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Der Playboy von Tobago

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1. KAPITEL

Emma hatte keine Ahnung, nach wem sie Ausschau halten sollte, aber das war ihr eigentlich auch gleichgültig. Hier auf dem kleinen Flugplatz von Tobago, nur noch wenige Meilen von ihrem Ziel entfernt, stellte sie sich mit einem Anflug von Panik erneut die bange Frage, ob sie das Richtige getan habe. Doch nun war es ohnehin für eine Umkehr zu spät.

Nachdem sie die Zollformalitäten hinter sich gebracht hatte, trat sie nach draußen, um auf den Wagen zu warten, der sie zur Jackson-Villa bringen sollte. Entschlossen sagte sie sich, dass dies eine einmalige Gelegenheit sei, die Westindischen Inseln zu besuchen, selbst wenn der Aufenthalt hier ein Fiasko würde. Die meisten ihrer Freunde hätten alles gegeben, jetzt an ihrer Stelle zu sein.

Schwatzende Einheimische standen in Gruppen zusammen und verkauften Früchte an die Touristen. Bunt gekleidete, dunkelhäutige Frauen standen hinter Tischen beladen mit Süßigkeiten und fächelten sich träge Kühlung zu. Der Himmel war von einem fast unwirklichen Blau, die Bäume so grün, dass sie beinahe künstlich wirkten. Dies war eine völlig andere Welt, fern von dem englischen Grau in Grau, das Emma hinter sich gelassen hatte. Doch nicht nur die bunte Szenerie war anders. Hier schien alles einfach langsamer abzulaufen. Die Leute waren ruhiger und ausgeglichener und weniger darauf versessen, möglichst schnell von einem Ort zum anderen zu gelangen.

Emma lauschte ihrem singenden Tonfall und versuchte, sich zu beruhigen. Sie durfte sich nicht von ihrer Nervosität unterkriegen lassen. In den letzten zehn Monaten hatte sie schließlich genügend Zeit gehabt, die Vor- und Nachteile dieser Reise abzuwägen. Wo blieb denn ihr Selbstbewusstsein?

Wenn nur der Wagen endlich kommen würde! Das untätige Herumstehen machte sie noch nervöser und ungeduldiger. Man hatte ihr gesagt, dass Donald Jacksons Gärtner und Hausboy sie am Flugplatz abholen würde. Hoffnungsvoll sah sie sich um. Vielleicht war er ja schon da und erkannte sie nur nicht? Dann musste er allerdings wirklich blind sein. Mit dem hellblonden, zu einem dicken Zopf geflochtenen Haar und der blassen Gesichtsfarbe hob sie sich auffällig von der Menge ab.

Emma setzte die Koffer ab, ließ sich seufzend auf einem davon nieder und schlang ihre Arme um die Knie. All die Zweifel und Unsicherheiten, die sie seit ihrem Entschluss, nach Tobago zu kommen, ständig geplagt hatten, überfielen sie plötzlich wieder. Und aufs neue stellte sie sich die bange Frage, ob es nicht besser gewesen wäre, die Vergangenheit ruhen zu lassen?

Sie war so in Gedanken vertieft, dass sie die Schritte nicht hörte, die sich ihr näherten.

„Sie müssen Emma Belle sein. Ich soll Sie abholen.“ Der Mann hatte eine tiefe Stimme und einen etwas schleppenden Tonfall, der einen kaum hörbaren englischen Akzent verriet.

Überrascht sah Emma auf, und ihr erster Eindruck war der von Größe und Autorität. Der Fremde blickte sie so prüfend an, dass es sie verwirrte und sie schnell aufsprang. Gleichzeitig schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, dass der Mann ihr lieber beim Aufstehen helfen sollte, anstatt die Hände in den Taschen seiner Jeans zu behalten. Als sie nach ihrem Gepäck griff, streckte er jedoch die Hand aus, um es ihr abzunehmen.

„Wenn Sie erlauben.“

„Ich komme schon zurecht“, erwiderte Emma eigensinnig. „Schön.“ Ohne ein weiteres Wort zu sagen, drehte der Mann sich um und ging auf den Parkplatz zu. Emma musste fast laufen, um mit ihm Schritt zu halten. „Können Sie nicht etwas langsamer gehen?“, meinte sie schließlich erbost und völlig außer Atem. „Zufälligerweise muss ich mich mit zwei schweren Koffern und dem Handgepäck abschleppen. Sie können nicht erwarten, dass ich dieses Tempo mithalte!“

Der Mann blieb stehen und wandte sich zu ihr um. „Sie haben es doch abgelehnt, dass ich Ihnen helfe“, erwiderte er sanft. Emma sah zu ihm auf, betrachtete sein markantes Gesicht, das dichte schwarze Haar und seine forschend blickenden blauen Augen, deren arroganter Ausdruck sie zu ärgern begann.

Sie errötete und war auf sich selbst wütend. Erst seit zehn Minuten kannten sie sich, und schon hatte er sie zutiefst verunsichert. Allerdings hatte er sie auch zu einer sehr ungünstigen Zeit erwischt. Sie fühlte sich erhitzt und war müde und nervös. Normalerweise ließ sie sich nicht so leicht aus der Fassung bringen, und schon gar nicht von Männern, deren Sinnlichkeit so offensichtlich war. Immer noch betrachtete er sie durchdringend, und sie sah schnell beiseite.

„Sie sind also Donald Jacksons Gärtner?“, erkundigte sie sich misstrauisch. Einen so arroganten Gärtner hatte sie allerdings noch nie gesehen.

„Nein.“

„Und wer sind Sie dann?“ Er könnte ja sonst wer sein. Er wirkte irgendwie aggressiv auf sie, was ihr absolut missfiel. Entweder hatte er schlechte Laune oder von Natur aus etwas Bedrohliches an sich. Emma beschloss, keinen Schritt weiterzugehen, bevor er sich nicht vorgestellt hatte. Sie setzte die Koffer ab und verschränkte die Arme.

„Nun?“, fragte sie. „Wer sind Sie? Man hat mir gesagt, Mr. Jacksons Gärtner werde mich abholen. Ich werde so lange hier stehen bleiben, bis Sie mir gesagt haben, wer Sie sind, und mir beweisen, dass Sie auch wirklich beauftragt sind, mich abzuholen.“

„Beweisen? Beauftragt?“ Der Mann lachte kurz auf und betrachtete sie verächtlich. „Entweder Sie kommen jetzt mit mir, oder Sie werden den Rest des Tages hier in der Sonne schmoren.“ Er nahm mühelos ihre Koffer auf und ging davon.

Emma eilte ihm nach. Sie war es nicht gewohnt, so behandelt zu werden. Im Lauf der Jahre war es ihr gelungen, äußerlich kühl und selbstbewusst zu wirken – eine Frau, die man respektierte. Sie zog es vor, selbst die Kontrolle zu übernehmen.

„Sie könnten mir zumindest Ihren Namen nennen!“, meinte sie wütend und rang nach Atem. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass einige Einheimische sie neugierig und amüsiert beobachteten. Das machte sie noch wütender. Was glaubte er denn, wer er war? Sie musste wirklich lächerlich wirken, wie sie verschwitzt und mit halb gelöstem Haar hinter diesem großen schwarzhaarigen barbarischen Menschen herrannte.

Der Mann dagegen schien sich nicht darum zu scheren, was die Umstehenden von ihm dachten. Offensichtlich war er der Meinung, sie habe keine andere Wahl, als hinter ihm herzulaufen und sich zum Gespött aller Leute zu machen.

„Wie heißen Sie?“, wiederholte sie, außer sich vor Wut. „Entschuldigung“, sagte der Mann, klang jedoch gar nicht, als ob es ihm leidtun würde. „Habe ich meinen Namen noch nicht genannt?“

„Nein, das haben Sie nicht!“

„Ich bin Conrad DeVere.“ Er ging auf einen alten, aber sehr gepflegten Landrover zu und öffnete die Kofferklappe.

Emma erstarrte. Natürlich! Wäre er nicht so unhöflich gewesen, hätte sie ihn gleich erkannt. Obwohl er besser als auf den Zeitungsfotos aussah, wie sie widerstrebend zugeben musste. Während er ihr Gepäck in den Wagen lud, beobachtete sie ihn verstohlen.

Geschäftsmann, Finanzgenie, Frauenliebling – genau der Typ von Mann, den sie am meisten verabscheute. Falls man ihm je etwas wie Höflichkeit beigebracht hatte, dann verschwendete er sie jedenfalls nicht an sie. Emma kletterte auf den Beifahrersitz und schnallte sich an.

„Ich habe von Ihnen gehört“, sagte sie mit einem Blick auf sein markantes Profil.

„Zweifellos“, erwiderte Conradp trocken. „Und was genau hat diese Journalistenbande über mich berichtet?“

Sie zog es vor, seinen Sarkasmus zu überhören. „Wenn Sie sich nicht gerade um Ihre eigenen Geschäfte kümmern, sind Sie Donald Jacksons engster Berater, nicht wahr?“ Tatsächlich waren Conrad DeVeres eigene Unternehmungen weitaus größer als Donalds. Er schien überall in Europa und Amerika Besitzungen zu haben: Hotels und Immobilienfirmen und sogar einige chemische Fabriken, wenn sie sich recht erinnerte.

Sein Bild erschien mit penetranter Regelmäßigkeit in den Zeitungen. Als sie jetzt sein Gesicht betrachtete, kam sie zu dem Schluss, dass sie ihn nicht mochte. Zu sexy, zu selbstbewusst und zu arrogant – ein Mann, der über Leichen ging.

„Nun, zu welchem Urteil sind Sie gekommen?“ Er ließ den Motor an und manövrierte den Wagen aus der Parklücke.

Sein verächtlicher Ton brachte Emma zur Raserei. „Ihr Leben ist ja schließlich kein Geheimnis“, erwiderte sie bissig. „Außerdem möchte ich so viel wie möglich über die Leute wissen, mit denen ich arbeite. Das ist sehr wichtig für meinen Job. Davon abgesehen“, fuhr sie kühl fort, „warum sind Sie eigentlich hier? Mr. Jacksons Hauptniederlassungen sind doch in den USA und London, genau wie Ihre, wenn ich mich nicht irre?“

Durch das Wagenfenster konnte sie in der Ferne das blaue Meer erkennen, vor dem sich schlanke Kokosnusspalmen im sanften Wind wiegten. Sie hätte diese Bilderbuchlandschaft allerdings noch mehr genossen, würde sie nicht neben einem Mann sitzen, den sie von Anfang an unsympathisch gefunden hatte und den sie nur ablehnen konnte.

Ihr missfielen seine Arroganz, seine Unhöflichkeit und vor allem die Tatsache, dass er sie ständig aus dem Gleichgewicht brachte.

„Ich bin Ihretwegen hier“, entgegnete er und warf ihr einen kurzen Blick zu.

„Meinetwegen? Warum?“

„Ich wollte Sie kennenlernen und feststellen, was für ein Mensch Sie sind.“ Sein Ton verriet eindeutig, dass ihm nicht unbedingt gefiel, was er sah.

„Wie schmeichelhaft“, erwiderte sie sarkastisch. „Als ich das Angebot annahm, Donald Jackson bei seiner Biografie zu helfen, war ich mir nicht bewusst, dass der große Conrad DeVere mich mit seiner Aufmerksamkeit beehren würde.“

Sein Gesichtsausdruck wurde hart, und Emma war plötzlich auf der Hut. Dieser Mann schien gefährlich zu sein. Doch falls er dachte, sie auf diese Art einschüchtern zu können, dann würde sie ihn eines Besseren belehren.

„Ich wollte selbst sehen, wen Donald engagiert hat. Eine so junge und attraktive Frau hatte ich allerdings nicht erwartet.“

„Und das heißt?“ Sie begann sich unbehaglich zu fühlen. „Das heißt, dass es mich überrascht, wenn ein Mädchen wie Sie ein Leben auf einer abgelegenen Insel in Kauf nimmt, nur um für einen alten Mann zu arbeiten.“

„Ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen“, sagte Emma kalt. Dabei wusste sie es genau, und es gefiel ihr nicht im Geringsten. „Kommen Sie, Sie wissen doch genau, wovon ich rede.“

„Ich weiß überhaupt nichts“, widersprach sie hitzig. „Nur zu Ihrer Information: Meine Anwesenheit hier geht Sie gar nichts an. Sie sind nicht mein Arbeitgeber – zum Glück.“

DeVere brachte den Wagen am Straßenrand zum Stehen. „Was fällt Ihnen ein?“ Emmas grüne Augen funkelten vor Wut. „Warum fahren Sie nicht weiter?“

Er wandte sich ihr zu, und Emma fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg, als er sie mit seinen blauen von dichten schwarzen Wimpern umrandeten Augen ausdruckslos betrachtete.

„Wir sollten vielleicht einige Dinge klären“, sagte er kalt. „Erstens geht mich Ihre Anwesenheit hier sehr wohl etwas an, weil ich es sage. Und zweitens missfällt mir Ihr Ton.“

„Ihnen missfällt mein Ton!“ Sie lachte ungläubig. „Das Kompliment kann ich gleich zurückgeben! Und was das andere angeht: Es tut mir leid, wenn ich Ihnen ein wenig dumm vorkomme, aber ich sehe nicht, was ich mit Ihnen zu tun habe. Oder interessieren Sie sich immer so für Mr. Jacksons Angestellte?“

DeVere lehnte sich zu ihr hinüber, bis sie seinen warmen Atem auf dem Gesicht spürte. Seine sexuelle Ausstrahlung verwirrte sie zutiefst, und das störte sie ganz empfindlich.

Als sie von ihm wegrücken wollte, packte er sie am Handgelenk, und Emma versuchte sich vergeblich aus seinem Griff zu befreien.

„Na gut“, sagte sie schließlich. „Sie sind stärker als ich. Aber wenn Sie glauben, ich ließe mich davon einschüchtern, dann haben Sie sich geirrt. Mit dieser Methode kommen Sie vielleicht bei den Frauen durch, die Sie ständig umschwärmen, aber da ich zum Glück nicht dazugehöre, werde ich Ihnen gegenüber jeden Ton anschlagen, den ich für richtig halte. Und wenn Sie jetzt so nett sein würden, mich loszulassen …“

Das tat er jedoch nicht, und Emma wurde plötzlich ängstlich. Alles an Conrad DeVere flößte ihr Unbehagen ein, von seinem athletischen Körperbau bis hin zu dem harten Schimmer in seinen Augen. Vielleicht hätte sie nicht mit ihm streiten, sondern einfach den Mund halten und ihm höflich zuhören sollen, wie sie es bei jedem anderen Mann gemacht hätte. Aber Conrads Gegenwart löste alle möglichen merkwürdigen Reaktionen bei ihr aus.

„Hören Sie mir jetzt zu, oder muss ich zu meinen eigenen Methoden greifen?“ Er ließ den Blick unverschämt über ihr Gesicht und ihren Körper gleiten.

Emma sah ihn ungläubig an, dann nickte sie. „Also gut.“ Wenn er meinte, sein Selbstbewusstsein unbedingt auf ihre Kosten stärken zu müssen, dann konnte sie im Moment wenig dagegen tun. Sie fragte sich, was die Frauen nur in ihm sahen. Sie jedenfalls verabscheute ihn einfach, besonders die Art, wie er sie jetzt gerade betrachtete: als wäre sie ein abstoßendes Insekt unter einem Mikroskop.

„Zufälligerweise habe ich Donald Jackson sehr gern. Er ist immer wie ein Vater für mich gewesen, und ich will nicht, dass er irgendwelchen Glücksrittern zum Opfer fällt.“

Emma stieg das Blut in die Wangen. „Wie können Sie es wagen, so etwas zu sagen?“

„Also, falls Sie etwas in der Richtung planen, bekommen Sie es mit mir zu tun. Es gab da schon einmal eine Frau, die hinter seinem Geld her war. Damals hat er genug gelitten.“

Endlich gab er sie frei, und Emma massierte vorsichtig ihr fast abgestorbenes Handgelenk.

Er nahm also an, sie sei hinter Donalds Geld her! Der Gedanke war einfach lächerlich, doch sein drohender Gesichtsausdruck sagte ihr, dass Conrad nicht spaßte.

Nur mühsam beherrschte sie sich. „Sie scheinen wirklich eine blühende Fantasie zu haben“, begann sie. „Denn Sie liegen mit Ihrer Einschätzung völlig falsch. Ich habe durch den Bekannten einer Freundin von diesem Job gehört und mich beworben. So einfach ist das.“ Sie schwieg, um Atem zu holen, und wünschte sich, etwas überzeugender geklungen zu haben.

„Ich helfe Leuten bei ihren Biografien, Mr. DeVere.“ Enttäuscht bemerkte sie, dass er die Verachtung, mit der sie seinen Namen aussprach, offensichtlich nicht zur Kenntnis nahm. „Daher lerne ich oft reiche und berühmte Leute kennen. Es würde mir nie in den Sinn kommen, so weit zu reisen, wenn ich hinter Geld her wäre.“ Die erste Hälfte ihres Kommentars stimmte zwar nicht ganz, doch der letzte Satz entsprach voll der Wahrheit.

Conrad betrachtete sie durchdringend von Kopf bis Fuß. Schließlich sah er ihr direkt in die Augen. „Ich habe vorsichtshalber ein paar Erkundigungen über Sie eingezogen“, erklärte er sanft. „Und dabei sind einige sehr merkwürdige Dinge zum Vorschein gekommen.“

Emmas Herz setzte einen Schlag aus, und sie befeuchtete sich unruhig mit der Zunge die Lippen. Doch dann nahm sie sich zusammen. Es war schließlich sehr unwahrscheinlich, dass er ihr Geheimnis entdeckt hatte. Sie hatte also keinen Grund zur Sorge.

„Wirklich?“, erwiderte sie so ruhig wie möglich. Sie durfte sich nichts anmerken lassen. Dieser Mann war kein Dummkopf und schien sehr hartnäckig zu sein. Sobald er auch nur den geringsten Verdacht hegte, würde er nicht eher Ruhe geben, bis er all ihre sorgfältig ausgeklügelten Pläne ans Tageslicht gebracht hatte. Und dann gnade ihr Gott!

Sie schenkte ihm deshalb ihr freundlichstes Lächeln, obwohl ihr der Mund vor Anstrengung wehtat. Warum nahm DeVere nicht einfach das nächste Flugzeug und verschwand?

„Wirklich“, fuhr er sanft fort, ließ den Motor wieder an und gab Gas. „Wollen Sie nicht wissen, was ich herausgefunden habe?“ Nach einem Blick auf sein ausdrucksloses Gesicht hob Emma die Schultern. „Macht das einen Unterschied?“

„Nun, Sie könnten immerhin sagen, dass es Sie nicht interessiert. Haben Sie mir das nicht vorhin zu verstehen gegeben?“ Als sie nicht antwortete, lachte er leise, und Emma biss verärgert die Zähne zusammen. Er genoss es, Katz und Maus mit ihr zu spielen. Er war also auch noch ein Sadist!

„Kommen Sie endlich zur Sache“, sagte sie.

„Nun, Emma – Sie erlauben doch, dass ich Sie Emma nenne?“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, fuhr er fort: „Die Sache ist die: Ich kenne einige Leute aus Ihrem Metier. Von ihnen habe ich gehört, dass Sie in den letzten acht Monaten drei Angebote von hoch gestellten Persönlichkeiten abgelehnt haben. Offensichtlich wegen dieses Jobs. Da frage ich mich natürlich, warum Sie sich gegen Rom und Hongkong und für eine abgelegene Insel entschieden haben, wenn nicht noch etwas anderes dahintersteckt.“

Emma entspannte sich. Er wusste nichts. Sie hatte sich ganz unnötig aufgeregt.

„Da haben Sie’s“, sagte sie triumphierend, „wenn ich wirklich hinter Geld her wäre, hätte ich eines dieser Angebote angenommen.“

„Nun, Donald ist der älteste und der reichste von all diesen Leuten.“

Ein Blick in DeVeres durchdringende blaue Augen sagte ihr, dass er ihre geheimsten Gedanken zu erraten versuchte. Sein Ruf als cleverer Geschäftsmann kam offensichtlich nicht von ungefähr. Und obwohl sie wusste, dass sie für den Moment sicher war, entschloss sie sich, auch weiterhin vorsichtig zu sein.

„Das ist mir nicht aufgefallen“, erklärte sie wahrheitsgemäß. „Sie müssen wirklich ein sehr merkwürdiges Bild von Frauen haben, wenn Sie glauben, wir seien alle nur hinter Geld her.“

„Sind Sie immer so schlagfertig?“

Emma fand seine Worte beleidigend. Es stimmte, sie legte Wert darauf, ihre eigene Meinung zu vertreten, und hatte das nie als Charakterfehler empfunden. Conrad dagegen ließ sie deutlich spüren, dass er einen solchen Zug bei einer Frau nicht besonders anziehend fand. Umso besser, dass es mich nicht einen Deut kümmert, was er von mir denkt, dachte sie.

„Ist das Verhör damit beendet?“, erkundigte sie sich kalt. Conrad ignorierte ihre Frage. „Stört Sie die Einsamkeit hier nicht? Sie werden doch sicher das Nachtleben vermissen.“

„Ich lege keinen Wert auf Nachtleben, wenn Sie das meinen.“ Im Gegensatz zu dir, fügte sie im Stillen hinzu. Wenn man den Zeitungsartikeln glauben konnte, schlief Conrad DeVere niemals. Sie überhörte die innere Stimme, die ihr sagte, dass Klatschreporter es mit der Wahrheit nicht immer sehr genau nehmen. „Merkwürdig“, fuhr er sarkastisch fort. „Ich hätte eher gedacht, dass Ihnen sehr viel daran liegt. Schließlich sind Sie jung, attraktiv …“ Er schwieg und warf ihr aus seinen blauen Augen einen bedeutungsvollen Blick zu.

Emma war plötzlich alarmiert. Sie sah ihn an und wurde sich mit einem Mal seiner Männlichkeit deutlich bewusst. Das muss die Hitze sein, dachte sie.

„… und müde“, beendete sie seinen Satz eilig. „Wann sind wir endlich da?“ Ihr schien, als würden sie nur sehr langsam vorwärts kommen.

Die Autobahn war schon nach wenigen Meilen zu Ende gewesen, und nun folgten sie schmalen, kurvigen Straßen. Auf der einen Seite befanden sich dichte Wälder, auf der anderen konnte Emma in der Ferne das Meer erkennen.

„Hier gibt es nicht viel Ablenkung“, fuhr Conrad hartnäckig fort. „Werden Sie nicht die Theaterbesuche vermissen? Und bestimmt wartet in London ein junger Mann auf Sie.“

„Das geht Sie nichts an.“

„Ich habe Ihnen schon gesagt, dass alles an Ihnen mich etwas angeht.“ Seine Stimme klang seidenweich.

Emma antwortete nicht. Sie betrachtete die vorbeiziehende Landschaft und wünschte, der Mann neben ihr würde sich in Rauch auflösen.

Plötzlich verspürte sie das flaue Gefühl im Magen wieder. Sie konnte nicht mehr weit von Donald Jacksons Villa entfernt sein, obwohl es kaum Anzeichen von Zivilisation gab. Nur selten begegneten sie einem anderen Auto. Hin und wieder passierten sie ein Dorf, wo dunkelhäutige Kinder am Straßenrand spielten. Neben den Hütten scharrten Hühner im Staub, und in den Gärten gediehen Gemüse und Obst.

„Wir sind fast da.“ Conrads Stimme brachte Emma in die Wirklichkeit zurück.

„Gut“, log sie und wünschte sich, in London geblieben zu sein. Wenn Donald Jackson nun ein unangenehmer, mürrischer alter Mann war? Wäre es dann nicht besser gewesen, sie hätte ihn wie bisher aus der Ferne und durch eine rosa-rote Brille betrachtet? Die Wirklichkeit erwies sich oft als das genaue Gegenteil von dem, was man sich darunter vorstellte.

„Sie erwähnten doch vorhin eine Frau, die hinter Mr. Jacksons Geld her war. Erzählen Sie mir mehr darüber.“ Emma hätte am liebsten gar nicht mit Conrad geredet, doch es zu tun, war immer noch besser, als ihren beunruhigenden Gedanken nachzuhängen.

„Sind Sie etwa nervös?“

„Nein.“ Emma sah ihn wütend an. Dieser Mann schien zu allem anderen Übel auch noch Gedanken lesen zu können. „Ich wollte nur höflich sein. Aber wenn Ihnen das zu viel ist …“

Conrad lächelte, und zum ersten Mal spürte Emma etwas von dem Scharm, den die Zeitungsleute ihm zuschrieben. Plötzlich wurde ihr warm ums Herz, ohne dass sie den Grund dafür kannte. „Lisa St. Clair. Haben Sie von ihr gehört?“

Emma schüttelte den Kopf.

„Natürlich nicht. Die Zeitungsleute kamen nie hinter die wahre Geschichte. Es ist schon einige Jahre her. Sie wurde Donald als ausgezeichnete Krankenschwester empfohlen – eine sehr schöne Krankenschwester, und sie hatte weitaus mehr im Sinn, als ihn nur zu pflegen. Ich war damals noch sehr jung, doch mein Vater erzählte mir davon. Anscheinend hatte diese Dame einen Komplizen, einen Tunichtgut, den sie wohlweislich im Hintergrund hielt. Doch sie wurden zusammen in einem Hotel in Trinidad gesehen, und als Donald es erfuhr, war er nicht begeistert.“

„Das kann ich mir vorstellen. Nach allem, was ich in den Zeitungen über ihn gelesen habe, hätte ich nicht gedacht, dass er auf so etwas hereinfallen würde“, überlegte Emma laut. „Aber wahrscheinlich haben auch Industriebosse ihre wunden Punkte.“ Beunruhigt fragte sie sich, warum sie auf Conrads Worte auf eine für sie so untypische Art reagierte. Anscheinend hatten die Strapazen der Reise sie doch ziemlich mitgenommen. Anders jedenfalls konnte sie sich ihre nachlassende Selbstbeherrschung nicht erklären.

„Es ging ihm damals nicht besonders gut“, fuhr Conrad fort. „Zu der Zeit war ich noch ein Kind, aber ich erinnere mich, dass seine Tochter kurz vorher mit irgendeinem Mann von zu Hause fortgelaufen war.“

Zum Glück konzentrierte Conrad sich auf die Straße und bemerkte nicht, dass Emma kreidebleich geworden war.

„Was wissen Sie darüber?“, fragte sie so ruhig wie möglich. „Sehen Sie, ich möchte Donald, so gut es geht, kennenlernen, aus jedem nur möglichen Blickwinkel. Ich finde das sehr wichtig für meine Arbeit.“

Das klang plausibel. Trotzdem entschied sich Emma, lieber nicht ausführlicher nach den Gründen zu fragen, warum Caroline Jackson von zu Hause weggegangen war. Sie wollte Conrads Neugier nicht unnötig wecken.

Er zuckte die Schultern. „Es gibt nicht viel mehr zu erzählen. Sie verschwand, und wir hörten nie wieder etwas von ihr.“

Emma schwieg einen Moment, bevor sie fragte: „Warum hat Donald sie nie zu finden versucht?“

„Woher wissen Sie, dass er es nicht getan hat?“ Conrad betrachtete sie kurz und kniff dann die Augen zusammen.

„Eine reine Annahme“, erwiderte Emma hastig. „Wenn er es versucht hätte, wären sie doch bestimmt in Kontakt, nicht wahr?“

Sie ließ es nicht wie eine Frage, sondern wie eine Feststellung klingen und das Thema lieber fallen. Conrad war misstrauisch genug, um den leisesten Anflug von Interesse zu erkennen, und das war das letzte, was sie jetzt brauchte.

Schließlich bogen sie von der Hauptstraße auf einen schmalen Weg ab. Hier war das wuchernde Unterholz beschnitten und in eine gewisse Ordnung gestutzt worden. Emmas nervöse Anspannung stieg, als sie die große Villa vor sich sah.

Das ausgedehnte, prachtvolle Haus lag am Ende einer imposanten Auffahrt inmitten des schönsten Gartens, den Emma je gesehen hatte. Sorgfältig gemähte Rasenflächen wurden von allen Arten tropischer Bäume und Sträucher gesäumt, von bunten Bougainvilleas bis hin zu hohen Hibiskusbüschen, die ihre roten Blüten der Sonne entgegenstreckten. Der Anblick war atemberaubend. Keines der Fotos, die sie davon gesehen hatte, kam der Wirklichkeit auch nur annähernd nah.

Jetzt bin ich also endlich hier, dachte sie verwundert. Die Gegenwart begegnet der Zukunft.

Mit zitternden Händen versuchte sie, die Wagentür zu öffnen, doch dann wurde ihr bewusst, dass Conrad sie neugierig beobachtete.

„Er beißt nicht.“

„Wie bitte?“ Emma blinzelte nervös.

„Donald. Er beißt nicht. Oder sind Sie jedes Mal so nervös, wenn Sie eine neue Stelle antreten?“

Emma war der Mund wie ausgedörrt, und sie brachte nur ein schwaches „Ja“ hervor.

Conrad betrachtete sie nachdenklich, sagte aber nichts. Er trug ihre Koffer und Taschen bis an die Eingangstür, wo er freundlich mit der untersetzten Einheimischen plauderte, die ihm geöffnet hatte.

Wenig später folgte Emma ihm ins Haus. Ihre Handflächen fühlten sich feucht an. Sie hätte nie hierher kommen dürfen – es gab eben Dinge im Leben, die man besser ruhen lassen sollte. Wie durch Watte hörte sie den singenden Tonfall der schwarzen Haushälterin, Conrads tiefe Stimme und das Ticken einer Standuhr. Sie schrak zusammen, als er sich erkundigte, ob sie zuerst Donald begrüßen oder lieber ein Bad nehmen wolle.

„Ich möchte erst Donald sehen“, brachte sie hervor, nahm sich dann zusammen und wandte sich Conrad zu. „Sie brauchen mich nicht zu begleiten“, sagte sie höflich zu Conrad. „Wenn Sie mir den Weg erklären, finde ich schon allein hin.“

„Daran zweifle ich nicht“, erwiderte er sanft, ging aber dennoch weiter neben ihr her. Emma blieb stehen. „Warum wollen Sie unbedingt mitkommen?“

„Weil ich dabei sein will, wenn Sie Donald kennenlernen“,

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