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Der Raritätenladen

Inhaltsübersicht

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2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

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11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

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23. Kapitel

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32. Kapitel

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70. Kapitel

71. Kapitel

72. Kapitel

Letztes Kapitel

|5|1. Kapitel

Meine Zeit zum Spazierengehen ist für gewöhnlich die Nacht, obwohl ich ein alter Mann bin. Im Sommer verlasse ich häufig schon früh am Morgen das Haus und durchstreife den ganzen Tag Felder und Heckenwege oder mache mich sogar für einige Tage oder Wochen davon; doch bin ich nicht auf dem Lande, gehe ich selten vor Anbruch der Dunkelheit aus, wenn ich auch, dem Himmel sei Dank, sein Licht liebe und wie alle anderen Lebewesen die Heiterkeit empfinde, mit der es die Erde überschüttet.

Das ist mir unversehens zur Gewohnheit geworden, weil es mich nicht nur in meiner Gebrechlichkeit schont, sondern mir auch bessere Gelegenheit gibt, meine Betrachtungen über Person und Beschäftigung der Leute auf der Straße anzustellen. Der Glanz und die Hast des hellen Mittags eignen sich nicht für müßige Studien wie die meinen; ein flüchtiger Schimmer vorüberziehender Gesichter, im Schein einer Straßenlaterne oder eines Schaufensters eingefangen, taugen oft besser für meinen Zweck als ihre volle Enthüllung im Tageslicht, und um die Wahrheit zu sagen, die Nacht ist in dieser Hinsicht freundlicher als der Tag, der allzu oft ohne die geringsten Umstände oder Gewissensbisse ein Luftschloss im Augenblick seiner Vollendung zerstört.

Das ständige Hin und Her, die nicht enden wollende Rastlosigkeit, der unablässige Schritt von Füßen, die die holprigen Steine glänzend glattschleifen – ist es nicht ein Wunder, wie die Bewohner enger Gassen diese Geräusche ertragen können? Denkt euch einen Kranken etwa in der Gegend |6|um St. Martin’s Court, der den Fußtritten lauscht und inmitten von Qual und Müdigkeit gegen seinen Willen gezwungen ist (als wäre es eine Aufgabe, die er zu erfüllen habe), des Kindes Schritt von dem des Mannes zu unterscheiden, den schlurfenden Bettler von dem gestiefelten Stutzer, den gemächlich Schlendernden von dem geschäftig Eilenden, den ziellosen Trott eines umherstreifenden Heimatlosen von dem raschen Schritt eines erwartungsvollen Vergnügungssüchtigen – denkt an das seinen Sinnen stets gegenwärtige Summen und Brummen und an den Strom des Lebens, der nie stillsteht, sondern sich fort und fort ergießt durch all seine ruhelosen Träume, als sei er dazu verdammt, tot, aber bei Bewusstsein auf einem lärmvollen Friedhof zu liegen und habe auf Jahrhunderte hinaus keine Hoffnung auf Ruhe!

Dann die ewig hin und her eilende Menschenmenge auf den Brücken (zumindest den zollfreien), wo an schönen Abenden viele stehenbleiben und gleichgültig auf das Wasser hinunterblicken, mit der unklaren Vorstellung, dass es später zwischen grünen Ufern hindurchströmt, die breiter und breiter werden, bis es sich schließlich in das weite, unermessliche Meer ergießt – wo manche haltmachen, um sich von schweren Lasten auszuruhen, über das Geländer schauen und dabei denken: Rauchen und sein Leben vertrödeln und in einem schweren, langsamen, trägen Boot auf einer heißen Persenning in der Sonne liegen und schlafen müsse das ungetrübte Glück sein – und wo manche, ganz anderer Art, mit noch schwererer Bürde beladen, innehalten und sich erinnern, früher einmal gehört oder gelesen zu haben, dass Ertrinken kein so schlimmer Tod sei, sondern von allen Methoden des Selbstmordes die leichteste und beste.

Auch der Covent-Garden-Markt bei Sonnenaufgang, im Frühling oder im Sommer, wenn der Wohlgeruch duftender Blumen in der Luft liegt und sogar über die ungesunden Dünste nächtlicher Ausschweifung siegt und die schwarze Singdrossel, deren Käfig die ganze Nacht außen an einem |7|Mansardenfenster gehangen, rein toll macht vor Wonne! Armer Vogel! Das einzige Ding in der Nachbarschaft, das den anderen kleinen Gefangenen gleicht, von denen manche, die entsetzt vor den heißen Händen betrunkener Käufer geflohen sind, schon matt auf dem Fußsteig liegen, während andere, durch enge Berührung abgestumpft, auf den Zeitpunkt warten, da sie getränkt und erfrischt werden, um nüchternere Gefährten zu erfreuen und alte Schreiber, die auf dem Weg zu ihrer Arbeit an ihnen vorbeikommen, in Erstaunen versetzen, was wohl so plötzlich ihr Herz mit ländlichen Visionen erfüllt habe.

Doch über meine Spaziergänge mich zu verbreiten ist im Augenblick nicht meine Absicht. Mit einem dieser Streifzüge begann die Geschichte, die ich erzählen will, und um eine Einführung zu geben, wurde ich verleitet, sie zu erwähnen.

Eines Nachts war ich in die Innenstadt gewandert und spazierte langsam meinen üblichen Weg, wobei ich mir vieles durch den Kopf gehen ließ, als ich durch eine Frage aufgehalten wurde, deren Sinn ich nicht begriff, die jedoch an mich gerichtet schien und mit einer weichen, süßen, mich sehr angenehm überraschenden Stimme vorgebracht wurde. Ich drehte mich hastig um und erblickte neben mir ein hübsches kleines Mädchen, das um Auskunft bat, wie es in eine bestimmte, ziemlich weit entfernt, tatsächlich in einem ganz anderen Stadtteil liegende Straße gelangen könne.

»Das ist aber ein sehr weiter Weg von hier, mein Kind«, sagte ich.

»Ich weiß, Sir«, antwortete sie zaghaft. »Es ist ein schrecklich weiter Weg, denn ich bin heute Abend von dort gekommen.«

»Allein?«, fragte ich etwas überrascht.

»O ja, das macht mir nichts aus, aber jetzt habe ich ein wenig Angst, weil ich mich verlaufen habe.«

»Und wie bist du darauf verfallen, gerade mich zu fragen? Angenommen, ich sagte dir etwas Falsches.«

»Das werden Sie ganz gewiss nicht«, antwortete das kleine |8|Geschöpf. »Sie sind ein so uralter Herr und gehen selber so langsam.«

Ich kann nicht beschreiben, welch tiefen Eindruck mir diese beschwörenden Worte und die Anstrengung machten, mit der sie vorgebracht wurden, und wie dem Kind eine Träne in die klaren Augen trat und ihre schmächtige Gestalt erbebte, als sie in mein Gesicht aufblickte.

»Komm«, sagte ich, »ich bringe dich hin.«

Sie legte ihre Hand so vertrauensvoll in die meine, als kenne sie mich schon von der Wiege an, und so wanderten wir mitsammen los, wobei das kleine Geschöpf ihren Schritt dem meinen anpasste und eher mich zu führen und auf mich zu achten, als meinen Schutz zu genießen schien. Ich bemerkte, dass sie hin und wieder verstohlen einen neugierigen Blick in mein Gesicht warf, wie um sich völlig zu vergewissern, dass ich sie nicht hinterginge, und dass diese Blicke (noch dazu sehr scharfe und durchdringende) jedes Mal ihr Vertrauen zu stärken schienen.

Was mich betrifft, so kamen meine Neugier und mein Interesse denen des Kindes zumindest gleich, denn ein Kind war sie gewiss, obwohl ich es bei allem, was ich erkennen konnte, für wahrscheinlich hielt, dass ihre sehr kleine und zarte Gestalt ihr Äußeres besonders jugendlich erscheinen ließ. Obschon bescheidener gekleidet, als sie hätte sein können, war sie doch von Kopf bis Fuß blitzsauber und verriet keine Zeichen von Armut oder Vernachlässigung.

»Wer hat dich denn ganz allein so weit geschickt?«, fragte ich.

»Jemand, der sehr gut zu mir ist, Sir.«

»Und was hast du gemacht?«

»Das darf ich nicht erzählen«, antwortete das Kind entschlossen.

In der Art und Weise dieser Antwort lag etwas, das mich trieb, das kleine Wesen mit einem unwillkürlichen Ausdruck des Staunens anzusehen, denn ich fragte mich, was für ein |9|Auftrag das wohl sein mochte, der ihr Veranlassung gab, auf Fragen vorbereitet zu sein. Ihr behender Blick schien meine Gedanken zu lesen, denn als er dem meinen begegnete, fügte sie hinzu, es sei nichts Schlimmes an dem, was sie getan, nur sei es ein großes Geheimnis – ein Geheimnis, das nicht einmal ihr selbst bekannt sei.

Das sagte sie ohne eine Spur von Hinterhältigkeit oder Falschheit, dagegen mit einem arglosen Freimut, der den Stempel der Wahrheit trug. Sie ging weiter wie zuvor, wobei sie von Schritt zu Schritt vertrauter mit mir wurde und gelegentlich munter plauderte; doch über ihr Zuhause sagte sie nichts mehr und bemerkte nur, dass wir einen ganz anderen Weg gingen, und fragte, ob er kurz sei.

Während wir solchermaßen beschäftigt waren, wälzte ich in meinem Kopf an die hundert verschiedener Erklärungen für das Rätsel und verwarf sie samt und sonders. Ich schämte mich in der Tat, die Unbefangenheit oder das dankbare Gefühl des Kindes auszunutzen, um meine Neugier zu befriedigen. Ich liebe das kleine Völkchen; und es ist kein Geringes, wenn sie, die noch so frisch und neu von Gott sind, uns lieben. Da mich anfänglich ihr Vertrauen gefreut hatte, beschloss ich, es auch zu verdienen und dem Gefühl, das sie bewogen hatte, es mir zu schenken, Ehre zu machen.

Dennoch gab es keinen Grund, warum ich mich enthalten sollte, die Person in Augenschein zu nehmen, die sie unüberlegt bei Nacht und allein einen so weiten Weg geschickt hatte, und da es nicht unwahrscheinlich war, dass sie sich von mir verabschieden und mich der Gelegenheit berauben würde, wenn sie sich ihrem Heim nahe sah, mied ich die belebtesten Straßen und benutzte die winkligsten. Auf diese Weise erkannte sie erst, wo wir uns befanden, als wir ihre Straße schon erreicht hatten. Vor Freude in die Hände klatschend und ein Stückchen vorauslaufend, machte meine kleine Bekannte an einer Tür halt, blieb auf der Treppe stehen, bis ich heran war, und klopfte, als ich neben ihr stand.

|10|Ein Teil dieser Tür war aus Glas, das kein Laden schützte, was ich anfangs gar nicht bemerkte, da drinnen alles ganz dunkel und still war, und ich bangte (wie freilich auch das Kind) um eine Antwort auf unser Pochen. Nachdem sie zwei- oder dreimal angeklopft hatte, war ein Geräusch zu vernehmen, als bewege sich drinnen jemand, und schließlich schimmerte ein schwaches Licht durch das Glas, das, da sich der, welcher es trug, durch eine Riesenmenge verstreuter Gegenstände den Weg bahnen musste, sehr langsam näher kam und mich erkennen ließ, welcherart der Herannahende war und welcherart der Raum, den er durchquerte.

Er war ein kleiner alter Mann mit langem grauem Haar, dessen Gesicht und Gestalt ich deutlich sehen konnte, da er, als er sich nahte, das Licht über den Kopf hielt und geradeaus schaute. Obwohl das Alter ihn sehr verändert hatte, glaubte ich in seiner mageren und dürren Figur etwas von dem zarten Körperbau wiederzuerkennen, den ich an dem Kind wahrgenommen hatte. Ihre hellen blauen Augen waren ganz gewiss die gleichen, doch sein Gesicht war so tief gefurcht und so zersorgt, dass hier alle Ähnlichkeit aufhörte.

Der Raum, durch den er sich langsam den Weg bahnte, war eines jener Sammelbecken für alte und merkwürdige Dinge, die sich in abgelegenen Winkeln dieser Stadt zu verkriechen und ihre muffigen Schätze eifersüchtig und misstrauisch vor den Augen der Welt zu verbergen scheinen. Hier und da standen Rüstungen wie Gespenster im Harnisch; es gab wunderliche Schnitzwerke aus Mönchsklöstern, allerlei rostige Waffen, Fratzen aus Porzellan, Holz, Eisen und Elfenbein, Wandbehänge und sonderbare Möbelstücke, die in Traumphantasien entworfen schienen. Die hagere Gestalt des kleinen alten Mannes passte wunderbar zu der Umgebung; man konnte sich vorstellen, dass er in alten Kirchen, Grüften und verlassenen Häusern herumgesucht und die ganze Ausbeute mit eigener Hand zusammengetragen hatte. In dem ganzen Sammelsurium gab es nichts, was nicht mit |11|ihm harmonierte, nichts, was älter und abgenutzter ausgesehen hätte als er.

Während er den Schlüssel im Schloss herumdrehte, musterte er mich mit einiger Verwunderung, die nicht geringer wurde, als er von mir zu meiner Begleiterin blickte. Da nun die Tür geöffnet war, redete ihn das Kind mit Großvater an und erzählte ihm die kleine Geschichte unserer Begegnung.

»Du lieber Himmel, Kind«, sagte der alte Mann und tätschelte ihr den Kopf, »wie konntest du aber auch den Weg verfehlen? Was nun, wenn ich dich verloren hätte, Nell?«

»Keine Angst, Großvater, zu dir hätte ich bestimmt zurückgefunden«, entgegnete das Kind unerschrocken.

Der alte Mann küsste sie, darauf wandte er sich an mich und bat mich einzutreten. Ich folgte ihm. Die Tür wurde zugeschlagen und verschlossen. Er ging mir mit dem Licht voran und führte mich durch den Raum, den ich bereits von draußen gesehen hatte, in eine kleine Wohnstube dahinter, von der sich eine weitere Tür zu einer Art Kammer öffnete, in der ich ein Bettchen erblickte, das einer Elfe zum Schlafen hätte dienen können, so winzig war es und so zierlich geordnet. Das Kind nahm eine Kerze und trippelte, mich mit dem alten Mann allein lassend, in das Zimmerchen.

»Ihr müsst müde sein, Sir«, sagte er und schob einen Stuhl ans Feuer, »wie kann ich Euch danken?«

»Indem Ihr das nächste Mal besser auf Eure Enkelin achtgebt, lieber Freund«, antwortete ich.

»Besser achtgeben?«, wiederholte der Alte mit schriller Stimme. »Besser achtgeben, auf Nelly? Wer hat denn je ein Kind so geliebt, wie ich Nell liebe?«

Das sagte er mit so offensichtlichem Staunen, dass ich um eine Antwort verlegen war, um so mehr, als sich zu einer gewissen Kraftlosigkeit und Zerstreutheit in seinem Benehmen deutliche Zeichen tiefen und angestrengten Nachdenkens gesellten, die sein Gesicht trug und die mich überzeugten, dass |12|er nicht, wie ich anfangs zu vermuten geneigt war, kindisch oder schwach bei Verstand war.

»Ich glaube, Ihr berücksichtigt nicht …«, begann ich.

»Ich nicht berücksichtigen?«, unterbrach mich der alte Mann. »Ich keine Rücksicht auf sie nehmen? Ach, wie wenig kennt Ihr die Wahrheit! Kleine Nelly, kleine Nelly!«

Es wäre gewiss niemandem möglich, einerlei, auf welche Weise er sich ausdrücken mochte, mehr Liebe zu verraten als der Raritätenhändler mit diesen vier Worten. Ich erwartete, dass er weitersprechen würde, doch er stützte nur das Kinn in die Hand und schüttelte, die Augen auf das Feuer gerichtet, ein paarmal den Kopf.

Während wir so in tiefem Schweigen saßen, tat sich die Tür zu der Kammer auf, und das Kind kam zurück, das hellbraune Haar offen über den Nacken hängend und das Gesichtchen von der Eile gerötet, sich wieder zu uns zu gesellen. Unverzüglich machte sie sich daran, das Abendessen zu bereiten, und während sie damit beschäftigt war, bemerkte ich, dass der Alte Gelegenheit nahm, mich genauer zu betrachten, als er es bisher getan hatte. Es überraschte mich, zu sehen, dass in dieser ganzen Zeit alles und jedes von dem Kind verrichtet wurde und dass es außer uns niemand anderen in dem Haus zu geben schien. Ich benutzte einen Augenblick ihrer Abwesenheit, um eine Andeutung in dieser Richtung zu wagen, worauf der alte Mann antwortete, es gäbe wenige Erwachsene, die so vertrauenswürdig und sorgsam seien wie sie.

»Es schmerzt mich immer«, bemerkte ich, aufgebracht über seine anscheinende Selbstsucht, »es schmerzt mich immer, wenn ich sehe, dass Kinder, die noch kaum den Erstlingsschuhen entwachsen sind, den Ernst des Lebens kennenlernen. Das gibt ihrem Zutrauen und ihrer Unbefangenheit – zwei der besten Eigenschaften, die ihnen der Himmel schenkt – einen argen Stoß und verlangt ihnen ab, unsere Sorgen zu teilen, ehe sie in der Lage sind, an unsern Freuden teilzunehmen.«

|13|»Bei ihr werden sie nie einen Stoß bekommen«, sagte der Alte und sah mich fest an, »dafür liegen die Quellen zu tief. Überdies kennen die Kinder der Armen nur wenig Vergnügen. Selbst die wohlfeilen Kinderfreuden müssen erkauft und bezahlt werden.«

»Aber – nehmt mir nicht übel, wenn ich das sage – Ihr seid doch bestimmt nicht so schrecklich arm«, sagte ich.

»Sie ist nicht mein Kind, Sir«, entgegnete der alte Mann. »Ihre Mutter war es, und die war arm. Ich kann nichts – keinen Penny – zurücklegen, obwohl ich so lebe, wie Ihr seht, aber sie«, er legte die Hand auf meinen Arm und beugte sich vor, um zu flüstern, »sie wird eines Tages reich und eine feine Dame sein. Denkt nicht schlecht von mir, weil ich ihre Hilfe in Anspruch nehme. Sie gibt sie, wie Ihr seht, von Herzen gern, und es würde ihr das Herz brechen, wenn sie erfahren müsste, dass ich mir von jemand anderem besorgen ließe, was ihre kleinen Hände tun können. – Ich keine Rücksicht nehmen!«, rief er plötzlich jammernd aus. »Gott weiß, dass dies Kind all mein Denken und mein Lebensinhalt ist, und doch schickt er mir kein Glück – nein, niemals!«

In diesem kritischen Augenblick kam der Gegenstand unseres Gesprächs zurück, und indem mir der alte Mann mit einer Handbewegung bedeutete, zu Tisch zu gehen, brach er ab und sagte kein Wort mehr.

Kaum hatten wir unser Mahl begonnen, als es an die Tür klopfte, durch die ich hereingekommen war, worauf Nell mit einem herzlichen Lachen, das ich mit Freuden vernahm, weil es so kindlich und fröhlich war, erklärte, da sei gewiss der liebe gute Kit endlich zurückgekommen.

»Närrische Nell!«, sagte der alte Mann und strich ihr über das Haar. »Immer lacht sie über den armen Kit.«

Wieder lachte das Kind, noch herzlicher als zuvor, und ich konnte mich nicht enthalten, aus reinem Mitgefühl zu lächeln. Der kleine alte Mann nahm eine Kerze und ging die Tür öffnen. Als er zurückkam, folgte ihm Kit auf den Fersen.

|14|Kit war ein struwwelköpfiger, schlaksiger und linkischer Bursche mit einem ungewöhnlich breiten Mund, hochroten Backen, einer Stupsnase und gewiss dem drolligsten Gesichtsausdruck, den ich je gesehen habe. Er blieb mit einem Ruck an der Tür stehen, als er einen Fremden erblickte, drehte einen kugelrunden alten Hut ohne eine Spur von Krempe in den Händen und stützte sich in ständigem Wechsel bald auf das eine, bald auf das andere Bein, während er im Türrahmen stand und mit dem sonderbarsten Ausdruck, der mir je vorgekommen, in die Wohnstube blickte. Von der ersten Minute an empfand ich so etwas wie Dankbarkeit gegen den Jungen, da ich fühlte, dass er das Lustspiel im Leben des Kindes war.

»Ein langer Weg war’s, stimmt’s, Kit?«, fragte der alte Mann.

»Na, also er zog sich ja ziemlich hin, Meister«, gab Kit zurück.

»War das Haus leicht zu finden?«

»Na, also nicht so übermäßig leicht, Meister«, sagte Kit.

»Natürlich hast du Hunger mitgebracht?«

»Na, also ich denk schon, Meister«, war die Antwort.

Der Junge hatte eine merkwürdige Art, beim Sprechen seitlich abgewandt zu stehen und mit dem Kopf über die Schulter nach vorn zu stoßen, als könne er ohne diese Begleitbewegung nicht zu seiner Stimme gelangen. Ich glaube, er hätte überall Ergötzen hervorgerufen, doch das helle Vergnügen des Kindes über seine Schnurrigkeit und die Erleichterung darüber, dass sie in einer Umgebung, die so wenig zu ihr passte, an etwas Spaß haben konnte, waren geradezu unwiderstehlich. Als bedeutender Punkt kam noch hinzu, dass sich Kit geschmeichelt fühlte, ein solches Aufsehen zu erregen, und nach einigen Anstrengungen, den Ernst zu wahren, in ein lautes Brüllen ausbrach und nun mit weit geöffnetem Mund und fast geschlossenen Augen stand und dröhnend lachte.

Der alte Mann war wieder in seine Geistesabwesenheit zurückgefallen und schenkte dem, was vorging, keine Aufmerksamkeit; |15|ich dagegen beobachtete, dass die Augen des Kindes, als das Gelächter vorüber war, von Tränen getrübt wurden, die der Überschwang des Herzens hervorrief, mit dem sie ihren wunderlichen Freund nach der kleinen Besorgnis an diesem Abend begrüßte. Was Kit betraf (dessen Lachen die ganze Zeit solcherart gewesen war, dass es sich kaum in Weinen verwandeln konnte), so trug er ein umfangreiches Stück Brot, Fleisch und einen Krug Bier in eine Ecke und widmete sich mit großer Gefräßigkeit deren Beseitigung.

»Ach«, sagte der alte Mann mit einem Seufzer zu mir, als hätte ich just diesen Augenblick zu ihm gesprochen, »Ihr wisst nicht, was Ihr redet, wenn Ihr behaupten wollt, ich nähme keine Rücksicht auf sie.«

»Ihr dürft einer auf den ersten Augenschein gegründeten Bemerkung nicht allzu viel Gewicht beimessen, mein Freund«, sagte ich.

»Nein«, entgegnete der alte Mann gedankenvoll, »nein! Komm her, Nell.«

Das kleine Mädchen verließ eilends ihren Stuhl und legte ihm die Arme um den Hals.

»Habe ich dich lieb, Nell?«, fragte er. »Sag – habe ich dich lieb, Nell, oder nicht?«

Das Kind antwortete nur mit Liebkosungen und legte den Kopf an seine Brust.

»Warum weinst du?«, fragte der Großvater und drückte sie fester an sich, wobei er mich ansah. »Weil du weißt, dass ich dich liebhabe, und weil es dir nicht gefällt, dass ich es durch meine Frage anzuzweifeln scheine? Schon gut, schon gut – dann wollen wir also sagen, ich habe dich von Herzen lieb.«

»Und das ist wirklich, ganz wirklich so«, entgegnete das Kind mit tiefem Ernst, »Kit weiß es.«

Kit, der bei der Verfrachtung von Brot und Fleisch mit der Kaltblütigkeit eines Gauklers zu jedem Mundvoll zwei Drittel seines Messers verschlungen hatte, hielt, als er auf diese Weise angesprochen wurde, in seiner Tätigkeit inne und schrie |16|heraus: »Niemand kann so dumm nich sein und behaupten, dass er das nich tut!«, worauf er sich für eine weitere Unterhaltung untauglich machte, indem er sich eine überdimensionale Brotscheibe mit einem Happ in den Mund schob.

»Jetzt ist sie arm«, sagte der alte Mann und tätschelte dem Kind die Wange, »aber ich sage noch einmal, es kommt die Zeit, da sie reich sein wird. Sie soll schon seit langem kommen, aber schließlich muss sie kommen, seit sehr langem, aber kommen muss sie bestimmt. Sie ist zu andern gekommen, die nur vergeuden und schwelgen. Wann nur kommt sie endlich zu mir?«

»Ich bin sehr glücklich so, wie ich bin, Großvater«, sagte das Kind.

»Still, still!«, gab der alte Mann zurück. »Du weißt nicht … wie solltest du auch!« Dann murmelte er wieder zwischen den Zähnen: »Die Zeit muss kommen, ich bin ganz sicher, dass sie kommen muss. Um so besser, wenn sie spät kommt«, und darauf seufzte er und versank aufs Neue in Grübelei und schien, das Kind immer noch zwischen den Knien, unempfindlich gegen alles ringsum. Indessen fehlten nur noch wenige Minuten an Mitternacht, und ich erhob mich zum Gehen, was ihn wieder zu sich brachte.

»Einen Augenblick, Sir«, sagte er. »Nanu, Kit – fast Mitternacht, Junge, und du noch hier! Geh nach Hause, geh nach Hause, und sei morgen früh pünktlich, es gibt Arbeit. Gute Nacht! So, sag ihm gute Nacht, Nell, und lass ihn gehen!«

»Gute Nacht, Kit«, sagte das Kind, und ihre Augen strahlten auf vor Vergnügen und Freundlichkeit.

»Gute Nacht, Miss Nell«, gab der Junge zurück.

»Und bedanke dich bei dem Herrn«, unterbrach der alte Mann, »wenn er nicht gewesen wäre, hätte ich heute Abend vielleicht mein kleines Mädchen verloren.«

»Nein, nein, Meister«, sagte Kit, »das bestimmt nich, das bestimmt nich.«

»Was meinst du?«, rief der alte Mann.

|17|»Ich hätt sie gefunden, Meister«, antwortete Kit, »ich hätt sie gefunden. Möcht wetten, ich würd sie finden, solange sie noch auf der Erde rumläuft, Meister, und so schnell wie nur einer. Hahaha!«

Noch einmal den Mund öffnend, die Augen schließend und wie Stentor lachend, bewegte sich Kit allmählich rückwärts zur Tür und unter brüllendem Gelächter hinaus.

Nun er aus der Stube war, beeilte sich der Junge, fortzukommen. Als er verschwunden und das Kind mit dem Abräumen des Tisches beschäftigt war, sagte der alte Mann: »Es möchte scheinen, als hätte ich Euch nicht genug gedankt für das, was Ihr heute Abend getan, Sir, aber ich danke Euch wirklich ergebenst und von Herzen, und sie auch, und ihr Dank ist mehr wert als der meine. Es täte mir leid, wenn Ihr ginget und vielleicht glaubtet, ich hätte Eure Güte vergessen oder sorgte mich nicht um das Mädchen – so ist es ganz gewiss nicht.«

Dessen sei ich nach allem, was ich gesehen, versichert, meinte ich. »Aber«, fügte ich hinzu, »darf ich eine Frage an Euch richten?«

»Gewiss, Sir«, erwiderte der alte Mann, »wie lautet sie?«

»Dies zarte Kind«, sagte ich, »so schön und so klug – hat sie niemanden als Euch, der sich um sie kümmert? Hat sie keinen anderen Gefährten oder Ratgeber?«

»Nein«, entgegnete er mit einem ängstlichen Blick in mein Gesicht, »nein, und sie braucht auch keinen anderen.«

»Aber fürchtet Ihr nicht«, sagte ich, »eine so zarte Pflegebefohlene vielleicht nicht recht zu verstehen? Ich bin überzeugt, dass Ihr es gut meint, aber seid Ihr ganz sicher, dass Ihr imstande seid, eine Pflicht wie diese zu erfüllen? Ich bin ein alter Mann wie Ihr und werde geleitet von der Anteilnahme eines alten Mannes an allem, was jung und vielversprechend ist. Meint Ihr nicht, was ich heute Abend von Euch und diesem kleinen Geschöpf gesehen habe, müsse eine Teilnahme erwecken, die nicht ganz frei von Sorge ist?«

|18|»Sir«, entgegnete der alte Mann nach einem Augenblick des Schweigens, »ich habe kein Recht, mich durch Eure Worte verletzt zu fühlen. Es ist wahr, dass in mancher Hinsicht ich das Kind bin und sie der erwachsene Mensch – das habt Ihr schon gemerkt. Doch im Wachen und Schlafen, bei Tag und bei Nacht, in kranken und gesunden Zeiten ist sie der einzige Gegenstand meiner Sorge, und wenn Ihr wüsstet, welch großer Sorge, so würdet Ihr mich mit anderen Augen ansehen, wahrhaftig. Ach, es ist ein leidiges Leben für einen alten Mann – ein leidiges, leidiges Leben –, aber ein großes Ziel ist zu erreichen, und das halte ich mir vor Augen.«

Da ich ihn in diesem Zustand der Erregung und fiebrigen Unruhe sah, wandte ich mich ab, meinen Überrock anzuziehen, den ich beim Betreten der Stube abgelegt hatte, und nahm mir vor, nichts mehr zu sagen. Überrascht sah ich das Kind mit einem Mantel über dem Arm, einem Hut und einem Stock in der Hand stehen.

»Das sind nicht meine Sachen, Liebes«, sagte ich.

»Nein«, antwortete das Kind ruhig, »es sind Großvaters.«

»Aber er geht doch heute Nacht nicht aus.«

»O doch«, gab das Kind lächelnd zurück.

»Und was wird mit dir, meine Kleine?«

»Ich? Ich bleibe natürlich hier. Das ist immer so.«

Ich blickte verwundert auf den alten Mann, aber der war, oder tat so, damit beschäftigt, sich anzuziehen. Von ihm sah ich auf die kleine, zarte Gestalt des Kindes. Allein! Die ganze lange, trostlose Nacht an einem so düsteren Ort.

Sie verriet durch nichts, dass sie sich meiner Überraschung bewusst war, sondern half dem alten Mann freundlich in den Mantel und nahm, als er fertig war, eine Kerze, um uns hinauszuleuchten. Als sie merkte, dass wir ihr entgegen ihrer Annahme nicht folgten, blickte sie mit einem Lächeln zurück und wartete auf uns. Dem alten Mann konnte man am Gesicht ablesen, dass er die Ursache meines Zögerns durchaus begriff, dennoch bedeutete er mir nur durch ein Neigen des |19|Kopfes, vor ihm die Stube zu verlassen, und schwieg. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm zu willfahren.

Als wir an der Tür waren, setzte das Kind die Kerze nieder, wandte sich uns zu, um gute Nacht zu sagen, und hob das Gesicht, um mich zu küssen. Dann lief sie zu dem alten Mann, der sie in die Arme schloss und Gottes Segen auf ihr Haupt wünschte.

»Schlaf gut, Nell«, sagte er mit leiser Stimme, »die Engel mögen dein Bett behüten! Vergiss nicht deine Gebete, mein Liebling.«

»Bestimmt nicht«, antwortete das Kind inbrünstig, »sie machen mich so glücklich!«

»Das ist schön, ich weiß, dass sie es tun, und das sollen sie auch«, sagte der alte Mann. »Sei hundertmal gesegnet! Am frühen Morgen werde ich zurück sein.«

»Du wirst nicht zweimal läuten müssen«, entgegnete das Kind. »Die Glocke weckt mich auch mitten im Traum.«

Mit diesen Worten trennten sie sich. Das Kind öffnete die Tür (nun durch einen Laden geschützt, welchen ich den Jungen hatte vorstellen hören, ehe er das Haus verließ) und hielt sie, bis wir hinaus waren, mit einem weiteren Abschiedsgruß, dessen hellen und zärtlichen Ton ich mir tausendmal ins Gedächtnis zurückgerufen habe. Der alte Mann blieb einen Augenblick stehen, während die Tür sacht geschlossen und von innen verriegelt wurde, und ging dann, befriedigt von diesem Tun, mit langsamen Schritten davon. An der Straßenecke machte er halt und sagte mit einem unruhigen Blick auf mich, dass unsere Wege weit auseinander lägen und dass er sich nun verabschieden müsse. Ich wollte etwas sagen, doch er raffte sich zu größerer Behendigkeit auf, als man bei einem Menschen seines Äußeren hätte vermuten können, und eilte fort. Ich konnte erkennen, dass er sich zwei-, dreimal umschaute, wie um zu sehen, ob ich ihn immer noch beobachtete, oder vielleicht, um sicherzugehen, dass ich ihm nicht in einiger Entfernung folgte. Die Dunkelheit der Nacht begünstigte |20|sein Entschwinden, und bald hatte ich seine Gestalt aus den Augen verloren.

Ich blieb auf dem Fleck stehen, wo er mich verlassen hatte, unwillig, zu gehen, und doch ohne sagen zu können, warum ich hier noch verweilen sollte. Sinnend blickte ich in die Straße, die wir vor kurzem verlassen hatten, und lenkte meine Schritte nach einer Weile in diese Richtung. Ich ging an dem Haus vorbei, ging wieder zurück, blieb stehen und lauschte an der Tür; alles war dunkel und still wie das Grab.

Dennoch trödelte ich umher und konnte mich nicht losreißen bei dem Gedanken an alle nur möglichen Übel, die dem Kind widerfahren mochten – an Feuer, Raub oder gar Mord und in dem Gefühl, es werde gewiss etwas Schlimmes eintreten, wenn ich dem Haus den Rücken kehrte. Das Zuklappen einer Tür oder eines Fensters in der Straße brachte mich aufs Neue vor das Haus des Raritätenhändlers; ich überquerte den Fahrdamm und blickte daran hoch, um mich zu vergewissern, dass das Geräusch nicht von dort gekommen sei. Nein, es lag finster, kalt und leblos da wie zuvor.

Nur wenige Menschen waren auf den Beinen; die Straße war düster und trübselig, und mein Inneres nicht viel weniger. Ein paar Nachzügler aus den Theatern eilten vorüber, und hin und wieder trat ich beiseite, um einem lärmenden Trunkenbold auszuweichen, der heimwärts schwankte; aber diese Unterbrechungen waren nicht häufig und hörten bald ganz auf. Die Uhren schlugen eins. Immer noch ging ich auf und ab, wobei ich mir stets gelobte, dies solle das letzte Mal sein, und jedes Mal mit einer neuen Ausrede mein Wort brach.

Je mehr ich an die Worte des alten Mannes und an sein Aussehen und Gebaren dachte, desto weniger konnte ich mir das Gesehene und Gehörte erklären. Ich hegte die heftige Besorgnis, seine nächtliche Abwesenheit habe nichts Gutes zu bedeuten. Nur durch die Arglosigkeit des Kindes war mir die Tatsache bekannt geworden, und obwohl der alte Mann in jenem Augenblick zugegen gewesen war und meine unverhohlene |21|Überraschung sah, hatte er den Gegenstand auf befremdliche Weise geheim gehalten und kein Wort der Erklärung laut werden lassen. Diese Überlegungen riefen mir von selbst deutlicher als zuvor sein hageres Gesicht in die Erinnerung zurück, seine Zerstreutheit, seine rastlos unruhigen Blicke. Seine Liebe zu dem Kind mochte nicht unvereinbar sein mit einer Niedertracht schlimmster Art; ja, diese Liebe war in sich selbst ein ungewöhnlicher Widerspruch, denn wie konnte er sie auf diese Weise allein lassen? Obwohl ich geneigt war, schlecht von ihm zu denken, zweifelte ich doch nicht, dass seine Zuneigung zu ihr aufrichtig sei. Einen anderen Gedanken konnte ich nicht zulassen, wenn ich mich daran erinnerte, was zwischen uns vorgefallen war, und an den Ton seiner Stimme, mit dem er ihren Namen genannt hatte.

»Natürlich bleibe ich hier«, hatte das Kind als Antwort auf meine Frage gesagt, »das ist immer so!« Was konnte ihn Nacht für Nacht aus dem Hause führen? Ich rief mir alle sonderbaren, jemals vernommenen Geschichten von finsteren und geheimnisvollen Taten, die in großen Städten begangen wurden und jahrelang der Entdeckung entgingen, ins Gedächtnis zurück; so abenteuerlich viele dieser Geschichten auch waren, ich konnte keine finden, die sich auf dieses Rätsel anwenden ließ, das nur noch undurchdringlicher wurde, je länger ich es zu lösen suchte.

Von solchen Gedanken und einer Menge anderer in Anspruch genommen, die alle auf den nämlichen Punkt gerichtet waren, fuhr ich fort, die Straße auf und ab zu wandern, zwei Stunden lang; schließlich begann es in Strömen zu regnen, und von Müdigkeit überwältigt, obwohl in meiner anfänglichen Teilnahme nicht erlahmt, mietete ich die nächste Kutsche und fuhr heim. Ein munteres Feuer flackerte im Kamin, hell brannte die Lampe, und meine Uhr empfing mich mit ihrem alten, vertrauten Willkommen; alles war warm und freundlich und stand in einem glücklichen Gegensatz zu der Trübseligkeit und Finsternis, die ich verlassen hatte.

|22|Ich setzte mich in meinen Lehnstuhl, und als ich mich in seine schwellenden Polster zurücksinken ließ, malte ich mir die Kleine in ihrem Bettchen aus: allein, unbewacht und vernachlässigt (außer von den Engeln) und doch friedlich schlummernd. Ein so blutjunges, ätherisches, schmächtiges und elfengleiches Geschöpf, das die langen, dunklen Nächte an einem so wenig zu ihm passenden Ort zubrachte! Immer wieder musste ich daran denken.

Es ist uns so sehr zur Gewohnheit geworden, durch äußere Erscheinungen Eindrücke zu empfangen, die wir allein durch die Überzeugung erhalten sollten, die aber ohne Unterstützung durch etwas Gesehenes oft entschlüpfen, dass ich nicht sicher bin, ob diese Gedanken eine solche Macht über mich erlangt hätten, wenn ich nicht gleichzeitig den Wirrwarr phantastischer Dinge in dem Laden des Raritätenhändlers vor Augen gehabt hätte. Diese drängten sich mir in Verbindung mit der Kleinen auf, umgaben sie gleichsam und brachten mir ihre Lage fühlbar nahe. Ohne meine Phantasie zu bemühen, hatte ich ihr Bild vor mir, umringt, ja geradezu belagert von allem Möglichen, was ihrem Wesen fremd war und so wenig mit den Neigungen ihres Geschlechts und ihres Alters zu schaffen hatte. Wenn meine Vorstellung all solchen Beistandes entraten hätte und ich genötigt gewesen wäre, das Mädchen in einer ganz gewöhnlichen Kammer zu sehen, die nichts Ungewöhnliches oder Wunderliches an sich hatte, so wäre ich wahrscheinlich weniger beeindruckt gewesen durch das Befremdliche ihrer Einsamkeit.

So aber schien sie mir in einer Art Gleichnis zu leben und erregte mit all diesen Gestalten und Bildern, die sie umgaben, eine so heftige Teilnahme in mir, dass ich (wie ich bereits sagte) meine Gedanken beim besten Willen nicht von ihr abzuwenden vermochte.

Ein sonderbares und gewagtes Unternehmen wäre es, sagte ich mir, nachdem ich eine Weile rastlos im Zimmer auf und ab gewandert war, sich auszudenken, wie es ihr künftig ergehen |23|würde auf ihrem einsamen Weg inmitten einer Menge abenteuerlicher, wunderlicher Gefährten als das einzige reine, frische und junge Geschöpf in der Schar. Es wäre sonderbar, zu entdecken …

Ich hielt inne, denn das Thema führte mich mit Riesenschritten fort, und schon sah ich ein Gebiet vor mir, das zu betreten ich wenig geneigt war. Ich kam mit mir überein, dies für nichtiges Grübeln zu halten, und beschloss, zu Bett zu gehen und Vergessen zu suchen.

Doch die ganze Nacht, im Wachen oder im Schlaf, gingen mir immer wieder die nämlichen Gedanken durch den Kopf und drängten sich meinem Sinn die nämlichen Bilder auf. Stets hatte ich die alten, dunklen und trübseligen Räume vor mir – die klapprigen Rüstungen in ihrem gespenstischen Schweigen, die schielenden, grinsenden Gesichter aus Holz und Stein – den Staub, den Rost und den Wurm, der im Holz lebt – und allein inmitten dieses Trödels, Verfalls und hässlichen Alters das schöne Kind in sanftem Schlummer, lächelnd durch seine lichten, sonnigen Träume.

2. Kapitel

Nachdem ich nahezu eine Woche lang gegen das Gefühl angekämpft hatte, das mich zu einem neuerlichen Besuch jenes Ortes trieb, welchen ich unter den bereits mitgeteilten Umständen verlassen hatte, gab ich am Ende nach und lenkte, da ich beschlossen hatte, mich diesmal im Licht des Tages zu präsentieren, am frühen Nachmittag meine Schritte dorthin.

Ich ging an dem Haus vorbei und machte verschiedene Umwege in der Straße mit jener Unschlüssigkeit, die nur natürlich ist bei einem Mann, dem sein Gefühl sagt, dass er einen unerwarteten und möglicherweise nicht sehr willkommenen Besuch abstatten will. Da jedoch die Tür verschlossen |24|war und es nicht wahrscheinlich schien, dass ich von den Bewohnern des Hauses erkannt werden würde, wenn ich weiterhin nur davor auf und ab wanderte, besiegte ich bald diese Unentschlossenheit und betrat das Magazin des Raritätenhändlers.

Der alte Mann befand sich mit noch einer Person in dem rückwärtigen Teil, und beide schienen in einem heftigen Wortwechsel begriffen, denn ihre Stimmen, die sich zu einer ungewöhnlichen Lautstärke erhoben hatten, verstummten plötzlich bei meinem Eintritt, und der alte Mann, der mir eilends entgegenkam, erklärte mit bebender Stimme, wie sehr er sich über mein Kommen freue.

»Ihr habt uns in einem kritischen Augenblick unterbrochen«, sagte er, auf den Mann deutend, den ich in seiner Gesellschaft angetroffen hatte, »dieser Bursche wird mich noch eines Tages umbringen. Er hätte es schon längst getan, wenn er sich getraut hätte.«

»Pah! Du würdest mir das Leben aus dem Leibe fluchen, wenn du könntest«, gab der andere zurück, nachdem er mich mit einem starren Blick und einem Stirnrunzeln bedacht hatte, »das wissen wir alle!«

»Ich glaube fast, ich könnte es«, rief der alte Mann, sich matt nach ihm umdrehend. »Wenn mich Flüche oder Gebete oder Worte von dir befreien könnten, so sollten sie es. Ich wäre dich los und erleichtert, wenn ich dich nicht mehr am Leben wüsste.«

»Das weiß ich«, entgegnete der andere. »Hab ich das nicht gesagt? Aber mich werden eben weder Flüche noch Gebete oder Worte umbringen, und deshalb lebe ich und gedenke weiterzuleben.«

»Und seine Mutter starb!«, rief der alte Mann, in tiefem Schmerz die Hände zusammenschlagend, mit emporgerichtetem Blick. »Das nennt sich des Himmels Gerechtigkeit!«

Der andere hatte den Fuß auf einen Stuhl gestützt und betrachtete ihn mit verächtlichem Grinsen. Er war ein junger |25|Mann von etwa einundzwanzig Jahren, wohlgestalt und zweifellos hübsch, obwohl der Ausdruck seines Gesichts weit davon entfernt war, einnehmend zu wirken, da er im Verein mit seinem Betragen und sogar seiner Kleidung etwas Liederliches und Ungebührliches an sich hatte, das einen abstieß.

»Gerechtigkeit oder nicht«, sagte der junge Bursche, »hier bin ich, und hier bleibe ich so lange, bis es mir zu gehen passt, außer du schickst um Hilfe, mich rauszuwerfen – was du nicht tun wirst, das weiß ich. Ich sage dir noch einmal, dass ich meine Schwester sehen will.«

»Deine Schwester!«, entgegnete der alte Mann erbittert.

»Ach was, an der Verwandtschaft kannst du nichts ändern«, gab der andere zurück. »Wenn du’s könntest, hättest du es längst getan. Ich will meine Schwester sehen, die du hier eingesperrt hältst, wobei du ihr Gemüt mit deinen hinterhältigen Geheimnissen vergiftest und Liebe zu ihr heuchelst, damit du sie zu Tode rackern und jede Woche ein paar zusammengekratzte Schillinge zu dem Geld tun kannst, das du kaum noch zu zählen vermagst. Ich will sie sehen und werde sie sehen.«

»Das ist mir der rechte Tugendrichter, von vergiftetem Gemüt zu reden! Der großzügige Geist, zusammengekratzte Schillinge zu verachten!«, rief der alte Mann, indem er sich von ihm zu mir wandte. »Ein Liederjan, Sir, der jeden Anspruch verwirkt hat, nicht allein auf jene, die so unglücklich sind, mit ihm verwandt zu sein, sondern auch auf die Gesellschaft, die nichts als seine Untaten von ihm kennt. Und ein Lügenbold, Sir«, fügte er mit leiserer Stimme hinzu, während er näher herankam, »der weiß, wie teuer sie mir ist, und mich ganz bewusst damit zu verwunden sucht, weil ein Fremder zugegen ist.«

»Fremde sind mir einerlei, Großvater«, sagte der junge Bursche, das Wort aufgreifend, »ich ihnen hoffentlich auch. Am besten kümmern sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten und lassen mich mit meinen in Frieden. Draußen steht ein |26|Freund von mir, den ich mitgebracht habe, und da es scheint, als müsste ich hier noch eine ganze Weile warten, werde ich ihn mit deiner Erlaubnis hereinrufen.«

Mit diesen Worten ging er zur Tür, blickte die Straße hinunter und winkte mehrmals einem Unsichtbaren, der, nach der Ungeduld zu urteilen, von der diese Zeichen begleitet waren, großer Überredung bedurfte, ihn zum Kommen zu veranlassen. Schließlich schlenderte auf der gegenüberliegenden Straßenseite – unter dem schlecht gespielten Vorwand, zufällig vorbeizugehen – eine Gestalt heran, die sich durch eine gewisse, nicht ganz reinliche Eleganz auszeichnete und die nach häufigem Stirnrunzeln und Kopfrucken als Ausdruck des Widerstrebens gegen die Einladung endlich über die Straße kam und in den Laden geführt wurde.

»So. Das ist Dick Swiveller«, sagte der junge Bursche, als er ihn hineinstieß. »Setz dich, Swiveller.«

»Ist der Alte auch einverstanden?«, fragte Mr. Swiveller mit gedämpfter Stimme.

»Setz dich«, wiederholte sein Freund.

Mr. Swiveller fügte sich und bemerkte, während er mit versöhnlichem Lächeln um sich blickte, letzte Woche sei eine schöne Woche für die Enten gewesen und diese Woche sei eine schöne Woche für den Staub, worauf er weiter bemerkte, als er am Laternenpfahl an der Ecke gestanden, habe er aus einem Tabakladen ein Schwein mit einem Strohhalm in der Schnauze herauskommen sehen, und aus dieser Erscheinung schließe er, dass es eine weitere schöne Woche für die Enten geben und der Regen gewiss andauern werde. Überdies nahm er Gelegenheit, sich für möglicherweise an seiner Kleidung wahrnehmbare Nachlässigkeiten zu entschuldigen, weil er sich nämlich vergangene Nacht »gewaltig einen auf die Lampe gegossen« habe, womit er wohl seinen Zuhörern auf möglichst delikate Weise zu verstehen geben wollte, dass er sternhagelvoll gewesen sei.

»Aber was macht das schon«, meinte Mr. Swiveller mit |27|einem Seufzer, »solange sich das Feuer der Seele an der Fackel der Geselligkeit entzündet und der Fittich der Freundschaft keine Feder verliert! Was macht das schon, solange sich der Geist weitet durch rosichten Wein und der gegenwärtige Augenblick der am wenigsten glückliche unseres Daseins ist.«

»Du brauchst hier nicht den Vorsitzenden zu mimen«, sagte sein Freund halb beiseite.

»Fred!«, rief Mr. Swiveller aus und tippte sich an die Nase. »Gelehrten ist gut predigen – wir können ohne Reichtümer gut und glücklich sein, Fred. Keine Silbe mehr. Ich kenne mein Stichwort. Es heißt, auf dem Kien sein. Nur mal ganz leise, Fred – ist der Alte auch wirklich wohlwollend?«

»Das kann dir egal sein«, erwiderte sein Freund.

»Wieder richtig, ganz richtig«, sagte Mr. Swiveller, »Vorsicht heißt die Mutter der Porzellankiste.« Dabei blinzelte er, als gälte es, ein tiefes Geheimnis zu wahren, und blickte, während er die Arme verschränkte und sich in seinem Stuhl zurücklehnte, mit tiefem Ernst zur Stubendecke empor.

Es war vielleicht nicht ganz unbillig, nach dem bereits Vorgefallenen zu vermuten, dass sich Mr. Swiveller noch nicht völlig von den Folgen der erwähnten gewaltigen »Lampe« erholt habe; doch wenn auch seine Rede keinen solchen Verdacht hätte aufkommen lassen, das borstige Haar, die trüben Augen und das gelblich-bleiche Gesicht wären immer noch gewichtige Zeugen gegen ihn gewesen. Sein Anzug fiel, wie er selbst schon angedeutet hatte, nicht eben durch peinliche Akkuratesse auf, sondern befand sich in einem Zustand der Unordnung, die einem den Gedanken aufdrängte, er sei darin zu Bett gegangen. Er bestand aus einem taillierten braunen Rock mit vielen Messingknöpfen an der Vorderseite und nur einem einzigen auf der Rückfront, einer leuchtend karierten Halsbinde, einer buntgestreiften Weste, schmutzigweißen Beinkleidern und einem sehr schlappen Hut, den er verkehrt herum aufhatte, um ein Loch in der Krempe zu verbergen. Sein Rock war mit einer Brusttasche geschmückt, aus der |28|die sauberste Ecke eines sehr großen und sehr hässlichen Schnupftuchs lugte; seine schmuddligen Manschetten waren so weit wie möglich heruntergezogen und protzig über die Ärmel geschlagen; Handschuhe ließ er nicht sehen, dafür einen gelben Spazierstock mit einer elfenbeinernen Hand als Griff, die am kleinen Finger die Nachbildung eines Ringes trug und eine schwarze Kugel umklammert hielt. Mit all diesen persönlichen Vorzügen (denen noch ein aufdringlicher Tabakgeruch und eine allgemeine Schmierigkeit im Äußeren hinzugefügt werden dürfen) lehnte sich Mr. Swiveller, die Augen zur Decke gerichtet, in seinem Stuhl zurück und stimmte eine geeignete Tonart an, um die Anwesenden ganz nebenbei mit ein paar Takten eines todtraurigen Liedes zu erfreuen, worauf er, mittendrin abbrechend, wieder in sein Schweigen verfiel.

Der alte Mann setzte sich in einen Sessel und blickte mit gefalteten Händen bald auf seinen Enkel, bald auf dessen sonderbaren Gefährten, als sei er völlig machtlos und sähe keine andere Möglichkeit, als sie tun zu lassen, was ihnen beliebte. Der junge Mann lehnte mit offensichtlicher Gleichgültigkeit gegen alles, was sich begeben hatte, nicht weit von seinem Freund an einem Tisch, und ich – der ich ungeachtet aller Worte und Blicke, mit denen der alte Mann meine Hilfe angerufen hatte, eine Einmischung für bedenklich hielt – gab mir, so gut ich konnte, den Anschein, als sei ich damit beschäftigt, ein paar der zum Verkauf ausgestellten Gegenstände zu prüfen und den Anwesenden nur wenig Aufmerksamkeit zu schenken.

Das Schweigen hielt nicht lange an, denn nachdem uns Mr. Swiveller mit ein paar melodischen Versicherungen beglückt hatte, dass sein »Herz im Hochland« sei und dass man ihm »nur sein Schlachtross leih’n« möge, damit er große Taten der Tapferkeit und Treue vollbringen könne, löste er seine Augen von der Decke und verfiel wieder in Prosa.

»Fred«, unterbrach sich Mr. Swiveller mit einem Ruck, als |29|sei ihm der Gedanke urplötzlich in den Sinn gekommen, und fragte in dem gleichen vernehmlichen Gewisper wie vorhin, »ist der Alte wirklich wohlwollend?«

»Was macht das schon aus?«, gab sein Freund mürrisch zurück.

»Nichts, aber ist er es wirklich?«, fragte Dick.

»Ja, natürlich. Was kümmert’s mich, ob er es ist oder nicht.«

Durch diese Antwort offenbar ermutigt, eine allgemeine Unterhaltung zu beginnen, schickte sich Mr. Swiveller treuherzig an, unsere Aufmerksamkeit zu fesseln.

Er begann mit der Bemerkung, dass Sodawasser, obwohl an sich eine gute Sache, den Magen verkühlen könne, wenn es nicht mit Ingwer oder ein wenig Branntwein versetzt werde, welch letztgenanntem er in jedem Fall den Vorzug geben müsse. Da niemand diese Behauptung zu bestreiten wagte, fuhr er fort mit der Bemerkung, das menschliche Haar bewahre den Tabakrauch prächtig auf, und die jungen Herren in Westminster und Eton seien, nachdem sie Riesenmengen Äpfel gegessen hätten, um den Zigarrengeruch vor ihren besorgten Angehörigen zu verbergen, gewöhnlich infolge dieser sonderbaren Eigenschaft ihrer Köpfe ertappt worden, woraus er den Schluss zog, wenn die Akademie der Wissenschaften diesem Punkt ihre Aufmerksamkeit widmen und sich bemühen würde, in den Quellen der Wissenschaft ein Mittel zu finden, solche verdrießlichen Enthüllungen zu vermeiden, so könnte man sie in der Tat als Wohltäter der Menschheit ansehen. Da diese Ansichten genauso unbestreitbar waren wie seine bereits geäußerten, teilte er uns weiterhin mit, dass Jamaika-Rum, wenngleich fraglos ein angenehmes geistiges Getränk von nicht geringem Feuer und bemerkenswerter Blume, den Nachteil habe, dass man ihn den nächsten Tag immer noch ständig auf der Zunge schmecke, und da niemand kühn genug war, diesen Punkt anzufechten, stieg sein Selbstvertrauen, und er wurde noch umgänglicher und mitteilsamer.

|30|»Es ist eine vertrackte Kiste, meine Herren«, sagte Mr. Swiveller, »wenn sich Verwandte überwerfen und uneins werden. Wie der Fittich der Freundschaft nie eine Feder verlieren sollte, so sollte der Fittich der Verwandtschaft nie gestutzt werden, sondern entfaltet und ungetrübt bleiben. Warum sollten ein Enkel und ein Großvater mit beiderseitiger Heftigkeit aufeinander losfahren, wenn lauter Wonne und Eintracht herrschen könnte? Warum nicht einander die Hände reichen und alles vergessen?«

»Halt den Mund«, sagte sein Freund.

»Keine Unterbrechung des Vorsitzenden, Sir!«, entgegnete Mr. Swiveller. »Meine Herren, wie liegt der Fall im Augenblick? Hier haben wir einen famosen alten Großvater – mit dem größten Respekt gesagt – und hier einen ungebärdigen jungen Enkel. Der famose alte Großvater sagt zu dem ungebärdigen jungen Enkel: ›Ich habe dich aufgezogen und erzogen, Fred, ich habe dich auf die Lebensbahn gewiesen, du bist ein wenig vom Kurs abgegangen, wie es bei jungen Burschen häufig vorkommt, und nun sollst du nie wieder eine Möglichkeit erhalten, nicht mal den Schatten auch nur einer halben!‹ Der ungebärdige junge Enkel gibt ihm darauf Bescheid und sagt: ›Du bist so reich, wie man sein kann, du hast meinetwegen keine übermäßigen Ausgaben gehabt, du legst haufenweise Geld für meine kleine Schwester zurück, die auf eine heimliche, verstohlene und versteckte Weise und ohne alle Freuden bei dir lebt – warum kannst du nicht deinem erwachsenen Enkel mit einer Kleinigkeit unter die Arme greifen?‹ Der famose alte Großvater entgegnet ihm jedoch bisher, dass er nicht allein ablehnt, mit jener fröhlichen Bereitwilligkeit, die bei einem Herrn seiner Generation stets so angenehm und erfreulich ist, etwas lockerzumachen, sondern dass er in die Luft gehen, ihn beschimpfen und tadeln wird, wann immer sie sich begegnen. Da liegt die Frage auf der Hand: Wäre es nicht ein Jammer, wenn dieser Zustand fortdauern sollte, und wäre es nicht viel besser für den alten |31|Herrn, eine angemessene Summe Pinkepinke rauszurücken und alles schön und gemütlich zu machen?«

Nachdem er diese Ansprache mit vielen weit ausholenden und unterstreichenden Handbewegungen von sich gegeben hatte, stieß sich Mr. Swiveller plötzlich den Knauf seines Spazierstocks in den Mund, als wolle er sich auf diese Weise davor bewahren, die Wirkung seiner Rede zu schmälern, indem er noch ein einziges Wort hinzufügte.

»Gott steh mir bei! Warum jagst und verfolgst du mich?«, fragte der alte Mann seinen Enkel. »Warum bringst du deine liederlichen Kumpane hierher? Wie oft muss ich dir sagen, dass mein Leben ein Leben der Sorge und Selbstverleugnung ist und dass ich arm bin?«

»Und wie oft muss ich dir sagen«, entgegnete der andere und sah ihn unfreundlich an, »dass ich es besser weiß?«

»Du hast deinen Weg gewählt«, sagte der alte Mann. »Geh ihn. Und überlass Nell und mich der Mühe und Arbeit.«

»Nell wird bald eine erwachsene Frau sein«, gab der andere zurück, »und in deinem Glauben erzogen, wird sie ihren Bruder vergessen, wenn er sich nicht hin und wieder zeigt.«

»Gib nur acht«, sagte der alte Mann mit funkelnden Augen, »dass sie dich nicht vergisst, wenn du am meisten darauf erpicht bist, dass sie sich deiner erinnert. Gib nur acht, dass nicht der Tag kommt, wo du barfuß durch die Straßen läufst und sie in einem prächtigen Wagen fährt, der ihr gehört.«

»Du meinst, wenn sie dein Geld hat?«, versetzte der andere. »Das ist so recht die Sprache eines Armen!«

»Und doch«, sagte der alte Mann, indem er die Stimme senkte und sprach, als denke er nur laut, »wie arm sind wir und welch ein Leben führen wir! Es geht um ein Kind, das an allem Schlimmen und allem Unrecht keine Schuld hat, aber nichts will gelingen! Hoffnung und Geduld! Hoffnung und Geduld!«

Diese Worte kamen zu leise heraus, um das Ohr der jungen |32|Leute zu erreichen. Mr. Swiveller schien zu glauben, dass sie auf einen geistigen Konflikt infolge der mächtigen Wirkung seiner Ansprache deuteten, denn er puffte seinen Freund mit dem Spazierstock und flüsterte ihm zu, er sei überzeugt, »den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben«, und erwarte eine Provision für das, was dabei herausspringen würde. Als er eine Weile später seinen Irrtum einsehen musste, schien er etwas schläfrig und missmutig zu werden, und er hatte bereits mehr als einmal vorgeschlagen, dass es doch nun wohl angebracht sei, augenblicklich zu verschwinden, als sich die Tür auftat und das Kind selbst erschien.

3. Kapitel

Dicht auf den Fersen folgte dem Kind ein älterer Mann mit auffallend harten Zügen und abstoßendem Äußeren und so klein von Gestalt, dass er geradezu wie ein Gnom wirkte, obwohl Kopf und Gesicht groß genug waren für den Körper eines Riesen. Seine schwarzen Augen waren unstet, schlau und verschlagen, Mund und Kinn borstig von den Stoppeln eines ungepflegten, harten Bartes, und seine Haut war von der Art, die niemals sauber oder gesund aussieht. Doch was am meisten zu dem grotesken Ausdruck des Gesichts beitrug, war ein gespenstisches Lächeln, das aus einer bloßen Angewohnheit herzurühren und keinerlei Beziehung zu einem freudigen oder behaglichen Gefühl zu haben schien und fortwährend die wenigen verfärbten Hauer entblößte, die noch hier und da in seinem Mund standen, wodurch er an einen jachernden Hund erinnerte. Seine Kleidung bestand aus einem großen Hut mit übermäßig hohem Kopfteil, einem abgetragenen dunklen Anzug, einem Paar unförmiger Schuhe und einer schmutzigweißen Halsbinde, die hinreichend schlapp und zerknüllt war, den größeren Teil seines sehnigen Halses |33|zu zeigen. Was er noch an Haar besaß, war von griesem Schwarz; an den Schläfen kurz und wie mit dem Lineal geschnitten, hing es in unordentlichen Strähnen über die Ohren. Seine rauen, grobporigen Hände waren sehr schmuddlig, seine langen Fingernägel gekrümmt und gelb.

Es war reichlich Zeit, diese Einzelheiten zu vermerken, denn abgesehen davon, dass sie auch ohne sehr eingehende Betrachtung unverkennbar genug waren, verging eine geraume Weile, ehe jemand das Schweigen brach. Das Kind näherte sich scheu dem Bruder und legte die Hand in seine, der Gnom (wenn wir ihn so nennen dürfen) musterte die Anwesenden mit durchdringendem Blick, und der Raritätenhändler, der diesen wunderlichen Besucher offensichtlich nicht erwartet hatte, schien verwirrt und verlegen.

»Aha!«, sagte der Gnom, der die Hand über die Augen gelegt und den jungen Mann aufmerksam betrachtet hatte. »Das sollte ja nun wohl Euer Enkel sein, Nachbar!«

»Sagt lieber, er sollte es nicht sein«, erwiderte der alte Mann. »Aber er ist es.«

»Und der da?«, fragte der Gnom, auf Dick Swiveller deutend.

»Ein Freund von ihm, ebenso willkommen wie er«, sagte der alte Mann.

»Und der da?«, forschte der Gnom, wobei er herumwirbelte und genau auf mich zeigte.

»Ein Herr, der so gütig war, Nell nach Hause zu bringen, als sie sich neulich auf dem Heimweg von Euch verlaufen hatte.«

Der kleine Mann wandte sich zu dem Kind, als wollte er sie schelten oder seine Verwunderung ausdrücken; doch da sie mit dem jungen Mann sprach, hielt er den Mund und beugte den Kopf, um zu lauschen.

»Also, Nelly«, sagte der junge Mann laut. »Wird dir nicht beigebracht, mich zu hassen? Na?«

»Nein, nein. Pfui, schäm dich! O nein!«, rief das Kind.

|34|»Vielleicht, mich zu lieben?«, fuhr der Bruder höhnisch grinsend fort.

»Weder das eine noch das andere«, gab sie zurück. »Zu mir wird nie über dich gesprochen. Bestimmt nicht.«

»Das möcht ich wetten«, sagte er mit einem erbitterten Blick auf den Großvater. »Das möcht ich wetten, Nell! Oh! Davon bin ich überzeugt!«

»Aber ich hab dich von ganzem Herzen lieb, Fred«, sagte das Kind.

»Sicher!«

»Wirklich, und werde dich immer liebhaben«, wiederholte das Kind mit tiefer Bewegung, »aber wenn du aufhörtest, ihn zu quälen und unglücklich zu machen, ach, dann könnte ich dich noch viel lieber haben.«

»Ich verstehe!«, sagte der junge Mann, während er sich gleichgültig über das Kind beugte und es von sich schob, nachdem er es geküsst hatte: »Na – jetzt troll dich, nachdem du deine Lektion aufgesagt hast. Du brauchst nicht zu heulen. Wir trennen uns als ganz gute Freunde, wenn das der Grund sein sollte.«

Er schwieg und folgte ihr mit den Augen, bis sie ihre kleine Kammer erreicht und die Tür geschlossen hatte, dann wandte er sich an den Gnom und sagte schroff: »Hören Sie, Mr. …«

»Meinen Sie mich?«, gab der Gnom zurück. »Mein Name ist Quilp. Sie können ihn leicht behalten. Er ist nicht lang – Daniel Quilp.«

»Hören Sie also, Mr. Quilp«, fuhr der andere fort. »Sie haben auf meinen Großvater hier einigen Einfluss.«

»Einigen«, sagte Mr. Quilp nachdrücklich.

»Und sind in ein paar seiner Geheimnisse eingeweiht.«

»In ein paar«, erwiderte Mr. Quilp ebenso kurz angebunden.

»Dann will ich ihm durch Sie ein für alle Mal sagen, dass ich hier, solange er Nell bei sich behält, so oft aus und ein gehen werde, wie es mir beliebt; und wenn er mich loswerden will, muss er zuerst sie loslassen. Was hab ich getan, dass ich zum |35|schwarzen Mann gemacht werde und dass man mich meidet und fürchtet, als schleppte ich die Pest ein? Er wird Ihnen erzählen, dass ich keine liebevolle Natur bin und dass mir an Nell, um ihrer selbst willen, nicht mehr liegt als an ihm. Meinetwegen. Dann liegt mir eben was an dem verrückten Einfall, hin und wieder zu kommen und sie an meine Existenz zu erinnern. Ich werde sie sehen, wenn es mir passt. Das ist meine Absicht. Ich bin heute hergekommen, um sie zu verfechten, und werde noch fünfzigmal in derselben Sache kommen, und immer mit demselben Erfolg. Ich habe gesagt, ich würde bleiben, bis ich ihn erlangt hätte. Das habe ich, und damit ist mein Besuch zu Ende. Komm Dick.«

»Halt!«, rief Mr. Swiveller, als sich sein Freund zur Tür wandte. »Sir!«

»Ihr ergebener Diener, Sir«, sagte Mr. Quilp, an den dies einsilbige Wort gerichtet war.

»Ehe ich ›lass den frohen, heitern Ort, die Hallen voller strahlend Licht‹, Sir«, sagte Mr. Swiveller, »möchte ich mit Ihrer Erlaubnis eine kleine Bemerkung machen. Ich bin heute hergekommen, Sir, weil ich den Eindruck hatte, der alte Mann sei wohlwollend.«

»Weiter, Sir«, sagte Daniel Quilp, denn der Redner hatte unerwartet einen Punkt gemacht.

»Von diesem Gedanken und den Empfindungen beseelt, die er erweckte, Sir, und da ich als gemeinsamer Freund fühlte, dass Platzen, Plagen und Piesacken nicht gerade geeignet sind, die Seelen zu weiten und einen harmonischen Verkehr der streitenden Parteien zu fördern, unternahm ich es, eine Verhaltensweise vorzuschlagen, welche unter den augenblicklichen Umständen unbedingt eingehalten werden sollte. Wollen Sie mir gestatten, Sir, Ihnen nur ganz leise eine halbe Silbe zu sagen, Sir?«

Ohne die Erlaubnis abzuwarten, um die er ersucht hatte, trat Mr. Swiveller zu dem Gnom, lehnte sich auf seine Schulter, beugte sich zu seinem Ohr hinab und sagte mit einer |36|Stimme, die für alle Anwesenden deutlich hörbar war: »Die Parole für den alten Mann ist – blechen.«

»Ist was?«, fragte Quilp.

»Blechen, Sir, blechen«, antwortete Mr. Swiveller und klopfte auf seine Tasche. »Verstehen Sie jetzt, Sir?«

Der Gnom nickte. Mr. Swiveller trat zurück und nickte ebenfalls, dann ging er noch ein Stückchen zurück und nickte abermals und so weiter. Auf diese Weise erreichte er mit der Zeit die Tür, wo er mächtig hustete, um die Aufmerksamkeit des Gnomen auf sich zu lenken und Gelegenheit zu haben, durch eine Pantomime das tiefste Vertrauen und die unverbrüchlichste Verschwiegenheit auszudrücken. Nachdem er das tiefernste Gebärdenspiel vollführt hatte, das für die richtige Übermittlung seiner Gedanken nötig war, nahm er die Spur seines Freundes auf und verschwand.

»Hm«, meinte der Gnom achselzuckend mit einem mürrischen Blick, »so viel über liebe Verwandte. Gott sei Dank, ich erkenne keine an! Ihr brauchtet das auch nicht«, fügte er, zu dem alten Mann gewandt, hinzu, »wenn Ihr nicht so schwach wie ein Rohr wäret und fast ebenso stumpfsinnig.«

»Was soll ich denn Eurer Meinung nach tun?«, gab der Alte in gleichsam ratloser Verzweiflung zurück. »Reden und spötteln ist leicht. Was soll ich denn tun?«

»Was täte ich, wenn ich an Eurer Stelle wäre?«, sagte der Gnom.

»Bestimmt etwas Gewaltsames.«

»Da habt Ihr recht«, gab der kleine Mann hocherfreut über das Kompliment zurück, denn dafür hielt er es augenscheinlich, und grinste teuflisch, während er sich die schmutzigen Hände rieb. »Fragt Mrs. Quilp, die hübsche Mrs. Quilp, die gehorsame, schüchterne, liebreiche Mrs. Quilp. Doch dabei fällt mir ein – ich habe sie lange allein gelassen, und sie wird sich ängstigen und keinen Augenblick Ruhe finden, bis ich zurück bin. Ich weiß, dass sie immer in der Verfassung ist, wenn ich fort bin, obwohl sie es nicht zu sagen wagt, außer |37|ich ermutige sie und sage ihr, sie könne ganz offen sprechen, ich würde ihr auch nicht böse sein. Oh, meine wohlerzogene Mrs. Quilp!«

Das Geschöpf mit dem Riesenkopf und dem kleinen Körper mutete einfach grässlich an, wie es sich so langsam die Hände rieb und rieb und rieb – wobei sogar die Art und Weise, wie es diese kleine Bewegung ausführte, etwas Wunderliches hatte – wie es die buschigen Brauen runzelte, das Kinn in die Luft stieß und mit einem heimlichen Blick des Triumphes emporblickte, den ein Kobold hätte nachahmen und sich aneignen können

»Hier«, sagte Quilp, wobei er die Hand in den Rockausschnitt steckte und sich seitwärts an den alten Mann heranschob, »ich habe es aus Furcht vor unglücklichen Zwischenfällen selbst mitgebracht, da es in Gold ist und für Nells Tasche etwas zu groß und schwer war. Sie muss beizeiten an solche Bürden gewöhnt werden, Nachbar, denn wenn Ihr tot seid, wird sie eine gewichtige Person sein.«

»Das gebe der Himmel! Ich hoffe es«, sagte der alte Mann mit einem tiefen Seufzer.

»Hoffe es?«, wiederholte der Gnom und rückte ihm dicht ans Ohr. »Ich wollte, ich wüsste, in welcher guten Kapitalanlage all diese Mittel verschwunden sind, Nachbar. Aber Ihr seid schlau und wahrt streng Euer Geheimnis.«

»Mein Geheimnis!«, sagte der andere mit verstörtem Blick. »Ja, Ihr habt recht – ich – ich wahre es streng – sehr streng.«

Weiter sagte er nichts, sondern nahm das Geld und entfernte sich mit langsamen, unsicheren Schritten, die Hand an den Kopf gepresst, wie ein müder, mutloser Mann. Der Gnom ließ ihn nicht aus den Augen, als er in die kleine Wohnstube ging und das Geld in einer Eisenkassette auf dem Kaminsims verschloss, und nachdem er ein Weilchen nachgedacht hatte, wandte er sich zum Gehen, wobei er bemerkte, wenn er sich jetzt nicht tüchtig beeile, werde Mrs. Quilp bei seiner Rückkehr gewiss schon in Anfällen liegen.

|38|»Und deshalb werde ich jetzt heimwärts ziehen, Nachbar«, fügte er hinzu, »herzlichen Gruß an Nelly, und ich hoffe, sie verläuft sich nicht wieder, obwohl mir dadurch eine unerwartete Ehre zuteilwurde.« Damit verbeugte er sich, blinzelte mir zu und machte sich nach einem scharfen Blick in die Runde, der jeden Gegenstand in seiner Sichtweite, wie klein und belanglos er auch sein mochte, zu erfassen schien, auf den Heimweg.

Ich hatte selbst mehrmals versucht, aufzubrechen, doch jedes Mal hatte der alte Mann Einspruch erhoben und mich gebeten zu bleiben. Da er diese Bitte wiederholte, als wir nun allein waren, und mit vielen Dankesworten auf die vorige Gelegenheit unseres Beisammenseins anspielte, ließ ich mich gern überreden und setzte mich, wobei ich so tat, als prüfe ich ein paar sorgfältig gearbeitete Miniaturen und ein paar alte Schaumünzen, die er vor mich hingelegt hatte. Es bedurfte keines großen Drängens, um mich zum Bleiben zu bewegen, denn wenn schon bei meinem ersten Besuch meine Neugier erregt wurde, so war sie jetzt bestimmt nicht geringer geworden.

Bald gesellte sich Nell mit einer Handarbeit zu uns und setzte sich zur Seite des alten Mannes an den Tisch. Die frischen Blumen in der Stube, der zahme Vogel in seinem kleinen Käfig, den ein grüner Zweig beschattete, der Atem von Frische und Jugend, der durch das düstere alte Haus zu wehen und um das Kind zu schweben schien, waren angenehm zu sehen und zu spüren. Sonderbar, wenn auch nicht so erfreulich, war es, sich von der Schönheit und Anmut des Mädchens der gebeugten Gestalt, dem zersorgten Gesicht des alten Mannes und seinem abgehetzten Ausdruck zuzuwenden. Was würde aus diesem verlassenen kleinen Geschöpf werden, wenn er, ein so unzulänglicher Beschützer, noch schwächer und hinfälliger wurde, wenn er, sagen wir einmal, starb – welches Los würde sie dann erwarten?

Der alte Mann gab fast eine Antwort auf meine Gedanken, |39|als er seine Hand auf die des Mädchens legte und laut zu sprechen begann: »Ich werde guten Mutes sein, Nell, mehr als bislang«, sagte er, »auf dich wartet bestimmt das Glück – für mich verlange ich es nicht, aber für dich. So viel Elend muss auf dein unschuldiges Haupt herabkommen, dass ich nicht anders kann als glauben, es werde, solchermaßen herausgefordert, am Ende kommen!«

Sie blickte ihm fröhlich ins Gesicht, antwortete jedoch nicht.

»Wenn ich an die vielen Jahre denke«, sagte er, »so viele in deinem kurzen Leben, die du allein mit mir verbracht hast; an dein eintöniges Dasein ohne Gefährten deines Alters oder kindliche Freuden; an die Einsamkeit, in der du zu dem heranwuchsest, was du bist, und in der du fern von nahezu allen deinen Verwandten, abgesehen von einem alten Mann, gelebt hast, so fürchte ich mitunter, ich habe dir übel mitgespielt, Nell.«

»Großvater!«, rief das Kind in ungeheuchelter Bestürzung.

»Nicht absichtlich – nein, nein«, sagte er. »Ich habe stets der Zeit entgegengesehen, die es dir ermöglichen sollte, dich unter die Fröhlichsten und Hübschesten zu mengen und deinen Platz bei den Besten einzunehmen. Aber ich warte immer noch, Nell, ich warte immer noch. Und wenn ich unterdessen gezwungen wäre, dich zu verlassen, wie habe ich dich für den Lebenskampf gerüstet? Der arme Vogel dort ist ebenso tauglich, ihm zu begegnen, und seiner Willkür preisgegeben – horch! Ich höre Kit draußen. Geh zu ihm hinaus, Nell, geh zu ihm!«

Sie stand auf und eilte fort, blieb stehen, kehrte zurück und umarmte den alten Mann, dann ließ sie ihn los und lief abermals davon – diesmal schneller, um die stürzenden Tränen zu verbergen.

»Ein Wort im Vertrauen, Sir«, flüsterte der alte Mann hastig. »Was Ihr neulich Nacht gesagt habt, hat mich bedrückt, und ich kann bloß dagegenhalten, dass ich nur das Beste |40|gewollt habe – dass es zu spät ist umzukehren, selbst wenn ich es könnte (aber ich kann nicht) – und dass ich trotzdem zu triumphieren hoffe. Alles geschieht um ihretwillen. Ich habe selber große Armut gelitten und wollte ihr die Leiden ersparen, welche die Armut mit sich bringt. Ich wollte ihr das Elend ersparen, das ihre Mutter, mein einziges geliebtes Kind, so früh ins Grab brachte. Hinterlassen wollte ich ihr – nicht Mittel, die leicht ausgegeben oder verschleudert werden können, sondern solche, die sie für alle Zeit jeden Mangels entheben würden. Begreift Ihr, Sir? Keine Brosamen, sondern ein Vermögen soll sie haben – still! Mehr kann ich nicht sagen, weder jetzt noch ein andermal, und da ist sie wieder!«

Sein begieriger Eifer, mit dem er all das in mein Gehör ergoss, das Zittern der Hand, mit der er meinen Arm gepackt hielt, die gespannten, unruhigen Augen, die er auf mich richtete, die ungestüme Leidenschaft und Erregung seines ganzen Gebarens erfüllten mich mit Verwunderung. Alles, was ich gehört und gesehen, und ein Großteil von dem, was er selbst gesagt hatte, legten mir die Vermutung nahe, er müsse ein wohlhabender Mann sein. Ich konnte mir keine andere Vorstellung von seinem Charakter machen, als dass er einer dieser elenden Wichte sei, die, nachdem sie ihr einziges Lebensziel und ihren einzigen Lebenszweck erreicht und große Reichtümer aufgehäuft haben, nun ständig von der Furcht vor Armut gequält und von der Angst vor Verlust und Ruin bedrängt werden. Vieles, was er gesagt hatte und wofür mir das Verständnis abging, war durchaus vereinbar mit diesem soeben aufgetauchten Gedanken, und so kam ich am Ende zu dem Schluss, dass er zweifellos zu diesem unseligen Schlag gehören müsse.

Diese Ansicht war nicht das Ergebnis übereiliger Erwägung, für die im Augenblick tatsächlich keine Gelegenheit war, weil das Kind unmittelbar darauf zurückkam und sich mit den Vorbereitungen für den Schreibunterricht beschäftigte, den sie Kit zweimal in der Woche zu geben schien, auch |41|pünktlich an diesem Abend, zu seiner und seiner Lehrmeisterin großen Lust und Freude. Zu erzählen, wie lange es dauerte, bis seine Bescheidenheit so weit überwunden werden konnte, dass er einwilligte, in Gegenwart eines unbekannten Herrn in der Wohnstube Platz zu nehmen – wie er, nachdem er sich gesetzt hatte, die Ärmel aufkrempelte, die Ellbogen breit machte, die Nase in das Schönschreibheft steckte und fürchterlich auf die Linien schielte – wie er vom ersten Augenblick an, da er die Feder in der Hand hielt, in Tintenklecksen zu schwelgen begann und sich bis zu den Haarwurzeln mit Tinte beschmierte – wie er, wenn er durch Zufall einen Buchstaben sauber hingemalt hatte, ihn bei der Vorbereitung, den nächsten zu malen, sofort wieder mit dem Ärmel verwischte – wie jeder neue Fehler einen neuen Ausbruch von Fröhlichkeit bei dem Kind und ein lauteres, aber nicht weniger herzliches Gelächter bei dem armen Kit selbst hervorrief – und wie dessen ungeachtet die ganze Zeit bei ihr der freundliche Wunsch zu spüren war, ihn zu lehren, und bei ihm das heiße Verlangen, zu lernen – all diese Einzelheiten zu erzählen würde gewiss mehr Raum und Zeit beanspruchen, als sie verdienen. Es wird genügen, wenn ich sage, dass dieser Unterricht erteilt wurde, dass der Abend verging und die Nacht herbeikam, dass der alte Mann aufs Neue unruhig und aufgeregt wurde, dass er zur selben Stunde wie vordem heimlich das Haus verließ und dass das Kind wieder einmal in dessen düsteren Mauern allein gelassen wurde.

Und nun, nachdem ich diese Geschichte in eigener Person so weit geführt und den Leser mit den Personen bekannt gemacht habe, werde ich mich, um die Erzählung nicht zu beschweren, ihrem weiteren Verlauf entziehen und die, welche darin eine hervorragende oder unvermeidliche Rolle spielen, selbst für sich sprechen und handeln lassen.

|42|4. Kapitel

Mr. und Mrs. Quilp wohnten auf der Tower Hill, und in ihrer Behausung auf der Tower Hill war Mrs. Quilp dem Gram über die Abwesenheit ihres Herrn und Gebieters überlassen, als er sich zu jenem Geschäft hinwegbegab, bei dem wir ihn bereits beobachtet haben. Man konnte von Mr. Quilp schwerlich sagen, dass er ein besonderes Gewerbe treibe oder einen Beruf ausübe, obwohl er vielerlei Geschäftchen und zahlreichen Beschäftigungen nachging. Er kassierte die Mieten ganzer Kolonien schmutziger Straßen und Gässchen an der Wasserseite, streckte den Matrosen und Unteroffizieren von Kauffahrteischiffen Geld vor, war an den mitgeführten Waren einiger Maate auf Ostindienfahrern beteiligt, rauchte seine geschmuggelten Zigarren direkt unter der Nase des Zollamtes und hatte fast jeden Tag an der Börse Verabredungen mit Männern in Lackhüten und schoßlosen Röcken. Am Surreyer Ufer der Themse lag ein trostloser, von Ratten heimgesuchter kleiner Platz, mit Namen »Quilps Werft«, auf dem sich ein kleines hölzernes Kontor windschief in den Staub bohrte, als wäre es aus den Wolken gefallen und in die Erde eingepflügt; außerdem lagen da ein paar Bruchstücke von verrosteten Ankern, mehrere große Eisenringe, Stapel von verrottetem Holz und ein paar Haufen alten Kupferblechs, verbogen, rissig und verbeult. Auf Quilps Werft war Daniel Quilp Schiffausschlachter, doch nach diesen äußeren Anzeichen zu urteilen, musste er entweder ein Schiffausschlachter in sehr kleinem Maßstab sein oder seine Schiffe tatsächlich kurz und klein geschlachtet haben. Der Platz bot auch keinen auffallenden Anblick von Leben oder Tätigkeit, da er nur durch ein Menschengeschöpf, einen amphibienartigen Jungen in einem Anzug aus Segeltuch, bevölkert wurde, dessen einziger Tätigkeitswechsel darin bestand, seinen Sitzplatz auf einem Stapel, von wo er Steine in den Schlamm warf, wenn das Wasser zurückgeebbt war, gegen die aufrechte Stellung |43|mit den Händen in den Hosentaschen zu vertauschen, indes er gleichgültig auf die Bewegung und Rührigkeit des Flusses bei Flut starrte.

Zu des Gnomen Wohnung auf der Tower Hill gehörte außer den nötigen Räumlichkeiten für ihn und Mrs. Quilp eine kleine Schlafkammer für die Mutter der Dame, die bei dem Paar hauste und einen unaufhörlichen Krieg gegen Daniel führte, vor dem sie dessen ungeachtet in nicht geringer Furcht lebte. In der Tat verstand es das missgestalte Geschöpf auf die eine oder andere Weise – ob durch seine Hässlichkeit, seine Grausamkeit oder seine angeborene Verschlagenheit, tut nicht viel zur Sache –, den meisten, mit denen er täglich zusammen war und umging, eine heilsame Furcht vor seinem Zorn einzuflößen. Und über niemand hatte er so vollständig Gewalt wie über Mrs. Quilp selbst – eine hübsche, freundliche kleine Frau mit blauen Augen, die sich in einem Anfall dieser sonderbaren Verblendung, für die es nicht wenige Beispiele gibt, mit dem Gnom ehelich verbunden hatte und nun jeden Tag ihres Lebens am eigenen Leibe gründlich dafür büßte.

Es wurde gesagt, dass sich Mrs. Quilp in ihrer Wohnung grämte. In ihrer Wohnung befand sie sich, doch nicht allein, denn außer der soeben erwähnten alten Dame, ihrer Mutter, waren noch ein halbes Dutzend Damen aus der Nachbarschaft anwesend, die just zur Teestunde durch einen merkwürdigen Zufall (und auch eine kleine Verständigung untereinander) wie von ungefähr eine nach der anderen gekommen waren. Da die Jahreszeit für geselligen Verkehr günstig und das Zimmer ein kühler, schattiger Mußeaufenthalt war, mit ein paar Pflanzen am offenen Fenster, die den Staub abhielten und recht angenehm zwischen dem Teetisch drinnen und dem alten Tower draußen vermittelten, ist es nicht zu verwundern, dass sich die Damen zum Schwatzen und Verweilen aufgelegt fühlten, besonders wenn man den zusätzlichen Anreiz frischer Butter, knusprigen Brotes, sowie von Garnelen und Brunnenkresse in Betracht zieht.

|44|Da nun die Damen unter solchen Gegebenheiten beisammen saßen, war es nur allzu natürlich, dass sich das Gespräch dem Hang der Männer zuwandte, das schwächere Geschlecht zu tyrannisieren, und der dem schwächeren Geschlecht obliegenden Pflicht, dieser Tyrannei Widerstand entgegenzusetzen und seine Rechte und seine Würde zu verteidigen. Das war aus vier Gründen natürlich: erstens, weil Mrs. Quilp, eine junge und, wie allgemein bekannt, unter der Gewalt ihres Mannes lebende Frau, zur Rebellion angestachelt werden musste; zweitens, weil Mrs. Quilps Mutter bekannt war für ihr lobenswert zänkisches Wesen und ihre Widersetzlichkeit gegen männliche Autorität; drittens, weil jede Besucherin zu beweisen wünschte, wie überlegen sie in dieser Hinsicht der Mehrzahl ihres Geschlechts sei; und viertens, weil die Damen, die sonst gewohnt waren, paarweise über jede andere herzuziehen, nun, da sie sich in freundschaftlichem Beisammensein des üblichen Themas ihrer Gespräche beraubt sahen, keine bessere Beschäftigung fanden, als den gemeinsamen Feind anzugreifen.

Von diesen Erwägungen geleitet, eröffnete eine stämmige Dame die Verhandlung, indem sie mit einer Miene inniger Anteilnahme und tiefen Mitgefühls fragte, wie es Mr. Quilp gehe, worauf die Mutter von Mr. Quilps Gattin in scharfem Ton erwiderte: »Oh! Dem geht es gut genug – dem hat selten was gefehlt – Unkraut vergeht nicht!« Worauf alle Damen übereinstimmend seufzten, ernst den Kopf schüttelten und auf Mrs. Quilp wie auf eine Märtyrerin blickten.

»Ach«, sagte die Wortführerin, »ich wünschte, Sie stünden ihr ein wenig mit Ihrem Rat zur Seite, Mrs. Jiniwin« – hier sollte erwähnt werden, dass Mrs. Quilp eine geborene Miss Jiniwin war –, »niemand weiß besser als Sie, Madam, was wir Frauen uns schuldig sind.«

»Schuldig sind, in der Tat, Madam!«, erwiderte Mrs. Jiniwin. »Hätte sich mein armer Gatte, ihr teurer Vater, zu seinen Lebzeiten gegen mich beleidigende Worte herausgenommen, |45|dann hätte ich …«, die gute alte Dame vollendete den Satz nicht, drehte jedoch einer Garnele mit einer Rachgier den Kopf ab, die darauf hinzudeuten schien, dass diese Handlung in gewissem Grade das Wort ersetzte. In diesem Sinne wurde sie von der anderen deutlich verstanden, die sofort mit lebhafter Zustimmung antwortete: »Sie teilen durchaus meine Gefühle, Madam, und es ist genau das, was ich selber tun würde.«

»Aber Sie haben keine Veranlassung, es zu tun«, sagte Mrs. Jiniwin. »Zu Ihrem Glück haben Sie nicht mehr Ursache dazu, als ich hatte.«

»Keine Frau brauchte sie zu haben, wenn sie sich selber treu wäre«, versetzte die stämmige Dame.

»Hörst du das, Betsy?«, fragte Mrs. Jiniwin in mahnendem Ton. »Wie oft habe ich dir haargenau dasselbe gesagt und bin bei diesen Worten fast auf die Knie gesunken.«

Die arme Mrs. Quilp, die in einem Zustand der Hilflosigkeit von einem Beileidsgesicht zum andern geblickt hatte, errötete, lächelte und schüttelte zweifelnd den Kopf. Das war das Signal für einen allgemeinen Tumult, der mit leisem Gemurmel begann und allmählich zu einem Riesenlärm anschwoll, wobei alle gleichzeitig redeten und alle erklärten, sie als junge Frau habe kein Recht, ihre Ansichten gegen die Erfahrungen jener zu behaupten, die es besser wüssten; es sei sehr unrecht von ihr, sich nicht von Leuten raten zu lassen, denen nur ihr Bestes am Herzen läge; es grenze schon an höchste Undankbarkeit, sich auf solche Weise zu betragen; wenn sie schon keine Selbstachtung hege, so solle sie doch Achtung vor den anderen Frauen haben, die sie alle miteinander durch ihre Sanftmut kompromittiere; und wenn sie keine Achtung vor den anderen Frauen habe, so werde die Zeit kommen, da die anderen Frauen keine Achtung mehr vor ihr hätten, und das würde ihr noch einmal sehr leidtun, das könnten sie ihr sagen. Nachdem sie ihr diese Ermahnungen erteilt hatten, schickten sich die Damen an, einen noch |46|gewaltigeren Angriff als zuvor auf den Tee samt knusprigem Brot, frischer Butter, Garnelen und Brunnenkresse vorzunehmen, wobei sie erklärten, ihr Verdruss, sie auf diese Weise sich gebärden zu sehen, sei so groß, dass sie sich kaum überwinden könnten, auch nur einen einzigen Bissen herunterzuschlucken.

»Das ist alles recht schön und gut«, sagte Mrs. Quilp mit großer Unbefangenheit, »aber ich weiß, wenn ich morgen sterben müsste, könnte Quilp jede heiraten, die er haben wollte – ja, ganz bestimmt, das weiß ich.«

Dieser Gedanke löste geradezu einen Aufschrei der Entrüstung aus. Heiraten, wen er wünschte! Das wollten sie doch mal sehen, ob er wagen würde, an eine Heirat mit einer von ihnen zu denken; das wollten sie doch mal sehen, ob er auch nur die leiseste Annäherung in dieser Hinsicht machen würde. Eine Dame (eine Witwe) war ganz sicher, dass sie ihn erdolchen würde, wenn er dergleichen andeutete.

»Schön«, sagte Mrs. Quilp und nickte, »wie ich eben schon sagte, es ist leicht, darüber zu reden, aber ich sage noch einmal, ich weiß – ich weiß es bestimmt –, dass Quilp, wenn er will, eine Art an sich hat, dass ihm die bestaussehendste Frau hier nicht widerstehen könnte, wenn ich tot und sie frei wäre und er sich einfallen ließe, ihr den Hof zu machen. Jawohl!«

Bei diesen Worten warfen sie alle den Kopf zurück, als wollten sie sagen: Ich weiß, du meinst mich. Mag er’s versuchen – weiter sage ich nichts. Und doch waren sie aus einem unersichtlichen Grund alle wütend auf die Witwe, und jede Dame flüsterte ihrer Nachbarin ins Ohr, es sei doch sonnenklar, dass sich die besagte Witwe für die fragliche Person halte, und was für eine Katze sie doch sei!

»Mutter weiß, dass alles stimmt, was ich sage«, fuhr Mrs. Quilp fort, »denn ehe wir heirateten, hat sie es oft behauptet. Nicht wahr, Mutter?«

Diese Frage brachte die wertgeschätzte Dame in eine recht heikle Lage, denn zweifellos hatte sie tätigen Anteil daran |47|genommen, ihre Tochter zur Mrs. Quilp zu machen, überdies hätte es keinesfalls das Ansehen der Familie gestärkt, wenn sie den Gedanken gefördert hätte, ihre Tochter habe einen Mann geheiratet, den keine andere haben wollte. Andrerseits wäre jede Übertreibung der gewinnenden Eigenschaften ihres Schwiegersohnes dazu angetan gewesen, die Sache der Empörung zu schwächen, der sie sich mit aller Energie verschrieben hatte. Von diesen widersprüchlichen Erwägungen bedrängt, gab Mrs. Jiniwin die Fähigkeit zu, sich einzuschmeicheln, bestritt jedoch das Recht zu herrschen und brachte das Gespräch mit einem an die stämmige Dame gerichteten passenden Kompliment zu dem Punkt zurück, von dem es zuvor abgeschweift war.

»Oh, das war sehr gescheit und richtig, was Mrs. George gesagt hat!«, rief die alte Dame aus. »Wenn die Frauen nur sich selbst treu blieben! – Aber das ist bei Betsy nicht der Fall, und das ist eine Schmach und ein Jammer.«

»Ehe ich mich von einem Mann herumkommandieren ließe, wie Quilp sie rumkommandiert«, sagte Mrs. George, »ehe ich mich von einem Mann einschüchtern ließe wie sie, würde ich mich – würde ich mich umbringen und vorher noch einen Brief schreiben, dass er es getan hat!«

Nachdem diese Bemerkung viel Lob und Zustimmung erfahren hatte, ergriff eine andere Dame (von der Minderheit) das Wort: »Mr. Quilp mag ein sehr netter Mann sein«, sagte sie, »und vermutlich ist daran nicht zu zweifeln, weil Mrs. Quilp es behauptet und Mrs. Jiniwin es behauptet, und die sollten es wissen. Dennoch ist er nicht gerade – nun ja, was man einen ansehnlichen Mann nennt, auch nicht eben ein junger Mann, was man, wenn überhaupt, als kleine Entschuldigung für ihn anführen könnte, während dagegen seine Frau jung ist, gut aussieht und eine Frau ist – was schließlich die Hauptsache ist.«

Dieser mit ungewöhnlichem Nachdruck geäußerte Schluss der Rede rief bei den Zuhörern beifälliges Gemurmel hervor, |48|das sich noch steigerte, als die Dame bemerkte, wenn solch ein Gatte mürrisch und unvernünftig mit einer solchen Frau umginge, dann …

»Und ob er das tut!«, unterbrach die Mutter, indem sie als Einleitung zu einer feierlichen Erklärung die Teetasse absetzte und den Schoß von Krümeln säuberte. »Und ob er das tut! Er ist der größte Tyrann, der je gelebt hat, nichts darf sie sich herausnehmen, mit einem Wort oder auch nur einem Blick bringt er sie zum Zittern und erschreckt sie zu Tode, und sie hat nicht den Mut, ein Wort der Widerrede zu sagen, nein, kein einziges Wort.«

Ungeachtet dessen, dass diese Tatsache von vornherein allen Teetrinkerinnen bekannt und in den letzten zwölf Monaten bei jedem Teekränzchen in der Nachbarschaft diskutiert und weitschweifig erörtert worden war, begannen nach dieser offiziellen Bekanntgabe alle auf einmal zu reden und sich in Eifer und Zungenfertigkeit zu überbieten. Mrs. George bemerkte, die Leute sagten, die Leute hätten ihr schon früher gesagt, und die hier anwesende Mrs. Simmons hätte ihr zwanzigmal gesagt, dass sie schon immer gesagt hätte: »Nein, Henrietta Simmons, wenn ich es nicht mit eigenen Augen sähe und mit eigenen Ohren hörte, würde ich es nie glauben.« Mrs. Simmons bekräftigte dieses Zeugnis und fügte noch von sich aus überzeugende Beweise hinzu. Die Dame von der Minderheit berichtete von einer erfolgreichen Behandlungsmethode, der sie ihren eigenen Gatten unterzogen habe, welcher auf diese Art und Weise, nachdem er einen Monat nach der Hochzeit unzweideutige Symptome des Tigers gezeigt habe, nun zu einem vollendeten Lamm gebändigt worden sei. Eine andere Dame berichtete von ihrem Kampf und schließlichen Triumph, in dessen Verlauf sie für nötig befunden, ihre Mutter und zwei Tanten herbeizurufen und sechs Wochen lang Tag und Nacht unaufhörlich zu weinen. Eine Dritte, die sich im allgemeinen Wirrwarr keiner anderen Zuhörerin versichern konnte, hängte sich an eine junge, |49|noch unverheiratete Frau, die zufällig da war, und beschwor sie, wenn sie Wert darauf lege, bei dieser ernsten Sache für ihre Seelenruhe und ihr Glück Vorteile zu gewinnen, so solle sie sich Mrs. Quilps Schwäche zur Warnung dienen lassen und hinfort alle ihre Gedanken darauf richten, den rebellischen Geist des Mannes zu zähmen und zu bändigen.

Der Lärm hatte den Höhepunkt erreicht, und die Hälfte der Gesellschaft hatte die Stimmen zu einem wahren Gekreisch erhoben, um die Stimmen der anderen Hälfte zu übertönen, als man Mrs. Jiniwin die Farbe wechseln und verstohlen den Zeigefinger schütteln sah, wie um sie zum Schweigen zu ermahnen. Dann, und erst dann, wurden sie gewahr, dass sich Ursache und Anlass dieses ganzen Tumults, Daniel Quilp in eigener Person, im Zimmer befand und ihnen mit gespannter Aufmerksamkeit zuschaute und lauschte.

»Weiter, meine Damen, nur weiter«, sagte Daniel. »Bitten Sie doch die Damen, zum Abendessen zu bleiben, Mrs. Quilp, und ein paar Hummer und etwas leicht Verdauliches und Schmackhaftes zu genießen.«

»Ich – ich – ich habe sie nicht zum Tee eingeladen, Quilp«, stammelte seine Frau. »Es ist der reine Zufall.«

»Umso besser, Mrs. Quilp, derlei zufällige Gesellschaften sind immer am lustigsten«, sagte der Gnom und rieb sich die Hände so heftig, als sei er im Begriff, aus ihrer Schmutzkruste kleine Ladungen für Knallbüchsen herzustellen. »Was? Sie wollen doch nicht gehen, meine Damen, Sie bleiben doch, nicht wahr?«

Seine schönen Feindinnen schüttelten leicht den Kopf, während sie ihre jeweiligen Hauben und Tücher zusammensuchten, überließen jedoch jeglichen Wortstreit Mrs. Jiniwin, die, als sie sich in die Rolle eines Kämpfers versetzt sah, einen schwachen Versuch machte, sie zu spielen.

»Und warum sollten sie auch nicht zum Abendessen bleiben, Quilp, wenn es meiner Tochter so gefiele?«, fragte die alte Dame.

|50|»Freilich«, erwiderte Daniel. »Warum nicht?«

»Ich denke doch, an einem Abendessen ist nichts Ehrenrühriges oder Unrechtes?«, sagte Mrs. Jiniwin.

»Gewiss nicht«, gab der Gnom zurück. »Warum sollte es? Auch nichts Gesundheitsschädliches, außer es gibt Hummersalat oder Steingarnelen, die nicht gut für die Verdauung sein sollen.«

»Und Sie hätten es nicht gern, wenn Ihre Frau davon oder von etwas anderem befallen würde, was ihr Pein verursacht, nicht wahr?«, sagte Mrs. Jiniwin.

»Nicht um alles in der Welt!«, entgegnete der Gnom grinsend. »Nicht mal um ein Dutzend Schwiegermütter zu gleicher Zeit – und was wäre das für ein Segen!«

»Meine Tochter ist Ihre Gattin, Mr. Quilp, gewiss«, sagte die alte Dame mit einem Kichern, das spöttisch gemeint war und mit einschloss, er habe es nötig, an diese Tatsache erinnert zu werden, »Ihre angetraute Gattin.«

»Das ist sie zweifellos. Das ist sie«, bemerkte der Gnom.

»Und ich hoffe, sie hat ein Recht, zu tun, was ihr gefällt, Quilp«, sagte die alte Dame zitternd, teils vor Zorn und teils in geheimer Furcht vor ihrem koboldhaften Schwiegersohn.

»Hoffen Sie das nur?«, antwortete er. »Oh! Wissen Sie das nicht? Wissen Sie das nicht, Mrs. Jiniwin?«

»Ich weiß, dass sie es haben sollte und haben würde, Quilp, wenn sie so dächte wie ich.«

»Warum denken Sie nicht so wie Ihre Mutter, meine Liebe?«, fragte der Gnom, wobei er sich umdrehte und an seine Frau wandte. »Warum eifern Sie nicht stets Ihrer Mutter nach, meine Liebe? Sie ist eine Zierde ihres Geschlechts – ich bin überzeugt, das hat Ihr Vater jeden Tag seines Lebens gesagt.«

»Ihr Vater war ein gesegneter Mensch, Quilp, und zwanzigtausendmal so viel wert wie gewisse Leute«, sagte Mrs. Jiniwin, »zwanzighundertmillionentausendmal.«

»Ich hätte ihn gern kennengelernt«, bemerkte der Gnom. »Dass er damals ein gesegneter Mensch war, will ich nicht |51|bestreiten; dass er es heute ist, dessen bin ich sicher. Es war eine glückliche Erlösung. Ich glaube, er hat lange gelitten, nicht wahr?«

Die alte Dame schnappte nach Luft, aber dem folgte nichts; Quilp, die nämliche Bosheit in den Augen und die nämliche höhnische Höflichkeit auf den Lippen, fuhr fort: »Sie sehen krank aus, Mrs. Jiniwin; ich weiß, Sie haben sich zu sehr aufgeregt – vielleicht zu viel geredet, denn das ist Ihre Schwäche. Gehen Sie zu Bett. Wirklich, gehen Sie zu Bett.«

»Ich werde gehen, wann es mir beliebt, Quilp, und nicht eher.«

»Dann belieben Sie, jetzt zu gehen. Belieben Sie, jetzt zu gehen«, sagte der Gnom.

Die alte Frau blickte ihn zornig an, zog sich jedoch zurück, als er auf sie zutrat, und ließ ihn, immer weiter vor ihm zurückweichend, die Tür hinter ihr schließen und sie samt den Gästen aussperren, die sich unterdes unten zusammendrängten. Allein gelassen mit seiner Frau, die zitternd und mit zu Boden geschlagenen Augen in einer Ecke saß, pflanzte sich der kleine Mann vor ihr auf, kreuzte die Arme und blickte sie lange Zeit, ohne zu sprechen, unverwandt an.

»O Sie delikates Geschöpf!« Mit diesen Worten brach er das Schweigen und schmatzte dabei, als handle es sich nicht um eine Redefigur, sondern als sei sie tatsächlich ein Bonbon. »O Sie köstliches Herzblättchen! O Sie won-nig-li-che Zauberin!«

Mrs. Quilp schluchzte, und da sie das Wesen ihres spaßhaften Herrn und Gebieters kannte, beunruhigten sie diese Komplimente just ebenso, als es die heftigsten Bekundungen von Gewalttätigkeit vermocht hätten.

»Sie ist«, sagte der Gnom mit schauerlichem Grinsen, »ein solches Juwel, ein solches Kleinod, eine solche Perle, ein solcher Rubin, ein solches mit allen nur erdenklichen Edelsteinen verziertes Schmuckkästchen! Sie ist ein solcher Schatz! Und ich liebe sie so sehr!«

|52|Die arme kleine Frau zitterte von Kopf bis Fuß, und nachdem sie mit flehendem Blick die Augen zu seinem Gesicht erhoben hatte, schlug sie sie aufs Neue nieder und schluchzte abermals.

»Das Beste an ihr ist«, sagte der Gnom mit einem Hupfer, der wegen seiner krummen Beine, seines hässlichen Gesichts und seines höhnischen Gebarens eindeutig koboldhaft wirkte, »das Beste an ihr ist, dass sie so sanftmütig ist und so mild, und dass sie nie einen eigenen Willen hat, und dass sie eine so einnehmende Mutter besitzt!«

Während er die letzten Worte mit einer hämischen Bosheit äußerte, wie es keinem außer ihm so hundertprozentig gelungen wäre, stützte er beide Hände auf die Knie, spreizte die Beine weit auseinander und beugte sich langsam, langsam, ganz langsam nieder, bis er sich, indem er den Kopf heftig nach einer Seite verdrehte, zwischen den Blick seines Weibes und den Fußboden drängen konnte.

»Mrs. Quilp!«

»Ja, Quilp.«

»Bin ich nicht hübsch anzusehen? Wäre ich nicht der ansehnlichste Mensch von der Welt, wenn ich nur einen Backenbart hätte? Bin ich nicht auch ohne ihn ein Damenheld? Wie, Mrs. Quilp?«

Mrs. Quilp erwiderte gehorsam: »Ja, Quilp«, und sah ihn, gefesselt von seinem starren Blick, unverwandt furchtsam an, indes er sie mit einer Folge so abscheulicher Grimassen traktierte, wie nur er und Nachtmahre sie zu schneiden vermochten.

Während dieser ganzen Schaustellung, die er sehr in die Länge zog, wahrte er tiefes Schweigen, außer wenn er durch einen unvermuteten Hupfer oder Sprung bewirkte, dass sein Weib mit einem nicht zu unterdrückenden Aufschrei zurückfuhr. Dann kicherte er.

»Mrs. Quilp«, sagte er schließlich.

»Ja, Quilp«, antwortete sie demütig.

|53|Statt den Gedanken, den er im Sinn hatte, zu verfolgen, richtete sich Quilp auf, kreuzte abermals die Arme und blickte sie noch strenger an als zuvor, während sie die Augen abwandte und zu Boden gerichtet hielt.

»Mrs. Quilp.«

»Ja, Quilp.«

»Wenn Sie noch einmal diesen alten Vetteln zuhören, beiße ich Sie.«

Nach dieser lakonischen Drohung und einem Knurren im Gefolge, das ihm den Anschein gab, als sei es ihm bitterernst, befahl Mr. Quilp seiner Frau, den Teetisch abzuräumen und den Rum zu bringen. Als das geistige Getränk in einer mächtigen Korbflasche, die ursprünglich aus einer Schiffstruhe stammte, vor ihm stand, befahl er kaltes Wasser und die Kiste Zigarren, und nachdem er mit beidem versorgt war, setzte er sich in einem Lehnstuhl zurecht, den großen Kopf mit dem großen Gesicht an die Rückenlehne gepresst und die kurzen Beinchen auf dem Tisch.

»Mrs. Quilp«, sagte er, »ich fühle mich in der Stimmung zu rauchen und werde vermutlich die ganze Nacht drauflospaffen. Aber bleiben Sie gefälligst dort sitzen, falls ich Sie brauchen sollte.«

Seine Frau gab keine andere Antwort als die übliche: »Ja, Quilp«, und der kleine Herr der Schöpfung nahm seine erste Zigarre und mischte sich das erste Glas Grog. Die Sonne ging unter, und die Sterne sahen hervor, der Tower verlor seine ihm eigenen Farben, wechselte über zu Grau und von Grau zu Schwarz, das Zimmer wurde stockdunkel und das Ende der Zigarre tiefglühendrot, aber immer noch rauchte und trank Mr. Quilp in derselben Stellung und starrte gleichgültig aus dem Fenster, mit dem Hundelächeln im Gesicht, außer wenn Mrs. Quilp eine unwillkürliche Bewegung der Ruhelosigkeit oder Erschöpfung machte, dann verzog es sich zu einem wonnevollen Grinsen.

|54|5. Kapitel

Ob Mr. Quilp hin und wieder ein kurzes Nickerchen machte oder ob er die ganze Nacht mit weit offenen Augen dasaß, gewiss ist, dass er seine Zigarre in Brand hielt und jede neue an der glimmenden Asche der fast aufgerauchten anzündete, ohne dabei eine Kerze zu Hilfe zu nehmen. Auch schien das Schlagen der Uhren, Stunde auf Stunde, kein Gefühl von Schläfrigkeit oder das natürliche Verlangen nach Ruhe in ihm zu wecken, sondern eher noch seine Wachheit zu steigern, die er bei jedem dieser Anzeichen für das Fortschreiten der Nacht durch ein in der Kehle unterdrücktes Glucksen und eine Bewegung der Schultern kundtat, wie einer, der herzhaft, aber zugleich heimlich und verstohlen lacht.

Schließlich brach der Tag an und zeigte die arme Mrs. Quilp, wie sie, in der Kälte des frühen Morgens schaudernd und von Ermattung und Schlafbedürfnis erschöpft, geduldig auf ihrem Stuhl saß, von Zeit zu Zeit die Augen hob in einem stummen Appell an das Mitleid und die Gnade ihres Herrn und ihn durch ein gelegentliches Hüsteln daran erinnerte, dass sie noch keine Vergebung erfahren habe und dass ihre Buße bereits sehr lange währe. Doch ihr gnomhafter Ehegespons rauchte immer noch seine Zigarre und trank seinen Rum, ohne ihrer zu achten, und erst eine geraume Weile nach Sonnenaufgang, als die Straße von der Betriebsamkeit und dem Lärm eines städtischen Tages beherrscht war, geruhte er, ihre Anwesenheit durch ein Wort oder ein Zeichen zur Kenntnis zu nehmen. Selbst da hätte er es vielleicht noch nicht getan, wenn nicht ein ungeduldiges Pochen an der Tür zu vernehmen gewesen wäre, welches zu besagen schien, dass auf deren anderer Seite ziemlich harte Knöchel in Tätigkeit waren.

»Du liebe Güte!«, sagte er und schaute mit boshaftem Grinsen um sich. »Es ist Tag! Öffnen Sie, liebste Mrs. Quilp!«

Seine gehorsame Gattin schob den Riegel zurück und ließ ihre Frau Mutter ein.

|55|Mrs. Jiniwin platzte mit nicht geringem Ungestüm in das Zimmer; denn da sie ihren Schwiegersohn noch im Bett vermutete, war sie gekommen, durch eine nachdrückliche Ansicht über sein Benehmen und seinen Charakter im Allgemeinen ihre Gefühle zu erleichtern. Als sie sah, dass er auf und angekleidet und das Zimmer, aus dem sie am Abend zuvor gegangen, anscheinend nicht verlassen worden war, blieb sie etwas verlegen stehen.

Nichts entschlüpfte den Habichtsaugen des hässlichen kleinen Mannes, der durchaus verstand, was in dem Kopf der alten Dame vorging, und der in der Fülle seiner Befriedigung noch hässlicher wurde, während er ihr mit einem triumphierenden Blick guten Morgen wünschte.

»Aber Betsy«, sagte die alte Frau, »bist du denn nicht … du willst doch wohl nicht sagen, du hast …«

»Die ganze Nacht aufgesessen?«, beendete Quilp den Satz. »Ja, das hat sie!«

»Die ganze Nacht?«, rief Mrs. Jiniwin.

»Ja, die ganze Nacht. Ist denn die liebe alte Dame taub?«, meinte Quilp mit einem Lächeln, das von einem finsteren Blick begleitet wurde. »Wer sagt denn, dass Mann und Weib eine schlechte Gesellschaft sind? Haha! Die Zeit verging wie im Fluge.«

»So ein Unmensch!«, rief Mrs. Jiniwin.

»Aber nicht doch«, sagte Quilp, der sie, natürlich mit Absicht, falsch verstand. »Sie müssen nicht mit ihr schimpfen. Sie ist ja nun verheiratet. Und wenn sie mir auch die Zeit vertrieben und mich dem Bett ferngehalten hat, brauchen Sie nicht so liebevoll besorgt um mich zu sein, dass Sie übellaunig gegen sie sind. Gottes Segen, liebe alte Dame. Auf Ihr Wohl!«

»Ich bin Ihnen höchst verbunden«, entgegnete die alte Frau, deren etwas unruhige Hände den heftigen Wunsch verrieten, ihre Matronenfaust gegen den Schwiegersohn zu schütteln. »Oh! Ich bin Ihnen überaus verbunden!«

»Dankbare Seele!«, rief der Gnom. »Mrs. Quilp.«

|56|»Ja, Quilp«, sagte die furchtsame Dulderin.

»Helfen Sie Ihrer Mutter, das Frühstück zu bereiten, Mrs. Quilp. Ich gehe heute Morgen zur Werft – je früher, desto besser, also hurtig.«

Mrs. Jiniwin legte eine matte Auflehnung an den Tag, indem sie sich auf einen Stuhl neben der Tür setzte und wie in fester Entschlossenheit, nichts zu tun, die Arme kreuzte. Doch ein paar geflüsterte Worte von ihrer Tochter und die freundliche Anfrage ihres Schwiegersohnes, ob sie sich schwach fühle, mit dem Hinweis, dass im Nebenzimmer reichlich kaltes Wasser vorhanden sei, vertrieben diese Symptome wirksam, und mit verdrossener Emsigkeit widmete sie sich den erwähnten Vorbereitungen.

Während diese fortschritten, zog sich Mr. Quilp in das angrenzende Zimmer zurück, schob den Rockkragen vom Halse und begann mit einem höchst widerlich aussehenden, feuchten Handtuch in seinem Gesicht herumzuschmieren, wodurch seine Haut noch etwas schmutziger wurde als zuvor. Doch während er damit beschäftigt war, ließen ihn weder seine Vorsicht noch seine Neugier im Stich, denn selbst bei dieser kurzen Tätigkeit hielt er oft mit einem so begierigen und verschlagenen Gesicht wie nur je inne und horchte auf jedes Gespräch im Nebenzimmer, dessen Gegenstand er sein mochte.

»Aha!«, sagte er nach kurzer angestrengter Aufmerksamkeit, »das Handtuch war nicht über meinen Ohren, das habe ich mir gedacht. Ich bin also ein buckliger kleiner Schurke und ein Scheusal, wie, Mrs. Jiniwin? Oh!«

Die Freude über diese Entdeckung rief sein Hundelächeln in voller Kraft hervor. Als er damit fertig war, schüttelte er sich wie ein Hund und gesellte sich wieder zu den Damen.

Nun trat Mr. Quilp vor einen Spiegel und legte sich just die Halsbinde um, als Mrs. Jiniwin, die zufällig hinter ihm stand, nicht der Lust widerstehen konnte, die Faust gegen ihren tyrannischen Schwiegersohn zu schütteln. Es war eine |57|sekundenschnelle Gebärde, doch als sie sie vollführte und mit einem drohenden Blick begleitete, begegnete sie im Spiegel seinen Augen, die sie dabei ertappten. Derselbe Blick in den Spiegel vermittelte ihr das Bild eines abscheulich grotesken und verzerrten Gesichts mit lang ausgestreckter Zunge, und in der nächsten Sekunde drehte sich der Gnom mit völlig gelassener und freundlicher Miene um und fragte sie in überaus liebevollem Ton: »Wie geht es Ihnen jetzt, mein liebes gutes Altchen?«

So geringfügig und lächerlich dieser Vorfall war, er zeigte ihn als einen solchen kleinen Teufel und obendrein einen so bissigen und abgefeimten, dass sich die alte Frau zu sehr vor ihm fürchtete, um auch nur ein Wort herauszubringen, und es litt, dass er sie mit außergewöhnlicher Höflichkeit an den Frühstückstisch führte. Hier nahm er dem eben hervorgerufenen Eindruck nicht das Mindeste, denn er aß hartgekochte Eier mit der Schale, verschlang riesige Steingarnelen samt Kopf und Schwanz, kaute Tabak und Brunnenkresse gleichzeitig und mit maßloser Gier, trank, ohne mit der Wimper zu zucken, kochend heißen Tee, biss auf Gabel und Löffel, dass sie sich bogen, kurzum, benahm sich so erschreckend und ungewöhnlich, dass die Frauen vor Angst fast den Verstand verloren und zu zweifeln begannen, ob er wirklich ein Menschengeschöpf sei. Nachdem er dies und vieles andere getan hatte, was gleichermaßen zu seinem System gehörte, verließ Mr. Quilp schließlich die sehr gehorsam und demütig gewordenen Damen und begab sich zum Fluss, wo er ein Boot zu der Werft nahm, die er mit seinem Namen beehrt hatte.

Es war Flut, als sich Daniel Quilp in die Fähre setzte, um ans andere Ufer zu gelangen. Eine ganze Flotte größerer Boote kam gemächlich heran, manche breitseits, manche mit dem Bug, andere mit dem Heck voraus, alle jedoch auf eine querköpfige, verbissene, eigensinnige Weise, größere Fahrzeuge überholend, Dampfschiffen unter den Bug laufend, in jede Ecke und jeden Winkel kriechend, wo sie nichts zu suchen |58|hatten, und aneinanderkrachend wie Walnussschalen, während jedes mit seinen beiden langen, im Wasser quirlenden und spritzenden Rudern wie ein in Qualen vorwärts taumelnder Fisch aussah. Auf einigen Schiffen, die vor Anker lagen, waren alle Mann an Bord eifrig damit beschäftigt, Taue aufzuschießen, Segel zum Trocknen auszubreiten, Fracht zu laden oder zu löschen; auf anderen war kein Leben wahrzunehmen, abgesehen von ein paar Teerjacken und vielleicht einem Hund, der bellend auf Deck hin und her raste oder hochkletterte, um über die Reling zu sehen, und über den Anblick noch lauter bellte. Durch den Wald von Masten arbeitete sich langsam ein großes Dampfschiff, das mit kurzen, ungeduldigen Schlägen der schweren Schaufeln in das Wasser hieb, als brauche es Raum zum Atmen, und mit seinem mächtigen Bug herannahte wie ein Seeungeheuer unter den Elritzen der Themse. Zu beiden Seiten schwammen lange Reihen schwarzer Kohlenboote, durch die sich mit in der Sonne gleißenden Segeln und einem Kreischen und Knarren an Bord, das aus hundert Richtungen zurückgeworfen wurde, langsam ein paar Schiffe aus dem Hafen manövrierten. Das Wasser und alles darauf befand sich in lebhafter Bewegung, tanzend, schwimmend und sprudelnd, während der alte graue Tower und riesige Gebäudemassen am Ufer, zwischen denen viele Kirchtürme emporschossen, gleichgültig zuschauten und ihren geschwätzigen, ruhelosen Nachbarn zu verachten schienen.

Daniel Quilp, den ein schöner Morgen ziemlich ungerührt ließ, abgesehen davon, dass er ihn der Mühe enthob, einen Regenschirm mitzunehmen, ließ sich dicht bei der Werft an Land setzen und ging von dort durch eine enge Gasse, die den amphibischen Charakter ihrer Benutzer teilte und so viel Wasser wie Schlamm enthielt, beides in überreichlichem Maße. An seinem Ziel angelangt, bot sich seinem Blick als Erstes ein Paar mehr als unzulänglich beschuhter Füße, die mit den Sohlen nach oben in die Luft ragten, welch sonderbare |59|Erscheinung dem Jungen zuzuschreiben war, der mit seiner exzentrischen Gemütsart und Naturbegabung für artistische Kunststücke gerade auf dem Kopf stand und in dieser ungewöhnlichen Stellung den Fluss betrachtete. Die Stimme seines Herrn brachte ihn schnell auf die Beine, und als sich sein Kopf am richtigen Platz befand, begann Mr. Quilp – um in Ermangelung eines besseren Tätigkeitswortes einen kräftigen Ausdruck zu gebrauchen – »auf ihn loszudreschen«.

»Sie, lassen Sie mich in Frieden«, sagte der Junge und parierte Quilps Hand mit beiden Ellbogen abwechselnd. »Wenn Sie nich aufhörn, setzt es was, das kann ich Ihnen flüstern.«

»Du Lümmel«, knurrte Quilp, »noch ein Wort, und ich prügle dich mit einer Eisenrute, kratz dich mit einem rostigen Nagel und stech dir die Augen aus – jawohl.«

Bei diesen Drohungen ballte er wieder eine Faust und versetzte dem Jungen geschickt zwischen den Ellbogen hindurch auf den nach rechts und links ausweichenden Kopf ein paar tüchtige harte Schläge. Nachdem er auf diese Weise sein Ziel erreicht und ein wenig dort verweilt hatte, ließ er von ihm ab.

»Machen Sie das nich noch mal«, sagte der Junge, wobei er den Kopf senkte und zurückwich, die Ellbogen für das Schlimmste bereit, »na …«

»Bleib stehn, du Lümmel«, sagte Quilp, »ich werde es nicht wieder tun, weil ich es so oft getan habe, wie ich wollte. Hier. Nimm den Schlüssel.«

»Warum schlagen Sie nich einen von Ihrem Kaliber?«, meinte der Junge, langsam näher kommend.

»Wo ist denn einer von meinem Kaliber, du Lümmel?«, gab Quilp zurück. »Nimm den Schlüssel, oder ich schlag dir damit den Schädel ein« – und tatsächlich gab er ihm dabei einen schmerzhaften Hieb mit dem Griff. »Und jetzt schließ das Kontor auf.«

Verdrossen fügte sich der Junge, wobei er zuerst vor sich hin brummelte, es jedoch bleiben ließ, als er sich umschaute |60|und sah, dass ihm Quilp unverwandten Blickes folgte. Und hier ist zu bemerken, dass zwischen diesem Jungen und dem Gnomen eine sonderbare Art gegenseitiger Zuneigung bestand. Wie sie entstanden und gewachsen war, wie sie einerseits mit Schlägen und Drohungen, andrerseits mit Widerspruch und Trotz genährt wurde, tut nichts zur Sache. Quilp hätte gewiss von keinem andern als dem Jungen Widerreden geduldet, und der Junge hätte sich ganz bestimmt von keinem andern als Quilp so herumstoßen lassen, da es ihm doch möglich war, jederzeit, wenn er wollte, wegzulaufen.

»Na«, sagte Quilp, als er in das hölzerne Kontor trat, »du bist mir ein feiner Werftaufpasser. Wenn du noch mal kopfstehst, schneide ich dir einen Fuß ab.«

Der Junge antwortete nicht, doch kaum hatte sich Quilp eingeschlossen, stand er schon wieder vor der Tür auf dem Kopf, worauf er auf den Händen zur Rückwand ging und dort kopfstand und dann zur anderen Seite und auch hier seine Leistung wiederholte. Zwar hatte das Kontor vier Seiten, doch die mit dem Fenster mied er, weil er es für wahrscheinlich hielt, dass Quilp hinausschauen würde. Das war klug von ihm, denn der Gnom, der ihn kannte, lag in der Tat etwas abseits vom Fenster auf der Lauer, mit einem mächtigen Holzscheit bewaffnet, das ihn mit seiner rauen, schartigen Oberfläche und den vielen abgebrochenen Nägeln darin möglicherweise verletzt hätte.

Eine schmutzige kleine Bude war das Kontor, mit nichts darin als einem gebrechlichen Schreibpult und zwei Schemeln, einem Huthaken, einem alten Kalender, einem Tintenfass ohne Tinte und einem einzigen Federstummel nebst einer Uhr mit Achttagewerk, die seit mindestens achtzehn Jahren nicht mehr ging und deren Minutenzeiger für den Gebrauch als Zahnstocher abgedreht worden war. Daniel Quilp zog den Hut in die Stirn, kletterte auf sein Schreibpult (das eine ebene Oberfläche besaß), streckte seine kurzen Beine darauf aus und begann mit der Behaglichkeit des alten Praktikers zu schlafen, |61|zweifellos in der Absicht, sich für den Mangel an Schlaf in der letzten Nacht durch ein langes, gesundes Nickerchen zu entschädigen.

Gesund mochte es gewesen sein, doch lang war es nicht, denn er hatte kaum eine Viertelstunde geschlafen, als der Junge die Tür öffnete und den Kopf hereinsteckte, der einem Bündel schlecht gezupften Wergs glich. Quilp hatte einen leichten Schlaf und fuhr sofort hoch.

»Hier is jemand für Sie«, sagte der Junge.

»Wer?«

»Weiß ich nich.«

»Dann frag!«, sagte Quilp, griff zu dem erwähnten Stück Holz und warf es mit einer Geschicklichkeit nach ihm, dass der Junge gut daran tat, zu verschwinden, ehe es die Stelle erreichte, wo er gestanden hatte. »Frag, du Lümmel!«

Da er keine Lust hatte, sich noch einmal in die Gefahrenzone solcher Wurfgeschosse zu wagen, schickte der Junge an seiner Statt vorsichtigerweise die eigentliche Ursache der Unterbrechung hinein, die sich nun an der Tür zeigte.

»Was? Nelly?«, rief Quilp.

»Ja«, sagte das Kind, zögernd, ob es eintreten oder sich zurückziehen solle, denn der eben aufgewachte Gnom war mit seinem zerzaust um den Kopf hängenden Haar und einem gelben Taschentuch darüber ein etwas beängstigender Anblick, »ich bin es nur, Sir.«

»Komm rein«, sagte Quilp, ohne vom Schreibpult zu steigen. »Komm rein. Warte. Wirf erst einen Blick in den Hof und sieh nach, ob da ein Junge kopfsteht.«

»Nein, Sir«, antwortete Nell. »Er steht auf den Füßen.«

»Bist du ganz sicher?«, fragte Quilp. »Na schön. Dann komm rein und mach die Tür zu. Was bringst du, Nelly?«

Das Kind gab ihm einen Brief; ohne seine Stellung weiter zu verändern, als dass er sich noch ein wenig mehr zur Seite drehte und das Kinn in die Hand stützte, begann sich Mr. Quilp mit dem Inhalt des Briefes vertraut zu machen.

|62|6. Kapitel

Schüchtern, die Augen zu Mr. Quilps Antlitz erhoben, während dieser den Brief las, stand die kleine Nelly da, und ihre Züge verrieten deutlich, dass sie zwar ein wenig Furcht und Misstrauen gegen den kleinen Mann hegte, aber dennoch große Lust verspürte, über seine wunderliche Erscheinung und sein groteskes Gebaren zu lachen. Bei alledem ließ das Kind ein quälendes Bangen um Quilps Antwort erkennen und das Wissen um seine Macht, sie unangenehm oder betrüblich ausfallen zu lassen, die in heftigem Widerspruch zu jener Neigung standen und sie noch erfolgreicher unterdrückten, als sie es vielleicht durch eigene Bemühungen vermocht hätte.

Dass Mr. Quilp über den Inhalt des Briefes verblüfft war, und in nicht geringem Maße, war offensichtlich genug. Ehe er noch die ersten Zeilen zu Ende gelesen hatte, riss er die Augen sperrangelweit auf und blickte erschreckend finster drein; die nächsten Zeilen veranlassten ihn, sich auf eine ungewöhnlich bösartige Weise den Kopf zu kratzen, und als er zum Schluss kam, ließ er einen grässlichen langen Pfiff hören, der Staunen und Bestürzung verriet. Nachdem er den Brief zusammengefaltet und beiseitegelegt hatte, begann er mit hemmungsloser Sucht an allen zehn Fingernägeln zu kauen, worauf er den Brief mit einer heftigen Bewegung wieder aufnahm und von neuem las. Die zweite Durchsicht war allem Anschein nach ebenso unbefriedigend wie die erste und stürzte ihn in tiefes Nachdenken, aus dem er zu einem weiteren Angriff auf seine Fingernägel und einem langen Blick auf das Kind erwachte, das die Augen zu Boden geschlagen hatte und abwartete, was ihm ferner belieben werde.

»Hallo, du!«, rief er schließlich in einem Ton und mit einer Plötzlichkeit, dass die Kleine zusammenschrak, als wäre an ihrem Ohr eine Kanone abgefeuert worden. »Nelly!«

»Ja, Sir?«

|63|»Weißt du, was in dem Brief steht, Nell?«

»Nein, Sir!«

»Bist du sicher, ganz sicher und überzeugt, bei deiner Seele?«

»Ganz sicher, Sir.«

»Möchtest du lieber sterben, wenn du es doch weißt, he?«, fragte der Gnom.

»Ich weiß es wirklich nicht«, antwortete das Kind.

»Na schön!«, brummte der Gnom, als er ihr ernstes Gesicht sah. »Ich glaube dir. Hm! Schon weg? In vierundzwanzig Stunden! Was zum Teufel hat er damit gemacht, das ist mir ein Rätsel!«

Diese Überlegung ließ ihn aufs Neue den Kopf kratzen und an den Nägeln kauen. Während er noch damit beschäftigt war, milderten sich seine Züge allmählich zu etwas, was bei ihm ein heiteres Lächeln vorstellen sollte, bei jedem anderen jedoch ein grässliches, schmerzverzerrtes Grinsen gewesen wäre, und als die Kleine wieder aufblickte, sah sie, dass er sie mit überaus gewogenem Wohlgefallen betrachtete.

»Du siehst heute sehr hübsch aus, Nelly, entzückend hübsch. Bist du müde, Nelly?«

»Nein, Sir. Ich muss schnell zurück, denn er wird sich ängstigen, solange ich unterwegs bin.«

»Kein Grund zur Eile, kleine Nell, überhaupt kein Grund zur Eile«, sagte Quilp. »Wie würde es dir gefallen, meine Nummer zwei zu sein, Nelly?«

»Was zu sein, Sir?«

»Meine Nummer zwei, Nelly, meine zweite, meine Mrs. Quilp«, sagte der Gnom.

Das Kind blickte erschrocken, schien ihn jedoch nicht zu verstehen, weshalb sich Mr. Quilp, dem es nicht entging, beeilte, deutlicher zu erklären, was er meinte.

»Die zweite Mrs. Quilp zu sein, wenn die erste Mrs. Quilp tot ist, mein Schätzchen Nelly«, sagte Quilp, kniff die Augen zusammen und winkte sie mit dem gebogenen Zeigefinger zu |64|sich heran, »mein Frauchen zu sein, mein kleines Frauchen mit den Kirschenwangen und den Rosenlippen. Nehmen wir einmal an, Mrs. Quilp lebt noch fünf Jahre oder auch nur vier, dann bist du gerade im rechten Alter für mich. Haha! Sei ein nettes Mädchen, Nelly, sei ein wirklich nettes Mädchen und befreunde dich mit dem Gedanken, eines Tages Mrs. Quilp auf der Tower Hill zu sein.«

Weit davon entfernt, durch diese köstliche Aussicht gestärkt und angeregt zu werden, schauderte das Kind in heller Aufregung vor ihm zurück und zitterte am ganzen Leibe. Mr. Quilp aber lachte nur und tat so, als entginge ihm ihre Bestürzung, entweder weil es ihm ein wahres Vergnügen bereitete, jemanden zu erschrecken, oder weil es ihn froh stimmte, den Tod von Mrs. Quilp Nummer eins und den Aufstieg von Mrs. Quilp Nummer zwei in deren Stellung und Würde ins Auge zu fassen, oder weil er aus nur ihm bekannten Gründen entschlossen war, liebenswürdig und aufgeräumt zu sein.

»Du wirst gleich mit mir zur Tower Hill kommen und die jetzige Mrs. Quilp besuchen«, sagte der Gnom. »Sie hat dich sehr lieb, Nell, wenn auch nicht so lieb wie ich. Du wirst mich nach Hause begleiten.«

»Ich muss wirklich zurück«, sagte das Kind. »Er hat mir gesagt, ich soll sofort mit der Antwort zurückkommen.«

»Aber die hast du noch nicht, Nell«, entgegnete der Gnom, »und ehe ich nicht zu Hause bin, wirst und kannst du sie nicht erhalten; du siehst also, dass du mitkommen musst, um deinen Auftrag zu erfüllen. Gib mir den Hut, Liebchen, wir gehen gleich.« Mit diesen Worten ließ sich Mr. Quilp langsam vom Schreibpult hinabrollen, bis seine kurzen Beinchen den Boden berührten, und als er auf die Füße kam und ihr voran aus dem Kontor auf den Werftplatz marschierte, sah er als Erstes den Kopfstandjungen und einen andern jungen Herrn von etwa seiner Größe eng umschlungen im Schlamm herumkollern und sich mit beiderseitiger Herzhaftigkeit puffen und knuffen.

|65|»Das ist Kit!«, rief Nelly und faltete die Hände. »Der arme Kit, der mich begleitet hat! Bitte, Mr. Quilp, trennen Sie die beiden!«

»Und ob ich sie trennen werde«, rief Quilp, tauchte in das kleine Kontor und kam mit einem dicken Stock wieder hervor. »Und ob! Na, ihr Bürschchen, prügelt euch nur getrost weiter. Ich werde euch alle beide zusammenprügeln. Ich nehm’s mit euch beiden auf, mit beiden zusammen, mit beiden zusammen!«

Bei diesen Herausforderungen schwang der Gnom seinen Knüppel, tanzte um die Streitenden herum, trat mit den Füßen nach ihnen, sprang über sie hinweg und schlug wie ein Rasender um sich, bald auf den einen, bald auf den anderen, wobei er in der rücksichtslosesten Weise stets auf ihre Köpfe zielte und ihnen so niederträchtige Hiebe versetzte, wie sie nur der ärgste kleine Wilde ausgeteilt hätte. Da diese Bearbeitung hitziger war, als die kriegführenden Parteien veranschlagt hatten, kühlte sie deren Tapferkeit geschwind ab, sie rappelten sich hoch und baten um Pardon.

»Ich schlage euch zu Mus, ihr Lümmel«, sagte Quilp, während er sich vergeblich bemühte, einem von beiden nahe genug zu kommen, um ihm einen Abschiedshieb zu versetzen. »Ich verdresche euch, bis ihr kupferrot glüht, ich verkeile euch das Gesicht, bis ihr kein Profil mehr habt.«

»Was nich noch! Lassen Sie den Stock fallen, oder es geht Ihnen schlecht«, sagte sein Gehilfe, wobei er um ihn herumsprang und nach einer Gelegenheit suchte, vorzustürzen, »lassen Sie den Stock fallen.«

»Komm ein bisschen näher, und ich lass ihn auf deinen Schädel fallen, du Lümmel«, sagte Quilp mit funkelnden Augen, »ein bisschen näher – noch näher.«

Aber der Junge lehnte die Einladung ab, bis sein Herr anscheinend nicht ganz auf der Hut war, da sprang er vor, packte die Waffe und versuchte, sie seinem Griff zu entwinden. Quilp, der stark wie ein Löwe war, hielt sie mühelos fest, |66|bis der Junge mit aller Kraft daran zerrte, worauf er sie plötzlich losließ, so dass der Junge rückwärts taumelte, fiel und heftig mit dem Kopf aufschlug. Der Erfolg dieses Manövers kitzelte Mr. Quilp ganz unbeschreiblich, und er lachte und stampfte mit den Füßen wie über einen ganz unwiderstehlichen Spaß.

»Macht nichts«, sagte der Junge, wobei er mit dem Kopf nickte und ihn gleichzeitig rieb, »Sie werden ja sehn, ob ich noch mal auf jemand losgehe, wenn er sagt, dass Sie’n hässlicherer Zwerg sind, als wie irgendwo für ’n Penny zu besichtigen is; weiter nichts.«

»Willst du damit sagen, dass ich es nicht bin, du Lümmel?«, erwiderte Quilp.

»Nein, das will ich nich!«, antwortete der Junge.

»Weswegen prügelst du dich denn dann auf meiner Werft rum, du Schurke?«, fragte Quilp.

»Weil er das gesagt hat«, antwortete der Junge und zeigte auf Kit, »nich weil Sie es nich sind.«

»Und warum hat er gesagt«, schrie Kit, »Miss Nelly is hässlich, und sie und mein Herr müssten tun, was seinem Herrn gefällt? Warum hat er das gesagt?«

»Was er gesagt hat, hat er gesagt, weil er ein Esel ist, und was du gesagt hast, hast du gesagt, weil du klug und weise bist – fast zu klug zum Leben, wenn du nicht auf dich achtgibst, Kit«, sagte Quilp in überaus liebreizender Art, aber mit womöglich noch mehr stiller Bosheit um Augen und Mund. »Hier hast du sechs Pence, Kit. Sprich immer die Wahrheit, Kit, jederzeit die Wahrheit. Schließ das Kontor ab, du Lümmel, und bring mir den Schlüssel.«

Der andere Junge, dem dieser Befehl erteilt wurde, tat wie geheißen und wurde für seine Parteinahme zugunsten seines Herrn durch einen geschickten Nasenstüber mit dem Schlüssel belohnt, der ihm das Wasser in die Augen trieb. Dann fuhr Mr. Quilp mit dem Kind und Kit in einem Boot davon, und der Junge rächte sich, indem er, mit Unterbrechungen, die |67|ganze Zeit, während sie den Fluss überquerten, am äußersten Rand der Werft auf dem Kopf tanzte.

Nur Mrs. Quilp war zu Hause und schickte sich, da sie die Rückkehr ihres Herrn und Gebieters kaum erwartete, gerade an, einen erquickenden Schlummer zu halten, als sie durch das Geräusch seiner Schritte aufgestört wurde. Sie hatte wenig Zeit, sich den Anschein zu geben, als sei sie mit einer Handarbeit beschäftigt, als er in Begleitung des Kindes eintrat; Kit hatte er unten gelassen.

»Hier ist Nelly Trent, liebste Mrs. Quilp«, sagte ihr Gatte. »Ein Glas Wein, meine Teure, und einen Keks, sie hat einen weiten Weg hinter sich. Sie wird sich zu Ihnen setzen, mein Herz, während ich einen Brief schreibe.«

Mrs. Quilp blickte bebend in das Gesicht ihres Gatten, um zu erfahren, was diese ungewöhnliche Höflichkeit zu bedeuten habe, und folgte ihm, seiner auffordernden Handbewegung gehorchend, in das Nebenzimmer.

»Merken Sie sich, was ich Ihnen sage«, flüsterte Quilp. »Sehen Sie zu, ob Sie etwas über ihren Großvater aus ihr herausbekommen können, oder was sie machen, wie sie leben, oder was er ihr erzählt. Ich habe meine Gründe, das möglichst in Erfahrung zu bringen. Ihr Weiber redet untereinander offener als zu uns, und Sie haben eine sanfte, freundliche Art, die das Mädchen für Sie einnehmen wird. Verstanden?«

»Ja, Quilp.«

»Dann gehen Sie. Was ist denn jetzt los?«

»Lieber Quilp«, stammelte seine Frau, »ich habe das Kind lieb – wenn Sie es vielleicht erreichen könnten, ohne dass ich die Kleine hintergehen muss …«

Der Gnom brummte einen fürchterlichen Fluch und ließ seinen Blick wie nach einer Waffe umherwandern, mit der er seinem ungehorsamen Weib die gebührende Strafe erteilen könnte. Die unterwürfige kleine Frau flehte ihn eiligst an, nicht böse zu sein, und versprach, seinem Befehl nachzukommen.

|68|»Hören Sie zu«, flüsterte der Gnom, wobei er ihren Arm zwickte und kniff, »schleichen Sie sich in ihre Geheimnisse ein; ich weiß, dass Sie es können. Denken Sie daran, dass ich lausche. Fangen Sie es nicht schlau genug an, knarre ich mit der Tür, und wehe Ihnen, wenn ich oft knarren muss. Gehen Sie!«

Mrs. Quilp entfernte sich wie befohlen, und ihr liebenswerter Gatte, der sich hinter der halb geöffneten Tür versteckte und sein Ohr nahe daranhielt, lauschte mit einem überaus verschlagenen und aufmerksamen Gesicht.

Die arme Mrs. Quilp indessen überlegte, wie sie beginnen oder was für Fragen sie stellen sollte, und erst als die Tür sehr nachdrücklich knarrte und sie ermahnte, ohne weiteres Bedenken anzufangen, war der Ton ihrer Stimme zu vernehmen.

»Wie oft hast du in der letzten Zeit den Weg zu Mr. Quilp und zurück gemacht, meine Kleine?«

»An die hundertmal, hab ich schon zu Großvater gesagt«, antwortete Nell arglos.

»Und was hat er dazu gesagt?«

»Er hat bloß geseufzt und den Kopf hängen lassen und hat so traurig und unglücklich ausgesehen, dass Sie bestimmt hätten weinen müssen, wenn Sie ihn gesehen hätten; Sie hätten es bestimmt nicht besser unterdrücken können als ich. Wie die Tür knarrt!«

»Das macht sie oft«, entgegnete Mrs. Quilp mit einem unbehaglichen Blick dorthin. »Aber dein Großvater – er war nicht immer so unglücklich?«

»Ach nein!«, sagte das Kind eifrig. »Ganz anders! Wir waren so glücklich, und er war so heiter und zufrieden! Sie können sich nicht vorstellen, wie traurig seitdem alles geworden ist.«

»Es tut mir sehr, sehr leid, dich so sprechen zu hören, meine Kleine!«, sagte Mrs. Quilp. Und sie sagte die Wahrheit.

»Ich danke Ihnen«, antwortete das Kind und küsste sie auf |69|die Wange, »Sie sind immer so lieb zu mir, und es ist so schön, mit Ihnen zu sprechen. Ich kann doch mit niemand anderem als dem armen Kit über ihn reden. Trotzdem bin ich sehr glücklich, ich sollte mich vielleicht noch glücklicher fühlen, als ich bin, aber Sie können sich nicht denken, wie es mich manchmal bekümmert, wenn ich sehe, wie er sich verändert.«

»Er wird wieder anders werden, Nelly«, sagte Mrs. Quilp, »und so, wie er vorher war.«

»Ach, wenn Gott das nur geschehen ließe!«, sagte das Kind unter strömenden Tränen. »Aber es ist jetzt schon so lange her, dass er anfing … ich glaube, die Tür hat sich bewegt!«

»Das ist der Wind«, sagte Mrs. Quilp schwach. »Anfing …?«

»So nachdenklich und niedergeschlagen zu werden und zu vergessen, wie wir uns früher an den langen Abenden die Zeit vertrieben«, sagte das Kind. »Da las ich ihm immer am Kamin vor, und er saß und lauschte, erzählte mir von meiner Mutter und dass sie als kleines Mädchen genauso ausgesehen und gesprochen hätte wie ich. Dann zog er mich aufs Knie und versuchte mir begreiflich zu machen, dass sie nicht in ihrem Grab liegt, sondern in ein schönes Land weit hinter dem Himmel geflogen ist, wo nichts stirbt oder alt wird – wir waren einmal sehr glücklich!«

»Nelly, Nelly!«, sagte die arme Frau. »Ich kann es gar nicht ertragen, ein so junges Dingelchen wie dich so betrübt zu sehen. Bitte weine nicht.«

»Das kommt sehr selten vor«, sagte Nell, »aber ich habe das so lange für mich behalten, und vielleicht bin ich auch nicht ganz wohl, denn die Tränen kommen mir in die Augen, und ich kann sie nicht zurückhalten. Ihnen kann ich meinen Kummer getrost erzählen, denn ich weiß, Sie werden es keinem weitersagen.«

Mrs. Quilp wandte den Kopf ab und antwortete nicht.

»Und wie oft sind wir durch die Felder gegangen«, sagte das Kind, »und unter den grünen Bäumen, und wenn wir abends heimkamen, gefiel es uns zu Hause noch besser, weil wir müde |70|waren, und wir sagten, es sei doch ein glückliches Heim. Und wenn es auch düster und recht unfreundlich war, wir sagten immer, was macht uns das schon aus, denn mit umso größerer Freude dachten wir an unsern letzten Spaziergang und sahen dem nächsten entgegen. Aber jetzt gehen wir nie mehr spazieren, und obwohl es noch dasselbe Haus ist, mutet es noch düsterer und noch trübseliger an!«

Sie hielt inne, doch obgleich die Tür mehr als einmal knarrte, sagte Mrs. Quilp nichts.

»Sie dürfen nicht annehmen«, fuhr das Kind ernst fort, »dass Großvater nun weniger freundlich zu mir ist. Ich glaube, er liebt mich jeden Tag mehr und ist freundlicher und zärtlicher als den Tag zuvor. Sie wissen ja nicht, wie lieb er mich hat!«

»Ich bin sicher, dass er dich innig liebt«, sagte Mrs. Quilp.

»Freilich, freilich liebt er mich!«, rief Nell. »So innig, wie ich ihn liebe. Aber die größte Veränderung habe ich Ihnen noch nicht erzählt, und das dürfen Sie nie jemand weitersagen. Er findet keinen Schlaf und keine Ruhe außer am Tag in seinem Lehnstuhl, denn jede Nacht und fast die ganze Nacht lang ist er von Hause fort.«

»Nelly!«

»Pst!«, sagte das Kind, den Finger auf den Lippen, und schaute sich um. »Wenn er morgens heimkommt, was gewöhnlich just vor Tagesanbruch geschieht, lasse ich ihn ein. Letzte Nacht kam er sehr spät, und es war schon ganz hell. Ich sah sein Gesicht, es war leichenblass, und seine Augen waren blutunterlaufen, und seine Beine zitterten beim Gehen. Als ich wieder im Bett lag, hörte ich ihn stöhnen. Ich stand auf und lief zu ihm zurück, und ehe er noch merkte, dass ich da war, hörte ich, wie er sagte, er könne das Leben nicht länger ertragen, und wenn es nicht für das Kind wäre, würde er gern sterben. Was soll ich nur machen! Oh! Was soll ich nur machen!«

Ihres Herzens Borne hatten sich aufgetan; überwältigt von der Last ihrer Sorgen und Ängste, von dem Vertrauen, das sie |71|zum ersten Mal verschenkt hatte, und von dem Mitgefühl, mit dem ihre kleine Geschichte aufgenommen worden war, barg die Kleine das Gesicht in den Armen ihrer hilflosen Freundin und brach in einen leidenschaftlichen Tränenstrom aus.

Wenige Augenblicke später kam Mr. Quilp zurück und drückte sein höchstes Erstaunen aus, sie in dieser Verfassung vorzufinden, was er sehr natürlich und mit bewundernswertem Erfolg tat, denn derlei Verstellung war ihm durch lange Übung vertraut geworden, und er fühlte sich darin ganz zu Hause.

»Sehen Sie, Mrs. Quilp, sie ist müde«, sagte der Gnom mit einem verstohlenen fürchterlichen Blick, der ihr bedeutete, sich seiner Führung zu überlassen. »Von daheim bis zur Werft ist es ein weiter Weg, und dann hat sie der Anblick von zwei Lausebengeln aufgeregt, die sich prügelten, und außerdem hat sie das Wasser geängstigt. All das zusammen ist zu viel für sie gewesen. Arme Nell!«

Unwillkürlich griff Mr. Quilp zu dem besten Mittel, das er hätte ersinnen können, seine junge Besucherin wieder zu sich zu bringen, indem er ihr den Kopf tätschelte. Solch ein Mittel von anderer Hand hätte vielleicht keinen bemerkenswerten Erfolg gezeitigt, doch unter seiner Berührung schauderte das Kind so heftig zurück und empfand ein so instinktives Verlangen, aus seiner Reichweite zu kommen, dass es im Nu aufsprang und sagte, es wolle nach Hause gehen.

»Du solltest lieber noch warten und mit Mrs. Quilp und mir zu Mittag essen«, sagte der Gnom.

»Ich bin schon viel zu lange fort, Sir«, entgegnete Nell und trocknete sich die Augen.

»Na schön«, sagte Mr. Quilp, »wenn du gehen willst, dann gehst du eben, Nell. Hier ist die Antwort. Du brauchst nur zu sagen, dass ich ihn morgen oder übermorgen besuchen werde und dass ich die kleine Sache heute Vormittag nicht für ihn erledigen konnte. Auf Wiedersehen, Nelly. He, junger Mann, gib auf sie acht, verstanden?«

|72|Kit, der auf den Anruf erschien, hielt es für unter seiner Würde, auf eine so unnötige Ermahnung zu antworten, und nachdem er Quilp drohend angeblickt hatte, als sei er im Zweifel, ob nicht er die Ursache für Nellys Tränenerguss gewesen sei, und sich auf den bloßen Verdacht hin mehr als halb geneigt fühlte, diese Übeltat an ihm zu rächen, drehte er sich um und folgte seiner jungen Herrin, die sich unterdessen von Mrs. Quilp verabschiedet hatte und gegangen war.

»Sie sind eine begierige Fragestellerin, finden Sie nicht auch, Mrs. Quilp?«, sagte der Gnom zu ihr, sobald sie allein waren.

»Was konnte ich denn noch mehr tun?«, gab seine Frau sanft zurück.

»Was Sie noch mehr tun konnten?«, höhnte Quilp. »Hätten Sie nicht etwas weniger tun können? Hätten Sie nicht tun können, was Sie sollten, ohne in Ihrer Lieblingsrolle als Krokodil aufzutreten, Dirne?«

»Das Kind tut mir sehr leid, Quilp«, sagte seine Frau. »Gewiss habe ich schon genug getan. Ich habe sie verleitet, ihr Geheimnis zu erzählen, als sie uns allein glaubte; und Sie standen dabei. Gott verzeih mir.«

»Du sie verleitet! Du hast wahrhaftig eine Menge getan!«, sagte Quilp. »Was habe ich dir versprochen, solltest du mich nötigen, mit der Tür zu knarren? Ein Glück für dich, dass ich dem, was sie verlauten ließ, den gewünschten Anhaltspunkt entnehmen konnte; denn wäre das nicht der Fall gewesen, hätte ich den Misserfolg an dir geahndet, das kann ich dir sagen.«

Mrs. Quilp, die davon völlig überzeugt war, antwortete nicht. Ihr Gatte fügte mit einigem Frohlocken hinzu:

»Aber du kannst dich bei deinen Glückssternen bedanken – denselben Sternen, die dich zur Mrs. Quilp machten –, du kannst dich bei ihnen bedanken, dass ich dem alten Herrn auf die Spur gekommen bin und Aufschluss erhalten habe. Weder jetzt noch ein andermal will ich noch etwas von der |73|Sache hören, und bereite nichts besonders Gutes zum Mittagessen vor, denn ich werde nicht zu Hause sein.«

Mit diesen Worten setzte Mr. Quilp seinen Hut auf und machte sich davon, und Mrs. Quilp, die von der Erinnerung an die soeben gespielte Rolle über alle Maßen gepeinigt wurde, schloss sich in ihrem Zimmer ein, vergrub den Kopf im Bettzeug und beweinte ihr Vergehen bitterlicher, als viele weniger weichherzige Menschen eine größere Missetat beklagt haben würden; denn in den meisten Fällen ist das Gewissen ein dehnbarer und sehr nachgiebiger Stoff, der es verträgt, wenn er gereckt wird, und sich sehr verschiedenartigen Umständen anpasst. Manche Leute verstehen es sogar, sich durch geschickte Handhabung und indem sie es Stück für Stück ablegen wie eine Flanellweste bei warmem Wetter, im Laufe der Zeit überhaupt davon zu befreien, und es gibt andere, die das Kleidungsstück nach Belieben anlegen und von sich werfen können, und das ist die vortrefflichste und bequemste Anwendung und daher auch die beliebteste.

7. Kapitel

»Fred«, sagte Mr. Swiveller, »denk an das alte Volkslied ›Fort mit den trüben Sorgen!‹, entfache die verlöschende Flamme der Heiterkeit mit dem Fittich der Freundschaft und lass kreisen den rosichten Wein.«

Mr. Richard Swivellers Räumlichkeiten befanden sich in der Nähe der Drury Lane und hatten außer der günstigen Lage den Vorteil, über einem Tabakladen gelegen zu sein, so dass er in den Stand gesetzt war, sich jederzeit durch ein bloßes Hinaustreten auf die Treppe ein erquickendes Niesen zu verschaffen, und der Mühe wie auch der Kosten enthoben war, sich eine Schnupftabakdose zu halten. In diesen Räumen geschah es, dass Mr. Swiveller die oben aufgezeichneten Worte |74|zum Trost und zur Ermutigung seines verzagenden Freundes äußerte, und es ist vielleicht nicht uninteressant oder unpassend, wenn ich sage, dass sogar diese kurzen Bemerkungen in zwiefachem Sinn an dem blühenden und poetischen Charakter von Mr. Swivellers Geist teilhatten; denn der rosichte Wein wurde durch ein einziges Glas Gin mit kaltem Wasser vertreten, das, sobald es die Gelegenheit erforderte, aus einer Flasche und einem Krug auf dem Tisch nachgefüllt wurde und zwischen den beiden Freunden hin und her wanderte wegen des Mangels an Gläsern, der ohne Erröten eingestanden werden mag, da Mr. Swivellers Heim ein Junggesellenhaushalt war. Eine ebenso spaßige dichterische Freiheit ließ ihn sein einziges Zimmer stets im Plural bezeichnen. Zu dessen unbewohnten Zeiten hatte es der Tabakhändler in seinem Schaufenster als »Räumlichkeiten« für einen alleinstehenden Herrn annonciert, und Mr. Swiveller folgte dem Wink und verfehlte nie, von seinen Räumen, seinen möblierten Zimmern oder seinen Gemächern zu sprechen, wodurch er seinen Zuhörern den Begriff unendlicher Weitläufigkeit vermittelte und es ihrer Einbildungskraft überließ, nach Belieben durch lange, vornehme Saalfluchten zu wandeln.

Im Fluge seiner Phantasie wurde Mr. Swiveller durch ein trügerisches Stück Möbel unterstützt, das in Wahrheit eine Bettstelle war, im Aussehen jedoch einem Bücherschrank glich, einen hervorragenden Platz in seinem Zimmer einnahm und verdächtigem oder herausforderndem Gefrage Trotz zu bieten schien. Es besteht kein Zweifel, dass Mr. Swiveller diese verborgene Bequemlichkeit tagsüber unerschütterlich für einen Bücherschrank hielt und weiter nichts, dass er die Augen vor dem Bett verschloss, die Existenz von Schlafdecken entschieden leugnete und das Kopfpolster verächtlich aus seinen Gedanken verbannte. Kein Wort von seiner wirklichen Anwendung, keine Andeutung über seinen nächtlichen Dienst, keine Anspielung auf seine besonderen Eigenschaften war je zwischen ihm und seinen vertrautesten Freunden gefallen. |75|Blinder Glaube an die Täuschung war der erste Artikel seines Credos. Um Swivellers Freund zu sein, musste man den Indizienbeweis, alle Vernunft, Beobachtung und Erfahrung missachten und unbedingten Glauben in den Bücherschrank setzen. Das war seine Lieblingsschwäche, und er hegte und pflegte sie.

»Fred!«, sagte Mr. Swiveller, da er merkte, dass seine Beschwörung ohne Erfolg geblieben war. »Lass den Rosichten kreisen.«

Der junge Trent schob ihm mit einer ungeduldigen Bewegung das Glas zu und sank zurück in seine niedergeschlagene Haltung, aus der er gegen seinen Willen aufgestört worden war.

»Ich will einen der Gelegenheit angemessenen kleinen Trinkspruch auf dich ausbringen«, sagte sein Freund, während er das Gemisch umrührte. »Mai, der …«

»Pah!«, unterbrach ihn der andere. »Du langweilst mich zu Tode mit deinem Geschwätz. Du bist imstande, unter allen Umständen fröhlich zu sein.«

»Nun, Trent«, entgegnete Dick, »es gibt ein Sprichwort, in dem die Rede ist vom Fröhlichsein und vom Weisesein. Es gibt Leute, die fröhlich, aber nicht weise sein können, und es gibt andere, die können weise sein (oder glauben es wenigstens), aber nicht fröhlich. Ich gehöre zu der ersten Sorte. Wenn das Sprichwort zutrifft, ist es vermutlich immer noch besser, sich an eine Hälfte als an gar nichts zu halten; jedenfalls möchte ich lieber fröhlich und nicht weise sein, als so wie du weder das eine noch das andere.«

»Bah!«, brummte sein Freund mürrisch.

»Von Herzen gern«, sagte Mr. Swiveller. »In feinen Kreisen ist es wohl nicht üblich, so etwas zu einem Herrn in dessen eigenen Gemächern zu sagen, aber lass nur. Fühl dich wie zu Hause.« Nachdem er diesem Vorwurf noch eine Bemerkung hatte folgen lassen, dass die Stimmung seines Freundes ziemlich »angeknackst« scheine, leerte Richard Swiveller den |76|Rosichten und widmete sich der Zubereitung eines weiteren Trunkes, von dem er mit großem Wohlgefallen kostete und mit dem er dann einen Toast auf eine eingebildete Gesellschaft ausbrachte.

»Meine Herren, ich trinke, mit Verlaub, auf den Erfolg der alten Familie Swiveller und im Besonderen auf das Glück Mr. Richards – Mr. Richards, meine Herren«, sagte Dick mit großem Nachdruck, »der sein ganzes Geld für seine Freunde ausgibt und für seine Bemühungen, ›ausgebaht‹ wird. Hört, hört!«

»Dick!«, sagte der andere und ging zu seinem Platz zurück, nachdem er ein paarmal durch das Zimmer spaziert war. »Möchtest du nicht zwei Minuten ernsthaft reden, wenn ich dir einen Weg zeige, wie du mit sehr wenig Aufwand dein Glück machen kannst?«

»Du hast mir so viele gezeigt«, antwortete Dick, »und bei allen ist nichts weiter herausgekommen als leere Taschen …«

»Von diesem wirst du eine andere Geschichte erzählen, und es wird gar nicht lange dauern«, sagte sein Gefährte und zog seinen Stuhl an den Tisch. »Du hast doch meine Schwester Nell gesehen?«

»Was ist mit ihr?«, fragte Dick.

»Hat sie nicht ein hübsches Gesicht?«

»Sicher«, erwiderte Dick, »ich muss zu ihren Gunsten sagen, dass nicht übermäßig viel Familienähnlichkeit zwischen euch beiden vorhanden ist.«

»Hat sie ein hübsches Gesicht?«, wiederholte sein Freund ungeduldig.

»Ja«, sagte Dick, »sie hat ein hübsches Gesicht, ein sehr hübsches Gesicht. Was ist damit?«

»Ich werd’s dir sagen«, erwiderte sein Freund. »Es ist doch ganz klar, dass der alte Mann und ich bis an unser Lebensende miteinander in heftigem Streit liegen werden und dass ich von ihm nichts zu erwarten habe. Das siehst du wohl ein?«

»Das kann eine Fledermaus im hellen Sonnenlicht sehen«, sagte Dick.

|77|»Ebenso klar ist, dass das ganze Geld, nachdem mir der alte Geizkragen – der Henker soll ihn holen! – zuerst in Aussicht gestellt hatte, ich solle es nach seinem Tod mit ihr teilen, nur an sie kommen wird, nicht wahr?«

»Das möcht ich meinen«, antwortete Dick, »wenn nicht die Art und Weise, wie ich ihm meine Meinung über den Fall gesagt habe, Eindruck gemacht hat. Das kann durchaus sein. Es war eindringlich, Fred. ›Hier haben wir einen famosen alten Großvater‹ – ich glaube, das war überzeugend – sehr freundschaftlich und natürlich. Habe ich dir damit Eindruck gemacht?«

»Ihm hat es jedenfalls keinen gemacht«, entgegnete der andere, »deshalb brauchen wir nicht darüber zu streiten. Aber jetzt pass auf. Nell ist fast vierzehn.«

»Ein Prachtmädchen für ihr Alter, bloß klein«, bemerkte Richard Swiveller nebenbei.

»Wenn ich weiterreden soll, dann halt gefälligst eine Minute den Mund«, sagte Trent, verärgert über das sehr geringe Interesse, das der andere an dem Gespräch zu nehmen schien. »Ich komme jetzt zu dem Hauptpunkt.«

»Recht so«, sagte Dick.

»Das Mädchen hat starke Gemütsbewegungen und kann, so wie sie erzogen ist, in ihrem Alter leicht beeinflusst und überredet werden. Wenn ich sie mir vornehmen würde, brauchte ich nur ganz wenig zu schmeicheln und zu drohen, um sie meinem Willen zu beugen. Um nicht wie eine Katze um den heißen Brei zu gehen (denn man brauchte eine Woche, um alle Vorteile des Planes aufzuzählen), was sollte dich hindern, sie zu heiraten?«

Richard Swiveller, der über den Rand des Glases geblickt hatte, während sein Gefährte mit großem Nachdruck und in ernstem Ton die vorangegangenen Worte an ihn richtete, hatte sie kaum vernommen, als er äußerste Bestürzung an den Tag legte und mit großer Mühe die eine Silbe »Was?« hervorstieß.

»Ich sage, was sollte dich hindern«, wiederholte der andere |78|mit einer Festigkeit, deren Wirkung auf seinen Gefährten er durch lange Erfahrung sicher war, »was sollte dich hindern, sie zu heiraten?«

»Wo sie ›fast vierzehn‹ ist?«, rief Dick.

»Ich meine nicht, schon jetzt heiraten«, entgegnete der Bruder ärgerlich, »sagen wir in zwei, drei oder vier Jahren. Sieht der Alte aus, als ob er es noch lange machen wird?«

»Nein, so sieht er nicht aus«, sagte Dick und schüttelte den Kopf, »aber diese alten Leute – denen ist nicht zu trauen, Fred. Eine Tante von mir, da unten in Dorsetshire, die wollte schon sterben, als ich acht Jahre alt war, und hat bis heute ihr Wort nicht gehalten.

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