Logo weiterlesen.de
Der Preis der Liebe

1. KAPITEL

Es war kalt. Viel kälter, als Rosa eigentlich erwartet hatte. Hier in Mallaig, an der Westküste Schottlands, war von der Hitzewelle nichts zu spüren, die für ganz Großbritannien im August vorhergesagt worden war.

Nur ungern verließ Rosa die gemütliche Frühstückspension, in der sie die Nacht verbracht hatte. Das lag nicht nur an dem nasskalten Wetter, sondern auch und hauptsächlich daran, dass ihr Weg von hier aus ins Ungewisse führte. Ihr Ziel war eine Insel, die in zwei Stunden Entfernung draußen im Meer lag. In Kürze würde sie an Bord der Fähre gehen. Dabei wusste sie nicht einmal, ob Sophie tatsächlich auf Kilfoil war.

Sie bedauerte es, dass sie ihren langen Ledermantel zu Hause gelassen hatte, der ihr bei dem kalten Wind auf dem Wasser gute Dienste geleistet hätte. Doch glücklicherweise hatte sie ein paar warme Sachen eingepackt. Damit würde sie die zweistündige Überfahrt hoffentlich, ohne zu frieren, überstehen.

Rosa ging die schmale Hauptstraße hinunter zum Fähranleger. Die Parkplätze füllten sich bereits mit Autos. Sie lief zum Ende der Landungsbrücke und blickte hinaus auf das Meer.

Fröstelnd rieb sie sich über die Arme. So kalt es hier auch war, der Blick aufs Meer war fantastisch. In einiger Entfernung war die Insel Skye zu sehen, und sie fragte sich, ob die violetten Berggipfel, die man schemenhaft erkennen konnte, die berühmten Cuillins waren.

Rosa wusste nicht viel über diesen Teil Schottlands. Vielleicht hätte sie den Norden erkunden sollen, als sie noch Gelegenheit dazu gehabt hatte. Doch sie war in England aufs College gegangen, hatte später einen Engländer geheiratet und lebte seitdem in Yorkshire. Sie war auch kein besonders abenteuerlustiger Mensch, und Colin hatte es im Urlaub immer nur nach Spanien gezogen, wo er in der Sonne rösten konnte.

Inzwischen gab es keinen Colin mehr in ihrem Leben. Als sie vor drei Jahren herausgefunden hatte, dass er sie mit der Sekretärin seines Chefs betrog, hatte sie nicht lange gezögert und die Scheidung eingereicht. Colin hatte sie angefleht, sich diesen Schritt noch einmal gut zu überlegen und nicht fünf Jahre Ehe wegen eines einzigen Seitensprungs zu zerstören. Doch sie hatte sich nicht darauf eingelassen. Sie wusste, dass er sie nicht zum ersten Mal betrogen hatte, und sie bezweifelte, dass es das letzte Mal gewesen war.

Rosa hatte sich immer Kinder gewünscht, aber sie war einfach nicht schwanger geworden. Sie wusste nicht, ob es an ihr oder an Colin gelegen hatte. Jetzt war sie froh, dass sie keine hatten, denn sie wären bei der Scheidung nur die Leidtragenden gewesen.

Natürlich hatte Colin ihr die Schuld an seiner Untreue gegeben. Hätte sie mehr Zeit mit ihm statt mit ihren Schulkindern verbracht, dann hätte ihre Ehe noch eine Chance gehabt, war seine Ausrede gewesen. Doch ohne ihr Einkommen als Englischlehrerin hätte Colin sich die regelmäßigen Urlaubsreisen zum Festland gar nicht leisten können.

Das alles gehörte nun der Vergangenheit an. Manchmal schmerzte es noch ein wenig, was Colin ihr angetan hatte, doch im Großen und Ganzen war sie darüber hinweg und hatte ihr Leben wieder in den Griff bekommen. Bis dann gestern der Anruf von ihrer Mutter gekommen war. Sie war vor Sorge um Sophie so außer sich gewesen, dass Rosa schließlich zugestimmt hatte, sich auf die Suche nach ihrer jüngeren Schwester zu machen.

Rosa legte die Hände aufs Geländer und seufzte. Was wäre, wenn Sophie sich gar nicht auf dieser Insel aufhielt? Sie konnte nur hoffen, dass es auf Kilfoil eine Unterkunftsmöglichkeit gab, da sie erst am nächsten Tag mit der Fähre wieder zurückfahren konnte.

Man hatte ihr gesagt, dass der Ticketschalter um neun Uhr öffnete und dass sie keine Probleme haben sollte, eine Passage nach Kilfoil zu bekommen. Offenbar ging der Hauptverkehr nach Armadale auf der Insel Skye.

Sie dagegen würde die Fähre nehmen, die zu den weiter entfernten Inseln fuhr. Sie schienen ziemlich einsam und abgelegen zu sein. Beinahe wünschte sie, ihre Mutter wäre mitgekommen. Sie wäre so froh, wenn sie jemanden zum Reden hätte.

Liam fuhr seinen Audi auf das Parkdeck und stieg aus. Ein kalter Wind schlug ihm entgegen, doch er spürte ihn kaum. Er war das raue Klima gewöhnt, auch wenn er in Hampstead aufgewachsen war. Seit zehn Jahren lebte er schon in Schottland. Genauer gesagt, seit sein erstes Buch zu einem Bombenerfolg geworden war. Ein berühmter Hollywood-Regisseur hatte es gelesen und zu einem Filmerfolg gemacht. Das war in jener Zeit gewesen, als das Leben in London angefangen hatte, für ihn unerträglich zu werden, um nicht zu sagen, lebensgefährlich.

Er fuhr sich mit der Hand über den Schenkel. Selbst durch den Stoff seiner abgewetzten Jeans konnte er die harte Narbe spüren. Er hatte wirklich großes Glück gehabt. Von allen Stichwunden, die dieser Verrückte ihm zugefügt hatte, hätte diese ihn das Leben kosten können. Das Messer hatte seine Oberschenkelschlagader durchtrennt und war durch so viele Nervenstränge und Sehnen gedrungen, dass er immer noch Probleme mit seinem Bein hatte und diese vermutlich auch nie mehr loswerden würde. Doch trotz des enormen Blutverlustes hatte er überlebt. Sein Angreifer dagegen war an den Messerstichen gestorben, die er sich anschließend selbst zugefügt hatte.

Energisch verbannte Liam alle Gedanken an dieses schreckliche Erlebnis. Das alles lag schon lange Zeit zurück. Tief atmete er die kalte Seeluft ein. Er war froh, dass er letzte Nacht noch von London zurückgefahren war und die erste Fähre nach Kilfoil nehmen konnte. Die nächste Fähre ging erst am Donnerstag, und er konnte es nicht erwarten, nach Hause und zu seiner Arbeit zurückzukehren.

Er hatte gerade seinen Wagen abgeschlossen, als seine Aufmerksamkeit von einer jungen Frau angezogen wurde, die am Ende des Docks am Geländer lehnte. Sie besaß eine Fülle rotbrauner Locken, die sie mit einem Band im Nacken zusammenhielt. Angestrengt blickte sie zur Insel Skye hinüber, deren Hügel in Regenwolken gehüllt waren.

Offensichtlich eine Touristin, ihrer leichten Kleidung nach zu schließen, dachte er bei sich. Auch wenn die Sommer hier ziemlich warm werden konnten, im Moment waren die Temperaturen eher herbstlich und bewegten sich um die fünfzehn Grad herum.

Jack Macleod, der Segelboote an Touristen vermietete, winkte Liam zu, als er von seinem Wagen zum Terminal hinüberging.

„Na, sieht man dich auch einmal wieder“, sagte er mit einem breiten Grinsen. „Wir fürchteten schon, dass du es dir mit dem Zurückkommen noch einmal überlegt hättest.“

Lässig hakte Liam die Daumen in die Gesäßtaschen seiner Jeans. Sein Baumwollhemd stand am Hals offen und gab den Blick auf sein dunkles Brusthaar frei.

„So leicht werdet ihr mich nicht los“, erwiderte er. „Mich zieht es wieder auf die Insel. Großstädte haben für mich ihren Reiz verloren.“

„Ich habe gehört, dass du nach London gefahren bist, um einen Arzt aufzusuchen?“ Jack musterte den Freund prüfend. „Doch hoffentlich nichts Ernstes?“

„Nur ein Check-up“, erwiderte Liam. Er wollte nicht in aller Öffentlichkeit über seine privaten Probleme reden. Die junge Frau am Dock schaute ohnehin schon zu ihnen herüber.

Rasch wandte sie wieder den Kopf, als wäre ihr gerade bewusst geworden, dass man ihre Blicke bemerkt hatte. Liam hatte jedoch noch ein schmales Gesicht und dunkle Augen erkennen können. Sie war ziemlich groß und sehr schlank.

„Und nun willst du also die Morgenfähre nehmen“, hörte er Jack sagen.

„Falls ich noch mitgenommen werde“, meinte Liam. Doch Jack versicherte ihm, dass Angus Gallagher ihn ganz bestimmt niemals abweisen würde.

Als Liam anschließend wieder einen Blick zum Dock warf, war die Frau verschwunden.

Unterdessen hatte Rosa sich vor dem Ticketschalter angestellt, um ihre Passage nach Kilfoil zu buchen. In ihren Jeans, den Freizeitschuhen und dem Rucksack über der Schulter hielt man sie sicher für eine Touristin. Jedenfalls schenkten ihr die anderen Touristen, die in der Warteschlange standen, keine weitere Beachtung. Im Gegensatz zu den beiden Männern, die sie vorhin auf dem Parkplatz gesehen hatte. Zumindest der eine von ihnen hatte sie sehr gründlich gemustert. Er hatte nicht übel ausgesehen mit seiner hochgewachsenen Gestalt und den breiten Schultern, die sein zerknittertes Hemd ausfüllten. Sie nahm an, dass er ein Fischer war. Wie ein Tourist hatte er jedenfalls nicht ausgesehen, und der andere Mann hatte Wattstiefel getragen.

Bestimmt waren sie Einheimische. Ob sie sich vielleicht an ein hübsches blondes Mädchen erinnerten, das letzte Woche nach Kilfoil gefahren war? Aber besser fragte sie den Kapitän oder das Personal auf der Fähre danach.

Nach Liam Jameson selbst wollte sie lieber nicht fragen. Der Mann war angeblich ein Einsiedler. Aber warum hatte er dann ein Pop-Festival in Glastonbury besucht? Um zu recherchieren? Sie bezweifelte es.

Rosa konnte immer noch nicht fassen, was Sophie sich da wieder einmal geleistet hatte. Sie hatte gehofft, dass ihre Schwester endlich ruhiger wurde und mit Mark Campion zusammenblieb. Doch nun war alles wieder infrage gestellt, weil Sophie auf diesem Pop-Festival einen anderen Mann kennengelernt hatte.

Rosa erstand ihr Ticket und ging wieder nach draußen. Die Regenwolken hatten sich ein wenig gelichtet, und zaghaft drängten sich einige Sonnenstrahlen hindurch.

Als sie am Kai wartete, sah sie den Mann wieder. Er stand mit seinem Auto in der Reihe der Wartenden. Rosa spürte, wie ihr Pulsschlag sich beschleunigte. Was für ein Zufall! Aber es war unwahrscheinlich, dass er nach Kilfoil wollte. Mrs. Harris von der Frühstückspension hatte gesagt, dass die Insel jahrelang unbewohnt gewesen sei, bevor ein reicher Schriftsteller den Besitz gekauft und das heruntergekommene Schloss für seine privaten Zwecke renoviert habe. Natürlich konnte es sich bei diesem Schriftsteller nur um Liam Jameson handeln. Doch sie hatte darauf verzichtet, die Wirtin nach Einzelheiten auszufragen.

Als sie dann zusammen mit anderen Passagieren an Bord ging, verlor sie den Fremden wieder aus den Augen. Ein eisiger Wind wehte ihr entgegen, als sie die steile Treppe zum Oberdeck hinaufstieg. Lieber Himmel, wie konnte jemand, der so viel Geld besaß, um eine Insel kaufen zu können, nur hier draußen leben wollen?, fragte sie sich schaudernd. Barbados, ja. Die Cayman-Inseln, vielleicht. Aber Kilfoil? Der Mann musste verrückt sein!

Aber möglicherweise fand Liam Jameson hier den passenden Hintergrund für seine Horror-Storys. Angeblich drehten sie auch seinen neuesten Film auf der Insel. Wenn er nur nicht ihre Schwester da mit hineingezogen hätte!, dachte Rosa unglücklich. Mit ihren knapp achtzehn Jahren war Sophie leicht zu beeinflussen. Ihr großer Traum war es, ein Filmstar zu werden. Und sie schwärmte für Liam Jameson. Seine Bücher, deren Auflagen Millionenhöhe erreichten, hatte Sophie alle verschlungen. Auch alle seine Filme waren große Erfolge geworden. Bei dem wachsenden Interesse der Leser für das Übersinnliche, besonders für Vampire, mit denen Liam Jamesons Romane sich hauptsächlich befassten, hatten seine Werke schon einen Kultstatus erreicht.

Aber war er tatsächlich auf diesem Pop-Festival gewesen? Sophie hatte Mark davon überzeugt, dass dies die Chance ihres Lebens war. Doch warum hatte sie es dann ihm überlassen, ihre Mutter über ihre Pläne zu informieren, anstatt sie selbst anzurufen?

Rosa war froh, dass es auf dem Oberdeck eine kleine Cafeteria gab, wo man sich Sandwiches und Getränke kaufen konnte. Sie setzte sich ans Fenster und beobachtete das Treiben auf dem Dock.

Es dauerte nicht lange, bis die restlichen Passagiere an Bord gegangen und die Fahrzeuge auf dem Unterdeck abgestellt waren. Wenig später legte die Fähre ab und glitt aus der Bucht hinaus. Als Erstes würde sie in Kilfoil anlegen und dann die anderen Inseln ansteuern.

Schwer hob und senkte sich die Fähre, als sie ins offene Meer hinausfuhren. Rosa wurde es ganz mulmig im Magen. Hoffentlich wurde sie nicht ernstlich seekrank.

„Fühlen Sie sich nicht gut?“, hörte sie plötzlich neben sich eine Stimme.

Wahrscheinlich sah sie aus wie ein Gespenst. Rosa hob den Kopf und erblickte den Mann vom Parkplatz. Er hatte sich eine abgewetzte Lederjacke übergezogen und wirkte aus der Nähe noch größer und kraftvoller. Das Hemd war ihm stellenweise aus der Hose gerutscht und gab den Blick auf leicht behaarte, sonnengebräunte Haut frei. Ein richtiges Sexpaket, dachte Rosa bei sich.

„Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es hier draußen so stürmisch sein würde“, gestand sie mit einem kläglichen Lächeln. „Aber ich nehme an, Sie sind daran gewöhnt?“

Seine grünen Augen unter den dichten schwarzen Wimpern blickten sie forschend an. Rosa bekam regelrecht Herzklopfen, so unglaublich gut sah dieser Mann aus mit seinem gebräunten Gesicht, der energischen Kinnpartie und dem sinnlich wirkenden Mund.

„Wie kommen Sie darauf?“, wollte er wissen, und Rosa glaubte, eine gewisse Schärfe aus seiner Stimme herausgehört zu haben. Er sprach ohne schottischen Akzent.

„Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass Sie ein Einheimischer sind“, erklärte Rosa. „Aber offenbar habe ich mich getäuscht. Sie sind Engländer, nicht wahr?“

Liams Miene verfinsterte sich. Er wünschte, er hätte sie nicht angesprochen. Aber sie hatte so erbärmlich blass und verloren ausgesehen, dass sie ihm leidgetan hatte.

„Wir sprechen nicht alle Gälisch hier“, sagte er schließlich.

„Natürlich nicht.“ Rosa schluckte ihren Ärger hinunter. Zumindest lenkte diese merkwürdige Unterhaltung sie vom Anblick der aufgewühlten See ab. „Dann leben Sie also auf den Inseln?“

„Mag sein“, sagte er wortkarg. Er ließ den Blick über ihre leicht bekleidete Gestalt gleiten. „Sie wollen in diesem Aufzug doch hoffentlich nicht wandern gehen?“

Rosa blieb die Sprache weg. „Als ob Sie das etwas anginge!“

„Nein, es geht mich natürlich nichts an“, lenkte er ein. „Ich habe nur laut gedacht. Mir ist nämlich gleich aufgefallen, wie erfroren Sie aussahen.“

Dann hatte er sie also doch bemerkt. Rosa wurde etwas freundlicher gestimmt. „Ich hatte nicht erwartet, dass es hier gar so kalt ist“, sagte sie. „Aber ich habe auch nicht vor, lange zu bleiben.“

„Nur eine Stippvisite?“

„So ungefähr.“

Liam zog die Brauen zusammen. „Haben Sie Verwandte hier?“

Rosa fand, dass er ziemlich viele Fragen stellte. Aber sie hatte ja selbst vor, die Leute nach ihrer Schwester auszufragen. Wenn dieser Mann hier die Fähre regelmäßig benutzte, konnte er sie gesehen haben.

„Ich bin auf der Suche nach meiner Schwester“, erklärte sie so beiläufig wie möglich. „Ein hübsches blondes Mädchen. Ich nehme an, dass sie vor zwei Tagen auf dieser Fähre gewesen ist.“

Er schüttelte den Kopf. „Das kann nicht sein. Diese Fähre hier verkehrt nur montags und donnerstags.“

„Ach.“ Rosa schluckte. Letzten Donnerstag war Sophie noch mit Mark in Glastonbury gewesen. „Sind Sie da ganz sicher?“, vergewisserte sie sich, während sie sich gleichzeitig fragte, ob Liam Jameson vielleicht ein Flugzeug besaß oder ein Boot im Hafen von Mallaig liegen hatte.

„Ganz sicher“, erwiderte er.

Rosa holte tief Luft. „Wissen Sie, wie weit es noch ist?“

„Das kommt darauf an, wo Sie hinwollen“, versetzte Liam trocken. Gegen seinen Willen war er neugierig geworden.

„Nach Kilfoil“, erklärte sie und stellte dann fest, dass sie ihn mit ihrer Antwort offensichtlich verblüfft hatte.

2. KAPITEL

Ihre Antwort verwunderte ihn tatsächlich. Liam hatte geglaubt, alles über die Familien zu wissen, die auf die Insel gezogen waren, nachdem er sie erworben hatte. Da die Häuser jahrelang unbewohnt gewesen und baufällig geworden waren, hatte es der Mithilfe aller Bewohner bedurft, um neue Leitungen zu legen, Strom und Wasser zu installieren und den Generator wieder in Betrieb zu nehmen. Darüber waren seine Mieter auch seine Freunde geworden. Heute war Kilfoil ein geschäftiger kleiner Ort, dessen hundert Einwohner vom Fischen, dem Tourismus und der Landwirtschaft lebten.

Liam hätte gern gewusst, weshalb die junge Frau glaubte, dass ihre Schwester sich auf Kilfoil aufhielt. Doch er wollte nicht zu viele Fragen stellen. War das Mädchen etwa durchgebrannt?

„Etwa eine Stunde noch“, antwortete er schließlich auf ihre Frage. Dann ging er hinüber zur Theke. Rosa beobachtete ihn verstohlen, wie er sich zwei Styroporbecher mit Kaffee füllen ließ und sie bezahlte. War der eine Becher etwa für sie?

Da kam er auch schon wieder zurück. „Möchten Sie einen Kaffee?“

„Oh – Sie hätten mir keinen mitzubringen brauchen“, murmelte sie sichtlich verlegen, nahm den Becher jedoch dankend entgegen.

„Schottische Gastfreundschaft“, erwiderte Liam mit einem Schulterzucken. „Wir sind dafür bekannt.“

„Dann sind Sie also doch ein Schotte“, stellte sie fest. „Sicher kennen Sie die Gegend hier gut. Wie ist Kilfoil so? Ist es sehr unzivilisiert?“

Liam verschluckte sich fast an seinem Kaffee. „Was denken Sie, wo Sie hier sind? In der hintersten Mongolei?“

„Nein, natürlich nicht.“ Rosa konnte es nicht verhindern, dass ihr die Röte in die Wangen stieg. „Erzählen Sie mir ein wenig über die Insel. Gibt es dort Häuser, Geschäfte, Hotels?“

Liam antwortete nicht gleich. Er schwankte zwischen dem Wunsch, seine Heimatinsel in den leuchtendsten Farben zu schildern, und der Notwendigkeit, mit den Örtlichkeiten nicht allzu vertraut zu erscheinen. „Kilfoil ist den anderen Inseln ziemlich ähnlich“, erwiderte er schließlich. „Im Ort kann man die nötigsten Dinge für den Lebensunterhalt kaufen, und für die Touristen gibt es einige Gästehäuser.“

Rosa war erleichtert. „Dann ist es also nicht einsam und unwirtlich?“

„Nein. Es ist wunderschön dort.“ Liam dachte daran, wie froh er sein würde, wenn er wieder zu Hause war. „Alle Inseln hier haben einen besonderen Reiz. Ich würde nirgendwo anders leben wollen.“

„Und wo genau wohnen Sie?“, erkundigte Rosa sich.

„Auf Kilfoil“, antwortete er widerstrebend. „Entschuldigen Sie mich bitte, ich muss nach meinem Wagen sehen.“ Hastig verabschiedete er sich, als hätte er schon zu viel verraten.

Nachdenklich trank Rosa ihren Kaffee. Seine Antwort hatte sie nicht einmal sehr überrascht. Sie fragte sich nur, was ein Mann wie er auf Kilfoil tat. War er vielleicht doch ein Fischer, wie sie erst angenommen hatte? Aber das konnte sie sich nur schlecht vorstellen. Der Gedanke kam ihr, dass er für Liam Jameson arbeiten könnte. Oder zum Filmteam gehörte, falls auf der Insel tatsächlich ein Film gedreht wurde.

Die Fahrt schien kein Ende zu nehmen. Abgesehen von ein paar in Dunst gehüllte Inseln war weit und breit nichts weiter zu sehen als das graue, aufgewühlte Meer. Mit einem Seufzer schaute Rosa auf ihre Armbanduhr. Jetzt sollte es aber wirklich nicht mehr allzu lange dauern.

Endlich sah sie in nicht allzu weiter Entfernung Land auftauchen. Ob das Kilfoil war? Hoffentlich. Sobald sie angelegt hatten, wollte sie ihre Mutter anrufen, die sicher schon ganz nervös auf eine Nachricht von ihr wartete. Sophie war ihr Baby, ihr erklärter Liebling, auch wenn sie manchmal ausgesprochen egoistisch und starrköpfig sein konnte.

Die Fähre verlangsamte jetzt ihr Tempo und rüstete sich zum Anlegen auf Kilfoil. Rosa konnte ein paar Häuser erkennen, die hinter dem Fähranleger den Hang hinauf gebaut waren. Alles machte einen etwas düsteren Eindruck, aber das war bei diesem Wetter auch kein Wunder. Im hellen Sonnenschein sah die Insel sicher viel einladender aus.

Eine Viertelstunde später ging Rosa von der Fähre. Sie blickte sich um und sah eine kurvenreiche Straße, die aus dem Ort hinausführte, und dunkle Berge im Hintergrund. Die Insel schien viel größer zu sein, als sie gedacht hatte. Beinahe wollte sie der Mut verlassen. Selbst wenn sie Sophie hier finden sollte – wie konnte sie ihre Schwester überreden, nach Hause zu kommen? Wenn Sophie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, würde sie ganz gewiss nicht auf sie hören.

Rosa hatte gerade ein Postamt entdeckt, als ein staubiger grauer Audi von der Fähre fuhr. Am Steuer saß der Mann, der ihr den Kaffee spendiert hatte. Rasch sah sie zur Seite. Nicht, dass er dachte, sie hielte Ausschau nach ihm!

Zu ihrer Erleichterung fuhr er an ihr vorbei. Doch dann bremste er scharf ab und setzte zurück. Neben ihr wurde eine Autotür geöffnet, und der Fremde stieg aus.

Rosa fiel auf, dass er ein Bein leicht nachzog. Auf der Fähre war ihr das gar nicht aufgefallen. Doch bei dem rauen Seegang war wohl keiner recht sicher auf den Beinen gewesen.

Liam schalt sich unterdessen einen Esel, weil er angehalten hatte. Aber die junge Frau machte immer noch den Eindruck, als würde der nächste Windstoß sie umwehen.

„Probleme?“, fragte er und zwang sie damit, ihn anzusehen.

„Ich hoffe nicht“, erwiderte Rosa knapp und wünschte, er möge verschwinden. Andererseits konnte er ihr vielleicht weiterhelfen. „Ich habe mich nur nach einem Postamt oder Laden umgesehen, um mich nach Kilfoil Castle zu erkundigen.“

„Kilfoil Castle?“, wiederholte Liam argwöhnisch. „Warum wollen Sie wissen, wo Kilfoil Castle ist? Es ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.“

„Ich weiß.“ Rosa seufzte. Ob sie ihm vertrauen konnte? „Wissen Sie zufällig, ob dort gerade ein Film gedreht wird?“

„Ein Film?“ Liam wusste nicht, was er von dieser Frage halten sollte. Hatte er sich in dieser fremden jungen Frau etwa doch getäuscht?

„Ja, ein Film.“ Rosa nickte. „Wie ich gehört habe, wird auf der Insel ein Film nach einem von Liam Jamesons Büchern gedreht.“

Liam starrte sie an. War sie tatsächlich so naiv, oder tat sie nur so? „Wie kommen Sie auf den Gedanken, dass Liam Jameson einem Filmteam erlauben würde, in seine Privatsphäre einzudringen? Ich weiß, dass seine Bücher verfilmt worden sind, aber ganz sicher nicht hier.“

Bildete er es sich nur ein, oder ließ sie jetzt tatsächlich die Schultern hängen? Hatte sie gehofft, ihre Schwester unter den Darstellern zu finden? „Ich denke, man hat Sie falsch informiert“, sagte er nachsichtig. „Ich kann Ihnen versichern, dass weder auf Kilfoil Castle noch sonst wo auf der Insel ein Film gedreht wird.“

Rosa bedachte ihn mit einem ratlosen Blick. „Sind Sie da ganz sicher?“

„Ganz sicher.“ Liam schaute sie mitfühlend an. „Tut mir leid, Sie so zu enttäuschen, aber ich glaube nicht, dass Ihre Schwester hier ist.“

„Und ich glaube, dass sie sich doch irgendwo auf dieser Insel aufhält“, ließ Rosa sich nicht davon abbringen. „Wären Sie vielleicht so nett, mir den Weg nach Kilfoil Castle zu beschreiben? Oder gibt es hier ein Taxi, falls es zu weit zu laufen ist?“

Liam unterdrückte einen ungeduldigen Seufzer. „Warum, in aller Welt, denken Sie, dass Ihre Schwester auf Kilfoil Castle sein könnte?“

„Weil sie Liam Jameson anscheinend vor ein paar Tagen auf dem Pop-Festival in Glastonbury getroffen hat“, erklärte Rosa. „Er hatte ihr erzählt, dass sie in Schottland einen Film nach seinem neuesten Buch drehen, und ihr Probeaufnahmen zugesagt.“

Liam starrte sie an, als hätte sie chinesisch geredet. Bis Sonntagmorgen war er noch in einem Therapiezentrum in London gewesen, wo er Massagen bekommen hatte, um die Muskelkrämpfe in seinem Bein zu lindern. Außerdem hatte er in seinem ganzen Leben noch kein Pop-Festival besucht. Glaubte sie die Story tatsächlich, die ihre Schwester ihr aufgetischt hatte?

Anscheinend, denn ihre unsicher-besorgte Miene wirkte zu echt, um gespielt zu sein. Offenbar wusste sie auch nichts über seine Person. Zumindest hatte sie ihn nicht erkannt.

Unter dem intensiven Blick seiner grünen Augen, der ihr bis auf den Grund ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Der Preis der Liebe" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen