällig für den Ansturm von Erinnerungen machte, könnte sie sich heute Nacht noch darum kümmern.

»Ich … ich könnte zu Ihrer Unterhaltung einige Verse rezitieren, Gräfin.« Blendons Wangen färbten sich rot. Sie alle waren so lächerlich jung.

»Ich habe Ihre Verse bereits gehört«, erwiderte sie und war selbst über ihre Sanftmut überrascht.

»Ah, ja«, sagte er, und die Röte in seinem Gesicht wurde noch tiefer. »Ja, das haben Sie.«

»Sie waren recht ansprechend.« Das waren sie selbstverständlich nicht gewesen. Aber manchmal mochte sie die Schüchternen. Er hatte nicht den Körperbau, den sie vorzog, aber das war vielleicht durchaus zu seinem Besten. Seine Figur wirkte geschmeidig. Er hatte sicher eine glatte Brust fast ohne ein Haar. Deshalb kam vielleicht doch eher Blendon infrage. Hinter Blendon unterhielten sich Castlereagh, der Sekretär des Außenministeriums, und Wellesley-Pole, Irland-Minister und Bruder Wellingtons, über Politik. Beatrix hob ihre schmale weiße Hand. »Mr. Castlereagh, ich bitte Sie, kein Wort mehr über die Frage der Emanzipation der Katholiken. Wenn sie masochistisch genug veranlagt sind, für ein Amt kandidieren zu wollen, warum sollte man sie nicht einfach lassen?« Zwei junge Männer kicherten.

»Die Antwort auf diese Frage könnte das Land spalten«, erklärte Castlereagh mit finsterer Miene.

»Oh, das bezweifle ich.« Beatrix seufzte. »Sie wären überrascht, wie viel es braucht, ein Land zu spalten.« Ihre Aufgabe war es, den Abend ohne eine weitere Entgleisung durchzustehen.

»Bei mir ist es der Milchmangel, der meinen Haushalt spaltet«, schmollte Melford. »Die Köchin macht die Haushälterin dafür verantwortlich, welche wiederum den Kaufmann beschuldigt, die Milch nicht regelmäßig zu liefern, sondern sie zu horten.«

»Lady Wentworth sagt, Ihr Teint sei das Ergebnis von Milchbädern, Lady Lente«, meinte Blendon verwegen.

»Und jetzt kaufen alle Ladys den gesamten Milchvorrat auf, um auch in Milch zu baden!«, rief Melford.

Beatrix seufzte. Es war wirklich unglaublich leicht, zum letzten Schrei zu werden. »Genau genommen ist es wichtiger, nicht in die Sonne zu gehen.« Irgendetwas Interessantes musste jetzt und hier passieren, etwas, das sie noch nicht tausend Mal zuvor erlebt hatte, oder sie würde wieder die Beherrschung verlieren.

Blendon, der auf einem kleinen Schemel zu ihren Füßen hockte, schaute zu ihr hoch. »Die Ladys bedrängen auch die Parfümeure, den Duft zu kopieren, den Sie tragen, Gräfin.«

»Zimt«, warf Lord Halmore ein, der sich zu der Schar um Beatrix gesellt hatte. »Und noch etwas anderes. Werden Sie uns verraten, was es ist?«

»Das bleibt mein Geheimnis, Mylord«, murmelte Beatrix. Das wahre Geheimnis? Sie trug gar kein Parfüm.

Abende wie dieser dehnten sich ins Endlose. Fröhlichkeit allein konnte den Schutzwall nicht aufrechterhalten. Die Kunst war immer ihre Zuflucht gewesen. Sie schaute auf die mittelalterlichen Wandbehänge, die sie umgaben, auf die Gemälde und das römische Glas, auf das chinesische Porzellan mit der graugrünen Glasur. Wie lange würde die Kunst sie noch schützen können?

Vielleicht war das Kloster von Mirso die einzig wahre Zuflucht für jemanden, wie sie es war. Der Gedanke deprimierte Beatrix. Sie hätte nie gedacht, dass sie einmal an diesen Punkt kommen würde. Aber Mirso war besser als der Wahnsinn.

Wellesley-Pole öffnete den Mund. Sicherlich wollte er das Gespräch wieder auf die Politik lenken. Sie könnte das nicht ertragen. »Gentlemen, ich habe Kopfschmerzen. Bitte entschuldigen Sie mich.« Sie erhob sich, flüsterte Symington etwas ins Ohr und verließ den Salon. Schockierte Blicke folgten ihr. Der Rückzug würde ihrer aller Begehren, wieder eingeladen zu werden, nur noch mehr anfeuern. Der Hunger in ihren Adern wurde noch etwas grimmiger.

In dem kleinen Zimmer, in dem ihre Lieblingsgemälde hingen und ihre Lieblingsbücher standen, versuchte Beatrix sich wieder zu fassen. Morgengrauen in zwei Stunden. Die letzten Gäste wankten zu ihren Kutschen. Der Türklopfer klapperte leise, als die Tür sich schloss. Sie hörte alles überdeutlich. Symington kündigte Blendon an.

»Jetzt, lieber Blendon, können wir endlich allein sein.« Sie musste damit auskommen. Die Zeit wurde knapp.

Blendon errötete bis unter die Haarwurzeln. »Es ist … es ist mir eine Ehre.«

»Wollen Sie heraufkommen und mir behilflich sein, mein Haar zu lösen?« In ihr Boudoir gebeten zu werden, um ihr bei der Toilette zuzusehen, war eine begehrte Auszeichnung. Erwählt zu werden, jene kunstvolle Frisur zu lösen, bedeutete das Nirwana für den auserkorenen Glücklichen – weil er glaubte, sein Ziel fast erreicht zu haben. Aber so war es nicht.

Blendon machte große Augen und nickte eifrig. Er hatte gewiss die Geschichten über ihr Können in Liebesdingen gehört. Diese Geschichten verliehen ihr Macht. Sie ging auf die breite Haupttreppe zu. Einige diskrete Dienstboten dämpften das Licht. Dunkelheit folgte ihnen, als Blendon sich ihr anschloss.

Sie spürte den Hunger in sich immer fordernder. Sie hatte ihr Bedürfnis zu lange verleugnet. Das war ihr einziges Problem. Sie griff nach dem Kandelaber, der auf einem kleinen Rokokotisch stand. Schatten huschten über Wandteppiche mit Jagdszenen, ließen die Angst in den Augen des Hirsches aufflackern, den die geifernden Jagdhunde mit den hell schimmernden Zähnen in die Enge getrieben hatten. Beatrix spürte das Blut in Blendons Kehle pochen. Sein Atem ging unregelmäßig vor Erwartung. Niemals würde er erraten, was heute Nacht wirklich mit ihm geschehen würde. Denn könnte er es, so würde er schreiend auf die Straße rennen.

Die Verzweiflung, die sie umtrieb, war in ihren Erinnerungen an das Böse in Asharti und an Stephan Sincais Unterweisungen lebendig, obwohl sie seit Jahrhunderten keinen von beiden gesehen hatte. Sie verstand es nicht. Hatte sie nicht ihr Leben damit verbracht, dagegen anzukämpfen, so zu werden wie Asharti? Immer, wenn sie ihren Hunger stillte, rückte das Böse Ashartis näher und drängte sie, Verlangen und Blut miteinander zu vermischen. Aber sie tat es nicht. Sie war nicht wie Asharti. Nicht mehr. Doch trotz ihres Widerstands sammelte sich die Dunkelheit um sie. Sie hielt ihre Kerze dagegen, aber die Finsternis war stark. Zahllose andere hatte sie schon verschlungen. Und am Ende würde sie gewinnen.

Beatrix schob den schweren Vorhang beiseite und schaute auf die Straße. Jetzt, da sie ihren Hunger hatte stillen können, war sie ruhig. Die Morgendämmerung tauchte die zu Ende gehende Nacht in helles Grau. Blendon stand unten auf der Straße. Am Leibe trug er nur sein Hemd, und er sah verwirrt aus. Das würde ihren Ruf nur festigen. Sie waren ja so beeinflussbar. Sie hatte ihm eingeflüstert, dass sie sich leidenschaftlich geliebt hatten. Seine Fantasie würde die Einzelheiten ergänzen. Sie hatten es nicht getan. Sie hatte mit keinem Mann mehr geschlafen seit … sechshundert Jahren? Zu denken, dass alle sie für eine Kurtisane hielten! Es war absurd. Der Wunsch nach dem Akt an sich war zu einem fernen Gedanken geworden, noch nicht einmal zu einer Erinnerung. Beatrix ließ den schweren Stoff zurückfallen; er war ihr Schutz gegen die Sonne, die bald aufgehen würde. Sie wandte sich ins Zimmer. Zumindest war sie jetzt für eine Zeit lang vor den Erinnerungen sicher. Aber allein schon dieser Gedanke schien etwas in ihr auszulösen, denn unerwartet kam die Erinnerung zurück …

Amsterdam, 1087

Das Kleid war rot und ganz und gar kein Kleid für ein jungfräuliches Mädchen. Sie glühte vor Stolz, als sie mit den Händen über den feinen Wollstoff strich, der sich über ihren knospenden Brüsten spannte. »Danke, Mutter«, wisperte sie. Es war ein wunderbares Geschenk, ein Symbol des Übergangs zur Frau.

»Ja, nun.« Ihre Mutter sah sie an und wandte dann den Blick ab. »Flitterkram, mehr nicht.«

Ihnen gehörte das größte Haus innerhalb der Mauern der mittelalterlichen Stadt, die sich um einen Hafen schmiegte, in dem Schiffe aus weit entfernten Ländern anlegten und ihre Fracht und ihr Geld ausluden. Die Steinmauern des Hauses waren mit Wandteppichen behängt, um die Kälte abzuhalten. Bea beobachtete ihre Mutter, die an ihrem Toilettentisch saß. Das goldene Licht der blakenden Öllampen ließ den Raum warm erscheinen, auch wenn er es nicht war. Mütter sahen wie Mütter aus, und es war schwer zu sagen, ob sie schön waren. Aber Bea hatte viele Männer sagen hören, dass ihre Mutter schön sei, also wusste sie, dass es wahr war. Sie wollte erwachsen werden, um wie sie zu sein.

Beas Mutter bürstete sich das üppige dunkle Haar, bis es glänzte. »Du bekommst allmählich Brüste, Bea.« Es klang wie eine Anklage.

Bea zuckte mit den Schultern, um alle Schuldgefühle abzuschütteln. Aber die Fakten waren schwer zu leugnen.

»Du wirst dich bald verändern.« Die Stimme ihrer Mutter klang hart.

»Wie verändern?«, fragte Bea schüchtern.

Ihre Mutter stand auf; der Saum ihres Kleides schleifte über die Binsen, die auf dem Boden ausgelegt waren. Wie gelähmt schaute sie auf Bea herunter, bevor sie sich unvermutet abwandte und zu ihrer Schmuckkassette ging. Sie war aus geschnitztem Holz und kam aus den Ländern weit im Süden, jenseits des Meeres. Sie wandte sich nicht um, als sie sagte: »Es ist Zeit für mich weiterzuziehen.«

Bea neigte den Kopf. »Wie meinst du das, Mutter?«

»Unsere Art zieht alle zwanzig, dreißig Jahre weiter«, sagte ihre Mutter mit scheinbarem Gleichmut. Sie legte ihre Ohrringe mit den großen schimmernden Perlen an.

»Warum?«

»Die Leute beginnen zu merken, dass wir nicht älter werden, nachdem wir die Zeit der Reife erreicht haben.«

»Älter werden«, sagte Bea nichts. Sie war vierzehn. »Wohin werden wir gehen?« Bea hatte nie einen anderen Ort als Amsterdam gekannt. War es möglich, seine Wurzeln zu kappen und einfach … fortzugehen?

Ihre Mutter sah sie scharf an und wandte dann wieder den Blick ab. »Irgendwohin.«

Bea kannte diesen Ton. Deshalb wagte sie es nicht weiterzufragen. Die Launenhaftigkeit ihrer Mutter ängstigte sie.

Ihre Mutter blickte auf. »Oh, nun schau nicht wie ein verängstigtes Kaninchen drein, Bea«, fauchte sie. Dann murmelte sie: »Du wirst bald herausfinden, dass es nicht das ist, was du bist.«

»Was bin ich denn dann?«, wisperte Bea und hoffte, die Frage ließ sie weniger wirken wie ein furchtsames Kaninchen.

Ihre Mutter wurde schroff. »Ich habe dafür gesorgt, dass du für dich geblieben bist, aber sicherlich hast du bemerkt, dass du nicht wie andere Kinder bist. Oder so wie Marte.« Bea schaute sie nur an, mit großen Augen. Ihre Mutter hob die Hände. »Keine zerschrammten Knie? Keinerlei Krankheiten? Gott weiß, dass du ein kleiner Raufbold bist, aber du musst bemerkt haben, dass du stärker bist als die anderen, schneller laufen kannst als sie. Du kannst Dinge hören, die sie nicht hören können, kannst im Dunkeln sehen, wenn sie es nicht können.«

Bea sagte nichts. Sie wusste, dass sie anders war. Sie hatte sich manches Mal dafür geschämt. Marte nannte sie einen Jungen, weil sie so stark war.

Ihre Mutter legte sich eine Perlenkette um den Hals. Sie fiel über ihre Brüste herab, die der eckige Ausschnitt ihres Kleides aus auberginefarbenem Samt betonte. Sie seufzte erbittert. »Nun gut. Du wirst lernen. Auf die Art, wie wir alle es lernen. Ich war nie für diese Dinge gemacht, musst du wissen.«

Welche Dinge meinte sie?

»Wer konnte auch ahnen, dass du mir aufgehalst werden würdest? Keine von uns hatte ein Kind, so lange wir uns erinnern können. Warum ich? Ich kann nicht …« Sie wurde wütender. Beklommen trat Bea von einem Fuß auf den anderen. »Ach, vergiss es. Geh zu Bett. Ich werde ausgehen.« Ihrer Mutter schien die Stimme zu versagen.

Bea sah nicht nur den vertrauten Zorn in den Augen ihrer Mutter, sondern auch noch etwas anderes. Scham? Angst? Beas Augen weiteten sich für einen kurzen Moment, bevor sie sich umwandte und gehorchte. Ihr Kleid schleifte über die Binsen, als sie in ihr Zimmer ging. Was hatte sie in den Augen ihrer Mutter gesehen?

An jenem Abend war sie in ihrem schönen roten Kleid zu Bett gegangen, aber sie hatte nicht in den Schlaf gefunden.

Am Berkeley Square starrte Beatrix auf das hohe Bett, das von Blendons ekstatischem Erlebnis des Gebens noch zerwühlt war. In jener Nacht vor so vielen Jahrhunderten hatte sie ihre Mutter das letzte Mal gesehen. Als sie am nächsten Morgen von der Kirche nach Hause kam, war Marte tot und ihre Mutter verschwunden. Jetzt überraschte sie das nicht mehr. Ihre Mutter war schlecht dafür gerüstet gewesen, mit einem Kind umzugehen, ganz zu schweigen von dem Aufruhr, den die Pubertät für ihresgleichen bedeutete. Ein winziger Blitz von Zorn flammte in Beatrix’ Brust auf. Hätte ihre Mutter nicht Marte zurücklassen können? Als Trost für ihre Tochter, während der schrecklichen Verwandlung, die danach über sie gekommen war? Aber vielleicht war Marte ohnehin dem Untergang geweiht gewesen. Besser, Marte war durch die Hand ihrer Mutter gestorben, als dass Beatrix sie getötet hätte.

Warum dachte sie jetzt an jene Nacht mit ihrer Mutter? Vielleicht war jene Nacht der Anfang gewesen. Beatrix hatte immer geglaubt, es wären Stephan und Asharti und die schreckliche Zeit gewesen, die darauf gefolgt war. Aber vielleicht hatte es schon damit begonnen, mit diesem … Desinteresse ihrer Mutter für sie. Sie schloss ganz fest die Augen. Damit hatte die Verkümmerung ihrer Seele begonnen. Was war von ihr geblieben? Und war das, was noch von ihr übrig war, es wert zu kämpfen, sich gegen die Dunkelheit zu schützen?

Beatrix versuchte, die Gedanken beiseite zu schieben, als seien es Spinnweben. Die Morgendämmerung machte sie immer melancholisch. Sie zog ihren blutroten Morgenrock enger um sich und kroch in das große Bett. Sie hoffte, der Schlaf würde sie vor ihren Erinnerungen beschützen.

Kapitel 2

John Staunton, Earl of Langley, schlenderte Richtung Westen über den Piccadilly. Er war formvollendet gekleidet in Kniehosen, Abendschuhen, einer makellos gestärkten, kunstvoll gebundenen Halsbinde und einem Mantel, der so eng war, dass er Witherings Hilfe brauchen würde, ihn wieder abzulegen. Er hoffte, dass der Verband an seiner Schulter fest genug saß und sich unter seiner Kleidung nicht abzeichnete. Er wurde heute Abend im Salon der Gräfin Lente erwartet.

Im Schein der modernen Gaslaternen glitzerten die Schaufenster von Regentropfen, und teure Hotels verströmten ihre lärmende Festlichkeit auf die Straße. Der Green Park zu seiner Linken zeigte nur noch nachtschwarzes Gras und die im Frühlingswind tanzenden Silhouetten seiner Bäume. Zwei Franzosen hatten in Calais mit ihrem Leben dafür bezahlt, dass sie ihm die Wunde an der Schulter zugefügt hatten. War das wirklich bereits neun Tage her? Der Earl folgte weiter seinem Weg die Hay Hill Street hinauf.

Eine Bewegung zu seiner Linken und gleich darauf auch hinter ihm erregte seine Aufmerksamkeit. Er fuhr rechtzeitig genug herum, um mit seinem Spazierstock den Schlag eines Knüppels abzuwehren. Sie waren zu zweit. Nein, zu dritt. Stämmige Kerle. John erhaschte einen flüchtigen Blick auf schäbige Kleidung, als er nach dem Angreifer schlug, der ihm am nächsten stand. Mit dem Stock platzierte er einen Schlag auf das Ohr des Schurken. Er rammte seinen Ellbogen in den Bauch des Mannes zu seiner Linken, während er einen Hieb mit einem Knüppel auf seine gesunde Schulter abbekam. Es gelang ihm, den nächsten Schlag mit seinem Rücken abzufangen und seine Verletzung zu schützen. Jetzt fielen sie zu dritt über ihn her. Er bekam einen Schlag gegen die Stirn. Jemand verdrehte ihm die verletzte Schulter nach hinten. Er stieß seinen Stiefelabsatz gegen ein Knie. Es knackte. Einer der Angreifer taumelte rückwärts. Die verbleibenden zwei prügelten weiter auf ihn ein.

Er schleuderte sie von sich. Gerade genug Platz – er zog das Rapier, das in seinem Spazierstock verborgen steckte. Das gab den Kerlen zu denken! John stand kampfbereit da, während er beobachtete, dass der Mann mit dem zerschmetterten Knie sich aufzurichten versuchte. »Nun, Jungs«, forderte er die Männer heraus. »Habt ihr Appetit auf einen Nachschlag?«

Der, der sein Knie umklammert hielt, knurrte: »Schnappt ihn euch, Jungs. Ist doch nur ein Dandy mit ’nem Stachel.«

Die zwei, die noch einsatzfähig waren, stürmten vor. John stieß seinen Degen in einen Oberarm, aber der andere Angreifer landete einen Schlag mit dem Knüppel auf seine verwundete Schulter. John taumelte, ging halb in die Knie. Schläge hagelten auf ihn herab. Aber er richtete seine Schwertspitze nach oben und traf einen Bauch. Er kniete keuchend auf dem Straßenpflaster, während die Angreifer zurückwichen.

»George!«, schrie der, der seinen Arm umklammerte. »Er hat dich aufgespießt!« Sein Kumpan starrte überrascht auf das Blut, das aus seinem Bauch sickerte. Der Anführer wandte sich an den zerlumpten Strolch, der sein Knie hielt. Angesichts von zwei Männern, die am Boden lagen, und eines Anführers, der aus der Armwunde blutete, war das Spiel aus.

»Dafür wirst du bezahlen«, zischte er John an. Sie stützten sich gegenseitig, als sie davonwankten.

John senkte den Kopf, um seinen Magen zu besänftigen. Die dunkle Nacht drehte sich um ihn. Himmel, seine Schulter schmerzte! Sein Kopf dröhnte. Er rostete langsam ein. Drei Gegner, wahrlich, aber kaum mehr als muskelbepackte Kolosse. Es lag an seiner Schulter, das war alles. Nach einer langen Minute hob er den Kopf und probierte aus, ob er wieder etwas sah. Umrisse aus Schwarz und Gold waberten einen Moment lang unheilvoll vor seinen Augen, dann gewannen sie an Kontur.

»Ich fragte, ob es Ihnen gut geht?«

Ein junger Mann mit langem Backenbart und in der Uniform eines Lieutenant Colonel des 12. Leichten Dragonerregiments beugte sich über ihn. John brachte ein Lächeln zustande. »Verdammte Taschendiebe.«

»Verdammte Scheißkerle!« Der junge Soldat griff nach Johns Ellbogen. »Lassen Sie mich Hilfe holen.«

John schüttelte den Kopf, sowohl um ihn klarzubekommen als auch um das Angebot abzulehnen. »Ich bin nur ein paar Schritte vom Berkeley Square entfernt. Ich werde dort erwartet.« Das klang irgendwie dumm. »Ich schaffe es schon, seien Sie ganz beruhigt.«

Eine Kutsche rumpelte vorbei, in der zwei sehr derangiert aussehende Gentlemen nuschelnd über ihre Pläne sprachen, im White’s zu nächtigen. »Ich bin auf dem Weg zur Berkeley Street und kann Sie begleiten, wenn Sie nichts dagegen einzuwenden haben«, sagte der Colonel.

John fuhr sich mit der Hand durchs Haar. »Nicht nötig, vielen Dank.«

Der junge Dragoner zog die Augenbrauen hoch. »Ich bin etwas zu spät gekommen«, sagte er und reichte John seinen Hut. »Exzellente Degenführung. Mein Name ist übrigens Ponsonby.«

John setzte seinen Hut vorsichtig auf die Beule, die er auf seiner Stirn wachsen fühlte. »Langley.«

»Langley? Kein Wunder, dass diese Burschen ihr Fett wegbekommen haben! Himmel, Sie haben eine harte Linke! Ich habe Sie bei Jackson’s gesehen, in einer Runde gegen den Gentleman höchstpersönlich.«

John seufzte über Ponsonbys Eifer und fand sich endlich mit seiner Begleitung ab.

»Und Ihr Duell mit Jepson im letzten November? Sie haben ihm den ersten Schuss gelassen, ganz die Ruhe selbst, und haben ihm dann die Waffe aus der Hand geschossen. Wir haben uns alle gewundert, dass Sie ihn so ungeschoren haben davonkommen lassen. Er war es doch, der den Streit provoziert hat.« Sie wandten sich in Richtung Berkeley Square.

»Ach, aber er war im Recht.« John senkte die Stimme. »Ich hatte seine Frau verführt.«

Der junge Soldat lächelte vor sich hin. »Wenn Sherry davon hört, dass ich Sie getroffen habe … oder Blendon erst!«

John war froh, als er Ponsonby seiner Verabredung in der Berkeley Street überlassen konnte, und ging weiter zum Square. Nummer 46 war ein schönes, ein Stück zurück versetztes Haus aus Portlandziegeln, dessen große Fenster im ersten Stock Licht und Leben in die Dunkelheit warfen. John konnte Männer erkennen; sie standen gegen butterfarbene Wände gelehnt da, die mit Wandbehängen und Gemälden geschmückt waren. Der Klang eines Duetts von Cello und Violine war bis auf die Straße zu hören. Boccherini. Ehe er den Türklopfer hob, zog er die Halsbinde zurecht und schluckte seinen Schmerz herunter. Seine Wunde war wieder aufgebrochen. Aber es war wichtig, dass er heute Abend gesehen wurde. Die Kunde vom Überfall auf ihn würde sich mit Ponsonbys Hilfe schnell verbreiten. Sein Erscheinen heute Abend in diesem Salon würde die ganze Sache herunterspielen. Der Abend würde natürlich unerträglich sein. Er klopfte an die Tür, die in einem unkonventionellen Blau gehalten war. Ein leichtes Unbehagen beschlich ihn. Straßenräuber in der Hay Hill Street? Sehr ungewöhnlich. Er misstraute dem Ungewöhnlichen. Der Diener ließ ihn ein.

Beatrix schaute auf. An der Tür war Unruhe entstanden. Alvaney sprang auf. »Da ist er! Ich wusste, er würde nicht vergessen, dass er zugesagt hat!«

»Der Earl of Langley«, verkündete Symington.

Er war groß, aber die Schultern waren zu breit, um elegant zu wirken. Sie zeugten von der Kraft unter dem perfekt geschnittenen schwarzen Rock – das Kleidungsstück war dezent und vermutlich bei Weston angefertigt. Ihr Blick glitt zu seinen Oberschenkeln. Beatrix forderte Kniehosen bei ihren männlichen Gästen, und das trotz der Tatsache, dass sie ein wenig altmodisch waren. Es gefiel ihr, erkennen zu können, wie ein Männerbein geformt war. Und Langleys Beine waren in der Tat sehr muskulös. Das Haar – es war fast schwarz und lockte sich im Nacken – trug er in einer lässigen Unordnung, die ganz und gar nicht zufällig war. Seine Augen waren grün, was zusammen mit diesem schwarzen Haar mehr als bemerkenswert wirkte. Seine Haut war hell und makellos, fast der Teint eines Mädchens, aber um seine Augen und um seinen Mund lagen harte Falten. Seine vollen Lippen drückten Sinnlichkeit aus und wirkten eigentlich kaum männlich, doch der Gesamteindruck zeugte von überwältigender Männlichkeit. Beatrix beobachtete ihn, als er einigen Bekannten zunickte. Seine Begrüßung war fast gleichgültig zu nennen. Sein Blick glitt aufmerksam durch den Raum, als würde er alles speichern, was er sah, dann wurden seine Augen ausdruckslos und verschatteten sich. Hmmm …

»Zwei Tage zu spät«, bemerkte Blendon säuerlich.

»Sie können nicht ernsthaft bedauern, dass er uns versetzt hat«, murmelte Beatrix. »Er hätte Sie vielleicht ausgestochen.«

Blendon besaß den Anstand zu erröten. Alvaney stürmte vor und zog den Neuankömmling mit sich. »Beatrix Lisse, Gräfin von Lente, darf ich Ihnen John Staunton, Earl of Langley, vorstellen?«

Der hochgewachsene Mann kam auf sie zu. Er bewegte sich mit einer angeborenen Lässigkeit, die verriet, dass er seinen Körper gekonnt einzusetzen wusste, ob beim Sport oder im Bett. Er beugte sich über die Hand, die sie ihm entgegenstreckte. Die Locke auf seiner Stirn verhüllte eine Beule, die dabei war, sich zu verfärben, und einen Kratzer. Sie nahm den Geruch von Blut wahr, sehr stark. Es stammte nicht von dem kleinen Kratzer. Nein, der Mann blutete irgendwo oder … oder seine Kleider waren mit dem Blut von jemand anderem befleckt. Sie sah keinen Fleck auf seinem schwarzen Rock. Das ließ vermuten, dass es sein Blut war. Der Geruch weckte den Hunger in ihr, der sich in ihren Adern zu rühren begann.

»Ich habe lange auf das Vergnügen dieser Bekanntschaft gewartet«, murmelte Langley über ihrer Hand, während seine Lippen ihre Fingerknöchel streiften. Seine Stimme klang wie ein Rumpeln tief in seiner Brust.

»Ich habe Sie nicht erwartet, deshalb hatte ich mein Personal nicht instruiert, Sie heute Abend abzuweisen.« Beatrix seufzte.

Langley schaute verwirrt auf. »Lady Lente?« Seine Haltung wirkte ein wenig angeschlagen.

»Sie waren für Dienstagabend angekündigt, Mann«, rief Alvaney, um ihm auf die Sprünge zu helfen.

»Tatsächlich?« Langley sah so überrascht aus, dass Beatrix dachte, es müsste vorgetäuscht sein. Er seufzte ebenfalls. »Nun, man kann kaum erwarten, dass eine Verabredung, die vor über einem Monat getroffen wurde, einem genau im Gedächtnis bleibt.« Er verbeugte sich erneut. »Meine zutiefst empfundene Entschuldigung, Gräfin.«

Der Mann sollte mehr Dankbarkeit zeigen! Einladungen in ihren Salon waren mehr wert als alles Geld des Königreiches. »Ihre Entschuldigung wird zu gegebener Zeit angenommen«. entgegnete Beatrix. »Sie können sich für meine Großzügigkeit erkenntlich zeigen, indem Sie sich als interessanter Gast erweisen.« Er würde es nicht sein. Dennoch wollte sie wissen, warum er blutend an ihrer Tür aufgetaucht war.

In seinen Augen blitzte ein Funke von Rebellion auf, bevor sie wieder ausdruckslos wurden und sich wieder seine Maske herabsenkte. »Eine schwere Aufgabe«, murmelte er. »Denn wenn meine Gastgeberin selbst so interessant ist, dass sie ihr Haus jeden Abend mit Gästen füllt, müssen ihre Erwartungen sehr hoch sein.«

Beatrix war verblüfft. Er hatte ihr die Last zugeschoben, zu beweisen, dass sie interessant war. »Das sieht nach einem Wettbewerb aus, Sir. Das würde einer Gastgeberin nicht gut zu Gesicht stehen, und von einem Gast wäre es recht ungehobelt, deshalb bin ich sicher, dass Ihre Manieren das nicht zulassen werden«, brachte sie schließlich heraus.

»Das sollten sie nicht, obwohl die Manieren sich in meinem Fall als unzuverlässig erweisen könnten«, sagte er stur. »Und das ist ein gefährlicher Zustand, weil Manieren das Einzige sind, was zwischen uns und unserer animalischen Natur steht.«

»Oh, Manieren können im Dienste einer animalischen Natur auch als Waffen benutzt werden«, bemerkte Beatrix sanft. Na bitte, das war dafür, dass er sie herausgefordert hatte.

Er sah keinesfalls verlegen aus. Ganz unerwartet grinste er. »Touché. Pique und Repique.« Das Grinsen machte die harten Linien seines Gesichts weicher.

Sie mochte ihn dafür, dass er sie als Gewinnerin dieser Runde erkannte. »Ein Fechter also?«, fragte sie und ließ ihre Stimme heiser klingen. Sie würde ihn für sich einnehmen und so den Punkt und das Spiel gewinnen.

»Langley ist durch und durch der Sportsmann«, rief Melly. Beatrix hatte ihn ganz vergessen. Seltsamerweise hatte sie alle vergessen. »Verwegener Reiter und Meisterschütze. Und um zu gewinnen, macht er sich bei Jackson’s auch schon mal frei.«

»Ich wette, dass er das tut«, murmelte Beatrix. Langley täuschte Gleichmut vor, aber Beatrix entdeckte ein leichtes Erröten. Der verruchteste Mann Londons war es gewöhnt, der Jäger zu sein, nicht der Gejagte. Und doch blutete er. Vielleicht war er heute Nacht gejagt worden.

»Ihr habt beide ungewöhnlich viel Glück«, bemerkte Alvaney. »Beim Whist würdet ihr ein tödliches Paar abgeben.«

»Sind Sie ebenso so empört, wie ich es bin, Langley?«, fragte Beatrix. »Das Risiko spielt nur eine beschränkte Rolle im Leben, wenn man genug Erfahrung darin hat, sich seiner Umgebung wahrhaft bewusst zu sein.«

»Selbst bei einem Spiel wie Pharo«, stimmte er zu. Hinter seiner lässigen Fassade hervor betrachtete er sie sehr genau. »Aber vielleicht sollten wir Castlereagh fragen. Er ist der Experte. Schließlich gibt es nichts Riskanteres als die Politik.«

Er hatte beschlossen, die Aufmerksamkeit von sich weg zu lenken. Sie entschied sich dafür, es nicht zuzulassen. Sie beugte sich besorgt vor. »Du meine Güte, Mylord. Ihre Stirn! Hatten Sie einen Unfall?«

Langley täuschte wieder Überraschung vor. Jeden außer Beatrix hätte er genarrt. Er berührte seine Stirn. »Herrje, das habe ich gar nicht bemerkt.«

Die anderen Gentlemen sammelten sich um ihn. »Bei Gott, Langley, Sie sind ja verletzt!«, rief Melly.

»Ist ein Ehemann hinter Ihnen her?«, schnaubte Alvaney. »Wir werden nicht fragen, wer sie ist.«

Langleys Miene verfinsterte sich, bevor seine Augen wieder ausdruckslos wurden. »Ein paar verdammte Straßenräuber haben mich in der Hay Hill Street überfallen. Ich habe gar nicht bemerkt, dass sie mich verletzt haben, ansonsten hätte ich mich hier niemals in einem solchen Zustand gezeigt.«

»Straßenräuber in Hay Hill?«, fragten die jungen Männer wie aus einem Munde. »Was ist nur aus London geworden? Wo waren die Stadtwachen? Haben Sie den Zwischenfall in der Bow Street gemeldet?«

»Setzen Sie sich, Mann!«, drängte Alvaney ihn und stand auf, um ihm seinen Stuhl anzubieten.

Beatrix gab Langley einen Wink, sich zu setzen. Für einen Moment sah er störrisch aus. Doch dann kamen praktische Erwägungen ins Spiel. Er musste die Verletzung spüren. Sie bemerkte, wie steif er sich setzte. Als er sich bewegte, sah sie eine leichte Ausbuchtung an seiner Schulter. Ahhh. Die blutende Wunde war an seiner Schulter, und sie war verbunden worden. Es war also keine frische Verletzung. Er sah jetzt ganz entschieden blass aus.

»Symington, ein Glas Brandy für Lord Langley?« Aber ihr stets aufmerksamer Majordomus beugte sich bereits mit einem Tablett zu ihm, auf dem eine Flasche Brandy und ein Glas standen.

Southey, der prosaische Hofdichter, drängte sich durch die Menge nach vorn. »Ich kann kaum glauben, dass es Straßenräuber in Hay Hill gibt.« Castlereagh und Chumley beugten sich ebenfalls über Langley. Beatrix hatte die Aufmerksamkeit ihrer Gäste verloren. Sie nutzte die Gelegenheit, um Langley zu beobachten. Er trank den Brandy aus, und die Farbe kehrte in sein Gesicht zurück. Er parierte geschickt die Fragen, die die Männer ihm stellten, er gab Antworten, ohne wirklich zu antworten. Es war, als wollte er, dass sie die Straßenräubergeschichte anzweifelten. Einmal bewegte er seine Schulter, und Beatrix sah, wie er vor Schmerz zusammenzuckte. Er war in der Hay Hill Street überfallen worden, aber seine Angreifer hatten ihm die Wunde in der Schulter nicht beigebracht, sondern sie hatte sich während des Kampfes wieder geöffnet, vermutete sie. Und Straßenräuber? Nicht sehr wahrscheinlich. Ah, vielleicht war es dem verruchtesten Mann Londons peinlich, von einfachen Straßenräubern angegriffen worden zu sein, und er wollte, dass seine Zuhörer andere Geschichten ersannen, die seinem Ruf gerechter wurden. Was für eine verschlagene Art, das zu erreichen! Wenn er sie schockieren wollte, warum erzählte er ihnen dann nicht von der blutenden Wunde an seiner Schulter und durch welches Abenteuer es dazu gekommen war? Beatrix’ Sinne waren durch den Geruch geschärft. Herrgott, aber unter diesen Umständen würde sie heute Abend schon wieder ihren Hunger sättigen müssen!

Fast ohne dass sie es wollte, erhob sie sich und nahm Symington die Flasche Brandy ab. Der Kreis der jungen Männer teilte sich vor ihr, unbewusst, wie die Menschen es immer taten. Dann stand sie vor Langley. Er schaute zu ihr hoch. Die grünen Augen wirkten erschöpft. Für einen Mann seines Alters hatten sie viel gesehen und waren davon angewidert. Wie alt war er? Noch keine vierzig, schätzte sie. Sie bedeutete ihm mit der Flasche, ihr sein Glas zu reichen, und er hielt es ihr hin. Sie schenkte ihm nach, aber ihr Blick kehrte zu seinem Gesicht zurück. Er besaß Entschlossenheit. Er glaubte, unerbittlich zu sein. Dummer Mann! Unerbittlich war das Voranschreiten der Zeit, die Einsamkeit, die endlose Wiederholung von kleinen und großen Versäumnissen der Menschen, in der Welt, bei ihr selbst. John Staunton, Earl of Langley, war nicht unerbittlich.

Er war … Ja, was war er?

Alles, was Beatrix wusste, war, dass Langley nicht das war, was er zu sein schien.

John schaute zu Gräfin Lente hoch, als sie ihm einen weiteren Brandy einschenkte. Sie war auf eine Art verwirrend, die absolut unenglisch war. Ihre Haut war fast transparent, wie die Blütenblätter einer Blume, die nur bei Nacht blühte. Ihr Haar war üppig und von einem dunklen Kastanienbraun. Es erinnerte ihn an Felder, die des Nachts brannten. Ihre Gesichtszüge schienen von vergangenen Epochen zu erzählen. Ihre Nase war gerade und nur eine Winzigkeit davon entfernt, markant genannt werden zu müssen. Ihr Mund wirkte großzügig. Die hohen Wangenknochen gaben ihrem Gesicht eine innere Kraft. Er wäre nicht überrascht gewesen, sie in einer römischen Toga oder in einem Kettenhemd zu sehen. Aber vor allem waren es ihre Augen, die ihn fesselten. Er hatte immer eine Schwäche für kornblumenblaue Augen gehabt. Sowohl Cecily als auch Angela hatten blaue Augen gehabt. Braune Augen hatten immer etwas Langweiliges für ihn gehabt, bis jetzt. Lady Lentes Augen waren so dunkel, dass man sie auf die Entfernung für schwarz halten konnte, doch aus der Nähe waren sie bodenlose Seen voller Ausdruck. Ihre Augen sagten, dass diese Frau Geheimnisse kannte, für die Männer töten würden, damit sie sie ihnen verriet.

Einige dieser Männer umstanden ihn. Sie traten zurück, als sie näher kam, wie Eisenspäne, die von der falschen Seite des Magneten abgestoßen wurden. In der Minute, in der er in dieses Zimmer gekommen war, hatte er ein Summen von Leben gespürt. Jetzt schien es ihm, als gehe es von ihr aus. Man würde immer wissen, wo sie war, einfach weil ihre Präsenz so machtvoll war. Ein unglaublich exquisiter Duft bedrohte seine Sinne – würzig-süß.

Ihr gewagtes Kleid aus erdbeerroter Seide enthüllte eine üppige Figur. Zurzeit waren Pastelltöne in Mode, aber Mode schien unwichtig für eine Frau wie die Gräfin. Gräfin von was?, fragte er sich, während er den Brandy hinunterstürzte. Man erzählte sich, sie komme aus Amsterdam, aber sie sah nicht holländisch aus. Ihr Akzent schien von mehreren Sprachen überdeckt zu sein. Und wo war der Graf? Tot? Hatte es überhaupt jemals einen Grafen gegeben? Eine Frau wie diese konnte ihn ebenso gut ersonnen haben, um sich den Anschein von Respektabilität zu geben und sich die Möglichkeit zu schaffen, sich unabhängig in der Welt zu bewegen.

Die Gerüchte besagten, sie sei die faszinierendste Frau Europas. Das allerdings glaubte er nicht unbedingt. Doch er sah in ihren Augen mehr als die habgierige, selbstsüchtige Kurtisane. Er sah, dass sie fast die Hoffnung verloren hatte. Da gab es keine … Erwartungen mehr in ihr. Es war ein seltsames Gefühl, in Augen wie diese zu schauen. Es ließ einen fast schaudern.

»Fühlen Sie sich besser?«, fragte sie mit dieser rauen Altstimme, die eine Leidenschaft verhieß, von der ihre Augen sagten, dass sie sich nicht sicher war, ob es sie noch gab.

»Ja.« Er bemerkte, dass es im Salon still war, dass alle zuhörten. In Wahrheit hämmerte es in seinem Schädel, und seine Schulter durchbohrte ihn mit Schmerz, wann immer er sich bewegte. Er musste von dieser Soiree wegkommen, bevor er sich in die peinliche Lage brachte, mitten im Salon der Gräfin Lente ohnmächtig zu werden. Dennoch konnte sich seine Schwäche zu seinem Vorteil wandeln lassen. »Eine alte Wunde«, murmelte er. Sollten sie doch den Ruf, der ihm vorauseilte, noch weiter ausschmücken. Sie mussten nicht wissen, dass die Verletzung erst neun Tage alt war.

»Langley«, sagte Southey mit Missbilligung, »irgendein Ehemann wird Sie noch mal umbringen.« Southey sah langweilig aus durch diese gewisse Glattheit, die ihm zu eigen war.

»Sie als Poet müssen ja an die Zwangslagen der Liebe glauben«, sagte John gedehnt.

»Das tue ich.« Southey runzelte die Stirn. »Aber nicht an die Art von Liebe, die Sie praktizieren.«

»Und welche Art Liebe ist das?«, unterbrach die Gräfin. Sie ließ sich in unbekümmerter Herausforderung wieder auf dem Sofa nieder und zog die Augenbrauen hoch.

»Die Art, bei der das Herz nicht beteiligt ist«, entgegnete Southey angespannt.

»Ah, Mr. Southey, Sie tun mir unrecht. Mein Herz ist immer beteiligt.«

»Dann kennt Ihr Herz die wahre Liebe nicht.«

John verlor seine gelassene Contenance nicht. »Ihre wahre Liebe, nun, was ist das? Sie werden sagen, sie verwandelt, macht größer.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Aber vielleicht erfordert es eine eingeschränkte Sichtweise, um sich so intensiv auf eine Person zu konzentrieren, dass man keine Fehler an ihr sieht. Mein Blick geht mehr in die Breite, Mr. Southey. Vielleicht sehe ich die Liebe wahrhaftiger, als Sie es tun.«

»Sie haben beide recht. Liebe macht blind. Aber dieser Zustand dauert nicht ewig«, stimmte die Gräfin zu. »Das allein bringt einen dazu, wieder und wieder danach zu suchen, nach diesem kurzen Moment der Veränderung – eine Sucht, in der Tat. Sind Sie ein Süchtiger, Langley?«

»Nein.« Er sollte es dabei belassen. Was sollte ihn schon dazu veranlassen können, dies vor dieser armseligen Schar näher auszuführen? »Das würde bedeuten, dass beide an die Macht der Liebe glauben, etwas zu verändern, und an eine Schwäche, die ich nicht akzeptiere. Ich suche das Vergnügen. Nach mehr verlangt mein Herz nicht.« Glaubte er das? Oder war es die Katastrophe, die ihm vor zwanzig Jahren widerfahren war, die ihn so reden ließ? Auf jeden Fall erzeugte diese Antwort das angemessene Aufsehen. Ein Raunen ging durch die Menge.

»Wenn die Rede auf die wahre Liebe kommt, ist es Zeit, den Abend zu beenden«, erklärte die Gräfin und erhob sich. Sie klatschte in die Hände. »Die Kutschen, Gentlemen. Die Dienstboten werden sich um Sie kümmern.«

Es folgte der allgemeine Aufbruch. Offensichtlich waren die Herren an diese Art von kurz angebundenem Platzverweis gewöhnt. Die Gräfin murmelte freundliche Worte über Lippen, die sich zum Abschiedskuss über ihre Hand beugten. Reiche junge Müßiggänger, wichtige Politiker, Künstler, Schreiberlinge, ein Architekt und ein Admiral, alle defilierten vorbei, um ihren Respekt zu bezeugen. Sie waren wie berauscht, obwohl einige es hinter ihrer Höflichkeit verbargen. Auch John erhob sich, um zu gehen.

»Soll ich Sie in meiner Kutsche mitnehmen, Langley?«, fragte Melford. »Sie sehen nicht gerade standfest aus.«

»Lord Langley sollte erst wieder zu Kräften kommen, bevor er geht«, sagte Lady Lente. In ihren Augen lag unmissverständlich eine Absicht. Mit drollig anmutender Intensität fiel Blendon die Kinnlade nach unten.

»Wie Sie wünschen.« John nickte und ließ sie so wissen, dass es ihr Befehl war, dem er gehorchte, nicht seinem eigenen Wunsch. Vielleicht wäre er auch von sich aus geblieben. Die Gräfin würde eine erfahrene Bettgenossin sein. Seinen Ruf würde es gewiss festigen, und ihren auch, was sie vermutlich wusste. Aber in diesen Tagen ließ er sich auf keine Affäre ein, und er wagte es auch nicht, seine Wunde zu enthüllen. Er konnte die gewünschte Wirkung einfach allein dadurch erreichen, dass er noch einen Moment hier verweilte. John schloss kurz die Augen. Was würden diese Burschen denken, wenn sie wüssten, dass es Monate her war, seitdem er mit einer Frau geschlafen hatte? Es wäre kaum ein Pluspunkt für seinen Ruf. In Wahrheit war es für ihn immer schwieriger geworden. Nicht körperlich. Bislang hatte er weder sich noch seine Partnerinnen enttäuscht. Aber er konnte die Zeit vorhersehen, wenn es so sein würde. Es schien eine immer größer werdende Anstrengung für ihn zu sein, sich mit Frauen … einzulassen, sei es auch nur für ein flüchtiges Intermezzo. Auf dem Kontinent hatte er mit allen geschlafen, auf die er Lust gehabt hatte. Hart, kalt hatte er an den Frauen Rache für Cecily und Angela genommen. Er war nur froh, dass er sich bei diesen sexuellen Freiheiten nicht ein Andenken eingefangen hatte. Aber letztlich war ihm all das öde geworden. Jetzt konnte er für König und Vaterland mit ihnen schlafen, und gelegentlich übermannten ihn seine Bedürfnisse, aber im Grunde genommen fand er daran keinen Geschmack mehr. Er fand an nichts mehr Geschmack.

Er beobachtete, wie die Herren das Haus verließen. Die Gräfin komplimentierte gerade Blendon zur Tür hinaus, als John aufstand. Er hatte sich entschlossen, eine Einladung abzulehnen, für die jeder Mann in London gemordet hätte, dessen war er sich sicher. Er schaffte es vorzutäuschen, dass er fest auf beiden Beinen stand. »Ich muss auch gehen, geschätzte Gastgeberin.«

Ihre fein geschwungenen Augenbrauen zogen sich zusammen. Offensichtlich war sie es nicht gewöhnt, zurückgewiesen zu werden. »Wie Sie wünschen«, sagte sie, und ihre reizende, vibrierende Stimme klang fast ausdruckslos. »Vielleicht werden sich unsere Wege irgendwann wieder kreuzen.«

Er lächelte. »Daran zweifle ich nicht. Sie halten doch jeden Dienstag und Donnerstag Hof.«

»Natürlich nur mit einer Einladung.«

»Dann vielleicht bei anderen Gelegenheiten.« Er würde ihr nicht die Genugtuung verschaffen, ihn verdutzt zu sehen. »Vielleicht auf dem Ball der Herzogin von Bessborough am Sonnabend?« Er bezweifelte, dass die Gräfin eingeladen worden war. Gräfin oder nicht, sie war eine Frau, die außerhalb der Regeln der guten Gesellschaft lebte. Und er wollte sie dafür bestrafen, ihm das Gefühl gegeben zu haben, sich klein zu fühlen.

»Zweifellos«, entgegnete sie glatt. »Oder bei Lady Hertfords Gesellschaft?«

»Ich kann es kaum erwarten.«

Er verbeugte sich kurz und schlenderte in einer gelungenen Imitation von Unbekümmertheit die Treppe hinunter, dorthin, wo die Diener mit seinem Hut und seinem Stock und seinem Mantel warteten.

Was für ein unmöglicher Mann! Jetzt stand sie hier, noch erregt vom Geruch seines Blutes, aber ohne einen Mann, sie zu befriedigen. Er konnte keinen Zweifel an ihrer Absicht gehabt haben. Hatte sie eigentlich je ein Mann zurückgewiesen?

Beatrix lief die Treppe hinauf in ihr Boudoir, wobei sie ihren Schal aus schwarzer Norwich-Seide hinter sich herzog. Vielleicht hatte er Zweifel an seiner Leistungsfähigkeit gehabt, denn er musste gedacht haben, sie wollte eine sexuelle Begegnung. Das musste es sein. Er war durch den Blutverlust und den Überfall geschwächt. Was das anbelangte, hätte sie nicht guten Gewissens Blut von jemandem nehmen können, der durch diesen weiteren Verlust vielleicht ohnmächtig werden konnte. Aber was hatte sie eigentlich von ihm gewollt?

Betty half ihr aus dem Kleid. Beatrix hoffte, das Mädchen würde ihre Verwirrung nicht bemerken. Ungeduldig schickte sie die Zofe aus dem Zimmer und versuchte dann, durch tiefe Atemzüge ihr Blut zu beruhigen. Es rührte sich rebellisch in ihren Adern. Sie atmete noch einmal tief ein. Langsam zog sich derjenige, der das Blut mit ihr teilte, in ihren Adern zurück. Das Rühren wurde weniger heftig. Beatrix seufzte, sie hatte sich wieder unter Kontrolle.

Aber hatte sie wirklich die Kontrolle? Sie fühlte sich selbst einen Abhang hinuntergleiten, auf dem sie sich seit vielen Jahren befand. An dessen Fuß war ein schwarzer See, den sie wiedererkannte, aber nicht verstand …

Amsterdam, 1088

Die Diener waren fort, das Haus abgeschlossen. In ihrem zerrissenen roten Kleid hetzte Beatrix durch die schmutzigen Gassen und die sich windenden schmalen Straßen. Sie wollte zu ihrer Mutter. Sie wollte zu Marte. Aber sie waren fort. Martes Genick war gebrochen, und ihre Mutter hatte … sie verlassen. Hatte sie einfach verlassen.

Sie war nicht gut genug gewesen, um geliebt zu werden. Und was würde ihre Mutter jetzt über sie sagen?

Die Nonnen hatten sie zur Näherin ausgebildet und gesagt, dass eine Waise von Glück sagen könnte, eine solche Arbeit zu bekommen. Aber die Frau hatte sie bei Tage losgeschickt, um Besorgungen zu machen, und das Sonnenlicht machte Beatrix mehr und mehr zu schaffen. Ihre Haut brannte, und ihr Kopf schmerzte. Bis sie sich dann eines Morgens geweigert hatte hinauszugehen. Ihre Rebellion hatte eine Tracht Prügel zur Folge gehabt, die vermutlich die erste von vielen sein würde. In jener Nacht war Beatrix in die tröstende Dunkelheit hinausgeschlüpft, um nie mehr zurückzukehren.

Jetzt klaubte sie Abfälle hinter Tavernen zusammen und schlief in einem Mietstall zusammengerollt im Heu bei den Pferden und hatte nur deren Atem, der sie wärmte. Aber ganz egal, wie viel sie aß in diesen Tagen, sie war immer hungrig. War es überhaupt Hunger? Es war eine Art von Kribbeln, von unerfülltem Gefühl, und es wurde stärker.

Heute Abend war es schlimmer als je zuvor. Sie hätte am liebsten geschrien. Einem Straßenverkäufer hatte sie eine ganze Fleischpastete gestohlen und rannte jetzt durch die gewundenen Gassen davon, so schnell sie konnte, um zu den Sümpfen jenseits der Stadtmauern zu gelangen. Als sie allein war, stopfte sie sich große Stücke der Pastete in ihren Mund, bis sie keuchte und würgte.

Aber er hörte nicht auf, dieser quälende, drängende Hunger. Auf allen vieren im Matsch neben der höher gelegenen gepflasterten Straße kauernd, rang sie nach Atem. Wie konnte sie den Schmerz und das Hämmern in ihrem Kopf dazu bringen, zu verschwinden? Sie konnte nicht mehr denken! Der Geruch modriger Verwesung umgab sie. Ein Pferd ging weit entfernt auf der Straße. Gefühle bestürmten Beatrix. Sie wollte zu Marte. Sie wollte …

Sie wollte den Becher mit warmem Blut, den ihre Mutter ihr manchmal zur Schlafenszeit gebracht hatte.

Natürlich! Blut würde den Hunger stillen. Das Klappern der Pferdehufe klang jetzt näher und lauter. Sie hatte zuvor schon versucht, an ihre Lieblingsnascherei zu kommen. Ihre Herrin hatte nichts im Haus gehabt, aber die Straßenverkäufer auf dem Marktplatz verkauften Blut für Würstchen und Puddings. Beatrix hatte dieses Blut gekostet und irgendwie war es nicht das Gleiche gewesen. Woher sollte sie es bekommen? Mutter …

Schluchzen schüttelte sie, als ihr der Rest der Pastete hochkam und sie sich in den Dreck zwischen den Binsen erbrach. Sie konnte das Pferd atmen hören, als es näher kam, und dann noch das Atmen, das des Reiters, und das Pulsieren von … von Blut. Sie stand auf, das Gewicht ihres durchnässten Wollkleides wirkte irgendwie tröstend. Er war ein großer Mann, und er war prächtig gekleidet. Sie konnte in der Dunkelheit gut sehen. Und er pulsierte von dem, was sie brauchte.

Warum war alles so rot? Brannten sie die Felder ab? Der Rauch ließ den Mond dann manches Mal rot aussehen … Sie stieß den Atem aus. Sie war stark. Und der Mann auf dem Pferd hatte, was sie wollte. Was sie brauchte. Es pulsierte dort in seiner Kehle. Das Pferd befand sich jetzt mit ihr auf einer Höhe. Beatrix schloss den Mund und fühlte einen schmerzhaften Stich in ihrer Lippe. Sie konnte ihr eigenes Blut riechen, das aus der Wunde quoll. Die Röte verstärkte sich, und mit ihr kam die Gewissheit, verbunden mit diesem Geruch.

Sie sprang auf die Straße und riss den Mann aus dem Sattel. Mit einem dumpfen Aufprall schlug er zu Boden. Ein Luftschwall entwich seinen Lungen. Das Pferd wieherte vor Furcht und galoppierte davon. Aber Beatrix hatte nur Augen für das Pochen in der dicken Kehle des Mannes. Sie fiel über ihn her, knurrend, riss an seinem Hals. Er schrie und zappelte, aber der Schrei wurde zu einem gurgelnden Geräusch, und da war es, das Blut, in süßer, kupferfarbener Ekstase quoll es in ihren Mund. Sie saugte an dem zerrissenen Fleisch und fühlte sich … lebendig. Ihr quälender Schmerz verschwand. Das Blut des Mannes hörte auf zu sprudeln.

Sie erhob sich von dem Wrack, das einst ein Mann gewesen war. Verschwommen war sie sich bewusst, dass seine Kehle zerfetzt war und dass sie es getan hatte. Seine Augen trübten sich und sein Zucken hörte auf. Wenn jemand ihn fand, würde man sagen, er sei von einem Tier getötet worden, oder von einem Ungeheuer. Ihre Mutter hatte gesagt, sie sei anders. Jetzt wusste sie, warum. Kein Wunder, dass ihre Mutter sie verlassen hatte.

Beatrix wandte das Gesicht zum Mond empor, der so kalt war, verlässlich, mit einem vorhersagbaren Zyklus, wenn man erst sein Geheimnis kannte. Heute Nacht hatte sie das Geheimnis des Hungers entdeckt. Und sie fühlte sich stark. Wie ein starkes Ungeheuer.

Beatrix strich sich über die Augen und massierte sich die Schläfen, als könnte sie so die Erinnerungen vertreiben. Hättest du mir nicht sagen können, was ich war, Mutter? Hättest du mir nicht zeigen können, dass ich nicht so sein musste, dass ich ihnen nicht die Kehle zerfetzen und sie töten musste? Ich habe gedacht, ich bin böse.

Es war Stephan, der ihr von dem Gefährten in ihrem Blut erzählt hatte, der sie zu dem machte, was sie war. Ihre Mutter hatte sich dazu herbeigelassen, ihr während der Kindheit von Zeit zu Zeit menschliches Blut zu trinken zu geben, um den Gefährten ruhig zu halten. Aber als der Gefährte während Beatrix’ Pubertät begonnen hatte, sich und seine Macht zu zeigen, hatte ihre Mutter sie verlassen, weil sie sich nicht die Rolle als Mentor hatte aufbürden wollen. Diese Aufgabe war Stephan zugefallen und, schlimmer noch, Asharti. Aber sie wollte nicht daran denken oder an das, was danach geschehen war.

Diese verdammten Erinnerungen! Sie hatte all das vor Hunderten von Jahren verdrängt. Sie war über den Schmerz hinaus, und sie mied das Böse in diesen Tagen. Was bedeutete es, dass die Erinnerungen jetzt so beharrlich zurückkamen? Was immer es heißen mochte, es konnte nichts Gutes sein.

Sie wandte sich dem riesengroßen Bett zu. Heute Nacht würde sie nicht einmal die Ablenkung haben, den Hunger ihres Gefährten zu sättigen. Sie legte ihren Schlafrock ab. Es war Langleys Schuld. Nach Blendon hätte sie eine ganze Woche oder länger kein Blut gebraucht. Aber der Geruch von Langleys Blut hatte ein Rühren von Leben durch ihre Adern gesandt. Der Gefährte sehnte sich mit einer Macht nach dem Leben, der zu widerstehen fast unmöglich war. Der Rausch von Leben, wenn sie ihn sättigte, war ein Weg, wie sie den Wahnsinn abwehren konnte. Aber er brachte sie auch einem Kontrollverlust am nächsten. Es war ein schmaler Grat. Aber sie hatte die Kontrolle nicht verloren. Nicht bei Blendon.

Beatrix streifte ihr Hemd ab, griff nach dem Seidenkleid aus ihrem Ankleidezimmer und zog es sich über den Kopf. Warum dann hatte allein der Geruch von Blut diese pochende Leidenschaft in ihr ausgelöst? Sie zog die Nadeln aus ihrem hochgesteckten Haar und ließ die kastanienbraune Flut über ihren Rücken wallen. Langley. Irgendetwas an Langley selbst war es gewesen. Sie suchte in ihrer Erinnerung an diesen Abend. Er sah gut aus, war gut gebaut, aber das waren tausend andere Männer auch. Sie war unempfänglich für die körperlichen Reize von Männern. Ein schwer definierbarer Ausdruck um seinen Mund und seine Augen sagte, dass er nicht so hart war, wie er vorgab. Er verbarg etwas; seine Verletzung, sicherlich, aber da war noch mehr. Das war es! Als Meisterin im Verbergen erkannte Beatrix Geheimhaltung, selbst wenn diese als Geringschätzung getarnt daherkam. Was außer einer Verletzung verbarg er noch?

Sie wollte mehr über Langley wissen.

Während sie die schweren Vorhänge sorgsam vor die Fenster zog, kam ihr in den Sinn, dass sie Langley wirklich nicht für den Salon am Dienstag einladen konnte, nachdem sie ihn so offen brüskiert hatte. Natürlich hatte er sie als Reaktion darauf ebenfalls brüskiert, indem er davon ausgegangen war, dass sie keine Einladung für den Ball der Herzogin von Bessborough am Sonnabend bekommen hatte. Was bedeutete, dass er vermutlich dort sein würde. Beatrix stieg in das große Bett und schlüpfte unter die Decke. Sie hatte keine Einladung, natürlich nicht. Aber das ließ sich ändern.

In der Wohnung Nummer sechs in Albany House öffnete Withering die Tür. Ganz offensichtlich hatte er Johns Anweisung missachtet, nicht auf ihn zu warten. Jetzt warf er nur einen Blick auf seinen Herrn und ergriff seinen Arm.

»Benehmen Sie sich nicht wie ein altes Weib, Withering«, protestierte John. »Straßenräuber, das ist alles.«

»Ihre Wunde blutet wieder, Mylord, nicht wahr?« Der Mann war in den Fünfzigern, seine Mundwinkel waren beständig heruntergezogen, und seine Kleidung war schlicht und untadelig. Er ging mit John durch dick und dünn. »Falls Sie sich erinnern, Mylord, ich habe Sie darauf hingewiesen, dass dies durchaus im Bereich des Möglichen liegt, da Sie darauf beharrten, heute Abend auszugehen.«

»Ich erkenne Ihre moralische Überlegenheit rückhaltlos an«, murrte John, während Withering ihn entschlossen ins Schlafzimmer führte. Das Zimmer schwankte unheilvoll.

Offenbar erkannte Withering, dass der Sieg über einen Gegner, der nahe davor war, in Ohnmacht zu fallen, ein zu leichter war, und so lenkte er ein. »Lassen Sie uns nach der Wunde sehen, Mylord.«

Nachdem sie ihn unter Schmerzen aus seinem Mantel geschält hatten, legte sich John aufs Bett und gab sich Witherings Fürsorge anheim. Um Witherings Prophezeiungen einer bleibenden Invalidität auszublenden, ließ John seine Gedanken zur Gräfin zurückschweifen. Er konnte verstehen, warum London ihr hörig war. Sie war natürlich wunderschön, aber London hatte Frauen, die es an Schönheit mit ihr aufnehmen konnten. Nein, da war etwas an ihr … eine Abgeklärtheit, der subtile Anschein, alles schon gesehen zu haben und um die Gefahr zu wissen, die darin lag. Es schüttelte ihn. Natürlich hatte eine Kurtisane alles gesehen. Aber da war noch mehr. Sie balancierte an einem Abgrund, und die Stadt sah mit angehaltenem Atem zu.

Er grunzte vor Schmerz, als Withering einen neuen Verband um seine Schulter anlegte.

»Sie sollten den Doktor holen lassen, Mylord.« Das war ein vertrauter Spruch seines Kammerdieners.

»Ich kann mir kein Gerede leisten.« Oder zumindest nicht noch mehr Gerede, als sein Ruf bereits hergab. Sollte die gute Gesellschaft doch schlecht von ihm denken. Sollten Mütter und deren Töchter die Straßenseite wechseln, wenn er ihnen entgegenkam. Aber von seinem Doppelleben mussten sie nichts wissen. Nur Withering wusste von Johns anderer Profession, abgesehen natürlich von Barlow und ein oder zwei anderen in der Regierung. Natürlich wusste sein Kammerdiener niemals Einzelheiten von Johns Missionen oder irgendetwas über Barlow. Dennoch war es fast ein Trost, eine Person außer Barlow zu haben, bei der es nicht nötig war zu heucheln. John war kein Narr. Barlow sorgte sich einzig um seine Einsatzfähigkeit. John war nützlich, er war der beste Geheimagent, den England gegen Napoleon hatte, in einem Krieg, der erschreckend einseitig geworden war. Wenn Barlow ihm befahl, herauszufinden, was in Frankreich vor sich ging, dann tat John das.

Etwas ging vor sich, das war sicher. Vier tote britische Agenten, und alle waren auf die gleiche grausame und unerklärliche Weise gestorben. Barlow hatte Johns Bericht kaum geglaubt, demzufolge die Opfer völlig blutleer gewesen waren. Der französische Geheimdienst agierte in letzter Zeit äußerst erfolgreich. Gerüchte besagten, es gäbe einen neuen Leiter an dessen Spitze. Aber er und Barlow würden diesen Abscheulichkeiten ein Ende setzen. John biss die Zähne zusammen.

Das war es! Das war es, was so faszinierend an der Gräfin war! Sie hatte Geheimnisse, genau wie er, und er würde wetten, dass sie beide sich in nichts nachstanden. Withering wollte ihm etwas Laudanum geben, aber John schüttelte den Kopf. Er wollte bei klarem Verstand sein. Verstand. Welcher Verstand? Hier lag er und sehnte sich nach einer Frau, die wie alle anderen Frauen war, die er in seinem Leben gekannt hatte, ohne jede Spur von Tugend und ohne Ehre …

Das Geheimnis, das ihn am meisten störte, war jedoch, dass er die Gräfin wiedersehen wollte.

Kapitel 3

Witherings düstere Prognosen mochten sich nicht bestätigt haben, dennoch fühlte John sich auch am Freitag noch immer nicht besser. Er blieb den größten Teil des Tages in seinem Schlafrock, und obwohl er das Angebot seines Kammerdieners ablehnte, einen Arzt zu holen, fügte er sich doch widerspruchslos Witherings Fürsorge und trank die vertraute Mixtur aus rohen Eiern und Pfeffer, ohne zu klagen. Er wollte eben Witherings Ansinnen zustimmen, ein frühes Abendessen zu besorgen, um in seinen Räumlichkeiten zu essen, als vom Portier eine Nachricht heraufgeschickt wurde.

Auf dem Schreiben prangte Barlows Siegel. »Das ist alles, Withering«, sagte John, während er den Umschlag aufriss. Er überflog die einzige Zeile, die die Nachricht umfasste. »Abendessen in Brooks’ oberen Räumen. Neun Uhr. Barlow.«

»Withering«, rief John. »Ich werde bei Brooks essen. Legen Sie einige Halsbinden heraus.« Hatte Barlow die Identität der Spinne im Zentrum des neuen französischen Geheimdienstnetzes bereits gelüftet?

»Ja, Mylord«, sagte Withering seufzend.

Genau genommen fühlte es sich gut an, in die frische Märzluft hinauszutreten, dachte John, während er die Duke Street hinunterging. Zu Brooks, wo Barlow ein kleines privates Esszimmer hatte reservieren lassen, war es nicht weit. Bei Dover-Seezunge und Rehrücken und Wintergemüse als Beilage sprachen sie über belanglose Dinge. Barlow war ein alter Mann mit buschigen Augenbrauen, die wie Raupen über seine Stirn krochen. Er war krank gewesen, als John das letzte Mal nach Frankreich aufgebrochen war, so krank, dass John gezögert hatte abzureisen. Aber heute Abend sah Barlow wie das blühende Leben aus. Selbst sein normalerweise von der Gicht schmerzende Fuß schien ihn in Ruhe zu lassen. John fragte sich, ob er Barlow von den Straßenräubern berichten sollte, die vielleicht keine Straßenräuber gewesen waren. Aber er war sich nicht sicher. Während das Trifle serviert wurde, erwähnte John einen heißen Tipp für das Frühlingsrennen in Newmarket. »Turvey hat seine alten Pferde auf die Weide geschickt«, sagte er, während der Kellner eine Flasche Brandy, ein Tablett mit Käse und eine Kiste mit Zigarren auf dem Tisch abstellte. »Und er hat eine neue Trainingsmethode. Sie sollten seine Pferde einmal laufen sehen.«

Die Tür schloss sich leise hinter dem Ober. Beide Männer zündeten sich eine Zigarre an. Der Rauch vermischte sich mit dem Duft des Lavendelwassers, das Barlow trug – eine Spur zu stark für Johns Geschmack. Er zog an seiner Zigarre, lehnte sich zurück und sah zu, wie Barlow den Rauch ausstieß und die bernsteinfarbene Flüssigkeit in seinem Glas aus geschliffenem Kristall schwenkte. »Sie haben mich gewiss nicht zum Dinner eingeladen, weil Sie sich das Vergnügen gönnen wollten, mich rauchen zu sehen.«

Barlow schaute auf, seine alten Augen blickten scharf. »Wir könnten einen Weg zu der Information aufgetan haben, die wir brauchen«, sagte er langsam. »Aber es gibt dabei ein kleines Problem.«

Wusste er bereits, wer der neue Kopf des französischen Geheimdienstnetzes war? Barlow war in der Tat erstaunlich. John lachte leise. »Nichts, womit Sie nicht fertig würden.«

»Seien Sie sich da nicht so sicher, junger Mann«, schnaubte Barlow. »Nicht, bevor Sie die Situation kennen.«

John fühlte sich nicht gekränkt. Die Lage musste in der Tat diffizil sein, wenn sie Barlow so reizbar machte.

»Ein französischer Agent, der mit den höchsten Kreisen des französischen Geheimdienstes vertraut ist, war an Bord einer Fregatte, die die Blockade bei Brest durchbrochen hat«, sagte Barlow. »Er war unter den Passagieren, die in Spanien von Bord gingen, um nach Gibraltar weiterzureisen.«

»Das klingt vielversprechend. Ich bin sicher, unsere kühnen Landsmänner in der Navy haben ihn sich geschnappt.«

Barlows üppige Augenbrauen schnellten nach unten. »Sein Name ist Dupré.«

»Ihre Vernehmungsbeamten sind sehr gut darin, Franzosen zum Parlieren zu bringen.« John nahm einen Schluck Brandy und beobachtete Barlow. Der alte Mann war wirklich recht aufgebracht.

»Wenn man einen Mann auf die harte Tour befragt, bekommt man falsche Antworten. Das bringt nichts.«

John wollte nicht über Barlows Definition von »harter Tour« nachdenken. Das war Teil des Geschäfts. Dieser bedauernswerte französische Bursche würde wie ein Kanarienvogel singen und alles und jeden beim Namen nennen. John zog an seiner Zigarre und schaute zu, wie der Rauch zur Decke emporstieg. »Sie wollen, dass ich sein Vertrauen gewinne und ihm seine Geheimnisse entlocke.«

Barlow nickte. »Sie werden die Rolle eines Mitgefangenen spielen. Ihr Französisch ist perfekt.«

Johns Gedanken eilten voraus. »Es darf kein Ort sein, an dem die Gefangenen in Einzelzellen untergebracht sind. Es würde zu lange dauern, ihm näher zu kommen. Wie wäre es mit einem Gefängnisschiff im Hafen von Portsmouth?«

Barlow beugte sich eifrig vor. »Ausgezeichnete Idee! Sie werden zusammen untergebracht, unter mäßiger Bewachung. Es wird leicht sein, ihn dazu zu bringen, Ihnen zu vertrauen …«

»Falls ich herausfinden kann, was Sie wissen wollen, müssen Sie den Kerl nicht mehr befragen. Das würde nur offenbaren, dass es ein Leck gegeben hat, und das wäre der Geheimhaltung unserer Bemühungen abträglich.«

Barlows Lächeln war das eines Raubtiers, das über seiner Beute kauerte. »Genau.«

»Wo ist dieser Dupré jetzt?«

»Irgendwo auf dem Atlantik zurück nach England unterwegs. Ich habe diese Information von einem Schiff der Navy. Die Fregatte wird eine Woche später als geplant eintreffen. Eine Woche, um die Gefangenen auf dem Gefängnisschiff unterzubringen … Rechnen Sie damit, in zwei Wochen von mir zu hören.«

John trank den Rest seines Brandys und drückte die Zigarre aus. »Ich werde bereit sein. Portsmouth im April. Das klingt ganz nach ein wenig Urlaub.«

Barlow starrte ihn über die Spitze seiner Zigarre hinweg an. Er hatte noch etwas zu sagen. John blieb sitzen, ein Bein lang ausgestreckt. »Ich glaube nicht, dass wir je einen Mann im Einsatz hatten, der so viel über die Gesamtsituation und die Einsatzorte verschiedener Agenten wusste wie Sie.«

John machte ein ausdrucksloses Gesicht. »Ihre Agenten halten wohl normalerweise nicht lange genug durch.«

Barlow nickte nachdenklich. »Sie sind ein kostbares Gut für uns. Vielleicht sollten wir nicht Sie schicken, um an diese spezielle Information zu kommen.«

John hielt den Atem an. »Sie denken also, ich könnte entweder zum Doppelagenten werden oder unter der Folter zu viel verraten.« Für dieses Problem gab es für Barlow zwei Lösungen. Er konnte John von der Aufgabe abziehen oder ihn töten. John gefiel keine der beiden Möglichkeiten.

Barlows alte Augen hoben sich von der Spitze seiner Zigarre zu Johns Gesicht. »Es ist ein Risiko.«

»Ich kann Schmerzen recht gut aushalten.« Er würde die unausgesprochene Frage, ob er ein Verräter war, nicht beantworten.

»Alle Männer knicken irgendwann ein, Junge.«

»Aber Sie haben keinen besseren. Also werden wir uns diese Unterhaltung aufsparen, bis wir den Kopf des französischen Netzes gefunden haben.« John schlenderte zur Tür. »Ich warte darauf, von Ihnen zu hören.«

»Das werden Sie«, murmelte Barlow, nachdem sich die Tür hinter John geschlossen hatte.

John ging die Hintertreppe des Clubs hinunter. Er war froh, dass er Barlow nichts von den Straßenräubern gesagt hatte. Das hätte ihm nur einen weiteren Vorwand geliefert, jemanden zu schicken, der nicht so fähig war wie John. Die Wahrheit war, dass er sich nur mit dem Adrenalin lebendig fühlte, das bei einem Auftrag durch seine Adern schoss.

Seine Gedanken gingen zehn, zwölf Jahre zurück. Wann war er zu dem geworden, der er war? Nachdem er sich lange Zeit auf dem Kontinent herumgetrieben hatte, immer auf der Flucht vor dem Spott der Welt und vor Angela, war ihm das Leben irgendwann leer vorgekommen. Eines Tages dann, während er in Wien einen Erzherzog unter den Tisch getrunken hatte, war er in den Besitz einiger sehr interessanter Informationen gelangt. Als er am darauffolgenden Nachmittag aufgewacht war, hatte er begriffen, dass diese Informationen seinem Land nutzen konnten. John verzog das Gesicht. Langley, der freiwillige Spion. Er hatte geschworen, sein Leben damit hinzubringen, sein Land zu lieben, wenn er sich schon nicht dazu überwinden konnte, Frauen zu lieben. Schlimm, wie romantisch er gewesen war, selbst noch mit wie vielen Jahren? Siebenundzwanzig? Er hatte gedacht, Sex mit Frauen zu haben, anstatt sie zu lieben, hätte ihn gefühlskalt gemacht. Was hatte er denn schon gewusst, damals? Das war vor dem Töten gewesen, bevor er erkannt hatte, dass er ein verzichtbares Gut für seine Regierung war, bevor er gewusst hatte, was es mit einem machen konnte, wenn man sich mit menschlichem Abschaum abgab.

Er fragte sich, was er tun würde, würde Barlow ihn je abziehen. Er konnte sich nicht vorstellen, wie öde das Leben sein würde, ohne dass es diesen kleinen Sinn hatte. Falls Barlow ihn am Leben ließ …

Beatrix fuhr vor der beeindruckenden Fassade von Bessborough House vor, begleitet von Frederick Ponsonby, einem jungen Colonel des 12. Leichten Dragonerregiments, der zufällig auch der Sohn des Duke und der Duchess of Bessborough war. Der Freitag war für Beatrix absolut interessant gewesen. Nur eine Nacht hatte sie Zeit gehabt, um eine Einladung zu einer exklusiven Gesellschaft zu bekommen, deren Gastgeberin berüchtigt wählerisch war, was ihre Gäste betraf. Beatrix glückte es letztlich immer, in die höhere Gesellschaft vorzudringen, aber die Herzogin und ihresgleichen waren die letzte Bastion, die noch hatte fallen müssen. Eine Herausforderung. Genau genommen hatte ihre Konzentration auf Langleys Herausforderung sogar ihre Erinnerungen für fast zwei Tage in Schranken gehalten.

Das einzige wirkliche Risiko war der Zeitfaktor gewesen. Beatrix war in der Abenddämmerung aufgestanden und hatte nach ihrer Zofe geschickt. Betty musste kaum gedrängt werden, ihr mehr Informationen über die Herzogin zu geben, als Beatrix sich je hatte wünschen können. Als Beatrix erfuhr, dass die Duchess einen noch sehr jungen, wenn auch schon sehr tapferen Sohn hatte, war der Plan schnell geschmiedet. Eine an ihn persönlich gerichtete Nachricht in seine Räume, ein Abend voll der Aufmerksamkeit, die ausschließlich ihm galt; so einfach war es gewesen. Männern gefiel es, wenn man ihnen huldigte. Dann die geseufzte Enthüllung, dass sie leider nicht auf der Gesellschaft am kommenden Abend dabei sein würde, und … die Einladungskarte war um zehn Uhr am Sonnabendvormittag gekommen.

Eine Kurtisane in einer solchen Situation hatte zwei Möglichkeiten. Sie konnte versuchen, sich in die Masse einzufügen und dabei demütiger und angenehmer als jeder andere aufzutreten. Oder sie konnte sich dafür entscheiden aufzufallen und all jenen ein Dorn im Auge zu sein, die der Meinung waren, sie sollte nicht anwesend sein. Beatrix entschied sich stets fürs Auffallen.

Als sie jetzt die Treppe zum großen Säulenvorbau von Bessborough House hinaufging, war sie die Ruhe in Person. Ihr Zobelumhang und der Muff schützten sie vor dem rauen Märzwind. Das Kleid darunter war aus schwerem, dunkelrotem Satin und es würde, das wusste Beatrix schon jetzt, den Neid jeder Frau im Raum wecken, ganz egal wie abfällig sie darüber tuscheln würden, dass die Farbe zu dunkel war, um modisch zu sein. Sie machte sich nichts aus den winzigen Puffärmeln, die in Mode waren, deshalb trug sie die Ärmel bis zu den Ellbogen. Die Schneiderin hatte sie am Saum je mit einem Schlitz versehen, aus dem, der Mode des sechzehnten Jahrhunderts entlehnt, cremefarbene Spitze hervorlugte. An dem eckigen Dekolleté, das Gefahr lief, jeden Moment gesprengt zu werden, wiederholten sich sowohl die Spitze als auch die Schlitze. Dazu trug sie Granatsteine, rostrot und verteilt in einem Nest aus Gold um den Hals sowie auf den Nadeln, die in ihrem Haar funkelten, und an ihren Ohren.

Sie ließ sich vom Diener den Umhang abnehmen. Er war vielleicht nicht hier, sollte er sich von seiner Verletzung noch nicht erholt haben. Ein nagender Wurm der Enttäuschung fraß sich durch Beatrix, doch sie verdrängte ihn. Sie war hier, weil es sie amüsierte, seine Herausforderung anzunehmen. Sollte er sie zufällig sehen, so würde er vielleicht noch nachträglich die Gelegenheit zu schätzen wissen, die er vorgestern zurückgewiesen hatte; aber das war ihr gleichgültig. Natürlich konnte sie ihm nicht wirklich seine Ablehnung vorhalten, wenn er sich zu schwach gefühlt hatte, seinen Teil zu tun. Bedeutete das, sie würde ihm eine zweite Chance geben? Sie und Ponsonby stiegen die Treppe hinauf.

»Beatrix Lisse, Gräfin von Lente.« Ponsonby stellte sie seinen Eltern genau in dem Durchgang zu dem großen, in der ersten Etage gelegenen Ballsaal vor. Beatrix spürte die Verachtung der Herzogin deutlich. Aber sie war schon von bedeutenderen Frauen als der Herzogin verachtet worden. Sie lächelte der Frau zu, die einmal sehr schön und eine intime Freundin des Prinzregenten gewesen war. Sie ließ ihren Blick über deren Kleid aus apfelgrüner Seide und den Turban mit der Feder gleiten. Sie neigte den Kopf zu einem Nicken, gerade ausgeprägt genug, um nicht unhöflich zu sein, aber doch keinesfalls unterwürfig.

»Lady Bessborough«, murmelte sie. »Vielen Dank für die Einladung.«

Die Herzogin sah verwirrt aus. Beatrix konnte spüren, dass Ponsonby errötete. Natürlich hatte seine Mutter nichts davon gewusst. »Viel Vergnügen«, sagte Lady Bessborough und verzog den Mund missbilligend.

»Dank Ihres liebenswürdigen Sohnes werde ich dieses Vergnügen gewiss haben«, murmelte Beatrix und ging weiter. Sollte die gute Herzogin eine Weile darüber zu grübeln haben. Von der Tür aus ließ sie den Blick über die Menge schweifen, während Ponsonby sich bei seiner Mutter unter Stammeleien entschuldigte. Sie entdeckte die hochgewachsene Gestalt nicht, nach der sie suchte.

Doch halt! Dort war er. Er stand abseits in einer Ecke und beobachtete die Gäste, obwohl die meisten Anwesenden im tanzfähigen Alter sich in der Mitte des Saales drehten. Seine Augen waren genauso zynisch und grün, wie sie sie in Erinnerung hatte. Sie sah, dass er ohne große Erwartung zum Eingang schaute, ganz so, als hätte er schon den ganzen Abend dorthin geschaut. Voller Genugtuung sah sie, dass sein Blick erkennend auf ihr verweilte. Sie erwiderte den Blick unerschrocken. Touché. Sie war hier.

Ponsonby trat an ihre Seite und folgte ihrem Blick. »Langley«, rief der junge Colonel und hob die Hand. Er wandte sich aufgeregt an Beatrix. »Ich habe gesehen, wie er Hackfleisch aus drei Schlägertypen gemacht hat. Donnerstagabend in der Hay Hill Street. Mutig. Wollen wir uns nach seinem Befinden erkundigen?«

»Natürlich«, murmelte Beatrix. »Ich bin sehr interessiert an seinem Befinden.«

Ponsonby führte sie durch den Saal zu Langley. »Langley, hören Sie, haben Sie Ihr Martyrium überlebt? Ich wette, Ihnen hat ganz schön der Schädel gebrummt!«

»Nicht der Rede wert.« Er verbeugte sich. »Lady Lente.« Seine Stirn wies eine bunt gefärbte Beule unter der lässigen Haarlocke auf.

»Überrascht, mich zu sehen?«, fragte sie und zog eine Augenbraue hoch.

»Ganz und gar nicht.« Er sah ernst aus. »Ich habe Sie zu dieser Stunde erwartet.«

Aber am Donnerstag noch hatte er gedacht, sie hätte keine Einladung erhalten. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie sich ins Hintertreffen gebracht hatte, falls er erfuhr, dass sie versucht hatte, eine Einladung zu bekommen, um seine Herausforderung zu parieren. Es war zum Verrücktwerden, dass sie so durchschaubar war!

»Hören Sie, Langley, woher kennen Sie die Gräfin? Sie waren doch einen Monat lang nicht in der Stadt!« Ponsonby sah von einem zum anderen. »Berkeley Square … Sie wollen doch nicht sagen, Sie waren auf dem Weg zu … als Sie –«

»Ganz recht, ich wurde an dem Abend bei der Gräfin erwartet«, bestätigte Langley.

»Genau genommen wurde er am Dienstag erwartet und kam zwei Tage zu spät«, stellte Beatrix richtig.

»Ich habe Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um die Verabredung einzuhalten.« Lachten seine Augen sie etwa aus?

»Nein. Nach Ponsonbys Schilderung haben Sie lediglich drei Strolche in die Flucht geschlagen.«

Langleys Blick glitt lässig zu dem jüngeren Mann. »Sie sind also Bessboroughs Sohn.«

Ponsonby schlug die Hacken zusammen und verbeugte sich. »Zu Ihren Diensten.«

»Ich höre, die 12.

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