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Der Präsident

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. DANKSAGUNG
  7. Zitat
  8. KAPITEL 1
  9. KAPITEL 2
  10. KAPITEL 3
  11. KAPITEL 4
  12. KAPITEL 5
  13. KAPITEL 6
  14. KAPITEL 7
  15. KAPITEL 8
  16. KAPITEL 9
  17. KAPITEL 10
  18. KAPITEL 11
  19. KAPITEL 12
  20. KAPITEL 13
  21. KAPITEL 14
  22. KAPITEL 15
  23. KAPITEL 16
  24. KAPITEL 17
  25. KAPITEL 18
  26. KAPITEL 19
  27. KAPITEL 20
  28. KAPITEL 21
  29. KAPITEL 22
  30. KAPITEL 23
  31. KAPITEL 24
  32. KAPITEL 25
  33. KAPITEL 26
  34. KAPITEL 27
  35. KAPITEL 28
  36. KAPITEL 29
  37. EPILOG

David Baldacci, geboren 1960, lebt in der Nähe von Washington, D.C. Er war Strafverteidiger und Wirtschaftsjurist, bevor er mit Der Präsident (verfilmt als Absolute Power) seinen ersten Weltbestseller schrieb. Seine Bücher wurden in über 40 Sprachen übersetzt und in mehr als 80 Länder verkauft, mit einer Gesamtauflage von 65 Millionen Exemplaren. David Baldacci ist Botschafter für die National Multiple Sclerosis Society, engagiert sich für zahlreiche soziale Einrichtungen und hat selbst mit seiner Familie die Wish You Well Foundation, eine Stiftung zur Förderung des Lesens, eingerichtet.

Für Michelle, meine beste Freundin,

meine geliebte Frau, meine Komplizin:

Ohne dich wäre dieser Traum

nur ein Funke in einem müden Auge geblieben.

Für meine Mutter und meinen Vater:

Keine Eltern hätten mehr tun können als ihr.

Für meinen Bruder und meine Schwester:

Ihr habt eine Menge von eurem

kleinen Bruder aushalten müssen und wart

doch immer für mich da.

 

 

DANKSAGUNG Mein Dank gilt Jennifer Karas für ihre Freundschaft und großartige Unterstützung, die seinerzeit den Ball ins Rollen brachte. Ferner Karen Spiegel, meinem größten Fan an der Westküste; möge es viele große Filme und kleine Oscars in ihrer Zukunft geben. Und Jim und Everne Spiegel für ihre Unterstützung und Ermutigung.

Außerdem Aaron Priest, dem Mann, der mich entdeckte, meinem Agenten und Freund auf Lebenszeit – und ein netter Kerl obendrein –, und seiner Assistentin Lisa Vance, die gewissenhaft all meine Fragen beantwortete, so seltsam sie auch sein mochten. Sowie Francis Jane Miller, Mitarbeiterin der Priest Agency, deren wohlüberlegte Anmerkungen und Kommentare mir Anlass gaben, mich in meine eigenen Figuren zu vertiefen, und den Roman dabei viel besser machten.

Meiner Lektorin Maureen Edge, dass sie meine erste Buchveröffentlichung zu so einer schmerzlosen und erfreulichen Erfahrung werden ließ. Und für Larry Kirschbaum, der sehr spät in der Nacht etwas las und mein Leben dadurch grundlegend veränderte.

Stephen Wilmsen, einem Schriftstellerkollegen, der weiß, wie schwer das Schreiben ist, und der mir die ganze Zeit guten Rat und jede Menge Ermutigung zuteil werden ließ. Danke, mein Freund!

Steve und Mary Jenings für technischen Rat, Recherche und dafür, dass sie die besten Freunde waren, die man sich wünschen kann. Richard Marvin und Joe Barry für technische Hinweise zu Sicherheitssystemen.

Und Art, Lynette, Ronni, Scott und Randy für ihre Liebe und Unterstützung.

Hier fehlen mir wirklich die Worte.

»Absolute Macht korrumpiert absolut.«

Lord Acton

 

KAPITEL 1 Locker umfasste er das Lenkrad, als der Wagen mit abgeschalteten Lichtern langsam zum Stehen kam. Ein paar Schotterkörner sprangen noch aus dem Reifenprofil, danach umgab ihn Stille. Er ließ sich einen Augenblick Zeit, um sich an die Umgebung zu gewöhnen, dann holte er ein abgewetztes, aber noch brauchbares Fernglas hervor. Langsam kam das Haus in den Blick. Gelassen, ruhig drehte er sich auf dem Sitz herum. Die Muskeln seiner hageren Gestalt waren so straff wie immer. Auf dem Vordersitz neben ihm lag ein Sportbeutel. Das Innere des Wagens war ausgebleicht, aber sauber.

Der Wagen war außerdem gestohlen. Und seine Herkunft war schwer zurückzuverfolgen.

Vom Rückspiegel hing ein Paar Miniaturpalmen. Er lächelte verkniffen, als sein Blick darauf fiel. Bald schon würde er selbst ins Land der Palmen reisen. Ruhiges, blaues, klares Wasser, lachsfarbene Sonnenuntergänge, langes Ausschlafen. Er musste aufhören. Die Zeit war reif. Das hatte er sich zwar schon oft gesagt, aber diesmal war er sicher.

Luther Whitney war sechsundsechzig Jahre alt und hatte somit offiziell Anspruch auf Rente oder eine staatliche Unterstützung. Die meisten Männer seines Alters hatten bereits eine zweite Berufung als Großväter gefunden, ließen als Teilzeiteltern für die Kinder ihrer Kinder die alten Knochen in vertraute Ruhesessel sinken, während sich die Arterien mit den im Laufe eines Lebens angesammelten Ablagerungen verschlossen.

Luther war sein ganzes Leben lang nur einem Beruf nachgegangen. Dieser bestand darin, in anderer Leute Wohnungen oder Geschäfte einzusteigen – meist bei Nacht, so wie jetzt – und soviel von ihrem Eigentum mitzunehmen, wie er tragen konnte.

Wenngleich er eindeutig auf der falschen Seite des Gesetzes stand, hatte er doch nie in Wut oder Angst eine Pistole abgefeuert oder ein Messer geschleudert, außer in einem ziemlich undurchschaubaren Krieg, der im Grenzgebiet zwischen Nord- und Südkorea ausgetragen worden war. Selbst Schläge hatte er ausschließlich in Bars ausgeteilt, und dann nur zum Selbstschutz, wenn der Alkohol Männer mutiger machte, als gut für sie war.

Und er stahl nur von jenen, die den Verlust ohne weiteres verschmerzen konnten. Er sah keinen Unterschied zwischen sich und den Heerscharen, deren täglich Brot es war, um die Reichen herumzuscharwenzeln und sie ständig zu überreden, Dinge zu kaufen, die sie gar nicht brauchten.

Einen nicht unbeträchtlichen Teil seines Lebens hatte er in verschiedenen Besserungsanstalten mittlerer und später hoher Sicherheitsstufe entlang der Ostküste verbracht. Wie Fußfesseln hingen ihm drei Vorstrafen in drei verschiedenen Staaten an. Jahre waren aus seinem Leben gerissen worden -wichtige Jahre. Doch daran konnte er nichts mehr ändern.

Seine Fähigkeiten hatte er soweit verfeinert, dass er hoffen durfte, keine vierte Verurteilung mehr zu erleben. Die Folgen eines weiteren Fehltritts lagen klar auf der Hand: Er würde die vollen zwanzig Jahre bekommen. Und in seinem Alter bedeuteten zwanzig Jahre die Todesstrafe. Ebenso gut konnten sie ihn auf dem elektrischen Stuhl braten, wie es der Staat Virginia mit seinen schwärzesten Schafen zu tun pflegte. Die Bürger dieses überaus geschichtsträchtigen Staates waren durch und durch gottesfürchtige Menschen, und eine Religion, die auf dem Prinzip von Schuld und Sühne beruhte, forderte konsequent die Höchststrafe. Der Staat konnte sich rühmen, mehr Anwärter auf die Todesstrafe zu haben als alle anderen Staaten, mit Ausnahme von zweien. Und diese, nämlich Texas und Florida, teilten die moralischen Ansichten ihres Südstaatennachbarn. Bei schlichtem Einbruch war man da im guten, alten Virginia geradezu noch gnädig.

Doch selbst angesichts aller Risiken konnte er den Blick nicht von diesem Haus abwenden. Von diesem Anwesen, besser gesagt. Schon seit einigen Monaten ließ es ihn nicht mehr aus seinem Bann.

Middleton, Virginia. Fünfundvierzig Autominuten westlich von Washington, D. C. Ein Ort riesiger Landsitze, wo ein Jaguar nichts Besonderes war, ebenso wenig wie Pferde, deren Wert die Bewohner eines Großstadt-Apartmenthauses ein Jahr lang hätte ernähren können. Die Häuser in diesem Gebiet erstreckten sich über so viel Land und waren so prunkvoll, dass sie eigene Namen rechtfertigten. Die Ironie des Namens dieses speziellen Anwesens – The Coppers – war ihm nicht entgangen. ›Coppers‹ hießen im Slang die Polizisten.

Nichts, was er je erlebt hatte, kam dem Adrenalinstoß gleich, der einen Einbruch wie diesen begleitete. Er stellte sich vor, dass sich ein Schlagmann beim Baseball so fühlen musste, wenn er lässig über die Male trottet und sich dafür alle Zeit der Welt lässt, nachdem das soeben geschlagene Leder irgendwo draußen auf der Straße gelandet ist. Die Menge ist aufgesprungen, fünfzigtausend Augenpaare sind auf einen einzigen Menschen gerichtet, alle Luft der Welt scheint eingesogen und angehalten zu sein, bis sie schließlich, dem grandiosen Schwung des Schlägers folgend, wieder freigesetzt wird.

Luthers immer noch scharfe Augen suchten die Gegend gründlich ab. Nur ein vereinzeltes Glühwürmchen blinkte ihm zu. Davon abgesehen, war er allein. Einen Augenblick lauschte er dem an- und abschwellenden Zirpen der Grillen, dann jedoch verblasste der Chor ins Unterbewusstsein, so allgegenwärtig war er für jemanden, der längere Zeit in diesem Gebiet gelebt hatte.

Er fuhr ein Stück weiter die geteerte Straße hinab und setzte das Auto dann rückwärts in einen kurzen Feldweg, der in einer kleinen Gruppe dicht gewachsener Bäume endete. Sein stahlgraues Haar war von einer schwarzen Skimütze verdeckt, in das lederne Gesicht hatte er Tarnfarbe geschmiert. Ruhige, grüne Augen blickten über der breiten Kinnlade in die Dunkelheit. Er sah aus wie der Army Ranger, der er einst gewesen war. Luther stieg aus dem Wagen.

Hinter einen Baum geduckt, beobachtete er sein Ziel. Wie viele Landsitze, die über keine echten Farmhäuser und Scheunen verfügten, hatte auch The Coppers ein riesiges, reich verziertes Eisentor zwischen zwei gemauerten Pfeilern. Einen Zaun um das Grundstück gab es jedoch nicht. Es war direkt von der Straße oder den umliegenden Wäldern aus zugänglich. Luther wählte letzteren Weg.

Er brauchte zwei Minuten, um das Maisfeld zu erreichen, das an das Haus grenzte. Offenbar benötigte der Eigentümer kein selbst angebautes Getreide, nahm seine Rolle als Gutsbesitzer aber ernst. Darüber konnte sich Luther nicht beklagen; schließlich verschaffte ihm dieser Umstand praktisch einen verborgenen Weg zur Eingangstür.

Er verharrte einen Augenblick, dann verschwand er im hohen Dickicht der Maisstauden.

Glücklicherweise war der Boden frei von Geröll, und seine Tennisschuhe verursachten kein Geräusch, was hier sehr wichtig war, da man jeden Laut weithin hörte. Die Augen hielt er starr geradeaus gerichtet, während seine Füße sich vorsichtig einen Weg durch die schmalen Reihen suchten. Die Nachtluft war nach der lähmenden Hitze eines weiteren drückenden Sommers kühl, aber nicht annähernd kalt genug, um Atemwölkchen entstehen zu lassen, die aus der Entfernung von aufmerksamen oder schlaflosen Augen hätten wahrgenommen werden können.

Den Zeitplan dieser Operation war Luther während des letzten Monats immer und immer wieder in Gedanken durchgegangen, wobei er stets am Rand des Feldes anhielt, bevor er das Grundstück vor dem Gebäude betrat und das Niemandsland durchquerte. In seinem Kopf war jede Einzelheit Hunderte Male abgelaufen, wie ein Film, bis sich seinem Gedächtnis eine genaue Abfolge aus Gehen, Warten und Weitergehen eingeprägt hatte.

Am Rand des Grundstücks vor der Villa kauerte er sich nieder und ließ einen weiteren langen Blick über das Gelände schweifen. Er hatte keinen Grund zur Eile. Es gab keine Hunde, wegen denen er sich Sorgen machen musste, und das war gut so. Ganz gleich wie jung und flink ein Mensch auch sein mochte, einem Hund entkam keiner. Doch es war vor allem der Lärm, den Hunde machten, der Männern wie Luther einen Strich durch die Rechnung machte. Es gab auch keine automatischen Bewegungsmelder, wahrscheinlich wegen der unzähligen Fehlalarme, die Rotwild, Eichhörnchen und Waschbären verursacht hätten, welche das Gebiet scharenweise durchstreiften. Dennoch würde er sich in Kürze einer höchst raffinierten Alarmanlage gegenübersehen. Nur dreiunddreißig Sekunden hatte er, um sie außer Betrieb zu setzen, ungerechnet der zehn Sekunden, die er allein brauchen würde, um die Schalttafel abzumontieren.

Der private Sicherheitsdienst war vor zwanzig Minuten vorbeigekommen. Diese Pseudo-Polizisten sollten eigentlich die Route ständig wechseln, die Überwachungsbereiche stündlich kontrollieren. Aber nach einem Monat Beobachtung hatte Luther mühelos ein bestimmtes Muster ausmachen können. Drei Stunden blieben ihm mindestens, bevor sie das nächste Mal vorbeikommen würden. Das war weit mehr Zeit, als er brauchte.

Ringsum war es stockfinster, und dichte Sträucher, für Luther und seinesgleichen so wichtig wie die Luft zum Atmen, reihten sich entlang der mit Kopfsteinen gepflasterten Auffahrt wie Raupenkokons am Ast eines Baumes. Er überprüfte jedes Fenster des Hauses. Alle waren dunkel, alles ruhig. Er hatte die Wagenkolonne beobachtet, mit der die Bewohner des Hauses vor zwei Tagen Richtung Süden gefahren waren. Sorgfältig hatte er sowohl die Bewohner als auch das Personal gezählt, um sicherzugehen, dass keiner mehr übrig blieb. Und das nächste Anwesen lag eine gute Meile entfernt.

Tief atmete er ein. Luther hatte alles vorausgeplant, Tatsache aber war, dass man in diesem Beruf niemals mit allem rechnen konnte.

Er lockerte den Griff um seinen Rucksack und erhob sich. In langen, zügigen Schritten überquerte er den Rasen. Zehn Sekunden später stand er vor der robusten Holztür mit verstärktem Stahlrahmen, mit einem Schloss, das auf der Hitliste der einbruchssicheren Schlösser ganz oben stand. Nichts davon bereitete Luther auch nur die geringsten Sorgen.

Er holte eine Nachbildung des Schlüssels der Eingangstür aus der Jackentasche und steckte ihn ins Schlüsselloch, ohne ihn jedoch herumzudrehen.

Abermals lauschte er einige Sekunden. Dann nahm er den Rucksack ab und wechselte die Schuhe, damit er keine Dreckspuren hinterließ. Er zog den batteriebetriebenen Schraubendreher hervor, der ihm den Schaltkreis, den es zu überlisten galt, zehnmal schneller offenlegen konnte, als es von Hand möglich war.

Der nächste Ausrüstungsgegenstand, den er vorsichtig aus dem Rucksack holte, wog genau hundertsiebzig Gramm, war etwas größer als ein Taschenrechner und – neben seiner Tochter – die beste Investition seines Lebens. Das kleine Gerät mit Spitznamen »WIT« hatte Luther bei den letzten drei Einsätzen geholfen, ohne ihn auch nur einmal im Stich zu lassen.

Die fünf Zahlen, aus denen sich der Sicherheitscode dieses Hauses zusammensetzte, waren Luther bereits zugetragen worden und in seinem Computer programmiert. Die richtige Abfolge war ihm noch ein Rätsel, doch dieses Hindernis würde kurzerhand von seinem Kumpel aus Metall, Draht und Mikrochip beseitigt werden müssen, wenn er das ohrenbetäubende Schrillen vermeiden wollte, das sofort an allen vier Ecken dieser knapp tausend Quadratmeter großen Festung aus den Lautsprechern ertönen würde. Danach würde der namenlose Computer, mit dem Luther in wenigen Augenblicken in den Clinch gehen musste, einen Anruf bei der Polizei tätigen. Außerdem verfügte das Haus über druckempfindliche Fenster und Bodenplatten, des Weiteren über manipulationssichere Türmagneten. All das war bedeutungslos, wenn Luther diesen einen Kampf gewann.

Während er auf den Schlüssel in der Tür starrte, hakte er WIT mit einer geübten Bewegung in den Werkzeuggurt, so dass er locker an seiner Seite hing. Dann streifte er sich ein Paar Plastikhandschuhe mit einer zusätzlichen Gummischicht an Fingerspitzen und Handballen über. Beweise zu hinterlassen war nicht sein Stil.

Tief durchatmend wappnete sich Luther gegen das nächste Geräusch, das er hören würde, nämlich den tiefen Ton der Alarmanlage, der den Eindringling vor einem verhängnisvollen Schicksal warnte, sollte die korrekte Antwort nicht innerhalb der vorgesehenen Zeit – und keine Zehntelsekunde später – eingegeben werden.

Der Schlüssel ließ sich widerstandslos im Schloss drehen. Dann stemmte Luther sich gegen die Tür.

Sogleich setzte ein Summton ein. Jetzt ging es um Sekunden. Rasch schlüpfte er in das riesige Foyer und wandte sich nach rechts, dem Schaltkasten zu.

Der automatische Schraubendreher drehte sich geräuschlos, die sechs Schrauben fielen in Luthers Hand und verschwanden in einer Tragetasche am Gürtel. Mondlicht drang durch das Fenster neben der Tür und schien auf dünne Drähte, die von WIT herabbaumelten. Dann fand Luther, nachdem er kurz das Innere des Kastens untersucht hatte wie ein Chirurg die Brusthöhle seines Patienten, die richtige Stelle, steckte dort die Litzen an und schaltete seinen Kumpel ein.

Aus der Eingangshalle starrte ein roter Schlitz auf Luther herab. Der Infrarotmelder hatte bereits auf seine Wärmeenergie angesprochen. Während die Sekunden verstrichen, wartete er geduldig darauf, dass ihm das »Gehirn« der Alarmanlage mitteilte, ob es sich bei dem Eindringling um Freund oder Feind handelte.

Schneller, als das Auge folgen konnte, flimmerten die Zahlen neongelb über WITs Anzeige; die verbleibenden Sekunden wurden in einem kleinen Kästchen am rechten oberen Rand heruntergezählt.

Fünf Sekunden verstrichen, dann erschienen die Zahlen 5. 13, 9, 3 und 11 auf WITs kleinem Bildschirm und verharrten.

Unvermittelt brach das Summen ab. An die Stelle des roten Lichts trat ein freundliches Grün; Luther war im Geschäft. Er entfernte die Drähte, schraubte die Schalttafel wieder an, verstaute seine Ausrüstung und schloss die Eingangstür sorgfältig hinter sich ab.

Das Schlafzimmer der Hausbesitzer befand sich im dritten Stock, wohin man vom Erdgeschoss über einen Aufzug gelangen konnte, der sich rechts von der Eingangshalle befand. Luther entschied sich statt dessen für die Treppe. Je weniger er sich von etwas abhängig machte, das er nicht völlig unter Kontrolle hatte, desto besser. Mehrere Wochen lang in einem Aufzug festzusitzen gehörte eindeutig nicht zu seinem Schlachtplan.

Er blickte zum Detektor an der Decke, der mit seinem rechteckigen Mund auf ihn herabgrinste, doch der Überwachungsmechanismus war nun außer Funktion. Dann ging Luther die Treppe hinauf.

Die Schlafzimmertür war nicht verschlossen. Innerhalb weniger Sekunden war die batteriebetriebene Niedervoltlampe einsatzbereit, und Luther sah sich einen Augenblick um. Der grüne Schimmer einer zweiten Schalttafel, die neben der Schlafzimmertür montiert war, durchbrach die Dunkelheit.

Das Haus selbst war innerhalb der letzten fünf Jahre errichtet worden. Luther hatte die Daten im Amtsgericht überprüft; es war ihm sogar gelungen, Zugang zu einem Satz Planpausen aus dem Büro des Bauinspektors zu bekommen. Das Haus war so groß, das es von der örtlichen Verwaltung gesondert hatte genehmigt werden müssen. Als ob die den Reichen je einen Wunsch abgeschlagen hätte!

Die Pläne enthielten keine Überraschungen. Es war ein großes, solides Haus, das den mehrfachen Millionenbetrag allemal wert war, den der Besitzer dafür auf den Tisch gelegt hatte.

Luther war schon einmal in diesem Haus gewesen, am helllichten Tag; überall waren Leute umhergelaufen. Genau in diesem Zimmer hatte er sich aufgehalten und dabei alles gesehen, was er sehen musste. Und deshalb war er heute Nacht hier.

Fünfzehn Zentimeter breite Deckengesimse starrten auf ihn herab, als er sich neben das riesige Himmelbett kniete. Neben dem Bett stand ein Nachttisch, auf dem sich eine kleine silberne Uhr, der neueste Roman von Jackie Collins und ein antiker, versilberter Brieföffner mit dickem Ledergriff befanden.

Alles in dem Raum war groß und teuer. In diesem Zimmer gab es drei begehbare Schränke, jeder so groß wie Luthers Wohnzimmer. Zwei waren vollgestopft mit Damenbekleidung und -schuhen, Handtaschen und allen möglichen anderen Accessoires, für die man – sinnvoll oder auch nicht - Geld ausgeben konnte. Luther erblickte die gerahmten Bilder auf dem Nachttisch und betrachtete belustigt die zierliche Frau in den Zwanzigern neben ihrem Gatten, der hart auf die Achtzig zuging.

Es gab viele Arten von Lotterien auf der Welt, und nicht alle betrieb der Staat.

Einige der Fotos betonten die Proportionen der Hausherrin beinahe bildfüllend, und eine rasche Überprüfung des Schrankes offenbarte ihm, dass auch ihr Geschmack für Kleider nicht sehr zurückhaltend war.

Er sah zu dem Ganzkörperspiegel an der Wand und betrachtete die geschnitzte Leiste an dessen Rändern. Als nächstes untersuchte er die Seiten. Es war eine feine, eine tolle Arbeit, dem äußeren Anschein nach in die Wand eingelassen, doch Luther wusste, dass in den leichten Einbuchtungen, fünfzehn Zentimeter vom oberen und unteren Rand entfernt, versteckte Türangeln montiert waren.

Er wandte sich wieder dem Spiegel zu. Luther verfügte über den klaren Vorteil, ein solches Ganzkörpermodell schon bei einem Einbruch vor einigen Jahren gesehen zu haben, wenngleich er damals nicht vorgehabt hatte, es aufzubrechen. Aber man ließ ein zweites goldenes Ei nicht links liegen, nur weil man schon eines in der Hand hielt, und in jenem Fall war das zweite Ei fünfzigtausend Dollar wert gewesen. Der Preis auf der anderen Seite dieses unauffälligen Spiegels würde vermutlich etwa zehnmal so hoch sein.

Mit brutaler Gewalt und einer Brechstange war der Schließmechanismus in der Zierleiste des Spiegels sicher zu überwinden, doch ein solches Unterfangen würde wertvolle Zeit kosten. Darüber hinaus würden deutliche Zeichen eines Einbruchs zurückbleiben. Zwar dürfte das Haus, soweit er wusste, während der nächsten paar Wochen leer stehen, doch man konnte nie vorsichtig genug sein. Wenn er ging, würde es keinen offensichtlichen Beweis dafür geben, dass er je hier gewesen war. Selbst bei ihrer Rückkehr würde man den Tresor vermutlich erst nach einiger Zeit überprüfen. Wie auch immer, er musste nicht den harten Weg nehmen.

Rasch ging Luther hinüber zu dem Großbildfernseher, der an einer Wand des gewaltigen Zimmers stand. Dieser Bereich war als Wohnzimmer eingerichtet, mit zum Raum passenden brokatbezogenen Stühlen und einem großen Kaffeetisch. Sein Blick fiel auf die drei Fernbedienungen, die dort lagen. Eine war für den Fernseher, eine für den Videorecorder und eine würde seine Arbeit heute Nacht um neunzig Prozent erleichtern. Jede trug einen Markennamen, und eine sah der anderen ziemlich ähnlich, doch ein kurzer Versuch ergab, dass zwei die entsprechenden Geräte steuerten und eine nicht.

Er ging durch das Zimmer zurück, wies mit der Fernbedienung auf den Spiegel und drückte den einzelnen roten Knopf am unteren Ende des Geräts. Normalerweise trat dadurch ein Videorecorder in Bereitschaft, oder ein Bildschirm leuchtete auf. Heute Nacht, in diesem Zimmer, öffnete mit diesem Knopfdruck die Bank ihre Pforten für den einzigen, glücklichen Kunden.

Luther sah zu, wie die Tür auf den nun bloßgelegten wartungsfreien Angeln sanft und leise aufschwang. Aus alter Gewohnheit legte er die Fernbedienung genau dorthin zurück, wo sie gewesen war, holte einen zusammenfaltbaren Sportbeutel aus dem Rucksack und betrat den Tresor.

Als der Schein seiner Lampe durch die Dunkelheit strich, erblickte er zu seiner Überraschung in der Mitte des etwa zwei mal zwei Meter großen Tresorraums einen ledergepolsterten Sessel. Auf der Lehne lag dieselbe Fernbedienung, offenbar als Schutz dagegen, unbeabsichtigt eingesperrt zu werden. Dann ließ er den Blick über die Regale an beiden Seiten schweifen.

Zuerst wanderten seine Augen über das feinsäuberlich gebündelte Bargeld, dann über den Inhalt kleiner Schatullen, der eindeutig kein Modeschmuck war. Luther zählte Anleihen im Wert von etwa zweihunderttausend Dollar sowie andere Wertpapiere, des Weiteren zwei kleine Kassetten mit antiken Münzen und eine dritte mit Briefmarken, darunter ein Fehldruck, bei dessen Anblick Luther kräftig schluckte. Er ließ die Blankoschecks und die Fächer mit Dokumenten außer acht, die für ihn wertlos waren. Die rasche Bestandsaufnahme endete bei fast zwei Millionen Dollar, vielleicht auch mehr.

Noch einmal sah er sich um und vergewisserte sich, dass er keinen Winkel übersehen hatte. Die Wände waren dick. Vermutlich waren sie feuerfest, zumindest so feuerfest, wie Wände überhaupt sein konnten. Der Raum war nicht hermetisch verschlossen, denn die Luft war frisch, nicht abgestanden. Hier konnte man sich tagelang verschanzen.

Zügig fuhr die Limousine, gefolgt von einem Kastenwagen, die Straße entlang. Die beiden Lenker waren erfahren genug, dieses Kunststück ohne Scheinwerferlicht zu vollbringen.

Im geräumigen Fond der Limousine befanden sich ein Mann und zwei Frauen. Eine der Frauen war ziemlich beschwipst und gab sich alle Mühe, den Mann und sich selbst an Ort und Stelle zu entkleiden, ungeachtet der sachten, aber nicht ungeschickten Abwehrversuche ihres Opfers.

Die andere Frau saß ihnen schweigend gegenüber und gab vor, diesem lächerlichen Schauspiel, das von mädchenhaftem Kichern und heftigem Gekeuche begleitet wurde, keine Beachtung zu schenken. Doch in Wahrheit entging ihr nicht die kleinste Einzelheit, die sich zwischen dem Paar abspielte. Ihre Aufmerksamkeit wechselte ständig zwischen einem großen Buch voller Termine und Notizen, das aufgeschlagen in ihrem Schoß lag, und dem Mann, der ihr gegenübersaß. Er nutzte gerade die Gelegenheit, sich einen weiteren Drink einzugießen, während seine Gefährtin die hochhackigen Schuhe von den Füßen streifte. Was er an Alkohol vertragen konnte, war enorm. Er konnte die doppelte Menge trinken, die er heute Nacht schon konsumiert hatte, und trotzdem gäbe es keine äußeren Anzeichen – kein undeutliches Artikulieren, keine Beeinträchtigung seiner Bewegungen –, wie sie für einen Mann in seiner Position tödlich sein konnten.

Sie musste ihn einfach bewundern, seine Triebhaftigkeit, seine Schwächen, die ihn doch nicht daran hinderten, der Welt ein Bild vorzugaukeln, das Ehrlichkeit und Stärke, Normalität und zugleich Größe vermittelte. Jede Frau in Amerika war verliebt in ihn, ganz gleich, welcher Altersschicht sie angehörte. Sie alle waren hingerissen von seinem zeitlos guten Aussehen, seinem immensen Selbstbewusstsein und dem, was er für sie alle darstellte. Und er erwiderte diese allgemeine Bewunderung mit einer Leidenschaft, die sie immer wieder in Erstaunen versetzte.

Leider war sie selbst nie Ziel dieser Leidenschaft gewesen, ungeachtet der versteckten Andeutungen, der Berührungen, die ein klein wenig zu lange dauerten; ungeachtet dessen, dass sie es stets so einfädelte, dass sie ihn gleich morgens traf, wenn sie am besten aussah; ungeachtet der sexuellen Anspielungen während ihrer Lagebesprechungen. Sie war lediglich einer seiner Laufburschen. Doch es war noch genug Zeit. Bis ihre Zeit kam – und sie würde kommen, das hielt sie sich ständig vor Augen –, würde sie geduldig sein.

Sie sah aus dem Fenster. Das alles dauerte zu lang. Solche Improvisationen hasste sie, denn sie brachten alles andere durcheinander. Missfällig verzog sie den Mund.

Luther hörte die Autos die Auffahrt heraufkommen. Seine Augen bestätigten ihm, was die Ohren ihm bereits mitgeteilt hatten. Ihm war sofort klar, dass der Rückweg abgeschnitten war und dass er sich etwas einfallen lassen musste.

Er wechselte an ein anderes Fenster, um dem Weg der Wagen um die Ecke zu folgen. Luther zählte vier Personen, die aus der Limousine stiegen; eine weitere stieg aus dem Kastenwagen. Wer waren diese Leute? Die Gruppe war zu klein, als dass es sich um die Bewohner des Hauses handeln konnte, andererseits so groß, dass es kaum jemand sein konnte, der nur im Haus nach dem Rechten sehen wollte. Gesichter auszumachen war unmöglich. Einen Augenblick kam Luther der ironische Gedanke, dass in das Haus zweimal in derselben Nacht eingebrochen werden sollte; dann jedoch schüttelte er den Kopf. Das wäre ein gar zu großer Zufall gewesen. In diesem Geschäft, wie auch in vielen anderen, vermied man Zufälle tunlichst. Außerdem fuhren Einbrecher nicht mit mehreren Fahrzeugen vor und trugen Kleider, die eher für einen Streifzug durch das Nachtleben einer Großstadt geeignet waren.

Seine Gedanken rasten, als Lärm zu ihm drang, offenbar von der Hinterseite des Hauses her.

Luther zwang sich zur Ruhe, ergriff den Sportbeutel, aktivierte, voll stummer Dankbarkeit für die zweite Schalttafel im Schlafzimmer, die Alarmanlage des Hauses, schlich durch das Zimmer in den Tresorraum und zog vorsichtig die Tür hinter sich zu, bis sie einschnappte. Dann kauerte er sich in die hinterste Ecke des kleinen Raumes. Nun musste er abwarten.

Er fluchte auf sein Pech, nachdem alles so glatt gegangen war. Dann schüttelte er den Kopf, um die Gedanken zu ordnen, und zwang sich, gleichmäßig zu atmen. Es war wie beim Fliegen. Je öfter man flog, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass etwas passierte. Luther konnte nur abwarten und hoffen, dass die soeben angekommenen Gäste des Hauses keine Einlage bei der Privatbank vorzunehmen hatten, die er jetzt besetzte.

Ein Schwall Gelächter, gefolgt von Stimmengewirr, drang zu ihm. Gleichzeitig setzte das laute Summen ein, das sich anhörte, als brauste ein Jet unmittelbar über seinen Kopf hinweg. Anscheinend gab es leichte Probleme mit dem Sicherheitscode. Schweißperlen traten auf Luthers Stirn, als er sich vorstellte, was wäre, wenn der Alarm losginge und die Polizei käme, um jeden Winkel des Hauses zu durchsuchen, nur um ganz sicherzugehen. Angefangen bei seiner kleinen Kammer.

Luther fragte sich, wie er wohl reagieren würde, wenn er hörte, wie die verspiegelte Tür sich öffnete und ein Lichtstrahl hereindrang, der ihn unmöglich verfehlen konnte. Fremde Gesichter, die hereinstarrten, gezückte Waffen, das Verlesen seiner Rechte. Es war lachhaft. Er saß in der Falle wie eine gottverdammte Ratte, ohne jeden Ausweg. Fast dreißig Jahre lang hatte er keine Zigarette mehr geraucht, jetzt aber sehnte er sich verzweifelt nach einem Zug. Leise legte er den Beutel auf den Boden und streckte langsam die Beine aus, damit sie nicht einschliefen. Dann wartete er.

Schwere Schritte ertönten auf den Eichenstufen der Treppe. Wer immer auch kam, gab sich keine Mühe, unbemerkt zu bleiben, was gut und schlecht war. Er zählte vier, möglicherweise fünf Personen. Sie wandten sich nach links und bewegten sich in seine Richtung.

Mit leisem Knarren wurde die Schlafzimmertür geöffnet. Luther überlegte fieberhaft. Er hatte alles mitgenommen oder wieder an seinen Platz gelegt. Außer der Fernbedienung hatte er nichts berührt, und die hatte er genau in Übereinstimmung mit dem Staubmuster zurückgelegt. Jetzt vernahm er nur drei Stimmen, einen Mann und zwei Frauen. Eine der Frauen klang betrunken, die andere durch und durch geschäftsmäßig. Dann verschwand Ms. Geschäftsmäßig, die Tür wurde geschlossen, aber nicht abgesperrt, und Ms. Betrunken und der Mann blieben allein zurück. Wo waren die anderen? Wohin war Ms. Geschäftsmäßig verschwunden? Das Kichern ging weiter. Schritte näherten sich dem Spiegel. Luther drückte sich, so tief er konnte, in die Ecke und hoffte, dass der Stuhl ihn verdecken würde, wenngleich er wusste, dass dies unmöglich war.

Dann traf ihn eine Lichtexplosion genau in die Augen. Seine winzige, völlig finstere Welt war so plötzlich von grellem Licht erfüllt, dass es ihm beinahe den Atem verschlug. Hastig blinzelte er, um die Augen der neuen Helligkeit anzupassen; die Pupillen verengten sich in Sekundenschnelle auf Stecknadelgröße. Doch da war nichts außer Licht. Das Licht blieb, aber es gab keine Schreie, keine Gesichter, keine Waffen.

Schließlich, nachdem eine volle Minute verstrichen war, lugte Luther an dem Stuhl vorbei. Ein neuer Schock traf ihn. Die Tresortür war nicht mehr da! Er starrte direkt in das verfluchte Zimmer. Beinahe wäre er nach hinten umgekippt, konnte sich aber noch fangen. Schlagartig begriff Luther, wozu der Sessel diente.

Er erkannte die beiden Leute im Raum. Die Frau hatte er heute Nacht schon auf den Fotos gesehen. Es war die zierliche Frau mit der Vorliebe für gewagte Kleider von zweifelhaftem Geschmack.

Den Mann kannte er aus einem ganz anderen Grund; um den Hausherrn handelte es sich eindeutig nicht. Langsam und verblüfft schüttelte Luther den Kopf und stieß den Atem aus. Seine Hände zitterten, Übelkeit legte sich über ihn. Er kämpfte das Gefühl nieder und schaute in das Zimmer.

Die Tresortür diente auch als Einwegfenster. Da draußen das Licht eingeschaltet und die kleine Kammer dunkel war, wirkte die Spiegeltür wie ein gigantischer Fernsehbildschirm.

Dann erblickte er die Halskette der Frau, und die Luft blieb ihm weg. Sein erfahrener Blick schätzte sie auf zweihunderttausend Dollar, vielleicht auch mehr. Und es war die Sorte Klunker, die man normalerweise im Heimtresor verstaute, bevor man zu Bett ging. Schließlich entspannte er sich, als er sah, wie sie das gute Stück abnahm und achtlos auf den Boden warf.

Seine Angst legte sich soweit, dass er es wagte aufzustehen, zu dem Sessel vorzuschleichen und sich hineinzusetzen. Hier also pflegte der alte Mann zu sitzen und zu beobachten, wie seine zierliche Frau sich mit strammen jungen Burschen, die noch von der großen Freiheit träumten, die Seele aus dem Leib vögelte.

Luther sah sich um, entspannte sich ein wenig, ließ die Ohren aber gespitzt für jedes Geräusch der anderen Personen im Haus. Aber was konnte er schon machen? In den über dreißig Jahren seiner Laufbahn als Dieb war ihm noch nie etwas Derartiges widerfahren; also beschloss er, das einzig Mögliche zu tun. Obwohl ihn nur zwei Zentimeter Glas vom völligen Untergang trennten, machte er es sich in dem ledergepolsterten Stuhl bequem und wartete.

 

KAPITEL 2 Drei Blocks vom strahlend weißen Gebäudekomplex des Kapitals der Vereinigten Staaten entfernt, öffnete Jack Graham die Tür zu seiner Wohnung, warf den Mantel auf den Boden und ging schnurstracks zum Kühlschrank. Mit einem Bier in der Hand ließ er sich auf die abgewetzte Couch im Wohnzimmer fallen. Prüfend wanderte sein Blick durch das kleine Zimmer, während er die Flasche ansetzte.

Es bestand ein ziemlicher Unterschied zu dem Ort, an dem er gerade gewesen war. Er behielt das Bier einen Augenblick im Mund und schluckte es dann hinunter. Die Kiefermuskulatur spannte und lockerte sich. Langsam verflogen die nagenden Zweifel, aber sie würden wiederkommen; das taten sie immer.

Jack Graham kam von einer weiteren bedeutenden Dinnerparty bei seiner zukünftigen Frau, deren Familie und dem Kreis ihrer gesellschaftlichen und geschäftlichen Bekannten. Menschen auf diesem Niveau hatten anscheinend keine einfachen Freunde, mit denen sie nur herumhingen. Jeder erfüllte eine bestimmte Funktion, wobei das Ganze mehr ergab als die Summe der einzelnen Teile. Zumindest war es so gedacht, wenngleich Jack seine eigene Meinung zu dem Thema hatte.

Die Industrie- und Finanzwelt war ausgiebig vertreten und warf mit Namen um sich, die Jack im Wall Street Journal las, bevor er auf die Sportseiten umblätterte, um zu sehen, wie es bei den Skins oder Bullets lief. Politiker waren eifrig unterwegs, um Stimmen für die Zukunft und Dollars für die Gegenwart abzustauben. Die Gruppe wurde abgerundet durch die allgegenwärtigen Anwälte, zu denen auch Jack gehörte, einen Arzt, der etwas konservatives Flair einbringen sollte, und ein paar Vertreter öffentlicher Einrichtungen, was zum Ausdruck bringen sollte, dass die Mächtigen auch Mitgefühl für die Nöte der Durchschnittsbürger besaßen.

Nachdem Jack das Bier ausgetrunken hatte, stellte er den Fernseher an. Er streifte die Schuhe ab und warf die gemusterten Vierzig-Dollar-Socken, die ihm seine Verlobte gekauft hatte, achtlos über den Lampenschirm. Mit der Zeit würde sie ihm vermutlich Zweihundert-Dollar-Hosenträger und dazu passende handbemalte Krawatten umhängen. Scheiße!

Während er sich die Zehen rieb, zog er ernsthaft ein zweites Bier in Erwägung. Dem Fernseher gelang es nicht, seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Jack strich sich das dichte, dunkle Haar aus den Augen und machte sich zum tausendsten Mal Gedanken darüber, in welche Richtung sich sein Leben neuerdings bewegte – und zwar mit der Geschwindigkeit eines Space-Shuttles.

Die Firmenlimousine hatte ihn und Jennifer Baldwin in ihre Stadtwohnung im Nordwesten von Washington gebracht, wohin Jack nach der Hochzeit wahrscheinlich ziehen würde; denn Jennifer hasste seine Wohnung. Irgendwie hatte er sich herausgeredet, um nicht über Nacht bleiben zu müssen, weil er sie einfach keine Minute länger hatte ertragen können. Die Hochzeit lag nur noch sechs Monate in der Zukunft, was für ein Brautpaar überhaupt keine Zeit zu sein schien, und er saß hier und fragte sich, ob das wirklich alles so richtig war.

Jennifer Ryce Baldwin war so wunderschön, dass sich Frauen ebenso oft nach ihr umdrehten wie Männer. Darüber hinaus war sie klug und ehrgeizig, stammte von altem Geldadel ab und hatte die Absicht, Jack zu heiraten. Jennifers Vater leitete eine der größten Baufirmen des ganzen Landes. Einkaufszentren, Bürogebäude, Radiostationen, ganze Parzellenareale – es gab nichts, in dem er nicht die Finger hatte. Ihr Urgroßvater väterlicherseits war einer der echten Industriemagnaten des Mittelwestens gewesen, und der Familie ihrer Mutter hatte einst ein beträchtlicher Teil der Bostoner Innenstadt gehört. Die Götter meinten es schon in jungen Jahren überaus gut mit Jennifer Baldwin. Jack kannte keinen aus seiner Altersklasse, der ihn nicht zutiefst beneidete.

Er rutschte auf dem Sofa hin und her und massierte sich die steife Schulter. Seit einer Woche hatte er nicht mehr trainiert. Die Muskeln seines einsfünfundachtzig großen Körpers waren auch mit zweiunddreißig Jahren noch genauso klar definiert wie während der High-School-Zeit, wo er den anderen in praktisch jeder Sportart überlegen gewesen war, und der Zeit am College, wo die Konkurrenz dann um einiges härter wurde, er aber als Schwergewichtsringer noch gut genug für das zweite All-American- und das erste All-Academic-Team war. Diese Kombination hatte Jack an die Juristische Fakultät der Universität von Virginia gebracht. Dort schloss er als einer der besten seiner Klasse ab und wurde gleich darauf Pflichtverteidiger für Strafrecht im Gerichtsbezirk District of Columbia.

All seine Studienkollegen hatten sich nach der Uni für große Firmen entschieden. Mehr als einer von ihnen hatte ihn angerufen und ihm einen guten Psychiater empfohlen, der ihn von seiner geistigen Verwirrung heilen sollte. Jack lächelte. Fünf Jahre als Pflichtverteidiger. Er holte sich noch ein Bier. Nun war der Kühlschrank leer.

Die meisten Menschen waren sich der Tatsache nicht bewusst, dass die Pflichtverteidigerschaft aus höchst fähigen Anwälten bestand. Jack hatte Glück gehabt, gleich nach der Ausbildung in ihre Reihen aufgenommen zu werden. Wenn also ein erfahrener Pflichtverteidiger im Gerichtssaal gegen einen Anklagevertreter der Vereinigten Staaten antrat, standen sich meist zwei nahezu ebenbürtige Gegner gegenüber.

Jacks erstes Jahr, in dem er lernte, wie alles ablief, war hart gewesen. Er verlor mehr Fälle, als er gewann. Mit der Zeit ging er zu schwereren Delikten über. Und da er all seine jugendliche Energie, seine natürliche Befähigung und sein gesundes Urteilsvermögen in jeden dieser Fälle einbrachte, begann das Blatt sich zu wenden.

Und dann fing er an, einigen Leuten im Gericht heftig auf die Zehen zu steigen.

Bald entdeckte Jack, dass er ein Naturtalent für diese Rolle war, dass er für Kreuzverhöre genauso viel Begabung mitbrachte wie damals, als er viel größere Männer über eine fünf Zentimeter dicke Matte wirbelte. Er fühlte sich in die High-School-Zeit zurückversetzt, war wieder allen überlegen, sogar den erfahrensten Staatsanwälten. Die Richter wurden auf ihn aufmerksam. Sie brachten ihm, einem Anwalt, Respekt und Sympathie entgegen, das musste man sich mal vorstellen!

Dann hatte er bei einem Empfang der Anwaltskammer Jennifer getroffen. Sie war Stellvertretende Leiterin für Entwicklung und Marketing bei Baldwin Enterprises. Unschwer war zu erkennen, dass sie ihre Sache hervorragend machte. Neben ihrer dynamischen Erscheinung besaß sie die Gabe, jedem, mit dem sie sprach, das Gefühl zu vermitteln, dass seine Meinung wichtig sei, auch wenn sie sich ihr nicht unbedingt anschloss. Kurz, sie war eine Schönheit, die sich nicht ausschließlich auf dieses Attribut verlassen musste.

Unter dem aufsehenerregenden Äußeren lag noch mehr verborgen. Zumindest schien es so. Jack wäre kein Mann gewesen, hätte er sich nicht von ihr angezogen gefühlt. Und sie hatte bereits sehr bald deutlich zu erkennen gegeben, dass diese Anziehung auf Gegenseitigkeit beruhte. Dabei zeigte sie sich zunächst beeindruckt von dem Idealismus, den er für die Benachteiligten der Gesellschaft aufbrachte, die in der Bundeshauptstadt eines Verbrechens angeklagt wurden; doch Schritt für Schritt hatte sie ihn davon überzeugt, dass er seinen Teil für die Armen, die Dummen und die Pechvögel geleistet hatte und vielleicht anfangen sollte, sich um sich selbst und die eigene Zukunft zu kümmern, und dass sie vielleicht Teil dieser Zukunft sein könnte. Als Jack schließlich als Pflichtverteidiger zurücktrat, gab das Büro der Staatsanwaltschaft ihm zu Ehren eine Abschiedsfeier mit allem Drum und Dran, ein deutliches Zeichen dafür, dass man froh war, ihn loszuwerden. Das allein hätte ihm damals zeigen müssen, dass es noch eine Menge Armer, Dummer und Pechvögel gab, die seine Hilfe benötigten. Er erwartete nicht, dass sich das erregende Gefühl, das er als Pflichtverteidiger empfunden hatte, noch steigern ließ; solche Abschnitte gab es wohl nur einmal im Leben, danach nie wieder. Aber man konnte nicht immer auf der Stelle treten. Sogar kleine Jungs wie Jack Graham mussten eines Tages erwachsen werden. Vielleicht war die Zeit wirklich reif.

Er schaltete den Fernseher aus, griff sich eine Tüte Chips und trottete ins Schlafzimmer. Dabei musste er über einen Haufen schmutziger Wäsche hinwegsteigen, der vor der Tür lag. Dass sie seine Wohnung nicht mochte, konnte er Jennifer nicht verübeln. Er war nun mal ein Chaot. Was ihn aber störte, war die Gewissheit, dass Jennifer auch dann nicht hier wohnen würde, wenn alles blitzsauber wäre. Ein Grund dafür war die Gegend. Natürlich lag die Wohnung in Capitol Hill, aber nicht im kultivierten Teil davon, weit gefehlt.

Dann war da noch die Größe. Ihre Wohnung musste knapp fünfhundert Quadratmeter groß sein, ohne dabei die Dienstunterkünfte für die Hausmädchen und die Doppelgarage zu berücksichtigen, in der ihr Jaguar und ihr brandneuer Range Rover untergebracht waren. Als ob man in den verkehrsüberlasteten Straßen von Washington, D. C, ein Auto brauchte, das in gerader Linie einen Sechstausender erklimmen konnte!

Jacks Wohnung verfügte über vier Zimmer, wenn man das Badezimmer mitzählte. Er betrat das Schlafzimmer, zog sich aus und ließ sich ins Bett fallen. An der gegenüberliegenden Wand hing eine kleine Plakette, die seinen Eintritt bei Patton, Shaw & Lord verkündete. Sie hatte zuvor in seinem Büro gehangen, bis es ihm zu beschämend geworden war, sie anzusehen. PS&L war in der Bundeshauptstadt die Nummer eins unter den Anwaltskanzleien für Körperschaftsrecht. Die Gesellschaft betreute Hunderte von Firmen besten Rufes, einschließlich der seines künftigen Schwiegervaters, die für das Unternehmen ein Honorarvolumen von mehreren Millionen bedeutete. Es war Jack zu verdanken, dass der Baldwin-Konzern nun bei PS&L war, und als Gegenleistung winkte ihm bei der nächsten Gehaltsüberprüfung die Teilhaberschaft. Die Teilhaberschaft bei Patton, Shaw & Lord war durchschnittlich mindestens eine halbe Million Dollar pro Jahr wert. Für die Baldwins war das ein Trinkgeld, aber schließlich war er kein Baldwin. Zumindest noch nicht.

Er zog die Decke hoch – die Wärmedämmung des Gebäudes ließ ziemlich zu wünschen übrig -, steckte ein paar Aspirin in den Mund und spülte sie mit dem Rest einer Cola hinunter, der noch auf dem Nachttisch stand. Dann sah er sich im Durcheinander des kleinen Schlafzimmers um. Es erinnerte ihn an das Zimmer, in dem er aufgewachsen war; eine warme, angenehme Erinnerung. Ein Zuhause sollte das Gefühl vermitteln, dass darin gelebt wurde; es sollte immer an die Rufe von Kindern erinnern, mit denen sie von Raum zu Raum stürmten, auf der Suche nach neuen Abenteuern und neuen Dingen, die sie kaputtmachen konnten.

Auch das war so eine Sache mit Jennifer: Sie hatte unmissverständlich klargestellt, dass das Tapsen von Kinderfüßchen fürs erste nicht geplant und überhaupt ungewiss sei. An erster Stelle stand für sie die Karriere in der Firma ihres Vaters, und Jack hatte das Gefühl, dass er selber auf ihrer Werteskala noch ein gutes Stück weiter hinten rangierte. Aber er wollte die Baseball-Spiele seiner Kinder nicht erst vom Rollstuhl aus miterleben.

Als er sich zur Seite drehte und gerade die Augen schließen wollte, blies der Wind gegen das Fenster. Jack schaute in diese Richtung. Sofort versuchte er, den Blick wieder abzuwenden, doch dann ließ er die Augen resignierend zurück zu der Schachtel wandern.

Darin befand sich ein Teil der Sammlung von Trophäen und Auszeichnungen aus der High-School und dem College. Doch es war etwas anderes, das seine Aufmerksamkeit gefangen hielt. Im Halbdunkel streckte er einen Arm danach aus, entschied sich dagegen, und überlegte es sich dann wieder anders.

Nicht zum ersten Mal zog er das gerahmte Foto heraus. Es war fast schon ein Ritual geworden, insbesondere seit er mit Jennifer Baldwin verlobt war. Er musste sich keine Sorgen darüber machen, dass seine Verlobte je über diesen besonderen Besitz stolperte, denn sie weigerte sich standhaft, mehr als eine Minute in seinem Schlafzimmer zuzubringen. Wenn sie gemeinsam unter die Laken schlüpften, dann entweder in ihrer Wohnung, wo Jack immer auf dem Bett lag und an die über drei Meter hohe Decke starrte, die Gemälde mit mittelalterlichen Reitern und jungen Mädchen zierten. Unterdessen vergnügte sich Jennifer auf ihm, bis sie nicht mehr konnte und rollte sich dann nach unten, damit er es auf ihr zu Ende brachte. Oder sie taten es im Landhaus ihrer Eltern, wo die Decken noch höher und die Gemälde aus einer römischen Kirche des dreizehnten Jahrhunderts kopiert waren. Dies alles vermittelte Jack das Gefühl, dass Gott dabei zusah, wie die wunderschöne und splitternackte Jennifer Ryce Baldwin auf ihm ritt, und dass er für diese wenigen Augenblicke fleischlichen Genusses auf ewig in der Hölle schmoren würde.

Die Frau auf dem Foto hatte seidiges braunes Haar, das sich an den Spitzen leicht wellte. Ihr Bild lächelte ihn an, und Jack erinnerte sich an den Tag, an dem er es aufgenommen hatte.

Es war auf einer Fahrradtour in die ländliche Umgebung des wunderschönen Albemarle County gewesen. Er hatte gerade mit dem Studium begonnen; sie war im zweiten College-Jahr an der Jefferson-Universität. Es war erst ihre dritte Verabredung, doch schien es, als hätten sie schon ihr ganzes Leben miteinander verbracht.

Kate Whitney.

Fast andächtig sprach er den Namen aus, fuhr dabei mit der Hand unbewusst die Kurve ihres Lächelns nach, bis hin zu dem einzelnen Grübchen gleich über der linken Wange, das ihr Gesicht ein wenig schief wirken ließ. Die mandelförmigen Wangenknochen grenzten an eine zierliche Nase über einem Paar sinnlicher Lippen. Das scharfe Kinn ließ unmissverständlich erkennen, dass sie stur sein konnte. Jack fuhr das Gesicht wieder hinauf und hielt an den tropfenförmigen Augen inne, die stets ein kleines bisschen schelmisch blickten.

Jack drehte sich wieder auf den Rücken und stellte das Foto auf die Brust, so dass sie ihn direkt ansah. Er konnte nicht an Kate denken, ohne gleichzeitig das Bild ihres Vaters vor Augen zu haben, mit seinem lebhaften Charme und dem schiefen Lächeln.

Jack hatte Luther Whitney oft in dem kleinen Reihenhaus besucht, in einer Gegend von Arlington, die bessere Tage erlebt hatte. Stundenlang tranken sie Bier und erzählten Geschichten, wobei Luther meist erzählte und Jack zuhörte.

Kate besuchte ihren Vater nie, und er versuchte nicht, mit ihr in Kontakt zu treten. Eher zufällig hatte Jack von ihm erfahren und hatte trotz Kates heftiger Einwände den Mann kennenlernen wollen. Selten sah man auf ihrem Gesicht etwas anderes als ein Lächeln, doch darüber lächelte sie nie.

Nachdem Jack seinen Abschluss gemacht hatte, zogen sie nach Washington, wo Kate sich an der Juristischen Fakultät von Georgetown einschrieb. Das Leben war eine Idylle. Sie kam zu seinen ersten paar Prozessen, bei denen er noch mit den Schmetterlingen im Bauch kämpfte und dem Piepsen, das aus seiner Kehle drang; bei denen er stets krampfhaft versuchte, sich zu erinnern, an welchen Anwaltstisch er sich zu setzen hatte. Doch mit der Schwere der Vergehen, deren man seine Klienten beschuldigte, schwand ihre Begeisterung.

Noch in seinem ersten Jahr als Anwalt hatten sie sich getrennt.

Die Gründe lagen auf der Hand: Kate konnte nicht begreifen, warum er sich der Aufgabe verschrieben hatte, Menschen zu vertreten, die das Gesetz brachen. Außerdem kam sie nicht darüber hinweg, dass er ihren Vater gut leiden konnte.

Jack erinnerte sich an die allerletzten Augenblicke ihres gemeinsamen Lebens, als sie genau in diesem Zimmer saßen und er sie gebeten, ja, angefleht hatte, ihn nicht zu verlassen. Doch sie war gegangen. Das war vor vier Jahren gewesen; seither hatte er sie weder gesehen noch etwas von ihr gehört.

Er wusste, dass sie einen Job im Büro der Staatsanwaltschaft in Alexandria, Virginia, angenommen hatte, wo sie zweifelsohne rastlos seine früheren Klienten hinter Gitter brachte, weil sie das Gesetz ihrer Wahlheimat mit Füßen traten. Abgesehen davon war Kate Whitney eine Fremde für ihn.

Aber während er so dalag, und ihr Lächeln ihm Millionen Dinge erzählte, die er von der Frau, die er in sechs Monaten heiraten sollte, nicht wusste, fragte sich Jack, ob er sich damit abfinden musste, wo sein Leben nun doch viel komplizierter zu werden drohte, als er es je gedacht hatte. Ergriff zum Telefon und wählte.

Nach viermaligem Läuten hörte er die Stimme. Eine Schärfe lag darin, an die er sich nicht erinnern konnte; vielleicht war sie auch neu. Der Piepton erklang, und er wollte eine Nachricht hinterlassen, etwas Witziges, einfach so aus dem Stegreif, doch dann, ganz unvermittelt, wurde er nervös und legte auf. Seine Hände zitterten, sein Atem ging heftig. Jack schüttelte den Kopf. Verdammt! Fünf Mordfälle hatte er hinter sich gebracht, und nun zitterte er wie ein dummer Sechzehnjähriger, der allen Mut zusammennimmt, um seinen Schwärm zur ersten Verabredung einzuladen.

Jack legte das Bild beiseite und stellte sich vor, was Kate wohl gerade machte. Wahrscheinlich war sie noch im Büro und brütete darüber, wie viele Jahre sie aus irgendjemandes Leben reißen sollte.

Dann dachte Jack an Luther. Befand er sich im Augenblick auf der falschen Seite einer Hausschwelle? Oder verließ er gerade eine Wohnung mit einem Bündel hübscher Dinge im Gepäck?

Was für eine Familie, Luther und Kate Whitney! Beide so unterschiedlich und doch so gleich. Beider Leben so zielgerichtet, wie man es selten fand; aber zwischen ihren jeweiligen Zielen lagen Welten. An jenem letzten Abend, als Kate aus seinem Leben trat, war er zu Luther gegangen, um ihm Lebewohl zu sagen und ein letztes Bier mit ihm zu trinken. Sie hatten in seinem gepflegten Garten gesessen und die Klematis und den Efeu betrachtet, die an der Ziegelmauer emporrankten. Der Duft von Flieder und Rosen hing wie eine schwere Wolke über der Terrasse.

Der alte Mann hatte es ruhig aufgenommen, wenig Fragen gestellt und Jack alles Gute gewünscht. Manche Dinge sollten einfach nicht sein. Luther verstand das so gut wie jeder andere. Aber als Jack an jenem Abend ging, hatte er einen feuchten Schimmer in den Augen des Alten bemerkt, und dann war die Tür hinter diesem Teil seines Lebens zugefallen.

Schließlich schaltete Jack das Licht aus und schloss die Augen, in der Gewissheit, dass ihn bald ein neuer Morgen erwartete. Sein goldener Topf, die einmalige Chance seines Lebens, war der Wirklichkeit wieder einen Tag näher gekommen. Nur war auch das noch keine Garantie für einen ruhigen Schlaf.

 

KAPITEL 3 Während Luther durch das Glas starrte, kam ihm plötzlich der Gedanke, dass die beiden ein äußerst attraktives Paar abgaben. Unter den gegebenen Umständen war dies eine absurde Überlegung; nichtsdestoweniger empfand er es so. Der Mann war groß, gut aussehend, ein sehr gepflegter Mittvierziger. Die Frau konnte nicht viel älter als zwanzig sein; sie hatte volles, goldenes Haar, ein rundes, liebliches Gesicht und unglaublich tiefblaue Augen, die nun verzückt zu dem eleganten Antlitz des Mannes emporblickten. Er berührte ihre glatte Wange, sie schmiegte die Lippen an seine Hand.

Der Mann hielt zwei Gläser, die er aus einer Flasche vollschenkte, welche er mitgebracht hatte. Ein Glas reichte er der Frau. Nachdem sie angestoßen hatten, sahen sie einander tief in die Augen. Er leerte das Glas in einem Zug, sie brachte nur einen kleinen Schluck hinunter. Sie stellten die Gläser ab und umarmten sich inmitten des Zimmers. Seine Hände glitten über ihren Rücken, dann wieder hinauf zu den nackten Schultern. Ihre Arme und Schultern waren gleichmäßig sonnengebräunt. Bewundernd streichelte er über ihre Arme, als er sich hinabbeugte, um ihren Hals zu küssen.

Luther wandte die Augen ab. Es war ihm peinlich, diese sehr persönliche Begegnung mit anzusehen. Ein seltsames Gefühl angesichts der Tatsache, dass er immer noch in Gefahr schwebte, entdeckt zu werden. Doch er war noch nicht so alt, dass ihn die Zärtlichkeit und Leidenschaft, die sich vor ihm entfalteten, nicht bewegt hätten.

Als er die Augen aufschlug, musste er lächeln. Das Pärchen tanzte mittlerweile eng umschlungen durch den Raum. Offenbar hatte der Mann einige Übung darin; seine Partnerin wirkte eher unbeholfen, doch er führte sie sanft durch die einfachen Schritte, bis die beiden schließlich neben dem Bett landeten.

Der Mann hielt inne, um sein Glas nachzufüllen, und trank es dann zügig aus. Die Flasche war nun leer. Als er die Arme erneut um sie schlang, schmiegte sie sich an ihn, zerrte an seiner Jacke und begann, seine Krawatte zu lösen. Die Hände des Mannes wanderten zum Reißverschluss ihres Kleides und dann langsam Richtung Süden. Das schwarze Kleid glitt zu Boden; genüsslich stieg sie heraus, wodurch sie einen schwarzen Slip und hohe Seidenstrümpfe entblößte, jedoch keinen BH.

Sie besaß einen jener Körper, der weniger gut gebaute Frauen vor Neid erblassen ließ. Jede Kurve saß, wo sie hingehörte. Luther hätte ihre Taille mit den Händen umfassen können. Als sie sich zur Seite wandte, um aus den Strümpfen zu schlüpfen, bemerkte Luther, dass ihre Brüste groß, rund und voll waren. Die Beine waren schlank und durch zahlreiche Tennis- und Aerobicstunden wohlgeformt.

Rasch entkleidete der Mann sich bis auf die Boxershorts. Am Bettrand sitzend sah er der Frau zu, wie sie langsam die Unterwäsche abstreifte. Ihr Hinterteil war rund und fest und hob sich cremighell gegen den dunklen Hintergrund der zwanzigtausend Dollar teuren Hawaii-Sonnenbräune ab. Nachdem sie das letzte Kleidungsstück abgelegt hatte, huschte ein Lächeln über das Gesicht des Mannes. Die weißen Zähne waren gerade und gesund. Trotz des Alkohols wirkten seine Augen klar und aufmerksam.

Sie lächelte über den bewundernden Blick und bewegte sich anmutig auf ihn zu. Als sie vor ihm stand, packte er sie mit den langen Armen und zog sie an sich. Sie streichelte seine Brust.

Abermals wollte Luther den Blick abwenden. Mehr als alles andere wünschte er, das Schauspiel möge bald vorbei sein und die Leute würden gehen. In ein paar Minuten könnte er beim Wagen sein, und diese Nacht würde als absolut einmalige, wenngleich um ein Haar verhängnisvolle Erfahrung in seine Erinnerung eingehen.

In diesem Augenblick sah er, wie der Mann kraftvoll den Hintern der Frau umfasste. Dann schlug er zu, wieder und wieder. Luther zuckte angesichts der wiederholten Schläge mitfühlend zusammen. Die weiße Haut leuchtete nun rot. Entweder war die Frau zu betrunken, um den Schmerz zu fühlen, oder sie genoss eine solche Behandlung; denn ihr Lächeln verschwand nicht. Luther fühlte, wie sich sein Magen zusammenkrampfte, als der Mann die Finger in das weiche Fleisch bohrte.

Die Zunge des Mannes glitt über ihre Brüste; mit den Fingern fuhr sie durch sein dichtes Haar, als sie sich zwischen seine Beine schob. Sie warf den Kopf zurück und schloss die Augen; ihre Lippen formten ein wollüstiges Lächeln. Dann schlug sie die Augen wieder auf und küsste ihn leidenschaftlich auf den Mund.

Die kräftigen Finger ließen von ihrem misshandelten Hinterteil ab und begannen, sanft ihren Rücken zu massieren. Dann gruben sie sich tiefer hinein, bis sie schließlich zusammenzuckte und von ihm zurückwich. Halb lächelte sie, und er hielt inne, als sie seine Finger mit den ihren berührte. Wieder wandte er die Aufmerksamkeit ihren Brüsten zu und begann, daran zu saugen. Abermals schloss sie die Augen, ihr Atem wurde zu einem tiefen Stöhnen. Erneut beugte der Mann sich über ihren Nacken; sein Blick stierte in Luthers Richtung, ohne etwas von dessen Anwesenheit zu ahnen.

Luther sah den Mann an, sah in diese Augen, und ihm gefiel nicht, was er dort sah. Er blickte in rotgeränderte Tiefen, in denen ein Schatten lauerte, einem finsteren Planeten gleich, den man durch ein Teleskop erspäht. Plötzlich überkam ihn das Gefühl, dass sich die nackte Frau in Händen befand, die nicht so liebevoll und zärtlich waren, wie sie sich das wahrscheinlich vorstellte.

Schließlich wurde die Frau ungeduldig und drückte ihren Liebhaber aufs Bett. Rittlings kletterte sie auf ihn und offenbarte Luther dadurch einen Anblick, der eigentlich ihrem Gynäkologen und ihrem Mann vorbehalten sein sollte. Sie richtete sich auf, aber in einem plötzlichen Energieausbruch stieß er sie grob zur Seite und bestieg sie, ergriff ihre Beine und hievte sie nach oben, bis sie senkrecht zum Bett standen.

Luther stockte der Atem, als er sah, was der Mann des Weiteren tat. Er packte die Frau am Hals, zerrte sie hoch und zog ihren Kopf zwischen seine Beine. Die Plötzlichkeit der Geschehnisse ließ sie nach Luft schnappen; ihr Mund war kaum zwei Zentimeter von seinen Genitalien entfernt. Dann lachte er und stieß sie wieder aufs Bett. Einen Augenblick lang war sie völlig verwirrt, doch schließlich gelang ihr ein unsicheres Lächeln. Sie stützte sich auf die Ellbogen, während er über ihr aufragte. Mit einer Hand umfasste er sein steifes Glied, mit der anderen spreizte er ihre Beine. Als sie sich entspannt zurücklehnte und sich für ihn bereit machte, starrte er wirr auf sie hinab.

Doch anstatt sich zwischen ihre Beine zu stürzen, umfasste er ihre Brüste und drückte sie, offenbar zu fest, denn Luther vernahm einen Schmerzensschrei, und die Frau versuchte, den Mann abzuwehren. Erließ sie los und schlug brutal zurück, und Luther sah, wie Blut aus ihrem Mundwinkel tropfte und über die vollen, mit Lippenstift geschminkten Lippen rann.

»Du mieser Scheißkerl!« Sie glitt vom Bett und blieb am Boden sitzen, rieb sich den Mund und schmeckte das Blut. Ihr alkoholumnebelter Verstand war einen Augenblick klar. Die ersten deutlich ausgesprochenen Worte, die Luther in dieser Nacht hörte, trafen ihn wie ein Schmiedehammer. Er stand auf und trat ein Stück auf den Spiegel zu.

Der Mann grinste. Luther erstarrte, als er dieses Grinsen sah. Es glich mehr der Fratze eines wilden Tieres, das zu töten bereit ist.

»Mieser Scheißkerl«, wiederholte sie, diesmal etwas leiser und undeutlicher.

Als sie aufstand, ergriff er ihren Arm und drehte ihn herum, dass sie hart zu Boden fiel. Der Mann saß auf dem Bett und schaute triumphierend auf sie hinab.

Luther, auf der anderen Seite des Spiegels, atmete heftig, wobei er unwillkürlich die Fäuste ballte. Während er weiter zusah, fragte er sich, wohin die anderen gegangen waren. Er hoffte, dass sie zurückkämen. Er spähte zur Fernbedienung auf dem Stuhl, dann wandte er die Augen wieder dem Schlafzimmer zu.

Die Frau kam allmählich wieder zu Atem und raffte sich halb auf. Jedwede Romantik, die sie empfunden hatte, war verflogen, das erkannte Luther an ihren vorsichtigen und kontrollierten Bewegungen. Ihr Gefährte bemerkte die Veränderung und das wütende Blitzen ihrer Augen offenbar nicht, andernfalls hätte er sich nicht erhoben und ihr die Hand hingestreckt, die sie auch ergriff.

Das Lächeln des Mannes löste sich abrupt auf, als ihr Knie ihn genau zwischen die Beine traf. Er krümmte sich, die Erektion erschlaffte. Außer dem angestrengten Atmen drang kein Laut über seine Lippen, als er sich auf dem Boden wand. Sie hob ihre Unterwäsche auf und begann, sich anzuziehen.

Als sie das Höschen halb hochgezogen hatte, packte er ihren Knöchel und zog sie zu Boden.

»Du kleine Fotze«, stieß er mühevoll hervor, während er versuchte, wieder zu Atem zu kommen, dabei ihren Knöchel festhielt und sie näher zu sich zog.

Sie trat nach ihm, traf seine Rippen, doch er ließ nicht los. »Du billige, kleine Hure«, zischte er.

Der drohende Unterton, der die Worte begleitete, trieb Luther dazu, noch näher auf den Spiegel zuzugehen. Seine Hand legte sich auf die glatte Fläche, als könnte er hindurchgreifen, den Mann packen und ihn zwingen aufzuhören.

Mühsam kam der Mann auf die Beine. Bei seinem Anblick lief Luther ein kalter Schauer über den Rücken.

Die Hände des Mannes schlössen sich um die Kehle der Frau.

Ihr vom Alkohol umnebelter Verstand arbeitete plötzlich wieder auf Hochtouren. Die nun völlig von Angst erfüllten Augen rasten suchend nach links und rechts, während der Druck um ihre Kehle stärker wurde und ihr die Luft abschnürte. Ihre Finger kratzten über seinen Arm, zogen tiefe Furchen.

Luther sah, wie das Blut in den Kratzern aufwellte, doch der Mann ließ nicht locker.

Sie trat um sich, krümmte und wand sich, aber ihr Peiniger war beinahe doppelt so schwer wie sie und rührte sich nicht von der Stelle.

Abermals blickte Luther auf die Fernbedienung. Er konnte die Tür öffnen. Er konnte all dem ein Ende bereiten. Doch seine Beine wollten sich nicht bewegen. Hilflos starrte er durch die Scheibe, Schweiß stand ihm auf der Stirn, schien aus jeder Pore seines Körpers zu dringen; sein Atem kam in kurzen Stößen. Er legte beide Hände auf das Glas.

Luther hielt den Atem an, als die Augen der Frau kurz an dem Nachttisch verharrten. Dann ergriff sie mit einer verzweifelten Bewegung den Brieföffner und traf mit einem blinden Hieb den Arm des Mannes.

Der stöhnte auf, ließ sie los und fasste sich an den blutigen Arm. Einen schauerlichen Augenblick lang starrte er ungläubig auf die Wunde; er konnte nicht fassen, dass diese Frau ihn derart verletzt hatte.

Als der Mann wieder hochblickte, fühlte Luther das mordlüsterne Knurren beinahe, bevor es von den Lippen des Mannes drang.

Dann schlug er zu, härter, als Luther je einen Mann eine Frau hatte schlagen sehen. Die geballte Faust prallte auf das weiche Fleisch; Blut spritzte aus Nase und Mund.

Luther wusste nicht, ob es an all dem Alkohol lag, den sie getrunken hatte, aber der Schlag, der einen Menschen normalerweise außer Gefecht gesetzt hätte, machte sie nur noch rasender. Mit der Kraft der Verzweiflung gelang es ihr aufzustehen. Als sie sich dem Spiegel zuwandte, erkannte Luther in ihrem Gesicht das plötzliche Entsetzen über den Verlust ihrer Schönheit. Ungläubig betastete sie die geschwollene Nase, dann fuhr sie mit einem Finger in den Mund und befühlte ihre Zähne. Von einer perfekten Ikone war sie plötzlich zu einem verschmierten Porträt geworden.

Als sie sich wieder zu dem Mann hindrehte, sah Luther die Muskeln in ihrem Rücken so deutlich hervortreten, als wären sie aus Holz geschnitzt. Sie rammte den Fuß in den Unterleib des Mannes. Sofort knickte er wieder zusammen. Die Beine versagten ihm den Dienst; Übelkeit übermannte ihn. Er ging zu Boden, rollte sich mit angezogenen Knien auf den Rücken, die Hände schützend über den Genitalien, und wimmerte.

Mit blutüberströmtem Gesicht, aus dessen Augen plötzlich nicht mehr schiere Angst, sondern Mordlust sprach, ließ sich die Frau neben ihm auf die Knie sinken und hob den Brieföffner hoch über den Kopf.

Luther ergriff die Fernbedienung und machte, mit dem Finger auf dem Knopf, einen Schritt auf die Tür zu.

Als der Mann den Brieföffner erblickte, der auf seine Brust niederstieß, um seinem Leben ein Ende zu bereiten, schrie er mit aller noch verbleibender Kraft. Der Schrei blieb nicht ungehört.

Luthers Blick fuhr zu der Schlafzimmertür, die urplötzlich aufgerissen wurde.

Zwei Männer mit kurzem Haar und saloppen Anzügen, die den stattlichen Körperbau nicht verbargen, stürmten mit gezückten Waffen in das Zimmer. Bevor Luther noch einen Schritt tun konnte, hatten sie die Lage erkannt und eine Entscheidung getroffen.

Beide Waffen feuerten fast gleichzeitig.

Kate Whitney saß in ihrem Büro und ging die Akte noch einmal durch.

Der Kerl hatte vier Vorstrafen und war bei sechs anderen Gelegenheiten verhaftet, aber nicht verurteilt worden, weil die Zeugen zu verängstigt gewesen waren, um auszusagen, oder in Müllcontainern geendet hatten. Dieses Ekel war eine wandelnde Zeitbombe, die jederzeit ein weiteres Opfer in Stücke reißen konnte. Alle Opfer waren Frauen gewesen.

Die aktuelle Anklage lautete auf Mord in Tateinheit mit Raubüberfall und Vergewaltigung, was nach den Gesetzen von Virginia die Kriterien für ein Kapitalverbrechen erfüllte. Und sie war fest dazu entschlossen, es diesmal zu Ende zu bringen: Todesstrafe. Noch nie hatte sie dieses Strafmaß beantragt, aber wenn es jemand verdiente, dann dieser Kerl; und der Staat verhielt sich nicht zimperlich bei der Verhängung von Todesstrafen. Warum sollte gerade so einer weiterleben dürfen, der auf grausame und brutale Weise dem Leben einer neunzehnjährigen Collegestudentin ein Ende gesetzt hatte, nur weil sie den Fehler beging, am helllichten Tage in ein Einkaufszentrum zu gehen, um sich Nylonstrümpfe und ein Paar neue Schuhe zu kaufen?

Kate rieb sich die Augen und band sich die Haare mit einem Gummiband von ihrem Schreibtisch zu einer Art Pferdeschwanz zusammen. Ihr Blick wanderte durch das kleine, überfüllte Büro. Überall im Zimmer stapelten sich Aktenberge, und zum unzähligsten Male fragte sie sich, ob es je besser werden würde. Natürlich nicht. Höchstens schlimmer, und sie konnte nur ihr Möglichstes tun, um wenigstens den Versuch zu machen, dem Blutvergießen Einhalt zu gebieten. Mit dem Tod von Roger Simmons jr. wollte sie beginnen, der mit seinen zweiundzwanzig Jahren einer der schlimmsten Gewohnheitsverbrecher war, mit denen sie sich je befasst hatte. Und das waren in ihrer noch kurzen Laufbahn bereits wahre Horden gewesen. Sie erinnerte sich an den Blick, den er ihr vor Gericht zugeworfen hatte. Das Gesicht des jungen Mannes hatte weder Reue noch Mitgefühl oder eine andere positive Regung erkennen lassen. Es drückte nur Hoffnungslosigkeit aus, und seine Lebensgeschichte, die sich wie der Albtraum einer Kindheit las, untermauerte diesen Eindruck. Aber das war nicht ihr Problem. Sie hatte genug andere Probleme.

Kate schüttelte den Kopf und sah auf die Uhr: schon nach Mitternacht. Da ihre Konzentration nachließ, stand sie auf, um sich noch Kaffee zu holen. Der letzte Staatsanwalt war vor fünf Stunden gegangen, das Reinigungspersonal vor drei. Auf Strümpfen ging sie den Flur hinab zur Küche. Wäre Charles Manson dieser Tage unterwegs, um sein Unwesen zu treiben, so wäre er einer der harmloseren Fälle; ein Amateur im Vergleich zu den Monstren, die heutzutage frei herumliefen.

Mit einer Tasse Kaffee in der Hand ging sie ins Büro zurück und hielt einen Augenblick inne, um ihr Spiegelbild im Fenster zu betrachten. Für ihre Arbeit spielte das Aussehen keine Rolle; Teufel noch mal, sie hatte seit über einem Jahr keine Verabredung gehabt. Doch sie konnte den Blick nicht abwenden. Sie war groß und schlank, an manchen Stellen wahrscheinlich sogar ein wenig zu dünn, aber sie joggte nach wie vor jeden Tag vier Meilen, während die tägliche Kalorienzufuhr beständig abnahm. Hauptsächlich ernährte sie sich von ungesundem Kaffee und Crackern, obwohl sie zumindest ihren Zigarettenkonsum auf zwei pro Tag eingeschränkt hatte und hoffte, mit ein bisschen Glück ganz aufhören zu können.

Kate war sich klar über den Raubbau, den sie ihrem Körper zumutete; die endlosen Stunden und den Stress, den sie in einen schrecklichen Fall nach dem anderen investierte. Doch was sollte sie tun? Kündigen, weil sie nicht wie die Frauen auf dem Titelblatt des Cosmopolitan aussah? Sie tröstete sich damit, dass deren Arbeit darin bestand, vierundzwanzig Stunden am Tag gut auszusehen, während sie damit beschäftigt war, sicherzustellen, dass Menschen bestraft wurden, die das Gesetz brachen. Aus welchem Blickwinkel sie es auch betrachtete, sie kam zu dem Schluss, dass sie mit ihrem Leben etwas weitaus Produktiveres anstellte.

Sie fuhr sich durch die Mähne; die Haare mussten geschnitten werden, aber woher sollte sie die Zeit dafür nehmen? Ihr Gesicht, stellte sie fest, hatte die vier Jahre mit neunzehnstündigen Arbeitstagen und zahllosen Prozessen noch einigermaßen gut überdauert. Aber vermutlich würde dies nicht so bleiben. Sie seufzte. Im College hatte sie stets die Aufmerksamkeit ihrer gesamten männlichen Kommilitonen auf sich gezogen – das reizvolle Ziel vieler Blicke, der Auslöser für schneller pochende Herzen und kalte Schweißausbrüche. Aber nun, da sie auf die Dreißig zuging, wurde ihr bewusst, dass ihr dieses Attribut, eine Gabe, die sie viele Jahre als selbstverständlich erachtet hatte, nicht mehr lange erhalten bleiben würde. Und wie bei so vielen Dingen, die man als selbstverständlich betrachtete oder als unwichtig abtat, wusste sie, dass sie die Fähigkeit vermissen würde, einen Raum durch bloßes Betreten in Schweigen zu versetzen.

Angesichts der Tatsache, dass sie während der letzten Paar Jahre verhältnismäßig wenig für ihr Aussehen getan hatte, war es bemerkenswert, wie gut sie sich gehalten hatte. Gute Gene, das war wohl der Grund; ein Glück für sie. Dann jedoch musste sie an ihren Vater denken, und sie kam zu dem Schluss, dass sie in Sachen Erbanlagen wohl doch nicht das große Los gezogen hatte. Ein Mann, der von anderen stahl und dennoch vorgab, ein ganz normales Leben zu führen. Ein Mann, der jeden täuschte, einschließlich seiner Frau und seiner Tochter. Ein Mann, der nie da war, wenn man ihn wirklich brauchte.

Kate setzte sich an den Schreibtisch, nahm einen kleinen Schluck von dem heißen Kaffee, warf mehr Zucker hinein und betrachtete Mr. Simmons, während sie in den schwarzen Tiefen ihres nächtlichen Aufputschmittels herumrührte.

Dann griff sie zum Telefon und rief bei sich zu Hause an, um die Nachrichten auf dem Anrufbeantworter abzuhören. Es waren fünf. Zwei von anderen Anwälten, eine von einem Polizisten, den sie gegen Mr. Simmons in den Zeugenstand rufen wollte, und eine von einem Ermittler der Staatsanwaltschaft, der sie mit Vorliebe zu den unmöglichsten Zeiten anrief, um ihr überwiegend nutzlose Informationen zu geben. Sie sollte ihre Telefonnummer ändern lassen. Bei der letzten Nachricht wurde aufgelegt. Aber sie konnte am anderen Ende der Leitung tiefes Atmen hören, außerdem glaubte sie ein oder zwei Worte wahrzunehmen. Irgendetwas daran klang vertraut, doch sie konnte es nicht zuordnen. Vermutlich irgend so ein Typ, der nichts Besseres zu tun hatte.

Der Kaffee strömte in ihre Blutbahnen, und sie konnte sich wieder auf die Akte konzentrieren. Kurz fiel ihr Blick auf das kleine Bücherregal. Darauf stand ein Foto, das ihre verstorbene Mutter und die elfjährige Kate zeigte. Luther Whitney war aus dem Bild herausgeschnitten. Eine große Lücke neben Mutter und Tochter. Ein großes Nichts.

»Verdammte Scheiße!« Der Präsident der Vereinigten Staaten setzte sich auf. Mit einer Hand bedeckte er die schlaffen und übel zugerichteten Genitalien, in der anderen hielt er den Brieföffner, der noch einen Augenblick zuvor als Werkzeug seines Todes gedacht war. Nun war darauf mehr als nur sein Blut. »Verdammt noch mal, Bill, du hast sie umgebracht!«

Die Zielscheibe seiner Schimpfkanonade bückte sich, um ihm aufzuhelfen, während sein Kollege den Zustand der Frau überprüfte; eine sinnlose Geste, wenn man bedachte, dass zwei schwerkalibrige Geschosse ihr Gehirn durchschlagen hatten.

»Es tut mir leid, Sir, ich hatte keine Wahl. Tut mir leid, Sir.«

Bill Burton war seit zehn Jahren Agent beim Secret Service. Davor war er acht Jahre lang bei der Staatspolizei von Maryland gewesen. Er hatte einen Collegeabschluss in Geschichte und den Magister in Strafrecht, und eine seiner Kugeln hatte soeben den Kopf einer wunderschönen jungen Frau zerfetzt. Trotz seiner intensiven Ausbildung zitterte er wie ein kleines Kind, das gerade aus einem Albtraum erwacht ist.

Schon einmal hatte er in Ausübung seiner Pflicht getötet, bei einer routinemäßigen Verkehrskontrolle, die aus den Fugen geriet. Aber der damals Verstorbene war ein vierfach vorbestrafter Verbrecher gewesen, mit einer tief greifenden Abneigung gegen uniformierte Polizisten; außerdem hatte er eine halbautomatische Pistole auf ihn gerichtet gehabt, unverkennbar in der Absicht, ihm den Kopf von den Schultern zu pusten.

Burton schaute hinunter auf die zierliche, nackte Gestalt und glaubte, sich übergeben zu müssen. Sein Partner, Tim Collin, sah zu ihm herüber und fasste ihn am Arm. Schwer schluckend nickte Burton. Er würde nicht zusammenklappen.

Behutsam halfen die beiden dem Mann auf die Beine, dem ihre ganze Aufmerksamkeit galt: Alan J. Richmond, vierundvierzigster Präsident der Vereinigten Staaten, politischer Held und Leitfigur für Menschen aller Altersklassen, im Augenblick aber bloß nackt und betrunken. Der Präsident sah zu ihnen auf. Das anfängliche Entsetzen schwand, als der Alkohol wieder Oberhand gewann. »Ist sie tot?« Die Worte kamen undeutlich, die Augen schienen wie Murmeln nach hinten in den Kopf zu rollen.

»Ja, Sir«, antwortete Collin knapp. Eine Frage des Präsidenten, ob betrunken oder nicht, ließ man nicht unbeantwortet.

Burton trat einen Schritt zurück. Er warf einen zweiten Blick auf die Frau, dann wieder auf den Präsidenten. Das war ihr Job, sein Job. Den gottverdammten Präsidenten zu beschützen. Ganz gleich, was es kostete, dieses Leben durfte nicht enden, schon gar nicht auf diese Weise. Wie ein Schwein aufgeschlitzt von irgendeinem betrunkenen Flittchen!

Der Präsident verzog den Mund. Es sah fast aus wie ein Lächeln, obwohl weder Collin noch Burton es als solches in Erinnerung behalten sollten. Der Präsident erhob sich.

»Wo sind meine Sachen?«, fragte er.

»Gleich hier, Sir.« Burton, der wieder voll da war, bückte sich und hob die Sachen auf. Sie waren über und über mit Blut befleckt. Wie alles in dem Zimmer, überall. Mit ihrem Blut.

»Helft mir schon hoch und zieht mich an, verdammt noch mal. Ich muss doch sicher irgendwo vor irgendwem ’ne Rede halten, oder nicht?« Schrill lachte er auf. Burton sah Collin an, Collin sah Burton an. Dann sahen beide zum Präsidenten, als er auf das Bett kippte.

Als die Schüsse ertönten, hatte sich Stabschefin Gloria Russell in der Toilette im ersten Stock befunden, so weit entfernt vom Schlafzimmer wie nur möglich.

Sie hatte den Präsidenten bei vielen Eskapaden dieser Art begleitet, doch anstatt sich daran zu gewöhnen, fand sie es nur jedes Mal abstoßender, sich vorzustellen, wie ihr Boss, der mächtigste Mann auf Erden, mit all diesen Edelnutten, diesen politischen Groupies, ins Bett stieg. Es ging über ihren Verstand hinaus, doch sie hatte beinahe gelernt, darüber hinwegzusehen. Beinahe.

Russell hatte sich die Strumpfhose wieder hochgezogen, die Tür aufgerissen, war den Flur entlanggelaufen und die Treppen hochgerannt, wobei sie trotz der Stöckelschuhe zwei Stufen auf einmal nahm. Als sie die Schlafzimmertür erreichte, hielt Agent Burton sie auf.

»Sie wollen das bestimmt nicht sehen, Ma’am, es ist kein schöner Anblick.«

Sie drängte sich an ihm vorbei. Dann blieb sie aus eigenen Stücken stehen. Ihr erster Gedanke war, wieder hinauszulaufen, die Stiegen hinunter und in die Limousine, weg von hier, weg aus diesem Staat, weg aus diesem elenden Land. Mitleid für Christy Sullivan empfand sie nicht; diese kleine Nutte verdiente ein solches Ende. Sie wollte vom Präsidenten gevögelt werden. Schon seit zwei Jahren war das ihr erklärtes Ziel gewesen. Nun, manchmal bekam man nicht, was man wollte; manchmal mehr als das.

Russell fasste sich und trat Agent Collin gegenüber.

»Was ist passiert?«

Tim Collin war jung, zäh und dem Mann ergeben, zu dessen Schutz er abgestellt war. Er war dafür geschult worden, in Verteidigung des Präsidenten sogar sein Leben zu opfern, und für ihn stand außer Frage, dass er es auch tun würde, sollte es einst nötig werden. Vor nunmehr beinahe vier Jahren hatte er schon einmal einen Angreifer überwältigt, auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums, wo der damalige Präsidentschaftskandidat Alan Richmond einen Wahlkampfauftritt absolvieren sollte. Collin hatte den potenziellen Attentäter zu Boden gezwungen und bewegungsunfähig gemacht, bevor der Kerl die Waffe ganz aus der Tasche ziehen konnte – bevor überhaupt irgendjemand reagiert hatte. Collin betrachtete es als Lebensaufgabe, Alan Richmond zu beschützen.

Innerhalb einer Minute schilderte er Russell das Geschehen in kurzen, zusammenhängenden Sätzen. Burton bestätigte die Darstellung mit ernster Miene.

»Es hieß er oder sie, Ms. Russell. Es gab keine andere Möglichkeit einzuschreiten.« Instinktiv blickte Burton zum Präsidenten hinüber, der immer noch auf dem Bett lag, und dem im Augenblick alles egal war. Die heikleren Zonen seines Körpers hatten sie mit einer Decke verhüllt.

»Wollen Sie mir erzählen, Sie hätten nichts gehört? Keine Anzeichen von Gewalt, bevor das da passiert ist?« Sie deutete auf die Schweinerei im Zimmer.

Die Agenten sahen einander an. Sie hatten schon vielerlei Geräusche aus Schlafzimmern gehört, in die sich ihr Boss verirrt hatte. Manche konnte man vielleicht mit Gewalt in Verbindung bringen, andere wiederum nicht. Aber bisher waren immer alle Beteiligten gesund und munter wieder herausgekommen. Die Frauen kamen stets die Treppe herunter, zupften ihre Blusen und Röcke zurecht und hatten dabei ein so seliges Lächeln auf den Lippen, als hätten sie soeben den Papst berührt. Dann stolzierte der Präsident mit geschwellter Brust heraus, wie der Hahn im Hühnerhof.

»Nichts Ungewöhnliches«, antwortete Burton, »aber dann hat der Präsident geschrien, und wir sind hineingestürmt. Das Messer war vielleicht noch zehn Zentimeter von seiner Brust entfernt. Nur eine Kugel war schnell genug.«

Er richtete sich zu voller Größe auf, stand so gerade, wie er konnte, und sah ihr unmittelbar in die Augen. Collin und er hatten ihre Arbeit getan, und diese Frau würde sie nicht vom Gegenteil überzeugen. Ihm würde sie nichts anhängen.

»In diesem Zimmer war ein gottverdammtes Messer?« Ungläubig starrte sie Burton an.

»Wenn es nach mir ginge, gäbe es keine solchen … solchen Abenteuer. Meistens erlaubt uns der Präsident nicht, dass wir vorher alles überprüfen. Wir hatten keine Möglichkeit, das Zimmer zu durchsuchen.« Er blickte sie an. »Schließlich ist er der Präsident, Ma’am«, fügte er sicherheitshalber hinzu, als rechtfertigte die Tatsache alles und jedes. Und für Russell traf dies meist auch zu, ein Umstand, dessen sich Burton voll bewusst war.

Russell sah sich im Zimmer um, prägte sich alles genau ein. Sie war ordentliche Professorin für Politikwissenschaften an der Stanford-Universität gewesen, als die Anfrage von Alan Richmond gekommen war, der damals seinen Stab zusammenstellte. Er war der Mann der Stunde gewesen, jung, erfolgreich, dynamisch; jeder hatte auf seinen Zug aufspringen wollen. Da hatte sie ihre Chance genutzt.

Seit drei Jahren war sie nun Stabschefin des Weißen Hauses, mit vielversprechenden Aussichten auf den Posten des Außenministers, wenn Richmond wiedergewählt wurde, wobei man allgemein erwartete, dass ihm das mit Leichtigkeit gelingen sollte. Wer konnte schon vorhersagen, wie sich alles entwickelte? Vielleicht war sogar ein gemeinsames Team Richmond-Russell im Entstehen begriffen. Sie ergänzten einander hervorragend. Russell war die Strategin; er war unübertroffen, was die Öffentlichkeitsarbeit anging. Ihre Zukunft schien mit jedem Tag strahlender zu werden. Und jetzt? Jetzt hatte sie eine Leiche und einen betrunkenen Präsidenten in einem Haus, das eigentlich leer stehen sollte.

Im Geiste sah sie den Expresszug ihrer Karriere stoppen. Doch dann schaltete ihr Verstand um. Nicht wegen dieser kleinen Nutte, dieses Haufens menschlichen Abfalls. Niemals!

Burton meldete sich zu Wort. »Soll ich jetzt die Polizei anrufen, Ma’am?« Russell glotzte ihn an, als hätte er den Verstand verloren.

»Burton, darf ich Sie daran erinnern, dass es Ihr Job ist, die Interessen des Präsidenten immer und überall zu schützen, und dass nichts, aber rein gar nichts, Vorrang vor dieser Aufgabe hat. Ist das klar?«

»Ma’am, die junge Dame ist tot. Ich glaube, wir –«

»Richtig. Sie und Collin haben die Frau erschossen, und jetzt ist sie tot.« Die Worte hingen in der Luft. Collin rieb sich die Hände, instinktiv wanderte eine Hand zu der Waffe im Schulterhalfter. Er blickte zu der verstorbenen Mrs. Sullivan, als könnte er sie durch bloße Willenskraft wieder zum Leben erwecken.

Burton spannte die mächtigen Schultern und trat einen Schritt näher an sie heran, so dass der Größenunterschied voll zum Tragen kam.

»Hätten wir nicht geschossen, wäre der Präsident jetzt tot. Das ist unsere Aufgabe. Für seine Sicherheit und Gesundheit zu sorgen.«

»Wieder richtig, Burton. Und nun, da Sie seinen Tod verhindert haben, wie wollen Sie der Polizei, der Frau des Präsidenten, Ihren Vorgesetzten, den Anwälten, den Medien, dem Kongress, den Finanzmärkten, dem Land und dem Rest der ganzen verfluchten Welt erklären, warum der Präsident hier war? Und was er hier wollte? Und die Umstände, die dazu geführt haben, dass Sie und Agent Collin die Frau eines Mannes erschossen haben, der zu den wohlhabendsten und einflussreichsten Männern der Vereinigten Staaten zählt? Denn wenn Sie die Polizei anrufen, wenn Sie überhaupt irgendjemanden anrufen, dann werden Sie genau das tun müssen. Wenn Sie also bereit sind, die volle Verantwortung für alles zu übernehmen, dann gehen Sie zum Telefon und rufen Sie an.«

Burtons Gesicht wechselte die Farbe. Er wich einen Schritt zurück. Die körperliche Überlegenheit nützte ihm nichts mehr. Collin beobachtete versteinert den stummen Zweikampf der beiden. Noch nie hatte er erlebt, dass jemand so mit Bill Burton gesprochen hatte. Der große Kerl hätte Russells Genick mit einer einzigen Handbewegung brechen können. Doch diese besondere Eigenschaft war hier und jetzt völlig wertlos für ihn.

Abermals schaute Burton auf die Leiche hinab. Wie konnte man das so erklären, dass sie alle heil aus der Sache herauskamen? Die Antwort war einfach: gar nicht.

Aufmerksam musterte Russell sein Gesicht. Burton blickte wieder auf, doch seine Augen flackerten merklich; sie sahen nicht mehr direkt in ihre. Sie hatte gewonnen. Zufrieden lächelnd nickte sie. Von nun an hatte sie das Ruder in der Hand.

»Gehen Sie jetzt und machen Sie Kaffee, eine ganze Kanne«, befahl sie Burton, wobei sie den Wechsel der traditionellen Machtverhältnisse in vollen Zügen genoss. »Dann beziehen Sie an der Eingangstür Posten, nur für den Fall, dass wir nächtliche Besucher bekommen.

Collin, Sie gehen zum Wagen und reden mit Johnson und Varney. Erzählen Sie nichts von dem hier. Sagen Sie vorerst nur, dass es einen Unfall gegeben hat, dass der Präsident aber wohlauf ist. Mehr nicht. Und dass sie sich bereithalten sollen. Verstanden? Ich melde mich, wenn ich Sie brauche. Ich muss erst einmal nachdenken.«

Burton und Collin nickten und gingen hinaus. Keinem der beiden war beigebracht worden, derartige Befehle von höherer Stelle zu missachten. Außerdem wollte Burton bei dieser Sache nicht das Kommando übernehmen. Dafür konnte ihm niemand genug bezahlen.

Seit die Schüsse den Kopf der Frau in Stücke rissen, hatte Luther sich nicht bewegt. Er hatte einfach Angst. Der Schock war schließlich vorübergegangen, doch seine Augen wanderten immer wieder auf den Boden, wo etwas lag, das vor kurzem noch ein lebendiges, atmendes menschliches Wesen war. In all den Jahren als Krimineller hatte er nur einmal miterlebt, wie jemand umgebracht worden war. Dabei hatte es sich um einen dreifach verurteilten Kinderschänder gehandelt, dem von einem Mithäftling eine zehn Zentimeter lange Klinge in den Rücken gejagt wurde. Die Empfindungen, die ihn jetzt überschwemmten, waren völlig anderer Natur. Er fühlte sich wie der einzige Passagier eines Schiffes, das einen fremden Hafen anlief. Nichts wirkte auch nur im Mindesten vertraut oder bekannt. Jedes Geräusch konnte tödlich für ihn sein; dennoch ließ Luther sich wieder langsam auf den Stuhl nieder, bevor die zitternden Beine unter ihm wegknicken konnten.

Er beobachtete, wie Russell im Zimmer umherging, sich neben der toten Frau bückte, sie aber nicht berührte. Als nächstes hob sie den Brieföffner auf, wobei sie ihn mit einem Taschentuch am Ende der Klinge hielt. Lange und eindringlich betrachtete sie den Gegenstand, der beinahe dem Leben des Präsidenten ein Ende bereitet hätte und der letztendlich beim Tod eines anderen Menschen eine entscheidende Rolle gespielt hatte. Vorsichtig legte sie ihn auf den Nachttisch und steckte das Taschentuch wieder ein. Sie warf einen flüchtigen Blick auf das verrenkte Gebilde, das noch kurz zuvor Christine Sullivan gewesen war.

Russell konnte nicht anders, als Richmond dafür zu bewundern, wie er seine außerplanlichen Aktivitäten abwickelte. All seine »Gespielinnen« waren reiche und gesellschaftlich hoch angesehene Frauen, und alle waren verheiratet. Dadurch war sichergestellt, dass seine Seitensprünge nie in der Boulevardpresse erscheinen würden. Die Frauen, mit denen er ins Bett stieg, hatten ebenso viel zu verlieren wie er selbst, wenn nicht noch mehr, und sie waren sich dieser Tatsache sehr wohl bewusst.

Überhaupt, die Presse. Russell lächelte. Heutzutage, in diesem Zeitalter, wurde der Präsident auf Schritt und Tritt beobachtet. Weder konnte er auf den Lokus gehen, noch eine Zigarre rauchen oder rülpsen, ohne dass die Öffentlichkeit jede Einzelheit darüber erfuhr. Zumindest glaubte die Öffentlichkeit das. Hauptgrund dafür war, dass die Presse und deren Fähigkeit, jedes noch so winzige Detail einer Story zum Vorschein zu bringen, weit überschätzt wurde. Etwas wurde nämlich übersehen: Zwar hatte das Amt des Präsidenten über die Jahre hinweg einen Teil der enormen Macht eingebüßt, da die Probleme einer aus den Fugen geratenen Welt zu groß geworden waren, als dass ein einzelner Mensch sie wirkungsvoll hätte bewältigen können. Doch der Präsident war von absolut loyalen und überaus fähigen Leuten umgeben, die, was verdeckte Operationen anging, in einer höheren Liga spielten als die großkotzigen Journalisten, für die das Aufspüren einer tollen Story darin bestand, einen Kongressabgeordneten mit Allerweltsfragen zu überhäufen, der für das Privileg, in den Abendnachrichten erwähnt zu werden, mehr als bereit war, mit ihnen zu reden.

Tatsache war, dass sich der Präsident, wenn ihm der Sinn danach stand, frei bewegen konnte, ohne fürchten zu müssen, dass irgendjemand seinen Aufenthaltsort in Erfahrung bringen konnte. Es war ihm sogar möglich, sich den Augen der Öffentlichkeit zu entziehen, solange er wollte, wenngleich dies dem genauen Gegenteil dessen entsprach, was ein erfolgreicher Politiker als sein Tagewerk betrachtete. Und dieses Privileg lief auf einen gemeinsamen Nenner zusammen.

Den Secret Service. Sie waren die Besten der Besten. Das hatte diese Elitetruppe über die Jahre hinweg wiederholt bewiesen. Wie auch bei der Planung dieser jüngsten Eskapade.

Kurz nach zwölf Uhr mittags hatte Christy Sullivan den Schönheitssalon im Nordwesten von Upper Washington verlassen. Nachdem sie einen Block weit gegangen war, betrat sie das Foyer eines Apartmenthauses und verließ es einige Augenblicke später wieder, allerdings in einen knöchellangen Mantel gehüllt, den sie in der Tasche gehabt hatte. Eine dunkle Brille verdeckte ihre Augen. Sie ging ein paar Blocks weiter und nahm dann die U-Bahn zum Metro-Center. Nachdem sie die U-Bahn verlassen hatte, schlenderte sie noch zwei Blocks weiter und verschwand in einer Gasse zwischen zwei Gebäuden, die noch dieses Jahr abgerissen werden sollten. Zwei Minuten später fuhr ein Wagen mit getönten Scheiben aus der Gasse. Collin saß am Steuer, Christy Sullivan auf dem Rücksitz. Dann war sie von Bill Burton an einem »sicheren« Ort verwahrt worden, bis der Präsident später am Abend zu ihr stoßen konnte.

Das Anwesen der Sullivans hatte man als perfekte Bühne für das Zwischenspiel gewählt, weil ironischerweise ihr Landsitz der letzte Ort war, an dem man Christy Sullivan vermutet hätte. Russell wusste außerdem, dass es gerade leer stand und die Alarmanlage kein Hindernis für ihre Pläne darstellte.

Russell ließ sich auf einem Stuhl nieder und schloss die Augen. Ja, sie hatte zwei der fähigsten Leute des Secret Service hier in diesem Haus. Und zum allerersten Mal bedauerte die Stabschefin diesen Umstand. Der Präsident persönlich hatte die vier Agenten, die ihn und Russell begleiteten, aus über hundert zu seinem Schutz abgestellten Männern für seine kleinen Abenteuer ausgewählt. Sie alle waren durch und durch loyal und höchst kompetent. Sie kümmerten sich um den Präsidenten und hielten den Mund, gleichgültig, was von ihnen verlangt wurde. Bisher hatte Präsident Richmonds Leidenschaft für verheiratete Frauen noch keine größeren Schwierigkeiten hervorgerufen. Doch die Ereignisse dieser Nacht stellten alles Bisherige in Frage. Russell schüttelte den Kopf.

Luther musterte das Gesicht. Es war ein intelligentes, attraktives, gleichzeitig aber auch sehr hartes Gesicht. Man konnte die Gedankengänge beinahe sehen, als sich die Stirn abwechselnd runzelte und glättete. Die Zeit verging, doch sie rührte sich nicht. Endlich schlug Gloria Russell die Augen auf und ließ sie durch das Zimmer wandern, studierte jede Einzelheit.

Unwillkürlich zuckte Luther zusammen, als ihr Blick über ihn hinwegstreifte wie ein Suchscheinwerfer über einen Gefängnishof. Dann schaute sie zum Bett und verharrte dort. Eine lange Minute starrte sie auf den schlafenden Mann. Danach trat ein Ausdruck in ihr Gesicht, den Luther nicht zu deuten vermochte. Es war eine Mischung aus Lächeln und Grimasse.

Russell stand auf, trat ans Bett und sah auf den Mann hinab. Ein Mann des Volkes; zumindest glaubte es das Volk. Ein großer Mann, ein Jahrhundertmann. Im Augenblick sah er nicht so groß aus. Mit gespreizten Beinen lag er halb auf dem Bett, die Füße berührten fast den Boden; für einen nackten Mann war das, gelinde ausgedrückt, eine peinliche Stellung.

Ihre Augen begutachteten den Körper des Präsidenten, wobei sie an einigen Stellen verweilten. Dieses Verhalten versetzte Luther in Anbetracht der Leiche auf dem Fußboden in Erstaunen. Er hatte Sirenen erwartet, Polizisten, Ermittlungsbeamte, Gerichtsmediziner und vielleicht sogar Pressesprecher, die hier überall herumschwirrten, während sich draußen die Wagenkolonnen der Journalisten stauten. Offenbar hatte diese Frau einen anderen Plan.

Luther hatte Gloria Russell auf CNN und den anderen wichtigen Sendern gesehen, unzählige Male in der Zeitung und einmal in Person bei einer Veranstaltung zum 4. Juli. Sie hatte einprägsame Gesichtszüge. Eine lange Adlernase zwischen hohen Wangenknochen war das Erbe eines Cherokee-Vorfahren. Das glatte, pechschwarze Haar fiel bis auf die Schultern. Die Augen waren groß und von so intensivem Blau, dass sie den tiefsten Stellen des Meeres ähnelten; zwei Seen, in denen Unvorsichtige und Unachtsame ertrinken konnten.

Langsam, leise, regte sich Luther auf dem Stuhl. Diese Frau vor einem schmucken offenen Kamin in einem antiken Ohrensessel im Weißen Haus zu sehen, wie sie über die jüngsten politischen Probleme dozierte, war eine Sache. Eine völlig andere Sache war es, sie dabei zu beobachten, wie sie durch ein Zimmer ging, in dem eine Leiche lag, und einen betrunkenen, nackten Mann anstierte, der als Führer der Freien Welt galt. Es war ein Schauspiel, das Luther nicht länger mit ansehen wollte, doch konnte er die Augen nicht davon abwenden.

Russell warf einen Blick zur Tür, durchschritt rasch das Zimmer, holte ein Taschentuch hervor, schloss die Tür und sperrte sie ab. Flink ging sie zurück, um erneut auf den Präsidenten hinabzustarren. Sie streckte die Hand aus; ahnungsvoll zuckte Luther zusammen, doch sie streichelte nur sein Gesicht. Luther atmete auf, doch dann sah er, wie ihre Hand auf seine Brust sank, auf der dichten Behaarung verweilte, dann noch weiter auf den flachen Bauch wanderte, der sich in festem Schlaf gleichmäßig hob und senkte.

Danach glitt ihre Hand noch tiefer. Langsam zog sie die Decke weg und ließ sie auf den Boden fallen. Sie fasste zwischen seine Beine und verharrte. Als nächstes spähte sie abermals zur Tür und kniete sich vor dem Präsidenten nieder. Schließlich musste Luther die Augen schließen. Die voyeuristischen Vorlieben des Hausbesitzers teilte er nicht.

Einige lange Minuten verstrichen, dann öffnete Luther die Augen. Der Präsident war nicht annähernd bei Bewusstsein; seine Augen waren immer noch geschlossen, doch ein wesentlicher Teil seiner Anatomie war hellwach. Nun streifte Gloria Russell die Strumpfhose ab und legte sie ordentlich auf einen Sessel. Danach stieg sie auf das Bett und ließ sich über dem Präsidenten nieder.

Erneut schloss Luther die Augen. Er fragte sich, ob man unten das Bett quietschen hörte. Wahrscheinlich nicht; es war ein ziemlich großes Haus. Und selbst wenn, was konnten die Agenten schon tun?

Die Zeit verging, und endlich vernahm Luther ein kurzes, unwillkürliches Keuchen des bewusstlosen Mannes und ein tiefes Stöhnen der Frau. Doch Luther ließ die Augen geschlossen. Er wusste nicht genau warum. Es schien eine Mischung aus blanker Angst und Abscheu zu sein, Abscheu über die Pietätlosigkeit gegenüber der toten Frau.

Als er schließlich die Augen aufschlug, blickte ihn Russell direkt an. Einen Augenblick lang blieb ihm das Herz stehen, bis ihm der Verstand mitteilte, dass alles in Ordnung war. Rasch schlüpfte sie in die Strumpfhose. Danach trug sie mit selbstsicheren, gleichmäßigen Strichen im Spiegel den Lippenstift wieder auf.

Um ihre Lippen spielte ein Lächeln, die Wangen waren gerötet. Sie wirkte jünger. Luther schaute zum Präsidenten. Er war wieder in tiefen Schlaf verfallen. An die letzte halbe Stunde würde er sich vermutlich als besonders realistischen und angenehmen Traum erinnern. Luther wandte den Blick zurück zu Russell.

Es war beklemmend, dass ihm die Frau direkt ins Gesicht sah, in diesem Zimmer des Todes, ohne zu wissen, dass er hier war. Aus dem Gesicht der Frau sprach Macht. Und Luther erkannte einen Blick, den er in diesem Raum bereits gesehen hatte. Diese Frau war ebenfalls gefährlich.

»Ich will, dass alles im Zimmer desinfiziert wird, ausgenommen das da.« Russell deutete auf die verstorbene Mrs. Sullivan. »Nein, warten Sie. Wahrscheinlich war er auf ihr. Burton, ich will, dass Sie jeden Millimeter ihres Körpers absuchen und alles beseitigen, was auch nur im entferntesten so aussieht, als ob es nicht hingehört. Danach ziehen Sie sie wieder an.«

Mit behandschuhten Händen machte sich Burton daran, den Auftrag auszuführen.

Collin saß neben dem Präsidenten und flößte ihm eine weitere Tasse Kaffee ein. Das Koffein würde helfen, die Benommenheit zu überwinden, aber nur die Zeit konnte den Rausch völlig vertreiben. Russell setzte sich neben ihn. Sie nahm die Hand des Präsidenten in die ihre. Mittlerweile war er vollständig angezogen, lediglich sein Haar war noch zerzaust. Sein Arm schmerzte, aber sie hatten ihn, so gut es ging, verbunden. Er war in ausgezeichneter Verfassung; die Wunde würde rasch heilen.

»Mr. President? Alan? ALAN?« Russell nahm sein Gesicht zwischen die Hände und drehte es zu sich.

Hatte er gespürt, was sie mit ihm getan hatte? Sie bezweifelte es. So sehnlich hatte er sich eine heiße Nummer für die Nacht gewünscht, hatte in eine Frau eindringen wollen. Unaufgefordert hatte sie ihm ihren Körper dargebracht. Technisch gesehen, hatte sie ihn vergewaltigt. Rein technisch. Tatsächlich aber wusste sie zuversichtlich, dass sie ihm den Traum vieler Männer erfüllt hatte. Es spielte keine Rolle, wenn er sich an ihr Opfer nicht erinnerte. Dafür würde sie verdammt sicher stellen, dass er mitbekam, was sie nun für ihn tat.

Die Augen des Präsidenten blickten mal klar, mal wieder verschwommen. Collin rieb sich den Nacken. Langsam kam der Mann wieder zu sich. Russell spähte auf die Uhr. Zwei Uhr morgens. Sie mussten zurückfahren. Sie schlug ihn ins Gesicht, zwar nicht fest, aber doch hart genug, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Dabei bemerkte sie, wie Collin zusammenzuckte. Gott, diese Kerle waren so einfältig.

»Alan, hast du Sex mit ihr gehabt?«

»Was …«

»Hast du Sex mit ihr gehabt?«

»Was … nein. Glaub’ ich nicht. Weiß nicht …«

»Geben Sie ihm noch mehr Kaffee, mit Gewalt, wenn es sein muss, aber machen Sie ihn nüchtern!« Collin nickte und tat, wie ihm geheißen.

Russell ging zu Burton, der mit behandschuhten Händen sorgfältig jeden Fingerbreit der verblichenen Mrs. Sullivan untersuchte.

Burton war bei zahlreichen Polizeiermittlungen dabei gewesen. Er wusste ganz genau, wonach Polizeibeamte suchten und wo sie danach suchten. Nie hätte er sich träumen lassen, dieses besondere Wissen einmal einsetzen zu müssen, um Ermittlungen zu behindern; aber schließlich hätte er sich auch nie träumen lassen, dass er in eine derartige Lage schlittern konnte.

Er sah sich im Zimmer um und überlegte, welche Bereiche er noch bearbeiten musste, welche anderen Räume sie benutzt hatten. Gegen die Male am Hals der Frau konnten sie nichts unternehmen, ebenso wenig gegen andere mikroskopisch kleine Beweise, die sich zweifellos in ihrer Haut finden würden. Der Gerichtsmediziner würde sie aufspüren, ganz gleich, was sie versuchten. Aber realistisch betrachtet, konnte keiner dieser Beweise in Richtung des Präsidenten zurückverfolgt werden, sofern die Polizei ihn nicht als Verdächtigen betrachtete. Das jedoch lag weit jenseits des Denkbaren.

Einen Zusammenhang zwischen der versuchten Strangulierung einer zierlichen Frau und dem tatsächlichen Tod durch Kugeln herzustellen blieb der Vorstellungskraft der Polizei überlassen.

Burton wandte sich wieder der Leiche zu und begann vorsichtig, ihr das Unterhöschen über die Beine zu streifen. Er spürte, wie ihm jemand auf die Schulter klopfte.

»Sehen Sie nach!«

Burton blickte nach oben. Er wollte etwas erwidern.

»Sie sollen nachsehen!« Russell zog die Augenbrauen hoch. Schon Tausende Male hatte Burton gesehen, wie sie mit dem Stab des Weißen Hauses so verfahren war. Alle hatten höllischen Respekt vor ihr. Zwar hatte er selber keine Angst, doch er war klug genug, sich zurückzuhalten, wenn sie anwesend war. Zögernd tat er, was ihm befohlen wurde. Dann legte er den Körper wieder genauso hin, wie er gefallen war. Er teilte Russell seine Erkenntnisse durch ein einziges Kopfschütteln mit.

»Sind Sie sicher?« Russell wirkte nicht überzeugt, obwohl sie durch ihr Zwischenspiel mit dem Präsidenten wusste, dass er höchstwahrscheinlich keinen Verkehr mit der Frau gehabt oder den Akt zumindest nicht vollendet hatte. Aber es könnten Spuren zurückgeblieben sein. Was man heutzutage aus den geringsten Samenspuren ablesen konnte, war einfach teuflisch.

»Verdammt noch mal, ich bin kein Frauenarzt. Ich habe nichts gefunden, und ich glaube, das hätte ich, aber ich trage nicht ständig ein Mikroskop mit mir herum.«

Russell musste es dabei bewenden lassen. Es gab noch soviel zu tun und nur wenig Zeit dafür.

»Haben Johnson und Varney etwas gesagt?«

Collin blickte herüber. Er saß noch neben dem Präsidenten, der gerade die vierte Tasse Kaffee hinunterspülte. »Sie fragen sich natürlich, was hier los ist, wenn Sie das meinen.«

»Sie haben doch nicht …«

»Ich habe ihnen gesagt, was Sie angeordnet haben, mehr nicht, Ma’am.« Er sah sie an. »Das sind gute Männer, Ms. Russell. Sie sind seit dem Wahlkampf beim Präsidenten und werden keine Probleme machen, okay?«

Russell belohnte Collin mit einem Lächeln. Ein gutaussehender Junge. Und, was viel wichtiger war, ein loyales Mitglied des persönlichen Stabs des Präsidenten. Collin würde ihr sehr nützlich sein. Burton konnte ein Problem werden. Er war älter, weiser, und Russell hielt ihn für einen Klugscheißer. Aber sie hatte einen starken Trumpf. Er und Collin hatten abgedrückt, vielleicht in Ausübung ihrer Pflicht, aber wer konnte das schon so genau sagen? Auf jeden Fall steckten die beiden bis zum Hals mit in der Sache drin.

Luther beobachtete das Treiben mit einer Hochachtung, die ihm unter den gegebenen Umständen geradezu Schuldgefühle bereitete. Diese Männer waren gut; sie gingen methodisch und gewissenhaft vor und übersahen nichts. Qualifizierte Gesetzeshüter und professionelle Verbrecher waren gar nicht so verschieden. Die Fähigkeiten und Verfahren waren ziemlich ähnlich, lediglich der Einsatzzweck war ein anderer; doch gerade der machte letztendlich den ganzen Unterschied aus. Oder etwa nicht?

Die Frau war inzwischen vollständig angezogen und lag genau an der Stelle, an der sie gefallen war. Collin wurde gerade mit ihren Fingernägeln fertig. Unter jeden hatte er eine Flüssigkeit gespritzt, und ein kleines Sauggerät hatte sämtliche Hautpartikel und andere belastende Spuren beseitigt.

Das Bett war frisch überzogen und gemacht worden; das beweisträchtige Laken war bereits in einem Beutel verstaut und blickte seinem letzten Bestimmungsort, einem Verbrennungsofen, entgegen. Das Erdgeschoss war Collin bereits durchgegangen.

Alles, was sie berührt hatten, war abgewischt worden, mit Ausnahme eines Gegenstandes. Burton bearbeitete gerade Teile des Teppichs mit einem Staubsauger. Er sollte der letzte sein, der rückwärts den Raum verlassen und peinlich genau alle restlichen Spuren verwischen würde.

Luther sah zu, wie sie den Raum durchstöberten. Ihre augenscheinliche Absicht brachte ihn trotz allem zum Lächeln. Einbruch. Die Halskette verschwand mitsamt der Unmenge an Ringen in einem Beutel.

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