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Die Herren auf Kirmbara – Der Preis des Ruhms

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Brisbane im Juni. Das Meer glitzert im Sonnenschein und geht am Horizont in den strahlend blauen Himmel über. Schwärme bunter Loris bevölkern die Flaschenbäume und trinken Nektar, Rosakakadus suchen die Fußwege nach Grassamen ab und fliegen nicht einmal weg, wenn sich ihnen jemand nähert. Die siebenundzwanzig Larkspur Hills, die die Stadt umgeben und von Akazien bewachsen sind, erstrahlen in einem einzigen gelben, betörend duftenden Blütenmeer. In den Gärten und Parks blühen Eukalyptusbäume, Bauhinias und Tulpenbäume, in den Vororten Weihnachtssterne und Bougainvilleen.

An einem solchen herrlichen Juninachmittag heiratete Broderick Kinross, Herr der Rinderzuchtfarm Kimbara im Südwesten von Queensland, die sich seit Generationen im Besitz seiner Familie befand, seine geliebte Rebecca. Die Hochzeit fand im Garten der schönen Villa statt, die Rebeccas Vater, ein Flugkapitän im Ruhestand, gekauft hatte, als er mit seiner zweiten Frau und ihren gemeinsamen Kindern nach einem langjährigen Aufenthalt in Hongkong nach Australien zurückgekehrt war. Auf Wunsch des Brautpaares fanden die Trauzeremonie und der anschließende Empfang im engsten Familien- und Freundeskreis statt. Nach den Flitterwochen in Venedig sollte allerdings noch einmal groß im Outback gefeiert werden.

Im hinteren Garten, der an den breiten Fluss grenzte, warteten ungefähr siebzig Gäste gespannt auf das Brautpaar. Unter ihnen befand sich auch die Tante des Bräutigams, Fiona Kinross, eine international bekannte Theaterschauspielerin. Fiona, wie immer sehr elegant in einem gelben Seidenkleid und mit einem dazu passenden Hut, war überglücklich. Für sie war diese Hochzeit der Höhepunkt einer großen Romanze.

Alle blickten erwartungsvoll zum Haus, als die drei Brautjungfern und das Mädchen, das Blumen streute, Rebeccas reizende kleine Stiefschwester Christina, zur Musik von Händel zwischen Palmen den leicht abfallenden Rasen entlangkamen.

Alle Brautjungfern waren Naturschönheiten, denn sie hatten langes Haar – die eine schwarzes, die andere tizianrotes, die dritte blondes –, das sie offen trugen und das mit winzigen Perlen und kleinen Stoffrosen durchwoben war. Ihre schlanken Figuren kamen in den trägerlosen, knöchellangen Satinkleidern – eines rosafarben, das andere blau, das dritte hellgrün – besonders vorteilhaft zur Geltung. In den Händen hielten sie Sträuße aus Orchideen und Farn.

Christina trug ein lilafarbenes Organdykleid, lächelte engelsgleich und streute Rosenblätter. Alle vier waren unwiderstehlich in ihrer Jugend und Schönheit.

“Ach, wie schön es ist, jung zu sein!”, flüsterte Fee dem großen, distinguiert wirkenden Mann zu, der neben ihr stand. “Sie sind bildhübsch.”

Offenbar dachten die anderen Gäste genauso, denn hier und dort hörte man leise Rufe des Entzückens.

Nur ein Gast fühlte sich allein, fast einsam, auch wenn man es ihm nicht anmerkte. Es war Rafe Cameron, der Trauzeuge des Bräutigams. Er hatte dichtes blondes Haar und markante Züge und wirkte stolz und energisch. Die Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen, weckten eine Bitterkeit in ihm, die nicht zu diesem wunderschönen Tag passte. Aber er war auch nur ein Mensch. Ein starker Mann mit starken Gefühlen, der Zurückweisung erfahren und Liebeskummer gehabt hatte und sich nie daran gewöhnt hatte.

Reglos stand Rafe da und betrachtete wie gebannt die Brautjungfer in dem rosafarbenen Kleid. Es war Ally Kinross, Brods jüngere Schwester. Die Frau, die ihm erst sein Herz gestohlen und dann eine große Leere in seinem Leben hinterlassen hatte. Schmerzlich wurde ihm bewusst, wie schön sie war, mit ihrem strahlenden Lächeln, dem lockigen dunklen Haar und den vor Aufregung geröteten Wangen.

O Ally, dachte er, hast du eine Ahnung, was du mir angetan hast? Doch sie hatten ganz unterschiedliche Maßstäbe angelegt. Allys Beteuerungen, sie würde ihn über alles lieben, waren wie Tränen gewesen, die schnell trockneten.

Brod und Rebecca. Eigentlich hätten es Ally und ich sein sollen, ging es Rafe durch den Kopf. Hatten sie nicht schon als Kinder vorgehabt, irgendwann zu heiraten? Fast war es selbstverständlich für sie gewesen. Hatte das Schicksal es nicht so gewollt, dass die Familien Kinross und Cameron, beide von Pionieren abstammend, irgendwann einmal verbunden würden? Selbst Stewart Kinross, Brods und Allys inzwischen verstorbener schwieriger, selbstherrlicher Vater, hatte es gewollt. Doch Ally hatte ihn, Rafe, verlassen und war nach Sydney gegangen, um als Schauspielerin Karriere zu machen – wie ihre Tante Fee, die jetzt glücklich lächelte und wesentlich jünger aussah, als sie war. Ally würde später einmal genauso aussehen. Beide hatten klassische Züge, waren lebhaft und fröhlich und hatten ein unerschütterliches Selbstvertrauen. Und beide wussten, wie man die Herzen der Männer eroberte und wieder brach. Es lag ihnen im Blut.

Entschlossen verdrängte Rafe diesen Gedanken, denn an einem Tag wie diesem wollte er nicht in Selbstmitleid schwelgen. Er freute sich für seinen Freund Brod, aber Allys Anblick hatte ihn aufgewühlt und machte es ihm schwer, die gewohnte kühle Fassade aufrechtzuerhalten. Er hoffte nur, dass niemand es bemerken würde. Schließlich hatte er gelernt, seine Gefühle zu verbergen. Von einem Cameron erwartete man jedoch auch eine gewisse Härte. Es war allerdings nicht das erste Mal, dass eine Frau aus der Familie Kinross einen Cameron sitzen gelassen hatte. Doch das waren alte Geschichten, die jeder Gast kannte.

Rafe verdrängte seinen Kummer, was ihm in diesem Moment auch nicht schwerfiel, da wie aufs Stichwort nun die Braut am Arm ihres stolzen Vaters oben auf der Terrasse erschien. Sie lächelte strahlend und blieb für einen Moment stehen, als wäre sie sich der Wirkung bewusst, die sie auf die Anwesenden ausübte.

Sofort hob sich seine Stimmung, und Rafe hörte, wie Fee “Zauberhaft!” rief und die anderen Gäste spontan Beifall klatschten.

Die Braut blieb noch eine Weile auf der Terrasse stehen, damit alle sie bewundern konnten, den Strauß aus weißen Rosen, Tulpen und Orchideen locker in den Händen. Sie trug ein enges zweilagiges Kleid aus eisblauem Satin und silberfarbener Spitze darüber und farblich dazu passende Schuhe. Auf einen Schleier hatte sie verzichtet. Ihr dichtes, glänzendes schwarzes Haar war aufgesteckt und mit kleinen weißen Orchideen und Perlen geschmückt. Als Schmuck hatte sie lediglich Diamantohrstecker angelegt, ein Hochzeitsgeschenk ihres Bräutigams.

Beim Anblick der wunderschönen Braut überkam Fee Traurigkeit, und Erinnerungen, die sie bisher immer verdrängt hatte, stürmten auf sie ein. Ihre Ehen waren beide gescheitert, ja, von Anfang an dazu verurteilt gewesen. Aber sie hatte noch ihre Tochter, ihre wunderschöne Francesca, die ihr mit jedem Tag mehr ans Herz wuchs. Im Nachhinein schien es ihr, als wäre sie gescheitert, obwohl sie als Schauspielerin Karriere gemacht hatte. Zwölf Jahre lang war sie Gräfin gewesen, bis zur unangenehmen Scheidung, als sie aufgrund einer kurzlebigen Leidenschaft für ihren damaligen Liebhaber, einen amerikanischen Filmstar, den Verstand verloren hatte. Nun betrachtete sie diese Zeit als ihre verrückten Jahre. Aus Leidenschaft wurde niemals Liebe. Und sie hatte sich von ihrer geliebten kleinen Tochter trennen müssen, die bei ihrem Vater geblieben war.

“Fee, Schatz, du siehst so traurig aus”, bemerkte ihr Begleiter. “Ist was?”

“Erinnerungen, Davey, das ist alles.” Fee wandte sich zu ihm um und drückte ihm den Arm. “Ich bin nun mal sehr gefühlsbetont.”

Das konnte man wohl sagen! David Westbury, Cousin von Fees Exmann Lord de Lyle, dem Earl of Moray, lächelte ironisch. Fee, verwegen und bezaubernd schön, hatte ihn schon immer fasziniert, obwohl die ganze Familie gegen die Heirat mit de Lyle gewesen war. Sie hatten das gefürchtet, was seine erzkonservative Mutter, die Schwester von de Lyles Mutter, als ihre “laute Art” bezeichnet hatte, also sowohl ihr Selbstbewusstsein als auch ihren unverkennbaren Sex-Appeal. Seine Familie hatte recht behalten, doch er wusste, dass sein Cousin nur mit Fee glücklich gewesen war, obwohl er einen hohen Preis dafür bezahlt hatte.

“Da kommt die Braut.” Fee begann zu summen. “Werdet glücklich, meine Lieben”, flüsterte sie.

“Amen!”, ergänzte David leise. Er war sehr stolz auf seine Francesca, die Brautjungfer mit dem tizianroten Haar und in dem wunderschönen blauen Kleid. Außerdem war er froh darüber, dass Fee den Kontakt zu seiner Familie aufrechterhalten hatte und ihn zur Hochzeit und einem anschließenden Urlaub nach Australien eingeladen hatte. Es war jetzt vier Jahre her, dass er seine geliebte Sybilla verloren hatte, die netteste Frau, die er je gekannt hatte. Vier traurige, einsame Jahre.

“Ich muss dich ein bisschen bemuttern”, hatte Fee am Telefon kokett zu ihm gesagt, und trotz seines Kummers hatte er lachen müssen, denn Fee hatte noch nie jemanden bemuttert, am allerwenigsten ihre Tochter.

Rebecca wurde nun von ihrem Vater die Treppe heruntergeführt. Es ist einfach perfekt, dachte Fee, während sie den mit Blumen geschmückten Torbogen betrachtete, den man extra für diesen Anlass errichtet hatte. Darunter standen ihr über alles geliebter Neffe Brod, neben ihm die beiden attraktiven Brüder Rafe und Grant Cameron sowie Mark Farrell, ein alter Freund von Brod. Alle vier waren groß und schlank und trugen blaugraue Anzüge mit weißen Hemden. Brods Krawatte war blau, die seiner Freunde waren silberfarben.

Nun würde die Trauzeremonie beginnen. Der Pfarrer wartete, sichtlich bewegt von der feierlichen Atmosphäre …

Als Rafe Brod den Ring reichte, war er zutiefst gerührt, weil dieser und seine Braut so glücklich wirkten. Rebecca hatte sich sehr verändert, denn zuerst war sie ausgesprochen reserviert gewesen. Brods Liebe hatte ihr wahres Ich wieder zum Vorschein gebracht, das Rebecca nach ihrer ersten unglücklichen Ehe hinter einer kühlen Fassade verborgen hatte.

Als der Pfarrer die beiden schließlich zu Mann und Frau erklärte, blickte Rafe unwillkürlich zu der jungen Frau, die ihn erst verzaubert und dann enttäuscht hatte. In ihren grünen Augen schimmerten Tränen.

Tränen?

Der Kiefer tat ihm schon weh, so angespannt war Rafe. Er würde keine Tränen in ihrer Gegenwart vergießen, obwohl sie seinen Blick erwiderte, als wollte sie ihn an damals erinnern. Es verwirrte ihn, dass er noch immer so viel Wut in sich verspürte. So tief hatte sie ihn verletzt. Doch das würde sie niemals erfahren. Wenigstens hegte er keine zärtlichen Gefühle mehr für sie. Ally mochte eine hervorragende Schauspielerin sein, aber er konnte durchaus auch eine Rolle spielen. Schließlich hatte er Übung darin.

Rafe setzte ein strahlendes Lächeln auf, als er seinem Freund und dessen Braut gratulierte und ihnen alles Glück der Welt wünschte. Nachdem er den Brautjungfern Francesca und Kim, Rebeccas bester Freundin, ein Kompliment über ihr Äußeres gemacht hatte, wandte er sich an Ally, die sich gerade die Tränen von den Wangen wischte.

“Es muss fantastisch sein, die Frau zu heiraten, die man liebt”, bemerkte er. “Ich habe Brod noch nie so glücklich erlebt.”

Obwohl sein Tonfall lässig war, zuckte Ally zusammen. Da sie Rafe so gut kannte, wusste sie, wie es wirklich in ihm aussah. Seine Worte bewiesen ihr, dass er sie niemals zurücknehmen würde. Am liebsten hätte sie sich an ihn geschmiegt. Ihn umarmt. Ihn um Verzeihung gebeten. Doch sie wusste, dass sie es nicht konnte.

Stattdessen erwiderte sie sanft: “Es war eine wunderschöne Trauung. Einfach perfekt. Ich werde meinen großen Bruder vermissen.” Ihr Gesicht nahm einen wehmütigen Ausdruck an. “Du weißt ja, dass wir uns sehr nahegestanden haben, weil wir ohne Mutter aufgewachsen sind und kein gutes Verhältnis zu Dad hatten.”

Rafe verspürte einen Anflug von Mitgefühl. Am liebsten hätte er die Hand ausgestreckt. Ihr übers Haar gestrichen. Damit gespielt, wie er es früher getan hatte.

“Du hast ihn nicht verloren, Ally”, brachte er schließlich hervor.

“Ich weiß.” Noch immer fühlte sie sich stark zu ihm hingezogen. “Aber jetzt ist Rebecca die Nummer eins in seinem Leben.”

“Und das zu Recht”, sagte er. “Du willst es doch so, oder?” Er blickte zu dem Brautpaar, das nun von den anderen Gästen umringt war und deren Glückwünsche entgegennahm.

“Natürlich!” Trotzig hob Ally das Kinn. “Ich freue mich für die beiden. Und ich habe Rebecca sehr gern. Es ist nur …”

Natürlich wusste er, was sie meinte. Er wollte sie nur ein bisschen aufmuntern. “Die Familie hat sich neu formiert.” Als Brods bester Freund und Allys ehemaliger Verlobter hatte er die Konflikte in der Familie Kinross miterlebt. Der verstorbene Stewart Kinross war ein harter, vielschichtiger Mann gewesen, der aus seiner Feindseligkeit gegenüber seinem charismatischen Sohn keinen Hehl gemacht hatte, und darunter hatte auch Ally gelitten. Brod und sie hatten einander umso mehr gebraucht. “Brod ist jetzt verheiratet”, fuhr Rafe fort, “und das Leben geht weiter. Aber du hast deinen Bruder nicht verloren, Ally. Du hast eine Schwägerin bekommen.”

“Sicher.” Ally lächelte ihr bezauberndes Lächeln. “Es ist nur so, dass Hochzeiten auch immer etwas Trauriges an sich haben, stimmt’s? Keiner von uns kann seine Gefühle unterdrücken.” Sie sah ihm in die Augen. Ihre Augen waren wunderschön – grün und mit goldenen Sprenkeln.

“Sollte das ein Seitenhieb auf mich sein?”, fragte Rafe herausfordernd.

Wenigstens reden wir miteinander, dachte Ally erleichtert. “Werden wir je wieder Freunde sein, Rafe?”

Ihm krampfte sich das Herz zusammen, doch er ignorierte es. Freunde, dachte er grimmig. Waren wir das denn? “Ich kann mich nicht entsinnen, dass wir irgendwann mal keine Freunde waren, Ally”, erwiderte er betont lässig.

Sie spürte, wie ihr die Wangen brannten. Wahrscheinlich hatte sie es nicht anders verdient. Sein markantes Gesicht mit dem für die Camerons typischen Grübchen im Kinn schimmerte golden im Sonnenlicht. Er wirkte kraftvoll und energiegeladen, richtig schön mit dem dichten blonden Haar, einem weiteren Merkmal der Camerons. Sein Gesichtsausdruck verriet eine gewisse Reserviertheit, gleichzeitig jedoch auch, dass Rafe sich immer noch zu ihr hingezogen fühlte.

Ich brauche dich, dachte Ally. Ich liebe dich. Es tut mir wahnsinnig leid, dass ich dich damals verlassen und mein Leben ruiniert habe. Traurig stellte sie fest, dass ihre Gefühle im Lauf der Jahre nicht nachgelassen hatten, sondern noch intensiver geworden waren. Allerdings war Rafe wie alle Camerons ein stolzer Mann. Ein Mann, dem Loyalität viel bedeutete, und sie hatte ihn enttäuscht. Sie hatte einen Fehler gemacht, indem ihr Selbstverwirklichung – zumindest hatte sie es damals so gesehen – wichtiger gewesen war als eine Liebe, die fast völlig von ihr Besitz ergriffen hatte. Sie war knapp zwanzig gewesen, und es hatte ihr Angst gemacht. Daher hatte sie die Flucht ergriffen. Und nun würde Rafe immer ein Fremder für sie sein.

“Warum machst du so ein trauriges Gesicht?” Er zog eine Augenbraue hoch.

“Du hast vergessen, wie gut ich dich kenne.” Obwohl sie lächelte, war der Ausdruck in ihren Augen unergründlich. “Seit ich dich das letzte Mal gesehen habe, bist du noch distanzierter. Ich fürchte, dass du mich überhaupt nicht mehr an dich ranlässt.”

“Für immer, Schatz”, versicherte Rafe ungerührt. Als ihr eine Strähne ins Gesicht fiel, streckte er unwillkürlich die Hand aus und strich sie zurück. Nun fiel sein Blick auf ihren schön geformten Mund. Den Mund, den er unzählige Male geküsst hatte. Und er hatte nie genug bekommen können. “Ich habe mich arrangiert”, fuhr Rafe fort. “Und so soll es auch bleiben. Trotzdem weiß ich zu schätzen, was wir damals gemeinsam erlebt haben. Die Bindung zwischen uns wird weiterbestehen. Ich bin nur nicht mehr dein Gefangener.”

Ally lachte skeptisch. “Gefangener? Genauso gut könnte man einen Adler einfangen. Wenn ich mich recht entsinne, war es genau andersrum.”

“Wer hat mir denn mit vierzehn erzählt, sie würde mich lieben und mich mit achtzehn heiraten?”, fragte er mit seiner tiefen, verführerischen Stimme. “Du bist die geborene Verführerin, Ally. Erinnerst du dich daran, wie du gesagt hast, du würdest mir gehören? Erinnerst du dich daran, wie ich fast den Verstand verloren hätte, als ich geschworen habe, dass ich dich erst anfassen würde, wenn du alt genug wärst, um damit umzugehen? Ich Armer”, fügte er spöttisch hinzu. “Es war meine Pflicht, deine Unschuld zu bewahren.”

Sie blinzelte und wandte den Blick ab. “Du warst schon immer sehr galant, Rafe. Ein echter Gentleman.”

Das strahlende Lächeln, das sie einem vorbeigehenden Gast schenkte, brachte Rafe auf die Palme. “Aber du hast das geändert, stimmt’s? Und vielleicht war das der große Fehler. Das Feuer, das dich verzehrte, wie du glaubtest, war im Vergleich zu dem, das mich verzehrte, nur eine kleine Flamme. Du warst noch ein Kind und ich ein Mann. Hast du deswegen die Flucht ergriffen?”

Da er nicht ganz unrecht hatte, warf sie den Kopf zurück. “Als ich in deinen Armen lag, hattest du nichts an mir auszusetzen”, konterte sie. In diesem Moment erinnerte sie sich intensiv an ihre leidenschaftliche Nacht mit ihm. Nie wieder hatte sie so etwas erlebt. Es war auf Opal Plains, seiner Farm, gewesen, in dem ehemaligen Schlafzimmer seiner Eltern. Seit Sarah und Douglas Cameron bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen waren, hatte niemand mehr in dem Zimmer geschlafen, doch Rafe hatte es so gewollt.

Rafe. Ihre erste große Liebe. Ihre einzige große Liebe. Es hatte danach einige andere Männer in ihrem Leben gegeben, aber für keinen von ihnen hatte sie so empfunden. Rafe war ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart. Eine Zukunft ohne ihn konnte sie, Ally, sich nicht vorstellen. Er war das fehlende Teil in dem Puzzle, das ihr Leben ausmachte.

Sie hätte ihn heiraten sollen, als sie dazu die Gelegenheit gehabt hatte. Genau wie ihr Bruder Brod hatte Rafe einen großen Besitz und damit auch eine gewisse Macht und Verantwortung geerbt. Sie hatte gewusst, was es bedeutete, doch sie hätte seine Hingabe nicht teilen können. Nun wäre sie gern dazu bereit gewesen. Sie war eine bekannte Schauspielerin, aber sie fand keine Erfüllung in ihrem Beruf. Mittlerweile war sie ausgebrannt und hatte Ängste, die sie nie für möglich gehalten hätte. Man zahlte einen hohen Preis für Ruhm.

“Ach, das gehört alles der Vergangenheit an”, fuhr Rafe fort. “Ich finde es nur schade, dass du in deinem Beruf nicht glücklich geworden bist.”

Unvermittelt wich Ally einen Schritt zurück und hob das Kinn. “Wer hat dir das gesagt?”

Tadelnd drohte er ihr mit dem Finger. “Ich kenne dich, Ally. Du bist nicht glücklich in deiner Scheinwelt. Du hast selbst gesagt, in der Stadt würde dir die Luft zum Atmen fehlen. Und da ich dich so gemocht habe, wie du warst, muss ich dir leider sagen, dass du viel zu dünn bist.” Er musterte sie von Kopf bis Fuß.

“Na toll! Ich sehe also schrecklich aus?”, erwiderte sie spöttisch. Natürlich wusste sie, dass sie gut aussah, auch wenn der Stress seinen Tribut forderte.

Rafe neigte den Kopf und dachte für einen Moment darüber nach. “Na ja, du siehst nicht mehr ganz so weiblich aus wie damals.” Er betrachtete vielsagend ihr eng anliegendes Oberteil. “Aber du bist schön. Und sehr begehrenswert. Deswegen wundert es mich auch, dass man in den einschlägigen Frauenzeitschriften nie etwas über Affären von dir liest.”

“Weil ich großen Wert auf meine Privatsphäre lege. Seit wann hast du eigentlich ein Faible für Frauenzeitschriften?”, meinte sie, wohl wissend, dass viele Gäste sie verstohlen beobachteten.

“Hast du schon mal etwas von Freundinnen gehört?”, konterte er ironisch. “Ich war neulich auf Victoria Springs und habe mit Lainie in alten Ausgaben geblättert. Lainie war schon immer ein großer Fan von dir. In der Vogue war zum Beispiel ein Artikel, in dem du verführerische Mode präsentiert hast. Meiner Meinung nach hättest du unter dem durchsichtigen Teil ruhig einen BH tragen können. Lainie fand natürlich, dass du fantastisch aussiehst. Wir haben auch Artikel gefunden, in denen du über deinen Beruf sprichst, aber von deinem Liebesleben war nirgends die Rede. Merkwürdig, denn wir werden alle nicht jünger.”

Insgeheim musste sie ihm recht geben. “Vielleicht kannst du mir ja ein paar Tipps geben”, sagte Ally mit einem ärgerlichen Unterton. “Du und Lainie habt denselben Geschmack.” War sie etwa eifersüchtig? Auf Lainie, ihre gemeinsame Freundin?

Rafe stieß einen höhnischen Laut aus. “Red keinen Unsinn.”

“Tue ich das? Ich habe den Eindruck, eure Freundschaft hat sich weiterentwickelt. Also behandle mich nicht so von oben herab – auch wenn du größer bist als ich.” Genau wie Brod war Rafe fast einen Meter neunzig groß.

“Dass du zu mir aufblicken musst, dürfte wohl das kleinste deiner Probleme sein.” Er grüßte einen vorbeigehenden Gast.

“Ich habe nicht gesagt, dass ich Probleme habe.” Erst jetzt merkte sie, dass die anderen Gäste alle zum Festzelt gingen. Unter ihnen war auch eine attraktive junge Frau mit langem blondem Haar, die ein sehr hübsches Chiffonkleid mit Blumenmuster trug – Lainie Rhodes von der Farm Victoria Springs. Sie war schon seit ihrer Kindheit mit Rafe und ihr befreundet, obwohl sie einige Jahre jünger war als sie. “Du gibst also nicht zu, dass aus deiner Freundschaft mit Lainie mehr geworden ist?” Ally wünschte, es wäre nicht der Fall, aber sie musste es unbedingt wissen. Sie blickte Lainie nach, die Arm in Arm mit Mark Farrell ging.

“Das klingt so, als wäre es dir egal”, konterte Rafe und versuchte, die widersprüchlichen Gefühle, die er verspürte, zu verdrängen. Lainie war ein nettes Mädchen. Er mochte sie, doch sie war für ihn nicht mehr als eine gute Freundin.

Noch. Tatsache war, dass er unbedingt heiraten musste, weil er einen Erben brauchte. Er musste eine Frau finden, die ihn Ally vergessen lassen würde.

Ally hatte seine Gedanken offenbar gelesen. “Lainie ist eine von uns”, sagte sie, und es klang resigniert. “Wir waren beide Rivalinnen. Man hat viel Spaß mit ihr, und sie ist sehr loyal.”

“Und sie ist ganz anders als du.” Das war gemein, doch es war ihm so herausgerutscht.

Sie ließ sich nicht anmerken, wie tief seine Worte sie verletzten. “Du meinst, ich erinnere dich nicht an einen liebenswerten jungen Hund?”, fragte sie betont forsch.

Auch Rafe hatte sich wieder gefangen. “Es sollte ein Kompliment sein.” Er hatte Ally gegenüber einmal bemerkt, dass Lainie ihm eine Zeit lang bei jeder Gelegenheit praktisch auf den Schoß gesprungen war.

“Offensichtlich.” Ally nickte. “Dürfen wir bald mit einer Bekanntmachung rechnen?” Sie musste ihre ganze Schauspielkunst aufbieten, um weiterhin unbekümmert zu wirken.

“Lass uns eins klarstellen, Ally”, sagte er spöttisch. “Mein Privatleben geht dich nichts mehr an. Das ist nicht böse gemeint, nur eine Feststellung. Ich werde nie vergessen, was zwischen uns war, aber es ist vorbei. Ah, da kommen Grant und Francesca”, rief er hörbar erleichtert. “Bestimmt ist dir aufgefallen, dass sie sich erstaunlich gut verstehen. Mach nur nicht den Fehler, zu viel hineinzuinterpretieren. Francesca führt in London ihr eigenes Leben.”

“Vielleicht möchte sie ihr Leben ändern.” Ally beobachtete ihre Cousine Francesca und seinen Bruder Grant, die Arm in Arm auf sie zukamen. Francesca, die Grant nicht einmal bis zur Schulter reichte, sah fantastisch aus in ihrem blauen Kleid, das einen reizvollen Kontrast zu ihrem roten Haar bildete. Und Grant war genauso attraktiv wie Rafe. Die beiden waren ein schönes Paar, und ihr gelöstes Lachen klang zu ihnen herüber. Sie, Ally, mochte Francesca sehr und hätte sie gern immer um sich gehabt.

Rafe schien es jedoch nicht so zu gehen.

“Sag das nicht!”, meinte er leise, amüsiert und alarmiert zugleich. “Ich möchte nicht, dass man meinem Bruder auch das Herz bricht.”

Ihr stockte der Atem. Auch? “Willst du damit andeuten, dass du noch etwas für mich empfindest?” Sie sah ihm in die Augen und stellte dabei fest, dass sein Blick sie immer noch schwach machte.

“Nein, ich habe damit nur angedeutet, dass es damals der Fall war, bevor du dich gelangweilt hast und weggelaufen bist.” Rafe entspannte sich. “Manchmal finde ich es richtig schade, dass du nicht mehr diese Wirkung auf mich ausübst, Ally. Vielleicht werde ich nie wieder so eine Leidenschaft erleben.

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