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Der Prinz und das Mädchen von nebenan

Jessica Hart

Der Prinz und das Mädchen von nebenan

1. KAPITEL

An: caro.cartwright@u2.com

Von: charlotte@palaisdemontvivennes.net

Betreff: Internet-Dating

Liebe Caro,

es tut mir leid, dass der Feinkostladen, in dem du so gern gearbeitet hast, pleite gegangen ist! Kein Wunder, wenn du deprimiert bist, insbesondere, da die Trennung von George auch noch nicht lange zurückliegt. Dennoch scheinst du deinen Humor nicht ganz verloren zu haben: Ich musste herzlich darüber lachen, wie du den Persönlichkeitstest auf der Internet-Dating-Seite beschrieben hast. Trotzdem würde ich eine solche Partnerbörse den Versuchen meiner Grandmère, mich unter die Haube zu bringen, bei Weitem vorziehen. Möchtest du nicht mit mir tauschen?

Lotty

An: charlotte@palaisdemontvivennes.net

Von: caro.cartwright@u2.com

Betreff: Tauschen

Nur zu gern, wenn dich mein aufregendes Leben reizt: Ich jobbe vorübergehend bei einer Versicherung und erstelle gerade mein Profil für eine andere Singlebörse. Nach dem katastrophalen Ergebnis des Tests, von dem ich dir geschrieben habe, musste ich mir ein neues Dating-Portal suchen.

Für mich wäre es natürlich ein großes Opfer, deinen Platz einzunehmen: mit einer – wenn auch furchteinflößenden – Großmutter in einem Palast zu leben, die mich mit attraktiven Prinzen verkuppeln will … Aber für dich tue ich alles! Nenne mir Zeit und Ort, und ich lebe zur Abwechslung einmal wie eine Prinzessin … Das bringt mich übrigens auf eine Idee für mein neues Profil.

Caro

„Prinzessin sucht Frosch: lebenslustige, üppige Brünette, 28, hält Ausschau nach dem Einen für gute und schlechte Zeiten.“

„Was hältst du davon?“ Caro las ihrer Freundin, die auf dem Sofa lag und interessiert im Glitz-Magazin blätterte, die Überschrift über ihrem neuen Profil vor.

„Gar nichts! Ich verstehe nicht, was du damit ausdrücken willst“, kritisierte Stella den Slogan.

„Dass ich einen ganz normalen Mann suche, keinen Märchenprinzen. Ist das nicht offensichtlich?“

„Überhaupt nicht! Du darfst nicht zu geheimnisvoll oder geistreich schreiben – das mögen Männer nicht.“

„Ist das kompliziert!“ Aufstöhnend wandte Caro sich wieder ihrem Computer zu und löschte den Text. „Und was meinst du zu ‚üppig‘? Klingt das nicht, als wäre ich dick? Dass ich superschlank bin, kann ich leider nicht behaupten, spätestens bei der ersten Verabredung kommt die Wahrheit ans Licht. Es ist sicher besser, im Profil nicht zu lügen.“

„Dann streich das ‚lebenslustig‘ – das hört sich an, als wärst du zu allem bereit.“

„Genau so ist es! Ich will mich verändern. Mit Vernunft bin ich bei George nicht weit gekommen.“

Stattdessen wollte Caro werden wie die immer gut aufgelegte Melanie mit den sexy Augenaufschlägen und den tief ausgeschnittenen Tops, die ihr ihren ruhigen, besonnenen Freund ausgespannt hatte.

„Wenn ich verrate, wonach ich wirklich suche, bittet mich ohnehin keiner um ein Date“, fügte sie düster hinzu.

„Blödsinn! Schreib, dass du nett und großzügig bist, eine tolle Köchin – das wäre ehrlich.“

„Männer stehen nicht auf nett! Sie suchen temperamentvolle, sexy Frauen.“

„Dann zieh dir erst einmal etwas anderes an!“ Stella musterte ihre Freundin kritisch. „Ich weiß, dass du auf den Vintage-Look stehst, aber ein Häkeltop …?“

„Es ist ein Original aus den Siebzigern.“

„Und war schon damals scheußlich!“

Caro schwieg leicht gekränkt. Zu dem beanstandeten Top trug sie einen Minirock im Schottenkaro aus den Sechzigern und knallrote Pumps. Zugegeben, gelegentlich vergriff sie sich bei ihren Kombinationen, doch speziell mit ihrem heutigen Outfit war sie ausgesprochen zufrieden.

Seufzend wandte sie sich wieder ihrem Laptop zu. „Und wie wäre es mit: ‚Experiementierfreudige Köchin sucht Feinschmecker‘?“

„Dann melden sich nur Männer, die erwarten, dass das Abendessen auf dem Tisch steht, sobald sie nach Hause kommen – Typen wie George.“ Als Stella sah, wie ihre Freundin betroffen zusammenzuckte, fuhr sie in sanfterem Ton fort: „Ich weiß, die Trennung hat dich verletzt. Aber sei ehrlich, er war nicht der Richtige für dich.“

„Du hast recht“, stimmte Caro ihr seufzend zu. „Ich gebe mir ja alle Mühe weiterzumachen, oder etwa nicht?“ Sie löschte den letzten Satz. „Partnersuche über das Internet ist schrecklich deprimierend. Früher ging das viel einfacher! Was ist in den fünf Jahren, in denen ich mit George zusammen war, mit all den männlichen Singles passiert? Sind sie in einer Art Bermudadreieck verschollen?“

„Genau. Man nennt es auch Ehe.“ Stella griff wieder nach der Zeitschrift. „Wieso suchst du überhaupt in Ellerby nach einem Partner? Lass dich doch von deiner Freundin Lotty mit einem reichen Mann zusammenbringen, der es sich leisten kann, dich in Nobelrestaurants auszuführen.“

Caro dachte an die E-Mail ihrer Freundin und lachte. „Schön wär’s. Als Prinzessin sollte sie eigentlich ein fantastisches, glamouröses Leben führen, aber ihre Großmutter bevormundet sie total. Anscheinend sucht sie ihr gerade einen passenden Ehemann aus. Wie würde dir das gefallen? Da bleibe ich lieber beim Internet-Dating!“

„Wenn er so aussieht wie der, mit dem Lotty derzeit ausgeht, hätte ich nichts dagegen. Vor einem Moment noch habe ich das Foto gesehen. Ihre Großmutter hat jedenfalls Geschmack, ich hätte nichts dagegen, von ihr verkuppelt zu werden.“

Überrascht sah Caro auf. „Lotty hat einen Freund? Davon hat sie nichts geschrieben! Wer ist es?“

„Augenblick, ich suche noch.“ Konzentriert blätterte Stella Seite für Seite um. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass du mit einer echten Prinzessin befreundet bist. Wieso durfte ich nicht auch eine Eliteschule besuchen?“

„Es hätte dir nicht gefallen. Wenn du einen Titel, eine blonde Lockenmähne oder ein eigenes Pony hast, ist es ganz nett dort, aber die Tochter einer Lehrerin und des Hausmeisters nimmt niemand wahr.“

„Nur Lotty.“

„Sie war ebenfalls eine Außenseiterin. Übergewichtig, mit Sommersprossen und Zahnspange – Lotty hat obendrein gestottert –, hielten wir vom ersten Tag an zusammen.“

„Inzwischen sieht sie hinreißend aus … hier ist das Bild. Ihr Kleid ist ein Traum!“ Laut las sie die Bildunterschrift auf der Party-Seite: „Prinzessin Charlotte von Montluce in Begleitung von Prinz Philippe auf dem Nightingale Ball. Erst kürzlich in seine Heimat zurückgekehrt, trat der lange Zeit verschollene Thronfolger von Montluce bei dem Ball zum ersten Mal öffentlich an der Seite der Prinzessin auf. Aus gut unterrichteten Kreisen wird berichtet, die beiden wären unzertrennlich. Eine Verlobung noch in diesen Sommer gilt als wahrscheinlich.“

„Lass sehen!“ Caro riss Stella das Magazin aus den Händen und betrachtete skeptisch die Seite. „Lotty und Philippe? Das glaub ich nicht!“

Doch er war es unverkennbar. Als sie ihn kennengelernt hatte, war er siebzehn Jahre alt gewesen, ein Junge erst, doch sein umwerfendes Äußeres und sein Hang zum Leichtsinn hatten sie zutiefst verstört. Dreizehn Jahre später wirkte er größer und muskulöser, doch ebenso schlank und gefährlich wie früher. Er blickte mit derselben kühlen Arroganz und demselben sardonischen Lächeln in die Kamera, die ihr bereits mit fünfzehn den Atem geraubt hatten.

„Du kennst ihn?“, fragte Stella begeistert.

„Nicht wirklich. Ich durfte Lotty einmal in den Sommerferien in die Villa ihrer Familie in Frankreich begleiten. Er hielt sich mit seiner Clique ebenfalls dort auf. Es war kurz vor Dads Tod, daher ist mir nicht viel aus der Zeit im Gedächtnis haften geblieben. Ich weiß nur noch, dass ich mir völlig fehl am Platz vorkam und Philippe mich eingeschüchtert hat.“

Im Geist sah sie ihn wieder vor sich, lang ausgestreckt auf einer Liege neben dem riesigen Pool, umgeben von schlanken, hübschen Mädchen in winzigen Bikinis. Sie hatte sich mit Lotty in den Schatten zurückgezogen und sich nicht getraut, in ihrem langweiligen Badeanzug ins Wasser zu gehen, solange er in der Nähe war.

„Abends ist er immer mit seinen Freunden ausgegangen. Sie haben jeden erdenklichen Unfug angestellten, es gab Ärger, und der eine oder andere wurde für eine Weile nach Hause geschickt.“

„Wie aufregend! Hast du mitgemacht?“, fragte Stella neidisch.

Caro schüttelte lachend den Kopf. „Das hätten Lotty und ich nie gewagt. Philippe hat uns ohnehin nicht wahrgenommen. Obwohl – gerade fällt es mir wieder ein –, als mein Dad ins Krankenhaus gekommen ist, war er sehr freundlich zu mir. Er sagte, es tue ihm leid, und lud mich ein, ihn und seine Freunde am Abend zu begleiten. Das hatte ich ganz vergessen.“

Erneut betrachtete sie das Foto und versuchte, den Jungen von damals in dem Mann von heute zu erkennen. Seltsam, dass sie sich an seine Freundlichkeit erinnerte. Fast alle anderen Eindrücke aus jener Zeit hatte die Sorge um ihren Vater ausgelöscht.

„Bist du mitgegangen?“

„Nein, ich konnte nur an Dad denken. Außerdem hätte ich mich sowieso nicht getraut. Sie waren eine wilde Bande, und Philippe war der Schlimmste von allen, ein richtiger Teufelsbraten. Sein älterer Bruder Etienne soll allerdings sehr nett gewesen sein. Er kam bei einem Wasserskiunfall ums Leben. Philippe verschwand kurz darauf. Lotty erwähnte einmal, er hätte jeden Kontakt zu seinem Vater abgebrochen und lebte in Südamerika. Niemand ahnte damals, dass sein Vater eines Tages König von Montluce sein würde. Wie seltsam, dass er nicht früher zurückgekehrt ist! Vielleicht war er zu beschäftigt damit, Unsinn anzustellen und sein Erbe durchzubringen.“

„Lotty könnte dich mit einem seiner reichen Freunde bekannt machen.“

„Ich fürchte, ich passe nicht zum Jetset.“

Stella musterte die Freundin kritisch. „In diesem Häkeltop bestimmt nicht!“

„Ganz zu schweigen von den sechs überflüssigen Pfunden auf meinen Rippen.“ Caro gab Stella die Zeitschrift zurück. „Außerdem kann ich mir nichts Schlimmeres vorstellen, als in solchen Kreisen zu verkehren. Ständig muss man perfekt gestylt sein und gelangweilt dreinschauen, weil es uncool ist, Freude zu zeigen. Und um gertenschlank zu bleiben, darf man von den Köstlichkeiten in den Nobellokalen nichts essen.“

„Lotty scheint das nicht zu stören“, wandte Stella nach einem weiteren Blick auf das Foto ein.

„Sie zeigt nicht, was sie wirklich denkt. Als Prinzessin muss sie ständig lächeln, ob sie sich langweilt, elend fühlt oder am Ende ihrer Kräfte angelangt ist. Sie ist eine wunderbare Frau, hat aber keine Gelegenheit, zu sich selbst zu finden oder Leute zu treffen, die sich für sie als Menschen und nicht als Prinzessin interessieren.“

Jetzt wandte sie sich wieder dem Computer zu und öffnete Lottys letzte Mail. Wieso nur hatte sie nichts von Philippe erwähnt?

An: charlotte@palaisdemontvivennes.net

Von: caro.cartwright@u2.com

Betreff: ???

Was ist mit dir und Philippe???

Die Antwort traf am nächsten Morgen ein.

An: caro.cartwright@u2.com

Von: charlotte@palaisdemontvivennes.net

Betreff: Re: ???

Grandmère versucht wieder ihre alten Tricks, doch diesmal ist es ihr todernst. Die Situation wird allmählich unerträglich, ich bin der Verzweiflung nahe!

Als wir über einen Rollentausch gescherzt haben, hast du geschrieben, du würdest alles für mich tun. Ich hoffe, du hast es ernst gemeint, denn mir ist eine Idee gekommen, wie du mir helfen kannst. Gern würde ich sie dir selbst erklären, doch das geht nicht am Telefon, und ich kann Montluce im Moment nicht verlassen. Da Philippe sich gerade in London aufhält, habe ich ihm deine Telefonnummer gegeben. Er wird sich mit dir in Verbindung setzen und dir meinen Plan darlegen, von dem wir alle drei profitieren können!

Lxxx

Verwirrt las Caro die Nachricht immer wieder durch. Was meinte Lotty nur, und inwiefern hatte Philippe damit zu tun? Wie sollte ausgerechnet er ihr helfen können? Sollte er George dazu bringen, Melanie den Laufpass zu geben und zu ihr zurückzukehren? Oder würde er die Bank veranlassen, dem Feinkostladen, in dem sie gearbeitet hatte, einen neuen Kredit zu gewähren?

Und worin bestanden seine Probleme? Litt er unter zu viel Geld oder zu vielen schönen Frauen?

Der bloße Gedanke, ein leibhaftiger Prinz würde sie anrufen, versetzte sie in helle Aufregung. Wie sollte sie reagieren? Sollte sie ganz lässig sagen: „Hallo! Lotty hat erwähnt, dass Sie sich melden wollen.“

Was hat sie ihm über mich erzählt? überlegte sie. Hoffentlich nicht die Wahrheit, denn dann wüsste er, wie durchschnittlich und langweilig sie war.

Gleich darauf beruhigte sie sich selbst. Es war gleichgültig, was er von ihr hielt. Sie lebte gern in Ellerby und hegte keinen übertriebenen Ehrgeiz. Alles, was sie sich wünschte, waren ein Zuhause, ein Ehemann, ein angenehmer Job, eine eigene Küche und eine Familie, für die sie kochen konnte – das war doch nicht zu viel verlangt?

Philippe entstammte einer anderen Welt, in der es von Luxusjachten, Designerkleidung und dergleichen nur so wimmelte – alles Dinge, aus denen sie sich nichts machte, abgesehen von den Sternerestaurants. Sie hatte eine Schwäche für gutes Essen. Ansonsten war sie zufrieden mit ihrem Leben – oder wäre es gewesen, wenn nicht George sie wegen Melanie verlassen hätte und ihr Arbeitgeber pleite gegangen wäre.

Ich könnte mich ihm auch als Karrierefrau präsentieren, die millionenschwere Verträge abschließt, von hartnäckigen Verehrern belagert wird und daher nur wenig Zeit für einen Playboyprinzen aufbringen kann? grübelte sie weiter.

Sicher wäre er überrascht, wie gut sich die linkische Fünfzehnjährige gemacht hat! Gleich darauf verwarf sie die Idee. Wahrscheinlich erinnerte er sich ohnehin nicht mehr an sie. Und wieso sollte sie mehr scheinen wollen, als sie war?

Dennoch sah sie dem bevorstehenden Gespräch hochgradig nervös entgegen. Sie sehnte seinen Anruf herbei, damit sie ihn endlich hinter sich bringen konnte. Das Telefon schwieg jedoch hartnäckig. Als es schließlich irgendwann klingelte, erschrak sie zutiefst. In ihrer Hektik fiel ihr sogar der Hörer aus der Hand. Leider war nur Stella am Apparat, die sich danach erkundigte, ob Philippe sich bereits gemeldet habe. Ihre Antwort fiel entsprechend aus, worüber sie sich im Nachhinein ärgerte.

Schließlich ging es nur um Philippe, einen Prinzen zwar, doch was hatte er jemals getan, als auf Partys zu gehen und cool auszusehen? Das beeindruckt mich nicht, dachte sie, ertappte sich jedoch kurz darauf dabei, wie sie ihr Aussehen im Spiegel überprüfte und Lippenstift auflegte, als könne er sie durchs Telefon hindurch sehen.

Oder als wäre sie ihm nicht absolut gleichgültig.

Doch er rief nicht an. Am Samstagabend überlegte Caro, ob Lotty ihn missverstanden hatte, oder, was sie für wahrscheinlicher hielt, ob er keine Zeit auf das verschwenden wollte, worum er gebeten worden war.

Auch gut, dachte sie. Dann würde sie eben abwarten, bis Lotty sich das nächste Mal meldete.

Es war ein herrlicher Sommerabend, viel zu schade, um zu Hause zu bleiben. Leider hatte sie keine Verabredung getroffen, außerdem fehlte ihr das nötige Geld zum Ausgehen. Nicht einmal ein Glas Wein konnte sie sich gönnen, Stella und sie hatten mit einer Diät begonnen und jeglichen Alkohol aus der gemeinsamen Wohnung verbannt.

Da ihr keine bessere Beschäftigung einfiel, klappte sie ihren Laptop auf und loggte sich bei right4u.com ein. Erst gestern war ihr sorgfältig erstelltes Profil, zusammen mit dem schmeichelhaftesten Foto, das sie hatte auftreiben können, bei der Internetpartnerbörse freigeschaltet worden, und tatsächlich hatten bereits zwei Männer darauf reagiert. Die erste der beiden Nachrichten stammte von einem Sechsundfünfzigjährigen, der behauptete, „im Herzen jung geblieben“ zu sein, und damit prahlte, noch über alle Zähne und volles Haar zu verfügen – beides wenig sehenswert, wie sie bei einem Blick auf sein Foto feststellte.

Die zweite kam von einem Mann, der kein Bild beigefügt hatte. Dass er sich den Spitznamen Mr Sexy zugelegt hatte, erfüllte Caro mit großer Skepsis. Außerdem stimmten sie in ihren Interessen lediglich zu sieben Prozent überein. „Ich suche eine Seelenverwandte. Ruf mich an und lass uns ein gemeinsames Leben beginnen“, hatte er geschrieben.

Bestimmt nicht! dachte sie.

Deprimiert und gelangweilt stand sie auf und ging in die Küche. Sie hatte an diesem Tag bisher ausschließlich von Salat gelebt und war entsprechend hungrig und schlecht gelaunt.

Zum Glück fand sie in Rekordzeit Stellas Geheimvorrat an Keksen. Gerade biss sie in das dritte Plätzchen, als es an der Tür klingelte. Es war bereits zwanzig Uhr, eine ungewöhnliche Zeit für Besuch – zumindest in Ellerby.

Egal, dachte sie. Langweiliger als ihre möglichen Partner auf right4u.com konnte niemand sein. Rasch schob sie sich den restlichen Keks in den Mund, eilte zur Tür und öffnete.

Vor ihr stand Prinz Philippe Xavier Charles de Montvivennes.

Vor Schreck verschluckte Caro sich, hustete und sprühte dabei Kekskrümel auf sein Jackett.

Ohne mit den Wimpern zu zucken, wischte er die Krümel beiseite. Lediglich das Lächeln auf seinen Lippen geriet für einen winzigen Augenblick ins Wanken.

„Caro Cartwright?“ Der olivfarbenen Teint und das glänzend schwarze Haar wiesen ihn als Südeuropäer aus, doch er sprach perfekt und akzentfrei Englisch – auch er hatte in England die Schule besucht. Aus überraschend hellen Augen betrachtete er Caro kühl und durchdringend.

Immer noch hustend, die Augen voller Tränen, klopfte Caro sich auf die Brust. „Ja, die bin ich“, stieß sie nach einer ganzen Weile mühsam hervor.

Um Himmels willen, dachte Philippe, dem es nur mit Mühe gelang, seine Enttäuschung zu verbergen. Lotty hatte behauptet, Caro wäre wunderbar und perfekt geeignet für ihren Plan. Von wegen! Er hatte eine zarte, distinguierte, elegante junge Dame erwartet, stattdessen bespuckte ihn eine seltsam gekleidete Gestalt mit aufreizenden Kurven zur Begrüßung mit Krümeln. Leuchtend blaue Augen unter dunklen Brauen und volles braunes Haar, das anscheinend auch durch Haarklammern nicht zu bändigen war, ließen sie gleichzeitig chaotisch und warmherzig wirken. Gekrönt wurde ihr Auftritt durch eine lilafarbene Leinenbluse, die möglicherweise vor vierzig Jahren aktuell gewesen war und vermutlich schon damals als hässlich gegolten hatte.

Drauf und dran, auf dem Absatz kehrtzumachen und nach London zurückzufliegen, fiel Philippe im letzten Moment seine Cousine wieder ein. Bei ihrem letzten Zusammentreffen war sie völlig verzweifelt gewesen. Sie hatte nicht geweint, doch ihr trauriger Blick und die Art, wie sie die Lippen zusammengepresst hatte, waren ihm ans Herz gegangen.

„Caro wird uns helfen“, hatte sie ihm im Brustton der Überzeugung versichert. „Das ist meine einzige Chance, Philippe. Bitte sag, dass du es tust!“

Also hatte er es ihr versprochen. Jetzt musste er zu seinem Wort stehen.

Verdammt!

Er setzte sein – wie ihm mehr als eine Frau versichert hatte – unwiderstehlichstes Lächeln auf. „Ich bin Lottys Cousin, Ph…“, begann er, doch Caro unterbrach ihn.

„Ich weiß, wer Sie sind“, sagte sie, offensichtlich unbeeindruckt von seinem Lächeln. „Was machen Sie hier?“

Einen Moment schwieg er verwirrt. „Hat Lotty mich nicht angekündigt?“

„Sie hat gesagt, Sie würden anrufen“, kam die Antwort in vorwurfsvollem Ton.

„Ich hielt es für einfacher, Ihnen Lottys Plan persönlich zu erklären“, konterte er hoheitsvoll.

Einfacher für dich vielleicht, dachte sie. Schließlich war nicht er ohne eine Spur von Make-up im Gesicht, dafür mit einem Keks im Mund, von einem attraktiven Mann überrascht worden.

Sie hatte geglaubt zu träumen, als der überaus elegant gekleidete Prinz auf ihrer Türschwelle stand. Er schien direkt den Seiten des Glitz-Magazin entsprungen, war groß und sonnengebräunt und von einer undefinierbaren Aura von Reichtum, Glamour und rotem Teppich umgeben.

Er ist nichts weiter als ein verwöhnter Playboy, versuchte sie sich einzureden. Zeichen von Verweichlichung entdeckte sie an ihm jedoch nicht. Weder die Linien um seinen Mund noch die ausgeprägten Wangenknochen oder das markante Kinn ließen darauf schließen. Der schlanke muskulöse Körper zeugte nicht von Maßlosigkeit, in den kalten hellen Augen fand sich keine Spur von Nachgiebigkeit.

Sie ertappte sich dabei, wie sie ihn stumm und staunend anstarrte, und sah rasch beiseite. „Sie hätten anrufen sollen. Es ist Samstag, es hätte sein können, dass ich ausgehe.“

„Haben Sie das vor?“ Skeptisch ließ er den Blick über sie gleiten, worauf sie trotzig das Kinn hob.

„Zufällig nicht.“

„Vielleicht darf ich hereinkommen und Ihnen erklären, worum Lotty Sie bittet. Oder möchten Sie die Unterhaltung auf der Türschwelle führen?“

Ihre Freundin hatte sie für einen Moment ganz vergessen. Unwillkürlich presste Caro kurz die Lippen aufeinander. „Nein, natürlich nicht.“

Auf der Straße parkte eine schwarze Limousine mit verdunkelten Fenstern, die sicher bald die Aufmerksamkeit der Nachbarn auf sich ziehen würde. Rasch trat sie einen Schritt zurück und hielt ihm die Tür auf. „Treten Sie bitte ein.“

Der Flur war schmal, und sie hielt den Atem an, als Philippe an ihr vorüberging. Vermutlich war das der Auslöser für den leichten Schwindelanfall und die Luftnot, unter denen sie plötzlich litt. Er bewegte sich mit der Anmut eines schwarzen Panthers. Geschmeidig glitt er an ihr vorüber und wirkte dabei überraschend groß, kräftig und überwältigend männlich.

Sie führte ihn ins Wohnzimmer. Dort herrschte zwar ein schreckliches Chaos, doch da er nicht den Anstand besessen hatte, seinen Besuch anzukündigen, konnte er sich darüber kaum beschweren.

Philippe blickte sich voll Abscheu in dem kleinen Raum um. Nie zuvor hatte er eine solche Unordnung gesehen. Über den Heizkörpern hingen Strumpfhosen zum Trocknen. Kleider, Schuhe, Bücher und dergleichen lagen auf dem Teppich verstreut, auf einem Couchtisch, zwischen Kosmetika, Ladegeräten, Zeitschriften und nur teilweise geleerten Tassen, stand ein geöffneter Laptop.

Diese Frau unterschied sich drastisch von Lottys anderen Freundinnen, die durchweg kultiviert, elegant und stets makellos gekleidet waren und auf den Gütern ihrer Familien oder in geräumigen Apartments in New York, London oder Paris lebten. Das hätte er bereits ahnen müssen, als der Wagen in ihre Straße einbog, in der sich ein bescheidenes Häuschen an das andere reihte. Was hat Lotty sich nur dabei gedacht?

„Möchten Sie eine Tasse Tee?“, bot Caro ihm höflich an.

Um acht Uhr abends? Wer, um Himmels willen, trank um diese Zeit Tee? Er unterdrückte nur mit Mühe ein Stöhnen.

„Haben Sie nichts Stärkeres?“

„Hätten Sie Ihr Kommen angekündigt, hätte ich meine Champagnervorräte aufgestockt. So kann ich Ihnen leider nur Kräutertee anbieten.“

Für einen Moment entglitten dem ansonsten kaum zu erschütternden Philippe die Gesichtszüge, und Caro fuhr voller Schadenfreude fort: „Sie haben die Wahl zwischen Ginkgo-, Brennessel- oder Disteltee …“

Nun erst erkannte er, dass sie sich über ihn lustig machte. „Was immer Sie nehmen“, erwiderte er und ärgerte sich sofort darüber, wie steif und förmlich seine Worte klangen. Normalerweise war er lässig und entspannt, doch etwas an dieser sonderbar gekleideten Frau raubte ihm die Fassung. Hinzu kam, dass er sich in ihrer Welt, in der die ihm geläufigen Gewohnheiten nicht galten, unsicher fühlte.

Er könnte in diesem Moment in einer eleganten Bar sitzen und Cocktails mit einer Schönheit genießen, die die Spielregeln kannte. Stattdessen befand er sich in dieser winzigen Wohnung, wo ihm nur Tee angeboten wurde – noch dazu Kräutertee! –, von einem Mädchen, das sich über ihn lustig machte.

„Dann mache ich Johanniskrauttee“, kündigte sie fröhlich an. „Nehmen Sie Platz, ich bin gleich zurück.“

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