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Der Ruf der Amsel

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Kapitel 14
  21. Kapitel 15
  22. Kapitel 16
  23. Kapitel 17
  24. Kapitel 18
  25. Kapitel 19
  26. Kapitel 20
  27. Kapitel 21
  28. Kapitel 22
  29. Kapitel 23
  30. Kapitel 24
  31. Kapitel 25
  32. Kapitel 26
  33. Kapitel 27
  34. Kapitel 28
  35. Kapitel 29
  36. Kapitel 30
  37. Kapitel 31
  38. Kapitel 32
  39. Kapitel 33
  40. Kapitel 34
  41. Kapitel 35
  42. Kapitel 36

Über die Autorin

Marcia Willett wurde 1945 als jüngste von fünf Schwestern in Somerset geboren. 1969 heiratete sie einen Marineoffizier, ein Jahr später wurde Sohn Charles geboren. Inzwischen lebt Marcia Willett mit ihrem zweiten Ehemann Rodney und einem Neufundländer in Devon, wo sie sich hauptsächlich dem Schreiben von Romanen widmet.

1

Phyllida Makepeace träumte. Sie murmelte im Schlaf und tastete neben sich. Vom Gefühl des kühlen Lakens wachte sie auf, und sie kuschelte sich tiefer in ihre Decke, um die schönen Traumbilder so langsam wie möglich vor der enttäuschenden Wirklichkeit verblassen zu lassen. Sie hatte geträumt, dass Alistair sie angerufen hatte. Das U-Boot hatte einen Defekt, und sie mussten ein paar Tage an Land bleiben, hatte er ihr erzählt, und sie war herumgewirbelt, um alles für seine Ankunft vorzubereiten.

Phyllida klemmte sich die Decke fest unter das Kinn. Es war fast unmöglich, die großen, hohen Räume der viktorianischen Villa zu heizen, aber sie liebte das Haus mit seinem von Mauern geschützten Garten und der Aussicht hinüber auf Dartmoor. Sie hob den Kopf, um einen Blick auf die Uhr neben dem Bett zu werfen, und wusste, dass die vierjährige Lucy bald aufwachen würde. Trotzdem blieb sie noch einen Moment liegen. Plötzlich erinnerte sie sich an das neue Leben in ihr; ein wohliger warmer Schauder ergriff sie, und sie schlug die Decke zurück und stand auf. In einem von Alistairs alten Hemden und einem Paar dicker, warmer Socken sah sie reichlich merkwürdig aus. Aber mit ihren sechsundzwanzig Jahren war sie immer noch jung genug, seine Kleider auf ihrer Haut als Trost für seine Abwesenheit zu empfinden, und sie zog das Hemd fest um sich, als sie über den Treppenabsatz eilte.

Während sie im ungeheizten Badezimmer vor Kälte zitterte, fiel ihr ein, dass heute Valentinstag war, und sie fragte sich, ob Alistair wohl an sie gedacht hatte. Er war sehr aufmerksam, was besondere Anlässe wie Geburts- und Jahrestage anging, und unternahm große Anstrengungen, damit Karten und Geschenke pünktlich zu Hause eintrafen, wenn er auf See war. Sie liebte ihn so sehr, doch obwohl er ihre Liebe ganz offensichtlich erwiderte, war es ihr immer noch ein Rätsel, warum er ausgerechnet sie und nicht eine seiner vielen anderen Freundinnen zu seiner Frau gemacht hatte.

Ihr großer Bruder Matthew hatte Alistair einmal für ein Wochenende mit nach Hause gebracht, als Phyllida gerade die Ausbildung zur Erzieherin in Norland abgeschlossen hatte und ihre neunmonatige Probezeit absolvierte. Sie hatte sich auf der Stelle in ihn verliebt, seinen Heiratsantrag drei Monate später angenommen und sofort alle eigenen Berufspläne aufgegeben. Mit ihrer fröhlichen, offenen Art stürzte sie sich begeistert in das Marineleben und fand schnell Anschluss. Alistair war damals neunundzwanzig und gerade im Begriff, das Kommando auf einem U-Boot zu übernehmen, und die Frauen seiner Offizierskollegen waren einige Jahre älter als Phyllida. Sie mochten ihr freundliches, zurückhaltendes Wesen, fühlten sich geschmeichelt von ihrem Respekt angesichts der Erfahrung und Klugheit der älteren Frauen und nicht im Geringsten bedroht von Phyllidas Aussehen. Obwohl sie sechs bis sieben Jahre jünger war als sie, erregte ihr Äußeres durchaus keinen Neid. Phyllidas Schönheit war nicht offensichtlich. Ihre Attraktivität war von schlichter, unaufdringlicher Art, nicht so augenfällig, dass sich jemand nach ihr umdrehen würde. Ihr Gesicht war von gleichmäßiger ovaler Form, ihre Augen groß und grau, ihr Lächeln warm. Die Offiziersmesse nahm sie unter ihre Fittiche und hielt große Stücke auf sie, und die Tatsache, dass sie die Frau des Kapitäns war, verdarb sie nicht im Geringsten.

Dass Alistair sie und seine Familie vergötterte, war unschwer zu erkennen, und seine Freunde hatten erleichtert aufgeatmet, als er endlich bereit gewesen war, sesshaft zu werden. Die meisten waren der Ansicht, dass er schon viel zu lange den Herzensbrecher gespielt hatte, aber die etwas Zynischeren – und Abgewiesenen – musterten Phyllida und fragten sich, wie lange es wohl dauern würde, bis Alistair wieder ein Auge auf andere Frauen werfen würde. Was findet er bloß an ihr?, fragten sie sich. Er hatte so viele schillernde, schöne Frauen erobert, und obwohl Phyllida süß war, besaß sie doch kaum die gleiche Klasse und Schönheit wie seine sonstigen Freundinnen. Augenbrauen und Schultern wurden ratlos hochgezogen. Die etwas Gütigeren – und die, die von Phyllidas besonderem Charme bezaubert worden waren – betonten, dass ein atemberaubendes Äußeres nicht alles sei. Alistair, etwas stämmig und nicht größer als der Durchschnitt, entsprach auch nicht dem üblichen Schönheitsideal; jedoch lag etwas in seinem Blick und seinem Lächeln, was bewirkte, dass die meisten Frauen in seiner Gegenwart den Bauch einzogen und sich ärgerten, dass ihre Haare nicht frisch gewaschen waren.

Achtzehn Monate nach der Hochzeit hatte Phyllida eine Tochter zur Welt gebracht, die wie ihre Mutter mit braunen Haaren, grauen Augen und einer heiteren Art gesegnet war. Als Phyllida an diesem Valentinstag in ihr Schlafzimmer zurückkehrte und sich fragte, ob sie wohl eine Karte von Alistair bekommen würde, hörte sie, wie Lucy vor sich hin sang. Phyllida blieb wie immer am Fenster stehen. Die hohen Granitfelsen in Dartmoor waren in Sonne getaucht, obwohl der sie umgebende Boden noch im Schatten lag. Trotz des klaren hellblauen Himmels wusste sie, dass der Winter das Land noch immer fest im Griff hatte. Gerade trommelte ein Hagelschauer gegen das Fenster. Sie fröstelte und eilte ins Schlafzimmer, um sich wärmer anzuziehen.

Phyllida trug Kordhosen und einen von Alistairs Norwegerpullovern, als sie Lucy ihre wärmsten, ältesten Kleider anzog – genau das Richtige für ihren Spielgruppentag. Sie gingen gemeinsam hinunter, und während Phyllida das Frühstück machte, kam die Post, die sie sofort durchsah. Ja, Alistair hatte daran gedacht. Ein breites Grinsen überzog ihr Gesicht, als sie den Umschlag öffnete und die Karte hinauszog, noch während sie im Flur stand. Sie betrachtete den hiesigen Poststempel und fragte sich, wer von ihren Freunden die Karte wohl für ihn abgeschickt hatte. Obwohl sie ausreichend Gelegenheit hatte, sich an seine langen Abwesenheiten zu gewöhnen, vermisste sie ihn immer wieder furchtbar, aber die Karte war ein angenehmer Trost.

Sie zehrte immer noch von diesem Gefühl, nachdem sie Lucy im Dorfgemeinschaftshaus abgeliefert hatte und auf dem Weg zu einer Tasse Kaffee bei Prudence Appleby, einer Marineoffizierswitwe, war. Obwohl Prudence fast fünfzehn Jahre älter war als Phyllida, hatten sie sich auf Anhieb gut leiden können, als sie sich vor etwa vier Jahren, kurz nach Stephens Unfalltod, kennengelernt hatten. Prudence wohnte in einem viktorianischen Haus in dem Moordorf Clearbrook, und Phyllida genoss die Treffen mit ihr in ihrer schmuddeligen Küche. Heute Morgen stand allerdings Liz Whelans Auto vor dem Haus, und Phyllidas Mut sank ein wenig. Liz war zwar genauso alt wie die gütige Prudence, ansonsten aber ein ganz anderer Charakter. Sie war eine kleine Frau mit braunem Haar, die etwas Sardonisches, Verbittertes an sich hatte, das in Phyllida stets ein Gefühl des Unwohlseins weckte.

Sie parkte und ging um das Haus zur Hintertür. Sie trommelte ihr Klopfzeichen an die Tür, machte sie auf und steckte den Kopf hinein.

»Hi! Ich bin’s.«

Die Tür führte direkt in die Küche, wo Prudence schnell aufstand, um sie zu begrüßen, während Liz am Tisch sitzen blieb, lediglich leicht die Augenbrauen hob und auf Phyllidas Lächeln mit einem angedeuteten Nicken antwortete.

»Phyllida!« Prudence gab ihr ein Küsschen. »Komm rein und wärm dich auf. Was für ein Wetter! Ich habe gehört, es soll schneien.« Sie nahm Phyllida den Mantel ab und machte sich daran, noch mehr Kaffee zu kochen, wobei sie von einem Thema zum nächsten stürzte. Prudence redete immer wie ein Wasserfall, kam vom Hundertsten ins Tausendste, was je nach eigener Laune entweder lustig oder ärgerlich sein konnte. »Na los, erzähl schon! Wie geht es Lucy? Meine Güte!« Sie schüttelte den Kopf. »Das Kind wächst vielleicht!«

»Es geht ihr gut.« Phyllida nippte dankbar an dem heißen Kaffee. »Und das Kleidchen ist so reizend. Sie liebt es. Wollte es heute Morgen zur Spielgruppe anziehen.«

Prudence hatte Schneiderin gelernt. Sie arbeitete hart, um ihre Witwenrente aufzubessern, und hatte eine Menge Kunden. Ihre Tochter arbeitete in einer Werbeagentur in London, ihr Sohn studierte Medizin. Nach Begleichung aller Rechnungen wanderte jeder Penny, den sie übrig hatte, zu ihren Kindern, während sie selbst an allen Ecken und Enden knauserte und sparte. Sie war dünn, weil sie so hart arbeitete, nicht genug aß und sich zu viele Sorgen machte. Ihre warmen, dunklen, haselnussbraunen Augen spähten ängstlich durch die Hornbrille.

»Sie sah bezaubernd darin aus«, stimmte sie zu und lächelte beim Gedanken an das kleine Mädchen in dem Kleid. »Und ich kann dir die freudige Mitteilung machen, dass ich mehrere Bestellungen bekommen habe nach der Party, auf der sie es anhatte. Danke, Phyllida.«

»Ich kann überhaupt nichts dafür. Das Kleid hat sich selbst verkauft. Alle Mütter wollten so eins für ihre Tochter. Du bist ganz schön clever, Prudence.«

»Ich habe eine Menge Aufträge zurzeit.« Prudence wirkte sehr zufrieden. »Wenn es so weitergeht, brauche ich bald jemanden für die Buchhaltung. Wie wär’s, Liz?«

»Musst nur Bescheid sagen«, antwortete Liz. »Du kriegst natürlich Sonderkonditionen.« Sie sah zu Phyllida. »Und wie geht es Alistair?«

Phyllida spürte Prudences vorsichtigen Blick und runzelte ein wenig die Stirn, als sie antwortete.

»Gut, soweit ich weiß. Er ist auf See. Aber ich habe heute Morgen eine Valentinskarte gekriegt.« Unwillkürlich schlich sich ein Lächeln auf ihr Gesicht. »Hat er dich gebeten, sie abzuschicken, Prudence?«

»Ja«, gab Prudence zu. »Er ist so aufmerksam«, fügte sie etwas trotzig hinzu, als sie Liz’ amüsierter Verachtung gewahr wurde.

Liz schnaubte, worauf Phyllida wieder einmal verlegen wurde und sich unwohl fühlte. Liz implizierte immer, dass Alistairs Aufmerksamkeit entweder geheuchelt war, um eventuell zu vermutendes schlechtes Benehmen zu vertuschen, oder etwas Krankhaftes, Verachtenswertes. Und ganz gleich, wie beharrlich Phyllida und Prudence versuchten, sie von diesem Thema abzulenken – Liz schaffte es stets, seinen Namen in das Gespräch einfließen zu lassen. »Valentinskarten!«, spöttelte sie jetzt, als wenn dieser alte Brauch schlecht und lächerlich wäre, aber noch bevor die anderen beiden Alistair oder seine Valentinskarte verteidigen konnten, hatte Liz auch schon ihren Kaffee ausgetrunken und war aufgestanden.

»Ich muss los«, verkündete sie. »Ich bin zum Mittagessen verabredet. Bis bald, Prudence! Danke für den Kaffee. Wiedersehen, Phyllida.«

Kaum hatte sich die Küchentür hinter ihr geschlossen, warf Prudence einen besorgten Blick auf Phyllida.

»Warum tut sie das?«, fragte Phyllida verärgert. »Sie bringt es jedes Mal fertig, anzudeuten, dass ich Alistair nicht so blind vertrauen sollte und dass er etwas vor mir verbirgt.«

»Ach, Phyllida!« Prudence sah gequält aus. »Du weißt doch, Liz ist ziemlich verbittert, und es wäre gar nicht klug, auf sie zu hören. Die Ehe mit Tony war kein Zuckerschlecken, und die Scheidung hat ihr sehr wehgetan. Sie hat ihn wirklich geliebt, weißt du. Na ja, du kannst es dir ja vorstellen …«

»Das weiß ich ja alles«, sagte Phyllida, die sich von dieser Erklärung nicht besänftigen ließ. »Aber ich verstehe nicht, warum sie andere Leute verunsichern muss. Ich kenne Alistairs Ruf. Wie denn auch nicht! Das musste mir ja jeder immer wieder erzählen.«

»Das Problem ist, dass Liz Tony immer noch liebt.« Prudence versuchte wieder einmal zu trösten, ohne ungerecht zu werden. »Er hat sie nur wegen des Kindes geheiratet, und treu ist er ihr nie gewesen.«

»Ich weiß.« Phyllida lächelte sie an. »Aber sie bringt mich halt immer wieder aus dem Gleichgewicht. Vergessen wir das! Ich hab was zu erzählen.« Prudence schaute sie erwartungsvoll an, sie schien es schon zu ahnen, und Phyllida grinste. »Du kannst es dir schon denken, oder?«

»Ich glaube schon«, sagte sie vorsichtig.

»Ich bin schwanger! Ist das nicht wunderbar? Termin ist Anfang September. Dann ist Lucy gerade fünf.«

»Herzlichen Glückwunsch!« Prudence kam um den Tisch und nahm sie in den Arm. »Weiß Alistair es schon?«

»Nein, noch nicht. Ich wollte erst ganz sicher sein. Er war so viel unterwegs in letzter Zeit, dass ich schon dachte, wir würden gar kein Zweites mehr zustande kriegen. Er wird sich wahnsinnig freuen. Ich warte aber noch, bis er nach Hause kommt, das dauert ja nur noch drei Wochen. Ich will sein Gesicht sehen, wenn ich es ihm sage.«

»Natürlich. Wie aufregend! Hast du es Lucy schon erzählt?«

Phyllida schüttelte den Kopf. »Ich weiß noch nicht genau, wie ich es anstellen soll, aber ich will auf jeden Fall bis nach dem Wochenende warten. Mein Bruder Matthew besucht uns mit seiner Frau und seinen zwei Kindern, und ich will nicht, dass es irgendjemand vor Alistair erfährt. Lucy würde sich bestimmt verplappern, und dann müsste ich überall Erklärungen abgeben.«

»Das kann ich gut verstehen. Ich werde schweigen wie ein Grab.«

»Ich musste es nur irgendjemandem erzählen, aber bitte behalt es für dich. Erzähl es vor allem nicht Liz!«

»Wieso sollte ich? Ich werde keinen Ton sagen. Du darfst dich wirklich nicht so aus der Ruhe bringen lassen von ihr. Wahrscheinlich ist es nur der altbekannte Neid. Tony hat sich nie gewandelt so wie Alistair.«

»Gewandelt!« Phyllida lachte. »Danke, Prudence! Das hört sich an, als wäre er ein zweiter Blaubart! Jetzt werde ich wirklich langsam nervös!«

»Ach, nein«, setzte Prudence an, der ihre eigene Taktlosigkeit peinlich war, »so habe ich das doch nicht gemeint …«

Phyllida schob den Stuhl zurück und stand auf. »Ich zieh dich doch bloß auf«, sagte sie. »Jetzt muss ich mich aber beeilen. Ich muss unbedingt noch einkaufen, bevor ich Lucy abhole.«

Als sie zurück nach Yelverton fuhr, verspürte Phyllida aber doch einen Anflug von der Beklemmung, die ihr schon früher zu schaffen gemacht hatte, wenn sie Alistairs ehemaligen Freundinnen vorgestellt worden war. Ein paar von ihnen waren sehr freundlich gewesen, aber die meisten eher aufgebracht. Sie hatten großen Wert darauf gelegt, auf ihre Beziehungen zu Alistair hinzuweisen – sie erinnerten ihn an gemeinsame Witze, näherten sich ihm auf sehr vertraute Weise, ignorierten Phyllida –, und ihr Selbstvertrauen war auf eine harte Probe gestellt worden. Immer wieder hatte sie sich gefragt, warum er sich für sie entschieden hatte, wenn er doch eine andere, viel schönere, viel gelassenere, viel erfahrenere Frau hätte haben können. Alistairs Verhalten war tadellos gewesen. Er hatte jenen besonders entschlossenen Exemplaren klargemacht, dass er mit der Vergangenheit abgeschlossen habe und dass seine Liebe und Treue jetzt ganz Phyllida gehören würden. Er hatte sein Bestes getan, um hart, aber nicht zu verletzend zu sein, und nach und nach war die Situation akzeptiert worden, und Phyllida hatte sich entspannen können. Jetzt, sechs Jahre später, fühlte sie sich stark in seiner Liebe, sodass solche Befürchtungen sie nur noch selten überfielen – aber heute Morgen verwandelte sich der Anflug von Beklemmung in handfeste Angst. Liz’ Zynismus hatte ihre sichere Überzeugung untergraben; Phyllida ließ die Frage, ob Alistair ihr wohl jemals untreu war, tatsächlich zu. Wenn man seinen Ruf bedachte, hatte sie ihm vielleicht zu blauäugig vertraut, hatte ihm viel zu bereitwillig geglaubt, dass er mit der Vergangenheit so mir nichts, dir nichts abgeschlossen hatte. Gelegenheiten boten sich ihm jedenfalls genug. Ihr Herz fing wild an zu klopfen, als sie sich ausmalte, wo er überall in Versuchung geführt werden konnte, und sie umklammerte krampfhaft das Steuer und wehrte die Bilder ab, die sich in ihren Kopf schlichen.

Als ihr wieder einfiel, welch zerstörerische Kraft solche Ängste entfalten können, nahm sie sich fest vor, sich ihr Vertrauen nicht untergraben zu lassen, und zwang sich, an das ungeborene Baby zu denken. Ihre Laune besserte sich ein wenig, und ihr Selbstvertrauen kehrte zumindest teilweise zurück.

Blöde Liz!, dachte sie, als sie das Auto parkte und durch einen plötzlichen Hagelschauer zu den Läden eilte. Sie schnappte sich einen Wagen, kramte ihren Einkaufszettel hervor, schob den Gedanken an Liz und ihre Andeutungen entschlossen beiseite und konzentrierte sich darauf, was sie für das kommende Wochenende benötigte.

2

Quentin Halliwell machte sich gerade Frühstück, als er den Sonnenstrahl auf Clemmies Schlüsselblume bemerkte, die in einem Topf auf der breiten Fensterbank überwinterte. Es war der erste Sonnenstrahl in diesem Jahr, der es in die Küche geschafft hatte, und Quentins Herz hüpfte förmlich vor Freude, als er ihn in stiller Dankbarkeit betrachtete. Seine Seele verneigte sich tief, da es ihm vergönnt war, seinen achtzigsten Frühling zu erleben; und er sog diesen Augenblick wie ein Schwamm in sich auf, um Clemmie eingehend davon berichten zu können, wenn sie aufwachte. Steife Gelenke und ein Ziehen hier und dort führten dazu, dass Quentin selten eine schmerzfreie Nacht verbrachte und bereitwillig früh aufstand, um Clemmie noch etwas friedlichen Schlaf zu ermöglichen, ungestört von seiner Ruhelosigkeit. Jedes Mal, wenn er sie mit seiner Herumwälzerei weckte, hatte er ein schlechtes Gewissen, während sie wiederum oft wach lag und kaum zu atmen wagte, bis er endlich eingeschlafen war und sie sofort zur Toilette gehen musste. Sie lachten gemeinsam darüber und hatten auch schon die Vorteile erörtert, die getrennte Betten boten – ein jeder voller Sorge, dass der andere dies für eine vernünftige Lösung halten würde –, und waren beide unendlich erleichtert gewesen, als keiner von ihnen bereit gewesen war, diese Maßnahme ernsthaft in Betracht zu ziehen.

»Wir schlafen seit fünfundfünfzig Jahren in einem Bett«, hatte Clemmie gesagt und seine Hand einen Moment ganz fest gedrückt. »Ich wüsste nicht, warum wir diese Gewohnheit jetzt ändern sollten.«

Als er seinen Porridge aß und den Sonnenstrahl auf seiner Wanderung durch die Küche beobachtete, erinnerte Quentin sich an seine Erleichterung. Es war unvorstellbar, ohne die zu einer Kugel zusammengerollte Clemmie an seinem Rücken einzuschlafen. Während sein Toast auf der Kochplatte des Holzofens röstete, öffnete er die Hintertür und sah in den Hof. Das alte Granithaus formte ein L, das zwei der Mauern des Hofes stellte. Die dritte, südliche Mauer war ein Steinschuppen, den Quentin in eine lange Gartenlaube verwandelt hatte, und in der Mitte der vierten befand sich ein Tor zum Garten. Die Sonne stand noch zu tief, um in den Hof zu fallen, doch würde es nicht mehr lange dauern, bis Clemmie wieder in der Laube sitzen, die Sonne genießen und das Rotkehlchen beobachten konnte, das sie mit ein paar Brotkrumen fütterte.

Quentin aß seinen Toast und dachte über ein paar Sätze nach, mit denen er diesen denkwürdigen Morgen angemessen in seinem Tagebuch festhalten könnte, als ihm auffiel, dass Valentinstag war. Ihm kam ein wunderbarer Gedanke, und nachdem er seinen Toast aufgegessen und die Krümel zwischen dem Rotkehlchen und Punch, dem schwarzen Retriever, aufgeteilt hatte, nahm er seinen Mantel vom Haken und ging in den Garten. Außerhalb des geschützten Hofes wehte ein frischer, schneidender Wind über das Moor. Quentin blieb einen Augenblick stehen, um seinen Mantel richtig zuzubinden, zog seine Tweedmütze aus der Tasche und stapfte mit Punch an der Seite über die Wiese. Eine Reihe stark geneigter, verkrüppelter Bäume tat ihr Bestes, um das Grundstück vor den meist von Südwest kommenden Stürmen zu schützen, und im Norden erhoben sich steil die Tore, Dartmoors bizarre Felsformationen, doch Quentin, der eine geschütztere Umgebung vorzog, kletterte über die Trockenmauer am Ende der Wiese und marschierte flott hinunter in den Wald.

Als er den Schutz der Bäume erreicht hatte, verlangsamte er das Tempo, bis er auf dem Pfad am Ufer des Flusses gelandet war. Das tote Laub der Buchen breitete sich wie ein dicker Teppich unter seinen Füßen aus, als er zwischen den glatten Stämmen umherwanderte, bis er die Primeln wiederfand, die er bei einem früheren Spaziergang entdeckt hatte. Seine Gelenke knackten, als er in die Knie ging, um ganz vorsichtig die blassen Blüten zu pflücken und sie zärtlich in ein Taschentuch zu legen. Er setzte seinen Marsch hinter dem Wall aus Rhododendren und Lorbeerbäumen fort, der die Sicht auf den Fluss versperrte, sodass Quentin ihn durch die Zweige nur als einen hellen, im Sonnenlicht glitzernden Streifen wahrnahm. Ein Stückchen weiter, wo der Pfad etwas lichter wurde und Kieselstrand einen Teil des Ufers bildete, fand er Veilchen, von denen er einige seinem kleinen Strauß hinzufügte. Ein paar Zweige früher Weidenkätzchen vervollständigten seine Gabe zum Valentinstag. Jetzt, da seine Mission erfüllt war, nahm er sich die Zeit, die Natur um sich herum zu beobachten, das turbulente, nach wochenlangem Regen torfbraune Wasser. Zu seiner Freude erhaschte er einen Blick auf die Wasseramsel. Sie hüpfte auf einem glatten, großen Stein unter der grauen Steinbrücke umher, die ihren Namen dem neben ihr wachsenden Schwarzdorn verdankte. Entzückt beobachtete Quentin die regelmäßigen Bewegungen des Vogels. Sein runder brauner Rücken und seine schneeweiße Brust boten ihm an den graubraunen Fluten mit den weißen Schaumkronen die optimale Tarnung. Auf einmal stürzte der Vogel sich in den Fluss und verschwand vollständig, während Quentin vergeblich versuchte, ihn auszumachen. Wenige Augenblicke später saß der Vogel wieder auf dem Stein, putzte sich eine Weile das Gefieder und flog dann zielstrebig nur wenige Zentimeter über der Wasseroberfläche flussaufwärts davon.

Seit Jahren schon war die Wasseramsel ein Symbol der Hoffnung und des Glücks für Quentin und Clemmie, und jedes Mal, wenn Quentin so einen Vogel sah, durchströmte ihn ein Hochgefühl und er schickte ein Stoßgebet der Freude und Dankbarkeit gen Himmel. Beschwingt machte er sich auf den Heimweg.

Clemmie sah ihn vom Schlafzimmerfenster aus über das Moor oberhalb des Waldes kommen, seine Beute wie einen Schatz in der Hand, Punch keuchend hinter ihm. Auf diese Entfernung, mit der Mütze auf dem Kopf, die sein weißes Haar verbarg, hätte er auch der junge Quentin sein können, der von einer seiner zahllosen Wanderungen der letzten Jahrzehnte durch diese geliebte Landschaft zurückkehrte. Sie waren vor zwanzig Jahren in dieses Haus gezogen, nach dem Tod von Clemmies Mutter, die es ihnen hinterlassen hatte, zu einem Zeitpunkt, da Quentin seine Richterlaufbahn – die ihr Sohn Gerard ebenfalls eingeschlagen hatte – gern beenden wollte.

Wie schnell diese zwanzig Jahre verflogen sind, und wie glücklich sie waren! Sie hatten früher so häufig ihre Ferien auf The Grange verbracht, dass der Einzug einer Heimkehr geglichen hatte und sie sich problemlos einleben konnten. Clemmie war es so vorgekommen, als wäre sie kaum fort gewesen, und die Erinnerung an die Jahre in London verblasste immer mehr, bis es ihr schien, als hätten sie ihr ganzes Leben hier verbracht. Selbst Quentins Mutter war nach dem Tod ihres Mannes regelmäßig mit von der Partie gewesen, wenn Clemmie und Quentin zweimal im Jahr – zu Weihnachten und im Sommer – die Ferien auf The Grange verbrachten; und ihr Sohn Gerard hatte oft seine Frau und seine Kinder mitgebracht. The Grange war ein richtiges Zuhause gewesen, doch seit die Enkelkinder das Nest verlassen und sich überall auf der Welt niedergelassen hatten und seit der verwitwete Gerard eine Frau geheiratet hatte, deren Wurzeln im Norden lagen, wurden die Besuche immer seltener und viele der Zimmer nicht mehr genutzt.

Clemmie fröstelte, als unvermittelt Hagelkörner gegen das Fenster prasselten. Sie sah Quentins große, breite Gestalt über die Wiese eilen und aus ihrem Blick verschwinden. Sie ging zurück zum Bett, kletterte hinein und zog sich die Decke bis zu den Ohren. Gott sei Dank hatten sie den Winter überlebt! Sie fürchteten beide den Tag, an dem sie ernsthaft darüber nachdenken sollten, The Grange zu verlassen. Freunde und Familie schüttelten schon seit geraumer Zeit verständnislos den Kopf und versuchten ihnen klarzumachen, dass es viel vernünftiger wäre, in der Stadt zu wohnen. Sie redeten von den Vorteilen, die es böte, die Läden, die Bücherei und den Arzt zu Fuß erreichen zu können, und schienen überhaupt nicht zu verstehen, dass nichts davon für Clemmie und Quentin die großartige Aussicht und die Spaziergänge, die sie direkt von ihrer Haustür aus unternahmen, ersetzen konnte. Doch Clemmie machte sich Sorgen. Obwohl Quentin sich körperlich ertüchtigte, litt er sehr unter seiner Arthritis, und auch sie, die nur wenige Jahre jünger war, wurde langsam erschreckend unbeweglich.

»Kein Wunder bei all dem Regen da oben im Moor und dem kalten, zugigen alten Haus!«, schimpften dieselben Freunde, die empfahlen, in die Stadt zu ziehen.

Aber wir lieben es, dachte Clemmie, als sie mit Mühe die Knie anzog und unverwandt auf das sich bis zum Fluss erstreckende bewaldete Tal und die hohen Hänge des Moors dahinter blickte. Warum können die Leute das nicht verstehen? In der Stadt würden wir eingehen.

Doch je älter die Menschen werden, desto mehr konzentrieren sich die Sorgen der anderen auf deren körperliches Wohl-ergehen, und die geistigen Bedürfnisse rücken an zweite Stelle. Selbst die engsten, besten Freunde glaubten offenbar, dass die Bequemlichkeit alles sei, was zähle. Junge Menschen akzeptierten noch eher, dass die innere Ausgeglichenheit ausgesprochen wichtig war, wahrscheinlich weil sie mit schmerzenden Gelenken und schlaflosen Nächten noch keine Erfahrungen hatten. Clemmie dachte an Quentins Patensohn Oliver Wivenhoe. Olivers Großvater, General Oliver Mackworth, war ein guter, geliebter Freund gewesen; sein Tod hatte die Halliwells erschüttert. Zwischen Quentin und dem jungen Oliver – der seinem Großvater sehr ähnlich sah und der sowohl dessen scharfen Verstand als auch dessen fürsorgliche Art geerbt hatte – hatte sich eine tiefe Beziehung entwickelt. Oliver war einer der wenigen, der verstand, was The Grange für sie bedeutete, und obwohl er in London bei einem alten Freund wohnte, während er auf Arbeitssuche war, nahm er sich immer die Zeit, Quentin und Clemmie zu besuchen, wenn er sich bei seiner Familie auf der anderen Seite des Moors aufhielt. Clemmie schüttelte ein wenig den Kopf, als sie darüber nachdachte, wie merkwürdig – und traurig – es war, dass Quentin mit Oliver mehr gemeinsam hatte als mit seinem eigenen Sohn.

Sie hing noch immer diesen Gedanken nach, als die Tür aufging und Quentin mit ihrem Morgentee hereinkam. Er lächelte, als er von ihrer kleinen, unter die Decke gekuschelten Gestalt nur die strahlenden braunen Augen und den wie ein Heiligenschein wirkenden, weil zu Berge stehenden, spärlichen Schopf sah. Er stellte das Tablett neben ihr auf dem Bett ab, und der Anblick des kleinen Straußes in der Miniaturvase entlockte ihr einen Ausruf des Entzückens.

»Die ersten Primeln«, sagte Quentin stolz und beugte sich hinunter, um sie zu küssen. »Alles Gute zum Valentinstag!«

»Ach!« Clemmie wirkte betrübt, als sie an den Veilchen schnupperte. »Das habe ich ja ganz vergessen. Tut mir leid, Liebling.«

»Hatte ich ja auch«, gab Quentin zu. »Aber als heute Morgen zum ersten Mal in diesem Jahr die Sonne in die Küche schien, habe ich über das Datum nachgedacht. Es wird Frühling, Clemmie!«

»Wie schön!« Sie strahlten einander an, beide mit dem triumphierenden Gefühl, den Winter überlebt zu haben. »Ach, Quentin! Wenn die Sonne schon in die Küche scheint, dann kommt sie auch bald in den Hof, und wir können dort am Vormittag Kaffee trinken.« Fröhlich schenkte sie Tee ein. »Es war bestimmt herrlich im Wald.«

»Ich habe die Wasseramsel gesehen.« Er warf ihr einen stolzen Blick zu, bevor er einen Korbsessel ans Bett zog und die Tasse annahm, die sie ihm entgegenhielt. Seine zweite Tasse Tee trank er immer zusammen mit ihr. »Sie war auf dem Stein unter der Brücke. Der Fluss führt viel Wasser.«

»Kein Wunder. Ich dachte schon, es würde nie mehr aufhören zu regnen.« Clemmie nippte an ihrem Tee. »Ich bin froh, dass du die Wasseramsel gesehen hast. Es ist schon Wochen her, seit wir sie das letzte Mal gesichtet haben.« Vorsichtig berührte sie die Veilchen und lächelte ihn an. Sie tauschten einen Blick, der keine Worte brauchte. »Was steht heute auf dem Programm?«

»Wenn es trocken bleibt, gibt es ein paar Dinge, die ich draußen erledigen will; außerdem dachte ich, wir könnten die Bücher in Tavistock abgeben und unsere Einkäufe erledigen. Besser, wenn die Speisekammer voll ist. Wenn wir noch mal Schnee kriegen, dann in den nächsten Wochen.«

Früher war die Vorstellung, einzuschneien, aufregend gewesen und der Winter eine Jahreszeit, die man hinnahm oder auf die man sich sogar freuen konnte und der man eigene Waffen entgegensetzte. Nahrungsmittel- und Holzvorräte waren ausreichend vorhanden, in jedem der von ihnen benutzten Zimmer stand eine Petroleumlampe, und im ganzen Haus waren Kerzen und Streichholzschachteln verteilt. Vor drei Jahren waren sie einmal mehrere Tage von der Außenwelt abgeschnitten gewesen, und als sie wieder hinauskamen, hatten sie erfahren, dass ein Sträfling aus dem Gefängnis in Princetown ausgebrochen war. In diesem Winter jedoch hatten sie bisher kein katastrophales Wetter gehabt, nur die üblichen Stürme. Dennoch hatte Quentin recht. Man musste sich auf alles gefasst machen.

»Ich schreibe einen Einkaufszettel, während ich frühstücke«, unterstützte Clemmie seinen Vorschlag. »Und du könntest nachsehen, ob noch genug Petroleum da ist.«

In trauter Zweisamkeit tranken sie den Tee aus, dann nahm Quentin das Tablett zur Hand. Clemmie schlug die Decke zurück.

»Zieh dich warm an!«, riet er ihr, in der Tür stehend. »Die Sonne scheint zwar, aber es ist bitterkalt draußen.«

Clemmie legte ihre Winteruniform an: Wollstrümpfe, einen dicken Tweedrock und einen Wollpullover. Sie ging nach unten in die Küche. Quentin war schon draußen, sie konnte ihn vom Küchenfenster aus am Ende des Gartens sehen. Wieder machte sich Besorgnis in ihr breit, und sie wünschte, sie könnten sich jemanden leisten, der ihnen ab und zu im Garten half. Sehr viel gab es da zwar nicht zu tun, denn in diesem rauen Klima gedieh ohnehin nur das widerstandsfähigste Gestrüpp, aber trotzdem … Clemmie seufzte und wandte sich vom Fenster ab. Sie sollte sich besser auf ihr Frühstück konzentrieren und den Einkaufszettel schreiben, statt sich ständig zu sorgen. Quentin zog den vermoderten Ast, der im letzten Sturm heruntergekommen war, von der Trockenmauer und begutachtete den Schaden, den er angerichtet hatte. Es war nicht zu schlimm, er würde schon damit fertig werden, aber es war sehr wichtig, die Grenzmauern immer ordentlich auszubessern, weil sonst die Schafe und Ponys vom Moor her in ihren Garten eindrangen, das Gras niedertrampelten und die wenigen Sträucher kahl fraßen, die Clemmie hier mit Mühe kultiviert hatte. Während er unter Stöhnen und mit zahlreichen Verschnaufpausen die Steine aufhob und an ihren Platz zurücklegte, fragte er sich, wo die Zeit geblieben war. Er konnte sich noch genau erinnern, wie er sich gefühlt hatte, als sie hierher gezogen waren damals, mit sechzig: stark und fit und voller Energie. Die vor ihm liegende Zeit war ihm unendlich lang vorgekommen, und er hatte gedacht, er werde ewig leben. Er dachte an seine verstorbenen Freunde: William Hope-Latymer, Oliver Mackworth, James und Louisa Morley. Sie alle waren nicht mehr, und ihre Kinder waren längst erwachsen und hatten ihrerseits Kinder. Der junge William verwaltete den Besitz der Hope-Latymers, und Henry Morley hatte auf Nethercombe die Zügel in der Hand, während Olivers Enkel Oliver Wivenhoe immer noch viele schöne Stunden mit Quentin verbrachte, in denen sie die Wälder und das Moor erkundeten. Er wünschte, Gerard würde Interesse zeigen, die Familientradition auf The Grange fortzuführen, aber er mutmaßte, dass sein Sohn das Haus als eine Belastung empfinden und so schnell wie möglich verkaufen würde. Natürlich war The Grange kein Anwesen, von dem man leben konnte, doch selbst wenn es so wäre – Quentin konnte sich nicht vorstellen, dass Gerard so einfach die Verantwortung für Land und Pächter übernehmen würde, wie William und Henry es getan hatten. Er wusste, dass Gerard eine Stadtpflanze war, die auf dem Lande nicht gedeihen würde. Trotzdem wäre Quentin glücklicher gewesen, wenn er daran hätte glauben können, dass Gerard The Grange behalten würde – zum Beispiel als Ferienhaus –, bis seine Kinder es übernehmen könnten. Der Tag, an dem das Haus in die Hände von Fremden fiel, würde ein trauriger Tag.

Quentin schüttelte den Kopf und hievte den letzten Stein an seinen Platz. Der Gedanke war unerträglich. Er streckte den Rücken und sah ins Tal hinunter. Er dachte an all die Jahreszeiten, die er erlebt hatte: kahle Zweige, die langsam grün wurden, sich nach einer Weile unter schwerem, glänzendem Laub neigten, das sich schon bald braun, orangegelb und rot färbte und schließlich abfiel und davonwirbelte, bis die Zweige wieder kahl waren. Wie schrecklich wäre es, wenn man seinen Tod voraussehen könnte und wüsste: Dies ist mein letzter Frühling oder Herbst.

Quentin dachte an seine Freude über den Sonnenstrahl in der Küche und die Primeln. Er wusste genau, wo im Verlauf der Jahreszeiten Blumen zu finden waren, wo die ersten Anemonen am Fluss blühten, wo die Glockenblumen unter den Bäumen einen Teppich bildeten und wo der erste strenge Duft des wilden Knoblauchs in der Luft hing. Er dachte an ein paar Zeilen des Dichters Housman:

Und weil, um Blühendes zu seh’n,

Fünfzig Frühjahr’ schnell vergeh’n,

Heut’ wieder ins Gehölz ich geh,

Zu seh’n die Kirsche voller Schnee.1

Manche sagten ja, Housman sei vom Tod besessen, aber vielleicht war er eigentlich vom Leben und dessen Kürze besessen. Sogar zwanzig Frühjahre waren Quentin wie die Ewigkeit vorgekommen, doch wenn man das Glück hatte, auf The Grange zu leben, war selbst die Ewigkeit nicht lang genug, um den Wechsel der Jahreszeiten zu beobachten und Gott für sein Werk zu danken.

Quentin ging langsam über die Wiese, zerrte den toten Ast hinter sich her und legte ihn neben den Schuppen für das Brennholz, wo er ihn später zersägen würde. Ohne Vorwarnung prasselten Hagelkörner vom Himmel, und er lief in den Hof und von dort in die Küche.

»Himmel!« Er klopfte sich die Eiskörner von der alten Tweedjacke und grinste Clemmie an, die am Küchentisch saß, Toast mit Marmelade aß und sich Notizen machte. »Es ist doch noch nicht Frühling.«

»Aber er kommt, Liebling, und wir werden ihn gemeinsam erleben.«

Er schaute sie kurz an und fragte sich, wie sie seine Gedanken erraten hatte. Sie stand auf, ging zu ihm und legte die Arme um ihn.

»Bist du mein Valentin?«, fragte er, und sie fing an zu lachen und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen. »Also, jemand anderes wird es wohl kaum sein, wenn ich da ein Wörtchen mitzureden habe«, sagte sie. »Und bevor wir gehen, noch einen Kaffee für dich, mein Junge. Du bist ja ganz steif vor Kälte.«

Er lehnte sich rückwärts an den Holzofen, dankbar für die Wärme, und lächelte sie an. »Da doch heute Valentinstag ist –«, sagte er, »wie wäre es mit einem Sandwich im Bedford, wenn wir fertig sind mit einkaufen?«

»Glänzende Idee!« Sie freute sich und reichte ihm eine Tasse dampfenden Kaffee. »Und ich werde uns von meiner Rente ein Glas Wein spendieren. Das ist wohl das Mindeste.«

1 Übersetzt von Susanne Steuer. In: Englische Gedichte von W. Shakespeare bis Alfred S. Housman, Hamburg 1998

3

Claudia Maynard hatte überhaupt keine Angst, dass ihr Mann Jeffrey den Valentinstag vergessen würde. Es war stets Verlass darauf, dass Jeff ihr an ihrem Geburtstag Blumen schenkte, an ihrem Hochzeitstag einen Tisch in ihrem Lieblingsrestaurant reservierte und all jene eintönigen Pflichten erledigte, die an sich unwichtig waren, an denen sich aber dennoch so manches Mal ein Ehekrach entzündete, wenn sie zu häufig nicht erledigt wurden – wie zum Beispiel den Herd zu reinigen, die Arbeitsplatte abzuwischen oder die Schmutzwäsche in den Wäschekorb zu werfen. Außerdem sah Jeff ungewöhnlich gut aus, und Claudias Freundinnen beneideten sie alle um diesen dunklen Adonis. Claudia bereitete dieser Umstand eine gewisse Genugtuung, die sie weidlich auskostete. Ganz gleich, wie sehr er umschwärmt und belagert wurde, wenn sie ausgingen – Jeff wich nie lange von ihrer Seite und kümmerte sich stets rührend um sie; sehr zum Ärgernis der besagten Freundinnen.

Niemanden wunderte das. Auch Claudia war eine Schönheit, zartgliedrig, elegant und vom Typ her in dem Maße hell, wie Jeff dunkel war. Ihr Haar war stets gepflegt, ihr Nagellack nie abgeblättert, und sie war stets hübsch gekleidet. Es gab einige böse Zungen, die unter anderem sagten, Claudia und Jeff seien einfach zu perfekt, um wahr zu sein, und die munkelten, dass es doch merkwürdig sei, dass die beiden trotz ihres makellosen Aussehens kein bisschen sexy waren … Da hatten sie recht. Jeff war amüsant, geistreich, höflich, aber er flirtete nie. Und Claudia nahm alles viel zu wörtlich und zu ernst und war viel zu sehr damit beschäftigt, überall einen guten Eindruck zu machen, als dass man mit ihr hätte herumalbern können. Außerdem hatten sie keine wirklich engen Freunde. Keiner von ihnen konnte sich so richtig entspannen, und beide hatten die Angewohnheit, andere Menschen auf Distanz zu halten. Dem Steuerberater Jeff schien dieser Zustand recht zu sein, doch Claudia, die den wachsenden Drang empfand, sich den anderen zu öffnen und ein anerkanntes Mitglied der Clique zu werden, war geradezu erleichtert – wenn auch überrascht –, als Jeff vorschlug, von Sussex nach Westengland zu ziehen. Er hatte sich sogar schon um eine Stelle in Tavistock beworben und war zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden. Als ihm die Stelle angeboten wurde, verkauften die Maynards ihr Haus und zogen in ein kleines, aber bezauberndes georgianisches Stadthaus. Claudia verspürte ein seltsames Gefühl von Freiheit.

Claudia war von Natur aus eigentlich nicht verschlossen, aber sie hatte ein Geheimnis. Am Anfang hatte sie die Tatsache, dass Jeff nur selten mit ihr schlafen wollte, frustriert, aber nicht beunruhigt. Er war ein ziemlich emotionsloser, ruhiger Mann, der seine Liebe eher durch Fürsorge und Aufmerksamkeit zeigte als durch körperliche Zuwendung. Claudia, die selbst eine recht reservierte Person gewesen war, bis sie Jeff kennenlernte, hatte stets versucht, seine Indifferenz auf die eine oder andere Weise zu erklären, doch als sie sich mehr mit den jungen Frauen aus der Nachbarschaft anfreundete, wurde ihr bewusst, dass ein solches Verhalten nicht die Regel war. Erst war sie nur ein bisschen ängstlich, dann wurde sie panisch – denn Claudia hatte noch ein Geheimnis: Sie wusste sehr wohl, dass sie es gewesen war, die unermüdlich hinter Jeff her gewesen war, bis er ihr einen Heiratsantrag gemacht hatte, und nun fürchtete sie, dass er sie gar nicht wirklich liebte. Zwar scherzte sie, wie hingebungsvoll er sei, und deutete mit hochgezogenen Augenbrauen und beredtem Schweigen an, dass er im Bett ein Tier sei, doch sie lebte stets in der Angst, dass eine dieser neugierigen Frauen die Wahrheit herausfinden könnte.

Claudia war daher mehr als froh, die Nachbarinnen hinter sich zu lassen – obwohl es sie andererseits ausgesprochen deprimierte, eine aufregende neue Entwicklung in ihrer eigenen Laufbahn als Modedesignerin opfern zu müssen. Die neue Umgebung und die Tatsache, dass Jeff seit ihrem Umzug nach Devon leidenschaftlicher war als je zuvor, entschädigten sie aber für vieles. Sie hatte gelesen – und sie las inzwischen eine ganze Menge zu diesem Thema –, dass Männer, die im Beruf zu sehr unter Stress standen, häufig zu müde waren, um im Bett noch zufriedenstellende Leistungen zu erbringen, und sie fragte sich, ob er vielleicht wirklich einfach nur zu sehr belastet gewesen war. Ständig hatte er weiterkommen wollen auf der Karriereleiter, hatte immer wieder noch mehr Arbeit angenommen, war früh aufgestanden und hatte bis spät in die Nacht gearbeitet. Jetzt, in dieser ruhigeren, bedächtigen Atmosphäre, schien er sich von irgendeiner mentalen Last befreit zu haben, und Claudia schöpfte Hoffnung.

Er blieb allerdings unnachgiebig, was das Thema Kinder anging. Er sagte, er sei ganz einfach noch nicht reif für die Vaterrolle, und Claudia, die auch nicht besonders mütterlich war, hatte nichts dagegen, das Thema eine Weile ruhen zu lassen und das Leben zu genießen, wie es war. Seit ihrem College-Abschluss hatte sie in einem Designerstudio in Brighton gearbeitet, doch nun wollte sie sich etwas Ferien gönnen. Aber selbst wenn sie hätte arbeiten wollen – hier war kaum etwas zu finden. Der Westen Englands steckte mitten in einer Rezession, und die Maynards waren froh, dass sie ihr Haus in Sussex zu einem guten Preis verkaufen, die Krise auf dem Immobilienmarkt ausnutzen und einen ansehnlichen Gewinn zur Seite legen konnten.

Sie hatten sich beide sehr gefreut, als Jeff mit der Nachricht nach Hause gekommen war, dass man ihn mit der Führung der Bücher eines beträchtlichen Anwesens in Dartmoor betraut habe. Das war eine ziemliche Ehre für einen Neuling wie ihn, und sie gingen in ihren Lieblingspub, das Elephant’s Nest, um die Angelegenheit zu feiern. Er erzählte ihr von den Hope-Latymers, der Familie, die schon seit Jahrhunderten in dem elisabethanischen Herrenhaus lebte, das in Teilen sogar aus dem dreizehnten Jahrhundert stammte. Claudia war fasziniert und wahnsinnig stolz auf ihren Mann. Er sah so gut aus, während er dasaß und ihr alles beschrieb, ganz rot vor Aufregung angesichts dieser neuen Herausforderung, dass sie ihm bald gar nicht mehr zuhörte, sondern nur noch die Bewegungen seiner Lippen und Hände beobachtete. Sie tat etwas Ungewöhnliches, als sie impulsiv eine seiner kantigen, langfingrigen Hände ergriff, und er hielt inne und lächelte sie an.

»Rede ich zu viel?«

»Nein. Oh, nein.« Sie schüttelte den Kopf. »Es ist wahnsinnig aufregend. Es ist nur … Ach!« Sie zuckte leicht mit den Schultern. »Du weißt schon. Ich liebe dich.«

Sie lehnte sich zu ihm hinüber und flüsterte, damit die anderen Gäste es nicht hören konnten, und er, völlig überrascht von diesem unerwarteten Gefühlsausbruch, drückte ihre Hand und küsste sie kurz, bevor er sie wieder losließ. Sie war ganz schwach vor Liebe für ihn und wünschte sich einen Moment lang, mit ihm allein zu sein … Doch als sie nach Hause kamen und sie sich ihr verführerischstes Nachthemd angezogen hatte, dauerte es noch eine ganze Weile, bis er auftauchte.

»Gut«, sagte er. »Du bist ja schon bettfertig. Geh doch schon schlafen! Ich möchte noch ein paar Sachen durchackern. Hab morgen ja einen großen Tag. Ich schlafe dann wohl im Gästezimmer, damit ich dich nicht störe. Gute Nacht!«

Er hatte sie flüchtig auf die Stirn geküsst und war verschwunden, während sie weiter an ihrem Frisiertisch saß und mit der Verletzung, der Demütigung und dem Verlangen kämpfte. Sie war noch immer wach, als sie ihn nach oben kommen und in das Gästezimmer gehen hörte, doch ihr Stolz verbot es ihr, ihn zu rufen. Er durfte niemals erfahren, dass sie ihn brauchte, es war einfach zu demütigend. Sie lag wach und suchte eine plausible Erklärung für seine Gleichgültigkeit: Seine neue Aufgabe, die Buchführung für das Hope-Latymer-Anwesen, war ihm sehr wichtig, und morgen – beziehungsweise heute – würde er sich mit William Hope-Latymer persönlich treffen. Es war nur natürlich, dass er überarbeitet, nervös und müde war. Es brachte ja nichts, zu viel zu erwarten, und bestimmt sähe morgen alles schon ganz anders aus … Endlich schlief sie ein.

Nun, einige Monate später, arrangierte Claudia das Dutzend roter Rosen in einer Vase und lächelte über das Kärtchen. Nein, Jeff würde niemals den Valentinstag vergessen. Ihr Lächeln erstarb. Was den Sex anging, war keine Besserung eingetreten. Die Leidenschaft der ersten Wochen in Devon hatte immer mehr nachgelassen, bis sie praktisch erloschen war, und Claudia hatte Angst. Ihre Befürchtungen, dass Jeff sie nicht wirklich liebte, hatten sie wieder beschlichen, und seitdem beobachtete sie ihn. Wenn er seine Aufmerksamkeit einer Frau schenkte, wurde sie eifersüchtig und fühlte sich elend, ganz gleich, wie harmlos es war, und sie stattete seinem Büro sogar einen unangemeldeten Kontrollbesuch ab, um die dort arbeitenden Frauen zu inspizieren. Viele waren es ohnehin nicht, und mit einer von ihnen, Liz Whelan, hatte sie sich auch schon angefreundet. Wenigstens hatte Claudia von Liz nichts zu befürchten. Seit ihrer Scheidung hatte Liz anscheinend keine Zeit für Männer, sodass Claudia sich in ihrer Gegenwart entspannen konnte. Ab und zu aßen sie gemeinsam zu Mittag, und bei einer dieser Gelegenheiten stellte Liz sie Abby Hope-Latymer vor. Claudia war beeindruckt von Abbys Freundlichkeit und entzückt, als sie sich zu ihnen an den Tisch setzte. Liz kannte sie offenbar schon seit Jahren, sie plauderten über ihre Kinder – Liz hatte eine fünfzehnjährige Tochter – und gemeinsame Freunde. Die Namen – Wivenhoe, Barrett-Thompson, Lampeter – sagten Claudia nichts, doch sie hörte aufmerksam zu und lächelte Abby jedes Mal an, wenn diese kurz zu ihr sah. Sie hoffte auf eine Einladung zum Kaffee oder zum Mittagessen, aber als sie sich voneinander verabschiedeten, hob Abby bloß die Hand, sagte »Richten Sie Ihrem Mann aus, er soll weiter so tüchtig arbeiten« und entfernte sich.

Heute, an diesem Vormittag des Valentinstags, betrat Claudia das Hotel Bedford, wo sie mit Liz zum Mittagessen verabredet war. Die erste Bekannte, die sie sah, war Abby, die mit einem älteren Ehepaar an einem Ecktisch saß. Claudia lächelte und winkte ihr, doch Abby runzelte nur ein wenig die Stirn, nickte kühl und unterhielt sich weiter. Claudia setzte sich, nahm die Karte zur Hand und wusste nicht recht, ob sie beleidigt oder verwirrt sein sollte. Vielleicht hatte Abby sie nicht erkannt? Ein paar Minuten später kam Liz und wurde am Tisch in der Ecke viel herzlicher begrüßt. Claudia fragte sich, ob Abby jetzt, da sie sicher zwei und zwei zusammengezählt hatte, doch noch freundlich grüßen würde, aber als Liz schließlich zu Claudia trat, wandte Abby sich einfach wieder dem älteren Ehepaar zu.

Claudia tat, als sei ihr dies gleichgültig, doch innerlich kochte sie. Nach allem, was Liz ihr über diese Leute erzählt hatte, schienen sie ein kleines Grüppchen von Freunden zu sein, zu dem sie nur zu gern dazugehören würde, aber seitdem sie Claudia Abby vorgestellt hatte, hatte Liz keine weiteren Anstalten gemacht, sie in diesen Kreis einzuführen. Claudia hatte sich eigentlich vorgestellt, dass Jeff in das Herrenhaus eingeladen würde, doch nun schien alles ausschließlich im Büro besprochen zu werden; Claudia wurde klar, dass es an ihr wäre, etwas zu unternehmen, wenn sie an einer neuen Freundschaft interessiert war.

»Sind das Abbys Eltern?«, fragte sie locker.

»Nein, nein.« Liz studierte die Karte. »Die Halliwells sind gute Freunde von Williams Vater. Clemmies Familie lebt schon seit Jahrhunderten im Moor, genauso wie Williams. Sie und Quentin sind in ihr Elternhaus gezogen, nachdem ihre Mutter gestorben war und er sich zur Ruhe gesetzt hatte. Früher haben sie mit Williams Vater und General Mackworth Bridge gespielt. Sie sind die Pateneltern von Abbys Kindern, und Quentin ist der Patenonkel vom Enkel des Generals, Cass Wivenhoes ältestem Sohn, Oliver. Im Krieg war er der Berater des Generals. Quentin, meine ich. Hier ist jeder mit jedem irgendwie verbunden, weißt du. Man muss aufpassen, was man sagt. Was isst du? Wir können ja schon mal was trinken, während wir aussuchen.«

Als Liz an der Bar bestellte, beobachtete Claudia noch einmal das Grüppchen. Sie verrannte sich immer mehr in den Wunsch dazuzugehören, und dachte gerade darüber nach, wie sie den Prozess etwas beschleunigen könnte, als Liz ihr zuvorkam.

»Ich wollte dich gerne einer Freundin vorstellen«, sagte sie, als sie sich wieder setzte und Claudia ein Glas reichte.

»Wirklich?« Claudias Herz schlug heftig. »Wem denn?«

»Sie heißt Phyllida Makepeace. Ist mit einem Marineoffizier verheiratet und ziemlich viel allein. Ihr Mann ist ein gutes Stück älter als sie und hat einen gewissen Ruf … Ich glaube, er ist nur ein zweiter Tony, und finde, dass sie ihm keinen Deut trauen sollte, aber sie ist halt so eine Vertrauensselige. Sie tut mir irgendwie leid.«

»Die Arme!«, sagte Claudia mit einem schönen Gefühl der Überlegenheit und fragte sich, ob dies wohl eine Möglichkeit wäre, in den intimen Kreis vorzustoßen. »Bring sie doch mal mit!«

»Gute Idee. Oder ich gebe ihr deine Telefonnummer, wenn dir das recht ist. Sie mag mich nicht besonders, in erster Linie, weil ihr Mann und ich nicht miteinander können.«

»Schön.« Claudia sah in die Ecke hinüber. »Weißt du, ich hatte überlegt, ob wir nicht eine kleine Party geben sollten, jetzt, wo wir uns eingelebt haben und ich das Haus in Ordnung habe.«

»Hört sich gut an.« Liz nahm wieder die Karte zur Hand. »Kennst du denn schon genug Leute für eine Party?«

»Na ja.« Claudia war etwas verdutzt. »Eine besonders große Party würde es nicht werden. Vielleicht«, sie nahm allen Mut zusammen, »vielleicht könntest du mich mit ein paar Leuten bekannt machen. Mit anderen als mit dieser Phyllida.«

Liz wirkte überrascht. »Ja, sicher. Ich kenne aber selbst nicht so viele Leute. Seit ich wieder Vollzeit arbeite, bleibt mir nicht viel Zeit für Geselligkeit. Ich schätze, da sind ein oder zwei im Büro, aber die kennst du sicher schon.«

»Oh, ja. Ja, die kenne ich schon. Ich hatte mehr an … na ja …« Sie zögerte. »Also, du kennst doch sicher viele Marineleute«, fügte sie lahm hinzu.

»Und wie ich die kenne!«, sagte Liz bitter. »Aber als der große Knall kam, haben sich die meisten auf Tonys Seite geschlagen. Deswegen war ich auch auf die Idee gekommen, dass Phyllida ein paar Freunde unter Zivilisten nicht schaden könnten. Man weiß ja nie.«

»Ja, ja, schon klar.« Claudia wollte sich von den Problemen der ihr unbekannten Phyllida nicht ablenken lassen, zumal diese nicht zu dem magischen Zirkel zu gehören schien. Sie ging aufs Ganze. »Vielleicht würden Abby und William gerne kommen. William und Jeff haben sich im Büro schon kennengelernt. Und ich kenne Abby.«

Instinktiv schaute Liz zu der Gruppe in der Ecke, bevor sie sich mit einem halb verlegenen, halb bemitleidenden Blick wieder Claudia zuwandte. »Das glaube ich kaum«, sagte sie schonungslos. »Das ist mehr so was wie eine geschlossene Gesellschaft, um ehrlich zu sein.«

Claudia fühlte sich vor den Kopf gestoßen.

»Jeff hat gesagt, dass William sehr charmant zu ihm war«, verteidigte sie sich.

»Das war er ganz bestimmt.« Liz schob ihr Glas beiseite. »Williams Manieren sind einwandfrei, aber glaub mir einfach, was ich dir sage. Wir arbeiten für die Hope-Latymers, wir führen ihre Bücher und erledigen ihre Steuerangelegenheiten – nicht mehr und nicht weniger.«

Claudia dachte an Abbys gerunzelte Stirn und das kühle Nicken. Sie fühlte sich gedemütigt, wollte es aber nicht zeigen.

»Ich dachte, diese Art von Snobismus wäre mit der Sintflut ausgerottet worden«, scherzte sie.

»Ach ja?« Liz musterte sie eindringlich. »Vielleicht da, wo ihr herkommt, aber ich versichere dir: Hier herrscht ein Klassen-denken wie eh und je.«

»Aber du bist doch auch mit ihnen befreundet, obwohl du bloß Buchhalterin bist.« Claudia konnte nicht lockerlassen.

»Die war ich aber nicht immer.« Liz’ Stimme hatte an Schärfe gewonnen, und Claudia war plötzlich mittendrin im Klassendenken. »Ich war die Tochter eines Admirals. Dann war ich die Frau eines Marineoffiziers. Die Prüfung zur Buchhalterin habe ich erst nach der Scheidung abgelegt. Das ist etwas anderes.«

»Und woher willst du wissen, dass ich nicht auch die Tochter eines Admirals bin?«, fragte Claudia in dem unbeschwerten Versuch, den früheren Status quo wiederherzustellen.

Liz starrte Claudia an; ihr wurde bewusst, dass ihr Versuch, sie abzulenken, fehlgeschlagen war. Doch die Unverblümtheit, die seit ihrer Scheidung ein wichtiger Bestandteil ihrer Persönlichkeit geworden war, war ausnahmsweise nicht stark genug. Sie schüttelte den Kopf.

»Hören wir auf damit, Claudia!«, sagte sie. »Ist es nicht sowieso egal? Abby Hope-Latymer und ihre Busenfreunde sind ja nicht die einzigen Menschen in der Gegend. Sie sind nur zufällig schon am längsten hier, und darum ist es schwer, in ihren Kreis aufgenommen zu werden. In den alten Bauerndörfern ist es das Gleiche. Man kann so etwas nicht erzwingen; alles hat seine Zeit. Und jetzt bestellen wir, ja?«

Liz ging zur Bar, und Claudia beobachtete sie aufgebracht und enttäuscht wie ein Kind, das von einem ungeduldigen Erwachsenen zurechtgewiesen worden war. Als Abby und das ältere Ehepaar aufstanden, reckte Claudia das Kinn und starrte auf Liz’ Rücken, um nicht zu den dreien zu sehen.

Abby blieb kurz bei Liz stehen und plauderte ein paar Takte mit ihr, und auf ihrem Weg zur Tür winkte sie Claudia zu.

Claudia strahlte sie an und wurde sich ihrer völlig übertriebenen Freude ob dieser Geste bewusst.

4

Anfang März schneite es. Die hohen Kuppen des Moores hoben sich weiß und klar gegen die dunklen, schneeträchtigen Wolken ab, und Quentin zitterte vor Kälte, als er nach seinem Morgenspaziergang zur Brücke in die Küche zurückkam. Selbst Punch hatte sich geweigert, ihn zu begleiten. Er hatte einen Blick nach draußen geworfen und war dann in seinen warmen Korb neben dem Herd zurückgekehrt.

»Kommt bestimmt noch mehr runter«, prophezeite Quentin, hängte seinen Mantel hinter die Tür und zog sich die Stiefel aus. »Gut, dass wir eingekauft haben.«

»Der Postbote ist durchgekommen«, sagte Clemmie. Sie wedelte mit einem Brief herum und machte dann eine Tasse Kaffee für ihren Mann. »Wir sind eingeladen.«

»Himmel!« Quentin nahm den Brief und lehnte sich an den Herd. »Wer sollte … Ach, Cass, die gute Seele. Sie will nur ein paar Freunde zu Olivers Geburtstag dahaben.« Er drehte die Karte um. »Und die wollen wirklich so alte Knochen wie uns dabeihaben?«

»Mich hat das auch gewundert«, gab Clemmie zu und drückte ihm die Kaffeetasse in die kalten Hände. »Und ich dachte … Na ja, sie müssen uns nicht einladen. Aber schließlich bist du ja sein Patenonkel, also habe ich beschlossen, dass sie uns wirklich dabeihaben wollen und dass es bestimmt nett wird.«

»Gut.« Er lächelte sie an und erinnerte sich an eine Zeit, in der sie Einladungen gehasst und gefürchtet hatte, und spürte plötzlich wieder das schlechte Gewissen, das diese Erinnerungen jedes Mal begleitete. »Dann gehen wir hin.«

»Ich freue mich darauf, sie alle zu sehen.« Clemmie nahm ihm das Blatt Papier aus der Hand und las den Text noch einmal. »Oliver wird dreiundzwanzig.« Sie schüttelte den Kopf. »Das kann doch gar nicht sein. Wo sind nur all die Jahre geblieben, Quentin?«

Traurig sah er sie an und fragte sich, ob irgendjemand jemals am Ende seines Lebens hundertprozentig zufrieden ist mit der ihm gegebenen Anzahl von Jahren.

»Wo immer sie geblieben sind, sie sind zu schnell vergangen«, sagte er, bemühte sich dann aber, die Melancholie zu verdrängen. »Na, dann haben wir ja etwas, worauf wir uns freuen können, was? Hoffentlich haben wir dann besseres Wetter.«

»Bestimmt. Ist doch erst nach Ostern, sind noch fast vier Wochen bis dahin. Das hier dauert nicht lang, wirst schon sehen.«

»Na ja, dann können wir ja wieder einen gemütlichen Nachmittag am Kamin verbringen.« Quentin war jetzt wieder warm genug, um sich vom Herd zu lösen und seine Schuhe zu suchen. »Hast du genug zu lesen? Ich werde mich meinem Tagebuch widmen, muss einiges nachtragen.«

»Würdest du noch Brennholz hereinholen?« Sie lächelte ihn an, und als er sich umdrehte, um zu tun, worum sie ihn gebeten hatte, wurde sie auf einmal traurig. Sie hatte seine Melancholie sehr wohl bemerkt, und sie kannte den Grund dafür. Wenn dieser dünne, aber hartnäckige Schatten doch verscheucht werden könnte, bevor einer von ihnen starb!

Claudia war wild entschlossen, ihre Party zu geben. Für gewöhnlich setzte sie ihren Willen auch durch, ganz einfach indem sie einen Beschluss fasste und dann unbeirrt daran festhielt. Einwände und Hindernisse wurden entweder aus dem Weg geräumt oder leise niedergewalzt. Nicht dass sie den Bedürfnissen und Forderungen der anderen gegenüber unsensibel gewesen wäre – sie ging ganz einfach davon aus, dass die Leute ganz genauso dachten und reagierten wie sie, und übersah und überhörte alles, was auf das Gegenteil hindeuten könnte. Claudia wollte jedenfalls ihre Party, und sie wollte Abby und William dabeihaben. Was das anging, hatte sie zunächst mächtiges Glück. Eines Mittags war sie zum Büro gegangen, um Jeff zum Essen abzuholen, und da Liz gleichzeitig Pause machte, gingen sie zu dritt und stießen förmlich mit Abby zusammen, die aus dem Delikatessengeschäft in der Brook Street kam. Liz blieb natürlich stehen, und sobald sie Jeff Abby vorgestellt hatte, erklärte Claudia wortreich und voller Begeisterung, wie gern sie sich das Herrenhaus der Hope-Latymers einmal ansehen würde. Nach allem, was sie höre, müsse es wunderschön sein, sagte sie sehnsüchtig – während Liz sich ärgerlich auf die Lippen biss und Jeff das alles ziemlich peinlich war – und erkundigte sich, ob es jemals für die Öffentlichkeit zugänglich sei.

Abby, die sowohl ihrer Freundin Liz als auch Williams Steuerberater gegenüber unbedingt höflich bleiben wollte, lächelte kurz und erklärte: »Nein, ganz sicher nicht.« Aber wenn ihr so viel daran läge, es zu sehen, solle sie doch einmal mit Liz zum Kaffee vorbeikommen.

Claudia war entzückt; sie ignorierte, dass sie die Einladung förmlich erzwungen hatte, und drängte Liz so lange, bis sie schließlich nachgab und sie zum Landsitz der Hope-Latymers mitnahm. Abby und Liz hatten einen Tag ausgesucht, an dem Abby zum Mittagessen verabredet war, sodass die ganze Angelegenheit so kurz wie möglich gehalten werden konnte. Claudia war ein winziges bisschen enttäuscht, dass niemand von den anderen Freunden, von denen sie so viel gehört hatte, da war, und sie war leicht verstimmt, dass sie in einem solchen Tempo abgefertigt wurde; aber sie sah es ein, als Liz ihr erklärte, wie wahnsinnig viel Abby um die Ohren habe. Claudia brachte es fertig, jedes Mal, wenn sie Bekannte traf, im Gespräch ihren Besuch bei Abby nicht nur zu erwähnen, sondern auch noch detailreich auszuschmücken, bis sie ihre Übertreibungen fast selbst glaubte und aus der vorgetäuschten Zugehörigkeit zu Abbys Zirkel neues Selbstvertrauen bezog.

Inzwischen hatte sie auch Phyllida kennengelernt, die Liz ihr in der Hoffnung vorgestellt hatte, Claudia auf diese Weise von Abby abzulenken. Anfangs war Claudia leicht verärgert gewesen und hatte sich Phyllida gegenüber ziemlich herablassend verhalten, nachdem sie herausgefunden hatte, dass sie mit niemandem aus dem magischen Kreis vertraut war. Sie wir beleidigt, dass Liz ihr nicht noch mehr von ihren besonderen Freunden vorstellte, und neigte dazu, Phyllida als jemanden zu betrachten, der ihr aufgedrängt worden war, um sie ruhig zu stellen. Außerdem fürchtete sie noch immer, dass jemand dahinterkommen könnte, dass ihre Ehe gar nicht so wunderbar glücklich war, und prahlte umso mehr mit Jeffs Vorzügen, wobei sie sich tröstlich überlegen fühlte, da Liz ihr ja einiges über Alistair erzählt hatte. Phyllida brauchte aber nicht lange, um Claudias aufgeblasenes Getue zu durchschauen, und sie beschloss, dass es das Beste war, gar nicht großartig darauf zu reagieren und zu hoffen, dass Claudia sich irgendwann entspannen würde. Sie hatte erkannt, dass in der stacheligen Schale ein guter Kern steckte, und nachdem sie sich ein paarmal getroffen hatten, ging alles etwas leichter.

Claudia ihrerseits fand Phyllidas schlichte Einstellung sowohl beruhigend als auch schmeichelnd. Rückhaltlos bewunderte Phyllida ihr bezauberndes georgianisches Haus, machte Claudia Komplimente zu ihrem eleganten Aussehen und erzählte ihr, wie großartig sie Jeff fand, ohne dass sie den geringsten Versuch unternahm, mit ihm zu flirten. Sie war beeindruckt von Claudias Erfahrungen in der Welt der Designer, und obwohl sie bedauerte, dass ihre Karriere mit dem Umzug in den Westen unterbrochen wurde, stellte sie diese Entwicklung nicht infrage. Phyllida war daran gewöhnt, mit einem Mann zusammenzuleben, dessen Beruf stets an erster Stelle stand, und sie akzeptierte, dass es bei Claudia und Jeff genauso war.

Claudia, die ihre Entscheidung, die eigene Karriere hintanzustellen, immer wieder hatte rechtfertigen müssen, war unglaublich erleichtert, fühlte sich aber sofort genötigt, nun ihren Standpunkt zum Thema Kinder zu verteidigen. Sie wollte nicht, dass Phyllida dachte, sie sei nicht mütterlich, aber sie wusste auch nicht recht, wie sie Jeffs kategorische Ablehnung erklären sollte, ohne dass es unnatürlich klang. Sie musste doch weiter das Bild der perfekten Ehe vermitteln.

»Ich habe das Gefühl, Jeff ist einfach noch nicht so weit, um Vater zu werden«, sagte sie, während sie eines Abends Lucy beim Baden zuschaute. Sie war zum Tee gekommen und länger geblieben, als sie eigentlich vorgehabt hatte, da sie wusste, dass Jeff spät nach Hause kommen würde. »Er arbeitet so hart und trägt so viel Verantwortung.«

»Ihr habt doch noch Zeit genug«, sagte Phyllida nachsichtig. »Alistair war ja auch schon einunddreißig bei Lucys Geburt. Ich finde, er hat viel mehr Geduld mit ihr als viele junge Väter mit ihren Kindern haben.«

Sie hob Lucy aus der Wanne und legte sie auf das große Handtuch quer über ihren Schoß. Claudia sah die beiden an – sie sahen sich absurd ähnlich mit ihrem zerzausten, kurzen braunen Haar und den großen grauen Augen – und empfand einen ungewöhnlichen Frieden. Phyllida wusste, dass Claudia sich noch nicht genügend vergessen konnte, um herumzutollen oder Geschichten vorzulesen, und dass sie daher mit einem Drink im Wohnzimmer besser aufgehoben war, während sie selbst Lucy ins Bett brachte.

»Geh doch runter und nimm dir etwas zu trinken!«, schlug sie zu Claudias Erleichterung vor. »Ich komme gleich nach. Und verschwinde noch nicht.«

Mit einem Glas Wein in der Hand schlenderte Claudia durch das gemütliche, unordentliche Wohnzimmer, sah sich Fotos in silbernen Rahmen an und hob Bücher und Spielsachen auf. Trotz der Unordnung und der schäbigen Möbel und Vorhänge, die mitsamt dem Haus vermietet wurden, war sie ganz entspannt und fragte sich, warum. Fast wünschte sie, sie könne Äußerlichkeiten gegenüber genauso gleichgültig sein wie Phyllida; zufrieden sein mit alter, bequemer Kleidung und einem Leben in Unordnung. Zwar versuchte Phyllida nie, ihre Nase in Claudias Privatleben zu stecken, doch wurde aus ihren eigenen Schilderungen deutlich, dass sie und Alistair sehr glücklich miteinander waren; Claudia vermutete, dass es genau diese Sicherheit war, die Phyllida Selbstvertrauen verlieh und es ihr erlaubte, so zu leben, wie es ihr gefiel, ohne sich um die Meinung der anderen zu kümmern. Sie grübelte noch immer darüber nach, als eine erschöpft wirkende Phyllida erschien, die einen Drink gebrauchen konnte.

»Ich bin immer hin- und hergerissen um diese Zeit«, seufzte sie und ließ sich auf das Sofa sinken. »Auf der einen Seite bin ich froh, dass Lucy im Bett ist und ich entspannen kann, aber auf der anderen Seite wünschte ich, sie könnte aufbleiben und mir Gesellschaft leisten. Die Abende sind manchmal so lang.«

»Das muss schlimm sein.« Claudia versuchte sich vorzustellen, ein solch seltsames Leben zu führen. »Irgendwie ist das doch eine schöne Zeitverschwendung, oder?« Sie konnte sich nicht helfen, sie empfand eine gewisse Selbstgefälligkeit, als sie an ihr eigenes optimal durchorganisiertes Leben dachte.

»Ja, wahrscheinlich. Aber es hat ja keinen Sinn zu klagen. Man kann keinen Seemann heiraten und dann nörgeln, wenn er auf See ist.«

»Sicher.« Claudia hob Lucys Stoffpuppe auf und setzte sie in eine Sofaecke. »Man gewöhnt sich bestimmt daran.«

»Im Winter ist es am schlimmsten.« Phyllida zerwühlte sich das Haar und gähnte ausgiebig. »Tut mir leid. Bin etwas müde. Lucy war etwas anstrengend heute Abend. Ich glaube, sie kriegt eine Erkältung. Ich fürchte, das wird wieder mal so eine Nacht. Das ist etwas, was man wirklich vermisst. Jemanden, mit dem man die Last teilen kann. Spielsachen aufräumen, abwaschen, Tee machen. Verstehst du?«

»Hm.« Claudia nickte und dachte daran, dass Jeff stets seinen Beitrag zum Haushalt leistete. »Früher, als wir beide gearbeitet haben, haben wir uns natürlich abgewechselt mit der Hausarbeit. Essen machen, Wäsche waschen und so. Jeff ist super. Wahrscheinlich nehme ich ihn für zu selbstverständlich. Jetzt, wo ich den ganzen Tag zu Hause bin, tut er nicht mehr so viel. Sicher fühlst du dich einsam, wenn du immer alles allein machen musst.«

»Vor Lucys Geburt war es noch schlimmer.« Phyllida ließ die Schuhe auf den Boden plumpsen und zog die Füße auf das Sofa. Sie ignorierte Claudias Anflüge von Herablassung, die diese immer noch nicht ganz unterdrücken konnte. »Da habe ich mich furchtbar einsam gefühlt. Manchmal mag ich das aber auch. Ich muss nicht ständig dafür sorgen, dass etwas Warmes auf dem Tisch steht, und zu bügeln habe ich auch kaum.

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