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Der Rubin der Oger

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Karte
  7. Prolog
  8. 1 – Der Rubin
  9. 2 – Die Grotte
  10. 3 – Marmor in der Wüste
  11. 4 – Gerüchte über Elfen
  12. 5 – Alte Freunde, alte Feinde
  13. 6 – Fremder ohne Schuhe
  14. 7 – Zuhause bei Feinden
  15. 8 – Besuch im Tempel
  16. 9 – Viele Fragen
  17. 10 – Hängt das Pferd
  18. 11 – Troll und Mensch
  19. 12 – Brennende Pilze
  20. 13 – Ergebt euch!
  21. 14 – Kieselschnapper
  22. 15 – Springt!
  23. 16 – Audienz beim König
  24. 17 – Schiffe in der Wüste
  25. 18 – Geheime Gänge
  26. 19 – Abordnung der Elfen
  27. 20 – Der Höhlentroll
  28. 21 – Halle der Götter
  29. 22 – Elfenschiffe
  30. 23 – Die Prophezeiung
  31. 24 – Gefangen in Sandleg
  32. 25 – Drohende Sterne
  33. 26 – Elliah
  34. 27 – Fliegender Tod
  35. 28 – Ein schnelles Spiel
  36. 29 – Gäste
  37. 30 – Missverständnisse
  38. 31 – Elf und Troll
  39. 32 – Fairer Zweikampf
  40. 33 – Ein gutes Versteck
  41. 34 – Myrel
  42. 35 – Der neue König
  43. 36 – Dunkle Machenschaften
  44. 37 – Das Troll-Orakel
  45. 38 – Sand und Wasser
  46. 39 – Der Kerker
  47. 40 – Die Goblinschmiede
  48. 41 – In der Arena
  49. 42 – Ein guter Plan
  50. 43 – Das Zusammentreffen
  51. 44 – Die Belagerung
  52. 45 – Regen
  53. 46 – Funke der Götter
  54. 47 – Niederlagen
  55. 48 – Die Vision
  56. 49 – Gefangene
  57. 50 – Verstärkung
  58. 51 – Geflüchtet
  59. 52 – Stollen des Vergebens
  60. 53 – Krieg der Götter
  61. 54 – Mystraloon
  62. 55 – Freunde
  63. Epilog

Über den Autor

Stephan Russbült wurde 1966 in Rendsburg in Schleswig-Holstein geboren. Er absolvierte eine Lehre als Großhandelskaufmann, studierte dann BWL und arbeitet heute als leitender Angestellter. Aus seiner langjährigen Begeisterung für Fantasy-Rollenspiele erwuchs auch seine Leidenschaft, Geschichten zu Papier zu bringen. Seine bezaubernde Reihe um die Oger ist insgesamt auf drei Teile ausgelegt. Stephan Russbült lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in Breiholz, nahe dem Nord-Ostsee-Kanal.

Stephan Russbült

DER RUBIN
DER OGER

 

Für Simon
Bewahre deine Fantasie

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Prolog

Viele Geschichten ranken sich um die großen Krieger von Nelbor. Einige waren bereits zuvor Helden und brachten ihre eigenen Abenteuer aus der Vergangenheit mit, andere wurden erst zu Berühmtheiten, weil man Geschichten um sie spann – verdient oder nicht.

Doch es gab auch große Krieger, deren Namen man nur flüsterte, und deren Geschichten man am besten für sich behielt. Einer von diesen dunklen Helden war Grind, der König der Trolle. In zahllosen Erzählungen rühmten sich Lords und Feldherrn der Menschen mit seinem Tod. Doch wie es wirklich war, wussten nur wenige.

Grind saß in seiner Höhle im Schwarzmoor. Ein umgestürzter Baum krönte den Eingang zu seinem Verlies und schien mit ihren langen knorrigen Wurzeln nach jedem zu greifen, der es wagte, sich dem Herrn der Trolle zu nähern. Grölendes Gelächter drang durch die engen Tunnel an die Oberfläche und wurde vom Wind fortgetragen. Grind hatte es sich auf seinem Wurzelholzthron gemütlich gemacht und schüttete sich den Rest aus einem kleinen Fass Zwergenbier in den Rachen. Laut gurgelnd ließ er sich das Gebräu über die Unterlippe am Kinn herabrinnen.

»Fangt mir ein paar von diesen Zwergen«, brüllte er. »Wir werden sie halten wie Schweine im Pferch. Dafür, dass ich ihr Leben verschone, müssen sie mir jeden Tag ein Fass Bier brauen.«

Die um den Tisch versammelten Goblins brachen in gehässiges Gelächter aus. Jeder wusste, dass sie zu feige und zu schwach waren, um auch nur einen Zwerg in ihre Gewalt zu bringen. Grind hielt sich diese geringsten Kreaturen Tabals als Diener. Genauer gesagt hatten diese sechs Goblins nur zwei Aufgaben im Gefolge des Trollkönigs: Zum einen besorgten sie Ratten aus den Städten der Hüttenbauer und brachten sie Grind, damit er sich an diesen Leckerbissen gütlich tun konnte. Zum anderen hatten sie die Aufgabe, bei dem Festschmaus darauf zu achten, dass die Nager nicht vom Tisch flüchteten, während Grind mit der Fleischforke nach ihnen stach, um sie dann am Stück zu verschlingen.

Heute war ein guter Tag für die Trolle. Grinds Krieger hatten den Pass auf dem Bergrücken besetzt und eine ganze Ladung Zwergenbier und mehrere Wagen Nahrungsmittel abfangen können. Zur Feier des Tages veranstaltete ihr Herrscher ein Saufgelage mit sich selbst. Sein Durst und seine Machtgier waren schier unersättlich.

»Bringt Tusfell her!«, schrie er, ohne zu bemerken, dass selbige bereits eine ganze Weile schräg hinter seinem Thron stand.

»Ich bin hier, Herr«, zischte sie.

Grind zuckte zusammen. »Du bist einfach zu hässlich, um so leise zu sein. Ich sollte dir eine Glocke umhängen, damit ich mich nicht irgendwann zu Tode erschrecke, wenn du dich wieder einmal anschleichst.«

Der überaus spritzige Charme des Trollkönigs sorgt für nur wenig Erheiterung bei den anderen Gästen. Die meisten fürchteten die Schamanin Tusfell ebenso wie ihren König.

»Ihr habt mich gerufen?«, sagte Tusfell und überging Grinds Beleidigung einfach.

»Hast du die Knochen befragt, wie ich es dir aufgetragen habe?«

Tusfell holte einen ledernen Beutel hervor und löste das Band, mit dem er zusammengeknotet war. Dann warf sie ihn zu Boden, wobei sich rund zwei Dutzend verschiedenartiger Knochen aus dem Bündel ergossen.

»Sie sagen immer dasselbe, Herr. Tabal ist stolz auf die Krieger der Trolle, und mit jedem Sieg steigt auch seine Macht. Der Starke soll sich den Schwachen Untertan machen. Doch es seid nicht Ihr, der an der Spitze dieses Krieges steht, sondern jemand, der nach noch mehr Macht strebt, nach göttlicher Macht.«

Wütend sprang Grind von seinem Thron auf, die Axt zum Schlag erhoben. Vor der Schamanin wirkte er wie ein Koloss. Er schien größer geworden zu sein in den letzten Wochen, und von Tag zu Tag steigerte sich sein Hass auf alle anderen Völker.

»Du wagst es zu behaupten, dass mir jemand Befehle gibt? Wenn du nicht selbst als Orakel in deinem kleinen Beutel landen möchtest, bist du beim nächsten Mal lieber vorsichtiger mit deinen Behauptungen.«

Er trat der alten Trollfrau in den Bauch. Tusfell stürzte zu Boden und brachte sich kriechend in Sicherheit.

»Wie Ihr befehlt«, zischte sie bösartig.

1

Der Rubin

Die Hammerschläge dröhnten dumpf aus dem Tunnelgang. Der Drachenhorst war schon seit vielen Jahren kein Ort der Magie mehr. In seinem Inneren herrschten nicht mehr Ruhe und Frieden, wie die schlafenden Drachen sie mit sich gebracht hatten. Seit Jahren war dies nun der Ort, den die Oger ihr Zuhause nannten, und Magie und Ruhe hatten hier nichts mehr verloren. Unentwegt hörte man die Werkzeuge, die das Gestein im Berg bearbeiteten. Lange Karawanen mit Felsbrocken verließen das Gebirge und noch längere mit Lebensmittel fanden den Weg hinein.

Im Gegensatz zu ihrem früheren Leben brachte die neue Behausung eine Menge Bequemlichkeiten mit sich. Kein Oger musste sich mehr auf der Suche nach Nahrung in Gefahr begeben. Sie hatten ein festes Winterquartier und einen Platz, an dem sie mit ansehen konnten, wie ihre Kinder aufwuchsen. Und sie hatten ihre Selbstbestimmung wiedererlangt, auch wenn die meisten von ihnen nicht wussten, was das war. Doch wie immer im Leben, hatte auch dieser Ort seine Schattenseiten, und Oger warfen riesige Schatten.

Die Hammerschläge erklangen tief aus dem Erdreich. Die Oger hatten ein weit verzweigtes Tunnelnetz unterhalb des Drachenhorstes gegraben. Nie hätte jemand gedacht, dass die behäbig wirkenden und meist handwerklich unbegabten Kolosse dazu imstande gewesen wären. Doch mit der Hilfe der Zwerge war es ihnen gelungen, ihre Gänge und Kammern so abzustützen, dass das Erdreich darüber nicht nachgab. Doch das war nicht alles, was man ihnen beigebracht hatte. Das kleine Volk hatte ihnen auch gezeigt, wie man den Marmor bearbeitete und abtransportierte. Extra großes Werkzeug hatten sie angefertigt, Gerätschaften, die auch der Kraft eines Ogers standhielten, auch wenn dessen Geduld am Ende war und durch einen Wutanfall abgelöst wurde. Tauwerk, Seilzüge und sogar eine Lore, die auf Schienen fuhr, hatten die Zwerge ihnen aus Dankbarkeit zur Verfügung gestellt. Wobei die Lore eher zur Unterhaltung beitrug, denn die Oger machten sich einen Spaß daraus, das Gefährt als Transportmittel für sich selbst zu verwenden. Mit angewinkelten Beinen in dem Metallkorb hockend und die Arme weit über das Gefährt hinaus gestreckt, die Deichsel packend, rasten sie unter dem Applaus und Gegröle der anderen die Gleisstrecke entlang.

Aber nicht nur die Zwerge hatten ihnen zu dieser Existenz verholfen, auch den Menschen aus Nelbor verdankten sie viel. Mit ihrer Hilfe hatten sie einen Brunnen tief ins Erdreich gebohrt und so das lebenswichtige Wasser für ihre Siedlung erhalten.

Sie schafften gewaltige Granitblöcke quer durch die Wüste und verkauften sie am Gebirgspass an Händler. Kein Gold, keine Edelsteine und auch keine Waffen waren es, die sie gegen das rote Gestein eintauschten. Nahrung war das Einzige, das für sie wertvoll war.

Vieles hatten sie im Laufe der Zeit gelernt, einiges wieder vergessen und anderes nie richtig begriffen, so zum Beispiel das Streben nach mehr. Die Menschen waren da anders, sie horteten, sie rafften und versuchten, Dinge zu erreichen, die Ogern wertlos erschienen. Es lag einfach nicht in der Natur der Oger, mehr zu wollen, als sie verbrauchen konnten. Es hatte keinen Sinn sich Geschmeide umzuhängen, denn man konnte es nicht essen, wenn man hungrig war. Man brauchte keine zwei Häuser, denn man schlief ja ohnehin nur in einem. Kleidung aus Seide wärmte nicht, und zwei Pferde galoppierten auch nicht schneller als eins.

Dies war auch ein Grund dafür, warum sie nie ein Oberhaupt bestimmt hatten. Jeder tat einfach das, was er am besten konnte, oder wenigstens das, was er überhaupt konnte. Am wichtigsten war, dass es funktionierte, und das tat es. Die Welt der Oger war nicht perfekt. Die großen Wesen waren immer noch übellaunig, faul und verfressen, aber sie hielten zusammen. Kein Oger nahm es einem anderen übel, wenn er mitten in der Arbeit einschlief oder eine Pause machte, um seinen immerwährenden Hunger zu stillen. Allein die Aussicht, sich nicht mehr herumkommandieren lassen zu müssen, im Winter nicht zu frieren und keinen Hunger zu leiden und bei ihren Familien zu sein, drängte sie immer wieder dazu, irgendwann weiterzumachen. Und es gab immer noch das Gespött der anderen, um einen Faulpelz wieder an die Arbeit zu bekommen.

»Du sehen aus wie Oger, aber du nur fetter Ork«, pflegten sie zu sagen. Ein Ausspruch, der selbst den trägsten unter ihnen dazu brachte, zu zeigen, was in ihm steckte.

Das Hämmern aus der Mine hatte aufgehört. Die Arbeiten unter der Roten Wüste ruhten heute, denn Glimdibur, ein zwergischer Minenbaumeister, stattete den Ogern einen seiner regelmäßigen Besuche ab. Er inspizierte die Mine und gab Anweisungen, wo Stützbalken eingezogen oder erneuert, die Grabungen eingestellt oder neue begonnen werden mussten. Außer ihm war nur Rolgist hier unten. Glimdibur gab dem Oger Anweisungen, wo er Probeschläge in den Fels zu setzen hatte, um die Adern des kostbaren Marmorgesteins weiter verfolgen zu können. Rolgist hatte wenig Lust, den ausschweifenden Erklärungen des Zwerges zu folgen. Ständig hetzte er ihn von Tunnel zu Tunnel.

»Grab hier. Grab da. Nimm den Balken mit. Setz dort eine Markierung. Schaff das Geröll beiseite«, waren schon zu viele Befehle für ihn. Aber: »Schau dir das an. Was sagst du dazu? Lass es mich dir einmal erklären«, überstieg sein Wohlwollen bei weitem. Rolgist schaltete einfach ab und versank mit seinen Gedanken tief ins Nichts, was ihm nicht sonderlich schwerfiel. Bei den letzten Besuchen des Zwerges war immer sein Bruder Tastmar zugegen gewesen, doch heute hatte er etwas Besseres zu tun: essen, schlafen, faulenzen. Widerwillig hatte Rolgist zugestimmt, dieses Martyrium über sich ergehen zu lassen, und nur der Ausblick darauf, dass sein Bruder die nächste Begehung ohne ihn erledigen würde, hatte ihn überzeugt. Rolgist wusste, dass die Arbeit des Zwerges wichtig war, und er erkannte auch die Gefahr, die darin lag, wenn man seinen bautechnischen Anweisungen nicht Folge leistete. In einem Tunnel unter der Erde zu hocken, der jeden Moment zusammenbrechen konnte, war noch unangenehmer als einem Zwerg zuzuhören, der endlos von viel zu schwierigen Dingen sprach.

»Dein mangelndes Interesse kommt daher, weil du nicht verstehst, was ich hier tue. Du verstehst den Stein nicht. Du hörst ihm nicht zu. Du erkennst nicht, was er will. Sprich mit den Felsen, und du wirst merken, dass sie dir viel zu erzählen haben«, ermahnte Glimdibur ihn.

Rolgist war erleichtert, dass er nicht hören konnte, was die Felsen zu erzählen hatten, das Gefasel des Zwerges reichte ihm schon vollauf.

»Felsen nicht reden. Felsen tote Erde«, brummte er und hoffte damit einen, wie Mogda immer sagte, logischen Einwand zu bringen, damit Glimdibur endlich die Klappe hielt. Doch leider funktionierte so etwas immer nur bei Mogda, bei ihm bewirkte es das genaue Gegenteil.

»Na, darüber kann ich dir einiges erzählen«, entgegnete Glimdibur tadelnd. »Steine sind ganz und gar nicht tot. Sie sind lebendig, so wie du und ich. Alles fing mit Steinen an. Die Zwerge sind aus Steinen erschaffen worden. Ich sehe schon, ich muss etwas weiter ausholen.«

Nein, dachte Rolgist. Musst du nicht. Aber er rollte bloß mit den Augen, ließ die Schultern hängen und ergab sich seinem Schicksal. Glimdibur hatte sich scheinbar gerade für sein Thema erwärmt. Er war erst bei der Entstehungsgeschichte des ersten Zwerges. Rolgist wusste nicht, wie viele des kleinen Volkes es gab, doch es waren zu viele, um allen Lebensgeschichten zu folgen. Sein Magen knurrte, und Müdigkeit überkam ihn. Glimdibur machte keine Pause. Seine Erläuterungen nahmen kein Ende. Zwischen den einzelnen Geschichten, die sich zu einem endlosen Netz aus Geburten, Vermählungen und Todesfällen aneinanderfügten, gab es nicht einmal genug Luft für Rolgist, um hastig »Steine doch leben« zu sagen. Aber irgendwann würde der Zwerg atmen müssen und kurz absetzen, es sei denn, die Geschichte mit den Steinen stimmte wirklich.

Es war ihm egal. Wenn sie nicht stimmte, würde Glimdibur irgendwann blau anlaufen und tot umfallen. Bis dahin wollte Rolgist sich ablenken, indem er die letzten Anweisungen des Zwerges ausführte.

Seinen gewaltigen Steinhammer hinter sich herziehend begab er sich zu der Stelle, an der ein mannshoher Felsbrocken lag, der laut Glimdibur aus Vulkangestein bestand. Aus den Ausführungen des Zwerges dazu hatte er vor allem eines herausgehört: »Weg damit.«

Völlig genervt holte Rolgist zu einem mächtigen Schlag aus. Er führte den Hammer hinter dem Rücken über den Kopf nach vorn. Ein tiefes Brummen aus der Kehle des Ogers begleitete den Schlag und gab Aufschluss darüber, wie enorm viel Kraft er in den Hieb legte. Funken sprühten, als das zwergische Metall auf den Felsen traf. Ein tiefer Riss zog sich vertikal durch das Gestein, und mit einem knirschenden Geräusch brach der Findling in zwei fast gleichgroße Teile, die sofort auseinanderklappten. Rolgist musste sich mit einem Sprung zur Seite vor der tonnenschweren Last retten. Verwundert kam er wieder auf die Füße und betrachtete das Resultat seines Wutausbruches. Der Stein barg einen Hohlraum, und das Innere war verziert mit hunderten von gezackten Kristallen, die im Licht seiner Fackel rötlich glitzerten. Fasziniert beobachtete er das Lichterspiel, das sich ihm bot. Noch nie hatte er so etwas Schönes gesehen, und normalerweise beeindruckte ihn Schönheit auch nicht besonders. Eigentlich drehte sich alles in seinem Leben mehr um die Frage, ob etwas essbar war oder nicht. Diese Glitzersteine hingegen konnte man sicherlich nicht essen. Aber in seinem Geist begann sich die Frage zu formen, wie viel Essen man dafür wohl bekommen könnte?

Rolgist war nicht aufgefallen, dass Glimdibur davon abgelassen hatte, seinen lehrreichen Vortrag fortzuführen. Erst als der Kopf des Zwerges sich langsam an seinem Bein vorbeischob, bemerkte er ihn. Glimdibur schien nicht weniger fasziniert. Rolgist war hin und her gerissen, weil er nicht wusste, was ihn mehr überraschte, der phänomenale Fund eines verborgenen Schatzes oder die Tatsache, den Zwerg sprachlos zu sehen.

Vorsichtig griff Rolgist nach den funkelnden Kristallen und ließ seine Finger über die Spitzen gleiten. Dann packte er die größte, die hervorstach wie ein Kirchturm in einem Bauerndorf, und rüttelte an ihr. Mit dem Geräusch einer zerberstenden Rippe löste sich der Stein.

»Weißt du, was das ist?«, flüsterte Glimdibur ihm zu.

»Großer Schatz«, antwortete Rolgist, der die Stimme weniger erfolgreich senkte.

»Da hast du ausnahmsweise Recht, mein kräftiger Freund. Es ist ein großer Schatz. Ein Schatz, den die Natur für uns bereitgehalten hat. Das ist eine Rubindruse, und der Splitter, den du in den Händen hältst, ist der größte Rubin, den die Welt je gesehen hat.«

Rolgist drehte den Splitter zwischen seinen Fingern hin und her und freute sich über die lustigen Lichtreflexe, die sich in ihm spiegelten.

»Viel Essen wert?«, fragte er Glimdibur hoffnungsvoll, der seine Hand ausgestreckt hatte, um nach dem Edelstein zu greifen. Rolgist hielt ihn hoch und stierte durch die Facetten des Rubins. Er beobachtete jede Ecke der Höhle und erfreute sich an den verzerrten Bildern, die sich ihm boten. Bei einem flüchtigen Blick durch den Stein auf den Zwerg brach er in schallendes Gelächter aus.

»Ha, ha, Stein machen ganze Armee von Zwergen. Zwerge aber noch viel kleiner und fetter.«

Glimdibur wurde zunehmend unruhig. Diese Kostbarkeit in den Händen eines übergroßen, nichts wissenden Barbaren zu sehen, und dabei ruhig zu bleiben, kostete ihn alle Beherrschung, zu der er fähig war. Am Ende war es mehr, als er zu geben hatte.

»Gib ihn mir! Gib ihn mir!«, platzte es plötzlich aus ihm heraus. »Du wirst ihn noch fallen lassen.«

Rolgist genoss die Situation. Die überhebliche Art des Zwerges und sein belehrendes Gerede waren wie weggeblasen. Der Baumeister des kleinen Volkes war wie verwandelt.

»Bringen zu Kruzmak«, erklärte er Glimdibur, dem daraufhin sämtliche Gesichtszüge entgleisten.

Entsetzt wich der Zwerg zurück.

»Zu Kruzmak?«, fragte er fassungslos nach, ohne eine Antwort abzuwarten. »Bist du verrückt? Kruzmak wird es Mogda erzählen, und Mogda wird sie, genau wie den Marmor, zu einem lächerlichen Preis an die Menschen verhökern. Wir hätten gar nichts von dem Schatz. Wir würden ihn genauso schnell verlieren, wie wir ihn gefunden haben. Stell dir nur einmal vor, was wir mit diesem Reichtum alles machen könnten.«

Rolgist brauchte nicht lange zu überlegen, was man mit Reichtum alles machen konnte. Reichtum bedeutete ihm nichts, dafür aber Essen umso mehr. Und der Oger, der unglaublich gut Besitz in Nahrung verwandeln konnte, war Mogda. Er war es, der es geschafft hatte, die Oger so sorglos leben zu lassen, und er war es auch, dem er sein Leben verdankte.

»Gehen zu Kruzmak und zeigen Stein«, wiederholte er.

Glimdibur konnte es nicht fassen. Er stand vor der größten Kostbarkeit, die er in seinem zwergischen Leben gesehen hatte, und alles, was ihn davon trennte, waren tausend Pfund Dummheit.

Aufgeregt lief der Zwerg in dem Schacht hin und her. Rolgist beobachtete ihn verwundert. Er schien mit sich selbst zu sprechen, Fragen zu stellen und diese gleichzeitig zu beantworten. Immer lauter wurden seine Selbstgespräche, geführt in der Sprache der Zwerge.

Abrupt wirbelte der Zwerg herum.

»Gut, ich hab’s! Du überlässt mir den Stein als Bezahlung für meine jahrelange Arbeit hier. Ich stecke ihn ein, und wir vergessen die Sache. Dann gehen wir zu Kruzmak und erzählen ihm von der Druse. Alles, was ich will, ist dieser Splitter, verstehst du?«

Rolgist verstand, was Glimdibur von ihm wollte, wobei ihm noch unklar war, wie man absichtlich etwas vergessen konnte. Es war nicht so, dass er nie etwas vergaß, aber das geschah immer ohne Vorbedacht.

Trotzdem war ihm nicht wohl bei dem Gedanken, seine Kameraden zu hintergehen, auch wenn es sich nur um einen Steinsplitter handelte. Es war nicht richtig, oder zumindest hatte er nicht zu entscheiden, ob es richtig war.

»Nein, Kruzmak entscheiden«, erklärte er.

Glimdibur ballte die Fäuste zusammen und presste die Lippen aufeinander. Der Zwerg, der sonst äußerst ausgeglichen wirkte, schäumte vor Zorn. Vor Wut schnaubend trat er gegen einen Eimer.

»Das kann ich nicht zulassen«, schrie er.

Seine Augen hatten sich verändert. Der sonst so müde und abgeklärte Blick war verschwunden. Die Gier überschattete seinen Geist.

Mit einer Hand packte er seinen Helm und stülpte ihn über. Seine langen roten Zöpfe quollen an den Seiten hervor. Außer den buschigen Augenbrauen und dem sorgfältig geflochtenen Bart war nun so gut wie nichts mehr von seinem Gesicht zu erkennen. Glimdibur tastete nach seiner reich verzierten Streitaxt, ohne Rolgist auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen.

»Du kämpfen?«, fragte Rolgist ungläubig.

Er war kein Krieger, und er hatte auch nie einer sein wollen. Manchmal hatte man ihm keine Wahl gelassen, aber solange es ihm möglich war, einem Kampf aus dem Weg zu gehen, hatte er das auch getan. Er verstand nicht, wie man sein Leben für einen Gesteinssplitter opfern konnte, und genau das würde der Zwerg tun. Rolgist kannte die Krieger des kleinen Volkes. Man durfte sie nicht unterschätzen, sie waren zäh und für ihren geringen Wuchs äußerst kräftig. Aber eben nur dafür. Außerdem war Glimdibur alles andere als ein Kämpfer, selbst wenn man sein hohes Alter außer Acht ließ.

»Hier, du nehmen«, sagte Rolgist und warf den Rubin vor die Füße des Zwerges.

Wortlos griff Glimdibur danach und steckte den Stein in seinen breiten Ledergürtel.

»Ich habe nur Spaß gemacht«, lachte er nervös. »Ich wollte nur mal sehen, ob man sich auf dich verlassen kann. Natürlich erzählen wir Kruzmak von dem Fund. Er kann dann entscheiden, ob ich den Stein als Bezahlung behalten darf.«

Rolgist wurde der Zwerg immer unheimlicher. Er wusste nicht mehr, was er von ihm halten sollte. Wenn Kruzmak ihm den Stein wieder abnehmen wollte, sollte er es ruhig tun, Hauptsache, er war nicht in der Nähe.

Zögerlich nickte Rolgist mit dem Kopf.

»Na los«, rief Glimdibur angestrengt fröhlich, »wir machen den Rest hier noch fertig, und dann gehen wir zusammen einen trinken. Ich habe ein kleines Fass Starkbier dabei, davon genehmigen wir uns einen Becher.«

Rolgist sollte es recht sein. Je schneller sie hier weg kamen, desto besser.

Glimdibur ließ ihn noch einigen Schutt beiseite räumen und zwei Holzstämme unter der Decke verkeilen. Dem Zwerg war nichts mehr von seiner Sinneswandlung anzumerken. Nach wenigen Augenblicken überschüttete er Rolgist schon wieder mit seinen Weisheiten.

»Du musst immer auf das Muster im Massiv achten, daran kann man erkennen, wie sich der Stein verhält, wenn man ihn bearbeitet. So, hier muss noch eine Stütze hin, dann haben wir alles erledigt.«

Rolgist blickte sich um. Alle Stützbalken waren verbraucht. Jetzt wieder nach oben zu gehen, um einen neuen zu besorgen, würde dauern.

»Stützen alle«, wandte er ein. »Einfach machen Zeichen, dann bringen morgen und machen fertig.«

Glimdibur hatte immer einen großen Sack Kreide dabei, mit der er bestimmte Gebiete markierte, an denen noch gearbeitet werden musste. Es gab eine Menge Aufgaben, die man nicht allein bewältigen konnte. Die Zeichen stellten sicher, dass hier niemand weitergrub, ohne die Felsen abzustützen.

»Nein warte, wir können diesen hier nehmen«, sagte der Zwerg und klopfte gegen einen Stamm, der neben ihm senkrecht unter die Decke gestemmt war.

Rolgist sollte es recht sein, besser, als dass Glimdibur ihn doch noch nach oben schickte, um einen weiteren Balken zu holen. Mit seinem Hammer im Schlepptau machte er sich daran, den Stamm auszutauschen.

»Balken klemmt«, stöhnte Rolgist nach den ersten beiden Schlägen.

»Dann musst du ein bisschen kräftiger zuschlagen, oder bist du gar kein Oger, sondern nur ein fetter Ork? Zeig mal, was du kannst, ich sammle inzwischen schon mal das Werkzeug wieder ein.«

»Fetter Ork«, brummte Rolgist und holte erneut zum Schlag aus.

Der Stamm knickte unter der Wucht des Hammers in der Mitte ein. Ein breiter Spalt zog sich quer über die Decke, dann lösten sich die ersten Gesteinsbrocken und stürzten auf Rolgist nieder.

Ein dumpfes Grollen fegte durch die Tunnelgänge, das den erstickten Schrei schluckte, den er ausstieß.

2

Die Grotte

Der leichte Seegang ließ die Wellen in der Grotte wie einen monotonen Singsang widerhallen. In regelmäßigen Abständen wechselte das klatschende Brechen der Wellen mit dem Rauschen ab, wenn das Wasser über den Fels zurück ins Meer floss. Die Sonne stand bereits niedrig und ließ den Eingang zur Grotte in einem tiefen Rot erleuchten, das sich mit der Spiegelung auf der Wasseroberfläche vermischte. Diese Höhle war nicht viel mehr, als eine von der Brandung ausgewaschene Vertiefung im porösen Gestein des Bergwalls, dennoch hätte sie Geschichten erzählen können, die denen eines Königspalastes ebenbürtig waren.

Das Geräusch der Wellen wurde schwächer, dafür verringerte sich der Abstand zwischen ihnen. Eine einzelne Woge rauschte heran, die nicht zu den Gezeiten des Meeres gehörte. Sie bewegte sich eigenständig und zielgerichtet. Sie schien ihre eigene Strömung zu haben, die sich schneller bewegte als das Wasser es zugelassen hätte, und auf ihrem Weg verschlang sie zahllose andere Wellen. Als sie auf das vulkanartige Gestein in der Grotte traf, hätte man denken können, sie zügele ihr Tempo. Fast behutsam ergoss sich die Brandung über den Fels und verteilte sich gleichmäßig über die scharfen Kanten der Steine. Das Wasser dehnte sich für einen kurzen Moment zu einer glatten, verspiegelten Oberfläche aus, bevor es wieder zurück ins Meer floss. Alles, was von ihr übrig blieb, war die Gestalt eines jungen Mannes, der in der Gischt der neu herannahenden Wellen kauerte.

Langsam erhob er sich und kletterte über die kantigen Steine weiter in die Grotte hinein. Er trug nichts außer einem wollenen Umhang mit Kapuze. Der durch die Nässe dunkelbraun verfärbte Stoff hing tropfend von seinem Leib. Die Kapuze war tief in sein Gesicht gezogen und verbarg es fast vollends. Mit sicheren Schritten bewegte er sich über den scharfkantigen Untergrund, ohne dass seine nackten Füße auch nur ein einziges Mal zögerten. Er ging einige Schritte, bis er das Ende der Grotte erreichte, und hockte sich dann wieder hin, den Blick auf das Meer gerichtet. Bedächtig griff er mit beiden Händen an die Kapuze und zog sie nach hinten. Sein langes blondes Haar verschwand im Nacken unter dem Umhang, nur einige Strähnen fielen an der Seite heraus und hingen in seinem fast weiblich anmutenden Gesicht. Seine zierliche Nase und sein schmales Kinn unterstrichen den Eindruck. Seine Augen waren von einem durchdringenden Blau.

Keine einzige Welle entging seinem geschärften Blick. Wie nach einem Muster Ausschau haltend fixierte er das Meer vor sich.

Blitzschnell klatsche er in die Hände, und wie durch fremde Hand wurde ein Fisch aus den Wogen geschleudert und vor seine Füße geworfen. Der kleine Barsch lag hilflos zappelnd auf den Steinen. Der Jüngling griff nach ihm, hielt ihn sich vor das Gesicht und ahmte seine Maulbewegungen nach, mit denen er versuchte, nach Luft zu schnappen.

»Du brauchst keine Angst zu haben«, sagte er zu dem Fisch. »Ich werde dich gleich wieder zurückschicken, aber du musst etwas für mich tun.«

Die Stimme passte nicht zu ihm, sie war zu tief und zu männlich für seine Erscheinung.

»Schwimm hinaus und erzähle es den Meinen. Die Zeit ist gekommen, ein zweiter Funken erleuchtet meinen Weg. Sobald ich ihn habe, werde ich es sie wissen lassen. Sag es allen, die es verstehen können.«

Sanft ließ er den Fisch wieder zurück ins Wasser gleiten.

3

Marmor in der Wüste

Die schweren Karren rollten nur langsam über den sandigen Boden der Roten Wüste. Trotz ihrer breiten Holzräder sackten sie tief in die Erde ein und hinterließen Furchen im Boden, die einem Bauern mit einem Pflug nicht besser gelungen wären. Die grob gezimmerten Fuhrwerke ächzten stark unter der Last der tonnenschweren Granitblöcke. Die Räder der Karren waren leicht unrund, und ihre Achsen nicht ganz zentrisch gelagert, somit blockierten sie von Zeit zu Zeit. Doch die Kraft von vier Ogern ließ es nicht zu, dass die Wagen langsamer wurden oder gar anhielten. Sie wurden einfach gezogen, ob mit oder ohne runde Räder. Die einzigen Konstruktionen, welche die Oger vorher gebaut hatten, waren schwere Katapulte, Rammböcke und andere Belagerungsmaschinen. Die Lastkarren waren augenscheinlich mit dem gleichen handwerklichen Ungeschick erstellt worden, und ohne Granitblöcke hätte man sie sicher auch als Kriegsmaschinerie eingestuft. Vier Karren gehörten zu der kleinen Karawane. Sechzehn Oger zogen die Last, einer überwachte das Vorankommen, und einer stritt unentwegt ab, etwas damit zu tun zu haben.

»Ich machen vier Jahre«, brummte Rator, »und nun haben Aufpasser.«

»Ich bin nicht als Aufpasser hier«, rechtfertigte sich Mogda genervt.

»Wohl«

»Nein, bin ich nicht. Ich laufe einfach nur in die gleiche Richtung.«

»Dann wir warten halben Tag, und du gehen weiter.«

Langsam war Mogda es leid, sich diese lächerlichen Unterstellungen Rators noch weiter anhören zu müssen. Es fehlte nicht viel, und er hätte zugestimmt.

»Das ist doch Blödsinn, ich wollte einfach nur in Gesellschaft reisen und hatte gehofft, du freust dich darüber.«

»Ha, warum freuen, wenn du denken, ich alles falsch mache.«

»Ich denke doch gar nicht, dass du alles falsch machst. Ich finde, du erledigst deine Aufgabe ganz hervorragend.«

Rator schleuderte einen Stein, den er kurz zuvor aufgehoben hatte, mit Wucht auf den Boden.

»Haben gewusst, du doch Aufpasser.«

»Bin ich nicht.«

»Wohl«

Mogda ließ sich etwas zurückfallen. Er trottete hinter dem zweiten Wagen her, und von Zeit zu Zeit schüttelte er sich, um das Gefühl der Überflüssigkeit loszuwerden.

Er konnte es einfach nicht fassen. Seit Jahren verhandelte er jetzt mit den Menschen, und fast jeder versuchte, ihn auf irgendeine Art und Weise zu übervorteilen. Jedes Gespräch verlief anders. Jeder hatte eine andere Masche, aber keinem konnte man nachsagen, dass er nicht tief in die Trickkiste griff, um ihn hereinzulegen. Und doch war es ein Oger, mit einem eingeschränkten Sprachschatz und dem Hang zu gewalttätigen Problemlösungen, der ihn an den Rand der Verzweiflung brachte.

Gerade hatte er seine Gedankengänge abgeschlossen, da taten ihm seine Überlegungen auch schon leid. Er tat Rator Unrecht. Er selbst war auch nur ein Oger, und nur durch einen glücklichen Zufall war er in der Lage, zu schreiben und zu lesen. Rator hatte ihm in vielen gefährlichen Situationen beigestanden. Seine Loyalität stand außer Frage. Er war eben ein Oger und regelte die Probleme auf Ogerweise. Daran war nichts Verwerfliches. Er selbst war es, der sich immer weiter von dem entfernte, was er wirklich war. Die Menschen hatten schon zu viel Einfluss auf ihn genommen. Manchmal ertappte er sich dabei, wie er versuchte, sie zu imitieren, doch er war dabei nur eine schlechte Fälschung mit Übergewicht.

»Du«, rief eine schnaubende Stimme hinter ihm. Mogda drehte sich um und sah sich den Ogern gegenüber, die den dritten Wagen zogen.

»Dort sein Pass. Wir bald da.«

»Das wurde auch Zeit«, stöhnte Mogda.

»Du erschöpft? Wir können machen Pause«, bot der stämmig wirkende Oger an.

»Nein, warum sollten wir eine Pause machen?«

»Weil du immer festhalten an Karren.«

Mogda stockte der Atem vor Wut. Das war eine Ungeheuerlichkeit. Egal, wo er seine Hilfe anbot, er wurde missverstanden.

»Ich habe mich nicht festgehalten«, versuchte er, sein Bestreben richtig zu stellen. »Ich wollte nur verhindern, dass wir immer langsamer werden, deshalb habe ich mit geschoben.«

Das breite Grinsen der vier Oger strafte ihn Lügen. Er war es satt, sich weiter rechtfertigen zu müssen. Er entschied, dass es ihm lieber war, sich mit der schlechten Laune Rators abzugeben, als sich dem Gespött der anderen auszusetzen. Mit aller Kraft warf er sein Gewicht noch einmal gegen den Karren, der sein Tempo dadurch aber keineswegs beschleunigte, und ging dann wutschnaubend wieder an die Spitze der Karawane.

Rator empfing ihn grinsend. »Na, andere alles machen richtig?«

Mogda ging nicht auf die Frage ein. Alles was er hätte sagen können, wäre falsch gewesen. Die letzten Meilen würden sie einfach nebeneinander hergehen und so tun, als ob sie sich nicht kannten, besser noch, als ob der andere gar nicht da wäre.

Mit jedem Schritt besserte sich Mogdas Laune. Sein Groll legte sich, und auch Rator schien etwas ausgeglichener. Der wirkliche Grund seiner Reise kam ihm wieder zu Bewusstsein. Er war auf dem Weg nach Osberg, um Cindiel zu besuchen. Zwei Jahre war es her, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte. Damals war sie schon kein kleines Mädchen mehr gewesen, sondern schon auf halbem Weg zum Erwachsenwerden. Mogda war gespannt, inwieweit sie sich verändert hatte.

Der Bergwall lag keine zwei Stunden vor ihnen. Auf dem Rest der Reise würden sie ihre letzten Kräfte mobilisieren müssen. Die hügelige Landschaft vor dem Pass beanspruchte Oger und Fuhrwerk in gleichem Maße. Von der Handelskarawane aus Nelbor war noch nichts zu sehen.

»Wohin geht der Marmor diesmal?«, wollte Mogda wissen.

Er hatte gehört, dass Rator auf einer Landkarte den Verbleib eines jeden einzelnen Steins verzeichnete. Als er darauf angesprochen wurde, erklärte er: »Wenn nicht mehr Pakt mit Menschen, besser wissen, wo Festungen gebaut.«

Die Quelle, von der Mogda diese Information hatte, war nicht besonders zuverlässig, aber in diesem Fall war er sich sicher, dass es stimmte. Er kannte Rator genau und wusste, wie gut das zu ihm passte.

»Turmstein«, gab Rator zur Antwort. »Zwölfte Mal vier Steine.«

»Mann, das wird aber eine große Festung«, sagte Mogda, ohne genau über seine Worte nachgedacht zu haben. Dies war eine der Eigenarten, die er sich von den Menschen angewöhnt hatte. Früher hatte er lange nachgedacht, bevor er den Mund öffnete, und dann waren es nur wenige Worte gewesen, die aus ihm herauskamen. Heute redete er einfach drauflos. Aber manchmal sagte er damit weniger als früher, oder er blamierte sich, wie in diesem Fall.

Rators Blick zeigte ihm, wie weit er danebenlag.

»Steine nicht mal reichen für Eingang«, erklärte Rator. »Nicht bauen Festung. Bauen kleine Menschen für denken dran.«

Nach kurzem Überlegen erkannte Mogda, was Rator meinen musste. »Ah, ein Denkmal. Für wen denn?«

Der große Oger zuckte nur die Schultern. Mogda wusste, dass ihn die Menschen nicht sonderlich interessierten.

Als sie die Mündung zum Passweg erreichten, waren die Händler aus Turmstein noch immer nicht in Sicht. Die Oger waren in den vergangenen Verhandlungen stur geblieben und beharrten darauf, den Handelstreffpunkt auf der Nordseite der Berge einzurichten. Die Strapazen, die sie auf dem Weg durch die Wüste auf sich nahmen, reichten schon, auch ohne dass sie den beschwerlichen Weg über die Berge mit den tonnenschweren Granitblöcken machten. Die Menschen waren pragmatischer veranlagt, sie benutzten Maultiere, um die Karren zu ziehen, und wälzten somit die schweißtreibende Arbeit auf die Tiere ab. Immer wieder boten die Händler den Ogern Zugtiere an, die ihnen auf dem Weg durch die Wüste helfen würden, doch Rator lehnte jedes Mal dankend ab. Für ihn waren Pferde, Mulis und Ochsen nichts anderes als Nahrung. Je mehr man sie zur Bewegung drängte, desto zäher wurden sie, und irgendwann waren sie dann vollends ungenießbar. Außerdem war Rator auch stets darauf bedacht, dass seine Männer in Form blieben. Trägheit und Faulenzen war etwas, das Oger bis zur Perfektion beherrschten, und noch ein Stück weiter. Bei dem Nahrungsangebot, das sich ihnen durch den Handel mit den Menschen bot, würde es nicht lange dauern, und die Oger bräuchten Ochsen, um sich selbst von einem Ort zum anderen zu befördern.

Die Kolonne stoppte. Der erste Wagen wurde unter einen Lastbaum gezogen, der zum Umladen der Granitblöcke von den Menschen aufgestellt worden war. Die anderen Wagen standen in Reih und Glied dahinter. Der Umschlagplatz war ansonsten nur spärlich eingerichtet, mit einer von Felssteinen umrandeten Feuerstelle und einem Futtertrog für die Tiere. Keine der beiden Gruppen wollte hier länger kampieren als nötig.

»Da kommen«, rief Hagmu, einer der Oger, die den ersten Karren zogen. Eine Staubwolke verriet, dass sich schwer beladene Wagen mit Nahrung näherten.

»Pünktlich wie immer, die Menschen«, brummte Mogda. »Ich werde weiterziehen, es ist noch ein weiter Weg bis Osberg. Ihr braucht mich hier ja nicht.«

»Du reisen zu Cindiel?«, fragte Rator.

»Ja, würdest du sie nicht auch gern mal wiedersehen?«

»Nicht haben Zeit zu kümmern um Menschen.«

Mogda wusste, dass er log. In Wahrheit war es ihm peinlich zuzugeben, dass er einen Menschen mochte.

»Ich werde sie einfach von dir grüßen. Sie wird sich bestimmt freuen.«

Mogda sah, wie Rator zustimmend nickte, aber so, dass es niemand außer den beiden sehen konnte.

»Ich werde mich dann mal auf den Weg machen. Lasst euch nicht von den Händlern über den Tisch ziehen.«

»Händler niemals können …«, brauste Rator auf, doch Mogda beruhigte ihn sofort.

»Das ist nur ein Sprichwort der Menschen.«

Das schien Rator als Erklärung zu reichen. Der genaue Sinn interessierte ihn weniger.

Mogda hatte sich schon sein Proviantbündel vom Karren gezogen und über die Schulter geworfen. Etwas sehnsüchtig schaute Rator ihm hinterher. Er würde die kleine Hexe auch gern wiedersehen. Von allen Menschen, die er kannte, war sie die Einzige, die ihm etwas bedeutete. Er verdankte ihr sein Leben, und das gleich mehrfach.

Hagmu trat von hinten an ihn heran. Er baute sich neben Rator auf und stützte sich auf seiner Keule ab. Rator wusste nicht viel über ihn, außer dass er auch einer der Kriegsoger war, die vor Jahren erst für und dann gegen die Nesselschrecken gekämpft hatten. Ihm und seiner Gruppe war es zu verdanken, dass die Trolle in der Schlacht nicht zu den Menschen durchgebrochen waren. Er hatte viele Menschen gerettet, auch wenn sie es nicht wussten.

»Nur drei Wagen«, sagte er und zeigte auf die Gespanne der Menschen die gerade die letzte Anhöhe zum Lagerplatz überwanden.

»Wollen erst hören, was sagen«, antwortete Rator.

Sein Blick fiel auf die schwere Keule des Ogers. Angeschliffene Knochensplitter waren tief im Holz verankert, und der Griff war mit einem einfachen Lederband umwickelt. Zwischen dem Leder und dem Keulenende waren zahlreiche Kerben ins Holz geschnitzt.

»Nicht gut, wenn Menschen sehen Kerben für Feinde getötet. Früher Feinde, jetzt Freunde.«

Hagmu hob die Keule auf Augenhöhe und drehte sie vor seinem Gesicht einmal herum.

»Du wissen, wie viel Kerben sein?«

Rator schüttelte den Kopf.

»Ich auch nicht können zählen, aber zu viele Kerben sein. Kerbe nicht für getötete Feinde. Kerbe für tote Freunde. Menschen sollen sehen«, erklärte Hagmu.

Rator hatte ihn falsch eingeschätzt. Er hätte es besser wissen müssen, schließlich war er ein Kriegsoger, genau wie er.

»Kommen mit, reden mit Menschen. Sehen warum Wagen einer zu wenig«, forderte Rator ihn auf mitzukommen.

Die Menschen lenkten ihre Fuhrwerke zum Lastenzug und stellten die Wagen neben denen der Oger ab. Einer der Händler kam auf Rator und Hagmu zu. Sein Name war Briftalon. Er war ein junger Mann mit dunklem Haar und auffällig buschigen Augenbrauen. Sein äußerst schlaksiger Körperbau wurde durch die sonderbare Art, seinen Oberkörper beim Gehen hin und her zu bewegen noch verstärkt. Die nach außen zeigenden Füße verstärkten den unbeholfenen Eindruck.

»Hallo, wartet ihr schon lange?«, begrüßte er die Oger.

Rator, der nicht sonderlich geschickt darin war, belanglose Konversation zu betreiben, kam gleich zur Sache.

»Wo sein vierter Wagen?«

»Naja, das war so«, begann Briftalon, wobei Rator schon wusste, dass ihm die folgende Erklärung nicht gefallen würde. Immer wenn die Menschen versuchten, mit viel Gerede abzulenken, führten sie irgendetwas im Schilde.

»An der Südseite des Passes hatten wir einen Radbruch. Unsere Leute reparieren den Wagen und kommen dann nach.«

Rator hasste es, immer Recht zu behalten.

»Wann kommen?«, wollte er wissen.

»Hab ich doch gerade gesagt«, erwiderte Briftalon in gereiztem Ton.

»Dann warten. Wenn nicht da wenn Abend, wir tauschen drei zu drei.«

Rator erkannte, dass Briftalon auf eine andere Antwort gehofft hatte. Er fuchtelte mit den Armen umher, brach dann aber seine übertrieben Gestik ab und kehrte wortlos zu seinen Leuten zurück.

»Gehen mit, tauschen drei, dann warten bis kommen letzter Wagen«, wies Rator Hagmu an. Er selbst blieb zurück und versuchte Mogda noch zu erspähen, konnte ihn aber nirgends entdecken.

Stunden vergingen, aber der fehlende Wagen tauchte nicht auf. Es war jetzt schon das dritte Mal innerhalb weniger Stunden, dass Rator dem Pass Richtung Süden folgte und einen steilen Felsvorsprung erklomm. Von hier aus hatte er einen guten Überblick und würde den Wagen schon sehen können, wenn er die Passspitze erreichte. Aber er konnte nichts entdecken, und nichts deutete darauf hin, dass sich das in naher Zukunft ändern würde. Eine Hirschkuh mit ihrem Kitz suchte dort oben nach schmackhaften Kräutern. Rator wusste, dass diese Tiere die Ersten waren, die Reißaus nahmen, wenn sich ihnen Fremde näherten, und einen schwer beladenen Wagen würden sie schon von Weitem wittern. Ein nützliches, wenn auch bitteres Wissen. Erst einmal in seinem Leben hatte er Hirschfleisch gegessen. Es war außerordentlich wohlschmeckend, und Rator hätte vieles getan, um noch einmal in den Genuss zu kommen, doch leider wussten die Tiere das anscheinend ebenso gut wie er.

Es fiel ihm erst auf, als er zurück ins Lager kam und seine eigenen Leute betrachtete. Sie sahen ihn fragend an. In ihren Blicken lag der Wunsch endlich von hier zu verschwinden. Wurgut stand sogar auf in freudiger Erwartung endlich wieder heimzukehren, um sich dann doch enttäuscht wieder ans Feuer zu setzen. Und was taten die Menschen? Sie beachteten ihn überhaupt nicht. Sie schauten nicht in seine Richtung, und sie schauten nicht zum Pass. Sie schienen die Antwort schon zu kennen.

»Feuer löschen, wir aufbrechen«, rief Rator seinen Kameraden zu.

Diesmal war es Briftalon, der zuerst aufsprang.

»Halt, halt, ihr solltet nichts überstürzen. Es wäre doch dumm, den letzten Wagen wieder ganz durch die Wüste zu ziehen.

Ich mache euch einen Vorschlag. Ihr nehmt diesmal nur die drei Wagen, und beim nächsten Mal bekommt ihr einen mehr. Was haltet ihr davon?«

Rator musste nicht lange überlegen. Der Handel hieß Wagen gegen Wagen, und nur so funktionierte es. Handelsvereinbarungen waren wie Schlachtpläne, sie mussten eingehalten werden. Wenn man davon abwich, verlor man die Kontrolle.

»Nein, drei gegen drei«, antwortete Rator.

»Drei gegen drei«, imitierte Briftalon nun Rator. »Wir müssen verrückt gewesen sein, als wir euch das Zählen beigebracht haben.«

Die Art, wie der Mensch mit ihm sprach, gefiel Rator nicht. Er schien gereizt, mehr als es sich für einen Wagen Marmor gelohnt hätte, wenn es sich überhaupt lohnte, sich über Steine aufzuregen. Aber die Menschen waren in vieler Hinsicht verschroben.

»Rator schon vorher zählen. Nicht wissen von Menschen«, brummte der Oger, wobei er allerdings verschwieg, dass sein Talent nicht weiter als bis zur Anzahl seiner Finger reichte.

»Ja, ist ja gut, aber was du nicht weißt, ist, für wen der Marmor bestimmt ist. Wir sind nämlich geschickt worden von Tribert von Sigurt. Und ich glaube nicht, dass du ihn verärgern möchtest.«

Rator war es vollkommen gleichgültig, ob es irgendwo einen Menschen mit diesem Namen gab, der sich ärgerte. Wichtig war für ihn nur, dass der Handel eingehalten wurde.

»Nein, drei gegen …«

»… gegen drei«, unterbrach in Briftalon. »Du hattest es schon gesagt. Nur leider läuft es diesmal nicht so.«

Wie durch ein geheimes Zeichen erhoben sich die übrigen Händler von der Feuerstelle. Jeder von ihnen hielt eine gespannte Armbrust in den Händen. Es waren leichte Armbrüste, wie Rator sie bei den Wachen in Städten gesehen hatte, denen er früher zu nahe gekommen war. Aber es waren immerhin Armbrüste. Ihre Bolzen hatten viel Wucht, doch für einen direkten Kampf waren sie wenig geeignet, es dauerte zu lange, bis man sie wieder gespannt hatte. Die übrige Bewaffnung der Händler bestand aus Kurzschwertern, Dolchen und Totschlägern. Sie sahen nicht unbedingt nach den Männern aus, denen er sich sonst gestellt hatte. Im Falle eines Kampfes wären sie hoffnungslos unterlegen.

»Du wollen kämpfen für Stein?«, fragte Rator verständnislos.

»Nein, wir wollen nicht kämpfen, wir wollen nur den Marmor mitnehmen. Doch wenn es nicht anders geht, werden wir euch alle töten«, erwiderte Briftalon selbstsicher.

Auch Hagmu, Wurgut und die übrigen Oger hatten die Auseinandersetzung zwischen Briftalon und Rator bemerkt, genau wie die übrigen Händler, die ihnen nun mit gespannten Armbrüsten gegenüberstanden. Doch die meisten Oger waren kampferfahren und schätzten die Situation ähnlich wie Rator ein.

»Dnu, ja dnu da«, brüllte Gnunt einen der Händler an. Rator wusste nicht genau, ob er wirklich Gnunt hieß. Er sprach so seltsam, dass es schwierig war, sich überhaupt mit ihm zu verständigen. Aber Gnunt war zum Glück so von Tabal geschaffen worden, dass keiner der anderen Oger es wagte, sich über ihn lustig zu machen. Er war noch gut einen Kopf größer als Rator, und sein Gewicht betrug sicherlich das Anderthalbfache.

»Dnu höher znielen, snonst Pfneil in Bnein.«

Briftalon schien verwirrt, genauso wie der Händler, der von Gnunt belehrt wurde. Gnunt trat hervor und ging zielstrebig auf den Händler zu.

»Sag ihm, er soll zurückbleiben«, brüllte Briftalon Rator an.

»Sagen selbst, er nicht hören auf mich.«

Es war schon zu spät, Gnunt hatte bereits die Armbrust an den Wurfarmen gepackt und zeigte mit der Spitze des Bolzens auf verschieden Körperregionen.

Rator hörte nur ein Stetiges »Hier gnut, da nicht gnut«.

Die anderen Händler waren einige Schritte zurückgewichen, und sie hatten offenbar ihren Mut mitgenommen. Dann sah Rator, wie Gnunt die Armbrust auf seinen Oberschenkel setzte und mit der anderen Hand den Händler zwang, den Bolzen abzufeuern. Die Wurfarme schnellten nach vorn, und der Bolzen bohrte sich bis zu Hälfte in Gnunts Bein. Entsetzt ließ der Händler die Armbrust fallen und stolperte rückwärts, bis er über eine abgestellte Satteltasche stürzte.

»Da, nicht gnut, so Gnunt bnöse«, war alles, was der Oger von sich gab, während er den Bolzen wieder aus seinem Bein zog. Ein wilder Tumult entstand zwischen den Händlern. Sie ließen ihre Armbrüste fallen, wo sie standen, und versuchten sich in Sicherheit zu bringen. Sie rannten und schrien, liefen durcheinander, stürzten übereinander und suchten das Weite. Nur einer rannte nicht. Briftalon stand immer noch vor Rator, doch jetzt hatte er die Armbrust im Anschlag und zielte auf den Kopf des Ogers.

»Du sagst deinen Männern jetzt, sie sollen abziehen, sonst wirst du der Erste sein, der stirbt.«

»Nur du sterben«, antwortete Rator.

Von der Seite flog ein Bolzen heran und durchschlug Briftalons Knie. Er schrie auf, und das linke Bein sackte unter ihm weg. Im Sturz feuerte er die Armbrust ab. Der Bolzen surrte durch die Dunkelheit und löste irgendwo einen qualvollen Schrei aus.

Sofort stürmte Rator auf den am Boden liegenden Briftalon zu und trat die Armbrust beiseite. Er packte ihn so fest am Hemd, dass er den Brustkorb des Händlers quetschte.

»Wer verletzt?«, schrie Rator.

»Hagmu getroffen in Auge. Er lebt«, kam eine Stimme aus dem Lager der Oger.

»Du büßen«, schrie Rator Briftalon an und umfasste seinen Schädel. Dann drückte er zu.

4

Gerüchte über Elfen

Das Feuer knisterte behaglich im Kamin. Die rußigen Steine des Rauchfangs ließen auf seine jahrelange Benutzung schließen. Dort, wo die Hitze am größten war, hatten die Flammen den Putz schon soweit ausgebrannt, dass er wie weißes Knochenmehl zwischen den grob behauenen Felssteinen lag. Schnell verzerrten die Flammen das nur kurz gelagerte Tannenholz und hinterließen dabei kaum mehr Asche als die ausgeklopfte Tonpfeife eines Zwergs. Mit einem Knall verpuffte das Harz aus einem Holzscheit und schleuderte einen feurigen Span auf den Dielenboden.

Cindiel stand auf und schob den Holzschemel zur Seite. Dann umrundete sie ihren gut gefüllten Arbeitstisch und trat das glühende Stück Kohle an den Rand des Kamins zurück. Mürrisch betrachtete sie den dunkel verbrannten Fleck auf dem Boden. Dann riss sie ihren Blick los und setzte sich wieder auf das Dreibein an ihrem Tisch. Dutzende von kleinen Phiolen lagen über die Arbeitsplatte verstreut. Die meisten von ihnen bargen durchsichtige Flüssigkeiten und waren nur mit einzelnen Symbolen gekennzeichnet. Ein schwerer Steinmörser mit einem abgebrochenen Stößel stand direkt vor ihr, und zwischen all den Ingredienzen und alchemistischen Utensilien lagen verstreut zerknüllte Papiere. Cindiel stützte ihren Kopf auf den Handballen ab und betrachtete gedankenverloren das Durcheinander.

Ein rücksichtsloser Fußtritt öffnete die hölzerne Eingangstür zu ihrer Hütte. Cindiel würdigte diese ruppige Vorgehensweise mit keinem Blick, sie wusste genau, zu wem die provokante Art gehörte.

»Du kommst spät, Hagrim«, sagte sie, während sie einer Phiole einige Tropfen einer anderen Essenz hinzufügte.

»Spät ist ein Wort, das hauptsächlich von Leuten gebraucht wird, die dazu neigen, ihr ganzes Leben lang gehetzt zu sein«, sagte die dunkle Silhouette im Eingang.

»Na, dann wundert es mich, dass du überhaupt die Bedeutung dieses Wortes kennst«, erwiderte Cindiel aufgeräumt.

Hagrim betrat die kleine Hütte, die Cindiel nach dem Tod ihrer Großmutter ihr Eigen nannte und in der er selbst als eine Art Dauergast aufgenommen worden war. Mit der Hacke stieß er die Tür wieder ins Schloss und blieb einige Schritt entfernt hinter Cindiels Rücken stehen. Mit schräg gelegtem Kopf musterte er die junge Frau.

»Du siehst richtig anmutig aus, wenn du da über deinem Hokuspokus-Zeug hockst.«

Cindiel drehte sich auf ihrem Schemel um und sah Hagrim mit vor der Brust verschränkten Armen giftig an.

»Du findest jeden anmutig, der für seinen Lebensunterhalt arbeitet. Das gibt dir das Gefühl etwas Besseres zu sein, und es zeigt dir, dass sich auf der Welt doch noch etwas bewegt, auch wenn du keinen Anteil daran hast.«

Hagrim hob in übertrieben untertäniger Geste die Arme.

»Sachte, sachte. Ich wollte nur sagen, so eine hübsche Frau wie du sollte vielleicht auch mal vor die Tür schauen. Wenn du nie ausgehst, kannst du auch niemanden kennen lernen. Es gibt bestimmt nicht wenige junge Männer, die ganz verrückt nach dir wären.«

Cindiels Haltung gegenüber dem Geschichtenerzähler entspannte sich trotz der Erklärung nicht. Ihr Blick wurde stattdessen noch eisiger.

»Vielleicht möchtest du mir ja einen von deinen Saufkumpanen vorstellen. Ich bin richtig wild darauf, noch mehr von deiner Sorte kennen zu lernen. Dann werde ich in meiner Freizeit noch meinen Körper in einer dunklen Gasse verkaufen, um euch allen ein sorgenfreies Leben zu ermöglichen.«

Hagrim bemerkte, dass die Unterhaltung nicht mehr das übliche Katz-und-Maus-Spiel war, dem er sich sonst so gern mit Cindiel widmete. Jetzt war sie wirklich zornig, und er war verlegen.

»Was ist los mit dir? Ich hab es nicht böse gemeint. Ich wollte dich nur ein wenig aufheitern.«

Sofort bedauerte Cindiel ihren Ausrutscher.

»Tut mir leid. Seit über einer Woche will mir einfach kein einziger Trank mehr gelingen. Immer wenn ich die verschiedenen Essenzen miteinander mische, verbinden die sich nicht richtig. Es ist so, als ob man versuchen würde, Wasser und Öl zu vermengen. Wenn das so weitergeht, habe ich bald keine Grundstoffe mehr und keine Tränke zum Verkauf. Dann müssen wir von dem leben, was du als Geschichtenerzähler nach Hause bringst.«

Hagrim zog eine Flasche Rotwein aus seinem Mantel und hob sie hoch.

»Essen ist ohnehin schlecht für die Zähne.«

Cindiel lächelte wenig überzeugt. Hagrim war alles, was ihr an Familie geblieben war, doch trotz seines vorangeschrittenen Alters konnte sie ihn nicht als Vater sehen. Seine äußerst unbedachte Lebensart ließ ihn in ihren Augen mehr wie ein hilfsbedürftiges Wesen erscheinen. Sie war sich sicher, wenn Hagrim für ihren täglichen Lebensunterhalt aufkommen müsste, sie in kürzester Zeit obdachlos wären und des Nachts in einer dunklen Gasse in selbst leer getrunkenen Weinfässern hausen müssten. Aber er mochte sein, wie er wollte, seine Gutmütigkeit und seine ehrliche Freundschaft ließen Cindiel über seine völlige Unfähigkeit, was Geldangelegenheiten anging, hinwegsehen. Und es gab noch einen großen Vorteil, mit ihm unter einem Dach zu leben – man musste nicht die Straße betreten und mit anderen Leuten sprechen, um die neusten Gerüchte zu hören.

»Sag schon, was gibt es Neues, außer den schier endlos langen Schlangen von Verehrern, die das Haus belagern, um mich zu ehelichen?«, spottete Cindiel.

Hagrim war unterdessen hinüber zur Kochstelle gegangen und verzog angeekelt das Gesicht, als er den Deckel eines Topfes anhob und einen kurzen Blick hineinwarf.

»Ich kann es nicht den ganzen Tag warmhalten, in der Hoffnung, dass du irgendwann auftauchst«, rechtfertigte sich Cindiel.

»Ich bin mir nicht ganz sicher, dass es heiß schmackhafter gewesen wäre. Außerdem wollte ich auch gar nichts essen, ich suche nur den Korkenzieher.«

Cindiel nahm es Hagrim nicht übel, dass er ihre Kochkünste so missachtete. Er meinte es nicht böse, und außerdem reichten seine eigenen Kochkünste nur zum Erwärmen von Wasser und zum Öffnen von Flaschen.

»Ich weiß, man hätte es besser abschmecken können, aber ich hatte nicht genügend Gartenkräuter im Haus, und so habe ich einfach Alraune, Tollkirsche und Fliegenpilze hinzugetan, um dich umzubringen. Aber du musst mir glauben, das schwöre ich bei meiner Hexenkunst, den Korkenzieher habe ich nicht hineingetan.«

Hagrim musste grinsen. Er freute sich darüber, dass Cindiel gewisse sprachliche Eigenheiten von ihm übernahm und sich so entwickelte wie seine nie geborene Tochter.

»Nun sag schon, was wird auf der Straße so gemunkelt?«, drängte die junge Frau.

»Weißt du, Prinzessin, die Kunst Neuigkeiten aufzuschnappen besteht nicht darin, das Erzählte wiederzugeben, es ist vielmehr die Fähigkeit, das zu hören, was nicht gesagt wird und rechtzeitig zu gehen, wenn sich bei deinem Gegenüber Wirklichkeit und Fantasie vermischen. Umso öfter man eine Geschichte erzählt bekommt, desto unwirklicher wird sie.«

Für Belehrungen war Cindiel im Moment nicht in der Stimmung. Sie wollte einfach nur ein wenig Ablenkung von ihren misslungenen Experimenten, egal ob es wahre Geschichten waren oder nicht.

»Hast du etwas über die Langschiffe der Elfen gehört?«, fragte sie aufgeregt.

»Ach, diese dämlichen Langschiffe«, winkte Hagrim ab. »Wenn du einem Seemann auf Landurlaub lange genug zuhörst, fragst du dich nach einiger Zeit, ob es wirklich möglich ist, dass es mehr Langschiffe als Elfen gibt. Sie erzählen immer dasselbe: Die Schiffe tauchen bei Dunkelheit am Horizont auf und halten auf die Küste zu. Leider ist bis jetzt noch niemand nah genug herangekommen, um wirklich einen Elfen gesehen zu haben, es sei denn, man spendiert ihnen noch eine Flasche Rotwein, dann haben sie alle einen gesehen. Ich verstehe einfach nicht, was dich an den Spitzohren so fasziniert.«

Cindiel hatte erst zweimal in ihrem Leben einen Elfen getroffen, aber sie hatte gespürt, dass es ganz besondere Wesen waren. Von ihrer Großmutter wusste sie, dass die Elfen eins mit der Natur waren. Ihr Gott Timaschall war der Herr über alles, das wächst und blüht. Die Elfen kannten jede Pflanze und ihre Wirkung. Sie konnten Tränke brauen, die so mancher Zauberer mit seiner arkanen Magie nicht herzustellen vermochte. Zu alledem waren sie selbst sehr magiebegabt. Alles an ihnen war anmutig, und sie besaßen das, wonach die meisten Menschen strebten – die Unsterblichkeit.

»Was meinst du, ist etwas Wahres an den Geschichten dran?«, fragte sie.

Hagrim bedachte sie mit einer nachdenklichen Miene.

»Es ist möglich, dass sie Abgesandte schicken. Vielleicht wollen sie versuchen die Fehde mit den Zwergen zu beenden und neue Kontakte zu den Menschen aufnehmen. Sie täten gut daran, wieder eine Stadt in Nelbor zu errichten. Das Land hier versorgte sie mit allem, was sie benötigten, und es ist wichtig, Kontakte mit anderen Völkern zu bewahren, auch für Wesen, deren Leben so lange währt wie das der Elfen. Ein Volk kann sich nur weiterentwickeln, wenn es neue Eindrücke sammelt.«

Cindiel merkte, wie ihr Herz vor Aufregung klopfte. Was für Möglichkeiten sich daraus ergeben konnten! Der Austausch von Wissen und Erfahrungen wäre unerschöpflich. All das, was ihre Großmutter ihr nicht mehr beibringen konnte, könnte sie von den Elfen erlernen.

»Was sie wohl dazu sagen, wenn sie erfahren, dass wir mit den Ogern Handel treiben?«, fragte sie belustigt.

»So wie ich die Elfen einschätze, sind ihnen die Oger zehn Mal lieber als die Zwerge«, antworte Hagrim.

Die Auseinandersetzung zwischen Elfen und Zwergen war selbst bei den Menschen wohl bekannt. Kurz nachdem man mit vereinten Kräften den Trollfürsten Grind und seine Armee von Unholden bezwungen hatte, kam es zu handfesten Auseinandersetzungen zwischen Elfen und Zwergen. Überall wo Gesteinsmassive und Wälder aufeinander trafen, bekriegten sich die zwei Völker. Nicht selten wurden dabei auf beiden Seiten viele Krieger getötet. Seit Anbeginn der Geschichte waren sie sich verhasst gewesen, doch so blutig stießen sie noch nie aufeinander. Irgendwann stellten die Zwerge den Menschen ein Ultimatum und wollten sie damit zwingen alle Kontakte zu den Elfen abzubrechen. Bei Nichterfüllung wollten sie die Lieferungen von Materialien einstellen die die Menschen für den Bau von Städten benötigten. Noch bevor die Menschen einen Entschluss fassen konnten, zogen sich die Elfen zurück in die Wälder und waren eines Tages ganz verschwunden. Seeleute berichteten damals, dass sie große Langschiffe gesehen hatten, auf denen die Elfen aufs offene Meer hinausfuhren.

5

Alte Freunde, alte Feinde

Mogda genoss seine Reise durch das nördliche Nelbor. Hier, in dem Land, das er jahrelang sein Revier genannt hatte und in dem er doch nie erwünscht gewesen war, konnte er sich nun frei bewegen, ohne Angst davor haben zu müssen, gejagt zu werden. Endlich war es ihm gestattet, die Straßen und Wege zu benutzen, bei Tage zu marschieren, und er musste sich nicht ins Unterholz werfen, wenn Menschen seinen Weg kreuzten. Die einzige Ausnahme waren jedoch Händler und andere Reisende mit Gespannen. Die Zugtiere, meist Pferde oder Mulis, hatten sich an den Anblick eines Ogers immer noch nicht gewöhnt. Genau genommen waren es alle Tiere, die nicht darauf abgerichtet waren, eigenständig und ohne Furcht zu ihrem Metzger zu gehen. Irgendwie verdrängten sie, dass auch Menschen sie aßen, oder die Gestalt der Hüttenbauer war es, die sie keine Angst haben ließ.

Den ganzen Tag war Mogda schon unterwegs, und langsam machten sich seine Füße bemerkbar. Er wollte sich einen geeigneten Schlafplatz suchen, doch dann sah er plötzlich das kleine verwitterte Holzschild am Straßenrand. Das beschriftete Brett war an einen Pfosten eines Weidezaunes angebracht. Die Höhe, auf der der Wegweiser angebracht war, schien allerdings eher für das grasende Vieh auf der Koppel gedacht zu sein. Wenn die Tiere nicht ständig darum bemüht gewesen wären, es wieder von den hohen Grashalmen zu befreien, wäre es schon längst zugewuchert. Der Name, der einst in das Holz eingeritzt worden war, hatte sich nun mit Moos gefüllt und erstrahlte in einem kräftigen Grünton. »Meister Trebor« stand darauf geschrieben.

Den Turm zu besuchen wäre ein zu weiter Umweg. Es war aber auch nicht die Unterkunft des Zauberers, die Mogda im Sinne hatte. Vielmehr dachte er an einen alten Freund, den er schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Voller Vorfreude machte er sich wieder auf den Weg. Lediglich zwei Wegstunden trennten ihn von vielen Erinnerungen. Der schmale Weg, der sich am Rande des Tannenverlieses, wie die Bewohner das Gehölz nannten, entlangschlängelte, wurde augenscheinlich nur noch selten benutzt. Schwere Äste bogen sich weit herunter, die es Reitern und Fuhrwerken unmöglich gemacht hätten, diesen Weg zu passieren. Gestrüpp überwucherte die Fuhrrillen und ließ die Straße nicht viel mehr scheinen als einen Wildpfad.

Während er einen Fuß vor den nächsten setzte, fragte er sich plötzlich, ob es richtig war, Usil nach so vielen Jahren wieder zu besuchen. Er war damals schon ein alter Mann mit vielen Gebrechen gewesen. Was, wenn er nicht mehr lebte und nun andere Menschen hier wohnten, die Mogda nicht willkommen hießen? Er wollte gerade wieder umkehren, als er einen schwachen Lichtschein zwischen den Bäumen sah. Usils Haus lag dichter an der Straße, als er es vermutet hätte. Es war Jahre her, dass er und Rator auf ihrem Weg nach Osberg hier vorbeigekommen waren. Damals konnten sie noch nicht die Straßen bewandern. Sie mussten sich mühsam durch das Unterholz schlagen.

Herabgefallene Äste knackten unter Mogdas Gewicht, und das Laub raschelte bei jeder seiner Bewegungen. Der trockene Waldboden machte ein lautloses Herannahen so gut wie unmöglich. Dennoch war es ihm unangenehm, sich auf diese Art an den Hof heranzuschleichen. Er fühlte sich zurückversetzt in die Zeit, in der er gezwungen war, aus Gründen des Selbsterhaltes auf das Vieh der Hüttenbauer zurückzugreifen. Er musste so handeln, damals wie heute. Menschen, Zwerge und Oger lebten friedlich nebeneinander, doch nicht alle Oger wussten von dieser Allianz oder wollten davon wissen. Um Missverständnissen vorzubeugen, hatten die Menschen bestimmt, dass die Oger vom Drachenhorst sich nur auf den offiziellen Wegen aufhalten durften, wenn sie in der Nähe von Siedlungen waren. Ein Erlass, der so manchem aus Mogdas Volk missfiel, dem aber doch zugestimmt wurde, um die endlosen Verhandlungen endlich zu beschließen. Mogda hatte von Anfang an nicht verstanden, warum die Menschen sich durch diesen Beschluss geschützt fühlten. Zwar war es den Ogern jetzt gesetzlich verboten, einen Menschen im Wald niederzustrecken. Wenn einem dasselbe auf der Straße passierte, war man aber trotzdem tot.

Mogda hoffte, jegliche Begegnung umgehen zu können, indem er sich so gut wie möglich verbarg. Hier im Tannenverlies auf eine Horde Jungbauern zu treffen, die davon überzeugt waren, richtig zu handeln, wenn sie ihn mit ihren Forken jagten, war keine Erfahrung, die er machen wollte.

Weiterhin vorsichtig näherte sich Mogda der großen Lichtung, auf der Usil seinen Hof hatte. Behutsam drückte er die Äste einer weit verzweigten Pappel beiseite. Der Blick auf das Gehöft wurde von weiten Reihen Maispflanzen verdeckt. Die reifen Fruchtstände zeigten, dass Usil mit seiner Arbeit wieder im Verzug war. Der alte Mann hatte schon vor Jahren Mühe gehabt, seinen Hof allein zu bewirtschaften, doch er hing an diesem Ort und wollte ihn unter keinen Umständen verlassen.

Mogda erkannte den Schein mehrerer Fackeln, die sich vor dem Haus auf und ab bewegten.

Egal, wer dieses Haus jetzt bewohnte, es war nicht Usil. Mogda ärgerte sich bereits, den Umweg leichtsinnig in Kauf genommen zu haben, nur um festzustellen, dass er umsonst gekommen war. Er wollte gar nicht wissen, wer jetzt auf dem Hof lebte. Jedes weitere Detail würde nur dazu führen, dass er sich schlechter fühlte. In seinen Gedanken war Usil einfach aus Altersgründen in die Stadt gezogen. Tief in ihm schlummerte dennoch die Befürchtung, dass es nicht so war.

Mogda ließ gerade die biegsamen Äste der Pappel langsam wieder zurückfedern und wollte im Dickicht des Waldes verschwinden, als er eine krächzende Stimme vom anderen Ende des Maisfeldes hörte.

»Sieh uns an, Tabal wird uns zu seiner persönlichen Meute machen. Wir werden die sein, die seinen Willen vollstrecken.«

Mogda kannte den Klang dieser Stimme. Er konnte sie keiner Person zuweisen, aber er wusste, zu welchem Volk sie gehörte – zu den Goblins, diesen kleinen, ständig ängstlich wirkenden Aasfressern, die mehr lästig als nützlich waren. Im Gefecht mit ihnen zusammen musste man aufpassen nicht auf sie zu treten, und wenn man gegen sie kämpfte, eben nicht. Sie waren für einen Oger keine wirkliche Bedrohung, stellten eher so etwas wie Ungeziefer dar. Sie waren immer diejenigen, die am lautesten schrien, wenn es darum ging, Tabals Willen zu überbringen, und sie waren auch diejenigen, die am schnellsten rannten, wenn es brenzlig wurde.

Normalerweise hätte Mogda sie einfach weiträumig umgangen, um Scherereien zu vermeiden, aber in diesem Fall war es möglich, dass sie Usil in ihre Gewalt gebracht hatten. Ein alter Bauer war so einem Trupp Plagegeister vermutlich nicht gewachsen.

Mogda verließ die Deckung des Waldes und ging auf die Knie. Auf allen Vieren krabbelte er durch die Reihen des Maisfeldes. Zwei Rillen breit drückte er die kräftigen Pflanzen nieder, die mit einem morschen Geräusch kurz über der Erde abbrachen. Behutsam tastete sich Mogda an die letzten Pflanzen, die direkt vor dem Innenhof standen, heran.

»Ja, ja, ja, mach ihn kaputt, lass uns alles zerschlagen«, hörte er eine Stimme, keine fünf Schritt vor sich.

»Los, du musst dagegen treten«, sagte jemand anderes.

»Nein, draufschlagen«, ein weiterer.

Mogda bog vorsichtig zwei Pflanzen auseinander und spähte zwischen den Blättern hindurch. Direkt dahinter fiel sein Blick auf einen alten Holzstuhl mit Lehne. Auf seiner Sitzfläche sprang und trampelte ein Goblin herum, der ihm den Rücken zukehrte. So sehr sich die kleine Kreatur auch bemühte, sein Gewicht reichte nicht aus, um die Bretter zu durchtreten. Aber anstatt davon abzulassen, trieb ihn sein Versagen zu immer größerer Anstrengung.

Die Goblins hatten Mogdas Anwesenheit nicht bemerkt, sie waren zu sehr mit sich und ihrem Treiben beschäftigt.

»Los, tritt zu. Mach ihn kaputt. Mach alles kaputt«, feuerten die anderen beiden ihren Kameraden an. Sie waren wie berauscht. Selbst in Schlachten hatte Mogda noch nie so einen Eifer bei ihnen entdecken können.

Auch wenn sie klein und schwach waren, durfte man sie nicht unterschätzen. Ihre Hinterlist und Bösartigkeit konnten selbst einem erfahrenen Kämpfer zusetzten. Mogda brauchte etwas, um sie in Schach zu halten.

Er beobachtete sie noch einige Momente, dann griff er zu. Sein Arm schnellte zwischen den Maispflanzen hervor, und seine Hand umklammerte die dürre Taille des Goblins. Mogda hatte ihn mitten im Sprung erwischt doch seine Beine hüpften noch mehrmals in freudiger Erwartung auf und ab, bevor er bemerkte, was mit ihm geschah. Seine beiden Kameraden reagierten etwas schneller. Sofort hatten sie sich mit zwei Holzlatten bewaffnet und schlugen auf den Oger ein. Einer von ihnen traf Mogda schmerzhaft am Unterarm, und eine reflexartige Bewegung führte dazu, dass er dem Goblin in seiner Hand einige Rippen brach. Der kleine Kerl schrie und zappelte, während er erfolglos versuchte, Mogdas Umklammerung zu lösen.

Mit lautem Geschrei kamen zwei weitere Goblins aus der Hütte gestürmt. Einer war mit einem Schürhaken bewaffnet, der andere mit einem Dolch. Mogda erhob sich und zog sein Runenschwert. Seit Jahren begleitete ihn diese Waffe, die er damals von den Ettins aus Wasserzahn erhalten hatte. Er wusste, dass sie zu mehr imstande war als Gegner niederzustrecken, doch er fürchtete sich vor der Macht des Zauberschwertes. Mit der flachen Seite schlug er in die Reihen der Maispflanzen. Etliche Kolben und Stängel flogen den Angreifern entgegen und geboten ihrem Angriff für einen Augenblick Einhalt.

Schnell hatten sich die kleinen Unholde jedoch wieder aufgerappelt und attackierten Mogda erneut. Ihr Verhalten war ihm unverständlich. Sie scherten sich nicht darum, dass er einen ihrer Kameraden in der Gewalt hatte. Selbst bei den Angriffen nahmen sie in Kauf, auch ihren Freund zu verletzen. Mogda bemerkte, dass ihre Augen blutunterlaufen waren und ihnen der Speichel aus den Mündern tropfte. Die sonst so feigen Goblins waren wie im Taumel. In Windeseile hatten sie ihn umzingelt und schlugen gleichzeitig von mehreren Seiten auf ihn ein. Der Goblin in seiner Hand hatte eine Platzwunde am Schädel davongetragen und mittlerweile das Bewusstsein verloren. Mogda schleuderte ihn, so weit er konnte, zurück ins Maisfeld. Beidhändig packte er den Griff seines Schwertes und drehte seinen Oberkörper von links nach rechts, um die Angriffe vorweg zu nehmen.

Mogda wehrte die Angriffe des Goblins mit dem Schürhaken ab, als ihn von hinten eine der angespitzten Dachlatten in die Kniekehle traf. Das Holz war zu morsch, um ihm eine wirkliche Verletzung zuzufügen, dennoch wäre er beinahe gestürzt. Wenn er erst einmal am Boden lag, würden sie über ihn herfallen wie Ameisen über eine Wespe. Ihre Taktik bestand üblicherweise darin, den Gegner zu ermüden. Mogda wollte sich auf keinen Fall auf ihr Spiel einlassen. Gerade als er sich einen Gegner ausgesucht hatte, um diesem nachzustellen, traf ihn ein kleines Tongefäß gefüllt mit Zucker an der Schläfe. Ohne nachzudenken griff er sich an die Stirn. Sofort attackierten die kleinen Unholde seinen Schwertarm, um ihn seiner Waffe zu berauben. Mit einem gebückten Rundumschlag trieb er seine Angreifer einige Schritt zurück, ohne jedoch einen Treffer zu landen. Mehrere weit ausladende Schläge brachten Mogda weiter an das Haus heran. Mit einem Ausfallschritt und einer Drehung durchbrach er die Holzwand des Gebäudes in seinem Rücken. Jetzt war er endlich bereit, seine Gegner gezielt anzugreifen. Er täuschte einen Schlag an und sah aus dem Augenwinkel, wie einer der Goblins versuchte, kleine Kieselsteine auf dem Weg aufzuklauben. Mogda schlug seine Klinge mit der flachen Seite auf den Boden, und eine Woge aus Erde und Steinen wurde dem Goblin entgegengeschleudert. Die quiekende Kreatur hielt zum Schutz die Arme vors Gesicht und fiel zappelnd auf den Rücken. Ein weiterer Schritt brachte Mogda heran, und mit einem Fußtritt beförderte er den Goblin über dreißig Fuß weit gegen das Scheunentor, an dem er abprallte und davor reglos liegen blieb.

Als Mogda sich wieder seinen übrigen Gegnern zuwandte, sah er sich nur noch zwei Goblins gegenüber. Noch bevor er sich umblicken konnte, um den fehlenden Unhold auszumachen, wurde er von dem Schürhaken am Fuß getroffen. Die eiserne Klaue krallte sich in seinen Spann, verfing sich in den Ledersandalen und wurde dem Goblin aus der Hand gerissen. Der Zweite stürmte heran und benutzte seine Dachlatte als Lanze. Mit einem weit ausholenden Rückhandschlag durchtrennte Mogda das Holz in der Mitte. Der Goblin verlor das Gleichgewicht und geriet ins Straucheln. Mit der geborstenen Latte rannte er gegen die Wand und trieb sich das Holz dabei selbst durch den Brustkorb. Der Schwung, den Mogda in den Schlag legte, ließ seinen Arm durch die Hauswand krachen und das Runenschwert aus seinen Händen gleiten. Unterdessen versuchte der letzte Goblin wieder an seinen Schürhaken zu kommen und verkrallte sich dabei in Mogdas Wade. Es gelang dem Oger nicht, ihn abzuschütteln. Mogda griff nach hinten, um ihn zu packen, doch trat er dabei versehentlich auf den Schürhaken und stürzte. Mit dem Gesicht voran schlug er gegen die Türzarge des Hauses. Der kurze Moment der Benommenheit verflog, als er den Biss des Goblins in seiner Ferse spürte. Mit einem dumpfen Pochen im Schädel robbte Mogda durch den Eingang des Hauses. Als er seine Füße gerade ins Haus gezogen hatte, und sein Widersacher halb auf der Schwelle liegen blieb, schlug er mit aller Kraft die Tür zu. Um sicherzustellen, dass die Tür trotz des eingeklemmten Goblins ins Schloss fiel, trat er mit dem Fuß gegen das Türblatt. Das Schloss rastete ein, und die Krallen in Mogdas Wade lockerten sich.

Erschöpft lag Mogda mit dem Rücken auf dem Holzfußboden und starrte zur Decke. Er brauchte einen Augenblick der Entspannung.

»In Ordnung Fettsack, es steht unentschieden«, drang eine krächzende Stimme an sein Ohr. Entnervt ließ Mogda seinen Kopf zur Seite rollen.

Der aus dem Kampf verschwundene Goblin hatte sich in einer Ecke des Raumes postiert, die mit einer Konstruktion aus Holz und Stoffbahnen abgetrennt war. Dahinter lag Usils Schlafgemach. Durch die schmale Öffnung sah Mogda in kurzen Abständen den Kopf des kleinen Plagegeistes hervorschauen.

Absichtlich langsam erhob sich Mogda vom Fußboden und wollte sich gerade in ganzer Größe präsentieren, als er mit dem Kopf gegen einen Deckenbalken stieß.

»Pass auf, Katapultbestücker, sonst bringst du dich noch se