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Der Praktikant

1

Als Bernhard Winter die Treppen zu seiner Wohnung hinaufstieg, war er sehr müde. Er hatte den ganzen Tag im Büro verbracht und sehnte sich nach Ruhe. Sein Tagesgeschäft glich immer mehr einer riesigen Spinne, die all seine Kraft, seine Freude und seinen Spaß am Leben aus ihm heraussaugte und ihn zum Wochenende ausspuckte wie eine ausgelutschte Hülle. Er fühlte sich wie ein alter, schwacher Mann, der sein Leben gelebt hat und nichts mehr von ihm erwartet. Dabei war es ein schöner Tag gewesen, aber das hatte er kaum wahrgenommen. Er hatte sich an nichts erfreuen können. Nicht ein einziges Mal hatte er gelacht. Alles hinwerfen, dachte er, du müsstest alles hinwerfen. Aber er kannte sich; er würde es nicht tun, wie er es auch in der Vergangenheit nicht getan hatte. Nicht einmal dafür reichte seine Kraft. Er befand sich in einem nicht enden wollenden Kreislauf der Zermürbung, der in immer mehr erschöpfte und dem er nichts entgegenzusetzen hatte.

Sein Nachbar Schrader ließ sich nicht sehen, dieser unangenehme Mensch, den seine penetrante Neugier vor die Wohnungstür trieb, wenn jemand die Treppe hochkam. Aber es war nach zwanzig Uhr, und da war er entweder schon besoffen oder verdrosch seine Frau. Schrader war klein von Wuchs, hatte eine Halbglatze und trug einem erheblichen Bauchgewölbe mit sich herum, das über seinen spindeldürren Beinen hing wie eine halb mit Wasser gefüllte Plastiktüte. Einige Male war Winter Schraders Frau begegnet, einer scheuen Frau, die meistens eine altmodische Kittelschürze trug, die knapp über ihren unförmigen Knien schloss und am Oberkörper erheblich spannte. Jedes Mal hatte sie versucht, die blauen Flecken im Gesicht mit ihrer nachlässigen Frisur zu bedecken.

Auf der letzten Stufe gähnte er ausgiebig, dann schloss der Wohnungstür auf. Als er eintrat, fiel ihm das Schlüsselbund aus der Hand. Er trat dagegen, so dass es unter der Anrichte rutschte. Er ließ es dort liegen und streifte sich die Schuhe von den Füßen. Einen Blick in den Spiegel der Flurgarderobe vermied er, weil er den alten und verbrauchten Mann darin nicht sehen wollte. Er fühlte sich klein, kraftlos und unwichtig und hatte die wenig tröstliche Gewissheit, dass es stetig bergab mit ihm ging. So konnte es nicht weitergehen, aber es ging so weiter, weil er nichts dagegen tat.

Aus der Nachbarwohnung klang ordinäres Gelächter zu ihm herüber. Es folgte eine Schimpfkanonade; dann polterte es. Das Haus war hellhörig. Manchmal war durch die Wand der Wellensittich des Nachbarn zu hören.

Winter hängte den Mantel auf, dabei fiel sein Blick auf den blinkenden Anrufbeantworter. Er drückte den Abspielknopf. Die knarzige Stimme eines Monteurs bat um einen Rückruf. Winter sah auf die Uhr. Heute würde er niemandem mehr anrufen. Er schrieb die Telefonnummer auf einen Zettel und warf ihn in seinen Aktenkoffer. Morgen würde er zurückrufen. Morgen war immer gut.

Der zweite Anrufer war Verena gewesen. Sie war der einzige Lichtblick in seinem tristen Leben. Sie hatte es geschafft, den Panzer aufzubrechen, den er sich zugelegt hatte, seit ihm seine Frau Manina, abhanden gekommen war. Ihre Stimme klang selbst auf dem Band ausgesprochen erotisch. Sie bat ihn, zurückzurufen, wenn er mochte. Aber er wollte nicht einmal das. Er warf die Manschettenknöpfe neben den Anrufbeantworter, dann machte er sich einen Kaffee, ging ins Schlafzimmer und schaltete seinen Laptop ein.

Während er auf die eingegangenen E-Mails wartete, rührte er in der Tasse. Die Werbesendungen löschte er, ohne sie zu lesen. Drei Nachrichten blieben übrig. Eine stammte von Klaus, einem früheren Kommilitonen, der in Kanada lebte. Jedes Mal, wenn Klaus ihm schrieb, beschlich Winter ein Gefühl der Wehmut und Abenteuerlust. Klaus hatte mit Winter Jura studiert, aber er hatte immer nur davon geträumt, Farmer in Kanada zu werden. Jeden Tag hatte er davon geschwärmt und war nicht müde geworden, sich das Leben auf der Farm in den schönsten Farben auszumalen, als gebe es kein erstrebenswerteres Ziel. Alle, die ihn kannten, hatten das für ein Hirngespinst gehalten, aber eines Tages hatte Klaus tatsächlich alles hingeworfen und war übergesiedelt. Er hatte sich mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen und schließlich in einer großen Farm Unterschlupf gefunden, die ihm inzwischen gehörte.

Klaus schilderte den Alltag auf der Farm. Er tat es sehr bildlich, als sei er das reine Vergnügen. Und er bat Winter wieder einmal, seinen Urlaub doch endlich einmal bei ihm zu verbringen. Winter hatte das nie in Erwägung gezogen. Ursprünglich war es nur Desinteresse gewesen, mittlerweile aber befürchtete er, Klaus´ Leben könnte ihm derart faszinieren, dass er aus seinem Dasein, das mit austauschbaren, glücklosen Tagen gefüllt war, ausbrechen und es Klaus gleichtun könnte.

Die beiden anderen E-Mails stammten von Severin, seinem Sohn. Severin berichtete von einem Vorstellungsgespräch und tat so, als sei er bereits eingestellt. Winter wusste aus Erfahrung, dass er darauf nicht viel geben konnte. Severin war schnell begeistert und genauso schnell enttäuscht. Sein Leben war bisher alles andere als eine Erfolgsgeschichte gewesen. Er hatte die Schule kurz vor dem Abitur abgebrochen, um in einer großen Restaurantkette den Traum von einer beispiellosen Karriere zu leben. Aber daraus war natürlich nichts geworden. Danach hatte er das eine oder andere versucht und war schließlich Tischler geworden. Aber er hatte bisher keine Anstellung gefunden. Winter verband mit diesem Beruf eine angenehme Erinnerung aus Kindheitszeiten, die ihn schließlich mit der Wahl Severins versöhnt hatte: Der Vater eines Freundes war Tischler gewesen, und Winter hatte sich gern in der Werkstatt aufgehalten, in der es immer so wunderbar nach trockenem Holz und Knochenleim gerochen hatte.

Winter antwortete gleich. Er wünschte Severin, dass es klappe, dann wandte er sich der zweiten Mail zu. Das, was er las, ließ ihn erstarren. Severin hatte eine Nachricht, die an seine Mutter gerichtet gewesen war, an ihn weitergeleitet. Sie stammte von Winfried, einem früheren Freund, der inzwischen in Essen wohnte und Manina die Treue gehalten hatte. Die Einzelheiten ließen darauf schließen, dass Winfried Manina am Wochenende erwartete. Ausgerechnet Winne, dachte Winter, an dem Manina früher kein gutes Haar gelassen hatte. Wahrscheinlich wollten sie über die guten alten Zeiten tratschen.

Er erhob sich und wanderte zwischen Bett und Schreibtisch hin und her wie ein Tiger im Käfig. Die Dämmerung hatte den Raum inzwischen in diffuses Licht getaucht. Als er gegen eine Tasche trat, gab er seine Wanderung auf und ging in die Küche, schüttete den Kaffee weg, öffnete ein Bier und trank die Flasche im Stehen halb aus. Dann setzte er sich wieder an den Laptop und las die Nachricht immer wieder, bis die Buchstaben vor seinen Augen zu tanzen begannen. Manina hatte Severin den Zugang zu ihrem Postfach ganz sicher nicht gewährt, dazu war sie viel zu misstrauisch gegen jeden und alles. Hatte Severin folglich seiner Mutter über die Schulter geschaut oder das Passwort durch geduldiges Probieren ermittelt. Vielleicht war das gar nicht so aussichtslos, wie man immer annahm, schließlich folgte die Wahl eines Passwortes oft ganz pragmatischen Überlegungen und unausrottbar naheliegenden Lösungen, um es zuverlässig jederzeit reproduzieren zu können. War es möglich, sich in die Gedanken des anderen so sehr hineinzuversetzen und geduldig mit Namen, Zahlen und Zeichen zu experimentieren, um den Kreis der Lösungen einzugrenzen und auf diese Weise schließlich das Passwort zu finden?

Nimm nie etwas als unmöglich an, sagte ihm seine innere Stimme. Der Gedanke erschreckte und faszinierte ihn zugleich. Es war, als erfasse ein Feuer einen Strohballen. Winter ging ins Bad und ließ kaltes Wasser über die Hände laufen, bis sie sich rot färbten. Der Gedanke, Maninas Post lesen zu können, faszinierte ihn und ließ ihn nicht mehr los.

Winter hatte sich nach mehr als zwanzig Jahren geräuschlos aus seiner Ehe zurückgezogen und war in dieser Wohnung untergekommen. Seither stand zwischen Severin und ihm etwas Unausgesprochenes. Vielleicht hatte Severin auch Zugang zu den E-Mails seines Vaters? Was sprach dagegen, dass der Junge seinen Vater ebenso ausspähte wie seine Mutter. Was trieb den Jungen? Der Anreiz, etwas Heimliches zu tun, oder wollte er herausfinden, wie seine Eltern tickten? Wollte er wissen, was er von ihnen zu erwarten hatte oder hoffte er, auf irgendwelche Hinterhältigkeiten zu stoßen?

Winter erhob sich und tigerte durch das kleine Zimmer. Schließlich blieb er vor dem Fenster stehen und schaute auf den Spielplatz vor dem Haus. Im schwindenden Tageslicht wirkten die Spielgeräte groß und gespenstisch wie übernatürliche Gestalten. Es erschreckte ihn, dass sich ein Gedanke in ihm festzusetzen begann: Was sprach gegen den Versuch, es Severin gleichzutun? Einen Augenblick schwankte er zwischen der Überzeugung, dass es aussichtlos war, und dem Verlangen, es wenigstens zu versuchen, aber schon wenig später hatte er seine Bedenken bereits durch die Frage verdrängt, ob sein Tun irgendwelche Spuren hinterlassen würde und Manina Rückschlüsse darauf ziehen könnte, dass er dahinter steckte. Aber nicht einmal dieser Gedanke ließ in das Ganze vergessen. So muss sich jemand fühlen, der einer Sucht erlegen ist, dachte er. Es schien wie die Verletzung eines Tabus, aber er hatte sich entschieden.

Er sah aus dem Fenster. Die Spielgeräte waren jetzt nur noch schemenhaft zu erkennen. In wenigen Minuten würde sich die stockfinstere Nacht über sie legen. Er spürte, dass er zu schwitzen begann.

Er gab Maninas E-Mail-Adresse und als Passwort ihr Geburtsdatum ein. Prompt kam eine Fehlermeldung. Ganz so einfach war es also doch nicht. Er versuchte es mit dem Geburtsdatum ihrer Mutter. Auch das brachte ihn nicht weiter.

Plötzlich fuhr laut polternd ein Fahrzeug am Haus vorbei. Winter konzentrierte sich auf das Geräusch, bis es verklungen war, dann versuchte er es mit der PIN von Maninas Geldkarte und danach mit Severins Geburtsdatum, aber immer kam eine Fehlermeldung. Es ist offenbar doch nicht so einfach, wie Manina zu denken, dachte er. Seine Ideen hatten sich bereits erschöpft. Aber er konnte nicht aufhören. Inzwischen beunruhigte ihn nicht mehr das, was er tat, sondern, dass er vielleicht nicht hinter das Passwort kam.

Er duschte und blätterte die Zeitung durch, dann setzte er sich wieder an den Laptop und versuchte es mit Maninas Wagenkennzeichen.

Erst passierte gar nichts, dann aber öffnete sich ein Bild, das anders aussah. Ungläubig starrte er auf den Bildschirm. Dieses Mal war es keine Fehlermeldung. Er hatte es tatsächlich geschafft!

Der Triumph genügte ihm, und er wollte schon den Datenraum verlassen, wie ein Dieb, der plötzlich Angst vor seinem Tun bekommt und vor der Tat das Haus verlässt, aber er konnte nicht der Versuchung widerstehen, Maninas Post zu lesen und überflog den Posteingang, der inhaltsleer und enttäuschend uninteressant war. Er wollte sich schon abmelden, als sich eine neue Nachricht ankündigte. Erst überflog er sie, dann las er sie mehrmals, bis er begriff, dass er sich nicht irrte: Manina hatte für das bevorstehende Wochenende die Überwachung ihres Handys in Auftrag gegeben. Wozu, fragte er sich, es war doch sinnlos, sein eigenes Handy zu überwachen. Kein Mensch ortete sich selbst.

Plötzlich kam ihm ein ungeheuerlicher Gedanke. Was, wenn gar nicht Manina dahintersteckte, sondern jemand, der wissen wollte, wo sie sich aufhielt? Könnte Severin …

Er hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als die E-Mail plötzlich vom Bildschirm verschwand. Sofort befiel ihn Panik, und es schien ihm, als sehe Manina ihn durch den Bildschirm an. Der Gedanke war ihm derart unangenehm, dass er sich abmeldete.

Er schaltete den Laptop aus und lehnte sich weit zurück. Sein Blick verlor sich im Nichts.

Als Bernhard Winter erwachte, war es draußen noch stockdunkel. Der Wecker zeigte zehn Minuten nach vier Uhr. Die Gedanken an Severin und an Manina hatten ihn schlecht geschlafen und unruhig träumen lassen. Er hatte den Grundsatz, das Vergangene vergangen sein zu lassen, einer Augenblicksversuchung geopfert und fühlte sich nun, da er die Sache mit einem gewissen Abstand sah, gläsern, befleckt und missbraucht. Deshalb beschloss er, von seiner Erkenntnis keinen Gebrauch zu.

Er wälzte und wälzte sich im Bett, aber der Schlaf kehrte nicht zurück. Als es auf sechs Uhr zuging, erhob er sich, ging in die Küche, kochte Kaffee und belegte sich zwei Brote. Während er aß, gingen seine Gedanken immer wieder zu seinen gestrigen Feststellungen. Angesichts dessen, dass es so unglaublich leicht gewesen war, in Maninas Postfach einzudringen, schien ihm die öffentliche Debatte über die Bedingungen, unter denen es gestattet sein sollte, jemanden abzuhören oder elektronische Post mitzulesen, geradezu lächerlich. Was für eine grandiose Täuschung sie doch ist, dachte er. Das Gespenst des Überwachungsapparates war längst keine graue Theorie mehr. Wenn es schon ihm gelang, in ein fremdes Postfach einzudringen, welche Möglichkeiten hatten dann erst jene, der etwas davon verstanden? Der Gedanke war erschreckend.

Er ging ins Bad und duschte. Das Wasser wurde nicht richtig warm. Dann rasierte er sich und wischte die Reste des Schaums ins Handtuch. Manina hätte ihm deswegen Vorhaltungen gemacht.

Schon wieder Manina, durchfuhr es ihn. Denke nicht an gestern, mahnte seine innere Stimme, miss dein Verhalten nicht fortwährend an Vergangenem, sondern schau endlich nach vorn.

Plötzlich klingelte das Telefon. Winter hasste es, so früh angerufen zu werden, aber als er Verenas weiche Stimme hörte, spürte er sofort ein Kribbeln im Nacken. Er lief in den Flur und griff nach dem Telefon. Das Handtuch rutschte ihm von der Hüfte und legte sich um seine Füße wie ein weicher Flor.

„Guten Morgen.“

„Guten Morgen, Bernhard.“

Er sah sie vor sich, groß und schlank, mit kurzen dunklen Haaren.

„Was tust du gerade? Oder darf ich das nicht fragen?“

Natürlich durfte sie das. Verena durfte alles fragen. Wahrheitsgemäß erwiderte er, dass er nackt im Flur stehe und mit einer schönen Frau rede. Er unterbrach sich und ließ die Worte nachklingen. Als sie nicht gleich antwortete, befürchtete er, zu anzüglich gewesen zu sein. „Es ist immer wundervoll, wenn du anrufst“, schob er nach.

Jetzt kicherte sie. „Ist das wirklich wahr?“

Er konnte ihr Lächeln förmlich hören und sah ihre kleinen Grübchen in den Augenrändern vor sich. Verena war eine schöne Frau. Sie war ihm zugefallen wie eine reife Frucht. Es gab solche Zufälle, an die er vorher nicht geglaubt hatte. Auch wenn er natürlich ganz genau wusste, worauf sie hinauswollte, fragte er: „Dass jeder Tag, an dem ich deine Stimme nicht höre, trist ist, dass du eine schöne Frau bist, dass du …“

„Dass du nackt im Flur stehst“, warf sie kichernd dazwischen.

Er stellte sich vor, dass sie zur Tür hereinkäme und plötzlich vor ihm stünde. Sofort durchströmte ihn wohlige Wärme. „Wenn du nur hier wärst“, hauchte er.

Sie seufzte. „Ein wirklich schöner Gedanke, aber ich bin leider weit weg.“

Als er sie fragte, wo sie sei, erwiderte sie, dass sie in Addis Abeba festhänge.

„Dann wirst du es wohl nicht zu mir schaffen, bevor ich zu meinem miefigen Büro aufbreche“, sagte er und schob er lachend ein „schade“ hinterher.

Aber Verena ging nicht darauf ein. „Es war gestern bestimmt wieder spät“, sagte sie. „Entschuldige, dass ich angerufen hatte. Aber ich wollte dir sagen, dass ich für eine kranke Kollegin einspringen muss. Ich bin deshalb am Wochenende nicht zu Hause.“

Ihr Zögern entging ihm nicht. Es tat ihr also leid. „Wann bist du zurück?“

Es knarzte im Telefon. Es schien, als rede sie gegen einen Sturm an. Nur das Wort Sonntagabend verstand er. Er schlug ihr vor, sie vom Flieger abzuholen. Dann machte er eine kurze Pause und versprach listig, sich auch schön für sie auszuruhen.

„Au ja“, rief sie spontan, „ruhe dich für mich aus. Ich …“ Plötzlich war das Gespräch unterbrochen. Er blickte enttäuscht auf den Hörer. Verena hatte ihn schon von den entlegensten Winkeln des Erdballs angerufen, aber nur selten war die Verbindung so schlecht gewesen wie heute.

Bevor er die Wohnung verließ, schrieb er einen Zettel für den Hausmeister, dass die Dusche repariert werden müsse, warf ihn in dessen Briefkasten am Nachbarhaus und fuhr zum Büro.

Während der Fahr huschten die Gedanken unsortiert durch seinen Kopf, wie Schmetterlinge, die gaukelnd von Blüte zu Blüte wechseln und sich nicht greifen lassen. Er sah Verena vor sich, wie sie sich nackt in seinem Bett räkelte. Dann wurde das Bild von Severins Gesicht überlagert. Als er das Radio einschaltete, verschwanden die Bilder. Er stellte es wieder aus und lauschte den monotonen Fahrgeräuschen. Die Bilder kehrten zwar zurück, blieben jetzt aber unscharf.

Unmittelbar vor der Einfahrt zum Parkhaus wäre Winter beinahe mit einem Wagen kollidiert, der ihm so langsam entgegenkam, dass er glaubte, der Fahrer lasse ihm die Vorfahrt. Obwohl er sich an der Situation schuldlos fühlte, hob er entschuldigend die Hand. Dann fuhr zu seinem Stellplatz, auf dem bereits ein BMW stand. Winter beschloss, es zu ignorieren. Er verließ das Parkhaus, lief bis zum Eingang des angrenzenden Bürohochhauses und fuhr in die 12. Etage. Der fensterlose Vorraum, in dem der Aufzug hielt, war kalt und ausladend. Die Wände hatten einen schmutzigweißen Anstrich und eine Beleuchtung, die diffuses Licht gegen die Decke warf.

Auf einer Milchglasscheibe stand in schwarzen Buchstaben: »Quade und Partner. Rechtsanwälte«. Schon vor seinem Eintritt in die Kanzlei hatte sie diesen Namen getragen, und Quade war bisher nicht zu bewegen gewesen, das zu ändern. Der Partner war austauschbar. Nicht einmal das Schild musste geändert werden.

Winter hatte mehrere Jahre in einem Potsdamer Randbezirk eine Kanzlei betrieben, die nur aus ihm selbst bestanden hatte, bis ihm eines Tages völlig überraschend der Geschäftsanteil von Quades früherem Partner angeboten worden war, der im Gerichtssaal einem Herzinfarkt erlitten und damit eine geschäftliche Lücke gerissen hatte, die schnell geschlossen werden musste. Winter hatte sich diesem Angebot nicht entziehen können, obwohl er Quade menschlich nicht schätzte. Quade war ein Narzisst, aber vor allem war er ein begnadeter Jurist, der für seine Arbeit lebte und Mandanten anzog, wie Blüten die Bienen.

Zunächst hatte Winter es hingenommen, dass sich Quade gern als Chef gab, inzwischen aber ärgerte ihn, dass Quade dieses Distanzverhältnis hegte und pflegte und jedem Versuch einer Änderung widerstand wie eine knorrige Eiche dem Sturm. Mittlerweile war Winter davon überzeugt, dass sich daran nichts ändern würde, bevor Quade in den Ruhestand gehen oder, was wahrscheinlicher war, seinem früheren Partner auf gleiche Weise folgen würde. Quade betrat die Kanzlei stets als Erster, lebte, um zu arbeiten, machte selten Urlaub, arbeitete oft sogar am Wochenende und hielt das für so selbstverständlich, dass er es von Winter ebenfalls erwartete und diesen Maßstab ständig thematisierte. Winter indes erfüllte diese Erwartungen nicht nur nicht, sondern wollte es auch gar nicht. An diesem Gegensatz, der unauflöslich zwischen ihnen stand, rieben sie sich immer wieder.

Winter hatte kaum die Tür geöffnet, als auch schon die Dümen auf ihn zustürmte und ihn mit Neuigkeiten traktierte. Carola Dümen war der gute Geist der Kanzlei. Sie war Anfang fünfzig, hochgewachsen und schlank und hatte den stechenden Blick eines Adlers, dem nichts und niemand entging. Bei seinem Eintritt in die Kanzlei hatte sie Winter unmissverständlich klargemacht, dass nichts an ihr vorbeigehe, und erst als er sich nach einer Zeit des Reibens damit abgefunden hatte, dass es genau so war, hatten sie zu einem erträglichen Verhältnis gefunden. Das, was sie leistete, war durchaus beachtlich, aber ihr Alleinherrschaftsanspruch und ihre Art, ihn mit Alltäglichkeiten und Hiobsbotschaften zu bestürmen, kaum dass er sich gezeigt hatte, nervten ihn.

„Ich werde in den nächsten fünf Minuten vermutlich nicht sterben“, sagte er. „So lange hat der ganze Unsinn doch wohl noch Zeit. Der Tag hat doch gerade erst begonnen.“

Aber die Dümen spulte ihre Informationen eisern ab, ohne ihm auch nur einen guten Morgen zu wünschen. Sie drückte ihm einen Stapel Telefonnotizen in die Hand und redete unentwegt auf ihn ein. „Der frühe Vogel fängt den Wurm“, schloss sie.

Winter konnte diese unausrottbare Redewendung nicht ausstehen. „Der frühe Vogel“, gab er zurück, „ist mir, gelinde gesagt, scheißegal“. Aber er wusste, dass er die Wortkaskaden ertragen musste, wenn er die Frau für den Augenblick loswerden wollte. Er sah auf die Zettel. „Etwas wirklich Wichtiges haben Sie wohl nicht für mich?“

Sie stemmte die Hände in die Hüften und funkelte ihn an. „Wenn ich mir in drei aufeinander folgenden Telefonaten anhören muss, dass Sie gestern nicht zurückgerufen haben, ist das schon von einiger Wichtigkeit“, erwiderte sie vorwurfsvoll.

Winter versuchte ein Grinsen, obwohl ihm nicht danach war. „Sie sollten keinen Rückruf zusichern“, sagte er, „dann hätten Sie das Problem nicht. Ich habe niemanden etwas zugesichert, schon gar keinen Rückruf. Ich rufe nicht, Frau Dümen, ich telefoniere.“

„Wenn Sie es denn tun würden“, zischte sie.

Aber Winter war bereits im Flur verschwunden und beachtete sie nicht mehr.

Die Räume der Kanzlei lagen hintereinander wie Perlen auf einer Schnur. Winters Büro befand sich ganz am Ende. Ursprünglich war es das Archiv gewesen, aber er hatte diesen Raum beansprucht, weil er am Ende des Flures von der hektischen Betriebsamkeit des Kanzleibetriebes weitgehend verschont blieb.

Quade residierte nebenan. Gebrabbel drang durch die geschlossene Tür. Quade telefonierte wie jeden Morgen. Winter war das ganz recht; sein Partner würde ihm schon noch früh genug über den Weg laufen.

Als Winter in seinem Büro stand, sah er sich frustriert um. Irgendwann würde er jämmerlich an einer Aktenallergie zugrunde gehen, soviel stand fest. Überall lagen sie herum, diese Akten, braun, geduldig und voller Papier. Seine Arbeit war ein fortwährender Kampf gegen diese zweifelhafte Pracht und zu einem nimmer versiegenden Quell von Ärger und unerfüllten Erwartungen verkommen.

Er stellte den Koffer neben den Schreibtisch. Das abgeschabte Stück Leder enthielt auch heute nichts weiter als einen Kalender, den er nie benutzte, und einige Akten, die er seit Tagen spazieren trug, ohne einen Blick hineinzuwerfen. Er stellte den Computer an und sah die Telefonnotizen durch. Dabei dachte er daran, dass er nur noch diesen einen Tag überstehen musste, dann war endlich Wochenende. Am Sonntag würde er Verena treffen. Der Gedanke gab ihm neue Kraft. Er warf die Telefonnotizen in den Papierkorb, öffnete sein E-Mail-Fach und schickte alle Nachrichten, die eingegangen waren, zum Drucker. Sie würden ihm später mit den Akten vorgelegt werden. Später war immer gut.

Dann erhob er sich und ging in das Geschäftszimmer. In diesem Raum, dem Herz der Kanzlei, sorgten zwei Angestellte für den flüssigen Ablauf der Routine. Er begrüßte die beiden Frauen, die er mochte, weil sie durch nichts aus der Ruhe zu bringen waren, nahm einen Stapel Akten und ging zurück in sein Büro. Quade telefonierte immer noch; es schien, als wandere seine laute, sonore Stimme durch die Wände.

In den Akten lagen Briefe, die zu unterschreiben waren. Winter tat es schwungvoll und ohne vorher auch nur eine Zeile zu lesen. Dann ging er in die Küche und holte sich einen Kaffee. Aus dem Zimmer seines Partners drangen gedämpfte Gesprächsfetzen an sein Ohr. Quade hörte sich gern reden und erledigte viele Mandate telefonisch.

Den Posteingang durchzusehen, den er sich anschließend holte, war Routine. Wenn Winter den Inhalt der Akte nicht sofort gedanklich parat hatte, warf er sie kurzerhand auf den Fußboden. Um diesen Stapel, der im Laufe des Tages für gewöhnlich bedrohlich anwuchs und den er despektierlich seinen Leichenhaufen nannte, würde er sich später kümmern.

Als er den nächsten Stapel Akten aus dem Geschäftszimmer holen wollte, lief ihm die Dümen über den Weg. „Keine Anrufe und keine Mandanten“, sagte er energisch.

„Obwohl Sie da sind?“, echauffierte sie sich. „Ich kann doch die Anrufer nicht immer abwimmeln.“

„Doch, das können Sie“, erwiderte Winter betont langsam. „Es gehört sogar zu Ihren vornehmsten Aufgaben, genau das zu tun, und zwar so, dass niemand merkt, wie flott Sie schwindeln.“ Er lächelte sie an, weil er Vergnügen an ihrem entsetzten Blick hatte. „Das ist übrigens das Erste, was man Ihnen hätte beibringen sollen“, setzte er hinzu. Ihren Einwand, dass ihr das niemand mehr abnehme, wenn sie es immer wieder tun müsse, quittierte er mit einem Achselzucken. „Dann sind Sie nicht überzeugend genug. Sie sollten das üben.“ Er wusste sofort, dass diese Bemerkung an ihr nagte. Er erkannte es daran, dass sie nicht gleich reagierte.

„Wenn Sie so weitermachen“, zischte sie giftig, „haben Sie bald keine Mandanten mehr.“

„Dann sollten wir danach streben, diesen Idealzustand zu erreichen“, spottete er mit süffisantem Lächeln.

Offenbar hatte sie genug von ihm, denn sie ließ ihn einfach stehen.

Als er sich anschickte, sein Zimmer mit einem neuen Stapel Akten zu betreten, ging die Tür zu Quades Büro auf. „Du könntest mir wenigstens einen guten Morgen wünschen, statt dich wie ein Dieb an mir vorbeizuschleichen“, sagte er mit sonorer Stimme.

„Ich schleiche nicht“, erwiderte Winter, „und schon gar nicht vorbei.“ Er blieb im Türrahmen stehen, aber dann spürte er, dass ihm die Akten, der Schwerkraft gehorchend, aus den Armen gleiten und auf den Boden fallen würden, wenn er sie nicht gleich ablegte. „Du warst mit deinem Lieblingsspielzeug beschäftigt“, sagte er und hastete in sein Büro, gerade noch rechtzeitig, denn als er den Schreibtisch erreichte, glitten ihm die ersten Akten vom Stapel. Die Post rutschte heraus und vermischte sich zu einem quirligen Haufen. „Verdammte Scheiße!“, entfuhr es ihm.

„Contenance, Herr Kollege, Contenance“, meinte Quade, der ihm gefolgt war. Quade war ein großer Mann mit einem Bauchansatz. Er baute sich hinter Winter auf wie ein Turner hinter dem Reck. „Ich kann es nicht gutheißen, dass du nur noch maulst und dich selbst dann verleugnen lässt, wenn wichtige Mandanten dich sprechen wollen.“

Winter legte die Akten, die sich verselbständigt hatten, aufeinander und sagte: „Es steht dir frei, es nicht gut zu heißen. Wenn ich dauernd telefonieren wollte, wäre ich Telefonist geworden. Das bin ich aber nicht. Und meine Laune wird nicht besser, wenn du sie kritisierst.“

Quade trat ganz dicht an ihn heran und funkelte ihn an wie der personifizierte Vorwurf. „Ich sage es dir noch einmal, Bernhard: Du kannst mit wichtigen Mandanten nicht so ignorant umgehen.“

„Komm mir nicht mit damit“, gab Winter entschieden zurück, während er die verstreute Post einsammelte. „Mach dir nicht meine Gedanken, oder hast du nichts zu tun?“

„Bernhard!"

„Lass mich in Ruhe. Wahrscheinlich ist das meiner Laune zuträglicher."

Quade winkte resigniert ab. „Mit dir ist ja nicht zu reden", knurrte er und verließ das Büro.

„Dann lass es!", rief Winter ihm hinterher.

Winter hatte nun bis Mittag Ruhe. Das Telefon klingelte nicht ein einziges Mal. Entweder war die Dümen nach seinen Rüffel einsichtig geworden, oder es hatte tatsächlich niemand nach ihm verlangt. Die Ursache war ihm indes gleichgültig; was zählte, war die Tatsache, dass er nicht gestört geblieben worden war. So konnte es weitergehen.

Aber es kam anders. Die Dümen hatte ihm für den Nachmittag zwei Mandatentermine eingetragen. Das kam der Verletzung eines Rituals gleich, aber er hatte keine Wahl und brachte es hinter sich. Mehrmals ertappte er sich dabei, dass er gar nicht zuhörte. Seine Gedanken schweiften immer wieder ab, bis ihn ein Wort oder eine Geste in die Realität zurückholte. Aber seine geistige Abwesenheit blieb unbemerkt.

Als er die Gespräche überstanden hatte, war es schon nach fünfzehn Uhr und er fühlte sich genauso ausgebrannt und leer wie gestern. Er wollte nur noch nach Hause. Aber daraus wurde nichts, denn kaum hatte der zweite Mandant die Kanzlei verlassen, betrat die Dümen sein Büro und legte ihm weitere Akten vor. Misstrauisch sah er sie an. „Was soll das werden?“

„Wonach sieht’s denn aus?“, zischte sie. „Das sind Fristsachen, die heute noch erledigt werden müssen.“ Während sie die braune Pracht wie einen Fächer vor ihm ausbreitete, funkelte sie ihn missbilligend an. „Außerdem müssen Sie unbedingt noch Herrn Matzanke anrufen, bevor Sie gehen. Er hat heute schon dreimal um einen Rückruf gebeten.“

Winter sah sie fassungslos an. „Lassen Sie die Akten dort liegen“, knurrte er und forderte sie auf, die Tür von außen zu schließen.

Die Dümen verließ wortlos den Raum, nicht jedoch, ohne kräftig die Tür hinter sich zuzuschlagen.

Ausgerechnet Matzanke, dachte er. Er war einer der Vorstände eines Unternehmens, das sich mit Abfallverwertung beschäftigte und den phantasielosen Namen PAVAG führte, was für Potsdamer Abfallverwertungs-Aktiengesellschaft stand. Wenn Matzanke anrief, war sein Anliegen zwar nicht unbedingt wichtig, aber die Kanzlei arbeitete für diese Gesellschaft und erhielt dafür monatlich ein festes Honorar. Sie war also tatsächlich eine wichtige Mandantin.

Die Verbindung kam sofort zustande. „Ah, Winter“, rief Matzanke, „schön, dass Sie zurückrufen.“

Winter verdrehte die Augen. Von wegen zurückrufen, dachte er. Das, was er gerade tat, war telefonieren und nicht rufen. „Sie hatten mich gebeten, Sie zu kontaktieren“, erwiderte er.

Der Rest des Gesprächs war ein Monolog. Matzanke berichtete über seine Verhandlungen mit einer Bank, die für die geplante Modernisierung einer Müllverbrennungsanlage günstige Zinskonditionen in Aussicht stellte. Was Matzanke wollte, war Winter sofort klar, ohne dass Matzanke es aussprach: Er wollte grünes Licht für weitere Verhandlungen haben.

Winter empfand wenig Neigung, die Daten zu notieren oder sich gar zu merken. Er wusste auch so, dass das Angebot der Bank in Ordnung war. Außerdem tat Matzanke grundsätzlich nichts, was für ihn nachteilig sein könnte, denn er hatte eine ausgesprochen tief sitzende Angst vor jeder Art von persönlicher Haftung und sicherte sich immer nach allen Seiten ab.

Winter entschied sich für ein salomonisches Vorgehen. Er sagte, dass er keine rechtlichen Bedenken habe, den Sachverhalt aber noch einmal prüfen wolle, weil er so komplex sei. Es folgten noch ein paar Höflichkeitsfloskeln, die das bevorstehende Wochenende und das Wetter betrafen, dann war das lästige Telefonat beendet.

Lustlos wandte er sich den Akten zu, die ihm die Dümen vorgeworfen hatte, wie man einem Hund lieblos Trockenfutter vorwirft. Einige hatten sich inzwischen erledigt. Winter warf sie schwungvoll auf den Leichenhaufen. Drei weitere Vorgänge hatten noch ein paar Tage Zeit. Schließlich blieben zwei Akten übrig, aber es war ausgeschlossen, dass er heute noch Schriftsätze zauberte. Er lud im Computer das Muster eines Antrages auf Fristverlängerung hoch und erfand als Begründung eine Erkrankungen, druckte die Anträge aus, unterschrieb sie und schob sie in das Faxgerät, ohne sie vorher noch einmal zu lesen.

Inzwischen war von Matzanke eine E-Mail eingetroffen. Es war Winter ein Rätsel, wie der Mann das schaffte. Vielleicht brannte er so für seine Arbeit, wie Quade, wahrscheinlicher aber hatte er nichts anderes zu tun, weil er alles von Dritten erledigen ließ.

Er schrieb zurück, dass er keine Bedenken habe, falls er sich bis Montagmittag nicht gemeldet haben würde, fuhr den Computer herunter und verließ das Büro. Die Frage der Dümen, ob er Matzanke zurückgerufen habe und was denn mit den Fristsachen sei, ignorierte er. Aber das half ihm nichts. Kaum dass er die Tür zum Vorraum mit dem diffusen Licht geöffnet hatte, rief ihm die Dümen ein vorwurfsvolles: „Herr Winter!“, hinterher.

Er erschien noch einmal in der Tür. „Es ist alles zu Ihrer vollsten Zufriedenheit erledigt“, knurrte er. Dann warf er die Tür zu. Im Vorraum empfing ihn wohltuende Ruhe. Er wollte nur noch nach Hause. Er machte noch einen Umweg zum Discounter und fuhr schließlich zu seiner Wohnung, um sie bis Sonntagabend nicht mehr zu verlassen.

2

Der Sonntagvormittag war eine gute Zeit zum Reisen. Die Sonntagsfahrer hockten noch zu Hause, die Autobahnen waren für LKWs gesperrt und der Pendelverkehr hatte noch nicht eingesetzt.

Manina Winter war auf dem Weg nach Hause. Es war ein schöner Spätsommertag. Sie fuhr der Sonne entgegen, hörte ihre Lieblingsmusik und hing ihren Gedanken nach. Sie summte vor sich hin und trommelte mit den Fingern den Takt der Musik auf das Lenkrad. Das Wochenende in Essen mit Winfried, dem treuen Freund aus früheren Zeiten, hatte ihr gut getan. Sie hatten geklönt und waren wie früher um die Häuser gezogen.

Sie war beizeiten aufgebrochen, weil sie nach der Fahrt noch ein bisschen die Sonne zu genießen wollte. Während sie sich in Gedanken schon auf ihrer Liege im Garten sah, dachte sie daran, dass Severin während ihrer Abwesenheit vielleicht noch nicht alle Aufträge erledigt haben könnte, denn er war nachlässig und übersah Arbeiten selbst dann gern, wen sie ihm ausdrücklich aufgetragen wurden. Sie rief ihn an und fragte ihn, ob er die Wäsche abgenommen, seine Shirts gebügelt und den Rasen abgeharkt habe.

„Ich will aber noch zum Fußball“, murrte Severin.

Sein Zögern war Antwort genug. Es war einer ihrer unumstößlichen Grundsätze, dass jeder im Haushalt Arbeiten zu übernehmen und unaufgefordert den einen oder anderen weiteren Auftrag zu erledigen hatte. Außerdem blieb Severin genügend Zeit, sich zu erholen, schließlich hatte er die ganze Woche Freizeit. Der Junge war Anfang zwanzig und führte das nutzlose Leben eines Schnorrers, bemühte sich nicht um Arbeit, nutzte sie stattdessen aus, war antriebslos und wirklich alles andere als ein Kämpfer. Darin ähnelte er seinem Vater, der sich fatalistisch treiben ließ, statt in seiner Kanzlei durchzustarten. Severin war selbst schuld, wenn er alles vor sich herschob. Zu Hause wollte sie es gemütlich haben und nicht die Zeit bis zum Sonnenuntergang mit Hausarbeiten vergeuden, die längst erledigt sein könnten. „Es ist doch wohl selbstverständlich, dass du dich an der Hausarbeit beteiligst“, zischte sie. „Soll etwa alles allein machen?“

Die erwartete Antwort blieb aus. „Hm“, kam es nur.

Sie wartete einen Augenblick und fragte Severin, ob er sie verstanden habe. Als keine Antwort kam und sie nachhakte, ob sie sich auf ihn verlassen könne, knurrte Severin etwas, das wie ein »Ja« klang. Dann hörte sie nur noch ein regelmäßiges Tuten.

Entsetzt schaute sie auf das Handy. Es war unfassbar, dass Severin das Gespräch einfach beendet hatte. Ein solches Verhalten seiner Mutter gegenüber war unverzeihlich. Es wurde Zeit, dass sie ein klärendes Gespräch mit ihm führte.

Dass es nie mehr stattfinden sollte, ahnte sie nicht.

Als der Wecker klingelte, war er sofort hellwach. Das Hochgefühl des Bevorstehenden hielt ihn nicht länger im Bett. Er sprang auf, duschte kalt und kochte Kaffee. Stark musste er sein, stark wie sein Entschluss.

Während er frühstückte, überzeugte er sich davon, dass die Ortung des Handys tadellos funktionierte. Es bereitete ihm eine ausgesprochen tiefe Genugtuung, sie unter Kontrolle zu haben, ohne dass sie es auch nur ahnte. Er genoss es, sie zu kontrollieren, ohne dass sie es auch nur ahnte. Inzwischen wusste er alles über sie. Für ihn war sie gläsern und berechenbar.

Das kleine rote Kreuz blinkte unablässig an der gleichen Stelle. Manina Winter befand sich noch in Essen. Wahrscheinlich war sie noch bei diesem seltsamen Freund mit den Birkenstockschuhen und Jutebeuteln.

Wenig später begann sich das Kreuz zu bewegen. Wie gebannt starrte er auf den Bildschirm. Es war jetzt kurz nach neun. Er hatte gewusst, dass sie sich zeitig auf den Weg machen würde. Als das Kreuz der Autobahn zu folgen begann, machte er sich fertig. Er hatte ausreichend Zeit; es bestand kein Anlass zur Eile. Alle Vorbereitungen waren abgeschlossen.

Er schob den Laptop in seinen Rucksack, legte mehrere Paar Einmalhandschuhe dazu und zog die klobigen Schuhe an, die er gestern gekauft hatte. Er würde sie nur einmal tragen und anschließend entsorgen, auch die Hose und die Jacke. Er würde keine Spuren hinterlassen. Seine Vorbereitung war perfekt; niemand würde ihm etwas nachweisen können.

Er betrat die Garage, warf den Rucksack in den Kofferraum des Wagens, einen alten Kombi, bedeckte alles mit einer braunen Decke und legte zwei abgenutzte Spankörbe darauf.

Dann fuhr er los.

Er ließ sich Zeit, als wollte er den Gedanken an das, was jetzt abspulen würde wie ein Automatismus, genüsslich auskosten. Eigentlich hatte er noch warten und alles besser fügen wollen, aber die Gelegenheit war zu günstig, um sie ungenutzt verstreichen zu lassen. Heute endlich war der Tag, die Erwartungen, die man in ihn setzte, zu erfüllen. Die Zweifel, die ihn gestern noch beschäftigt hatten, waren verflogen, als hätte es sie nie gegeben.

Gemächlich rollte er seinem Ziel entgegen. Im Radio lief leise Musik. Wenn sich der Verkehrsfunk ankündigte, stellte er lauter. Aber die Meldungen betrafen jedes Mal eine andere Strecke.

Nach wenigen Kilometern verließ die Bundesstraße und folgte einer holprigen Landstraße bis zu einem Waldstück. Er reduzierte die Geschwindigkeit und bog in einen ausgefahrenen Waldweg ein, der so trocken war, dass Staub aufwirbelte. Der Staub war Bestandteil seines Planes. Er würde alle Spuren verhüllen wie frisch gefallener Schnee.

Er fuhr bis zu einer Lichtung, stellte den Motor ab und stieg aus. Sofort umfing ihn der Geruch des Waldes, den er so mochte. Er zündete sich eine Zigarette an und sog den Rauch tief ein, während er sich auf die Umgebung konzentrierte. Außer einem leisen Grummeln, das von der Autobahn herüberkam, war nichts zu hören. Er war allein inmitten einsamer Natur.

Er legte die Kippe sorgsam in den Aschenbecher, dann startete er den Wagen und fuhr auf das Ende der Lichtung zu. Erst als tiefhängende Äste die Motorhaube berühren, wurde ein Weg sehen, der so schmal war, dass der Wagen gerade noch zwischen den Bäumen hindurch passte. Er fuhr weiter, bog scharf nach rechts ab, wendete und stellte den Motor ab. Hinter ihm schloss sich das Astwerk wie ein grüner Vorhang. Er verharrte einen Augenblick, dann stieg er aus und lauschte. Es war kein verdächtiges Geräusch zu hören.

Er nahm aus dem Kofferraum zwei Kennzeichen und tauschte sie gegen die am Auto aus. Die abmontierten Bleche legte er mit der Schrift nach unten in den Kofferraum, nahm seinen Rucksack und stellte ihn auf den Waldboden. Dann zog er das Fahrrad heraus, lehnte es an einen Baum und breitete sorgfältig die Decke über den Kofferraum aus. Er legte die Spankörbe auf die Decke, schloss sanft die Kofferklappe und betrachtete kritisch den Anblick. Er war zufrieden.

Dann nahm er den Rucksack und folgte mit dem Rad einem schmalen Pfad, der nicht weiter war als eine ausgefahrene Spur, den sich die Natur noch nicht wieder vollständig zurückgeholt hatte. Nach wenigen Minuten erreichte er eine Anhöhe, die sich wie aus dem Nichts plötzlich im Wald erhob und zu einer Brücke führte, die sich über die Autobahn spannte. Er stieg ab und schob das Fahrrad unter einen Strauch, dessen Äste den Boden berührten.

Die Brücke war gesperrt. Am Geländer hingen immer noch die Transparente mit den großen roten, handgeschriebenen Lettern: „Wir wollen keine Autobahnabfahrt“. Wenn er sich geschickt bewegte, war er von der Autobahn aus nicht sehen.

Langsam, als vollführe er ein Ritual, ging er zur Brücke hinauf. Die Sträucher, die den Weg säumten, boten nach beiden Seiten Blickschutz. Außer ihm war hier niemand, aber das konnte sich jederzeit ändern, denn die Sperrung hielt niemanden davon ab, die Brücke zu benutzen. Aber das, was er vorhatte, würde nicht lange dauern.

Er trat auf die Brücke hinaus. Unter ihm rauschte der Verkehr. Am Brückenrand lagen ein paar glatt behauene Granitsteine. Er streifte sich die Plastikhandschuhe über und wog einen von ihnen in der Hand. Er hatte nur einen Versuch; wenn der misslang, war alles vorbei. Eine weitere Chance hatte er nicht.

Er kniete sich hinter eines der Transparente, stellte den Rucksack neben sich, legte den Laptop darauf und schaltete ihn ein.

Es dauerte lange, bis die Verbindung hergestellt war, schließlich aber sah er das vertraute Blinken des kleinen Kreuzes. Sie war jetzt nicht mehr weit entfernt. Er nahm das Fernglas und beobachtete den Fahrzeugstrom. Noch in einiger Entfernung konnte er Einzelheiten erkennen. Er musste darauf vertrauen, dass es gelang. Es musste gelingen! Er durfte die Erwartungen nicht enttäuschen. Sein Blick wechselte jetzt beständig zwischen dem Fahrzeugstrom und dem sich nähernden Kreuz. Der Stein lag griffbereit neben ihm. Als das Kreuz schließlich fast auf Höhe der Brücke war, blickte er durch das Fernglas und konzentrierte sich allein auf den Fahrzeugverkehr. Alles andere um ihn herum schien er vergessen zu haben.

Da war sie! Sie fuhr, wie er es erwartet hatte, auf der Mittelspur und näherte sich schnell. Ihm blieb keine Zeit, er musste sofort handeln. Das, was er gedanklich immer wieder durchgespielt hatte, spulte er nun ab wie einen antrainierten Mechanismus. Er korrigierte seine Position etwas nach links, griff den Stein und hob ihn über die Brüstung.

Dann ließ er den Stein fallen.

Alles hatte nur Bruchteile einer Sekunde gedauert, aber er hatte das Gefühl, die Zeit sei stehengeblieben. Er zählte bis fünf, dann lief er gebückt auf die andere Seite. Das, was er durch das Loch im Transparent sah, erfüllte ihn tiefer Befriedigung: Er hatte getroffen. Der Wagen war hinter der Brücke in den Wald gerast und frontal gegen einen Baum geprallt. Aus dem Motorraum, der wie eine Ziehharmonika zusammengeschoben war, schoss eine Stichflamme. Er starrte wie gebannt auf das Bild wie auf eine Theaterkulisse. Der Anblick hatte etwas Faszinierendes. Obwohl ihn seine innere Stimme drängte, schnellstens zu verschwinden, konnte er sich nicht abwenden.

Plötzlich geschah das Unfassbares: Ein Schatten huschte unter der Brücke hervor. Ein Mann lief auf das brennende Auto zu. In der Hand trug er etwas Rotes, an dem er hektisch hantierte. Noch war der Mann von der Situation völlig in Anspruch genommen, aber er konnte jeden Augenblick zur Brücke hinaufsehen und ihn entdecken. Der Gedanke lähmte ihn. Er hatte alles akribisch geplant, war den Ablauf immer und immer wieder durchgegangen, hatte alle Eventualitäten erwogen und seinen Plan immer weiter verfeinert, aber dass es einen Zeugen geben könnte, war in seinen Strategiespielen nicht vorgekommen. Der Mann stand keine dreißig Meter von ihm entfernt und sprühte Schaum auf das brennende Fahrzeug. Er vollführte einen Halbkreis um den Motorblock, aus dem es jetzt zu qualmen begann, und schwenkte einen Strahl weißen Schaumes auf die langsam versiegenden Flammen. Sein Pferdeschwanz wippte im Rhythmus der Bewegungen.

Gebückt verharrte er einen Augenblick, dann aber ergriff ihn Panik. Er sprang auf, steckte den Laptop und das Fernglas in den Rucksack und rutschte den Abhang hinunter. Unten jedoch hielt er inne. Obwohl es auf jede Sekunde ankam, bog er die Äste des Strauchwerks auseinander und sah einen Lieferwagen, der zu dem Mann gehören musste.

Er riss das Handy aus der Tasche und fotografierte den Wagen. Dann lief er, von unbändiger Angst getrieben und ohne auf Deckung oder lautlose Bewegung zu achten, davon. Er schaute weder nach links noch nach rechts. Bloß weg, dachte er. Er zerrte das Rad aus dem Gebüsch, warf sich den Rucksack über und fuhr davon.

Er hatte keinen Zweifel, dass die Frau tot war. Der Mann mit dem Pferdeschwanz war zu spät gekommen.

Er schob das Fahrrad in den Kofferraum und warf den Rucksack hinterher. Er ließ alle Vorsichtsmaßnahmen außer Acht, breitete weder die Decke über das Fahrrad aus, noch vergewisserte er sich an der Einmündung des Weges, dass er allein war, sondern fuhr, ohne am Hauptweg anzuhalten, zur Straße und folgte ihr einige hundert Meter. Dann bog er in einen Waldweg ein und tauschte die Nummernschilder. Die falschen Schilder vergrub er zwischen Reisig und Nadelstreu.

Als er die Bundesstraße erreichte, hörte er in der Ferne ein Martinshorn. Obwohl erst wenige Minuten vergangen sein konnten, hatte er das Gefühl, der Steinwurf läge schon eine Ewigkeit zurück. Was immer jetzt geschehen würde, die Planungsspiele hatten mit dem Fallen des Steins ihren Abschluss gefunden.

Während er auf Umwegen zurückfuhr, beruhigte er sich allmählich. Tote redeten nicht. Er hatte keinen Fehler gemacht und bezweifelte inzwischen, dass ihn dieser Mann mit dem Feuerlöscher gesehen oder gar erkannt haben könnte. Niemand konnte eine Verbindung herstellen. Er hatte es geschafft.

Er stellte den Wagen in die Garage und räumte seine Sachen heraus. Dann rief er das E-Mail-Programm Manina Winters auf, beendete die Überwachung des Handys und bezahlte die Rechnung von ihrem Konto. Er wartete auf die Kündigungsbestätigung und formatierte anschließend die Festplatte. Dann zog er Hose, Jacke und Schuhe aus und steckte alles in den Ofen im Keller. Er sah den Flammen zu, wie sie sich der einzigen Beweismittel, die es gab, bemächtigten. Dann wählte er auf dem Handy eine Nummer. Die Verbindung kam sofort zustande. Er fasste sich kurz. Erfolgsmeldungen mussten knapp und präzise sein, um ihre Wirkung nicht zu verfehlen. Nein, sagte er, aber er habe alles im Griff.

Dann tat er etwas, das er nicht geplant hatte: Er führte ein zweites Telefonat und versandte anschließend das Bild vom Lieferwagen.

Im Hochgefühl des Geleisteten zog er sich in die Küche zurück und trank mit Genuss ein Bier. Der Augenblick gehörte ihm, ihm ganz allein.

Dann verließ er das Haus, überquerte die Wiese und lief an den Fichten vorbei bis zum Palisadenzaun. Eine der Palisaden wurde nur durch eine Schlaufe gehalten und ließ sich soweit verschieben, dass eine Person hindurchschlüpfen konnte. Nachdem er das Grundstück verlassen hatte, schaukelte das Brett in seine Ausgangstellung zurück.

Dichter Wald umfing ihn wie ein schützender Mantel. Allmählich fiel die Anspannung von ihm ab, und eine bleierne Müdigkeit erfasste ihn.

3

Wim Wallantin war der Herr über Bildschirme, Tastenpulte und Telefone, vor denen er mit gewichtiger Miene thronte. Er hatte eine Zeitung vor sich ausgebreitet und trank aus einer großen Tasse Kaffee. Eigentlich hieß er Wilhelm, aber niemand nannte ihn so, niemand außer seiner Frau. Wenn sie, was selten geschah, mit Nachdruck in der Stimme diesen Namen rief, wusste er, dass sich Ärger anbahnte. Man nannte ihn Wim.

Er hatte bereits einige Unfälle aufgenommen, alles kleinere Sachen ohne Personenschaden, nichts Spektakuläres, nur eben der ganz normale Kram, der sich tagtäglich ereignete. Am späten Vormittag hatte ein Mann angerufen und darüber lamentiert, dass er seinen Schlüssel im verschlossenen Wagen zurückgelassen hatte. Wim hatte ihn nachdrücklich aufgefordert, den Notruf der Polizei nicht für solche Banalitäten zu missbrauchen und dann ein Monteurfahrzeug losgeschickt. Jemand anderer hatte ihm einen Hund und zwei Kühe gemeldet, die auf der Autobahn herumliefen. Ansonsten war der Dienst bisher ruhig verlaufen.

Seine Aufgabe in der Leitstelle der Potsdamer Polizei war Routine. Sie bestand darin, Informationen schnell und präzise an die richtigen Stellen weiterzuleiten. Dafür gab es Checklisten, die ausgebreitet unter seiner Zeitung lagen.

Als die Unfallmeldung einging, blieb er gelassen. Die ständige Konfrontation mit Schicksalen hatte ihn abgestumpft. Auf der Bundesautobahn 2 in der Nähe eines kleinen Dorfes, von dem er noch nie etwas gehört hatte, war ein Kleinwagen von der Fahrbahn abgekommen und ungebremst gegen einen Baum gefahren. Er notierte die Daten und verständigte die Unfallbereitschaft, den Notarzt und, weil das Unfallfahrzeug brennen sollte, die Feuerwehr. Der Anrufer hatte zwar weder seinen Namen, noch seine Rufnummer hinterlassen, aber Wim hatte sie auf dem Display mitlesen können.

Die Angelegenheit war in weniger als zwei Minuten erledigt. Dann widmete sich dann wieder seinem Kreuzworträtsel.

Bodo Franke hatte an diesem Sonntagnachmittag Dienst in der Unfallbereitschaft. Er nahm den Anruf ähnlich gelassen entgegen. Wer ungebremst gegen einen Baum fuhr, dachte er, hatte es vermutlich nicht anders gewollt. Gemeinsam mit seinem Kollege Jan Schätzke verließ er den Autohof und machte sich auf den Weg zur Unfallstelle.

Schon von weitem sah er die Rauchsäule, die wie ein graues Fanal in den blauen Himmel strebte. Der Verkehr staute sich an der Unfallstelle, weil Feuerwehrfahrzeuge eine Spur und den Standstreifen blockiert hatten. Sie hielten hinter einem Löschzug, der unter einer Brücke stand, und Franke ging in Richtung der Rauchsäule. Er sah zwei Feuerwehrmänner mit Gasmasken, die einen leblosen Körper neben einem roten Kleinwagen auf den Boden legten und mit einer Plane bedeckten. Wer immer darunter lag, hatte den Unfall nicht überlebt.

„Mojn, mojn“, rief Franke. Er zeigte auf die Plane. „Was is‘n passiert?“

Die beiden Feuerwehrmänner streiften sich die Gasmasken von den verschwitzen Gesichtern und sahen sich an. Sie waren grundverschieden. Während der eine klein und untersetzt war und schwer an seiner Ausrüstung zu tragen schien, wirkte der andere, als sei ihm die Uniform zu eng. Der Kleine zog den Helm vom Kopf und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß aus dem Gesicht. „Wonach sieht‘s denn aus?“, fragte er. „Die Frau ist frontal gegen den Baum gerast. Wahrscheinlich war sie lebensmüde. Die Strecke ist schnurgerade. Da kommt einer nur dann von der Fahrbahn ab, wenn er es will …“

„ …oder wenn er einpennt“, ergänzte der Andere. Er hockte sich neben die Plane und zog sie glatt. „Es ist kein schöner Anblick. So etwas überlebt niemand: Alte Karre, keine Knautschzone. Es ist unverantwortlich, mit so einer Möhre loszufahren. Aber die Straßen sind voll davon.“

Franke kniete sich neben die Plane. Er zögerte einen Augenblick, dann hob er sie an. Der Anblick erschütterte ihn bis ins Mark; er übertraf alles, was er an Unfallopfern bisher gesehen hatte. Das Gesicht war nicht mehr zu erkennen. Der Kopf war regelrecht zertrümmert, als sei er mit großer Kraft eingedrückt oder gegen ein Hindernis geschleudert worden. Die Kleidung, ein ursprünglich gelber Blazer und ein weißes Shirt, waren mit Blut und Hirnmasse geradezu durchtränkt. Überall lagen Glassplitter.

Plötzlich war der kräftige Feuerwehrmann neben ihm. „Es gibt keine Bremsspur. Es ist nicht mal auszumachen, ob die Frau scharf nach rechts lenkte oder allmählich von der Fahrbahn abkam.“

„Die Frau hat nicht mehr gewollt“, mischte sich der Kleine ein. Er wischte einen Stiefel an einem Grasbüschel ab und rülpste ungeniert. „Sie war lebensmüde, wenn du mich fragst.“

„Es fragt dich aber niemand“, erwiderte sein Kollege scharf. „Vielleicht hat sie ja gepennt – wie du es ständig tust.“

Der Wortwechsel war Franke zu banal. Er betrachtete unentwegt die blutige Masse von Fleisch, Knochen und Hirn, als ließe sich in dem Anblick wie in einem offenen Buch lesen.

In diesem Augenblick geschah etwas Seltsames: Ein Sonnenstrahl fiel auf den Kopf der Toten, und es schien, als wachse eine seltsam flimmernde Reflexion wie eine Quelle kleiner Lichtbündel daraus hervor. Fasziniert starrte Franke auf das Lichtspiel. Er begriff, dass sich Glaspartikel in der blutigen Masse befinden mussten.

Er ließ die Plane zurückfallen und erhob sich. Aus dem Motorraum drang beißender Qualm. Der Aufprall hatte die Motorhaube aufgebogen. Sie hing nur noch an einem der beiden Scharniere, und es roch nach verbranntem Gummi.

„So, wie das hier qualmt, hat der Wagen doch sicher gebrannt wie eine Fackel", vermutete Franke. „Wieso hat das Feuer nicht auch den Innenraum erfasst? Und wieso ist die Karre nicht explodiert?"

Der kleine Feuerwehrmann reckte die Brust. „Das liegt vermutlich daran, dass wir so schnell gewesen sind“, sagte er.

„Unsinn“, rief der andere und versetzte seinem Kollegen einen Stoß in den Rücken. „Der Brand war bereits gelöscht, als wir eintrafen."

Franke machte große Augen. „Sag das noch mal.“

„Du hast mich schon verstanden, Kollege. Das Auto brannte nicht mehr. Monoammoniumsulfat, wenn du mich fragst.“

„Mono … was? Meinst du einen Feuerlöscher? Aber die Frau kann doch unmöglich selbst …“

„Gelöscht haben?“, fragte der Kleine und grinste. „Nie und nimmer konnte sie das. Die war hin, kaum dass sie an den Baum geknallt ist. Der Feuerlöscher ist ja auch verschwunden. Es sieht also ganz so aus, als habe einer draufgehalten, bis nichts mehr brannte.“

Franke war verblüfft. „Fragt sich nur, wer.“

„Wir haben ihn nicht“, erwiderte der kräftige Feuerwehrmann. „Hier war niemand, den wir hätten arretieren können.“

„Ihr meint, da hat einer gelöscht und ist dann abgehauen?“, fragte Franke. Aber ihm war bereits klar, dass es so war.

Der kräftige Feuerwehrmann schob seinen Helm in den Nacken. „Sieht ja wohl ganz danach aus.“ Dann zeigte er auf die Plane. „Die hätten wir übrigens gern zurück, wenn ihr hier fertig seid.“

Franke sah den Feuerwehrleuten nach. Die haben Sorgen, dachte er. Eine Frau ist auf tragische Weise ums Leben gekommen, und die haben Angst um ihre Plane.

In diesem Moment erschien sein Kollege Jan Schätzke. Er schwankte langsam auf ihn zu. In dem hohen Gras wirkte er noch kleiner, und die Uniform spannte über seinem gewaltigen Bauch.

„Wo hast’n gesteckt?“, fragte Franke.

„Telefoniert“, erwiderte Schätzke kurzatmig. Er kniete sich vor die Plane und hob sie an. „Man, das sieht ja schlimm aus. Ich dachte immer, Frauen sind die besseren Autofahrer.“

„Das sind sie ja auch“, konterte Franke energisch. „Im Prinzip jedenfalls. Wenn du mich fragst, ist an der Sache etwas faul. Das rieche ich.“

„Ach was. So sieht sowas nun mal aus, wenn eine aus dem Leben scheiden will. Wir müssen uns an die Fakten halten. Die Frau ist mit hoher Geschwindigkeit in den Wald gerast. Voll an den Baum.“ Er zuckte mit den Schultern und ließ die Plane los.

„Wenn einer nicht mehr will, zieht er einen Brückenpfeiler oder eine Mauer vor“, beharrte Bodo Franke. „Schau dir doch nur mal das Gesicht an.“

„Welches Gesicht?“ Schätzke erhob sich schnaufend. Seine Kniegelenke knackten. Er klappte ein Klemmbrett auf und begann, in einer Liste Kreuze zu machen.

Franke fühlte sich nicht ernstgenommen. „Lass bloß deine sarkastischen Sprüche! Hilf mir lieber beim Denken.“

„Damit bin ich längst fertig.“ Schätzke blätterte er eine Seite weiter. „Du könntest Fotos machen, statt zu philosophieren. Sei doch ehrlich: Du kannst den Anblick nicht ertragen.“

Franke zögerte, bevor er sagte: „Ich frage mich, wie die Glassplitter in das Gesicht gelangt sind. Die Feuerjungs meinen, der Wagen sei ungebremst gegen den Baum geknallt“, sagte er wie zu sich selbst. „Du sagst das ja auch. Der Aufprall war demzufolge so stark, dass die Glassplitter nach draußen geschleudert worden sein müssten. Das sind sie aber nicht.“

Schätzke hielt inne und schüttelte herablassend den Kopf. „Weißt du was, Bodo Franke: Das ist eine logische Folge des Aufpralls. Wach auf, und tue das, wofür du bezahlt wirst, oder willst du eine Eintrittskarte für die Kripo lösen? Man munkelt ja, dass du zu der Truppe wechseln willst. Die haben gerade auf so einen wie dich gewartet, glaub mir. Rufe die Jungs doch an. Die machen dich fertig, sage ich dir. Die falten dich zusammen wie einen Pappkarton, weil du dir da was zusammenfaselst und denen den Sonntag versaust.“

„Rede keinen Stuss!“ rief Franke. „Du musst dich doch auch fragen, warum das Gesicht so zerfetzt ist. Die Frau ist doch bei dem Aufprall aus dem Sitz nach vorn geschleudert …“

Plötzlich durchzuckte ihn ein Gedanke, und er begriff, dass er einen Denkfehler gemacht hatte. Ohne auf Schätzkes entrüstete Frage zu reagieren, wovor er denn weglaufe, lief er zum Feuerwehrfahrzeug, das sich inzwischen in Bewegung gesetzt hatte. Der Kräftige ließ die Scheibe der Beifahrertür herunter und fragte: „Was rennst ‘n so? Bringst du die Plane, oder hast du am Ende noch was entdeckt?“

Franke fragte, ob die Frau angeschnallt gewesen sei.

„Klar war die angeschnallt“, kam es aus dem hinteren Bereich des Wagens. „Alle Frauen schnallen sich an.“

„Sicher?“

„Ganz sicher.“

Franke bedankte sich und hob grüßend die Hand. Er sah dem Fahrzeug nach, während sich seine Gedanken überschlugen.

Als er wieder am Unfallwagen war, überhörte er Schätzkes missbilligende Frage, was er bloß treibe, öffnete die Fahrertür und schaute in das Innere des Unfallwagens. Überall lagen Splitter, selbst im Halbdunkel des Fußraumes.

„Und wenn du in die Karre hineinkriechst“, spottete Schätzke, während er weiter seine Kreuze machte, „du wirst nichts entdecken, das irgendjemanden interessieren könnte. Hör auf herumzuschnüffeln und tu einfach deine Arbeit. Ich habe wirklich keine Lust, hier alles allein zu machen, nur weil du Sherlock Holmes spielen musst.“

Aber Franke beachtete den Wortschwall nicht. Er ließ das Bild auf sich wirken, bis ihm schließlich doch etwas auffiel. Es war, als schäle sich aus dem Halbdunkel ein Schatten mit gleichmäßigen Rändern hervor. In dem Zwielicht sah er aus wie Strickwerk aus grober grauer Wolle, das zwischen den Pedalen lag.

Er erhob sich. „Ich brauche eine Taschenlampe.“

Schätzke schüttelte den Kopf. „Findest du nicht, dass du es jetzt übertreibst? Es ist taghell.“

Franke holte aus dem Streifenwagen eine Lampe und leuchtete den Fußraum aus. Als der Lichtstrahl auf das Graue fiel, erschauerte er. Verdammte Scheiße, dachte er und sagte wie zu sich selbst. „Ich hab´ geahnt, dass hier was nicht stimmt.“

Schätzke sah verächtlich zu ihm herunter. „Das hätte ich dir auch sagen können“, erwiderte er. „Bei dir stimmt was nicht. Was ist es denn? Sag‘s schnell und gib dann endlich Ruhe. Ich muss dir doch nicht sagen, was hier wirklich wichtig ist.“

Franke erhob sich. Er trug die Taschenlampe wie ein Knüppel in der Hand und sagte ernst: „Das war kein Verkehrsunfall, es sieht nur so aus. Du kannst mit dem Schreiben aufhören. Das war kein Selbstmord. Und ein Unfall war es auch nicht.“

Schätzkes zog die Mundwinkel nach unten. „Wonach sieht’s denn deiner Meinung nach aus?“

Franke hielt ihm die Taschenlampe hin. „Schau es dir an. Es liegt neben dem Bremspedal und ist nicht zu übersehen. Nicht mal für dich!“

Schätzke hob abwehrend die Hände. „Nun mach es doch nicht so theatralisch. Sage mir einfach, was es ist, ich glaube dir schon.“

„Ein Pflasterstein.“

Während sich Schätzke sich von der Entdeckung überzeugte, wählte Franke auf seinem Handy eine Nummer. Während er sprach, drehte er sich zur Brücke. Dabei fiel sein Blick auf ein Transparent, das am Geländer der Brücke hing. Fassungslos starrte er darauf.

Sie hatten sofort den gleichen Gedanken. „Verdammter Mist“, grunzte Franke, nachdem er das Telefonat beendet hatte. „Das war totsicher kein Verkehrsunfall.“

Kurt Wießner verbrachte den Sonntag zu Hause. Es war seit vier Wochen sein erster freier Tag. Er schlief, bis es wirklich nicht mehr ging, frühstückte ausgiebig auf der Terrasse und beschloss anschließend, gar nichts zu tun. Im Schatten der Hecke liegend versuchte er, an nichts zu denken. Aber es gelang ihm nicht. Zu viele Dinge durchgeisterten seinen Kopf: Seine Arbeit, an die er eigentlich zuletzt denken wollte, seine Tochter Susanne, die er anrufen sollte und die er viel zu selten sah, und sein Haushalt, den er genauso vernachlässigte wie seinen Garten. Auf Anhieb fielen ihm fünf Arbeiten ein, die seit Wochen auf Erledigung warteten. Aber er sah nur in das Laub des alten Apfelbaums in den Himmel und beschloss, nichts zu tun, sondern die Erkenntnis zu genießen, dass es angenehm war, zu faulenzen. Es war Sonntag, und er hatte sich das Nichtstun redlich verdient.

Die Wärme machte ihn schläfrig. Er schloss die Augen. Beinahe wäre er eingeschlafen, wenn sich nicht ein lästiges Insekt angeschickt hätte, seine Nase zu erkunden. Mehrmals verscheuchte er den lästigen Kriecher mit der Hand, bis das Tier schließlich aufgab und wegflog.

Die ersehnte innere Ruhe stellte sich jedoch nicht ein. In der Ferne hupte ein Auto, dann hörte er das Geräusch eines herannahenden Drachenfliegers, der über ihm zu kreisen schien. Immer am Sonntag, dachte Wießner. Er wusste, dass es mit der Nachmittagsruhe nichts werden würde. Er konnte nicht abschalten.

Wenig später wusste er, dass es wirklich vorbei war, denn er hörte plötzlich ein Geräusch, das unangenehm war wie Nadelstiche in die Fingerkuppe. Er konnte es nicht ignorieren, denn es wiederholte sich hartnäckig und beherrschte ihn sogar aus der Ferne. Das Handy würde immer und immer wieder klingeln, bis er abnahm.

Grummelnd erhob er sich und ging ins Haus. Für einen Augenblick war Ruhe, dann aber klingelte es erneut. Es war besser, er brachte es hinter sich.

„Wer stört?“, blaffte er übergangslos. Was er zu hören bekam, machte ihn sofort zornig. „Seid ihr nicht Manns genug, das selbst zu klären?“, fragte er. „Das ist doch nichts für uns.“ Dann legte er auf.

Er wollte nicht glauben, dass man ihm jetzt schon wegen eines Verkehrsunfalls die so selten vergönnte Sonntagsruhe raubte. Sollten sich doch die Jungs von der Rechtsmedizin darum kümmern. Wenn die etwas fanden, konnte er sich der Sache immer noch annehmen. Dass er devot mit „Herr Kriminalhauptkommissar“ angesprochen worden war, änderte an seinem Unmut nichts. Solche Todesfälle waren zwar tragisch, aber erst einmal nichts für die Mordkommission. Seit Wochen war er jeden Tag im Präsidium gewesen. Jederzeit konnte das Wetter umschlagen und in den Herbst übergehen. Wer wusste schon, wann wieder ein so wundervoller Tag sein würde, an dem er frei hatte.

Kurt Wießner war dreiundfünfzig Jahre alt und geschieden. Er war groß, neigte zur Körperfülle und hatte lichtes graues Haar. Er war wegen einer Trotzreaktion Polizist geworden; sein Vater hatte gewettert und damit gedroht, ihn zu enterben, falls er diesen Plan nicht sofort aufgab. Was kümmert mich mein Erbe, hatte Wießner trotzig gedacht und war in die Polizeischule eingetreten. Der Vater hatte seine Drohung zwar sofort wahrgemacht, aber es war ganz anders gekommen. Der jähzornige Alte war nämlich zeitig gestorben von seiner Witwe beerbt worden. Und als sie nach langer, elender Krankheit verstorben war, hatte sie Wießner das Haus hinterlassen. Seither wohnte er in dem Elternhaus, das ihm sein Vater missgönnt hatte.

Seit zehn Jahren leitete Kurt Wießner die Mordkommission im Potsdamer Polizeipräsidium. Er hatte es sich abgewöhnt, bei jedem Todesfall, zu dem er gerufen wurde, von einem Mord auszugehen. Trotzdem blieb ihm nichts anderes übrig, als der Sache nachzugehen.

An der Unfallstelle war eine Fahrbahn gesperrt. Wießner musste sich am Stau vorbeidrängen, der inzwischen mehrere Kilometer weit zurückreichte. Schon von Weitem sah er die Schaulustigen auf der Autobahnbrücke. Sie drängten sich am Brückengeländer, als hindere sie eine Meute wütender Hunde daran, weiterzugehen. Es war immer das Gleiche: Die Neugier der Menschen war unausrottbar und für die Ermittlungen hinderlicher als Platzregen.

Hinter einem Streifenwagen stand der Wagen der Spurensicherung. Wießner erkannte ihn an den drei grünen Kreuzen, die ein Spaßvogel aus dem Präsidium auf die weißen Seitenflächen gemalt hatte. Der Polizeidirektor hatte deswegen getobt und Konsequenzen angedroht, aber passiert war nichts. Es hatte sich nicht einmal jemand die Mühe gemacht, die Kreuze wieder zu entfernen.

Er parkte unter der Brücke. Als er ausstieg, sah er Herbert Nühnen. Der Kriminaltechniker trug einen weißen Overall, der sich gegen den Wald dahinter abhob. Er hantierte an einem roten Kleinwagen, der mit einem Baum kollidiert war. Wießner mochte Nühnen. Er war ein Arbeitstier mit der verbissenen Ausdauer eines Terriers. Obwohl er inzwischen auf die sechzig zuging, war er ein quirliges Kraftwerk, das nichts und niemand bändigen konnte. Er war mittelgroß, von fülliger Statur und trug selbstbewusst den Rest eines kleinen Haarkranzes auf seinem ansonsten kahlen Kopf. Ein schönes Gesicht brauche Platz, pflegte er zu sagen, wenn er auf die schwindende Haarpracht angesprochen wurde. Er war er ein angenehmer Kollege, der meistens gute Laune hatte und nicht schwafelte.

Wießner schlüpfte unter der Absperrung hindurch. Der Kleinwagen hatte bei dem Aufprall mindestens ein Viertel seiner Länge eingebüßt. Daneben lag eine Plane, unter der sich die Konturen eines menschlichen Körpers abzeichneten. „Was machst du denn hier?“, fragte er.

Nühnen hob die Augenbrauen. „Ah, Kurt“, sagte er, während er den Lack um das Schloss der Fahrertür mit einer durchsichtigen Lösung einpinselte. „Man hat es dir also nicht gesagt?“

„Vielleicht habe ich nicht richtig hingehört“, bekannte Wießner. Er ging in die Knie und hob die Plane an. Was er sah, erfüllte ihn mit Entsetzen. Er starrte auf eine mit Blut und Hirn verklebte Masse, die einmal ein Kopf gewesen war. „Mein Gott!“, entfuhr es ihm, dann ließ er die Plane los, die sich daraufhin wieder über die Leiche legte.

„Ich sage doch, die haben es dir nicht gesteckt“, konstatierte Nühnen, während er unbeirrt weiterpinselte. Erst dachte ich ja, die „Die Jungs von der Unfallbereitschaft wollen nur den Fall loswerden, aber als ich mir den Schlamassel näher angesehen habe, war mir klar, dass es ein Fall für uns ist.“ Er kniete sich neben Wießner und hob die Plane an, während er mit der anderen Hand eine Pinzette aus seiner Brusttasche zog. Dann zeigte er am Kopf der Leiche auf eine bestimmte Stelle. „Schau dir das mal an.“

Wießner starrte ungläubig auf die Stelle, bis das Bild vor seinen Augen zu tanzen begann. Es war eine klaffende Wunde, aus der es leuchtete, als seien Glühwürmchen darin eingeschlossen. „Was ist das?“, fragte er.

„Glaspartikel“, erklärte Nühnen. „Sie sind mit ungeheurer Wucht in das Gesicht gepresst worden. Eine Berührung der Leiche mit dem Baum hat aber nicht stattgefunden.“ Er legte die Plane zurück und erhob sich. „Die Fliehkräfte sind bei solch einem Aufprall so stark, dass das Glas nach außen gepresst wird. Die Partikel liegen aber im Auto. Das Wageninnere ist voll davon.“

Wießner sah ihn verblüfft an. „Du meinst, irgendetwas hat von außen …“

Nühnen nickte, dann ging er zu einer kleinen Kiste. „Man hat es dir also tatsächlich nicht gesagt“, erwiderte er. „Sieh selbst. Ich habe es auch erst nicht glauben wollen.“

Wießner sah ungläubig in die Kiste. „Ein Stein?“

Nühnen nickte. „Er lag im Fußraum. Jemand muss ihn von der Brücke auf das Auto geworfen haben. Ich will den Rechtsmedizinern zwar nicht vorgreifen, Kurt, aber das war unter Garantie die Todesursache. Der Stein hat die Frau getroffen. Sie war bestimmt sofort tot. Sie hatte überhaupt keine Chance.“

Der Gedanke schockierte Wießner. „Was sagst du da?“

Nühnen zuckte mit den Achseln. „Ich bin mir jedenfalls sicher, dass der Stein die Frau getötet hat. Ihm haften die gleichen Glaspartikel an. Und er ist voller Blut.“

Wießner war fassungslos. „Wer tut so etwas?“

Nühnen zeigte auf die Brücke. „Du musst nur lesen, was dort oben steht“, sagte er.

Wießner sah sich um. In ungelenken roten Buchstaben, wie hastig hingeworfen, stand auf einem weißen Tuch, das über der Autobahn hing: »Wir brauchen keine Autobahnabfahrt«. Sofort sah er die Szene vor sich: Autobahngegner, die mit Transparenten und viel Tamtam durch die Straßen marschieren, laut, militant und aggressiv. Vielleicht war die Frau tatsächlich ein Opfer militanter Autobahnhasser geworden, zufällig ausgewählt und ohne jede Chance, ihrem Schicksal zu entgehen. Ihr Leben hatte einzig davon abgehangen, ob der Täter den Stein präzise genug werfen würde. Wießners Urteil stand sofort fest: Das war nicht einfach nur Mord, das war Terror. Die Dimension der Zerstörung und die menschenverachtende Brutalität der Tat machten ihn wütend. „Wo sind denn die Kollegen, die uns informiert haben?“

„Verschwunden. Einer von ihnen ist übrigens Franke. Du weißt schon: Bodo Franke, der gern zu uns wechseln würde.“

Wießner war sich sicher, den Namen noch nie gehört zu haben. „Wenigstens hat er genau hingeschaut“, sagte er. Er wollte die Personalie damit bewenden lassen und fragte: „Wohin führt eigentlich die Brücke?“

Nühnen hob die Augenbrauen, während er weiterpinselte. „Ich dachte mir schon, dass du danach fragen würdest. Räcknitz heißt die Brache.“

Wießner hatte den Namen noch nie gehört. Er blickte noch einmal in die Kiste und sah Nühnen an. er.

Nühnen schien Wießners Gedanken erraten zu haben. „Bevor du schimpfst, Kurt“, sagte er und verzog unwillig den Mund, „heute ist Sonntag. Das kann gut und gern bis morgen warten. Ich habe hier sowieso noch zu tun. Die Jungs von der Rechtsmedizin waren auch noch nicht hier. Sie wissen aber Bescheid." Er zog eine Folie vom Lack des Wagens ab, betrachtete das Ergebnis und fügte dann hinzu: „Die Kollegen von der Verkehrspolizei haben übrigens schon mal ein bisschen recherchiert.“ Er klebte die Folie auf einen weißes Blatt Papier, dann öffnete er den Overall und zog aus seiner Hemdtasche einen abgewetzten Zettel. „Der Wagen ist auf eine Frau zugelassen. Ich hab´s aufgeschrieben, mit dem Merken habe ich es nämlich nicht mehr so. Es ist wie verhext.“

Wießner nahm den Zettel und steckte ihn ein. „Was denkst du, wie schwer der Stein ist?“, fragte er.

Nühnen zog eine weitere Folie von der Fahrertür ab. Seine Zungenspitze erschien zwischen den Lippen. „Vielleicht drei oder vier Kilogramm, vielleicht auch etwas mehr. Auf jeden Fall zu viel, um mit Wucht geschleudert zu werden, falls du darauf hinaus willst.“ Er klebte die Folie neben die andere und zeigte dann auf die Brücke. „Darum kümmere ich mich, wenn ich hier unten fertig bin. Ich habe erst einmal zwei von den Grünen nach oben geschickt, um die Personalien der Glotzer aufzunehmen und alles abzusperren. Am Ende zertrampeln mir die noch alles. Einsperren müsste man die ganze Bande.“ Er unterbrach sich einen Augenblick, dann fügte er hinzu: „Ach ja, ehe ich es vergesse: Ich habe einen Hund angefordert. Der Kläffer müsste eigentlich längst hier sein.“

Nühnen ist nicht totzukriegen, dachte Wießner. Er gibt nicht auf, bis er nicht auch die letzte brauchbare Spur gefunden und gesichert hat, selbst wenn er sich dafür ganze Nächte um die Ohren schlagen muss. Für Nühnen war es eine unerträgliche persönliche Niederlage, wenn er zugeben musste, nichts gefunden zu haben.

„Wieso bist du eigentlich allein?“

Nühnen schaute Wießner missbilligend an. „Weil vielleicht Sonntag ist. Lars geht nicht ans Telefon. Er hat ja auch frei, genauso wie du und ich.“

„Das sollte kein Vorwurf sein“, sagte Wießner schnell.

„Dann ist es ja gut.“

Wießner sah Nühnen noch ein Weilchen zu, dann ging er zu seinem Wagen und rief die Leitstelle an. Während er auf die Verbindung wartete, beobachtete er zwei Polizisten, die die Sperrung der rechten Fahrspur wegräumten. Der Stau würde sich nun bald auflösen, und nichts würde übrig bleiben, nur ein paar Schrammen an einer märkischen Kiefer.

Als sich jemand meldete und Wießner fragte, wer den Unfall auf der Autobahn A 2 gemeldet habe, erkannte er die Stimme, die wie aus weiter Entfernung auf ihn zukam. „Hallo Kurt! Wim Wallantin hier. Erinnerst du dich noch? Es ist schon eine halbe Ewigkeit her, dass wir uns gehört haben. Machst du jetzt auch in Unfällen?“

„Scheint so“, erwiderte Wießner ausweichend. Er hatte Wim auf der Polizeischule kennengelernt und mochte ihn nicht. Dass sie sich aus den Augen verloren hatten, konnte so bleiben.

„Der Mann ist aus der Gegend“, hörte Wießner Wim Wallantin sagen. „Jan-Jakob Bender. Er hat zwar seine Rufnummer unterdrückt, aber wir können sie ja trotzdem mitlesen.“

Wießner griff nach einer Zeitung, die seit Tagen ungelesen auf dem Beifahrersitz lag und notierte sich Name und Adresse. Dann beendete er das Gespräch.

Als er Nühnen die Neuigkeit überbrachte, reagierte der nicht sofort, sondern pinselte hingebungsvoll an der Beifahrertür. „Ein Zeuge, hörst du nicht?“, rief er ihm zu. „Wenn du hier fertig bist, musst du nun leider doch ins Präsidium kommen“, sagte er. „Einen Zeugen zu haben ändert alles. Ich höre mir gleich mal an, was er zu sagen hat.“

Nühnen zog einen Flunsch. „Ich hatte heute eigentlich noch was vor.“

„Ich habe mir den Abend auch anders vorgestellt, glaub´ mir“, erwiderte Wießner und fragte, wer Bereitschaft habe. Dann rief er den Kollegen an und bat ihn mitzuschreiben. „Das Opfer heißt vermutlich Manina Winter. Zweiundvierzig Jahre. Wohnt in Batingen, Elsengasse zweiundzwanzig.“ Er machte eine kurze Pause. „Hast du das? Wir müssen alles über diese Frau wissen. Zapfe alle Quellen an, die wir haben. Und trommele die Mannschaft zusammen. Wir machen heute Abend noch eine Konferenz.“ Bevor der Kollege Gelegenheit fand, seinen Unmut zu bekunden, legte Wießner auf.

„Was ist das denn für eine Zeuge?“, wollte Nühnen wissen.

Wießner war sich nicht sicher, ob Nühnen wirklich eine Antwort wollte. „Ich dachte schon, du willst es nicht wissen“, sagte er. „In der Leitstelle haben sie seine Nummer mitgelesen.“

Nühnen pfiff leise durch die Zähne. „Das wird dem Mann vermutlich nicht gefallen“, sagte er. „Willst du ihn tatsächlich gleich beehren?“

Wießner wollte. „Und wie gesagt, wenn du hier fertig bist …“ Er unterbrach sich und schaute Nühnen mit schiefgehaltenem Kopf an. „Ist das okay?“

Nühnen hob resigniert die Schultern. „Du gibst ja doch keine Ruhe.“

4

Jan-Jakob Benders wohnte in Holldorf, einem unbedeutenden Flecken auf einer bunten Landkarte, für die sich außer den Einwohnern niemand wirklich interessierte und die es in Brandenburg viele gab.

Kurt Wießner folgte der Straße, die sich zwischen Wäldern und ausgedehnten Äckern wie eine Schnur schlängelte. Er fuhr langsam und ließ die Scheiben halb herunter, um den Geruch der würzigen Luft in sich aufzunehmen. Potsdams hektische Betriebsamkeit und die Dunstglocke, die die Stadt in diesem warmen Spätsommer wie ein Korsett umfangen hielt, waren weit weg. Es schien Wießner, als tauche er in eine Welt der Ruhe und Unabänderlichkeit ein. Nachdem er das Ortseingangsschild passiert hatte, durchfuhr er den Ort in weniger als einer Minute. Häuser auf beiden Seiten einer Straße, ein kleiner Dorfplatz mit Teich und Kriegerdenkmal und zwei Seitenstraßen ohne Namensschilder - das war alles; keine Passanten, keine spielenden Kinder, nicht einmal ein Hund, der in der Sonne döste.

Er wendete und fuhr zurück. An der Querstraße zögerte er und überlegte, ob er abbiegen sollte, da wurde er auf eine alte Frau aufmerksam, die auf einer grellblau gestrichenen Bank die vor einem niedrigen, verwitterten Haus saß und ihr Gesicht in die Sonne hielt. Sie trug eine grüne Kittelschürze und ein graues Kopftuch und erinnerte ihn an seine Großmutter, die Mutter seines Vaters, über die in der Familie nie viel gesprochen worden war. Sie hatte gern vor ihrem Haus auf einer Bank gesessen und geklönt oder beobachtet, was um sie herum geschah. Sie war zeitig gestorben, und Wießner hatte nur diese eine Erinnerung an sie.

Er stieg aus und ging auf die alte Frau zu. Sie saß unbewegt da, als interessiere sie nichts um sie herum, aber Wießner konnte sehen, dass sie ihn aus den Augenwinkeln aufmerksam beobachtete. Ihre faltigen, schmalen Hände ruhten in ihrem Schoß, und neben ihr lag eine große graugetigerte Katze zusammengerollt und döste in der Sommerwärme.

„Sie müssen sich gar keine Mühe geben”, sagte sie mit erstaunlich kräftiger Stimme. Ihre schiefen Lippen entblößten beim Sprechen große Zahnlücken. „Ich kaufe nämlich nichts.“

Er lächelte mild. „Ich möchte nur eine Auskunft“, erwiderte er freundlich. „Ich will Ihnen nichts verkaufen.“

„Das sagen sie alle, diese Vertreter“, erwiderte sie energisch, „und dann packen sie doch ihre Staubsauger und Weinkisten aus. Sowas kennt man doch. Solches Pack wird man nicht wieder los. Aber ich brauche nichts. Mir geht’s gut, auch wenn ich nicht so aussehe.“

Wießner sagte ihr, zu wem er wolle, und sie war sofort wie umgewandelt. „Zum Bender Jan wollen Sie?“ Sie hielt den Kopf schief und blinzelte ihn misstrauisch an. Ihre Augen waren klar und wach und sahen in dem faltigen, fahlen Gesicht aus wie große, braune Knöpfe. „Der bekommt nicht oft Besuch, müssen Sie wissen. Hat der feine Herr am Ende was ausgefressen?“

Die unaufdringliche Neugier der Frau amüsierte Wießner. In dem alten Kopf steckte bestimmt viel Bauernschläue. „Wie soll ich das als Staubsaugervertreter denn wissen?“, spottete er.

Sie lachte ungeniert mit offenem Mund. „Da haben Sie mich aber erwischt, was?“ Sie zog aus der Kittelschürze ein Taschentuch hervor und wischte sich über die Lippen. „Wenn ich es recht bedenke, sehen Sie nicht wirklich wie ein Vertreter aus."

Wießner hatte Spaß an dem Dialog. Die Frau war in ihren Gedanken erfrischend flink und wurde bestimmt oft unterschätzt. „Wie sehe ich denn Ihrer Meinung nach aus?“, fragte er.

Die Antwort verblüffte ihn. „Eigentlich eher wie ein Kriminaler“, sagte sie und lächelte mit offenem Mund.

Wießner hatte Mühe, sich nichts anmerken zu lassen. „Das ist ja noch schlimmer“, sagte er.

Die Frau winkte ab. „Mir fiele da noch erheblich Schlimmeres ein“, sagte sie kichernd, behielt aber für sich, was sie meinte. Dann beschrieb sie ihm den Weg. „Der Bender Jan ist leicht zu finden, selbst für einen Fremden“, schloss sie. Nachdrücklich ermahnte sie ihn mit erhobenem Zeigefinger, ja vorsichtig zu sein. „Es ranken sich da … Geschichten um Lord Sandfort“, sagte sie geheimnisvoll. „Seltsame Geschichten.“

Wießner lächelte. Er mochte die Art der alten Frau. „Sandfort. Ein seltsamer Name.“

„Das Sandloch wollte niemand haben, nur er. Muss wohl in der Familie liegen. Das waren alles Eigenbrötler! Wuselt da jahraus, jahrein ganz allein vor sich hin.“ Sie hob abwehrend beide Hände. „Aber ich will nichts gesagt haben. Nicht dass es am Ende heißt, die Schmidten tratscht.“

Plötzlich, als habe sie auf ein Stichwort gewartet, kam Bewegung in die Katze. Sie streckte sich ausgiebig und schüttelte den Kopf. Dann sprang sie von der Bank und zwängte sich unter der Toreinfahrt hindurch.

Es wird Zeit, das Schwätzchen zu beenden, ehe die Frau ahnt, dass ich wirklich ein Kriminaler bin, dachte Wießner. Was für Geschichten sich um Bender rankten, wollte er gar nicht wissen. Es gab sie; die Neugier war ihre Nahrung und der Tratsch ihr Transportmittel. Er bedankte sich freundlich für die Auskunft und ging zum Wagen zurück. Als er anfuhr, winkte er der Frau. Sie hob die Hand, winkte mit dem Taschentuch und sah ihm nach.

Am Ortsausgang bemerkte er das Holzschild, von dem die Frau gesprochen hatte. Jemand hatte in ungelenker roter Schrift das Wort »Sandfort« darauf geschrieben. Wießner folgte dem Weg, der ausgefahren und voller Löcher war und durch eingezäunte Wiesen führt, bis er zu einer kleinen Brücke kam. Dort hielt er.

Die Worte der alten Frau fielen ihm wieder ein: Das Sandloch wollte niemand haben. Und dann hatte sie noch etwas gesagt, das ihm aber nicht im Gedächtnis haften geblieben war. Wahrscheinlich war es nicht wichtig gewesen.

Er fuhr bis zu einem Vorplatz, stieg aus und ließ das Bild auf sich wirken. Die beiden Flügel des Tores, das jetzt weit offenstand, waren aus Brettern blickdicht gefügt. Von ihnen blätterte großflächig graue Farbe ab. Ein solider Stahlzaun mit langen Streben, die ein Übersteigen unmöglich machten, umgab das Gehöft. Das Wohnhaus im hinteren Bereich und war durch ein Schleppdach mit einer Scheune verbunden. Daran schloss sich, dem Wohnhaus gegenüber, ein langgestrecktes zweistöckiges Gebäude an, dessen Bausubstanz sehr marode aussah. Das Dach bog sich beängstigend durch, das Mauerwerk lugte an vielen Stellen hervor und der Rest von Putz hatte einen wolkiggrauen Farbton angenommen. In den Dachrinnen wuchs Grasbüschel; einige Dachziegel fehlten. Um die Scheune stand es kaum besser. Das Tor hing schief in angerosteten Angeln und drohte, jeden Augenblick auf das Pflaster des Hofes zu fallen. Anstelle der Türen klafften nur noch schwarze Löcher. Nur das Wohnhaus schien solider zu sein. Mit seinem verwitterten roten Backstein wirkte es wie ein Kontrast. Aber auch an ihm waren Narben seines Daseins nicht zu übersehen. An den Fenstern platzte die Farbe ab; stellenweise lugte bereits graues Holz hervor. Zwei Fensterläden hingen schief, einer fehlte, und unterhalb der Fenster war das Mauerwerk feucht und fleckig.

Wer immer hier lebte, war kein Ästhet, alles andere als gut situiert und unempfindlich gegen Einsamkeit.

Wießner schloss die Wagentür und ging zum Tor. Es gab weder eine Klingel, noch ein Namensschild. Wenn er auf sich aufmerksam machen wollte, blieb ihm nichts anderes übrig, als das Gehöft zu betreten oder zu rufen.

In diesem Augenblick drang ein leises monotones Brummen an sein Ohr. Es kam aus dem langgestreckten maroden Quergebäude. Wießner ging darauf zu. Aus der Nähe sah das Bauwerk noch schäbiger aus. Das Mauerwerk blühte von Salpeter und hatte stellenweise bereits Moos angesetzt. Die Torflügel waren angefault. Wenn das Gebäude drinnen genauso baufällig war, musste Wießner befürchten, von herabfallenden Bestandteilen der Ruine erschlagen zu werden. Aber zu seinem Erstaunen war es im Innern weder muffig noch düster. Das gesamte Quergebäude, das nur aus einem einzigen Raum zu bestehen schien, war vielmehr hell, sauber und ohne erkennbare Baumängel. Die Deckenkonstruktion wurde von zwei durch den Raum laufende Fluchten von Pfosten getragen. Die Wände waren weiß getüncht und reflektierten das Licht starker Deckenlampen. Eine lange Reihe mannshoher, robuster Bohrmaschinen reihten sich bis ans Ende des Raumes. Der Anblick faszinierte Wießner. Er fühlte sich in einen Maschinensaal des achtzehnten Jahrhunderts zurückversetzt. Nur die Transmissionsriemen und der Geruch von Öl und Kohlenstaub fehlten.

Plötzlich sah er hinter einer der Maschinen ein Kopf hervorlugen. „Moment“, rief eine Stimme, „ich komme gleich.“ Dann verschwand er wieder.

Der Mann, der schließlich auf Wießner zukam, war groß und drahtig. Er lief elastisch und kraftvoll. Ein langer Pferdeschwanz, der einen auffälligen Kontrast zu dem dürren Kopfhaar bildete, hüpfte lebendig hin und her. Sein blauer Overall war von Öl- und Fettflecken verschmiert.

„Die Rohlinge sind gleich fertig“, sagte der Mann. „Noch ein Vorschub, dann können Sie alles mitnehmen.“ Er musterte Wießner aufmerksam und ohne jede Scheu, während er unablässig seine Hände an einem schmutzstarreden Lappen wischte. „Wenn ich mich nicht täusche“, sagte er schließlich, „sehen Sie allerdings nicht aus wie jemand, der seine Rohlinge selbst abholt. Es hat sich außerdem noch keiner meiner Kunden hierher gewagt." Er reichte Wießner die Hand. Sie war groß und schwielig.

Wießner spielte das Spiel mit. „Wie sehe ich denn aus?“, fragte er, während er an bauernschlaue Frau von vorhin dachte.

Der Mann hob die Schultern. „Keine Ahnung“, bekannte er. „Sagen Sie es mir.“

Wießner beschloss, direkt auf sein Ziel zuzugehen. „Mein Name ist Wießner“, sagte er, „und ich komme tatsächlich nicht wegen der Rohlinge. Ich bin von der Polizei in Potsdam. Und wenn Sie Jan-Jakob Bender sind, will ich zu Ihnen."

Es schien Wießner, als zucke der Mann zusammen, aber er hatte sich sofort wieder in der Gewalt. Er steckte den Lappen in die Hosentasche und sagte: „Das ging ja schnell. Dabei sehen Sie gar nicht so aus.“

Das habe ich gerade erst ganz anders gehört, dachte Wießner. „Genauer gesagt bin ich von der Kriminalpolizei“, fügte er hinzu. „Und Sie sind Herr Bender?“

Der Mann legte die Hände an die Oberschenkel und straffte sich. „Ich hätte mir ja denken können, dass mein Tun nicht geheim bleibt. Sie wollen wissen, was ich gesehen habe, nicht wahr?“

Wießner betrachtete das schüttere graue Haar des Mannes. Lass ihn kommen, dachte er und nickte nur.

„Ich habe heute früh in Magdeburg Halbzeuge ausgeliefert und für die Rückfahrt Rohlinge geladen“, begann Bender.

„Heute ist Sonntag.“

Bender drehte die Handflächen nach oben. „Ich muss jeden Auftrag mitnehmen. Da fragt niemand, was für ein Wochentag ist oder ob es mir passt. Ich habe ausgeliefert und danach Rohlinge geladen. Dann bin ich zurück zu Hector.“

„Wer ist Hector?“

Bender lächelte verschlagen. „Hector ist mein Lebensgefährte.“

Wießner wurde plötzlich klar, dass ihm Einzelheiten entgangen waren, weil er sich zu sehr auf die alte Frau eingelassen hatte. Ihre offene und erfrischende Art hatte ihn abgelenkt. „Ich dachte, Sie leben hier allein.“

„Hektor ist mein Hund!“, stellte Bender richtig. Dann zog er ein Taschentuch hervor, das kaum sauberer war als sein Putzlappen und schnäuzte sich geräuschvoll. „Was immer man Ihnen über mich erzählt hat“, sagte er, „ist vermutlich gelogen.“

„Was erzählt man sich denn über Sie?“

Benders Lächeln entblößte zwei Reihen blendendweißer Zähne. „Die Geschichte vom Eigenbrötler vielleicht, vom Ignoranten, dem die sogenannte Dorfgemeinschaft gleichgültig ist, oder die vom Dickschädel, mit dem man nicht reden kann. Was weiß ich, was man Ihnen gesagt hat. Gutes wird es vermutlich nicht gewesen sein.“ Er lachte. „Und wissen Sie was: Es schert mich einen Dreck. Ich hab´s nämlich nicht so mit den Leuten hier.“

Der letzte Satz hatte eine Spur zu zynisch geklungen. Wießner war sofort argwöhnisch. „Vielleicht sagen Sie mir erst einmal, was nicht hätte geheim bleiben können“, bat er.

Bender kam sofort zur Sache. „Ich war auf dem Weg nach Hause, als mir dieser Mittelspurschleicher aufgefallen ist. Naja, so ein roter Stadtflitzer, Sie wissen schon. Er blieb konsequent auf der Mittelspur, obwohl weiß Gott nicht viel Verkehr war. Ich mag solche Typen nicht.“

„Warum haben Sie ihn nicht überholt? Sie hätten doch …“

Plötzlich war ein leises metallisches Klacken zu hören. „Der Vorschub“, rief Bender und verschwand. Seine Bewegungen waren flüssig wie die eines jungen Mannes, obwohl Wießner schätzte, dass Bender deutlich älter war als er selbst. Er folgte Bender und betrachtete die Maschinen. An den Hebeln, mit denen die Bohrer auf- und abwärts bewegt wurden, hingen Steine in verschiedenen Größen. Diese simple Vorrichtung ersetzte die Muskelkraft für den Vorschub.

Plötzlich stand Bender wieder vor ihm. „Der Auftrag muss heute noch fertig werden“, sagte er. „Der Kunde wartet.“ Er sah Wießner an, dann kratzte er sich mit der schmutzigen Hand am Hinterkopf. „Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, Sie wollten wissen, weshalb ich den Wagen nicht überholt habe. Also, ich hatte es tatsächlich vor, aber dann sah ich plötzlich auf der Brücke diese Gestalt. Ich hatte sofort ein mulmiges Gefühl.“ Er zündete sich eine Zigarette an. Sie war filterlos und verbreitete sofort einen beißenden Geruch brennenden Papiers. „Aufgehört hatte ich“, sagte er. „War eine tierische Quälerei, kann ich Ihnen sagen. Und nun paffe ich doch wieder.“

„Was haben Sie genau gesehen?“, fragte Wießner.

„Es war eigentlich nur ein Schatten. Er huschte da oben so eigenartig gebückt herum. Deshalb fiel er mir ja überhaupt erst auf.“ Er zog kräftig an der Zigarette und blies den Rauch in Richtung Decke. „Es schien mir, als verberge er sich hinter diesen Transparenten. Irgendwie kam mir das verdächtig vor, keine Ahnung, weshalb. Jedenfalls bremste ich ab, wechselte in die rechte Spur und hielt Abstand. Vielleicht ahnte ich, was der Typ auf der Brücke vorhatte. Instinkt, was weiß ich.“

„Das ganze hätte doch auch Ihnen gelten können“, wandte Wießner ein.

Bender nickte. „Daran habe ich auch schon gedacht. Aber was hätte ich machen sollen? Eine Vollbremsung? Auf der Autobahn?“ Er schüttelte den Kopf. „Wo sollte ich denn hin? Vielleicht bin ich deshalb nach rechts rüber. Der Typ war schließlich über der Mittelspur. Ich habe den Flitzer noch gewarnt. Lichthupe habe ich gegeben. Aber nichts, die reine Sturheit. Wahrscheinlich wird man als Mittelspurschleicher resistent gegen solche Warnungen, jedenfalls hat die Frau weder die Spur gewechselt noch abgebremst.“

Die Antwort erstaunte Wießner. „Die Frau?“

Bender wiegte mit dem Kopf. „Naja, später habe ich doch gesehen, dass es eine Frau war. Außerdem gibt es nur zwei Arten von Menschen, die auf Mittelspuren schleichen: Alte Männer mit Hüten oder Frauen in Brötchenholmaschinen.“

In Wießner arbeitete es jetzt. Die verschiedenen Informationen balgten in seinem Kopf. „Waren mehrere Personen auf der Brücke?“

„Ich habe nur eine Person gesehen. Wie gesagt, da waren diese Transparente.“

„Würden Sie die Gestalt wiedererkennen?“

Bender wiegte den Kopf. „Vielleicht, ja, wahrscheinlich aber nicht.“

Wießner beschloss, das erst einmal so stehen zu lassen. Sie konnten später versuchen, ein Phantombild zu erstellen. „Wie ging es weiter?“, setzte er fort.

„Ich sah etwas von der Brücke fallen.“

„Einen Stein?“ Sofort ärgerte sich Wießner über die Frage. Jeder Polizeischüler kannte die Gefahr von Suggestivfragen. Nie durfte eine Antwort schon in der Frage angelegt sein. Seine Eile hatte ihm einen Streich gespielt.

Bender reagierte jedoch unerwartet deutlich mit einer Gegenfragte. „Wie soll ich das denn wissen, Herr Kommissar?“, fragte er. „Was da herunterfiel, war klein und hätte alles Mögliche sein können. Naja, wie dem auch sei, der rote Flitzer scherte jedenfalls aus und raste in den Wald. Ich dachte noch: Jetzt knallt er gegen die Brücke. Mein Gott, was soll das werden, schrie ich, aber das war natürlich Blödsinn, die Frau konnte mich ja nicht hören. Ich kam vor der Brücke zum Stehen und sprang aus dem Auto, da sah ich schon, dass sich der Flitzer um einen Baum gewickelt hatte. Ich wollte hinlaufen, als plötzlich die Stichflamme … Wie eine Fackel sah das aus. Ich zerrte meinen Feuerlöscher aus dem Kofferraum, nahm einen der Rohlinge und lief hin. Ich habe die Motorhaube aufgehebelt und dann voll draufgehalten, bis die Flammen hinüber waren. Aber da war nichts mehr zu retten. Die Karre war zusammengeschoben wie eine Ziehharmonika.“

Wießner erkannte keine Widersprüche. Außerdem schien Bender nicht unsicher zu sein. Ihm war klar, worauf das hinauslief. „Waren Sie die ganze Zeit allein?“, fragte er.

Bender sah ihn mit großen Augen an. „Geholfen hat mir niemand, wenn Sie das meinen.“ Er schüttelte den Kopf, als könne er das selbst nicht fassen. „Das muss man sich mal vorstellen: Ein Auto brennt und alle fahren daran vorbei und schauen weg oder glotzen, aber keiner kriegt es fertig zu helfen.“

Wießner dachte an die Rauchwolke, die ihm sofort aufgefallen war. „Haben Sie die Gestalt auf der Brücke wirklich nicht erkannt?“, fragte er. „Sie sind doch hier aus der Gegend. Es könnte doch sein, dass …“

Bender schüttelte energisch den Kopf. „Sie wollen mich testen, was? Ich habe nicht darauf geachtet. Als es nur noch qualmte, versuchte ich, die Fahrertür zu öffnen, aber es ging nicht. Und dann sah ich hinter dem Glas diese Gestalt, diese, diese …“ Er brach ab, als weigere er sich, den Gedanken weiterzudenken. „Das hat mich erschüttert. Da lag ein Körper … ohne … Gesicht. Überall diese Glassplitter … und dieses Blut. Der ganze Kopf eine einzige … Die Frau ist hinüber, dachte ich. Es war so … grauenhaft. Ich war wie gelähmt.“ Er brach ab und wischte sich mit den schmutzigen Händen über die Augen. „Ich weiß nicht, wie lange ich da gestanden habe, aber irgendwann rief ich die Polizei. Auf die Brücke bin ich erst danach, aber da war schon niemand mehr. Keine Ahnung, wohin der Mensch verschwunden ist. Und dann kam mir plötzlich der Gedanke, dass man am Ende noch mich… naja, Sie wissen schon. Jedenfalls sah ich ein, dass es besser sei, zu verschwinden.“

„Aber Sie hatten doch alles richtig gemacht.“

Benders verschmutztes Gesicht verzog sich zu einer Grimasse der Entrüstung. „Sie hatten wohl noch nie mit Ihren Leuten zu tun, was – privat, meine ich. Ich hatte plötzlich Angst, selbst für die Gestalt auf der Brücke gehalten zu werden. Wer weiß, wer die noch alles gesehen hat. Ich wollte mich plötzlich nur noch unsichtbar machen und keine Spuren hinterlassen. Natürlich war das Unsinn, schließlich hatte ich schon die Motorhaube aufgebrochen und die Fahrertür angefasst. Außerdem konnte ich nicht hinter der Frau hergefahren sein und ihr gleichzeitig von oben was auf den Wagen geworfen haben. Niemand konnte also ernsthaft annehmen, dass ich vorher auf die Brücke rauf bin, um den Stein … Aber daran habe ich in diesem Augenblicke nicht gedacht.“ Er zögerte einen Augenblick, dann fragte er: „Ich habe mich wohl erst richtig verdächtig gemacht?“

In diesem Augenblick tapste eine große graue Katze bedächtig durch das Tor. Sie sah sich gelangweilt um, leckte sich das Maul und ging ohne Scheu auf die beiden Männer zu. Bender nahm sie hoch und streichelte ihr den Kopf. Sofort ließ sie ein wohliges Schnurren hören und räkelte sich auf dem Arm des Mannes.

„Das ist Frau Schaluppke. Sie ist mir zugelaufen. Man könnte meinen, sie halte mir die Mäuse vom Gehöft fern, aber um ehrlich zu sein, glaube ich, sie hat Angst vor Mäusen.“

Plötzlich wurde die Katze unruhig. Sie wand sich und mauzte. Bender setzte sie behutsam auf den Boden, was sie mit einem heftigen Schlagen ihres Schwanzes quittierte. Dann leckte sie sich eine Pfote und lief bedächtig davon.

Wießner war inzwischen davon überzeugt, dass Bender die Wahrheit sagte. „Und Sie können die Gestalt auf der Brücke wirklich nicht beschreiben? Irgendein Detail, eine Geste, eine Farbe, irgendetwas, das hängen geblieben ist?“

Die Antwort kam sofort und war unmissverständlich. „Verlangen Sie keine Falschaussage von mir, Herr Kommissar. Die Entfernung war viel zu groß. Es ging auch alles viel zu schnell. Als der Stein fiel, war ich ja noch ein ganzes Stück von der Brücke entfernt.“

Wießner sah ein, dass es nichts bringen würde, weiter in Bender zu dringen, und fragte nach den Transparenten.

„Das will ich Ihnen …“, begann Bender, als plötzlich wieder das leise metallische Klicken zu hören war.

„Ich weiß schon“, sagte Wießner. „Der Vorschub.“ Er beobachtete, wie Bender an eine der Bohrmaschinen herantrat, einen Bohrer nach oben fuhr und den Hebel arretierte. Dann nahm er das Werkstück aus der Halterung, spannte ein neues ein und löste die Arretierung. Langsam bewegte sich der von dem Gewicht des Steins angetriebene Bohrer nach unten.

„Und woher wissen Sie, wann der Bohrer durch ist?“

Bender lächelte. „Wissen Sie, was mein Großvater mir mit auf den Weg gegeben hat? Josef, hat er gesagt, man kann ruhig ein bisschen dumm sein, man muss sich nur zu helfen wissen.“ Er bückte sich und hob ein Plättchen auf. Es glich einer Münze. „Früher, als Kinofilme noch auf Spulen liefen, also zu der Zeit etwa, da Sie mit Ihrer ersten Freundin auf den hinteren Plätzen … na, Sie wissen schon, da legte der Vorführer in die letzte Schlaufe der Spule eine Münze. Wenn die Spule abgedreht war, fiel die Münze herunter und klimperte. Dann wusste er, dass es Zeit war, die nächste Spule einzulegen. Solange konnte er dösen.“ Er legte das Plättchen auf ein Klötzchen neben dem Werkstück, so dass es in Richtung des Bohrers ragte. „Das Bohrfutter schiebt das Plättchen beiseite“, erklärte Bender den simplen Mechanismus. „Das Teil fällt auf den Boden und macht Radau. So einfach ist das.“

„Schlau, schlau“, lobte Wießner. „Auf diese Weise ersparen Sie sich die Kontrolle.“

Bender nickte. „Außerdem muss ich die Bohrmaschinen nicht selbst betätigen. Ich bin so gesehen voll automatisiert, obwohl meine Technik so herrlich rückschrittlich ist.“ Er wischte sich die Hände am schmutzstarrenden Lappen ab. „Die Maschinen sind robuste Vorkriegsware. Wenn sie nicht vorher auf dem Schrott landen, versehen sie ihre Arbeit auch in hundert Jahren noch. Sie stammen aus dem alten Stahlwerk in Brandenburg drüben. Sie sollten verschrottet werden, als das Werk geschlossen wurde. Keiner wollte sie haben. Ob Sie es glauben oder nicht: Man hat sie mir tatsächlich geschenkt.“

Wießner bezweifelte, dass sich kein Schrotthändler gefunden hätte, die Maschinen zu verwerten, aber es ging ihn nichts an, wie Bender sich in ihren Besitz gebracht hatte. „Wir waren bei den Autobahngegnern stehengeblieben“, nahm er den Faden wieder auf.

„Ach wissen Sie“, sagte Bender, „wenn ich es recht bedenke, ist es das falsche Wort für die paar Hanseln, die hier die große Lippe riskiert und Transparente geschwungen haben. Die hatten doch überhaupt nichts gegen die Autobahn, sondern wollten nur die Auffahrt nicht, die hier gebaut werden sollte. Ganz in der Nähe der Brücke übrigens. Was haben die für ein Theater gemacht. Die Gemeinde hatte bereits Planungsspielchen gespielt, und die Bauern hatten gedanklich schon die Kohle gezählt, die sie für ihre Äcker bekommen würden. Und dann gab´s den Stress.“

„Eine Gruppe militanter Gegner fing an, sich gegen die Pläne zu wehren“, vermutete Wießner.

„Ach was“, erwiderte Bender. „Ich würde nicht einmal so weit gehen zu sagen, dass die Leute militant waren, auch wenn sie hier alles aufgewiegelt haben. Was haben sie nicht alles getönt: Dass die Auffahrt Kriminalität mit sich bringe, Raub und Totschlag zu befürchten seien und Bodenspekulanten die Bewohner um Land und Gut bringen würden. Sie zogen durch die Dörfer und machten ordentlich Rabatz. Alles dummes Zeug, aber reden Sie mal mit einer Kuh französisch.“

Wießner war irritiert. „Wieso zogen?“

Bender zuckte mit den Achsen. „Ganz einfach. Weil die Sache längst ausgestanden ist. Die Auffahrt wird doch gebaut.“

Tausend Gedanken schossen Wießner plötzlich durch den Kopf. Auf einmal hatten die Transparente auf eine ganz andere Weise mit dem Mord zu tun. „Ist das sicher?“, fragte er.

„So sicher wie der Tod. Es hing wieder einmal nur am Geld. Die Abfahrt ist dem Land zu teuer. Die Entscheidung ist schon vor Monaten gefallen, um Ostern herum, wenn ich mich recht erinnere. Die Gegner suhlten sich noch ein bisschen in ihrem vermeintlichen Erfolg und zerstreuten sich dann, um wieder die friedlichen Spießer zu werden, die sie früher auch schon gewesen waren.“

„Ich dachte, der Streit sei noch aktuell?“

„Sie meinen, weil die Transparente noch hängen?“ Bender winkte ab und hob den schmutzstarrenden Lappen auf, der ihm heruntergefallen war. „Als diese Bürgerbewegten glaubten, einen Sieg errungen zu haben, stellten sie alle Aktivitäten sofort ein. Das Ganze war plötzlich eine Bürgerinitiative ohne Bürger. Die Transparente hängen da sozusagen ohne jeden sittlichen Nährwert und ganz sicher nicht mehr, um jemanden wachzurütteln. Wahrscheinlich sind sie einfach nur vergessen worden. Ich jedenfalls habe von der Truppe schon lange nichts mehr gehört. Geblieben ist nur der Unmut über die Sperrung der Brücke, die nach Räcknitz hinüber führt. Aber da wohnt kaum noch jemand. Die Gegend hier so dünn besiedelt wie die Mongolei. Hauen alle ab, vor allem die jungen Leute.“

Wießner hatte es plötzlich eilig, weil er nachdenken wollte. Durch seinen Kopf geisterten inzwischen viele Fragen. „Weshalb nennt man Sie eigentlich Lord Sandfort?“, fragte er.

Bender lachte. „Sie wissen davon? Ich habe den Namen von meinem Vorgänger geerbt. Der hauste hier mit tausend Schafen wie ein Lord mit seinem Hofstaat. Er war wohl auch so ein knarziger Eigenbrötler wie ich es bin. Jedenfalls hat er sich nie anpassen wollen und war wohl deshalb eine kräftig sprudelnde Quelle für die Vermutung sagenhaften Reichtums.“

Plötzlich wusste Wießner, woran ihn das langgezogene Gebäude erinnerte: an einen Schafstall. „Und was war dran an den Gerüchten?“

„Vermutlich nichts, jedenfalls habe ich hier noch keinen Schatz gefunden. Schauen Sie sich doch um, Herr Kommissar. Sieht’s hier nach Reichtum aus?“ Er lachte wie über einen guten Witz. „Aber ich will nicht verhehlen, dass solche Gerüchte für mich vorteilhaft sind. Sozialneid schafft nämlich Distanz. Ich habe hier meine Ruhe, bin mein eigener Herr und muss mich nicht anpassen. Ob Sie es glauben oder nicht, Sie sind seit Wochen der erste Mensch, der mich besucht.“ Plötzlich unterbrach er sich und hielt den Kopf schief. „Darf ich Sie auch mal was fragen?“

Wießner ahnte, was kommen würde. „Nur zu.“

Bender wischte sich verlegen mit dem schmutzigen Lappen die Hände. „War wohl ziemlich blöd von mir, davongelaufen, was? Von wegen Verdacht und so. Das ist doch strafbar, nicht wahr?“ Als Wießner nicht sofort antwortete, drängte er: „Nun sagen Sie schon. Sie sind doch von der Truppe.“

Wießner verstand sofort, worauf Bender hinauswollte. „Unterlassene Hilfeleistung war es vermutlich nicht“, wich er aus. „Schließlich haben Sie ja geholfen.“

In Benders Augen glomm ein Hoffnungsschimmer. „Wollen Sie damit sagen, dass nichts nachkommt?“

Wießners innere Stimme mahnte ihn zur Vorsicht. Es war nicht seine Aufgabe, juristische Differenzierungen vorwegzunehmen. „Ich bin kein Jurist, wissen Sie, aber was Sie tun konnten, haben Sie getan. Für Ihre Angst kann Sie niemand bestrafen.“ Dann wechselte er das Thema. „Kannten Sie den Wagen eigentlich?“

„Nein, nie gesehen, aber die Teile sehen doch alle gleich aus.“

„Und sagt Ihnen der Name Manina Winter etwas?“

Bender schüttelte den Kopf. „Nein, nie gehört. Ist das die Tote?“

Wießner hatte plötzlich das Bedürfnis, die Befragung zu beenden. „Passen Sie gut auf sich auf“, sagte er zu Bender und gab ihm die Hand. „Ich finde allein hinaus. Sie müssen sich nicht bemühen.“

Als Wießner auf dem Vorplatz stand, hatte er das Gefühl, dass irgendein Detail anders war, als es sein sollte. Es hatte mit den Gehöft und der alten Frau zu tun, die in der Sonne sitzend ihre Umgebung beobachtet hatte. Sie hatte etwas über Bender gesagt, aber je intensiver Wießner darüber nachdachte, desto ferner rückte die Erinnerung.

5

Die alte Schäferhündin Cora sprang aus dem Wagen und drehte sich jaulend mehrmals um sich selbst. Sie war nervös, weil sie den bevorstehenden Einsatz spürte. Aufgeregt hechelnd sah sie an Polizeimeister Wollny hoch, dann setzte sie sich auf die Hinterpfoten. Sie war sehr erfahren und galt im Polizeipräsidium als Legende, weil sie zuverlässig jede Spur fand.

Wollny führte Cora an die Auffahr zur Brücke. Dann ließ er sie an einer langen Leine laufen und folgte ihr. Cora lief die Auffahrt hinauf, schnüffelte immer wieder links und rechts, verharrte kurz an einigen Granitsteinen, lief dann am rechten Geländer entlang bis zum Ende der Brücke und kehrte auf der anderen Seite zurück. Über der mittleren Fahrspur, die in Richtung Potsdam führte, hielt sie inne und sog ganz dicht über dem Boden und die Luft tief ein. Dann lief sie erneut die Geländer ab, kehrte zu der Stelle zurück und bellte. Ihr Schwanz schlug kräftig.

„Hier ist was", stellte Wollny fest und brachte am Geländer eine Markierung aus gelbem Klebeband an. Die Hündin kratzte mit beiden Pfoten am Geländer, dann zog sie kräftig in Richtung Auffahrt zurück, zwängte sich durch das Astwerk und hastete auf der der Unfallstelle abgewandten Seite den Hang hinunter. Wollny konnte kaum folgen. Äste schlugen ihm ins Gesicht, beinahe stolperte er. Als er unten ankam, sah er Cora mit wedelndem Schwanz unter den tiefhängenden Ästen eines Gebüschs sitzen. Sie hatte die Nase tief über dem Boden. Plötzlich drehte sie sich mehrmals um sich selbst, bellte einmal kurz, setzte sich und sah hechelnd zu ihm auf.

Sie hatte die Spur verloren.

Nühnen war enttäuscht, aber er hatte mit weniger gerechnet. Er bat Wollny zu warten, dann lief er den Abhang hinauf. Er war schon fast oben, als er Wollnys sonore Stimme sagen hörte: „Da ist noch was.“ Neugierig hastete Nühnen zurück. Jetzt sah er es: Von der Stelle, an der Cora die Spur verloren hatte, führte ein schmaler Pfad in den Wald hinein. „Der Fluchtweg?“, fragte er skeptisch.

Wollny hob nur die Schultern.

„Gönne deinem Tierchen eine Pause“, schlug Nühnen vor. „Ich bin gleich zurück.“ Dann lief er auf die Brücke. Dort waren ihm vorhin mehrere Steine aufgefallen, die in Form und Farbe demjenigen glichen, der im Wagen der Toten gelegen hatte. Er wusste, was das bedeutete: Der Täter hatte sein Tatwerkzeug nicht mitgeführt, sondern hier vorgefunden. Vermutlich war es kein Profi. Aber außer den Steinen fand er nichts. Der Boden war zu trocken und es lag nichts dort, was der Täter zurückgelassen haben könnte.

Enttäuscht lief er den Hang hinunter und kroch unter das Gebüsch. Cora beobachtete ihn argwöhnisch. Er sah, dass das Laub am Boden aufgewühlt war, als habe es jemand zusammengeschoben und niedergedrückt. „Es scheint, als habe jemand hier gewartet.“

Wollny erschien unter den Ästen. „Du meinst, es gab einen zweiten Mann?“

Nühnen war sich darüber nicht im Klaren. Er kroch unter dem Strauch hervor und drückte seine Knie durch, dass es knackte. Dabei fiel sein Blick auf etwas Unscheinbares, Graues, das ihm bisher entgangen war. An einem Ast, der beinahe den Boden berührte, hingen zwei kurze graue Fasern. Er nahm sie mit der Pinzette ab und steckte sie in ein Plastiktütchen. „Verrate mir doch mal, wie der Täter hierhergelangt ist“, sagte er wie zu sich selbst. „Cora hat nur die Spur von der Brücke bis hierher gefunden. Sie muss doch aber weiterführen."

Wollnys Entgegnung war alles andere als hilfreich. „Was weiß ich", sagte er.

Der Gedanke ließ Nühnen keine Ruhe. In immer größeren Halbkreisen untersuchte er die Umgebung des Verstecks, wie er den Platz unter dem Strauch bereits gedanklich nannte. Mit stoischer Ruhe durchmaß er langsam das hohe Gras und suchte den Boden ab, obwohl er kaum Hoffnung hatte, etwas zu finden. Der Boden war uneben und mit groben Grassoden bewachsen. Überall lagen Äste herum. Es war mühsam, aber Nühnen zog unbeirrt seine Halbkreise.

„Wenn Cora nichts findet, findest du auch nichts“, lästerte Wollny.

Nühnen winkte ab. „Dein Hund riecht, ich sehe.“

Plötzlich, als er den schmalen Pfad zum wiederholten Male überquert hatte, blitzte etwas Weißes im Gras. Nühnen richtete den Blick fest darauf, während er auf den Fund zuging. Das, was er im hohen Gras gefunden hatte, war ein Fahrschein der Potsdamer Verkehrsbetriebe. Er war trocken und noch nicht vergilbt, also konnte er noch nicht lange dort gelegen haben. Nühnen steckte ihn in ein Tütchen und sah sich um, wie ein Pilzsucher, der gerade einen Pilz gefunden hat und nach einem weiteren Ausschau hält. Dabei fiel ihm tatsächlich etwas auf: Sein Blick blieb an einer Vertiefung des Pfades hängen, in der sich ein Rest feuchten Schlamms erhalten hatte. Darin prangte eine schmale Reifenspur, wie sie besser nicht sein konnte. Nühnen hockte sich hin, um besser sehen zu können und pfiff durch die Zähne.

Cora spitzte sofort die Ohren, blieb aber sitzen. Wollny ermahnte sie und rief: „Was ist?“

„Komm her und sieh selbst“, rief er und zeigte auf den Boden vor sich. „Jetzt ist mir klar, wie er das gemacht hat.“

Wollny hockte sich neben die Spur und schob seine Mütze in den Nacken. „Das ist ein Ding“, entfuhr es ihm. „Deshalb hat Cora die Spur verloren Es sieht ganz so aus, als wäre der Kerl mit einem Fahrrad durch den Wald geflohen. Das muss einer erst mal draufhaben.“

„Abwarten“, entgegnete Nühnen. „Wir wollen erst einmal sehen, wohin der Pfad führt. Vielleicht findet dein Schoßhündchen doch noch etwas.“

Cora lief voraus. Immer wieder kreuzte sie den Weg, die Nase dicht über dem Boden. Von Zeit zu Zeit verharrte sie, nie jedoch längere Zeit an einer Stelle. Sie wurde nicht müde, blieb immer in Bewegung und suchte unentwegt, aber sie schien nichts zu finden. Nühnen hatte die Hoffnung schon aufgegeben, als sie doch noch anschlug. Er hastete ihr nach und sah gerade noch, wie sich die Hündin mehrmals um sich selbst drehte. Dann setzte sie sich wieder.

„Schon wieder verloren“, stellte Wollny enttäuscht fest.

„Nun sei mal nicht so ungeduldig“, mahnte Nühnen. Er sah sich aufmerksam um, aber bis auf zusammengedrücktes Laub sah er nichts Auffälliges. „Hier ist er vom Rad gestiegen“, behauptete er.

Wollny sah ihn skeptisch an. „Aber hier geht’s doch noch weiter. Der hat doch nicht mitten im Busch geparkt.“

Nühnen war dem Pfad bereits weiter gefolgt. Nach einer scharfen Rechtskurve stand er plötzlich auf einem breiten Weg, in dessen Staub sich Fragmente einer Reifenspur abzeichneten. Er hockte sich hin und betrachtete die Stelle, aber es war einfach zu trocken, um etwas zu finden, das ihm weiterhelfen könnte.

Versetze dich in die Lage des Täters, mahnte er sich. Warum ist er abgestiegen, obwohl es auf jede Minute ankam? Nühnen war fest davon überzeugt, dass das Verhalten des Täters nichts mit der Kurve zu tun hatte, denn mit einem Fahrrad hätte er sie mühelos bewältigen können. Für die Unterbrechung musste es einen anderen Grund geben.

Wollny war ihm gefolgt und stand plötzlich neben ihm. „Oh, oh“, sagte er, „da ist dann wohl nichts mehr zu machen, was?“ Er tätschelte Cora, die hechelnd an ihm heraufsah. „Da siehst du nichts, nicht mal die Spur eines platten Autoreifens.“

Das ist es, durchfuhr es Nühnen. Plötzlich wusste er, weshalb der Täter vom Rad gestiegen war. Es konnte gar nicht anders sein. „Der Täter hat sein Fahrrad in ein Auto geladen“, sagte er, „und das Laub unter dem Gebüsch ist deshalb so aufgewühlt, weil der Täter sein Fahrrad darunter geschoben hat. Da hat überhaupt kein zweiter Mann gewartet, da lag das Fluchtfahrzeug. Und hier hat er es verladen. Es ist sinnentleert, kurz vor der Kurve abzusteigen, um gleich darauf weiterzufahren.“

„Doch“, widersprach Wollny. „Der Täter könnte die restlichen Meter gelaufen sein, um zu sehen, ob auf dem breiten Weg die Luft rein ist, bevor er sich aus der grünen Deckung wagt.“

Nühnen schüttelte den Kopf. „Dann hätte Cora die Spur nicht gleich wieder verloren.“

Wollny führte Cora an die Stelle, wo der Pfad in den breiten Waldweg überging, aber es gelang es der Hündin nicht, die Spur wieder aufnehmen. „Was sagt uns das?“, fragte er.

„Ganz einfach“, erwiderte Nühnen. „Kofferklappe auf, Fahrrad rein, Kofferklappe zu und ab durch die Mitte. Und weil einer den Weg hierher erst einmal finden muss, ist es ersichtlich, dass sich der Täter hier auskennt.“

Wollny nickte zustimmend. „Genau so sehe ich das auch.“

6

Auf dem Weg zum Auto dachte Kurt Wießner an seine Tochter Susanne. Er sah sie vor sich, wie sie am Küchentisch sitzend heftig mit ihm diskutierte und ihren Worten mit ausdrucksstarken Gesten Nachdruck verlieh, wie sie das Kinn auf die Handrücken legte und ihn erwartungsvoll ansah, als klebe sie an seinen Lippen. Ihr Bild vor Augen zu haben wärmte ihm das Herz, und er spürte, dass er sich nach ihr sehnte.

Kurzerhand beschloss er, noch ein paar Schritte zu gehen. Er folgte dem Weg, den er gekommen war, in den Wald hinein. Über ihm schlossen sich die Kronen alter Kiefern wie ein grünes Zelt. Seine Gedanken schweiften ab. Das passierte ihm inzwischen öfter. Anfangs hatte ihn das beunruhigt, weil er es für ein Zeichen hielt, ein schlechter Polizist zu sein, inzwischen aber war er davon überzeugt, dass es anderen Kollegen auch so ging, selbst wenn sie ständig so taten, als lebten sie ausschließlich für ihre Arbeit. Der Unterschied war nur, dass sie es nicht zugaben und damit nicht einmal sich selbst gegenüber ehrlich waren.

Zwei Eichelhäher ratschten und klatschten mit den Flügeln. Wießner suchte sie mit Blicken und folgte ihrem Spiel, bis sie davonflogen. Er ging weiter, bis sich der Weg gabelte. Dann drehte er sich einmal langsam um sich selbst. Er sah nur Grün, es gab keinen Anfang und kein Ende. Die Konturen gingen ineinander über und machten das Bild vielschichtig. Da er sich nicht entscheiden konnte, welchem Weg er folgen wollte, ging er zurück, setzte sich in seinen Wagen und verließ den Vorplatz. Bender war nirgends zu sehen.

Der Weg schlängelte sich durch die Wiesen wie eine Ringelnatter durchs Wasser. Wießner sah einen Storch, der zwischen gescheckten Rindviechern geschäftig herumstolzierte, als dirigiere er ein tierisches Orchester. An der Brücke stoppte Wießner und betrachtete die weite Landschaft. Sie schien ihm wie eine Idylle aus längst vergangener Zeit.

Plötzlich tauchte wie aus dem Nichts das Bild des zerstörten Kopfes von Manina Winter wieder auf. Das, was nur noch ein blutverkrustetes Etwas inmitten der Glaspartikel und all dem Blut gewesen war, begann sich in seinen Erinnerungen einzubrennen, und er wusste, dass er nichts dagegen tun konnte. Einem völlig ahnungslosen Opfer einen Stein in das Auto zu werfen, war ein barbarisches Spiel mit dem Zufall, mit einem gesichtslosen, beliebig austauschbaren Opfer oder ein Ausdruck zügelloser Wut. Was hatte den Täter getrieben? Die pure Lust am Töten? Wollte er diese eine Frau treffen? Gab es etwas, das der Täter über diese unfassbare Brutalität mitteilen wollte?

Die plötzlichen Fragen waren von verwirrender Vielschichtigkeit. Er lehnte sich zurück und schloss die Augen. Sofort überfiel ihn Müdigkeit. Die Kopfschmerzen waren zurückgekehrt und pochten in seinem Kopf, als zählten sie ihm brutal die Lebenssekunden vor.

Er sah Kriminalrat Specht vor sich, seinen Vorgesetzten, der, begleitet von theatralischen Gesten, auf ihn einredete wie auf einen lahmen Gaul und in vergleichbaren Fälle nach Parallelen zu suchen verlangte, als läge darin die schnelle Lösung, an der den Polizeioberen zuallererst gelegen war. Wießner ahnte längst, dass es solche Parallelen nicht gab und die Frau weder aus purer Mordlust getötet, noch ein zufälliges Opfer geworden war. Der tragische Tod der Frau war nach seiner Überzeugung kein zweckunterworfenes Fanal, denn es gab nichts, auf das der Täter hätte aufmerksam machen können. Der Zufall hatte sich darauf beschränkt, ob er der Stein treffen würde oder nicht.

Plötzlich wurden seine Gedanken vom Geräusch eines herannahenden Flugzeugs überlagert. Die Konzentration war dahin. Er startete den Wagen und fuhr langsam weiter. Als er die Straße erreichte, war sein Wagen von einer Staubschicht überzogen.

Während der Fahrt hörte er Opernmusik: La Traviata. Er stellte die Musik laut und dirigierte mit der rechten Hand. Er liebte diese Oper, weil sich in ihr ein trauriges Thema so wundervoll mit grandioser Musik verband.

Das Potsdamer Polizeipräsidium war eine Mischung aus ehemaliger Kaserne und modernem Gebäude. Die Ruhe, die Wießner an diesem Sonntag im Innenhof empfing, war geradezu unheimlich. Er sah in das wolkenlose Geviert des blauen Himmels. Vor wenigen Stunden noch hatte er zu Hause die Sonne genossen, und nun war er auf dem Weg in diesen tristen Bau, in dem es wie zu seinen Polizeianwärterzeiten muffig nach Bürokratie roch. Wie schön wäre es, jetzt auf seiner Terrasse zwischen all dem Unkraut und den lästigen Insekten zu sein. Er seufzte und stieg die Treppenstufen zum Eingangspodest hinauf.

Als er die Klinke herunterdrückte, stellte er fest, dass die Tür verschlossen war. „Das gibt‘s doch nicht“, fluchte er und klinkte noch einige Male, dann fiel sein Blick auf ein Schild, auf dem stand, dass man den Haupteingang benutzen solle. Plötzlich erinnerte er sich daran, dass angekündigt worden war, die Pforte aus Kostengründen zu schließen.

„Gottverfluchter Dreck", entfuhr es ihm. Die Sparwut der Polizeioberen macht auch vor nichts halt, dachte er wütend, während er um den Gebäudekomplex herumlief.

Es hatte lange gedauert, bis der Sparwahn der Landesregierung das Potsdamer Polizeipräsidium erreicht hatte. Der alte Präsident hatte sich erfolgreich dagegen gewehrt. Sicherheit habe ihren Preis, hatte er zu sagen gepflegt. Aber kaum war er in den Ruhestand versetzt worden – man munkelte allerdings, er sei nicht ganz freiwillig gegangen - hatte die ganze Wucht des Sparens das Präsidium getroffen, als sei ein Damm gebrochen. Grundsätzlich hatte Wießner nichts dagegen, dass sinnloser Geldverschwendung einen Riegel vorgeschoben wurde, aber dafür gab es doch wohl sinnvollere Ziele als ausgerechnet die Hintertür des Polizeipräsidiums. Letztes Jahr zum Beispiel war eine Brücke über eine Bahnlinie gebaut worden, deren Stilllegung längst geplant war; und das Innenministerium hatte stromsparende Monitore angeschafft, die so teuer waren, dass sie sich erst nach hundert Jahre amortisieren würden. Aber so grotesk die Beispiele auch waren, noch nie war den Verschwendern auf die Finger gehauen worden, denn die Verschleuderung von Steuergeldern war keine Straftat, und Wießner hatte keine Hoffnung, dass sich das jemals ändern würde.

An der Anmeldung saß Elsa. Wießner schätzte sie sehr. Sie war der gute Geist des Hauses. Zwar zierte sie sich gegen diesen Titel, aber er wusste, dass sie ihn mochte. Sie war zuverlässig, verschwiegen und schien immer gute Laune zu haben. Sie kannte jeden im Haus und wusste über Klatsch und Tratsch ziemlich gut Bescheid. Sie war eine Legende, und er bedauerte jetzt schon den Tag, an dem sie den Dienst quittieren würde. Ohne sie war das Präsidium für Wießner unvorstellbar.

„Hallo Elsa“, sagte er und lehnte sich über den Tresen, als habe er alle Zeit der Welt. „Was schlägst du dir denn den Sonntag in dieser muffigen Bude um die Ohren?“

Sie strahlte ihn an und erhob sich. Es ging nicht mehr so flott wie früher, aber sie hatte noch immer die strahlenden Augen einer begeisterungsfähigen jungen Frau. „Ach Kurt“, sagte sie und legte die Hände in die breiten Hüften, „machst du jetzt einen auf Leidensgenosse? An einem Tag wie diesen solltest du doch wohl besser mit deinen Maulwürfen buddeln.“

Wie gern ich das tun würde, dachte er. „Das stimmt wohl“, sagte er seufzend, „aber es hat jemandem gefallen, uns Arbeit zu bescheren. Nicht mal der Sonntag ist mehr heilig, und die Menschen werden immer brutaler.“

Verschmitzt lächelnd zog sie ein aufgeschlagenes Taschenbuch unter ihrer Zeitung hervor. „Wem sagst du das?“, fragte sie lächelnd. „Manchmal gruselt es einen regelrecht.“

Sie vermochte es wie kein anderer, ihn zum Lachen zu bringen. Und plötzlich fand er es nicht mehr ganz so unangenehm, sonntags im Präsidium zu sein.

„Weißt du schon, wer der Mörder ist?“

„Hm“, bekannte sie nickend. „Ich lese immer hinten zuerst, weil ich so neugierig bin.“

Wießner hob die Augenbrauen. „Na dann viel Spaß.“ Er beugte sich weit über den Tresen und winkte sie verschwörerisch zu sich heran. „Weißt du übrigens, dass die Tür zum Hof verschlossen ist?“ Er berichtete ihr von seinem Umweg und schloss mit der drastischen Bemerkung, dass es selbst im Präsidium mit den Sparschweinen immer schlimmer werde.

„So ist das eben“, erwiderte Elsa. „Was willst du machen? Die Liesa ist vor einer Woche in den Ruhestand gegangen – oder besser gegangen worden. Es wird ja keiner ersetzt. Richte dich also darauf ein, dass die Tür verschlossen bleibt, oder besorge dir einen Schlüssel.“

Wießners Entgegnung war drastisch. „Sag ich doch: Sparschweine. Wenn die doch mal an der Bürokratie sparen würden. Aber nein, da hauen sie immer noch was drauf. Die Personaldecke wird immer dünner, die Arbeit immer mehr, und die Bürokratie macht sich breit wie eine große, fette Raupe, oder besser noch: Wie ein Drache, dem immer mehr Köpfe wachsen. Wenn du einen abschlägst, wachsen drei nach.“

Sie lachte glucksend. „Ach Kurt, hast du es denn noch immer nicht gelernt, Dinge hinzunehmen, die du nicht ändern kannst? Außerdem müsste es dich doch freuen, nicht mehr an Liesa vorbeizumüssen.“

Elsa hatte eine Art, Negativem noch etwas Gutes abzugewinnen, die Wießner immer schon beeindruckt hatte. Tatsächlich war Liesa oft grummelig gewesen und hatte ihr Feuer launisch versprüht. Ursprünglich hatte sie Elsa in ihrem Wesen geähnelt, aber im Laufe der Jahre war sie immer zänkischer geworden. Dass sie jetzt zu Hause blieb und ihre Familie traktierte, war folglich in Ordnung.

Wießner kniff ein Auge zu. „Schau an, die Liesa ist also weg. Sie war doch kaum vierzig.“

Elsa winkte lachend ab. „Trage nur nicht zu dick auf, Kurt Wießner. Ich weiß zufällig ganz genau, dass du sie nicht ausstehen kannst. Und vierzig ist sie ganz sicher nicht mehr.“

Wießner grinste sie frech an. „Du hast mich ertappt“, bekannte er, „aber lass uns nicht über garstige Frauen reden.“

„Kurt!“

Er lächelte. „Wie ich dich kenne, hast du für das Türchen einen Schlüssel.“

Es erstaunte ihn nicht, dass Elsa sofort in einer Schublade zu kramen begann und ihm wenig später tatsächlich einen Schlüssel überreichte. „Aber verrate niemanden, dass du ihn von mir hast. Sonst bekomme ich Ärger.“

„Ach Elsa, wer wollte sich mit dir anlegen?“, fragte er schelmisch. Als er sah, dass sich ihre Augenbrauen zu einem finsteren Blick zusammenzogen, legte er seine Hand auf ihre und fügte hinzu: „Wenn ich dich nicht hätte.“

„Dann hättest du jemand anderen, du alter Charmeur.“

Er mochte es, so halb über den Tresen gelehnt mit Elsa zu schwatzen. „Eigentlich wäre ich ja tatsächlich gerne bei meinen Maulwürfen geblieben“, bekannte er. „Ich habe so herrlich in der Sonne gedöst.“

„Jetzt sage bloß nicht, du hättest Sehnsucht nach mir gehabt“, unterbrach sie ihn. „Ich glaube dir kein Wort, mein Lieber.“

Ihre gespielte Entrüstung gefiel ihm. „Doch, Elsa", log er, „die hatte ich. Aber um ehrlich zu sein habe ich …“

Plötzlich spürte Wießner einen Klaps auf der Schulter. „Na Kurt, hast du dich wieder mal festgequatscht", hörte er Nühnen fragen.

Nühnen roch nach Schweiß und Wald. Er hatte seinen weißen Overall gegen sein abgewetztes Tweedjackett und sah aus, als käme er von der Jagd. „Ich dachte, du bist schon bei den anderen“, sagte er.

Wießner zwinkerte Elsa zu. „Was soll ich denn da oben ohne unseren wichtigsten Mann?“, fragte er. „Wir warten nur auf dich, schließlich hast du im Gepäck, wonach uns allen dürstet.“

Nühnen winkte ab und hetzte davon.

Wießner sah ihm nach und hob die Augenbrauen. „Dann will ich mal“, knurrte er und tätschelte Elsas Unterarm. „Beinahe hätte ich mich mit dir verquatscht.“

„Du hast dich mit mir verquatscht“, stellte sie richtig. „Die anderen sind übrigens schon versammelt. Und nach ihren düsteren Gesichtern zu urteilen hat keiner von ihnen Lust auf eine lange Nacht in dem muffigen Gehäuse hier.“

„Und Specht?“

„Den Kriminalrat? Den habe ich noch nicht gesehen.“ Sie schmunzelte schelmisch und fügte leise hinzu: „Wusstest du doch nicht, dass sich Vorgesetzte am Wochenende immer rarmachen?“

Wießner nickte und schlug mit der flachen Hand auf den Tresen. „Mach‘s gut, Elsa, und pass auf dich auf.“

„Du auch, Kurt.“

Vor der Tür zum Konferenzzimmer hielt Wießner inne und atmete kräftig durch. Das Treppensteigen hatte ihn angestrengt, und sein Herz schlug kräftig. Als er eintrat, fiel sein Blick zuerst auf Lars Kottowski, der gelangweilt auf seinem Platz saß und wie immer kippelte. Er war nachlässig gekleidet, trug ausgeblichene Jeans und ein zerknautschtes gelbes Poloshirt. Seine Frisur glich einer Landebahn, die durch wirres, buschiges Strauchwerk führt: Links und rechts einer ansonsten unbehaarten Kopfplatte ragten gelockte Haare auf.

Wießner setzte sich und sah in die Runde. „Wo ist Arndt?“, fragte er.

Einen Augenblick herrschte betretenes Schweigen, bis sich Klaus Hübner zu Wort meldete: „Frage mich nicht.“

Kriminalkommissar Jens Hübner zog einen Flunsch. Er war groß, schlank und sportlich. Seine kurze Frisur ließ die Kopfhaut durchschimmern. Wießner kannte ihn nur als einen leidenschaftslosen Bürokraten, der wortgetreu alles erledigte, was ihm aufgetragen wurde. Wenn er vortrug, klang es, als berichte er gelangweilt über das Wetter in der Sahara. Er war kaum dreißig, glich aber einem alten und mürrischen Mann. Arndt hatte einmal über ihn gesagt, Hübner habe die Ausstrahlung einer Holzkiste. Seit Wießner ihn kannte, trug er immer dasselbe Jackett, obwohl es ihm inzwischen zu eng war. Es spannte an den Schultern und ließ sich, ohne die Gefahr, sich selbst von seinen Knöpfen zu befreien, nicht mehr schließen.

„Ich frage dich aber“, sagte Wießner.

„Ich habe ihn nicht erreicht. An sein Handy geht er nicht.“

Sabine Wolff mischte sich ein. Sie war mittelgroß, sehr schlank und trug ihre Haare streng nach hinten gebunden. Sie hatte große wache Augen, denen nichts und niemand zu entgehen schien. Wießner fragte sich, welche grobe Hausarbeit sie unterbrochen hatte, als sie ins Präsidium gerufen worden war, denn sie trug einen blauen Strickpullover, der ihr viel zu groß war, und dazu enge Jeans. „Ich glaube, er wollte zu seinen Eltern nach Thüringen“, warf sie ein. „Es geht ihnen wohl nicht gut. Wir haben noch am Freitag darüber gesprochen. Soll ich jemanden zu ihm nach Hause schicken?“

Wießner wollte das nicht. „Wir werden vorerst auch ohne ihn auskommen“, sagte er.

Hübner spielte nervös mit einem Bleistift. „Und der große Boss? Willst du dem die Abwesenheit durchgehen lassen?“

Wießner überhörte den Vorwurf. Sein Blick fiel auf einen kleinen ledernen Rucksack, der auf dem Tisch lag und voller Brandflecke war. „Ich nehme an, der gehörte der Toten?“, fragte er und zeigte darauf.

Nühnen kippelte nach hinten, so dass er hinter Kottowski kaum noch zu sehen war. „Das Teil stand hinter dem Fahrersitz“, sagte er. „Es ist alles das drin, was Damenhandtaschen so kramig macht.“ Er unterbrach sich und grinste Sabine Wolff an. Als er merkte, dass sie aufbegehren wollte, fügte er schnell hinzu: „Das war selbstverständlich ein Scherz, Sabine. Das Wichtige habe ich danebengelegt. An dem Handy bin ich dran. Dauert aber noch.“

Jetzt sah Wießner, dass neben dem Rucksack ein Personalausweis und eine Krankenversicherungskarte lagen. Beide waren auf den Namen Manina Winter ausgestellt. Wießner sah Hübner an. „Hast du über die Frau die Erkundigungen eingezogen, um die ich dich gebeten habe?“

Hübner schüttelte den Kopf „Wir können ja wohl erst einmal die Obduktionsergebnisse abwarten können, statt uns …“

Wießners Wut kam sofort. Er konnte sie nicht beherrschen. „Den Sonntag zu versauen?“, rief er. „Meinst du das? Du bist hier nicht zur Kur oder im Kegelklub, wo es danach geht, was einer will. Glaubst du, dass auch nur einer von uns Spaß daran hat, hier zu hocken? Außerdem hast du Bereitschaft. Dich dürfte es doch am wenigsten stören, hier zu sein.“

Einen Augenblick herrschte betretenes Schweigen. Hübner funkelte Wießner böse an. „Ich habe ja schon damit begonnen“, sagte er ruhig. „Außerdem bleibe ich dabei: Wir hätten die Identifizierung abwarten können. Aber hier darf man ja nicht einmal mehr ausreden.“

„Jetzt hör schon auf“, brummte Nühnen. „Wenn du die Tote gesehen hättest, würdest du nicht so reden. In dem Klumpen von Blut, Knochen und Gehirnmasse erkennt niemand mehr eine bestimmte Person zuverlässig.“

Es wurde plötzlich so still im Raum, dass man eine Büroklammer hätte fallen hören können. Wießner spürte alle Blicke auf sich gerichtet. „Das stimmt“, pflichtete er Nühnen bei. „Außerdem gibt es einen Zeugen. Der Mann fuhr hinter Manina Winter her. Er bemerkte eine Gestalt auf der Brücke, und als der Wagen ausscherte, versuchte er zu helfen und löschte den Brand.“

Hübner hob beide Schultern. „Wie das denn?“

Nühnen rollte mit den Augen. „Wie löscht man wohl einen Brand? Mit einem Feuerlöscher.“

Sabine Wolff sah Wießner fragend an. „Wissen wir, wer er ist?“

Wießner rieb sich das Kinn. „Der Mann heißt Jan - Jakob Bender. Er wohnt ganz in der Nähe des Tatortes. Aber er kam zu spät. Er informierte die Leitstelle und löschte den Brand, dann machte er sich dann davon, weil er nicht für den Täter gehalten werden wollte. Ich habe ihn bereits vernommen. Was er zu sagen hatte, war indes wenig hilfreich.“

Hübner machte sich eine Notiz. „Ich würde vorschlagen, wir setzen einen Zeugenaufruf in die Zeitung“, sagte er dann. „Vielleicht hat noch jemand etwas gesehen.“

Nühnen schnellte vor. „Dann tu‘s doch einfach“, fauchte er, während er mit den Augen rollte.

„Was?“, fragte Hübner irritiert.

„Vorschlagen. Oder besser noch: Mach‘s einfach, oder weißt du nicht, wie’s geht?“

Sabine Wolff kicherte, und Nühnen und Kottowski wechselten unzweideutige Blicke.

„Sehr witzig!“, blaffte Hübner. „Wirklich, sehr witzig.“

Wießner schmunzelte. Er hielt nichts von dem Vorschlag, aber vermutlich würde Specht darauf bestehen. „Mach das“, sagte er deshalb zu Hübner. Dann wechselte er das Thema. „An der Brücke waren übrigens seltsame Transparente angebracht, keine Werbung, sondern eher so etwas wie eine Drohung.“

„Deutsche Autobahnen sind voll von Drohungen“, konstatierte Hübner.

Nühnen schnellte vor. „Nun hör doch endlich auf mit deiner Nörgelei“, rief er. „Wir sind alle ungern hier, aber niemand außer dir pflegt seine schlechte Laune dermaßen penetrant.“ Er kippelte zurück, während er leise hinzufügte: „Ist ja ätzend mit dem Kerl.“

Kottowski fragte: „Was sind das denn für Transparente?“

Nühnen erklärte es ihm. „Die Scheißdinger wären wohl eher etwas für den Staatsschutz“, schloss er. „Wenn der Mörder tatsächlich ein militanter Autobahngegner ist … na dann gut Nacht. Es gibt keine bessere Werbung für Autobahnhasser als einen Mord. Da gucken alle hin.“

„Dann werden die Jungs vom Staatsschutz bald hier einrücken“, gab Hübner zu bedenken. „Dass sie noch nicht aufmerksam geworden sind, besagt gar nichts.“

Wießner hob beschwichtigend die Hände. „Wir werden den Fall nicht los, weil die Entscheidung zur Autobahnauffahrt längst getroffen ist. Sie wird nicht gebaut. Das ist bereits seit Ostern bekannt. Es gibt die Initiative seit Monaten nicht mehr. Die Transparente hängen zwar noch an der Brücke, sind aber vermutlich nur vergessen worden. Was das bedeutet, ist hoffentlich allen klar. Die Jungs vom Staatsschutz werden uns die Sache nicht abnehmen.“

„Also zu früh gefreut“, rief Kottowski dazwischen.

„Aber das bedeutet noch etwas“, setzte Sabine Wolff hinzu. „Da hat uns vermutlich einer in die falsche Richtung lenken wollen. Die Fetzen hängen über der meistbefahrenen Autobahn des Landes, und jeder, der unter der Brücke hindurch fährt, weiß von der Initiative.“

Wießner erhob sich. „Lasst uns das im Auge behalten“, sagte er. „Ist sonst noch was?“

Nühnen sah nacheinander alle an, um die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, und sagte dann: „Cora hat Faserreste und einen Fahrschein gefunden.“

Hübner sah in die Runde. „Haben wir eine neue Kollegin?“

Nühnen und Kottowski sahen sich an und kicherten. „Cora ist zwölf Jahre alt“, sagte Nühnen.

„Willst du mich verarschen?“, polterte Hübner.

Sofort verlor Nühnens Blick alle Vergnügtheit. „Du hattest wohl einen ganz schlechten Tag, was?“, rief er ungehalten. „Du maulst schon die ganze Zeit. Das ist nicht auszuhalten. Hau bloß ab nach Hause. Lieber übernehme ich deine Bereitschaft, als dich noch länger zu ertragen.“

Wießner unterbrach die beiden Streithähne. „Für denjenigen unter uns, der es noch nicht weiß: Cora ist eine Polizeihündin.“ In das nur mühsam unterdrückte Gelächter, in das außer Hübner alle einstimmten, fragte er: „Was ist das denn für ein Fahrschein?“

„Ein Ticket der Potsdamer Verkehrsbetriebe“, erwiderte Nühnen. „Er wurde gestern um 20.08 Uhr am Potsdamer Hauptbahnhof entwertet.“

Hübner kratzte sich das Kinn. „Das hilft uns ja wirklich weiter.“

„Ich bastele mir die Spuren nicht“, gab Nühnen zurück. „Wir haben übrigens noch eine Fahrradspur gefunden. Sie hat sich wundervoll im Schlamm einer Pfütze abgebildet und stammt von einem handelsüblichen Fahrradreifen ohne jede Besonderheit. Von einem Gebüsch, an dem Cora die Spur verloren hat, verläuft ein kleiner Weg parallel zur Autobahn bis zu einem Hauptweg. Der Täter hat ihn entgegen der Fahrtrichtung seines Opfers mit einem Fahrrad benutzt.“

Hübner räusperte sich. „Du willst doch nicht allen Ernstes behaupten, der Täter sei mit einem Fahrrad zum Tatort geradelt?“, fragte er. „Das ist doch Unsinn und vollkommen unprofessionell.“

Nühnen beugte sich weit vor. „Das ist überhaupt kein Unsinn, mein Lieber. Und niemand sagt, dass es ein Profi war. Der Täter ist bis zum Ende des Pfades geradelt. Cora hat die Stelle, an der er umgestiegen ist, zwar gefunden, die Spur aber gleich wieder verloren.“

„Und was soll uns das sagen?“, wollte Hübner wissen.

Nühnen rollte mit den Augen. „Ganz einfach, aber wenn du nur ein bisschen darüber nachdenkst, kommst du von selbst darauf. Das bedeutet, dass der Täter in einen Wagen umgestiegen ist. Aber da war nichts zu machen. Es ist staubtrocken dort. Und überall lag Laub. Wir haben Glück, dass der Täter ausgerechnet durch diese Pfütze gefahren ist. Diese Spur ist wie ein Sechser im Lotto.“

Wießner spürte das Knistern der Stimmung. „So kurz nach der Tat wissen wir schon eine ganze Menge“, mischte er sich ein.

„Wer sagt uns eigentlich, dass nicht Bender den Stein geworfen hat?“, fragte Hübner. „Er könnte danach angerufen haben, um von sich abzulenken, bevor er mit dem Fahrrad los ist. Wer sagt uns außerdem, dass tatsächlich ein Feuerlöscher zum Einsatz kam?“

„Die Jungs von der Feuerwehr“, sagte Nühnen. „Die haben irgendwelche Chemikalien gefunden.“

Für einen Augenblick entstand eine gespenstische Stille. Wießner spürte eine unangenehme Anspannung. Er sah ein, dass er Bender leichtfertig geglaubt hatte. Hübner war zwar ein Provokateur, aber in diesem Punkt konnte er recht haben. Er sah Bender vor sich, den drahtigen Kerl in seiner verschmutzten Monteurkombi, mit dem langen Pferdeschwanz und dem schelmischen Blick. Er hatte ihm jedes Wort geglaubt. Vielleicht war er tatsächlich zu voreilig gewesen. „Also gut“, sagte er, „fangen wir mit Bender an. „Hol ihn her.“

Hübner schaute sich irritiert um. „Wer?“

Wießner wusste genau, dass sich Hübner über diesen Auftrag ärgern würde. Er konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. „Du hast mich schon verstanden“, sagte er. Und an Nühnen gewandt fügte er hinzu: „Sei so gut und fahr mit. Wir haben alle zu tun. Mehr Leute sind wir nicht.“

„Und du?“, wollte Hübner wissen.

Die Frage löste ein erwartungsvolles Schweigen aus. Wießner genoss Hübners Verblüffung viel zu sehr, um sich über diese unangemessene Frage zu ärgern. „Wir statten der Familie des Opfers einen Besuch ab“, sagte er.

„Die Frau lebt dort mit ihrem Ehemann“, sagte Hübner. „Bis vor einem Jahr gab es dort noch einen Sohn.“

„Sag ich doch“, erwiderte Wießner leichthin. „Vielleicht ist die Familie zu Hause.“

7

Udo Zack war aufgeregt wie schon lange nicht mehr. Mehrere Stunden hatte er damit zugebracht, seine spärlichen Aufzeichnungen wieder und wieder durchzugehen, bis er sie auswendig hersagen konnte. Er wollte alle Fakten parat haben, denn dieser Termin konnte die Eintrittskarte für eine Karriere sein, von der er bislang nicht einmal zu träumen gewagt hatte. Dass es nur ein informelles Treffen war und nicht auf der Ebene stattfand, die die wirklich wichtigen Entscheidungen hervorbrachte, änderte nichts daran. Eine solche Chance würde er vielleicht nie wieder bekommen. Er musste sie ernstnehmen und durfte sie nicht leichtfertig vertun.

Er war Student der Betriebswirtschaftslehre an der Potsdamer Universität und hatte, im Gegensatz zu vielen seiner Kommilitonen, die Fachrichtung ganz gezielt gewählt. Er wollte Kaufmann werden und etwas erreichen, aber dazu musste er sich von der grauen Masse abheben, denn er hatte nicht das Glück, über die nötigen Kontakte zu verfügen. Wenn er irgendwo Fuß fassen wollte, brauchte er eine Chance. Und genau diese bot sich ihm jetzt.

Er hatte kaum geschlafen, war früh aufgestanden und hatte ausgiebig geduscht, um die Müdigkeit von seinem hageren Körper zu spülen. Seine Gedanken kreisten immer wieder um die Frage, was ihn erwartete. Den ganzen Tag hindurch war die Anspannung nicht gewichen.

Udo Zack war dreiundzwanzig Jahre alt, Single, anspruchslos und lebte von der Hand in den Mund. Mit seinen Eltern hatte er sich zerstritten, weil sie darauf bestanden hatten, dass er Medizin studieren und Arzt werden würde. Alle in der Familie waren Arzt. Der Großvater war es gewesen, der Vater arbeitete in einem Krankenhaus und seine Mutter schuftete als niedergelassene Ärztin. Ständig traf sie auf Patienten und wurde selbst in der Freizeit um Hilfe gebeten. Irgendwie war sie immer im Dienst. Während der Vater über die endlosen Schichten klagte, raubte der Verwaltungsaufwand der Mutter das letzte bisschen Lebensqualität. Das Sozialprestige des Arztberufs täuschte Udo nicht darüber hinweg, dass es ein knochenharter Job war. Er hingegen hatte das Abitur gemacht, um mit seinem Leben etwas anzufangen. Er wollte es genießen und nicht nur leben, um zu arbeiten. Er wollte Lebensqualität. Natürlich war er bereit, einiges dafür zu tun, ohne Einsatz war schließlich nichts zu machen, aber der Stress sollte ein Durchgangsstadium und kein Dauerzustand sein.

Die Eltern hatten auf seinen Wunsch, Betriebswirt zu werden, mit Entsetzen reagiert. Das sei eine vollkommen abwegige Idee, indiskutabel und keiner Rede wert, behaupteten sie. Niemand in der Familie sei Kaufmann, also werde er das auch nicht. Man werde Arzt! Aber Udo war hartnäckig dabei geblieben, und als seine Eltern schließlich erkennen mussten, dass weder Drohungen noch deutliche Worte halfen, hatten sie ihn kurzerhand hinausgeworfen. Die Tür stehe für ihn erst wieder offen, wenn er zur Vernunft gekommen sei, hatte ihm der Vater unmissverständlich klar gemacht. Aber das hatte Udos Entschluss nur noch gefördert. Nun erst recht, hatte er sich gesagt. Erst war er bei Severin Winter untergekommen, einem Freund aus Kindheitstagen, bis er schließlich eine kleine Wohnung gefunden hatte, die niemand anderer haben wollte: Zwei Räume in einem Altbau, der schlecht gegen Hitze oder Kälte isoliert war. Es war kein Palast, aber Udo brauchte keinen Luxus. Seine Freiheit war ihm wichtiger.

Das Studium hatte ihn sofort begeistert. Er nahm nicht nur alle Lehrveranstaltungen mit, sondern besuchte Vorlesungen mehrerer Professoren, die er miteinander verglich, belegte alle Seminare und stürzte sich mit Hingabe auf jede Belegarbeit. Er fand sich ohne Schwierigkeiten im akademischen System zurecht. Der Campus wurde seine zweite Heimat.

Von den Eltern kam nur der Unterhalt, ansonsten nichts, kein Gruß und kein Lebenszeichen. Aber Udo hielt sich nicht damit auf, sein Leid zu beklagen und seinen Kommilitonen, denen zwar das Geld der Eltern, aber nicht das Wissen in den Schoß fiel, deren bequemeres Leben zu neiden. Er lernte mühelos, genoss das akademische Leben, sparte den Unterhalt und lebte von seiner Hände Arbeit.

Seine kleine Schwester Charlotte war das einzige Bindeglied zu seinem früheren Leben, das er zuließ. Sie ging noch zur Schule und würde wohl dereinst auch Medizin studieren, weil sie nicht die Kraft hatte, den Erwartungen ihrer Sippe zu trotzen. So sehr sie ihren großen Bruder dafür bewunderte, ausgebrochen zu sein, so wenig würde sie es ihm gleichtun können, war sie doch weich, nachgiebig und vor allem bequem. Von ihr erfuhr Udo das eine oder andere über seine Eltern, ohne je danach zu gefragt zu haben. Sie hatten die Brücken zu ihm abgebrochen und wollten ihn auf ihre kleingeistige Art dafür bestrafen, dass er sich nicht gefügt hatte.

Dass er auf sich allein gestellt war, ängstigte ihn nicht. Er jobbte. Eigentlich tat er das neben dem Studium nur ungern, weil ihm das die Zeit zum studieren raubte, er wollte nicht in einer Wohngemeinschaft leben, sondern sich den Luxus einer kleinen Wohnung leisten, und das ging nur mit einem Job.

Einige Zeit hatte er in der »Rose« gekellnert, einer Studentenkneipe, dann war er in einem Fitnessstudio untergekommen, wo er das Mädchen für alles war. Er mixte die Drinks, putze, und machte die Abrechnungen. Er konnte sich die Arbeitszeit frei einteilen. Das Studio war rund um die Uhr geöffnet. Jetzt im Sommer allerdings hatte es drei Wochen geschlossen.

Während des letzten Semesters war er sechs Monate in der Schweiz gewesen, ohne allerdings für die Reize des Landes Zeit zu haben. Er war weder in die Berge gegangen, noch Ski gelaufen; seine Begeisterung hatte sich auf sein Studium beschränkt. Gute Kontakte seines Potsdamer Analytikprofessors zum Bankhaus Lönne in Zürich hatten es ihm ermöglicht, nebenher zu jobben. Man hatte ihm sogar eine Praktikumsbescheinigung ausgestellt.

Das Bankhaus hatte sich zu der Zeit mit dem Vorwurf auseinandersetzen müssen, während des Dritten Reiches mit den Nazis Geschäfte gemacht und an der Not der Menschen verdient zu haben. Weil sich Udo Zack dafür interessierte und in geschichtlichen Zusammenhängen denken konnte, war er in Kontakt zu der Arbeitsgruppe gekommen.

Inzwischen stand wieder ein Praktikum an. Heute war der Tag, an dem er sich vorstellen sollte, und schon die Auswahl der Kleidung bereitete ihm Kopfzerbrechen. Er stand vor dem Kleiderschrank, einer Nische, die durch einen Vorhang vom Flur abgetrennt war, und wusste nicht, was er anziehen sollte. Seine Garderobe war keineswegs üppig, aber als Student brauchte er nicht viel. Jeans wurden bei jeder Gelegenheit getragen und waren bis zu ihrem völligen Verschleiß gesellschaftsfähig. Ansonsten genügten T-Shirts und Sweater vollkommen. Anders gekleidet fiel einer auf dem Campus nur negativ auf.

Du bist schlimmer als ein Modepüppchen, hörte er seine innere Stimme spotten.

Schließlich beschloss er, sich so zu geben, wie er war. Es war besser, sich nicht zu verkleiden, denn auf Dauer ließ sich sowieso nicht verbergen, wie einer war. Außerdem kannte ihn der Mann, den er treffen würde, bereits aus der Zeit in Zürich. Er hatte auch für das Bankhaus Lönne gearbeitet. Gestern war Udo von diesem Mann völlig überraschend angerufen worden. Er hatte wissen wollen, ob Udo sein Praktikum nicht im Bankhaus Roth, Gschwender & Cie. absolvieren wolle. Udo war noch verschlafen gewesen und hatte nicht gleich gewusst, wer der Anrufer war. Deshalb hatte er gefragt, weshalb er ausgerechnet auf ihn gekommen sei. Der Mann hatte ausweichend reagiert. Sein Ruf eile ihm eben weit voraus, hatte er jovial gesagt. Er habe sich in der Zürcher Arbeitsgruppe auffällig engagiert, und so etwas bleibe nicht ohne Folgen.

Als Udo schließlich begriffen hatte, wer der Anrufer war, hatte ihn die der Gedanke beunruhigt, wie er an seine Nummer gekommen war. Richtig misstrauisch war er indes geworden, als er sich fragte, woher der Mann wissen konnte, dass bei ihm ein Praktikum anstand. „Woher wissen Sie, dass …?“, hatte er gefragt.

Ohne Zögern war ihm der Mann ins Wort gefallen. „Ach wissen Sie, Herr Zack, mein Sohn studiert auch Betriebswirtschaft und läuft gerade nach einem Praktikumsplatz umher.“

„Und weshalb helfen Sie nicht ihm?“, hatte Udo erstaunt wissen wollen.

Der Mann hatte gelacht. „Er wird schon was finden. Für das, woran ich denke, ist er, fürchte ich, nicht der richtige Mann. Er hat nicht den nötigen Biss, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

„Aber er ist Ihr Sohn.“

Nach kurzem Zögern hatte sich der Mann geräuspert und etwas Bemerkenswertes gesagt: „Die familiäre Blutsbande hat Ihre Eltern doch auch nicht davon abgehalten, Ihnen den Stuhl vor die Tür zu stellen.“ Und noch bevor Udo fragen konnte, woher der Mann davon wusste, hatte der fortgesetzt: „Aber wir sollten nicht über meinen Sohn reden. Ich schlage vor, dass wir uns treffen. Morgen Abend um acht in der »Rose«? Wissen Sie, wo das ist?“

Jeder Student kannte die »Rose«. „Klar kenne ich die“, hatte Udo zurückgegeben.

„Dachte ich mir“, hatte der Mann erwidert. „Vermutlich sind Sie dort bekannt wie ein bunter Hund. Schließlich haben Sie dort gekellnert, soweit ich richtig informiert bin.“

Nach dem Gespräch hatte Udo lange in seinem spärlich möblierten Wohnzimmer gestanden und das Telefonat wieder und wieder gedanklich rekapituliert, weil er nicht begreifen wollte, weshalb er so hofiert wurde. Er hatte das Gefühl nicht loswerden können, dass der Mann im Begriff stand, ihn zu missbrauchen. Inzwischen fragte Udo sich nicht mehr, weshalb ausgerechnet ihn, er fragte sich auch nicht mehr, woher der Mann überhaupt wissen konnte, dass er einen Praktikumsplatz brauchte. Inzwischen fragte er sich vielmehr, woher der Mann von dem Bruch mit den Eltern sowie davon wusste, dass die »Rose« einmal sein Brötchengeber gewesen war. Das letztere verschwieg er nämlich geflissentlich, weil er sich mit dem damaligen Inhaber wegen einer Unregelmäßigkeit, die eines Abends bei der Abrechnung in der Kasse festgestellt worden war, heftig gestritten hatte. Auch wenn diese Ungerechtigkeit Udo immernoch ärgerte, behielt er sie für sich.

Es war offensichtlich, dass der Mann Erkundigungen über ihn eingezogen hatte.

Udo hatte sich die Fragen seit gestern immer und immer wieder gestellt, aber statt sich von dem unbestimmten Gefühl leiten zu lassen, dass es besser sei, die Finger von all dem zu lassen, war er inzwischen neugierig auf das, was ihn erwartete. Verlockend war es allemal, schließlich brauchte jeder seine Chance, schließlich war das Glück flüchtig wie ein scheues Reh. Deshalb wollte er sich die Geschichte zumindest anzuhören. Absagen konnte er immer noch.

Plötzlich durchzuckte ihn ein Gedanke, der ihn sofort begeisterte. Er könnte doch jemanden einbeziehen, völlig unverfänglich und für den Mann nicht erkennbar. Es würde ihm immerhin so etwas wie ein Gefühl der Sicherheit geben.

Er warf sich auf seine durchgelegene alte Couch und ging gedanklich seine spärlichen Kontakte durch. Viele Personen kamen nicht in Betracht. Als erstes rief er Charlotte an, aber sie ging nicht ans Handy. Auch Malte war nicht erreichbar. Wahrscheinlich büffelte er wieder.

Schließlich fiel ihm Severin ein. Severin Winter hatte das Abitur hingeschmissen und war nach einer Tischlerlehre mit sich und seinem Leben nicht wirklich klargekommen. Severin mochte träge sein, aber er war aufgeweckt und hatte ein untrügliches Gespür für Menschen und brenzlige Situationen. Für einen konspirativen Auftrag war er genau der Richtige.

Kurzerhand rief er ihn an.

„Was is´n?“, schlug ihm die misslaunige Stimme Severin Winters entgegen.

Udo erzählte seinem Freund, was er vorhatte.

„Klingt nicht so gut, wenn du mich fragst. Du solltest von dem Kram die Finger lassen.“

„Aber ich weiß doch noch gar nicht, was mich erwartet“, begehrte Udo auf.

„Umso schlimmer!“

Udo ließ nicht locker. „Pass auf, ich erzähle dir jetzt mal, wie ich mir das vorstelle.“

Der Mann im Lieferwagen schwitzte trotz der Klimaanlage. Sein Fahrzeug war vollgestopft mit hochmoderner, sensibler Technik. Links und rechts standen schmale Regale, in denen sich Recorder befanden, die alles aufzeichneten, was hochempfindliche Mikrofone per Funk lieferten. Im schmalen Gang war gerade noch Platz für einen Hocker und ein Tischchen.

Der Mann wartete seit Stunden. Der Job war langweilig, aber er ernährte ihn. Seine Aufträge bescherten ihm vor allem eines: unendlich viel Zeit. Er wartete immer, dass irgendetwas passierte, das sich festzuhalten lohnte. Es war seine Spezialität, Telefone zu überwachen und Menschen in geschlossenen Räumen abzuhören. Das hatte er schon in seinem früheren Leben getan und im Laufe der Jahre perfektioniert. Er arbeitete für große, renommierte Unternehmen, aber auch für Sicherheitsfirmen und schreckte nicht davor zurück, für Privatdetektive oder Anwälte zu horchen, wenn sie nur gut und vor allem im Voraus zahlten.

Seine Arbeit lief immer nach dem gleichen Schema ab: Auf die eine oder andere Art gelangte er in das Telefon- oder Computernetz seiner Zielperson oder brachte Wanzen in Stellung. Für einen zuvor festgelegten Zeitraum drang er in das Leben seines Opfers ein und nahm jedes Wort auf, das gesprochen wurde. Was immer der Auftraggeber von ihm wollte, erledigte er zuverlässig, geräuschlos und diskret. Es interessierte ihn nicht, was ein Auftraggeber mit den Ergebnissen seine Arbeit anfing, und es war ihm gleichgültig, dass das, was er tat, illegal war. Es ernährte ihn schließlich.

Die meisten Aufträge waren unspektakulär. Das, was er mithörte, während er aufzeichnete, war so langweilig, dass er kaum noch hinhörte. Manchmal wusste er, wer der Auftraggeber war, manchmal wusste er es nicht. Meistens wollte er es gar nicht wissen.

Sein jetziger Auftrag war unspektakulär. Er verstand nicht, weshalb er ausgerechnet einen Studenten überwachen sollte. Aber er fragte nicht nach dem Sinn des Auftrages, wenn der Kunde eine stattliche Summe im Voraus hinlegte. Sowas erübrigte jede Frage nach dem Sinn des Auftrages. Er machte, was man von ihm erwartete.

Nachdem er stundenlang vergeblich gewartet hatte, zeigte eine rote Lampe an, dass Udo Zack telefonierte.

„Klingt nicht so gut, wenn du mich fragst“, hörte er eine Stimme sagen, die ihm inzwischen vertraut war, und dann: „Du solltest von dem Kram die Finger lassen.“ Das Gespräch hatte etwas von einer Verabredung zu einem Detektivspiel und schien ohne Bedeutung. Aber sein unbekannter Auftraggeber wollte wissen, ob und mit wem der Student Dinge besprach, die er besser für sich behalten hätte.

Der Mann schickte die Aufnahme an den unbekannten Auftraggeber. Die Telefonnummer, die der Student gewählt hatte, schickte er in einer zweiten E-Mail. Mehr hatte er nicht zu tun: Kein Protokoll, keine Auswertung, nichts. Seine Aufgabe beschränkte sich darauf, alle Gespräche aufzunehmen und die Aufnahmen zu versenden.

Aber er tat noch etwas anderes: Er schickte die Dateien an sich selbst. Zwar widersprach das jeder elementaren Regel seiner Profession, aber er betrachtete die Kopien, die er ausnahmslos von jedem Gespräch anfertigte, als eine Art Rückversicherung.

Nur wenige Augenblicke später erhielt er eine E-Mail: „Ware dankend erhalten. Gruß Rita.“ Sofern der unbekannte Auftraggeber seine Dienste noch einmal benötigte, würde sich Rita wieder per E-Mail melden.

Vorsichtig schob er die kleine Tür auf, die den hinteren Bereich des Fahrzeugs von der Fahrerkabine trennte, und setzte sich auf den Fahrersitz. Der Gruß an Rita war der Hinweis, dass er nicht mehr benötigt wurde. Er fuhr nach Hause.

Als Udo Zack das Haus verließ, achtete er nicht auf den kleinen grauen Lieferwagen, der langsam die Straße hinunterfuhr. „Sanitärhandel Schmolke“ stand in unauffälligen Lettern auf beiden Seiten des Fahrzeugs.

8

Sie liefen die Treppe zum Hinterausgang hinunter. Unten trafen sie auf eine Putzkolonne, die nur widerwillig den Weg freigab. Es roch nach Desinfektionsmitteln.

„Es ist doch verrückt“, rief Sabine Wolff, die Kurt Wießner um mehrere Stufen voraus war, „wir wissen noch nicht einmal, ob das Opfer wirklich Manina Winter ist und tun doch schon so, als stünde es bereits fest.“

Wießner hielt inne. „Jetzt fange du nicht auch noch an“, murrte er. „Es genügt dir wohl nicht, dass uns Hübner laufend provoziert. Der Kerl hat dich noch nicht einmal ausreden lassen.“

Sabine Wolff wartete, bis er zu ihr aufgeschlossen hatte. „Aber dafür hast du ihm tüchtig eingeheizt“, erwiderte sie. „Die Retourkutsche wird er so schnell nicht vergessen.“

„Hm“, machte Wießner nur. „Wir müssen übrigens vorn raus. Der Drachen hat uns nämlich verlassen. Der Hintereingang ist verschlossen“

Sabine Wolff sah ihn entgeistert an. „Du meinst doch nicht etwa Liesa? Wenn dich einer hört.“

Aber er war schon vorausgelaufen.

Elsa empfing ihn mit einem Lächeln. „Na Kurt“, sagte sie, „geht´s doch noch zu deinen Maulwürfen?“

Die Warmherzigkeit Elsas tat Wießner gut. Er trat an den Tresen heran, beugte sich zu ihr hinüber und sagte ganz leise, als verrate er ein wohlgehütetes Geheimnis: „Wir greifen uns jetzt einen Verdächtigen.“

„Aha, einen Verdächtigen“, erwiderte Elsa mit gewichtiger Miene. Aber ihr Lächeln verriet, dass sie ihn nicht ernstnahm. „Und weshalb huschst du nicht hinten raus?“

„Weil doch die Sparschweine …“ Plötzlich fiel ihm der Schlüssel ein, den Elsa ihm gegeben hatte. Er schlug mit der flachen Hand auf den Tresen. „Mann, Elsa, bin ich blöd.“

Die beiden Frauen wechselten einen unzweideutigen Blick.

Wießner atmete laut aus, dann zog er Sabine Wolff mit sich und winkte Elsa zum Abschied. „So ist das, wenn man einen Kopf wie ein Sieb auf den Schultern trägt“, sagte er. „Nichts bleibt hängen. Vermutlich werde ich alt.“

„Vermutlich wirst du das“, konterte Sabine Wolff. „Darf ich dich daran erinnern, dass deine Lieblingsfreundin …“

„Das macht nichts“, fiel er ihr ins Wort und zog den Schlüssel hervor, den Elsa ihm gegeben hatte. „Für mich ist die Tür offen. Ich hatte es nur vergessen.“

Der Hof des Präsidiums lag verlassen da. Es war später Nachmittag, und die Sonne berührte das Pflaster nicht mehr. Kein Mensch schiebt heute Dienst, dachte er, nur wir. Das brachte ihn auf eine Idee. „Wir sollten uns dafür belohnen, dass wir den Sonntag nicht wie andere Menschen verbringen", sagte er und grinste breit. „Lass uns doch mal schauen, was die Fahrbereitschaft im Angebot hat.“ Er bat Sabine Wolff, einen Augenblick zu warten und lief los, aber sie blieb an seiner Seite. „Ich lasse dich doch nicht allein zu dem Kotzbrocken“, sagte sie.

Der Werkstattmeister hatte eine Zeitung vor sich ausgebreitet. Als sie eintraten, sah er auf. Die buschigen Augenbrauen waren über der Nasenwurzel zusammengewachsen, die Haare standen vom Kopf ab, und ein fleckiger Dreitagebart entstellte sein Kinn. Als er Sabine Wolff bemerkte, huschte ein zaghaftes Lächeln über sein Gesicht. „Ah, Kurt, wen bringst du denn da mit?“ Er griff an ein Bord hinter sich, an dem verschiedene Schlüssel hingen und warf Wießner einen davon zu. „Sieh‘ dich aber vor“, warnte er, „es ist mein bestes Stück.“ Dabei grinste er Sabine Wolff unverschämt an, als zöge er sie in Gedanken aus.

Sabine Wolff zog Wießner am Ärmel aus dem Raum. „Der hat so fies gegrinst“, flüsterte sie, als sie auf dem Flur standen. „Ich möchte mal wissen, was der gedacht hat.“

„Na was wohl? Er hat dich gesehen.“

Eine leichte Röte huschte über ihr Gesicht. „Kurt!“

Wießner hob die Augenbrauen. „Lass ihn, Sabine! Der hat doch sonst keine Freude.“

„Ich vermute eher, der freut sich schon darauf, dass wir mit dem Fahrzeug keine Freude haben werden.“

Er sah sie mit großen Augen an. „Du meinst, der dreht uns Bockmist an?“

„Totsicher.“

Im Hof standen nur zwei Fahrzeuge: ein metallblauer BMW und ein alter Golf. „Wetten das?“, fragte Sabine Wolff und zeigte auf den Golf. Sie nahm Wießner die Schlüssel weg, lief zum BMW und verglich das Kennzeichen mit dem auf dem Schlüsselbund. Dann hob sie anerkennend einen Daumen, warf ihm die Schlüssel zu und klopfte erwartungsvoll auf das Wagendach.

Wießner setzte sich hinter das Lenkrad und schnallte sich an. „So was edles kann sich ein Hauptkommissar nicht leisten“, sagte er, während er beinahe zärtlich über das Lenkrad aus Wurzelholz strich. „Gediegen, was? Regelrecht verdächtig, wenn du mich fragst. Wahrscheinlich haben wir die Karre irgendeinem unserer Kunden abgenommen. Da wird einem wieder mal klar, mit was für einer billigen Schlurre man sich behelfen muss, wenn man seine Haut ehrlich zu Markte trägt.“

Sie lachte. „Mit ehrlicher Arbeit wird niemand reich, Kurt. Das hat mein Vater schon gesagt. Übrigens traue ich dem Kerl nicht.“

„Deinem Vater?“

„Quatsch, dem Kellerkerl! Der hat so fies gegrinst. Ich sage dir: Das hat etwas zu bedeuten. Wahrscheinlich fliegt uns die Karre um die Ohren, kaum dass wir vom Hof gerollt sind. Dann hat er seinen Sonntagsspaß und wir kriegen jede Menge Stress.“

Wießner drückte den Startknopf. Nur am Drehzahlmesser merkte er, dass der Motor lief. „Na und“, sagte er entschieden, es ist doch sein Problem, wenn er die Karre abschleppen lassen muss. Wir nehmen dann ein Taxi auf Staatskosten.“

Er legte einen Gang ein und ließ die Kupplung kommen. Der Wagen schien über das Pflaster zu gleiten wie ein Schiff über ein wellenloses Meer. Fast bedauerte er es bis zu ihrem Ziel nicht weit war.

„Ich kann immer noch nicht fassen, dass uns der Kellerkerl so etwas Nobles anvertraut hat“, sagte Sabine Wolff.

„Dir“, stellte Wießner richtig, „dir hat er das Gefährt gegeben. Mir hätte er nur den Golf angedreht. Da muss bloß eine Frau kommen und dem Miesepeter ein bisschen um den Bart gehen, und schon schmilzt er dahin wie ein Schneemann in der Frühlingssonne. Es war ja wohl offensichtlich, dass er dich mit den Augen ausgezogen hat. Von wegen unverschämt gegrinst. Der hat sich nach dir schon das Maul geleckt, der alte Schleimer, der, der … “

„Kurt!“

Während der Wagen dahinschwebte, versuchte Wießner, an nichts zu denken. Sie ließen Potsdam hinter sich und fuhren durch die Brandenburger Landschaft. Wießner mochte dieses grüne, flache Land mit den Feldsteinkirchen, den Alleen, über denen sich die Kronen alter Bäume schlossen, und den Seen und Wäldern. Er war gern Brandenburger. Er hatte immer hier gelebt und konnte sich nicht vorstellen, eines Tages von hier wegzugehen. Er hatte noch nie daran gedacht, nach seiner Pensionierung auf eine einsame Insel auszuwandern. Solche Pläne, von denen einige seiner Kollegen schwärmten, hielt er für Hirngespinste und Zeichen von Unzufriedenheit. Er würde bleiben und sich Zeit für seine Heimat nehmen.

„Da ist es“, riss ihn Sabine Wolff aus seinen Gedanken.

Wießner sah einen Kirchturm, der wie ein roter Spargel aus einem goldgelben Kornfeld ragte. Wenig später kamen die ersten Dächer in Sicht. Das Navigationsgerät führte sie durch eine neu entstandene Siedlung bis zum letzten Haus auf der linken Seite. Wießner stellte den Motor ab und zog die Handbremse an. „Ein wirklich geiles Gefährt“, stellt er fest.

„Fahr weiter“, sagte Sabine Wolff ließ, „nur ein kleines Stück. Wenn bekannt wird, dass die Frau tot ist, hört das Gerede hier nicht mehr auf. Ich möchte nicht wissen, wie viele schon immer gewusst haben, dass es eines Tages so kommen musste.“

Nach wenigen Metern ging die Straße in einen holprigen Sandweg über. Staub legte sich wie ein grauer Mantel über den Wagen. Nach einer Kurve hielt Wießner. „Sei ehrlich, du willst wegen der Nachbarn Rücksicht nehmen. Wirst du jetzt sensibel, wie man es immer wieder von mir behauptet?“

„Ich bin sensibel, Kurt“, entgegnete sie entschieden.

Sie stiegen aus. Sabine Wolff hakte sich bei Wießner ein und zog ihn sanft mit sich. „Komm, ehe ich es mir anders überlege.“

Das Haus, zu dem sie wollten, stand hinter einer dichten Hecke. Nur ein leuchtend gelber Giebel und ein rotes Dach ragten hinter dem dichten Grün auf. Niemand war zu sehen.

„Hier sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht“, sagte Sabine Wolff. „Dass man sowas mögen kann.“ Sie bog ein paar Zweige der Hecke auseinander und blickte in die Hecke. „Meine Oma schwor auch auf Thuja, dabei gehört das Zeug auf den Friedhof. Ich verstehe überhaupt nicht, wie man damit Grundstücke einfrieden kann.“

Ihre Neugier amüsierte Wießner. „Was siehst du denn?“

„Nichts.“ Sie ließ die Äste zurückschnellen. „Hinter so einem Bollwerk kannst du tot im Gras liegen, ohne dass es jemand bemerkt.“

Wießner lachte. „Irgendwann wird man es schon riechen. Nachbarn merken alles. Du siehst sie zwar nicht, aber trotzdem sind sie da. Sie sind gierig auf alles Neue. Gierig, verstehst du? Das steckt ja schon im Wort. Sie saugen Informationen auf wie ein Schwamm das Wasser, tratschen und tuscheln hinter vorgehaltener Hand, verstecken sich am liebsten in der grauen Masse und hausen wie gegen sich selbst abgeschirmte Menschen in einem Meer von Häusern. Ich hätte nicht die Erwartung, dass einer von denen meinen letzten Schnaufer mitkriegt oder gar einen Einbruch in meine Hütte verhindert. Vielleicht wäre es wie ein gefundenes Fressen, dass gerade bei einem Polizisten …“

„Jetzt hör aber auf“, unterbrach sie ihn. „Das ist ja nicht zum Aushalten. Man könnte meinen …“

Plötzlich zerriss laute Musik die Stille. Die Luft vibrierte. Das erinnerte Wießner an Susanne, die als Teenager auch gern laut Musik gehört hatte, wenn ihre alten Herrschaften nicht zu Hause gewesen waren. Einige Male hatte Wießner sie überrascht und sich dann jedes Mal überwinden müssen, nichts zu sagen, weil er nicht für einen alten Zausel gehalten werden wollte.

„Junge, Junge“, sagte er, „da genießt aber einer seine sturmfreie Bude.“

Sie folgten der Hecke bis zu einem blau gestrichenen Tor. Es bestand aus fein ziselierten Schmiedearbeiten. Die Pforte war nicht abgeschlossen. Sie betraten das Grundstück und folgten der Musik.

Der Anblick, der sich Wießner bot, als er durch eine offen stehende Terrassentür ins Haus hineinschaute, war bizarr: Inmitten eines lichtdurchfluteten Raumes tanzte ein junger Mann unrhythmisch und völlig enthemmt mit verzücktem Gesichtsausdruck. Er schien nichts um sich herum wahrzunehmen, bewegte sich wie im Trance und stieß dennoch nirgendwo an. Manchmal ließ er Ansätze eines Rhythmus erkennen, überwiegend aber bewegte er sich ungelenk, als habe er keinerlei Körpergefühl. Wießner folgte dem Schauspiel und fing einen Blick Sabine Wolffs auf, der zu fragen schien, worauf er denn warte, als der Tänzer plötzlich die Augen öffnete. Als er Wießner sah, zuckte er heftig zusammen, lief zur Musikanlage und stellte sie ab. Sofort legte sich wohltuende Stille über den Raum. Mit hängenden Schultern stand er da wie ein ertappter, hilfloser Junge und sah Wießner scheu an. „War wohl ein bisschen heftig, was?“

Wießner hob die Augenbrauen. „Uns hat’s nicht gestört“, log er.

Wie auf Kommando straffte sich der junge Mann plötzlich. „Meine Mutter ist nicht zu Hause, aber sie muss jeden Augenblick einfliegen“, sagte mit erstaunlich fester Stimme Er begann, den Teppich, der als Rolle vor der Couch lag, auszurollen, aber schon nach wenigen Handgriffen hielt er inne und richtete sich auf. „Was ist das denn überhaupt für ein Überfall?“

Wießner amüsierte die Frage. „Sie sind Severin Winter, nehme ich an?“

Der junge Mann nickte. „Wer sollte ich denn sonst sein?“

Wießner sah sich um. Der Raum war spärlich möbliert. An den mattgelben Wänden hingen pastellfarbene Bilder, die alles darstellen konnten, was die Phantasie dem Betrachter vorgab.

Plötzlich kam Bewegung in den Jungen. „Wer sind Sie überhaupt?“

Wießner schob einen Sessel vor die Glasfront und setzte sich. „Wir wollen zu Ihnen. Und um auf Ihre Frage zu antworten: Wir sind von der Kriminalpolizei.“

Während er das sagte, studierte er die Gesichtszüge des Jungen. Die erste Reaktion auf diese Mitteilung glich immer einem Bilderbuch. Wießner erkannte, wenn ihn jemand erwartete oder in Sekundenschnelle sein Sündenregister durchging, um seine Chancen abzuschätzen, mit einer Lüge davonzukommen. Aber die Reaktion des Jungen war nichtssagend.

„Kripo?“, fragte Severin Winter. „Sie sind doch nicht etwa wegen der Musik hier? Wegen sowas rücken Sie doch nicht aus.“

Ohne ein Wort zu sagen, gab Wießner ihm den Ausweis Manina Winters.

Severin Winter warf einen Blick darauf, und sofort spiegelte sich in seinen Augen Entsetzen. Seine zur Schau gestellte Sicherheit schien plötzlich weggeweht wie ein Tuch im Wind. Er setzte sich auf die Couch und fragte: „Woher haben Sie den?“

Wießner reagierte mit einer Gegenfrage. „Wissen Sie, wo sich Ihre Mutter zuletzt aufgehalten hat?“

Die Antwort kam sofort und war trotzig: „Bei einem Freund. Winfried Jaschke. Er wohnt in Essen. Aber das alles können Sie Muttern gleich selbst fragen, sie müsste eigentlich längst zurück …“ Er unterbrach sich, dann fragte er: „Weshalb haben Sie eigentlich den Ausweis meiner Mutter.“

„Ich will es Ihnen erklären, aber erst nehmen Sie wieder Platz und beantworten meine Fragen“, sagte Wießner und wartete, bis Severin Winter sich wieder gesetzt hatte. „Seit wann war Ihre Mutter bei diesem Freund?“

„Seit Freitag. Aber eigentlich ist es kein richtiger Freund, sondern eher so einer, der zuhört. So eine Art Frauenversteher. Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Mutter mit dem …“ Er zögerte und ließ sich zurückfallen. „Keine Ahnung, was Winne in Essen macht. Ich habe mit dem Fuzzi nichts am Hut. Ist so ein Ökofreak, total anstrengend, mit Jutebeutel und Biofimmel und so.“

„Hat Ihr Vater sie begleitet?“

Severin Winter schüttelte den Kopf. „Meine alten Herrschaften haben sich getrennt“, sagte er. „Die fahren zusammen nirgendwo mehr hin. Jeder geht seiner Wege. Seitdem ist meine Mutter viel unterwegs. Immer allein, die Welt erkennen und so. Wenn sie weg ist, habe ich hier meine Freiheit und kann mal so richtig die Sau rauslassen. Ist ja schließlich nicht verboten, oder?“

Die Vorstellung, der Junge könnte diese Art von Protest immer dann ausleben, wenn er allein war, amüsierte Wießner. „Wann haben Sie Ihre Mutter denn zurückerwartet?“, fragte er.

Severin Winter hob die Schultern. „Sie müsste längst hier sein. Sie steht mit den Hühnern auf und hat es mit der Rückreise immer eilig. Aber wegen der senilen Bettflucht meine Mutter sind Sie ja wohl nicht hier?“

Wießner klappte das Notizbuch zu und steckte zögernd den Stift in sein Jackett. Es fiel ihm trotz seiner vielen Dienstjahre immer noch schwer, eine Todesnachricht zu überbringen. „Der Anlass ist leider sehr viel ernster“, sagte er schließlich. „Ihre Mutter hatte nämlich einen Unfall.“.

Severin Winter zuckte zusammen. „Also ist ihr doch was passiert“, rief er. Aber es klang nicht wie eine Frage, sondern glich einer bestürzten Feststellung.

Plötzlich schien er zu begreifen, denn er sprang auf und rief: „Sie wollen mir doch nicht sagen, dass sie tatsächlich nur einen Unfall … Mit so was befasst sich doch die Kripo überhaupt nicht.“

Er hat Angst, erkannte Wießner, aber er vermisst seine Mutter nicht. „Das stimmt“, sagte er, „und es tut mir sehr leid, aber Ihre Mutter hat den Unfall nicht überlebt.“

Kaum war die Nachricht heraus, sackte Severin Winter in sich zusammen. Er rutschte von der Couch auf den Fußboden wie eine weggeworfene Gliederpuppe. Sein Gesicht war aschfahl, und sein Blick verlor sich im Nichts. „Tot?“, fragte er ganz leise. „Muttern ist – tot?“

Einen Augenblick lag eisiges Schweigen im Raum. Nur das Ticken einer Uhr durchbrach die Stille. Sabine Wolff erhob sich und verließ den Raum. Wießner hörte ihre Schritte, dann knarrten Holzstufen.

Severin Winter saß mit bebenden Lippen da. Schließlich hefteten sich seine Augen auf Wießner. „Ist das wirklich wahr – ich meine, ist sie wirklich …“

Wießner zögerte. „Es tut mir leid", sagte er schließlich.

„Scheiße“, fauchte Severin Winter plötzlich. „Das ist doch alles nur Gelaber!“ Er sah zur Zimmerdecke hinauf, während seine Unterlippe heftig zuckte. Er griff nach einem Kissen und warf es fort. Es rollte über die Schwelle der Terrassentür nach draußen. „Scheiße, verfluchte Scheiße.“ Ein Zucken ging durch seinen Körper, dann wischte er sich mit dem Ärmel über die Augen und zog die Nase hoch. Als er sich wieder aufrichtete, war sein Gesicht voller Tränen. „Sie wollen mir damit aber nicht auch noch sagen, dass meine Mutter … ich meine …“ Die Stimme erstarb.

Mit allem hätte Wießner gerechnet, aber nicht mit dieser unausgesprochenen Schlussfolgerung. Er fragte sich, was in dem Jungen vorging. „Das können wir im Moment nicht ausschließen“, erwiderte er ausweichend.

Severin Winter erstarrte; sein Kinn bebte. Er erhob sich, ließ sich auf die Couch fallen und zog ein Kissen auf den Schoß. Seine Stimme überschlug sich beinahe, als er sagte: „Es tut Ihnen doch überhaupt nicht leid. Es ist Ihnen schießegal, und wie ich damit klarkomme, interessiert Sie einen Dreck.“

Wießner ließ die Worte nachklingen. „Haben Sie jemanden, den wir verständigen können?“, fragte er stattdessen. „Wir hätten auch die Möglichkeit, einen Psychologen …“

„Ich brauche keinen Seelenklempner“, fauchte Severin Winter. „Ich komme schon klar.“

„Herr Winter, ich …“

„Hören Sie mit dem »Herrn Winter« auf!“ Severin Winter zögerte er einen Augenblick und fügte dann hinzu: „Ich habe ja noch meinen Vater.“

„Wenn Sie mir bitte sagen wollen, was Sie heute in der Zeit zwischen 13.00 Uhr bis 16.00 Uhr gemacht haben.“

Die Reaktion kam übergangslos; sie kam immer: „Bin ich etwa verdächtig?“, brauste Severin Winter auf. Er saß jetzt kerzengerade. „Ist ein Sohn immer verdächtig, wenn seine Mutter … Das ist doch ein gottverdammter, beschissener Automatismus!“ Er warf das Kissen auf den Fußboden und lehnte sich wieder zurück. „Gottverfluchte Scheiße“, entfuhr es ihm, „meine Mutter ist tot und ausgerechnet ich bin Ihr erster Verdächtiger?“

Wießner war froh, dass er in diesem Augenblick Sabine Wolff zurückkehren hörte. „So leid es mir tut: Wir könne Sie davon nicht ausnehmen“, sagte er. „Ich hoffe, Sie verstehen das.“

Severin Winter nickte, aber er sagte: „Nein, verstehe ich nicht. Meine Mutter war eine nette. Wer soll denn ausgerechnet ihr nach dem Leben trachten? Ich hatte es gut bei ihr.“ Er zögerte, dann fügte er hinzu: „Ich war Fußball spielen. Die ganze Zeit, hier in Batingen.“

„Gibt es dafür Zeugen?“

„Klar gibt es die. Massenhaft. Fußball ist eine Mannschaftssportart.“

Wießner riss ein Blatt aus seinem Notizheft und bat Severin Winter, die Namen aufzuschreiben. „Und bitte auch die Adressen.“

In diesem Augenblick kam Sabine Wolff in den Raum zurück. Sie nickte Wießner zu und blieb an der Tür stehen. Severin Winter sah zu ihr auf, dann griff er nach dem Zettel und füllte ihn mit schneller Schrift.

Wießner bedankte sich. „Und nun verraten Sie uns noch, wo wir Ihren Vater finden.“

Severin Winter erhob sich, trat an ein Bücherregal und entnahm einem kleinen Ständer eine Visitenkarte. „Ob er zu Hause ist, weiß ich allerdings nicht“, sagte er.

Wießner steckte die Karte ein und erhob sich. „Sollen wir ihn herschicken?“

Es dauerte einen Moment, bis Severin Winter den Kopf schüttelte. „Ich möchte jetzt lieber allein sein.“

Wießner zog eine zerknitterte Visitenkarte aus der Brusttasche seines Hemdes und reichte sie ihm. „Wenn Sie Hilfe brauchen, können Sie uns anrufen. Und jetzt würden wir uns gern im Haus umsehen.“

Severin Winter blickte verunsichert auf. „Tun Sie, was Sie sowieso nicht lassen werden.“

9

Es war ihm erspart geblieben, seinem Opfer in die Augen sehen zu müssen. Das sollte ja das Schlimmste sein. Selbst grimmig entschlossenen Menschen soll der Blick des Opfers im letzten Augenblick davon abgehalten haben, ihren Plan in die Tat umzusetzen. Der anklagende Blick, der zu fragen schien: Warum gerade ich? Oder: Warum ausgerechnet du? Das war die letzte Hürde, und den Umgang mit ihr konnte niemand lernen.

Die anklagenden Augen sehen zu müssen, war ihm erspart geblieben. Er hatte den Stein fallenlassen können, ohne Emotionen zu spüren. Es war nur ein Auto gewesen; die Frau darin war nicht zu erkennen gewesen. Aber damit war die Sache nicht erledigt gewesen, denn immer wieder tauchte dieser Mann mit dem Pferdeschwanz vor seinem geistigen Auge auf, der plötzlich unter der Brücke durchgelaufen war und den Brand gelöscht hatte. Der Gedanke an ihn kam wieder und wieder und hatte sich mittlerweile in seinem Kopf festgesetzt. Inzwischen war er sich nicht einmal mehr sicher, was schlimmer war: Der Anblick des Sterbenden oder das Bild eines höchst lebendigen Menschen, eines unerwarteten Zeugen, der keinen Grund hatte, seine Feststellungen für sich zu behalten.

Inzwischen war er davon überzeugt, dass es schlimmer war, einen Zeugen zu haben. Allein dessen bloße Existenz klagte ihn an, immer und immer wieder. Das Problem, das er lösen wollte, hatte sich nur verlagert. Noch war es umfangen von einem dichten Nebel der Unwägbarkeiten, aber der würde sich lichten und schließlich auflösen.

Er fühlte sich hilflos. Er konnte nichts tun. Von dem sicher geglaubten Hochgefühl, den akribisch ausgeklügelten Plan umgesetzt zu haben und dafür Lob und Achtung zu erringen, war nichts geblieben außer Enttäuschung und vor allein eines: Angst.

10

Sie teilten sie sich auf. Während Sabine Wolff im Wohnzimmer blieb, ging Kurt Wießner ins Obergeschoss. Die Holztreppe knarrte bei jedem Schritt. Von einem Flur, der so klein war, dass Wießner sich kaum um sich selbst drehen konnte, gingen vier Türen ab. Er öffnete alle und sah in die Räume dahinter. Als erstes betrat er das Schlafzimmer. Er tat es respektvoll. Schlafzimmer, hatte er gelernt, waren Spiegelbilder ihrer Bewohner und sagten mehr über sie aus, als jeder andere Raum. Dieses Schlafzimmer jedoch wirkte unpersönlich und kalt. Ein Doppelbett mit Nachtschränkchen und ein Kleiderschrank, das war es. Es gab nichts, an dem der Blick hängenblieb, nicht einmal ein Bild, sondern nur weiß gestrichene Wände. Auf einem Bett lag Kleidung wie für die Waschmaschine vorsortiert; das andere war aufgeschlagen, als habe sich gerade erst jemand daraus erhoben. Das Laken war faltig wie nach unruhigem Schlaf, und unter dem zerwühlten Kopfkissen lugte ein benutztes Taschentuch hervor. Auf dem Nachtschränkchen daneben lagen eine angefangene Schachtel Medikamente und ein Roman von Agatha Christie. Der Name des Medikaments sagte Wießner nichts. Er notierte sich ihn, dann rief er Nühnen an und fragte ihn nach dem Medikament, das sich im Rucksack des Mordopfers befunden hatte. Nühnen wusste es nicht, wollte aber nachschauen. Wießner bedanke sich, beendete das Gespräch und öffnete den Kleiderschrank.

Als erstes fiel ihm die Unterwäsche auf. Sie leuchtete ihm ausnahmslos weiß und baumwollen entgegen und erinnerte ihn an Iris, die diese Art von Bekleidung bevorzugt hatte. Sie sei praktisch, hatte sie ihre Wäsche immer verteidigt und seine gelegentlichen Versuche, die weiße Pracht durch kleine Geschenke aufzuhübschen, stets brüsk zurückgewiesen. Alle neuen Fummel waren ungetragen in den Müll gewandert.

Als Wießner zwischen die Wäsche griff, fühlte er sich, als sei er der Hauptdarsteller in einem kitschigen Krimi. Aber er setzte trotzdem fort, bis er etwas Kleines, Hartes spürte. Weil er es nicht greifen konnte, trug er die Wäschestapel ab und legte sie auf die Fensterbank. Was er schließlich zutage förderte, war ein kleiner Schlüssel. Wießner schob ihn in eine kleine Plastiktüte und legte die Wäsche wieder zurück, bis ihn ein dumpfes Poltern innehalten ließ. Er tastete den Einlegeboden ab und spürte einen Gegenstand. Es war ein Buch mit glänzendgelbem Einband. Einen Augenblick dachte er, es sei die Schatulle, zu der der Schlüssel gehörte, aber es war tatsächlich ein Buch. Es war zerlesen und enthielt zahllose handschriftliche Anmerkungen in einer kleinen, kaum lesbaren Handschrift. Er klappte die beiden Deckel auf, ließ die Seiten nach unten hängen und schüttelte kräftig, aber es fiel nichts heraus. Unschlüssig legte er es auf die Fensterbank.

Plötzlich stand Sabine Wolff neben ihm. „Was machst du denn da?“, fragte sie mit gespieltem Entsetzen. „Begrabbelst du etwa die Wäsche einer Frau? Wusstest du nicht, dass die tabu ist?“

„Ich dachte, dass die Frau darin etwas vor den Augen Dritter verborgen haben könnte“, versuchte er eine Erklärung.

„Und?“, fragte sie, „hat sie?“

„Wie man´s nimmt“, erwiderte er und zeigte ihr seine Funde.

Ihr Blick war voller Argwohn. „Das mit dem Schlüssel verstehe ich ja noch“, räumte sie ein, „aber das mit dem Buch ist irgendwie komisch. Vielleicht war die Frau schon ein bisschen tüttelig.“

Er grinste breit. „Vielleicht ist es nicht jugendfrei“, frotzelte er. „Oder voller Schatzkarten, oder … “

„Kurt, hör auf! Du hast wirklich eine unglaubliche Phantasie!“

„Das habe ich der Frau tatsächlich voraus“, erwiderte er und wies auf die Wäsche, die noch auf der Fensterbank lag. „Schau dir doch nur dieses Zeug an.“

„Jetzt hör aber auf!“, unterbrach sie ihn entrüstet.

Wießner schmunzelte, dann zeigte er auf die Medikamentenschachtel. „Sagt dir der Name etwas?“

Die Antwort kam zögernd. „Eldoral. Das ist ein Antidepressivum.“

Er sah sie überrascht auf. „Woher kennst du denn das Zeug?“, fragte er. „Muss ich mir Gedanken machen?

„In meiner Familie nimmt es jemand, allerdings meine Schwiegermutter und nicht etwa ich, wie du wahrscheinlich angenommen hast. Es dient der Behandlung depressiver Zustände, Schlafstörungen, Ängste und innerer …“ Sie unterbrach sich, als sie Wießners listigen Blick „Willst du mich veralbern?“

Gemeinsam gingen sie die knarrende Treppe hinunter. Während Sabine Wolff im Wohnzimmer verschwand, betrat Wießner das angrenzende Arbeitszimmer. Als erstes fiel ihm die erdrückende Düsterkeit des Raumes auf. Das kleine Fenster ließ viel zu wenig Licht herein. Davor befand sich ein kleiner dunkelbrauner Schreibtisch, auf dem bis auf ein Bild des Sohnes und eine leere Blumenvase nichts stand oder lag. Dann gab es noch einen weißen Schrank und einem braunen, abgeschabten Ledersessel.

Wießners kniete sich vor den Rollcontainer und öffnete die oberste Schubladen. Der Inhalt war wie mit einem Lineal ausgerichtet. In den beiden Schubladen darunter war es genauso ordentlich. Als Wießner jedoch die unterste Schublade aufzog, stellte er fest, dass sie bis an den Rand mit Papier gefüllt war, als habe es jemand wahllos hineingestopft. Wießner schob die Schublade wieder zu und hob die Blumenvase an. Als er kein Wasser darin glucksen hörte, drehte er sie um, aber es fiel nichts heraus. Dann entfernte die Rückwand vom Bilderrahmen, aber hinter dem Bild war nur grauer Karton.

Er setzte sich in den Ledersessel und drehte sich mehrmals um sich selbst, aber die sonst so bewährte Methode, auf diese Weise in dem Raum das Besondere herauszufinden, versagte heute. Sein Blick blieb an nichts hängen.

Er öffnete die Schranktüren und ließ das Bild auf sich wirken. Aber er sah nur Ordner und Kisten. Manina Winter war eine penible Frau gewesen, bei der alles seinen festen Platz haben musste. Warum aber, fragte sich Wießner, war dann die unterste Schreibtischschublade so verkramt?

Schließlich griff er einen der Ordner, blätterte darin, stellte ihn zurück, nahm den nächsten und tat dasselbe. Beide enthielten sie die gleiche Systematik: Für jedes Thema gab es ein Fach, und die Schriftstücke waren nach dem Datum abgeheftet. Die Jüngsten lagen obenauf und waren mehr als drei Monate alt.

Als er den Ordner zurückstellte, fiel Wießner auf, dass zwei Ordner verkehrt herum standen. Er nahm sie heraus und bemerkte, dass sie leer waren. In ihnen hätten sich Verträge und Bankunterlagen befinden müssen. Er ging alle Ordner durch, aber er fand diese Unterlagen nicht.

Er verließ den Raum und ging die Treppe hinauf. Die Stufen knarrten. Er betrat den Raum neben dem Schlafzimmer und sah sofort, dass er dem Sohn gehörte. Der Anblick glich dem Zimmer Susannes zu deren Sturm- und Drangzeiten: Benutztes Geschirr und Joghurtbecher, aus denen Löffel hervorlugten, standen auf dem Schreibtisch und dem umlaufenden Rand des Bettes. Am Bildschirm baumelte ein T-Shirt, als habe es der Bewohner zum Trocknen dorthin gehängt. Den Plastikschirm einer Stehlampe zierten drei Socken. Auf dem Boden lagen wie ein bunter Flickenteppich Bekleidungsgegenstände verstreut und ließen nur schmale Wege von der Tür zum Bett und von dort zum Fernseher und zum Computer frei.

Plötzlich erkannte er, was im Arbeitszimmer fehlte. Er lief nach unten, ignorierte die Frage Sabine Wolffs, vor dem er denn weglaufe, betrat den Raum und sah unter den Schreibtisch. Von einer Steckdose führte ein Kabel ins nichts, und ein weiteres hing vom Schreibtisch herunter. Es bestand überhaupt kein Zweifel: Hier hatte ein Computer gestanden.

Er ging in die Küche. Kräftiger Kaffeeduft durchwaberte die Luft. Severin Winter saß am Küchentisch und fragte Wießner, ohne aufzublicken, ob er auch einen Kaffee wolle. Wießner verneinte und fragte Severin Winter, wo der Computer seiner Mutter sei.

„Wenn er nicht im Arbeitszimmer steht, hat sie ihn mitgenommen.“

„Tat sie das öfter?“

Severin Winter zog missbilligend die Augenbrauen zusammen. „Was?

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