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Der Prinz auf dem Fahrrad

Melina D`Angeli

Der Prinz auf dem Fahrrad

Ein humorvoller Liebesroman





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Titel:

Der Prinz auf dem Fahrrad

von Melina D`Angeli & Thomas Herzberg

 

Text Copyright © 2014

Alle Rechte vorbehalten

Coverbild Hauptmotiv: © meviogra – Fotolia.com

Fahrrad: © meailleluc.com – Fotolia.com

Fassung: 3.1

Lektorat, Korrektorat: Michael Lohmann, www.worttaten.de

 

Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und/oder realen Handlungen sind rein zufällig.

Inhalt:

»Der Prinz auf dem Fahrrad« ... ein modernes, romantisches Märchen, das Herz und Lachmuskeln strapaziert!

Geschieden, zwei halbwüchsige Kinder – oft genug sind die Tage für Jutta alles andere als Sonnenschein. Ablenkung und Freude bringen da häufig nur die allwöchentlichen Treffen mit ihren Freundinnen. Hin und wieder klappt’s auch mal mit einem Kerl. Aber was dieses Mal wie ein Flirt beginnt, entwickelt sich sehr schnell zu einer Beziehung, die an keinem Tag langweilig wird, ganz im Gegenteil. Ob der Prinz sein Fahrrad in Zukunft vor Juttas Tür parkt, bleibt bis zum Schluss offen ...

Aus dem Buch:

...

Freitagabend: Treffen der Drei Lebensmüden. Als solche bezeichnen wir uns selbst schon seit unserer eigenen Pubertät. An einem verregneten Sonntagnachmittag hatten wir damals, alle gemeinsam, einen Film gesehen, in dem sich ein junges Mädchen am Ende das Leben nimmt. Von dieser glänzenden Idee nachhaltig inspiriert, hatten wir ein paar Tage selbst über den kollektiven Freitod nachgedacht. Nachdem sich Vanessa allerdings wieder mit ihrem Tim versöhnt hatte und Martina stolz die erste Vier in Mathe nach Hause bringen konnte, verwarfen wir diese trüben Gedanken auch schnell wieder. Geblieben ist bis heute nur der ausgefallene Name, über den wir, gerade in schwierigen Zeiten, immer wieder herzhaft lachen müssen.

...

Idee und Teile der Handlung basieren auf meinen Kurzgeschichten rund um Jutta, Vanessa und Martina.

Am Ende dieses Buchs findet Ihr eine kleine Leseprobe von:

Küssen kann man nicht alleine“

Melina D´Angelis neuer, satirisch angehauchter Liebesroman

 

Alle Bücher von Melina D’Angeli

 

Aus der Reihe Küssen kann man nicht allein:

- »Alles auf Anfang …« (Teil 1)

- »Einer mit H.E.R.Z.« (Teil 2)

- »Zwei Herzen in einem Bauch« (Teil 3)

- »Finale« (Teil 4)

Weitere Titel: 

- »Der Prinz auf dem Fahrrad« (Ein humorvoller Liebesroman)

- »Ein Hauch von Liebe« (Liebesroman)

Aktuelle Informationen, Newsletter-Service und Aktionen findet ihr (noch) auf der Homepage von Thomas Herzberg, der mich dort als Gast aufgenommen hat :)

 

Thomasherzberg.de

1

»Bereust du es schon wieder, dass ihr damals nicht häufiger Kondome benutzt habt?«

Anstelle einer Antwort reichte sicher auch mein schweres Atmen aus. Meiner besten Freundin konnte ich ohnehin kaum etwas vormachen. Wobei am heutigen Tag kein besonderes Talent notwendig war, um meine seelische Verfassung in meinem Gesicht zu lesen.

»Entschuldigung, Süße … aber du musst endlich mal mit deinen Kindern reden. So geht es nicht weiter.« Martina lief zur Höchstform auf. »Entweder sie spuren oder ...«

Grimmig verschränkte ich die Arme vor der Brust. Was wusste sie denn schon? Eigene Kinder hatte sie nicht. Stattdessen genoss sie schon seit dem Studium das Leben und dessen Vorzüge. Und außerdem, wie soll denn dieses Oder aussehen? Welche Konsequenzen sollte ich den Früchten meiner Lenden denn noch androhen. Gab es irgendetwas, das ich in den letzten Jahren unversucht gelassen hatte?

»Sorry, meine Kleine, aber ich muss weiter. Heute steppt hier der Papst im Kettenhemd.«

Martina hatte vor sechs Monaten ein kleines Bistro übernommen. Dem früheren Betreiber war es gelungen, den Laden gründlich herunterzuwirtschaften. Deshalb konnte sie problemlos in den Mietvertrag einsteigen und musste nicht einmal für das Mobiliar Abstand zahlen. Ihre Ersparnisse hatte sie stattdessen in die Renovierung und das Ambiente investiert. Dieser neue Mix aus rustikaler Gemütlichkeit und geschmackvoll platzierten modernen Elementen stellte eine fast perfekte Mischung dar. Als sie dann noch einen begnadeten Koch fand, schien dem Erfolg nichts mehr im Wege zu stehen. Seit zwei Monaten rührt der junge Kerl übrigens nicht nur in Martinas Pötten ...

Die beiden geben ein regelrechtes Traumpaar ab. Er ein sportlicher Hüne, Ende zwanzig. Und sie, eine Enddreißigerin mit Ambitionen, auf dem besten Weg zu einer erfolgreichen Geschäftsfrau. Es gibt niemanden, dem ich das Glück mehr gönne – außer vielleicht mir selbst.

Letzte Woche gewährte mir Martina sogar einen kleinen Blick hinter die Fassade ihrer Traumwelt: »Er ist nicht gut im Bett«, begann sie an diesem Abend in leisem Ton.

»Ha! Hab ich es nicht gesagt … irgendeinen Haken muss dein Wunderknabe doch haben.«

»Stimmt! Es ist nicht gut – er ist genial, ein Gott!«

»Jetzt reicht es aber! Ich glaub’, ich kotz’ gleich. So viel Glück ist ja schon unheimlich.« Meine Reaktion war wohl etwas heftig ausgefallen. Zumindest schaute Martina mich seltsam zweifelnd an. Und als ob sie mir damit auch noch den Todesstoß verpassen wollte, fuhr sie kurze Zeit später ungerührt fort: »Mit ihm ist es, als ob man das erste Mal Sex hat und wie du weißt, hab’ ich ein paar Erfahrungen gesammelt.«

Ja, meine Freundin ist nicht unbedingt das typische Kind von Traurigkeit. Während ich meine Männer noch immer an zwei Händen abzählen könnte, wären bei Martina sicher eine ganze Menge zusätzlicher Hände erforderlich. Es ist kein Neid. Aber an manch einem Tag wird mein Herz schon schwer, wenn ich die zwei verliebt herumturteln sehe.

 Womit wir beim eigentlichen Thema angekommen sind: bei mir.

Erst einmal möchte ich mich vorstellen: Jutta Steigemann, wie Martina Ende dreißig, also fast vierzig. Da wir uns im Laufe meiner Geschichte deutlich näher kennenlernen werden, biete ich euch mal ganz unkompliziert das »Du« an: Also einfach Jutta, wenn’s recht ist.

Ich arbeite als Kundenberaterin in einer bekannten Hamburger Bank. Und ja, es ist so langweilig, wie es sich anhört. Seit der großen Krise 2008 versucht doch jeder, sein sauer Erspartes in die ausgefallensten Renditewunder zu investieren. Wenn ich dann mit meinen zwei Prozent oder einem Bausparvertrag um die Ecke komme, schauen mich die meisten Kunden nur völlig entgeistert an. Das obligatorische Wir melden uns weiß ich heute schon sehr gut einzuschätzen.

Seit ein paar Monaten ... okay ... seit fast einem Jahr bin ich wieder glücklicher Single. Chronisch untervögelt, aber zufrieden.

Schon an dem Abend, als Thomas – mein wundervoller Ex-Mann – mit seinen Koffern in der Hand die Tür hinter sich zuschlug, um zu seiner neuen Freundin zu ziehen, hatte ich mich zum ersten Mal auf einer dieser Single-Börsen im Internet angemeldet. Fast drei Jahre ist das jetzt her. Eine permanente emotionale Gratwanderung, die ich wohl den wenigsten erklären muss.

Vanessa, übrigens meine zweite beste Freundin, hatte mich entsprechend instruiert. Sie selbst war damals bereits seit Monaten in den virtuellen Kontakthöfen unterwegs und traf sich jede Woche mit haufenweise Bewerbern. In guten Wochen hat sie jeden Tag ein Date, sieben Tage die Woche, am Wochenende manchmal sogar mehrere pro Tag.

Ich hingegen hatte am Tag meiner ersten endgültigen Abmeldung aus dem digitalen Paradies die zweite Hand vollgemacht und war deprimierter denn je. Außer ein paar hirnamputierten Machos und einer Horde von frustrierten Ex-Ehemännern hatte ich am Ende nichts Brauchbares gefunden. Spätestens beim dritten Treffen erwartete jeder dieser notgeilen Idioten, dass ich ihn endlich an mein Schmuckkästchen heranließe. Auf jedwede Form der Verweigerung folgte regelmäßig eine Flut von Beschimpfungen, Fragen und entrüsteten Kommentaren. Nicht selten wurde ich als verklemmte Ziege abgestempelt und sah die Typen danach nie wieder.

In wenigen Fällen hingegen handelte es sich um aussichtsreiche Kandidaten, mit denen ich mir langfristig sogar etwas hätte vorstellen können. Nachdem sie dann allerdings ihre mehr als armselige Vorstellung in der Horizontalen abgeliefert hatten, war auch dieser Hoffnungsschimmer schnell erloschen.

Gleich in der ersten Woche meiner virtuellen Reise wollte mich sogar einer heiraten. Das war jedoch vor unserem ersten Date. Danach hatte er sich nicht mehr gemeldet. Und das, obwohl ich mein weißes Kleid schon in die Reinigung gegeben hatte.

Ein anderer wollte nach wenigen Tagen bereits bei mir einziehen. Mein angeborener Samariter-Komplex hätte es beinahe zugelassen, wenn Vanessa mich nicht auf der Zielgeraden rabiat ausgebremst hätte. Nach meiner Absage hatte ich auch von diesem Kerl nichts mehr gehört.

Impotente, Hochstapler, Pleitegeier und Softies bestimmten in den darauffolgenden Monaten fast mein gesamtes Leben. Kaum ein Wochenende verging, an dem ich meine Kinder nicht an mindestens einem Abend allein zu Hause ließ, um nur eine weitere Pleite zu erleben.

»Süße!« Martina kam atemlos herbeigeeilt und riss mich aus meinen trüben Gedanken. »Da vorne sitzt ein Typ ... siehst du den?«

»Und was ist mit dem?«, erkundigte ich mich viel zu gereizt.

»Na, der ist doch süß, oder nicht?«

»Ja, und ...? Soll ich jetzt rübergehen, ihm sagen, dass ich seit fast einem Jahr keinen Sex mehr hatte und ihn dann einfach bespringen?«

»Jutta!«

»Außerdem starrt er dir die ganze Zeit auf den Arsch. Soll ich was mit ’nem Typen anfangen, der mit seinen Blicken meiner besten Freundin in den Schlüpper kriecht?«

Wortlos schüttelte Martina den Kopf und eilte wieder davon. Der Typ schaute noch immer in meine Richtung. Unsere Blicke trafen sich. Als ich ihm wenig später die Zunge rausstreckte und ihn genervt angiftete, zahlte er kurz darauf und verschwand kommentarlos.

Aber zurück zu meinen Abenteuern mit Internetbekanntschaften: Den wahren Gipfel der Dreistigkeit erreichte der Letzte, an den ich sogar ein wenig mein Herz verloren hatte. Unter Tränen bat er mich damals um fünfhundert Euro, da er ansonsten schon zum Wochenende aus seiner Wohnung fliegen würde. Nachdem ich ihm das Geld gegeben hatte, wurde es allerdings recht ruhig um ihn. Verabredungen hielt er nicht mehr ein; außerdem müsse er in Zukunft deutlich mehr arbeiten. Im Internet sei er kaum noch unterwegs – ich solle ihm nicht böse sein.

Dass er trotzdem ständig online war und seine Einträge reihenweise fremde Gästebücher füllten, basierte wohl auf einem merkwürdigen Zufall oder einem technischen Defekt bei dieser Dating-Plattform. In meiner letzten Mail erdreistete ich mich dann, ihn an seine Schulden zu erinnern. Seine verhältnismäßig kurze Antwort möchte ich hier wörtlich zitieren: »Schulden?«

Das Internet hat in letzter Instanz auch die Welt der Liebe revolutioniert. Vor wenigen Jahren mussten sich einsame Herzen noch in Schale werfen und endlose Wochenenden in Tanzbars oder Kneipen verbringen, um endlich ein passendes Gegenstück zu finden. Heute, nachdem die digitale Revolution gründlich zugeschlagen hat, ist der nächste vermeintliche Traumpartner nur ein paar Mausklicks entfernt. Viel zu einfach ist es da, dem einen den Laufpass zu geben und schon am nächsten Abend mit dem anderen bei Kerzenschein Zukunftspläne zu schmieden. Ich habe mich oft genug selbst dabei erwischt, wie ich zu kategorisieren begann und damit meinem persönlichen Glück von vornherein keine wirkliche Chance gegeben habe.

2

 

»Sie müssen einfach mehr mit Ihren Kindern sprechen, Frau Steigemann.«

»Wir halten jede Woche zweimal Familienrat, was soll ich denn noch tun?«, fragte ich Dr. Krüger genervt.

»Es gilt, die Wünsche und Ängste Ihrer Kinder zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren.«

»Die Wünsche kenne ich: Handys, Klamotten und Schuhe.« Mein verbitterter Unterton nervte sogar mich selbst. »Und die Ängste – hahaha –, die kenne ich auch. Nämlich dass ich mir den ganzen Scheiß irgendwann nicht mehr leisten kann und dass sie sich in der Schule womöglich mit einer Designer-Jeans unter zweihundert Euro blamieren müssen.«

»Frau Steigemann ...«

»Ach, hören Sie doch auf, Sie Doktor Klugscheißer! Sie haben doch nicht einmal eigene Kinder und wollen mir erzählen, wie ich es besser machen soll.« Meine Wut wirkte auf meine Stimme wie ein Megaphon. »Sie mit Ihren dämlichen studierten Verhaltensmaßregeln. Hocken hier von zehn bis sechs, knöpfen Müttern ihr sauer Erspartes ab und tun so, als ob Sie für irgendetwas eine Lösung hätten.«

Ich hatte in meinem Eifer gar nicht bemerkt, dass ich aufgestanden und um den Schreibtisch herumgesprungen war. Auch dass ich Dr. Krüger am Hemdkragen gepackt und geschüttelt hatte, war mir seltsamerweise entgangen. Erst als sein Vorzimmerdrachen mich grob von hinten umklammerte und an mir zog, erwachte ich aus diesem emotionalen Amoklauf.

»Ich glaube, es ist besser, wenn Sie jetzt gehen. Und suchen Sie sich bitte einen anderen Therapeuten«, pöbelte Dr. Krüger ungehalten hinter mir her. »Geben Sie Frau Steigemann das vorausgezahlte Geld zurück«, forderte er seine Assistentin noch auf, bevor er seine Tür ruppig hinter mir zuwarf.

Auf Martinas Rat hin war ich nach langem Suchen auf Dr. Krüger und sein narrensicheres Konzept zur Konfliktbewältigung gestoßen. Schon nach der zweiten Sitzung jedoch war mir eines klar geworden: Es gibt dieses Wundermittel gar nicht. Und ausgerechnet der kinderlose Dr. Krüger kam am allerwenigsten infrage, um die täglichen Probleme rund um pubertierende Teenager in den Griff zu bekommen. Das ist ja, als ob ein Blinder einem über die Straße helfen will. Oder eine Jungfrau einem was übers ... Naja, ihr wisst schon, was ich meine.

 Was hatte ich doch neulich auf einer dieser beschissenen und verlogenen Partner-Suchseiten gelesen? Oh ...! Ja ... äähhh ... also. Okay, ich hab letzte Woche wieder ein Profil angelegt. Aber nur um mal zu gucken, was auf dem Markt so los ist, ehrlich. Und den Typen treffe ich am nächsten Wochenende auch nur, damit ich mal wieder rauskomme. Der kommt ohnehin nicht infrage … viel zu jung.

Anderes Thema! Da schrieb also so ein Kerl: »Leben, das sind nicht die Momente, in denen man atmet. Nein! Es sind die Momente, die einem den Atem rauben.«

Einen dieser atemlosen Momente durfte ich erst letzte Woche selbst wieder einmal erleben. Marcel, so heißt mein wundervoller Sohn übrigens, war zu einer Party bei einem Freund eingeladen. Sogar schlafen wollte er dort, was mir zumindest die Odyssee durch die nächtliche Stadt ersparen würde. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass dieser Freund natürlich am anderen Ende von Hamburg wohnt, wie sollte es auch anders sein. Wer unsere wunderschöne Hansestadt kennt, der weiß, dass so ein Mama, kannst du mich mal eben schnell zu Jonas rüberfahren auch gut und gern zweieinhalb bis drei Stunden in Anspruch nehmen kann.

Das übliche Rahmenprogramm, welches aus Mama ... weißt du, wo mein Lieblingspulli ist? oder Mama ... kannst du mir noch’n Zwanziger geben, Papa hatte letzte Woche kein Kleingeld gehört zu meinem Leben wie das Salz in der Suppe. Ich ignoriere es weitestgehend oder greife in solchen Momenten einfach zu meinem erprobten Katalog der Standardreaktionen: »Der Pulli ist in der Wäsche, die ich vor zehn Minuten unter deinem Bett gefunden habe ... ich betreibe hier keinen Waschsalon.« Oder »Mein Portemonnaie liegt in der Küche. Großes Geld hat dein Vater übrigens auch nicht, sonst hätte er in den letzten zwei Jahren wohl den Unterhalt für euch bezahlt.«

Am besten aber ist in solchen Momenten die Reaktion meiner Kinder, die lediglich aus Ach, Mama und einem dämlichen Grinsen besteht.

 

Marcel war gut auf seiner Party angekommen. Draußen war es bereits dunkel, als ich, gefühlte Tage später, entnervt meine Wohnungstür aufschloss.

Knapp tausend Euro kostet mich dieses bezaubernde Zweieinhalb Zimmer und kleines Bad und winzige Küche-Domizil im Zentrum von Hamburg-Eppendorf jeden Monat. Die beiden großen Zimmer hatten natürlich meine Kinder annektiert. Ich dagegen habe mein gesamtes Leben unter Zuhilfenahme von schmalen Regalen, wandfüllenden Schränken und unter die Decke gespannten Netzen auf gerade einmal vierzehn Quadratmetern geschmackvoll untergebracht. Wenn ich frische Unterwäsche benötige, was gelegentlich vorkommt, dann muss ich zuerst das Bügelbrett beiseiteräumen. Nicht unerwähnt sollte ich in diesem Zusammenhang lassen, dass meine Kinder gerne ihre Klamotten darauf parken. Zumindest dann, wenn ich diese nach dem Waschen gedankenlos in ihr Zimmer gelegt habe. Es ist wohl als eine Art stummer Protest oder eine indirekte Aufforderung zu verstehen. Mit welcher Hose oder welchem Hemd sollte man denn sonst am nächsten Tag seine Mitschüler beeindrucken.

 

Ich komme hier immer wieder vom Thema ab. Ich schloss also müde die Haustür hinter mir, um gleich über einen wahren Berg von Schuhen und Jacken zu stolpern. Ein knappes, vierstimmiges Hallo aus Tinas Zimmer verdeutlichte mir eindrucksvoll, dass meine Prinzessin Besuch hatte – von gleich drei ihrer Freundinnen. Die Mädchen mochten Tinas großes, geschmackvoll eingerichtetes Zimmer, sie fühlten sich einfach wohl bei uns. Manch eines dieser verwöhnten Ungeheuer schimpfte und fluchte fürchterlich über die eigenen Eltern. Arm und spießig seien sie. Kein Gefühl für das, was Kinder bräuchten. Unsensibel und gefühllos kämen sie daher.

Mein Hintern schmerzte. Die harten Sitze meines Kleinwagens hinterließen regelmäßig tiefe Spuren an meinem zarten Hinterteil. Mit meinem Teebecher in der Hand schlich ich müde in meine winzige Bude. Ich freute mich auf einen faulen, gemütlichen Abend auf meinem kleinen Sofa, das ich später zum Bett ausziehen würde. Den größten Teil des Krimis hatte ich zwar versäumt, aber es war doch auch völlig egal, warum der ungepflegte, drogenabhängige, langhaarige Junge seine Eltern umgebracht hatte. Sicher hatten sie ihm ein neues Handy verweigert. Oder sich schlichtweg gesträubt, auch noch für den unverzichtbaren Führerschein und das danach notwendige Auto aufzukommen.

»Mama!«, schrie Tina im Flur. »Da ist keine Cola mehr im Kühlschrank. Hast du keine gekauft?«

Von einem blitzartigen Reißen im Rücken begleitet, erhob ich mich müde und wankte wie benebelt in den Flur: »Doch Schatz! Ich hab die Kiste mit meinem Rücken nicht mehr die Treppe hochbekommen. Ich hatte deinen Bruder darum gebeten ... hat er wohl vergessen.«

»Kein Problem, Mama. Holst du uns ein paar Flaschen hoch? Die ganze Kiste brauchen wir ja nicht.«

Noch bevor ich hätte protestieren, geschweige denn widersprechen können, knallte meine Prinzessin die Zimmertür wieder ins Schloss. Die Musik wurde umgehend lauter gedreht, sodass jeglicher Versuch einer Beschwerde ohnehin im rhythmischen Gedröhne untergegangen wäre. Was also blieb mir anderes übrig als in den dunklen Keller zu stapfen, um die Versorgung der Meute mit koffeinhaltigen Erfrischungsgetränken sicherzustellen.

Wieder oben angekommen, der Kühlschrank war befüllt, erdreistete ich mich doch anzuklopfen, um Vollzug zu melden.

Ein genervtes Herein erklang, nachdem zuvor, Ewigkeiten nach meinem Klopfen, die Musik etwas leiser gedreht wurde.

»Die Cola steht im Kühlschrank, Schatz!«

»Okay.«

Träge ließ ich meinen Blick über das Chaos schweifen. Jedes nur unordentliche Kind wäre zurecht beleidigt gewesen, wenn ich es mit Tina verglichen hätte. Die ganze Horde hockte auf ihrem großen Himmelbett. Allein für diesen riesigen Schleier war ich mehrere Tage von einem Laden zum anderen gelaufen.

»Könnt ihr bitte nicht auf dem Bett essen. Den Dreck bekomme ich ja nie wieder herausgewaschen«, erlaubte ich mir vorsichtig zu bemerken.

Wie in Zeitlupe und mit Blicken, die mich auf der Stelle hätten töten müssen, ließen die Mädchen ihre Füße träge zu Boden sacken.

Grimmig erwiderte ich ihre Blicke.

»Ist noch was, Mama?«, erkundigte sich Tina jetzt genervt.

»Nö.«

3

 

Vanessa sortierte Unmengen von Zigaretten in das große, buntbeleuchtete Regal ein. Den Job an der Tankstelle hatte sie seit genau einem Jahr. Als sie heute Abend zur Arbeit erschien, hatte ihr Chef sie ungeschickt umarmt und ihr zum Einjährigen gratuliert. »Ein stolzer Tag«, murmelte er bedeutungsvoll.

Diesen Job an der Tanke hatte sie damals nur deshalb angenommen, weil der Filialleiter ihrer Bank sie mehr als unsensibel an ihren Dispo erinnert hatte. Worte wie Konto-Kündigung und Vollstreckung waren sogar gefallen.

»Dieser Herr Martens ...«, dachte Vanessa halblaut. Obwohl Ralf treffender gewesen wäre. Sie hatte ja auch nicht Herrn Martens, sondern Ralf einen Orgasmus vorgespielt.

Nachdem sie ihn grob abserviert hatte, war damit auch das Verhältnis zu ihrer Hausbank noch einmal deutlich abgekühlt. Es waren vermutlich der gepflegte Anzug und die geschmackvolle Krawatte, die sie damals überzeugt und ihr treues Herz erweicht hatten. Als ihr Ralf bereits ein paar Wochen später seine tiefempfundene Liebe gestand, fühlte sie sich fast schon am Ziel ihrer Träume angelangt. Nachdem ihr allerdings, eher durch Zufall, seine Gehaltsabrechnung in die Hände fiel, platzte damit auch der Traum vom großen Glück. Danach war sie nicht einmal mehr imstande, den fünfminütigen, langweiligen Sex über sich ergehen zu lassen.

Ralf hatte geweint, als sie ihm sagte, dass Schluss sei. Sogar einen billigen Ring hatte er noch hervorgeholt und bemerkt, dass er ausgerechnet an diesem Wochenende um ihre Hand anhalten wollte. Ihre Antwort, dass sie wohl kaum als braves Frauchen für so einen kleinen »Bankfuzzi« fungieren wolle, schien Ralf nicht wirklich zu gefallen.

Erst nachdem Vanessa auch mit seinem Vorgesetzten geschlafen hatte, erhielt sie zumindest eine Ratenzahlungsvereinbarung, mit der sie ihren Dispo langfristig ausgleichen konnte.

 

Was also blieb ihr anderes übrig, als drei Abende in der Woche an dieser beschissenen Tankstelle zu schuften und sich von diesem hirnamputierten Aushilfstankwart, auch Chef genannt, anbaggern zu lassen. Dieser notgeile, stinkende Sack war nie anwesend. Aber wenn Vanessa Dienst schob, dann saß er den ganzen Abend in seinem chaotischen Büro und qualmte Zigarren, dass Vanessa selbst an der Kasse die Augen tränten.

Aber noch ein paar Monate, vorausgesetzt sie würde ihren eisernen Sparkurs durchziehen, dann könnte sie diesem Elend endlich entfliehen. Danach sollte auch genug Zeit vorhanden sein, um ihren Prinzen zu finden. Probleme mit der Bank würden dann nur noch wie lustige Episoden lange vergangener Tage wirken. Ihr Zukünftiger, das stand felsenfest, hatte Geld! Und ein großes Auto! Und ein tolles Haus! Auch ein Boot wäre toll, aber kein Muss. Wie er aussehen sollte? Das war eher zweitrangig. Ein Mann, das hatte sie schon von ihrer Mutter gelernt, dürfe nicht zu attraktiv sein. Sonst müsste man ja ständig auf der Hut sein, dass sich nicht irgendein anderes paarungsbereites Weibchen im Nest breitzumachen versuchte.

Natürlich sah sie gut aus und hatte kein Problem damit, jeden Kerl einfach um den Finger zu wickeln. Aber auch davor, dass Antlitz und Gestalt einem schleichenden Verfall unterlagen, hatte ihre Mutter sie eindringlich gewarnt. Es wurde also höchste Zeit. Irgendwo da draußen lief der Auserwählte herum, dessen Aufgabe es sein sollte, ihr, Vanessa Jansen, ein komfortables und sorgloses Leben zu ermöglichen. Sie würde ihn finden, heimlich die Pille absetzen, die Frucht seiner Lenden austragen und ihn anschließend nach Strich und Faden ausnehmen. Und wenn es tatsächlich irgendwann nicht mehr passen sollte, dann würde sie ihr Kind nehmen und sich von seiner Kohle eine nette Wohnung in der Innenstadt nehmen. Es hieß doch nicht umsonst: Fünf Minuten Rittmeister – achtzehn Jahre Zahlmeister.

 

Vanessa erinnerte sich gerade an die vergangenen Monate und Hunderter von Treffen mit Internetbekanntschaften, als die große Schiebetür ruckelnd aufging.

Oh Gott, der schon wieder!, dachte sie genervt und setzte ihr „Ich arbeite an einer Tankstelle und lächle nur weil ich dafür bezahlt werde“-Gesicht auf. Seit Wochen kam dieser Typ an jedem Abend und versuchte, Vanessa ein Gespräch aufzuzwingen. Sie hatten schon viel zusammen gelacht, sogar richtige Gespräche geführt, aber heute war ihr einfach nicht danach.

»Hi«, hoffentlich reichte diese knappe Begrüßung, um ihm zu verdeutlichen, dass ihr Interesse an ihm, mit null noch als eher üppig beschrieben war.

»Hallo Vanessa«, sagte der junge Mann freundlich, »ich hoffe es geht dir gut.«

»Ja danke. Ist viel los heute. Was kann ich für dich tun?« Seinen Namen hatte sie schon vor zwei Wochen vergessen.

Mit verwundertem Ausdruck ließ der Namenlose seinen Blick durch die leeren Regalreihen wandern. »Viel los?«, er wirkte ein wenig gekränkt, wollte aber anscheinend noch nicht aufgeben. »Heute ist Donnerstag, das Wochenende steht bereits vor der Tür«, bemerkte er unsicher.

»Ja, und ...?«

»Ich wollte dich fragen, ob du vielleicht Lust hast, mit mir etwas trinken zu gehen.«

»Na, dann frag doch.«

Nun war er völlig konfus. »Willst du denn?«

»Nein!«

Was wollte dieser Typ von ihr? Kam auf seinem Fahrrad angeradelt. Hatte offensichtlich nur eine Jeans und auch der Rest seiner Klamotten wirkte keineswegs geschmackvoll oder erlesen. Und ausgerechnet dieser Typ wagte es, sie anzusprechen, sie einzuladen – wenn es überhaupt auf eine Einladung hinausliefe.

Wie oft hatte sie in den vergangenen Monaten Männer erlebt, die ihre Geldbörse vergessen hatten. Verbittert erinnerte sie sich an Rüdiger: Audi A8, teure Lederjacke, groß, dunkelhaarig, Steuerberater ... angeblich. Ins teuerste Restaurant Hamburgs hatte er sie eingeladen. Als es dann aber um die Bezahlung ging, fiel Rüdigers bis dahin perfekt aufgebaute Fassade wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Mit diesem typisch pikierten Gesicht gab der Kellner Martin seine Kreditkarte zurück und schüttelte andeutungsweise den Kopf. Kein Wort hatte sie danach mehr mit ihm gesprochen. Erst als sie den Gourmet-Tempel verließen, fiel ihr dann auch das Kennzeichen an seiner Nobelkarosse auf. Typisch, ein Leihwagen, dachte sie verbittert. Selbst der Tank war fast leer.

Die Abbuchung der Rechnung hatte ihren Kontostand ein weiteres Mal deutlich in südliche Richtung beeinflusst.

Einziger Lichtblick war das obligatorische Treffen mit Jutta und Martina. An jedem Freitagabend trafen sich die drei Frauen, um anständig abzulästern. Seit ein paar Monaten fanden diese Zusammenkünfte in Martinas neuem Bistro statt. Vanessa und Jutta schnatterten den ganzen Abend und Martina kam von Zeit zu Zeit atemlos dazu, um auch gleich wieder zu entschwinden. Viele Dinge hatten sich im Laufe der Jahre verändert. Diese Dreier-Freundschaft jedoch, deren Grundstein schon im Kindergarten gelegt worden war, hatte als einzig Wertvolles all die Jahre ...

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