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Der Roman eines geborenen Verbrechers

Vorrede

Dieses Buch kann und soll nicht nach gewöhnlichen Gesichtspunkten beurteilt werden: Der Titel Roman ist subjektiv gerechtfertigt, insofern die Empfindung, welche den Helden dieser Blätter veranlaßte, sie zu schreiben, sicher nicht von der verschieden ist, welche viele zeitgenössische Autoren veranlaßte, ihre Gedanken und Gefühle in einer oft selbstbiographischen Form herauszugeben. Dostojewski's »Schuld und Sühne«, Zola's »Bête humaine« und Gabriele d'Annunzio's »Giovanni Episcopo« und »l'Innocente« sind die letzten Proben dieser pathologischen Litteratur, wo die Genialität der Verfasser zu einer tiefen Intuition krankhafter Bewußtseinsphasen sich erhebt und die Kunst das Ansehen der Wahrheit erreicht.

In diesem Fall ist die Kunst arm, aber die Aufrichtigkeit ist vielleicht größer, und die Unerfahrenheit des Verfassers dient dazu, ihr Relief zu geben; denn wenn das Wahre sich hervorhebt und einen unverkennbaren stilistischen Ausdruck annimmt, so kann das Unwahre nicht, wie bei den berufsmäßigen Schriftstellern, den Firnis stilistischen Schmuckes oder der angenehmen Täuschung erlangen.

So kommt es, daß das, was nach der Absicht des Verfassers ein Kunstwerk sein sollte, in der That ein wissenschaftliches Dokument geworden ist.

Der Verbrecher, diese antisoziale Individualität kann sich mit Recht als die great attraction der zeitgenössischen Litteratur bezeichnen: Feuilletonromane und Gerichtsberichterstattung, um nicht vom wirklichen Kunstwerk zu reden – alles dreht sich um den Verbrecher und die verschiedenartigsten Gefühle werden wachgerufen; das gewöhnliche Interesse, das sich am Unwahrscheinlichen entzündet, das Mitleid mit dem Unglück, die Hoffnung auf die Rehabilitation, der Fatalismus.

Auch die Wissenschaft ist der Frage näher getreten, und wenn die Kunst das Interesse des Abenteuers dem des psychologischen Einzelfalls hintanstellt, so tritt für die Wissenschaft das Studium des Verbrechens hinter dem Studium des Individuums zurück. Zwischen der Darstellung des Verbrechers, wie sie von den alten und wie sie von den neuen Schriftstellern geübt werden, ist genau derselbe Unterschied wie zwischen dem althergebrachten Studium des Verbrechens, das durch die Macht der Tradition noch in den Gesetzen herrscht, und der neuen Wissenschaft, welche das Studium des Verbrechers fordert.

Aber die Wissenschaft hat notwendiger Weise vorerst in der Allgemeinheit stehen bleiben müssen, sie mußte Hunderte und aber Hunderte von Verbrechern beobachten, um das mehr  oder weniger häufige Wiederkehren eines physischen oder psychischen Charakters zu erkennen, und aus diesen Beobachtungen sind Theorien hergeleitet, welche nicht immer auf jeden einzelnen Fall passen. Ebenso wie die Bewohner eines Landes nicht völlig dem Nationaltypus entsprechen, ebenso wenig entsprechen die Insassen der Gefängnisse dem Verbrechertypus.

Diese Mannigfaltigkeit der kriminellen Elemente, die nur eine Folge der Mannigfaltigkeit der Ursachen ist, von denen die Menschengeschicke abhängen, ließ den Typus in der Vorstellung der Gelehrten unbestimmt und unsicher erscheinen.

Lombroso, der eine graphische Reproduktion des typischen Verbrecherschädels erlangen wollte, nahm seine Zuflucht zur zusammengesetzten Photographie, indem er die zu einer Aufnahme nötige Zeit in sechs Abschnitte teilte, und in jedem dieser Abschnitte einen anderen Schädel vor das Objekt brachte. Auf diese Weise wiederholten sich die jedem Schädel gemeinsamen Züge und kamen schärfer zum Ausdruck, und während die Photographie nicht als die Reproduktion eines einzelnen bezeichnet werden konnte, ähnelte sie allen in ihren typischen Elementen.

»Der Typus ist eine synthetische Impression«, hat Gratiolet gesagt. Und Goethe definierte ihn als ein »abstraktes und allgemeines Bild«.

Geoffroy St.-Hilaire schrieb: »Der Typus einer Art zeigt sich niemals unseren Augen, er erscheint nur unserm Geist. Er ist eine Art festen und gemeinsamen  Mittelpunktes, um den sich die verschiedenen Differenzierungen als Abweichungen und Schwankungen gruppieren.«

Anderseits schien das Studium des Typus notwendiger als das des Einzelfalls, da ja die synthetische Impression immer dem analytischen Studium voraufgeht.

Heutzutage glaubt man diese synthetische Impression erreicht zu haben, und der Verbrecher wird physisch und psychisch als ein Typus beschrieben, der zwischen dem Wilden, dem Epileptiker und dem moralisch Irrsinnigen rangiert.

Gegen diesen Glauben lehnt sich das analytische Studium auf. Nachdem die typischen Verbrechercharaktere abstrakt beschrieben sind, läßt sich feststellen, wer als Verbrecher angesehen werden kann, und man kann zum Studium des Individuums fortschreiten.

Das hat zuerst Lombroso erkannt, der in seinem »Archiv« zahlreiche Einzelfälle beschreibt und in seinem »Palimsesti del carcere« verschiedene Selbstbiographien von Verbrechern veröffentlicht hat. Aber vielleicht ist das Studium immer ein hastiges gewesen, da es mehr dem Zweck dienen mußte, dem allgemeingiltigen Gesetz die Grundlage zu liefern, als die Untersuchung der Einzelfälle zu vertiefen und zu beleben. Und daraus kann man keinen Vorwurf herleiten, die Wissenschaft war dazu noch nicht reif und hatte anderes und dringlicheres zu thun.

Diese Veröffentlichung soll einen Beitrag bilden zu dem Studium der Verbrecherpersönlichkeit, einerseits durch  den Bericht der Erlebnisse, die der Verbrecher mit eigener Hand niedergeschrieben hat, andererseits durch das Gutachten des berühmten Gelehrten Silvio Venturi, Professors an der Universität Neapel und Direktors des Irrenhauses zu Girifalco, der Gelegenheit hatte, den Verbrecher zu beobachten und zu studieren.

II

Der Held dieses Buches lebt und befindet sich zur Zeit in einem der zahlreichen Gefängnisse des Königreichs Italiens. Mit Rücksicht auf seine Familie und seine Kinder habe ich seinen Namen nicht vollständig gegeben und die Namen vieler Persönlichkeiten verschwiegen. Wenn er von dieser Veröffentlichung wüßte, würde er wahrscheinlich gegen diese Unterdrückung protestieren, die doch nichts weiter ist als ein Akt der Rücksicht gegen sein Unglück. Es ist unzweifelhaft, daß er von der Publikation seines Buches seine Rehabilitation erwarten würde, denn er nennt sich stets einen Unglücklichen, nie einen Schuldigen, und widmet seine Denkwürdigkeiten, die so voll Schmutzigkeiten sind, dem Liebling unter seinen Söhnen.

Indessen sein Name existiert heute nicht mehr, statt dessen trägt er eine Nummer, denn das Gesetz hat ihn jeder Persönlichkeit entkleidet, und sein Name gehört nur seinen armen Kindern. Die elementarste Menschlichkeit mußte mich veranlassen, den Namen eines Mannes zu verschweigen, den das Gesetz der bürgerlichen Rechte beraubt  und die Wissenschaft der moralischen Verantwortlichkeit bar erklärt hat.

Besser als sein Name wird seine Erzählung und die im vorigen Jahre aufgenommene Photographie wirken, und das Zeugnis des Prof. Venturi dürfte jeden Zweifel über die Authentizität zerstreuen.

Ich habe M… nicht gesehen und kann mir ein Urteil über ihn nur aus dem Kontrast bilden, welcher zwischen seiner Selbstbiographie und seinem wirklichen Lebenslauf besteht.

Venturi, der berühmte Verfasser der Degenerazioni psicosessuali, der bei dem letzten Prozeß gegen M… als Sachverständiger hinzugezogen wurde, hat sich lebhaft zum Studium des Helden hingezogen gefühlt; ihm übergab M… das Manuskript seiner Denkwürdigkeiten, und auf diesem Wege ist es an mich gelangt. Ich würde es nicht veröffentlicht haben, wenn mir der wissenschaftliche Beistand des Psychiaters gefehlt hätte, und wenn dieser mich nicht in den Stand gesetzt hätte, die objektive Wahrheit gegenüber der subjektiven Darstellung des M… festzustellen.

Nach den Ermittelungen Venturi's gebe ich im Folgenden eine Biographie des M…, welche in vielen Fällen den Schlüssel zum Verständnis der Selbstbiographie abgeben, deren Lücken ausfüllen und die Fälschungen aufdecken wird, die entweder von einer ihm oft selbst unbewußten irrtümlichen Auslegung der Dinge oder von der Verbrechereitelkeit diktiert sind.

III

Antonino M… wurde in Parghelia, Provinz Catanzaro, im Jahre 1850 geboren. Er ist heute 42 Jahre alt. Er war einer jener kleinen Grundbesitzer, die für die südlichen Provinzen charakteristisch sind. Seine Eltern sind tot; sein Vater starb im Alter von 45 Jahren an Bauchfelltuberkulose (tabes mesenterica), die Mutter mit 37 Jahren in der Entbindung. Der Vatersbruder starb als Verrückter, er hatte eine bescheidene Bildung, aber glaubte, daß er an Gelehrsamkeit und Weisheit unerreicht dastehe, er litt an gelegentlichem Verfolgungswahn, so daß er mehrere Male in große Erregung geriet, weil er meinte, daß unter seinem Bette Soldaten verborgen seien, die ihm nach dem Leben trachteten, und daß er sich von den Leuten, die nur in seiner Phantasie lebten, dadurch befreien wollte, daß er sein Haus ansteckte.

Eine Vaterschwester, die noch lebt, wird in der ganzen Stadt die »Verrückte« genannt, sie führt ein einsiedlerisches Leben, flucht unaufhörlich und läuft aus dem Hause.

M… hat einen Bruder und eine Schwester, die gesund sind.

Im Alter von 10 Jahren wurde M… mehrere Monate krank, man hielt ihn für schwindsüchtig, aber er genas vollständig. Er genoß keinen anderen Unterricht, als in der Elementarschule seiner Vaterstadt, einer Schule, die vor dreißig Jahren als ein legalisierter Analphabetismus bezeichnet werden kann. Das ist bemerkenswert, denn es macht die Proben von Genie, die sich in der Selbstbiographie fanden, noch auffälliger.

Mit siebzehn Jahren begannen die Verhängnisse seines – wie er es nennt – bejammernswerten Lebens. Eines Tages schoß er auf öffentlichem Platz, ohne ersichtlichen Grund, nur um eine seinem Bruder zugefügte Kränkung zu rächen – auf einen Landsmann, der sofort eine Leiche war. Der Gerichtshof in Monteleone verurteilte ihn zu fünf Jahren Gefängnis.

Hier schloß er Freundschaft mit den berühmtesten Camorristen jener Zeit; die berüchtigsten kalabrischen Briganten, die in den Gefängnissen Catanzaros saßen, waren, wie er sagt, seine treuesten Freunde.

Er nahm an einem Aufstand im Gefängnis teil, der durch das Eingreifen der Zivilbehörden von Catanzaro beigelegt wurde. Von hier aus kam er nach Pizzo, dann nach Lucera di Puglia.

In Pizzo blieb er nur einen Monat, aber das genügte schon für ihn, die Strafgefangenen zu einem Fluchtversuch zu verleiten, der nur durch Zufall mißlang.

Von Pizzo kam er nach Neapel in das Gefängnis del Carmine, wo er von dem Haupt der Camorristen herzlich aufgenommen wurde. Fortan hatte er seinen Genossen Liebe und Achtung und dem Masto blinden Gehorsam geschworen; er war Mitglied der Camorra. Mit lebhaftem Verstand begabt, begriff er rasch die Regeln der Gesellschaft, sein Name war bekannt und gefürchtet wie der eines alten Genossen. Von Neapel kam er nach Foggia und dann nach Lucera mit einigen Gefährten, die ihn als Haupt der Camorra anerkannten.

So fand er, ein Jüngling noch, ehe er noch den Einfluß der ersten Strafe richtig gefühlt hatte, welche Verbrecher von nicht verdorbenen Anlagen demütigt, im Gefängnis einen Ort, welcher der Entwickelung einer verbrecherischen Persönlichkeit Vorschub leistet, die nur schlechter und raffinierter aus dem Gefängnis heraus kommt: der impulsive und blutdürstige Charakter hat dort oft Gelegenheit, hervorzubrechen und nicht immer in richtiger Beziehung zu den Thatsachen, die entweder falsch interpretiert werden oder sich als kleine Funken erweisen, welche einen ganzen Brand entfachen, der von dem immer brennenden Herd ausgeht. Wenig fehlte und er hätte eines Tages den Krankenwärter erschlagen, der nach seiner Darstellung in das Chinin Kalkstaub mischte.

Von Lucera, wo ihn das Sumpffieber heimsuchte, kam er nach der Strafanstalt zu Neapel. Hier setzte er sich sofort mit den Camorristen in Beziehung und nahm Teil an einem heftigen Kampf zwischen kalabrischen und neapolitanischen Camorristen, einer wahren Schlacht, bei der sechzehn tötlich verwundet, einem Wächter die Eingeweide ausgerissen, zwei getötet und einer leicht verwundet wurde. Von Natur blutdürstig, fand er im  Kampf seine eigentliche Atmosphäre. Als Camorrist tätowierte er sich, indem er sich auf die Brust ein Losungswort der Camorra schrieb: Tod der Schmach!

IV

Nach verbüßter Strafzeit kehrte er nach Parghelia zurück, blieb hier einen Monat und wurde dann Soldat. Auch als solcher setzte er sein schlimmes Leben fort. Er duldete keine Vorwürfe, keine Tadel, verachtete die Vorgesetzten, verlor ihre Achtung und zettelte Intriguen gegen sie an. Seine gewaltthätige, blutdürstige, bösartige Natur wurde durch ein übertriebenes Selbstgefühl angestachelt: überall witterte er Nachstellung, Mangel an Respekt, Verrat; überall sah er Kränkungen und Aufreizungen.

Zeitweilig war er ruhig und friedlich; während solcher immer kurzen Periode war er freundlich gegen die Kameraden, die Vorgesetzten und seine fern weilende Familie. Aber plötzlich war das vorbei, die Luft nahm in seinen Augen eine andere Farbe an, und Zorn- und Wutausbrüche, Flüche, Blut- und Rachedurst waren die Folgen, ohne einen anderen Grund, als daß ein Wort oder eine Handlung mißgedeutet wurde, die für jeden anderen ohne Belang gewesen wären.

Eines Tages gebot ein Vorgesetzter ihm Ruhe – er ohrfeigte ihn und versuchte ihn zu töten. Er wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt; nachdem diese verbüßt waren, kam er wieder zum Regiment. Er änderte sich nicht. Die Perversität seiner Empfindungen machte ihn zum Päderasten, er knüpfte mit einem Kameraden ein Verhältnis an. Er schrieb einen anonymen Brief gegen seinen Sergeanten und verwundete seinen Kameraden im Gesicht, und wurde zu einem weiteren Jahre verurteilt. Im Kerker versuchte er mit einer halben Scheere, aus der er sich einen Dolch gemacht hatte, einen Kameraden umzubringen, um sich wegen einer alten Kränkung zu rächen, obschon der Gegenstand seines Hasses schon an sich in einem Zustand war, der Mitleid hätte einflößen können. Von da kam er zur zweiten und dann zur ersten Strafkompagnie in Venedig, wo er sich durch sein tückisches und unverbesserliches Benehmen auszeichnete. Strenger Arrest, langes Fasten nützten nichts; für ihn waren die Strafen immer ungerecht; jeder mißhandelte, mißachtete ihn.

Schon um diese Zeit (1879) brach sein heftiger und wilder Haß gegen seinen Bruder Michele los, der, wie er meinte, ihn vernachlässigte und seinen Tod wünschte, um sich die väterliche Erbschaft anzueignen, die schon zum größten Teil sich angeeignet zu haben er ihn beschuldigte. Die ersten Zeichen dieses Hasses traten hervor, als er im Lazarett zu Cava dei Tirreni war, wo er einen Brief seines Bruders, der Nachricht von ihm verlangte, mit häßlichen Worten und Hohngelächter empfing. Der einzige Grund für diese Zwietracht konnte in dem Temperament des M… gefunden werden.

Bei der Strafkompagnie versuchte er eines Tages einen Lieutenant zu ermorden, weil dieser ihn bestraft hatte. Er wartete, bis der unglückliche Lieutenant Nachts die Ronde machte, und mit dem Dolch in der Hand, den er sowohl als Gefangener wie als Soldat immer bei sich zu tragen oder im Strohsack oder im Futter der Kleidung zu verbergen pflegte, lauerte er Stunden lang; und nur dem Umstand, daß der Lieutenant von einem Kameraden gewarnt wurde, ist es zu danken, daß der Anschlag mißglückte.

Der Mangel an moralischem Gefühl zeigt sich auch darin, daß er eines Tages einen Kameraden, einen Schreiber im Militärbureau, dazu verführte, ihm eine Änderung in dem Register zu gestatten, indem er das Datum seiner Aushebung um ein Jahr zurückschrieb, um auf diese Weise ein Jahr früher vom Militär loszukommen.

Durch diese Fälschung gelang es ihm, ein Jahr früher verabschiedet zu werden; auf der Heimreise bekam er Händel mit den Eisenbahnbeamten und um ein Haar wäre es zur Schlägerei gekommen.

Die Fälschung wurde entdeckt, und er wurde von der Militärverwaltung reklamiert, darüber entrüstete er sich heftig, bewaffnete sich wie ein richtiger Brigant und begab sich in die Wälder. Aber er sah ein, daß er auf diese Weise doch nicht durchkommen würde und stellte sich der Militärbehörde in Catanzaro, die ihn wieder nach Venedig zur Strafkompagnie schickte. Durch eine günstige Beurteilung des Thatbestandes wurde er von der Anklage der Desertion freigesprochen.

Kaum wieder bei der Kompagnie, wurde er zu zwei Monaten Wasser und Brot und zur Kettenstrafe verurteilt.  Er hatte den Skorbut; nachdem er geheilt war, kam er wieder in strengen Arrest bei Wasser und Brot und so verbrachte er das ganze Jahr fast immer in Arrest und in Ketten.

V

Im September 1882 kehrte er zu seiner Familie zurück, nachdem er vierzehn Jahre lang im Gefängnisse und in der Strafkompagnie gewesen war.

Zuerst empfindet M… selbst, daß ihm Bruder und Schwägerin freundlich entgegenkamen. Und in der That nahmen sie ihn liebevoll auf, ließen ihn an ihrem Tische essen und gewährten ihm, was ihre finanzielle Lage gestattete. Nichts in der Selbstbiographie deutet an, woraus der Haß gegen den Bruder entsprungen sein kann, er häuft nur Schmähungen und wüste Schimpfreden gegen ihn. Aber wenn man die Antecedentien und den Charakter des Antonino M… in Erwägung zieht, so begreift man, daß zwischen den Brüdern keine Eintracht herrschen konnte. Antonino lebte im Hause seines Bruders in unhaltbarem Zustande, er konnte nicht zeitlebens wie ein Sohn von seiner Schwägerin zwei Soldi täglich für Tabak entgegen nehmen. Da er von sich eine übertriebene Meinung hatte und den Bruder mißachtete und ihn als Haupt der Familie haßte, so mußte Antonino notwendiger Weise eines Tages das Bedürfnis fühlen, fortzuziehen und für sich allein zu leben und mit der Familie des Bruders vollständig zu brechen. Er that es, und um die Position zu befestigen, nahm er sich eine Frau in der Person eines Mädchens aus Tropea, eines sanften, zärtlichen Wesens, einer kleinen Madonna, die sich ihm zum Weibe gab, besiegt von seiner Ueberredungskunst und von Mitleid mit seinem Unglück.

Neues Unheil hatte diese Verbindung im Gefolge.

Das knappe ererbte Vermögen konnte nicht ausreichen, außerdem hatte er keinen Hang zur Arbeit, war liederlich, rauchte, trank und gefiel sich darin, sich vor den andern beim Kaufen hervorzuthun. Sein Bruder stand ihm immer als derjenige vor Augen, der den größeren Teil des väterlichen Vermögens geerbt hatte, daher sein Haß, sein unbändiger Neid, seine Rachgier gegen ihn. Er erzählt selbst einen weiteren Grund und dieser bestand darin, daß seine beiden Tanten zu Gunsten des Sohnes des Michele testiert und so Antonino des zu erwartenden Erbteiles beraubt hatten.

So waren genug psychologische und thatsächliche Motive vorhanden, um zu begreifen, in welcher Gemütsverfassung Antonino gegen seinen Bruder war, und früher oder später mußte der angesammelte Haß zum Ausbruch kommen. Es war eine Lawine, die sich losgelöst hatte, und immer wachsend, dem Abgrund zurollte, die Hindernisse, die sich ihr in den Weg stellten, zerstörend. Antonino, der sich mehr und mehr in seinen Zorn verbiß, machte kein Hehl aus seinem Haß, er sprach öffentlich davon und von seinen Rachegedanken, und schürte dadurch noch mehr den Brand in seinem Innern; vielleicht dienten auch die Ermahnungen der Vorsichtigen und die Vorhaltungen der Ruhigen dazu, seine Lust am Schrecklichen und seine Neigung zur Rache noch zu verstärken.

Sein argwöhnisches Temperament war eine natürliche Folge seiner Eitelkeit. Der übermäßigen Anmaßung entsprach immer der Argwohn, daß ihm von seiten der andern nicht mit der nötigen Achtung begegnet werde und daher die fortwährende Tendenz, sich verfolgt zu glauben. Daher auch die übertriebene falsche Auslegung der Worte, der Absichten, der Thaten anderer, besonders der Personen, denen er stärkere Aufmerksamkeit schenkte und von denen er für seinen Haß und seine Drohungen Kränkungen, Beleidigungen, Verachtung und Unbill zu empfangen glaubte. Zuerst mußte die Schwägerin den Ausbruch des Sturmes spüren. Eines Tages begab er sich in das Haus seines Bruders, und man weiß nicht aus welchem Grunde, genug, er bedrohte sie mit einem Revolver, der Bruder kam dazu, und es gelang ihm das Blutvergießen zu verhindern, aber Antonino brachte ihm eine Bißwunde in die Hand bei, mit welcher er ihm den Revolver entriß. Es erfolgte die Klage und trotz der heuchlerischen Verteidigung, der demütigen Erklärungen und der wortreichen Beredsamkeit wurde Antonino zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Es würde dieses Vorkommnisses nicht bedurft haben, um Antonino zu allen Frevelthaten gegen seinen Bruder fähig zu machen, aber es diente ihm in der Öffentlichkeit als Rechtfertigung für seine schon offen ausgesprochenen Blut- und Rachegedanken.

Von diesem Augenblick ab war das Leben des armen Michele eine fortwährende Angst und Aufregung; er traute sich nicht die Nase aus dem Fenster zu stecken oder die Füße vor die Thür zu setzen, ohne die Überzeugung zu haben, daß er von seinem Bruder getötet würde, der ihm coram publico unaufhörlich nachstellte und den Augenblick nicht erwarten konnte, wo er seinem Bruder den Rest geben würde.

Antonino erklärte öffentlich: Was mache ich mir aus dem Gefängnis!? Ein halber Tag oder zwanzig Jahre sind mir einerlei; ich werde Mann und Frau umbringen und dann bin ich zufrieden.

Er wußte, daß die Freunde seines Bruders ihn durch einen Pfiff herauszurufen pflegten, und so versuchte er eines Abends, ihn auf dieselbe Weise an das Fenster zu locken. Aber der Bruder merkte, woher der Pfiff kam, und antwortete nicht. Ein anderes Mal lauerte er ihm auf und trat endlich mit einer Flinte bewaffnet in das Haus seines Bruders.

Öfter sah man ihn mit der Flinte am Fenster der Küche stehen und warten, daß der Bruder sich am Fenster seiner gegenüber liegenden Küche zeige. So fest stand bei ihm der Plan, daß er Frau und Kinder fortschickte und allein blieb, um sich ganz der Überwachung seines Bruders und der Ausführung des Mordes zu widmen. Und so trat denn endlich am 29. September 1889 das ein, was notwendig eintreten mußte.

Es war ein Sonntag, und Antonino M… pflegte alle Sonntag seine Familie, die er leidenschaftlich liebte, in Tropea zu besuchen. Diesen Sonntag blieb er in Parghelia; er wollte ein Ende machen. Er nahm eine Doppelflinte, lud sie mit Schrot und mit einer Kugel und stellte sich auf die Lauer. Aber der Bruder kam nicht, er war drüben in der Küche mit seiner Frau und einer Tante und zerkleinerte Holz. Antonino lief hinzu, um in die Küche zu eilen, aber das Fenster war sehr hoch. Er nahm eine Leiter, stellte sie ans Fenster, stieg hinauf, sah den Bruder bei der Arbeit, nahm die Flinte und schoß zweimal auf seinen Bruder, den er am Kopfe verwundete.

Kaum war das Verbrechen verübt, so lud er von neuem und entfloh. Um freien Durchgang zu haben, rief er: »Platz da, Platz da!« Niemand hielt ihn an, denn alle kannten seinen blutdürstigen Charakter sowie seine Geneigtheit zu Gewaltthätigkeiten, und wer ihn sah, floh entsetzt beiseite.

Einen Monat lang hielt er sich verborgen, endlich am 27. Oktober 1889 wurde er in Monteleone auf offener Straße verhaftet, nicht ohne daß er vorher einen Verteidigungsversuch gemacht hatte, indem er an den Staatsanwalt ein Schreiben gerichtet hatte, in welchem er die That als das Werk eines Zufalls darstellte, in der Hoffnung, daß diese plumpe Verdrehung der Thatsache ihm irgendwie dienlich sein könnte.

Nachdem er dem Gefängnis zu Monteleone übergeben war, zweifelte man, ob M… im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte sei, und er wurde daher der Irrenanstalt zu Girifalco zur Beobachtung überwiesen. Bei dieser Gelegenheit hatte Venturi ihn zu studieren, und das Resultat dieser seiner Studien wird weiter unten abgedruckt.

Vor dem Gerichtshof zu Monteleone im April 1891 definierte Venturi ihn als einen geborenen Verbrecher, einen Menschen, der sich der Strafbarkeit seiner Handlungen nicht so voll bewußt ist, wie es das Gesetz erfordert, um eine Verurteilung aussprechen zu können. Er schloß sein Gutachten folgendermaßen:

»M… würde also nach dem geschriebenen Gesetz für das begangene Verbrechen nicht verantwortlich oder nur halbverantwortlich sein, da er es nicht bei vollem Bewußtsein und in voller Freiheit seines Willens ausgeführt hat.

»Quid faciendum!

»Wenn er als unverantwortlich erkannt wird, wird man ihn dann in Freiheit lassen?

»Er würde versuchen, seinen Bruder wiederum zu ermorden, und ohne Zweifel mit größerer Ruhe, da er seine Straflosigkeit kennt und sich daher für berechtigt hält, mit der ganzen menschlichen Gesellschaft aufzuräumen. Soll man ihn in die Irrenstrafanstalt bringen, wie es das Gesetz für diejenigen vorschreibt, welche in einem krankhaften Hang zum Verbrechen leben, und denen die Gelegenheit genommen werden soll, ein Verbrechen zu wiederholen?

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