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Der Prinz, der mich verführte

1. KAPITEL

Vermutlich hätte Ann Richardson dankbar dafür sein müssen, dass die Interpolagenten sie nicht einer Leibesvisitation unterzogen und in Handschellen abgeführt hatten. Doch nach sechs Stunden in dem kleinen, stickigen Befragungszimmer der Bundesbehörde war sie mit ihrer Geduld trotzdem am Ende.

Agentin Heidi Shaw kehrte gerade mit einem halb vollen Kaffee­becher in der Hand und einem Ordner unter dem anderen Arm zurück. Agent Shaw spielte den bösen und Agent Fitz Lydall, dessen Aussehen Ann unwillkürlich an eine untersetzte Bulldogge denken ließ, den guten Cop.

Da Ann bereits einige Detektivfilme gesehen hatte, wusste sie genau, worauf die beiden aus waren. Allerdings machte die Tatsache, dass Ann unschuldig war, den Agenten einen Strich durch die Rechnung, denn Psychotricks und Fangfragen führten nicht zu dem gewünschten Erfolg – Ann tat ihnen nicht den Gefallen und gestand, dass sie gerade im Begriff war, eine gestohlene antike Statue im Auftrag ihres Arbeitgebers, des Waverly Auktionshauses, zu verkaufen.

Vor einigen Monaten hatte sie zum ersten Mal von Rayas’ Goldherz-Statue gehört. Um 1700 hatte König Hazim Bajal drei solcher Statuen in Auftrag gegeben, die seinen drei Töchtern Glück bringen sollten. Eine dieser Statuen war noch im Besitz der Familie Bajal, eine andere ging angeblich bei dem Untergang der Titanic verloren, und die dritte war vor fünf Monaten aus dem Palast von Raif Khouri, des Kronprinzen von Rayas, entwendet worden.

Prinz Raif war fest davon überzeugt, dass Roark Black die Statue im Auftrag von Waverlys gestohlen hatte – eine ungeheuerliche Anschuldigung. Doch der Kronprinz war ein mächtiger und zu allem entschlossener Mann, der sich sogar nicht davor scheute, Interpol und FBI zur Wahrung seiner Interessen einzuschalten.

Heidi legte den Ordner auf den Schreibtisch und setzte sich auf den Metallstuhl gegenüber von Ann. „Erzählen Sie mir von Dalton Rothschild.“

„Lesen Sie denn keine Zeitung?“, fragte Ann zurück, um etwas Zeit zu gewinnen. Dalton war der Chef vom Auktionshaus Rothschild, Waverlys Konkurrent.

„Ich habe gehört, dass Sie beide sich sehr nahegestanden haben sollen.“

„Wir sind Freunde gewesen“, erwiderte Ann. „Die Betonung liegt auf dem Wort gewesen.“ Sie würde Dalton sein hinterhältiges Verhalten sowie die Tatsache, dass er ihren guten Ruf als Geschäftsfrau gefährdet hatte, niemals verzeihen. Es war eine Sache, Lügen über eine vermeintliche Affäre zu verbreiten, doch eine ganz andere, Anns Integrität in Zweifel zu ziehen.

„Freunde?“, hakte Heidi skeptisch nach.

„Sie lesen also die Zeitung.“

„Ich lese alles. Deswegen weiß ich auch, dass Sie nie bestritten haben, eine Affäre mit Dalton gehabt zu haben.“

„Möchten Sie gerne, dass ich das bestreite?“

„Ich möchte, dass Sie meine Frage beantworten.“

„Das habe ich bereits“, entgegnete Ann.

„Warum weichen Sie meinen Fragen so aus?“

Unbehaglich rutschte Ann auf dem unbequemen Metallstuhl hin und her. Sie war einfach nur ehrlich, doch die Fragen der Agentin behagten ihr ganz und gar nicht. „Wir sind Freunde gewesen. Er hat Lügen über mich verbreitet. Wir sind nicht länger miteinander befreundet.“

Heidi erhob sich.

Zu gern hätte Ann es ihr gleichgetan, doch jedes Mal, wenn sie den Versuch unternommen hatte aufzustehen, hatte man sie barsch aufgefordert, gefälligst sitzen zu bleiben. Allmählich begannen ihre Beine einzuschlafen und ihr Po zu schmerzen.

„Wo ist die Statue?“, fragte Heidi.

„Ich weiß es nicht.“

„Wo ist Roark Black?“

„Ich habe keine Ahnung.“

„Aber er arbeitet doch für Sie.“

„Er arbeitet für Waverlys.“

„Wortklauberei“, erwiderte Heidi lächelnd.

„Wohl kaum – es ist vielmehr die Wahrheit. Ich weiß nicht, wo er ist.“

„Sie wissen, dass Sie sich strafbar machen, wenn Sie Interpol belügen.“

„Und Sie wissen, dass ich jederzeit einen Reporter der New York Times anrufen könnte.“

Heidi stützte sich auf dem Tisch ab und beugte sich vor. „Soll das etwa eine Drohung sein?“

Da Ann klar wurde, wie dicht sie davor stand, endgültig die Geduld zu verlieren und sich um Kopf und Kragen zu reden, beschloss sie zu handeln. „Ich würde gerne meinen Anwalt anrufen.“

„Das sagen schuldige Menschen immer.“

„Das sagen Frauen, denen man seit fünf Stunden verbietet, auf die Toilette zu gehen.“

„Ich kann Sie vierundzwanzig Stunden festhalten“, erklärte Heidi und grinste selbstsicher.

„Ohne mich auf die Toilette zu lassen?“

„Nehmen Sie diese Angelegenheit hier etwa auf die leichte Schulter?“

„Ich finde die ganze Situation einfach nur lächerlich. Ich habe bereits sechsmal auf all Ihre Fragen geantwortet. Roark Black genießt mein volles Vertrauen. Die Statue, die bei Waverlys versteigert werden soll, ist nicht die aus dem Palast von Rayas. Waverlys handelt nicht mit Hehlerware.“

„Sie haben also die Titanic geborgen?“

„Ich habe keine Ahnung von den Umständen, unter denen Roark an die Statue gelangt ist, ich weiß nur, dass es sich auf keinen Fall um die gestohlene handelt.“

Außerdem hatte Roark eine Vertraulichkeitserklärung unterschrieben, in der er dem geheimnisvollen Besitzer der Statue versichern musste, seine Identität um jeden Preis zu bewahren. Verstieß er gegen diese Abmachung, würde er seine eigene Karriere und den Ruf von Waverlys zerstören. Noch nicht einmal Ann gegenüber konnte er etwas verraten.

„Gibt es Beweise dafür?“, wollte Heidi wissen.

„Kann ich meinen Anwalt anrufen?“, konterte Ann.

„Sie wollen es also wirklich auf die harte Tour, ja?“ Heidi atmete tief aus.

Allmählich war es um Anns Geduld endgültig geschehen. „Wollen Sie eigentlich Karriere machen?“

Fragend runzelte Heidi die Stirn.

„Dann sollten Sie sich endlich mal nach einem neuen Verdächtigen umsehen“, fuhr Ann fort. „Denn weder ich noch Roark Black sind schuldig. Vielleicht ist es ja Dalton. Der hat weiß Gott ein Motiv, Waverlys in Misskredit zu bringen. Doch falls er es wirklich war, dann habe ich nichts davon gewusst – und geholfen habe ich ihm auch nicht. Und von nun an werde ich nichts mehr sagen. Sie werden kein weiteres Wort mehr aus mir herausbekommen. Wenn Sie unbedingt eine Heldin sein wollen, dann sollten Sie endlich aufhören, mich zu verdächtigen und den wahren Täter ausfindig machen.“

Einen Augenblick lang sah Heidi sie sprachlos an. „Eine ziemlich beeindruckende Rede.“

Ann verkniff es sich, sich dafür zu bedanken.

„Allerdings sind ja die meisten Lügner gute Redner“, meinte die Agentin.

Falls man mir weiterhin verweigert, auf die Toilette zu gehen und meinen Anwalt anzurufen, dachte Ann entschlossen, dann gehe ich mit dieser Geschichte wirklich an die New York Times.

Kronprinz Raif Khouri war am Ende seiner Geduld angelangt. Zwar hatte er keine Ahnung, wie man in Amerika Nachforschungen anstellte, aber in seinem Land wäre Ann Richardson schon längst im Gefängnis gelandet. Nach ein paar Tagen würde sie dann darum betteln, ein Geständnis abzulegen.

Er hätte sie letzten Monat festnehmen lassen sollen, als sie in Rayas gewesen war. Allerdings hätte er sicherlich einen internationalen Konflikt heraufbeschworen, wenn er ihr Visum ausgesetzt und sie inhaftiert hätte. Außerdem hatte er zu jenem Zeitpunkt genauso viel Wert auf ihre Abreise gelegt wie Ann selbst.

„Eure Königliche Hoheit?“, fragte eine Stimme über das Interkom der Gulfstream. „Wir landen in paar Minuten in Teterboro.“

„Danke, Hari“, erwiderte Raif und streckte sich in dem weißen Ledersessel, um den Blutkreislauf in seinen Beinen wieder anzuregen.

„Ich kann dir die Stadt gerne zeigen, wenn wir da sind“, bot Raifs Cousin Tariq an, während er durch das Fenster die Skyline von Manhattan betrachtete. Er hatte drei Jahre lang an der Harvard Universität Jura studiert.

Raifs Vater, König Safwah, war überzeugt davon, dass eine internationale Erziehung der weitläufigen königlichen Familie das Königreich Rayas stärken würde. Raif selbst hatte zwei Jahre in Oxford verbracht, wo er sich dem Studium der Geschichte und Politik gewidmet hatte. Zwar hatte er zahlreiche europäische und asiatische Länder besucht, aber dieses war seine erste Reise nach Amerika.

„Wir sind aber nicht zum Sightseeing hier“, widersprach Raif.

Doch sein Cousin lächelte nur vielsagend. „Amerikanische Frauen sind aber nicht wie unsere in Rayas.“

„Und wir sind auch nicht hier, um Frauen hinterherzujagen.“ Nun, zumindest nur einer. Im Grunde waren sie ausschließlich hierhergeflogen, um eine bestimmte Frau ausfindig zu machen – und sie zum Reden zu bringen.

„Dort gibt es ein tolles Restaurant, von dem aus man einen großartigen Blick auf den Central Park hat, und …“

„Willst du, dass ich dich wieder nach Hause schicke?“, fragte Raif drohend.

„Ich wollte dich doch nur aufheitern.“

„Wir sind aber hier, um die Goldherz-Statue zu finden“, stellte Raif klar.

„Wir müssen aber auch was essen.“

„Wir müssen uns auf das Wesentliche konzentrieren.“

„Und das können wir viel besser mit etwas glasiertem Lachs und Matsutake-Pilzen.“

„Du hättest besser Prozessanwalt werden sollen“, meinte Raif und legte den Sicherheitsgurt an, als das Fahrwerk der Maschine ausgefahren wurde. Seit ihrer Kindheit war er mit Tariq befreundet und konnte sich nicht daran erinnern, seinen Cousin jemals in einem Wortgefecht geschlagen zu haben.

„Das wäre ich auch gerne“, erklärte Tariq. „Aber der König ist dagegen gewesen.“

„Wenn ich König bin, wirst du auf gar keinen Fall Prozessanwalt“, sagte Raif.

„Wenn du König bist, ersuche ich in Dubai um Asyl.“

Unwillkürlich musste Raif lächeln.

„Vielleicht kann ja eine Frau deine Laune ein wenig aufheitern“, schlug Tariq vor. „Da gibt es diesen Club in der Fifth Avenue …“

„Ich bin nicht wegen der Frauen in New York.“ Allerdings konnte Raif nicht anders, unentwegt musste er an Ann Richardson denken. Er war ein Narr gewesen, dass er sie geküsst hatte – und ein noch größerer, dass es ihm auch noch gefallen hatte. Und der größte aller Narren, dass der Kuss derart außer Kontrolle geraten war.

Wenn er abends die Augen schloss, dann sah er immer noch ihr blondes Haar, ihre zarte Haut und diese faszinierenden blauen Augen vor sich. Er glaubte, den Geschmack ihrer heißen, sinnlichen Lippen und den verführerischen Duft ihres Vanilleparfums wahrnehmen zu können.

Kurz nachdem die Maschine in den Hangar gerollt und die beiden Männer die Gangway heruntergestiegen waren, wurden sie vom Botschafter von Rayas begrüßt. Raif bevorzugte unauffällige Empfänge, denn er ahnte, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis auch seine Privatreisen zu Staatsanlässen aufgebauscht werden würden.

„Eure Königliche Hoheit“, sagte der Botschafter und verbeugte sich förmlich. Er trug die traditionelle weiße Robe, wie sie in Rayas üblich war, und sein graues Haar wurde zum Teil von einer weißen Kappe bedeckt.

Raif entging nicht, dass der ältere Mann missbilligend die Stirn runzelte, als er Raifs westlichen Anzug sah, doch der Botschafter behielt seine Gedanken diesbezüglich für sich. „Willkommen in Amerika“, begrüßte er sie stattdessen.

„Vielen Dank, Fariol.“ Raif schüttelte ihm die Hand, anstatt ihn nach Landessitte zu umarmen und zu küssen. „Haben Sie sich um den Wagen gekümmert?“

„Selbstverständlich.“ Fariol wies auf eine riesige Stretchlimousine.

„Hat mein Büro denn nichts von unauffällig gesagt?“, fragte Raif skeptisch nach.

Fariol runzelte die Stirn. „Es gibt keine Flaggen, kein königliches Siegel auf den Türen und keine anderen Hinweise, die auf Rayas hindeuten könnten.“

Raif entging nicht, wie Tariq zur Seite schaute, vermutlich, um ein Lächeln zu verbergen.

„Ich habe damit aber eine ganz normale Limousine gemeint, eine, die nicht so auffällt – und die ich selbst fahren kann.“

Verwirrt trat Fariol einen Schritt zurück, um sich von seinem jungen Assistenten etwas ins Ohr flüstern zu lassen. „Ich könnte etwas arrangieren, Herr Botschafter“, erklärte der jüngere Mann.

„Dann tun Sie das“, wandte Raif sich direkt an den Assistenten, woraufhin er einen weiteren vernichtenden Blick vom Botschafter erntete.

Der Assistent nickte und zog ein Telefon aus der Tasche.

Fariol richtete sein Interesse nun auf Tariq. „Scheich Tariq“, sagte er. Es war zwar nur ein kleiner Verstoß gegen die Etikette, aber es war eigentlich üblich, dass der Kronprinz eine Unterhaltung beendete, nicht der Botschafter.

Entschuldigend sah Tariq zu seinem Cousin hinüber. Ihm war der Protokollbruch also auch aufgefallen. „Herr Botschafter, vielen Dank, dass Sie uns willkommen heißen.“

„Wissen Sie schon, wann Sie nach Rayas zurückkehren?“

Einen Augenblick stockte Tariq überrascht, bevor er antwortete: „Natürlich dann, wenn der Kronprinz entscheidet, dass es an der Zeit ist abzureisen.“

Jetzt musste Raif ein Grinsen unterdrücken.

Der Assistent des Botschafters hatte sein Telefonat beendet. „Der Wagen ist in wenigen Minuten hier. Ein Mercedes. S-Klasse. Ich hoffe, das ist zur Zufriedenheit Eurer Königlichen Hoheit.“

„Ja, vollauf“, erwiderte Raif und sah zu seinem Cousin. „Kannst du die Adresse herausbekommen?“

Tariq wandte sich an einen der Sicherheitsleute. „Jordan?“

Der Mann trat einen Schritt vor. „Wir können aufbrechen, Sir.“

Jordan Jones war ein amerikanischer Sicherheitsexperte, mit dem Tariq sich in Harvard angefreundet hatte. Zwar war Raif ihm vorher noch nie persönlich begegnet, aber er hatte bereits so zahlreiche Geschichten über diesen Mann gehört, dass er von seinen Fähigkeiten überzeugt war.

Kurz darauf wurden die Türen des Hangars geöffnet, und ein stahlgrauer Mercedes rollte hinein. Sobald der Wagen vor Raif hielt, begann die Crew des Flugzeugs, das Gepäck umzuladen.

„Das wäre dann alles, Fariol.“ Raif entließ den Botschafter mit einem knappen Nicken und ging zur Fahrerseite des Mercedes. Tariq und Jordan folgten ihm.

„Ich fahre“, sagte Raif zu dem Chauffeur, der gerade ausgestiegen war.

„Nein, du willst nicht fahren, Raif“, widersprach Tariq leise, nachdem er sich vergewissert hatte, dass der Botschafter sie nicht hören konnte.

„Doch, das will ich.“

„Nein, willst du nicht.“

Verwirrt sah der Fahrer von einem zum anderen.

„Wer von uns ist hier eigentlich der Prinz?“, fragte Raif.

„Wer von uns ist schon mal in Manhattan gefahren?“, gab Tariq zurück.

„Ich fahre“, mischte Jordan sich ein und nahm dem überraschten Fahrer die Schlüssel aus der Hand, bevor er die hintere Tür öffnete und Raif auffordernd ansah. „Fremde königliche Hoheiten auf den Rücksitz und Einheimische aus Brooklyn ans Steuer.“

„Sie sind ganz schön dreist“, meinte Raif zu ihm.

„Da haben Sie völlig recht, … Sir.“

Raif folgte Tariq zum hinteren Teil des Wagens. „In meinem Land hätte ich Sie dafür einen Kopf kürzer machen können“, log er.

„Und in meinem könnte ich Sie dafür einfach so im schlimmsten Stadtviertel von New York aussetzen“, entgegnete Jordan. „Was auf dasselbe herauskommt.“

Unwillkürlich musste Raif lächeln, als er ins Auto stieg. Vermutlich hatte der andere Mann recht – als eingefleischter New Yorker würde Jordan sie schneller zu Ann Richardsons Apartment fahren können als er.

„Ich habe gehört, dass Sie im Plaza wohnen“, sagte Jordan, nachdem er hinter dem Lenkrad Platz genommen hatte. „Toller Service und strenge Sicherheitsrichtlinien.“

„Niemand weiß, dass ich hier bin“, erklärte Raif.

„Interpol schon“, widersprach Jordan. „Ihr Pass hat bestimmt die Warnlampen in ihrem Büro in Manhattan aufleuchten lassen.“

„Interpol hat aber nichts gegen mich“, sagte Raif.

„Interpol befürchtet aber, dass jemand anderer etwas gegen Sie haben könnte.“

„Die einzige Person in Amerika, auf die das zutrifft, ist Ann Richardson. Und das auch nur, weil ich kurz davor bin, sie als Kriminelle zu entlarven.“

„Falls in Rayas irgendwas von politischer Bedeutung vorgefallen ist, was ich wissen müsste, dann wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, mir davon zu erzählen“, schlug Jordan vor, während er den Wagen aus dem Hangar lenkte.

„Nur ein paar innenpolitische Probleme“, erwiderte Tariq. „Raifs Onkel und Aimee, ein entfernter Cousin von uns, sind vor dem Altar sitzen gelassen worden. Der Diebstahl der Goldherz-Statue ist der einzige internationale Skandal, den wir zurzeit haben.“

„Ich habe gehört, dass Ihr Vater krank ist“, sagte Jordan und sah Raif im Rückspiegel an.

„Ihm geht es schon wieder besser“, antwortete Raif automatisch.

„Die Wahrheit tut nichts zur Sache, aber der Anschein schon. Und es scheint, dass Ihr Vater im Sterben liegt. Das bedeutet, dass Sie kurz davor stehen, König zu werden. Und das wiederum hat zur Folge, dass irgendwer Sie irgendwo da draußen umbringen will.“

„Warum? Nur so aus Prinzip?“ Doch Raif wusste, dass Jordan recht hatte.

„Es ist ein Machtspiel. Ihre Cousine Kalila ist die Nächste in der Erbfolge?“

„Ja.“

„Wer steht ihr nahe? Besonders in der letzten Zeit?“

„Wissen Sie, ich bin doch nur für ein paar Tage hier“, entgegnete Raif etwas ungehalten. Der Mann war von ihnen als Fremdenführer angeheuert worden und nicht als neuer Chef seines Sicherheitsteams.

„Ich muss mir trotzdem einen Überblick verschaffen.“

„Sie hat seit Neuestem einen englischen Freund“, warf Tariq ein, woraufhin Raif ihn missbilligend ansah, weil er nicht wollte, dass in Anwesenheit von Dritten über familiäre Dinge gesprochen wurde.

„Name?“, fragte Jordan.

„Sie sollen uns zu Ann Richardson fahren und nicht unsere Familienchronik schreiben“, mischte Raif sich ein.

„Niles“, antwortete Tariq. „Das ist alles, was sie uns verraten wollte. Kalila ist die Erste, die der Fluch getroffen hat. Und jetzt ist auch noch Mallik sitzen gelassen worden.“

„Es gibt keinen Fluch.“ Raif verdrehte die Augen.

„Meinst du den Fluch der Goldherz-Statue?“, erkundigte sich Jordan.

„Nichts weiter als eine närrische Legende.“ Allmählich war es um Raifs Geduld geschehen.

„Und dieser Niles?“, fragte Jordan unbeirrt weiter. „Ist der aus dem Nichts aufgetaucht?“

„Er ist Student“, informierte Tariq ihn.

„Arabischer Abstammung.“

„Durch und durch britisch“, warf Raif ein. „Wir haben übrigens einen Auftrag zu erfüllen, schon vergessen? Während unseres Aufenthaltes in New York gilt unser Interesse ausschließlich Ann Richardson.“

„Hast du das gesehen?“, fragte Anns Nachbarin Darby Mersey und lief auf dem Flur hinter Ann her, als diese auf dem Weg zu ihrem Apartment war.

Ann konnte Darby wirklich sehr gut leiden, aber heute Abend wollte sie einfach nur allein sein. Nach dem zermürbenden Gespräch bei Interpol sehnte sie sich nach einer langen, heißen Dusche, einer Tasse Kräutertee und wenigstens zwölf Stunden Schlaf.

„Was denn?“, erkundigte sie sich, während sie ihr Apartment betrat und inständig hoffte, dass die Antwort kurz ausfallen möge.

„Den Inquisitor von heute.“

„Ich hatte leider noch keine Gelegenheit dazu.“

„Es steht auf der Titelseite“, erzählte Darby aufgeregt, und ihrem Tonfall nach zu urteilen, kam Ann zu dem Schluss, dass ihr nicht gefallen würde, was auf der Titelseite stand.

„Dein Bild.“

„Um was geht es dieses Mal?“, wollte Ann wissen und beschloss kurzerhand, den Kräutertee durch ein Glas Wein zu ersetzen.

Darby setzte sich auf einen der Küchenstühle und breitete die Zeitung auf dem Tisch aus, bevor sie den Artikel vorlas.

Ständiger Meinungswechsel scheint in der feinen Gesellschaft großer Auktionshäuser in Mode zu kommen. Obwohl sie nicht in der Lage ist, weder ihren noch den Namen ihres Auktionshauses reinzuwaschen, hat Ann Richardson anscheinend beschlossen, auf altbewährte Weise weiterzumachen.

„Und wie sieht diese altbewährte Weise aus?“, fragte Ann nach.

„Sex.“

„Mit Dalton?“ Ann wusste nicht, was der Reporter eigentlich wollte. Seit Monaten schon wurde über sie und Dalton geschrieben – die Sache war Schnee von gestern.

„Mit Prinz Raif Khouri.“

„Was?“, fragte Ann entgeistert.

„Du hast mich schon richtig verstanden.“

„Das ist wirklich unter der Gürtellinie, selbst für dieses Revolver­blatt.“

„Aber sie haben ein Foto von dir abgedruckt“, erklärte Darby.

„Ja, und?“ Das hatten sie schon Hunderte Male. Ihr persönlicher Favorit war das Foto, auf dem sie zu sehen war, nachdem sie sich eine Tasse Kaffee auf die Bluse geschüttet hatte.

„Auf dem hier küsst du den Prinzen.“

Plötzlich hatte Ann das Gefühl, nicht mehr atmen zu können.

„Und es sieht nicht nach Fotoshop aus.“

Ungläubig ging sie um den Tisch herum. Es hatte nur ein einziges Mal gegeben, an dem sie … „Verdammt!“, rief sie.

Es bestand kein Zweifel daran. Das war sie, die Arme um Raifs Nacken geschlungen, die Lippen leidenschaftlich auf seine gepresst.

„Teleobjektiv?“, vermutete Darby.

„Da bin ich in Rayas gewesen.“ Wer hätte gedacht, dass es in Rayas auch Paparazzi gab?

„Dann stimmt es also?“, hakte Darby nach und lächelte anzüglich. „Du hast mit Prinz Raif geschlafen?“

„Natürlich nicht!“, protestierte Ann. „Ich habe ihn geküsst, wie man sehen kann. Aber mehr ist nicht passiert. Es war nur ein einziges Mal. Am anderen Ende der Welt. Im abgeschirmten Garten des Valhan-Palastes.“

Einen Augenblick wanderten ihre Gedanken zurück zu jenem berauschenden Kuss an ihrem letzten Tag während ihrer letzten Stunde in Rayas. Schon Tausende Male hatte sie daran zurückgedacht.

„Du hast mir gar nicht erzählt, dass du dich in ihn verliebt hast“, sagte Darby.

„Ich habe mich auch nicht in ihn verliebt. Er ist ein arroganter Kerl, der mich für eine kriminelle Lügnerin hält.“

Darby nahm die Zeitung in die Hand. „Na, das ist aber ein ganz schön leidenschaftlicher Kuss für einen arroganten Kerl.“

„Ich küsse ihn auch gar nicht“, log Ann. „Er küsst mich.“

Zwar hatte Raif den Kuss begonnen, doch es hatte lediglich einen Herzschlag gedauert, bis sie beide diesem Zauber der Leidenschaft erlegen gewesen waren.

„Dann hat er sich also in dich verliebt?“

„Das ist kein romantischer Kuss gewesen“, erklärte Ann. „Er hat lediglich etwas klarstellen wollen.“

Darby lächelte noch breiter. „Zum Beispiel, dass er ziemlich sexy ist?“ Kritisch betrachtete sie das Foto. „Du siehst aber nicht gerade so aus, als würdest du dich wehren.“

Unglücklicherweise hatte Darby recht. Raif mochte eigensinnig und arrogant sein, aber er war zweifelsohne ungemein sexy – und verstand verdammt gut zu küssen. In dem Moment, in dem ihre Lippen sich berührt hatten, schien die Welt auf einmal in Flammen gestanden zu haben, doch das musste Darby nicht notwendigerweise erfahren. Ann hatte schon genug damit zu tun, selbst nicht mehr daran zu denken.

„Er hat klarstellen wollen, dass er in seinem Land alles tun kann, worauf er Lust hat – ohne dass ich etwas dagegen unternehmen könnte. Ich bin mit dem nächsten Flugzeug abgereist.“

„Was denn?“, fragte Darby.

„Wie, was denn?“

„Du hast gesagt, er kann alles tun, worauf er Lust hat. Was denn?“

Ann zuckte mit den Schultern, während sie eine Flasche Rotwein entkorkte. „Was weiß ich. Steuern für die Armen erheben, Fabriken privatisieren oder Unschuldige ins Gefängnis werfen.“

„Er wollte dich ins Gefängnis werfen?“

„Das weiß ich nicht so genau“, erwiderte Ann zögernd.

„Und stattdessen hat er dich geküsst?“

„Ich glaube schon. Wahrscheinlich ist er nicht davon ausgegangen, dass es ihm gefallen würde. Das hat ihn eine Minute außer Gefecht gesetzt, und ich hatte genug Zeit, um zu fliehen.

Darby holte zwei Weingläser aus dem Hängeschrank und stellte sie auf den Küchentisch. „Und warum hast du mir nichts davon erzählt?“

„Es fällt leichter, etwas zu vergessen, wenn man es nicht ständig mit der besten Freundin diskutiert.“

„Zu dumm für dich, dass ich heute das Foto gefunden habe.“

Nachdenklich betrachtete Ann das Bild und konnte nicht anders – sie musste sich vorstellen, wie es sich angefühlt hatte, von ihm umarmt zu werden. Sie meinte, immer noch seine Lippen auf ihren spüren und den würzigen Duft der exotischen Pflanzen wahrnehmen zu können. Die sanfte Meeresbrise, die mit ihrem Haar gespielt hatte. Unwillkürlich erschauerte sie wohlig.

„Du solltest besser Wein einschenken“, unterbrach Darby ihre sinnlichen Träumereien und schob die beiden Gläser zu ihr hinüber.

Doch bevor Ann ihrer Aufforderung nachkommen konnte, klingelte es an der Tür.

„Geh nicht hin“, warnte Darby. „Könnte ein Reporter sein.“

„Oder Edwina Burrows“, entgegnete Ann und ging zur Gegensprechanlage. Die ältere Frau war Mitglied im Vorstand von Waverlys und schaute gelegentlich kurz am frühen Abend bei Ann vorbei, wenn sie mit ihrem Cockerspaniel spazieren ging. „Hallo?“

„Ann? Hier spricht Prinz Raif Khouri“, sagte ein Mann mit starkem Akzent. „Wir müssen reden.“

„Ja, ja“, sagte Ann kopfschüttelnd. „Richten Sie Ihrem Herausgeber aus, dass der Trick nicht funktioniert hat.“

In der Zwischenzeit füllte Darby die beiden Weingläser.

„Ich weiß nicht, was Sie mir damit sagen wollen, Ann“, entgegnete der Mann. „Aber ich bin für dieses Gespräch sehr weit gereist.“

Wieder presste Ann den Knopf der Gegensprechanlage. „Halten Sie mich eigentlich für blöd?“

„Ms Richardson, was lässt Sie glauben, dass ich aufgeben würde?“

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