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Der Retter von Riad: Als Sanitäter in Saudi-Arabien – wo Tradition mehr zählt als Menschenleben

Über das Buch

Für viele ist Saudi-Arabien ein Buch mit sieben Siegeln. Stefan Bauer hat ein Jahr als Rettungssanitäter in diesem sonderbaren Land gearbeitet. Er hat Dinge gesehen, die er nicht für möglich gehalten hat: Schönheitswettbewerbe mit verhüllten Damen und Kamele mit eingebauter Vorfahrt, tagelange Stromausfälle und vergoldete Toilettenschüsseln, eine unfassbar komplizierte Bürokratie und junge Saudis, die arglos den Hitlergruß zeigen. Bauers Erfahrungen ermöglichen einen ungefilterten Blick in eine islamische Gesellschaft, die uns völlig fremd ist und doch mehr mit uns zu tun hat, als wir glauben.

Über den Autor

Stefan Bauer war viele Jahre als ausgebildeter Rettungsassistent im Bereich des Katastrophenschutzes und in der Notfallmedizin tä­tig. Er arbeitete in Deutschland, in der Schweiz und in Saudi-Ara­bien. Von Juni 2011 bis Juni 2012 hielt er sich als Paramedic in Riad auf, wo er unzählige, oft dramatische Einsätze für den Roten Halb­mond Saudi-Arabien fuhr. Der Vater einer siebenjährigen Tochter lebt in der Nähe von München. Stefan Bauer ist ein Pseudonym.

STEFAN BAUER

DER
RETTER VON
RIAD

Als Sanitäter in Saudi-Arabien –
wo Tradition mehr zählt als Menschenleben

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Hannah

Wir müssen keine perfekten Helden sein,
aber wir haben die Pflicht zu handeln, selbst wenn
es scheint, dass wir mit einem Löffel
den Ozean ausschöpfen.

Roman Herzog

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Vorwort: Wie alles begann

Ein Jahr lang habe ich in Riad, der Hauptstadt des Königreichs Saudi-Arabien, gelebt und dort für den Roten Halbmond im öffentlichen Rettungsdienst gearbeitet. Meine Erlebnisse möchte ich Ihnen mit diesem Buch näherbringen.

Da meine Erfahrungen einen ungeschönten Blick auf das Leben in Saudi-Arabien eröffnen, vermute ich, dass man dort nicht erfreut sein wird über das, was ich schreibe. Um mich, meine Familie, meine Freunde und meine ehemaligen Kollegen zu schützen, wurden deshalb alle Namen und Orte verfremdet. Stefan Bauer ist ein Pseudonym, mein richtiger Name tut nichts zur Sache. Des Weiteren ist die zeitliche Abfolge der Einsätze willkürlich gewählt, um Rückschlüsse auf meine saudischen Kollegen zu erschweren.

Eines ist mir jedoch sehr wichtig: Dieses Buch soll keine Kritik am Islam sein. Ich habe ihn als friedliche Religion kennen- und schätzen gelernt. Meine Kritik bezieht sich vielmehr auf die kulturellen Missstände in Saudi-Arabien. Der Islam wird hier meiner Ansicht nach missbraucht, um Unrecht und Unterdrückung religiös zu legitimieren.

Wie kam es zu meinem Jahr in Saudi-Arabien? Ich hatte 1998 mein eigentlich angestrebtes Abitur im jugendlichen Leichtsinn und zum Ärger meine Eltern vorzeitig nach der zwölften Klasse abgebrochen, da ich keine Lust mehr auf die Schule hatte. Direkt im Anschluss an mein Schulfiasko begann ich eine kaufmännische Ausbildung und schloss sie 2001 erfolgreich ab. Da mir anschließend der Wehrdienst drohte und ich mich nicht monatelang herumkommandieren lassen wollte, verpflichtete ich mich 1999 auf Anraten eines Berufsschulkollegen zu sieben Jahren ehrenamtlichem Dienst im Katastrophenschutz beim Technischen Hilfswerk und arbeitete hauptberuflich als Kaufmann in einem IT-Systemhaus. Laut Aussage des Kollegen konnte man die Zeit beim THW entspannt absitzen und trotzdem in seinem Beruf arbeiten.

Aus der Pflicht wurde für mich aber rasch eine anspruchsvolle Leidenschaft, denn über das Technische Hilfswerk absolvierte ich einen Kurs zum Sanitätshelfer. Dies war mein erster Kontakt zur Notfallmedizin, wenn man den Erste-Hilfe-Kurs für den Führerschein außer Acht lässt. Sie fesselte mich so sehr, dass ich zeitgleich beim Deutschen Roten Kreuz ehrenamtlich aktiv wurde. Jedes Wochenende war fortan dem Katastrophenschutz und Sanitätsdiensten bei Sportveranstaltungen, auf dem rheinischen Karneval und bei großen Musik-Events gewidmet. Aus reinem Interesse begann ich eine nebenberufliche Ausbildung zum staatlich geprüften Rettungssanitäter, welche ich 2004 erfolgreich abschloss.

Im selben Jahr ging mein Arbeitgeber konkurs, womit auch meine kaufmännische Karriere endete. Fortan arbeitete ich hauptberuflich als Rettungssanitäter im Rettungsdienst beim Deutschen Roten Kreuz und bildete mich zwei Jahre lang auf einer Abendschule zum Rettungsassistenten weiter.

Was eigentlich der Unterschied sei zwischen einem Rettungssanitäter und einem Rettungsassistenten, werde ich immer wieder gefragt. Entgegen der landläufigen Meinung ist der Rettungsassistent dem Rettungssanitäter übergeordnet. Die Ausbildung zum Rettungssanitäter dauert drei Monate, die Berufsausbildung zum Rettungsassistenten dauert zwei Jahre und ist wesentlich komplexer. Man lernt die notfallmedizinische Behandlung von diversen Erkrankungen und Verletzungen, inklusive der Gabe von Notfallmedikamenten und Sicherung der Atemwege. Als Rettungsassistent hat man auf einem Rettungswagen die medizinische Verantwortung direkt nach dem Notarzt.

Auch privat tat sich Wichtiges: Nach zwei weiteren Jahren im Rettungsdienst kam meine Tochter Sophie zur Welt, doch leider trennten ihre Mutter und ich uns. Um für Sophie auch finanziell sorgen zu können, beschloss ich 2008, in die Schweiz auszuwandern, und arbeitete fortan im Rettungsdienst eines kleinen Schweizer Spitals. Die Arbeit dort war aus drei Gründen interessant: Erstens erhielt ich das Dreifache meines – sehr niedrigen – deutschen Gehalts. Zweitens gab es dort im Rettungsdienst keine Notärzte, was bedeutete, dass es mir erlaubt war, das, was ich in der Ausbildung zum Rettungsassistenten gelernt hatte, auch ohne Notarzt anzuwenden. Ich durfte in der Schweiz im Gegensatz zu Deutschland zum Beispiel stärkste Schmerzmittel verabreichen. Drittens konnte ich aufgrund eines sehr flexiblen Dienstplans mit zum Teil achtundvierzigstündigen Diensten meine Tochter trotz der Entfernung von fünfhundert Kilometern regelmäßig sehen.

Eigentlich war meine Welt ganz in Ordnung. Trotzdem beendete ich 2011 meine Tätigkeit in der Schweiz und zog nach Riad, um dort im Rettungsdienst zu arbeiten. Hier setzt das Buch ein, das Sie in Händen halten.

Wenn Sie jetzt weiterlesen, was ich hoffe, werden Sie feststellen, dass ich teilweise eine recht derbe Sprache an den Tag lege und des Öfteren fluche und schimpfe wie ein Droschkenkutscher. In meinem Beruf ist das ziemlich normal. Der Alltag im Rettungsdienst besteht leider aus extremen Situationen, und da wird dann auch gerne extrem gesprochen. Als Rettungsdienstmitarbeiter sieht man regelmäßig Dinge, die ein Normalsterblicher, wenn überhaupt, vielleicht einmal in seinem ganzen Leben zu Gesicht bekommt. Viele meiner Kollegen, egal in welchem Land, haben genau wie ich einen starken Hang zum Sarkasmus. Auf einen Außenstehenden mag das auf den ersten Blick geschmacklos wirken, für uns ist es jedoch ein wichtiges Ventil. Ich habe es für mich persönlich immer als angenehm empfunden, schlimmen Situationen durch ein wenig Sarkasmus die Dramatik zu nehmen und das Erlebte für mich dadurch erträglicher zu machen. Außerdem bin ich ein Freund der direkten Worte, wenn es nötig ist.

Sie werden auf den folgenden Seiten teils lustige, teils heftige und brutale Geschichten erfahren. Wenn es Ihnen zu viel werden sollte, rate ich Ihnen, das Buch zur Seite zu legen und ein Stündchen draußen spazieren zu gehen. Frische Luft und die friedliche Natur haben mir immer geholfen, meine Erlebnisse zu verarbeiten.

Eine Anekdote möchte ich Ihnen als Auftakt noch erzählen. Ende 2013 las ich folgende Aussage von Franz Beckenbauer zu den Arbeitsbedingungen auf den Fußballbaustellen in Katar: »Ich habe noch nicht einen einzigen Sklaven in Katar gesehen, also die laufen alle frei rum, weder in Ketten, gefesselt noch mit irgendwelchen Büßerkappen am Kopf, also das habe ich noch nicht gesehen. Wo diese Meldungen herkommen, ich weiß es nicht. Ich habe mir vom arabischen Raum […] ein anderes Bild gemacht, und ich glaube, mein Bild ist realistischer.«

Ich habe mich damals maßlos aufgeregt. Heute erscheint mir die Aussage des »Kaisers« aber absolut einleuchtend. Der ausgebeutete Gastarbeiter hält sich eben selten in Luxushotels auf. Beckenbauer konnte die Sklaven also gar nicht sehen.

Aufgrund dieses und eines anderen Artikels zu Saudi-Arabien schrieb ich einen Leserbrief an Spiegel Online. Wochen später führte Rainer Leurs vom Spiegel ein Interview mit mir. Weitere Monate vergingen, bis der Artikel auf Spiegel Online veröffentlicht wurde. Das Interesse war riesig, und ich bekam letztendlich die Chance, meine Erlebnisse in diesem Buch niederzuschreiben.

Aber nun genug davon. Ich wünsche Ihnen einen interessanten Einblick in den sonst abgeschotteten Alltag Saudi-Arabiens.

Stefan Bauer

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Tausche Schweizer Berge gegen
heißen Wüstensand

Es ist mal wieder einer dieser langweiligen Tage im Spital Menziken. Menziken ist ein kleiner, beschaulicher Ort im Kanton Aargau in der Deutschschweiz, rund fünfzig Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Ich arbeite hier seit ungefähr zwei Jahren im Rettungsdienst. In meiner einsatzfreien Zeit helfe ich ab und an in der Notaufnahme und in der Anästhesieabteilung des Spitals aus, wodurch ich im Bereich der Behandlung von Patienten, zum Beispiel in der Schmerztherapie, noch routinierter werde.

Inzwischen ist es früher Nachmittag. Sascha, mein deutscher Kollege, und ich haben seit sieben Uhr morgens Dienst auf dem Rettungswagen, und es gab noch nicht einen Einsatz. In Menziken passieren einfach wenige Notfälle. Wir haben den halben Tag mit YouTube-Videos zugebracht, in der Cafeteria zu Mittag gegessen und sitzen jetzt bei einem Kaffee gemütlich in der Sonne auf der Terrasse des Spitals. Sascha blättert gelangweilt in einem Magazin für Notfallmedizin.

»Schau dir das mal an!«, sagt er plötzlich und deutet auf eine Stellenanzeige. »Die suchen Rettungsassistenten als Paramedic für Saudi-Arabien, Bereich Boden- und Luftrettung!«

»Kein Bedarf«, winke ich ab, »ich hab schon einen Job. Außerdem sind wir keine Paramedics.«

Als Paramedic bezeichnet man die qualifizierteste Ausbildungsstufe eines Sanitäters in den USA. Von den Aufgaben her ist ein Paramedic in vielen Bereichen mit einem Notarzt in Deutschland vergleichbar. Allerdings hat der Paramedic nicht die freie Therapiewahl wie ein deutscher Notarzt, sondern alle Kompetenzen sind penibel in Handlungsanweisungen und Algorithmen geregelt.

Sascha bleibt dran. »Die suchen ja auch deutsche Rettungsassistenten!«

»Wir sprechen aber kein Arabisch, zumindest ich nicht. Oder hast du mir da etwa dein verborgenes Sprachtalent verschwiegen?«, frage ich leicht spöttisch. Wir frotzeln uns ständig, wie große Jungs.

»Du musst nur Englisch können.«

»Kannst du das denn?«, frage ich gehässig.

»Du Depp, natürlich! Ich war schließlich mehrere Jahre Funker bei der Marine, falls dir das entfallen sein sollte. Und du? Was ist mit deinem Englisch?«

»Ich war zwar nicht bei der Marine, im Gegensatz zu dir spreche ich die Sprache aber einigermaßen verständlich.« Das ist nicht übertrieben. Im Schulzeugnis hatte ich es zwar nur auf eine Vier gebracht, aber aus Langeweile fing ich irgendwann im Rettungsdienst an, englische Bücher zu lesen. Anfangs musste ich jedes zweite Wort nachschlagen, aber mit jedem Buch wurden meine Kenntnisse besser. Auch amerikanische Serien auf DVD reizten mich dann irgendwann nur noch in der Originalsprache.

»Na, wenn du so gut Englisch sprichst, kannst du dich ja bewerben«, meint Sascha leichthin.

»Kann ich«, entgegne ich grinsend. »Und die würden mich auch nehmen, im Gegensatz zu dir!«

Das Geplänkel wird vom Piepsen unseres Pagers unterbrochen. Eine Röntgenfahrt nach Aarau. Diese Transporte sind unser Hauptgeschäft unter der Woche. Wir bringen Patienten aus unserem kleinen Spital zur Computertomografie in eine radiologische Praxis am Hauptbahnhof Aarau. Dort warten wir eine halbe Stunde und fahren dann die dreißig Kilometer mit dem Patienten wieder zurück. In der Regel sind die Patienten fit, und die Aktion gleicht einer Taxifahrt mit dem Rettungswagen. Bis zum Abend fahren wir noch eine weitere solche Tour, und die Nacht schlafe ich im Bereitschaftszimmer durch.

So weit, so gut, so langweilig. Manchmal fühle ich mich wie ein Feuerwehrmann, der ab und zu eine Zigarette ausdrücken darf, aber nie ein richtiges Feuer sieht. Wir haben auch Notfalleinsätze, aber das Gros sind radiologische Konsilfahrten. Bei 1200 Einsätzen im Jahr haben wir umgerechnet 3,28 Einsätze in vierundzwanzig Stunden. Bei zwei bis drei Konsilfahrten am Tag lässt uns die Statistik nicht mehr viel Luft für anspruchsvolle Notfälle.

Am nächsten Morgen fahre ich ausgeruht nach Hause, und mir fällt die Stellenanzeige wieder ein. Saudi-Arabien klingt exotisch und spannend, ich weiß nicht viel über das Land. Es ist ein Königreich und hat viel Öl, die Bevölkerung ist unglaublich reich und islamisch, und die 9/11-Terroristen kamen wohl überwiegend aus der Gegend. Riad … Das klingt anders als Menziken. Soll ich vielleicht …?

Mir ist, wie immer, wenn mir etwas durch den Kopf geht, nach Motorradfahren zumute. Am liebsten düse ich planlos mit meiner Suzuki Bandit durch die Gegend, genieße es, im Fahrtwind an nichts zu denken, einfach nur fahren. Ich werfe mich in meine Lederkombi, setze den Helm auf und brause Richtung Süden in die Berge. Ein wenig um den Vierwaldstätter See, ein paar Pässe. Nach vier Stunden bin ich wieder zu Hause, mit klarem Kopf und voller Energie. Ich setze mich an meinen Computer und tippe eine E-Mail an die deutsche Rettungsdienstschule, welche die Stellenanzeige geschaltet hat, und bitte um die Zusendung weiterer Informationen zum Bewerbungsverfahren. Es ist der 22. September 2010. Ich drücke auf »Senden« und vergesse die Geschichte gleich wieder. Doch zwei Tage später erhalte ich Post: eine E-Mail der Rettungsdienstschule mit einer Infobroschüre.

Ich beginne zu lesen, und mit jedem Satz wächst mein Interesse.

Sehr geehrter Herr Bauer!

Vielen Dank für Ihr Interesse und das damit entgegengebrachte Vertrauen. Damit Sie sich ein besseres Bild der ausgeschriebenen Stelle machen können, haben wir einige häufig nachgefragte Informationen für Sie zusammengefasst:

Unser Kooperationspartner ist eine nationale Hilfsorganisation, die in Saudi-Arabien exklusiv mit der Notfallrettung betraut ist.

Unsere Anforderungen an Sie sind natürlich an die Stelle angepasst. Sie sollten über mindestens 24 Monate Berufserfahrung als Rettungsassistent verfügen, weitere Erfahrung bzw. Erfahrung im Ausland ist wünschenswert, aber kein Muss. Da Sie in einem internationalen Umfeld arbeiten, sollte Ihr Englisch in Wort und Schrift gut sein (auf alles Weitere bereiten wir Sie vor). Ihre bereits vorhandene soziale Kompetenz sollte auch insofern eine kulturelle Kompetenz sein, als Sie problemlos in einer religiös, kulturell und sozial neuen Umgebung arbeiten können. Es ist unumgänglich, dass Sie interessiert sind, sich entsprechend Ihrer neuen Aufgaben fortzubilden. Da die Unterschiede zwischen den (deutschen) ärztlichen Rettungsdienst-Systemen und einem nicht-ärztlichen Paramedic-System erheblich sind, müssen Sie bereit sein, sich im Rahmen unserer Vorbereitung fortzubilden.

Wenn Sie interessiert sind, senden Sie uns bitte Ihre schriftliche Bewerbung. Wir würden uns freuen, Sie bald in München zu einem Bewerbungsgespräch zu sehen!

Ich bin wie elektrisiert. Das passt! Genau so etwas würde ich gerne machen. Leben retten statt Taxi fahren!

Immer wieder lese ich mir die Beschreibung durch und sehe mich schon in Uniform vor einem Rettungswagen unter Palmen und vor Sanddünen, im Hintergrund vielleicht ein paar Kamele.

Meine Bewerbungsunterlagen sind schnell ausgedruckt und auf den Weg nach Deutschland gebracht. Drei Wochen später fahre ich an einem Samstag nach München zu einem Vorstellungsgespräch in der Rettungsdienstschule. Offiziell deklariere ich das als Wochenendausflug, ich habe noch niemandem von der Bewerbung erzählt.

Ich werde von zwei Mitarbeitern der Rettungsdienstschule München, welche den Auswahlprozess für den Saudischen Roten Halbmond durchführt, in einem Bürokomplex in München-Sendling empfangen: Christian Maier und Klaus Stumpf. Klaus Stumpf ist Mitte vierzig und leicht untersetzt, wir haben – nicht zuletzt wegen der Figur – sofort einen guten Draht. Er arbeitet seit drei Jahren als Paramedic in Riad und ist gerade auf Heimaturlaub. Alle drei bis vier Monate fliegt er nach Deutschland, um seine Frau und seine zwei Kinder zu sehen.

Natürlich will ich wissen, wie es ist, als Paramedic in Saudi-Arabien zu arbeiten. Er erzählt mir, dass die Unfallquote sehr hoch sei, die überwiegende Zahl der Einsätze seien deshalb Traumaeinsätze. »Die Kompetenzen als Paramedic in Riad sind vergleichbar mit denen eines Notarztes in Deutschland«, erklärt er mir. »Medikamentengabe, Schmerzmittel, Narkosen, Intubation und Todesfeststellungen – das alles ist dort Alltag.«

Da ich in der Schweiz all diese Dinge ja bereits eigenständig durchführen muss und es in meiner Ausbildung auch gelernt habe, ist das nichts Neues für mich. Es klingt aber auf jeden Fall spannender als das, womit ich derzeit meine Brötchen verdiene. Und deutlich mehr Geld gibt es auch, Herr Maier rechnet mir vor, dass mein Gehalt bei umgerechnet fünftausend Euro netto im Monat liegen würde, inklusive freier Unterkunft, Flügen und günstigen Lebenshaltungskosten.

»Wir möchten Sie sehr gerne für die Stelle haben, Herr Bauer«, versichert er mir. »Ihr Profil und Ihre Erfahrung passen perfekt, Sie sind genau der, den wir suchen!«

Ich fühle mich geehrt und gebauchpinselt, erbitte mir aber trotzdem ein paar Tage Bedenkzeit und fahre zurück in die Schweiz.

Auf der Rückfahrt geht mir das Gespräch andauernd durch den Kopf. Mein Entschluss ist eigentlich schon gefasst. Ich werde zusagen. Das Gehalt ist toll, und wer kann von sich behaupten, in Saudi-Arabien gearbeitet zu haben? Das klingt nach einem großen Abenteuer, und nach über zwei Jahren gemütlicher Langeweile in der Schweiz brauche ich vielleicht einen Tapetenwechsel. Ich muss das nur noch meinen Eltern schonend beibringen. Zuerst rede ich mit meinem Vater, der sich alles anhört und seine Bedenken äußert. Die Entfernung zu Deutschland, die fremde Kultur und die politische Lage sind für ihn Argumente gegen das Projekt, aber die Entscheidung überlässt er letztendlich mir. Meine Mutter reagiert wesentlich emotionaler und ist für die Sache gar nicht zu begeistern. Sie erzählt mir unter Tränen von Krieg und Terroristen.

Ich lasse mir das Für und Wider immer wieder durch den Kopf gehen. Die Entfernung zu Deutschland ist mittlerweile durch Skype und Telefonie nicht mehr ganz so groß, die fremde Kultur sehe ich als Bereicherung, und die politische Lage in Saudi-Arabien scheint mir stabil. Drei Tage später sage ich Herrn Maier per E-Mail zu. Ich werde mindestens ein Jahr in Saudi-Arabien arbeiten.

Jetzt heißt es, Sascha die Neuigkeit zu überbringen. Wie er wohl reagieren wird?

»Ich hab eine Zusage für Saudi-Arabien bekommen. Nächstes Jahr fange ich an«, erkläre ich ihm beiläufig, als wir wieder im Rettungswagen sitzen und auf einen Einsatz warten, der höchstwahrscheinlich nicht kommen wird.

Sascha sieht mich mit offenem Mund an. »Du hast was? Das ist jetzt nicht dein Ernst!«

»Doch, ich hab ja gesagt, dass die mich nehmen.«

»Ich glaub’s nicht, Mann. Respekt! Und dann arbeitest du da richtig als Paramedic?«

»Ja, mit allem Drum und Dran. Wolltest du dich nicht auch bewerben?«

Sascha winkt ab. »Fahr du erst mal da runter, und wenn es gut ist, komme ich nach.«

»War ja klar, dass du kneifst«, sage ich hämisch.

»Ach weißt du, irgendjemand muss ja in der Schweiz die Stellung halten! Ich wünsch dir Glück!«

Im Dezember fahre ich wieder nach München, um an einem notfallmedizinischen Kurs teilzunehmen. Ohne diesen Kurs kann ich die Stelle in Riad nicht antreten. Ende Dezember kündige ich mein Arbeitsverhältnis, denn irgendwann im März soll meine Abreise stattfinden.

Je näher der angepeilte Termin rückt, umso nervöser werde ich. Doch erstaunlicherweise ist es weniger Angst vor dem Ungewissen, die mich aufgeregt macht, als vielmehr eine gewisse Euphorie. Endlich passiert wieder etwas in meinem Leben!

Im Februar nehme ich noch mal an einem zweiwöchigen Kurs in München teil, zusammen mit drei weiteren Rettungsassistenten, die ebenfalls nach Riad sollen. Dieses Mal erfahren wir mehr über Menschen und Kultur des Landes, in dem wir in Kürze leben und arbeiten werden. Durch den Kurs wird mir vieles zum ersten Mal richtig bewusst, zum Beispiel, was es bedeutet, in Saudi-Arabien eine Frau als Patientin zu haben und der Willkür des Ehemannes, Vaters oder Sohnes ausgeliefert zu sein. In Saudi-Arabien sind Frauen nicht mündig und dürfen viele Entscheidungen des Alltags nicht selbst treffen. Der Ehemann, Vater oder Sohn ist dort Vormund der Frau und entscheidet alles für sie – vom Arbeitsplatz bis hin zu medizinischen Behandlungen.

Man erklärt uns auch, dass wir auf keinen Fall über Religion oder die Politik des Nahen Ostens diskutieren sollen. Trotzdem – so ganz ahnungslos möchte ich dort nicht auflaufen. Ich fange deshalb an, nebenher den Koran zu lesen. Der Islam ist das Fundament in diesem Land, da will ich zumindest einen kleinen Überblick haben.

Das Rettungsdienstsystem in Saudi-Arabien wird ebenfalls noch einmal detailliert erläutert. Es gibt dort ein paramedizinisches System ohne Notärzte. Die höchste medizinische Instanz an der Einsatzstelle ist der Paramedic oder kurz »Medic« genannt. Dieser hochqualifizierte Sanitäter hat ähnliche Befugnisse wie ein Notarzt in Deutschland, muss sich aber auch an strikte Notfallalgorithmen halten, die sein Handeln definieren. In Saudi-Arabien arbeiten auch arabische Ärzte als Paramedics, denen der Rote Halbmond jedoch nicht immer traut, weshalb sie manchmal keine Medikamente verabreichen dürfen.

Des Weiteren vertiefen wir unser medizinisches Englisch, und wir bekommen ein paar erweiterte medizinische Maßnahmen, darunter den sogenannten Luftröhrenschnitt, beigebracht. Man gibt uns noch den Tipp mit auf den Weg, dass wir uns amerikanische Serien auf DVD in der Originalsprache ansehen sollten, um unser Englisch zu verbessern. Ich muss ein wenig schmunzeln, weil ich das ja schon seit Jahren praktiziere. Deshalb weiß ich: Es hilft wirklich.

Ende Februar wird es richtig ernst. Ich löse meine gemütliche Zweizimmerwohnung in der Schweiz auf, verkaufe meinen silbernen Hyundai Sonata und meine geliebte Suzuki und ziehe übergangsweise zu meinen Eltern nach Koblenz. Nebenbei muss ich alle möglichen Formalitäten erledigen. Meine kompletten Berufsunterlagen müssen ins Arabische übersetzt und mehrfach beglaubigt werden. Am Ende werden alle Dokumente und Zeugnisse von der ausstellenden Behörde, die Übersetzungen vom Amtsgericht und alles zusammen vom Bundesverwaltungsamt und schließlich von der saudischen Botschaft beglaubigt. Ich muss mich einem medizinischen Test inklusive HIV-Test unterziehen und ein Visum beantragen.

Das alles dauert. Der Verwaltungsprozess zieht sich immer länger hin, während die Hoffnung, doch noch nach Riad zu kommen, von Tag zu Tag schwindet. Aus den geplanten wenigen Wochen bei meinen Eltern werden am Ende fast fünf Monate. Klaus Stumpf und ich skypen mittlerweile regelmäßig und sind jetzt per Du. Von den ursprünglich vier Bewerbern sind nur noch zwei übrig – ich und Christoph –, und auch ich habe mich zwischenzeitlich schon auf andere Stellen beworben. Denn wenn das so weitergeht, muss ich mir einen neuen Job in Deutschland oder in der Schweiz suchen, da meine finanziellen Rücklagen schrumpfen.

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Willkommen in Riad

Endlich! Nach Wochen der Warterei ist mein Flugticket angekommen. Es ist Juni, nicht März, wie ursprünglich geplant. Aber egal. Irgendwie hat es am Ende doch geklappt. In drei Tagen werde ich im Flugzeug sitzen und einem neuen Lebensabschnitt entgegenfliegen. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag werde ich in Riad landen, nach gerade einmal sechseinhalb Stunden Flug.

Meine Anspannung wächst stündlich, ich erledige letzte Besorgungen. Ich kaufe mir neue Einsatzstiefel, ein paar Einsatzhosen und dunkelblaue Hemden, da Klaus mir gesagt hat, dass die gestellte Einsatzkleidung qualitativ nicht die beste sei. Dann decke ich mich noch mit ein paar Büchern ein. Als absoluter Nicholas-Sparks-Fan dürfen seine Bücher auf der Reise nicht fehlen – der toughe Sanitäter liest tatsächlich Herz-Schmerz-Romanzen … All meine Sachen passen in einen riesigen Koffer und einen Rucksack.

Die Stimmung bei mir und meinen Eltern wird zunehmend bedrückter. Einerseits freue ich mich auf das große Abenteuer, andererseits sehe ich die Angst und Traurigkeit in den Augen meiner Mutter.

Donnerstagmittag fahren meine Eltern mich zum Flughafen Frankfurt. Mein Vater trägt meine Abreise mit Fassung, aber als ich meine Mutter weinen sehe, fließen auch bei mir die Tränen.

Vor der Passkontrolle nehme ich beide in die Arme und drücke sie fest an mich. Wir ahnen nicht, dass diese Reise mein Leben zutiefst prägen wird und ich als ein anderer Mensch wiederkehren werde.

Ich bin sehr zeitig dran, mein Flug ist noch gar nicht angezeigt – genügend Zeit, nach all dem Gerödel der letzten Tage etwas zur Ruhe zu kommen und einen klaren Gedanken zu fassen. Ich sitze im Boardingbereich und weiß nicht recht, was ich mit mir anfangen soll. Mein Abenteuer geht jetzt tatsächlich los, und in ein paar Stunden werde ich in einer völlig fremden Kultur landen. Bin ich eigentlich verrückt?

Ich packe ein Buch aus und lege es nach drei Zeilen wieder weg. Ich gehe auf und ab und schaue ohne Unterlass auf die Uhr. Überdurstig trinke ich einen Schluck und habe dann doch keinen richtigen Durst mehr. Ich sehe einen kleinen Kiosk und kaufe mir spontan eine Packung Zigaretten und ein Feuerzeug. Nach fast vier Monaten der Abstinenz rauche ich eine Zigarette in einer dieser Raucherboxen – es wird die erste von vielen sein –, und das Nikotin vollbringt seine unheilvolle Wirkung: Meine hibbelige Nervosität fällt schlagartig von mir ab.

Nach sechs weiteren Zigaretten ist der Flug bereit zum Boarding, und ich begebe mich ins Flugzeug. Jetzt gibt es keinen Weg mehr zurück.

Der Flug mit Saudi Arabian Airlines ist unspektakulär. Das Unterhaltungsprogramm an Bord ist quasi nicht existent, und ich schlafe irgendwo über der Türkei ein. Eine Stunde vor der Landung wache ich wieder auf, als die Stewardessen Einreiseformulare verteilen. Das Formular erläutert mir noch einmal, dass die Einfuhr von Alkohol, Schweinefleisch, Pornografie, religiösen Materialien und Drogen illegal ist und mit dem Tod bestraft werden kann. Ich habe ein reines Gewissen – nicht mal der Zipfel einer Salami oder eine Dose Bier wird in meinem Gepäck zu finden sein.

Die bisher unverschleierten Araberinnen begeben sich kurz vor der Landung nach und nach zur Toilette und kommen schwarz verhüllt wieder raus. Die westlichen Frauen tragen ebenfalls einen dunklen Körperschleier, Kopf und Haare sind bei ihnen aber noch sichtbar.

Draußen ist es finster, doch im Schwarz unter mir kann ich den gelblichen Lichtschein vereinzelter Orte erkennen. Je näher wir dem Flughafen von Riad kommen, desto mehr werden die Lichter. Ich bin beeindruckt. Das muss die größte Stadt sein, die ich je gesehen habe! Ein Meer von gelben Punkten, so weit das Auge reicht.

Es ist kurz nach ein Uhr morgens, als das Flugzeug saudischen Boden berührt. Meine Aufregung wächst. Wie wird es draußen wohl aussehen?

Den Flughafen habe ich mir schon mal pompöser vorgestellt. Es gibt zwar viel Marmor und einen Brunnen, aber das Ganze wirkt nicht übermäßig luxuriös. Ich gehe mit meinem Handgepäck zur Einreisekontrolle und erlebe meinen ersten Schock: Ein multikultureller Mix aus mehreren hundert Menschen steht in drei Warteschlangen in einer Halle. Alle Frauen tragen einen schwarzen Körperschleier, die Abaya, die wie ein leichtes, weites und blickdichtes langes Kleid wirkt. Die muslimischen Frauen tragen zusätzlich noch ein Kopftuch oder sind sogar komplett verhüllt, inklusive dem Gesicht. Es ist warm und riecht nach Schweiß, und es geht nur mühsam, Zentimeter um Zentimeter, voran. Das wird Stunden dauern.

Ich entscheide mich für eine der Schlangen und stelle mich an. Vor mir eine endlose Reihe von Männern und Frauen aus Pakistan, Indien, Bangladesch, Afghanistan und den Philippinen. Aufgrund unzähliger Fernsehdokumentationen erkenne ich die eine oder andere traditionelle Kleidung, wie das typische knielange Hemd der Afghanen und der Pakistani.

Nach zehn Minuten Wartezeit kommt ein Uniformierter auf mich zu und fragt mich auf Englisch, ob ich Europäer oder Amerikaner sei. Als ich ihm antworte, dass ich Deutscher sei, führt er mich ohne weitere Erklärungen zu einem Schalter ohne ungeduldig wartende Menschenmenge davor. Auf dem Weg dorthin habe ich das Gefühl, dass mich von hinten böse Blicke durchbohren.

Die Passkontrolle läuft nun relativ schnell ab. Ich gebe meinen Pass mit dem Visum und das Einreiseformular ab, meine Fingerabdrücke werden mittels Scanner genommen, und ich werde mit meinem Kinnbart und meinen kurz rasierten Haaren fotografiert. Stempel in den Pass, und weiter geht’s.

Mein großer Koffer steht schon neben dem Gepäckband. Ein aufdringlicher Kofferträger reißt ihn mir förmlich aus der Hand, wuchtet ihn auf einen Gepäckwagen und trabt los Richtung Zoll. Alle Gepäckstücke müssen hier noch mal geröntgt werde, was den Kofferträger aber nicht interessiert. Er marschiert an dem Röntgengerät vorbei, und ich folge ihm. Kurz schaue ich noch verwirrt zum Zollbeamten hinüber, der vor dem Durchleuchtungsbildschirm döst, dann gehe ich letztendlich ohne Kontrolle weiter durch eine Glasschiebetür. Willkommen in Riad!

Ich gebe dem Kofferträger fünf Euro Trinkgeld, da ich nur große Scheine in Saudi Riyal bei der Sparkasse in Koblenz bekommen habe. Wortlos steckt er das Geld ein, dann verschwindet er so schnell, wie er gekommen ist, und lässt mich mit meinem Koffer in der Halle stehen. Hier wimmelt es von Menschen, die wild durcheinanderrufen und Schilder hochhalten. Wie soll ich in diesem Gewühl einen Fahrer finden, der mich abholen soll?

Was jetzt? Klaus, der mittlerweile wieder in Riad ist und mir als Deutschem als lokaler Ansprechpartner zur Verfügung steht, hatte mir vor dem Abflug noch eingebläut, dass ich unbedingt im Flughafen warten solle, der Rote Halbmond würde einen Abholservice bereitstellen. Unter keinen Umständen solle ich in ein Taxi steigen.

In diesem Moment erlebe ich meinen zweiten Schock: Eine Horde von geschätzt fünfzig Mann stürmt auf mich zu, umringt mich, zerrt an mir und schreit »Taxi, Taxi!«. Nur mühsam schaffe ich es, den Taxifahrern klarzumachen, dass ich von ihnen nicht mitgenommen werden will, und laufe, unter ihren skeptischen Blicken, durch die Ankunftshalle, um den Mann zu suchen, der mich abholen soll. Leider finde ich immer noch niemanden, der ein Schild mit meinem Namen in der Hand hält.

Jetzt brauche ich erst mal eine Zigarette. Ich verlasse das Flughafengebäude, draußen ist es einfach nur heiß und staubig, und es riecht nach Abfall. Die Hitze ist ungewohnt, aber erträglich, doch der Staub ist ziemlich unangenehm und schmerzt in den Augen. Mein Versuch, Klaus anzurufen, scheitert daran, dass der Akku meines Handys leer ist. Scheiße! Da stehe ich hier mitten in der Nacht am Flughafen einer wildfremden Stadt in einem wildfremden Land und komme nicht weiter.

Ein junger Taxifahrer kommt auf mich zu und bittet mich um eine Zigarette. Ich gebe ihm eine, und wir kommen ins Gespräch.

»Wirst du abgeholt?«, fragt er mich auf Englisch.

»Ja, aber der Fahrer ist nicht zu finden.«

»Weißt du, wo du hinmusst?«

Ich schüttle den Kopf.

»Hast du eine Telefonnummer von jemandem, der das weiß?«, erkundigt er sich weiter und zieht an seiner Zigarette.

»Klar, aber mein Handy ist leer.«

»Benutz doch meins. Dann wissen wir, wo du hinmusst.«

Er reicht mir sein Handy, und ich wähle die Nummer von Klaus.

»Hallo Klaus, Stefan hier. Ich bin am Flughafen, kann aber den Fahrer nicht finden!«

»Stefan, herzlich willkommen! Bist du sicher, dass der Fahrer nicht da ist?«

»Ich bin jetzt zig Mal auf und ab gelaufen. Da ist definitiv keiner.«

»Scheiße. Pass auf, ich hab noch Nachtdienst. Ich bin in einer Stunde am Flughafen und hol dich ab. Du steigst in kein Taxi ein, verstanden?«

»Verstanden! Ich warte an Ausgang 3 auf dich. Ach ja, mein Handy geht nicht. Ich rufe hier gerade über das Handy eines Taxifahrers an.«

»Ich bin in einer Stunde da. Bis gleich.«

Ich lege auf und gebe dem verdutzten Taxifahrer sein Handy zurück.

»Weißt du jetzt, wo du hinmusst?«

»Nein, aber es kommt jemand, um mich abzuholen.«

»Äh, du wirst abgeholt?«

»Ja, mein Kollege ist gleich da. Danke noch mal fürs Telefonieren.«

Der Taxifahrer schüttelt ungläubig den Kopf und geht. Ich setze mich auf eine Betonbank, rauche eine Zigarette und beobachte das Treiben vor dem Flughafengebäude. Taxifahrer bemühen sich hartnäckig um Fahrgäste. Ein paar Männer, vermutlich Pakistani, werden von einem Araber in Empfang genommen und nehmen auf der Ladefläche eines Pick-ups Platz. Das sind wahrscheinlich auch Gastarbeiter.

Nach einer Stunde kommt der Taxifahrer wieder, reicht mir grimmig sein Handy und erklärt: »Telefon für dich!«

»Hallo?«, frage ich verdutzt.

»Klaus hier«, kommt es aus dem Mikro. »Ich bin in zehn Minuten da. Ich hab einen schwarzen Hummer. Wo bist du?«

»Ich bin immer noch an Ausgang 3.«

»Alles klar. Bis gleich.«

Ich drücke den roten Knopf und reiche dem Taxifahrer sein Handy zurück.

»Danke. Mein Fahrer kommt in zehn Minuten.«

Er schüttelt wieder nur den Kopf und geht weg. Kein Wunder, dass er ein wenig sauer ist. Für ihn war ich wahrscheinlich ein potentieller zahlender Fahrgast, stattdessen dient er mir gerade als Telefonzentrale. Das hat er sich wohl auch anders vorgestellt. Ich würde ihm gern ein Trinkgeld geben, aber ich habe keine kleinen Scheine mehr. Eine Zigarette hat er ja von mir bekommen, das sollte erst mal reichen.

Zehn Minuten später hält tatsächlich ein riesiger schwarzer Hummer auf meiner Höhe, und Klaus erscheint in der blauen Uniform des Roten Halbmonds. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich einmal so über den Anblick eines untersetzten Mannes freuen würde.

»Salam alaikum, Stefan«, begrüßt er mich. »Willkommen in Riad! Wie war der Flug, und bist du gut durch die Kontrollen gekommen?«

»Alles okay. Ich war nach gut dreißig Minuten draußen.«

»Das ist schnell! Dann schmeiß mal dein Gepäck hinten rein, ich fahr dich rasch zum Hotel. Mein Dienst ist nämlich noch nicht ganz rum.«

Ich tue wie mir geheißen und zwänge mich auf den Beifahrersitz. Erstaunlich, dass dieser riesige Geländewagen so wenig Platz für den Beifahrer bietet. Wir verlassen das Flughafengelände und passieren als Erstes einen Kontrollpunkt der Polizei. Der Straßenverkehr ist bei Weitem nicht so schlimm, wie ich ihn mir nach Klaus’ Schilderungen während unserer Skype-Gespräche vorgestellt habe. Allerdings ist es auch erst halb vier morgens. Die Landschaft ist, soweit ich das erkennen kann, unspektakulär und sehr, sehr karg. Im künstlichen Licht der Autobahnbeleuchtung sehe ich nur Sand, Geröll und vereinzelte Palmen und Sträucher.

Schließlich halten wir vor dem Hotel. Es sieht aus wie ein sechsstöckiger Glasklotz, den eine riesige Hand in die Wüste gesetzt hat. Ein Wachmann salutiert vor uns, als wir durch die große Drehtür gehen. Das Foyer ist sauber, modern und im Gegensatz zur Hitze draußen angenehm kühl. Einzig die Möbel mit ihren Goldverzierungen und Quasten finde ich ein wenig kitschig-orientalisch, sie wirken in dem coolen, modernen Gebäude etwas fehl am Platz.

Klaus gibt dem Kofferjungen fünf Riyal Trinkgeld und wartet noch, bis der Rezeptionist mich eingecheckt und dem Kofferjungen die Schlüsselkarte ausgehändigt hat.

»Schlaf dich erst mal ein wenig aus«, erklärt er und ist schon fast wieder an der Drehtür. »Ich hol dich gegen zehn ab und zeig dir ein bisschen von der Gegend. Am Samstag fahren wir dann zur Personalabteilung. Bis später!«

Ich folge dem Kofferjungen auf mein Zimmer hoch oben im fünften Stock. Für die nächsten Wochen stehen mir hier ein Wohnzimmer mit großem Fernseher, ein Ankleidezimmer mit leerem Kühlschrank, ein riesiges Schlafzimmer und ein Bad mit einer Badewanne für Kleinwüchsige zur Verfügung.

Mein Notebook ist im Moment meine wichtigste Verbindung nach Hause. Ich logge mich ins Internet des Hotels ein und tippe noch kurz eine E-Mail an meine Eltern, um ihnen zu sagen, dass ich gut angekommen bin, als ich den Muezzin rufen höre. Das klingt jetzt wirklich nach Orient, aber interessanterweise fühle ich mich beim Ruf des Muezzins eher unwohl. Szenen aus Kriegsfilmen wie Black Hawk Down geistern mir durch den Kopf. Bestürzt stelle ich fest, dass ich durch unsere Medien anscheinend unbewusst negativ auf den Islam und seine Bräuche geprägt bin.

Der Blick aus dem Fenster auf den sechsspurigen Highway unter mir zeigt mir, dass die Stadt langsam erwacht. Die Straße, die vorhin fast leer war, füllt sich zusehends mit Autos, der Himmel wird allmählich heller.

Erschöpft werfe ich mich auf das Kingsize-Bett und schlafe ein, nur um gegen sieben Uhr frierend wieder wach zu werden. Die Klimaanlage steht auf siebzehn Grad – das ist mir definitiv zu kalt. Ich muss sie wohl noch ein wenig justieren. Jetzt eine Dusche! Leider gibt es das Wasser nur in sehr warm oder kochend heiß.

Das nächste Thema ist mein Handy. Es ist inzwischen zwar geladen, aber die Verbindungskosten von einem deutschen Mobilanschluss aus Saudi-Arabien zurück nach Deutschland würden wahrscheinlich ins Unermessliche steigen. Auf dem Weg zum Frühstück frage ich deshalb an der Rezeption, wo ich eine SIM-Karte bekommen kann. Statt einer Antwort sagt der Portier etwas auf Arabisch zu dem Jungen, der vor ein paar Stunden meinen Koffer aufs Zimmer gebracht hat. Der Junge flitzt unverzüglich los, bahnt sich in einem halsbrecherischen Manöver den Weg über die sechs vielbefahrenen Spuren der Straße, verschwindet kurz in einem Geschäft gegenüber und kommt nach wenigen Minuten wieder zurück – mit einer SIM-Karte für mein Handy.

Ich zahle ihm den Preis für die Karte und gebe ihm für seinen lebensgefährlichen Einsatz ein Trinkgeld von zwanzig Riyal, umgerechnet vier Euro, woraufhin der Junge sich unaufhörlich bedankt.

Die Kommunikation ist gesichert, jetzt brauche ich etwas zu essen. Das Frühstück ist qualitativ gut und besteht aus europäischen und arabischen Speisen, wie Fladenbrot, verschiedenen Käsesorten und Oliven. Ich halte mich erst mal an die Sachen, die ich kenne, und nehme Toast mit Rührei und Speck. Letzterer ist allerdings vom Rind und trifft meine Erwartungen nicht ganz. Im Gegensatz zum knusprigen Bacon ist Rinderspeck eine wabbelige Angelegenheit, die eher nach fettigem Rinderbraten schmeckt. Da verzichte ich zukünftig lieber.

Nach dem Frühstück gehe ich vor das Hotel, um eine Zigarette zu rauchen. Es ist bestialisch heiß und staubig, die Luft fühlt sich an, als ob jemand einen zugestaubten Ganzkörperfön auf mich richtet. Solche Temperaturen habe ich noch nie erlebt, und es ist erst neun Uhr morgens.

Um kurz vor zehn sitze ich wieder in der klimatisierten Lobby und warte rauchend auf Klaus. Hier scheint es keine Rauchverbote zu geben, weil so ziemlich jeder, inklusive dem Personal, regelmäßig an einer Zigarette zieht.

Klaus schießt um kurz nach zehn mit seinem schwarzen Monster am Hotel vor, und unsere Sightseeingtour kann beginnen. Der Straßenverkehr ist nur mit einem Wort zu beschreiben: chaotisch. Jeder fährt, wie er will, und niemand hält sich an irgendwelche Regeln. Rote Ampel? Nur zur Dekoration. Rechts vor links? Nie gehört. Hupe? Dauergeräusch, keiner schert sich drum. Ich bin froh, in Klaus’ Automonster zu sitzen, da wird man wenigstens ansatzweise wahrgenommen.

Klaus ist ja schon mehrere Jahre hier und hat seine Fahrweise den örtlichen Gegebenheiten angepasst. Er fährt schnell und aggressiv und missachtet auch gerne mal die eine oder andere bekannte Verkehrsregel. Laut seiner Aussage ist der Verkehr aber harmlos, da wir Freitagvormittag haben. Der Freitag in Saudi-Arabien ist vergleichbar mit dem Sonntag in Deutschland. Fast niemand muss arbeiten, und halb Riad schläft noch.

Wir fahren über die King Fahd Road, vorbei an imposanten Wolkenkratzern, ein Stück nach Süden. Am austernförmigen Gebäude des Innenministeriums halten wir uns Richtung Osten und geraten in einen Kontrollpunkt der Polizei. Klaus zeigt dem schwer bewaffneten Polizisten seine Einsatzweste, erklärt ihm auf Englisch, dass wir Deutsche seien, und wir dürfen passieren.

Danach erreichen wir den Stadtteil Batha. Hier findet man die lokalen Märkte für Gold, Elektronik und Kleidung. In diesen Souks kann man, so erzählt mir Klaus, alles kaufen, was das Herz begehrt. Ich nehme mir fest vor, mir das später irgendwann mal anzuschauen. Im Moment liegt mein Fokus allerdings auf dem Job, ausgiebiges Sightseeing muss warten.

Wir parken neben der Hauptmoschee und dem Dira-Platz. Der Platz mit den Ausmaßen eines Fußballfelds wirkt sauber und ist an sich mit den umstehenden Palmen und der Moschee ganz nett anzusehen – wenn es nicht der Ort wäre, an dem die öffentlichen Hinrichtungen durch Enthauptung mit dem Schwert vollzogen werden. Es gibt ein versenktes Podium, welches für die Hinrichtung hochgefahren wird, und Ablaufrinnen im Boden, damit das viele Blut in geordneten Bahnen abfließt. In westlichen Kreisen wird dieser Platz deswegen auch »Chop-Chop-Square« genannt; laut Klaus gibt es Tage, an denen hier wie am Fließband geköpft wird und der Platz voller Zuschauer ist.

Unser nächster Stopp ist die Rettungswache von Klaus. Das zweistöckige Gebäude wirkt ordentlich wie eine kleine sandfarbene Villa. Die weißen Rettungswagen mit der roten Schrift und dem Logo des Roten Halbmonds stehen unter einem Vordach neben der Wache. Klaus klopft an eine schwere Metalltür, ein junger Araber öffnet, und wir betreten einen großen Vorraum. Klaus erklärt, dass das der Aufenthaltsraum für die Mitarbeiter sei. Es gibt keine Möbel, dafür jede Menge Sitzkissen entlang der Wände.

Nachdem uns ein leckerer, zuckersüßer schwarzer Tee in kleinen Gläschen serviert wurde, weist Klaus mich in die gängigsten Verhaltensregeln des Alltags ein. Alles nur mit der rechten Hand essen, trinken, entgegennehmen oder grüßen, denn die Linke gilt als unrein. Niemals einen angebotenen Tee, Kaffee oder Snack ablehnen, das hieße, die Gastfreundschaft zu verletzen. Nicht mit den Fußsohlen auf andere zeigen, denn das gilt als beleidigend. Nicht mit den Schuhen auf den Teppich gehen, weil Schuhe hier als dreckig gelten.

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